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//// 28. NOVEMBER 2010 //// DIEPRESSE.COM

Schönheit seiner Stadt, dem Innova- man aufs Ganze. Korea ist kein Land das der Revitalisierung des Han-Flus-
tionsgeist und der Kreativität ihrer Be- der Lauen, die Devise lautet ,Ganz oder IN ZAHLEN ses gewidmet ist. Das Projekt ist der
wohner. Er preist Seoul als Design-Me- gar nicht‘. Beispiel: Wenn die Men- ganze Stolz von Premier Lee My-
tropole an, spricht von Green-Growth, schen wandern gehen, dann kleiden ung-bak, der dieses Umweltprojekt als
dem „grünen Wachstum“ mithilfe von
Umwelttechnologien.
Kritische Geister bezweifeln aber,
sie sich wie für eine Everest-Expedi-
tion. Man bereitet sich optimal vor und
überlässt nichts dem Zufall. Korea ist
50 Bürgermeister von Seoul begann. Eine
Stadtautobahn wurde abgerissen, er-
zählt Hyejin, ein dreckiger Abwasser-
Südkorea: Seoul, Stadt mit ob man Kreativität verordnen kann, ob ein Land der Perfektionisten.“
Millionen Einwohner
hat Südkorea. kanal wurde zu einem netten, saube-
die Ausrufung zur Design-Metropole Wie lebt es sich in einer Stadt, auf ren Flüsschen umgebaut, das sich zu
Seele, bevölkert von hart genügt, um bei den jungen Bohémiens die, kaum 40 Kilometer entfernt, tau- einem Naherholungsgebiet gemausert
arbeitenden Hedonisten,
die glauben, dass Kreativität
ein Feuerwerk an Ideen zu entzünden.
Immerhin: Samsung beschäftigt De-
sign-Studios in London und Mailand,
sende Geschützrohre des unberechen-
baren Nachbarn im Norden gerichtet
sind? Jiwon Lee (28), der an der „Han-
700 hat. Den Menschen sei nun bewusst,
wie wichtig eine saubere Umwelt sei.
Das Land hat sich in den vergange-
Tausend Mitglieder
und Hyundai lässt in der Opel-Stadt kuk University of Foreign Studies“ stu- nen Jahren geöffnet. Die Studentin Oh
trainierbar ist. Jeder genießt Rüsselsheim entwickeln – hat Europa diert, sagt: „Wir leben in einer Konflikt-
umfassen die Streit-
kräfte des Landes. Soo Yeoun erzählt, dass sie staune, wie
vielleicht doch seine Stärken? zone. Aber die Atmosphäre wird von viele Ausländer es heute hier gibt.
die Öffnung des einst Gleichgültigkeit bestimmt. Die ältere 220.000 sollen es alleine in Seoul sein.
verschlossenen Landes.
 VON THOMAS SEIFERT
Hartes Training für Pop-Divas. Der Er-
folg von K-Pop liegt, so Vizekulturmi-
nister Mo Chul Min bei einem Dinner
Generation hat vielleicht noch von
Wiedervereinigung geträumt, bei den
Jungen ist das anders.“ Die junge Ge-
26 Und während früher eine Liaison zwi-
schen einer Südkoreanerin und einem
Europäer oder Amerikaner verpönt war,
ist der Rang des
im Nobelrestaurant Samcheonggak mit neration blicke nach Japan und China, sehe man heute immer mehr gemisch-

38° Nord: Stalinismus gegen Hi-Tech


Landes im Ent-
Journalisten, nicht zuletzt am harten auf die USA und Europa und weniger wicklungsindex der te Paare. Es gebe auch viele Hochzeiten

