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KARIN WILHELM WALTER GROPIUS .

INDUSTRIEARCHITEKT
SCHRIFTEN ZUR
ARCHITEKTURGESCHICHTE
UND ARCHITEKTURTHEORIE
HERAUSGEGEBEN
VOM DEUTSCHEN
ARCHITEKTURMUSEUM

DEUTSCHES ARCHITEKTURMUSEUM
KARIN WILHELM

WALTER
GROPIUS
INDUSTRIE
ARCHITEKT

Friedr. Vieweg & Sohn BraunschweiglWiesbaden


CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek

Wilhe1m, Karin:
Walter Gropius, Industriearchitekt / Karin Wilhe1m. -
Braunschweig; Wiesbaden: Vieweg, 1983.
(Schriften zur Architekturgeschichte und
Architekturtheorie )
ISBN 978-3-528-08690-9 ISBN 978-3-322-93810-7 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-322-93810-7
NE: Gropius, Walter [111.]

Gedruckt mit Unterstützung


des Kulturdezernats der Stadt Frankfurt am Main
Die vorliegende Arbeit lag in etwas breiterer Fassung
als kunstgeschichtliche Dissertation
an der Philipps-Universität Marburg vor.
Alle Rechte vorbehalten
© Friedr. Vieweg & Sohn Verlagsgesellschaft mbH
Braunschweig/Wiesbaden 1983
Einbandgestaltung: Peter Neitzke, Köln
Lithographie: C. W. Niemeyer, Hameln
Satz: R. E. Schulz, Dreieich
Inhalt

9 Vorwort
11 Einleitung
15 Historismus, Werkbund, Funktionalismus. Die Industriebauten
von Walter Gropius und ihr kulturhistorisches Umfeld

Kunst und Technik. Genese und Lösungsversuche eines architektur-


historischen Problems
,Die künstlerische Gestaltung der Industriebauten'
Die Bauaufgabe
17 Der Industriebau 1907-1930 im Spiegel der Kritik
21 Die Krise der ,Architektur als Kunst'. Der Konflikt im Deutschen Kunstgewerbe
und die Gründung des Deutschen Werkbundes 1907
23 Architekt und Ingenieur. Die Personalisierung des Widerspruchs von Kunst und Technik
Die theoretischen Schriften von Walter Gropius 1910-1?14
26 Wahrheit der Form - Formung der Wahrheit. Das Werkbundmitglied Walter Gropius
contra Historismus
27 Vom Ende der Kunst vor der Wissenschaft. G. W. F. Hege!
29 Der Einfluß der Naturwissenschaften auf den Kunstbegriff
30 Von der Philosophie der Kunst zur Kunstgeschichte. Alois Riegl
33 Von der diachronischen zur synchronischen Kunstbetrachtung. Walter Benjamin
35 Die Industrie als Träger des Kunstwollens. Walter Gropius' Entwicklung eines
authentischen Stils
36 Der Mensch als Subjekt der Raumgestaltung. August Schmarsow und Heinrich Wölfflin
38 Walter Gropius' Raumkonzept: Subjekt der Raumgestaltung - die zweite Natur,
die Technik
39 Zusammenfassung

41 Walter Gropius' Industriebauten


Das ,Fagus-Werk Karl Benscheidt' in Alfe!d a.d. Leine 1910-1925
Baugeschichte
49 Bauanalyse
Zeitablauf - Bewegung - Asymmetrie. Der Grundriß
50 Der Einfluß von Peter Behrens und der AEG-Turbinenhalle. Der Aufriß
55 Antithetische Architektur. Analyse eines Gestaltungskonzepts
59 Glasarchitektur: Zum Verhältnis von Architektur und Gesellschaft
Der utopische Entwurf
61 Die Anfänge
62 Die curtain wall: eine demokratische Architekturform
65 Das Problem der Anschaulichkeit
66 ,Büro und Fabrik' auf der Deutschen Werkbund-Ausstellung, Köln 1914
Baugeschichte
Vorgeschichte: Internationale Baufach -Ausstellung, Leipzig 1913
Die Entstehung der Deutschen Werkbund-Ausstellung, Köln 1914

5
68 Der Lageplan von Carl Rehorst
70 Das Urteil der Presse
71 Die Gropius-Bauten
79 Bauanalyse
Synthese von Kunst und Technik. Der Grundriß
81 Symmetrie - ein Repräsentationsprogramm
82 Vereinheitlichung als Gesamtkonzept. Der Aufriß
84 Die geronnene Synthese. Der Ausstellungspavillon der ,Gasmotorenfabrik Deutz'
86 Der Einfluß Frank Lloyd Wrights
Der Umbruch 1918/1919
88 Das ,Volk' als Träger des Kunstwöllens. Von der Handwerksbegeisterung zu ,Kunst und
Technik eine neue Einheit'
91 Der Einfluß des ,Stijl'
93 Die Verwissenschaftlichung der Architektur
95 Das Projekt zum Verwaltungsgebäude für Adolf Sommerfeld in Berlin 1920/1922
Baugeschichte
97 Bauanalyse: Tradition und Neubeginn
100 Das Lager- und Ausstellungsgebäude der Landmaschinenfabrik ,Gebr. Kappe & Co.'
in Alfeld a.d. Leine 1922
102 Der Wettbewerbsentwurf ftir ein Verwaltungsgebäude der ,Chicago Tribune' 1922
Der Wettbewerb: ,A 100000 Dollar Competition'
107 Das Fabrikationsgebäude für die ,Hannoversche Papierfabriken'
in Alfeld a.d. Leine 1923/1924
Baugeschichte
Das Fabrikationsgebäude ,August Müller & Co.' in Kirchbrak 1925/1926
Baugeschichte
112 Vom Wettbewerbsentwurf ftir die ,Chicago Tribune' 1922 zum Fabrikationsgebäude
,August Müller & Co.' 1925: Varianten der Einheit von Kunst und Technik
116 Monumentale Kunst und Industriebau. Vortrag von Walter Gropius aus dem Jahre 1911

121 Anmerkungen

161 Bildteil

281 Anhang

Das Bauatelier und seine Mitarbeiter


Zur Person Walter Gropius
285 Werkverzeichnis von 1934
286 Biografien der Mitarbeiter
Adolf Meyer
290 Carl Fieger
291 Fred Forbat
292 Fritz Kaldenbach
293 Ernst Neufert
294 Karl Schneider

6
295 Baubeschreibungen
Vorbemerkung
,Fagus-Werk Karl Benscheidt'
Lageplan und Grundriß. Zustand: Erste Bauphase
296 ,Büro und Fabrik' auf der Deutschen Werkbund-Ausstellung
Das Bürogebäude: Grundriß
297 Aufriß
Die Garagen
Die Maschinenhalle
298 Der Ausstellungspavillon der ,Gasmotoren-Fabrik Deutz'
299 Hermann Haller
Bernhard Hoetger
Georg Kolbe
Moissey Kogan
Gerhard Marcks
300 Lager- und Ausstellungsgebäude ,Gebr. Kappe & Co.' in Alfe1d a.d. Leine
Grundriß
Aufriß
301 ,August Müller & Co.', Kirchbrak
Lageplan und Grundriß
Aufriß

302 Anmerkungen zum Anhang

305 Quellen- und Literaturverzeichnis

314 Abbildungsverzeichnis (Nachweise)

7
Für Else und Johann

8
Erinnere Dich an den Eindruck guter Ar-
chitektur, daß sie einen Gedanken aus-
drückt. Man möchte auch ihr mit einer
Geste folgen.
Ludwig Wittgenstein

Vorwort

"Die Bauten der Arbeit (. .. ) im Werk von Walter daß Walter Gropius weit mehr Industrieanlagen
Gropius (. .. ) treten eher sporadisch auf, was eine gebaut hat, als bisher bekannt war, ja, daß diesem
Folge der Zeit und der Umstände ist." Bereich in seiner Architektur größere Kontinuität
Knapp dreißig Jahre sind ins Land gegangen, seit zuzuschreiben ist, als Giedion glauben wollte.
Siegfried Giedion mit diesen Worten das Kapitel Schließlich mußte noch ein Indiz aufmerksam wer-
Industriebau im fruvre seines Architektenfreun- den lassen. Gropius hat Zeit seines Lebens rege
des als episodisch klassifiziert hat. Und obwohl die publiziert, wobei die Aufsätze vor 1914 überhaupt
Gropiusforschung seitdem weltweit immer neue nur ein Thema haben: den Industriebau und den
und vollständigere Werkverzeichnisse vorlegte, blieb Einfluß der industriellen Produktionsweise auf die
Giedions Verdikt unangefochten, ja scheint sich künstlerische Arbeit; das Fagus-Werk war also nicht
unverrückbar zwischen den Industriebaumeister bloß ein zufälliger Erstauftrag, sondern Ausdruck
und seine Exegeten geschoben zu haben. Zu sehr jener konzeptionellen Bedeutung, die der Industrie-
hatte sich das Linsensystem der Forschung auf bau für den jungen Gropius so offensichtlich
einen Punkt verengt, auf jene lange als Erstlings- gehabt hat. Es galt demnach zweierlei auf die
werk geltende Fagus-Fabrik, die Gropius' Ruf als Spur zu kommen: zum einen den projektierten
modernen Architekten begründete. Ihr Glanz - und ausgeführten Fabrik- und Verwaltungsbauten,
sieht man einmal von der Kölner Werkbundfabrik die dem Fagus-Werk vorangegangen und gefolgt
ab - begann alles Folgende zu überstrahlen und sind, zum anderen Begründungen zu finden für je-
verurteilte andere Fabrikbauten des Architekten zu ne augenfällige Bevorzugung der Bauaufgabe In-
einem Schattendasein, schlimmer noch, gab sie dustriebau in Gropius' theoretischen Äußerungen
dem Vergessen anheim. bis 1914, bzw. nach Erklärungen zu suchen für die
Nun ist Gropius an dieser Entwicklung nicht ganz Modifizierung dieser Haltung ins Gebiet industriel-
schuldlos gewesen, denn in der Tat war dem gerade ler Fertigungstechniken nach 1920.
Dreißigjährigen mit dem Fagus-Werk ein Meister- Dieses Unternehmen konnte nur durch vielfältige
stück gelungen, das in seiner Qualität wohl erst Unterstützung gelingen. Mein Dank gilt deshalb
vom Bauhaus-Gebäude erreicht und vielleicht über- vielen Einzelpersonen und Institutionen:
troffen wurde. Als man daran ging, sein Gesamtwerk Herrn Professor Norbert Huse (München), der
auf jene Artefakte zu reduzieren, die eine relativ mich. vor Jahren für dieses Thema interessierte;
ungebrochene Entwicklung zu dem repräsentier- Herrn Professor Tilmann Buddensieg (Berlin/
ten, was später ,Bauhaus-Stil' genannt werden soll- Bonn), der meine Anstrengungen immer unter-
te, blieben Gropius' Korrekturen eher vage. Zwar stützt und sich dafür eingesetzt hat, daß diese
wehrte er sich gegen jenes Begriffsklischee, ließ je- Arbeit im Rahmen der Graduiertenförderung von
doch zu, daß sein Name mit der Institution Bau- der Freien Universität Berlin unterstützt wurde.
haus in fast synonyme Verbindung gebracht wur- Mein Dank gilt ganz besonders Herrn Professor
de. Heinrich Klotz.
Daß dabei so manches, vielleicht auch Ungeliebtes, Daß dieses Buch derart umfangreich werden konn-
unter den Tisch fiel, wissen wir aus zwei Quellen: te, verdanke ich der Förderung durch das Deutsche
einem fruvreverzeichnis, das Gropius kurz vor sei- Architekturmuseum in Frankfurt am Main - hier
ner Emigration verfaßt und Heinrich Klotz in den hat Volker Fischer erste Korrekturen vorgenom-
sechziger Jahren publiziert hat; und dem privaten men - sowie Peter Neitzke vom Verlag, der mit
Fotoarchiv von Gropius, das erst kürzlich ins Bau- verständiger Kritik beratend zur Seite stand. Das
haus-Archiv nach Berlin gelangte. Beide belegen, Material hätte aber so umfangreich nicht ausgebrei-

9
tet werden können, wäre mir nicht die Unterstüt- bei meinen Nachforschungen weiterhalfen, mir,
zung der im Text behandelten Firmen gewiß wie Roland Werner, Material zur Verfügung stellten
gewesen, die mir bereitwillig Zutritt zu ihren oder in Korrespondenzen Unstimmigkeiten aus-
Werkanlagen und Archiven gestatteten. räumen halfen.
Atmosphärische Eindrücke der Jahre um 1920 ga- Jeder, dem der Schreibtisch zum Arbeitsplatz ge-
ben mir Frau Hanna Seiler und vor allem der lang- worden ist, weiß, daß es eines besonderen Klimas
jährige Gropius-Mitarbeiter Ernst Neufert. Beide bedarf, um die literarischen und dokumentarischen
schenkten mir freundlicherweise einige Stunden Funde im eigenen Arbeitsprozeß zu einem neuen
ihrer Zeit für einen Ausflug in die Vergangenheit. Ganzen zu verbinden. Dazu braucht man Ruhe und
Den materialen Stoff ihres Erinnerungsvermögens Verständnis in der unmittelbaren Umgebung, kriti-
verschafften mir die Bauämter in Alfeld, Holz- schen Kommentar und manch andere Handreichung.
minden und Berlin-Steglitz. Vor allem den Alfel- Aber ebenso, wie über die gesellschaftlich notwen-
der Mitarbeitern sei gedankt, die den Fotografen dige Reproduktion im Haushalt als ,Nur-Haus-
vom Bildarchiv Foto Marburg und mir geduldig frauen-Arbeit' üblicherweise geschwiegen wird, gel-
Bauakte um Bauakte heranschleppten, wodurch die ten auch die kleinen und großen Hilfeleistungen
Planungsunterlagen, was das Fagus-Werk betrifft, bei der Abfassung einer derart umfangreichen
nun erstmals fast vollständig fotografisch festge- Publikation offenbar als nicht erwähnenswert. Ich
halten werden konnten. halte das für falsch; deshalb will ich auch jenen
Die eigentliche historische Aufarbeitung erfolgte danken, die mir mit Freundlichkeit und Langmut
in mehreren Archiven der Bundesrepublik und behilflich waren, also meinen Verwandten, den
Berlin (West), wobei die Hilfe des Bauhaus-Archivs Freunden Elisabeth, Gerhard und Johann, schließ-
in Berlin durch dessen Direktor Hans M. Wingler lich seien auch Freneli und Maple leaf genannt, die
sowie seine Mitarbeiter Hans Werner Klünner und alle, je auf ihre Art, diese Arbeit unterstützt haben.
Christian Wolsdorff am ertragreichsten ausfiel.
Zum Schluß möchte ich noch all jenen danken,
die mir, wie Eva Korazija in Zürich, durch Hinweise Berlin, im November 1982 Karin Wilhelm

10
Einleitung

Die Literatur zu Walter Gropius ist immens und sich Gropius' selbstverfaßtes Werkverzeichnis von
vielfältig, die Bibliographie der Schriften von Gro- 1934 mit der ,Stärkefabrik Kleffel' aus den Jahren
pius und vor allem über ihn, die W. B. O'Nea11966 1913/14, dem ,Speicher Pontkowo in Posen', eben-
und 1972 in zwei umfassenden Konvoluten heraus- falls 1913/14, den ,Hannoverschen Papierfabriken'
gegeben hat! , legt davon beredtes Zeugnis ab. Das in Alfeld a. d. Leine 1924, dem ,Gebr. Kappe Spei-
Interesse der Autoren für Walter Gropius ist aber chergebäude 1924/2 5', dem ,Müller, Kirchbraak,
vornehmlich dem Bauhausdirektor zugewandt ge- Fabrikgebäude 1926', dem ,Arbeitsamt Dessau
wesen, seiner Arbeit als Pädagoge und seinen Bau- 1927/28' und dem ,Adlerwerke Frankfurt, Fabrik-
ten in den zwanziger Jahren. Selbstverständlich umbau 1932'. Jedoch fehlen die beiden Verwal-
sind in den monographischen Darstellungen 2 die tungsbauentwürfe für Adolf Sommerfeld und die
Vorkriegsarbeiten aufgenommen, das Fagus-Werk, Chicago Tribune. Wenn man den problematischen
die Werkbundfabrik auf der Deutschen Werkbund Posten Adlerwerke, Frankfurt/M. mitberücksich-
Ausstellung in Köln 1914, oder die Möbelentwürfe tigt, hätte Walter Gropius in den gut zwanzig Jah-
für die Berliner Familie Mendel. Es fehlt auch der ren seiner Tätigkeit als selbständiger Architekt in
Chicago Tribune-Entwurf aus dem Jahre 1922 Deutschland also elf Fabrik- und Verwaltungsge-
nicht, aber allgemein herrschte Giedions Ansicht: bäude ausgeführt oder geplant, also durchschnitt-
"Die Bauten der Arbeit weisen im Werk von Walter lich in jedem zweiten Jahr eines. Schon dies recht-
Gropius nicht jene kontinuierliche Entwicklung auf fertigt eine eingehende Betrachtung. Von diesen
wie etwa die Schulen oder die Strukturänderungen Bauten sind in der Literatur verstreut sechs aufzu-
der Stadt. Sie treten eher sporadisch auf, was eine findens : das Fagus-Werk und die Werkbundfabrik
Folge der Zeit und der Umstände ist."3 natürlich, das Verwaltungsgebäude für Adolf Som-
Trotz der Werkverzeichnisse, die man bei Giedion, merfeld, der Chicago Tribune-Entwurf, das Gebäu-
Argan oder Busignani4 findet und in denen ent- de der Landmaschinenfabrik Gebr. Kappe & Co.
schieden mehr Industriebauten von Gropius ange- sowie das bekannte Arbeitsamt in Dessau. Ober das
geben sind - am ausführlichsten bei Giulio Carlo Gebäude der Stärkefabrik Kleffel in Dramburg/
Argan, Hans Maria Wingler und Heinrich KlotzS -. Pommern (Abb. 203), und den Speicher Pontkowo
ist die Auffassung, daß die Industriebauten keiner (Abb. 201, 202) in Posen ist bei Abfassung dieser
eigenständigen Darstellung bedürften, offenbar lan- Arbeit aus dem Gropius-Nachlaß des Bauhaus-Ar-
ge gültig geblieben, zumal die beiden Fabrik- und chivs nicht Genaues zu ermitteln gewesen, und
Bürohäuser der Vorkriegszeit in ihrer Qualität ein- Nachforschungen vor Ort sind im Rahmen dieser
zigartig dazustehen schienen. So fehlt in keiner mo- Untersuchung unmöglich geblieben. Allerdings le-
dernen Architekturgeschichte das Fagus-Werk, wel- gen nun die Fotografien aus der Privatkartei von
ches mit seiner richtungsweisenden Formensprache Gropius Zeugnis vom klassizistischen Gepräge die-
die Tätigkeit des Industriearchitekten weitgehend ser beiden Vorkriegsarbeiten ab und damit vom
abdeckte. 6 Aber selbst bei diesem Bau gibt es Lük- Traditionszusammenhang des Gropius-Ckuvres vor
ken zu füllen, trotz der verdienstvollen Werkmono- 1918/19. Anders verhält es sich bei den Bauten, die
graphie Helmut Webers. 7 Und die sogenannte Werk- auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland
bundfabrik erscheint beinahe wie die schöne Unbe- liegen: das Gebäude der Firma Gebr. Kappe & Co.,
kannte, von der man spricht, aber keiner genau das der Hannoversche Papierfabriken Alfeld-Gro-
weiß, wie sie wirklich aussieht. (Das hat sich seit nau vorm Gebr. Woge und das der Firma August
der übergabe - leider erst nach Fertigstellung die- Müller & Co. sind nach wie vor erhalten, wenn sie
ser Arbeit - des wohlgehüteten Gropiusschen pri- auch verändert wurden, die Papierfabrik bis zur
vaten Fotoarchivs geändert. Von den bislang völlig Unkenntlichkeit. Der Fabrikumbau der ,Adlerwer-
unbekannten Innenausmalungen kann man sich auf ke Frankfurt' ist offenbar nicht über das Planungs-
Grund dieser Abbildungen jetzt zumindest einen stadium hinausgekommen. Herr Konsul Erwin Kle-
Eindruck verschaffen.) Am vollständigsten liest yer, der Sohn des Fabrikgründers der Adlerwerke,

11
teilte mir dazu mit, "daß Gropius im Jahre 1932 licht sehen. Hinzu kommt, daß eine Bedingung
für die Adlerwerke keinen Neubau errichtete, son- ganz eigener Art dem Industriearchitekten Gropius
dern lediglich eine Neukonstruktion der Karrosse- zustatten kam. Bis auf den Sommerfeldentwurf
rie eines Adler-Personenwagens entwarf"9. Weite- und die polnischen Projekte sind alle anderen reali-
res ließ sich aus den Werkunterlagen nicht mehr sierten Industriebauten durch die Familie Ben-
entnehmen. Damit konzentriert sich diese Untersu- scheidt vermittelt gewesen, die entweder in Alfeld
chung also auf folgende Industriebauten: das ,Fa- oder in unmittelbarer Nachbarschaft entstanden, in
gus-Werk Karl Benscheidt', ,Büro und Fabrik' in einem Industriegebiet ganz besonderer Prägung, das
Köln, den Entwurf für ein ,Verwaltungsgebäude sich einem Reisenden 192 5 so präsentierte:
Adolf Sommerfeld' , den Wettbewerbsentwurf für "Wer mit der Eisenbahn von Hannover südwärts
,The Chicago Tribune', das Lager- und Ausstellungs- fährt, dem ist es, als sägte der Zug sich hinein in die
gebäude ,Gebr. Kappe & Co.', die ,Hannoversche schöne, hingebreitete Länderkarte ( ... ) und bald
Papierfabriken' und das Fabrikgebäude der Firma schwebt zwischen huschenden Hecken, tanzenden
,August Müller & Co.' in Kirchbrak, also jene Bau- Baumreihen, roten Dorfdächern, gelben Saatfeldern
ten, die zwischen 1910 und 1925 für die Privatin- Alfeld heran (. .. ). Der erste Eindruck: eine unge-
dustrie geplant wurden. Für die Festlegung des Un- ahnte Welt der Arbeit versteckt sich in diesem ein-
tersuchungszeitraums ergibt sich daraus eine erste zigartigen, lachenden und lockenden Kleinstadt-
Konsequenz. Das Jahr 1910, das gerne als Stichda- idyll.
tum für den Beginn der modernen Architektur ge- Man staunt über all diese Fabriken und gewerbli-
nannt wird 10, bestätigt sich für diesen Untersu- chen Anlagen, die zumeist auf dem linken Leine-
chungsgegenstand, weil Walter Gropius 1910 dem ufer in engster Fühlung mit dem Bahnhof im Laufe
Unternehmer Karl Benscheidt eine Offerte schick- von etwa fünfzig Jahren entstanden sind." (Abb.
teIl und damit die Baugeschichte des Fagus-Werkes 64)
einleitete, die im Jahre 1925 als abgeschlossen gel- Ein wesentlicher Teil der Arbeit muß also der
ten kann. Damit dokumentiert dieser Fabrik- und Geschichte und Rekonstruktion dieser Industrie-
Verwaltungsbaukomplex in seinen einzelnen Bau- bauten gewidmet sein. In ihnen spiegeln sich zu-
phasen die entscheidenden Entwicklungsstufen die- dem die Entwicklungsstufen des Architekten Gro-
ses Architekten und, nicht zu vergessen, seines eng- pius, sie sind ebenso deren Resultate, wie sie Auf-
sten Mitarbeiters Adolf Meyer, der in eben dem schluß geben nicht nur über sein Konzept für Indu-
Jahr das Bauatelier Walter Gropius verläßt und nun striearchitektur, sondern über ein Architekturkon-
eigene Wege geht. Das Jahr 1925 ist auch für Walter zept überhaupt.
Gropius von Bedeutung, das Bauhaus übersiedelt Und damit zum zweiten großen Problemkreis die-
von Weimar nach Dessau, das ,Neue Bauen' stellt ser Betrachtung: Vor 1914 hat sich Gropius aus-
sich hier als gefestigte Architekturbewegung vor. schließlich mit der Industriethematik beschäftigt.
Eine weitere Folge für die vorliegende Darstellung Wie sein Lehrer Peter Behrens oder die Architek-
ist die Beschränkung auf die Industriebauten der ten, Designer und Kulturpolitiker des Deutschen
Privatwirtschaft, also die Auslassung des Arbeits- Werkbundes, hat sich Gropius in den historischen
amtes in Dessau. Hans J oachim Stark hat darauf Zusammenhang der kulturellen Erneuerung ge-
hingewiesen, daß sich "die Bauten der Privatwirt- stellt. Das Thema seiner frühen Schriften ist bereits
schaft im Gegensatz zu den Behördenbauten schon wie das seiner späteren geprägt durch die Auseinan-
frühzeitig von jener Form des Historismus ab- und dersetzung mit dem drohenden Kultur- und Kunst-
der neuen Baugesinnung zuwandten" 12 • Das hat verlust durch die Industrialisierung. Gropius ver-
seine Begründung darin, daß auch die Bauherren, stand sich in seiner Funktion als Architekt zu-
von denen hier die Rede sein wird, Unternehmer- nächst und vor allem als Künstler, seine Tätigkeit
persönlichkeiten waren, die sehr eindeutig ihr als Kunstproduktion. Sein künstlerischer Bezugs-
Selbstverständnis als Unternehmer, als Wirtschafts- rahmen war zu Beginn seiner Arbeit der Klassizis-
führer besonderer Art zum Ausdruck gebracht wis- mus und dessen Rezeption durch Peter Behrens,
sen wollten. Das verbindet Karl Benscheidt mit sein kunsttheoretischer vor allem die Aussagen
Adolf Sommerfeld, und auch der Besitzer der Chi- Alois Riegls. Auf ihn hat sich Gropius, wie vor ihm
cago Tribune wollte seine Vorstellung davon, was schon Behrens, berufen, und vom Begriff des
Architektur sei, im neuen Verwaltungsbau verwirk- Kunstwollens aus entdeckte er die Zusammenhänge

12
seiner Kunst, der Architektur, mit dem Geschehen zuführen. Dies war ihm ein durchaus ernstzuneh-
seiner Zeit. Das historische Problem, dem sich Gro- mendes sozialpolitisches Anliegen. Der sozialen Un-
pius gegenübersah, war das Auseinanderfallen von ruhe durch Kunst beizukommen, bedeutete ihm
Kunst und Technik, Kunst und Industrie, Kunst wohl mehr als soziale Beschwichtigung oder Ver-
und Wissenschaft. Diesen Widerspruchszusammen- schleierung.
hang erstmals bezeichnet zu haben, ist das Ver- Diese Bewunderung für technische Potenzen geht
dienst Hegels und seiner These vom Sinnlichkeits- nach 1919 über in eine beinahe pragmatische An-
verlust, also des Kunstverlusts mit der Durchset- wendungs- und Umsetzungsforderung technisch-
zung rationalistischen Denkens. Damit ist der Pro- wissenschaftlicher Verfahrensweisen, die für die Ar-
blemkreis der modernen Kunst in ihrem Gehalt chitekturproduktion jenen Fortschritt zur Befrei-
umschrieben worden, dem sich kein Kunsttheore- ung ausmachen sollte, den die Maschine zu verspre-
tiker fortan entziehen konnte. Auch der Kunsthi- chen schien. Das wurde zum Gehalt und Problem
storiker Alois Riegl betrachtete dieses Verhältnis des Funktionalismus. Diese Ausformung bestimmte
als Angelpunkt eines zeitgemäßen Kunstbegriffs, al- lange Zeit die Funktionalismusdiskussion der Jahre
lerdings wurde ihm jener Einfluß rationalistischen nach 1968. 16 Es darf aber nicht vergessen werden,
Denkens zum Neubeginn einer neuzeitlichen oder, daß sich Gropius im Bauhaus einen gesellschaftli-
wie er es nannte, ,lebenswahren' Kunst. Das war chen Mikrokosmos schuf, der eine Einheit von
der Impetus des Künstlerarchitekten Walter Gro- Kunst und Technik geradezu ideal-typisch denkbar
pius, eine Architektur zu schaffen, die wahr sein werden ließ. Der Spielraum war hier entschieden
sollte, also wieder Kunst genannt werden konnte. größer als auf dem ,freien Markt', wo der "Archi-
Aus diesem Umfeld speiste sich seine Ablehnung tekt nurmehr selbständiger Unternehmer seiner
der historischen Kunstformen, seine Emphase für künstlerischen Fähigkeiten"17 war, und wohl nicht
Einfachheit und die Hinwendung - hier darf Peter zufällig häufen sich, nachdem Gropius 1928 das
Behrens' leitende Hand nicht ungenannt bleiben - Bauhaus verlassen hat, die nachdenklich-kritischen
zu einem durch die Industrie geprägten Lebens- Töne in seinen Aufsätzen.
raum. Dieser erste Teil, der sich mit den architekturtheo-
Man hat Gropius mehrfach den Vorwurf gemacht 14 , retischen Aussagen von Walter Gropius beschäftigt,
in dieser Nobilitierung der Industrie und der dort entstand zum einen, weil dem Anspruch Gropius'
geleisteten Arbeit dem arbeitenden Individuum ernsthaft Rechnung getragen werden sollte, eine
nicht genügend Achtung oder gar Engagement ent- ,Architektur als Kunst' schaffen zu wollen, und
gegengebracht zu haben. Sein vielzitierter Appell, entwickelte sich andererseits aus dem Bemühen,
einen Industrieadel in den neuen Gebäuden zu er- dem Kunstbegriff von Gropius auf die Spur zu
richten, weil die industrielle Arbeit als gigantisch, kommen. Aus seiner Definition, was ,Architektur
mächtig und imposant erlebt werde, wurden als als Kunst' sei, soll das Untersuchungskriterium für
Verschleierungstaktik und Beschwichtungsmanöver die Analyse seiner Industriebauten gewonnen wer-
interpretiert. Ich werde in meiner Auseinanderset- den. Die gewählte kunstgeschichtliche Methodik
zung mit dem Architekturtheoretiker Gropius - knüpft dabei an die Bestimmung, die Alois Riegl
und diese Bezeichnung mag gestattet sein, auch gab, an: Den "Zusammenhang zwischen bildender
wenn uns Gropius kein wohlgerundetes Bild einer Kunst und Weltanschauung im einzelnen nachzu-
Theorie hinterlassen hat, sondern uns zwingt, Mo- weisen, wäre nun nicht Sache des Kunsthistorikers,
saiksteinchen weitverstreuter Publikationen zusam- sondern diejenige - und zwar die eigentliche Zu-
menzusetzen - diese Passagen nicht ins Zentrum kunftsaufgabe - des vergleichenden Kulturhistori-
stellen, weil sie den Blick auf seinen Kunstbegriff kers. (. .. ) Alle (. .. ) nichtkünstlerischen Kulturge-
durch ihre propagandistische Geste trüben. Nur so- biete spielen nämlich unablässig in die Kunstge-
viel: Der berühmte Satz: "Der Arbeit müssen Paläste schichte hinein, indem sie dem Kunstwerk (das nie-
errichtet werden"15 meint ja ein Abstraktum, eben mals ohne äußeren Zweck ist) die äußere Veranlas-
keinen Unternehmer, aber auch keinen Arbeiter. sung, den Inhalt liefern. Es ist aber klar, daß der
Gropius war unzweideutig fasziniert von den tech- Kunsthistoriker erst dann das stoffliche Motiv und
nischen Möglichkeiten. Er erblickte darin stets ein seine Auffassung in einem bestimmten Kunstwerk
Positives und gedachte die Kunst in den Bereich wird richtig beurteilen können, wenn er die Ein-
der technischen Anwendung, in die Produktion ein- sicht gewonnen hat, in welcher Weise das Wollen,

13
das zu jenem Motiv den Anstoß gegeben hat, mit blemdiskussionen sind, um die Lesbarkeit des
dem Wollen, das die betreffende Figur nach Umriß Haupttextes nicht zu gefährden, in die Anmerkun-
und Farbe so und nicht anders gestaltet hat, iden- gen eingegangen.
tisch ist." 18 Ein dritter Teil beschäftigt sich mit dem Bauatelier
Die Darlegung des Stoffs ist in mehrere Teile unter- Walter Gropius und seinen wichtigsten Mitarbeitern
gliedert: einen ersten, der den kunsttheoretischen an diesen Industriebauten, die in Kurzbiografien
Rahmen des Kunst-Technik-Problems abstecken vorgestellt werden. Es folgen Baubeschreibungen
soll und aus dem die analytischen Kriterien erwach- und Hinweise auf die Bildwerke, die in den Bereich
sen, die sodann in die Analyse der einzelnen Indu- der Werkbundfabrik gehören, so daß dieser Teil wie
striebauten eingehen. Daß an dieser Stelle die ein Katalog gelesen werden kann.
künstlerischen Vorbilder behandelt werden, scheint Es sind, wie bereits angedeutet wurde, Fragen of-
mir selbstverständlich. Es handelt sich dabei vor al- fen geblieben, die bisher nicht zu klären waren.
lem um Peter Behrens und die Turbinenhalle. 19 Vor allem der Gropius-Nachlaß, der sich in den
Im zweiten Teil wird die Baugeschichte der einzel- USA befindet und den Reginald Isaacs publizieren
nen Industrieanlagen mit Hinweisen auf den Hin- will, gäbe sicherlich tiefergehende Auskünfte. Man
tergrund der betrieblichen Entwicklung dargestellt, muß also abwarten, um die verbleibenden Lücken
so wie er sich rekonstruieren ließ. Vertiefende Pro- späterhin schließen zu können.

14
Historismus, Werkbund, Funktionalismus
Die Industriebauten von Walter Gropius
und ihr kulturhistorisches Umfeld

Kunst und Technik.


Genese und Lösungsversuche
eines architekturhistorischen Problems

,Die künstlerische Gestaltung der Industriebauten'2o. Kunstgeschichte zum Stichwort ,Fabrikbau' weiter-
Die Bauaufgabe führt, die Abgrenzung zur "Manufaktur merkantili-
stischer Prägung sowie gegen die meist privilegier-
Die Bauaufgabe, die das Frühwerk von Walter Gro- ten größeren Gewerbebetriebe im Bereich der Lu-
pius prägte und die ihn berühmt machte, war als un- xusgüter- und Textilindustrie nur schwer möglich,
erledigtes Problem der Industrialisierung ins 20. da auch hier bereits im 17. und 18. Jh. in gewissem
Jahrhundert übernommen worden. Es waren die Fa- Umfang mechanisierte und arbeitsteilige Prozesse
brikbauten, die an der Jahrhundertwende zu großen üblich waren". 23
Industrieanlagen sich entwickelten, die aber dem Das "Haus des Schreckens", schreibt Karl Marx, "er-
baukünstlerischen Zugriff entweder entzogen oder hob sich (erst) (. .. ) später als riesiges ,Arbeitshaus'
vollkommen unambitioniert bzw. als historisieren- für die Manufakturarbeiter selbst. Es hieß Fabrik.
de Fassadenbauten gestaltet wurden, wenn sie über- Und diesmal", so fährt er fort, "erblaßte das Ideal
haupt in den Gesichtskreis des Baukünstlers gerie- vor der Wirklichkeit. "24 Die Definition, wie man
ten. sie im Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte
Die erweiterte Anwendung der Maschinerie im 19. findet, nennt deshalb beide Bedingungen, die An-
Jahrhundert hatte erste Bautypen für industrielle wendung der Maschinen wie die Arbeitsteilung:
Arbeit ausgebildet. Diese Fabrik- und Bürohäuser "Fabrikbauten sind Anlagen für Gewerbebetriebe,
erschienen selber als Weiterentwicklunten der histo- die sich durch ihre maschinelle Ausstattung und ar-
rischen Vorläufer Manufaktur und Comptoir 21 , die beitsteilige Organisation von traditionellen Hand-
aus der Integration in den Wohnbereich, wie sie in werksbetrieben unterscheiden ( ... )."25 Die Fabri-
den Handwerksstätten und bürgerlichen Handels- ken, die in der Frühzeit der Industrialisierung in
häusern noch gegeben war, zu autonomen Arbeits- Deutschland entstanden, also zwischen 1780 und
stätten erstmals sich ausgegliedert hatten. Schon 1820, orientierten sich an bereits bestehenden Ar-
früh führte diese Entwicklung zu konkurrenzbeding- beitshäusern der Vergangenheit, etwa' an Zeughäu-
ten Differenzen zwischen Fabrikanten und Zünften, sern oder Magazinen. Oft griff man aber auch auf
die die Staatsmacht veranlaßten, die Fabrik gegen englische Vorbilder in der Art der mehrgeschossi-
den Handwerksbetrieb definitorisch abzugrenzen. gen Manchester-Fabriken zurück, so wie sie Karl
Im VI. Badischen Konstitutionsedikt von 1808 Friedrich Schinkel in seinem ,Englischen Reisetage-
hatte es geheißen: buch' 1826 überliefert hatte; ein Beispiel nur für die
"Unter Fabrik wird ein Gewerbebetrieb verstanden, vielen ihrer Art in England, die z. B. Nikolaus Pevs-
welcher so ins Große geht, daß einzelne Arbeiter ner in seiner ,History of Building Types' abgebildet
nur einzelne Teile eines Gewerbes verrichten, de- hat. 26 Die Baugestalt wurde noch nicht durch pro-
ren von den Gewerbsherren geleistete Zusammen- duktionstechnische überlegungen bestimmt, son-
stimmung dann das ganze vollendet. "22 dern zeigte einfach organisierte Bauten, zumeist
Interessanterweise wurde das Gewicht auf die ar- ohne architektonisches Gepräge.
beitsteilige Arbeitsorganisation gelegt, also auf die Wo repräsentative Bedürfnisse des Fabrikeigners
Auswirkung auf die menschliche Tätigkeit und nicht hinzutraten, übertrug man aristokratische Baufor-
auf die Maschinenanwendung selber. Darin war, men; das "Fabrikschloß", wie es Roland Günter
wie der Artikel im Reallexikon zur Deutschen nannte, war das typische Produkt der Gründerjahre,

15
das Ergebnis der wirtschaftlichen Prosperität nach arbeit fand, wurde bis heute zum Gradmesser des
1871. 27 Im Zuge der differenzierten Anwendung aufklärerischen Charakters jener Architektur, die
der Maschinerie wuchsen die Ansprüche an die bau- beispielsweise Behrens und Gropius planten. Man
liche Organisation der Arbeitsstätten, die Fabrikge- mache sich in diesem Zusammenhang nochmals
bäude mußten zunehmend "kompliziertere Maschi- klar, wie die bauliche Organisation auf den einzel-
nenausrüstungen und Massen von Arbeitern aufneh- nen arbeitenden Menschen im 19. Jahrhundert ge-
men"28. Erst innerhalb dieser Entwicklung began- wirkt hatte:
nen sich produktionsspezifische Fabriktypen auszu- "Wir deuten nur hin auf die materiellen Bedingun-
sondern, die nicht mehr, wie das beispielsweise noch gen, unter denen die Fabrikarbeit verrichtet wird.
in der AEG-Apparatefabrik in der Berliner Acker- Alle Sinnesorgane werden gleichmäßig verletzt durch
straße der Fall war, beliebig für veränderte Produk- die künstlich gesteigerte Temperatur, die mit Abfäl-
tionsanforderungen nutzbar waren. Hinzu kam, daß len des Rohmaterials geschwängerte Atmosphäre,
für die maschinelle Produktion allgemein, "insbe- den betä).lbenden Lärm usw., abgesehen von der
sondere auf eine Präzision angewiesene Massenfa- Lebensgefahr unter dicht gehäufter Maschinerie, die
brikation ( ... ) große, gut belichtete und entspre- mit der Regelmäßigkeit der Jahreszeiten ihre indu-
chend den Herstellungsvorgängen ausgerüstete striellen Schlachtbulletins produziert. Die Ökono-
Werk anlagen erforderlich" wurden. 29 misierung der gesellschaftlichen Produktionsmittel,
Hierin ist der historische Umbruch bezeichnet, an erst im Fabriksystem treibhausmäßig gereift, wird
dem sich die Bauaufgabe ,Industriebau' zu einem in der Hand des Kapitals zugleich zum systemati-
Spezifikum ausbilden kann und schließlich der schen Raub an den Lebensbedingungen des Arbei-
künstlerischen Gestaltung zugänglich wird. W. Henn ters während der Arbeit, an Raum, Luft, Licht und
schreibt dazu: an persönlichen Schutzmitteln wider lebensgefähr-
"Für jede neue Zeit im Bauen gibt es stets Vorläu- liche oder gesundheitswidrige Umstände des Pro-
fer. Ihr eigentlicher Beginn ist dort zu suchen, wo duktionsprozesses, von Vorrichtungen zur Bequem-
die alten Vorbilder verlassen und die Formen ganz lichkeit des Arbeiters gar nicht zu sprechen. "32
aus den neuen Gegebenheiten heraus entwickelt Das schrieb Karl Marx im 1867 veröffentlichten er-
werden. Am Anfang dieser Entwicklung stehen im sten Band seiner Kritik der politischen Ökonomie,
Industriebau die Fabrikbauten von Poelzig, Behrens im ,Kapital', und prognostisch hatte er in einer Fuß-
und Gropius. "30 note vermerkt: "Die Verbesserung der Maschinerie
Für die Ausprägung der neuen Bauaufgabe zur Ei- selbst erheischt auf einem gewissen Punkt eine ,ver-
genständigkeit war die Spezialisierung der Produk- besserte Konstruktion der Fabrikgebäude' , die den
tion selber bestimmend, die nun klare, übersichtli- Arbeitern zugut kommt. "33
che, gut belichtete Arbeitsräume erforderlich mach- Wenn also im 20. Jahrhundert die ,Architektur als
te, wodurch ein sozialpolitischer Aspekt in die Ar- Kunst' in die Produktionssphäre einzudringen ver-
chitekturdiskussion eingeführt wurde, der über die mochte, wenn die Forderung nach ,Licht, Luft,
Fabrikgebäude für die AEG von Peter Behrens, Sonne', die das ,Neue Bauen'34 am anschaulichsten
Hans Poelzigs Fabrik in Luban zum Fagus-Werk charakterisiert, sich im Industriebau niederschlagen
von Walter Gropius führt. Denn hier, so Roland konnte, so ist darin ein objektives Produktionsge-
Günter, kam es erstmals zu einer ,Modifikation' je- setz erfüllt, aber es ist auch mehr als der bloße Re-
ner Situation, die er folgendermaßen charakteri- flex darauf. Der Anspruch auf ,Kunst in die Pro-
sierte: duktion'35 bezeichnet durchaus einen sozialen Fort-
"Bis zum Anfang dieses Jahrhunderts gibt es im In- schritt, den Kritiker 36 gerne vor dem Faktum au-
nenbereich der Fabrik sozusagen keine Umweltge- ßer acht lassen, daß in solchen gut belüfteten und
staltung: Die Sphäre des Arbeiters ist völlig vernach- durchlichteten, mit ,Vorrichtungen zur Bequem-
lässigt. Außen orientiert am Adel, innen an der Ar- lichkeit des Arbeiters' ausgestatteten Fabrikbauten
mutsituation des einfachen Mannes, dokumentiert doch nur Lohnarbeit geleistet werde, diese Bauten
sich die Fabrik als eine übertragung des hierarchi- also zu nichts anderem als zur Verschleierung eben
schen Modells des feudalen Ständestaates in den dieses Tatbestandes dienten. Daß die Arbeitssit'da-
industriellen Bereich (. .. )."31 tionen zunächst und zuallererst subjektiv erfahren
Die Diskussion um die Arbeitsbedingungen, die Lö- wird, übersehen jene Kritiker, die den Klassenkampf
sungen, die die moderne Architektur für Industrie- gerne auf die Ebene der Ideologiekritik verlagern,

16
ebenso wie die Tatsache, daß der Vorwurf der Ver- hatte. Industrieanlagen entstanden zunehmend im
schleierung zumindest, was das Fagus-Werk angeht, städtischen Bereich, die zu Menschen- und damit
vollkommen verfehlt ist. Arbeitskräfteagglomerationen wurden. In diesem
Zusammenhang konnten sich z. B. in Berlin die Ge-
Der Industriebau 1907-1930 im Spiegel der Kritik werbehöfe ausbilden, die als Blockflächenbebauung
aus den "hohen innerstädtischen Bodenpreisen" und
Die Bauaufgaben ,Fabrik' und ,Bürohaus' entwickel- den "baurechtlichen VoraussetzuHgen"43 resultier-
ten sich in einem Zeitraum, in dem die ,Krise der ten, und deren " Fassadenausbildung" , wie Helmut
Architektur'37 manifest wurde. Sie sind ebenso aktiv Kreidt schreibt, durchaus "Sorgfalt erkennen las-
in diese Krisensituation verflochten, wie sie Zeugnis sen"44. Den Höhepunkt dieser innerstädtischen In-
darüber ablegen. Wie sich durch die Anwendung der dustrieanlagenentwicklung bilden die Planungen
Maschinerie die Arbeitsteilung zum herrschenden der AEG, die in kurzer Zeit ein großes Areal im Ber-
gesellschaftlichen Arbeitsprinzip entwickelte, in de- liner Stadtteil Wedding entweder durch Pläne ihres
ren Gefolge die Fabrik als eigenständige Bauaufga- eigenen Baubüros oder durch Aufträge an örtliche
he historisch in Erscheinung trat, so unterlag auch Bauunternehmer bebauen ließ. 45 Die Namen von
die künstlerische Produktion dieser Tendenz. Der Baumeistern wie Franz Schwechten und Peter Beh-
Ingenieur und der Architekt wurden im 19. J ahr- rens sind mit der Geschichte dieser Fabrikbauten
hundert zum Gegensatzpaar der Bauproduktion, untrennbar verbunden, und ihre Berufung doku-
die Ausbildung der beiden Berufe spaltete sich auf, mentiert wie kaum ein anderes Beispiel den Wandel
und damit vollzog sich die "Trennung von Archi- im Unternehmerbewußtsein, der die Bauaufgabe
tektur und Ingenieurkunst, konstruktivem Den- Fabrik im innerstädtischen Bereich nicht nur der
ken und 'Abbildenwollen"38 . künstlerischen Gestaltung zuführte, sondern auch
Der Ingenieur, der Brücken, Straßen u. ä. baute, die Diskussion um die Formensprache der moder-
wurde das Idealbild der kapitalistischen Gesell- nen Industriebauten, und von da her schließlich der
schaft, der Erfinderunternehmer, der seine Pro- Architektur überhaupt in Gang brachte.
dukte effizient und gewinnbringend einzusetzen Der Ansatzpunkt dieser Diskussion war die Un-
verstand, zum bewunderten Heros seiner Epoche. gleichzeitigkeit des architektonischen Ausdrucks
Der technisch ausgebildete Baufachmann empfahl im historistischen Formenvokabular, den techni-
sich deshalb für eine Aufgabe, die durch das Öko- schen Bedingungen in der Fabrikation und den kon-
nomieprinzip bestimmt ist, und deren Anforde- struktiven Veränderungen durch die Eisenarchitek-
rungen er auf Grund seiner Ausbildung und der tur. Friedrich Naumann hat die Atmosphäre dieser
geistigen Haltung entsprechen konnte. "Die Zuzie- Umbruch situation in seinem Aufsatz Die Kunst im
hung von Architekten zur Projektierung von Fa- Zeitalter der Maschine außerordentlich eindrück-
brikbauten war zu jener Zeit äußerst selten, ja sie lich beschrieben:
haben sich dieser Tätigkeit vielfach planmäßig ent- "Der Hintergrund eines ruhigen Volkes ist für die
zogen"39, schrieb Emil Beutinger 1916. Eine Be- Kunst etwas anderes als der Hintergrund eines Vol-
gründung dafür liegt u. a. darin, daß Fabrikbauten, kes, das mit Minuten rechnet. Alles Leben ist jetzt
also reine Nutzbauten, im vorigen Jahrhundert gar nach dem Muster des Eisenbahnfahrplanes einge-
nicht zur Baukunst, sondern zur Bauwissenschaft 40 richtet. Die Arbeit wird nach der Uhr gemessen. Der
gehörten, und da sie "primär nach wirtschaftlichen Geschäftsmann hat zehn Minuten Zeit, um sich über
überlegungen konzipiert werden sollten (. .. ), (war) einen Mann ein Urteil zu bilden, der mit ihm einen
die theoretische Auseinandersetzung mit diesem Abschluß machen will. Dieser Geschäftsmann ver-
Bereich der Architektur zunächst nicht sehr inten- langt vom Portrait, daß es knapp und schnell die
siv"41. Diese "gewann erst am Ende des 19., An- Hauptsachen sagt. Er will keine Arbeit, an der er
fang des 20. J ahrhunderts"42 eine Bedeutung, die tagelang studieren muß. Und er ist es, der Kunstauf-
den Industriebau dem Künstlerarchitekten auch in träge gibt. Die ganze Anschauungsweise der ruhigen
seinem Selbstverständnis schließlich zugänglich Zeit ist anders als die der Maschinenzeit. "46
machte. Und an anderer Stelle folgerte er für den künstleri-
Der Wunsch nach einer künstlerischen Bearbeitung schen Ausdruck:
von Fabrikgebäuden war gebunden an die Phänome- "Der Mensch besinnt sich auf das Wesenhafte, auf
ne, die die Industrialisierung selbst hervorgebracht den Aufbau der Dinge selber, er lernt die Arbeit

17
der Materie nachempfinden und hebt sich selbst an Scheffler 1912 in der Vossischen Zeitung berich-
einem Material, dem diese Arbeit Lust ist. ( ... ) So ten 53 , befaßte sich immer häufiger mit Industrie-
wird auf schwer zu beschreibende Weise das Eisen bauten, die in den Jahren um 1910 schon zu den
zum Erzieher seines Zeitalters und hilft mit, den Sehenswürdigkeiten einer Stadt wie Berlin zählten.
Stil der Neuzeit zu schaffen, den wir suchen. "47 Die Tendenz, daß die Industrie ihre gesellschaftli-
Und: che Macht immer häufiger selbstbewußt in den Ar-
"Die Arbeit selbst ist es, von der wir jetzt sprechen beitsgebäuden darstellte, war ebenso unübersehbar
(. .. ). In aller Maschinentechnik liegt ein Zug zur geworden, wie die Tatsache, daß sie zunehmend ei-
Präzision, zur formalen Akkuratesse. Die großen ne Formensprache bevorzugte, die der Werkwelt
Erfolge dieser Technik werden durch Dezimalstel- entlehnt und dieser angemessen sein sollte. Zur her-
len und Millimeter gewonnen. Alle Arbeit wird ausragenden Persönlichkeit in diesem Prozeß wur-
peinlicher, vielleicht kann man sagen kleinlicher, de Pet er Behrens, bei dem die Faszination vor der
mikroskopischer. "48 Wucht der maschinellen Arbeit zu großen, monu-
Es sind also die Prinzipien der maschinellen Arbeit mentalen Formen führte, die aber niemals "hinein-
selber, der sich die Kunst, d. h. die Industriearchi- getragen oder aufgezwängt" waren, sondern, wie es
tektur, in ihren Mitteln zu adaptieren hat, um auf Gustav Adolf Lux 1910 für jeden modernen Fabrik-
diese Weise einen formalen Ausdruck zu erschaffen, bau forderte, "der natürliche geistige Ausdruck des-
der ihrem Gegenstand gemäß ist. sen, was innerhalb notwendig war. Auf dieser sach-
Man meint in diesen Worten Naumanns die AEG- lichen Grundlage können auch Fabriken den Stem-
Fabriken von Behrens vorweggenommen zu finden, pel der Schönheit tragen (. .. )".54
denn es sind die Elemente benannt, die bei Behrens Damit dieses veränderte Schönheitsbewußtsein, das
wirksam wurden, ob es die Verwendung des Eisens den Nutzbau als Baukunst begriff, entstehen und
ist, die formprägende Maschinenzeit, oder die große, sich durchsetzen konnte, war ein Wandel im sozio-
knappe, schnell zu erfassende Form. Denn auch das kulturellen Bewußtsein der Unternehmer gleicher-
Zeitmoment, das die Rezeptionsformen verändern maßen notwendig gewesen wie die Auseinanderset-
würde, war durch Behrens in die Formdiskussion zung der Architekten mit den Strukturen der öko-
der neuen Architektur eingebracht worden, und nomie und mit dem Ingenieurbau. Fortan entstan-
noch Walter Gropius plädierte für die Berücksichti- den die großen modernen Industrieanlagen aus der
gung der durch Schnelligkeit veränderten Wahrneh- Zusammenarbeit der jeweiligen Spezialisten, des Be-
mungsstrukturen bei der Gestaltung von Architek- triebsingenieurs mit dem Statiker und dem Archi-
tur - wenn auch bei ihm die Horizontalbewegung tekten, die nun gemeinsam Produktions- und Ver-
des Eisenbahn- oder Automobilverkehrs auf die waltungsbauten planten, die auch typologisch un-
Vertikale des den Erdboden verlassenden Flugzeugs zweideutig ihre Funktion widerspiegelten. 55
ausgedehnt wurde. 49 Im Jahre 1913 veröffentlichte der Kunstkritiker
Weil der Industriebau eine aus seinem Wesen ent- Adolf Behne einen Artikel, der sich explizit mit
springende ökonomische material- und zeitsparen- den künstlerischen Tendenzen des modernen Indu-
de Bauorganisation verlangte, und er darin, wie striebaus beschäftigte, und der, am Vorabend des
Hans Poelzig sagte, "in allen seinen Grundbedin- Ersten Weltkrieges geschrieben, wie ein Resümee
gungen unserer Zeit entspringt" 50 , wurde er zur der Industriebauentwicklung seit der Jahrhundert-
Bauaufgabe par excellence, an der moderne Ar- wende gelesen werden kann. Behne berichtet darin
chitektur ihre formalen Voraussetzungen entdek- über die verschiedenen Erscheinungsweisen des
ken konnte. 51 Industriebaus, der durchaus noch in vielfältigen
Wegen seiner absoluten historischen Vorausset- Gewändern auftrete, sei es in den nach wie vor
zungslosigkeit wurde der Industriebau zum ,Lieb- existenten traditionellen Bezügen, sei es in Bedeu-
lingskind' der modernen Architekten. Man kann tungsgehalten, die außerhalb der Industriewelt lä-
Äußerungen dazu ebenso bei Hans Poelzig wie in gen, entweder durch Berücksichtigung lokaler
der Zeitschrift finden, die sich dieser Bauaufgabe Bautraditionen oder landschaftsschützerischer Argu-
schon im Titel verschrieben hatte. 52 mente. 56 Was Behne als künstlerisch gestaltete
Die Auswirkungen auf das Verhalten des kunstin- Industriearchitektur bezeichnet, unterteilt er in
teressierten Publikums waren entsprechend. Wer drei Kategorien und stellt deren Hauptvertreter
sich mit Architektur beschäftigte, so konnte Karl vor, die "nicht ein höherer oder niederer Grad des

18
Könnens, der Intelligenz oder der Geschicklichkeit, Behne wandte sich nicht grundsätzlich gegen eine
auch nicht (. .. ) ein höherer oder niederer Grad der Verbindung von Kunst und Industrie. Das ,Absto-
Unverfälschtheit und der Konsequenz, sondern ßende' fand er vielmehr darin, "daß es eine be-
eine verschiedene Auffassung von Wesen, Wert und stimmte Gattung der Kunst ist, nämlich die ,bürger-
- wenn der Ausdruck gestattet ist - von der Seele liche' Kunst, für die es kennzeichnend ist, anspruchs-
der Industrie"S7 trenne. Er unterscheidet die "Ro- voll und unaufrichtig zu sein"64 .
mantiker" von den "Pathetikern" , Riemerschmid, Die Industriebauten von Walter Gropius und
der die Sache "mit dem Gemüt" erfasse, von Beh- Adolf Meyer dagegen, fand Behne, wie die Bauten
rens, der vom "Strengen, Eisen-Gewaltigen völlig von Poelzig oder Max Taut schlichtweg "ehrlich"6s -
erfüllt"S8 sei. Diejenigen, die er die "Logiker" In der ,Kölner Werkbundfabrik von 1914' sah er
nennt, Poelzig und Bruno Taut, hätten dagegen die den "bündigen Beweis" dafür geliefert, "daß die
Industrie weder romantisiert noch pathetisch Heranziehung zahlreicher künstlerischer Kräfte
interpretiert, sondern "ganz einfach, ganz natür- durchaus nicht zu einer Fabrik-Karikatur (. .. )
lich, ganz selbstverständlich" gezeigt. S9. Walter werden muß"66 , und die ,Fabrik in Alfeld a.d.L.'
Gropius, den man in diesem Zusammenhang endlich lobte er hauptsächlich wegen ihres "straf-
erwarten würde, blieb von Behne unerwähnt. Selbst fen und klaren Sinnes"67 .
die "vorbildlichen amerikanischen Industriebau- Diese Äußerungen, die von der Redaktion der
ten"60, die im Jahrbuch des Deutschen Werkbun- Zeitschrift ,Das Plakat' mit dem Hinweis verse-
des von 1913 Gropius' Artikel Die Entwicklung hen waren, daß man die Ausführungen des Verfas-
moderner Industrie-Baukunst bebildert hatten, sers "ohne Kürzungen" wiedergebe, "auch da, wo
fanden bei Behne im Zusammenhang mit Behrens' er sich in das Gebiet der Parteipolitik verirrt" 68 ,
Industriebauten Erwähnung. 61 zeigen in ihrer ganzen Polemik die Stimmung, die
Die eigentliche Wertschätzung der im Fagus-Werk 1920 herrschte. Derartige Diskussionen, wie sie die
entwickelten Architekturformen setzte sich erst Jüngeren, die ehemaligen Behrens-Schüler Gropius
nach 1918/19 durch, zu einem Zeitpunkt, da das und Meyer beispielsweise führten, wurden damals
Verhältnis von Kunst und Industrie neu überdacht als politisches Eingreifen verstanden. Behne hat
wurde und man die vor 1914 entstandenen Indu- 192 3 seinen Angriff auf Behrens revidiert. In sei-
strieanlagen kritischer zu beurteilen begann. Am nem Buch Der moderne Zweckbau ist nichts mehr
prononciertesten wandte sich nun Adolf Behne ge- von dem ehemals harschen Tonfall zu spüren. 69
gen Architekturformen, die beispielsweise von Peter Und auch Gropius, der Behrens 1919 aus dem
Behrens für die AEG entwickelt worden waren, wo- Werkbundvorstand 70 verdrängte und in dessen Ab-
bei er die Alternativen jetzt u. a. in den Industrie- sicht, ein Kongreßhaus in Weimar (1919) zu bauen,
bauten von Walter Gropius entdeckte. Getragen von eine "Gefahr für das Bauhaus"71 erblickte, hat
der Kritik am Wilhelminismus, die auch Gropius in späterhin seine Angriffe unterlassen.
den Jahren um 1920 zu einer Neubestimmung der Behrens hatte sie nämlich versöhnen können,
gesellschaftlichen Funktion der Industrie führte, denn in einem Aufsatz von 1922 war er sehr selbst-
warf er Behrens vor, mit den "zyklopischen Tem- kritisch mit der durch ihn geprägten Vorkriegsar-
peln der Arbeit" nur die "große Gebärde", die chitektur umgegangen. Auch sein Fazit lautete nun:
"Schauseite" entwickelt zu haben, als ob sie "Monumentalkunst, ästhetischer Imperialismus." 72
"auch nur das Geringste an der Lohnsklaverei geän- Ganz allgemein wurde aber um 1920 der Industrie-
dert hätte" 62 . Allerdings räumte er dann ein: bau zum Prüfstein der Kultur erklärt, und vielfach
"Wohl, es lag nicht in der Hand des Baukünstlers, wurde jetzt die Forderung geäußert, daß die
dieses zu leisten. Aber es lag in seiner Hand, zu ver- Industriesphäre weder romantisch noch überhöht,
meiden, daß Stätten des Schweißes und der herden- sondern schlicht und einfach zu gestalten sei.
weisen Arbeit um das liebe Brot ein Gesicht beka- Schon an den Äußerungen Adolf Behnes wird deut-
men, als seien sie Stätten der Erhebung. Was an tie- lich, daß sich die Diskussion in diesen Jahren des
fer Erfassung der heutigen Arbeit in diesen Schau- sozialen Umbruchs der Arbeitssituation des Men-
seiten liegen sollte, sind ja nur steinerne Redensar- schen zuwandte. Beinahe unisono fand man das
ten, dem Größenwahn des Unternehmers zu schmei- Selbstdarstellungsbedürfnis der Industrie in der
cheln. Auch hier ist das scheinbar Weihevolle 10 Architektur der Vorkriegszeit überbetont. In einem
Wahrheit das Entweihende. "63 Artikel in Wasmuths Monatsheften beschäftigte

19
sich Heinrich de Fries 1920/21 mit dem Industrie- Zweckbau darauf hingewiesen, daß "die Fabrik der
bau vor dem Ersten Weltkrieg und den bisher Faguswerke ( ... ) als die erste nicht mehr gebaute,
gemachten Fehlern. De Fries kritisierte wie Behne sondern aus Eisen, Beton und Glas ,konstruierte'
die industrielle Repräsentationsarchitektur, aber Fabrik"80 gelten könne. Wenn er diese Einschät-
auch die einfachen "Eisenkonstruktions-Binder-Hal- zung auch auf die Werkbund fabrik ausdehnte, so
len", bei denen "von einer wirklich organischen trifft das nur teilweise zu, denn diese war elOe
Durchbildung und Durchgliederung (. .. ), von der singuläre Verbindung von Kunst, Technik und
Schöpfung eines lebendigen Arbeits-Organismus Industrie innerhalb einer Ausstellung.
nur in sehr wenigen Fällen"73 gesprochen werden Die Architekturprinzipien, die zur ideellen und
könne. Er schloß daraus: "Der Arbeiter aber wird schöpferischen Grundlage der funktionalistischen
in diesen Räumen immer mehr zur Nummer, zum Architektur wurden, waren zum großen Teil schon
Maschinenteil."74 Bei de Fries speiste sich die am Fagus-Werk deutlich geworden. Was sich in die-
Kritik an der "Frontwand-Anschauung"75 aus den ser Einzelleistung angekündigt hatte, galt am Ende
zeittypischen Gedanken eines expressionistischen der zwanziger Jahre allgemein als gelöst. Adolf
,Oh Mensch'-Pathos. Er meinte nämlich, daß aus Meyer, der im Gegensatz zu Walter Gropius auch
der "Vertiefung des Menschentums die Baukunst nach 192 5 noch mehrfach Gelegenheit erhielt,
wieder zur Blüte" gelange. 76 Aber in diesen eher große Industrieanlagen zu realisieren, sprach das
gefühlsmäßigen Einheits- und Echtheitsgeboten für 1928 in aller Deutlichkeit aus: "Das Problem des
eine Industriearchitektur, die phrasenlos zu zeigen Industriebaus bietet heute keine Schwierigkeit
habe, was sich im Inneren des Baues ereignet, ist mehr; wenn das Programm und die Aufgabe klar
letztlich die Durchsetzungsfähigkeit Gropiusscher gestellt wird, ist die Lösung eindeutig und sachlich
Architekturformen und seines Funktionalismusbe- möglich. "81
griffs, der Bauen als "Gestaltung von Lebensvor- Das galt für einen reinen Fabrikationsbau ebenso
gängen"77 begreift, begründet. Dem liegt die Auf- wie für ein Bürogebäude, die gleichermaßen als ak-
fassung zugrunde, daß Einfachheit und damit zeptable Architekturen galten, wenn sie als Raum-
Ehrlichkeit aus der Zweck erfüllung entsteht. De- organismen für die Arbeitsorganisation sinnvoll und
ren strikte Einhaltung führe zu jener Vielfalt der vernünftig funktionierten und das in der äußeren
äußeren Erscheinung, wie sie der Zweck selbst be- Erscheinung zum Ausdruck brachten. Die gewisse
gründet. Den gleichen Sachverhalt umschrieb Adolf Gleichförmigkeit im Erscheinungsbild, die in den
Behne 1927 im Begriff der ,Konstruktion': Industriebauten von Gropius/Meyer nach 1920 zu
"Früher baute man Fabriken (. .. ), heute konstru- entdecken ist, muß als Resulat dieser Vorstellung
iert man sie (. .. )."78 "Die konstruierte Fabrik ist angesehen werden, die in der Formulierung vom "In-
nichts anderes als der klarste, technisch sauberste ternationalen Stil"82 durch Gropius kulminierte.
Ausdruck des Betriebsvorganges, wobei der im Be- Die Wahrheit einer architektonischen Form bemißt
trieb Mitwirkende nicht mehr als eine Nummer, sich fortan danach, in welcher Weise sie Auskunft
sondern als Mensch betrachtet wird, der Anspruch über den Zweck des Gebäudes geben kann, der
hat auf ein Höchstmaß an Licht, an Luft und an allerdings niemals die bloß alltägliche, sondern
Sauberkeit. "79 ebenso die gesellschaftliche Gebrauchsfunktion
Alle Industriebauten, die Walter Gropius und sein meinte. Die Unterscheidung zwischen administrati-
Mitarbeiter Adolf Meyer zwischen 1910 und 192 5 ver und produktiver Arbeit wurde für Walter Gro-
für die Privatindustrie planten und ausführten, sind pius' und Adolf Meyers Industriearchitektur
von diesem Prinzip der Konstruktion geprägt. Sie letztlich unerheblich, weil sie beide Bauaufgaben
wurden niemals zu jenen bloßen Gebäudehüllen, abstrakt als Stätte gesellschaftlicher Arbeit begrif-
die für Produktionshallen bereits vor 1911 als Fer- fen; die Besonderung lag in der Berücksichtigung
tigprodukte von Baufirmen geliefert wurden, und des Arbeitsablaufs, der sich in der jeweiligen
wie sie von de Fries kritisiert worden waren. Es Funktionentrennung im Grund-und Aufriß nieder-
sind vielmehr Raumorganismen, die sich in einem schlug.
variationsreichen Außenbau mitteilen und in den Ein ideales Zeugnis dieser Auffassung sind die Fa-
beiden Industrieanlagen vor 1914 in geradezu brikations- und Verwaltungsgebäude, die Adolf
komplizierten Einzelformen in Erscheinung treten. Meyer zwischen 1927 und 1929 in Frankfurt/M.
Zu Recht hat Behne in seinem Buch Der moderne vor allem für das ,Städtische Elektrizitätswerk' ge-

