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Universität Wien

Institut für Slawistik


SE Slowenische Literatur im Film und in der Musik
LV-Leiter: Dr. Janja Vollmaier-Lubej

DRAGO JANČARS „RAUSCHEN IM KOPF“ – EINE


REFLEXION ZUR FILMISCHEN UMSETZUNG VON
LITERARISCHEN WERKEN

Barbara Wohlgemuth, BA
a1108505@unet.univie.ac.at
Wien, im März 2019

Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis.....................................................................................................................1
Einführung in die Thematik....................................................................................................2
1 Biographische Daten zum Autor Drago Jančar.........................................................3
2 Handlung und zentrale Themen im Roman „Rauschen im Kopf“..........................4
2.1 Erinnerungen und Träume Kebers während des Aufstandes..................................6
2.1.1 Wichtige weibliche Charaktere des Romans: Maša und Katharina vs. Leonca......7
2.2 Jüdischer Krieg im Jahre 73 nach Chr.......................................................................8
3 Grundlagen zum slowenischen Kino...........................................................................9
3.1 Historischer Kontext.....................................................................................................9
3.2 Post-jugoslawisches versus Slowenisches Kino........................................................12
3.3 Anfänge und Evolution des Slowenischen Kinos.....................................................12
3.4 Slowenisches Kino im unabhängigen Slowenien nach 1991....................................14
4 Filmische Adaptionen von Literatur.........................................................................15
4.1 Vergleich vom Roman „Rauschen im Kopf“ und dessen filmischer Adaption.....16
4.2 Darstellung von weiblichen Charakteren im Roman und Film..............................17
4.3 Darstellung von explizit körperlicher Gewalt an Frauen im Roman und Film....17
5 Schlusswort..................................................................................................................19
Literaturverzeichnis...............................................................................................................22
6 Eidesstattliche Erklärung im Rahmen von schriftlichen Arbeiten........................24

1
Einführung in die Thematik
Gegenstand der vorliegenden Arbeit soll eine Reflexion zu Drago Jančars Roman „Rauschen
im Kopf“ und dessen filmische Umsetzung von Andrej Košak 1 sein. Dabei soll es vor allen
Dingen um eine generelle Auseinandersetzung mit dem Phänomen der filmischen Adaption
literarischer Werke gehen, mit der anschließenden Betrachtung und Analyse des Werks
„Rauschen im Kopf“. Im Seminar widmeten wir uns der Annäherung an das Phänomen der
slowenischen Literatur im Film und der Musik. Wir diskutierten das Schaffen verschiedenster
slowenischer Filmemacher und Autoren und deren Hintergründe und versuchten die Werke
durch ein kulturwissenschaftliches Prisma zu reflektieren und analysieren.
Zentrale Fragen des Seminars befassten sich beispielsweise mit Fragestellungen der Themen
und Leitmotive, welche sich beim postjugoslawischen slowenischen Film feststellen lassen
und welche Rückschlüsse diese auf die slowenische, kulturelle Identität zulassen.
Ich habe mich zur Auseinandersetzung mit Drago Jančars „Rauschen im Kopf“ entschieden,
weil mich die Charaktere und Themen des Romans, sowie die erzählerische Perspektive
interessierten und ich in der anschließenden Lektüre des Romans interessante Einblicke in die
Geschichte und Konflikte Sloweniens erhielt. Außerdem reizte mich der Vergleich des
Romans mit der filmischen Adaption, da es mir erlaubte die Geschichte aus einer anderen
Perspektive zu rezipieren.
Im ersten Kapitel der vorliegenden, wissenschaftlichen Arbeit, wird grundsätzlich Drago
Jančars literarisches Schaffen und dessen Werdegang betrachtet. Diese Auseinandersetzung
sollte zur Kontextualisierung seiner literarischen Werken dienen.
Im zweiten Kapitel werden die zentralen Themen und Handlungsstränge des Romans
„Rauschen im Kopf“ erläutert. Dabei sollen die drei Handlungsstränge der Erzählung klar und
konzise dargelegt werden.
Im dritten Kapitel wird das slowenische Kino betrachtet und soziohistorisch, wie auch
politisch kontextualisiert. Dabei sollen die wichtigsten Filme dieser Ära hervorgehoben
werden.
Anschließend werden im vierten Kapitel die Wechselbeziehungen zwischen Literatur und
Film diskutiert und erörtert, und herausgearbeitet, welche Gesetzmäßigkeiten sich
diesbezüglich abzeichnen. Schlussendlich soll eine Betrachtung und Analyse der filmischen
Adaption des Romans „Rauschen im Kopf“ erfolgen und versucht werden einen Vergleich
1
Vgl. https://www.film-center.si/en/film-in-slovenia/films/111/headnoise/ [Stand 2019-03-22]
2
zwischen dem Roman und Film anzustellen. Dabei werde ich mich vor allem auf die Rolle der
weiblichen Charaktere konzentrieren und anhand von Beispielen zeigen, wie Gewalt an
Frauen im Roman und Film dargestellt werden.
Ziel der vorliegenden Arbeit soll es sein, filmische Adaptionen von Literatur zu reflektieren
und den Roman „Rauschen im Kopf“ und dessen filmische Adaption dementsprechend zu
betrachten.
Schlussendlich soll mit dieser Arbeit die filmische Umsetzung von Literatur ganzheitlich
kritisch betrachtet werden und Fragen und Diskussionen insiprieren, die eine tiefergehende
und weiterführende Analyse der Thematik ermöglichen sollen.

1 Biographische Daten zum Autor Drago Jančar


Drago Jančar wurde 1948 in Maribor, im damaligen Jugoslawien, geboren. Er studierte
Rechtswissenschaften und avancierte zum Herausgeber der Studentenzeitung „Katedra“. In
Ljubljana vernetzte er sich später mit führenden Intellektuellen und Künstlern, unter Ihnen der
Dichter und Widerstandskämpfer Edvard Kocbek. In den späten 1970er Jahren arbeitete er als
Film Dramaturgiker. Später wurde er Hauptredakteur des Verlagshauses Matica in Ljubljana.2
Drago Jančar gilt nun als einer der renommiertesten, zeitgenössischen Autoren Sloveniens. Er
schuf einen umfangreichen Korpus an Essays, Dramen und Romanen und wurde in zahlreiche
Sprachen übersetzt. Im deutschsprachigen Raum gewann er insbesondere Anfang der 1990-er
Jahre die Aufmerksamkeit des kulturinteressierten, deutschsprachigen Publikums. Er bezog
auf der Frankfurter Buchmesse klar Stellung zu den gesellschaftspolitischen Entwicklungen
zurzeit des Zerfalls Jugoslawiens. Diese unerschrockene Mentalität zu seinen politischen
Positionen zu stehen und entsprechend zu handeln, bescherte ihm in den 1970er Jahren einen
Gefängnisaufenthalt: Aufgrund von feindlicher Propaganda wurde er 1974/75 inhaftiert. Er
versuchte damals, ein Buch über das Massaker an den Domobranzen nach dem Ende des
Zweiten Weltkriegs, nach Jugoslawien einzuführen. Er wurde zu einem Jahr Freiheitsstrafe
verurteilt. 3