I
m Seouler Studentenbezirk Hong- Gesangs- und Choreografie-Training. auf die isolierten und rückständigen Vereinten Nationen. zwischen Südkoreanern und Frauen
dae geht es himmlisch zu: Weiße So sei es gelungen, den japanischen Brüder und Schwestern im Norden. aus Südostasien. Die abweisende Hal-
Engel lassen aus Papier und Alu- Markt zu erobern, wird Hong tung gegenüber Fremden sei Resultat
folie gestanzte Schneeflocken auf
die Tanzfläche rieseln und tanzen wie
auf Wolke sieben. Wodka statt Manna,
Seung-sung, Chef des Musiklabels „Cu-
be Entertainment“, in der Zeitung „Ko-
rea Joongang Daily“ zitiert: „Die Japa-
Endlich zählt auch die Umwelt. Das
Land steht vor dem nächsten Entwick-
lungsschritt: von der Industrie- zur
2256
Stunden arbeiten Süd-
einer gewissen „Einschüchterung“ ge-
wesen, sagt Oh Soo Yeoun. Die sei nun
Neugierde und Offenheit gewichen.
wummernde Bässe statt Harfenklänge ner können sich kaum vorstellen, wie postindustriellen Gesellschaft, von koreaner im Jahr. Oh Soo Yeoun hat wohl recht: Eng-
und wunderschöne Körper statt durch- wir unsere Künstler täglich zwölf Stun- halsbrecherischem zu nachhaltigem Damit liegt Südkorea lischlernen gehört mittlerweile zum
geistigter Gestalten lautet die Devise. den trainieren können.“ Doch langsam Wachstum. Die junge Englischlehrerin auf Platz zwei der guten Ton, und südkoreanische Tou-
Dabei hatte Südkoreas Hauptstadt entwickelt sich auch ein spannender Cho Hyejin führt durch ein Museum, Statistik der OECD. ristengruppen entdecken heute zu
lange keinen guten Ruf: Eine urbaner Underground: Korea ist das Land, wo zehntausenden die Welt.
Betondschungel sei die Stadt. Seoul, sich Einflüsse aus China und Japan mit
eine Stadt ohne Seele. Doch das ist US-Trends mischen. Immerhin gibt es AKTUELL Grassierende Internetsucht. Während
passé: Die junge Generation ist selbst- seit dem Koreakrieg (1950-53) und der Nordkorea unterdessen einer der we-
bewusst, und das Land weiß um seine Stationierung von US-Soldaten im nigen weißen Flecken auf der Internet-
Soft-Power-Qualitäten. „Hallyu“, die Land ein Netz an Armeesendern, die SÜDKOREA WILL VERGELTUNG Landkarte ist, ist Südkorea wirklich
Korea-Welle, ist über ganz Asien ge- das Volk mit den Trends aus Amerika „fully wired“. 80,6 Prozent der Bürger
schwappt, koreanischer Pop (K-Pop), vertraut machten. Der Chef von Südkoreas Marineinfanterie, Yoo Nak Joon, von Seoul sind ans Internet ange-
koreanisches Kino und Seifenopern Südkorea hat es durch harte Arbeit kündigte bei einer Trauerfeier für die zwei beim Beschuss der schlossen, es gibt kaum noch Behör-
begeistern die Menschen von Japan geschafft, aus den Trümmern des Krie- Insel Yongpyong getöteten Marines am Samstag „tausend- denwege, die sich nicht elektronisch
über China bis Chile. Der Stolz der Na- ges zur Weltspitze aufzusteigen. Mit fache“ Vergeltung an; man werde ihren Tod rächen. Aus dem bewältigen lassen. Und Südkorea ist
tion speist sich aus dem Wissen, jahr- Hyundai, LG oder Samsung hat es Verteidigungsministerium hieß es, man werde zurückschlagen. eines der wenigen Länder, wo Compu-
hundertelang den Imperien Japan, Marken, die heute die japanischen ter-Gaming als Zuschauersport zele-
China und Russland getrotzt und die Konkurrenten Toyota, Panasonic oder Nordkorea äußerte erstmals sein Bedauern über die zwei briert wird. Das Phänomen heißt
eigene Kultur bewahrt zu haben. Sony bedrängen. Der frühere „Wa- beim Beschuss getöteten Zivilisten. Der Vorgang ist „E-Sports“ und zieht Hunderttausende
Seouls Bürgermeister Oh Se-hoon shington Post“-Reporter Frank Ahrens ungewöhnlich; allerdings warf der Norden Südkorea vor, in den Bann.
schwelgt bei einem Abendempfang im ist heute Direktor der PR-Abteilung des Zivilisten als menschliche Schutzschilde einzusetzen. Ob über all das die jungen Men-
Restaurant Fradia im Hangang Park, Autokonzerns Hyundai und bewundert schen im nahen Nordkorea Bescheid
direkt am gleichnamigen Fluss, von der die koreanische Mentalität: „Hier geht wissen?

korea zu reisen. In einigen Fällen, wie gern; sie sind als Zeichen einer Diktatur Grau gegen Bunt. Behörden und eines für Privatleute. Die
beim ersten Besuch im April 2002, hat- zu sehen, die um ihr Überleben kämpft. Stadtansichten aus Netze sind streng voneinander ge-
ten die Behörden Journalisten eingela- Die Begleiter ausländischer Besucher Pjöngjang bzw. trennt; ein Ausländer kann zum Bei-