20
baut hat, und auch das Dessauer Arbeitsamt von sionen geprägt, welche die Werkbundpolitik zwi-
Walter Gropius aus dem Jahre 1928 legt mit dem schen 1907 und Kriegsbeginn bestimmten. Sein be-
ringförmigen Grundriß davon Zeugnis ab. Aber vorzugtes Thema dieser Jahre, das Verhältnis zwi-
schon im Gebäude für die Alfelder Firma ,Gebr. schen künstlerischer und maschineller Produktion,
Kappe & Co.' von 1922 wie im Entwurf zum ,Chi- von Kunst und Industrie, Architektur und Technik
cago Tribune Tower' im gleichen Jahr macht sich ist ganz den von dieser Organisation vertretenen
diese Tendenz zur Vereinheitlichung verschiedener Positionen verpflichtet, sei es in der Propagierung
Bauaufgaben geltend, da als Thema der beiden Bau- des reproduzierbaren Typus (1910) oder in der Ver-
typen die vergesellschaftete Arbeit gilt. teidigung des individuellen Entwurfs im Gefolge
Innerhalb dieser Entwicklung nehmen die beiden von van de Veldes Replik auf Hermann Muthesius
Büro- und Fabrikationsgebäude vor 1914 insofern im Werkbundstreit (1914). In dieser Hinsicht ist
eine Sonderstellung ein, als sowohl beim Fagus-Werk Gropius nicht gerade originell, sondern ein typi-
wie auch bei der Musterfabrik auf der Werkbundaus- sches Kind seiner Zeit. Eigenständigkeit beweist er
stellung 1914 beide Funktionen innerhalb eines aber in seiner Fähigkeit, den im Werkbund schwe-
Bauzusammenhangs miteinander zu verbinden wa- lenden Ideen Ausdruck zu verleihen. Mit Vehemenz
ren, im übrigen typisch für Unternehmen mittlerer und agitatorischem Impetus versteht er es immer
Größe. Die beiden Verwaltungsbauten nach 1920 wieder, die Interessen der Künstler im Werkbund
sind im Gegensatz dazu Planungen für große Un- prägnant zu fassen, worüber die Aufsätze des Drei-
ternehmen gewesen, die den Verwaltungsbereich ßigjährigen in den beiden Werkbundjahrbüchern
vom Produktionsort abzusondern begannen, um in von 1913 und 1914 Aufschluß geben. 84
selbständigen Verwaltungshäusern, zumeist im Entwicklungsgeschichtlich sind Gropius' Thesen be-
innerstädtischen Bereich, Repräsentationsansprü- einflußt von den Auseinandersetzungen zwischen
che verwirklicht zu sehen. Exemplarisch läßt sich Künstlern und Gewerbetreibenden um die Situation
das an derWettbewerbsausschreibung zum Chicago- dcs deutschen Kunstgewerbes, die schließlich zur
Tribune-Gebäude und der Ablehnung all jener Gründung des ,Deutschen Werkbundes' führten.
Entwürfe, die sich einer sachlichen Architekturspra- Der Anlaß ist inzwischen allgemein bekannt, soll
che bedienten, nachzeichnen. aber zur Verdeutlichung der kontroversen Stand-
Für die Produktionsgebäude, die Gropius/Meyer punkte hier noch einmal ausführlich vorgetragen
nach 1922 bauten, ist festzustellen, daß ihre äußere werden.
Erscheinung mit der gleichen Aufmerksamkeit be- Hermann Muthesius, der Preußische Kulturdezer-
handelt wurde, die man auch an anderen Gebäuden nent, war mehrfach öffentlich gegen die vom Ge-
dieser Jahre finden kann. Der beste Beweis dafür ist werbe - aus rein pekuniären Gründen - bevorzug-
der kleine Bau der Firma ,August Müller' in Kirch- te "Oberflächlichkeit der sogenannten Stilform"
brak. Nach wie vor sind die Industrieanlagen Gegen- aufgetreten. 85 Der ,Verband für die wirtschaftli-
stand ,künstlerischer Gestaltung'. Daran hat sich seit chen Interessen des Kunstgewerbes' hatte heftig
dem Fagus-Werk von 191O/11-nichtsgeändert. Die reagiert, indem er seiner Empörung - ,Der Fall
Bedeutung, die man dem Industriebau als Aufgabe Muthesius' auf der Verbandstagung im Juni 1907
aber damals zugemessen hatte, trat in den zwanzi- - Ausdruk gab. 86 Fairerweise hatte die Gegensei-
ger Jahren in den Hintergrund; zur gesellschaftlich te Gelegenheit zur Selbstdarstellung erhalten. In
dominanten Bauaufgabe wurde der Wohn- und Sied- den Industriellen Peter Bruckmann und Wolf Dohrn
lungsbau bzw. die Gebäude für Sozialeinrichtungen. von den ,Dresdener Werkstätten' waren geschickt
Diese Architektur konnte dann aufbauen auf den gewählte Repräsentanten der Muthesiusschen In-
Auseinandersetzungen, die die Architekten um teressen erschienen, die als Vertreter der Pro duzen-
1910 geführt hatten und auf den Resultaten, die im tenseite über jeglichen Verdacht des Illusionismus
Industriebau jener Jahre sichtbar geworden waren. erhaben waren. Schließlich nahm der Publizist J 0-
sef August Lux zu den Vorwürfen des Verbandes
Die Krise der ,Architektur als Kunst'83 Stellung und benutzte die Gelegenheit, seinen Bei-
Der Konflikt im Deutschen Kunstgewerbe trag mit einer Kampfansage zu beenden, indem er
und die Gründung des Deutschen Werkbundes 1907 die Möglichkeit einer konkurrierenden Vereinigung
Walter Gropius' architekturtheoretisch·e Äußerun- von Industriellen und Künstlern andeutete: Gemeint
gen vor 1914 sind von den Problemen und Diskus- war der ,Deutsche Werkbund'. 87

21
Dieser Streit um die Person Muthesius' war aber, These erfolgte noch im selben Jahr durch Werner
wie das Organ des ,DWB', ,Die Form', 1932 schrieb, Sombart. Er faßte das Verhältnis von Kunst und
"bereits der zweite Akt des Schauspiels. Vorausge- Gewerbe als die notwendige" Umkleidung" der Mit-
gangen war im Jahr vorher ein erster Akt, nicht tel unserer "Notdurft mit dem Zauber zwecklosen
ganz so stürmisch wie der zweite, aber immerhin Spiels"96 und entwickelte es aus dem historischen
schon mit den Anzeichen künftiger Verwicklun- Verlauf des Zivilisations- und Kulturprozesses der
gen. "88 Schon 1906, anläßlich der ,Dritten Kunst- Menschheit.
gewerbe-Ausstellung' in Dresden, hatten nämlich
In der Eindeutigkeit, mit der Schumacher den Kon-
earl Schmidt von den ,Dresdener' , später ,Deut-
flikt zwischen ,Geschäft und Kunst' polarisierte, ist
schen Werkstätten', Friedrich Naumann und ande-
der durchaus selbstbewußte Reflex des Künstlers
re eine organisatorische Neuorientierung für das
auf eine soziale Situation spürbar, in der seine
deutsche Kunstgewerbe in Betracht gezogen. 89
spezifischen Fähigkeiten aus dem Produktionssek-
Das Motiv, das schließlich am 6. Oktober 1907 zur
tor nach und nach ausgeschieden worden waren.
Gründung des ,Deutschen Werkbundes' in München
Mit der Entfaltung der Maschinerie hatte das Hand-
führte 90 , war die "F ormverwilderung"91 in Kunstge-
werbe und Architektur gewesen, wie es der spiritus werk im 19. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung
rector jener Organisation, Muthesius, nannte. Was verloren, die industriell gefertigte Massenware war
darunter verstanden wurde, beschrieb Karl Scheff- an die Stelle des einzeln gefertigten Gebrauchspro-
ler 1907: "Sie bauen Börsen als antike Tempel, Ver- duktes getreten, wodurch die kunsthandwerkliche
Einzelbearbeitung auf die Entwurfsarbeit für die
waltungsgebäude als barocke Königsschlösser, pro-
testantische Predigthallen als katholische Dome maschinelle Reproduktion reduziert wurde. 97 Da-
und Mietshäuser als italienische Paläste. "92 Diese mit hatte sich ein wesentliches Merkmal der künst-
Situation bildete den Hintergrund, vor dem bereits lerischen Arbeit aufgelöst: Originale zu schaffen,
in denen sich die unverwechselbare Einzelleistung
Fritz Schumacher sein Konzept für die Dresdener
niederschlug. Das industrielle Gewerbe mit der
Ausstellung erarbeitet und darin neuartigen Form-
vorstellungen breiten Raum gewährt hatte - Vor- Kunst aber gaukelte jene Originalität weiterhin vor,
die den Schein handwerklicher Herstellung zumeist
zeichen einer Aufbruchsstimmung, wie sie z. B.
in historisierenden oder Jugendstilornamenten nur-
Theodor Heuss empfand, indem er das Gelingen
mehr vorspiegelten, oder - ein Zusammenhang,
der Ausstellung darin sah, daß sich "nun breiter
den Michael Müller für die Entwicklung des Funk-
und gesicherter als bei dem Darmstädter Experi-
tionalismus untersuchte - eine lebendige, konkrete
ment von 1901 der neue Formwille für Möbel und
Arbeitsleistung eines Künstlers vorgab, die doch
Hausarbeit, für Textilien, Tapeten und Schmuck,
längst von der ,toten seelenlosen Maschine' aufge-
für profanes und kultisches Bauen"93 dargestellt
sogen worden war und deren Produkte z. B. Gro-
hatte.
pius auf neuartige Weise zu beleben gedachte. 98
Schon Fritz Schumacher war, wie ein Jahr darauf
Muthesius, dem Unwillen der kunstgewerblichen Die Nobilitierung eines Produktes durch ein nur
Fachverbände preisgegeben. Er hatte eben ein phrasenhaftes ,hic et nunc' galt den Werkbund-
Programm entwickelt, das Kunst und Produk- künstlern nun als "Verbrechen gegen die Form"99,
tion als keineswegs unvereinbare Gegensätze pro- wie es Muthesius genannt hatte, oder war ein ,Ver-
klamierte. In einem eingeforderten Rechtfertigungs- brechen' des Ornaments 100 überhaupt, wie Adolf
bericht nahm Schumacher zu dem Vorwurf, die Loos es zuspitzend formulierte. Und Gropius
Dresdener Ausstellung sei eine "Künstler-Ausstel- charakterisierte diese Situation als verlogene "Mas-
lung, nicht die des Kunstgewerbes" 94 gewesen, dann kerade"lOl. Die Veränderung dieses Zustandes
unmißverständlich Stellung: galt deshalb beinahe als moralische Pflicht im
,,( ... ) diese Veranstaltung ist keine Ausstellung des Namen der Kunst, der Zugriff jener Künstler auf
Kunstgewerbes als Geschäft, sondern eine Ausstel- die Alltagswelt als Notwendigkeit, der zudem die
lung des Kunstgewerbes als Kunst. "95 Damit hatte unfreiwillige Isolation oder, wie Gropius es 192 3 in
er für die neue Kunstgewerbe- und Architekturbe- Idee und Aufbau des Staatlichen Bauhauses Wei-
wegung programmatisch Stellung bezogen. Der erste mar nennen sollte, die "Vereinsamung des Künst-
Versuch einer theoretischen Fundierung dieser lers" 102 aufzuheben versprach.

22
Architekt und Ingenieur. sie sich in der Trennung von Ingenieur und Archi-
Die Personalisierung des Widerspruchs tekt personalisierte.
von Kunst und Technik Wie im Kunstgewerbe, so waren auch in der Bau-
kunst die formal-ästhetischen überlegungen unbe-
Wie sich in der Kunstgewerbebewegung ein verän- rührt von technischen Veränderungen geblieben.
dertes Kunstverständnis vor dem Hintergrund einer Aber gerade der Einfluß der Technik hatte mit der
technifizierten Welt auszudrücken begann, so ge- Durchsetzung der Arbeitsteilung die originäre Ar-
schah es in der Architektur, die in historistischem chitektenfähigkeit des einheitlichen Planens und
Gewand gleichermaßen als übel empfunden wurde. Ausführens zersplittert; der Architekt war derge-
Wie dort, so erschien auch in dieser Gattung die stalt zum "Bekleidungskünstler" 108 verkommen,
Krise zunächst einmal als eine des Berufs, worauf wie ihn Muthesius in Anlehnung an Sempers ,Ver-
Gropius in seinen Schriften in agitatorischer Re- kleidungssymbolik<109 nunmehr nannte. Die Verfü-
plik noch reagierte. Karl Scheffler gab 1907 in sei- gung über ein verselbständigtes, im Eklektizismus
nem Buch Der Architekt eine vorzügliche Beschrei- beliebig handhabbar gewordenes Formenvokabular
bung des Zerfalls jenes Berufsstandes l03 : einer Fassadenhülle, die Eisenkonstruktionen vor-
"Entscheidend für die Entartung des Architekten- geblendet wurde, war ihm als Aufgabe verblieben.
berufs ist die jähe Vervielfältigung der Bedürfnisse Das allein galt in der Folge beispielsweise der Sem-
geworden, bedingt durch die Entstehung der Groß- perschen Architekturtheorie als Kunst. Diese Fas-
stadt und der Industrie, durch die nationale und so- saden aber wurden den Werkbundkünstlern zu Ver-
ziale Befreiung der Kräfte und durch die kapitali- schleierungen; sprachen sie von solchen Fassaden,
stisch sich organisierende Weltwirtschaft. Im Laufe taten sie es geringschätzig im Sinne der Umgangs-
weniger Jahrzehnte sind Forderungen der Notdurft sprache.
an den Architekten herangetreten, die sonst über Der Einfluß der Technik, wie er durch die Maschi-
Jahrhunderte verteilt waren." 104 ne zur Formkrise des Kunsthandwerks geführt hat-
Das führte, nach Scheffler, zu einer Zersplitterung te, schlug sich gleichermaßen in der Architektur
jener Fähigkeiten, die der Architekt früherer Zeiten nieder. Die mit der Industrialisierung entfalteten
alle in seiner Person vereinte: Technologien hatte das Gebrauchsprodukt wie das
"Die Folge in unseren Tagen ist, daß der Architekt bauliche Gebilde unter den Zwang technischer Ver-
nicht mehr ein Unternehmer, Handwerker, Gelehr- änderungen geste~lt. Dem waren die Ingenieure ge-
ter, Beamter und Künstler zugleich ist, sondern im- rec~t gew?rden; SIe galten aber als bloße Erfüllungs-
mer nur eines davon (. .. ). Hier erblicken wir den gehilfen emer Zweck-Nutzen-Relation wie sie die
Architekten als einen kapitalistisch entarteten Un- rein re~hn~ri~ch sic~ legitimierende Formfindung
ternehmer, dort als einen trockenen Wissenschaft- der kap~tahst1sche? Ökono.mie zur Verfügung stell
ler; er tritt uns als ein dem Handwerk entfremde- te. DamIt befand SIch ArchItektur in dem Dilemma,
ter entgegen oder als ein pedantischer Bureau- dort, wo sie als Kunst galt, funktionslos zu sein,
krat. "105 dort aber, wo sie funktionierte, nicht als Kunst zu
In dieser Weise innerhalb des allgemeinen Arbeits- gelten.
teilungsprozesses als Spezialist ausgesondert, wird
Die theoretischen Schriften von Walter Gropius
der Baukünstler vor dem "allmächtig gewordenen
1910-1914
technischen Prinzip" 106 "einerseits zum Techniker
und Ingenieur", "andererseits zum Archäolo- Schon in seiner ersten uns bekannten Schrift vom
gen"107. März 1910 nahm Walter Gropius zu dieser Berufs-
Diese Definition ist nicht allein zu verstehen vor krise offensiv Stellung. Es ist das Programm zur
dem Hintergrund einer Umschichtung in der sozia- G.rün~u~g einer Hausbaugesellsch1t aufkünsterisch
len Stellung des Künstlers, sie entsprang einer gera- etnheztltcher Grundlage m.b.H. 11 Dieser Text ist
dezu persönlich empfundenen Betroffenheit vor nicht zuletzt deshalb bedeutungsvoll, weil er einen
der Tatsache, daß der Ingenieur den traditionell ge- wichtigen Punkt innerhalb Gropius' beruflicher Ent-
schulten, d. h. den stilkopierenden Architekten vor wicklung markiert: den zum selbständig arbeiten-
den neuen Bauaufgaben des industriellen Zeitalters den Architekten.
völlig deklassiert hatte. In nuce: Man litt unter der Walter Gropius ist zur Zeit der Niederschrift seines
vollzogenen Trennung von Statik und Asthetik, wie ,Programms' Bürochef im Atelier von Peter Behrens

23
in Berlin-Neubabelsberg. In seiner Schrift, die aus Um der veränderten Situation gerecht zu werden,
der Diskussion mit Behrens entsteht, schlägt sich gelte es vor allem das fundamentale "Prinzip der
diese Situation nieder. 111 Ihre Thematik ist näm- Industrie, die Arbeitsteilung" 117 uneingeschränkt
lich direkter Bestandteil der Arbeit des Behrens- anzuerkennen, also auch für den Bauvorgang, d. h.
Büros, das sich neben Fabrikbauten für die AEG in die jeweiligen Spezialisten, den Künstler, Bauunter-
Hennigsdorf, vor allem mit einer neu zu errichten- nehmer und Kaufmann, in ihren je speziellen Fä-
den Werkssiedlung beschäftigt. 112 Angesichts dieses higkeiten geradezu zu unterstützen, um sie sodann
konkreten Bedarfs an billigen Häusern formuliert in einer alle umfassenden Organisation - eben je-
Gropius allgemeine Prinzipien zu einer grundsätz- ner Hausbaugesellschaft - zusammenzuschließen.
lich verbilligenden Hauserrichtung: überwindung "Diese Verwendung von Spezialisten ist der einzi-
handwerklicher Arbeit zugunsten einer industriell ge Weg, durch den wesentliche, d. h. geistige Schöp-
betriebenen Fertigung vorfabrizierter Einzelteile fung ökonomisch ausgeschöpft und dadurch das
auf der Grundlage größtmöglicher Typisierung. Auf Publikum mit künstlerisch und technisch qualität-
diese Weise sei, so Gropius, schließlich auch die ver- vollen Produkten versorgt werden kann. "118
lorengegangene stilistische Einheitlichkeit neuerlich Und konkreter:
wieder herzustellen. 113 "Die Gesellschaft will nun die Konsequenz aus die-
Abgesehen von der historischen Vorwegnahme von sen tatsächlichen Verhältnissen ziehen und durch
Bauproblemen, die erst 1919 virulent werden, sind die Idee der Industrialisierung die künstlerische Ar-
es vor allem die konzeptionelle Eindeutigkeit und beit des Architekten mit der wirtschaftlichen des
der praktisch organisatorische Zugriff, die seine in- Unternehmers vereinigen (. .. ). Damit wird Kunst
tellektuelle Eigenständigkeit signalisieren. und Technik zu einer glücklichen Vereinigung ge-
Gropius' Fähigkeit, Tagesbedürfnisse vorausschau- bracht (. .. )." 119
end zu verallgemeinern, Einzelerscheinungen in grö- Unter Anerkennung der gesellschaftlichen Arbeits-
ßere Zusammenhänge zu integrieren, also Architek- teilung habe sich deshalb die künftige Arbeit des
turfragen vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Architekten in Anlehnung an das moderne indu-
Strukturen zu diskutieren, offenbart sich bereits in strielle Schaffen zu entwickeln. Das bedeutet nun
diesem ersten Text. Es entspricht darüber hinaus Ablehnung überladener Schmuck- zugunsten kla-
einem allgemeinen Charakteristikum seines Den- rer Raumarrangements, Verzicht auf individuali-
kens, daß er die organisatorischen Vorschläge sei- sierende Stilpartikel zugunsten einer Formverein-
nes Programms erst auf der Grundlage und nach heitlichung im Typus. Dessen Rhythmisierung in
Darstellung des sozialen Umfeldes von Bauen um der Wiederholung garantiere die angestrebte Kon-
1910 entfaltet. Unter der ersten Kapitelüberschrift sistenz der Form, und so sei auch wieder ein "Zeit-
Zugrundeliegende Idee 1l4 formuliert er, gleichsam stil" zu erreichen, "der die Tradition ehrt und sich
als Propädeutikum, jene gesellschaftlichen Fakto- gegen die falsche Romantik richtet" 120 .
ren, die die Neubestimmung von Bauen unumgäng- Gropius' Betrachtungen zum Hausbau allgemein
lich machen werden. sind für die Beschäftigung mit seinen Industrie-
Als künstlerischen Trend seiner Zeit beschreibt bauten deshalb so wichtig, weil in ihnen schon
Gropius einen gewissen Zug zum Pompösen, zu ei- alle wesentlichen Positionen seiner späteren Ver-
ner "falschen Romantik", der an Stelle "guter Pro- öffentlichungen zu finden sind. Man kann diese
portion" und "praktischer Einfachheit" herrsche. 11 5 Aufsätze und Vorträge vor 1914, das sei hier vor-
Diese Situation sei wesentlich zwei Mißständen ge- weggenommen, mehr oder weniger als Paraphra-
schuldet: sierungen der in dieser Schrift aufgeworfenen The-
1. der Konkurrenz, die zwischen dem Bauunterneh- sen begreifen, die um das immer wiederkehrende
mer und dem Architekten herrsche, so daß "das und je nach Bedarf konkretisierte bzw. weiterent-
Publikum in jedem Fall im Nachteil" 116 sei, und wickelte Thema kreisen: das historische Problem
2. der vorherrschenden Bautradition, die immer der Schaffung einer zeitgemäßen Form und eines
noch auf dem Handwerk basiere, das aber, ge- ebensolchen Stils, der den Widerspruch von Kunst
samtgesellschaftlich gesehen, dem Wettbewerb und Technik, wie er aus der gesellschaftlichen Ar-
mit der Industrie nicht mehr Stand halten könne, beitsteilung erwuchs, aufzuheben in der Lage ist.
da die industriellen Methoden auch schon die Der gesellschaftliche Horizont der notwendigen
Bauerrichtung umzustrukturieren begännen. formalen Neuerung ist die Industrie.

24
Die vier Veröffentlichungen, das Faltblatt zur ,Wan- aus - als Markenzeichen 129 mit Qualitätsgaran-
derausstellung 18 des Deutschen Museums für tie erschienen. 130
Kunst in Handel und Gewerbe', mit dem Titel In- An die Architekten:
dustriebauten 1911 121 , der in der Zeitung ,Der 1. Um der Industrie als Bauherrn als adäquater
Industriebau' abgedruckte Artikel Sind beim Bau Partner gegenübertreten zu können, müsse der
von Industriegebiiuden künstlerische Gesichtspunk- Architekt mit der herkömmlichen Architektur-
te mit praktischen und wirtschaftlichen verein- auffassung brechen. Im Gegensatz zur herrschen-
bar? 1912 122 , der im Jahrbuch des Deutschen Werk- den Praxis, Künstlerisches auf Applikation indi-
bundes erschienene Artikel Die Entwicklung mo- vidualisierenden Dekorums zu beschränken, ha-
derner Industriebaukunst 1913 123 und schließ- be der wahre Baukünstler die Form aus der je-
lich der im Jahrbuch des Deutschen Werkbundes weiligen Bauaufgabe selber zu entwickeln, deren
von 1914 abgedruckte Artikel Der stilbildende spezifischer Charakter erkannt werden müsse,
Wert industrieller Bauformen 124 dokumentieren um das notwendige "künstlerische Durchdenken
alle diesen thematischen Schwerpunkt, desgleichen von vornherein" zu garantieren. 131
der Vortrag, den Gropius unter dem Titel Monu- 2. Damit diese Formentwicklung nicht willkürlich,
mentale Kunst und Industriebau am 10. April sondern mit "Notwendigkeit aus den Lebensäu-
1911 125 auf Einladung von Karl Ernst Osthaus im ßerungen der Zeit"132 entstehe, habe sich die
Museum Folkwang in Hagen hielt. künstlerische Phantasie an den Prinzipien der
Gropius argumentiert in den drei frühen Aufsätzen maschinellen Produktion so zu orientieren, daß
vornehmlich auf zwei Ebenen: Zum einen nimmt deren Charakteristika zur Grundlage einer neuen
er, das Beispiel AEG vor Augen, die nationale Indu- Formensprache werden. Der Industriebau biete
strie durch die ihr zugewachsene Rolle als eines Kul- dafür die optimalen Voraussetzungen.
turträgers mit großem propagandistischem Eifer in 3. Erst die derart geübte Zucht des Geistes ermögli-
die Pflicht. 126 Zum anderen entfaltet er seinen Kol- che, die "inneren Werte des organisierten Arbeits-
legen über die Kritik an der Architekturtradition lebens"133 eben nicht nur richtig, sondern auch
ein System zur zeitgemäßen Formbildung, wie es "würdig" auszudrücken. Für den Baukünstler be-
ihm notwendig aus der Bauaufgabe ,Industriebau' stehe geradezu die Pflicht, seine Arbeit in dieser
erwächst. Die Argumente, die er seinen Adressaten Weise zu orientieren, da nur dieser und nicht et-
nahelegt, kehren in allen drei Aufsätzen wieder. wa der Ingenieur, dem die neuen Bauaufgaben
An die Industriellen: der industriellen Gesellschaft bisher zufielen, in
1. Zwar habe die Industrie in der Phase des Auf- der Lage sei, das "mechanisierte" Leben wieder
baus künstlerische Gesichtspunkte verständlicher- mit "Geist anzufüllen": aus einer rationalen "Zi-
weise vernachlässigen müssen, nach der Konsoli- vilisation" also eine humane "Kultur"134 erste-
dierung jedoch zwinge die Konkurrenz zunächst hen zu lassen.
bei der Produktgestaltung, sodann aber auch bei Aus dem bisher Gesagten wird deutlich: Weder die
der Konzeption der Produktionsstätten zu künstlerische, d. h. in diesem Fall historistische,
"ästhetischen Erörterungen" 127. noch die vornehmlich technisch orientierte Baupra-
2. Dem Unternehmer erwüchsen daraus Vorteile xis kann den Anspruch erheben, noch bzw. schon
von unschätzbarem Wert, indem einerseits zur Architektur, also zeitgemäße Baukunst zu sein. Litt
Stabilisierung der Marktinteressen beigetragen die eine daran, im architektonischen Ausdruck dem
und andererseits der gärenden sozialen Unruhe industrialisierten Leben unangemessen zu sein, so
entgegengetreten werde. Durch die damit ver- hatte die andere zumindest deutlich machen kön-
bundene Verbesserung der Arbeitssituation des nen, welcher Weg einzuschlagen wäre. Gropius kon-
"modernen Industriearbeiters" 128 , komme der statierte: "Von diesen Werken der Industrie und
Industrielle nicht nur seiner zivilisatorischen Technik nimmt die neue Entwicklung der Form ih-
Aufgabe, sondern auch seiner kulturellen in ren Ausgangspunkt. "135 Die Betonung des Zweck-
geradezu vorbildlicher Weise nach. rationalen von Gebäuden durch die Ingenieure hat-
3. Die künstlerische Bearbeitung der Fabrikations- te den Blick zwar auf bauliche Primärformen ge-
bauten bringe eine entschiedene Steigerung des lenkt, doch war dieses Ent-Kleiden allein noch nicht
Reklamewertes eines Unternehmens hervor, da Architektur, nur Baustein innerhalb ihrer Entwick-
die Fabriken nun selber - über die Produkte hin- lung. Denn das Augenmerk des Technikers blieb

25
wesentlich auf die zweckmäßigste Befriedigung ma- denen der Kunst unter, wenn sie ein schöpferischer
terieller Bedürfnisse unter Wahrung der größten Wille dazu zwingt." 142 Erst der Künstlerwille entfal-
Ökonomie gerichtet; darin aber taugte der bauliche te also auf der materiellen Grundlage die Gesetze,
Ausdruck nur für dieses Faktum selbst. Der Tatbe- die Ungeordnetes ordnen, systematisieren und zu
stand ,Kunstwerk' ist für Gropius aber erst dann er- neuer Form, dem Wert des Materials gemäß, ver-
füllt - und er verweist in seinem Vortrag Monumen- dichten.
tale Kunst und Industriebau von 1911 explizit auf "Wir glauben also zu erkennen - (. .. ) -, daß die
seinen kunsttheoretischen Bezugsrahmen Riegl und Schönheit des Kunstwerks auf einer dem schöpferi-
Worringer 136 - , wenn sich Kunst vom Naturhaften schen Willen innewohnenden unsichtbaren Gesetz-
entferne und sich als "bewußte Schönheit", also als mäßigkeit beruht, nicht auf der Naturschönheit des
"Kunstschönes" 137 setze, mithin ein Ausdruck ge- Materiellen, und daß alle materiellen Dinge nur die-
funden werde, der das Zweckrationale überschrei- nende Mittelsfaktoren sind, mit deren Hilfe einem
tet. Denn Kunst, monumentale Kunst - und um höheren seelischen Zustande, eben jenem Kunstwol-
sie geht es ihm -, gibt eine "gewollte, subjektive len, sinnlicher Ausdruck verliehen wird. Je sinnfäl-
Umwertung der Wirklichkeit" 138 , beschränkt sich liger nun diese Ausdrucksmittel gewählt werden,
also nicht auf Vorgefundenes, indem es bloß mate- desto monumentaler muß die Wirkung sein, die von
rielle Bedürfnisse befriedigt. Vielmehr wurzelt sie dem Kunstwerk ausgeht, denn an die Sinne gebun-
"in seelischen ideellen Bedürfnissen und befriedigt den, können wir uns nicht entmaterialisieren." 143
seelische Bedürfnisse im Menschen. Sie hat also im
Prinzip mit materiellen Bedürfnissen nichts gemein. Wahrheit der Form - Formung der Wahrheit.
Ihre Aufgabe ist die Darstellung höherer transcen- Das Werkbundmitglied Walter Gropius
dentaler Ideen mit materiellen Ausdrucksmitteln, contra Historismus
die der sinnlichen Welt des Raumes und der Zeit an-
gehören. Das Materielle ist das Element, aus dem Wie wir sahen, formulierte Walter Gropius die Krise
das Kunstwerk erst entstehen soll, nicht dieses der ,Architektur als Kunst' wesentlich unter dem
selbst. Die Materie an sich ist tot und wesenlos, erst individuellen Eindruck der Berufskrise. Seine über-
die Form spendet Leben, die der Schöpferwille des legungen zur überwindung dieser Situation setzten
Künstlers ihr einhaucht (. .. )".139 deshalb an der sozialen Funktion von Künstlerar-
Auf die Baukunst bezogen bedeutet das - und chitekten an. Unter Anerkennung der allgemeinen
Gropius verknüpft damit eine Absage an den soge- gesellschaftlichen Veränderung durch die Technik,
nannten Materialismus Semperscher Provenienz -, die die traditionellen Herstellungs- und Wirkungs-
daß Baumaterial und technische Kenntnisse nur- zusammenhänge von Kunstwerken schließlich ganz
mehr die Grundlage gestalterischer überlegun- aufgelöst hatte, behauptete Gropius unbedingt des-
gen sein können, daß ihre bloße zweckmäßige An- sen soziale Relevanz. Die reale Deklassierung des
wendung noch keine Baukunst sei. Damit nimmt er Architekten als Künstler wurde ihm Angriffspunkt
einen Gedankengang auf, der ähnlich schon 1910 insofern, als er vehement darauf hinwies, daß nur
von Behrens formuliert worden war. Dem "Ge- dieser dem unbestreitbaren zivilisatorischen Pro-
brauchszweck, dem Rohstoff und der Technik" sei greß durch die Industrialisierung in dessen kulturel-
im Formungsprozeß, so Behrens, nurmehr die ler Bewältigung ein qualitatives Gewicht zu geben
Funktion von "Reibungskoeffizienten" 140 zuzu- vermöge.
messen. Damit hatte er einen Begriff und ein Theo- Walter Gropius fühlte sich - und das wissen wir
rem Riegls übernommen, das er in seinen Aufsät- nicht nur aus einem Vitruv-Exzerpt in seinem Nach-
zen gerne explizierte. Wie bereits für Behrens, so laß der humanistischen Bildungstradition ganz
vermag auch für Gropius erst der "Schöpferwille verpflichtet. 144 Es ist in diesem Zusammenhang in-
des Künstlers" 141 den naturhaften Charakter des teressant, daß Gropius bei dem Auszug vor allem
Baustoffs (und das gilt auch für künstliche Baustof- Gewicht auf jene Passagen legte, die sich mit der
fe, wie Eisen, Beton etc.) seine technische Verwen- (Aus-)Bildung des Architekten beschäftigten. 145
dung in einer gewissen Künstlichkeit aufzusaugen. Vitruv hatte für die Ausübung des Architektenberu-
"In der Materie an sich liegen demnach keine fes eine universelle Gelehrsamkeit, vor allem eine
Kunstgesetze, wohl aber ordnet sie sich im Kunst- weitreichende philosophische Schulung als unab-
werk neben den Gesetzen der eigenen Natur auch dingbare Voraussetzung gefordert. Noch Gropius

26
war offensichtlich dieser Meinung, wenn er sich Gropius, und das wissen wir vor allem aus seinen
auch im klaren darüber war, daß der Einzelne eine späteren Schriften i52 , die zum großen Teil Vertie-
profunde, interdisziplinäre Gelehrsamkeit im ar- fungen seiner Vorkriegsthesen darstellen, Schön-
beitsteiligen 20. Jahrhundert nicht mehr herzustel- heit weiterhin mit Wahrheit verbindet, den "gestal-
len vermag. Aber er meinte ja nicht nur theoretisch terischen Wachstumsprozeß" als einen "Wahrheit-
diesen Mangel durch team-work 146 ausgleichen zu schaffenden" 153 in seinem Rückschau haltenden
können, worin das Team gleichsam als kollektives Vortrag von 1934 die "tiefen und weitgreifenden
Künstlersubjekt die versprengten Wissensinhalte Absichten der Erneuerung" als auf "Wahrhaftigkeit
wieder in sich vereinigt. Die Schaffung einer indu- gegründete" 154 beschreibt und anläßlich der Verlei-
striellen Kultur war für Gropius also nur im Künst- hung des Goethepreises die Aufgabe des Architekten
lerarchitekten, selbstverständlich im konsequenten darin sieht, den "inneren Wahrheiten neue Form"
Zusammenwirken mit anderen Spezialisten, garan- geben zu müssen. ISS Daraus aber ergibt sich ein
tiert. Eine unverzichtbare soziale Rolle konnte die- fundamentales Problem für diesen Gropiusschen
ser aber nur dann erfüllen, wenn es ihm gelang, das Kunstbegriff. Denn Hegel hatte in seinem System-
veränderte Verhältnis der Menschen zur Natur, ihre aufbau die Kunst, sofern sie "Schein von Wahrheit"
durch Technik vermittelte Weltaneignung adäquat ist, als eine überkommene Erkenntnisform entfaltet,
auszudrücken. Damit Bauen also wieder ernsthafte die durch höher stehende, vor allem durch die spe-
Kunstproduktion zu werden vermochte, mußte in kulative Philosophie ihrer einstigen Funktion be-
Abkehr vom historistischen Formenkanon, der nur raubt worden war. Er hatte damit erstmals auf eine
auf vergangene, überholte soziale Verhältnisse sich Situation angespielt, die den Wendepunkt der
bezog, ein neuer entwickelt werden. Solche "Um- Kunst, speziell der Architektur zur Moderne be-
wertung der Wirklichkeit", wie es Gropius nannte, zeichnet: auf den "Verlust der Kunst"IS6, wie Gro-
sollte über eine bloß "materielle" Veränderung in pius es selbst einmal nannte, und auf den Verlust
Stoff-, Material- und Herstellungstechnik hinaus - ihrer Anschaulichkeit vor der Universalisierung des
die Ingenieurbauten hatten dies bereits vollzogen - szientifischen Denkens.
zur "Darstellung höherer transcendentaler Ideen" Die Frage, die sich nun grundsätzlich stellt, wurde
vordringen. 147 Darin erst vermochte Architektur von Otto Pöggeler in seiner Heidelberger Antritts-
ihren Kunstcharakter zu erfüllen. vorlesung so formuliert: ob nämlich "die Architek-
Die Aufgabe einer neuen Baukunst, so beschrieben, tur auch im Zeitalter der industriellen Standardisie-
steht unübersehbar in der Tradition idealistischer rung noch ,Kunst' zu bleiben" vermöge bzw. "wie
Ästhetik, vor allem in Zusammenhang mit der De- in unserer ,technischen' Welt noch Schönes möglich
finition der ,schönen Kunst' als "dem sinnlichen sei" 157. Wenn also Gropius beharrlich Schönheit
Scheinen der Idee" 148 durch Hege!. Neben dieser und Wahrheit für seinen Kunstbegriff bestimmend
offensichtlichen begrifflichen Konvergenz erweist gleichsetzt - und dies nach Hegels Postulat vom
sich ein Rekurs auf dessen Theoreme für die Klä- Ende der Kunst vor der Wissenschaft -, so muß ein
rung des Gropiusschen Kunstverständnisses noch begrifflicher Hintergrund entdeckt werden können,
aus anderen Gründen als sinnvoll. Hegel hatte in der dieses Vorgehen weiterhin legitimiert. Diesen
seiner Ästhetik aus der Definition der ,schönen gilt es nun zu skizzieren.
Kunst' als "Schein von Wahrheit", als "besondere
Art und Weise des Scheins, in dem sie dem sich
selbst Wahrhaftigen Wirklichkeit gibt" 149 , eine not- Vom Ende der Kunst vor der Wissenschaft.
wendige Entsprechung von Inhalt und Form abge- G. W. F. Hegel
leitet. Auf diesen Zusammenhang grundsätzlich In der Hegelschen Philosophie war die Kunst dem
hingewiesen zu haben, war ein Verdienst seines und sich selbst bewegenden Geist Ausdruck seiner
eines in dieser Tradition stehenden philosophischen Selbsterkenntnis, indem er aus sich heraus "die
Denkens gewesen. Gropius' Charakterisierung des Werke der schönen Kunst als das erste versöhnende
Historismus als Maskerade, als "falsche Roman- Mittelglied zwischen dem bloß Äußerlichen, Sinnli-
tik" ISO, oder die noch eindeutigere Formulierung chen und Vergänglichen und zwischen dem reinen
Ernst J äckhs von der "materialisierten Lebenslü- Gedanken, zwischen der Natur und endlichen Wirk-
ge"151 verstand sich aus der Einsicht in eben diese lichkeit und der unendlichen Freiheit des begreifen-
Relation. Es wundert deshalb nicht, daß Walter den Denkens schafft" 158.

27
Die "wahrhafte Aufgabe" der Kunst ist demnach, kann sie ihrer Natur nach nicht heraus. Hegel
"die höchsten Interessen des Geistes zum Bewußt- charakterisiert sie in seiner Ästhetik dort, wo er sich
sein zu bringen" 159. Sie kann daher in ihren Inhalten mit den einzelnen Kunstformen befaßt:
und Formen nicht willkürlich sein, und es ergibt "Blicken wir auf den Gang zurück, den wir bisher
sich vor allem für die formale Fassung, daß sie in der Entwicklung der besonderen Künste verfolgt
"nicht dem bloßen Zufall anheimgegeben" 160 ist. haben, so begannen wir mit der Architektur. Sie war
"Nicht jede Gestaltung ist fähig, der Ausdruck und die unvollständigste Kunst, denn wir fanden sie un-
die Darstellung jener Interessen (des Geistes; K. W.) fähig, in der nur schweren Materie, welche sie als
zu sein, sie in sich aufzunehmen und wiederzuge- ihr sinnliches Element ergriff und nach den Gesetzen
ben, sondern durch einen bestimmten Inhalt ist der Schwere behandelte, Geistiges in angemessener
auch die ihm angemessene Form bestimmt. "161 Gegenwart darzustellen, und mußten sie darauf be-
Aus der Einsicht in diese Relation kann sich Gropi- schränken, aus dem Geiste für den Geist in seinem
us' Ablehnung der historistischen Architekturform lebendigen, wirklichen Dasein eine kunstgemäße
begründen. Die Frage nach der Form, nach dem äußere Umgebung zu bereiten." 168
Ausdruck wird demnach als eine nach der überein- Zum Zwecke seiner Selbsterkenntnis schafft sich
stimmung, Angleichung und Entsprechung 162 zu der Geist deshalb neue, ihm gemäße, höher stehende
ihrem Gehalt gestellt, und, sofern sie reflektorisch Ausdrucksformen, in den Raumkünsten die Skulp-
vorgetragen wird, auch zu Recht als eine nach ihrer tur und Malerei, die den stofflichen Bestandteil
Wahrhaftigkeit. weiter zu sublimieren vermögen, der sodann im ge-
Hegel hatte die vorherigen Bestimmungen seines samten System der Kunstformen, in der Musik und
Kunstbegriffs entfaltet, um die Berechtigung einer Poesie beinahe aufgesogen wird. Die einzelnen Kün-
wissenschaftlichen, d. h. philosophischen Betrach- ste erweisen ihre Wertigkeit innerhalb des ästheti-
tung der ,schönen Kunst' zu begründen. Wissen- schen Systems gemäß ihrer Gebundenheit an das
schaftswürdig war sie ihm aber nur - und das ver- äußerlich-sinnliche Material, ihre fortschreitende
bindet ihn mit anderen ästhetischen Theorien des Freiheit davon sind immer geistgemäßere, also auf
Idealismus - als "unabhängige", nicht "dienende", Denken und Reflexion hinweisende Formen seines
eben "in ihrem Zwecke wie in ihren Mitteln freie Selbstwissens. Und - wie die Architektur weder
Kunst"163. Diesen Voraussetzungen entsprach sie "die höchste noch absolute Weise" war, "dem Geist
nur dann, wenn sie sich "in freier Selbständigkeit seine Interessen zu Bewußtsein zu bringen" 169 --, so
zur Wahrheit" erhob, "in welcher sie sich unabhän- verhält es sich schließlich mit der Kunst als Bewußt-
gig nur mit ihren eigenen Zwecken"164 erfüllte. Als seinsform des Geistes überhaupt. Hegel schreibt:
"Schein von Idee und Wahrheit" war also die Kunst "Denn eben ihrer Form wegen ist die Kunst auch
frei nur insofern, als sie sich in der "Freiheit den- auf einen bestimmten Inhalt beschränkt. Nur ein
kender Erkenntnis der Wirklichkeit und Endlich- gewisser Kreis und Stufe der Wahrheit ist fähig, im
keit", also der Naturhaftigkeit zu "entheben" ver- Elemente des Kunstwerks dargestellt zu werden; es
mochte. 165 muß noch in ihrer eigenen Bestimmung liegen, zu
Derart normativ gedacht, mußte die Architektur dem Sinnlichen herauszugehen und in demselben
die unterste Stufe des ästhetischen Systems einneh- sich adäquat sein zu können, um echter Inhalt für
men, weil ihr Ursprung in der Bedürfnisbefriedi- die Kunst zu sein, wie dies z. B. bei den griechischen
gung liegt und sie am eindeutigsten am Stofflichen Göttern der Fall ist. Dagegen gibt es eine tiefere
gebunden bleibt. Sie wird deshalb von Hegel bei der Fassung der Wahrheit, in welcher sie nicht mehr
Klassifizierung der Kunstformen in symbolische, dem Sinnlichen so verwandt und freundlich ist, um
klassische und romantische als symbolische be- von diesem Material in angemessener Weise aufge-
schrieben, die in sich selber wiederum diese Unter- nommen und ausgedrückt werden zu können (. .. ).
teilung vollzieht. 166 Die Architektur zielt - nach Von solcher Art ist die christliche Auffassung der
Hegel -- immer auf eine über sie selbst hinausgehen- Wahrheit, und vor allem erscheint der Geist unserer
de Bedeutung, ist selbst in ihrer harmonischen, also heutigen Welt, oder näher unserer Religion und un-
klassischen Form, im griechischen Tempel, nichts serer Vernunftbildung, als über die Stufe hinaus,
mehr als das Haus für den Gott, sie dient diesem al- Werke der Kunst göttlich verehren und sie anbeten
so und bleibt grundsätzlich im "Dienst des Geisti- zu können; (. .. ) Der Gedanke und die Reflexion
gen" befangen. 167 Aus diesen Zusammenhängen hat die schöne Kunst überflügelt." 170

28
Die Erkenntnisformen, die die ,schöne Kunst' ablö- Der Einfluß der Naturwissenschaften
sen, sind für Hegel zunächst die mit der Kunst noch auf den Kunstbegriff
"aufs innigste verknüpfte" 171 Religion, die wieder-
um von der Philosophie aufgehoben wird. Die spe- Hegel hatte Wissenschaft mit Philosophie identifi-
kulative Philosophie, vornehmlich seine eigene, ist ziert, einzig das "freie Denken"l77 wissenschaftli-
nun die entwickelste Stufe, ist Wissenschaft schlecht- cher Erkenntnis für fähig gehalten und diese ideali-
hin, die die Wahrheit allgemein zu fassen versteht, stisch begründet. Denn ebenso wie die Kunst und
zum Begriff vorzustoßen vermag und damit die Be- die Religion hatte für ihn die Philosophie, also Wis-
sonderung im sinnlichen Material der Kunst, die senschaft, "keinen anderen Gegenstand als Gott"
"Form des sinnlichen Wissens" 172, endgültig über- und war "so wesentlich rationelle Theologie (. .. )
windet. als im Dienste der Wahrheit fortdauernder Gottes-
Die Entwicklung der Kunstformen, ihre normative dienst" 178. Hegels Wissenschaftsverständnis hatte
Ordnung wie ihre überwindung dergestalt als Stufe aber eine materiale Entsprechung in der Weltaneig-
im Gang des Geistes begriffen und damit historisiert nung durch den Menschen. Sein Verhältnis zur Na-
zu haben, muß als großartige Leistung der Hegel- tur war derart in ein neues Stadium getreten, weil
schen Philosophie angesehen werden. 173 Sie hatte sie ihm nicht mehr wesentlich nach tradiertem Er-
die Kunst als eine Erkenntnisstufe innerhalb der fahrungsschatz verfügbar, sondern nach ihren imma-
Menschheitsgeschichte entfaltet, eine bestimmte nenten Gesetzmäßigkeiten abstrakt erkennbar ge-
Relation von Wissensinhalt und -form in der An- worden war. In der Systematik der Naturgesetze
schaulichkeit für die Anschauung vorgestellt. So- lag die Möglichkeit begründet, die Natur weitgehend
fern der Geist im Interesse seiner Selbsterkenntnis experimentell aus sich selbst heraus zu erklären,
aber fortging, um sich im reinen abstrakten Denken Naturerkenntnis abstrakt deduktiv zu formulieren,
näher zu kommen, wurde die Kunst nach der Seite Phänomene zu mathematisieren und damit die
"ihrer höchsten Bestimmung", nämlich dem "Geist sinnlich konkrete Naturaneignung zugunsten einer
seine höchsten Interessen zum Bewußtsein "174 zu reflektorisch abstrakten schließlich ganz zu ver-
bringen, eine" vergangene" 175 . drängen. 179
"Die schönen Tage der griechischen Kunst wie die Im Gefolge der sich entfaltenden Naturwissenschaf-
goldene Zeit des späten Mittelalters sind vorüber. ten veränderte auch deren Anwendung, die Tech-
Die Reflexionsbildung unseres heutigen Lebens nik, ihren Charakter. Den mechanischen Hilfsmit-
macht es uns, sowohl in Beziehung auf den Willen teln und Verfahren folgten nun die sich selbst be-
als auch auf das Urteil, zum Bedürfnis, allgemeine wegenden Maschinen. Der Künstler, der mit seinen
Gesichtspunkte festzuhalten und danach das Beson- besonderen Verfahrensweisen oft zu neuen Techni-
dere zu regeln, so daß allgemeine Formen, Gesetze, ken verholfen hatte oder gar wissenschaftliche Er-
pflichten, Rechte, Maximen als Bestimmungsgründe kenntnisse mit seinen Mitteln noch auszudrücken
gelten und das hauptsächlich Regierende sind. Für im Stande war, wird nun arbeitsteilig aus dieser
das Kunstinteresse aber wie für die Kunstproduk- Pflicht entlassen. 180 Die Kunst war auch insofern
tion fordern wir im allgemeinen eine Lebendigkeit, eine ,vergangene' , als sie ihre Erkenntnispotenz
in welcher das Allgemeine nicht als Gesetz und Ma- der Naturphänomene an die exakten Wissenschaf-
xime vorhanden sei, sondern als mit dem Gemüte ten abgeben mußte.
und der Empfindung identisch wirke wie auch in Vor diesem Hintergrund wurde Hegels idealistische
der Phantasie das Allgemeine und Vernünftige als Begründung des Geschichtsverlaufs der Kritik unter-
mit einer konkreten sinnlichen Erscheinung in Ein- zogen. Mit der Frage, was denn die Geschichte tat-
heit gebracht enthalten ist. Deshalb ist unsere Ge- sächlich bewege, ob der Geist die Menschen zu
genwart ihrem allgemeinen Zustande nach der Agenten sich mache, oder aber diese Auffassung
Kunst nicht günstig." 176 selber nur einer besonderen Art der Weltaneignung
In Hegels entwicklungsgeschichtlicher Darlegung ist des Menschen entspreche, stellte sich die Frage nach
damit erstmals das Dilemma der Kunst im 19. und dem Agens der Geschichte materialistisch. Der
20. Jahrhundert als das ihrer Dequalifizierung durch Marxschen Hegelrezeption ist folgende Einsicht zu
die Wissenschaft, ihres Anschaulichkeitsverlustes verdanken:
durch die Vorherrschaft abstrakten Denkens weit- "Ganz im Gegenteil zur deutschen Philosophie,
sichtig thematisiert. welche vom Himmel auf die Erde herabsteigt, wird

29
hier von der Erde zum Himmel gestiegen. D. h., es darauf wies Ernst Bloch hin 184 -, der schon im He-
wird nicht ausgegangen von dem, was die Menschen geIschen Denken anklingt.
sagen, sich einbilden, sich vorstellen, auch nicht
von den gesagten, gedachten, eingebildeten, vorge- Von der Philosophie der Kunst
stellten Menschen, um davon aus bei den leibhafti- zur Kunstgeschichte. Alois Riegl
gen Menschen anzukommen; es wird von den wirk- Alois Riegls Kunsttheorie entsteht in Zusammen-
lich tätigen Menschen ausgegangen und aus ihrem hang mit den überlegungen zur Methoden- und Ge-
wirklichen Lebensprozeß auch die Entwicklung der genstandsbestimmung der relativ jungen Disziplin
ideologischen Reflexe und Echos dieses Lebenspro- ,Kunstgeschichte'. Riegls Wissenschaftsinteresse ist
zesses dargestellt (. .. ). In der ersten Betrachtungs- wesentlich auf die Systematisierung und Klassifizie-
weise geht man von dem Bewußtsein als dem leben- rung der Kunstwerke nach stilistischen Merkmalen
digen Individuum aus, in der zweiten, dem wirkli- gerichtet, denn für ihn hat seit Winckelmann die
chen Leben entsprechenden, von den wirklichen le- Kunstgeschichte als Wissenschaft nach wie vor
bendigen Individuen selbst und betrachtet das Be- "zum obersten Ziele, die Kunsterscheinungen
wußtsein nur als ihr Bewußtsein." 181 durch Heraushebung der ihnen gemeinsamen Merk-
Mit dem historischen Materialismus waren die sich male untereinander zu verknüpfen und sie im Wege
in der Arbeit mit der Natur vermittelnden Men- der also gewonnenen Erkenntnis in unser Bewußt-
schen zum Motor der Geschichte, war ihr kommu- sein einzuführen"185. In dieser Formulierung ver-
nikatives System die Gesellschaft geworden. Inso- weigert sich das Erkenntnisinteresse explizit der
fern war auch die Kunst nicht länger Erkenntnis- normativen zugunsten einer verstehenden Systema-
stufe durch und für den Geist, sondern als eine Be- tisierung der Kunstgegenstände. 186 Riegl - und das
wußtseinsform der Gesellschaft definiert, in der sie verdeutlicht sein Rückgriff auf Winckelmann 187 -
sich selbst Auskunft über ihren Zustand, ihr Welt- ist aber offenbar nicht bereit, die theoretische Be-
verhältnis zu geben vermochte. Auch darin konnte stimmung vom Wesen der Kunst ihrer rein histori-
sie wahr oder falsch, d. h. ideologisch sein. Für die- schen Faktizität zu opfern. In Hegels dialektischem
se materialistische Wendung war Voraussetzung, die System waren beide Bestimmungen untrennbar mit-
Kunst in ihrer Geschichtlichkeit sozial begründet einander verbunden, war der Formwandel in der
zu denken, sie vom Instrument der göttlichen Geschichte des Geistes selbst begründet gewesen.
Selbsterkenntnis zur Erkenntnis der Gesellschaft zu Auch der Kunsthistoriker stellt die Frage nach der
emanzipieren. Derart in die Welt getreten, entfaltet Geschichtlichkeit der Kunst an ihr selber und, ge-
sie sich zur Begleiterin von Geschichte, in der sie mäß seinem Untersuchungsgegenstand, konkret als
sich mit dieser entwickelt und sich mit und in ihr Frage nach dem Impuls der Stilveränderung. Für
verändert. In der Marxschen Einsicht, daß "wo die Riegl ist die zentrale "moderne Frage der Kunstge-
Spekulation aufhört, beim wirklichen Leben, (. .. ) schichte" folgende: "Was ist das Eine im Wandel,
also die wirkliche, positive Wissenschaft die Dar- und wodurch ist sein scheinbarer Wandel be-
stellung der praktischen Betätigung, des prakti- dingt?" 188 In der Einleitung zu seinem 1901 er-
schen Entwicklungsprozesses der Menschen" 182 be- schienen Buch Späträmische Kunstindustrie ant-
ginne, liegt schließlich der Grundstein für die Syste- wortete er in Abgrenzung zum modisch geworde-
matik einer Wissenschaft von der Geschichte der nen Sempersehen Materialismus:
Kunst, die - aus dem normativen Korsett der Frei- "Im Gegensatz zu dieser mechanistischen Auffas-
heit von Nutzen und Bedürfnis befreit - als Kron- sung vom Wesen des Kunstwerkes, habe ich - so-
zeuge gesellschaftlicher Bedürftigkeit verstanden viel ich sehe, als Erster - in den ,Stilfragen' eine te-
werden kann. Im vormaligen ,sinnlichen Scheinen leologische vertreten, indem ich im Kunstwerke das
der Idee', worin die ,reine Schönheit' für idealisti- Resultat eines bestimmten und zweckbewußten
sche Ästhetik sich erfüllte, kann - über die Vermitt- Kunstwollens erblickte, das sich im Kampfe mit
lung historistischen Denkens 183 - die positive Gebrauchszweck, Rohstoff und Technik durch-
Kunstgeschichte das sinnliche Scheinen der Gesell- setzt. " 189
schaft nun erblicken. Es ist diese Erweiterung, die Damit ist das "Kunstwollen" als das "Eine im Wan-
sich in Alois Riegls Theorie niederschlägt und die del" bestimmt oder die "unabhängige Variable",
diese im Begriff vom Kunstwollen der Kunstge- wie es Hans Sedlmayr nannte. 190 Ihm verdanken
schichte verfügbar macht, ein Begriff im übrigen - wir auch die stichhaltigste Deutung dieses Begriffs,

30
die er in der Diskussion anderer Interpretationen Hans Sedlmayr hat später darauf hingewiesen, daß
findet: Riegl "aber noch einen entscheidenden Schritt wei-
"Der Träger des Kunstwollens ist (. .. ) immer eine tergegangen (ist) und (. .. ) diese vergleichende
bestimmte Gruppe von Menschen, die sehr verschie- Strukturlehre der Kunstgebilde unterbaut (hat)
den groß sein kann. Dadurch erreicht man jene Va- durch eine Lehre von den wesensmöglichen Rich-
riabilität, die notwendig ist, um das gleichzeitige tungen des Kunstwollens, eine theoretisch-apriori-
Vorhandensein verschiedener Stile in demselben sche Disziplin" 196.
geographischen Raum und den verschiedenen, Um- Die sich auf diesem Wege ergebenden "letzten Stil-
fang' der Stil-Gattungen und ihrer Unterarten zu typen des Kunstwollens", die Idealtypen sind, re-
erklären. "191 sultieren aus der Wahrnehmung des Menschen, aus
Die Stilveränderung, in der Geschichte sich vollzie- seiner Weltauffassung, die er nun in der Formung
hend, ist damit wie diese selbst sozial begründet, die der Kunstgebilde realisiert.
Inhalt-Form-Relation als Entsprechung von gesell- "Diesen Zusammenhang zwischen bildender Kunst
schaftlichem Movens und künstlerischem Ausdruck und Weltanschauung im einzelnen nachzuweisen,
oder Wirklichkeit, und deren Umwertung, wie es wäre nun nicht Sache des Kunsthistorikers, sondern
später bei Gropius heißt, neuerlich bestimmt. Inso- diejenige - und zwar die eigentliche Zukunftsauf-
fern erscheinen die einzelnen "Kunstwerke als Sinn- gabe - des vergleichenden Kulturhistorikers (. .. ).
gebilde, deren Teile in ihrem Sein und So-sein an Alle die genannten nichtkünstlerischen Kulturgebie-
einer bestimmten Stelle des Ganzen durch ein te (Wissenschaft, Philosophie, Religion; K. W.) spie-
Strukturprinzip des Ganzen bestimmt sind" 192. Für len nämlich unablässig in die Kunstgeschichte hin-
Sedlmayr bestand die theoretische Leistung Riegls ein, indem sie dem Kunstwerk (das niemals ohne
eben darin: äußeren Zweck ist) die äußere Veranlassung, den
"Dieser Schritt der Ableitung der einzelnen Stil- Inhalt liefern. "197 So folgerte Riegl in seinem
merkmale aus zentralen Gestaltungsprinzipien ist Aufsatz Naturwerk und Kunstwerk.
also das eigentlich Entscheidende für das neue Ver- Der Kunstgeschichte ist nun alles wissenschaftliches
fahren. Erst in der Verbindung damit bekommt der Material; sie kann durchaus Urteile über die Qualität
Rekurs auf das ,Kunstwollen' (und letzten Endes der künstlerischen Ausführung fällen 198, will sich
auf das ,Kulturwollen') seinen wichtigen Sinn. Man aber eines ordnenden historischen Wertsystems ent-
verankert damit die Anderung der Stilprinzipien in halten. Als geschichtliche Zeugnisse gesellschaftli-
fundamentalen Anderungen der Geistesstruktur ei- cher Befindlichkeit werden deshalb alle Kunstgat-
ner Gruppe von Menschen, in Anderungen der tungen, die Architektur und nun sogar das Kunstge-
,Ideale', in Umwertung der ,Werte' und damit der werbe als gleichrangige Kunstformen beschreibbar,
möglichen Willensziele auf allen Gebieten. "193 die ihre Wertigkeit nicht in der Autonomie von
So verstanden erweist sich im Rieglschen Begriff Stofflichkeit und Bedürfnis erweisen, sondern als
vom Kunstwollen die Wissenschaft von der Ge- "faits socials"198a eine besondere, nämlich künstleri-
schichte der Kunst tatsächlich als fähig, den norma- sche Art der Weltverarbeitung repräsentieren. Wenn
tiven Impetus philosophischer Ästhetik abzuweh- wir bei Riegl in einem Aufsatz von 1899 sodann
ren, ohne auf eine theoretische Bestimmung, näm- eine historische Gliederung der Kunstwerke finden,
lich sozialhistorische Formation 194 zu sein, verzich- die der Hegels nicht ganz unähnlich ist, so sind
ten zu müssen. diese dem Kunsthistoriker doch alle wesentlich in
Für die Entwicklung der Kunstgeschichte als Diszi- ihren Ausdrucksveränderungen, die - aus dem
plin hatte Riegl festgestellt, daß "eine sehr wichtige ganzen Umfeld der Sozietas entstanden - ihm
Voraussetzung aller wissenschaftlichen Forschung, gleichermaßen Auskunft über das Weltverhältnis der
die zwar schon seit Winckelmann angestrebt wurde, Menschen geben. Aus dem Bedürfnis der Menschen,
nun erst recht zur Tat werden konnte: die Voraus- in und mit der Natur in ein harmonisches Verhält-
setzung nämlich, daß jedes einzelne Kunstwerk der nis zu treten, entstehen die Kunstwerke und sind
wissenschaftlichen Betrachtung und Erkenntnis die sinnlichen Garanten zu dessen Befriedigung.
würdig ist, ohne Rücksicht darauf, ob es dem be- In Riegls Beschreibung vom historischen Verlauf der
trachtenden Subjekt gefällt oder mißfällt." 195 Kunst ist ein Reflex auf Hegels Gang zur Vervoll-
Das war eine wesentliche Voraussetzung zur Ent- kommnung des Menschen in Sittlichkeit und Wissen
wicklung des Begriffs vom Kunstwollen, jenes Be- spürbar. 199 Diesem wie auch jenem wird die erwei-
griffs, der die Stilveränderungen zu greifen verstand. terte Naturbeherrschung zum qualitativen Um-
31
schlag bisherigen Kunstvermögens. Da aber das Be- einst Kleist den ästhetischen Diskurs Uber das Ma-
dürfnis nach Harmonie sich nicht wie bei Hegel in rionettentheater 204 geschlossen, würden Grazie und
einem absoluten Wissen des Geistes erfüllt, bleibt Harmonie wieder ermöglichen. "Ein wenig zer-
es in den Menschen vorhanden, die weiterhin origi- streut" hatte sich der Dichter gefragt: ,,(. .. ) müßten
näre Kunstwerke erzeugen, und zwar auf der Grund- wir wieder von dem Baum der Erkenntnis essen,
lage dieses neuen Wissens. Zu eben diesem Schluß um in den Stand der Unschuld zurückzufallen?"
kommt Riegl in seiner Suche nach dem "Inhalt der Und der Tänzer hatte ihm geantwortet: "Allerdings,
modernen Kunst"200 und kehrt Hegels Theorem da- das ist das letzte Kapitel von der Geschichte der
mit um: Welt. "205
"Unter den bisher skizzierten drei Weltanschauun- In Riegls positivem Zugriff auf das Wissen war die-
gen, die sämtlich die Herstellung der Harmonie von ses Kapitel erst eröffnet, die bitteren Früchte blie-
einem sozusagen persönlichen Eingreifen einer un- ben noch zu pflücken. Die Aufgabe der Kunst aber,
fehlbaren höheren Gewalt erwarten, die also allein der modernen Kunst, hatte Riegl auch für die Zu-
und ausschließlich auf das Gottvertrauen begründet kunft schon gefaßt: "Weder Proportions- und Li-
sind, ist zweifellos die christliche die vollkommenste nienschönheit, wie das klassische Altertum, noch
und den Menschen befriedigendste, weil sie den geistige Erhebung, wie das christliche Mittelalter:
Schutz des sittlichen Menschen durch eine sittliche hingegen unter allen Umständen Lebenswahr-
Gewalt verbürgt. Alles hängt aber dabei vom Glau- heit. "206 Damit war besiegelt, was Kunst fortan
ben ab. Solange ich das unbedingte Vertrauen habe, nicht mehr kann: das Bild einer idealen Welt har-
daß Gott mich als einen gerechten Menschen vor monisch zu geben. In einer zerrissenen Welt - und
dem Blitzschlag schützen wird, schafft mir die so kommt sie auf uns als moderne - ist sie zerrisse-
christliche Weltanschauung vollkommene Harmo- ne Kunst, gibt darin ,Lebenswahrheit', aber nicht
nie. Dies ändert sich aber, sobald ich einen Blitzab- ohne zugleich in ihrer Zerrissenheit auf Harmonie
leiter auf meinem Hause aufrichte: denn jetzt ver- als ihr anderes beharrend zu verweisen, ihrer so ge-
traue ich mehr meinem Wissen, das mich von jener setzten Aufgabe also nach wie vor gerecht zu wer-
Vorrichtung den begehrten Schutz sicher erwarten den. Adorno hat diesen ästhetischen Vollzug später
läßt, als meinem Glauben, der mir den Blitzableiter so beschrieben:
entbehrlich erscheinen lassen müßte. Damit ist ge- "Das Neue ist die Sehnsucht nach dem Neuen,
sagt, daß mir der Glaube allein wenigstens in irdi- kaum es selbst, daran krankt alles Neue. Was als
schen, materiellen Dingen die volle Harmonie nicht Utopie sich fühlt, bleibt ein Negatives gegen das Be-
mehr gewährleistet. Die christliche Weltanschauung stehende, und diesem hörig. Zentral unter den ge-
erscheint hiermit gerade in demjenigen Teile, der für genwärtigen Antinomien ist, daß Kunst Utopie sein
die bildende Kunst von entscheidender Bedeutung muß und will und zwar desto entschiedener, je mehr
ist - in der Auffassung des Naturgesetzes - verlas- der reale Funktionszusammenhang Utopie verbaut;
sen und überwunden. Es kann nur das Wissen sein, daß sie aber, um nicht Utopie an Schein und Trost
von dem ich fortan die Harmonie zu erwarten ha- zu verraten, nicht Utopie sein darf. Erfüllte sich die
be. "201 Utopie von Kunst, so wäre das ihr zeitliches Ende.
Für Riegl ist sie am Ende des Jahrhunderts sichtbar Hegel als erster hat erkannt, daß es in ihrem Begriff
in dem, was er "Stimmungskunst" nennt, also jener impliziert ist. Daß seine Prophezeiung nicht einge-
Kunst, vor allem der Malerei, die, wissenschaftliche löst ward, hat seinen paradoxen Grund in seinem
Erkenntnis nutzend, Natur und das konkrete Geschichtsoptimismus. Er verriet die Utopie, in-
menschliche Verhältnis zu ihr als Kausalitätsverhält- dem er das Bestehende konstruierte, als wäre es je-
nis darstellt. 202 Was dem Menschen durch den ne, die absolute Idee. Gegen Hegels Lehre, der Welt-
Glauben einst im Transzendentalen Ruhe verschaff- geist sei über die Gestalt der Kunst hinaus, behaup-
te, übernimmt nun das umfassende Wissen, das uns tet sich seine andere, welche die Kunst der wider-
die "erlösende Harmonie" zu "schaffen" vermag. spruchsvollen Existenz zuordnet, die wider alle af-
Das vernünftige Wissen, die Lösung der Sinnfrage in firmative Philosophie fortwährt. Schlagend ist das
der "beruhigenden überzeugung vom unverrückba- an der Architektur: wollte sie aus überdruß an den
ren Walten des Kausalitätsgesetzes"203 wird die Zweckformen und ihrer totalen Angepaßtheit, der
Darstellungsaufgabe der Kunst. Erst alle gepflück- ungezügelten Phantasie sich anheimgeben, sie geriete
ten Früchte vom Baum der Erkenntnis, so hatte sogleich in Kitsch. So wenig wie Theorie vermag