2
Vgl http://literaturfestival.com/autoren-en/autoren-2010-en/drago-jancar [Stand 2019-03-21]
3
Vgl. GRAF, A. (2002): Traum von der Freiheit – Rauschen im Kopf. Zu Drago Jančars Roman „Zvenenje v
glavi.“ In: JEKUTSCH, U., STELTNER, U. (Hrsg.): Slavica litteraria. Festschrift für Gerhard Giesemann
zum 65. Geburtstag. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, S.227f.
3
Der Autor äußert sich in einem Interview mit der Irischen Times aus dem Jahre 2006 zu dem
Sachverhalt und erklärt, dass es sich bei dem besagten Buch, um eine Auseinandersetzung mit
Ereignissen handle, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg auf slowenischem Territorium
zugetragen haben. Dabei spricht er Morde an der Zivilbevölkerung durch die Kommunisten
an. Taten und Ereignisse, die in Slowenien und im restlichen Jugoslawien vollständig
totgeschwiegen wurden und als Tabu galten. Jančar erläutert im Interview, dass das Buch von
slowenischen, politischen Flüchtlingen verfasst wurde und ihn die Lektüre des Buches
schockierte und zum ersten Mal von diesen Ereignissen erfuhr und sich dessen bewusst
wurde. Er ließ das Buch in seinem Freundeskreis aus Journalisten und anderen kulturell
versierten Intellektuellen zirkulieren. Da er der Geheimpolizei bereits als sogenannte persona
non grata aktenkundig war, aufgrund seines aktiven Engagements in der Studentenbewegung
in den Jahren 1968-1971, genügte dies der Geheimpolizei als ausreichende Basis, den
Autoren festzunehmen.4
Die Ironie des Schicksal will es, dass Drago Jančar im gleichen Gefängnis landete, wie sein
Vater 30 Jahre zuvor – Dieser wurde damals von der Gestapo gefangengenommen. Drago
Jančar äußert sich in einem Interview aus dem Jahre 2007 zu seinem Empfinden seines
literarischen Schaffens und erklärt, dass sich seine literarischen Werke immer in
Zusammenhang mit dem Weltgeschehen stehen. Er schreibe keine hypothetische Literatur
und glaube nicht daran, dass es so etwas gäbe. Literatur würde sich immer auf das Leben, die
Gesellschaft und die Kultur beziehen.5

2 Handlung und zentrale Themen im Roman „Rauschen im Kopf“


Der Roman „Rauschen im Kopf“ erzählt die Geschichte des Protagonisten Kebers, die aus
drei raffiniert ineinander verwobenen Erzählsträngen besteht und die ich im Folgenden gerne
etwas genauer erläutern würde. Dieser erste Handlungstrang stellt der Aufstand in dem
slowenischen Gefängnis Livada, Ende der 1960er Jahre dar, der durch den Protagonisten
Keber in Gange gesetzt wird. Keber lässt sich durch vulgäre Gesten eines Wärters zu einer
impulsiven Gewalttat provozieren, während einer Fernsehübertragung eines Basketballspiels.
Von einer Wut gepackt, lässt er sich dazu hinreißen, den Fernseher gegen das vergitterte
Fenster zu schleudern.6
4
Vgl. https://www.irishtimes.com/culture/we-need-a-memory-of-everything-1.1034678 [Stand-2019-03-25]
5
Vgl. http://www.ukom.gov.si/fileadmin/ukom.gov.si/pageuploads/Sinfo/2007-maj.pdf [Stand 2019-03-22]
6
Vgl. Vgl. GRAF, A. (2002): Traum von der Freiheit – Rauschen im Kopf. Zu Drago Jančars Roman
„Zvenenje v glavi.“ In: JEKUTSCH, U., STELTNER, U. (Hrsg.): Slavica litteraria. Festschrift für Gerhard
4
Der Aufstand löst Chaos und Anarchie in der Häftlingsanstalt Livada aus. Dann tritt ein bis
zu diesem Zeitpunkt völlig unscheinbarer und ängstlicher Buchhalter namens Alojz Mrak in
den Vordergrund des Geschehens. Er ergreift anschließend die Führung und die exekutive
Macht und zeigt plötzlich ein anderes Gesicht. 7 In einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen
wird Mrak sehr treffend als einen Fanatiker der Ordnung und als ein bürokratischer Despot
charakterisiert, der sich aber während dem Häftlingsaufstand feige und ängstlich in seiner
Zelle versteckte.8 Er kreiert ein neues Machtgefälle, welches das vorherige Regime an
Brutalität, Willkür und Kalkül bei weitem übertrifft. 9
In dem Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen wird eine Parallele zwischen der
Selbstverwaltung des Gefängnisses und dem Ideal Jugoslawiens, der sozialistischen
Selbstverwaltung, gezogen. Beides scheitert auf tragische Art und Weise.10
Von Anfang an, ist dieser Aufstand zum Scheitern verurteilt, und trotzdem genießt Mrak
seine kurze Zeit an der Macht, bevor er schließlich selbst Opfer des von ihm angezettelten
Terrors wird und der Aufstand schließlich zu seinem natürlichen Ende kommt. Graf zufolge
liege die Stärke und Größe des Romans nicht in dem eigentlichen Plot, sondern in der
komplexen und vielschichtigen Erzählweise der Ereignisse aus der Perspektive des Häftlings
Keber. Dessen durch die Extremsituation überspanntes Bewusstsein vermischt verschiedene
Realitätsebenen auf faszinierende Art und Weise. Graf skizziert Keber als einen Menschen,
der nach dem Zweiten Weltkrieg nach Jugoslawien zurückkehrte, mit der Hoffnung auf eine
bessere Zukunft. Als sich jedoch abzeichnet, dass sich diese verheißungsvolle Zukunftsvision
nicht bewahrheiten sollte, beginnt er ein reiselustiges Nomadenleben, welches in an die
entlegensten Orte der Welt führen sollte.11
Giesemann zum 65. Geburtstag. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, S.227f.

7
Vgl. GRAF, A. (2002): Traum von der Freiheit – Rauschen im Kopf. Zu Drago Jančars Roman „Zvenenje v
glavi.“ In: JEKUTSCH, U., STELTNER, U. (Hrsg.): Slavica litteraria. Festschrift für Gerhard Giesemann
zum 65. Geburtstag. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, S.227-229.
8
Vgl. https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/rezension-belletristik-
hartnaeckig-kratzt-die-gabel-11314322-p2.html [Stand 2019-03-22]
9
Vgl. GRAF, A. (2002): Traum von der Freiheit – Rauschen im Kopf. Zu Drago Jančars Roman „Zvenenje v
glavi.“ In: JEKUTSCH, U., STELTNER, U. (Hrsg.): Slavica litteraria. Festschrift für Gerhard Giesemann
zum 65. Geburtstag. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, S.227.
10
Vgl. https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/rezension-belletristik-
hartnaeckig-kratzt-die-gabel-11314322-p2.html [Stand 2019-03-22]
11
Vgl. GRAF, A. (2002): Traum von der Freiheit – Rauschen im Kopf. Zu Drago Jančars Roman „Zvenenje v
glavi.“ In: JEKUTSCH, U., STELTNER, U. (Hrsg.): Slavica litteraria. Festschrift für Gerhard Giesemann
zum 65. Geburtstag. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, S.227.

5
Das geht eine Weile gut, bis er es zu weit treibt und durch sein Abdriften in die Illegalität in
dem besagten Gefängnis landet. Im Gefängnis trifft er auf den Autoren, der die
Romanhandlung niederschreibt. Der Autor erzählt wie er im August 1975 Keber im
Gefängnis kennenlernte und jener ihm seine Lebensgeschichte mitteilte. Dieses Detail ist für
den informierten Leser eine Anspielung Jančars auf seine eigene Biographie. Wie in Kapitel 1
erwähnt, wurde der Autor aufgrund seiner politischen Ansichten und Aktivitäten im Jahre
1975 inhaftiert.12

