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Den Haager Europol-Zentrum

zur Bekämpfung von Cybercrime

crime hinterlassen die Täter keinen Finger-

„Der Bankraub stirbt aus“ abdruck und auch keine Hebelspur am


Fenster. Was wir gemeinsam entwickeln
müssen, ist eine Kriminalistik 4.0, den di-
Polizei Hacker attackieren das Weiße Haus, Terroristen nutzen das gitalen Fahnder, der mit völlig neuen In-
strumenten und neuen Rechtsgrundlagen
Internet – der neue Interpol-Chef Jürgen Stock über den schwierigen im Netz auf Verbrecherjagd geht. Es ist
Kampf seiner Behörde gegen Computerkriminalität. eine zentrale Aufgabe von Interpol, die
Mitgliedsländer dabei zu unterstützen.
SPIEGEL: Herr Stock, kürzlich wurde der über Dutzende hintereinandergeschaltete SPIEGEL: Sie werden in diesem Monat in
wohl größte Bankraub aller Zeiten bekannt. Server verwischen. Die Werkzeuge dafür Singapur ein neues Zentrum eröffnen, das
Eine Hackergruppe namens Carbanak soll kann man sich ohne großes Fachwissen im sich vorrangig mit Cybercrime beschäfti-
weltweit bei Dutzenden Banken Hunderte Netz für kleines Geld herunterladen. Die gen soll. Was erhoffen Sie sich davon?
Millionen Dollar gestohlen haben, indem Wahrscheinlichkeit, beim Cybercrime ge- Stock: Wir wollen dort – in einem innova-
sie Überweisungen auf Scheinkonten um- schnappt zu werden, ist viel geringer als bei tiven Umfeld – mit Wirtschaft und Wis-
geleitet und Geldautomaten manipuliert klassischem Diebstahl oder Betrug. Deshalb senschaft Werkzeuge für den Kampf gegen
hat. Bis heute sind die Täter unbekannt. wage ich die Prognose, dass der klassische Internetkriminalität entwickeln, die dann
Das klingt wie ein perfektes Verbrechen. Bankraub aussterben wird. von unseren Mitgliedsländern genutzt wer-
Stock: An das perfekte Verbrechen glaube SPIEGEL: Was sind die häufigsten Taten im den können. Strafverfolgungsbehörden
ich nicht. Aber es gibt im Netz bessere weltweiten Web? müssen beispielsweise riesige Datenmen-
Möglichkeiten, sich der Strafverfolgung zu Stock: Hackerangriffe auf Unternehmen, gen durchsuchen und sie anschließend ge-
entziehen, als bei klassischen Straftaten. das Abgreifen von Bank- oder Kredit- richtssicher aufbereiten können. Wir müs-
Die Gefahren, die von der Kriminalität im kartendaten und natürlich Identitätsdieb- sen verschleierte Identitäten und illegales
Internet ausgehen, werden immer noch stähle. Mit einem Angriff können Millio- Verschieben von digitalen Währungen im
dramatisch unterschätzt. nen persönlicher Daten erbeutet werden. Web enttarnen können. In Singapur wol-
SPIEGEL: Warum eigentlich? Aber auch Angriffe auf die kritischen In- len wir unsere internationalen Datenban-
Stock: Viele Computernutzer merken gar frastrukturen moderner vernetzter Gesell- ken ausbauen und eine sichere Kommuni-
nicht, dass sie Opfer eines Internetangriffs schaften stellen ein erhebliches Risiko dar. kationsplattform für den Austausch von
geworden sind. Zahlreiche Unternehmen SPIEGEL: Was kann die Polizei dem entge- Informationen schaffen. Und wir wollen
teilen den Strafverfolgungsbehörden eine gensetzen? Mitarbeitern von Sicherheitsbehörden auf
Attacke nicht mit, weil sie Angst vor Image- Stock: Nicht die klassische Polizeiarbeit, der ganzen Welt qualifizierte Fortbildun-
schäden haben. Die Zahl der Anzeigen beim wie ich sie noch gelernt habe; beim Cyber- gen anbieten. Der Bedarf dafür ist riesig.
Cybercrime ist nur die berühmte Spitze des
Eisbergs. Die wahre Zahl dürfte um ein Zig-
faches höher sein – und weiter steigen. Auch Stock, 55, ist seit November Generalsekre-
weil die Tatgelegenheiten mehr werden, je tär der internationalen Kriminalpolizeiorga-
mehr Firmen ihr Geschäft über das Internet nisation Interpol in Lyon, der erste Deut-
abwickeln oder mit dem Internet arbeiten. sche in diesem Amt. Der Jurist war zehn
FOTOS: ACTION PRESS (O.); ALEXA BRUNET / DER SPIEGEL (U.)