32
Kunst Utopie zu konkretisieren; nicht einmal nega- wicklung der "Organisation ihrer Wahrnehmung"210
tiv. Das Neue als Kryptogramm ist das Bild des Un- verbunden sei, wurde zum Anknüpfungs- und Aus-
tergangs; nur durch dessen absolute Negativität gangspunkt für Walter Benjamin, der Riegls Ansatz
spricht Kunst das Unaussprechliche aus, die Utopie. weiterführte und in seinem Essay Das Kunstwerk
Zu jenem Bild versammeln sich alle Stigmata des im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit
Abstoßenden und Abscheulichen in der neuen für die Bedingungen der industriell produzierenden
Kunst. Durch unversöhnliche Absage an den Schein Gesellschaft explizierte. Benjamin, der seit langem
von Versöhnung hält sie diese fest inmitten des Un- Riegl und die Wien er Schule kannte und bewunder-
versöhnten, richtiges Bewußtsein einer Epoche, dar- te 211 und der Riegls Aufsatz, worauf einige Form-
in die reale Möglichkeit von Utopie - daß die Er- elemente schließen lassen, vor Augen gehabt haben
de, nach dem Stand der Produktivkräfte, jetzt, hier, muß 212 , ging von der notwendigen Beschränkung
unmittelbar das Paradies sein könnte - auf einer der Rieglschen Einsichten aus. Benjamin schreibt:
äußersten Spitze mit der Möglichkeit der totalen "So weittragend ihre (Riegls und Wickhoffs; K. W.)
Katastrophe sich vereint. "207 Erkenntnisse waren, so hatten sie ihre Grenze darin,
Riegl hatte in den beiden Termini ,Kunstwollen' und daß sich diese Forscher begnügten, die formale Si-
,Lebenswahrheit' die Grundlage für den Fortbestand gnatur aufzuweisen, die der Wahrnehmung in der
eines Kunstbegriffs gelegt, der Wahrheit, Wissen Spätrömischen Zeit eigen war. Sie haben nicht ver-
und Anschaulichkeit in einen Bedingungszusam- sucht - und konnten vielleicht auch nicht hof-
menhang in sich aufnahm. Im Begriff vom ,Kunst- fen -, die gesellschaftlichen Umwälzungen zu zei-
wollen', der das Kunstwerk aus der Dynamik des gen, die in diesen Veränderungen ihren Ausdruck
sozialen Lebens entstanden denkt, war die Säkula- fanden. Für die Gegenwart liegen die Bedingungen
risation der Kunst, wie sie sich seit der Renaissance einer entsprechenden Einsicht günstiger. Und wenn
vollzogen hatte, theoretisch besiegelt, in dem Be- Veränderungen im Medium der Wahrnehmung, de-
griff der ,Lebenswahrheit' der Grundstein gelegt, ren Zeitgenossen wir sind, sich als Verfall der Aura
sie einer Wirkung zu entreißen, die Walter Benjamin begreifen lassen, so kann man dessen gesellschaftli-
später die auratische nannte. Hegel hatte diese Ver- che Bedingungen aufzeigen."213
änderung vor der Entfaltung wissenschaftlichen Benjamin definiert Aura als "einmalige Erschei-
Denkens ja schon als den Verlust des Auratischen nung einer Ferne, so nah sie sein mag"214. Aber
im Ritus beklagt, als er konstatierte: "Mögen wir eben jene Ferne oder "Fernsicht", die für Riegl
die griechischen Götterbilder noch so vortrefflich noch Harmonie versprach, wird nun selber historisch
finden und Gottvater, Christus, Maria noch so wür- unmöglich, und zwar, wie Benjamin ausführt, auf
dig und vollendet dargestellt sehen: es hilft nichts, Grund zweier" Umstände", "die beide mit der zu-
unser Knie beugen wir doch nicht mehr. "208 nehmenden Bedeutung der Massen im heutigen
Leben zusammenhängen. Nämlich: die Dinge
räumlich und menschlich näher zu bringen, ist ein
genau so leidenschaftliches Anliegen der gegenwär-
tigen Massen, wie es ihre Tendenz einer überwin-
dung des Einmaligen jeder Gegebenheit durch die
Von der diachronischen Aufnahme von deren Reproduktion ist."21S
zur synchronischen Kunstbetrachtung.
Auf der Grundlage einer umfassenden Anwendung
Walter Benjamin
der Wissenschaft in der Technik, in deren histori-
Auch für Riegl war an die Stelle der Andacht die schem Verlauf das Kunstwerk gewissermaßen aus
wissenschaftliche Aufklärung, diese jetzt wie einst seinem rituellen Gebrauch in seinem bloß alltägli-
jene dem Menschen Harmonie verschaffend, getre- chen sich aufzulösen schien, hatte es schließlich all
ten. Diese Wirkung - und davon war Riegl in sei- jene Bestimmungen eingebüßt, die einst untrennbar
nem ,Stimmungskunst'-Aufsatz ausgegangen -, ist mit seinem Begriff verbunden waren: Einzigartig-
gebunden an die "menschliche Sinneswahrneh- keit, Echtheit, Originalität, Objekt kontemplativer
mung", kommt nur durch diese zustande, und zwar Versenkung zu sein, d. h. Kultwert zu besitzen. "In
dann, wenn der Mensch durch "Fernsicht"209 sich dem Maße", so führt Benjamin seine Gedanken
den Dingen entfernend nähert. Dieser Rieglsche fort, "in dem der Kultwert des Bildes sich säkulari-
Schluß, daß die Geschichte der Kunst mit der Ent- siert, werden die Vorstellungen vom Substrat seiner

33
Einmaligkeit unbestimmter. Immer mehr wird die scher Verfahren auf die künstlerische Produktion
Einmaligkeit der im Kultbilde waltenden Erschei- und Rezeption gesamtgesellschaftlich obsolet. Die
nungen von der empirischen Einmaligkeit des Bild- Echtheit eines Kunstwerkes, die Einmaligkeit seiner
ners oder seiner bildenden Leistung in der Vorstel- Rezeption durch ein sich enthebendes Individuum
lung des Aufnehmenden verdrängt. "216 wird aufgelöst vor der Tatsache, daß jedes Kunst-
Oder anders: Mit der gesamtgesellschaftlich herr- werk zu jeder Zeit wieder erstehen kann (in man-
schenden Maschinenarbeit, mit der Entwicklung chen späteren Kunstrichtungen sogar SOll)221 bzw.
technischer Medien wird nun jedes Produkt, auch in der Reproduktionsmöglichkeit allgegenwärtig
das künstlerische, tendenziell reproduzierbar, und ist, nun also umgekehrt als die wiederholbare Nähe,
eben nicht allein auf Grund erweiterter Reproduk- so fern sie sein mag, erfahren wird. Aus dieser Nah-
tionsverfahren, wie bei der Fotografie oder beim sichtigkeit, die nun prinzipiell allen möglich ist, re-
Film, sondern grundsätzlich als Entwurf für ein Ma- sultiert der Funktionswandel: "An die Stelle ihrer
schinenprodukt, vom kunsthandwerklichen Gegen- Fundierung aufs Ritual tritt ihre Fundierung auf ei-
stand bis zum vorgefertigten Bauteil. Das originäre ne andere Praxis: nämlich ihre Fundierung auf Po-
der künstlerischen Arbeit reduziert sich damit allein litik. "222 Daß die zukünftige Kunst unbedingt ,le-
auf den Entwurf217 , das Hier und Jetzt des künstle- benswahr' zu sein habe, ist in dieser Formulierung
rischen Produktes aber ist nicht mehr uneinge- enthalten, doch transponiert der Begriff der Au-
schränkt kommensurabel, seine Rezeption beliebig thentizität die Rieglsche Anschauung radikal auf
möglich, das Kultische an ihm damit aufgelöst. die Diesseitigkeit, den Wahrheitsgehalt der Kunst
Doch "freilich niemals ganz ohne Rest", so Benja- grundsätzlich auf die je konkrete sozialhistorische
min, denn "mit der Säkularisierung der Kunst tritt Struktur. Was Benjamin in seinen Thesen Uber den
die Authentizität an die Stelle des Kultwertes" 218 . Begriff der Geschichte 223 Historismus und histori-
Die Konkretion dieses Begriffs verdanken wir Lien- schen Materialismus als differierende Geschichtswis-
hard Wawrzyn: "Die Einzigkeit, die jetzt vom senschaften voneinander abgrenzen ließ, gilt für
Kunstwerk gefordert ist, ist diejenige der Abbildung den Umschlag vom Kunststil ,Historismus' zur Ver-
einer historischen Situation. ,Authentizität' ist die gegenwärtigung des sozialhistorischen Jetzt bei den
ins Politische transponierte Kategorie der Einmalig- Neuerern der Moderne: "Der Historismus stellt das
keit. In einem dialektischen Umschlag hat die hi- ,ewige' Bild der Vergangenheit, der historische Ma-
storisch fundierte Einmaligkeit der numerischen, terialist eine Erfahrung mit ihr, die einzig da-
wie sie im Werk selber verankert war, den Rang ab- steht. "224 In dieser Formulierung ist nicht nur der
gelaufen. ,Einzigkeit' zielt damit auf die Vermitt- Umgang mit Vergangenheit, sondern auch der mit
lung von Erfahrung. "219 Gegenwart prädisponiert. Als authentische Kunst
Was Benjamin im Verfall der Aura angesprochen gilt fortan, und nur darin legitimiert sich eine Ver-
hatte, beschrieb die Wirkungsgeschichte der Kunst- bindung von Kunst und Wahrheit, daß ihre formale
werke durchaus von einem historischen Endpunkt Fassung als Ausdruck einer je konkreten sozialhi-
her, jedoch nicht, ohne im Begriff des ,Authenti- storischen Formation erkennbar sein muß. Nichts
schen' ihre Geburtsstunde neu zu eröffnen. Benja- anderes hat Gropius bei seinem ersten öffentlichen
min war einige Jahrzehnte nach Riegl in der Lage, Auftritt, dem Vortrag von 1911, angesprochen, als
nicht nur die Kunst auf die veränderte, wissen- er die Aufgabe der Baukunst programmatisch fast
schaftliche Welt erfahrung fundiert zu sehen, son- für sein ganzes zukünftiges Schaffen so darstellte:
dern auch deren Auswirkungen auf das gesamtge- "Denn das moderne Leben braucht neue Bauorga-
sellschaftliche Apperzeptionsvermögen zu analysie- nismen entsprechend den Lebensformen unserer
ren und daraus Schlüsse zu ziehen. Die wissenschaft- Zeit. Bahnhöfe, Warenhäuser, Fabriken verlangen
liche Aufklärung hatte das Kultische an den Kunst- ihren eigenen modernen Ausdruck und können gar
werken endgültig aufgelöst und damit die Annähe- nicht im Stil der vergangenen Jahrhunderte gelöst
rung an Kunst verändert, die Kunst also in ihrer so- werden, ohne daß man in leeren Schematismus und
zialen "Funktion umgewälzt"220. Was für Riegl in historische Maskerade verfällt (. .. )." 225
einem gleichsam rituellen Akt noch möglich schien, Und etwas später:
sich in der Fernsicht der Alltäglichkeit zu entheben, "Diese neuen Formen können nicht willkürlich er-
um so eines harmonischen Weltganzen ansichtig funden werden, sondern ergeben sich mit Notwen-
werden zu können, wird vor dem Einbruch techni- digkeit aus den Lebensäußerungen der Zeit."226

34
Die Industrie als Träger des KunstwoUens. Entwicklung einer neuen Kultur ausüben wird, von
Walter Gropius' Entwicklung der in unseren Tagen so viel die Rede ist, wie früher
eines authentischen Stils der dynastische Einzelwille eines Herrschers. "228
Im Titel des Aufsatzes von 1914, Der stilbildende
Walter Gropius verbindet die Forderung nach der Wert industrieller Bau/ormen, ist dann angezeigt,
allgemeinen künstlerischen Neu- mit einer Selbstbe- daß Gropius die Vermutung von einst inzwischen als
sinnung. Wie wir wissen, hatte er sich in seinem bestätigt ansieht. Entsprechend führt er nun aus:
Vortrag von 1911 explizit auf die Kunsttheorie "Es beginnen sich langsam in unseren Tagen solche
Riegls berufen, um von ihr aus zu eigenen Urteilen gemeinsamen Gedanken von weltbewegender Be-
und Schlüssen zu kommen. Beinahe schulbuchmäßig deutung aus dem Chaos individualistischer Anschau-
mutet seine Interpretation des Begriffs vom ,Kunst- ungen abzulösen. In den Riesenaufgaben der Zeit,
wollen' an, mit dem er nun seiner Zeit zu Leibe den gesamten Verkehr - die ganze materielle und
rückt. Ausgehend von der vorgefundenen Unange- geistige Menschenarbeit - organisatorisch zu bewäl-
m~ssenheit des architektonischen Ausdrucks im hi- tigen, verkörpert sich ein ungeheurer sozialer Wille.
storistischen Ornament, fragt sich Gropius nämlich Mehr und mehr wird die Lösung dieser Weltaufgabe
nach den Beweggründen dieser Entwicklung des zum ethischen Mittelpunkt der Gegenwart und da-
Auseinanderfallens von künstlerischer Form und mit wird der Kunst wieder geistiger Stoff zur symbo-
sozialem Gehalt und sucht nach jenen Faktoren, die lischen Darstellung in ihren Werken zugeführt."229
dafür gesamtgesellschaftlich prägend sind. Seine Was Gropius um 1910 als Organisatorin jener ,gei-
Frage zielt also auf jene gesellschaftlich hervorra- stigen und materiellen Menschenarbeit' vor Augen
gende Kraft, die die Teile des Sozialgefüges mitein- stand, war eine hochentwickelte Industrie 230 , die
ander vermittelt, also für das Ganze bestimmend ist, sich in der kapitalistischen Produktionsform die
für es sprechen kann und somit wieder stilbildend geistige und körperliche Arbeit subsumiert hatte.
zu wirken vermag. Beispielhaft formuliert Gropius Darin erschien sie als Garantin gesamtgesellschaftli-
seinen Ansatz in dem Artikel von 1914: chen Progresses überhaupt. Diese soziale Avantgar-
"Der Kunst der vergangenen Jahrzehnte fehlte der deposition ist für Gropius der nervus rerum zur
moralische Sammelpunkt und damit die Lebensbe- Entfaltung einer künstlerischen, die nun Anspruch
dingung zu einer fruchtbaren Entwicklung. Es gab auf Authentizität erheben kann. Damit ist das öko-
in dieser nur materiell sich vorbereitenden Zeit nomische zum ästhetischen Subjekt erklärt. Und so
kein geistiges Ideal von so allgemein gültiger Bedeu- rückt nun, gar nicht überraschend, der Ort von In-
tung, daß der schaffende Künstler über egozentri- dustrie, der Fabrikbau, und rücken in dessen Gefol-
sche Vorstellungen hinaus einen allgemein verständ- ge die Einrichtungen zur Organisation des Waren-
lichen Vorwurf daraus gewinnen konnte. Auf allen umschlags immer mehr ins Zentrum der Betrach-
Gebieten geistigen Lebens zersplitterten sich die tung. Vor allem das Fabrikgebäude, als Repräsen-
Meinungen, und die Kunst - die immer die geisti- tant der spezifischen Seinsweise und sichtbares Zei-
gen Erscheinungen ihrer Zeit darstellen will - war chen der historisch gewonnenen zivilisationsbilden-
das getreue Spiegelbild dieser innerlichen Zerfahren- den Kraft von Industrie, erhält für Gropius eine we-
heit. Das Grundproblem der Form war ein unbe- sentliche Bedeutung; er bekennt:
kannter Begriff geworden (. .. ). Solange eben die "Von der Seite der Architekten ist die baukünstle-
geistigen Begriffe der Zeit noch unsicher schwan- rische Aufgabe der Industrie erkannt und mit Inter-
ken, ohne ein einiges festes Ziel, solange fehlt auch esse aufgegriffen worden. Der völlig neue formale
der Kunst die Möglichkeit, Stil zu entwickeln, d. h. Charakter, die Wucht und Knappheit, die den Bau-
den Gestaltungswillen der vielen in einem Gedanken ten der Industrie von Haus aus innewohnt, muß ja
zu sammeln." 227 auch die lebendige Phantasie des Künstlers rei-
Was diese beherrschende gesellschaftliche Kraft und zen. "231
wer deren personelle Träger sein könnte, hatte Gro- Für eine zeitgemäße Architekturentwicklung ist die
pius schon drei Jahre zuvor, 1911, angedeutet: form bildende Funktion des Industriebaus damit
"Auf der richtigen Verteilung der Rollen beruht hypostasiert. Auch wenn Gropius noch 1911 ge-
die Macht der modernen Zeit, und es sind Anzeichen meint hatte, daß "eine Stätte der Arbeit nie in uns
vorhanden, daß die Industrie durch Zusammen- so starke seelische Impressionen (wird) erwecken
schluß vieler einen ebenso starken Einfluß auf die können, wie ein Gotteshaus", so hatte er doch ge-

35
folgert, "in den Bauten der heutigen Industrie Der Mensch als Subjekt der Raumgestaltung.
könnte der Keim zu höheren Architekturgedanken August Schmarsow und Heinrich Wölfflin
verborgen liegen, der sie schon heute der Sphäre der
monumentalen Kunst näherrückt" 232 . Walter Gropius steht mit seiner Wesenbestimmung
Erste "Vorboten eines kommenden monumentalen von Architektur in der Tradition der Kunsttheorie
Stils"233 waren ihm amerikanische Industriebauten, des späten 19. im übergang zum 20. Jahrhundert.
die "Getreidesilos von Kanada und Südamerika, die "Die Geschichte der Baukunst ist eine Geschichte
Kohlensilos der großen Eisenbahnlinien und die des Raumgefühls. "241 Das war die Quintessenz von
modernsten Werkhallen der nordamerikanischen August Schmarsows Antrittsvorlesung Das Wesen
Industrietrusts"234. Sie alle machten ihm die "ur- der architektonischen Schöpfung (1893) gewesen.
sprüngliche Mächtigkeit, die den Bauten der Indu- Was lange dafür gehalten yvurde, "das tektonische
strie von Haus aus innewohnt"235, sinnfällig und Gerüst, der ganze Aufwand an massigem Material",
bargen jene Elemente, die der Architekt allen zeit- so hatte er es seinem Resümee vorausgeschickt,
genössischen Bauaufgaben zukünftig zu entlocken sinke "zu einer sekundären Bedeutung herab, näm-
hatte. War deren "monumentale Gewalt des Ein- lich des Mittels zum ästhetischen Zweck" 242 . Ob
drucks"236 dem instinktiven Handeln ihrer Erbau- die einen "Konstruktion, die anderen Bekleidung
er geschuldet gewesen, bei denen sich "der natürli- des Gerüsts oder die tektonische Gliederung" zum
che Sinn für große, knapp gebundene Form, selbst- Wesentlichen erklärten, sie alle befänden sich im
ständig, gesund und rein"237 erhalten hatte, so ist gleichen Irrtum, wie im übrigen auch jene, die in
es jetzt Aufgabe des Baukünstlers, diesen Gestal- der "Architektur selbst die ideale Darstellung der
tungsakt bewußt zu vollziehen. Sind die stilbilden- das Weltall enthaltenden Gesetze der Schwere, eine
den Potenzen der Industrie einmal erkannt worden, Darstellung der Begriffe Kraft und Last für unser
so bildet deren "organisiertes Arbeitsleben" , dem Gefühl"243 sähen. Das alles sei nicht das Wesen der
"Wucht, Strenge und Knappheit"238 zu eigen ist, Baukunst, denn vor deren Materialisation stehe ein
das Material, welches die Architektur darzustellen übergreifendes, alle baulichen Organismen Verbin-
hat. Dementsprechend muß sich der Architekt, der dendes, den Begriff Architektur Umfassendes, näm-
Baukünstler, auf einfache "knappe Formen"239 be- lich der Vorentwurf in der Phantasie des künstleri-
sinnen, auf stereometrische Grundformen also, um schen Subjekts, und dieser sei immer und vor allem
darin die ingenieurmäßige Bauauffassung zu subli- eine Raumvorstellung. Denn der gemeinsame Ge-
mieren und nun in einer symbolischen Darstellung sichtspunkt, unter dem sich jedes architektonische
zur Architektur zu entfalten. Gropius folgert: Gebilde fassen lasse, sei der des ,Raumgebildes' :
"J e sinnfälliger nun diese Ausdrucksmittel gewählt ,,(. .. ) vom langen Straßenzug des ägyptischen Wall-
werden, desto monumentaler muß die Wirkung sein, fahrtstempels, bis zum säulengetragenen herrlichen
die von dem Kunstwerk ausgeht, denn an die Sinne Dach des Hellenengottes, von der Karaibenhütte bis
gebunden, können wir uns nicht entmaterialisieren. zum Reichstagsgebäude, - so können wir, möglichst
(. .. ) Für die bildende Kunst, im besonderen auch allgemein ausgedrückt, sagen, sie sind samt und
für die Baukunst, ist nun das übermittelnde Sinnes- sonders Raumgebilde, - und zwar gleichgültig aus
organ das Auge und das materielle Substrat für den welchem Material, von welcher Dauer und Kon-
formenden Kunstwillen sind die sichtbaren Ele- struktion, oder welcher Durchbildung der tragen-
mente des Raumes. "240 den und getragenen Teile. "244
Zum Kunstwerk wird ein Bau also erst dann, so läßt Die Architektur als ,Raumgestalterin' hat ihre "Ge-
sich aus Gropius' Darlegungen resümieren, wenn schichte als Geschichte des Raumgefühls" , sie ist
ideelle Bedürfnisse am ungeordneten Material dar- deshalb - und damit endete der Vortrag Schmar-
gestellt und damit formal bewältigt werden; Kör- sows - "bewußt oder unbewußt ein grundlegender
pergestaltung und Raumbegrenzung sind die visuel- Bestandteil der Weltanschauung"245. Wie sich der
len Träger dieses Darstellungsbemühens. Baukunst Mensch in der Welt bewegt, bzw. wie er sich in ihr
hat demnach das Ordnen des Raumes nach ideellen zu bewegen gedenkt, darüber gibt die architektoni-
Gesichtspunkten zu ihrem Wesen, sie macht ihre sche Schöpfung, der einzelne Raum, das Raumen-
Authentizität in der räumlichen Organisation an- semble bis hin zum Stadtraum Aufschluß. 24 6 Die
schaulich und erkennbar; Konstruktion und Mate- Architekturen sind Ausdruck seines besonderen ge-
rial sind die Mittel dieser Darstellung. sellschaftlichen Seins oder seiner Vorstellung davon.

36
Das Subjekt dieses architektonischen Schaffens ist gemäßen Prinzipien resultiert bei Schmarsow aus
für Schmarsow der Mensch, der in seiner physischen dem unterstellten Willen nach menschlicher Vervoll-
Organisation die architektonische bestimmt. Vor kommung und dem Aufgehen des Individuums in
allem fungiert er als die "Dominante des Axsyste- einer sittlich harmonischen Gesellschaftsverfas-
mes, das Höhenlot vom Scheitel an die Sohlen". sung. 253
"Das heißt, solange eine Umschließung des Subjekts Zu ähnlichen Ergebnissen kam 1886 Heinrich
gewollt wird, bedarf der Meridian unseres Leibes Wölfflin in seiner Dissertation mit dem methodisch
keiner sinnlich sichtbaren Herstellung: wir selber beziehungsreichen Titel Prolegomena zu einer Psy-
sind seine Ausgestaltung in Person. Die Architektur chologie der Architektur. Bei Schmarsow hatte die
als unsere Raumgestalterin schafft als ihr eigenstes, Begründung des Analogons von Architektur- und
das keine andere Kunst zu leisten vermag, Um- Menschengestalt darin bestanden, daß die Architek-
schließungen unserer selbst, in denen die senkrech- tur als Umschließung des menschlichen Organismus'
te Mittelaxe nicht körperlich hingestellt wird, son- sich diesem anverwandelt und sie uns darin ästheti-
dern leer bleibt, nur idealiter wirkt und bestimmt schen Genuß verschafft. Wölfflin verlegt dieses
ist als Ort des Subjektes. "247 Faktum weiter in das menschliche Subjekt, in sein
Am biologischen Sein des Menschen orientiert sich konkretes subjektives Empfinden. Ausgehend von
die räumliche Ausprägung, des Menschen Achse be- der These, daß "leibliche Organisation (. . .) die
stimmt das "Höhenlot, seine Bewegungsfähigkeit Form (ist), unter der wir alles Körperliche auffas-
die Tiefenausdehnung und die Ausbreitung der Ar- sen "254, wollte er zeigen, "daß die Grundelemente
me die Breitendimension"248. Sein Körper ist also der Architektur: Stoff und Form, Schwere und
das Maß aller räumlichen Dinge. Seinem physischen Kraft sich bestimmen nach den Erfahrungen, die
Sein gemäß formt sich der Mensch eine Architektur- wir an uns gemacht haben; daß die Gesetze der for-
welt "zu seinem eigenen Genügen und Genuß"249. malen Ästhetik nichts anderes sind als die Bedin-
Die "freie ästhetische Betrachtung", worunter gungen, unter denen uns allein ein organisches
Schmarsow versteht, daß "wir uns mit Hülfe der Wohlbefinden möglich scheint, daß endlich der Aus-
Phantasie hineinversetzten in das Centrum des In- druck, der in der horizontalen und vertikalen Glie-
nenraumes, dessen Aussenseite sich vor uns aufbaut, derung liegt, nach menschlichen (organischen) Prin-
und durch die Frage nach dem Axensystem da drü- zipien gegeben ist"255 .
ben die Ausgestaltung des fremden Organismus Aus den psychischen Vorgängen im Individuum, in
dem analogen Gefühl in uns zu erschliessen stre- den "Gefühlserscheinungen, die der Anblick von
ben"250, kommt erst zustande und wird zu einem Körpergebilden in ihm auslöst, der sich die Farbe,
wirklichen Genuß, sobald wir einem Gebilde gegen- die Assoziationen, welche aus Geschichte und Be-
überstehen, das wir als ein von uns unterschiedenes, stimmung des Gebäudes erwachsen oder die Be-
aber ähnliches begreifen, "denn eben dies Gefühl, schaffenheit des Stoffes"256, zum Eindruck hinzu-
dass ein zweiter Meridian als Mittelaxe dort, uns fügt, resultiert schließlich der ästhetische Genuß
gegenüber vorhanden ist, bedingt die Anerkennung und daraus das Urteil über ein Artefakt. Was als
des Raumgebildes als Körper eigner Organisation "schöne Form" empfunden und von den Bestim-
ausser uns selbst"251 . mungen der "formalen Ästhetik" als solche gefaßt
Zum Parameter architektonischer Schöpfung wird wird, ist aber nach Wölfflin nichts anderes als die
also der menschliche Organismus. Demgemäß syste- Resultante der "Bedingungen des organischen Le-
matisiert und ordnet der Mensch das sinnlich-räum- bens"257.
liche Material in dem Wunsch nach Angleichung Das ästhetische Organ dieses ,organischen Lebens'
der Außenwelt an eine ihn selbst bestimmende Sitt- war für Wölfflin der ,organische Wille', der sich
lichkeit. Alle "Raumumschließungen" sind für die Welt nun anzuverwandeln gedenkt. Wie von
Schmarsow deshalb Zeichen und Erweiterungen selbst ergeben sich daraus Konsequenzen, die er am
des "regnum hominis", die "dem Menschengeist in sinnfälligsten an der symmetrischen Ausformung
der Durchführung seines eigenen gesetzmässigen expliziert. Hier wird uns paradigmatisch sein me-
Wesens ein Genüge (schaffen), das schliesslich in thodischer Ansatz vorgeführt. In der Diskussion der
dem Glauben an eine sittliche Weltordnung gip- Vischerschen Definition von Symmetrie folgert er:
felt"252. "Die Forderung der Symmetrie ist abgeleitet von
Das Ordnen der Welt nach der menschlicher Natur der Anlage unseres Körpers. Weil wir symmetrisch

37
aufgebaut sind, glauben wir diese Form auch von Mittlerrolle des Willens, später Gestaltung genannt,
jedem architektonischen Körper verlangen zu dür- der allerdings vom organischen zum anorganischen
fen. Nicht deswegen, weil wir unsern Gattungsty- sich wandelt.
pus als den unsrigen für den schönsten halten, wie Ich möchte, da sich der Umschlag des Architektur-
man schon gemeint hat, sondern weil es uns so allein gehaltes andeutet, nochmals zusammenfassen: Ob
wohl ist. In der Wirkung der Asymmetrie (. .. ) liegt die architektonische Schöpfung aus der direkten
das Verhältnis klar vor; wir empfinden ein körperli- Angleichung oder - wie bei Wölfflin - durch die
ches Mißbehagen; indem wir uns in der symbolisie- Einfühlung gewonnen wird und darin ästhetischen
renden Anschauung mit dem Objekt identifiziert Genuß evoziert, immer steht im Zentrum der ästhe-
haben, ist uns als sei die Symmetrie unseres Leibes tischen Erfahrung der Mensch. An seiner Körper-
gestört, als sei ein Glied verstümmelt. lichkeit, an seinem psychischen Empfinden orientie-
Aus dem Ursprung der Forderung von Symmetrie ren sich Körpergestaltung und Raurnabschließung;
ergibt sich auch ihre unbedingte Geltung. Man ist der Mensch ist sich selbst Thema, selbst eigener Ge-
zwar oft der Meinung, der Zweckmäßigkeit müsse nuß; er entwirft in der Gestaltung des Raumganzen
sie sofort weichen, ohne daß das Gefallen eine Ein- wie der Raumglieder immer nur ein Bild von sich,
buße erlitte. Fechner (Vorschule der Ästhetik) das greifbar, anschaulich, eben konkret ist.
bringt als Beispiel die Tasse, die ja nur einen Henkel
habe. Allein gerade hier bewährt sich unser Prinzip
Walter Gropius' Raumkonzept:
aufs beste. Unwillkürlich wird uns die Henkelseite
Subjekt der Raumgestaltung -
zum Rücken der Tasse, so daß die Symmetrie ge-
die ,zweite Natur', die Technik
wahrt bleibt. Sobald dann zwei Henkel gegeben
sind, dreht sich das Verhältnis wieder und wir fassen Für Walter Gropius ist eine solche, auf das konkre-
sie als ein Analogon unserer Arme. te Individuum geronnene Raumvorstellung nicht
Aus alledem geht aber auch zur Genüge hervor, daß mehr greifbar, da es zuallererst in seinem sozialen
ein Ausdruck in der Symmetrie als solcher nicht Sein und hierin eben bestimmt durch die herrschen-
liegen kann, so wenig beim Menschen ein seelisches de soziale Kraft, die Industrie, definiert ist. Weil für
Moment in der Gleichheit der Arme zur Erscheinung Gropius "die Kunst des Architekten" vor allem dar-
kommt. "258 in besteht, "gleichsam die Brücke zum praktischen
Im Gegensatz zu Schmarsow gliedert Wölfflin nun Leben"260 zu schlagen, und zwar zu dessen gesell-
die materielle Seite des Bauwerks, die Stoffdeter- schaftlich dominantem Teil, werden ihm zum The-
minante, in das System ein. Für Schmarsow war sie ma einer authentischen Architekturschöpfung die
reines Mittel ohne wirkliche Bedeutung für den Ar- durch die Industriewelt präformierten Erfahrungen,
chitekturkörper gewesen, für Wölfflin ist der Stoff worin für ihn das Individuelle aufgeht. Schmarsows
dem organischen Bilden einverleibt, weil er aus sich Begriff vom Architekten als Raumschöpfer, der, an
heraus eine bestimmte Form fordere: konkreter menschlicher Körperlichkeit orientiert,
"Der Stoff selbst sehnt sich gewissermaßen der dem Individuum letztlich eine harmonische Weltver-
Form entgegen. Alles Lebendige sucht sich ihm zu fassung räumlich erfahrbar machen will, geht in
entringen, zur Regelmäßigkeit, zum Gleichgewicht Gropius' Auffassung vom Künstlerarchitekten nur-
zu gelangen, als dem naturgemaßen Verhalten. In mehr ausschnitthaft, aber doch insofern noch auf,
diesem Versuch des organischen Willens, den Körper als für ihn die gesellschaftlich vorherrschenden Er-
zu durchdringen, ist das Verhältnis von Stoff zu scheinungen, der ,Grundton der Zeit', vor allem
Form gegeben. "259 raumbildend zu organisieren sind. Damit ist sein
Der organische Wille, der ein Wille zum Organischen Architekturprogramm und dessen baukünstlerische
ist, manifestiert sich in einer entsprechenden Form Fassung gegeben. "Den Grundton unserer Zeit be-
und entlockt gewissermaßen dem Stoff inhärente stimmen nun aber Handel, Technik und Ver-
Qualitäten, wie Lebendigkeit etc. Die Maxime von kehr." 261 Das Thema der Raumschöpfung ist also
der Materialgerechtigkeit, die der Funktionalismus nicht der Mensch als solcher, sondern der Mensch
in den zwanziger Jahren dann entwickeln wird, die im Zusammenhang mit der industrialisierten Ar-
er aus der wissenschaftlichen Erforschung eines - beitswelt, womit der räumlichen Durchbildung be-
so könnte man sagen ~. Stoffwesens gewinnen will, reits ,Ausdrucksformen'262 vorgegeben sind. Es
basiert letztlich auf dieser Auffassung von der tritt, so Gropius, "das moderne Problem der Ver-

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kehrsbewegung als gänzlich neuer für den räumli- form gilt es zu sublimieren. Es gelte vielmehr zur
chen Organismus wesentlich formbestimmender "symbolischen Darstellung" 265 , zum "symbolischen
Faktor auf. Schärfste Beanspruchung von Material, Ausdruck"266 zu gelangen, es gelte "rhythmisch
knappste Ausnutzung von Raum und Zeit sind da- umzuwerten" 267 , "sinnfallig zu machen"268. Das
mit die grundlegenden Voraussetzungen für das rekurriert aber darauf, daß der Architekturraum als
Formschaffen des modernen Baukünstlers gewor- Kunstraum, also durch architektonische Mittel er-
den; erkennt er ihre Notwendigkeit, werden sie ihm fahrbar gemacht wird. Diese, Umwertung der Wirk-
zum innerlichen Erlebnis, so sucht er ihren Sinn lichkeit' nimmt ihre architektonische Sprache aus
nicht nur allenthalben auf, sondern erfüllt damit der Technikwelt, ihre Mittel sind das tragende Ge-
seine Formen in dichterischer übertreibung, so daß rüst, auf beliebige Erweiterung angelegt, die Rei-
jedwedem Besucher die Grundidee des Ganzen sinn- hung, der Takt; alle Bewegung evozierenden Motive
fällig offenbar wird. "263 werden zu Mitteln des Raumkünstlers, des "moder-
Diese Auffassung, nach welcher das ästhetische Ver- nen Architekten"269 . Was dem Menschen dergestalt
mögen am ökonomisch-technischen sich orientiere, entworfen wird, ist nicht mehr das Bild seiner
wird von Gropius zu einem ganzen Konvergenzpro- selbst, sondern das seiner Naturbeherrschung mit
gramm ausgeweitet: "entmenschten"270, entindividualisierten, eben ab-
"Das Motiv der Bewegung - das entscheidende Mo- strakten Formen.
tiv der Zeit - gibt sich darin dem schauenden Auge
in mannigfaltiger Gestalt zu erkennen. Wie die Ver- Zusammenfassung
kehrsbauten ihre Aufgabe, den Verkehr aufzuneh- Das spezifisch Künstlerische, worin auch die Sub-
men und zu ordnen, in einem klar übersehbaren jektivität des Künstlers aufgeht, ist die Form als
rhythmisch gegliederten Gehäuse aufkommen läßt, Materialisation seines Umgangs mit den ,Lebensäu-
so sind die Verkehrsmittel zu Lande, zu Wasser und ßerungen der Zeit'. Damit ist ein Rahmen der
zu Luft - Automobil und Eisenbahn, Dampfschiff künstlerischen Entäußerung angegeben; Form kann
und Segeljacht, Luftschiff und Flugzeug - förmlich nicht beliebig sein, doch wird die Subjektivität des
zu Sinnbildern der Schnelligkeit geworden. Ihre Künstlers darin nicht aufgesogen, hier wird keinem
klare, mit einem Blick erfaßbare Erscheinungsform Determinismus das Wort geredet. Architektur hat
läßt nichts mehr von der Kompliziertheit des tech- sich aber, will sie Baukunst, also authentisch sein,
nischen Organismus ahnen. Technische Form und des konkreten, und das heißt im 20. Jahrhundert
Kunstform sind darin zu organischer Einheit ver- des durch Technik vermittelten Weltverhältnisses,
wachsen. "264 der sich in maschineller Arbeit vollziehenden Natur-
Die organische Einheit, die Gropius vorschwebt, hat aneignung des Menschen zu vergewissern und diese
nichts mehr mit der zu tun, die Wölfflin in Archi- formal umzusetzen. Darin erst macht sie sich als
tekturen vernehmen wollte, die Einheit nämlich durch Technik bestimmte auch erkennbar. Ist sich
zwischen Kunst- und Naturgebilde. Der Mensch als der Baukünstler über den Bezugsrahmen seiner
auch Naturwesen, als der organischen Welt zugehö- schöpferischen Produktivität derart bewußt, muß
rig, wird als Vorlage verdrängt, die von ihm geschaf- er sich vom individualisierenden Ornament, welches
fene ,zweite Natur', die Technik, zum Thema Handwerkliches vorgaukelt, wegbewegen zu einem
ästhetischer Erfahrung dekretiert. Die an die Formenkanon, der die wissenschaftstechnische
menschliche Physis gebundene Raum-Zeit-Erfah- Vermittlung von Natur und deren spezifisch gesell-
rung wird jetzt über die Maschine als sinnlichem schaftliche Aneignungsform auszudrücken vermag.
Korrelat der Technik vermittelt und diese als raum- Ins künstlerische Blickfeld gerät nun, was Sedlmayr
bildnerische Vorlage erkannt. Die Maschine, die erschrocken konstatierte: "Anstelle der Mimesis der
durch ihre Bewegungszeit nun die des Menschen Natur tritt die Nachahmung der technischen Ersatz-
bestimmt, verdrängt den Menschen als raumbildne- natur. "271 Ist diese das Thema, d. h. eine Wirklich-
risches Subjekt, sein Arbeitsmittel tritt an seine keitserkenntnis, in der mathematische Konstruktio-
Stelle. nen, also abstrakte Wertgrößen herrschen, so rela-
Aber, so wurde Gropius in seinem Aufsatz von 1914 tiviert sich das Anschauungsvermögen der Kunst.
nicht müde zu paraphrasieren, der rein rechnerisch Künstlerischer Ausdruck wird nun gleichermaßen
gewonnene Raumkörper, die bloß ökonomisch ra- abstrakt, und nicht nur Architektur konzentriert
tionelle und in dieser Weise zweckmäßige Einzel- sich auf struktive Werte, auf stereometrische Grund-

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formen und Materialpotenzen. Damit ist jene archi- Aneignung den ästhetischen Mangel und den Wunsch
tekturhistorische Situation irreversibel, die Argan zu dessen überwindung erfahrbar machen. Es er-
so charakterisierte, daß "der mechanische Vorgang scheint paradox, aber gerade ihre Unvollkommen-
der Industrie die geistige Entwicklung vom Material heit ist es, die nun als historisches Faustpfand für
zur Form wiederholt. Auf diese Weise gelangt die Veränderung gilt. Architektur als Kunst erweist ih-
umfassende, vielfältige Erfahrung des Handwerks, re Authentizität in kapitalistisch produzierender
r
die stets zugleich Materialerfahrun ist, an die
Schwelle der reinen Konstruktion. "27
Gesellschaft gerade im Mangel, der Unanschaulich-
keit, nicht jedoch ohne die utopische Potenz an sich
Ihr Element wird das vorfabrizierte, maschinell her- selbst darin zu haben, daß sie, wie es Adorno für
gestellte Bauteil. Also folgert er: die Kunst allgemein formulierte, "nur durch abso-
"Durch das Mittel der Vorfabrikation nimmt die lute Negativität das Unaussprechliche, die Uto-
Architektur die Erfahrung des Handwerks vollstän- pie"273 a ausspricht.
dig in sich auf und erhebt sich damit auf die Ent- Daß Gropius den Zusammenhang dieser gesell-
wicklungsstufe der industriellen Produktion und schaftlichen Unvollkommenheit mit der künstleri-
gelangt zu einer vollen Ausnutzung der modernen schen begriff, beweist die Tatsache, daß er, was lei-
Produktionsmittel. "273 der zu oft unterschlagen wird, ja keineswegs das
Die Architektur der industriell produzierenden Ge- Dogma einer radikalen Ornamentlosigkeit predigte,
sellschaft hat damit ihr geradezu idealtypisches Ge- sondern die Schmucklosigkeit als Notwendigkeit in
staltungselement, das ökonomisch rationell, klar, einer Menschengemeinschaft konstatierte, die auf
einfach und konstruktiv echt ist, aus der industriel- Grund ihrer Konstitution Schmuck nicht mehr und
len Sphäre selbst gewonnen. Aus dem vorfabrizier- noch nicht wieder zuläßt. Seinen Artikel von 1914
ten Einzelteil konstruiert der Architekt der techni- hatte er deshalb mit folgendem Absatz beendet:
sierten Welt hinfort Gehäuse. Das mag uns nicht ge- "Aber erst wenn das große Glück eines neuen Glau-
fallen. Aber Architektur wird so zu dem, was Walter bens den Menschen wieder zuteil werden sollte, wird
Gropius imperativisch von ihr verlangte, nämlich auch die Kunst ihr höchstes Ziel wieder erfüllen
zum ,Spiegel des Lebens und der Zeit'. Derart als und zu den herben Formen des Anfangs zum Zei-
soziale Kunst schlechthin gedacht, resultiert Bau- chen der innerlichen Verfeinerung die heitere
kunst aus einer festumrissenen Sozialstruktur, in Schmuckform neu erfinden können. "274
der sie sich bewegt und die sie mitvollzieht. Als Weil Architektur sich dem direkten Lebenszusam-
ästhetisches Produkt wird der einzelne Bau, der di- menhang nicht verweigern kann, muß sie auch mit
rekter als andere Artefakte sein Material auch aus den darin enthaltenen Widersprüchen konkret fertig
den gesellschaftlichen Zusammenhängen zieht, zum werden. In diesen Bezügen entwickelt sie Lebens-
sinnlichen Träger einer bestimmten sozialpolitischen modelle, gute wie mangelhafte. Der Architekt als
Erfahrung. Künstler ist selbstverständlich bemüht, ,ideale' Le-
Dieses Produkt wird nun seinerseits zum Objekt bensmodelle nicht nur in architekturutopischen
ästhetischer Aneignung und damit auch der Kritik. Entwürfen, sondern auch in seinen Bauten der Ge-
Die Potentialität für Kritik hat authentische Bau- sellschaft zur Verfügung zu stellen. In der folgenden
kunst in sich selbst, und als Spiegelbild des Lebens Analyse der Industriebauten Walter Gropius' soll
und der Zeit vermag sie den Lebenden der Zeit den dessen ,Lebensmodell' überprüft werden, um Auf-
Spiegel vorzuhalten. Als materialisierter Reflex auf schluß über seine Vorschläge zur Organisation
gesellschaftlich Widersprüchliches kann Baukunst menschlicher Arbeit in der Industriegesellschaft zu
auf ein dahinter Liegendes verweisen: in konkreter erhalten.

40
Walter Gropius' Industriebauten ste gut genug sei. Er nahm einen Künstler-Architek-
ten, den damals noch ziemlich unbekannten, auch
heute noch seiner radikal-modernen Bauweise we-
gen viel befehdeten Walter Gropius, und dessen
Das ,Fagus-Werk Kar! Benscheidt' Mitarbeiter Adolf -Meyer und führte ein Werk auf,
in Alfeld a.d. Leine 1910-1925 das den einen erstaunen ließ und dem anderen ein
Angesichts der ausführlichen Literatur 275 zum ,Fa- Kopfschütteln abnötigte. Zwingt nicht der Konkur-
gus-Werk Kar! Bendscheidt' in Alfeld an der Leine renzkampf zur äußersten Beschränkung, und muß
erscheint ein Kapitel zur Baugeschichte und Re- nicht Sparsamkeit, so meinte man, der oberste
konstruktion dieser Büro- und Fabrikationsanlage Grundsatz für den Industriebetrieb sein? Hier aber
wenn nicht überflüssig, so doch ein wenig überra- bauten Künstler eine Fabrik! Nicht äußerste Billig-
schend. Vor allem der werkmonographischen Erfas- keit, sondern größte Zweckmäßigkeit war ihr lei-
sung dieser Gropius-Bauten durch Helmut Weber tender Gedanke. Sie bauten auch nicht in der her-
scheint zunächst nichts mehr hinzuzufügen zu kömmlichen und altbekannten Weise, sondern sie
sein. 276 Eine genaue Rekonstruktion der einzelnen machten vieles anders, als man es bis dahin ge-
Bauphasen, wie sie sich aus den umfangreichen macht hatte." 277
Bauakten im Alfelder Städtischen Bauamt beinahe Der Autor dieses Berichtes gibt uns zwei Hinweise,
minutiös nachzeichnen lassen, muß dennoch der die für die Entstehung des Fagus-Werks von außer-
Analyse dieser Industrieanlage vorangestellt wer- ordentlicher Bedeutsamkeit sind: zunächst den auf
den. Denn bis heute führt das in Vergessenheit ge- die Alfelder Schuhleistenfabrik ,earl Behrens'. Der
ratene Faktum, daß der Bauzustand des Fagus- ältere Benscheidt hatte dem Betrieb seit 1887 als
Werkes nicht mehr mit dem ursprünglichen Ent- technischer Direktor278 angehört und hier grundle-
wurf und der ersten Ausführung übereinstimmt, gende Erfahrungen in der industriellen Schuhlei-
wieder und wieder zu falschen Datierungen. Für stenproduktion sammeln können. Außerdem -
uns ergeben sich daraus einige Akzentverschiebun- und das ist für unseren Zusammenhang wichtig -
gen bisheriger Rezeptionen, die das vorherrschende hatte er beim Bau des neuen Fabrikgebäudes der
Bild vom Ursprungsbau funktionalistischer Bau- Firma Behrens im Jahre 1897 den Hannoveraner
form in Deutschland geraderücken und vielmehr Industriearchitekten Eduard Werner kennenge-
zeigen, wie sich diese nurmehr langsam aus tradi- lernt 279 , den er dann 1910 mit der Projektierung
tionellen Bezügen herauskristallisiert hat, bis seines eigenen neuen Fabrikationskomplexes beauf-
schließlich jener Formenkanon erreicht war, den tragte.
wir mit dem Fagus-Werk verbinden. Und es ist zum anderen das herausgehobene Fak-
tum, daß mit Walter Gropius und Adolf Meyer zu-
sätzlich zwei ,Künstler-Architekten' verpflichtet
Baugeschichte wurden, was offensichtlich noch 1925 als Selten-
In einem Artikel in Westermanns Monatsheften heit und Wagnis galt, zumal für einen neu gegründe-
von 192 5, der die rege Industrietätigkeit in Alfeld ten, noch kleinen mittelständischen Betrieb wie das
an der Leine schildert, wurde der Schuhleistenpro- Fagus-Werk um 1910.
duktion dieser Kleinstadt besondere Aufmerksam- Daß mit der Berufung von Gropius/Meyer und der
keit geschenkt. Dort kann man lesen: Entscheidung für deren neuartige Architekturästhe-
"In Alfeld gibt es zwei große Schuhleistenfabriken, tik eine offensive und sehr selbstbewußte Haltung
die eine, gegründet von Carl Behrens im Jahre 1885, gegenüber der Behrensschen Schuhleistenfabrik ein-
ist auch heute noch die größte ihrer Art auf dem genommen und damit der lokalen Konkurrenzsitu-
weiten Erdenrund; die andere, das Fagus-Werk, mu- ation Rechnung getragen wurde, und daß sie dar-
stergültig modern, gewissermaßen die Keimzelle ei- über hinaus dem Selbstverständnis eines speziali-
ner neuen Industriekultur, darf hier nicht unbe- sierten, technisch innovativen Erfinderunterneh-
sprochen bleiben. mens 280 Ausdruck geben konnte, wird im folgen-
Als Karl Benscheidt der Ältere einige Jahre vor den zu zeigen sein.
dem Kriege dieses Werk gründete, brach er, obwohl Carl Benscheidt hatte sich offensichtlich schon län-
selbst ein Industriemann der alten Schule, mit der gere Zeit nach dem Tode seines Arbeitgebers earl
überlieferung, daß für den Industriebau das Billig- Behrens (1896) mit der Absicht getragen, den auf-

41
getretenen Differenzen innerhalb des Behrensschen Briefwechsel des Jahres 1911 zwischen Benscheidt
Betriebes durch die Neugründung einer eigenen und Gropius erstmals veröffentlicht wurde 292 , ist
Schuhleistenfirma zu entgehen. 281 Denn als Ben- eindeutig zu entnehmen, welche Rolle Gropius im
scheidt Anfang 1910 kündigt, ist alles gut geplant. Fagus-Werk-Projekt zugewiesen wurde. Alle be-
Schon im Oktober macht er die ersten Holzkäufe, triebsorganisatorischen Entscheidungen lagen in
überlegt mit Eduard Werner, wie eine ideal angeleg- den Händen Eduard Werners, die Fabrik beruht auf
te Fabrik "in etwa 1/4 der Größe der Behrens- seinem Lageplan, auf seinen Fundamenten.
schen"282 beschaffen sein müßte und hat im De- So oft Gropius auch versuchte, auf die grundlegen-
zember bereits Kontakte zu Walter Gropius, der de Planunr einzuwirken, es gelang ihm nur unwe-
ihm auf Grund der Vermittlung seines Schwagers sentlich. 29 Selbst Werners Außengestaltung ent-
am 7. Februar 1910 eine Offerte geschickt hat- sprach durchaus Zweckmäßigkeitsanforderungen ;
te. 283 Zu diesem Zeitpunkt sind Werners erste Vor- sie ist in der Umsetzung des Inneren in eine äußere
arbeiten, denen Gropius im folgenden konfrontiert Ablesbarkeit der Gropiusschen gar nicht so unähn-
sein sollte, wie z. B. dem Lageplan, der Konzeption lich; darauf wiesen schon Weber und Wulf Schaden-
der einzelnen Gebäudegrund- und -aufrisse bereits dorf hin, der dies dem starken Einfluß earl Ben-
in vollem Gange (Abb. 13), das Gelände, auf dem scheidts zuschreibt. 294 (Abb. 14, 49, 50) Die Fra-
die Fabrik entstehen soll, ist ausgesucht. 284 Sie ge ist umso mehr, was Gropius anders machen soll-
wird der Firma ,earl Behrens' gegenüberliegen; nur te, bzw. anders machen konnte.
durch Bahngleise voneinander getrennt wird man earl Benscheidt versprach sich einiges aus dieser
mit Blickkonfakt zukünftig nebeneinander leben Zusammenarbeit des Praktikers mit dem Künstler.
müssen. Ein recht provokanter Standort des neuen Dies ist dem entscheidenden Brief an Gropius vom
Konkurrenzunternehmens also, zumal auf schwie- 13. März 1911 zu entnehmen. Nach ungefähr zwei
rig zu bebauendem Sumpfgebiet, das aufgeschüttet Monaten heftigen Ringens um die jeweiligen Kom-
werden muß. 285 petenzen schrieb Benscheidt:
Als dann am 28. März 1911 die Firmeneintragung "Sie übernehmen die architektonisch, künstlerische
,Fagus G.m.b.H.'286 - später in ,Fagus-Werk Karl Baugestaltung unserer projektierten Fabrikanlage,
Benscheidt' umbenannt - vollzogen ist, sieht sich wofür die Konstruktionspläne bereits von dem Ar-
earl Benscheidt einer Konkurrenz von ca. 20 deut- chitekten Werner in Hannover in der Hauptsache
schen Schuhleistenfabriken 287 gegenüber, wird ge- fertiggestellt sind. Sie fertigen die durch Ihre An-
stützt von 800 000 Mark amerikanischem Fremd- ordnungen erforderlichen Pläne und Detailzeich-
kapital gegenüber 200 000 Mark EigenkapitaP88, nungen, soweit sie für den Bau und zur behördli-
verfügt also über wichtige Auslandsbeziehungen chen Genehmigung erforderlich sind, vollständig
und nicht zuletzt über amerikanische Produktions- an. Dabei werden Sie sich im Grundriß und in der
techniken, die er und vor allem sein Sohn nach ei- konstruktiven Anordnung an die Pläne des Herrn
nem Studienaufenthalt in den Vereinigten Staaten Werner anlehnen und nach Ihrem besten Können
zwischen 1910 und 1911 in den neuen Betrieb ein- bemüht sein, der ganzen Anlage ein geschmackvol-
bringt. 289 Die ,Fagus G.m. b.H.' betritt also den les Ansehen zu geben. "295
Markt auf einer finanziell gesicherten Grundlage, Es ist das von Benscheidt explizit vorgetragene,
mit modernstem know-how, als ein technisch hoch- durch Werners Entwürfe nicht befriedigte Bedürfnis
entwickelter Spezialbetrieb. nach einem ,geschmackvollen Ansehen', das ihn die
Warum earl Benscheidt, ein ,Industriemann der al- Berufung von Walter Gropius aussprechen ließ. Mit
ten Schule', dem erfahrenen Werner den jungen aller Eindeutigkeit ist das bereits dem ersten Brief
und in seinen Entwürfen unkonventionellen Walter earl Benscheidts an Gropius, der Antwort auf die
Gropius zur Seite stellte, ist oftmals mit der Per- Offerte, zu entnehmen:
sönlichkeitsstruktur earl Benscheidts erklärt wor- "In bezug auf die innere Anordnung und Ausgestal-
den, dem entweder gegenüber Gropius' Plänen tung der Bauten hat dieser Herr (Eduard Werner;
"Aufgeschlossenheit"290 attestiert wurde, oder des- K. W.) auch eine so große Erfahrung, daß ich kaum
sen "Mut wir", wie Siegfried Giedion meinte, "die glaube, eine bessere Kraft finden zu können. An-
Faguswerke"291 verdanken. Leider wurde der Be- ders urteile ich jedoch über die äußere Gestaltung
gründung dieser Haltung bisher zu wenig Beachtung der Bauten. Hier wird vielleicht der fragliche Herr
geschenkt. Dem Buch Helmut Webers, in dem der meinen Wünschen nicht ganz entsprechen, und in-

42
sofern Sie bereit sind, hierin bei dem Projekt mit- Mitarbeiters, des Architekten Karl Schneider, die
zuarbeiten, bin ich gerne bereit, mich Ihrer Dienste den ehemaligen Bürochef des Gropiusschen Bauate-
zu bedienen. "296 liers in Dessau, Ernst Neufert, noch heute mit Be-
Als Gropius nach dem ersten Treffen mit Carl Ben- geisterung erfüllen 301 , haben späterhin ihren Bei-
scheidt am 1. Februar 1911 in Hannover den Wer- trag zur überzeugung Carl Benscheidts geleistet.
nerschen Lageplan erhält und mit Änderungsvor- Die große Glas-Eisen-Fassade (Abb. 2, 5, 6) jeden-
schlägen nach Alfeld zurücksendet, antwortet ihm falls, diese Riesenfenster nach Gropius' und Meyers
Benscheidt am 20. März des Jahres recht eindeutig Entwürfen waren im Jahre 1911 sensationell und
damit, daß er "einen ganzen Satz der Wernerschen drückten im architektonischen Material eben das
Zeichnungen" 297 (Abb. 14 bis 17) beilege mit der Moderne, das Fortschrittliche, Tatkraft Bezeugen-
beharrlichen Bitte, "diese Pläne zu prüfen, um zu de aus, das im Inneren der Fabrik die Produktion
sehen, was Sie in bezug auf die Fassade machen erfüllen sollte. Daß diese Identifikation nicht bloße
können"298. Phantasie war, unterstreicht neuerlich eine Rekla-
Was Benscheidt erwartet und Gropius' Entwürfe zu me vom Juni 1980: Hier wirbt eine Fußbodenfirma
erfüllen versprechen, ist, der neuen Firma ein neu- für ihre Produkte mit der Abbildung des Fagus-
es, sich von anderen unterscheidendes Image zu ge- Werkes und dem Slogan ,Gropius hat Maßstäbe für
ben. Das vermochte Eduard Werner nicht, und Wal- die funktional betonte Industrie Architektur ge-
ter Gropius erinnerte sich 1959: "Der Entwurf des setzt'302. Der Verweis auf die Modernität seiner Ar-
Herrn Werner war gänzlich in Backstein, die ge- chitektur soll noch heute eine fortschrittliche, dem
wöhnliche Art von Fabrikbauten mit sehr wenig Neuen aufgeschlossene Unternehmensführung sug-
ästhetischen Bestrebungen. "299 gerieren, deren Produkte selbstverständlich auf
Werners Fassadengestaltung verblieb im üblichen dem höchsten Stand technischer Entwicklung sind,
Formenkanon, er arbeitete mit historisierenden wie einst Gropius' Fagus-Werk. 303
Motiven oder einer landschaftsbezogenen Fach- Helmut Weber hat in seiner Darstellung die sehr in-
werkarchitektur (Lagerhaus) (Abb. 33, 34) und teressante Auseinandersetzung zwischen dem Bau-
entwarf damit ein architektonisches Erscheinungs- herrn und seinem Architekten, d. h. die wesentli-
bild, das dem gegenüberliegenden Behrensschen Fa- chen Teile ihres Briefwechsels aus dem Jahre 1911,
brikationskomplex nichts Neues gegenüberzustellen dokumentiert. 304 Des besseren Verständnisses we-
vermochte. Was Eduard Werner an Qualitäten ga- gen möchte ich trotzdem noch einmal die wichtig-
rantierte, nämlich größtmögliche Ökonomie im sten Baudaten in Erinnerung rufen und Ergänzun-
Produktionsablauf und konstruktive Solidität, ging gen vornehmen, wie sie sich aus den Akten des
ins Fagus-Werk ein. Die Solidität des bewährt Tra- Alfelder Bauamtes ergeben haben.
ditionalen seiner Architektur aber wurde verwor- In einem Brief an die Alfelder Polizeiverwaltung
fen. machte Carl Benscheidt Mitteilung über seine neue
Das war Gropius' historische Chance. Das Indu- Fabrikanlage. Dieses Schriftstück gibt Aufschluß
stiellenbewußtsein der Benscheidts war geprägt über den produktionstechnischen Ablauf, die
durch die produktionstechnische Modernität ihres conditio sine qua non des Industriebaus:
neuen Betriebes. Diesem Bewußtsein konnte "über die Anlage selbst erläutern wir folgendes:
Gropius mit seinen neuartigen aufregenden Fassa- Das Grundstück ist im Westen durch die Chaussee
denentwürfen Ausdruck geben. Deshalb wurde ihm Hannover Alfeld und das Jiospital St. Elisabeth, im
die ,architektonisch, künstlerische Baugestaltung' Norden durch die Mengeschen-Arbeiter-Häuser und
übertragen. Man rufe sich nochmals ins Gedächtnis: die Neue Wiese der Realgemeinde, im Osten durch
Es gab die konkrete Konkurrenzsituation zwischen die Eisenbahn, im Süden durch eine Wiese der Fir-
der Behrensschen und Benscheidtschen Schuhlei- ma Strobel und die Fabrik von Künkel und Wagner
stenfabrik. Die eine hatte die jahrelange bewährte und die alte Molkerei begrenzt. Das Grundstück
Produktionserfahrung, die andere erfahrene Pro- wird mit Geleisanschluss versehen und hat 2 Zu-
duktionsleiter, aber noch keine eigenständige Fa- fahrtswege. Das Gelände dieses Anschlussgeleises
brikation. Ihr Vorteil gegenüber dem bekannten, liegt in gleicher Höhe mit dem Bahngelände. Von
alteingesessenen Betrieb war die technische Moder- dem Geleis bis zur Hannoverschen-Straße wird das
nität, die es zu nutzen galt, und dies eben auch op- Gelände mäßig abfallen und dementsprechend auf-
tisch. 300 Die Zeichnungen des damaligen Gropius- geschüttet."30s (Abb. 12)