2.1 Erinnerungen und Träume Kebers während des Aufstandes


Graf sieht einen wichtigen Handlungsstrang in den Erinnerungen und Träumen Kebers, die
ihm während des Aufstandes vor dem geistigen Auge erscheinen. Dabei sollen diese
Erinnerungen und Träume eine Legitimation für das Handeln Kebers darstellen und es
plausibel erklären. Graf reflektiert diesbezüglich auch den Titel des Romans. Das „Rauschen
im Kopf“ Kebers sei eine Metapher für dessen Geisteszustand – im Gefängnis wird ihm die
letzte Privatsphäre, in Form seiner Gedankenwelt, geraubt und anstelle seiner Gedanken
verbleibt nur ein störendes Hintergrundrauschen. Obwohl Keber den Aufstand initiierte,
verliert er nach der Machtergreifung Mraks an Bedetung, was ihm die Gelegenheit zur
Reflexion bietet. Er reflektiert seinen Werdegang, seine romantischen Beziehungen,
historische Begebenheiten und die Kausalzusammenhänge, die ihn ins Gefängnis gebracht
haben. Graf sieht den Schlüssel des Romans in den Erinnerungen und der Gedankenwelt
Kebers. Graf zufolge schafft es Keber mittels seiner Erinnerungen die Dimensionen von Zeit
und Raum zu transzendieren und seine Vergangenheit zu einer fortlaufenden Gegenwart zu
stilisieren. Graf weist auf eine interessante Stelle im Roman hin, die zeigen, wie Keber seine
Gedankenwelt als innere Flucht instrumentalisiert, um seinem Gefängnisalltag zu entfliehen.13
„Je länger ich hier drinnen und je tiefer ich schlafe, desto ferner werden die Orte und
Landschaften. Triest, Odessa, Antwerpen, Jaffa, Totes Meer. Manchmal schießt mir
ein Bild im wachen Zustand ein, vor die offenen Augen, Wasser, das Wasser des
Toten Meeres, während ich auf dem niederbrennenden Möbelhaufen auf dem Hof
unter dem Absingen bosnischer und slowenischer Hinterwäldlertrauerlieder aus dem

12
Vgl. GRAF, A. (2002): Traum von der Freiheit – Rauschen im Kopf. Zu Drago Jančars Roman „Zvenenje v
glavi.“ In: JEKUTSCH, U., STELTNER, U. (Hrsg.): Slavica litteraria. Festschrift für Gerhard Giesemann
zum 65. Geburtstag. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, S.227.
13
Vgl. Ebd., S.229-233.
6
Bau mit den leeren Fenstern hinuntersah, aus denen die zerbrochenen Gitter
heraushingen.“14

2.1.1 Wichtige weibliche Charaktere des Romans: Maša und Katharina vs. Leonca
Bezüglich Kebers romantischen Beziehungen werden drei Frauen besonders hervorgehoben.
Maša, Katharina und Leonca. Maša und Katharina sind Mutter und Tochter, die sich beide
prostituieren und sich alternierend um ihre Klientel und den Haushalt kümmern. Keber fühlt
sich wohl bei Ihnen und findet bei Ihnen zur Ruhe und Geborgehnheit.15
Dies wird in dem folgenden Zitat anschaulich erläutert:
„Leonca erregte, Odessa beruhigte mich. Ich sagte nur: Odessa, und schon sah ich die
alte Stadt, die näher kam, die goldenen Kuppeln der Kirchen, [...] Denn in Odessa gab
es ein friedliches Asyl, dort gab es Katharina und Mascha. Die beiden hatten nie
jemand belehrt, wie mich Leonca belehren wollte, am wenigsten wollten sie einen das
Leben lehren. Die beiden lebten. Arm, aber schön. In Odessa war es am schönsten. In
Odessa gab es zwei Huren, die besten auf der Welt, Mutter und Tochter. [...] Ich
schloss die Augen und segelte nach Odessa. Sie hatten ein kleines Zimmer, abgeteilt
mit einer Decke. Während ich mit der Tochter schlief, kochte die Mutter das
Abendessen aus den Konserven, die ich mitgebracht hatte.“ 16

Das polare Gegenteil von Kebers Verhältnis zu Maša und Katharina stellt Kebers Beziehung
zu Leonca dar, die sich eine feste, monogame Beziehung mit Keber wünscht und ihm seine
nostalgischen Träumereien von Maša und Katharina übelnimmt und zum Vorwurf macht.
Graf zufolge stehen die Mutter und Tochter als eine Metapher für unbegrenzte Freiheit für
Keber. Da es sich bei Kebers Beziehung zu Maša und Katharina letztendlich um eine
transaktionale Beziehung handelt, da er ihre Dienstleistungen bezahlt, ist er Ihnen im
Weiteren nichts schuldig. Außerdem, gehörten Katharina und Maša zu einer Ära in Kebers
Leben, als er Leonca noch nicht kannte. Dementsprechend kannte er zu jener Zeit noch nicht
die Konflikte und Schwierigkeiten einer tiefergehenden, intimen Beziehung. Die Beziehung

14
JANČAR, D. (1999): Rauschen im Kopf. Wien: Paul Zsolnay Verlag, S.39f.
15
Vgl. GRAF, A. (2002): Traum von der Freiheit – Rauschen im Kopf. Zu Drago Jančars Roman „Zvenenje v
glavi.“ In: JEKUTSCH, U., STELTNER, U. (Hrsg.): Slavica litteraria. Festschrift für Gerhard Giesemann
zum 65. Geburtstag. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, S.232
16
JANČAR, D. (1999): Rauschen im Kopf. Wien: Paul Zsolnay Verlag, S.72f.
7
zu Maša und Katharina wird von Anbeginn explizit und ohne weiteren Umschweife
angesprochen.17
Im Unterschied dazu, wird die Beziehung zu Leonca im Laufe der Handlung immer weiter
mit Einzelheiten ergänzt und gewinnt nach und nach an Vielschichtigkeit und Nuancen. Erst
am Ende der Erzählung findet Keber den Mut, die vollständige Wahrheit über sein Verhältnis
zu Leonca preiszugeben. Leonca und Kebers Beziehung wird anfangs als idyllisch und
harmonisch geschildert: das verliebte, junge Paar macht eine Reise nach Israel und entdeckt
gemeinsam die Ruinenstadt Masada. Diese Stadt hinterließ bei beiden einen mächtigen und
nachhaltigen Eindruck. Nachdem das Paar nach ihrer Israelreise nach Jugoslawien
zurückkehrt, machen sich erste Risse in ihrer Beziehung bemerkbar. Keber hadert mit
Leoncas strikten Moralvorstellungen und wirft ihr eine scheinheilige Mentalität vor, der er
sich um keinen Preis unterordnen wolle. Leonca wiederum findet ein Foto von Maša in
dessen Brieftasche und rächt sich bei Keber für seine nostalgischen, erotischen Träumereien
von Maša, indem sie ihn mit einem anderen Mann betrügt. Leonca ist schließlich auch die
ausschlaggebende Figur, die Keber ins Gefängnis bringt, da sie Ihn wegen eines Postraubes
bei der Polizei anzeigt. Anschließend verübt sie ein Suizidversuch, den sie jedoch überlebt.
Sie ist danach an den Rollstuhl gebunden und verfällt der Alkoholsucht. Im Laufe des
Romans versucht Kebers laufend sich die Erinnerung an Maša und Katharina
heraufzubeschwören, anstatt dessen sieht er immer wieder Leonca vor sich.18

2.2 Jüdischer Krieg im Jahre 73 nach Chr.


Graf kommentiert auch den dritten Erzählstrang der Romanhandlung und verweist auf die
historischen Begebenheiten des jüdischen Krieges im Jahre 73 nach Chr. Dabei verteidigten
die Juden die Stadt Masada gegen das römische Heer.19
Jančar kreiert mit den Parallelhandlungen vom Jüdischen Krieg und dem Gefängnisaufstand
von Livada eine effektvolle Analogie.20

17
Vgl. GRAF, A. (2002): Traum von der Freiheit – Rauschen im Kopf. Zu Drago Jančars Roman „Zvenenje v
glavi.“ In: JEKUTSCH, U., STELTNER, U. (Hrsg.): Slavica litteraria. Festschrift für Gerhard Giesemann
zum 65. Geburtstag. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, S.232f