science communications
den. Sie versprachen sich einen Werbe- sind häufig charmant und zugleich sehr Seoul. spiel keinen örtlichen Privatanschluss
 Corbis, Picturedesk
effekt für ihr Land und für den dort ex- vorsichtig, sich nicht selbst durch un- anwählen.
trem unterentwickelten Tourismus, bedachte Äußerungen in Gefahr zu „Ich kann mich mit koreanischen „Wir zeigen das kulturelle Erbe
denn in jenem Jahr fand die Fußball- bringen. Bekannten oder Projektpartnern nur
Nordkorea: Der 38. WM in Südkorea statt. Als Konkurrenz Wieweit sie von dem, was sie uns treffen, wenn ich an einer öffentlichen und die heutige Vielfalt der
dazu organisierte der Norden die „Ari- Journalisten berichten, selbst über- Veranstaltung teilnehme“, berichtete
Breitengrad trennt ein Land rang“-Massengymnastik-Show mit zeugt sind, ist schwer zu beurteilen. mir die Mitarbeiterin eines europäi- jüdischen Kultur. Die Wiener
im Steinzeitkommunismus mehr als 100.000 Teilnehmern im „1. Eine Reise nach Nordkorea kann daher schen Hilfswerkes. Dafür ging sie zu
Zeitung ist uns dabei ein Partner.“
Mai-Stadion“ von Pjöngjang. Die Funk- immer nur einen Zipfel einer überaus Tanzabenden auf dem Kim-Il-sung-
von einem der tionäre glaubten ernsthaft, dass ihr komplizierten Realität enthüllen. Platz, in eines der örtlichen Badehäuser
Synchronturnen mindestens ebenso at- Die Handys einzusammeln zum oder zur Party von Diplomaten. Erst das Dr. Danielle Spera, Direktorin
modernsten Staaten der traktiv sein würde wie die Fußball-WM. Beispiel scheint auf den ersten Blick neue Orascom-Handy erlaubte es ihr,
Welt. Willkommen in einer In anderen Fällen begleitete ich eine überflüssige Aktion, da Besucher Mitarbeiter außerhalb von Pjöngjang Jüdisches Museum Wien
Parlamentarier und andere Reisegrup- in Pjöngjang und Umgebung ohnehin anzurufen.
Welt der Gegensätze. pen, zuletzt heuer im Mai. Zu dieser kein Signal mit ihren Geräten empfan-
Zeit herrschten große Spannungen auf gen können. Doch Nordkoreaner han- Ein Museum für Staatsgeschenke. Aus-
 VON JUTTA LIETSCH der Halbinsel, nachdem die Nordko- deln illegal mit Mobiltelefonen und ländische Journalisten dürfen Pjöng-
reaner beschuldigt wurden, die südko- chinesischen SIM-Karten. Sie werden jang – die Stadt hat etwa vier Millionen
reanische Korvette „Cheonan“ mit heimlich im koreanisch-chinesischen Bewohner – zuweilen verlassen, es sind