43
Der Produktionsvorgang, der ungefähr ,,75-80 Ar- Die Fabrikation der Stanzmesser
beitsvorgänge"306 umfaßt, ist in seiner Abfolge klar
gegliedert. In der Sägerei (Abb. 42), "in der man 7 Die Fabrikation soll in besonderen Räumen auf
Personen zu beschäftigen"307 gedenkt, werden die dem südlichen Teil des Grundstückes erfolgen."
Rotbuchenstämme in entsprechende Werkstücke (Abb. 40, 41) "Es sind also diese Räume von der
zerlegt, die nach einer Vorbearbeitung sodann in Leistenfabrikation vollständig getrennt.
der Oämpferei (Abb. 45) durch einen Arbeiter des- Die Fabrikation der Stanzmesser erfolgt aus Profil-
infiziert und danach im Lagerhaus einem mehrjäh- stahl, welcher durch Schmieden in die ungefähre
rigen Trocknungsprozeß ausgesetzt werden. Form der Messer gebracht wird. Die Schmiede er-
"Zu diesem Zweck werden die einzelnen Etagen ga- hält an 3 Seiten Fenster, ausserdem erfolgt die Ab-
lerieartig mit Latten und Brettern nur soweit abge- führung der Schmiedegase durch einen 20 mtr. ho-
deckt, als dieses zum Aufstapeln der Leisten und hen Schornstein. Die weitere Verarbeitung der
zur Herstellung von Gängen erforderlich ist. Auf Stanzmesser erfolgt in der Schlosserei mittels Fräs-
diese Weise kann die Luft vom Boden bis zum und Schleifmaschinen (. .. ). Ein Sandschleifstein
Dach frei zirkulieren (. .. ). Zur Vermittlung des wird in einem besonderen Raume aufgestellt. Eben-
Transports zwischen den einzelnen Etagen soll ein so erfolgt die Härtung der Stanzmesser in einem be-
Fahrstuhl mit elektrischem Antriebe dienen. Der sonderen Raume. Die Giebel des Daches erhalten
Raum für den elektrischen Antriebmotor wird im Lüftungskla ppen.
Keller eingebaut und von den übrigen Räumen feu- In der Schmiede und Schlosserei werden insgesamt
ersicher abgeschlossen."308 (Abb.43/44) 25 Personen beschäftigt.
Auch im Lagerhaus (Abb. 35 bis 37) wird man ei- Das Kessel- und Maschinenhaus und der Schorn-
nen Arbeiter benötigen. Ist der natürliche Trock- stein sind von der vorläufigen Baugenehmigung aus-
nungsprozeß abgeschlossen, werden die Rohleisten geschlossen." (Abb. 25 bis 29) "Wir werden bei Ein-
einem künstlichen im Trockenhaus (Abb. 19) un- richtung des Conzessionsgesuches für den Dampf-
terzogen, wo sie weitere ,,4 bis 6 Wochen la- kessel hierfür besondere Pläne und statische Be-
gern"309 müssen, um schließlich zur Endbearbei- rechnungen einreichen. Nachdem diese Teile vor-
tung in den Hauptarbeitssaal zu gelangen. Dieser läufig von der Baugenehmigung (. .. ) ausgeschlos-
"ist eingeschossig und erhält Ober- und Seitenlicht." sen sind, hoffen wir, dass der baldgepfl. Genehmi-
(Abb. 17 bis 21) "In den Giebeln der einzelnen Sat- gung unseres Gesuches nichts im Wege steht und
teldächer sind Ventilationsklappen vorgesehen. Der wir bitten, uns zu gestatten, dass wir sofort mit
Arbeitssaal wird vollständig unterkellert. Das Kel- dem Ausschachten und Herstellen der Fundamente
lergeschoss wird die Transmissionen und die Zu- beginnen können. "310
und Ableitungsrohre für die Dampfheizung und die Bereits einen Tag zuvor, am 28. April 1911 311 , lie-
Entstaubungsanlage enthalten (. .. ). gen Eduard Werners Pläne der Behörde vor, die
In diesem Haupt-Arbeits-Saal sollen 24 Leisten- dem Bauantrag am 8. Mai 1911 bedingt stattgibt
Drehbänke, 2 Bandsägen, 3 Fräsmaschinen, 2 und mitteilt:
Kreissägen, 6 Bohrmaschinen, 2 Schmirgelscheiben, "Der Beginn der Erdarbeiten wird vorläufig nur un-
2 Stanzen und Spezialmaschinen und etwa 24 ter der Bedingung gestattet, dass Ansprüche oder
Schleif- und Poliermaschinen aufgestellt und etwa Forderungen irgend welcher Art nicht gestellt wer-
60 Arbeiter beschäftigt werden (. .. )." (Abb. 46/ den können, wenn die Prüfung der Unterlagen Ab-
47) änderungen erheischen oder gar die Baugenehmi-
"Das Kellergeschoss erhält im südlichen Teil den Ar- gung versagt werden sollte. "312
beiter-Speise-Saal in einer Grösse von etwa 90 Da die Alfelder Baubehörde zunächst einige Ein-
qmtr." (Abb. 16) "Während die Kellerhöhe im allge- wände gegen die Planung vorzubringen hat, wendet
meinen 2,60 mtr. beträgt, wird die Höhe dieses Au- sich die ,Fagus G.m.b.H.' an den zuständigen Re-
fenthalt-Raumes 2,80 mtr. betragen. Die Kleiderab- gierungsbaumeister Senff in Hildesheim, der u. a.
lage wird jedoch nicht in diesem Speisesaale, son- feuerpolizeiliche Bedenken ausräumt. Nach diesem
dern in einem anderen neben demselben gelegenen Gespräch kann Benscheidt in seinem Brief vom 16.
Raume erfolgen. Außerdem werden hier 5 Badezel- Mai 1911 die Alfelder Polizei behörde darüber in-
len und zwar 2 mit Wannen und 3 mit Oouschen formieren, daß "sich Herr Regierungsbaumeister
eingerichtet werden. Senff mit der Unterbringung des Essraums im Kel-

44
ler einverstanden erklärt. (. .. ) Das 2. Obergeschoss ners Konstruktion nicht wesentlich billiger wä-
des Hauptgebäudes (soll) vorzugsweise als Ausstel- re 319 , läßt sich Benscheidt überzeugen. Gropius'
lungs- evtl. Modellierraum benutzt werden. "313 Veränderung für die Raumfolge der Stanzmesserab-
(Abb. 48) Ferner werde "die Abort-Anlage auf Er- teilung können dagegen nur noch teilweise berück-
suchen des Gewerbe-Inspektors so geändert, daß sichtigt werden, da "die Ausschachtungen entspre-
vor jeder ein Vorraum entsteht". chend den Wernerschen Plänen ausgeführt sind
"Die Fenster der Arbeitsräume werden sämtlich mit (. .. )"320. Dann, am 22. August 1911, kann die
öffenbaren Kippflügeln, wie vorgeschrieben, verse- ,Fagus G.m.b.H.' der ,Polizei-Verwaltung der Stadt
hen (. .. ). Da Herr Regierungsbaumeister Senff sich Alfeld a. d. Leine' endlich mitteilen:
mit dem Beginnen der Betonarbeiten einverstanden "Im Anschluß an unser Baugesuch vom 29. April
erklärte, werden wir in den nächsten Tagen mit die- und die unterm 26. Mai erteilte Baugenehmigung,
sen Arbeiten beginnen und hoffen wir, dass Sie auch überreichen wir anbei in doppelter Ausfertigung
Ihrerseits hiermit einverstanden sind." 314 Pläne, welche die an unserer projektierten Anlage
Etwa 60 bis 70 Arbeiter aus Alfeld, so fügt man vorgenommenen Aenderungen darstellen.
hinzu, sollen am Bau arbeiten. Die Aenderungen bezwecken in der Hauptsache ei-
Am 20. Mai 1911 sind die Fundamentgräben und ne Umgestaltung der Fassaden, um von allen Seiten
ein Teil der Stampfbetonfundamente fertig, der ein möglichst gutes Gesamtbild der Anlage zu erzie-
Bauerlebnisschein für die Wernerschen Vorlagen len. Die innere Konstruktion der Gebäude hat im
wird am 26. Mai 1911 ausgestellt, die Grundsteinle- allgemeinen eine Aenderung nicht erfahren; Kon-
gung erfolgt schließlich am 29. Mai des Jahres 315 , struktionsaenderungen sind nur insoweit vorge-
am darauffolgenden Tag werden schließlich auch nommen worden, als dieses vornehmlich zur Er-
die zwei statischen Berechnungen für den Schorn- reichung des vorgenannten Zweckes erforderlich
stein mit der Bitte um Baugenehmigung nachge- war."32f (Abb. 23,24)
reicht. 316 Nach etwa einem weiteren Monat, am 23. Septem-
Walter Gropius und seine Mitarbeiter sind derweil ber 1911, wird die Bauerlaubnis für die Entwürfe
mit den Fassadenänderungen am Hauptgebäude des Gropius-Büros als Nachtrag zu den Wernerschen
(Abb. 17, 18), deren Berechnungen und den Vor- vom 26. Mai des Jahres erteilt 322 ; es folgt der Bau-
schlägen für die Schmiede und Schlosserei, die erlaubnisschein zur Büroeinrichtung der ersten Eta-
Stanzmesserabteilung, beschäftigt. Vor allem die ge des Hauptgebäudes am 15. März 1912, und am
großen Eisenfenster müssen gegen die provinziellen 30. Mai 1912 erhält die ,Fagus G.m.b.H.' schließ-
Baugewohnheiten, später auch die finanziellen lich die Schlußabnahmebescheinigung für die ge-
Bedenken des Bauherrn durchgesetzt werden. samte Fabrik 323 . Damit ist das erste Kapitel der Fa-
Benscheidt schreibt am 15. Mai an Walter Gropius, brikanlage ,Fagus-Werk' abgeschlossen und jener
man müsse sich "von einem hiesigen Schmiedemei- Bauzustand behördlich genehmigt, der uns heute
ster und der Fabrik ,Finestra' G.m.b.H. Düsseldorf- nur noch fotografisch dokumentiert ist. (Abb. 2 bis
Obercassel, Offerte auf die Fenster machen lassen. 11, 38)
Immerhin ist zu berücksichtigen, dass die Unterhal- Ruft man sich ins Gedächtnis, daß Carl Benscheidt
tung derartig grosser Fenster an einem solchen klei- - wie man bei Weber nachlesen kann 324 - zeitwei-
nen Platze wie Alfeld, mit allerlei Schwierigkeiten se erwogen hatte, auf die dritte Etage des Hauptge-
verknüpft ist. Die hiesigen Malermeister haben bäudes zu verzichten, da eine Nutzung der Räume
nämlich keine so grossen Gerüste, um derartige zu Produktionszwecken noch nicht absehbar
Fenster in Anstrich halten zu können. Die Fenster schien, so kann man es als Glück für ihn ansehen,
müssten aber doch wohl alle 2-3 Jahre gestrichen daß Gropius damals aus künstlerischen Gründen ve-
werden."317 hement für die Beibehaltung dieses Stockwerks plä-
Als Carl Benscheidt schließlich die Kostenberech- diert hatte. Denn die Erweiterung der Fabrikanalge
nung für die Fenster durch den Alfelder Schmiede- wurde schon kurz nach ihrer Fertigstellung not-
meister vorliegt, scheinen ihm die veranschlagten wendig. Zusätzliche, wenn auch unbedeutende Ge-
5000 Mark doch zuviel. Durch das Entgegenkom- bäude werden sogar noch vor der offiziellen
men der Firma ,Fenestra', die - wie E. Neufert be- Schlußabnahme von Gropius in Angriff genommen.
richtet - zu Recht mit einer Reklamewirkung rech- Die Pläne für einen Fahrradschuppen, einen weite-
nete 318 und Gropius' Aufrechnung, daß auch Wer- ren für Kisten und Packstroh sowie ein Wagen- und

45
Automobilschuppen 325 , alle an der Hannoverschen Erweiterung der westlichen Bürohausfront, die
Straße gelegen und heute abgerissen, tragen unter später das Bild vom Fagus-Werk als Inkunabel des
dem Datum 12. März 1912 seine Unterschrift 326 Funktionalismus, von der ersten ,curtain wall' der
und können eine Woche später von der ,Fa~s Architekturgeschichte prägen wird. (Abb. 73, 74)
G.m.b.H.' zur Baugenehmigung vorgelegt werden. 27 Die Pläne für den Hauptarbeitssaal (Abb. 71, 75,
Schon der erste umfassende Artikel über die ,Fa- 76) und das Bürogebäude bearbeitet das Büro Gro-
guswerke in Alfeld' im Januarheft des Jahrgangs pius gleichzeitig mit den Erweiterungen zur Schlos-
1913 der Zeitschrift Der Industriebau, worin uns serei (Abb. 77, 78) mit dem Härteraum zwischen
einige interessante Innenaufnahmen dieses ersten Januar und Februar 1914. Die statischen Berech-
Bauzustandes für heute bewahrt sind, kann auf den nungen unterzeichnet Gropius am 2. Februar 333 ,
Au.sbau aufgrund der Produktionssteigerung hin- die sodann vom Bauherrn der Behörde am 12. Fe-
weIsen: bruar 1914 334 zugeleitet werden. Inzwischen mit
"Der Hauptbetrieb um faßt die Herstellung von Lei- den Konstruktionen gut vertraut, erteilt diese
sten und ist vorläufig für die tägliche Produktion schon nach acht Tagen, am 20. Februar, die Bauer-
von 1500 Stück berechnet. Diese Produktionsfähig- laubnis. 335
keit hat die Fabrik allerdings bereits erreicht, so Damit ist das Fagus-Werk mit dem breiten Lager-
daß wahrscheinlich zum Frühjahr eine Verdoppe- hauskubus, dem sechsschiffigen Hauptarbeitssaal,
lung der Fabrikationsräume vorgenommen werden der nun durch ein horizontales, ohne gemauerte
muß."328 Stützen unterbrochenes Fensterband belichtet wird,
Offiziell wird aber das neue Bauvorhaben erst im den sieben angebauten Jochen mit den Vorhangfen-
Herbst 1913 eingeleitet. Am 6. September schreibt stern des Bürogebäudes und einem bisher fehlenden
die ,Fagus G.m.b.H.' an die Alfelder Baubehörde: Eingangstrakt (Abb. 72), kurze Zeit vor Beginn des
"Wir beabsichtigen unsere Fabrikanlage um das Ersten Weltkriegs so fertiggestellt, wie es heute
Doppelte ungefähr zu vergrössern. Von der Ver- noch von seinen Besuchern von der Hannoverschen
grösserung soll ausgeschlossen werden die Sägerei Straße, also von Süden her, wahrgenommen wird.
und der Dämpferraum. (Abb. 96 bis 101)
Wir behändigen Ihnen nun anbei die Pläne für die Im ersten Kriegsjahr tritt die ,Fagus G.m.b.H.'
Vergrösserung des Lagergebäudes, des Verbin- noch des öfteren an die Alfelder Baupolizei heran,
dungsganges zwischen dem Lagergebäude und dem denn die Kriegseinwirkungen zwingen zu provisori-
Trockengebäude und zwar in je doppelter Ausferti- schen Anbauten. Zunächst ist ein Lagerschuppen
gung (. .. )." (Abb. 69, 70) an der Hannoverschen Straße geplant (Abb. 83)336,
"Zur Erläuterung bemerken wir noch, dass die Er- später ein weiterer in der Nähe des Hauptarbeits-
weiterungsbauten sich in der Bauart wie auch in ih- saales, "zur Hälfte gemauert, zur Hälfte aus hölzer-
rem Verwendungszweck vollständig den früheren nen Pfosten hergestellt, die Gefache aus Fachwerk
Bauten anschliessen (. .. ). mit Ziegelbehang ausgeführt" 337 . Zwischen Februar
Trotz der Vergrösserung wird in der Sägerei, Dämp- und Mai des Jahres werden die Zeichnungen zu den
ferei, Lagergebäude und Trockengebäude die Zahl Veränderungen an der Südseite von ortsansässigen
der beschäftigten Personen in diesen Gebäuden Firmen eingereicht; noch im Februar 1915 besteht
nicht vergrössert."329 (Abb. 65, 66) die Nordseite der Fabrik, wie dem Plan zu dem er-
Diesem Bauersuchen, das von Architektenseite sten Provisorium entnommen werden kann, in ih-
Adolf Meyer in Vertretung für Walter Gropius be- rem ursprünglichen Zustand. Aber schon im März
treut, wird am 10. Oktober 1913 stattgegeben. 330 ändert auch dieser noch aus der ersten Bauphase er-
Die anderen bestehenden Gebäude werden nun haltene Bautenkomplex sein Gesicht. Ein großer
sukzessive in diesen Vergrößerungsprozeß der Fa- Hauptschornstein, den Gropius schon bei der Erwei-
brik einbezogen. Am 31. Dezember bittet die ,Fa- terung des Lagerhauses und den Trockenkammern
gus G.m.b.H.' um die Erlaubnis zur Sägereierweite- im Plan vom 5. September 1913 skizzierte (Abb.
rung 331 . (Abb. 68) Gropius überwacht die stati- 67), soll endlich nach seinem Entwurf ausgeführt
schen Berechnungen (unterschrieben am 27. De- werden (Abb. 87, 132). Er entsteht an der Längs-
zember 1913).332 Und schließlich reichten auch seite des Trockenhauses, dem Lagergebäude gegen-
das Hauptgebäude, also der Hauptarbeitssaal und über. 338 Schließlich eine weitere wichtige Verände-
das Bürogebäude, nicht mehr aus; Gropius plant die rung: Man plant ein neues Kessel- und Maschinen-

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haus, das in seiner architektonischen Erscheinung nahmt und nicht mehr verfeuert werden darf"342,
vollkommen in Glas aufgelöster Wandflächen die oder im Jahr zuvor ein "Pförtnerhaus"343 . Den An-
Modernitätsthese der Fagus-Werk-Rezeption end- trag zu diesem Provisorium begründet die Firma ge-
giiltig rechtfertigt und den Technikkultlern der genüber dem ,Stellvertretenden Generalkommando
zwanziger Jahre gerne als Vorwegnahme ihrer ästhe- X.A.K. Hannover' mit folgenden Argumenten:
tischen Bestrebungen dienen wird 339 . (Abb. 85, 86, "Wir beschäftigen bei Ausbruch des Krieges etwa
106, 107) 250 Arbeiter, jetzt dagegen hat sich die Zahl auf
Am 27. Oktober 1915 kündigt die ,Fagus G.m.b.H.' 450 erhöht, darunter etwa 250 Frauen und Mäd-
der Baubehörde dieses Gebäudes mit der Hoffnung chen.
an, "dass dem Beginn des Baues technische Beden- Bei unserem wenigen Aufsichtspersonal sind wir
ken nicht entgegenstehen"340. Da die Behörde je- nicht in der Lage, die Ordnung unter den Arbei-
doch nicht positiv reagiert, schickt das Unterneh- tern so aufrecht zu erhalten, wie es sein müßte.
men am 18. November einen weiteren Brief mit der U. a. sind uns in den letzten Wochen mehrere Treib-
"Wiederholung des Antrags auf Baugenehmigung riemen gestohlen worden, so daß die Aufrechter-
für das Kessel- und Maschinenhaus" und expliziert: haltung des Betriebes durch die mangelnde Kon-
"Unser bisheriger Bauleiter, Architekt Walter Gro- trolle gefährdet ist (. .. ). Alle Materialien sind aus
pius, hat die Ideen für die Anordnung der Bauten den vor dem Kriege vorgesehen und nicht ausge-
angegeben und die Zeichnungen geprüft. Derselbe führten Naubauten vorhanden (. .. ). "344
ist jedoch z. Zt. im Felde und so werden die Unter- Ein Hinweis, der angesichts des totalen Baustops für
zeichneten, Ingenieur Otto Wesselrr.ann, Inhaber Privatleute während des Krieges die erfolgreiche Be-
des Alfelder Eisenwerks und Herr Maurermeister scheidung des Antrags unterstützen mochte und
Dietrich Rhode in Firma Gebr. Rhode in Alfeld/L., darauf aufmerksam macht, daß die nach 1919
die bereits bei Ausführung unserer bisherigen Fa- errichteten Erweiterungs- und Neubauten offenbar
brikbauten mit tätig waren, für ihre Arbeiten ver- seit längerem vorgesehen waren.
antwortlich sein. Dann, vom Jahre 1921 an, finden wir den Namen
Die beabsichtigten Bauten werden im allgemeinen Walter Gropius wieder, der inzwischen Professor
in derselben Ausführung wie unsere bisherigen Fa- und Direktor geworden ist, und aus der ehemaligen
brikbauten hergestellt werden. Das Mauerwerk wird ,Großherzoglichen Kunstgewerbeschule' und 'Hoch-
im Äußeren mit gelben Verblendsteinen aufgeführt, schule für bildende Kunst' in Weimar das ,Staatli-
im Inneren werden die Wände mit verlängertem Ze- che Bauhaus Weimar' gemacht hat. 345 Der erste
mentmörtel geputzt. Der Fußboden des Kesselhau- Auftrag für das inzwischen in ,Fagus-Werk Kar!
ses erhält Klinkerbelag, der des Maschinenhauses Benscheidt'346 umbenannte Werk ist ein ,Haus für
Mettlacher Plattenbelag. Die Wände des Maschinen- eine Gleiswinde und Gleiswaage' (Abb. 88, 89). Die
hauses werden mit glasierten Wandfliesen beklei- statischen Berechnungen unterschreibt letztmals
det (. .. ). Gropius am 4. Oktober 1921 347 , die Bauerlaubnis
In dem Plan für das Kesselhaus ist der Platz für drei wird am 19. Dezember 1921 348 erteilt. Zwei Jahre
Zweiflammrohrkessel von je 100 Quadratmeter später, im Juli 1923, stellt das Fagus-Werk den An-
Heizfläche und mit Vorfeuerung vorgesehen. Vor- trag auf "Erweiterung des vorhandenen Kohlen-
läufig soll nur einer dieser Kessel zur Aufstellung und Spänebunkers" an der Bahnseite. Man erläutert
gelangen und die jetzige Lokomobile als Reserve das Bauvorhaben so:
benutzt werden. Die Lokomobile bleibt an ihrem "Dem Sinn des Gebäudes entsprechend, gemäß den
jetzigen Standort, jedoch wird das Lokomobilge- vorhandenen Gebäuden in einfachen großen For-
bäude umfaßt durch den Neubau. Mit der Fertig- men. Das aufgehende Mauerwerk wird mit Ver-
stellung des Neubaues wird das alte Lokomobilge- blendstein verkleidet. Die Beton- und Eisenbeton-
bäude" (Abb. 7, 25, 26) "entfernt."341 teile bleiben im rohen Zustand stehen (. .. ). Es ist
Bis zum Ende des Krieges holt die ,Fagus G.m.b.H.' also im wesentlichen nur ein großer luftiger Raum
weitere Baugenehmigungen für provisorisch zu er- geschaffen, welcher hauptsächlich auch zu Lager-
richtende Gebäude ein, die alle von ortsansässigen zwecken verwandt wird."349 (Abb. 90 bis 92)
Baufirmen gebaut werden. Es entsteht z. B. ein Im September 1923 schickt das Fagus-Werk die sta-
Bretterschuppen zur Lagerung des Sägemehls, das tischen Berechnungen an das zuständige Bauamt,
1918 "für kriegswirtschaftliche Zwecke beschlag- die nun Ernst Neufert in Vertretung für Walter Gro-

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pius unterschrieben hat. Für die "künstlerische Pro- und seiner Kontrollfunktion buchstäblich im Wege
jektierung" zeichnet das "Büro Gropius im Auftrag gestanden. Sie wird deshalb durch zwei Mauerwerks-
Meyer"350. Der Schriftzug Gropius' begegnet uns stützen ersetzt, wodurch der intendierte Raumein-
von nun an in den Bauakten zum ,Fagus-Werk Karl druck jedoch verlorengeht, obgleich man den Ent-
Benscheidt' nicht mehr. Es sind vor allem seine Mit- wurf ansonsten realisiert. (Abb. 93 bis 95)
arbeiter Adolf Meyer und Ernst Neufert, dieser spä- Das Bauvorhaben wird am 14. September 1924 ge-
ter in Alfeld, die die An- und Neubauten für den nehmi~. 354 Die statischen Berechnungen zu den
Architekten betreuen. Dieser hält selbstverständ- Entwürfen von Gropius und Meyer werden am 17.
lich seine Hand weiterhin über allem, nun da das September nachgereicht. Sie sind von Neufert in
Fagus-Werk in seiner architektonischen Erscheinung Vertretung von Gropius unterzeichnet 355 , außer-
festgelegt ist. Dieser Zeitpunkt, da Gropius die Fol- dem liefert die Hannoveraner Baufirma ,Robert
gebauten zum Faguskomplex mehr und mehr sei- Grastorf G.m.b.H.' ergänzende Berechnungen. 356
nen Mitarbeitern überläßt, ist nicht nur damit zu Als dann auch für diesen Bauvorgang die Schluß-
erklären, daß es sich im vorliegenden Fall von 1923 abnahmebescheinigung am 11. Mai 1925 erteilt
um einfache Ausbauten eines bereits vorhandenen wird 357 , ist das ,Fagus-Werk Karl Benscheidt' schon
Gebäudes und ein Jahr später lediglich um einen fast 15 Jahre alt. Jetzt erst hat es seine Gestalt an-
kleinen Neubau handelt. Als Bauhausdirektor steht genommen, die wir Heutigen in dem Fagus-Werk
Gropius zu diesem Zeitpunkt unter starkem politi- vor uns haben, sieht man einmal von den unwesent-
schem Druck; er muß für das Bauhaus in Weimar lichen An- und Neubauten des Sägereitraktes ab 358 .
Arbeitsergebnisse vorweisen und verwirklicht dies (Abb. 102 bis 105) Daß es uns so erhalten blieb,
auch in der berühmt gewordenen Ersten Baubaus- ist ein Glücksfall, den wir der frühzeiti~en Rettung
Ausstellung in Weimar, die im eigens dafür entwor- durch den Denkmalschutz verdanken 59, der das
fenen ,Haus am Horn' vom Juli bis zum September Werk durch Gesetz schon 1946 zum Kunstgegen-
1923 351 , also genau während des Zeitraums des Ge- stand erhob und es dadurch nach dem Zweiten
nehmigungsverfahrens für die Faguserweiterungen, Weltkrieg der geplanten Demontage entziehen
gezei~ wird. konnte.
Als dann im Juli 1924 die Holzdecke des Späne- Man vergegenwärtige sich: Der nordwestliche Fa-
hauses durch eine Eisenbetondecke ersetzt wird, brikationskomplex, das Lager- und Trockenhaus,
wickelt Neufert diesen Vorgang in Vertretung für und die Vorhangwand des Bürohauses - hier muß-
Gropius ab. 352 ten Gropius und Meyer ihre neuartige Ästhetik an
Auch der beabsichtigte Umbau des Pförtnerhäus- konstruktiven Vorgaben entfalten, die schließlich
chens wird von Neufert zusammen mit Benscheidt im Maschinenhaus mit den hinter die Glaswand zu-
der Alfelder Baupolizei zur Kenntnis gebracht. In rückgesetzten Eckstützen selbständig zu Ende ge-
ihrem Schreiben kündigen sie darüber hinaus "die dacht wurde. Dann die Vervollständigung moder-
Errichtung einer Grenzmauer am Eingang des Wer- nen Architekturvokabulars in dem vom Stijl beein-
kes"353 an. Einige Tage später folgen die Entwurfs- flußten Pförtner häuschen. Mit den sich durchdrin-
zeichnungen. Diese zeigen einen kleinen ein ge- genden Raumkompartimenten zeigt dieser kleine
schossigen Bau mit zwei Seitenräumen, bedacht Bau schon jene Merkmale in Vollendung, die spä-
von einer weit auskragenden Betonplatte, die ter mit dem Begriff ,Bauhaus-Stil' ge faßt werden
gegenüber dem Pförtnerfenster mit einer freiste- sollten. Obwohl Walter Gropius diese stilistische
henden Wand verzahnt ist und an der linken vor- Verallgemeinerung immer verabscheute 360 , konn-
deren Ecke stützenlos ausläuft. Der Einfluß des te er es nicht verhindern, daß fortan im Zusammen-
Raum- und Konstruktionskonzeptes der Stijl- hang mit dem Fagus-Werk vom ,Bauhaus-Stil' die
künstler ist unübersehbar, denn hier ist ein homoge- Rede war, ja der ganze Komplex mit seiner Fertig-
nes Raumkontinuum gebrochen, um durch inein- stellung im Jahre 1925 nun generell für diesen ein-
andergreifende Flächenelemente eher vage defi- zustehen begann.
niert zu werden. Währenddessen arbeitete man in Dessau an dem
Dieses offene Raumgebilde des ersten Entwurfs hat lichtdurehfluteten, scheinbar schwebenden Glasku-
paradoxerweise einen entscheidenden Nachteil: Es bus des Bauhausgebäudes, das zum Sinnbild des
ist nämlich unübersichtlich. Die freistehende Wand Neuen Bauens schlechthin wurde. Ein Architektur-
hätte dem Pförtner die geforderte Sicht versperrt programm hatte sich also durchgesetzt, interessan-

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terweise zu einem Zeitpunkt, da auch die Wirtschaft Zeitablau[ - Bewegung - Asymmetrie.
der neu errichteten Republik relativ stabilisiert wer- Der Grundriß
den konnte. Die Zeit des Experimentierens war da-
mit eigentlich vorbei; von Weimar nach Dessau ver- Der asymmetrische Lageplan des Fagus-Werkes, der
schlagen, konnte die Kunstschule ,Bauhaus' auf der die überschaubarkeit auf einen Blick, die selbstver-
abgesicherten künstlerischen Grundlage weiterarbei- ständliche Zuordnung der einzelnen Gebäude unter
ten, die Gropius und Meyer architektonisch im Fa- eine beherrschende Form ein zentrales Motiv nicht
gus-Werk Schritt für Schritt entwickelt hatten. zuläßt, provoziert dazu, die gegebene abstrakte Be-
Wohl nicht zufällig ist im Jahre 192 5 auch die au- wegungsfolge immer wieder aufzunehmen. Es ist
ßerordentlich produktive Zusammenarbeit dieser dem Betrachter nämlich unmöglich, in begriffener,
Architektengemeinschaft beendet worden. Meyer seinem Sein zugeordneter Weise kontemplativ zu
stellte sich zunächst auf eigene Füße, um durch die verharren. Um die Ursache dieser Raumfolge zu ent-
Vermittlung von Gropius schließlich im Stadtpla- decken, muß er in abermaliger Nachzeichnung eine
nungsamt Ernst Mays am Gesicht des ,Neuen Frank- von ihm wesensmäßig unterschiedene Selbstbewe-
furt' zu arbeiten. gung aufspüren. Die abstrakte formale Fassung des
Lageplans wird aber nicht sprachlos - wie das oft
für die moderne Architektur behauptet wurde 362 -,
sie verweist vielmehr auf ein raumbildendes Sub-
jekt, das unterschieden vom anschauenden Men-
schen naturähnliche Assoziationen nicht mehr er-
Bauanalyse
möglicht.
Worin das Neuartige der Fagus-Werk-Architektur Der Praktiker Eduard Wem er hatte den Produk-
besteht bzw. worin sich ein andersartiger künstle- tionsvorgang vom Baumstamm bis zum Versand
rischer Ei~enwert um 1910 auszudrücken vermoch- des fertigen Schuhleistens in eine Gebäudeabfolge
te, ist - nach Gropius' eigenem Verständnis vom gebracht, die den einzelnen voneinander getrenn-
Wesen des Architektonischen - aus dem Raum- ten Arbeitsabläufen entsprach. Das zentrale Prinzip,
erlebnis zu schließen, also zuallererst aus dem dem sich die Konzeption einer Industrieanlage un-
Grundriß; bei einer Industrieanlage wie dem ,Fagus- terzuordnen hatte, war die rationelle und zweck-
Werk Kar! Benscheidt', in der produktive und ad- mäßige Zuordnung der einzelnen Gebäude zueinan-
ministrative Funktionen in einem Bauensemble zu der, um einen möglichst zeitökonomischen Produk-
vereinen waren, aus dem Lageplan. tionsablauf zu ermöglichen. Das, so auch Gropius,
Wir erinnern uns: Dem organischen Willen war die sei "die Grundidee des Ganzen"363. Die geometri-
symmetrische Form als entsprechend oder ange- sche Darstellung dieses Sachverhaltes leistet die so-
nehm zugeordnet worden. Also entspräche die genannte Funktionslinie (Abb. 39), und an ihr hatte
Asymmetrie dem von Gropius geforderten und - Werner die Gebäudeanordnung orientiert. Wie die
ich möchte es in Umkehrung so nennen - anorga- kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten die
nischen Konstruieren. Gerade ist, so bildet beim Produktionsvorgang des
Wölfflin fand die symmetrische von der asymmetri- Fagus-Werkes die Funktionslinie den kürzesten Weg
schen Wirkung dadurch unterschieden, daß die zwischen dem Roh- und Fertigprodukt. Sie ist
Symmetrie beim Betrachter Ausgeglichenheit her- hier beinahe geradlinig. Als Zentrum und Achse be-
vorrufe, da die symmetrische, für sich abgeschlosse- stimmt die Funktionslinie die Lage der einzelnen
ne Gestalt in sich ruhe und daher Ruhe bewirke. Gebäude; deren direkte oder vermittelte Funktion
Dagegen könne die asymmetrische Gestalt keine im Produktionsablauf definiert ihre Nähe zur Funk-
feste Form erreichen, zwinge Bewegung hervor und tionslinie. Sie liegen also entweder direkt auf dieser
erzeuge daher Unruhe. 361 Das Bestreben des Men- Achse, wie das Lager und Trockenhaus, der Haupt-
schen bestehe aber vor allem darin - davon war arbeitssaal mit dem Versand (Abb. 4, 22) oder ord-
nicht nur Wölfflin ausgegangen -, sich die Welt sei- nen sich dieser zu, wie z. B. das Maschinenhaus,
ner eigenen Natur gemäß zurechtzuarbeiten, so daß aber auch die Verwaltungsräume. Als das wesent-
sie seinem nach Ruhe und Ausgeglichenheit streben- lich raumbildende Element der Industrieanlage, so
den Körpergefühl, seiner eigenen symmetrischen läßt sich jetzt erkennen, fungiert hier also die zur
Anlage, entspreche. Produktion benötigte Zeit, ja diese Produktionszeit

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präformiert den Gebäudezusammenhang. Die der- Raumkontinuum zu schaffen. Gropius entwarf nun
art entstandene Asymmetrie erschließt in der suk- für das Bürohaus eine Skelettkonstruktion aus auf-
zessiven Nachzeichnung des Lageplans den Produk- gemauerten Pfeilern (Abb. 1) - die Verkleidung
tionsvorgang selber und damit den Lebensnverv der mit den ledergelben Verblendern wurde in einem
Industrieanlage. Die Asymmetrie ist im Fagus-Werk Zuge mit den Aufrnauerungen vorgenommen 369 -,
aus dem Produktionsablauf gewonnen, dessen adä- vor die er geschoßübergreifende Fensterbahnen
quater Ausdruck sie in ihrer Bewegung simulieren- hängte. Er knüpfte dadurch an das ästhetische Kon-
den Wirkungsweise zugleich ist. Denn es geht um zept an, das durch die Eisenarchitektur historisch
den Ausdruck der Bewegung in Permanenz, die die erwachsen war und jenen wechselseitigen Bedin-
maschinelle Produktion sui generis fordert und die gungszusammenhang von Rentabilität, zweckmäßi-
in der Form des A-Natürlichen, der Asymmetrie ger Konstruktion und Form am eindrücklichsten
aufscheint. repräsentierte. Daß Gropius die Materialeigenschaf-
Walter Gropius hatte diesen Lageplan, die in einem ten des Backsteins diesem Konzept unterwarf,
rationalistischen Verfahren gewonnene asymmetri- mochte vom Standpunkt einer Materialnatur -
sche Raumfolge zu berücksichtigen. Gemäß seinem wie sie A. G. Meyer 1907 in dem Buch Eisenbauten
Postulat, einen "Bau von Grund auf zu druchden- idealtypisch herausgearbeitet hatte - geradezu wie
ken"364, also von der Grundrißkonzeption die äu- dessen Denaturierung erscheinen. 37o Diesem Um-
ßere Erscheinung zu entwickeln, mußten sich die stand mag es geschuldet sein, daß sich einige Auto-
aus der Notwendigkeit der Produktion entstande- ren diese Konstruktion fälschlicherweise gar nicht
nen Bewegungseindrücke in der Gebäudefolge auch anders als ein Glas-Eisen/Stahl-Gerüst vorstellen
im Aufriß wiederfinden lassen. konnten. 371
Gropius' Entscheidung für eine bestimmte architek-
Der Einfluß von Peter Behrens tonische Wirkung dominiert also die Wahl einer Ske-
und der AEG-Turbinenhalle. lettkonstruktion, die gleichwohl jener vergleichbar
Der Aufriß war, die bis dahin vornehmlich durch künstliche
Baumaterialien gewährleistet schien. Die wechsel-
Analog zur Bewegung evozierenden Asymmetrie seitige Verbindung, die die Architekturform mit
des Lageplans war die Aufrißgestaltung des Fagus- der Rentabilität in der industriell produzierenden
Werkes selber rhythmisch bewegt. Ihr entsprach eine Gesellschaft eingehen muß, um die zum herrschen-
Skelettkonstruktion, die den Raum nicht zusam- den ökonomieprinzip gewordene Produktionsöko-
menhängend, sondern in aneinandergereihten Kom- nomie auch ausdrücken zu können, war bereits in
partimenten schafft. Das hatten im 19. Jahrhundert der Asymmetrie des Lageplans deutlich geworden.
vor allem eiserne Binderkonstruktionen geleistet. Daß Gropius diesem Faktum auch in der Bürohaus-
Mit dem Eisen war erstmals ein Material zur Anwen- front unbedingt Rechnung zu tragen versucht, läßt
dung gekommen, dessen Stoffnatur der Produk- sich im weiteren an der Form der Stützen und an
tionsrationalität am besten entsprach. A. G. Meyer der Konstruktion der berühmten stützenlosen Ecke
hatte sie folgendermaßen charakterisiert: ,,( ... ) die zeIgen.
Wirkung des rationellsten Baumaterials, das die kon- Der Notwendigkeit, so billig und effizient wie mög-
struktive Aufgabe mit dem geringsten Volumen auf lich zu bauen, war Gro~ius beim Fagus-Werk immer
dem kürzesten Wege am schnellsten löst. "365 konfrontiert gewesen. 72 Wie die maschinelle Pro-
Die in der Materialökonomie des Eisens gewährlei- duktion zur rationellen Material- und Zeitausnut-
stete effiziente Raum- und Zeitbewältigung ent- zung zwingt, so hat auch eine Architektur, die die-
sprach dem, was Gropius als ästhetischen Impuls se Produktion organisiert, ja zu ihrem ästhetischen
betrachtete, nämlich "die schärfste Beanspruchung Thema macht, darauf Bezug zu nehmen. Für die
von Material, knappste Ausnutzung von Raum und Skelettkonstruktion des Bürohaustraktes wählte
Zeit"366. Walter Gropius mußte aber auf Grund der Gropius eine Stütze, deren Erscheinungsbild inso-
wirtschaftlichen Erwägung seines Bauherrn das Fa- fern überrascht, als sie nach oben hin zunehmend
gus-Werk in Backstein ausführen 367 , in einem Mate- hinter die Glasfront zurücktritt. Er trägt damit ei-
rial also, dessen Stoffnatur darin gesehen wurde, ner Tatsache Rechnung - darauf wies H. Weber
daß es "Masse mit Masse homogen vereinte" 368 und hin -, die der statischen Belastung einer Stütze
damit eher geeignet war, ein zusammenhängendes entspricht und verspricht, materialökonomisch zu

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sein. 373 Der nach unten hin zur Fassadenseite zu- danken der Jetztzeit, die sozialen und wirtschaftli-
nehmende Querschnitt wäre also zunächst die au- chen Ideen auszusprechen vermag, aber es sind eben
genfällig rationelle Stützenform. Nun weist aber nur die Mittel.
derselbe Autor nach, daß diese Stützen gegenüber Das Wie der Darstellung ist unerlernbar, ist intui-
ihrer rechnerisch notwendigen Querschnittsfläche tive Gabe des Genies. "378
entschieden überdimensioniert seien. 374 Gropius Sieht man einmal von dem pathetischen Gestus die-
benutzte also ein statisches Faktum, ohne es seiner ser Äußerung ab, so reduziert sie sich in bezug auf
,Natur' gemäß zu realisieren, es erscheint uns nur unser Problem darauf, daß Behrens zwar die ent-
so: Es geht ihm also. wesentlich um die architekto- scheidenden Impulse jener Bewegungsillusion vor-
nische Wirkung, die durch die geneigte Fassaden- gestellt hat, aber nur als Mittel, die auch anders an-
fläche der Stütze zu erzielen ist. Sieht man nämlich wendbar sind.
diese Stützen im Zusammenhang mit den vorge- Behrens hatte der maschinellen Bewegung Ausdruck
hängten Fensterflächen, so ergibt sich eine nach verliehen, aber er hatte es unter Mißachtung der im
oben hin intensivierte Schattenzone, welche die Eisenbau entfalteten Materialökonomie getan. Die
Wandebene aufreißt und belebt. Gropius verwan- Binder, die er plante, waren im Gegensatz zu den
delte so ein reines Element der Statik in ein ästhe- rechnerisch gefundenen Stabkonstruktionen voll-
tisches Motiv, wobei ihm gleichzeitig ein coup de wandig, also aufwendiger als rechnerisch notwendig.
theatre gelang. Indem nämlich die Fensterflächen Sie waren in ihrer konstruktiven Funktion betont
lotrecht vor den geneigten Flächen der Stützen sit- nach außen gestellt worden und da, wo sie in ihrem
zen, werden letztere als tragende Glieder in ihrer Bewegung evozierenden Gelenk konstruktive Insta-
Massigkeit optisch zurückgenommen. Sie sind de bilität suggerieren mochten, eingebunden in den
facto überdimensioniert, dennoch wirken sie - das Betonsockel. Die ganze Konstruktion war also be-
mer kte Posener kritisch an - "nicht konstruktiv" 3 7 5. tont kompakt. 379 Diese Konsequenzen hatte Beh-
Daß für diese Lösung die Turbinenhalle von Peter rens aus seiner Definition von Baukunst gezogen,
Behrens Pate stand, ist inzwischen zur Binsenwahr- die sich 1910 so las:
heit geworden. 376 In der Berlichingenstraßenfront "Das Eisen sowohl wie das Glas entbehren natur-
hatte Behrens das Verhältnis von Pfeiler zu Fenstern gemäß in der Erscheinung des Voluminösen der ge-
genau umgekehrt ausgedeutet. Die Gelenkbinder schichteten Steine. Aber durch eine wohlüberlegte
der Turbinenhalle verlaufen lotrecht, und die zu- Verteilung von Licht- und Schattenflächen (. . . )
rückgesetzten Fenster sind hier geneigt. Die mächti- in der Fassade, indem große Glasflächen mit den
gen Gelenke erscheinen frei vor der Fensterflucht eisernen Stützen zu einer Ebene zusammengezogen
eingebunden in einen Betonsockel und ein Beton- werden und andererseits Horizontalverbindungen
band, beide zusammen über mannshoch. Behrens kräftig hervortreten, kann dem Gebäude zur Kör-
war in der Wiederholung der Binder und kompak- perlichkeit verbolfen werden und dadurch auch
ten Binderfüße ein architektonischer Bewegungsaus- ästhetisch das Gefühl der Stabilität zum Ausdruck
druck gelungen, der die maschinelle Produktion gebracht werden, das ohne diese Anordnung trotz
mit den spezifischen Mitteln der Architektur ver- der rechnerisch beweisbaren Festigkeit im Eisen
sinnbildlichen konnte. 377 Diese Analogiebildung dem an Sinnfälligkeit gebundenen Auge verborgen
kann auch als Grundgedanke der Bürohausfront des bleibt. "380 '
Fagus-Werkes und des eingeschossigen Fensterban- Durch ein architektonisches Zauberspiel, so forder-
des zum Produktionsraum gelten. Aber, wie gesagt, te Behrens hier, sei auch den unkörperlichen Mate-
nur als Grundgedanke, als übernahme des Rei- rialien Körperlichkeit abzugewinnen. Behrens war
hungsprinzips im Skelett oder, um es mit Gropius' davon ausgegangen, daß der rechnerischen Stabili-
eigenen Worten von 1911 zu sagen: tät erst eine sensorische zugesellt werden müsse;
"Die exakt geprägte Form, jeder Zufälligkeit bar, beide seien also nicht identisch, der letzteren könne
klare Kontraste, Ordnen der Glieder, Reihung glei- erst durch den architektonischen Kommentar Ge-
cher Teile und Einheit von Form und Farbe sind nüge getan werden. Das hatte ihn bewogen, der Tur-
die Grundlagen zur Rhythmik des modernen bau- binenhalle die statisch überflüssigen Eckpylonen
künstlerischen Schaffens. der Vorderfront - man kann ruhig sagen - an die
Es sind gleichsam die Sprach mittel des modernen Seite zu stellen. Sie haben das Eisengerüst allein für
Architekten, mit denen er die schöpferischen Ge- das Auge zu befestigen. 381

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Gropius hat die Definition der Baukunst als Körper- zicht auf Dekoration, in der Reduktion auf ele-
und Raumgestaltung - wie sie Behrens vortrug - mentare Architekturformen mochte er aber nicht
folgsam wiederholt. Ein Jahr später, 1911, formu- so weit gehen, aus den neuen konstruktiven Bedin-
lierte er: gungen andere raumbildnerische Schlüsse zu ziehen,
"Körpergestaltung und als notwendige Folge davon als sie durch den traditionellen, am klassischen Vor-
Raumbegrenzung ist die eigentliche Aufgabe der bild orientierten Steinbau gültig waren. Er beharrte
Baukunst. Unabhängig von den Eigenschaften des auf einem Wahrnehmungsvermögen, das das her-
Materials muß sie die Wesenhaftigkeit, die tastbare kömmliche Verhältnis von Stütze und Last als Ga-
Undurchdringlichkeit der Bauteile als unerläßliche rantie einer sinnlich faßbaren Stabilität postulier-
Vorbedingung für die monumentale Körper- und te. 386
Raumwirkung behaupten und die Widerstände, die In der traditionellen Dreiteilung des Baukörpers in
sich aus dem jeweiligen Material ergeben, überwin- Sockel, Wand und Dach war der Erdbezug, wie er
den. "382 sich für den menschlichen Körper (Beine, Rumpf,
Allerdings war Gropius in der Beurteilung der bau- Kopf) als Teilnatur darstellte, anschaulich gewe-
technischen und volkswirtschaftlichen Realisation sen. Der Traum vom Fliegen begann erst Wirklich-
skeptischer als Behrens, er merkte nämlich an: keit zu werden; will sagen, was hierin zum Aus-
"Für unsere Zeit erscheint allerdings die Aufgabe druck kam, entsprach dem Stadium vormaschinel-
des Baumeisters sehr schwer, aus dem wesenlosen, ler Naturbeherrschung. Im Sockel hatte sich der
lichtdurchfluteten Eisengerippe wieder Körper und Bezug zur Erdbasis grundsätzlich verkörpert, das
Räume zu machen, ohne Störung der Technik, des Fundament garantierte die statische Sicherheit des
Gebrauchszweckes und der pekuniären Ökono- Oberbaus ad oculos, die durch Rustizierung oder
mie. "383 Böschung besonders sinnfällig gemacht werden
Als er dann seine erste selbständige Industrieanlage, konnte. Die Wand bedeutete den Raumabschluß,
das Fagus-Werk Karl Benscheidt, abgeschlossen hat- die Grenze zwischen Innen und Außen, sie gab
te, war aus der Berücksichtigung jener Faktoren Schutz vor der Außenwelt und garantierte die In-
nicht nur eine konkrete Variante zum Behrensschen timität des Innenraums. Das übergreifende Dach
Vorgängerbau, sondern auch eine alternative Raum- schließlich war die obere Zusammenfassung des ge-
Körperauffassung dessen entstanden, was er selber samten Raumkörpers. Das Giebel-, Walm- oder Man-
mit Behrens die "dargestellte Stabilität"384 nannte. sarddach stellte den Bezug zur Erdbasis direkt
Er hatte sich also gewissermaßen praktisch revidiert. wieder her. Wurde beispielsweise ein Flachdach,
Gropius hat diesen Widerspruch später bemerkt. In wie etwa bei Gottfried Sem pers Villa Rosa in Dres-
seinem Budapester Vortrag von 1934, den wir wie den von 1839, gewählt, so wurde durch das Auskra-
eine Bilanz seiner Arbeit bis zur Emigration verste- gen auch hier die zusammenfassende Funktion
hen müssen, kam er zu folgender Erklärung: deutlich, der Bezug zum Unterbau derart wieder
"als schüler von peter behrens kam ich lange vor aufgenommen. 387 Dem ordneten sich weitere Kom-
dem krieg zum erstenmal mit systematischer be- positionsmittel zu, axiale Bezüge um eine Mitte,
handlung architektonischer fragen in berührung. um eine Symmetrieachse sich versammelnd, und
in der mitarbeit an seinem bedeutenden werk und abschließende Eckformen, z. B. Risalite und Archi-
in zahlreichen gesprächen mit ihm und dem kreis tekturglieder, wie Pilaster. Darin entfaltete sich die
des ,deutschen werkbundes' bildete sich meine ei- Fassade, die als Schauseite mindestens drei Funk-
gene anschauung vom bauen. meine ersten arbeiten tionen zu erfüllen hatte: sie diente erstens der Ver-
entstanden freilich noch unbewußt, sie tragen zwar bildlichung von Ideen, die in reinen Schmuckfor-
schon deutlich die grund merkmale meiner späteren men auf Ideales, auf die Wahrhaftigkeit des Geistes
arbeiten, aber das eigene theoretische durchdenken, verwiesen; zweitens der Erläuterung des gesellschaft-
das bewußte verantwortliche vortragen einer idee, lichen Anspruchs eines Gebäudes und drittens als
um mit eigenen erkenntnissen bresche zu schlagen, Verweis auf Konstruktives, worin nach Semper die
setzte in mir erst nach dem erlebnis des Krieges eigentliche Aufgabe des Ornaments zu bestehen
ein. "385 hatte. 388 Eine derartige Raumorganisation ist an
Behrens hatte in der Turbinenhalle ein großartiges ein menschliches Wahrnehmungsvermögen gebun-
konstruktives Analogon für die in der Halle statt- den, das Statik mit Massigkeit und Abgeschlossen-
findende maschinelle Arbeit gefunden. Im Ver- heit verbindet. Ich muß sinnlich erfahren, daß et-

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was hält. Alle diese Wirkungsweisen waren mit na- "Die prätendierte Unmittelbarkeit ihres (der Mo-
türlichen Baumaterialien, wie Holz, Stein etc., ver- derne) künstlerischen Verhaltens ist durchaus ver-
bunden gewesen, aber durch die Glas-Eisen-Archi- mittelt. Der gesellschaftlich fortgeschrittendste
tekturen der Ingenieure tendenziell überkommen. Stand, deren eine Bewußtsein ist, das ist im Inne-
Das Stab hafte der Eisenkonstruktionen, die die ren der ästhetischen Monaden der Stand des Pro-
Massivität des Steinbaus konstruktiv überholt hat- blems. Die Kunstwerke zeichnen in ihrer eigenen
ten, die Gelenkbögen, die große Spannweiten in be- Figur vor, worin die Antwort darauf zu suchen
liebiger Reihung in große Raumzusammenhänge sei, die sie doch von sich aus, ohne Eingriff nicht
bringen konnten, hatten den bisherigen dreiteiligen zu geben vermögen; das allein ist legitime Tradi-
Baukörper zugunsten einer Skelettkonstruktion auf- tion der Kunst. Ein jedes bedeutende Werk hin-
gelöst. Sockel, Wand und Dach konnten deshalb in terläßt in seinem Material und in seiner Technik
völlig veränderten Bezügen zueinander existieren Spuren, und diesen zu folgen ist die Bestimmung
und wahrgenommen werden. Sie relativierten der- des Modernen als des Fälligen, nicht: zu wittern,
art ihre bisherige Bedeutungsebene. was in der Luft liegt. Sie konkretisiert sich durchs
Behrens hatte auf diese Dreiteilung des Baukörpers kritische Moment. Die Spuren in Material und Ver-
nicht verzichtet. Die Turbinenhalle hat einen aus- fahrensweisen, an die jedes qualitativ neue Werk
geprägten Sockel, eine Gebälkzone - sie ist aus Ei- sich heftet, sind Narben, die Stellen, an denen die
sen -, dazwischen die vollwandigen Binder mit den voraufgegangenen Werke mißlangen. Indem das
zurückgesetzten Glasfenstern, die eben in dieser neue Werk an ihnen laboriert, wendet es sich ge-
Einbindung, so mächtig sie auch sind, Fensterein- gen diejenigen, welche die Spuren hinterließen (. .. ).
schnitte bleiben; und sie hat die Eckummantelung Der Wahrheitsgehalt der Kunstwerke ist fusioniert
aus Beton. Für das Auge wird hier nochmals eine mit ihrem kritischen. Darum üben sie Kritik auch
Statik demonstriert, die im klaren, eindeutig vom aneinander. Das, nicht die historische Kontinuität
Menschen her gedachten Stabilitätsempfinden ihrer Abhängigkeiten, verbindet die Kunstwerke
begründet liegt, die aber eine Pseudostabilität ist; miteinander; ,ein Kunstwerk ist der Todfeind des
darin bleibt der Architekt Peter Behrens der anderen'; die Einheit der Geschichte von Kunst ist
Tradition verpflichtet. Dazwischen - dort, wo die die dialektische Figur bestimmter Negation."39o
Wandfläche zum Schaubild wurde - nahm er Diese ,dialektische Figur bestimmter Negation'
die neue Konstruktion als Vorlage, um in der entwirft Gropius am eindringlichsten in der stützen-
überhöhung der konstruktiven Arbeit geradezu losen Ecke. Hier denkt er zu Ende, was sich im
einen Hymnus auf die maschinelle Arbeit anzu- Grunde in der Turbinenhalle angekündigt hatte,
stimmen, ihren Bewegungsmythos zu entfalten. was Behrens aber architektonisch nicht auswerten
Er konstruierte der Turbinenhalle eine Fassade, wollte: die Auflösung des traditionellen Baukör-
die durch ihre Architekturglieder zur geronnenen pers.
Erzählung ihres Inhaltes wird, der ein ganz und gar Der Steinbau hatte in den Eckbildungen eine Kon-
neuzeitlicher ist. 389 zentration der Baurnassen gesehen, also ein gestei-
Alles das gibt es in der Wandlösung des Fagus-Wer- gertes Maß an Belastung. Dieser Sachverhalt war
kes nicht mehr. Gropius konterkariert geradezu al- oftmals im Außenbau durch Architekturglieder wie
les, was der Wirkung eines mit künstlichen Materia- Pilaster oder Lisenen veranschaulicht worden. 391
lien hergestellten Baus widersprechen könnte. Das Im Gegensatz zum Massivbau wird die tragende
war schon an der Stützenform gezeigt worden. Last der Fagusecke nun nicht mehr von einer gleich-
Gropius deutet die Turbinenhalle radikal aus, in- mäßigen Ummauerung aufgefangen, sondern durch
dem er deren Konstruktionsmöglichkeiten zu En- einen eisernen Unterzug auf die beiden Mauerwerks-
de denkt und deshalb zu einem Baukörper vor- pfeiler links und rechts des Kragarms diagonal über-
stößt, der die dargestellte Stabilität nicht mehr für tragen (Abb. 112) Der im Steinbau benötigte Auf-
das Auge bereithält. Die Turbinenhalle ist für Gro- wand an Materialmasse wird hier zu einer direkten,
pius das große Vorbild, die, mit Adorno zu spre- geradlinigen Verteilung der Last, zu einer material-
chen, "ästhetische Monade". Gerade Adornos Be- ökonomischen Verbindungslinie, die der typi-
stimmung dessen, was "legitime Tradition der schen "Kraft-Linie"392 des Eisenbaus gleichkommt.
Kunst" sei, läßt sich auf Gropius' Traditionsver- Gropius umhüllt nun diese ,Kraftlinie' ganz mit
hältnis zu Behrens anwenden: rechtwinklig aufeinanderstoßenden Glasflächen, er

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schafft einen durchsichtigen Raumkörper, wobei Eine Kunst auf intellektueller Basis also, ein Wider-
die ihn tragenden Kräfte unsichtbar bleiben. So spruch in sich? Doch wieder Kunst als eine vergan-
scheint er zu schweben, und es entsteht der Ein- gene? Erinnern wir uns an Riegl; er hatte ja gerade
druck, als truge sich, wie von Zauberhand, der Bau- die moderne Kunst auf das Wissen gegründet und
körper an dieser Stelle selber. Gropius erreicht die- darauf hingeweisen, daß eben jener "Teil, der für
se Wirkung, indem er die von ihm an klassischen die bildende Kunst von entscheidender Bedeutung
Bauten bewunderte Identität von Konstruktions- war, die Auffassung des Naturgesetzes"395 in der
und Kunstform, von rechnerischer und dargestell- industriell produzierenden Gesellschaft extrem ver-
ter Stabilität wirklich ernst nimmt. 393 Er denkt ändert sei. Gropius' Lösung ist ein Beispiel dafür.
nämlich die durch die veränderte Statik hervorgeru- Der Mensch findet hier nichts wieder, was sich an
fene Freiheit des frei ausschwingenden Kragarms seinen eigenen Kräften messen ließe; statt dessen
architektonisch zu Ende. In der Verglasung, die begegnet ihm eine Material- und Raumbeherr-
stützenlos ist, wird nachgerade vorgeführt, daß die- schung, die nur durch seine entwickelten Arbeits-
se Ecke gar nichts tragen muß. mittel, durch seine erweiterte Naturbeherrschung
Der Hintergrund dieser Lösung ist also Aufklärung zu leisten ist. Walter Gropius entfaltet an der stüt-
über den statischen Sachverhalt. Gropius vollendet zenlosen Ecke das Verhältnis des modernen Men-
in der Negativität - die Ecke trägt nichts, also zei- schen zur Natur paradigmatisch: keine Mimesis der
ge ich, daß sie nichts trägt - das Prinzip der Iden- Natur, sondern ihrer Beherrschung durch die Tech-
tität von Konstruktions- und Kunstform, und er nik. Sie aber ist für das bestimmte Konventionen
macht das recht wirkungsvoll, indem er am emp- gewöhnte Auge nicht mehr nachvollziehbar, weil
findlichsten Punkt den Akzent des Neuen setzt. sie rational und abstrakt ist. In diesem Wesen prägt
Daß er bereit ist, die Konsequenz aus dem verän- sie hinfort die Architekturform und ist darin au-
derten rechnerischen Sachverhalt zu ziehen, und thentisch.
damit nicht mehr, wie es noch für Behrens unab- Julius Posener kommt im Vergleich zwischen der
dingbar war, dem Auge eine Stabilität vorspiegelt, Turbinenhalle und dem Fagus-Werk zu dem Ergeb-
die de facto gar nicht so vorhanden ist, signalisiert, nis, daß das Fagus-Werk "im besten Falle wie Men-
daß hier auf ein anderes als das natürliche Verhält- delsohns Einsteinturm, Zeichen einer neuen Kon-
nis des Menschen zum umgebenden Raum, durch struktion gewesen sei: Aber der Vergleich mit dem
seine sinnliche Erfahrung geprägtes Stabilitätsemp~ Einsteinturm zeigt, daß er (der Bau, d. h. das Fagus-
finden Bezug genommen wird. Was das sein könn- Werk; K. W.) nicht einmal dies gewesen ist: Er ist
te, finden wir schon bei Behrens benannt: unkonstruktiv, vielleicht, mag der Architekt von
"Wir haben uns freilich schon an manche Konstruk- neuartigen Konstruktionen gesprochen haben, anti-
tionsform gewöhnt, aber ich glaube nicht daran, konstruktiv". 396
daß die auf mathematischem Wege berechnete Sta- Hier schafft sich Gropius' ästhetisches Wollen of-
bilität für das Auge sinnfällige Wirkung bekommen fensichtlich bestens Ausdruck, was Posener aller-
wird. Das hieße sonst so viel als eine Kunst auf in- dings dagegenhält. Gropius beschrieb seine künst-
tellektueller Basis, was einen Widerspruch in sich lerischen Absichten, die er im Fagus-Werk hatte
bedeutet. "394 realisieren wollen, später so, daß es ihm um "die
Es geht Gropius also offenbar nicht mehr um die schwebende Leichtigkeit der Baurnasse" zu tun war,
Sinnfälligkeit der Stabilität fürs Auge. Er appelliert daß er alle bisher "übliche Erdenschwere und Abge-
an etwas anderes, nämlich den menschlichen Ver- schlossenheit des Baukörpers aufbrechen"397 woll-
stand. Denn ist mir auch in der Eckbildung jegli- te, daß es ihm also genau darum ging, für das Auge
che Gewißheit einer Stabilität sinnlich entzogen, so antikonstruktiv zu wirken.
kann ich sie doch im Wissen um die konstruktiven Daß die stützenlose Ecke nicht nur der ästheti-
Zusammenhänge in meinem Bewußtsein realisieren. schen Wirkung zuliebe, sondern gleichzeitig auch
Mir wird beim Anblick der frei aufeinanderstoßen- aus Gründen der ,pekuniären Ökonomie' gewählt
den Glasflächen sozusagen ein Vertrauen in die Wis- worden war, soll hier nicht vergessen werden. In
senschaft der Statik zugemutet, denn weiß ich um der Replik auf Vorwürfe eines Mitarbeiters der
die Mauerwerkspfeiler und das System der Unter- Deutschen Bauzeitung referierte Gropius 1928, wie
züge, kann ich nun an Stelle der Stabilitätsempfin- es zu dieser Ecklösung gekommen war. Man hatte
dung Stabilitätsbewußtsein entwickeln. ihm nämlich vorgehalten, "einzelne bauglieder,