18
Vgl. GRAF, A. (2002): Traum von der Freiheit – Rauschen im Kopf. Zu Drago Jančars Roman „Zvenenje v
glavi.“ In: JEKUTSCH, U., STELTNER, U. (Hrsg.): Slavica litteraria. Festschrift für Gerhard Giesemann
zum 65. Geburtstag. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, S.232f
19
Vgl. Ebd., S. 229.
20
Vgl. https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/rezension-belletristik-
hartnaeckig-kratzt-die-gabel-11314322-p2.html [Stand 2019-03-22]
8
Nach dem Aufstand, als im Gefängnis Chaos und Verwüstung herrscht, reflektiert Keber den
Jüdischen Krieg. Er beneidet den jüdischen Anführer Menahem, der nach der Invasion und
Eroberung des römischen Palastes Gott um Rat und Hilfe hinsichtlich des weiteren Verlaufs
bitten konnte. Keber identifiziert sich in seinem Traum mit Menahem und vergleicht sich mit
ihm. Jedoch schon am nächsten Tag der Gefängnisrevolte ändert er diese Einstellung. Mrak
offenbart sich als kleingeistiger und selbstsüchtiger Tyrann, dem es in erster Linie nicht um
die Verteidigung des Gefängnisses geht, sondern um die Beseitigung des entstandenen Chaos.
Keber schreibt nun Mrak die Rolle des Menahems zu. Es gilt dabei zu erwähnen, dass
Menahem von seinen Mitstreitern liquidiert wurde, nachdem er von einem Anführer zu einem
rücksichtslosen Despoten mutiert ist. Keber selbst sieht sich nun in der Rolle des Eleazars.
Eleazar leitete die hoffnungslose Verteidigung Masadas gegen den allmächtigen,
unaufhaltbaren Ansturm der römischen Truppen. Eleazar war sich der Aussichtslosigkeit der
Situation bewusst, analog zu Keber in Livada.21

3 Grundlagen zum slowenischen Kino


In diesem Kapitel soll auf das slowenische Kino eingegangen werden und dahingehend
eingangs die historischen Begebenheiten erläutert werden. Es ist wichtig, die
soziohistorischen Komponenten des slowenischen Films zu beachten und zu verstehen, da sie
maßgeblichen Einfluss auf dessen Entwicklung und Ausprägung hatten. Da es den Rahmen
der vorliegenden wissenschaftlichen Arbeit sprengen würde, eine umfassende historische
Analyse darzulegen, möchte ich mich im Folgenden auf wichtige Eckdaten der jüngeren
Zeitgeschichte fokussieren. Außerdem möchte ich den feinen terminologischen Unterschied
zwischen postjugoslawischem Film und slowenischem Kino ansprechen und des weiteren auf
wichtige Filme des slowenischen Filmes nach der Erklärung der slowenischen
Unabhängigkeit hinweisen.

21
Vgl. GRAF, A. (2002): Traum von der Freiheit – Rauschen im Kopf. Zu Drago Jančars Roman „Zvenenje v
glavi.“ In: JEKUTSCH, U., STELTNER, U. (Hrsg.): Slavica litteraria. Festschrift für Gerhard Giesemann
zum 65. Geburtstag. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, S.233f.
9
3.1 Historischer Kontext
Slowenien proklamierte 1991 die Unabhängigkeiterklärung und wurde zu einem
eigenständigen Staat, nach dem 10-Tage-Krieg. Nach der Unabhängigkeitserklärung ging eine
Welle der Begeisterung durch die slowenischen Medien.22

Nun könnte man endlich die Nation verwirklichen, die man sich schon seit 1000 Jahren
gewünscht habe. Tatsächlich gab es um das Jahre 800 ein Land, wo ethnische Slowenen
mutmaßlich gelebt haben mögen, das jedoch zerstört wurde. Ein eigentliches nationales
Bewusstsein formierte sich aber erst viel später, analog zu den meisten europäischen Ländern,
im 18. und 19. Jahrhundert. Damals propagierten vor allem liberale Intellektuelle das Konzept
vom sogenannten Slowenentum. Dabei gilt es jedoch zu betonen, dass es sich damals
keineswegs um radikale Aktivisten handelte, und sie lediglich bewirkten, dass die
slowenischen Territorien, die damals der Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie
einverleibt waren, vereint wurden. Anfang des 20. Jahrhunderts, formierte sich eine neue Idee
unter slowenischen Intellektuellen. Es war die Idee einer Allianz mit anderen slavischen
Völkergruppen am Balkan im Umlauf. Ein Staatenbund namens Jugoslawien. Nach dem
Zerfall des Österreichisch-Ungarischen Imperiums nach dem Ersten Weltkrieg, realisierte sich
dieses Konzept, jedoch in einer anderen Form, als das ursprünglich geplant war. Da Serbien
während des Ersten Weltkrieges eine exorbitante Zahl an Kriegsopfern verzeichnete und
außerdem eine Allianz mit den Gewinnern des Krieges verband, wurde Serbien in spezieller
Form kompensiert. Mittels dem Versailler Friedensvertrag mutierte das Territorium zum
Königreich der Serben, Kroaten und Slovenen unter Serbischer Herrschaft. Dies stieß vor
allem auf kroatischer Seite auf Unzufriedenheit und vestärkte ethnische Spannungen. Diese
Spannungen eskalierten zu einer Schießerei innerhalb des Parlaments des Königreichs SHS.
Um weiteren Ausschreitungen vorzubeugen, etablierte der König Aleksandar eine Diktatur
und das Land erhielt erneut den Namen Jugoslawien. Viele Kroaten und Slowenen standen
dem Königreich nach wie vor argwöhnisch und kritisch gegenüber. Als die deutsche
Wehrmacht Jugoslawien im April 1941 attackierte, dauerte es nicht lange, bis der Staat in sich
selbst zusammenfiel. Nach der Kapitulation wurde Jugoslawien unter den Deutschen und
ihren Alliierten aufgeteilt. Es gab regen Widerstand seitens kommunistischer Gruppierungen
gegenüber der deutschen Besatzung. Jugoslawien war ein politischer und ethnischer

22
Vgl. STANKOVIĆ, P. (2012): A Small Cinema from the other Side of the Alps: A Historical Overview of
Slovenian Films. In: Film History, Vol. 24, Nr.1, S.35
10
Schmelztiegel – dementsprechend gab es auch innerhalb Jugoslawiens Opposition gegenüber
den kommunistischen Partisanen. Dennoch formierte sich eine starke Widerstandsbewegung
um den charismatischen Marschall Tito.23

In Slowenien gab es zudem Widerstand in Form der Bewegung Osvobodilna fronta, eine
heterogene Gruppierung von Kommunisten, christlichen Sozialisten und Leuten aus der
Kulturbranche. 1942 verbündeten sich die konservativen Parteien mit den deutschen und
italienischen Besatzern und die Kluft zwischen Partisanen und den konservativen Parteien
vergrößerte sich weiter und eskalierte in einem blutigen Bürgerkrieg. 1942 formierte sich auf
der konservativen Seite mithilfe italienischer Unterstützung die sogenannte MVAC, militia
voluntaria anti-comunista, die weitgehend als Weiße Garde in die Geschichte einging. Als
Italien 1943 kapitulierte, lösten die Deutschen die MVAC auf, und organisierten die Slovenski
Domobranci Einheiten. Die Partisanen siegten 1945 und genossen ein Gefühl der moralischen
Überlegenheit aufgrund ihres unerbittlichen Widerstandskampfes während der deutschen
Besatzung. Diese moralische Unantastbarkeit würde erst Jahrzehnte später Risse bekommen,
als eines ihrer streng und am besten gehüteten Geheimnisse publik wurde, nämlich die
Massenmorde an den gefangengenommenen Domobranci Heimwehr Einheiten.24
Dieser Sachverhalt ist in Zusammenhang mit Drago Jančar insofern relevant, dass er aufgrund
der publizistischen Aktivität eines Buches inhaftiert wurde, welches genau diese kontroverse
Thematik der Morde an den Domobranci Einheiten behandelt. 25 (Siehe Kapitel 1) Der Zweite
Weltkrieg stellt die traumatischste Periode der jüngeren slowenischen Zeitgeschichte dar und
ist auch ein wichtiges Sujet im slowenischen Kino. Unter Tito wurde ein System der
Dezentralisierung und der Selbstverwaltung eingeführt. Diese politischen Agenden waren
eine Zeit lang sehr erfolgreich und trugen zu einem großen Wirtschaftswachstum in
Jugoslawien bei. Diese positiven Entwicklungen stagnierten jedoch in den 1960er Jahren und
es gab wieder vermehrt nationalistisch gesinnte Stimmen und Gruppierungen, die in der
Gesellschaft an Gehör und Zuspruch gewannen. Tito versuchte, diesen schwelenden
Nationalismus durch eine repressivere Politik zu ersticken: Er ersetzte nationalistische Eliten
23
Vgl. STANKOVIĆ, P. (2012): A Small Cinema from the other Side of the Alps: A Historical Overview of
Slovenian Films. In: Film History, Vol. 24, Nr.1, S.35