SPIEGEL: Zunehmend verlagert sich die Jahre lang Vizepräsident des Bundeskrimi-
klassische Kriminalität wie Drogenhandel, nalamts und löste den US-Amerikaner Ro-
Geldwäsche, Betrug ins Netz. Was macht nald Noble ab, der für 15 Jahre an der In-
das Internet für Verbrecher so attraktiv? terpol-Spitze gestanden hatte. 190 Länder
Stock: Inzwischen kommen fast alle Straf- gehören der Organisation an. Interpol-Fahn-
taten, die das Strafgesetzbuch kennt, auch der ermitteln nicht selbst vor Ort, sondern
im Internet vor. Was für uns Ermittler die verstehen sich als weltweite Sammel-
Sache so schwierig macht: Den klassischen und Informationsstelle für die nationalen
Kriminellen konnte man am Tatort festneh- Polizeibehörden der Mitgliedsländer. Der
men. Heute werden Verbrechen per Maus- Jahresetat beträgt etwa 78 Millionen Euro,
klick verübt, der Täter sitzt am anderen die Behörde finanziert sich vor allem aus
Ende der Welt. Täter können in geschützten Mitgliedsbeiträgen. Bei Interpol arbeiten
Netzwerken kommunizieren, ihre Spuren rund 800 Mitarbeiter aus 100 Nationen.