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(. .. ) nur der ästhetischen Wirkung zuliebe, ohne hinter die Flucht der Glaswand zurückgesetzt
sachliche begründung angewendet"398 zu haben. (Abb. 111), zwar fehlt eine sichtbare Dachbekrö-
Anhand einer schematischen Darstellung führte nung, es erscheint alles vermieden, was die Sockel-
Gropius damals aus: und Bedachungsassoziation hervorrufen könnte.
"bei der gliederung der großen glasfassade des Betrachtet man aber das untere Mauerband genau-
,fagus-werks' konnte die stützenordnung entwe- er, so fällt auf, daß Gropius - bevor er das leder-
der in dem sinne, wie sie der herr verfasser für rich- gelbe Klinkerwerk aufführt - mehrere liegende Zie-
tig hält (. .. ), oder aber in dem von mir gewählten gelreihen und darüber eine Rollschicht aus gesinter-
sinn (. .. ) unter weglassung der Eckstützen gelöst ten, also dunklen Klinkern aufmauern läßt. Sowohl
werden, in dem ersten fall müssen 10 stützen ge- die Farbwahl als auch die aus dem Mauerwerksver-
stellt werden, in dem anderen nur 9. ich ließ eine band herausstechende Rollschicht, der die Funktion
berechnung anstellen, welche konstruktion rentab- eines Fußgesimses zukommt, setzen die helle Auf-
ler sei; diese fiel zugunsten der (zweiten; K. W.) lö- mauerung klar ab und verdeutlichen das Sockelmo-
sung (. .. ) aus, denn die größere anzahl stützen er- tiv, wobei gerade die Farbwahl auf Erdhaftes ver-
gab höhere kosten, als die der eckauskragung des weist. Die Funktion des Sockels, daß er trägt und
Sturzes ausmachten. auskragende und schwebende dies auch für die statische Empfindung garantiert,
konstruktionen sind - unter umständen sogar un- wird aber sogleich durch die vor die Mauerwerks-
ter ersparnis von masse und mitteln - eben das cha- flucht tretenden Fensterflächen relativiert (Abb.
rakteristische der neuen beton- und eisenkonstruk- 101). Der Eindruck ihres Schwebens wird dadurch
tion. aus dem kragvermögen des eingespannten unterstrichen, daß der traditionelle Architekturteil
trägers aus eisen oder eisen beton resultiert eine zwar angedeutet wird, aber hinter die Fensterwand
neue formgebung, die der alte steinbau logischer- zurückgesetzt als aufgemauerter Sockel seine stati-
weise nicht zuließ. "399 sche Funktion verloren hat. Das gleiche Prinzip
bestimmt die Bearbeitung des Flachdaches. Das
Dach springt, wie vorher für Sempers Villa Rosa be-
Antithetische Architektur. schrieben, auch beim Fagus-Werk über die Wand-
Analyse eines Gestaltungskonzepts fläche vor, wenn auch nur gering; immerhin aber ist
Die Antithese zum alten Steinbau kann als das Ge- der Impetus, das Abschließende kenntlich zu ma-
neralthema des Fagus-Werkes betrachtet werden. chen, deutlich. Gropius fängt jedoch diese ehemalige
Selbst in den Einzelbauten, die als verputzte Klin- Dachfunktion auf, indem er zwischen den gebälk-
kerbauten ausgeführt sind, versucht Gropius, die artigen Mauerstreifen und dem Flachdach eine
Wirkung schwebender Baukörper hervorzurufen. hohlkehlenartige Fuge einfügt, wodurch die Dach-
Die Mittel, derer er sich bedient, zeugen von großer platte wie ein darüber schwebender eigenständiger
baukünstlerischer Geschicklichkeit, er entfaltet Bauteil wirkt und in seiner Beziehungslosigkeit
nämlich eine Architekturgeschichte in concreto, im zum Unterbau unterstrichen wird. Das alles dient
Baumaterial selber. Er negiert beispielsweise die dazu, dem Betrachter den historischen Bezug zwar
Dreiteilung des traditionellen Baukörpers, nicht mitzuliefern, allerdings nur, um in der gleichzeiti-
ohne ihn gleichzeitig zu zitieren, entfaltet das Neu- gen Negation des jeweiligen Architekturmotivs
artige umso eindrücklicher aus dem Zitat. Das Alte aufgehoben zu werden. Nicht in der Aus-, sondern
wie das Neue des Baukörpers ist in seiner Konfron- in der Rückbildung des Sockels, nicht im Lasten,
tation immer zugleich vorhanden und stößt sich sondern im scheinbaren Schweben des Daches
umso entschiedener voneinander ab. Das gilt für manifestieren sich Herkunft und Absagen als be-
alle Bauten des Fagus-Werkes. stimmte Negation.
Beginnen wir aber mit der Glasfront. Die Dreitei- "Die Form als solche", schreibt Wölfflin in seinem
lung des Baukörpers in eine fixierte Sockel- und Buch Kunstgeschichtliche Grundbegriffe, "muß
Dachzone mit der dazwischenliegenden Wandflä- vollkommen bekannt sein, bevor sie in die neue Er-
che bleibt hier spürbar: Ein Mauerband schließt scheinung überführt werden kann. "400 Diese Bedin-
nämlich die Vorhangwand in der Sockel- und Dach- gung führt Gropius mit beinahe lehrmeisterlicher
zone ab (Abb. 110). Dadurch wird eine eigenstän- Genauigkeit im Architekturgefüge selber vor.
dige Wandfläche ausgesondert, indem sie sie zu- Daß er durch bewußte Anspielungen an traditio-
gleich einbindet. Zwar ist das untere Mauerband nelles Formempfinden das spezifisch Andere seiner

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Architektur unterstreichen will, wird selbst in der Eckausbildungen im Massivbau bisher waren, nicht
,curtain wall', der gläsernen vorgehängten Wand- ohne ihn in dem anderen dominierenden Gebäude
fläche, nachweisbar. Die traditionelle Wand war als des Fagus-Werkes, dem Lagerhaus der ersten Bau-
tragende Mauerbegrenzung zwischen Außen und phase, wieder aufzunehmen.
Innen ebenso Projektionsebene architektonischen Hier begegnen wir den soeben dargelegten Gestal-
Schmucks; hier vor allem entfaltete man die Schau- tungsmitteln wieder (Abb. 61). Gropius setzt einen
seite. mehrgeschossigen, verputzten Raumkubus auf ein
Die Stärke einer Wand, der sichtbare Beweis ihrer mit gelben Verblendern aufgemauertes Sockelge-
Standfestigkeit, wurde z. B. durch tiefe Fensterein- schoß, das an der Basis die gleichen gesinterten Zie-
schnitte und in den dadurch hervorgerufenen Hell- gelreihen wie das Bürogebäude aufweist und als un-
Dunkel-, Licht-Schatten-Effekten ablesbar. Die ge- teres dunkles Sockelband alle Gebäude der Fabrik
samte Statik des Baukörpers kam selbst in der umzieht. Dieses Klinkergeschoß ist wie das Basis-
Wandebene derart nochmals wirkungsvoll zur An- mauerwerk der Vorhangwand hinter den Baukörper
schauung. Bei einer Skelettkonstruktion gibt die zurückgesetzt. Der massive Putzbau ragt dadurch
Wand ihre statische Funktion an das Gerüst ab. Sie über dieses Sockelgeschoß hinaus und gewinnt, bei
reduziert sich auf die reine Abgrenzung zum Um- entsprechendem Lichteinfall verstärkt, eine erstaun-
raum. Sie kann deshalb konsequent in Glas aufge- liche Leichtigkeit. Das Sockelmotiv erscheint also
löst werden, wird nurmehr Schutzhaut gegen Wit- auch hier in der Umkehrung seiner bisher wahr-
terung - als solche wollte Gropius sie auch verstan- nehmbaren Funktion, wodurch die intendierte
den wissen401 - und wird geradezu zum Zeichen schwebende Wirkung eines Raumkörpers durch-
der Naturbeherrschung des' Menschen, der das Ab- aus entstehen kann. Und auch hier zitiert Gropius
geschlossene, Mauerhafte zu seinem Schutze nicht sogleich die Dreiteilung des traditionellen Baukör-
mehr benötigt. pers, damit die neue architektonische Wirkung um-
Diese Wirkung der vollkommen in Glas aufgelösten so deutlicher werde. Durch ein kräftiges Gurtgesims
Wandfläche, die den gesamten Baukörper umzieht, grenzt er nämlich den Putzbau gegen das Attika-
ergibt sich beim Fagus-Werk immer erst, wenn man geschoß ab, das in seiner ehemals dunklen Schie-
den Blick an der Gebäudeflucht entlanggleiten läßt. ferplattenverkleidung 403 wie ein das die Wandflä-
Erst so erscheint sie als zusammenhängende gläser- che bekrönendes Dach wirkt (Abb. 7, 8). Auch hier
ne Vorhangwand (,curtain wall') (Abb. 103). Stellt provoziert die Farbwahl, wie bereits im Sockel, den
man sich jedoch dem Bürohaustrakt frontal gegen- architekturhistorischen Bezug. Allerdings bleibt der
über, so ergibt sich wieder das wechselvolle Spiel Eindruck, daß es sich hier um ein Geschoß handelt,
der Wandschichtung, indem die in ihren Außenflä- gleichermaßen bestehen und wird sogar verstärkt,
chen geneigten Stützen zwischen den lotrechten indem es sichtbar hinter die Flucht des Putzbaues
Fensterflächen rhythmisch Schattenzonen ergeben, gesetzt und von schmalen rechteckigen Fenstern
die durch die metallverkleideten dunklen Brüstun- durchzogen ist. Selbst in der Wandgestaltung des
gen in der Horizontalen aufgenommen werden. verputzten Baukörpers, und das gilt vornehmlich
Gropius hatte die Stockwerkhintermauerungen auf für den Bauzustand bis zur Veränderung im Herbst
Grund baupolizeilicher Bedenken vornehmen müs- 1913, kommt dieses Prinzip der Gegenüberstellung
sen, die tatsächlich konstruktiv überflüssig waren. 402 des Alten mit dem Neuen zum Tragen. Die Bezüge
Durch den stahlgrauen Anstrich ist hier aber betont des Lagerhauses und der angegliederten Mauerwerks-
eine dunkle Zone geschaffen, die die Fensterbahnen bauten (Sägerei und Trockenhaus) zur klassizisti-
jetzt regelrecht wie Stockwerksfenster voneinander schen Architektur sind des öfteren herausgearbeitet
abgegrenzt, die man wieder wie Wandeinschnitte worden 404 (Abb. 9). Leider hat man dabei überse-
auffassen kann. Je nachdem, welchen Blickwinkel hen, daß diese Bauten in ihrer Detailgestaltung
man also einnimmt, kommentieren sich Festigkeit ebenso wie die Bürohausfront über das zweifellos
und Durchlässigkeit, Raumbegrenzung und Raum- vorhandene Vorbild hinausgehen, oder - wie bis-
durchdringung. her dargelegt wurde - es relativieren. Zwar sind
Die radikalste und konsequenteste Ausformung die Lüftungsfenster horizontal wie vertikal zu Ach-
erfährt die Argumentation des Neuartigen schließ- sen zusammengefaßt, die horizontalen Verputzfu-
lich in der stützenlosen Ecke. Gropius verzichtete gen unterstreichen ihre Einbindung, aber über die-
hier auf den materiellen Hinweis dessen, was die se Ordnungsfunktion hinaus - sie weisen außerdem

56
auf eine Geschoßunterteilung hin, die es gar nicht rem als plan verlaufendes Mauerwerk, als durchlau-
gibt - haben sie wesentlich eine architektonische fende Wandfläche aufgeführt und werden erst spä-
Wirkung zu unterstützen. ter verändert (Abb. 97, 98). Ich meine deshalb, daß
Diese Feststellung führt noch einmal zur Turbinen- nur die Fugen der Lagerhauswände, die mit ihrem
halle von Behrens zurück. Man erinnere sich: Beh- grauen Verputz geradewegs an den Beton der Tur-
rens hatte die Eckpylonen durch horizontale Fugen binenhalle erinnern, eine direkte Verbindung mit
gegliedert, und zwar - wie er 1910 schrieb - aus dem Behrensbau rechtfertigen. Denn in den Hohl-
folgendem Grund: kehlen seiner Klinkerbauten gebraucht Gropius
"Die abgerundeten Ecken des Baus bestehen aus dieses Mittel nicht ausschließlich zur Bewegungs-
Beton und sind horizontal durch Eisenbinder un- evokation. Zwar entfaltet er auch keine Material-
terteilt, um dadurch als Füllungen zu erscheinen ornamentik, wie beispielsweise Bruno Taut in sei-
und zwar im Gegensatz zu den konstruktiven verti- ner Fabrik für die ,Dampfwäscherei Reibedanz &
kalen Stützen der Längsseite. "405 Co.' in Berlin Tempelhof (1914), aber Gropius zeigt
Was Behrens als Betonung der statischen Nicht-Be- doch - und das wird an dem herkömmlichsten Ge-
lastung gedacht hatte, wird von Gropius mit ähnli- bäude des Fagus-Werkes, der Standmesserabteilung
chem Impuls vorgetragen. Die Verputzfugen, die (Abb. 109), deutlich -, daß er die in Norddeutsch-
den ganzen Baukörper umziehen und ihn harmo- land beliebte Klinkertradition durchaus zu reflek-
nisch, in abgestimmten Maßverhältnissen unterglie- tieren und einzusetzen vermag. Seine Materialver-
dern, beleben zugleich die Wandfläche. Im Zusam- wendung ist im Gegensatz zu der Tauts streng.
menspiel mit dem zurückgesetzten Sockelgeschoß Macht man sich aber klar, daß Gropius zur Zeit der
und dem Orientierungspunkt Eckpylon der Turbi- Erweiterung des Fagus-Werkes die Werkbundfabrik
nenhalle wird die Intention deutlicher: der Wand schon plant und den Klinker hier durchaus orna-
die Schwere zu nehmen und den intendierten Bewe- mental verwenden wird, dann läßt sich wohl zu
gungsausdruck eines scheinbar schwebenden Raum- Recht schließen, daß er mit der Hohlkehle auch ein
teils zu unterstreichen. Dieser Wirkung weiß Gro- Schmuckmotiv meinte ;am repräsentativen Eingangs-
pius auch eine rein funktionale Begründung einzu- trakt des Fagus-Werkes allemal (Abb. 113).
verleiben. Er muß die Südwestecke des Lagerhauses Unterstrichen wird diese Interpretation weiterhin
belichten, da sich an dieser Stelle die geschoßver- dadurch, daß wir die Hohlkehlen - allerdings als
bindende Treppe befindet. Er wählt eine Lösung, Vertikalfugen - im Inneren des Eingangstraktes
die wiederum den Baukörper im Eckpunkt aufreißt wiederfinden (Abb. 123). Es gilt hier ebenso, was
und ihn dadurch rhythmisiert, daß die beiden Eck- K. E. Ost haus für die Angleichung der Innen- und
fenster zur Horizontalachse der Belüftungsöffnun- Außengestaltung am Hagener Krematorium von
gen versetzt sind. Nun war das um die Ecke gezoge- Peter Behrens feststellte, "daß die Außengestaltung
ne Fensterband spätestens seit Olbrichs Darmstädter der raumgliedernden Innengestaltung innerlich ver-
Hochzeitsturm bekannt, Gropius' Entwurf also zu- wandt"406 sei. Dieser Bau, den Gropius später als
mindest in diesem Punkt nicht unbedingt originell. "architektonisches Vorbild "407 seiner ersten Schaf-
Im Bautenkomplex Fagus-Werk aber ist diese Fen- fensphase benannte, führt ganz direkt zu Behrens
sterstellung wohl eher eine Variation der stützen- und dessen Behandlung repräsentativer Elemente
losen Ecke im Kleinen. Auf diese Weise erreichte zurück. Sie blieb prägend für die Innengestaltung
Gropius schließlich auch die Asymmetrie des ge- des Fagus-Werkes.
samten Baukörpers, denn nur an dieser Stelle war Das Fagus-Werk der ersten Bauphase besaß keinen
die Durchfensterung notwendig, und nur hier ist eigenständigen Repräsentationstrakt. Die Büros des
der ansonsten klar definierte, abgeschlossene Bau- Senior- und Juniorchefs waren in den Kontorbe-
körper auch durchbrochen. reich des ersten Stockwerks integriert, und man er-
Gropius beschränkt die horizontale Fugengliederung reichte sie über ein einfach ausgestattetes Treppen-
im ursprünglichen Entwurf - dem Bauzustand von haus im Nordwesten (Abb. 51, 56, 57). Am Ende
1913 entsprechend - allein auf diesen Putzbau. Die des Ganges war ein schmales Vestibül dem Warte-
gern genannten Abbilder dieser Behrensschen Hori- zimmer vorgelagert.
zontalgliederung, die Eingangsfront und die Aufriß- Die erhaltenen Fotografien vom Wartezimmer und
gestaltung des Trockenhauses, existieren entweder dem ebenfalls für Publikumsverkehr gedachten Mu-
zu dieser Zeit noch gar nicht oder sind bei letzte- stersaal, in dem Schuhleisten ausgestellt waren, zeig-

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ten allerdings eine aufwendige Wandgestaltung; ver- rung in der ihm eigenen Konsequenz ebenso, wie
mutlich sind die geometrischen Wandrahmen des er sie ganz selbstverständlich dem luxuriösen Mo-
Wartezimmers aus Schwarzglas gewesen, dem Mate- biliar des Hauses Mendel (1913/14) gleichberech-
rial, das wir im heutigen Eingangstrakt finden (Abb. tigt zugesellte (Abb. 53).
52). Dem Mustersaal hatte man einen dunklen Korbmöbel waren um 1910 zu beliebten Einrich-
Wandanstrich gegeben, der von einem Zickzack- tungsstücken avanciert. Allein die Jahrgänge zwi-
Fries abgeschlossen wurde (Abb. 54). Zierlicher als schen 1910 und 1914 der Zeitschrift Deutsche
der des Wartesaals, war er hier in farblicher Umkeh- Kunst und Dekoration wimmeln geradezu von Ent-
rung gearbeitet. Die gläsernen Trennwände, die würfen für Sessel, Stühle, Sofas, Tischchen und so-
auch heute noch die Büros zum Gang hin abschlie- gar Lampenständer aus diesem Material. Alles, was
ßen, zeigten eine profilierte Rahmung, die den Tür- unter den Raumkünstlern dieser Jahre Rang und
sturz wie Voluten einfaßten (Abb. 55, 58, 59) - Namen hatte, unterschiedliche Temperamente wie
eine Schmuckform, die Gropius drei Jahre später van de VeIde oder Emanuel von Seidel408 , mach-
im Bürohaus der Werkbundfabrik wiederholte und ten Designvorschläge, und Peter Behrens hatte
die, wie das jetzt bekannt gewordene Frühwerk ver- schon 1904 über Probleme bei der Serienfertigung
deutlicht, seine bevorzugte Ornamentform war nachgedacht, nicht ohne, wie seit 1907 Henry van
(Abb. 161). Dieses Geschoß war im Inneren also de Velde, auf die Vielfalt der Gebrauchsfunktion
aufwendig, und die der Öffentlichkeit zugänglichen solcher Möbel hingewiesen zu haben. 409
Räume wiesen eine vornehme Innengestaltung auf. Bald gehörten sie zum Ausstattungsbestand von
Mit Sicherheit waren die Büros der beiden Chefs Ausstellungsgebäuden; Behrens selbst richtete sei-
ähnlich gestaltet, vermutlich sogar mit den gleichen nen Sonderraum auf der Kunstausstellung in Düssel-
hellen Korbmöbeln ausgestattet, wie man sie auf dorf im Sommer 1907 mit Korbmöbeln ein, und
der zeitgenössischen Fotografie des Wartezim- Bruno Paul wählte sie 1910 für die Ausstellungsräu-
mers sieht und die von Beutinger im Grundriß des me der ,Vereinigten Werkstätten für Kunst im
Seniorchetbüros eingezeichnet worden sind (Abb. Handwerk' in Berlin. 410
51). Vier Jahre später fanden sie in Gropius' Bürogebäu-
Dieser Tatbestand ist bemerkenswert, denn Gropius de auf der Kölner Werkbundausstellung Verwen-
hat mit dem Verzicht auf das in Verwaltungsräu- dung, und nicht nur zur Möblierung des Dachgar-
men übliche, repräsentative Ledermobiliar eine tens, was nahelag, sondern auch im glasummantel-
Funktionsveränderung der betrieblichen Admini- ten Vorzimmer zur Büroetage. Die Freizeitstim-
stration augenfällig gemacht. Die Wirkung solcher mung des Außen-, des Naturraums, wurde so in den
Ledermöbel war beeindruckend gewesen, ihre kalt- dreiseitig verglasten Innenraum gerückt: Raumbil-
prächtige Materialexklusivität schuf eine Distanz dung und -ausstattung ergänzten sich zur Entspan-
zwischen dem Arbeiter, dem Angestellten oder Fir- nungs- und Erholungsarchitektur. Etwas von die-
menbesucher auf der einen, dem Repräsentanten sem Klima sollte schon die Möblierung im Fagus-
des Unternehmens auf der anderen Seite, die kalku- Werk spürbar machen. Es läßt sich aus den Unter-
liert und bezweckt war. Demgegenüber erzeugten lagen des Fagus-Werkes heute nicht mehr rekonstru-
die von Gropius gewählten hellen derb-materialwir- ieren, ob diese Möbel nach Gropius' Entwürfen ge-
kenden Korbmöbel - die als Gartenmöbel vertraut arbeitet wurden. Aus mehreren Gründen glaube ich
waren und die Behaglichkeit des Privaten ausstrahl- aber, daß sie von ihm stammen. Carl Benscheidt
ten - eine ganz andere, nämlich leichte, freundli- sen. hatte Walter Gropius engagiert, damit er die
che Raumstimmung. Die Kluft zwischen dem ,Ar- Anlage "architektonisch künstlerisch" 411 ausgestal-
beitnehmer-' und ,Arbeitgeberstatus' wurde so tat- tete. Das galt auch für die Innenräume. Deren Aus-
sächlich spürbar geringer, das ,sozialpartnerschaftli- stattung zeigte - wie wir sahen - ganz und gar den
che' Verhältnis damit sozusagen atmosphärisch von Behrens beeinflußten Architekten und Designer.
kreiert. Wir wissen durch Adolf Behne, daß Gropius, bevor
Daß Rohrgeflechtmöbel, damals wie gesagt vorran- er das Fagus-Werk plante, Möbelentwürfe für die
gig im Garten verwendet, diesem Gebrauch hier ent- Berliner Firma Gerson gemacht hat 412 und später
rückt werden konnten, war nicht allein Gropius' die Sitzgruppe im Eingangstrakt des erweiterten
Verdienst, aber in der Ausweitung auf den öffentli- Bürohaustraktes entwarf, wo sie noch heute zu se-
chen Bereich einer Firmenleitung eine Weiterfüh- hen ist 413 (Abb. 131). Gropius hat also die Ben-

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scheidts auch in Ausstattungsfragen beraten, wozu Behrens'.419 Auf Grund der engen Planungsbeteili-
er auch später als Bauhausdirektor beim Ausbau gung und Ähnlichkeit mit dem Fagus-Entwurf ver-
der Privathäuser der Benscheidts sen. und jun. mute ich aber, daß diese Zeichnung nach Behrens'
(1925) (Abb. 133, 134) und im selben Jahr bei der Angaben von Gropius entwickelt wurde.
Ausstattung einer Fagus-Werkswohnung Gelegen- Alle repräsentativen Gestaltungen sind also mehr
heit bekam 414 (Abb. 135, 136). Im Jahrbuch des oder weniger direkt durch Behrens beeinflußt.
Deutschen Werkbundes von 1912 ist ein von Gro- Selbst ein Beleuchtungskörper (Abb. 58), den Gro-
pius gestaltetes ,Herrenzimmer' abgebildet. 415 Die pius für das Fagus-Werk wählte, war in ähnlicher
Fotografie zeigt u. a. einen Sessel nach seinem Ent- Form bereits im Lesesaal der Düsseldorfer Landes-
wurf, der stilistisch den Korbsesseln im Fagus-Werk bibliothek (1904) von Behrens verwandt worden.420
eng verbunden ist. Es kann demnach mit großer Si- Gropius blieb vor allem im Aufgabenbereich der
cherheit angenommen werden, daß auch dieses Mo- Repräsentation noch ein Suchender, die originäre
biliar von ihm stammte und eventuell sogar von der Leistung gelang ihm am Außenbau, in der curtain
Firma Gerson geliefert wurde. wall.
Die zwar gegenüber üblicher Repräsentation redu-
zierte, aber dennoch deutliche Ausgrenzung der Glasarchitektur:
Chefbüros und der Räume, die der Öffentlichkeit Zum Verhältnis von Architektur und Gesellschaft
zugänglich waren, blieb aber für die Außengestal-
tung des Fagus-Werkes der ersten Bauphase noch Der utopische Entwurf
belanglos. Das änderte sich erst in der zweiten Bau-
phase, als mit der Verlängerung des Bürohaustrak- Im Jahre 1914, dem Jahr der Werkbundausstel-
tes in südwestlicher Richtung ein drittes Treppen- lung, der Entstehung des Tautsehen Glashauses,
haus die Funktion eines sichtbar eigenständigen der glasummantelten Treppentürme an Gropiusl
Portals übernahm (Abb. 113). Ober mehrere Stu- Meyers Werkbundfabrik und der Erweiterung der
fen betritt man einen Vorraum, dessen Wände mit Bürohausglaswand des Fagus-Werkes erscheint das
geometrischen Mustern aus Opakglas 416 gerahmt Buch eines Literaten, dem der Tautbau gewidmet
sind (Abb. 124 bis 130), die - wie die Wandgestal- ist und dem die beiden anderen zumindest verbun-
tungen in der Kontoretage - ohne die Innen- und den sind: Paul Scheerbarts Buch ,Glasarchitektur'421 .
Außengestaltungen von Behrensbauten undenk- Dieses ist seinerseits dem Architekten Bruno Taut
bar sind. zugeeignet und ein Plädoyer für die Glasarchitektur ,
Behrens hatte Wandrahmungen entwickelt, "flä- für eine bessere Gesellschaft. Scheerbart hatte sein
chige Lineamente", wie sie Fritz Hoeber nannte 417 , Organon für die Architektur mit einigen kleinen
die vornehmlich aus Hell-Dunkel-Werten bestanden Erzählungen abgeschlossen, darunter Der Architek-
und gleichzeitig Strukturierung und Schmückung tenkongreß. Eine Parlamentsgeschichte. Er schil-
der Fläche waren. In mehreren Ausstellungsbauten dert darin den Verlauf eines "Architektenkongres-
hatte Behrens diese Ornamentierung schon vor ses" im zweiten Viertel des 20. Jahrhunderts" in der
1910 realisieren können 418 , und sie warWalter Gro- Nähe der Stadt Brandenburg an der Havel"422 und
pius vertraut. Eine ähnliche Innengestaltung lernte verbindet damit die Geschichte des Portierssohns
Gropius bei einem Bau kennen, den er selbst als Georg Hannemann. Der wird von seinem Vater an-
Bauleiter des Behrensbüros betreute, dem zwischen gehalten, dem Kongreß von der Portiersloge aus
1908 und 1911 errichteten ,Haus Cu no ' in Hagen. beizuwohnen. Er soll nämlich Architekt und nicht,
Im K. E. Osthaus-Archiv gibt es eine Zeichnung der wie es Georg vorhat, Ingenieur werden. Auf diese
Stockwerkstreppe, die als direkte Planungsvorlage Weise, so meint der Vater, könne Georg "ein be-
zum Treppenhaus des Fagus-Werkes gelten muß. rühmter Mann werden und das Leben der Men-
Sie zeigt nämlich die gleichen vertikalen Putzfugen, schen köstlich ausgestalten"423. Zum Vorsitzenden
die gleiche Krümmung der Antrittsstufen einer des Kongresses macht Scheerbart den amerikani-
zweiläufigen Treppe, ein ähnlich einfaches und ele- schen Millionär Macpherson, und als ersten Redner
gantes Treppengeländer, nur kragen im Unterschied läßt er den "großen Architekten, den Geheimen
zur Hagener Villa die Podeste im Fagus-Werk wie- Regierungsrat Krummbach" , zu Wort kommen:
derum in einer stützenlosen Ecke frei aus. Die ",Meine Herren, die Staatsregierungen haben uns
Zeichnung zum ,Haus Cuno' firmiert unter ,Atelier Architekten diesseits und jenseits des Ozeans sehr

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ungeduldig gemacht. Wir sind nicht länger bereit, wenn man merkt, daß eine Glaswand immer warm
die Entwicklung der Architektur unserer Staatsge- sein kann, so wird man das Glas doch auch als warm
bäude hemmen zu lassen. Wir wollen mehr Glas - empfinden. Die kalten Kacheln in den holländi-
mehr farbiges Glas. Und wir wollen Stahlgerippe schen Häusern wirken auch warm. überhaupt: die
überall und keine Backsteine mehr und möglichst Gemütlichkeit.' Abermals ertönte stürmisches Ge-
wenig Holz (. .. ). Ich war, um Ihnen meinen Seelen- lächter. "425
zustand ganz deutlich zu zeigen, vor drei Jahren in Nachdem die Sitzung beendet ist und die Archi-
der alten Alhambra im fernen Granada. Und da war tekten sich alle "in große Glasrestaurants begeben"
ein Saal, in dem das Ornament zumeist aus arabi- haben, verspricht Georg dem Vater "Ingenieur und
scher Schrift bestand. Sah man näher hin, so er- Architekt" zu werden. Der Vater ist's zufrieden
kannte man plötzlich, was die Schrift sagte - über- und schließt mit folgendem Räsonnement:
all stand: Allah allein der Sieger. Das sprachen sieg- "Früher dachte man manchmal, man könnte auch
reiche Araber aus. So wollen auch wir als siegreiche als Portier berühmt werden. Aber von dieser An-
Architekten ornamental ausrufen: Das Grenzenlose sicht ist man abgekommen. Nur in der Architektur
das Größte. Wir wollen keine von der Welt vollkom- ist wahrer Ruhm zu erobern. Versrrich mir, daß du
men abschließende Wand - wie die alte Backstein- dir die größte Mühe geben willst!" 26
wand: wir wollen farbenprächtige, durchscheinen- Diese schöne Geschichte wird hier so ausführlich
de, doppelte Glaswände haben - überall - wo sie wiedergegeben, weil Scheerbart die ästhetischen
nur angebracht werden können - besonders in den und gesellschaftlichen Implikationen, die die Dis-
Staatsgebäuden. Wir wollen Wände haben, die uns kussion um die Glasarchitektur um 1914 und die
nicht abschließen von der großen, unendlichen Welt spätere um das ,Neue Bauen' in der Weimarer Re-
(. .. ). Wir wollen Wände haben, durch die die Son- publik bestimmten, mit großer Prägnanz darstellt.
ne scheint am Tage - und nachts der große Mond Es sind seine Aussagen über die Verbindung von
mit den Sternen des unbegrenzten endlosen Wel- Material, Architekturform und sozialem Gehalt, die
tenraumes.' Alle nickten mit den Köpfen. Jeder Gesellschaftsutopie der Glasarchitektur und die
Kongreßteilnehmer hatte einen kleinen Klumpen Grenze des Machbaren, die überwindung der Raum-
Blei zur Linken und eine silberne halbkugelartige grenze und die damit verbundene Veränderung des
Glocke zur Rechten. Schlug er mit seinem kleinen Verhältnisses von öffentlichkeit und Privatheit, die
silbernen Hammer auf den Bleiklumpen, so war er Auflösung der ,Gemütlichkeit' also, und es ist
nicht einverstanden mit dem, was ein Redner sag- schließlich das Postulat von der gesellschaftspoli-
te - erklang die silberne Glocke, so war er's (. .. ). tischen Führerrolle des Architekten und seiner Fä-
Da dröhnte aber der Bleiklumpen des Präsidenten, higkeit, einem demokratischen Gesellschaftsgefüge
und der Mr. Macpherson sprach: ,Wir wollen hier im Glasbau angemessene Sozialerfahrung durch
aber nicht schwärmen - sondern sachlich reden. Architektur zu schaffen. In diesen Bestimmungen
Durch schwärmerische Ansprachen, für die der erkennen wir die Bauten von Bruno Taut ebenso
praktische Amerikaner gar keinen Sinn hat, wird wieder wie die von Walter Gropius und Adolf Meyer.
der sachliche Ton irritiert. ,Oho' rief man nun von Ludwig Grote, der 1952 das Vorwort in einem be-
allen Seiten, ,wir können auch sachlich reden.' "424 gleitenden Katalog zu einer Gropius-Ausstellung
Scheerbart beschreibt nun, wie die Architekten aus schrieb, hatte die Beeinflussung durch Scheerbart
den verschiedensten Ländern der Welt mit sachli- umfassend und linear gesehen. "Gropius' runde,
chen Argumenten die Glasarchitektur befürworten. durchsichtige Treppentürme aus Glas sind Realisie-
"Schließlich wurden aber keine Beschlüsse gefaßt. rungen der Phantasien Scheerbarts von gläserner
Man beschloß nur, im Juli noch mal zusammenzu- Architektur (. .. )"427, meinte er vom Bürohaus der
kommen. Ein deutscher Konsistorialrat wollte Kölner Ausstellung. Präziser und richtiger ist aller-
noch behaupten, daß das Eisen doch nicht so ge- dings die Charakterisierung der Gropiusschen Glas-
mütlich sei wie das alte Holz. Diese Bemerkung architektur, die Adolf Behne im Vergleich der Aus-
weckte stürmisches Gelächter auf allen Seiten des stellungsbeiträge von Taut und Gropius fand:
Glashauses. "In ihrer (der Werkbundfabrik; K. W.) weitgehen-
Krummbach sagte: ,Das Eisen wird doch mit fein- den Verwendung des Glases ist sie ein Gegenstück
stem Email überzogen. Wir sind doch nicht so arm zum Tautschen Glashaus. Zeigt dieses (. .. ) das
wie im vorigen Viertel des 20. Jahrhunderts. Und - Glas vornehmlich in seiner künstlerischen Verwend-

60
barkeit, so beweist die Gropiussche Fabrik, wie sehr ter ,Wertheimbau' , Bernhard Sehrings ,Warenhaus
das Glas in seiner rein praktischen Möglichkeit Tietz', beide in Berlin, oder in kleineren Städten
noch ausgenutzt werden kann. "428 wie Hannover das ,Warenhaus Morling & Co.' von
Und Behne fuhr fort: Hiller & Kuhlmann. Messel hatte die notwendige
"Auch lehrt dieser Bau sehr deutlich, daß das Glas Durchlichtung der Verkaufsräume schon weitge-
überall dort, wo es in großem Umfange herangezo- hend vollzogen, das Hannoveraner Warenhaus und
gen wird, notwendig eine Bresche legt in die uns ,Tietz' hatten sogar eine generelle Glasdurchfenste-
vom Backstein her gewohnten Monumentalfor- rung der Schauwand, Sehrings Bau besaß sogar eine
men."429 vollausgebildete Vorhangwand, die "zwei Meter vor
Gropius verwendet Glas in den beiden Bürohäu- der Stahlkonstruktion"433 verlief. Im Fabrikbau
sern vor 1914 entschieden pragmatischer, als es von hatte sich die Notwendigkeit größtmöglicher Belich-
Scheerbart beschrieben und von Taut mit den far- tung ebenfalls in beträchtlichen Fensteröffnungen
bigen kristallinen Glasprismen im Kölner Ausstel- manifestiert; in Berliner Fabrikhöfen ist das heute
lungspavillon realisiert wurde. Er ist Scheerbarts noch zu sehen. Und schließlich war mit der Turbi-
Amerikaner Macpherson vergleichbar, dem es mehr nenhalle eine Produktionsanlage entstanden, bei
um die sachlich begründete Brauchbarkeit als die der die Wand planmäßig in zwischen Binder ge-
visionäre Möglichkeit, um die augenblickliche, we- spannte Fensterflächen aufgelöst worden war.
niger zukünftige Anwendung zu tun ist. Die Identi- Doch alle diese Bauten blieben zwiespältig darin,
fikation von Materialeigenschaften und spezifischer die Wandfläche als reine Füllung absolut zu setzen.
Gesellschaftsformation blieb bei Gropius allerdings Denn entweder waren diese Glaswände in orna-
erhalten, und wenn er 1926 schrieb: "das glas ver- mentalen Formen verschlungen, in Mauerwerk ein-
ändert das gesicht der häuser!", so meinte er damit gespannt, wie bei Sehring, oder sie waren noch nicht
auch das Gesicht der Gesellschaft. Für Walter Gro- zwischen die Stützen gehängt, wie bei der Turbinen-
pius stand der wechselseitige Bedingungszusammen- halle. Ein weiterer Kritikpunkt wurde in den zwan-
hang zwischen Architektur- und Gesellschaftsgestal- ziger Jahren laut: Man hielt vor allem den Waren-
tung nie in Frage; das durchzieht als Thema sein häusern um 1900 immer wieder entgegen, daß sie
Lebenswerk. 430 dem Glas die zweckentsprechende Funktion, die es
in sich trage, eigentlich genommen hätten. So kriti-
sierte K. W. Schulze 1929 das Hannoversche Wa-
Die Anfänge
renhaus Morling & Co. als ,Materialromantik' : "Dem
Das Baumaterial Glas hat in der Architektur immer Glas wird seine zweckentsprechende Funktion
eine große Rolle gespielt. Die Architekten der Mo- durch die großen Scheiben genommen, die in ih-
derne verwiesen wie Gropius gerne auf die Gotik rem unteren Teil von den Warenschränken wieder
oder den Barock431 und sahen sich in dieser Tradi- zugestellt werden." Und am Warenhaus Tietz be-
tion. Die Möglichkeiten, das Glas in großem Um- mängelte Der Industriebau im gleichen Jahr, daß
fang einzusetzen, entstand jedoch erst mit dem Ei- "die riesigen Glasflächen nicht lichtökonomisch
senskelettbau des 19. Jahrhunderts. Bei allen Bau- ausgenutzt"434 seien. Konnte diese Kritik einer
aufgaben, die große räumliche Ausdehnungen zu be- funktionsgerechten Materialverwendung auch erst
wältigen hatten, den Hallen der Weltausstellungen in den zwanziger Jahren ausgesprochen werden, so
des vergangenen Jahrhunderts, oder den Bauten, gibt sie uns doch einen wichtigen Hinweis auf das,
die dem Handel und Verkehr dienten, also transi- was Gropius mit der curtain wall des Fagus-Werkes
torischen Charakter trugen, war die Glas-Eisen- an Neuartigem gegenüber den vorangegangenen Bei-
Architektur üblich geworden. Als Gropius die cur- spielen gelang: die Schaffung einer Fassade aus
tain wall des Fagus-Werkes plante, gab es bereits ei- Glas, also einer Schauseite, bei konsequent zweck-
ne große Anzahl von Gebäuden mit glasverkleide- ökonomischer Verwendung und radikal funktiona-
ten Wänden, z. B. den berühmten und bewunderten ler Ausnutzung dieses Materials, ein Faktum, das
Crystal Palace des Engländers Paxton, die luxuriö- augenscheinlich kontradiktorisch ist.
sen Verkaufspassagen in den europäischen Haupt-
städten 432 , und mehr und mehr entstanden die ver-
glasten, den Warenumschlag zentralisierenden Wa-
renhäuser, beispielsweise Alfred Messels imposan-

61
Die curtain wall: Die ,architecture parlante' sprach über den Bauin-
eine demokratische Architekturform halt. Was das Wesen einer Fabrik sei, war von Peter
Behrens in der Turbinenhalle der Berlichingenfront
Architektur hatte sich ihre spezifische Wirklichkeit zum Sinnbild maschineller Arbeit geronnen, ja so-
als Kunst dadurch geschaffen, daß sie an der Fassa- gar das Symbol eines einzigen Arbeitsinstruments,
de ein Abbild gab, das entweder die Gliederung des des "mit dem Stiel auf die Erde gestellten Ham-
Innenraums widerspiegelte oder auch ein eigenstän- mers"437 war einem zeitgenössischen Kritiker an
diges Verhältnis zur Umgebung definierte, jeden- der Giebelfront aufgeschienen. Was wir aber für Beh-
falls immer eine architektonisch interpretierte Be- rens noch als genonnene Architekturerzählung be-
ziehung zum Umraum darstellte. Sie war dadurch schrieben, gilt nicht mehr für die durchsichtige Glas-
Ausdruck und neuerlich Bestandteil gesellschaftli- wand der curtain-wall des Fagus-Werks. Sie selbst
cher Lebensorganisation, ein in sich umrissenes spricht nichts mehr aus, im Gegenteil, sie wird we-
Kommunikationssystem, das wiederum mit ande- senlos. Schon der Schinkel-Schüler Richard Lucae
ren in Beziehung treten konnte. Die bereits genann- hatte die Glaswand angesichts des Crystal Palace in
ten Funktionen der Fassade als Schauseite waren in Sydenham als "eine fast wesenlose Schranke zwi-
der Kombination besonderer Architekturformen zu schen uns und der Landschaft"438 charakterisiert.
Symbolen der ideellen oder konstruktiven Wahrheit Die curtain wall negiert jeglichen kommentatori-
geworden, das Dekor oder die verdichtete Kon- schen Anspruch, sie stellt sich sprachlos einem an-
struktion (Turbinenhalle) dienten als Ausdrucksträ- deren zur Verfügung. Die durchsichtige Wand
ger. So hatte sich die ,Architektur als Kunst' eine sprengt die definierte Raumbegrenzung auf und er-
eigenständige ,Sprachwirklichkeit' geschaffen, die öffnet eine bisher gehütete Abgeschlossenheit; beim
z. B. im Ornament den Charakter gesellschaftlicher Fagus-Werk werden die Arbeitsvorgänge sichtbar.
Arbeit zum Thema sich machte. Der Betrachter sieht hinter der drei Geschosse über-
Gropius verzichtete auf Dekor und Ornamente und, greifenden Vorhangwand die maschinelle Schuhlei-
wie sich in der Gegenüberstellung mit der Turbinen- stenproduktion im Erdgeschoß, die Büroarbeit, also
halle zur Berlichingenstraße ergeben hat, selbst auf die Verwaltung im darüber liegenden Geschoß und
eine sichtbare Interpretation der konstruktiven Ver- in der dritten Etage die spezialisierte Modelleisten-
hältnisse. 435 produktion. Er sieht den Einzelnen während seiner
In der Negation dessen, was als Kunstwirklichkeit Arbeitsverrichtung, und er sieht die Verschiedenar-
galt, dokumentiert Gropius ganz augenscheinlich tigkeit der jeweiligen Tätigkeiten. Er sieht den Ar-
den Verzicht auf diese ästhetische Ebene, auf eine beitsprozeß im zeitlich konkreten Ablauf, der so
neue eigenständige Kunst-Wirklichkeit: Die gläser- auch als Teil konkreter Lebenszeit durch die Glas-
ne Vorhangwand ist nur durchsichtige Füllung, sie wand ansichtig wird.
ist nicht mehr Projektionsfläche für gliedernde, ord- Die Glaswand erfüllt also nach wie vor eine wesent-
nende Architekturelernente. Durch eine rein zweck- liche Funktion der alten Fassade, nämlich Aufschluß
mäßige und funktionale Verwendung des Glases, so über den Bauinhalt zu geben; allerdings nicht länger
hatten vermutlich die Architekten des 19. Jahrhun- durch Explikation, sondern dadurch, daß ihre ästhe-
derts zu Recht befürchtet, wäre jener Verlust be- tische Aufgabe in der Verschmelzung von Darzustel-
siegelt gewesen, den man als Kunstverlust durch lendem und Dargestelltem aufgeht.
das architektonische Beiwerk noch aufzuhalten Die curtain wall bleibt darin in einem Sinne beredt,
meinte. 436 Genau das verfiel ja der Kritik des Funk- wie ihn Adolf Meyer als das Spezifische der Glasar-
tionalismus. Anhand der curtain wall stellt sich die chitektur so beschrieb, daß in der "Sichtbarma-
Frage, wie eine Architektur, die die Sprachfähig- chung der Raum- auch die Lebenszwecke jedes
keit einer architektonisch gegliederten Fassade zu- Baus"439 ermöglicht werden. An die Stelle der vor-
gunsten einer zweckgerichteten Materialausnutzung maligen geronnenen Erzählung tritt hier der authen-
aufgibt, überhaupt noch als Kunstwirklichkeit und tische Bericht, die ,architecture parlante' wird von
-wahrheit angesprochen werden kann; wie eine Ar- der belebten Architekturhülle ersetzt, die als Funk-
chitektur, die ihre spezifischen Mittel, ihre kommu- tion konkreter Lebenszeit ihren Sinn erfüllt. Darin,
nikative Potenz verläßt, überhaupt noch, wie be- sagt Busignani, Argan interpretierend, bestehe auch
hauptet, sinnvoll als Fassade, als ,architecture par- das bis dahin "ganz unbekannte Raumkonzept" ,
lante' bezeichnet werden kann. denn:

62
"Der Raum wird nicht durch die Objektivität von bolik bediente, sondern das von Gottesgnadentum
Wänden eingeschränkt und bestimmt, und damit und starrer Erbfolge unabhängige, durch Erfinder-
also in Innen- und Außenräume aufgeteilt (ein sol- geist und produktionstechnische Leistungsfähigkeit
ches Gebäude kann Objekt genannt werden, meß- erworbene Produkt ins Zentrum gerückt hatte. 442
bar am Perimeter seiner geschlossenen geometri- Die realen Produktionsbedingungen, die zu thema-
schen Figur), sondern er wird durch die Tätigkeit tisieren dem liberalen Unternehmertum erst all-
seiner Benützer geschaffen; Raum also als eine vita- mählich gelang, blieben dahinter verborgen. Die
le Funktion, ständig erneuert durch den Menschen "Entgrenzung"443 der Arbeitsstätte durch die Glas-
und seine Arbeit. Nach unserem Urteil liegt hier wand muß als Höhepunkt dieser Entwicklung gel-
der fundamentale Wert des Fagus-Werkes, das am ten, weil sie nachgerade ein Bekenntnis zur Indu-
Anfang von Gropius' Wirken steht. Nämlich das striearbeit ablegt. Es offenbart sich darin nämlich
Leben zu betonen und per facta Architektur als ein neues Verhältnis des Fabrikeigners zur Indu-
Lebens-,Weise' oder als Raum zum Leben zu schaf- striearbeit, über die er nicht mehr in "parvenumä-
fen, und zwar nicht nur als Plan, sondern in der Re- ßiger Ostentation hinwegprotzt" (Max Weber)444,
alität. Diese Theorie findet ihren klaren Ausdruck sondern die er als originäre Arbeitsleistung mit Ge-
in der weitflächigen Verwendung von Glas, das als lassenheit publik macht. Denn in der curtain wall
Material die einschränkenden und objektivierenden des Fagus-Werkes wird die Maschinen- und Büro-
Flächen ersetzt, die bisher von den Wänden gebil- arbeit, der sich der Unternehmer selbst zugehörig
det wurden. "440 fühlt, bewußt präsentiert. earl Benscheidts Büro
So gesehen wird der Architekturraum zum sozialen und das seines Sohnes waren in die Büroetage in-
Existenzraum schlechthin und ausgedehnt auf die tegriert und im Nordosten hinter der Glaswand
Stadt- und Landesplanung zum dominanten Pro- wie alle anderen Arbeitsräume gleichermaßen ein-
blem der Architektur in den zwanziger Jahren. Die- zusehen (Abb. 104). Hier finden wir die erste ar-
ser soziale Existenzraum definiert im Sinne einer chitektonische Frucht jenes "bürgerlichen Wirt-
,imago mundi' nicht nur die Lebensweise der Men- schaftsethos" , das Max Weber darin charakterisiert
schen, sondern sucht diese initiierend zu beeinflus- fand, daß der Unternehmer und Arbeiter "in der
sen. Gropius' hohe Meinung vom Architekten und Behandlung der Arbeit als ,Beruf"'445 sich geeint
Künstler für den Gesellschaftsverband legt davon finden.
Zeugnis ab. 441 Es ist deshalb auch ein sozialpoli- Dieser Wandel, daß sich der Fabrikeigner nicht mehr
tischer Anspruch, den Gropius in der Transparenz ostentativ als Privateigner darstellt, sondern hinter
der curtain wall erstmals konsequent zum Ausdruck eine Arbeitsleistung zurücktritt, die ihn allen ande-
brachte. In der Aufhebung eines abgeschlossenen ren vergleichbar macht, hat Auswirkungen - dar-
Innen- von einem separiert gedachten Außenraum auf wies später Richard Hamann hin - auf das Ver-
formuliert sich nämlich ein entschieden demokra- hältnis zur Öffentlichkeit überhaupt:
tisches Prinzip. "Ein neuer Begriff von Öffentlichkeit bildet sich;
Im umschlossenen, nicht einsehbaren Baukörper nicht mehr der der geöffneten, gastlichen Portale,
mit weiter ausdifferenzierten Innenräumen erschloß die den Bau allseitig öffnend, über die wirkliche
sich die Privatheit der bürgerlichen Gesellschaft Gebrauchsmöglichkeit und Zugänglichkeit der Räu-
und wurde so zum selbstbestimmten Verfügungs- me hinwegtäuschen, sondern der Allsichtbarkeit öf-
raum jenseits der öffentlichkeit. Hier realisierte fentlichen Getriebes, das auch Gegenstand öffentli-
das bürgerliche Individuum seine Verfügungsge- chen Interesses sein muß. Keine Intimitäten mehr,
walt über Eigentum, das der Kapitaleigner in die keine feierlichen Abschlüsse gegen die Außenwelt,
Sphäre der Produktion und Administration verlän- die gleichsam nur Bilanzverschleierungen sind, son-
gert. Die Fassade war die dominante äußere Abgren- dern offenes Zutageliegen der öffentlichen Arbeit
zung zwischen der gesellschaftlich-öffentlichen und zur Kontrolle für die Öffentlichkeit. (. .. ) Die Mi-
privaten Verfügung, sie war dem Fabrikeigner als lieumalerei Liebermanns ist konstruktive Sachar-
architektonische Projektionsebene zugleich Mög- chitektur geworden. Sie verdankt Architekten wie
lichkeit seiner gesellschaftlichen Selbstdarstellung. Walter Gropius (. .. ) und Mies van der Rohe die
Als ikonografischer Träger dieses Selbstbewußt- stärksten Anregungen. "446
seins funktionierte lange Zeit die Heraldik, die sich Hier finden wir jenes Zwitterwesen angedeutet, das
nicht mehr feudal-aristokratischer Geschlechtersym- auch Alexander Schwab 447 in den Architekturen

63
des ausgereiften Funktionalismus ausmachte, jenes diese Funktion für einen effektiven Arbeitsablauf,
"Doppeigesicht der modernen Architektur" 44 , die mag auch für eine wirksame Kontrolle dienlich
"in der Tat beides" sei: "großbürgerlich und demo- sein. Wenn aber Breuers Kritik an diesem Punkte
kratisch, hochkapitalistisch und sozialistisch. Man stehenbleibt, verkennt er, daß die Transparenz der
kann sogar sagen: autokratisch und demokratisch. curtain wall eben unbestechlich ist, also den Ar-
Allerdings, eines ist es nicht: es ist nicht mehr indi- beitsablauf auch in seinem Wesen veröffentlicht
vidualistisch." 449 und der Kritik zugänglich macht. Auf diese Weise
Denn, indem die Grenze zwischen dem Innen und vermag die curtain wall autoritative Strukturen
Außen fließend wird, die Arbeit vor-, ja geradezu dem Angriff auszusetzen. Sie ist unzweifelhaft ge-
ausgestellt wird, wird sie nicht nur einem Betrach- boren aus dem Willen, einen Ausdruck der "Ge-
ter eröffnet, sondern auch seiner kritischen Beur- werbepolitik im freien Raum"4s4 zu schaffen, wie
teilung anheimgegeben. Das ist es, was als demo- Theodor Heuss später einmal die Bestrebungen des
kratisches Prinzip wirksam werden kann und über DWB charakterisierte, sie ist Ausdruck dieses Demo-
die Identifikation aller mit der wirtschaftlichen Ra- kratiebegriffs, aber sie ist auch schon dessen kri-
tionalität, wie sie das Bürgertum als seine Ideologie tische Instanz.
gebiert, hinauszugehen vermag. Die curtain wall Diesem Faktum entsprechen auch die Rezeptions-
ist hier nicht der Ausdruck einer "Scheinöffentlich- wtisen der Betrachter. Durch die Veröffentlichung
keit"4S0, sondern der Verweis auf das öffentlich- wendet sich die curtain wall an ein Publikum, also
keitsprinzip. Wir finden dafür schon Bestätigung in an "das kompetenzfreie Urteil von Laien"4ss, die
den Kritiken von 1914. Pet er Jessen beispielsweise als räsonnierendes Publikum jederzeit ,Zuständig-
bemerkte über die Wendeltreppen der Werkbund- keit' beanspruchen dürfen. Aber diese Veröffentli-
fabrik recht stolz, daß "die Arbeit und der Verkehr chung vor allen ist an ein Apperzeptionsvermögen
sich vor aller Augen abwickeln sollen"4S1 (Abb. geknüpft, das sich nicht mehr im Genuß entheben
162). Die Zeitschrift Deutsche Kunst und Dekora- kann. Denn die Glasarchitektur, so hat es Schivel-
tion sah die Demokratisierung der Gesellschaft im busch schon für die des vorigen Jahrhunderts be-
,neuen Stil' denn doch etwas zu weit getrieben. nannt, produziert immer einen Eindruck von "Ver-
Zwar akzeptierte der Autor Robert Breuer die Aus- flüchtigung"456. Bei der curtain wall ist es neben je-
wirkungen der drei Dogmen der Zeit - Zweckmä- ner Raumverflüchtigung auch eine des Bildes. Dem
ßigkeit, Materialgerechtigkeit und technische Ver- Betrachter ist es unmöglich, kontemplativ zu ver-
nunft - aus folgendem Grund: harren, er muß die beständige Veränderung im In-
"Das darf uns aber nicht abhalten zu erkennen, daß neren, diese Zeittotalität visuell mitvollziehen.
die Tage der drei Dogmen zugleich die Tage der De- Kein Bild ist festzuhalten, um es in Ruhe zu be-
mokratisierung der als ein aristokratisches Schwär- trachten, man erfährt vielmehr den Ablauf be-
men von Künstlern begonnenen Bewegung waren. stimmter Bildfolgen: Aus dem Betrachter wird der
Die Nüchternheit des neuen Stils suchte die Mas- Beobachter oder, um es in einer Abwandlung die-
sen. Man lernte wieder erkennen, daß alle Aus- ses Benjaminschen Terminus' zu sagen, zum Begut-
drucksformen irgendwie Darstellung der herrschen- achter.
den wirtschaftlichen, sozialen und politischen Zu- Weil die curtain wall die fernsichtige Enthebung zu-
stände ist. "452 gunsten eines nahsichtigen Ablaufs verhindert, pro-
Die Veröffentlichung des Arbeitslebens allerdings voziert sie eine Rezeptionsform, die Walter Benja-
empfand er jedoch als Zumutung und Bedrohung: min die ,taktische' genannt hat. 457 Sie galt ihm ne-
"Solche Durchsichtigkeit mag für die Kontrolle (. .. ) ben der optischen als konstituiv für die Rezeption
nützlich sein; sie hat etwas peinlich Unsoziales, auch von Architektur überhaupt. Benjamin hatte die ,tak-
entbehrt sie jeder Diskretion, die nun einmal zum tische' Rezeption derjenigen durch den Gebrauch
kultivierten Menschen gehört. Man kann doch nicht gleichgesetzt. Taktisch hatte bei ihm ein "auf den
plötzlich das Prinzip, das Strafgefangenen peinlich Leib rücken"458 durch beiläufiges Bemerken, durch
ist, redlichen Staatsbürgern auferlegen. "453 Gewöhnung gemeint, jene "Hautnähe"459 zum
Hier finden wir das Zwitterwesen der curtain wall ästhetischen Objekt, die es einem nicht entzieht,
andersartig verstanden: Aus dem funktionalen Be- sondern in der konkreten sozialhistorischen Erfah-
dürfnis nach Belichtung und übersichtlichkeit im rung erschließt. In der Transparenz der curtain wall
rationellen Produktionsprozeß geboren, erfüllt sie ist diese Hautnähe zum wirklich sich vollziehenden

64
Arbeitsleben gegeben, im Fagus-Werk erschließt Gropius war überzeugt davon, daß die Entindivi-
sich die Organisation gesellschaftlicher Arbeitstei- dualisierung, die bei ihm immer "Einheit in der
lung, produktive und administrative, Hand- und Vielfalt"465 meinte, die Vermittlung zwischen ei-
Kopfarbeit werden gleichermaßen ansichtig. Darin nem Innen und Außen dem demokratischen Prinzip
ist die Authentizität dieser Architekturform be- einer Massengesellschaft mit ihrer spezifischen so-
gründet, daß sie das Leben als sozialhistorische For- zialen Mobilität entsprach; diese Auffassung ist
mation übermittelt und für Erfahrung anbietet. noch in seinen spätesten theoretischen Äußerun-
gen präsent. Aber er bemerkte auch, was aus dem
vermeintlichen ,Bauhaus-Stil' wurde; seine Kritik
Das Problem der Anschaulichkeit daran setzte ja schon sehr früh, um 1930, an. In
den fünfziger Jahren mußte er enttäuscht bemer-
Walter Gropius konnte nach dem Zusammenbruch ken, daß "das Wunder der gläsernen curtain wall
des Deutschen Reiches selbstverständlich in den heute so oft mißbraucht und daher diskredi-
Chor jener einstimmen, die in der Glasarchitektur tiert"466 war.
die Bauform einer emanzipierten, gleichberechtig- Daß die sozialen Hoffnungen, die mit der Glasar-
ten Gesellschaft sahen. Auch ihm war, wie dem chitektur verbunden waren - und nicht nur die der
sonst eher zurückhaltenden Adolf Behne, die "Wie- phantastisch-utopischen Gesellschaftsentwürfe -
derkehr der Kunst"460 in der Glasarchitektur ge- uneingelöst blieben und sich allmählich in ihr Ge-
währleistet, die die "europäische Geistesrevolution" genteil verkehrten, aus einer einsehbaren eine un-
geradezu provoziere, weil es in ihrer Natur liege, durchschaubare Architekturhaut wurde, entwickel-
"aus einem beschränkten, eitlen Gewohnheitstier te sich unter der Hand bereits in den zwanziger J ah-
einen wachen, hellen, feinen und zarten Menschen" ren. Gropius bemerkte nicht, daß der Rausch der
zu machen. 461 Auch ihm war der "neue Bau der erweiterten technischen Verwendung von Glas den
Zukunft" ein "kristallenes Sinnbild eines neuen Weg zum Gigantischen nahm, um paradoxerweise
Glaubens"462 , wenn Gropius auch als einer der er- eine Glasarchitektur zu schaffen, die in der Unüber-
sten jenen "säkularisierten Astralmythos"463, wie schaubarkeit endete. Diesen Zug der Zeit unter-
Ernst Bloch kritisch anmerkte, zugunsten einer schätzt zu haben, gilt auch für Bruno Taut, der 1925
eher sachlich funktionalen Aufgabenstellung auf- auf den Wert der Glasarchitektur für Gemeinschafts-
gab. Aber immer blieb ihm das Glas ein edler Bau- bauten hinwies, zu einem Zeitpunkt also, da Mies
stoff, einem freiheitlichen Gesellschaftsraum zuge- van der Rohe in seinen Entwürfen der Bürohoch-
hörig. Im Jahr der Fertigstellung des Bauhaus-Ge- häuser den Weg schon vorgezeichnet hatte, der in
bäudes formulierte er den Zusammenhang von Glas- der kalten Pracht, der "höchsten Perfektion"467 ei-
architektur und Raumverfügbarkeit so, wie er in nes ,Seagram Building' und seiner Nachfolge-Bau-
der curtain wall des Fagus-Werkes erstmals aufge- ten auf Manhattan endete. Unbestreitbar luxuriös
schienen war: und Bewunderung erheischend, erwecken diese sich
"das raumgefühl verändert sich, während die alten selbst bespiegelnden, oft semipermeabel, scheinbar
zeiten abgeschlossener kulturentwicklungen die im Unendlichen verlaufenden Glaswände nur noch
schwere erdgebundenheit in festen, monolith wir- ein Gefühl des staunenden Ausgeliefertseins. Das
kenden haukörpern und individualisierten innen- gläserne Gemeinschaftshaus wird in diesen Büro-
räumen verkörperten, zeigen die werke der moder- häusern, wird im ,Seagram Building' mit den "sicht-
nen, richtunggebenden baumeister ein verändertes baren Metallteilen aus Bronze, mit den Platten aus
raumempfinden, das das prinzip der bewegung, des poliertem Marmor oder rosafarbenem Glas"468 al-
verkehrs unserer zeit in einer auflockerung der bau- lerdings zum Scheerbartschen emailleüberzogenen
körper und räume widerspiegelt, das die abschlie- kostbaren Gebilde, aber als dessen Zerrbild. Wenn
ßende wand verneint und den zusammenhang des es stimmt, was Adolf Arndt in einem Vortrag mit
innenraums mit dem allraum zu erhalten sucht. et- dem bezeichnenden Titel Demokratie als Bauherr
was schwebendes, leichtes, rhythmisch bewegtes 1960 während der Berliner Bauwochen äußerte,
liegt über diesen bauten, das schwergewicht, die er- daß man "die Staaten und Gesellschaftsformen ge-
denträgheit wird in wirkung und erscheinung über- radezu nach dem einteilen (könne), was veröffent-
wunden. die horizontale, das zeichen der bewegung, licht und was verheimlicht wird "469, so muß be-
besiegt die vertikale der erdenschwere. "464 denklich stimmen, daß die Klarheit der curtam

65
wall des Fagus-Werkes, daß die Dimensionierung auf ne Vorhaben nur geringfügig beteiligte 472 , die aber
überschaubarkeit zugunsten einer technischen, all- von der Konzeption her beinahe als ,Pilotprojekt'
mächtigen Raumverfügbarkeit überschritten wurde. für Köln erscheint. In der Hilfe wußte man zu be-
Denn die inhärenten Potenzen der curtain wall rea- richten:
lisieren sich einzig in bezug zum Betrachter, zu des- "Stadt und Land, Architekt und Ingenieur, Bund
sen begutachtender Fähigkeit. Die menschliche und Einzelkünstler, Fabrikant und Kaufmann ha-
Wahrnehmungsmöglichkeit blieb beim Fagus-Werk ben sich hier zusammengefunden, um dem Baukön-
und der Werkbundfabrik noch erhalten, und dem nen der Gegenwart Ausdruck zu geben (. .. ). Wir
Begutachter wurde konzentriert ästhetische Erfah- sehen ein, daß wir diese Heerschau der Arbeit und
rung angeboten. Die curtain wall, die aufgelöste der Technik, der Kunst und der Geschicklichkeit
Glaswandarchitektur ist vielfach variiert worden, nicht entbehren können. "473
nicht zuletzt durch Gropius und Mies van der Rohe Die Enttäuschung über die Ausstellung war aber of-
selbst; sie gibt auch heute einem ,Centre George fenbar groß, sie erschien "ernst, monoton, stumpf,
Pompidou' den besonderen Reiz einer durch Men- schwer, sachlich und nüchtern, mit einem Wort ne-
schen belebten Architekturhülle. Damit diese Ar- gativ"474, ein Ergebnis, das der Berichterstatter der
chitekturform in ihrem Veröffentlichungscharak- Hilfe in der Tatsache begründet fand, daß sich "ei-
ter auch einen demokratischen durchsetzen kann, ne asketische, einfache Baurichtung hier in Nord-
muß sie an die Perzeptionsmöglichkeit sich binden. deutschland" ausgebildet hatte, "bei der der Inge-
Daß sie darin beispielsweise begrenzt ist für Reprä- nieur den Architekten unterworfen hat, der ande-
sentationsanforderungen, mag Gropius schon ge- rerseits durch allgemeine Moralsätze um seine letz-
spürt haben. Bei der curtain wall der Werkbund- te Empfindungsfreudigkeit gebracht wird"475 .
fabrik jedenfalls schränkte er das öffentlichkeits- Der Deutsche Werkbund, der anläßlich der Ausstel-
prinzip wieder ein. Davon wird später zu handeln lung seine Jahrestagung in Leipzig abhielt, nahm
sein. denn auch diese "Schau voll Unzulänglichkeit und
Danebentappen"476, wie Theodor Heuss sie charak-
,Büro und Fabrik' terisierte, zum Anlaß, das Kölner Projekt in seiner
auf der Deutschen Werkbund-Ausstellung, Köln 1914 "Ordnung wie in der Einzelleistung sicherer, ge-
schmackvoller, überzeugender"477 konzipieren zu
Baugeschichte wollen. Denn in Leipzig war deutlich geworden,
daß "man die Dinge anders machen muß":
Vorgeschichte: "Vor allem darf der Geist der Zweckmäßigkeit und
Internationale Baufach-Ausstellung, Leipzig 1913 Sachlichkeit sich nicht lähmend auf alle Erfindung,
Phantasie und Eigenart legen. Die Architektur eines
In der von Friedrich Naumann herausgegebenen Silo kann nimmermehr dieselbe sein wie die eines
Zeitschrift Die Hilfe war im Januarheft 1913 in Pantheon. Wir brauchten eine zeitlang den Ruf nach
den redaktionellen Mitteilungen folgender Hinweis dem Materialstil, um der sinnlosen Wucherungen
zu lesen: Herr zu werden. Will die Architektur aber das Vor-
"Der Deutsche Werkbund will im Jahre 1914 eine recht behaupten, Kunst zu bleiben, so muß sie sich
Ausstellung in Köln veranstalten. Sie wird so ange- aus der Umklammerung durch die Technik wieder
legt sein, daß sie zugleich das künstlerische und Kul- lösen und das neue Material (Eisenbeton; K. W.),
turprogramm des Werkbundes zum Thema bringt: die neuen Stoffe und Formen in kluger Rhythmik,
Vargeistigung der Arbeit, dadurch persönlicher und nicht schematisch verwenden lernen. "478
sozialer Aufstieg des Arbeiters und künstlerische Er- Adolf Behne, der einen Bericht über die Ausstellung
ziehung der Genießenden und Käufer. "470 in der Zeitschrift Die Tat veröffentlichte, war weni-
Am 3. Mai 1913 wird dann unter der Schirmherr- ger über die Ingenieurwerke empört, die ihm - was
schaft des Königs von Sachsen eine Ausstellung er- die Innenräume betraf - noch am ehesten "als die
öffnet werden 471 , die in engem Zusammenhang, ja "architektonischen'''479 erschienen, als vielmehr
als Vorstufe zur Werkbundausstellung 1914 gese- über die "konventionelle Architektur und Dekora-
hen werden muß. Es war die ,Internationale Bau- tion, die sich mit äußerlicher Würde schmückt, aber
fach-Ausstellung' in Leipzig, an der sich der Werk- im Grunde genommen bedeutungslos und billig
bund zwar wegen der Vorbereitungen für das eige- ist"480 .