24
Vgl. STANKOVIĆ, P. (2012): A Small Cinema from the other Side of the Alps: A Historical Overview of
Slovenian Films. In: Film History, Vol. 24, Nr.1, S.35
25
Vgl. https://www.irishtimes.com/culture/we-need-a-memory-of-everything-1.1034678
[Stand 2019-03-25]
11
in Kroatien, Kosovo und Slowenien mit neuen Leuten. Als Tito 1980 starb, erstarkten
nationalistische Diskurse erneut. Der Zerfall Jugoslawiens wird gekennzeichnet durch die
Unabhängigkeitserklärungen Sloweniens und Kroatiens im Jahre 1991.26

3.2 Post-jugoslawisches versus Slowenisches Kino


Stanković verweist auf den Umstand, dass es sich im Falle von Jugoslawien um ein extrem
kulturell diverses und komplexes Land sowie Gesellschaft handelte und sich dies in dem
jugoslawischen Kino widerspiegelt. Das Jugoslawische Kino als ein einheitliches Phänomen
zu betrachten ist reduktiv und lässt den Reichtum an Diversität außer Acht, der sich in den
einzelnen jugoslawischen Filmen finden lässt. Stanković macht auf den abstrakten Terminus
„post-jugoslawisch“ aufmerksam. Dieser Terminus wird oft verwendet, um Filme zu
kategorisieren, die von Staaten produziert wurden, die zuvor zur Föderation gehörten und nun
unabhängige Staaten sind. Es ist natürlich nichts gegen eine solche Kategorisierung
einzuwenden, solange man sich bewusst ist, dass diese Filme genauso viele Gemeinsamkeiten
wie Unterschiede verbinden. In dem Sinne, kann man nicht von dem post-jugoslawischen
Kino als einem einheitlichen Phänomen sprechen. Stanković differenziert das slowenische
Kino im Vergleich zu anderen postjugowslawischen Filmen insofern, dass er es als mittel-
europäisch, existenzialistisch und introvertiert definiert. Stanković betont ebenfalls, dass die
kulturelle Diversität kein Hindernis hinsichtlich der Distribution in den anderen Republiken
darstellte. So wie slowenische Filme große kommerzielle Erfolge in den anderen Republiken
erzielten, so verhielt es sich vice versa mit kroatischen, serbischen, bosnischen und
jugoslawischen Filmen in Slowenien. Diesbezüglich gilt es vor allem die serbischen
Komödien aus den 1980er Jahren zu erwähnen, wie Ko o tamo peva (1980), Balkanski Špijun
(1984) etc. Sogar Jahrzehnte nach deren ersten Ausstrahlung, werden diese Filme oft zitiert
und referenziert.27

3.3 Anfänge und Evolution des Slowenischen Kinos


Seit den Anfängen des Slowenischen Kinos, bewegten sich die Filme in einem Kontinuum
von sozialem Realismus, Unterhaltung, Politik, Kunst, Ästhetik und Ideologie. Diese Aspekte

26
Vgl. STANKOVIĆ, P. (2012): A Small Cinema from the other Side of the Alps: A Historical Overview of
Slovenian Films. In: Film History, Vol. 24, Nr.1, S.36
27
Vgl. STANKOVIĆ, P. (2012): A Small Cinema from the other Side of the Alps: A Historical Overview of
Slovenian Films. In: Film History, Vol. 24, Nr.1, S.36f
12
finden sich auch in den ersten slowenischen Filmen wie On their own land
(1948), Vesna (1950) und The Valley of Peace (1950). On their own land/ Na svoji zemlji
(1948) war der erste Nachkriegsfilm, und der Beginn der Partisanen Film Ära.28
Es gab zu jener Zeit eine Reihe von Filmen, die es demagogische Vereinfachungen und
idealisierte Überhöhungen vermieden und stattdessen Geschichten von einem intimen
Standpunkt erzählten und sich durch eine existenzialistische Dimension kennzeichnen. 29
Den führenden Filmkritikern und Intellektuellen der 1950er Jahre zufolge hatte das
Slowenische Kino der Nachkriegszeit vor allem einen Bildungsauftrag und erfüllte nationale,
politische Motive. Die Filme hatten weniger Unterhaltungswert oder nur schon den Anspruch
das Publikum zu unterhalten. Vielmehr ging es um eine Reflexion der slowenischen Realität
und jüngeren Zeitgeschichte, im Sinne einer pädagogisch hochwertigen Auseinandersetzung.30
In den 1980er Jahren formierte sich eine neue Generation von innovativen Filmemachern.
Dazu gehörten beispielsweise Karpo Godinas Film The Raft of Medusa, oder The red Boogie.
Der sogenannte „Slowenische Frühling“ fand in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre statt und
wurde eingeläutet durch zwei wichtige Filme: Zum einen Ekspress, Ekspress von Igor Šterk,
sowie Outsider von Andrej Košak, der im Jahre 2002 auch Rauschen im Kopf filmisch
umgesetzt hat. Ekspress, Ekspress war inspiriert von Roadmovies und gewann mehrere Preise
an Europäischen Filmfestivals. Outsider zeigt eine sozialkritische Liebesgeschichte zwischen
einer slowenischen Frau und einem bosnischen „Außenseiter“ und wurde sehr gut rezipiert,
mit großem, kommerziellem Erfolg.31
Szijarto macht außerdem eine interessante Beobachtung hinsichtlich dem „Slowenischen
Frühling“. Sie bemerkt, dass die erfolgreichsten Regisseure des „slowenischen Frühlings“ ihre
Filme nicht auf literarische Werke stützten und dementsprechend gegen filmische Adaptionen
von Literatur waren. In Anbetracht der großen literarischen Tradition Sloweniens erscheint
dies überraschend und unerwartet: Szijarto folgert jedoch, dass die Filmindustrie sich neu
erfinden und eine neue Identität des heimischen Kinos etablieren wollte. Zumindest im Falle

28
Vgl. https://www.culture.si/en/A_Short_Historical_Overview_of_Slovene_Film#The_Beginnings
[Stand 2019-03-29]

29
Vgl. https://www.culture.si/en/A_Short_Historical_Overview_of_Slovene_Film#The_Beginnings
[Stand 2019-03-29]
30
Vgl. JAKIŠA, M., GILIĆ, N. (Hrsg.) (2015): Partisans in Yugoslavia. Literature, Film and Visual Culture.
Bielefeld: Transcript Verlag, S.331
31
Vgl. . https://www.culture.si/en/A_Short_Historical_Overview_of_Slovene_Film#The_Beginnings
[Stand 2019-03-29]
13
der Regisseure des „Slowenischen Frühlings“ wurde auf literarische Adaptionen verzichtet.
Szijarto räumt jedoch ein, dass es natürlich Ausnahmen dieses Phänomen gab und nennt
diesbezüglich folgende Regisseure: Andrej Košak, Šašo Podgoršek und Vinko
Möderndorfer.32

