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Dokumentation

Akkreditierungsverfahren im Rahmen der


Fußball-WM 2006
Unabhängiges Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein

Abgedruckt wird eine gekürzte Fassung Die Datenschutzbeauftragten des Bundes mittelt. Eine Weitergabe der „Einwilli-
der Stellungnahme des Unabhängigen und der Länder haben frühzeitig auf die gungserklärungen” im Original an die Si-
Defizite des Akkreditierungsverfahrens und cherheitsbehörden ist nicht vorgesehen.
Landeszentrums für Datenschutz
auch des Ticketing-Verfahrens hingewiesen. Eine elektronische Authentifizierung erfolgt
Schleswig-Holstein (ULD), die es ge- Die Veranstalter und Sicherheitsbehörden nicht.
genüber dem Landtag Schleswig- waren jedoch nicht zu grundlegenden Ver- Das Gesamtvotum der Sicherheitsbehör-
Holstein mit Schreiben vom 06.12.2005 änderungen des Verfahrens bereit, sondern den leitet das BKA nicht an den Betroffenen
zum Akkreditierungsverfahren (Zuver- haben sich auf die Erweiterung einer „Da- (!), sondern an das Organisationskomitee
tenschutzinformation” beschränkt. Die weiter. Das Organisationskomitee übermit-
lässigkeitsprüfung durch Polizei und
Information über die Beteiligung der Ver- telt seine Entscheidung ebenfalls nicht
Nachrichtendienste des Bundes und der fassungsschutzbehörden wurde den Daten- notwendig den Betroffenen selbst, sondern
Länder) im Zusammenhang mit der schutzbeauftragten bis September 2005 bei Sammelakkreditierungen dem jeweili-
Fußball-Weltmeisterschaft 2006 abge- vorenthalten. gen Arbeitgeber (!) des Betroffenen. Die
geben hat. Betroffenen sollen also in eine Zuverlässig-
keitsüberprüfung einwilligen, aber das
In Deutschland wird 2006 die Fußball-
1 Verfahren Ergebnis nicht mitgeteilt bekommen.
Weltmeisterschaft stattfinden. An der Über die Akkreditierung wird ein Organisa-
Durchführung dieser Veranstaltung werden tionskomitee der Veranstalter entscheiden, 1.2 Ablehnungskriterien
nach vorsichtigen Schätzungen der Veran- das sich – zumindest auch – auf ein Votum
stalter ca. 250.000 Menschen aus verschie- des Bundeskriminalamts (BKA) stützt. Die Die Ablehnungskriterien sind für Polizei-
densten Bereichen und Branchen beteiligt Entscheidung des BKA wiederum beruht und Verfassungsschutzbehörden unter-
sein und Zutritt zu bestimmten nicht öffent- neben eigenen Erkenntnissen auf den Emp- schiedlich ausgestaltet.
lichen Bereichen der Stadien erhalten. Sie fehlungen der weiteren zu beteiligenden Die Polizeibehörden entscheiden über
sollen in einem „Akkreditierungsverfahren” Stellen, also auch des Landeskriminalamts die Akkreditierungsempfehlung auf Grund
auf ihre Zuverlässigkeit überprüft werden. (LKA) Schleswig-Holstein und des Verfas- eines Kriterienkataloges.
Betroffen sind u.a. Journalisten, Sicher- sungsschutzes des Landes. Die Verfassungsschutzbehörden sollen
heitspersonal – einschließlich Polizeibeam- eine ablehnende Empfehlung nicht erst
te –, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, dann abgeben, wenn sich aus Erkenntnissen
1.1 Ablauf tatsächliche Anhaltspunkte ergeben, dass
Sanitätsdiensten oder im gastronomischen
Bereich, Reinigungskräfte, Begleitpersonal Eingeleitet wird das Akkreditierungsverfah- Personen Gewalttaten begehen werden, sie
sowie andere Servicebedienstete aller Spar- ren bei freiberuflich Tätigen und Selbstän- einer gewaltbereiten Bestrebung angehören
ten. digen, indem diese beim Organisationsko- oder ein vergleichbarer Fall vorliegt. Viel-
An der Zuverlässigkeitsüberprüfung mitee (OK) einen Antrag auf Zulassung mehr soll die Ablehnung schon dann erfol-
werden alle Sicherheitsbehörden beteiligt, stellen. Bei Arbeitnehmern stellt in der gen, wenn auf Grund tatsächlicher Anhalts-
die ihre Datenbestände zu den betroffenen Regel der jeweilige Arbeitgeber – in Form punkte die Gefahr von – nicht notwendig
Personen abgleichen sollen. Sowohl das von Sammelakkreditierungen – für seine strafbaren – Propagandaaktivitäten gesehen
Landeskriminalamt als auch der Verfas- Mitarbeiter den Antrag. Die Betroffenen wird.
sungsschutz sollen ein Votum zu den jeweils sollen zuvor eine „Datenschutzinformation”
betroffenen Personen abgeben.
Offenbar wird hier versucht, bundesweit
ausgehändigt bekommen.
In einem zweiten Schritt geben die Be-
2 Rechtliche
ein unzulässiges Verfahren am Gesetzgeber troffenen eine „Einwilligungserklärung” zur Bewertung
vorbei zu etablieren. Statt eine hinreichende Durchführung des Akkreditierungsverfah-
Rechtsgrundlage zu schaffen, wollen die rens ab. Arbeitnehmer tun dies gegenüber Das bundesweit vorgesehene Akkreditie-
beteiligten Stellen neue „Eingriffsbefugnis- ihrem Arbeitgeber. Das OK will das Verfah- rungsverfahren ist ein erheblicher Eingriff
se” der Sicherheitsbehörden auf – zweifel- ren ausschließlich online abwickeln; die in Grundrechte der Betroffenen, insbeson-
hafte – Einwilligungserklärungen der Be- personenbezogenen Informationen werden dere in das Recht auf informationelle
troffenen stützen. also ausschließlich über das Internet über- Selbstbestimmung (Art. 1 Abs. 1, 2 Abs. 1