66
Er zog folgendes Fazit: zur Gründung geführt hatte, erneut zu Tage und
"Man weiß nicht, ob man sich über die Unfähigkeit drohte den Werkbund noch während seines ersten
mehr ärgern soll dort, wo sie unverblümt zutage großen öffentlichen Auftritts zu spalten. 486
tritt, oder dort, wo sie eine Maske der Würde und Walter Gropius nahm in diesem Streit eine eindeu-
Reserviertheit annimmt, indem sie aus Brandenbur- tige und kämpferische Haltung ein. 487 Er schlug
ger Tor, Dachpappe, Heimatschutz und Gips ihre sich in der Auseinandersetzung auf die Seite jener
Architektur zusammensetzt! "481 Mitglieder, die Muthesius' Wunsch nach einer stär-
Das gewollt Architektonische der Kölner Ausstel- keren Berücksichtigung wirtschaftlicher Interessen
lungshallen im darauffolgenden Jahr - das sei hier scharf zurückwiesen. Zum Rückzug aus dem Werk-
andeutungsweise vorweggenommen - hatte sich bund bereit, vertrat Gropius die Position einer
demnach in Leipzig angekündigt, muß aber auch als "unbedingten individuellen Freiheit des Schaf-
Reaktion auf die nach wie vor unübersehbare Do- fens"488, wie sie von van de VeIde vorgetragen wur-
minanz der Ingenieure für die herrschende Baupra- de. Diese Parteinahme erscheint auf den ersten Blick
xis gelten. Trotz guter Vorsätze angesichts der Leip- verwunderlich, denn gerade Gropius hatte seit Jah-
ziger Ausstellung meinten viele Werkbundarchitek- ren für eine konsequente Industrialisierung der Bau-
ten erneut das rein Konstruktive im Rückgriff auf wirtschaft, eine weitreichende Typenentwicklung,
traditionelle Form- und Ordnungssysteme bewäl- also eine ,vorurteils'freie Orientierung an wirtschaft-
tigen, die ,Architektur als Kunst' aus der bloßen lichen Erfordernissen plädiert. 489 Gropius hatte im-
Um- und Rückkehr reorganisieren zu können. Diese mer deutlich gemacht, daß der moderne Künstler
Tendenz verfiel 1914 aber gleichermaßen scho- volkswirtschaftliche Interessen zu berücksichtigen
nungsloser Kritik. 482 habe. Diese Meinung vertrat er abermals in seinem
BeideAusstellungen, die Leipziger mit ihrem Schwer- Artikel für das Werkbundjahrbuch von 1914. Wie-
punkt ,Beton und Eisen in der Bauproduktion' und derum formulierte er den Konflikt von Wirtschaft
die Kölner mit ihrem ambitionierten werkkünstleri- und Kunst in dem schon bekannten Verhältnis:
schen Programm 483 , hatten verdeutlicht, daß es die Dominanz des Künstlers sei erforderlich, um
dem Deutschen Werkbund nach beinahe siebenjäh- die notwendigen "endgültigen Ausdrucksformen,
riger Tätigkeit nur unvollkommen gelungen war, die Formtypen"49o erst aufzubauen. Die künstleri-
den Qualitätsgedanken mit den modernen wirt- sche Durchsetzungskraft bleibe aber nur garan-
schaftlich-technischen Bedürfnissen zu synthetisie- tiert, solange die Autonomie der Gestaltung gewähr-
ren und damit das ,künstlerische und Kulturpro- leistet sei. Daß sich diese nicht "willkürlich", son-
gramm'484 des DWB gesellschaftlich effektiv durch- dern auf der Grundlage der "Technik mit ihren
zusetzen. Noch bevor die Kölner Ausstellung ihre modernen Materialien und Konstruktionsideen"491
Pforten öffnete, galt denn auch als sicher, daß die- und des intendierten Zwecks zu entwickeln habe,
se erste große übersichtsschau des DWB über den ist für ihn auch zur Zeit des Werkbundstreits selbst-
Erfolg oder Mißerfolg seiner kulturpolitischen Ma- verständlich. Sie sind unabdingbare Voraussetzun-
ximen entscheiden würde. In der Bauzeitung für gen zur Entfaltung einer Gestaltungsidee, die sich
Württemberg, Baden, Hessen, Elsass-Lothringen jedoch diese materiellen Elemente unterordnend
war zu lesen: einverleibt.
"Die Ausstellung 1914 wird gewissermaßen die Ent- Wie das zu geschehen habe, hatte Gropius selber
scheidung über den Werkbundgedanken bringen. auf der Werkbundausstellung vorführen können.
Denn dieser Gedanke enthält, verhehlen wir es nicht, Er hatte die von einem Ingenieur der Firma Breest
eine doppelte Tendenz: einerseits strebt er nach all- & Co. entwickelte ,Maschinenhalle II' (Abb. 177,
gemeinster Verwirklichung und möchte alle Arbeit 181), die bereits auf der Leipziger Baufachausstel-
in seinem Zeichen einen, andererseits enthält er ein lung zum Besten gehörte und die er ja in den Köl-
aristokratisches Moment, eben die Qualitätsanfor- ner Büro-und Fabrikkomplex übernehmen mußte,
derung. "485 so überarbeitet, daß aus der vormals kleinteiligen
Hier war der Widerspruch schon formuliert, der Eisenfachwerkstruktur ein homogener Baukörper
dann auf der Jahrestagung des Verbandes vom 2. aus einheitlichen gemauerten Wand- und Fenster-
bis zum 6. Juli während der Kölner Ausstellung flächen entstanden war (Abb. 178). Aus dem Fak-
vehement aufbrach. Im ,Werkbundstreit' trat der tischen des konstruktiven Gerüstes war durch kon-
Konflikt zwischen ,Geschäft und Kunst', der einst sequente Verwendung der Materialien Stein,

67
Eisen und Glas ein Ausdruck für Konstruktions- Fertigung499 waren rasch durch die besondere Un-
und Materialpotentialität entstanden, die, einge- terstützung des Kölner Oberbürgermeisters Max
bunden in eine repräsentative Ordnung, mehr als Wallraf vorangekommen. Die Stadt Köln hatte
das Produkt wirtschaftlicher Konstruktion und ver- nämlich den finanziellen Grundstock von einer hal-
arbeiteter Materialien war. Ein intellektueller, krea- ben Million Mark gelegt und auch der Restbetrag
tiver Akt dieser Art galt Gropius als Voraussetzung, zu den 1,5 Millionen Mark des benötigten Garan-
um überhaupt zum Typus vordringen zu können. tiefonds war bald zusammengetragen 5OO , so daß die
Anders gesagt: Allein die Subjektivität des Künst- Ausstellung schon 1913 eröffnet werden sollte.
lers, das "künstlerische Genie", seine "ungeheure Schwierigkeiten bei den Vorbereitungsarbeiten auf
Willensbetätigung"492 erst schaffen die Grundlage, dem Ausstellungsgelände verzögerten jedoch die
auf der das formal Vorbildliche entstehen kann; ein Termine. 501 Zur Unterstützung dieser Arbeiten
Gedanke, der bis ins ~ädagogische Konzept des Bau- wurde ein ,Verein zur Veranstaltung der Deutschen
hauses fortwirkte. 49 Daß die Firma Breest & Co. Werkbund-Ausstellung Cöln 1914 e.V.' gegründet,
die von Gropius umgestaltete Fabrikhalle fortan dessen Hauptträger neben Wallraf der Industrielle
serienmäßig bis spät in die zwanziger Jahre hinein Peter Bruckmann wurde. Bedeutende Zweige der
in alle Welt lieferte494 (Abb. 180), traf vermutlich Industrie beteiligten sich nun ebenso wie die ver-
auf dessen uneingeschränkte Zustimmung und wur- schiedensten staatlichen Institutionen, so zum Bei-
de von ihm als sicherer Beweis für die Richtigkeit spiel das Handels- und Finanzministerium, die
seines ästhetischen Konzepts von 1914 verstanden. Staatssekretariate des Inneren und des Reichskolo-
nialamtes.
Die Planungen für die Gesamtanlage waren im we-
Die Entstehung der Deutschen Werkbund Ausstel- sentlichen mit dem 17. September 1913 abgeschlos-
lung in Köln 1914 sen, der Gesamtplan am 5. Dezember 1913 baupo-
Sowohl im Jahrbuch des Deutschen Werkbundes lizeilich genehmigt. 502 Die endgültige Fertigstel-
von 1913 495 als auch im Offiziellen Katalog zur lung der Gebäude sei zum 1. Mai 1914 zu erwarten,
Ausstellung von 1914496 gab Carl Rehorst 497 , ei- vermerkte vier Monate später Die Bauwelt. 503 Am
ner der Mitinitiatoren der ersten großen Ausstel- 16. Mai öffnete die Werkbundausstellung von 1914
lung des DWB in Köln, Auskunft über deren Ent- schließlich ihre Pforten, obwohl man nur einen Teil
wicklung. Der Gedanke zu diesem Projekt entstand der Ausstellungsgebäude fertiggestellt hatte. 504 Ge-
im September 1911. Schon drei Monate später gen Ende des Monats konnten auch die restlichen
stellte Rehorst auf der Berliner Vorstandssitzung ihrer Bestimmung übergeben werden 505 , so daß die
des DWB den gemeinsam mit dem damaligen Ge- Ausstellung in ihrer Gesamtheit ab Anfang Juni
schäftsführer des Werkbundes, Dr. Alfons Paquet, dem internationalen Publikum zugänglich war. Für
erarbeiteten Plan vor. Vom Vorstand mit wohlwol- den Oktober des Jahres, also nach gut einem hal-
lendem Interesse bedacht, wurde der Beschluß, die ben Jahr Laufzeit, wollte man mit der Demontage
Ausstellung in Köln stattfinden zu lassen, dann auf der Bauten beginnen. 506
der Wiener Jahresversammlung des DWB im Juni
1912 gefaßt: "Daß die erste große Dokumentie-
Der Lageplan von earl Rehorst
rung des Werkbundes in den Westen des Reiches
gelegt wurde, hatte eine programmatische und Das 20 ha große Ausstellungsgelände zog sich von
taktische Bedeutung", schrieb Theodor Heuss 1914 der Hohenzollernbrücke am rechten Rheinufer ei-
in der Hilfe, und er fuhr fort: "Dort wächst der nen Kilometer lang in nördlicher Richtung hin, öst-
neue Reichtum, wachsen die neuen Bedürfnisse lich durch die Schienen der Eisenbahn, westlich
und neuen Probleme", und mit Blick auf die vom Ufer des Rheins begrenzt 507 (Abb. 137 bis
Konkurrenzfähigkeit mit dem nahe gelegenen 139). Es entsprach ungefähr der Ausdehnung des
Frankreich: ,,(. . .) diese Gegend als Rückhalt heutigen Rheinparks. Der Besucher hatte zwei
im inneren Markt zu gewinnen, ist eine volks- Möglichkeiten, das Gelände zu erreichen, entwe-
wirtschaftliche Forderung der Luxusfertigindu- der zu Fuß von der Brücke und dem Deutzer Bahn-
strien. "498 hof her oder aber mit dem kleinen Fährschiff zu ei-
Die Vorarbeiten zu dieser exemplarischen Schau ner der vier Anlegestellen. Die Gesamtanlage er-
moderner industrieller und kunsthandwerklicher schloß sich jedoch nur, wenn man den Fußweg

68
nahm oder die zwei Anlegeplätze in der Nähe der Stadt Köln vor dem Aachener Tor als Hauptbau der
Hohenzollernbrücke benutzte. Von hier aus, vorbei Ausstellung zu verwenden, so muß es heute als ein
am Vergnügungspark und an Bruno Tauts berühmt besonderer Glücksfall betrachtet werden, daß dieser
gewordenen Glashaus, erreichte man über einen Plan nicht zur Verwirklichung gelangen konnte,
baumbestandenen Uferweg nach ca. 300 m den denn das jetzt gewählte Ausstellungsgelände unmit-
Haupteingang und das Verwaltungsgebäude der telbar am Rhein, gegenüber dem herrlichen Stadt-
Ausstellungsleitung. Danach betrat der Besucher ei- panorama von Cöln, ist unvergleichlich schön. "509
nen hübsch gestalteten Platz mit Gartenanlagen Dem Stadtkern Kölns gegenüber bildete diese außer-
und Wasserbecken, von dem er links am ,Cölner ordentlich verkehrsgünstig gelegene Schau zeitge-
Haus' vorbei zu einem der Hauptanziehungspunk- nössischer Architektur 510 einen einprägsamen Ge-
te der Ausstellung, der ca. 220 m langen und 10 m genpol zur historischen Bausubstanz der Stadt. Der
breiten Ladenstraße 508 gelangte und rechts zwi- Besucher der Ausstellung konnte vom Rheinufer aus
schen dem ,Haus der Farbenschau' und der Ver- z. B. den Dom und Groß St. Martin sehen, also Alt-
kehrshalle gehend, den Blick auf das ,Teehaus' vertrautes in direkter Konfrontation mit dem Neu-
hatte. Hinter diesem lag das ,Sächsische Haus', en erleben. Dieser Kontrast war geeignet, die Aus-
von dem aus die ungefähr 300 m entfernte Büro- einandersetzung mit Baugeschichte zu provozieren,
und Fabrikanlage von Walter Gropius und Adolf wobei das Neuartige der Werkbundarchitektur, aber
Meyer über einen weiten Platz hin gut sichtbar auch der traditionelle Bezugsrahmen in diesem Ge-
war. Der kreuzförmige (ca. 125 x 125 m) reichhal- gensatz sich verdeutlichte. Auf diese Weise unter-
tig gärtnerisch gestaltete Mittelpunkt der Ausstel- strich der Standort noch die Aufgabe, die der Aus-
lung wurde ge faßt von der großen ,Haupthalle' als stellung allgemein zugemessen wurde, nämlich "na-
Kopfbau. Als Längsbegrenzungen lagen sich das tionalwirtschaftlich und kulturell" 511 Rechenschaft
,Österreichische Haus' und die ,Bierhalle' sowie die abzulegen.
,Festhalle' und das ,Weinhaus' gegenüber. Auf der Diese städtebauliche Attraktivität wurde durch
Symmetrieachse mit der ,Haupthalle' lag auf der einen reichen, alten Baumbestand auf dem Gelände
Rheinseite der ,Musikpavillon' . Der ,Fabrik- und unterstützt, der bei der Gesamtplanung und von den
Bürohauskomplex' mit dem ,Deutz Pavillon' schloß einzelnen Architekten konzeptionell zu berücksich-
sich der verlängerten Längsachse dieses Hauptplat- tigen war und den der ,Königliche Gartendirektor
zes an und bildete nun seinerseits die Begrenzung Encke in Köln' 512 erweitert hatte. Dadurch erhielt
eines weiteren kleinen Platzes, der vom ,Theater' die Ausstellung, über den obligaten Anreiz für fach-
Henry van de Veldes im Osten und dem ,Haus der lich Interessierte hinaus, besondere Anziehungskraft
Frau' der Berliner Architektin Margarete Knüppel- auch für weite Teile der Kölner Bevölkerung. Denn
holz-Roeser begrenzt wurde. hier war neben dem Ausstellungsraum ebenso ein
Der Gropius-Meyerschen Werkbundfabrik lag die Erholungsraum zur Verfügung gestellt worden. 513
,Festhalle' von Peter Behrens diagonal gegenüber, so Schließlich - und das war die Intention des Werk-
daß Schüler- und Lehrerarbeit an exponierter Stelle bundes - sollten neben den Produzenten vor allem
miteinander verglichen werden konnte. Zwischen die Konsumenten angesprochen werden, deren "Er-
der Werkbundfabrik und dem ,Bremen-Oldenburger ziehung" durch "Qualitätsarbeit"514 an dieser Stelle
Haus' führte der Weg schließlich zu den Musterhäu- ebenfalls geleistet werden sollte. Das verdeutlichte
sern des ,Niederrheinischen Dorfes', das den nörd- in besonderer Weise das reiche Ausstellungsangebot,
lichen Abschluß des Ausstellungsgeländes bildete. das alle Lebensbereiche exemplarisch gestaltet vor-
Der Erfolg der Kölner Werkbundausstellung war zuführen gedachte und für dessen Realisierung allein
nicht zuletzt abhängig von der Lage innerhalb der 48 Baukünstler tätig waren. Alles, was die Produkti-
Stadt, die ein geschicktes Arrangement der verschie- ons- und Konsumtionssphäre betraf, also Arbeiten,
denen Bauten ermöglichen mußte. Carl Rehorst Wohnen und Freizeit 515 im städtischen wie ländli-
schrieb über diese Frage seinerzeit im Ausstellungs- chen Milieu, wurde in den verschiedensten Erschei-
katalog: nungen aufgegriffen, wobei man jeweils danach
"Die schwierigste Aufgabe bildete nun die Entschei- trachtete, Benutzbarkeit und dem demonstrativen
dung über die Wahl des Ausstellungsgeländes. War Charakter verpflichtete Dienlichkeit der Gebäude
ursprünglich beabsichtigt, die Ausstellungshalle der zu verschmelzen.

69
Das Urteil der Presse striefirmen. "521 Das künstlerisch Wertvolle schien
ihm in dieser überfrachtung durch ökonomische
Die Kritik an der Werkbundausstellung war entspre- Interessen gefährdet. Entsprechend ließ seine Kri-
chend der ihr zugemessenen Bedeutung viefältig tik kaum Gutes an dieser Werkbundausstellung von
und unterschiedlich. Alle großen Architektur-, 1914. Schon der Lageplan erschien ihm völlig un-
Kunst- und Kunstgewerbezeitungen 516 widmeten zureichend, die Anlegestelle am Rhein, in der Nähe
ihr ausführliche Berichte. Zur deutlichsten Ableh- des Hauptplatzes, nicht genügend attraktiv gestaltet
nung kam Walter Curt Behrendt in der Zeitschrift bzw. der Zugang von der Hohenzollernbrücke her
Kunst und Künstler. 517 Er vertrat diejenige Frak- viel zu lang.
tion, die das gesamte Ausstellungsvorhaben als pro- Die weitläufige Wegstrecke bis zum eigentlichen
blematisch betrachtete: Ausstellungsbeginn, dem Verwaltungsgebäude von
"Eine Ausstellung, so sagte man sich, die eine an- Moritz wurde von vielen Autoren gerügt, wenn
schauliche Darstellung des Werkbundgedankens ge- auch die meisten von ihnen das Bemühen Rehorsts
ben wollte, die es sich also zur Aufgabe setzte, die um eine städtebauliche Organisation der Ausstel-
praktischen Resultate jener auf die künstlerische lungsanlage lobend vermerkten. 522 Sie alle disku-
Veredlung der deutschen Arbeit gerichteten Bestre- tierten Rehorsts Straßen- und Platzgestaltungen,
bungen in eindringlicher und überzeugender Weise und wenn auch die Auffassungen unterschiedlich
vorzuführen, war in dem Augenblick, wo die ur- waren, so war man sich doch weitgehend darin ei-
sprüngliche Idee der Bewegung schon wieder verlo- nig, daß Rehorst in Köln dem "rein modernen Bau-
ren gegangen war und es sich eigentlich nur noch problem Ausstellung"523 im wesentlichen hatte ge-
darum handelte, eine Binsenwahrheit durch Wirkung recht werden können.
in die Breite zu verallgemeinern, zum mindesten Was den damaligen Besucher trotz einiger Mühsal
ein sehr gewagtes Unternehmen. "518 darüber hinaus noch bewegt haben mag, findet man
Um dieses Wagnis aber zu bestehen, hätte es nach bei Theodor Heuss formuliert, der ein "ganz primi-
Behrendts Meinung einer "strengen Exklusivität" tives Erstaunen über die Ausdehnung"524 vermerkte
bedurft, die durch eine unbestechliche Juryauswahl und damit einer Regung Ausdruck gab, die ange-
hätte gewährleistet werden können. Und dies hätte sichts der Dimension des Lageplans noch heute be-
weiter geheißen, die Ausstellung nicht"zum Gegen- greiflich ist. Trotzdem hatte auch er einiges zu be-
stand der Fremdenvereinspolitik einer von ehrgeizi- mängeln, wie beispielsweise den Umstand, daß es
gen Grosstadtwünschen geleiteten Handelsmetropo- bei dem im allgemeinen "guten Gesicht des Aufris-
le werden zu lassen, und wenn man sich darüber klar ses der Ausstellung" doch an "Pointen"525 fehle.
war, dass der Beigeordnete dieser Stadt (Rehorst; Die mangelnde Berücksichtigung lokaler Gegeben-
K. W.), dessen verdienstvolle und im übrigen sehr heiten schlug er versöhnlich auf die Seite der Sach-
scharmante Persönlichkeit in diesem Bezug gar nicht zwänge. Anders Adolf Behne; daß Rehorst den
in Rechnung gestellt werden durfte, infolge seiner Rhein so wenig eingeplant hatte, schien ihm ein
amtlichen, das heißt abhängigen und an tausend folgenschwerer Fehler, denn diese Ausstellungssil-
persönliche Rücksichten gebundenen Stellung als houette ohne jegliche ,Prägnanz' "könnte ebensogut
geschäftsführender Vorsitzender für diese Ausstel- in Leipzig oder Berlin stehen"526 .
lung der denkbar ungeeignetste Mann war (. .. ). Ob die zeitgenössische Kritik die Ausstellung selber
Denn er war gezwungen zu taktieren, Kompromis- für fragwürdig befand oder abschwächend konsta-
se zu schließen und mit Männern zu rechnen, von tierte, daß sie dem Ziel der Ausstellung, die "Bezie-
deren Gutwilligkeit in anderen Fällen sehr oft das hung zum Leben herzustellen" 527 , nicht gerecht
Gelingen seiner Ideen abhängig war."519 wurde, die Zweifel am Gelingen des anspruchsvol-
Die Berücksichtigung der national wirtschaftlichen len Unternehmens kulminierten in der Einschät-
Bedeutung Kölns bei der Standortwahl, war - wie zung der einzelnen Ausstellungsgebäude. Wieder
wir sahen - vom Nationalliberalen Heuss positiv findet sich bei W. C. Behrendt die prononcierteste
erwähnt worden. 520 Für Behrendt nun wurde der Ablehnung, die mit ihm alle Kritiker bis auf wenige
allzu offensichtliche Zusammenhang von Industrie Ausnahmen teilten. Er schrieb:
und Kunst zum Argernis: "Zuweilen möchte man "Was nun die elnzelnen Bauten betrifft, so hätte,
glauben, es handle sich hier um einen Verband (ge- da sie ja selbst als Ausstellungsgegenstände gelten
meint ist der DWB; K. w.) konkurrierender Indu- und für die gegenwärtige Leistungsfähigkeit der

70
deutschen Architektur Zeugnis ablegen sollten, ih- Wenn auch kaum einer die Behrendtsche Rigidität
rer Durchbildung, die äußerste Sorgfalt gewidmet teilte, so liest man in allen Berichten doch eine ge-
werden müssen (. .. ). Es kam hier nicht nur darauf wisse Enttäuschung über den einerseits vorherr-
an, das Niveau zu wahren, sondern mit Aufbietung schenden Zug zum Monumentalen und andererseits
der besten Kräfte eine rassige und vollwertige Arbeit über den Zug zu einer völlig unambitionierten Sach-
zu leisten, so dass man die frischen Säfte jungen lichkeit wie etwa beim ,Haus der Frau' heraus. Als
Wachstums darin kreisen spürt. Statt dessen sieht es wirklich würdige Repräsentanten des Werkbundge-
aus, als hätte sich eine ehrwürdige Versammlung dankens verblieben, wenn auch oft mit leicht di-
seniler Akademiker diese Sommerarchitektur müh- stanziertem Unterton bemerkt, schließlich nur J osef
selig abgerungen (. .. )." 528 Hoffmanns ,Österreichisches Haus' und dessen Hof-
Dieses Urteil traf vor allem jene Architekten, die gestaltung durch Oskar Strnad, Bruno Tauts ,Glä-
immerhin wesentliche Beiträge zur Erneuerung der sernes Haus' und eben die Werkbundfabrik von
Architektur geleistet hatten und von denen auf Walter Gropius und Adolf Meyer.
Grund ihres Rangs wenn nicht Außergewöhnliches,
so doch Zufriedenstellendes erwartet worden war. Die Gropius-Bauten
Theodor Fischer aber hatte nach Behrendts Meinung
seine "Arbeit mit einer Lieblosigkeit gethan, die Aus den Dokumenten des Karl Ernst Osthaus Ar-
geradezu frivolen Verrat der guten Sache bedeu- chivs hat Peter Stressig 537 rekonstruiert, wie das
tet"529. Peter Behrens "hat sich offenbar nicht son- Bauatelier Walter Gropius den Auftrag für das
derlich angestrengt. Er hat in etwas vergröbender ,Büro' und die ,Fabrik'538, die Werkbundfabrik, er-
Weise ein paar Schinkelsche Motive abgewan- hielt. Gropius hatte nach seinen Erfahrungen mit
delt"530. Und das "recht interessante, wenn auch Industriebauten im Atelier Behrens und dem Erfolg
problematische" Theater van de Veldes erinnerte in Alfeld selbstverständlich großes Interesse an ei-
ihn "eher an ein militärisches Bollwerk als an ein nem Projekt, bei dem es neuerlich und diesmal na-
Theater"531. Auch der Fabrik- und Bürohauskom- hezu uneingeschränkt ein vorbildliches Fabrik- und
plex von Gropius/Meyer wirkte auf Behrendt nur Verwaltungsgebäude zu errichten galt. Diese Auf-
"problematisch" 532 , so daß er sich am Schluß seines tragsvergabe war ebenso wie die allgemeine Ausstel-
Artikels wünschte, daß "die Scharte von Köln 1914 lungsvorbereitung von den Differenzen innerhalb
so bald wie möglich wieder ausgewetzt werde"533 . des Werkbundes geprägt. Muthesius und Osthaus
Hatte, wie Heuss bemerkte, "nur der reine Illusio- waren die Kontrahenten, die hart um ihre Einfluß-
nist architektonische Offenbarungen erwartet" 534 , sphären rangen. 539 Osthaus, der langjährige Freund
so trifft die Behrendtsche Verdammung doch die von Walter Gropius, unterstützte natürlich dessen
vorherrschende Enttäuschung. Auch für Adolf Beh- Anliegen, und es gelang ihm, Gropius für das Fa-
ne krankte das meiste an der "Geste des Weihevol- brikprojekt in die "engste Wahl"540 zu bringen. In
len", am "falschen Streben nach Monumentalität Konkurrenz mit Hans Poelzig jedoch unterlag Gro-
aus Gips und Pappe"535 . Monumentalität und Wei- pius in der Abstimmung im Deutschen Werkbund,
he widerstrebten dem Ausstellungscharakter total wie Osthaus am 12. März 1913 dem Freund mit-
und negierten das Angebot des Lageplans: teilen mußte. 540 Erst nachdem Poelzig von dem
"Die Straßen einer Ausstellung müßten den Besu- Projekt zurücktrat, war der Weg für Gropius und
cher fröhlich und unmerklich von einem Punkt seine Mitarbeiter frei. Die Aufgabe bestand darin,
zum anderen führen. Das wird nicht erreicht, wenn in Köln eine "Gesamtanlage" zu schaffen, die in
die Wände der Straßen die Wände von Monumental- "architektonischen Bestandteilen und Abmessun-
bauten sind. Denn Monumentalbauten sind auf gen einer modernen Maschinenfabrik"542 entspre-
Verweilen berechnet, sie nageln die Passanten fest. chen sollte, und die - wie aus einem Dokument zur
Aber eine Ausstellung soll einen beweglichen Cha- Werkbundausstellung von 1913 hervorgeht 543 -
rakter haben (. .. ). "536 gegenüber den meisten Ausstellungsbauten den
Nur die beiden Bauten der Jüngeren, Gropius' Fa- Vorzug hatte, aus Massivbauten zu bestehen. Denn
brik und Bruno Tauts Glashaus, hob Behne als be- hier, so Peter Jessen im DWB-Jahrbuch von 1915,
merkenswerte Leistungen hervor, und van de Veldes "sagte man sich, genügen nicht Abbildungen; auch
Theater reihte er immerhin in die herausragenden nicht schematische Andeutungen einzelner Teile;
Lösungen ein. hier mußte ein Ganzes hingestellt werden, einerlei

71
was es kostete, einerlei ob es auf jede einzelne Fra- großen Bedeutung wegen, die Gropius diesem Bau
ge endgültige Antwort verhieß. Auch wäre es wenig zumaß, stellte Breest & Co. eigens für dieses Ge-
am Platze gewesen, für solche durch und durch bäude den Ingenieur von Dembinski 548 zur Verfü'
moderne Aufgabe nach gefälligen Kompromissen gung. Da das Genehmigungsverfahren für die Ma-
zu suchen (. .. ). So ist nach dem Plane und unter schinenhalle aufgrund der Erfahrungen mit der
der unbesieglichen organisatorischen Initiative von Leipziger Baupolizei vermutlich am unkomplizier-
Walter Gropius aus Berlin das Gebäude ,Büro und testen war, verwundert es nicht, die ersten Schrift-
Fabrik' entstanden, aus echten Baustoffen, in küh- stücke zur Genehmigung der Maschinenhalle An-
nen Konstruktionen, durch die Gemeinarbeit zahl- fang 1914, die des Deutz-Pavillons dagegen noch
loser aufopfernder Männerj unter ihnen die rheini- Ende 1913 datiert zu finden. Auf der Grundlage
sche Industrie voran. "544 dieser Daten und des Vermerks auf dem Rehorst-
Zur rheinischen Industrie gehörte auch die ,Gasmo- schen Gesamtlageplan ,Hergestellt Cöln, 17.Sept.
toren-Fabrik Deutz' in ,Cöln-Deutz', für die Gropius 1913' 549, der den Gropiusschen Lageentwurf ent-
jenen Sonderpavillon plante, der dann der Werk- hielt und der Kölner Baupolizei zur Genehmigung
bundfabrik angegliedert wurde (Abb. 140). Finan- vorlag, muß angenommen werden, daß die Entwür-
zieUe Gründe hatten die übernahme der fertigen Ma- fe des Baubüros Gropius zu diesem Zeitpunkt im
schinenhaUe der Berliner Firma ,Breest & Co. Eisen- wesentlichen abgeschlossen waren und das Geneh-
hoch- und Brückenbau' bedingt 545 , die vom Ober- migungsverfahren für das Bürogebäude ungefähr
ingenieur Hans Schmuckler 546 konstruiert worden zeitgleich mit dem des Deutz-Pavillons verlief.
war. Obwohl es diese Einschränkungen gab, war die Diese Vermutung wird auch dadurch unterstützt,
Aufgabe, die Gropius zu lösen hatte, doch vielfältig daß die Bauleitung beider Gebäude in den Händen
und interessant: Er hatte das Bürohaus zu entwer- des Gropiusschen Bauateliers lag und eine Koordi-
fen, die MaschinenhaUe zu überarbeiten, Garagen nierung beider Bauten sowohl aus ökonomischen
und einen Ausstellungspavillon zu planen und diese als auch aus organisatorischen Gründen sicher
verschiedenen Funktionsräume zu einem Ensemble vorteilhaft war.
zu veremen. Das früheste Datum, das sich in dem Schriftwech-
Es gehört zu den bedauerlichen Verlusten durch sel zwischen der Kölner Baupolizei und den ausfüh-
die Kriegseinwirkungen, daß unter den sehr umfang- renden Firmen ermitteln läßt, ist das für die Auf-
reichen Akten zur Werkbundausstellung im ,Histo- riß- und Schnittzeichnung zum ,Deutz-Pavillon',
rischen Archiv' in Köln gerade jene fehlen, die über die Breest & Co. für den Unternehmer am 5. De-
den Planungs- und Bauvorgang des eigenständigsten zember 1913 abgezeichnet und zusammen mit der
Gebäudes, des Bürohauses, hätten Aufschluß geben ,Conzessionszeichnung und der statischen Berech-
können. Deshalb lassen sich Aussagen über das Bü- nung' am 29. Dezember 1913 der ,Städtischen Po-
rohaus nur aufgrund von Rückschlüssen aus den lizei-Verwaltung, Bauabteilung' mit der Bitte um
beiden noch vorhandenen Konvoluten über die Ma- Prüfung und Genehmigung' vorgelegt hatte. 55o Der
schinenhaUe und den Deutz-Pavillon machen, in Bauerlaubnisschein wurde am 16. Januar 1914 aus-
denen Gropius namentlich nicht erwähnt ist. 547 gestellt und noch am selben Tag der ,Deutz Pavil-
Die Eisenkonstruktionen der Werkbundfabrik zu lon' auf dem Gesamtlageplan genehmigt. 551 Die
allen Entwürfen von Gropius wurden durch die re- Rohbauabnahme erfolgte dann kurze Zeit vor Aus-
nommierte Baufirma Breest & Co. erarbeitet. Die stellungsbeginn, am 25. April 1914 552 , der Ge-
Berechnungen und Zeichnungen der Maschinenhal- brauchsabnahmeschein gar lag erst ein halbes Jahr
le waren vorhanden (Abb. 183 bis 185), so daß je- nach offiziellem Ausstellungsende am 12. März
ne für die ,Hof- und Garagenbauten', den Deutz-Pa- 1915 vor. 553
villon und das Bürohaus verblieben. Die beiden er- Die Außenansichten, Schnitte, Fundamentpläne
sten Komplexe wurden wieder von Hans Schmuck- und statischen Berechnungen für die Maschinen-
ler konstruiert, der gleichzeitig für das Genehmi- halle wurden von Breest & Co.- die Firma trat bei
gungsverfahren der Maschinenhalle verantwortlich diesem Gebäude zugleich als Unternehmer und Bau-
zeichnete. Wegen der großen Arbeitsbelastung die- herr auf am 9., 28. und 29. Januar 1914 durch
ses Mitarbeiters, einer trotz der im Fagus-Werk ge- Schmuckler und en bloc am 2. März 1914 durch
machten Erfahrungen nach wie vor neuartigen Glas- die Kölner Baupolizei abgezeichnet. 554 Die Bauer-
Eisenkonstruktion und sicherlich nicht zuletzt der laubnis wurde schließlich einen Tag später, am

72
3. März 1914555 , mit Auflagen erteilt, die die Feuer- Firma wurde deshalb mit Hinweis auf den Stand-
polizei schon am 19. Februar des Jahres zur Kennt- ort des Betriebes, oft sogar unter Angabe der be-
nis gebracht hatte: schäftigten Arbeiter und in einigen Fällen des J ah-
,,1. Das Gebäude muß von allen anderen Baulich- resumsatzes im Offiziellen Katalog beschrieben.
keiten überall einen Mindestabstand von 10,00 m Darüber hinaus waren diese Gebäude Ausstellungs-
einhalten. 2. Bei etwaiger Aufstellung von Feue- hallen für weitere Industriefirmen, die hier fast aus-
rungsanlagen sind die Vorschriften (. . .) zu beach- schließlich funktionsgebundene Produkte vorführ-
ten. Gasöfen dürfen nur mit festen Rohren an die ten (Abb. 172). Das Bürohaus wurde dementspre-
Gaszuleitung angeschlossen werden. 3. Etwaige chend durch die verschiedensten Bürobedarfsfir-
Rupfenbespannung ist in allen Teilen durch Impräg- men ausgestattet, so daß der Besucher über die An-
nierung unentflammbar zu machen." 556 gebote eines ,Spezialgeschäftes für Zeichenbedarf
Breest & Co. nahm am 2. April 1914 Stellung: und Vermessungsinstrumente' ebenso informiert
"Wir erhielten den mit Datum vom 3. v. Mts. aus- wurde wie über die eines Geldschrankproduzen-
gestellten Bauschein für die Errichtung der Maschi- ten S63 :
nenhalle auf der Werkbundausstellung in Köln. Die "Die Einrichtung des Hauses mit Möbeln und Klein-
in dem Bauschein erwähnten Positionen von lI-V gerät ist bis in die Einzelheiten der kaufmännischen
beziehen sich auf den Inhalt der Halle, welcher Buchführung hinab betriebsfertig durchgeführt"S64 ,
nicht uns, sondern die Werkbund-Ausstellung be- hieß es im Einleitungstext des Katalogs, der diese
trifft, zur Beachtung zugesandt. Was den Punkt 11 Abteilung weiter erläuterte:
betrifft, so handelt es sich bei der Maschinenhalle "Die Maschinenhalle, eine neue Konstruktion frei-
um einen mit verschiedenen anderen Gebäuden, gespannter Blechbinder , enthält in übersichtlicher
Büro, Garage, zusammenhängenden Bautenkom- Verteilung die ausgeprägtesten Entwicklungstypen
plex, dessen Lage von der Werkbund-Ausstellung moderner Rotations-, Kolben-, Werkzeug- und Spin-
vorgeschrieben worden ist. nereimaschinen, feinmechanischer Instrumente,
Ob der Abstand des Gebäudes überall 10 m beträgt, Werkzeuge und industrieller Fabrikate."s65 (Abb.
vermögen wir von hier aus nicht zu sagen, haben 182)
aber auch diesbezüglich die Werkbund-Ausstellung In der Maschinenhalle waren, wie Peter J essen be-
veranlaßt, sich dieserhalb mit Ihnen in Verbindung richtete, "mit staunenswertem Aufwand siebzig
zu setzen. "SS7 Aussteller (. .. ) vereint, ein Musterheer vorwiegend
Da der Rohbauabnahmeschein am 8. Mai 1914 aus- rheinischer Firmen, den Werkbundidealen verwandt,
gestellt wurde ss8 , kann angenommen werden, daß auch da, wo sie nicht, wie etwa Mannstädt und
man den Forderungen nachgekommen war bzw. Humboldt, selber Ziermaterial für Gestaltungs-
Bedenken ausgeräumt werden konnten. Die Ge- zwecke formen" 566 .
brauchsabnahme erfolgte wie die für den Deutz- Dieser Bau muß für den Besucher noch aus einem
Pavillon erst nach Beendigung der Werkbund aus- weiteren Grund von großer Attraktivität gewesen
stellung am 10. März 1915. 559 sein, denn hier wurde wirklich produziert, die
In dem oben zitierten Schriftwechsel wird bereits er- Funktionstüchtigkeit der Maschinen und der Halle
kennbar, welche Ausstellungskonzeption der DWB also praktisch demonstriert. Daß man um Wirklich-
verfolgte und wie sich dem Besucher die ,Industrie- keitsnähe bemüht war, geht aus einem Schreiben
abteilung'560, also ,Büro und Fabrik', präsentierte der ,Königlichen Gewerbe Inspektion Cöln-Süd'
(Abb. 186, 187). Die Gebäude selber galten einmal hervor, in dem diese Behörde u. a. auf die einzu-
als Ausstellungsstücke s61 , aber auch als vorbildliche haltenden Arbeitsschutzbedingungen hinwies:
Fabrik mit Garagen, als Beispiele zeitgemäßer Büro- "Da die Personen, welche die Maschinen usw. auf
und Pavillonarchitektur. Ausstellungsobjekte waren der Ausstellung zu bedienen haben, regelmäßig ge-
sie aber nicht nur in ihrer einheitlichen, architekto- werbliche Arbeiter im Sinne der Gewerbeordnung
nischen Erscheinung oder als Produkte der wichtig- sein werden, müssen die Maschinen mit den übli-
sten bauausführenden Firmen s62 , vielmehr galten chen und für gewerbliche Betriebe vorgeschriebe-
auch die Baumaterialien selber als Ausstellungsob- nen Schutzeinrichtungen versehen werden. Dampf-
jekte. Jeder, auch der kleinste Zuliefererbetrieb, be- kessel unterliegen der Genehmigungspflicht ( ... ),
teiligte sich am fertigen Bau mit seinem jeweiligen Sauggasanlagen den (. .. ) gegebenen besonderen
Produkt als Aussteller. Der Herstellungsanteil jeder Vorschriften. Zu berücksichtigen sind insbesondere

73
auch die Unfallverhütungsvorschriften der zuständi- stellung von Abbildungen von Industriebauten be-
gen Berufsgenossenschaft." 567 fassen soll. Als Vorsitzender dieser Untergruppe
Im Gegensatz zur Maschinenhalle war Gropius' Pa.- habe ich bereits Vorarbeiten dafür vorgenommen,
villon der Gasmotorenfabrik Deutz ein rein reprä- höre nun aber, daß Sie Ihrerseits neue Vorschläge
sentativer Ausstellungsraum, in dem zwar ebenfalls für diese Untergruppe gemacht haben. "574
Maschinen vorgestellt wurden, freilich eher als Osthaus antwortete dem Bergassessor A. Macco ei-
Kunstwerke denn als alltägliche Gebrauchsproduk- ne Woche später:
te (Abb. 199). Die Architektur jedenfalls gab die- "Die ,Industriebauten-Ausstellung' ist auf einer
ser Tendenz Raum. Die Gasmotorenfabrik Deutz, Wanderreise begriffen und die Ausstellung ,Ingeni-
die hier zum überwiefenden Teil die firmeneigenen eur-Architektur' wird erst augenblicklich von Herrn
Produkte ausstellte 56 , zeigte denn auch selbstbe- Walter Gropius bearbeitet. "575
wußt ihren Beitrag zur Technikgeschichte, nämlich Und am 13. November 1913 konkretisierte er das
eine "Zusammenstellung älterer Motortypen, wel- Projekt gegenüber Macco folgendermaßen:
che die Entwicklung des Modells MO veranschau- "Ich bemerke schon jetzt, daß es sich bei unserer
lichen (. .. )"569 sollte. Ausstellung um eine geschlossene Gruppe muster-
Die Industrieabteilung wurde komplettiert durch gültiger Industriebauten und einer zweiten Gruppe
Sonderausstellungen, Fotografien von Fabriken, Ingenieur-Architektur handelt, die beide von Herrn
Verwaltungsgebäuden und Eisenkonstruktionen. In Walter Gropius zusammengestellt werden und von
der Haupthalle der Werkbundausstellung war eine diesem Herrn Bürgermeister Rehorst in Vorschlag
große Abteilung der ,Modernen Architektur' gewid- gebracht worden sind. Beide Ausstellungen figurie-
met, in der auch Gropius vertreten war. 570 Aller- ren als Wanderausstellungen des Deutschen Mu-
dings hatte man, um "nicht durch die große Anhäu- seums für Kunst in Handel und Gewerbe, die zwei-
fung des Materials an einem Ort zu ermüden, (. .. ) te von ihnen wird zum ersten Male in Köln ge-
die Gruppe der ,Industriebauten' zu einer besonde- zeigt. "576
ren Abteilung vereinigt und im Bürogebäude der Es ist anzunehmen, daß auf Betreiben Osthaus' und
Fabrik untergebracht ( ... )"571. Diese Fotoausstel- der Tatsache, daß wesentliche Teile des Abbildungs-
lung - so war im Katalog 1914 erläuternd zu le- materials zu dieser Ausstellung bereits existierten,
sen - war von Walter Gropius zusammengestellt das vorbereitende Gremium, also der ,Industrieaus-
worden und beruhte auf einer Sammlung von An- schuß' , das Vorhaben letztlich akzeptierte. Die Aus-
sichten vorbildlicher Industriebauten, die er bereits stellungen wurden schließlich in den beiden Ein-
seit 1911 mit finanzieller Unterstützung des DWB gangsräumen des Bürohauses gezeigt, die in den
und des ,Hagener Museums für Kunst in Handel spiegelbildlich aufeinander bezogenen Räumen eine
und Gewerbe' bearbeitet hatte. 572 Die Idee, eine repräsentative und geradezu ideale Umgebung fan-
eigenständige Ausstellung über Industriebauten ge- den (Abb. 141,151,156). Die Anzahl der Expona-
sondert im Bürogebäude zu zeigen, stammt mit Si- te umfaßte in Köln schließlich 110 Katalognum-
cherheit von Gropius, der bereits am 26. August mern, es waren Arbeiten von Behrens und Poelzig,
1913 Osthaus darüber informiert hatte, daß er "die selbstverständlich Abbildungen des Fagus-Werks,
Ausstellung vorbildlicher Fabrikbauten" neu zusam- aber auch traditioneller Architektur verpflichtete
menstellen wolle bzw. eine weitere über "vorbildli- Beispiele zu sehen, die - so Sebastian Müller - "in
che moderne Eisen-Konstruktionen" zusammenzu- hohem Grad (. .. ) mit den Abbildungen von Indu-
tragen gedenke. 573 Gropius wollte damit den striebauten im Jahrbuch des Werkbundes 1913"577
Grundstein zu einer neuen Sammlung legen, deren identisch waren. Daß die Ausstellung recht ein-
Finanzierung das Hagener Museum absichern sollte. drucksvoll und vielfältig gewesen sein muß - es ka-
Es galt aber zunächst, einige Widerstände zu besei- men "Zeichnungen, Photographien und Modelle
tigen, denn der ,Industrieausschuß der Deutschen zur Ausstellung"578 ~~, läßt sich aus dem Abbil-
Werkbund-Ausstellung Köln 1914' hatte seinerseits dungsteil dieses Werkbundjahrbuchs 579 nachvoll-
ein ähnliches Projekt vor, wie eines seiner Mitglie- ziehen und wird darüber hinaus durch eine Äuße-
der am 31. Oktober 1913 am Osthaus schrieb: rung Adolf Behnes unterstrichen, der 1914 geschrie-
"Vom Industrieausschuß der Deutschen Werkbund- ben hatte:
Ausstellung Köln 1914 ist eine kleine Untergruppe "Erwähnt sei, daß Walter Gropius eine umfangrei-
gewählt worden, welche sich besonders mit der Aus- che Sammlung ausgeführter Fabrikbauten aller Län-

74
der zusammengestellt hat, die er als ,freier Mitar- Marcks. 586 Auch Georg Kolbe ist in diesem Zusam-
beiter' dem ,Deutschen Museum für Kunst in Han- menhang zu nennen, über dessen Brunnenfigur (Abb.
del und Gewerbe, Hagen i. W.' zur Verfügung ge- 142), zwischen der Werkbundfabrik und dem The-
stellt hat. "580 ater van de Veldes gelegen, wir recht gut informiert
Diesem Autor verdanken wir auch einen Hinweis sind. Zusammen mit Gropius hatte Osthaus gegen
auf eine weitere Ausstellung. Behne berichtete in die finanziellen Bedenken der Ausstellungsorgani-
einern Artikel über die Werkbundausstellung, daß satoren und die konservative Kunstauffassung der
"in der Fabrik (. .. ) Photos nach Eisenkonstruktio- Kölner Stadtverordneten versucht 587 , den Brun-
nen (. .. ), welche Breest & Co. ausstellen"581 , zu nenauftrag für den von beiden sehr geschätzten
sehen seien, denen er uneingeschränkt "Schönheit" Kolbe durchzusetzen. Er schrieb Rehorst am 13.
attestierte. Auch diese Selbstdarstellung einer der Oktober 1913:
bedeutendsten deutschen Eisenkonstruktionsfir- "Zu dieser Angelegenheit möchte ich wiederholen,
men mag mit der Unterstützung von Walter Gropius daß ich einen derartigen Brunnen von Kolbe für
zustande gekommen sein j sein Kontakt zu dieser höchst wünschenswert halte. Wir müssen unbedingt
Firma war zum damaligen Zeitpunkt außerordent- anständige Plastik zum Schmuck unserer Plätze
lich eng. Und vielleicht versuchte er, seinen Einfluß und Anlagen haben, und es wird schwer sein, Wer-
bei der Auswahl der Exponate in der Weise geltend ke von solcher Qualität anders zu beschaffen. "588
zu machen, daß das Auswahlkriterium seiner eige- Osthaus unterstrich in dem Brief, daß der Bildhauer
nen ,Ingenieur-Architektur'-Sammlung auch hier das Werk nicht auf "eigene Rechnung" machen
Anwendung fand, vor allem also jene Bauten zu könne, weshalb er der Ausstellungs1eitung vor-
berücksichtigen, die auf "Erzielung architektoni- schlug, einen Zu schuß von 2500 Mark zu leisten so-
scher Körperlichkeit und Gebundenheit des Mate- wie die Aufstellungskosten zu übernehmen. Dafür
rials gegenüber dem früheren zerflatterten Gestä- erhalte die Stadt Köln das Vorkaufsrecht des Brun-
be"582 angelegt waren. Auch dies ist wieder ein Ge- nens für insgesamt 4500 Mark. Falls die Stadt je-
sichtspunkt, der den Lehrer Behrens verrät. 583 doch den Brunnen nicht ankaufen wolle, sei er, Ost-
Neben den bisher genannten Funktionen der Werk- haus, bereit, den Brunnen zu übernehmen. 589
bundfabrik, als Einzelbauten Ausstellungsobjekte Die Verhandlungen mit Kolbe führte Osthaus per-
und gleichzeitig Ausstellungsräume für Industriegü- sönlich. Im Dezember 1913 teilte er Georg Kolbe
ter zu sein, hatte sie eine weitere Aufgabe, wie im mit, daß der ursprünglich in Erwägung gezogene
übrigen alle anderen Ausstellungsgebäude, zu erfül- Platz für die Brunnenfigur "in seiner damaligen Ge-
len: Sie bot bildenden Künstlern Gelegenheit, ent- stalt" nicht mehr vorhanden sei, und schlug deshalb
weder durch Ausmalung oder bauplastische Bei- vor, "ob Sie nicht einen wichtigeren Punkt, viel-
gaben Zeugnis der vorn Werkbund geförderten leicht in der Achse des Theaters und des Industrie-
Kunstrichtungen zu geben. Das mußte von den Ar- gebäudes in Aussicht nehmen wollen"590. Kolbe
chitekten berücksichtigt werden. Diese Auflage antwortete am 19. Dezember 1913 prompt:
karn Gropius' Intention einer architektonischen ,,(. .. ): seit einern Monat bin ich mit einer weibli-
Verbindung der Künste geradezu entgegen. 584 Die chen Rundfigur beschäftigt, welche ich (. .. ) für
Werkbundfabrik war - und das gilt vornehmlich Cöln bestimmte - nur so ist es überhaupt möglich,
für das Bürogebäude und den Deutz-Pavillon - aus daß ich noch zusagen konnte. Etwas neu jetzt an-
diesem Grunde reich ausgestattet mit Plastiken und fangen wäre undenkbar für mich. Ich will die er-
Wandmalereien. Deren Rekonstruktion ist aller- wähnte Figur als Collossalfigur in die Mitte eines
dings schwierig und gelingt nur da, wo es sich um großen Beckens stellen und dafür gibt es keinen bes-
renommierte Künstler des Osthaus-Kreises handel- seren Platz als den vor dem Theater. Es handelt
te. Osthaus sind wohl die meisten Anregungen zu sich hier um eine wirkliche Rundfigur. "591
danken, und es ist anzunehmen, daß Gropius den Nachdem Kolbe eine Abbildung seiner Figur nach-
Vorschlägen seines Freundes und Förderers gerne gereicht hatte, und Osthaus sich ein genaueres Bild
entsprach. von dieser Arbeit machen konnte, schilderte er sie
Osthaus favorisierte natürlich Künstler, deren Werk dem geschäftsführenden Vorsitzenden der DWB-
er seit langem kannte und das er mäzenatenhaft un- Ausstellung:
terstützte. 585 Im Bürohaus befanden sich Werke ,,(. .. ) ein einzelnes Weib das den Kopf zurückbeugt,
von Moissey Kogan, Richard Scheibe und Gerhard um die linke nach oben gekehrte Sohle zu betrach-

75
ten, über die das herab triefende Wasser zu spielen kreatürlichen Nacktheit aber mag man einen Ver-
scheint, ein Werk voll Grazie und weicher Bewe- weis sehen, der zu einem überzeitlichen Begriff
gung. "592 von Arbeit führt, Arbeit ganz allgemein als kreati-
Gropius war sehr daran interessiert, daß der Brunnen ven Prozeß der Materialbehandlung vorstellt, hier
vor seinem Bürogebäude aufgestellt wurde. So läßt eben jener drei Grundmaterialien Stein, Holz und
es sich jedenfalls einem Brief entnehmen, den Ost- Eisen. Wir begegnen damit einem Hinweis auf einen
haus 1915 wegen der endgültigen Obernahmever- möglichen programmatischen Impuls in diesen Bild-
handlungen durch die Stadt Köln an den Bürgermei- werken, der sich als Programmbildnerei bestätigt,
ster schrieb: sobald man das Innere des Bürogebäudes zur Kennt-
"Gropius hatte bei der Bearbeitung seines Projektes nis nimmt. Dessen Empfangsräume waren mit "Dek-
den lebhaften Wunsch, diesen Brunnen entstehen kenmalereien" ausgeschmückt, die Georg Kolbe in
zu sehen. Denn ohne ihn wäre der Platz zwischen Zusammenarbeit mit E(rwin) Hass 600 ausgeführt
Theater und dem Haus der Frau von tötender Leere hatte, und von denen bisher nicht mehr bekannt
gewesen. "593 war, als daß Peter Jessen sie zwar talentvoll, aber
Gropius' Engagement ging in diesem Fall so weit, "zu laut über der Ausstellung von Bildern deut-
daß er persönlich die Auf- und Abbauverhandlun- scher Industriebauten''601 fand. (Abb. 152 bis 156)
gen zu führen gedachte, die letzteren jedoch der Obwohl die näheren Umstände der Auftragsvergabe
Firma Otto Zorn (Bauausführung des Bürohauses) an Kolbe und Hass noch unklar sind, wissen wir
überlassen mußte, weil er selber schon als Soldat doch inzwischen, wie diese Wandbilder ausgesehen
am Ersten Weltkrieg teilnahm. 594 haben. Ober die Portaltüre hatten die beiden Künst-
Kolbes Brunnen lag direkt auf der Mittelachse zum ler einen Schriftzug gesetzt: ,Die Materie harrt der
Portal der Werkbundfabrik. Die abgerundeten Ecken Form' (Abb. 151) war da zu lesen. Und das meinte
ihres Eingangs waren mit zwei monumentalen Re- nun mehr als einen gängigen Werkbundslogan, das
liefs von Gerhard Marcks (Abb. 145, 146) ge- war das Motto für die gesamte Kölner Ausstellung,
schmückt. Im Gegensatz zu den beiden Pendants vor allem aber das Programm der Musterfabrik. Die
von Richard Scheibe (Abb. 149, 150) am hinteren Suche nach der guten Form war die Initialidee des
Ausgang des Bürogebäudes, dem Zugang zur Ma- Werkbundes gewesen, wobei es nun gleichgültig
schinenhalle gegenüber gelegen, sind die Maße, das wurde, ob es sich dabei um den traditonellen hand-
Thema und die Ausführung durch Marcks selber werklichen oder industriellen Formungsprozeß han-
dokumentiert. Marcks und Scheibe 595 nahmen the- delte. Im Bearbeitungsvorgang Kreativität freizu-
matisch auf einander Bezug. Wir können deshalb setzen, die dem Material die ihm inhärente Form
vom Titel ,Arbeitende Männer'596 der vorderen entlockt, dieser Vorgang kann die Kunst mit der
Fassadenreliefs auf Thema und Titel der beiden hin- Industrie verbinden - so meinte man 1914. Der
teren rückschließen. Die Maße der insgesamt vier thematische Bezug der Bildwerke von Kolbe und
Reliefs waren sicherlich identisch. Hass nimmt den Gedanken auf: Ober der Ausstel-
Am 23. Oktober 1913 597 , so ist einem Brief von lung vorbildlicher Industriegebäude ist der For-
Marcks an den Bruder Herbert zu entnehmen, stan- mungsprozeß der Architektur zum Thema gemacht
den diese bereits fest und sind in Gropius' Fassa- (Abb. 152, 153).
denplanung zu diesem Zeitpunkt also berücksich- Im ,Vestibül', so ein wenig irreführend der Offi-
tigt. Gropius wollte zunächst die Reliefs in Ziegel- zielle Katalog 602 , waren vier kleinere Reliefs von
stein ausgehauen haben, doch wurden sie schließ- dem in Paris lebenden Moissey Kogan angebracht.
lich in Kunststein ausgeführt. 598 In dieser Auftrags- Osthaus, der den Bildhauer schon seit langem un-
arbeit für die Werkbundausstellung, von der Marcks terstützte 603 , war offenbar an diesen mit der Bitte
dem Bruder noch geschrieben hatte, daß sie für herangetreten, einige Arbeiten für die Werkbund-
"eine Maschinenhalle von Gropius"599 gedacht sei, ausstellung zur Verfügung zu stellen. Kogan ant-
nahmen die Bildhauer die Funktion der Gebäude- wortete in einem undatierten Brief: "Ich habe lei-
gruppe bildlich auf: der keine Photos und keine Zeichnungen der Sa-
Arbeit ist das Thema; es wird vorgestellt in männli- chen. Es wären drei Reliefs in Zementguss 1,20 cm
chen Figurengruppen, mit Werkzeugen und Attri- hoch 60 cm breit."604 Am 17. Februar 1914 unter-
buten ausgestattet, die uns Bauarbeiter oder Zim- richtete Osthaus dann Kogan, daß er Gropius die
merleute und Schmiede erkennen lassen. In ihrer Maße der Arbeiten mitgeteilt und ihn gebeten habe,

76
diese in "seinem ausgezeichneten Industriepalais Heiteres: Blanke wählte Motive des städtischen Mi-
einzubauen"60s. Gropius, auf dessen Anregung hin lieus, auch darin eher dem Expressionistischen ver-
vermutlich das vierte Relief entstand, brachte sie bunden. (Abb. 164 bis 166)
im Vorraum hinter dem linken verglasten Treppen- Hettner malte in pastosem Strich archaisierende
turm unter, und nicht, wie die Katalogangabe ver- Themen- und Figurengruppen in arkadischer Land-
muten ließe, im Eingangstrakt des Bürohauses. Aus schaft. (Abb. 167 bis 169)
einem Brief, den Kogan an Fritz Meyer-Schönbrunn Ober den Malter Otto Penner, der im Offiziellen
schrieb, wissen wir, daß "Herr Gropius die Reliefs Katalog für den Entwurf der "Bezugsstoffe der
von seinem Bauführer Brink in Kunststein ausfüh- Dachgartenmöbel"614 zeichnete, ist gar nichts be-
ren" ließ, was Kogan selber "glänzend" fand. 606 Es kannt. Von einer Hagener Firma ausgeführt, füll-
handelte sich um zwei Figurengruppen von jeweils ten die Kissen die Korbmöbel eines Düsseldorfer
einem und zwei weiblichen Akten, die in der Tradi- Betriebes 61s und machten den Dachgarten mit der
tion der Plakettenreliefs zum ,Goldenen Zeitalter' reichhaltigen gärtnerischen Ausgestaltung zu einem
von 1909/10 stehen. 607 Kogan vertiefte den Hin- angenehmen und bequemen Aufenthaltsraum.
tergrund in dieser Fassung zu angedeuteten Ni- Das Bürogebäude läßt sich also zusammenfassend
schen, die von einem geometrischen Muster aus so darstellen: Es gab einen repräsentativen, figural
Schwarzglassteinen gerahmt waren 608 (Abb. 157 geschmückten Eingangstrakt, der links und rechts
bis 159), wie es Gropius gleichzeitig auch im Vesti- zu den beiden malerisch ausgestalteten Ausstel-
bül des Fagus-Werkes verwandte. lungsräumen Zutritt gab. Alle anderen Räume wa-
Aus den Angaben des Ausstellungskataloges von ren ihrer Funktion gemäß schlicht mit dem entspre-
1914 läßt sich die Innenausstattung weiter rekon- chenden Büromobiliar ausgestattet. Weitergehen-
struieren. Man liest dort, daß im "Treppenhaus ei- der Aufgaben, als gute Zeugnisse ihrer Zeit zu sein,
ne Plastik des Bildhauers Dr. Wild, Wannsee b. Ber- waren sie also enthoben. Erst wieder das Dachge-
lin"609, stand. Vermutlich handelte es sich um ein schoß wurde künstlerisch verschönt, so daß sich in
Werk des Berliner Portraitbildhauers Erich Wild 61o , der Innenausstattung die intendierte Funktionen-
doch läßt sich Genaueres bisher nicht ermitteln. trennung, nämlich einerseits selbst als architekto-
Ähnliches gilt für die "Ausmalung der Dachaufbau- nischer Raum ausgestellt zu werden, andererseits
ten" durch die "Maler Otto Hettner, Berlin und auch Raum für auszustellende Gegenstände zu bie-
Hans Blanke, Florenz"611. Hettner und Blanke 612 ten, mitvollzogen wurde. Im Dachgarten als Auf-
waren recht bekannte Maler, der eine aus dem Karls- enthalts- und Erholungsraum liefen die eher funk-
ruher Kreis war über Paris und Florenz schließlich tionalen mit den rein repräsentativen Aufgaben wie-
nach Dresden gekommen, wo er 1919 eine Pro- der in einer Bestimmung zusammen.
fessur an der Akademie erhielt; der andere, Mag- Das gleiche Bild ergibt sich auch für das Fabrikge-
deburger, wurde schließlich in Düsseldorf ansäs- bäude. Denn hier hatte Gropius an der dem Büro-
sig. Immerhin kann man sich jetzt von diesen Ar- haus gegenüberliegenden Giebelfront "Nebenräume
beiten aufgrund der Fotografien aus dem Gro- für Sonderausstellungen"616 gebaut. Wie dem Offi-
pius-Nachlaß ein besseres Bild machen. Der Artikel ziellen Katalog zu entnehmen ist, waren an dieser
Peter Jessens von 1915 übermittelt uns die Reak- Stelle feinmechanische Geräte ausgestellt, z. B. geo-
tion eines Zeitgenossen. Er fand nämlich "die futu- dätische oder elektrophysikalische Meßinstrumen-
ristischen Wandbilder im Erholungsdachgarten (. .. ) te. 617 Die Ausstellung dieser Präzisionsinstrumente
bei aller Mannigfaltigkeit des Gehalts und der Form wurde in diesen mit Wandmalereien des Hageners
nicht ausgereift genug"613 . Walter Bötticher ausgeschmückten Räumen zum
Hettner und Blanke hatten sich die Arbeit, was na- exklusiven Erlebnis. Auch Bötticher gehörte zum
helag, geteilt. Jeweils einer von ihnen übernahm die Osthaus-Kreis und arbeitete hier ebenfalls durch
gesamte Ausmalung eines Dachturmes. Die Themen dessen Vermittlung und auf Wunsch von GropiUS. 618
ihrer Fresken wählten sie vielleicht unabhängig von- Behne, der nicht müde wurde, diese Wandmalerei
einander, jeder in seiner Manier und nach Tempe- lobend herauszustellen, beschrieb sie als "ausge-
rament, aber auch sie, wie es Kolbe und Hass im zeichnete, besonders im Ornamentalen ungewöhn-
Untergeschoß gemacht hatten, mit Bezug zum Ar- lich starke"619 Werke. Auch im eigentlichen Fabri-
chitekturraum. Gemäß der Funktion des Dachgar- kationsgebäude kam also das oben beschriebene
tens als Erholungs- und Freizeitzone zeigten sie Gestaltungsprinzip zur Anwendung.