Dieser Sachverhalt ist für die vorliegende, wissenschaftliche Arbeit insofern relevant, dass
Košak die filmische Adaption von „Rauschen im Kopf“ umsetzte und dementsprechend mit
diesem Film eine Ausnahme schuf, die den gängigen Charakteristika des „Slowenischen
Frühlings“ widersprach.33

3.4 Slowenisches Kino im unabhängigen Slowenien nach 1991


Nach dem Fall des Sozialismus 1989 und dem Zerfall Jugoslawiens 1991 steckte Slowenien
für eine Weile in einem Limbo von politischer und öknomischer Instabilität. Nichtsdestotrotz,
glaubte die slowenische Bevölkerung an ihre junge Demokratie, die nun erlöst war von der
Bürde der anderen, Ex-jugoslawischen Staaten.34 Diese soziohistorischen Gegebenheiten
wirkten auch maßgeblich auf die Filmindustrie: Die Produktions- und Distributionssysteme
sind mit dem Zerfall Jugoslawiens verschwunden: die dafür zuständigen Firmen wurden
entweder geschlossen oder privatisiert. Die finanziellen Fördermittel für die Filmindustrie
wurden beträchtlich gekürzt – infolgedessen mussten die finanziellen Mittel entweder aus
privaten oder internationalen Kanälen geschöpft werden. Dies wiederum zwang die
Regisseure, Filme zu produzieren, die sich kommerziell gut vermarkten ließen. Generell lässt
sich bezüglich dieser Ära feststellen, dass weniger Filme tatsächlich fertiggestellt wurden und
junge Filmemacher weniger Möglichkeiten hatten Filme zu drehen. Zudem wurden in dieser
post-sozialistischen Ära die Regulierungen bezüglich Filmimporten aufgehoben, was dazu
führte, dass das slowenische Kino plötzlich im Wettbewerb mit Hollywoodfilmen stand. Auch
wurden die ersten Multiplex Kinos gebaut, die hauptsächlich amerikanische Filme zeigten.

32
Vgl. SZIJARTO, I. (2008): Literary Adaptations in Post-Communist Eastern and Central European Cinema.
In: PETHÖ, A. (Hrsg.): Words and Images on the Screen. Language, Literature and Moving Pictures.
Newcastle upon Tyne: Cambridge Scholars Publishing, S.24f

33
Vgl. SZIJARTO, I. (2008): Literary Adaptations in Post-Communist Eastern and Central European Cinema.
In: PETHÖ, A. (Hrsg.): Words and Images on the Screen. Language, Literature and Moving Pictures.
Newcastle upon Tyne: Cambridge Scholars Publishing, S.24f
34
Vgl. STANKOVIĆ, P. (2012): A Small Cinema from the other Side of the Alps: A Historical Overview of
Slovenian Films. In: Film History, Vol. 24, Nr.1, S.51
14
Dies führte dazu, dass das Kino als Kunstform seine einflussreiche Rolle in den
intellektuellen Kreisen vorerst verlor.35

Stanković folgert insofern, dass das Interesse an heimischen Filmproduktionen sank, die
dazumals häufig versuchten Hollywoodfilme zu imitieren. Stattdessen erhielt man Zugang zu
den originalen Hollywoodproduktionen. Trotzdem gab es kommerziell erfolgreiche
slowenische Filme, wie zum Beispiel Babica gre na jug (1991), von Vinci Vogue Anžlovar.
Stanković zufolge, steckte das Slowenische Kino Anfang der 1990er Jahre in einer Krise:
Einerseits konnte sich das Slowenische Kino nicht mit den Hollywood Produktionen messen,
andererseits waren die damaligen alternativen Filmproduktionen bestenfalls durchschnittlich
und fielen bei der breiten Maße der Bevölkerung durch. Dann schlug ein kleiner Film von
Igor Šterk hohe Wellen: 1995 erschien der Film Ekspress, Ekspress. Der Film wurde vielfach
prämiert und erregte internationales Aufsehen. Šterk schaffte es mit dieser Produktion, einen
authentischen, slowenischen Film zu schaffen. Die Stärke des Filmes liegt nicht im
eigentlichen Plot, sondern in der künstlerischen Finesse, dem subtilen schwarzen Humor und
der spürbaren Menschlichkeit, die sich hinter den lakonischen Dialogen verbergen. Der Film
fand große Resonanz, international wie auch in Slowenien selbst, weil er die kulturellen
Eigenarten Sloweniens gekonnt transportierte. Ekspress, Ekspress markiert den Beginn einer
Renaissance des Slowenischen Filmes. Es folgen weitere, beachtenswerte Filme wie V Leru
(1999) von Janez Burger und Outsider (1997) von Andrej Košak. Outsider war einer der
kommerziell erfolgreichsten slowenischen Filmproduktionen der 1990er Jahre. In den 2000er
Jahren hatte sich das slowenische Kino nun endlich etablierte, nach Jahrzehnten von
politischen und soziokulturellen unsteten Zeiten. Der nationale Filmfonds produzierte nun
mindestens fünf bis sieben Filme pro Jahr.36

4 Filmische Adaptionen von Literatur


In der Forschung wurde traditionell der Einfluss von Literatur auf den Film diskutiert. Dies
erscheint in vielerlei Hinsicht als logisch, rein aufgrund der Tatsache, dass die Literatur vor

35
Vgl. SZIJARTO, I. (2008): Literary Adaptations in Post-Communist Eastern and Central European Cinema.
In: PETHÖ, A. (Hrsg.): Words and Images on the Screen. Language, Literature and Moving Pictures.
Newcastle upon Tyne: Cambridge Scholars Publishing, S.16.
36
Vgl. STANKOVIĆ, P. (2012): A Small Cinema from the other Side of the Alps: A Historical Overview of
Slovenian Films. In: Film History, Vol. 24, Nr.1, S.51f
15
dem Film existierte. Demenstprechend wird in der Forschung oft untersucht, inwiefern und zu
welchem Grad eine filmische Adaption der literarischen Basis gerecht und treu bleibt.37

Stam weist auf den innovativen Input der strukturalistischen und poststrukturalistischen
Theoretiker hin. Diese theoretischen Ansätze ermöglichten auch im Falle von der filmischer
Adaption, die Dinge aus einer neuen Perspektive wahrzunehmen. Die strukturalistische
Semiotik der 1960er und 1970er Jahre betrachteten alle zeichenschaffenden Systeme, die
Texte hervorbrachten als gleichwertig mit Literatur. In diesem Sinne wurde die Hierarchie
zwischen literarischem Werk und Film, die bis dato weitgehend etabliert war, aufgelöst. 38
Alquadi verweist auf die Vorteile einer filmischen Adaption: Er weist auf den Umstand hin,
dass Filme literarischen Charaktere Leben einhauchen können, und die plastische Darstellung
der Figuren ein besseres Verständnis des Romans ermöglichen können. Er kommt zu dem
Schluss, dass eine dynamische Wechselbeziehung zwischen Film und Literatur herrsche. Das
Kino beeinflusse die Literatur ebenso innovativ und produktiv, wie umgekehrt. Alquadi
zufolge bestehe die Aufgabe einer filmischen Adaption nicht darin, ein literarisches Werk 1:1
wiederzugeben, sondern die filmischen Mittel effektiv zu nutzen, um die literarische
Erzählung in ein audiovisuelles Kontinuum zu transponieren.39