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Akkreditierungsverfahren im Rahmen der Fußball-WM 2006

GG). Der Eingriff kann in Einzelfällen zu die Verfassungsschutzbehörden auch auf Freiwilligkeit setzt zudem das Wissen der
einem Arbeitsplatzverlust der Betroffenen solche Erkenntnisse zurückgreifen, die mit Betroffenen über die Einzelheiten des Ver-
führen und greift daher auch in die durch nachrichtendienstlichen Mitteln erworben fahrens voraus sowie die Kenntnis, über
Art. 12 Absatz 1 GG geschützte Berufsfrei- wurden. Auch diese Umgehung des gesetz- welche Daten sie im Einzelnen entscheiden.
heit ein. Bei Journalisten ist die durch Art. 5 geberischen Willens kann eine Einwilli- Die Datenschutzinformation enthält z.B.
Abs. 1 Satz 2 GG geschützte Presse- bzw. gungserklärung nicht rechtfertigen. keine ausreichende Information darüber,
Rundfunkfreiheit betroffen. Diese verfassungsrechtlich notwendige dass – nach meinem gegenwärtigen Kennt-
Entscheidung des Gesetzgebers müssen die nisstand – auch das Ausländerzentralregister
2.1 Fehlende Sicherheitsbehörden akzeptieren. abgefragt werden soll.
Insgesamt erscheint eine freiwillige
Eingriffsgrundlage Einwilligung darüber hinaus deshalb kaum
2.1 Zweifel an der
Der Grundrechtseingriff ist durch keine möglich, weil die Betroffenen nicht wissen
Wirksamkeit der können, um welche Informationen es kon-
Rechtsgrundlage gedeckt. Er kann weder
auf gesetzliche Vorschriften noch auf die – Einwilligungserklärung kret geht. Die Betroffenen haben vor Ertei-
unzureichende – Einwilligung der Betroffe- lung ihrer Einwilligung in der Regel keine
Auch isoliert betrachtet trägt die vorgesehe- Kenntnis darüber, welche Daten im Einzel-
nen gestützt werden. ne „Einwilligungserklärung” eine Daten-
Die Voraussetzungen für eine Sicher- nen über sie bei den Sicherheitsbehörden
übermittlung nicht, und zwar auch dann vorhanden sind.
heitsüberprüfung nach dem Sicherheits- nicht, wenn lediglich ein der Akkreditierung
überprüfungsgesetz liegen nach einhelliger zustimmendes oder ablehnendes Votum
Auffassung aller beteiligten Stellen nicht abgegeben wird. 2.3 Zweifel an der
vor, da die Überprüfung weder dem Zweck Bereits die Authentizität der Einwilli- Verhältnismäßigkeit
des Geheimschutzes noch des Sabotage- gungserklärungen ist nicht sichergestellt.
schutzes dient; auch Spezialgesetze greifen Die Sicherheitsbehörden sollen sich mit der Für die ablehnende Empfehlung der Poli-
nicht ein. allgemeinen Aussage des Organisationsko- zeibehörden des Bundes und der Länder soll
Daneben bleibt für ein auf die bloße mitees begnügen, der jeweilige Arbeitgeber das negative Votum eines einzelnen Landes-
Einwilligungserklärung gestütztes Verfah- habe ihm gegenüber durch einen Mausklick kriminalamts genügen. Die Behörde kann
ren kein Raum. Der Gesetzgeber hat die im Internet bestätigt, dass der Betroffene dieses Negativvotum auch auf Erkenntnisse
möglichen Anwendungsfälle einer Zuver- eingewilligt habe. Damit erhalten das Lan- über Staatsschutzdelikte stützen. Hierzu
lässigkeitsprüfung abschließend geregelt. deskriminalamt und die Abteilung für Ver- sind nach allgemeiner Praxis auch Propa-
In den Vorschriften zur Sicherheits- bzw. fassungsschutz keinen authentischen Nach- gandadelikte zu zählen. Eine generelle