77
Waren die bisher behandelten Bildwerke zumeist wozu dieser sich bereit erklärte. Biermann wandte
Bestandteile der Architektur, sozusagen ,Kunst am sich dann in einem vertraulichen Brief an Walter
Bau', so gilt für die Plastik Hermann Hallers mit Gropius und unterbreitete ihm, daß Hoetger zwei
dem Titel ,Ruhender Knabe' vor dem Deutz Pa- seiner Arbeiten gerne vor dem Bürohaus zeigen wür-
villon 620 und neben der Längsseite der Maschinen- de. Gleichzeitig verknüpfte er damit die Anfrage
halle das, was schon zur Aufstellung des Kolbe- an Gropius, ob dieser eine Berufung an die Darm-
Brunnens geführt hatte, daß nämlich ein doch recht städter Künstlerkolonie annehmen wolle, deren
weitläufiges Gelände "unbedingt durch anständige Umorganisation er, Biermann, beabsichtige. Da die-
Plastik"621 geschmückt und dadurch aufgelockert ser Brief bisher unveröffentlicht ist, möchte ich
werden sollte. daraus ausführlich zitieren. Biermann schrieb am
Hallers liegende Aktfigur aus hellem Muschelkalk 14. Juli 1914, also bereits nach Ausstellungseröff-
kam auf einem flachen Postament vor der dunklen nung:
Ziegelmauerung des Pavillonsockels außerordentlich "Ich finde, daß Ihr Fabrikgebäude, ebenso wie Ihre
gut zur Geltung (Abb. 194). Diese ,Kolossalfigur', für Gersan gelieferten Entwürfe, einen der ganz we-
die heute vor dem Zoologischen Institut der ETH nigen Lichtblicke auf der Ausstellung selbst, vor al-
Zürich zu sehen ist (Abb. 190, 191), muß wie die lem aber ein großes Versprechen für die Zukunft
Reliefs von Gerhard Marcks und Richard Scheibe bedeuten (. .. ). Hoetger, der zweifellos einer unse-
extra für die Kölner Ausstellung angefertigt worden rer ersten deutschen, wenn nicht der erste Bildhauer
sein, denn die Kölner Firma ,Montenovo-Muschel- ist, hat nachträglich noch drei große Monumental-
kalk' warb für ihr Produkt in einer Anzeige des plastiken der Werkbund-Ausstellung dargeliehen
Offiziellen Katalogs mit folgendem Text: "Auf der und für zwei derselben als idealsten Ausstellungs-
Ausstellung u. a. verwendet für Kolossalfigur ,Ru- platz Ihr Bürohaus auf der Werkbund-Ausstellung
hender Knabe' neben dem Pavillon der Gasmoto- ausgesucht. Ich selbst kenne die Skulpturen Hoet-
ren-Fabrik Deutz."622 Daß die Figur für diese Stelle gers, da sie hier auf der Künstlerkolonie ebenfalls
vorgesehen war, ihre Aufstellung also beizeiten ar- zur Geltung kommen und glaube Ihnen unparteiisch
chitektonisch berücksichtigt wurde, ergibt sich dar- versichern zu können, daß sie die Wirkung Ihres
aus, daß der herausgehobene Mittelteil der Sockel- Baues sicher nicht beeinträchtigen, im Gegenteil
mauerung aus dunklem und nicht, wie auf der Rück- vielleicht durch die Aufstellung noch erhöhen wer-
seite des Deutz-Pavillons, gleichbleibend aus hellem den.
Klinker aufgeführt wurde. Denn für Hallers Plastik Ich gebe mich infolgedessen gern der Hoffnung hin;
war der dunkle Hintergrund die angemessene Folie, daß Sie Ihrerseits Ihre Zustimmung zur Aufstellung
ebenso wie es das helle Mauerwerk für die gewalti- geben, wobei ich natürlich voraussetze, daß Sie
ge Panzerplatten-Schmiedepresse einer Kölner Fir- selbst der überzeugung der Hoetgerschen Ansicht
ma war 623 (Abb. 195, 196). Der farbige Kontrast und der meinigen nach erfolgter Aufstellung der
von Vorder- und Hintergrund war von Gropius Skulpturen haben werden. Gegenüber der höchst
durch die Materialauswahl also gesucht. mißglückten und in der Wirkung gegen Ihren Bau
Im Zusammenhang mit Hallers Figur wird im Offi- sehr zweifelhaften Bronzefigur von Kolbe würden
ziellen Katalog für die Abteilung ,Pavillon der Gas- die Hoetgerschen Plastiken rechts und links der
motoren-Fabrik Deutz, Cöln-Deutz'624 auf zwei weißen Fassadenfläche doppelt erfreulich wir-
Plastiken des Bildhauers Bernhard Hoetger hinge- ken. "625
wiesen. Ihre Aufstellung ging im Gegensatz zu den Nach gut einer Woche folgte ein zweiter Brief, aus
bisher behandelten Bildwerken - soweit sich das dem ersichtlich ist, daß man in Darmstadt auf Gro-
rekonstruieren ließ - nicht direkt auf die Anre- pius' Mitarbeit großen Wert legte. Biermann kon-
gung von Osthaus oder Gropius zurück. In diesem kretisierte die zukünftige Aufgabe:
Fall war ein Förderer des Bildhauers und sein er- "So habe ich von Anfang an daran gedacht, daß ei-
ster Biograph, Professor Georg Biermann, der künst- ne Berufung Ihrer Person nach Darmstadt mehr Ih-
lerische Beirat im Kabinett des Großherzogs von nen selbst und dem Ansehen der Großherzoglichen
Hessen, des Schirmherrs der Darmstädter Künstler- Kunstpflege dienen sollte, als daß Ihnen diese mo-
kolonie, an Gropius herangetreten. Offenbar hatte numentale Aufgaben zuweisen würde. Im Gegenteil,
die Ausstellungsleitung die Bitte an Hoetger gerich- ich glaube, daß Sie trotz Ihrer Zugehörigkeit zur
tet, Arbeiten für Köln zur Verfügung zu stellen, Künstlerkolonie dauernd Ihre Tätigkeit in Berlin und

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im übrigen Deutschland ausüben könnten; (. .. )."626 Bürohaus und den Deutz-Pavillon zutraf, kann nur
Und, für unseren Zusammenhang interessanter, im vermutet werden. Die Stadt Köln jedenfalls faßte
letzten Absatz ein Hinweis auf Hoetger: am 19. Juni 1920 den Beschluß, "alle Gebäude ab-
"Professor Hoetger ist inzwischen von seiner Reise zureißen, bis auf die Wohnbauten, im Niederrhei-
nach hier zurückgekehrt und ist sehr erfreut, Ihre nischen Dorf beispielsweise das große und kleine
Zustimmung zu seinen letzten Arbeiten gefunden Gehöft, sowie die Kirche und die Arbeiterhäu-
zu haben. "627 ser"631. Das ,Teehaus' des Architekten Wilhelm
Wie wir wissen, teilte Gropius Biermanns Ansicht Kreis überlebte, wie schon vor 1914 geplant, seine
über die Kolbe-Figur keineswegs, der Brunnen mit Zerstörung und war noch - wie man auf alten Fo-
der grazilen Frauengestalt, in einiger Entfernung tografien sehen kann - bis zur endgültigen Ver-
zum Bürohaus aufgestellt, ließ seiner Fassade genü- nichtung während des Zweiten Weltkrieges zu be-
gend Eigenleben, die Gropius sicherlich nicht, trotz wundern. 632
aller Zustimmung, durch die stark expressiven Hoet-
ger-Skulpturen gefährdet sehen wollte. Da Gropius Bauanalyse
aber offensichtlich nicht auf die Aufstellung dieser Die Synthese von Kunst und Technik. Der Grundriß
Plastiken innerhalb des Büro- und Fabrikkomplexes
verzichten wollte, kamen sie wahrscheinlich vor Als ein US-amerikanischer Kritiker seinen Lesern
dem hinteren Eingang der Fabrikhalle zur Aufstel- am Anfang der zwanziger Jahre die vier "bedeu-
lung. 628 So jedenfalls kann es dem Offiziellen Kata- tendsten modernen Architekten" Deutschlands vor-
log entnommen werden, in dem es heißt: "Zwei Pla- stellte, war Walter Gropius einer von ihnen. 633 Vor
stiken vor dem Eingang zur Fabrik, ,Haß' (Abb. allem der Beitrag zur Werkbundausstellung von 1914
192) und ,Wut' (Abb. 193) von Professor B. Hoet- hatte diese außerordentliche Wertschätzung be-
ger, Darmstadt"629. Dort sind sie heute noch auf wirkt, und heute erstaunt ein wenig, zu welch em-
der Mathildenhöhe, die erste im Vorhof des Aus- phatischen Hymnen sich der Autor angesichts des
stellungsgebäudes, die zweite auf dessen Balustrade, Bürohauses hinreißen ließ:
zu sehen. "Ein neuartiger Wagemut zeigt sich uns da. Die
Das Schicksal des Komplexes ,Büro und Fabrik' Wände verschwinden. Treppenhäuser, wie durch ei-
war wie das der gesamten Werkbundausstellung nen architektonischen Röntgenstrahl skelettiert,
überschattet vom Beginn des Ersten Weltkriegs. Im schrauben ihre schwebenden Spiralen in die Luft.
August 1914, zwei Monate vor dem offiziellen Aus- Die Ecktürme sind transparent geworden und schei-
stellungsende, erfolgten drei Kriegserklärungen. Die nen überkommenen Lastvorstellungen zu spotten.
erste sprach das Deutsche Reich am Ersten des Mo- Die vorspringenden Pilaster an der Frontseite drän-
nats gegen Rußland, die zweite zwei Tage später gen sich so eng aneinander, daß nur schmale Schlit-
am 3. August gegen Frankreich aus. Am darauffol- ze bleiben, ein Gedanke an die Massivität assyri-
genden Tag, am 4. August 1914, erklärte England scher Fassaden. Wir haben das breite, selbstbe-
dem Deutschen Reich wegen der Annexion Bel- wußt vorspringende Dachgesims aus Blech auf ver-
giens den Krieg. Damit wurden auch die Ausstel- glasten Obergaden schwimmend. Die Stützpfeiler
lungsgebäude der Kölner Ausstellung einer neuen einer Längswand sind maskiert durch eine freie
Funktion zugeführt und nicht, wie zunächst vorge- Wand aus Glas. Der Backstein geht ein neues Gesetz
sehen, nach dem geplanten Ausstellungsende abge- der Verbindung mit anderem Backstein ein und mit
rissen. Die Reichswehr bemächtigte sich der Ge- Skulptur - wie im Eingangsportal dieses horizon-
bäude. Am 1. Oktober 1914 machte ein Oberst- tal komponierten Gebäudes, das strahlte ( ... ) mit
leutnant Freiherr von Salmuth im Namen des ,Chefs einer neuen Botschaft (. .. ), wie eine Seifenblase
des Generalstabes' die Mitteilung, daß entgegen vor dem Kanonendonner des drohenden Krieges.
dem Schreiben vom 24. September 1914 nicht alle Den gleichen Ausdruck, wenngleich weniger ruhe-
Werkbundgebäude requiriert würden, sondern nur los und in mehr monumentaler Sprache prägt die
die Verkehrshalle, das Hauptcafe und die Maschi- Maschinen-Ausstellungshalle der Deutz Motor-Fa-
nenhalle, "doch soll die letztere nicht nur zur Hälf- brik und den bemerkenswerten achteckigen Turm,
te, sondern ganz in Benutzung genommen wer- der sich daran anschloß. Auch hier werden das Run-
den. 630 So läßt sich sagen, daß zumindest diese de und das Dreieckige beschworen, wie auch eine
Halle bis 1920 erhalten blieb. Ob das auch für das glänzende und lebendige Farbigkeit, die dem gan-

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zen Komplex zusätzlichen Rhythmus und Vibration werden mußte, das, um zur Geltung zu kommen,
verliehen. Der Eindruck des Ganzen war grandios, genügend Wirkungsraum beanspruchte. Eine ratio-
ein säkularer Tempel von symphonischer Symme- nelle Anordnung des Fabrikations- und Bürogebäu-
trie, eine Halle, in der die Maschine und das Bau- des war dementsprechend umso schwieriger herzu-
werk, die eine gänzlich, das andere zum Teil aus stellen. Dasselbe galt natürlich auch für das Büro-
Metall eine neue Wiedererweckung feierten. Hier haus.
kleidet sich Nutzarchitektur, unterstützt durch das Gropius konzipierte deshalb als Verbindungsglied
Element geradezu spektakulären Aufwands, mit ei- zwischen der Maschinenhalle und dem Bürohaus ei-
ner Würde und Schönheit durch ihre eigene hohe nen rechteckigen Architekturplatz in der Form ei-
und furchtlose Aufrichtigkeit, durch klares heite- nes streng symmetrischen Innenhofes mit besonders
res Bekenntnis zu dem, wozu sie da ist. "634 modulierten Ecken (Abb. 140). Damit reprodu-
Wozu die Werkbundfabrik da war, hat wesentlich zierte er das Lageplankonzept der Gesamtausstel-
zurückhaltender Adolf Behne in einer Rezension lung mit seinen weiträumigen, geschickt verteilten
1914 verdeutlicht und damit auf die Problematik Plätzen im Binnenbereich und schuf den Einzelge-
dieses Projekts aufmerksam gemacht. bäuden einen Wirkungsraum, der den Blick auf
"Die Aufgabe, die Gropius zu lösen hatte, war ,wertvolle' Gebäude frei gab, damit diese zur Gel-
doch eine doppelte: nicht nur eine ,theoretische' tung kamen. Aus dieser Hofform ergab sich die La-
Fabrik zu bauen, sondern eine vorbildliche Fabrik, ge der Gebäude zueinander. Erstaunlicherweise
die zugleich ein guter Ausstellungsbau ist. "635 wirkte die Hofform bis in den Aufriß (Abb. 147,
Gropius mußte also eine Aufgabe lösen, die nicht 173, 175, 176). Wie ein Querriegel ist das Büroge-
gerade einfach war, aber eine große Herausforderung bäude vor die rückwärtigen Bauten gestellt; die Mit-
für den jungen Architekten bedeutete. Denn in der telachse des Innenhofes verläuft durch das BÜTO-
doppelten Funktion, die es mit dieser Industriean- und Fabrikationshaus. Die spezifische Form erhält
lage zu erfüllen galt, nämlich sowohl ein beispiel- der Innenhof nun dadurch, daß die offenen Gara-
haftes Büro- und Fabrikgebäude als auch vorbildli- gen als seine seitlichen Einfassungen fungieren
che Ausstellungsbauten zu errichten, lagen Ein- (Abb. 170,171) und die geschlossenen Mauerwerks-
schränkung und künstlerische Freizügigkeit eng bei- bauten, die das Tor der Maschinenhalle einfassen,
einander. Die Restriktionen waren bei der Planung zusammen mit den Anbauten links und rechts der
der Anlage zweifacher Natur: denn zum einen muß- Seitenschiffe die längsseitige Begrenzung schaffen.
te Gropius ja die ,Maschinenhalle 11' übernehmen, Diese treten hinter die Bauflucht zurück und kor-
zum anderen sollten Büro und Fabrikhalle für sich respondieren so mit den Rücksprüngen vor den
und in Verbindung miteinander als Vorbilder für glasummantelten Gebäudeecken im Erdgeschoß des
technische und ökonomische Zweckerfüllung gel- Bürohauses. Erst aus diesem Zusammenspiel der
ten, um im Zusammenspiel produktionstechnische funktional sinnlosen Gebäudeeinschnitte ergibt
Leistungsstärke zu vermitteln. Die Freiheit, die Gro- sich die regelmäßige Innenhofform als dominantes
pius hatte, lag darin, auf umfangreiche Produktions- gemeinsames Zentrum.
abläufe oder Bauherrenwünsche nicht eingehen zu Aus diesem Grundgedanken ergaben sich weitere
müssen, ja weitergehende Zweckmäßigkeitsanforde- architektonische Konsequenzen. Eine direkte Folge
rungen mit dem Hinweis auf die Repräsentations- war der Zusammenhang der Fabrikhalle und des
pflicht des Ausstellungsgebäudes sogar abwehren Bürogebäudes auf der aus der Hofform resultieren-
zu können. 636 Allerdings war diese künstlerische den gemeinsamen Symmetrieachse.
Entscheidungsfreiheit nicht ganz unproblematisch. Aus dem Lageplan der Kölner Werkbundfabrik er-
Obwohl in der Maschinenhalle während der Ausstel- gibt sich dergestalt eine sinnhafte Verbindung der
lung produziert wurde, gab es, anders als beim Fa- Einzelbauten auf einen Blick, die sich aber lediglich
gus-Werk, keinen wirklich konkreten Produktions- im Ästhetischen vollzieht. Damit ist sie von ganz
zusammenhang zu organisieren. Die Schwierigkeit anderer Sinnfälligkeit als die asymmetrische Bauten-
bestand also für den Architekten eher darin, ihn organisation des Fagus-Werkes, die in ihrer scheinbar
konstruieren zu müssen. Architektonischer Ent- ungerichteten Bewegtheit ihren Sinn erst im sukzes-
scheidungsfreiheit stand weiterhin erschwerend ent- siven, dem Produktionsablauf verpflichteten Nach-
gegen, daß die Halle der Firma Breest & Co. als fer- vollzug offenbart. War hier die Form funktionsty-
tig montiertes Ausstellungsstück berücksichtigt pisches Resultat des wirklichen Produktionsablaufes

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gewesen, so hatte sich bei der Kölner Werkbund- Symmetrie - ein Repriisentationsprogramm
fabrik ein fiktiver Produktionszusammenhang einer
künstlerischen Entscheidung idealtypisch einzu- Die Existenz dieser ,chinesisch anmutenden Fabrik'
fügen. auf dem Gelände der Kölner Werkbundausstellung
Dieser hierarchisierten Raumorganisation unterliegt provozierte eine kleine architekturhistorische Sen-
die Grundrißgestaltung der Bürostockwerke glei- sation, die vielleicht die Entwicklung von Industrie-
chermaßen (Abb. 141). So bilden im Erdgeschoß anlagen in andere Bahnen zu lenken gedachte.
die beiden Ausstellungsräume ein ausgeschiedenes Schon beim Fagus-Werk hatte sich, wenn auch zö-
Zentrum, dem im ersten Obergeschoß das zentrale gernd, eine Entwicklung angekündigt, die den Pro-
Büro entspricht. Der Raumzusammenhang ist von duktions- und Verwaltungsbereich von der Funk-
einem Mittelpunkt her definiert, nicht von gleich- tionslinie her dachte und den einen als zentralen
gerichteter Arbeit. Mit dieser Entscheidung für eine Nerv, den anderen gewissermaßen nur als beigeord-
axialsymmetrische Grund- und Aufrißgestaltung neten betrachtete. 639 Wenn hier auch noch Fabri-
widersprach Gropius letztlich einer Grundvoraus- kation und Administration räumlich beieinander-
setzung von Industrieanlagen überhaupt, welche ja liegen, ja sogar ineinander verschachtelt sind, so
jederzeit an jeder Stelle, den Produktionsanforde- deutet sich doch an, daß sich diese bei den Arbeits-
rungen gemäß, beliebig veränder- und erweiterbar bereiche voneinander abzustoßen beginnen. Diese
sein mußten. Eine symmetrische Anlage ist in ih- Funktionenausgrenzung war bisher nur in großen
rem Gehalt aber auf das Gegenteil bedacht oder, Industrieunternehmen sichtbar geworden, wie zum
um es mit den Worten des Architekten Otto Wag- Beispiel bei der AEG, die sich von Alfred Messel
ner zu sagen: "Es liegt etwas Abgeschlossenes, Voll- ein großes, repräsentatives Verwaltungsgebäude in
endetes, Abgewogenes, nicht Vergrößerungsfähiges, der Berliner Innenstadt hatte errichten lassen. 640
in einer Symmetrie der Anlage (. .. ). "637 Daß Gro- Darin kündigte sich eine allgemeine Tendenz an,
pius sich in der Kölner Anlage gegen die Macht der die verschiedenen Arbeitsbereiche, Kopf- und Hand-
Produktionslogik entschied, verdeutlicht, welcher arbeit räumlich abzugrenzen. Diese Entwicklung
der beiden Aufgaben, die die Kölner Anlage zu er- blieb nicht ohne Auswirkung auf die repräsentati-
füllen hatte, er Priorität gab: Fabrikhalle und Büro- ve AufgabensteIlung der Industriearchitektur. Zu
gebäude waren repräsentative Ausstellungsstücke Zeiten, da sich die Großindustrie mit ihren Fabri-
und erst in zweiter Linie produktionstechnische kationsstätten in "den großstädtischen Lebensbe-
Vorbilder. reich eingliedert"641 , wurde, wie Tilmann Budden-
Den Berichterstatter der Bauzeitung für Württem- sieg an den AEG-Fabriken zeigte, aus der "ursprüng-
berg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen bewog dieser lich defensiven Industriearchitektur vom Ende des
offensichtliche Widerspruch zu folgender Ein- Jahrhunderts" eine "zunehmend selbstbewußtere
schätzung: und mitteilsamere"642. Was aber als Integration be-
"Es ist gewiß wahr, daß man sich früher bei Fabrik- sonderer Art an der Turbinenhalle im städtischen
bauten herzlich wenig Gedanken gemacht hat. Le- Milieu gelungen war, nämlich eine reine Produk-
diglich das Bedürfnis des Augenblicks war maßge- tionsanlage in die Tradition klassischer Architektur
bend. Man fing mit irgend einem Kasten an und be- zu stellen, sie zu nobilitieren, ohne ihre Funktion
sann sich nicht weiter, wie es ungefähr werden soll- zu leugnen, blieb als Bemühen um Vereinheitli-
te, wenn später Erweiterungen notwendig werden chung letztlich ohne Durchsetzungskraft. Aller-
könnten. Man hat dann eben immer ein Stück da- dings waren diesem AEG-Bau die Sprachmittel zu
zugefügt, recht und schlecht, wie gesagt, wie es ge- verdanken, die fortan die jeweilige Erscheinungs-
schwind notwendig wurde. So kam es, daß unsere form der durch Industrie geprägten Arbeit zu kom-
Fabrikanlagen meistens ein recht zusammengewür- mentieren vermochten.
feltes Bild abgeben. Stellt man hierzu in Gegen- Behrens hatte an der Turbinenhalle drei unterschie-
satz den sogenannten Muster-Fabrikbau von Gro- dene Architekturniveaus geschaffen, die als Symbol,
pius auf der Werkbund-Ausstellung, so wird man Sinnbild oder funktionale Entsprechung industriel-
sagen müssen: hier hat man sich offenbar zu viel ler Arbeit erschienen und die in ihrem unterschied-
Gedanken gemacht. Es ist ja möglich, daß man sich lichen repräsentativen Sprachvermögen wegweisen-
auch hieran gewöhnt, aber vorderhand mutet ei- de Möglichkeiten enthielten. Sie erlaubten nämlich
nem diese Fabrik doch fast chinesisch an. "638 im folgenden für die immer differenzierter werden-

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den Bauaufgaben im Industriebau eine Architektur- Repräsentation. "649 Es gelang Walter Gropius durch
typologie zu entwickeln. Der eigenständige Verwal- diese Lage- und Grundrißkonzeption die räumlich
tungsbau, dem als Schädel für das Hirn des Unter- voneinander geschiedenen Funktionsbereiche noch
nehmens die eigentliche Repräsentationsfunktion einmal ideell zusammenzufassen und sie zu einem
zukam, erhielt Wand- und Fassadengestaltungen, intentional Gleichen zu vereinigen, indem er den
wie sie Behrens vorgegeben hatte, die reinen Fa- Produktionsbau, wie vor ihm Behrens, nobilitier-
brikationsbauten dagegen wurden zunehmend aus te. 650 Diese Zuordnung blieb im Industriebau sin-
ökonomisch zweckmäßigen Eisenfachwerken errich- gulär und ist ohne die Entscheidung, ein Reprä-
tet, wie sie die Hofseite der Turbinenhalle zeigte, sentationsmodell für Industriearchitektur zu schaf-
und reduzierten sich dergestalt auf gut belichtete, fen, kaum denkbar. Dieses Element hatte dem ame-
funktionsgerechte Gebäudehüllen. 643 rikanischen Kritiker Scheffauer imponiert, die
Mit einem solchen Zweckbau hatte es Gropius 1914 ,symphonische Symmetrie', wie er es genannt hat-
bei der ,Maschinenhalle 11' zu tun, die von ihrem Er- te, die die ,Nutzarchitektur mit Würde und Schön-
bauer gerade deshalb gelobt wurde, weil "bei die- heit' auszustatten vermochte. Demgegenüber fand
sem Gebäude (. .. ) mit den einfachsten Mitteln oh- er - immerhin 1924 -- die "Schuhfabrik (gemeint
ne die Mitwirkung eines Architekten, rein aus den ist das Fagus-Werkj K. W.) traurig, bei der dieses
konstruktiven Grundlagen heraus die Form ent- Element sich nicht auffinden" lasse. "Hier haben
wickelt"644 worden war. Schon Adolf Behne hatte wir den Ausdruck nackter Nützlichkeit, ein unver-
sie auf der Leipziger Baufachausstellung 1913 hohlenes Bekenntnis zum rein Zweckmäßigen. "651
"zum Besten"645 gezählt, was dort zu sehen war, Im Fagus-Werk aber waren die charakteristischen
und auch Walter Gropius scheint mit der übernah- Bauformen vorformuliert, die die Architektur des
me dieser Halle für die Fabrikanlage in Köln nicht Funktionalismus schon 1924 prägten.
unzufrieden gewesen zu sein. Wie er Karl Ernst Ost-
haus mitteilte, schien sie ihm "ausgezeichnet (. .. )
und für diesen Zweck der Ausstellung entschieden Vereinheitlichung als Gesamtkonzept. Der Aufriß
geeignet, da sie formal das Beste mir bekannte die- Der Pavillon der Gasmotoren Fabrik Deutz wurde
ser Art darstellt"646. Gropius unterzog sie, unter bisher noch nicht behandelt, weil seine funktionale
Beibehaltung des struktiven Gerüsts, einer formalen Bestimmung außerhalb des unterstellten produk-
Durchgestaltung und versuchte der funktionalen tionstechnischen Zusammenhangs im nur Repräsen-
Ausgrenzungstendenz entgegenzutreten. Er blieb tativen lag. Er war von vornherein als reiner Ausstel-
seinem Lehrer darin intentional verbunden, daß er, lungsraum gedacht; hier wurden Maschinen ausge-
wie dieser, auch weiterhin einen einheitlichen stellt und nicht vorgeführt, wie in der Maschinenhal-
künstlerischen Ausdruck verschiedener industrieller le. 652 Walter Gropius hatte ihn am hinteren Ende
Bautypen zu entwickeln suchte. Bei der Kölner An- der Maschinenhalle plaziert, von hier aus war der
lage gelang es Gropius einmal dadurch, daß er den Zutritt durch einen Verbindungsgang möglich (Abb.
faktisch ausgegrenzten Produktionsbau demselben 183, 188, 189). Vom Grundriß her als Appendix
Ordnungsprinzip wie das Bürohaus einverleibte, in- der Anlage kenntlich, wird der Charakter eines selb-
dem er beide Gebäude durch die gemeinsame Sym- ständigen Baus durch das große Eingangsportal un-
metrieachse verband. Das war Gropius' Credo, jene terstützt. Im Zusammenhang der Analyse der Au-
"Einigung im Zwiespalt", jenen "Ausgleich zwi- ßengestaltung der Gebäude ist der Pavillon aller-
schen der Rechnung des Ingenieurs und der Archi- dings unverzichtbar, denn hier machte Gropius den
tekturform"647 zu schaffen, die die Architektur als Zusammenhang als Gebäudegruppe von einer Hand
"synthetische Gestaltung"648 wieder in ihr histori- deutlich.
sches Recht setzen sollte. Denn an der Ingenieur- Gropius' Bestreben, den Fabrik- und Verwaltungs-
konstruktion der Halle hatte Gropius nicht gerührtj bau architektonisch zu vereinheitlichen, bestimmt
dadurch aber, daß er sie in ein architektonisches auch die Aufrißgestaltung. Erst so wurde die Köl-
Ordnungsgefüge gebunden hatte, partlZlp1erte sie ner Anlage zum sichtbaren Bautenensemble. Hatte
am repräsentativen Gehalt, den diese Ordnung er die Grundrißkonzeption vom repräsentativen
meint. Denn, so Julius Posener: "Symmetrie ist klassischen Ordnungsschema her gedacht, so orien-
(. . .) nicht einfach eine Kompositionsform, die tierte er nun in Umkehrung die Aufrißgestaltung
man beliebig anwenden kann: Symmetrie bedeutet aller drei Gebäude an der Vorgabe durch das tech-

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no logisch orientierte Prinzip der Maschinenhalle. ausgestellte Treppenturm, hat Tradition. Schon Beh-
Dieses Prinzip wird zur Grundlage der gesamten rens hatte ihn in der Hochspannungsfabrik aus
Außengestaltung. Die Eisenbinderkonstruktion der raumökonomischen Gründen ausgesondert. An
dreischiffigen Maschinenhalle war von Gropius Gropius' Bürohausfront werden sie gänzlich ästhe-
durch helle Klinker anstelle der bisher verwende- tisiert, der abrupte Kontrast zwischen der abwei-
ten "Hintermauerungssteine mit äußerem Kratz- senden Wandfläche und dem durchsichtigen End-
putz"653 ausgefacht worden. Die Seitenschiffe punkt des Gebäudes werden wieder, wie schon die
schlossen oben mit einem Fensterband ab, das schon stützenlose Ecke, zu einem Angriff auf das stati-
die alte Halle zeigte (Abb. 175 bis 177). Aus dieser sche Empfinden. Walter Curt Behrendt hatte dem-
Verbindung von Eisen, Mauerwerk und Glas ist entsprechend kritisiert:
auch die prägnante Frontseite entwickelt: Die Klin- "Gropius ist offenbar ein sehr intellektueller
kerausfachung vollzieht die Form des Kielbogens Mensch, leider arbeitet er aber auch als Künstler
nach und umfaßt statt des ehemaligen ,,2 m hohen mehr mit seinem klugen Verstand als aus einem
Lichtbandes mit dem durch spitzbogenförmige dumpfen, unbewußten Gefühl heraus. Er denkt
Lichtbandstreifen verzierten Giebel"654 jetzt ein und überlegt zu viel und empfindet und sieht zu
großes stahlgerahmtes Fensterfeld. Die vertikale An- wenig. Die Fassade seines Bureauhauses mit den an
ordnung der einzelnen Fenstereinheiten behielt den Ecken liegenden, in Glas ausgebildeten Trep-
Gropius bei. Doch dadurch, daß er sie vergrößerte, penhäusern ist auf dem Papier erfunden, nicht räum-
wurde aus einer eher plumpen eine großzügige und lich gefühlt: andernfalls hätte sich der Architekt
elegante Frontansicht. Diese Mischung vollkommen wohl kaum zur Ausführung der gläsernen Ecktür-
gleichwertig behandelter Materialien ist am Büro- me entschlossen, die in ihrer körperlosen Durch-
gebäude als Verbindung von Skelett- und Mauer- sichtigkeit als Träger statischer Funktionen unwirk-
werksbau ebenso wiederzufinden wie beim Deutz- sam bleiben müssen. "656
Pavillon (Abb. 186): Die Repräsentationsbauten Trotz dieser Wirkung haben diese Treppentürme
werden am Nutzbau orientiert. Schon das Kon- aber eine körpergestaltende Funktion im traditio-
struktionsprinzip des Bürobaus ist ihr entliehen. Es nellen Sinn, denn sie sind für die Gebäudefront
besteht aus einer aufgemauerten Klinkerwand zum auch Eckrisalite. Sie fassen einen Baukörper zu-
öffentlichen Platz und einer völlig lichtdurchlässi- sammen und sondern die Wandfläche als dazwi-
gen Fensterhülle auf Mauerwerksstützen zum abge- schengespannte Fassade aus. Daß diese Wand 'als
schlossenen Innenhof. Innerhalb dieser Material- Schauseite gedacht ist, verdeutlicht das farblich
und Konstruktionsvorgaben entfaltete Gropius abgesetzte, durchfensterte Mauerstück, welches die
allein aus der Variation dieser Mittel ein sichtbares Wandmitte mit dem Hell-Dunkel-Farbkontrast und
Kommunikationssystem zwischen den Bauteilen der den runden wiederum hellen Eingangsreliefs zum
Einzelbauten. repräsentativen Portal ausgestaltet. Der Blick wird
Zum öffentlichen Platz war das Bürogebäude über hier in die durchlichtete Eingangshalle gezogen
beide Stockwerke hinweg mit einem aufgemauer- und weiter auf den Zugang zur Maschinenhalle ge-
ten Wandverband verschlossen, der sich von einem leitet. Ein Motiv wird für die Bürohausfront be-
dunkel abgesetzten Sockel hochzog und dem des stimmend: die Undurchdringlichkeit der Wand ma-
Fagus-Werkes glich. 655 Wie dort, so finden wir auch terialiter aufzurichten, um sie durch die Vermitt-
bei den Werkbundbauten diesen angedeuteten Sok- lung der Treppentürme, den Durchblick in der
kel an allen Gebäuden wieder. Diese Wand fläche Mitte und die Dachaufbauten mit den weit vor-
belebte Gropius dadurch, daß er vertikale Ziegel- kragenden Flachdächern doch mit dem Dahinter-
reihen wie herausgesetzte Stromschichten in den liegenden zu verbinden (Abb. 170). Indem die
durchlaufenden Mauerwerksverband einfügte, die architektonisch aufregende Glasfront zum Innen-
derart aneinandergereihte Lisenen abteilen und As- hof motivisch anklingt und die Maschinenhalle
soziationen an einen Gliederbau hervorzurufen ver- durch die Portaltüren vage zu sehen ist, erfüllt die-
mögen (Abb. 143). An den Endpunkten wird die- se Fassade darüber hinaus eine für Ausstellungsge-
serWandverband von zwei weit vorspringenden glas- bäude ideale Rolle, sie macht nämlich auf das An-
ummantelten Treppentürmen eingegrenzt, die nun gedeutete neugierig.
das vorherrschende Bewegungsmotiv in sich selbst Fritz Stahl, einer der wenigen zeitgenössischen Kri-
versenken. Die Verkehrsader des Bürohauses, der tiker, die sich von dieser Fassadengestaltung nicht

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abgeschreckt zeigten, hat diese List wahrgenom- Einzelfall bis ins Ornamentale, z. B. zu einem
men: Mäander an der Rückfront der Maschinenhalle
"An den beiden Ecken der Fassade laufen die Trep- (Abb. 174), banden es aber immer architektonisch
pen in runden Türmen von demselben Material ein. Denn, was für sich allein betrachtet Schmuck
(Glas; K. W.) in die Höhe. Das ist wenigstens bei war, hatte gleichzeitig zum Anderen, Gegenüberlie-
diesem Bau nicht praktisch notwendig, aber diese genden zu vermitteln, war syntaktischer Wert. 658
Treppentürme geben der Fassade einen famosen Dieses wohlüberlegte, präzis herausgearbeitete Kom-
und stilgerechten Abschluß und Schmuck. über- munikationssystem wollte Gropius natürlich unter
dies bereiten sie durch das Material auf die Hoffront keinen Umständen gestört wissen. So drohte er
und die Fabrik vor. "657 mit der Niederlegung seiner Arbeit, als man ihm die
Der Schmuck der Bürohausfassade war vornehmlich Absicht unterbreitete, die große Panzerplatten-
aus dem Material entwickelt worden; dieses Gestal- Schmiedepresse im Innenhof aufzustellen. 659 Diese
tungsprinzip setzt Gropius an der Innenhofseite hätte das differenzierte Ensemble aber gestört.
fort. Das Gestaltungszentrum bilden, wie an der Durch den Einsatz von Karl Ernst Osthaus gelang
vorderen Fassade, die tief in die Eingangsrundung es, diesen Plan earl Rehorsts schließlich zu verei-
hineingezogenen Reliefs. Der plastische Schmuck teln. 660 Die Schmiedepresse mußte ans hintere En-
wird auch hier von einer rechteckigen Klinkerum- de der Maschinenhalle weichen. Gropius' Bestre-
rahmung zum Portal gefaßt, allerdings in umgekehr- ben, die Vereinheitlichung des Fabrikations- und
ter Farbverwendung zur Vorderfront. Das umrah- Verwaltungsgebäudes auch im Aufriß demonstra-
mende Mauerwerk besteht aus hellem Klinker, der tiv zu realisieren, blieb dadurch klar und deutlich
in einem schmalen Sockel fortläuft, wiederum auf sichtbar.
den obligaten dunklen Ziegelreihen aufsetzend. Die
Innenseite dieses Portals ist in dunklem Klinker
Die geronnene Synthese.
geometrisch gefaßt und von einer Ziegelreihe mit
Der Ausstellungspavillon
verstärkten Ecken bekrönt, die dem Portalgesims
der, Gasmotoren-Fabrik Deutz'
der vorderen Fassade entspricht. Diese Eckbildun-
gen korrespondieren ihrerseits mit den verstärkten Die Vermittlung zwischen dem Büro- und Fabri-
Ecksteinen der Sockelreihe. Dieses farblieh diffe- kationsgebäude war durch Angleichung der kon-
renzierende Muster ist in gleicher Weise am Maschi- struktiven Voraussetzungen und eine Materialver-
nenhaus wiederzufinden: dunkle Ziegelreihen als wendung geschehen, die von Außen nach Innen
Sockelandeutung, heller Mauerwerksverband, der vorbereitend einführte. Die Vermittlung zum Aus-
im unteren Drittel wiederum von einer dunklen Zie- stellungspavillon bedient sich ähnlicher Mittel,
gelreihe durchbrochen wird, um sodann zur Rah- auch hier ist das konstruktive Prinzip der Maschi-
mung des Halleneingangs durchlaufend aufzustei- nenhalle entliehen, wie z. B. das Eisenfachwerk,
gen. Der Abschlußträger der mittleren Dreh- und und durch eine Materialornamentik angereichert,
Schiebetür übernimmt an dieser Stelle die Aufga- die an den Seitenwänden des Bürohauses noch über
be der dunklen Ziegelreihe der gegenüberliegenden das bisher beschriebene Maß gesteigert worden war.
Bürohausrückfront. In dessen Untergeschoß war zwischen die glasum-
Die Vorbereitung auf die Hoffront und das Pro- mantelten Ecken ein dunkel aufgemauertes Wand-
duktionsgebäude war, wie man sieht, bis in die De- stück mit Fassadenfugen getreten, wie sie bereits
tailgestaltung hinein durchdacht und fortgesetzt beim Mauerwerksvorbau des Fagus-Werkes verwen-
worden. Sie war nicht beschränkt auf die offen- det worden waren.661 An der Seitenwand des Kölner
sichtliche Entspechung der Verglasung des Ober- Bürohauses ist nun ein Wandstück ausgespart, eine
geschosses im Bürogebäude und des großen Gie- helle Klinkermauerung davor geblendet, die in den
bels der Maschinenhalle, die dialogisch kontra- oberen Ecken von dunklen Klinkern übergriffen
stierend sich aufeinander bezogen, denn der hori- und dadurch geometrisch profiliert ist (Abb. 163).
zontalen Fenstereinheit dort entsprach die verti- Darüber wird die kräftige Stockwerksdecke sicht-
kale hier. bar, umfangen noch von der Verglasung des Ober-
Die Architekten dieser Musterfabrik haben also ein geschosses. Unter dieser Hohlsteindecke sind Klin-
komplexes und durchdachtes Wechselspiel der Ma- kerpartikel wie die Regulae des griechischen Tem-
terialmöglichkeiten entfaltet. Sie steigerten es im pels gemauert. Diese Wandgestaltung ist ohne jeden

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Bezug zum dahinterliegenden Innenraum, sie ist Gropius hatte diesen Wandschmuck entworfen und
reine geometrisierende Dekoration, wie er sie gleich- alle vier Seiten des Unterbaus durch vorspringende
zeitig auch beim Dramburger Speichergebäude ver- Wandstücke mit einem stilisierten Flechtband um-
wandte (Abb. 201, 202). rahmt (Abb. 199,200). Die Aufwertung des Deutz-
Was an der Seitenwand des Bürogebäudes sinnlos Pavillons resultiert also wesentlich aus der Anleh-
scheint, füllt sich mit Bedeutung, wenn man den nung an einen klassischen Bautypus und die Ver-
Deutz-Pavillon betrachtet. Die erste auffällige über- wendung erlesener Materialien. Diese erfüllen als
einstimmung ist die Wiederverwendung der Klin- architektonisches Beiwerk die Aufgabe, die im Bü-
kerpartikel, die im Zusammenhang mit dem gesam- rohaus und in den Vorbauten der Fabrikationshalle
ten Baugefüge nun tatsächlich die semantische Bauplastik und Wandmalerei erfüllen sollten: die
Funktion der Regulae unterhalb eines Architravs Nobilitierung der Industriewelt zur Industriekul-
erfüllen (Abb. 294, 295). Man findet sie an den bei- tur. 663
den aus der Bauflucht heraustretenden Wandstük- Diese Tendenz ist kritisiert und immer wieder dis-
ken, die zur herausgehobenen Folie für zwei Aus- kutiert worden, z. B. von Adolf Behne, der das
stellungsstücke werden, und wie kein anderes Ele- Werk des Freundes kritisch begleitete. Des öfteren
ment die architekturästhetische Absicht dieses Bau- setzte er sich mit diesem Industriekomplex ausein-
werks verdeutlichen: Maschine und Skulptur, ander. Die Schwierigkeit einer Einschätzung dieser
Schmiedepresse und männliche Kollossalfigur, Her- Anlage dokumentiert sich in vier seiner Einschät-
mann Hallers ,Ruhender Knabe'. R. Banharn er- zungen, die in einem Zeitraum von beinahe zehn
klärte sie wegen der Gleichartigkeit zur Plastik des Jahren entstanden. Unter dem direkten Eindruck
Parthenongiebels zur Kopie des antiken Vorbilds. 662 schrieb Behne 1914:
Hier wird überdeutlich, was im architekturmotivi- "Man hat hier und da bemängelt, daß Gropius sei-
schen Gleichklang sich andeutete, es ist als Zitat ne Fabrik mit einem übermaß von Plastiken und
klassischer Architektur gemeint. Was für sich gese- Malereien geschmückt habe, und in der Tat scheint
hen an der Seitenfront des Bürohauses bloßer Gropius eine gewisse Neigung zu besitzen, die
Schmuck ist, wird hier zum Zeichen der Aufwertung Sphäre seiner Bauten durch Kunstwerke zu erhö-
durch die Eindeutigkeit in bezug zur Tradition. hen. Aber um gerecht zu sein, muß man bedenken,
Die Regulae schmückten entgegen einem früheren daß es sich in Köln nicht um eine Fabrik handelt,
Entwurf (Abb. 197) auch das Eingangsportal des die genau so in die Wirklichkeit umgesetzt werden
Pavillons. Die architravierte Türeinfassung mit dem soll. "664
seitlich ornamentierten Sturz (Abb. 198), die nun Nach dem Ersten Weltkrieg, als allerorten optimi-
die Begründung der Form des hellen Mauerstücks stische Aufbruchstimmung herrschte, urteilte Behne
an der Bürohausseitenfront liefert, wurde jedoch freundlicher, um auf das Wegweisende im Gegen-
beibehalten. Beide sind nämlich von gleichem Um- satz zu den anderen Werkbundbauten, die ihm "öd
riß: Dieser formale Aspekt verbindet sie. Würde und langweilig" 665 schienen, hinzuweisen. 1919
das Material, der kompakte Unterbau nicht eine schrieb er:
solche Mächtigkeit ausstrahlen, man könnte den "Hätte nicht die Fabrik von Walter Gropius mit ih-
Bau als Tholos, als Tempietto bezeichnen. Entlie- ren Glastreppen und ihrem liebevoll bedachten
hen ist für diesen Bau aber deren Gehalt, er meint Schmuck bei mancher Sprödigkeit des Ganzen eine
das Kultische an ihnen, das Weihevolle, das hier aus aufrichtige Liebe und Hingabe an die Sache, so wä-
Glas und Eisen den würdevollen Rahmen für Indu- re Köln wirklich noch ärmlicher dagestanden als
strieprodukte schafft. Leipzig. "666
Entsprechend ist die Innengestaltung des Pavillons. Und ein Jahr später:
War die äußere geometrische Wandstruktur des Un- "Walter Gropius hat mit seiner Kölner Werkbund-
terbaus aus dem Material gewonnen -- sie findet fabrik 1914 den bündigen Beweis geliefert, daß die
sich im übrigen im Innenhof wieder und erinnert Heranziehung zahlreicher künstlerischer Kräfte
gleichermaßen an das Behrenssche ,Lineament' durchaus nicht zu einer Fabrik-Karikatur, wie Bahl-
(Hoeber), ist aber hier aus der Struktur des Eisen- sen, werden muß, wenn nur die richtigen Männer
fachwerks selbst entwickelt -, so finden wir im In- herangezogen werden. "667
nenraum eine Wandverkleidung aus Keramikplat- Im Jahre 1922 widmete sich Behne ausführlich der
ten, also eine Applikation. Arbeit Walter Gropius', nochmals kam er auf die

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Werkbundausstellung zu sprechen und beschrieb im ten für alle Gebäude gleichermaßen erreicht wurde.
Vergleich zu van de Veldes Theater und Bruno Gropius hatte die Einheit von Nützlichkeit und Re-
Tauts Glashaus das Büro als "den einzigen Ver- präsentation nicht mehr, wie vor ihm Behrens, in
such (. . .) einer umfassenden künstlerischen Syn- einer übergreifenden Form hergestellt, sondern da-
these unter der Führung der Architektur. durch, daß er die architektonische Besonderung
Gewiß, die Synthese war eine mehr gedankliche als der Einzelgebäude verweigerte und auf diese Wei-
gestaltete, mehr künstliche als künstlerische. Das se deren äußerliche Angleichung erreichte. Um den
Ganze wiederum mehr kompliziert als reich, und "inneren Wert der Einrichtung und der Arbeits-
man kann zweifeln, ob es nicht, sicherlich durch methode würdig auszudrücken"671 - denn das war
die Bestimmung als Ausstellungsbau beeinflußt, sein Anspruch -, bediente er sich des plastischen
mehr ein modernes Museum als ein modernes Bu- Schmucks, komponierte er die Arbeitsstätte vor
reau darstellte. Vielleicht war die Aufgabe für die allem im Innenraum zum luxuriösen Environ-
geplante Synthese nicht ganz geeignet. Aber den ment und bot dadurch einen Erfahrungsraum, der
kühnen und großen Führerwillen konnte man un- gleichermaßen rationalistisch wie pompös war. Die
möglich übersehen, und wo war er sonst ... Synthese von Kunst und Technik schuf dergestalt
Er dachte nicht daran, die technisch klare Nutz- einen neuen Wert als Kunst am Arbeitsplatz 672 ;
form dekorativ zu schwächen oder sie zu umgehen; als solcher konnte sich bildende Kunst in der Sphäre
er empfand stark ihre besondere und neue Schön- der Arbeit etablieren, als Synthese realisierte sie
heit ( . . . ): weil diese architektonische Form für sich in der repräsentativen Gebärde.
ihn eine künstlerische Form war, mußte sie das Zu- Weil Gropius in der Raumfolge derWerkbundfabrik
sammen mit moderner Plastik, mit moderner Male- wieder zur organisierenden Ideallinie fand, mußte
rei zulassen, ja bedingen. Mit anderen Worten: die curtain wall als selbstbewußtester Ausdruck
Gropius verkannte die Schönheit der modernen, und Kulmination dessen, was Funktionslinie war,
technischen Form nicht; aber er hielt es, eben weil letztlich fallen. Sie trat zurück als Credo fort-
er sie ernst nahm, für eine Verengung, für eine Ein- schrittlicher Arbeitsplatzhygiene (Licht, Luft und
seitigkeit und Verranntheit, sie gegen den Reich- Sonne)673 und wurde in die Intimität des Innen-
tum der anderen Künste auszuspielen. "668 raums zurückverwiesen, nur noch Spiegelbild des
Sicherlich beeindruckt vom Weimarer Bauhauskon- großen Glasfensters der Maschinenhalle. An die
zept, liest sich diese Einschätzung am differenzier- Stelle der Präsentation, der Gegenwärtigkeit ge-
testen. Es ging Gropius um eine Synthese, um die sellschaftlicher Arbeit trat die Repräsentation in
Verknüpfung zweier Teile zu einem höheren Gan- der Fassadenwand. Der Öffentlichkeit wurde wie-
zen. "Kunst und Technik eine neue Einheit", wie der ein festes Bild dessen vermittelt, was Arbeit
er, diesen Gedanken wieder aufgreifend, 1923 for- sein soll.
mulierte. Daß er diesen Gedanken in solcher Ein-
deutigkeit im Jahrbuch des Deutschen Werkbundes
1914 äußern konnte, ist ohne die Realisation sei- Der Einfluß Frank Lloyd Wrights
ner Werkbund fabrik nicht denkbar. 669 Aber, sie Es ist für die Werkbundfabrik immer wieder auf
war nur hier möglich, denn als Repräsentationsmo- das Vorbild Frank Lloyd Wrights hingewiesen wor-
dell konnte die Werkbundfabrik nur jenseits des so- den, auf den Einfluß seiner Bauten, die Gropius, wie
zialen Raumes gedacht und vor allem auch reali- er in einem Brief an H. Weber schrieb, durch die
siert werden: als Einheit von Produktion und Ad- große zweibändige Wasmuth-Publikation Ausge-
ministration. führte Bauten und Entwürfe (1910) seit ,,1911
Daß Gropius auch bei dieser Aufgabe auf die bisher oder 1912"674 kannte. Gropius hatte die Ausstel-
übliche Architektursprache verzichtete und damit lung der Wright-Bauten, die Wasmuth mit dem Er-
auf jene "äußerliche Würde", die die "konventio- scheinen der Wright-Bücher organisiert hatte, nicht
nelle Architektur und Dekoration schmückte"670, gesehen. 675 Als er dann die "komplette Monogra-
war ein ebenso neuer Weg wie beim Fagus-Werk. phie" kennenlernt, ist er beeindruckt, und - wie
Aber er verzichtete nicht darauf, durch eine tradi- Ernst Neufert berichtet - noch während der Bau-
tionelle Komposition eine harmonische Wirkung zu haus-Zeit lagen die Wasmuth-Mappen zur Anregung
erzielen, die allerdings vornehmlich aus der Nutzung in Gropius' Atelier immer bereit. Das Vorbild
der Materialwerte und konstruktiven Möglichkei- Wrights ist in der Werkbundfabrik unzweideutig zu

86
erkennen, es beschränkt sich aber auf das Büroge- ineinander sich ablösend gesetzt. Selbst da, wo
bäude. Auch muß der Einfluß eher vermittelt gese- Wrights Formulierung vom "Außen, das nach in-
hen werden und vor allem vorbereitet durch die Ar- nen kommt und sich der Raum, in dem wir leben,
chitektur von Peter Behrens: "Behrens Vorliebe für dergestalt nach außen projiziere"6l!O , am ehesten zu-
den Schinkelschen Klassizismus", schreibt H. Kief, treffen könnte, in der curtain wall nämlich, kommt
"führt in seiner Architektur bereits vor der Begeg- es zu keiner Vermittlung mehr, sondern sind Innen
nung mit Wright-Bauten 1910, zur Bevorzugung und Außen ganz unmittelbar miteinander in flie-
strenger Körperformen und Kuben, die dem Wright- ßendem Austausch verknüpft. Die curtain wall hat
Einfluß sozusagen den Boden bereiten. "676 Es sind keine Wandflächenstruktur mehr, sie ist nur noch
Einzelformen mehr als architektonische Prinzipien, ,Membran'.681
die Gropius übernimmt, es sind Elemente wie die Es darf in diesem Zusammenhang nicht übersehen
Dachaufbauten, die weit auskragenden Flachdächer werden, daß Gropius neben seinen Orientierungs-
über einer durchfensterten Wandzone, so zu sehen punkten Wright und Behrens auch sich selbst zitier-
an Wrights ,Ruderbootshaus der University of Wis- te oder besser variierte. Wir finden an der Werk-
consin Boat Club' (1902), am ,Robie House' (1909) bundfabrik die Umkehrung der Konstruktionsidee
und anderen Bauten. Auch die Portalfassung geht des Fagus-Werkes, das eine aufgemauerte Rückwand
auf Wrights Anregung zurück, die horizontale Be- und eine verglaste Vorderfront hatte, es findet sich
tonung und die Staffelung der Gesimsbänder erin- eine ähnliche Materialbehandlung, wenn sie an der
nern als Rahmenfassung an das ,Winslow House' Werkbundfabrik auch ornamentaler wird, und es
(1893), die Fensterbänder lassen sich in gleicher gibt auch hier die erläuternde Motivwahl. Die Werk-
Gestaltung wiederum am ,Robie House' entdecken. bundfabrik speist sich also aus mehreren Quellen
Vor allem die Rückfront des Bürohauses ist in der gleichzeitig. Der Garten mit den Tanzräumen auf
Silhouette ganz direkt einem Wrightbau verpflich- dem Dach des Bürohauses ist wohl zuallerletzt dem
tet. Es ist das ,Bank- und Hotelgebäude in Mason Einfluß Wrights verpflichtet, der allerdings schon
City, Iowa' von 1909. Von der Seitenansicht des 1904 für das ,Larkin Building'682 eine Dachterrasse
Hoteltraktes ist die ,Horizontalanlage' der Rück- mit Wintergarten und Restaurant geplant hatte. Die
seite des Werkbundbüros übernommen und ganz Anregung ist vielmehr in Berlin selber zu suchen.
"zwischen Wrightschem Erdgeschoß und Wright- Denn die Stadt, in der Gropius lebte und arbeitete,
scher Dachgliederung"677 eingebunden. Gropius ar- verfügte über zwei sehr schöne Dachgärten, die der
beitet also mit den Wrightschen Vorgaben, aber er Diskussion "volksgesundheitlicher Gesichtspunk-
schafft bei aller äußeren Ähnlichkeit doch eine te"683 im Stadtraum schon seit längerem wertvolle
ganz andere Wand struktur. Das Charakteristikum Argumente lieferten.
des Wrightschen Wand aufbaus vollzog sich in der Es gab zum Beispiel den großen "rund 1200 qm"684
Ebene, der durch ein ausgewogenes Verhältnis von umfassenden Dachgarten auf der "Gebäudegruppe
Durchfensterung und Wandfläche, von kräftigen des Warenhauses A. Wertheim"685 in der Leipziger
Vor- und Rücksprüngen der einzelnen Baukörper Straße, der als Erholungsstätte allen Bediensteten
strukturiert wurde, eben Tiefe mit Fläche vermit- zugänglich war . Und es gab seit 1911 das, ,Paradies-
telte, also das war, was Wright die ,Tiefenfläche' gärtlein" (T. Buddensieg) der AEG, das von Peter
nannte. 678 Ebenso wird das Verhältnis zwischen In- Behrens zur Dachterrasse ausgestaltete Dach der al-
nen und Außen von Wright anders gefaßt, denn bei ten Maschinenfabrik am Humdoldthain. 686 Diese
ihm sind auch die Mauern ,freundliche Vorhänge'. allerdings blieb für Empfänge den Gästen des Un-
"Sie bestimmen und differenzieren den Raum, ohne ternehmens vorbehalten.
ihn je zu beschränken oder zu verwischen. "679 Und Gropius bediente sich vieler Anregungen, orien-
das tun sie innerhalb der Wandfläche, die allerdings tierte sich an mehreren Vorbildern, vollzog Zeit-
in ihrer Einheit aufgelöst wird, wie z. B. beim ,Ro- ideen mit und machte sie sich nutzbar. Er ist darin
bie House'. Für Walter Gropius ist die aufgemauer- nicht eklektisch, eher suchend zu nennen. Denn
te Wand des Bürohauses auch in ihrer Strukturie- wie Industriegebäude eine eigenständige Reprä-
rung ein Abschluß. Die Vermittlung zwischen In- sentationssprache entwickeln sollten, war ihm 1914
nen und Außen ist bei seinem Bau anderer Art, denn noch verschlossen. Er orientierte sich damals am
hier sind raumabschließende und raumaufschlie- "Industrie-Klassizismus" (T. Buddensieg) Behrens-
ßende Formen konträr nebeneinander und nicht scher Provenienz. Was Repräsentation im techni-

87
schen Zeitalter ausdrucken könnte, zu dieser Archi- Die Kunst, die Baukunst, muß sich mit der Gesell-
tektursprache fand er erst nach dem Ersten Welt- schaft verbinden. Gropius fordert um 1920 vehe-
krieg, "nach jener brutalen unterbrechung, die für ment deren Einheit ein und bestimmt zum sozialen
jeden denkenden die notwendigkeit der umstellung Garanten die Gemeinschaft; sie wird in den Nach-
bedeutete"687. kriegs- und Revolutionswirren geradezu zur Be-
schwörungsformel. Das Abstraktum Gemeinschaft
konkretisiert er in Anlehnung an die mittelalterli-
Der Umbruch 1918/1919 che, im Glauben vereinte Menschengemeinschaft,
die nun, wie die der Gotik, durch ein einigendes
Das ,Volk' als Träger des Kunstwollens. gedankliches Band das wahre Kunstwerk, das Ge-
Von der Handwerksbegeisterung zu samtkunstwerk neuerlich erschaffen könne und
,Kunst und Technik eine neue Einheit' müsse. 692 Wir begegnen damit einem Gedanken
wieder, den er in ähnlicher Weise im Werkbundjahr-
Nach dem Ersten Weltkrieg finden wir Gropius im buch von 1914 geäußert hatte. Er hatte damals ge-
Kreise jener Architekten und Künstler, die bereit schrieben, daß erst das "Glück eines neuen Glau-
sind, aus den sozialen Umwälzungen Konsequenzen bens" 693 die Kunst wieder zur Hochblüte zu brin-
zu ziehen: Gropius ist Mitglied des ,Arbeitsrates für gen vermöge. Dieses religiös inspirierte Kunstver-
Kunst'688, er entschließt sich, nach anfänglichem ständnis wird nun, nach 1918, zum prägenden Im-
Zögern, unter dem Decknamen ,Mass' im Brief- puls. Allerdings beschränkt sich die Anlehnung an
wechsel der ,Gläsernen Kette' mitzuexperimentie- das mittelalterliche Lebensgefühl bei Gropius we-
ren 689 , nicht zu bauen, sondern das Bauen vorzu- sentlich auf die gotische Werkgemeinschaft der
bereiten, wie er sagt. 690 Getragen ist die Emphase Künstler; überlegungen, die direkt in die Organi-
des Neubeginns von der herben Enttäuschung, sation des Weimarer Bauhauses wirkten. Entspre-
durch den Zerfall der Wilhelminischen Gesellschaft chend konkretisierte er seine Absichten in bezug
im Ersten Weltkrieg und der Neuorientierung am auf die Kunstschule und schrieb in einem Brief an
revolutionären Volk. Damit ergibt sich eine ent- den Bundesbevollmächtigten Paulsen in Weimar:
scheidende Wende im Verständnis dessen, wer je- "Die Zeit beginnt für die Erkenntnis zu reifen, daß
ner Agent des Kunstwollens sein könne, den Gro- die bisherige Salonkunst auf falschen Wegen ist,
pius vor 1914 mit aller Eindeutigkeit in der Indu- und daß wir unbedingt wieder zur Vereinigung der
strie gesehen und damit die vorherrschende Bauauf- ,Künste' (Architektur, Plastik, Malerei) kommen
gabe, die Industriebauten, in den Mittelpunkt archi- müssen mit dem Endziel: Vereinigung aller zum
tektonischen Schaffens gerückt hatte. Bau. Ich möchte in dem Weimarer Schulunter-
1919 formuliert Gropius enttäuscht seine Abrech- nehmen eine ähnliche Arbeitsgemeinschaft - na-
nung mit der Wilhelminischen Gesellschaft: türlich der veränderten Zeit entsprechend - er-
"Der intellektuelle Bourgeois des alten Reiches - zielen, wie sie im Mittelalter die Bauhütten hatten,
lau, schwunglos, denkfaul, anmaßend und verbil- in denen sich Künstler und Handwerker aller Grade
det - hat seine Unfähigkeit bewiesen, Träger einer zu gemeinsamer Arbeit zusammenfanden. "694
deutschen Kultur zu werden ( ... ). Neue geistig In diesen Äußerungen scheint der Bezug zu seinen
noch nicht erschlossene Schichten des Volkes drän- Vorkriegsthesen abgeschnitten. Erst um 1922/23,
gen aus der Tiefe empor. Sie sind das Ziel der Hoff- nachdem Itten das Bauhaus verlassen hatte, Mo-
nungen. "691 holy-Nagy die künftige Arbeit umorientierend ent-
So eindeutig in diesem Text die gesellschaftliche scheidend beeinflußte und nicht zuletzt die ,Stijl'-
Umstrukturierung empfunden wird, so unsicher Bestrebungen rezipiert worden waren, ergab sich
bleibt die daraus resultierende Veränderung in der offensichtlich wieder die Anknüpfungsmöglichkeit
baukünstlerischen Aufgabenstellung. Alles ist noch zu den Vorkriegsthemen Industrie und Technik. So
im Fluß, deshalb muß auch die Baukunst suchend gesehen erscheint diese Phase zwischen den Jahren
herausfinden, was die neuen Aufgaben sein kön- 1918 und 1922 wirklich als Zäsur. Gropius, der un-
nen, und wie sie zu gestalten sind. Gropius plädiert bestreitbar die Handwerksbegeisterung der Arbeits-
mehr für ein Suchen denn für eine praktikable An- ratbewegung mitgetragen hatte, war aber unzweifel-
leitung zur Realisation konkreter Bauaufgaben. Der haft auch am ehesten wieder bereit, sich konkreten
ihn beseelende Gedanke dagegen ist unzweideutig: Bauproblernen zuzuwenden; bei ihm erhielt sich

88
ein rationaler Zugriff, ein Ausgleich zwischen Vision Und etwas später:
und Alltag. Sicherlich dazu provoziert durch die "Ein gesundes Bauwerk bedarf genau wie der
Leitung einer Kunst- und Bauschule, mußte er um menschliche Organismus eines gesunden Knochen-
Konkretion bemüht sein. Das wird deutlich in gerüstes und das, was das Knochengerüst für den
einem Vortragsmanuskript, das er um 1919 erar- menschlichen Körper darstellt, das stellt der tech-
beitete und das seinen sachlichen Tonfall wohl nisch tektonische Anteil des Baues für dessen Ge-
auch im Hinblick auf den Adressaten erhielt. Das samterscheinung dar. Es ist ein Irrtum, das Bauen
Thema, das Gropius zu behandeln gedachte, gleichbedeutend mit der Bewältigung räumlicher
lautete: Welche Forderungen muß man von Seiten Probleme in plastischem, oder malerischem Sinne
des Privatarchitekten und schaffenden Künstlers zu halten. "699
an eine Reform der Technischen Hochschule Aus diesen Darlegungen folgert Gropius für die
s te lien ?695 Architekturausbildung eine intensive handwerkli-
Dieser Text ist gekennzeichnet von einer pragma- che Schulung, damit die ganze "spätere Berufsaus-
tischen Diktion, die kaum mit der eher schwärme- bildung mehr in den Dienst praktischer Gesichts-
rischen seiner anderen Aufsätze dieser Jahre ver- punkte" gestellt werde, und der Ausgebildete "nie-
gleichbar ist. Dort war die materiale Seite des Bau- mals ein unpraktischer Papierkünstler"7oo bleibe.
ens beinahe negiert, auf jeden Fall von der techni- Der Aufgabenbereich und die Ausbildungsanforde-
schen zur handwerklichen Meisterschaft umorien- rungen sollten der Praxis angeglichen, "keine Phan-
tiert worden. Für diese Texte gilt, daß Gropius, tasieentwürfe für irgendwen und irgendwo" er-
sobald er für die Öffentlichkeit formulierte, seine
Aussagen zuspitzte, wie beispielsweise im Arbeits-
r
richtet werden. Die letzteren seien einzi und allein
den " fertigen, großen Baumeistern"7o zuzubilli-
rat-Flugblatt zur ,Ausstellung Unbekannter Archi- gen.
tekten', in dem er geschrieben hatte: Dieser bisher unveröffentlichte Text macht die
,,(. .. ) baut in der Phantasie, unbekümmert um Haltung von Walter Gropius nach 1918 deutlicher.
technische Schwierigkeiten. Gnade der Phantasie Es geht ihm in der Tat um eine Neuorientierung
ist wichtiger als alle Technik, die sich immer dem der Architektur, aber Gropius unterschätzt durch-
Gestaltungswillen der Menschen fügt. "696 aus nicht den technisch-konstruktiven Anteil. Die
Dasselbe trifft auch für den Vortragstext von 1919 pathetisch vorgetragene Handwerksbegeisterung
zu, allerdings mit umgekehrtem Impetus. Gropius meint wohl um 1920 auch mehr eine notwendige
stellt in diesem Manuskript überlegungen zum Befähigung durch die handwerklich direkte Aneig-
Verhältnis der baukünstlerischen und bautechni- nung, die mit dem Material, den Stoffwerten und
schen Befähigung der Architekten an. Er schreibt: den Bearbeitungsmöglichkeiten von Grund auf ver-
"Wir werden schon mit Rücksicht darauf, daß un- traut macht. Gropius hat hier wohl eher eine Aus-
ser Beruf außer den technischen und künstlerischen bildungsform anvisiert, die das Schulkonzept des
Kenntnissen ein hohes Maß an Allgemeinbildung Bauhauses nach 192 3 prägte, nachdem die Rückbe-
und eine Gleichwertigkeit innerhalb der übrigen sinnung auf die maschinelle Produktion das wieder
Geistesarbeiter verlangt, an der Ausbildung unse- in die Diskussion geworfene Kunst-Technik-Problem
res Nachwuchses auf einer Technischen Hochschu- zu der Formel Kunst und Technik eine neue Ein-
le festhalten müssen. "697 heit 702 gezwungen hatte. In Gropius' Text von 1919
Und zur Konkretion der Aufgabenverteilung sowie ist die geforderte handwerkliche Schulung jener
der Rolle des technischen Wissens innerhalb des Werk- und künstlerischen Formenlehre verwandt,
Bauprozesses führt er an: die nach 1923 die Fähigkeit zur Schaffung von
"In der Vorführung und Durcharbeitung ästhetisch Formtypen ausbilden wollte, damit eine wirklich
einwandfreier Konstruktionen liegt ein Bildungs- qualitätvolle Maschinenproduktion gewährleistet sei.
moment von allergrößter Bedeutung, ist es doch Mir scheint, daß Gropius zwischen 1918 und 1923
nur zu wahrscheinlich, daß der Fortschritt der nicht ganz so ,unbekümmert um technische Schwie-
künstlerischen Entwicklung des Bauwesens eher aus rigkeiten' war, wie er es ostentativ formulierte,
der Bemeisterung der konstruktiven und techni- wenn er gleichzeitig in der Bemeisterung der kon-
schen Hilfsmittel unserer Zeit schlußfolgert, wie struktiven und technischen Hilfsmittel ,eine
aus der einseitigen Weiterentwicklung des rein For- Weiterentwicklung des Bauwesens' sah. Der Wider-
malen. "698 spruch zwischen den Vorkriegsthesen und der Ar-

89
beitsratsphase ist denn auch nicht ganz so radikal, erst erfüllt die Handwerksbegeisterung ihren Zweck,
wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Es gibt denn im der Rückbesinnung auf das Ursprüngliche
verbindende Gedanken, die unter den jeweiligen der schöpferischen Arbeit scheint ein übel des Vor-
Einflüssen geradezu antithetisch formuliert sind, kriegssystems attackiert: die Arbeitsteilung, die
sich aber aus derselben weltanschaulichen Quelle den Menschen vor dem Erwerbs- und Geschäftsprin-
speisen. Man findet bei Gropius die Faszination zip in den Hintergrund geraten ließ und nicht nur
durch die mittelalterliche Werkgemeinschaft schon die "Handwerker und Künstler in Klassen"706 teil-
vor 1914, gewissermaßen nährt sich sein Konzept te, sondern auch die Gesellschaft als Ganzes. Die-
für eine Arbeitsgemeinschaft der zersplitterten Bau- sen Gedankengang führte Gropius in der Diskus-
fachleute ex negativo aus dem Verlust der vormali- sion über das Verhältnis von Kunst, Handwerk und
gen historischen Einheit, wenn sich das 1910 auch Industrie, wie sie 1922/23 am Bauhaus zwischen
wesentlich pragmatischer in den Organisationsvor- den Meistern geführt wurde, zur Formel Kunst und
schlägen zu einer Hausbaugesellschaft niedergeschla- Technik eine neue Einheit fort, ohne daß er von
gen hatte. Es ist weiterhin die gleiche Auffassung der Maxime handwerklicher Ausbildung grund-
von der sozialen Relevanz des Architekten und sätzlich abrücken mußte. Denn die Rückbesinnung
seiner Kunst, wenn sie 1918/19 auch mit missiona- auf die Prinzipien der industriellen Produktion
rischer Beweiskraft in die Geschichte einzugreifen wurde ihm nach dem Ersten Weltkrieg lediglich
vermeinte. Und es ist die Einheit von Kunst und sinnvoll, wenn die handwerkliche Grundlage erhal-
Gespllschaft; die eine ohne die andere als nicht ten blieb. Nur der solcherart geschulte Künstler
existenzfähig gedacht. Nun allerdings vollzieht sich konnte seiner Meinung nach die Gefahren des indu-
eine wirkliche Umorientierung, denn als Träger des striellen Zeitalters bannen. Der Künstler soll - so
,Kunstwollens' hat dip Industrie - und das sind die Gropius - "kein Gegner der Maschine (sein), (. .. )
einzelnen Industrieellen - ihre kulturprägende Be- er will ihren Dämon bezwingen"707 , was er gleich-
rechtigung verloren. Für Gropius ist der Bourgeois, wohl nur kann, wenn er sich die arbeitsteilig abge-
der "moderne Wirtschaftsmensch" 703 , ein Prototyp spaltenen Fähigkeiten handwerklich, sozusagen in
jener alten Gesellschaft, der die "zweckverfluchte einem Grundlagenstudium aneignet. Dementspre-
Zeit"704 heraufbeschwor. Der Kritik verfällt nun, chend wurde die Bauhausausbildung in den kom-
was der Soziologe Wem er Sombart 1912 in seiner menden Jahren organisiert.
entwicklungsgeschichtlichen Darlegung des Kapi- Mit der Definition des Künstlers als des Maschinen-
talismus unter dem Titel Der Bourgeois so be- beherrschers, mit der Formel ,Kunst und Technik'
schrieben hatte: und nicht ,Kunst und Industrie eine neue Einheit'
,,(. .. ) da stoßen wir denn alsbald auf eine seltsame ist der Rückbezug zur Produktionssphäre ausge-
Verschiebung in der Stellung des Menschen zu den sprochen, aber gleichermaßen ein neues Verhältnis
im engeren Sinne persönlichen Werten: eine Ver- zur Industrie und der Bauaufgabe Industriebau
schiebung, die mir für die gesamte übrige Lebens- formuliert.
gestaltung von entscheidender Bedeutung gewor- Für Gropius war die Verbindung der Kunst mit der
den zu sein scheint. Ich meine die Tatsache, daß technischen Rationalität wieder notwendig gewor-
der lebendige Mensch mit seinem Wohl und Wehe, den. Eine Mißachtung der gesamtgesellschaftlichen
mit seinen Bedürfnissen und Anforderungen aus Arbeitsorganisation hätte die Künstler, die Archi-
dem Mittelpunkte des Interessenkreises herausge- tekten unweigerlich in die gesellschaftliche Bedeu-
drängt worden ist, und daß seine Stelle ein paar tungslosigkeit versinken lassen, wie das schon ein-
Abstrakta eingenommen haben: der Erwerb und mal im 19. Jahrhundert geschehen war. Die Eli-
das Geschäft." 705 minierung des "l'art pour l'art" 708 , wie Gropius
Die kulturprägende Aufgabe wird 1919 dem ,Volk' die Gegenposition in der Auseinandersetzung um
übertragen, und - wie unspezifisch der Begriff auch die Arbeitsgrundlage des Bauhauses charakterisiert
sein mag - für Gropius bedeutete er vor allem die hatte, sei eine soziale Notwendigkeit, damit man
Verkörperung der sozialen Gemeinschaft mit dem nicht in der "Eigenbrötelei versinke". "Also auf
gemeinsamen Ziel, zur harmonischen Sozietas zu die Verbindung der schöpferischen Tätigkeit der
gelangen. Nur der einende Gedanke, auch das be- einzelnen mit der breiten Werkarbeit der Welt käme
merkte Gropius vor 1914, führe der Kunst ihren es an!" 709, hatte er, in Rekurs auf seine Vorkriegs-
Gestaltungsstoff zu. In diesem Zusammenhang position, argumentiert.