4.1 Vergleich vom Roman „Rauschen im Kopf“ und dessen filmischer Adaption
In Anbetracht der behandelten theoretischen Ansätze, möchte ich keine Wertung zwischen
Roman und Film anstellen, sondern beide als gleichwertige, zeichenschaffende Systeme, im
Sinne der strukturalistischen Semiotik, interpretieren.40
Dennoch ist es interessant, den Roman und dessen filmische Adaption zu reflektieren. Ich
möchte mich im Folgenden vor allem auf die Darstellungen der weiblichen Charaktere,
insbesondere Leonca, fokussieren. Leonca ist für mich insofern am Interessantesten, weil sie
die intimste Beziehung zu Keber hat und eine Schlüßelfigur des Romans darstellt. Ich möchte
deswegen der Frage der Darstellung von expliziter, körperlicher Gewalt anhand von
Beispielen im Roman nachgehen und im Anschluss die Frage der häuslichen Gewalt in einen
37
Vgl. ALQADI, K. (2015): Literature and Cinema. In: International Journal of Language and Literature, Vol
3, Nr. 1, S.42
38
STAM, R., RAENGO, A. (Hrsg.) (2005): Literature and Film. A Guide to the Theory and Practice of Film
Adaptation. Oxford: Blackwell Publishing, S.8
39
Vgl. ALQADI, K. (2015): Literature and Cinema. In: International Journal of Language and Literature, Vol
3, Nr. 1, S.48
40
Vgl. STAM, R., RAENGO, A. (Hrsg.) (2005): Literature and Film. A Guide to the Theory and Practice of
Film Adaptation. Oxford: Blackwell Publishing, S.8
16
soziokulturellen Kontext setzen und empirische Daten bezüglich Slowenien in Betracht
ziehen.

4.2 Darstellung von weiblichen Charakteren im Roman und Film


Im Roman und Film erscheinen drei wichtige weibliche Figuren, die bereits im Kapitel 2.1.1.
vorgestellt werden. Es handelt sich hierbei um Kebers romantische Partnerinnen, einerseits
Leonca und andererseits Maša und Katharina. Bereits auf Seite 10 treten die Figuren erstmals
in Erscheinung:
„Trotzdem kam dann noch diese oder jene Bemerkung zu Leonca oder zu den zwei
Frauen aus Odessa“41
Wie eingangs im Kapitel 2.1.1. erwähnt wird, handelt es sich bei den Beziehungen zu Maša
und Katharina einerseits und zu Leonca auf der anderen Seite, um völlig unterschiedliche
Verhältnisse. Während Keber ein sehr lockeres, geschäftliches Verhältnis zu den beiden
Prostituierten aus Odessa unterhält, hat er im Unterschied dazu eine emotional intensivere und
intimere Beziehung zu Leonca. Diese Beziehung zu Leonca gestaltet sich in logischer
Konsequenz komplexer und birgt ein hohes Konfliktpotenzial, da Leonca und Keber
diametral verschiedene Moralvorstellungen innehalten.42
Ich persönlich hatte den Eindruck, dass vor allem im Roman die weiblichen Charaktere mit
deutlich mehr Tiefgang beschrieben werden und ihre Persönlichkeiten nuanciert zur Geltung
kommen. Im Film wird zwar die Beziehung zu Leonca auch stark thematisiert, aber die
filmische Umsetzung ihrer Figur wirkte auf mich sehr eindimensional. Bei der Lektüre des
Romans, begegnete mir Leonca als eine intelligente und leidenschaftliche Frau, die von Liebe
und Leidenschaft geblendet, in eine toxische Beziehung zu Keber gerät. Trotzdem erschien
sie mir als eine starke Frau mit Eigeninitiative, währenddessen dies in Košaks filmischer
Adaption nicht wirklich zur Geltung kommt.

4.3 Darstellung von explizit körperlicher Gewalt an Frauen im Roman und Film
Eine explizite Gewaltszene im Roman finden wir auf Seite 171. Keber streitet mit Leonca und
wird handgreiflich. Er beschreibt die Szene folgendermaßen:

41
JANČAR, D. (1999): Rauschen im Kopf. Wien: Paul Zsolnay Verlag, S.10
42
Vgl. GRAF, A. (2002): Traum von der Freiheit – Rauschen im Kopf. Zu Drago Jančars Roman „Zvenenje v
glavi.“ In: JEKUTSCH, U., STELTNER, U. (Hrsg.): Slavica litteraria. Festschrift für Gerhard Giesemann
zum 65. Geburtstag. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, S.232f
17
„Das zweite Mal sagte ich: Doch nicht wieder? Sie nickte. Wegen Odessa hat sie mich
verraten. Sie zeigte mich an wegen der Post, wegen dem Kleingeld. Das war ihre
Klugheit. Damit ich lerne. Und der Kruzifixus wird mir helfen. Und sie wird an mich
denken. Ich riss ihr die Kleider herunter, ich stieß sie mit dem Kopf gegen die Wand.
Vertrauen, sagte ich und stieß sie, auf Vertrauen gründet die Welt. Weh, dem, der kein
Daheim hat.“43
Eine weitere heftige Gewaltszene, die die vorherige an expliziter Brutalität übertrifft, ist die
Folgende:
„Du bist doch nicht etwa betrunken, sagte sie. […] Ich nahm ihr das Heft aus der
Hand, ich stieß sie an die Wand mit dieser Aufschrift. […] Das hätte sie nicht sagen
dürfen, ich klatschte ihr eine mit dem Handrücken, gar nicht so stark, nur ihr Kopf
ruckte ein wenig zur Seite. […]Ich packte sie an den Haaren und drückte ihren Kopf
zur Wand. […] Ich stieß sie zur Wand, ich stieß sie aufs Bett. […] Zieh dich aus, sagte
ich. Nein, sagte sie. […] Ich stieß sie gegen die Wand, sie schlug mit dem Kopf an,
und auf der Wand blieb ein roter Fleck zurück.“44
Auf Seite 239 versucht Keber Rechenschaft hinsichtlich seiner gewalttätigen Ausschreitungen
gegenüber Leonca abzulegen:
„Ich habe sie gegen die Wand gedrückt, weil ich sie, wie soll ich sagen, liebte, ich
hatte sie gern wie niemand zuvor.“ 45
Diese Szenen werden auch im Film sehr explizit gezeigt. Die Gewalt an Leonca wird nicht
nur angedeutet oder verschwiegen, sondern klar gezeigt. Kebers Rechtfertigung seiner
körperlichen Aggressionen gegenüber Leonca, ist seine tiefe Liebe zu ihr. Dies klingt zynisch
und ironisch und zählte für mich persönlich zu den schwierigsten Stellen des Romans.
Dieser Sachverhalt der häuslichen Gewalt, oder Gewalt innerhalb intimer Beziehungen ist
jedoch realitätsnah laut den empirischen Daten der entsprechenden Forschungsliteratur.46
Dass die Gewalt an Frauen, insbesondere in romantischen Beziehungen in dieser Form im
Roman und Film thematisiert wird, lässt die Frage zu, wie es sich diesbezüglich in der

43
JANČAR, D. (1999): Rauschen im Kopf. Wien: Paul Zsolnay Verlag, S.171
44
JANČAR, D. (1999): Rauschen im Kopf. Wien: Paul Zsolnay Verlag, S.204.
45
Ebd., S.239.
46
Vgl. MEDARIĆ, Z. (2011): Domestic Violence against Women in Slovenia: A Public Problem?. In: Revija
za socijalnu politiku, Vol.18, Nr.1, 25-45.
18
slowenischen Gesellschaft verhält. Medarić verfasst zu dieser Thematik einen
aufschlussreichen Artikel und reflektiert die häusliche Gewalt an Frauen in Slowenien.47
Sie konkludiert, dass häusliche Gewalt an Frauen ein omnipräsentes Problem in Slowenien
darstellt und die Bevölkerung ein gespaltenes Verhältnis dazu hat. Einerseits offenbaren die
Ergebnisse ihrer empirischen Daten, dass sich die Bevölkerung über die Gewalt an Frauen als
ein soziales Problem im Klaren ist. Andererseits wird manifestiert sich aufgrund der
statistischen Daten auch eine große Toleranz und Nonchalance diesbezüglich und der Glaube,
dass gewisse Formen der Misshandlung eine private Angelegenheit seien. Medarić bringt es
in ihrem Schlusswort auf den Punkt:48
„The above mentioned social acceptance of violence against women to some extent
reflects structurally grounded gender relations and inequalities that, despite being
questioned and problematized, are still deeply rooted in our societies.
Institutionally and culturally supported, they contribute to the acceptance of violence
against women and its reproduction.“49