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Deutschland

SPIEGEL: Beim Cybercrime kommt es vor, Stock: Es gibt Terrorstrukturen, die zur
dass das Opfer in Deutschland sitzt, der Tä- Finanzierung alles nutzen, was Erlöse er-
ter in Osteuropa, der Server steht in Asien. zielt, etwa Drogenhandel, Erpressung,
Wie unterstützt Interpol die Ermittlungen? Kunstraub, Entführung. Terrorgruppen
Stock: Unser Job ist es, die entsprechenden nutzen auch kriminelle Organisationen,
Polizeibehörden so schnell wie möglich etwa um in den Besitz gefälschter Doku-
zusammenzuschalten und die Ermittlun- mente zu gelangen. Wir müssen die Ver-
gen durch unsere eigenen IT-Experten zu bindungen zwischen Terrorismus und or-
unterstützen. So haben wir, auch in spek- ganisierter Kriminalität im Auge behalten.
takulären Hackingfällen, in der Vergan- SPIEGEL: Hat sich die Bedrohung für Europa
genheit Erfolge erzielt. Das wirkt abschre- nach den Anschlägen von Paris und Tunis
ckend auf potenzielle Täter. verschärft?
SPIEGEL: Erst vor ein paar Tagen wurde ein Stock: Ich sehe eine deutliche Verschlech-
mutmaßlicher Hackerangriff auf das Weiße terung der Sicherheitslage. Wir müssen
Haus in Washington bekannt. Sind die Ver- uns auf ein dauerhaft hohes Bedrohungs-
brecher Ihnen nicht immer einen Schritt potenzial einstellen. Nach wie vor etwa
voraus? verzeichnet der sogenannte „Islamische
Stock: Inzwischen kann man Cybercrime- Staat“ Zulauf, und zwar weltweit. Es gibt
Aktivitäten im Netz als Dienstleistung ein- nach neuesten Erkenntnissen jetzt über
kaufen. Wir haben es nicht mehr mit puber- 25 000 Kämpfer aus mehr als hundert Staa-
tierenden Nerds zu tun, sondern mit hoch ten, aus Deutschland sind etwa 650 in die
qualifizierter organisierter Kriminalität. Mit Kriegsgebiete gezogen. Wir haben allein
Menschen, die sich in losen Netzwerken zu- 1700 Kämpfer in unserer Datenbank und
sammentun, um arbeitsteilig Verbrechen zu keinen Anlass anzunehmen, dass die Lage
begehen. Anschließend lösen sich die Netz- sich entspannt. Sie ist zudem komplexer
werke wieder auf, ohne dass die Täter sich geworden als nach den Anschlägen in New
je begegnet sind. Das macht die Ermittlun- York und Washington 2001.
gen schwierig – aber nicht aussichtslos. SPIEGEL: Warum?
SPIEGEL: Sind Sie eigentlich neidisch auf Stock: Damals hatten wir es mit klaren
den US-Geheimdienst NSA? Der hat all Kommandostrukturen wie al-Qaida zu
jene technischen Möglichkeiten, das Netz tun. Die gibt es heute immer noch, aber
und seine Benutzer auszuspähen, die In- dazu kommen weitere wie der „Islamische
terpol offenbar fehlen. Staat“, Boko Haram, al-Shabab sowie un-
Stock: Wir leben als Polizei in einer ande- abhängige Gruppen in einer zunehmenden
ren Welt als die Geheimdienste. Bei uns Zahl von Krisengebieten – und natürlich
gibt es klare rechtliche Regeln. Unsere Be- die selbst radikalisierten Einzeltäter. All
weise müssen später vor Gericht präsen- das können Behörden ungleich schwerer
tiert werden können – deshalb sind die erfassen. Das macht es gefährlicher.
Methoden der NSA für uns kein Thema. SPIEGEL: Der Vormarsch der Terroristen
Und Interpol hat ohnehin keine Exekutiv- führt dazu, dass mehr Menschen aus den
befugnisse, kann also nirgendwo Über- betroffenen Ländern fliehen.
wachungsmaßnahmen selbst durchführen. Stock: Der Flüchtlingsstrom insbesondere
SPIEGEL: In den vergangenen 15 Jahren war aus dem Nahen Osten und aus Afrika hat
Ihre Organisation amerikanisch geprägt. sich zu einem brutalen Geschäftsmodell
Was wollen Sie anders machen? entwickelt. Die Erlöse sind enorm, pro
Stock: Mein Vorgänger, wenn Sie dies mei- Schleusung werden 10 000 Dollar und mehr
nen, war sehr erfolgreich. Er hat Interpol verlangt. Einzelne Gruppen haben zwei-
von einer reinen Datenaustauschbehörde stellige Millionenbeträge erlöst. Die euro-
zu einer modernen Polizeibehörde ent- päische Polizeibehörde Europol und Inter-
wickelt. Mein Hauptmandat besteht darin, pol koordinieren internationale Operatio-
dass wir die Dienstleistungen für die na- nen gegen derartige Banden.
tionalen Polizeibehörden weiter verstär- SPIEGEL: Schleppergruppen haben ganze
ken. Inhaltlich steht neben der Internet- Frachtschiffe mit Menschen beladen und
kriminalität der weltweite Terrorismus im nach Europa geschickt.
Mittelpunkt unserer Arbeit. Wir müssen Stock: Auch hier spielt das Internet eine
unsere zentralen Datenbanken zur inter- große Rolle. Ohne eine professionelle Lo-
nationalen Fahndung perfektionieren. In- gistik wäre die Bewegung so großer Men-
formation ist die zentrale kriminalpolizei- schenmengen nicht möglich. Dass Tausen-
liche Ressource. Sie muss zur rechten Zeit de Flüchtlinge auf diesen Routen sterben,
beim richtigen Ermittler an der richtigen zeigt die Skrupellosigkeit, mit der die Täter
Stelle sein, zum Beispiel an einem Grenz- ans Werk gehen.
übergang. Interpol ist die einzige Polizei- Interview: Jörg Schmitt, Andreas Ulrich
organisation, die dies weltweit ermöglicht.
SPIEGEL: Früher finanzierten sich Terroris- Animation: Was macht
ten mit Banküberfällen. Nutzen die heuti- Interpol?
gen, global agierenden Terroristen Verbin- spiegel.de/sp162015interpol
dungen zur organisierten Kriminalität? oder in der App DER SPIEGEL

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