W
er gab den Befehl, wer ist einem Torpedo versenkt zu haben. Grenzgebiet benutzt, da auf der chine- aber nur wenige Ziele erlaubt. Dazu ge-
Schuld am Tod der vier Jeder Nordkoreaner, den wir in die- sischen Seite starke Mobilfunksender IN ZAHLEN hören vor allem die Demarkationslinie
Südkoreaner, die vorigen sen Tagen trafen, schwor Stein und weit nach Nordkorea hinüberstrahlen. am 38. Breitengrad, der Korea sauber in
Dienstag auf der kleinen Bein, dass dieser Vorwurf völlig unge- zwei Hälften trennt, und das Museum
Insel Yeonpyeong unter dem Artillerie-
feuer aus Nordkorea ihr Leben verlo-
ren? Warum gerade jetzt? Und sind
rechtfertigt sei. „Wir wollen nichts an-
deres als Frieden und Wohlstand“, hieß
es immer wieder. Wer kein koreanisch
Sensation! Mobiltelefone! So verbreiten
sich auch Informationen, die das Re-
gime eigentlich unterdrücken will.
24
Millionen Einwohner
für Staatsgeschenke. Beide Orte habe
ich oft genießen können. Als ich indes
einmal in die Industriezone Kaesong an
nordkoreanische Zivilisten und Solda- spricht, ist auf die Hilfe von Überset- Während meines letzten Besuches er- hat Nordkorea. der Grenze zu Südkorea fahren durfte,
ten verletzt oder getötet worden, als zern angewiesen. Unsere Begleiter lebte ich eine kleine Sensation: Mittler- musste einer meiner örtlichen Begleiter
Südkoreas Armee zurückschoss? wachten mit Argusaugen darüber, dass weile dürfen die Anwohner von Pjöng- zurückbleiben, weil er, wie er sagte,
Wie gerne wären wir Pekinger
Journalisten in der vergangenen Woche
nach Nordkorea gereist, um eine Ant-
wir nicht unbeaufsichtigt durch die
Straßen wanderten und unbeobachtet
mit Passanten sprachen.
jang ganz legal Mobiltelefone kaufen.
Sie werden von der ägyptischen Firma
Orascom vertrieben, kosten je etwa 250
1,2
Millionen Soldaten
„nicht den richtigen Ausweis dafür“ be-
saß.
Dass Nordkoreas Wirklichkeit sur-
wort auf diese Frage zu finden. Aber an- Dollar und sind damit eigentlich uner- zählen die Streitkräfte. realer als die wildeste Fantasie sein
ders als der demokratische, offene Sü- Das Programm steht eisern fest. Tags- schwinglich. Ein normaler Nordkorea- kann, erfuhr ich schon bei meinem ers-
den lässt der kryptostalinistische Nor-
den selten fremde Korrespondenten ins
Land. Nur eine Handvoll ausländischer
über bieten die Gastgeber ein festes
Programm, von dem nicht abgewichen
werden darf. Dazu gehört das als Hei-
ner müsste jahrelang arbeiten, um sich
eines leisten zu können.
Und doch sah ich in der Haupt-
1,18
Millionen Telefone
ten Besuch 2002. Alle Gesprächspartner
– Diplomaten, Mitarbeiter von Hilfsor-
ganisation und einheimische Betreuer
Medien ist permanent in der Haupt- ligtum verehrte Geburtshaus des Staats- stadt nicht wenige Menschen mit Han- gibt es in Nordkorea. – hatten erklärt, dass es in Pjöngjang
stadt Pjöngjang vertreten, darunter die gründers Kim Il-sung in einem Park am dy am Ohr. Für uns Außenstehende keinen Internetzugang ins Ausland
staatliche chinesische Agentur Xinhua Rande der Hauptstadt sowie der Juche- bleibt nur der Schluss: Es existiert eine gebe – „außer vielleicht beim Militär
sowie die russische Nachrichtenagen-
tur „Interfax“.
Die anderen sitzen vor der Tür der
Turm am Ostufer des Taedong-Flusses,
der nach der Staatsphilosophie „Juche“
(Eigenständigkeit) benannt wurde. Stets
gewaltige Schattenwirtschaft, die einige
Nordkoreaner zu Geld kommen lässt.
Und die können sich dann auch aus
3
Internet-Server hat
und in der Regierungsspitze“.
In der „Großen Studienhalle des
Volkes“, der gewaltigen Bibliothek und
Die Türken in Wien
„Demokratischen Volksrepublik Korea“
(DPRK), wie Nordkorea offiziell heißt.
sammeln die Beamten am Flughafen
von Pjöngjang Handys und Satellitente-
Australien importierte Äpfel oder Man-
gos aus China leisten, die auf privaten
das Land (Österreich:
ca. 3,3 Millionen). Nur
Volkshochschule im Zentrum Pjöng-
jangs, können Besucher inzwischen
Mehr als 800 Seiten Kunst und Kultur im Jahr. Ich lade Sie herzlich zu unserer spannenden
Wir müssen uns damit begnügen, chi- lefone der Ankömmlinge ein, um sie Märkten angeboten werden. Somalia und einige
Pazifikinseln sind noch
nicht mehr nur in Karteikästen, son- Mit Hintergrund, Analyse und Meinung. Ausstellung „Die Türken in Wien“ ein, die sich
nesische und internationale Experten erst bei der Ausreise zurückzugeben. Gleichwohl ist die Kommunikation dern auch per Computer nach Büchern mit den Sefarden und ihrer Verbundenheit
zu befragen und uns einen Reim auf die Einmal untersuchten sie meinen Lap- schwierig. Es gibt in Pjöngjang mindes-
weniger „connected“.
und Dokumenten suchen. Allerdings ist Darum lese ich die Wiener Zeitung. mit Wien befasst. Geöffnet bis 09. 01. 2011.
Propaganda der amtlichen Nachrich- top nach versteckten SIM-Karten und tens drei Telefonnetze. Eines ist für Im UN-Entwicklungs- das nur ein Intranet, eine Verbindung
tenagentur KCNA zu machen. Gleich- anderen Sendern. ausländische Bewohner der Hauptstadt index scheint Nord- nach außen existiert nicht. Ob sie wis- www.wienerzeitung.at | www.wienerzeitung.at/epaper
wohl ist es mir in den vergangenen acht Inzwischen weiß ich, dass es nichts reserviert, die sich nur untereinander korea übrigens gar sen, warum ihre Armee Südkorea der-
Jahren mehrfach geglückt, nach Nord- nutzt, sich über solche Aktionen zu är- anrufen können, ein weiteres für die nicht auf. zeit wieder einmal bedroht?