5 Schlusswort
In der vorliegenden, wissenschaftlichen Arbeit wurde Drago Jančars Roman „Rauschen im
Kopf“ reflektiert und erläutert. Dabei konzentrierte ich mich eingangs mit Drago Jančars
persönlichem und beruflichem Werdegang und seinem literarischen Schaffen.
Im zweiten Kapitel gehe ich auf die Handlung des Romans „Rauschen im Kopf“ ein und
skizziere die wichtigsten Charaktere der Erzählung. Außerdem wird auf die zentrale
Handlung eingegangen und die wichtigen Themen des Romans etabliert.
Im Anschluss wurden Grundlagen des slowenischen Kinos generell skizziert und der damit
verbundene soziohistorische Hintergrund kontextualisiert. Dabei wurde die Entwicklung der
slowenischen Filmgeschichte erläutert und vor allem das slowenische Kino nach der
Verkündung der slowenischen Unabhängigkeit im Jahre 1991 beleuchtet. Dabei wird die Ära
des „Slowenischen Frühlings“ beschrieben und dessen Charakteristika diskutiert.

47
Vgl. Ebd., S.41
48
Vgl. MEDARIĆ, Z. (2011): Domestic Violence against Women in Slovenia: A Public Problem?. In: Revija
za socijalnu politiku, Vol.18, Nr.1, S.41
49
Ebd., S.41
19
Ein spannender Aspekt dieses Kapitels, war für mich persönlich die Erkenntnis, dass Andrej
Košaks filmische Adaption von „Rauschen im Kopf“ atypisch für diese Ära war, da die
meisten Regisseure dieser Zeit literarische Adaptionen mieden. 50
Erst durch die wissenschaftliche Recherche zu den filmhistorischen und soziokulturellen
Hintergründen des Romans und der filmischen Adaption, erhielt ich einen tieferes
Verständnis der feineren Nuancen der Handlung und Charaktere.
Im Kapitel zur filmischen Adaption von Literatur wurden die theoretischen Ansätze, die in
der kulturwissenschaftlichen Forschung gelten, besprochen. Dabei wurde die Rolle von
Literatur und Film erläutert und die diesbezügliche Hierarchie reflektiert. Persönlich war für
mich die Erkenntnis wichtig, dass man von einer symbiotischen Beziehung zwischen Film
und Literatur sprechen kann, die sich gegenseitig innovativ beeinflussen können.51
Anschließend wurde ein Vergleich vom Roman und Film angestellt, wo ich mich vor allem
auf die Darstellung der Rollen der Frauen und die Darstellung von Gewalt im Roman und
Film fokussiert habe. Ich habe mich für diesen Aspekt entschieden, weil ich im Laufe des
Seminars festgestellt, habe, dass in vielen von den behandelten Filmen, wie zum Beispiel
Slovenka (2009)52 oder Hahnenfrühstück (2007)53, immer wieder Gewalt an Frauen filmisch
inszeniert und thematisiert wird. Daher fand ich es lohnenswert, diese Fragestellung in Bezug
auf den Roman und Film „Rauschen im Kopf“ zu applizieren.
Wie werden die weiblichen Charaktere im Film und im Roman dargestellt? Welche
allgemeinen Rückschlüsse lassen sich auf die slowenische Gesellschaft ziehen? Diese Fragen
werden in Kapitel 4.2. und 4.3. behandelt.
Die Auseinandersetzung mit sowohl dem Roman, als auch Košaks filmischer Adaption von
Rauschen im Kopf war eine wertvolle und lehrreiche Lektion in der kulturhistorischen
Geschichte Sloweniens und hat mein Bewusstsein bezüglich der filmischen Umsetzung von
Literatur verschärft.
Durch das Seminar wurde ich sensibilisiert auf den Reichtum und Einzigartigkeit des
slowenischen Kinos, wie auch auf die wichtigsten slowenischen Literaten der jüngeren

50
Vgl. SZIJARTO, I. (2008): Literary Adaptations in Post-Communist Eastern and Central European Cinema.
In: PETHÖ, A. (Hrsg.): Words and Images on the Screen. Language, Literature and Moving Pictures.
Newcastle upon Tyne: Cambridge Scholars Publishing, S.24f
51
Vgl. ALQADI, K. (2015): Literature and Cinema. In: International Journal of Language and Literature, Vol
3, Nr. 1, S.48
52
Vgl. https://cineuropa.org/film/113524/ [Stand 2019-03-29]
53
Vgl. https://www.artechock.de/film/text/kritik/r/robrea.htm [Stand 2019-03-29]
20
Zeitgeschichte. Mit meinem jetzigen Verständnis werde ich sowohl die literarischen und
filmischen Werke Sloweniens gespannt weiterverfolgen.

21
Literaturverzeichnis
ALQADI, K. (2015): Literature and Cinema. In: International Journal of Language and
Literature, Vol 3, Nr. 1, 42-48.
GRAF, A. (2002): Traum von der Freiheit – Rauschen im Kopf. Zu Drago Jančars Roman
„Zvenenje v glavi.“ In: JEKUTSCH, U., STELTNER, U. (Hrsg.): Slavica litteraria.
Festschrift für Gerhard Giesemann zum 65. Geburtstag. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag,
227-237.
JAKIŠA, M., GILIĆ, N. (Hrsg.) (2015): Partisans in Yugoslavia. Literature, Film and Visual
Culture. Bielefeld: Transcript Verlag.
JANČAR, D. (1999): Rauschen im Kopf. Wien: Paul Zsolnay Verlag.
MEDARIĆ, Z. (2011): Domestic Violence against Women in Slovenia: A Public Problem?.
In: Revija za socijalnu politiku, Vol.18, Nr.1, 25-45.
STAM, R., RAENGO, A. (Hrsg.) (2005): Literature and Film. A Guide to the Theory and
Practice of Film Adaptation. Oxford: Blackwell Publishing.
STANKOVIĆ, P. (2012): A Small Cinema from the other Side of the Alps: A Historical
Overview of Slovenian Films. In: Film History, Vol. 24, Nr.1, 35-55.
SZIJARTO, I. (2008): Literary Adaptations in Post-Communist Eastern and Central
European Cinema. In: PETHÖ, A. (Hrsg.): Words and Images on the Screen. Language,
Literature and Moving Pictures. Newcastle upon Tyne: Cambridge Scholars Publishing, 16-
27.

Internetquellen:

https://www.film-center.si/en/film-in-slovenia/films/111/headnoise/ [Stand 2019-03-22]

http://www.ukom.gov.si/fileadmin/ukom.gov.si/pageuploads/Sinfo/2007-maj.pdf

[Stand 2019-03-22]

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/rezension-belletristik-
hartnaeckig-kratzt-die-gabel-11314322-p2.html [Stand 2019-03-22]

http://literaturfestival.com/autoren-en/autoren-2010-en/drago-jancar [Stand 2019-03-21]

https://www.irishtimes.com/culture/we-need-a-memory-of-everything-1.1034678

22
[Stand 2019-03-25]

https://www.culture.si/en/A_Short_Historical_Overview_of_Slovene_Film#The_Beginnings
[Stand 2019-03-29]

https://cineuropa.org/film/113524/

[Stand 2019-03-29]

https://www.artechock.de/film/text/kritik/r/robrea.htm

Weitere Quellen:

Zvenenje v glavi. Regie: KOŠAK, A. SI 2002.

23
6 Eidesstattliche Erklärung im Rahmen von schriftlichen Arbeiten

24