Zuverlässigkeitsüberprüfungen macht der weis, der die Urheberschaft der einwilligen- Einbeziehung solcher Delikte – ohne dass
Gesetzgeber die Durchführung des Verfah- den Person sicherstellt. ein Bezug etwa zu Gewalttaten besteht –
rens nicht nur vom Vorliegen bestimmter Selbst wenn im Einzelfall tatsächlich ei- erscheint mir im Hinblick auf die Wahrung
gesetzlicher Voraussetzungen abhängig. ne Einwilligungserklärung der betroffenen des rechtsstaatlichen Verhältnismäßigkeits-
Vielmehr verlangt er – zusätzlich – die Person vorliegen würde, bestehen erhebli- gebotes bedenklich.
Erteilung einer Einwilligung. Dieses vom che Zweifel an ihrer Wirksamkeit, da die Noch bedenklicher erscheint, dass die
Gesetzgeber gewollte Nebeneinander von Freiwilligkeit und die Transparenz des Verfassungsschutzbehörden ihr Votum
Einwilligung und weiteren Voraussetzungen Verfahrens nicht hinreichend sichergestellt darauf stützen können, dass sie auf Grund
zeigt, dass die Einwilligungserklärung sind. tatsächlicher Anhaltspunkte die Gefahr von
allein keine Rechtsgrundlage darstellen Voraussetzung einer wirksamen Einwil- – nicht notwendig strafbarer –
kann. Sie ist neben dem Vorliegen einer ligung ist stets ihre Freiwilligkeit. Betroffen Propagandaaktivitäten sehen. Damit besteht
gesetzlichen Rechtsgrundlage lediglich sind durch die Maßnahme zahlreiche Ar- die Möglichkeit, dass z.B. eine Reinigungs-
Verfahrensvoraussetzung. Dieses Nebenein- beitnehmer, die auf Veranlassung ihrer kraft abgelehnt wird, die bei einer Verfas-
ander ist aus Gründen der Verhältnismäßig- jeweiligen Arbeitgeber Tätigkeiten in den sungsschutzbehörde wegen einer nicht
keit der besonderen Eingriffsintensität Stadionbereichen vorzunehmen haben. Die strafbaren Äußerung oder reinen Mitglied-
solcher Überprüfungen geschuldet, die für Betroffenen werden deshalb die Erklärung schaft bekannt ist. Die Ablehnungsentschei-
die Betroffenen zu erheblichen Nachteilen im Zweifel schon deshalb abgeben, um im dung kann auf einer bloßen Verdachtslage
führen können. Arbeitsverhältnis keine negativen Folgen beruhen.
Dieser gesetzgeberische Wille würde befürchten zu müssen, die mit der – bei Sofern die Akkreditierung nicht erteilt
ausgehebelt, wenn am Gesetzgeber vorbei fehlender Einwilligung zwingenden – Ab- wird, müssen betroffene Arbeitnehmer
neue Anwendungsfälle für „Zuverlässig- lehnung der Akkreditierung zusammenhän- fürchten, ihren Arbeitsplatz zu verlieren.
keitsüberprüfungen” geschaffen würden, die gen. Dass die Verfasser der „Datenschutzin- Dies gilt umso mehr, als das OK die Betrof-
nur auf „Einwilligungserklärungen” der formation” offenbar selbst nicht von einer fenen nicht über das Ergebnis der Akkredi-
Betroffenen beruhen. echten Freiwilligkeit ausgehen, zeigt die tierung informieren wird, sondern die Ar-
Zudem würde ein solches Verfahren die Formulierung „Auf die speziell als freiwil- beitgeber.
in den Verfassungsschutzgesetzen und im lig gekennzeichneten Angaben kann jedoch Selbst das Sicherheitsüberprüfungsge-
G10-Gesetz festgeschriebenen besonderen verzichtet werden”. Demnach sind alle setz erlaubt die Durchleuchtung der Betrof-
Zweckbindungsregeln faktisch „außer Kraft anderen Angaben – die nicht gekennzeich- fenen aus Gründen der Verhältnismäßigkeit
setzen”. Denn für die Beurteilung werden net sind – nicht freiwillig. nur in begrenzten Fällen. Bei der Fußball-

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Unabhängiges Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein

WM jedoch wollen die Veranstalter einen tungsfällen kann es bereits deshalb kom- in grundrechtlich geschützte Positionen der
breiten „Durchleuchtungsteppich” legen. Im men, weil die Betroffenen oft nicht rechtzei- Betroffenen ein, da es in den folgenden
Rahmen der Fußball-WM scheint ihnen tig über das Ergebnis informiert werden, um Punkten Mängel aufweist:
insoweit sogar gegenüber Polizeibeamten, sich gegen ein ablehnendes Votum wehren „ Fehlende gesetzliche Eingriffsgrundlage
die ebenfalls überprüft werden sollen, das zu können. Bevor die Betroffenen hiervon „ Zweifel an der rechtlichen Wirksamkeit
notwendige Vertrauen zu fehlen. erfahren, teilt zunächst das OK dem Arbeit- der Einwilligungserklärung
geber mit, dass eine Akkreditierung verwei- „ Zweifel an der Verhältnismäßigkeit
2.4 Defizite bei gert wird. Es besteht daher die Gefahr, dass „ Defizite bei Rechtsschutz und Aus-
die Betroffenen bereits berufliche oder kunftsverfahren
Rechtsschutz und wirtschaftliche Nachteile erleiden, bevor sie Selbstverständlich müssen Veranstalter und
Auskunftsverfahren im Rahmen einer Anhörung zu einem et- Sicherheitsbehörden die notwendigen Vor-
waigen Negativvotum Stellung beziehen kehrungen treffen, um einen friedlichen und
Rechtsschutz ist für die Betroffenen bereits und etwaige Fehlinformationen oder Fehl- störungsfreien Verlauf der Veranstaltung zu
deshalb schwer zu gewährleisten, weil für entscheidungen ausräumen können. Auch gewährleisten. Dazu ist aus datenschutz-
sie nicht klar ist, welche Stelle verantwort- im Nachhinein haben die Betroffenen mög- rechtlicher Sicht ein Akkreditierungsverfah-
lich gehandelt hat. Nach Außen tritt nur das licherweise Schwierigkeiten, die wahren ren nicht ausgeschlossen. Dieses muss sich
BKA in Erscheinung. Im Falle von Aus- Gründe ihrer Kündigung zu erfahren. jedoch in einem rechtlich abgesicherten
kunftsersuchen wird das BKA an das jewei- Rahmen bewegen, woran es vorliegend
lige LKA verweisen. Inwieweit dieses fehlt.
Informationen der Verfassungsschutzbehör- 3 Ergebnis Das Verfahren steht unmittelbar vor sei-
den erhalten und weiterleiten kann und ner Anwendung. Auf Grund der hohen Zahl
Im Ergebnis führt das Verfahren zu unzuläs-
welche Informationen die Betroffenen von Betroffenen und der gravierenden
sigen Eingriffen in die Grundrechte der
konkret bekommen, ist unklar. Mängel sehe ich mich veranlasst, unmittel-
Betroffenen. Das durch die Veranstalter in
Auch amtshaftungsrechtlich kann die bar das Parlament zu informieren.
Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehör-
unklare Verantwortungsteilung zu großen
den entwickelte Überprüfungsverfahren
praktischen Problemen führen. Zu Haf-
Akkreditierungsverfahren greift unzulässig

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