90
Der Bezug zur ,Welt', also zur Gesellschaft, war in schnittsbürger oder seinem gewählten Vertreter,
der Besinnung auf die Technik, auf die industriel- dessen Haltung, Urteil und Einfluß unsicher und
len Arbeitsmethoden garantiert, die es in der künst- schwer definierbar ist. "712
lerischen Durcharbeitung, in deren Beherrschung Was sich in den Äußerungen nach dem Zweiten
zur künstlerischen Form zu entwickeln galt. "I see Weltkrieg kundtat und bereits mit größerer Skepsis
a new Gropi"710, hatte L. Feininger an läßlich die- vorgetragen wurde, ist im Jahre 1923 erst im hoff-
ser Wende im theoretischen Konzept von Walter nungsvollen Anfangsstadium begriffen, der Funk-
Gropius geschrieben. Aber es war durchaus kein tionalismus wird erst entwickelt. In einer demokra-
neuer Gropius, sondern in dieser Vorstellung der tischen Gesellschaft sind die Strukturen über ratio-
,alte', der Vorkriegstheoretiker, der hier sprach. nale Entscheidungen vermittelt, so erscheint es je-
Daß die Technik, die maschinelle Arbeit die Ge- denfalls als verfassungsrechtliche Ausprägung. Die-
sellschaft mit sich vermittele, und damit ein verein- sem Glauben an die Rationalität innerhalb sozial-
heitlichendes soziales Element wirksam werde, das politischer Entscheidungen und Prozesse entspricht
hatte sich schon in den ersten schriftlichen Äuße- im folgenden der Glaube an die rationale Lebensge-
rungen von Gropius niedergeschlagen, und nicht staltung in der Architektur. Im Funktionalismusbe-
nur er hatte daraus ästhetische Konsequenzen ge- griff tritt das Egalitätsprinzip durch wissenschaftli-
zogen. che Vernunft abgesichert in Funktion: Alle archi-
Die industriellen Arbeitsmethoden hatten einen tektonischen Aufgaben sind ihrer Funktion gemäß
egalisierenden Charakter dokumentiert; das begann zu gestalten und darin untereinander vergleichbar.
sich in der Architektursprache der modernen Indu- Die demokratische Gesellschaft jedenfalls ist das
striearchitektur anzukündigen. "Die Maschine ist zukünftige Thema der Architekturästhetik. Die
immer Kommunist"711 , schrieb später Lewis Mum- Rolle, die man in den Vorkriegsaufsätzen von Gro-
ford begeistert, worin allerdings nicht mehr zum pius durchweg der Industrie zugemessen findet,
Ausdruck kommt als die Einsicht, daß die indu- wird wie deren Bauaufgabe eher zweitrangig. An
striell-maschinelle Arbeits- und Lebensorganisation ihre Stelle tritt ein Massenproblern, der Wohnungs-
ein Gesellschaftsgefüge produziert, das der egalitä- und Siedlungsbau. Mit dieser Neubestimmung der
ren Tendenz der Maschine anzugleichen sich an- gesellschaftlich prägenden Bauaufgabe wird aber
schickt. Hierin wird schließlich die kulturtragende ein Element der Industriesphäre immer bedeuten-
Rolle der Industrie und ihrer Agenten für die Theo- der, welches wissenschaftliche Erkenntnis technisch
rie aufgelöst. Denn es geht nicht um die personelle anwendet: die maschinelle Produktion zur Herstel-
Ersetzung des ehemaligen Kunstmäzens, des Für- lung von Bautypen. Die vielen Aufsätze, die Gro-
sten durch den Industriellen, wie Gropius das noch pius in den zwanziger Jahren schrieb, dokumen-
vor 1914 gesehen hatte, vielmehr wird die Allge- tieren diesen Wandel. Seine Themen sind ebenso
meinheit, ein gesellschaftliches Gesamtsubjekt, Probleme der Bautechnologie, Standardisierungs-
das Volk, zum Träger der Kultur, d. h. des gesam- fragen, Materialdiskussionen etc. wie überlegungen
ten gesellschaftlichen Willens. In der politischen zu Wohnformen und deren sozialhygienischen Vor-
Struktur der Demokratie nach 1919, in der Volks- aussetzungen. Die Rolle der Industrie wird nicht
herrschaft sind alle Gesellschaftsglieder verfassungs- mehr unter dem Gesichtspunkt ihrer kulturprägen-
rechtlich formal gleichgestellt, kulturprägend ist den Funktion diskutiert, sie selbst tritt hinter ihre
der Bürger eines parlamentarisch organisierten Staa- spezifische Arbeitsform zurück, die als Signum der
tes schlechthin, nicht länger die - wie Gropius sie Gesellschaft das Rationalitätsprinzip in nu ce verkör-
sah - Gruppe der Industriellen. Gropius hat diese pert. Die wissenschaftliche Beherrschung von Bau-
Entwicklung, die er künstlerisch mitdurchsetzen und Gestaltungsproblemen tritt immer deutlicher
half, erst post festurn mit aller Klarheit ausgespro- in den Mittelpunkt der Gropiusschen Architektur-
chen. In seiner Dankesrede anläßlich der Verleihung konzeption, und darin knüpft er direkt an seine
des Goethepreises durch die Stadt Frankfurt führte Vorkriegsthesen an.
er 1961 aus:
"Verglichen mit der früheren Zeit der Fürsten und Der Einfluß des ,Stijl'
Mäcene steht der Architekt und Künstler in der De-
mokratie des 20. Jahrhunderts einem ganz neuen Die Rückkehr zu einem technisch rationalen Archi-
Auftraggeber gegenüber, nämlich dem Durch- tekturkonzept war eine allgemeine Tendenz. Einer,

91
der zuerst die "geschwätzige Form"713 des Expres- die allerersten großen Kunstgesetze fremd sind und
sinnismus attackierte, war Adolf Behne, der 1922 bleiben werden"721. Wie auch immer die jeweiligen
die Rückbesinnung auf die "sachlich, konzise Empfindsamkeiten zu überspitzten Formulierungen
und knappe Form"714 als Notwendigkeit postu- führten, die im übrigen - wenn auch weniger spek-
lierte. Wie sie aussehen könnte und was ihr Inhalt takulär - ebenso von Gropius gegen den Stijl zu
sei, beschreibt Behne so: hören waren: die Wirkung Doesburgs und des Stijl
"Die neue Baukunst ist offen nach allen Seiten und, ist unbestreitbar.
weil ihre letzte Form nur das bestimmende Leben Doesburg hat 1929 den ,Einfluß des Neo-Plastizis-
selbst darstellen wird, im bisherigen Sinne eine mus auf die Zentren Weimar und Berlin' als beherr-
,formlose' Architektur, Organisierung und Durch- schend beschrieben. Forbat sah das später so:
konstruierung unseres Lebens, des Lebens der Ge- "In einem Artikel in der Neuen Schweizer Rund-
samtheit - das ist letzten Endes neue Baukunst, schau 1929 behauptet van Doesburg, daß schon
die nicht mehr mit ,Formen' arbeitet, sondern mit früher ,die Erneuerungsgedanken des Stijl die
allen Wirklichkeiten selbst, nicht mehr das Leben Schwelle des Weimarer Bauhauses (. .. ) überschrit-
einzelner schmückt, sondern das Leben der Allge- ten hatten. Die Prinzipien waren durch die Zeit-
meinheit erfüllt. "715 schrift nicht bloß verbreitet, sie wurden in der
Das Verhältnis von Kunst und Leben wird von Beh- Schule auch praktisch verwertet. Die sogenannten
ne ins Zentrum der neuen Architektur gestellt und ,Würfelkompositionen' der Ittenschüler waren den
ist in dieser Formulierung von der ,Form, die das Plastiken Vantongerloos entlehnt (. .. ) usw. Wie es
Leben selbst darstellen' wird, ohne den Einfluß sich nun damit auch verhält, wuchs das Interesse
des Stijl, ohne die Diskussion mit Theo van Does- erst im Laufe des Jahres 1921 und kulminierte ab
burg undenkbar. Diesem Einfluß ist auch Walter Februar 1922, nachdem van Doesburg seinen ,Stijl-
Gropius ausgesetzt gewesen, seine Rückbesinnung Kurs' in Weimar eröffnete." 722
auf technisch-konstruktive Bauproblerne wurde Und Walter Gropius schrieb in seinem Vortragsma-
dadurch forciert. nuskript für Budapest 1934 über die Rolle des Stijl
Fred Forbat hat die Begegnung zwischen Gropius, in Weimar:
Behne, .Taut, ihm selber und van Doesburg später "der stijl brachte starke propagandistische wirkung,
beschrieben. 716 Sie kam bereits im Dezember 1920 überbetonte aber zu sehr formalistische tendenzen
anläßlich des Richtfestes der Sommerfeld-Villa zu- und gab den anstoss dazu, daß die kubische bau-
stande, van Doesburg zeigte großes Interesse an form modisch wurde. "723
den Bauhaus-Experimenten. Noch 1920, in den Daß der Stijl eine große Faszination auf einige Bau-
Weihnachtsferien, wie Forbat berichtet, kam Does- häusler, zu denen auch Adolf Meyer gehörte, aus-
burg erstmals nach Weimar. Nachdem "Adolf Meyer geübt hat, ist unbestreitbar und wurde von Werner
ihm geholfen hatte, ein Atelier in Weimar zu finden, Graeff anschaulich geschildert. 724 Gropius ist in
ließ Doesburg sich im April 1921 dort nieder."717 seiner Rückbesinnung auf industrielle Fertigungs-
über den Einfluß, den die Stijl-Ideen auf das Bau- weisen, auf die wissenschaftlich technische Form-
haus, die moderne Architektur und speziell die von findung sicherlich durch van Doesburg 725 bestärkt
Walter Gropius ausgeübt haben, ist im nachhinein worden, allerdings ist die Beeinflussung nicht
viel Widersprüchliches geschrieben worden. 718 Aus- einseitig gewesen. Sie traf bereits auf überlegun-
einandersetzungen zwischen dem Stijl und dem gen, die Gropius schon vor 1914 angestellt hatte.
Bauhaus sind daran nicht unschuldig. Vor allem Doesburgs Ideen fielen also durchaus auf bereiteten
van Doesburg hat später, nachdem sich seine Ab- Boden. 726
sichten, Lehrer am Bauhaus zu werden, wie Werner Diesen Gedanken verschaffte auch Adolf Behne Pu-
Graeff überliefert hat 719, nicht erfüllten, sehr hef- blizität. Schon 1922 machte er auf Organisationen
tig auf die Weimarer reagiert. So bezeichnete Does- aufmerksam, die sich mit der wissenschaftlichen
burg das Bauhaus 1924 als "eine Art Kehrichthau- Bauerstellung, wie er meinte, richtungsweisend be-
fen" und "dergleichen Versuche als wertlos und schäftigten. Es war "die ,Forschungsgesellschaft
lächerlich".720 Die Schuld daran treffe "in erster für wissenschaftlichen Baubetrieb' (Friedrich Paul-
Linie den Architekten Walter Gropius" und erst sen), die sich vornehmlich zur Aufgabe macht, die
"in zweiter Reihe die sogenannten Meister, denen neuen Vorschläge, für rationelle Werkzeuge und

92
Gerüste des Amerikaners Gilbreth und die Möglich- der im Begriff ,Authentizität' sich nach wie vor er-
keiten des Taylor-Systems zu studieren; ferner auf füllen sollte.
den ,Normungsausschuß für das Bauwesen', der in Seine Architektur definiert sich nämlich als unbe-
Gemeinschaft mit den Vertretern der großen Indu- dingt ,lebenswahre', weil sie sich selbst mit dem
strien Vorschläge ausarbeitet. "727 Existenzzweck anfüllen will, um für das Leben zu
Die Methoden der wissenschaftlichen Arbeitsorga- funktionieren. Das je Künstlerische ist die Raumge-
nisation sollten zur Grundlage der Architekturpro- staltung, die räumliche Organisation, die sich als
duktion allgemein werden. Gropius selber trug vernünftige durchaus als Sublimierung des bloß
nicht nur als Bauhausdirektor und freier Architekt Zweckrationalen begreift. Denn immerhin geht es
zur Durchsetzung dieser Tendenzen bei, sondern ab um Gestaltung, das heißt um Interpretation der Le-
1928 ganz direkt als Obmann der ,Reichsforschungs- bensvorgänge, und darin bewahrt sich und geht die
gesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Woh- ästhetische Absicht auf.
nungswesen'. In den vielen Aufsätzen und Vorträ- Walter Gropius begriff Architektur im Sinne Mo-
gen, mit denen Gropius in den zwanziger Jahren an holy-Nagys, der sie "als bewegliches Gebilde zur
die öffentlichkeit trat, diskutierte er mit Bestän- Meisterung des Lebens"732 definiert hatte, denn
digkeit die Probleme einer Industrialisierung der was da wie eine Maschine funktionieren sollte,
Bauwirtschaft und zumeist, wie das auch vor 1914 sollte wie diese dem Menschen dienen. In einem
der Fall war, in Paraphrasierung der einmal formu- Vortragsmanuskript von 1928 führte Gropius die
lierten Thesen. 728 Seine Architekturästhetik kulmi- Kriterien, die über den Wert einer Architektur
nierte schließlich in der Formel: "bauen: gestal- bestimmten, folgendermaßen aus:
tung von lebensvorgängen, ästhetik sekundär". 729 "Entscheidend für die Beurteilung bleibt die Fest-
In dieser Formulierung wirkt ein wesentlicher Ge- stellung, ob mit einem geringsten Aufwand an Zeit
danke der Stijl-Künstler nach, der die Kunst in das und Material ein Instrument geschaffen wurde,
Leben hineinzutragen gedachte. Der Kunstbegriff das funktioniert, das heißt, daß dem geforderten
hört darin nicht auf zu existieren, sondern erfüllt Lebenszweck ebenso gut seelische wie materielle
sich selbst mit dem Leben, worin nicht Kunst er- Absichten zu grunde liegen können. Diese Funk-
niedrigt, sondern Leben erhöht werde. Man richte- tion eines zum Leben dienenden Gebildes zu fin-
te sich damit gegen eine wie auch immer erdachte den und sie gestalterisch einzufangen, ist das Ziel
Form. Sie sollte nun Resultat des vielfältigen Le- schöpferischer Erfindungskraft. "733
bensprozesses selber sein. Der Sinn des Funktiona-
lismus war von van Doesburg so formuliert worden:
Die Verwissenschaftlichung der Architektur
"Das Leben ist eine Funktion, welche nicht ohne
Bewegung denkbar ist. Und diese letzte ist ohne Jene ,schöpferische Erfindungskraft' aber orien-
Zeit, ohne Kontinuität nicht zu erfassen. Die Le- tierte sich nicht an architektonischen Kriterien,
bensfunktion läßt sich nicht auf das Zeichenbrett sondern an der zeitgenössischen Technik. Der Funk-
in zwei Dimensionen projizieren. Das Gehen, Sit- tionalismus tendiert so in seinen Anfängen bereits
zen, Essen, Trinken, Schlafen, Arbeiten usw. ist ei- zu einer Nicht-Identität mit seinem Gegenstand
nem bestimmten Takt, einem Zeitmaß untergeord- und kündigt seine Nachkriegs-Ausprägung latent
net. Dieses Zeitmaß, das Nacheinander, bedingt die an. Michael Müller faßt diesen Zusammenhang so:
Einteilung des Nebeneinanders. "Für die heutige Architektur gilt, daß die vormals
Die zukünftige Architektur ist bestrebt, die organi- in der ästhetischen Form transformierten Verhei-
sche Einheit dieser zwei Gebiete elementar zu lö- ßungen eines humaneren Lebens zu praktisch-hy-
sen. Ich spreche hier ausschließlich von den ,physi- gienischen Verheißungen verkommen sind." 734
schen' Funktionen, aber unsere ,psychischen' Funk- Beispielhaftes Zeugnis ist ein Artikel, den Gropius
tionen spielen hierbei eine ebenso große Rolle." 730 1926 in der Werkbundzeitschrift Die Form publi-
Die Folgerung, die Doesburg daraus zog, lautete: zierte. Er bebilderte ihn ausschließlich mit Fotogra-
"Kunst wird dann Teil des allgemeinen Arbeitspro- fien von Junkersflugzeugen bzw. deren technischen
zesses und hört auf eine Illusion zu sein. "731 Details. Schon darin erkennt man einen ostentati-
Walter Gropius bewogen ganz ähnliche Motive, ven Hinweis auf seine These: "Wir haben uns all-
der Ästhetik nun eine zweitrangige Rolle zuzuwei- mählich daran gewöhnt, daß der künstlerische Ge-
sen, ohne seinen Kunstbegriff opfern zu müssen, stalter bei dem technischen Erfinder in die Schule

93
geht."735 Gropius entwickelt im folgenden, worin auch nicht mehr von Werkstätten des Bauhauses,
sich die Schaffensgebiete des Künstlers und Techni- sondern wählte nun die Bezeichnung "Laborato-
kers berühren, nämlich in der gemeinsamen Metho- rien"743. Der ästhetische Wert der Architektur wur-
de. Denn der Künstler arbeite schon seit Jahren wie de jetzt von einem ehemals ,symbolischen Aus-
der Techniker und wolle "mit allen Methoden ana- druck', den Gropius vor 1914 theoretisch noch ge-
tomischer Analyse und synthetischer Totalerfas- fordert hatte, in die Sache selbst verlegt. Ding und
sung (. .. ) dem Problem der Gestaltung auf den Ur- Ausdruck waren durch die Wesenserforschung zur
sprung (. .. ) kommen"736. Die Grundlage der künst- selben Sache erklärt. Damit war das Vorkriegspostu-
lerischen Arbeit ist also die wissenschaftliche For- lat ,Der Arbeit müssen Paläste errichtet werden'
schung; das Ziel ist, wie es van Doesburg im Begriff obsolet geworden. Industriebauten sollten nun wie
der ,mechanischen Ästhetik' meinte, "die soziale andere Gebäude Instrumente sein, die für die
Befreiung" 737 . Für Gropius ist dieses Thema der physischen, psychischen und geistigen Bedürfnisse
Befreiung durch die Künstler ins gesellschaftliche des Menschen funktionierten. Dadurch wurden die
Bewußtsein gerückt worden. Die Realisierungsmög- Bauaufgaben kompatibel. Von hier aus bekam die
lichkeiten sieht er in der "technischen Umwälzung" Stilbezeichnung ,Sachlichkeit'744, die die Dinge in
selber, dem "Werkzeug für die neue Gestaltung" 738 . der Objektivation zur Gleichrangigkeit egalisiert,
"Heute gilt alle Anstrengung der Durchdringung ihre Berechtigung.
beider Geistesgruppen, der Befreiung des schöpfe- Mit der Anlehnung an wissenschaftstechnische Ver-
rischen Menschen aus seiner neurasthenischen Welt- fahren - das waren in den Jahren um 1925 die Ra-
abgeschiedenheit durch seine Verbindung mit den tionalisierung innerhalb der Arbeitsorganisation, die
heilsamen Realitäten der Werk welt und gleichzeitig Fließbandarbeit und die Konzentration im Einsatz
der Auflockerung und Erweiterung des starren, en- technischer Mittel .. - verband Gropius ein Rationa-
gen, fast nur materiell gerichteten Geistes ihrer wirt- litätsprinzip, das er ausschließlich im Wortsinne
schaftlichen Führer. "739 verstanden hat. 1929 äußerte er in der ,Reichsfor-
Allerdings sollte "der Künstler ( ... ) kraft seines to- schungsgesellschaft : "Rationalität wurde leider viel
taleren Geistes die Initiative bewahren (. .. ), die zu oft mit Rentabilität gleichgesetzt"745 und mein-
er in dieser geistigen Auseinandersetzung ergriffen te damit die Vollstreckung eines Vernunftbegriffs,
hatte" 740 . Die Dominanz des Architekten im Ver- der sich in der Tradition der bürgerlichen Aufklä-
hältnis zum Techniker hatte Gropius auch vor 1914 rung verstand. Für ihn waren die Produkte der
gefordert. Nun allerdings dehnt er die Berührungs- Technik zuallererst Künder einer vernünftigen Le-
ebene aus, die nicht bloß organisatorisch bleiben, bensform, die Zweckloses und damit gesellschaft-
sondern direkt in die Verfahrensweisen hineinwir- lich Unnützes vermieden. Deshalb konnte die Tech-
ken soll. nik das ,Vorbild' für die künstlerische Produktion
Daraus resultiert eine wichtige Forderung für die sem.
Arbeitsweise des Künstlers, nämlich die Wesensfor- Die Forderung und Durchsetzung der Industriali-
schung, die deshalb zu betreiben sei, damit jedes sierung der Bauwirtschaft basierte bei Gropius auf
Ding "seinem Zweck vollendet diene, d. h. seine einer Technikauffassung, wie sie in der Weimarer
Funktion praktisch erfüllen (kann), dauerhaft, Republik vor allem durch sozialdemokratische
billig und wohlgestaltet" werde 741 . Theoretiker geprägt war: von der Vernunft der
Diese Arbeitsweise hat Gropius exemplarisch Technik sui generis und der ihr inhärenten Tenden-
umgesetzt. Sein Experimentierfeld war das Bau- zen zur überwindung von Herrschaft. 746 In dieser
haus. K. H. Hüter berichtet, daß Gropius nach überzeugung fanden im übrigen auch die revolutio-
dem Weggang Ittens beabsichtigt habe, "eine wis- nären Künstler Rußlands ihre Technikbegeisterung
senschaftliche Lehrkraft für Mathematik, Physik aufgehoben. Daß darin ebenso die Möglichkeit
und Chemie"742 einzustellen. Mit der Wahl Mo- einer Verengung auf einen zweckrationalen Praxis-
holy-Nagys war eine geradezu ideale Besetzung der begriff lag, der die Gefahr der Instrumentalisierung
vakanten Stelle gelungen, da dieser wissenschaft- der Menschen und der Baukunst ebenso in sich trug
liches und künstlerisches Interesse mitbrachte und wie die Chance zur Befreiung zum selbstbestimm-
so die Verbindung von Kunst und Technik in seiner ten Gebrauch, hat Gropius, nachdem er das Bauhaus
Person verband und garantierte. Sein Einfluß auf verlassen hatte, offenbar gespürt. Im Bauhausbuch
die Arbeitsorganisation des Bauhauses machte sich 12 kündigt sich im Begleittext, den Gropius zu den
schnell geltend, und Gropius sprach später denn ,Bauhausbauten Dessau' verfaßt hat, der Tenor der
94
Richtigstellung an. Was Funktionalismus eigentlich entwickelnden Massengesellschaft eröffnen: den
bedeute, wird so beschrieben: Verwaltungsbau großer Konzerne. Auch wenn die
"aber reibungsloses, sinnvolles funktionieren des beiden Entwürfe zeitlich für verschiedene Entwick-
täglichen lebens ist kein endziel, sondern bildet nur lungsphasen stehen, eint sie doch die gemeinsame
die voraussetzung, neu zu einem maximum an per- Funktionsbestimmung und das Schicksal, nie ge-
sönlicher freiheit und unabhängigkeit zu gelangen. baut worden zu sein.
die standardisierung der praktischen lebensvorgän- Zum einen handelt es sich um den Wettbewerbsent-
ge, wie sie das bauhaus anstrebt, bedeutet daher wurf für das ,Administration Building' der amerika-
keine versklavung und mechanisierung des indivi- nischen Zeitung ,The Chicago Tribune', zum ande-
duums, sondern befreit das leben von unnötigem ren um den Verwaltungsbau für den Berliner Bau-
ballast, um es desto ungehemmter und reicher konzern Adolf Sommerfeld.
sich entfalten zu lassen (. .. ). "747
Gropius' Forderung lautet deshalb, daß die Ma- Baugeschichte
schine endlich zu dem genutzt werde, wozu sie Ober dieses Projekt (Abb. 207 bis 211) des Bau-
eigentlich da sei, nämlich "Arbeitsersparnis und ateliers Walter Gropius ist bisher sehr wenig bekannt
damit Zeitersparnis zu Gunsten künstlerischer geworden. Es ist allein durch Abbildungen in der
phantasievoller Freizeitbetätigung zu schaffen" 748 . Wasmuth-Publikation Weimar Bauten, Walter Gro-
Die Technik als Emanzipationshilfe von Zwängen, piuslAdolf Meyer von 1923 und eine zeitgenössi-
die Maschine als Mittel der Befreiung -- diese Sicht- sche Fotografie des Fotoarchivs Stoedtner überlie-
weisen scheinen sozialistisch, obwohl sie von Gro- fert. Frau Sommerfield erinnert sich, "daß mit
pius in revolutionärer Konsequenz niemals zu Ende größter Wahrscheinlichkeit die alten Akten im
gedacht wurden. Kay Fisker hat den Tatbestand
Anfang der zwanziger Jahre verloren gegangen sind,
richtig benannt, als er schrieb: "Der wahre Sinn des
zum Teil durch Arisierungsmaßnahmen 1933, zum
Funktionalismus ist und bleibt ein moralischer
Teil durch Kriegseinwirkungen und Kriegsfolge-
(. .. )."749 Auf diese Intention berief sich Gropius ereignisse" 752 .
nach 1930 zunehmend, als er die Gefahren eines
An anderer Stelle etwas über diesen Bau zu erfah-
,Bauhaus-Stiles' sich anbahnen sah. Die Verabsolu-
ren, ist deshalb schwer, weil dieses Verwaltungs-
tierung der technischen Rationalität, die Gropius gebäude nicht über das Planungsstadium hinaus-
durch den Künstler allerdings gebannt meinte, kam. Außerdem trat es bisher hinter das immer-
schlich sich hinterrücks wieder in die Architektur hin gebaute Privathaus Adolf Sommerfelds in Ber-
ein. Dies hat Gropius verkannt. Wie Viele setzte lin-Lichterfelde, jener Manifestation des ersten Bau-
er auf die vergesellschaftenden Tendenzen der hauskonzepts, zurück. Dennoch soll hier auf Grund
Technik und überschätzte so ihre Macht auf die Ge- eines wesentlichen Hinweises der ehemaligen Gro-
sellschaft beträchtlich. Ernst Bloch hat das histori-
pius-Mitarbeiter Forbar7 53 und Neufert sowie der
sche Dilemma, unter das auch Gropius fiel, im Prin-
Darstellung des historischen Umfeldes dieses Pro-
zip Hoffnung bezeichnet:
jektes eine Rekonstruktion versucht werden.
"Technik ist, sofern sie Lebensmittel-, nicht Todes-
Adolf Sommerfeld war um 1910 nach Berlin ge-
mittel-Technik darstellt, cum grano salis selber
kommen. Im Berliner Adreßbuch von 1914 findet
schon sozialistisch; sie braucht mithin weniger Zu-
sich die Eintragung "Adolf Sommerfeld, Architekt,
kunftspläne als die Gesellschaft. "750
Bur. f. Bauausführung, W 9, Schellingstr. 5".754
1919 war in der Bauwelt eine Annonce zu lesen:
"A. Sommerfeld: Hoch- und Tiefbau Bauausfüh-
Das Projekt zum Verwaltungsgebäude
rungen, Eisenbetonbau. Zweigstellen in Posen/
für Adolf Sommerfeld in Berlin 1920/1922
Schneidemühl/Wilhelmshaven. Eigene Sägewerke,
Am Beginn der Bautätigkeit des Bauateliers Walter eigene Ziegelei." 755
Gropius nach dem Krieg stehen zwei Industriebau- Und in der gleichen Anzeige findet sich ein weite-
projekte, die das theoretische Konzept des Bauhaus- rer wichtiger Hinweis: "Leistung 1916-17: eine
direktors von der Handwerks- zur Technikbegeiste- Million Kubikmeter umbauter Raum."756 Die Fir-
rung begleiten und zugleich den Blick auf das Ur- ma gehörte also schon während des Ersten Welt-
bild der als sogenannte "Angestelltenkultur" 751 sich krieges zu den bedeutenden Baufirmen Berlins.

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Sie hatte ihren Sitz nach wie vor in der Schelling- Der Kontakt zu Walter Gropius ist offenbar um das
straße 5/6. Eine Annonce in der Baugilde (noch Jahr 1919 herum entstanden, und zwischen dem
unter der alten Firmenbezeichnung) vermerkt be- Architekten und dem Bauunternehmer entwickelte
reits 1922 neben der Berliner Anschrift sechs wei- sich eine Freundschaft, die in den komplizierten
tere Niederlassungen in Stettin, Danzig, Schnei- Weimarer Bauhaus-Jahren noch des öfteren von
demühl, Dragemühl, Lauenburg und Belgard. 757 Bedeutung wurde. Adolf Sommerfeld unterstützte
Um 1927/28 wurde die Firma, der inzwischen vie- beispielsweise die erste Bauhaus-Ausstellung in
le Tochtergesellschaften angegliedert waren, in "All- Weimar 192 3, indem er die Finanzierung des ,Hau-
gemeine-Häuserbau-Aktiengesellschaft von 1872 ses am Horn' nach dem Entwurf Georg Muches
Adolf Sommerfeld"758 umbenannt. übernahm. Und als sich 1924 der ,Kreis der Freun-
Der "gelernte Zimmermeister"759 Adolf Sommer- de des Bauhauses' gründete, war Adolf Sommerfeld
feld muß schon vor dem Krieg mit speziellen Holz- dessen Kuratoriumsmitglied. Der Kontakt zwischen
bauverfahren experimentiert haben, denn gleich Gropius und Sommerfeld blieb auch in den folgen-
nach Kriegsende erregte er mit einem "Blockhaus- den Jahren über gemeinsame Projekte erhalten. 765
system neuerer Art"760 vielfaches Aufsehen. Walter Gropius wurde erstmals um 1920 für Adolf
Im Zuge der Expansion dieses Betriebes zum Bau- Sommerfeld tätig. Zu diesem Zeitpunkt waren
konzern muß Sommerfelds Entschluß entstanden Neufert und Forbat gerade ans Bauhaus in Weimar
sein, das bisherige Bürohaus zu ersetzen, um ein gekommen und arbeiteten auch in Gropius' priva-
neues Verwaltungsgebäude auf einem Gelände in tem Bauatelier mit. Neufert berichtet, daß noch
der Nähe des Botanischen Gartens errichten zu las- während der Abschlußarbeiten zum Privathaus
sen, das er vermutlich um 1919 gekauft hat. Das Sommerfeld die Pläne für ein zweites Projekt ent-
Areal Limonenstraße, Asternplatz und Kamillen- standen sind, für ein siebengeschossiges Verwal-
straße, von dem hier die Rede ist, war bis 1917 noch tungsgebäude, das Sommerfeld wie sein Haus in der
Freigelände gewesen, erst um 1916/17 begann man Limonenstraße und die Häuser seiner Angestellten
mit der Bebauung der Limonenstraße. Im Berliner ganz aus Holz errichten lassen wollte. Die Wahl
Adreßbuch sind mehrere Baustellen verzeichnet j dieses Materials für ein außerordentlich dimensio-
"Neubauten A. Sommerfeld, Baugesch. "761 werden niertes Gebäude erstaunt zunächst, wird aber
jedoch erst 1921 erwähnt, zu einem Zeitpunkt al- durchaus plausibel, wenn man sich die näheren
so, da das Privathaus nach Gropius' /Meyers Entwurf Umstände dieses Projektes verdeutlicht.
im Rohbau fertiggestellt ist. Es erscheint zunächst Das Deutsche Reich war in den Jahren nach dem
unter der Adresse Limonenstraße 16/17 und erhält Krieg wirtschaftlich ausgezehrt, der Bauindustrie
später die bekannte Hausnummer 30. 1921 wird mangelte es an Baumaterialien jeglicher Art, die ka-
auch für die Straßenführung "Unter den Eichen und tastrophale Wohnungsnot versuchte man durch Be-
Kamillenstraße (West) ein Neubau Adolf Sommer- helfsbauten in sogenannten Sparbauweisen zu lin-
feld"762 angeführt, bei dem es sich vermutlich um dern. Das war die Stunde der Holzbauindustrie,
jenen Einzelhauskomplex (Abb. 212/213) gehan- die mit technisch befriedigenden Lösungen aufwar-
delt hat, den Sommerfeld nach Auskunft seiner ten konnte, vor allem mit einem Material arbeitete,
Frau für Firmenangehörige errichten ließ 763 und das zunächst durch die Reparationszahlungen nicht
der heute noch steht. Dieses inzwischen in Verges- bedroht schien. Schon am 28. November 1919
senheit geratene Projekt ist ebenfalls vom Bauatelier gründeten die verschiedenen Holzbauverbände
Gropius entworfen worden. Sommerfelds ,Gemein- einen gemeinsamen Dachverband, den ,Deutschen
nützige Baugenossenschaft Unter den Eichen' er- Holzbau- Verein'.766 Man gab ein eigenes Organ,
richtete die vier Einfamilienhäuser ebenfalls nach den Holzbau, heraus, das als Anhang zur Deutschen
dem Sommerfeldschen Blockhaussystem, und zwar Bau-Zeitung erstmals im Januar 1920 erschien. In
zeitgleich mit dem Privathaus des Unternehmers. seiner ersten Ausgabe stellte sich der neue Verein
Diese Reihenhäuser von 1920/22 sind stilistisch vor und präzisierte seine Tätigkeit in zwei Haupt-
geprägt von der handwerksbegeisterten Bauhaus- aufgaben:
phase. So ist beispielsweise die Gestaltung der "a) Die Pflege der wissenschaftlichen Tätigkeit für
Holzstützen an den Eingangsvorbauten (Abb. 214) den deutschen Holzbau.
jenen Holzschnitzereien vergleichbar, die man aus b) Das Eintreten der Gesamtorganisation der deut-
der Sommerfeld-Villa kennt. 764 schen Holzbau-Industrie bei allen Gelegenheiten,

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bei denen es von Belang ist, die Holzindustrie als gegen Nachahmung von unberufener Seite geschützt
geschlossenes Ganzes wirken zu lassen, besonders und dessen Ausführung nicht nur im Inland, son-
Reichs-, Staats- und städtischen Behörden und der dern auch im Ausland in jedem Einzelfall durch
Oeffentlichkeit gegenüber (. .. ). besondere Konzessionen gesichert ist"771 .
In enger Zusammenarbeit mit den in Frage kom- Sommerfeld konnte mehrere Siedlungen nach die-
menden Behörden und Instituten wird der ,Deut- sem System erbauen, Arbeiterwohnhäuser, die
sche Holzbau-Verein' berufen sein, Veraltetes zu des öfteren im Holzbau abgebildet wurden. Den
überwinden und - durchdrungen vom modernen Nachweis, daß auch eine luxuriöse Villa in diesem
Geist - teilzunehmen an dem wirtschaftlichen Wie- System herstellbar war, erbrachte er dadurch, daß
deraufbau Deutschlands. "767 Walter Gropius ihm ein Haus entworfen hatte,
Dazu erschien ein Artikel von Adolf Sommerfeld das Innen wie Außen die Vielfalt des Holzes de-
mit dem Titel Was will der ,Deutsche Holzbauver- monstrierte und durch die Schnitzereien einen
ein'?, der mit der Strichzeichnung einer großen geradezu feierlichen Charakter erhielt.
,Marine-Normalflugzeug-Halle' illustriert war, die Ein Prestigeobjekt gleicher Art wäre ein mehrge-
Sommerfelds Betrieb ausgeführt hatte. 768 Diese schossiger, kühn konstruierter Verwaltungsbau ge-
Halle kennzeichnet jene Bestrebungen, die die wesen, der in seinem Äußeren die beste Reklame
Holzbauindustrie in den Jahren bis 1924 verfolgt für den "Holzgroßhändler" 772 Adolf Sommerfeld
hat. Man wollte nämlich durch große Konstruktio- gewesen wäre, der in Anzeigen u. a. für ,weitge-
nen aus Holz in Konkurrenz mit für diese Zwecke spannte Holzkonstruktionen' warb.
geeigneteren Materialien die eigene Potenz auch für Daß das Projekt nicht ausgeführt wurde, mag viele
diesen Bereich des Bauens beweisen oder, wie Gründe gehabt haben. Daß dieser Verwaltungsbau,
Sommerfeld präzisierte, "auf Grund moderner wie Ernst Neufert berichtet, von dem experimen-
wissenschaftlicher Methoden das bisher außeror- tierfreudigen Adolf Sommerfeld vornehmlich als
dentlich vernachlässigte Studium des Holzes und Versuch gesehen wurde, trotz der technisch-kon-
seiner vielseitigen Verwendungs-Möglichkeiten in struktiven Probleme einen Massivbau aus Holz zu
die Baupraxis (. .. ) tragen" 769 . errichten, unterstreicht die Tatsache, daß Som-
In den vier Jahrgängen der Zeitschrift, die letztmals merfeld nach 1924, also nach Stabilisierung der
1924 erschien, lassen sich diese Absichten von den Bauwirtschaft, darauf verzichtete, überhaupt ein
hoffnungsvollen Anfängen bis zu ihrer Enttäuschung neues Verwaltungsgebäude bauen zu lassen. Das
exemplarisch nachzeichnen. Auch Walter Gropius Büro seiner Firma blieb bis zu seiner Vertreibung
schrieb, sicherlich auf Betreiben Sommerfelds, ei- aus Deutschland in der Schellingstraße 5/6. Ein
nen Beitrag über das Bauen mit Holz, der als Einlei- weiterer Grund mag aber auch darin gelegen haben,
tungsartikel zum zweiten Heft des ersten Jahrgangs daß sich der Markt für die Holzbauindustrie zuneh-
erschien. mend verschlechterte, so daß der Holzbau 192 3
In der Zeitschrift wurde fortan von vielen großen nurmehr von der ,Notlage der deutschen Holzwirt-
Hallenbauten aus Holz berichtet; beinahe stolz ver- schaft' berichten mußte und 1924 sein Erscheinen
merkte man 1921, daß die 1913 geplanten Eisen- einstellte. 773
binderhallen der Firma Breest & Co. für den Stutt-
garter Bahnhof nun erfolgreich in Holz ausgeführt
werden könnten. 77o Dies wurde als Beweis dafür Bauanalyse : Tradition und Neubeginn
gewertet, daß die Möglichkeiten, mit Holz zu Das Verwaltungshaus der Firma Sommerfeld sollte
bauen, größer waren, als bisher angenommen wor- in Lichterfelde, am ,Botanischen Garten', wie Gro-
den war. In dieser Atmosphäre muß Sommerfelds pius/Meyer vermerkten, am Asternplatz, wie Ernst
Plan entstanden sein, seinen neuen Großbau aus Neufert konkretisierte, also in einem Außenbezirk
Holz errichten zu lassen, um an einem solchen des neu gegründeten Groß-Berlin entstehen; es war
Projekt die Materialpotenzen dieses Baustoffs und demnach kein City-Projekt. Die Ansichten, die bis-
damit die Leistungsfähigkeit seines Betriebes zu her zu diesem Bau bekannt wurden, sind Fotogra-
demonstrieren. Aus ähnlichen Motiven hatte er fien des Modells und eine Grundrißzeichnung
sicherlich sein Privathaus nach dem von seinem (Abb. 206).774 Aus diesen Vorlagen läßt sich ent-
Betrieb entwickelten Blockhaus-System errichten nehmen, daß sich die Architekten bei der Planung
lassen, "das durch Reichs-Gesetz-Musterschutz an einen Straßen- bzw. Platzverlauf hielten, wie

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zwei Ansichten von der Bahnseite (Wannseebahn, Es ist also nicht mehr die totale Praxis-Abstinenz,
eine von der Straße) erkennen lassen, die als solche die man im Arbeitsrat sonst von ihm hörte. Da es
von Gropius/Meyer bezeichnet worden sind. Walter aber an Baumaterialien mangelt, nimmt er die
Gropius und seine Mitarbeiter entwickelten für die- Anregung seines Auftraggebers offenbar bereitwil-
ses Bürohaus eine zweihüftige Anlage um einen lig auf und argumentiert nun:
rechteckigen, sicherlich repräsentativ auszustatten- "Zahllose Hände sind bereit zum Bauen; aber wo-
den Lichthof - ein beliebtes Motiv der Geschäfts- mit? Sie können sich noch nicht wieder losmachen
hausarchitektur -, an dessen Längsseiten die Ver- von den alten Baugewohnheiten in Stein und Eisen,
sorgungseinheiten geplant waren: zwei Aufzüge von sie warten und klagen, daß ihnen der Stoff zum
jeweils einer dreiläufigen Treppe umfaßt, hinter de- Bauen fehle. Wie kann ihnen geholfen werden? Nur
nen die sanitären Einrichtungen liegen sollten. Die- wenn wir vieles vergessen, was einst möglich war
ser eigentliche Bürotrakt grenzt an einen Innen- und heute Utopie ist; wenn wir ohne zopfige
hof, der von einem mehrgeschossigen Flügelbau und Aengstlichkeit alte Vorurteile beseitigen, wenn wir
flachen Garagenbauten umschlossen sein sollte. die unzeitgemäßen Schranken der baupolizeilichen
Ein einfacher Grundriß differenziert sich im Au- Reglementierung entschlossen umwerfen und das
ßenbau zu einem abgestuften Bautenensemble: der Problem der Baustoffrage tatkräftig da anpacken,
Bürotrakt war siebengeschossig, der Seitenflügel da- wo es allein lösbar ist: In der Verwendung von
gegen nur sechsgeschossig geplant worden, beide Holz. Holz ist in ausreichender Menge vorhanden,
überragt von dem zum Turm überhöhten mittle- und ist unabhängig von Kohle und Industrie. Holz
ren Versorgungsteil. In dieser Höhenabstufung und ist ein wundervoll gestaltungsfähiges Material und
durch leicht vor die Bauflucht gezogene Gebäude- entspricht in seiner Art so recht dem primitiven
teile, durch abgerundete verkröpfende Balkons mit Anfangszustand unseres sich neu aufbauenden Le-
der rückwärtigen Wand verbunden oder an anderer bens. Holz ist der Urstoff des Menschen, der allen
Stelle durch rechteckige Balkons den einen vom an- tektonischen Gliedern des Baues genügt: Wand, Bo-
deren Gebäudetrakt kantig absetzend, ergibt sich den, Decke, Dach, Säule und Balken, der sich sä-
ein Baukomplex, der die Massigkeit durch funktio- gen, schnitzen, bohren, nageln, hobeln, fräsen, po-
nal begründete Abgrenzung einzelner Bauteile von- lieren, beizen, einlegen, lackieren und bemalen
einander auflockern konnte. Damit klingt ein Prin- läßt."777
zip an, das man an der ,Landmaschinenfabrik Gebr. Neben dem Argument der Verfügbarkeit sind also
Kappe & Co.' in Alfeld (Abb. 215) noch deutlicher dominant die handwerklichen Bearbeitungsmög-
ausgeprägt findet und für Gropius' Eisen-Beton-Glas- lichkeiten des Materials, denn am Holz scheint ur-
Bauten in den zwanziger Jahren typisch wurde. sprüngliche Gestaltung möglich, die so ganz dem
Die Begründung dafür, daß dieser Entwurf trotz- Glauben an den sozialen Neubeginn entsprechen
dem der direkten Nachkriegsphase (der sogenann- soll. Allerdings fordert Gropius formalästhetisch
ten ,expressionistischen') in Gropius' Schaffen ver- Konsequenzen:
pflichtet sei, liegt also weniger in der Gestalt des "Die neue Zeit braucht die neue Form. Wir müssen
Außenbaues als vielmehr in der ursprünglichen Ab- das Holz wieder neu erleben, neu erfinden, neu ge-
sicht, ihn in Holz ausführen zu wollen. Für Gropius stalten, aus dem eigenen Geist heraus und ohne
war dieses Material ein besonderes, und seine Äuße- Nachahmung alter Formen, die uns nicht mehr ent-
rungen darüber sind in jenen Jahren gleichermaßen sprechen. "778
weltanschaulich wie die über das Material Glas. 775 Dieses Beharren auf der neuen Form, die Ableh-
Im Februar 1920 veröffentlichte die Zeitschrift des nung traditioneller Holzbauweisen, wie z. B. der
Deutschen Holzbau-Vereins, Gropius' Artikel mit Fachwerktradition, die um 1920 gleichfalls propa-
dem Titel Neues Bauen. Die Gedanken zur gesell- giert wurde, zeigt die Denkweise des Architekten
schaftlichen Situation sind die gleichen, die er in Gropius, wie man sie aus der Vorkriegszeit kennt.
den Schriften zwischen 1919 und 1922 auch an an- Er kann gar nicht anders als für das von ihm zur
derer Stelle äußerte. Aber er macht hier ein Zuge- ,Primitivität' ideologisierte Material eine Architek-
ständnis : tursprache zu fordern, die ihm authentisch er-
,,,Bauen'! ist die Forderung der Stunde, bauen im scheint. Authentizität aber besitzt eine Form für
geistigen wie im materiellen Sinn, und beides ist ihn nur dann, wenn sie die soziokulturellen Erschei-
untrennbar. "776 nungen der Maschinenzeit auszudrücken versteht.

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Ein Widerspruch in sich? Der korrekte Gropius, Ob Gropius in seinem Bekenntnis zur Primitivität
der die Materialgerechtigkeit der Form einforderte, des Holzbaus aus der Not eine Tugend gemacht hat,
ungehorsam gegen seine eigenen Gebote? sei dahingestellt. Für den Holzbauindustriellen
Dieser Widerspruch zwischen Material und Form ist Sommerfeld jedenfalls war das Projekt eines massi-
nur scheinbar und läßt die angesprochene Material- ven Holzgeschoßbaus ein technisches Experiment
wesenheit als Weltanschauungsgerüst erkennbar und schon als solches interessant. In seinem Betrieb
werden. Denn es ist zweifellos festzustellen, daß wurde das geleistet, was Gustav Adolf Platz 1930
Gropius im Projekt zum Bürohaus Sommerfeld beschrieb, daß "der Ingenieur durch exakte Berech-
die architektonische Phantasie einbindet, sie orien- nungsmethoden auch diese Bauweise aus dem
tiert an den Anforderungen der technischen Ratio- Dornröschenschlaf zu neuem Leben"779 hatte er-
nalität. In dieser Planung setzt sich nämlich eine wecken können. In diesem Gebäude mit einer sach-
wesentliche Bestimmung des Industriebaus wieder lich funktionalen Formensprache hätte sich der
durch: das rationale Planungselement der Funk- Sommerfeld-Betrieb durchaus als technisch versier-
tionslinie, welches bei dieser Organisation admini- tes Unternehmen darstellen können. Der sechs-
strativer Arbeit von einem Zentrum aus gedacht bzw. siebengeschossige Bau mit den vielen kleinen
wird, um das die Arbeitsräume in Höhenausdeh- Fenstern - Fensterbänder, wie sie Gropius in sei-
nung gruppiert sind. In der vorherrschenden Verti- nen anderen Industriebauten aus Eisenbeton später
kale, in der Zentrierung der Raumfolgen erweist vornehmlich verwendete, waren hier nicht möglich
sich eine Bestimmung des Verwaltungsbaus eben- - wäre in seiner Konstruktion eine kleine techni-
falls als formprägend, nämlich der Anspruch, reprä- sche Sensation gewesen, und darauf hat Sommer-
sentative Funktionen erfüllen zu sollen. Es kommt feld bei diesem Projekt sicher gerne gehofft. Es
für die Raumfolge daher zu einer Angleichung von ging ihm wesentlich darum, die konstruktiven Mög-
Funktions- und Ideallinie in der vertikalen Mittel- lichkeiten des Holzbaus zu demonstrieren. Die Re-
achse. Die Möglichkeit, dies in eine wertende Ar- klamewirkung dieses Gebäudes wäre deshalb von
chitektur nach außen zu projizieren, wird aber von ganz besonderer Art gewesen: ein technisches
Gropius bewußt unterlaufen. Er konstruiert die er- Ereignis ebenso wie eine Architektur mit semanti-
wähnten Abstufungen im Baukörper, die asymme- schem Gehalt.
trischen Fensterfolgen, so daß der Eindruck einer Es muß an dieser Stelle noch einmal auf die Datie-
auf Frontalität und Achsenbezüge angelegten Wir- rungsfrage eingegangen werden. Nach Auskunft
kung immer wieder konterkariert wird. von Ernst Neufert handelt es sich bei dem uns be-
Im Chicago-Tribune-Entwurf, wenn auch im Bau- kannten Modell um den ursprünglichen Entwurf
ausschreibungstext vorgegeben, wird dann die zen- von 1920, der allerdings in der Literatur ins Jahr
trale vertikale Mittelachse zum Typus Bürohochhaus 1922 verlegt ist 780, eine Datierung, die auf Grund
ausgeprägt werden. Auch dort aber ist, wie später der formalen übereinstimmungen mit dem Gebäu-
zu zeigen sein wird, der Raumbezug in der Außen- de für die Firma Gebr. Kappe, das ja erst 1922
gestaltung egalisiert. entworfen wurde, naheliegt. Denn wir finden auch
Beim Sommerfeldentwurf findet man dann ein Ge- hier die Staffelung des Baukörpers in der Höhen-
staltungsmittel wiederaufgenommen, welches das ausdehnung über einem einfachen rechteckigen
Fagus-Werk und die Werkbundfabrik so offenkun- Grundriß, die gleichen axial aufeinander bezogenen
dig zum Angriff auf die Tradition hatte werden Fenster, die hier wie dort durch Weglassung und
lassen. Die Ecklösungen sind durch die runden Einsetzung von Wand stücken die Asymmetrie der
Balkons betont mit der Absicht, den monolithisch Wandgestaltung bewirken. Zweifellos ist die gleiche
wirkenden Baukörper ebenso aufzusprengen, wie Architekturauffassung wirksam. Trotz dieser
das zuvor die verglasten Ecklösungen geleistet Gleichartigkeit der Körpergestaltung darf aber
hatten. Da diese eckumgreifenden Balkons hier nicht übersehen werden, daß beim Sommerfeldent-
ebenso wie am Projekt der Chicago Tribune, aber wurf z. B. die Möglichkeit der frei auskragenden
auch am Bauhausgebäude in Dessau, am Wohn- Betonplatte als Balkonstück noch nicht gedacht
hausblock im Berliner Hansaviertel oder an denen wurde, vermutlich deshalb, weil sie im Bestreben,
der Gropiusstadt erscheinen, wirken sie beinahe mit Holz bauen zu wollen, undenkbar blieb. Diese
wie ein Siegelzeichen der Arbeiten dieses Archi- Idee setzte sich eben vollständig erst im Kappe-Ge-
tekten. bäude und im Chicago Tribune-Entwurf durch. Die

99
unübersehbare Gleichartigkeit in der Gestaltung ver- Ausstellungsgebäude für die großen Landmaschinen
deutlicht uns vor allem die Zeittendenz, die mehr dienen. 784 Der Standort des neuen Baus lag dem
und mehr zu einer Baugestalt drängte, die, wie Ar- Bahnhof Alfeld verkehrstechnisch günstig gegen-
gan ausführte, das "Prinzip der Symmetrie und ei- über an der gemeinsamen Grundstücksgrenze mit
ner Mittelachse (. .. ) durch das Prinzip der Mehr- der ,Schuhleistenfabrik Carl Behrens'.
zahl von Achsen und Gleichgewichtszentren ersetzt, Es ist heute ein kleines Erlebnis, auf dem Dach die-
die wechselseitige Kompensation der ,Proportio- ses Gebäudes herumzuspazieren, denn man erfährt
nen' durch die Kontinuität des Rhythmus ( ... )"781. wie im Zeitraffer ein Stück Industriearchitekturge-
schichte. Man hat nicht nur einen Gropiusbau un-
ter seinen Füßen, sondern auch noch zwei weitere
Das Lager- und Ausstellungsgebäude
Fabrikgebäude von Gropius vor Augen, nämlich
für die Landmaschinenfabrik ,Gebr. Kappe & Co.'
jenseits der Bahngeleise das ,Fagus-Werk Carl Ben-
in Alfeld a.d. Leine 1922
scheidt' und im Nordosten den auf Rudimente zu-
Der Bau, in dem sich diese Zeittendenz zuerst voll sammenrationalisierten Fabrikationsbau der ,Han-
ausprägte, war das Lager- und Ausstellungsgebäude noverschen Papierfabriken' (Abb. 249), den das
für die Landmaschinenfabrik Gebr. Kappe & Co. Bauatelier Gropius ungefähr zeitgleich mit dem
(Abb.215 bis 229). Fred Forbat, der seit dem Kappe-Bau plante. Außerdem liegt das große Kon-
1. September 1920 im Baubüro von Gropius kurrenzunternehmen des Fagus-Werks, die Schuh-
arbeitete, berichtet in seinen unveröffentlichten leistenfabrik Carl Behrens, in unmittelbarer Nähe,
Erinnerungen: ein typischer Ziegel-Pu tz-Bau des späten 19. J ahr-
"Als ich mich Anfang Februar 1922 wieder im Ate- hunderts von Eduard Werner, dem Architekten, der
lier meldete, erwartete mich eine überraschung. Es die Planung des Fagus-Werkes nicht unwesentlich
war inzwischen ein Auftrag für eine Fabrikanlage in beeinflußt hatte.
Alfeld a. d. Leine eingelaufen, in der selben Stadt, Die eigentliche Baugeschichte der Landmaschinen-
wo zehn Jahre früher Gropius und Meyer die be- fabrik Gebr. Kappe & Co. ist aufgrund des Verlu-
rühmt gewordenen Faguswerke entworfen hatten. stes der Bauakten nur schwer zu rekonstruieren.
Meyer hatte schon begonnen, daran zu skizzieren, Ein Hinweis auf den möglichen Baubeginn läßt sich
ohne aber zu einem richtigen Griff gekommen zu dem Artikel Adolf Behnes im Dezemberheft des
sein. Nun wollte Gropius die Arbeit mit mir im be- Zentralblattes der Bauverwaltung von 1922 entneh-
sonderen machen, und so wurde beschlossen, daß men, in dem er auf neue Projekte von Gropius hin-
ich nicht nach Berlin zurückkehren, sondern nun- wies: "Als Pläne liegen vor: Haus Kallenbach im
mehr in Weimar arbeiten sollte (. .. ). So ging ich an Grunewald, Speicher Kappe in Alfeld und ein Ver-
die Arbeit, und bald gelang es mir, für den großen waltungs- und Bürohaus in Dahlem. "785 Daraus ist
Lagerspeicher in Eisenbeton der Firma Gebr. Kap- zu schließen, daß die Entwurfsarbeiten abgeschlos-
pe & Co. (. .. ) ein recht gut gelungenes Skizzenpro- sen waren, mit den Bauarbeiten offensichtlich aber
jekt zu machen, mit dem Gropius sehr zufrieden noch nicht begonnen worden war. Forbat, der ja
war. Es konnte ohne Änderung weiterbearbeitet das erste Skizzenprojekt geliefert hatte, war schon
werden."782 seit Ende April 1922 nicht mehr mit dem Kappe-
Was Forbat in seinen ,Erinnerungen' etwas mißver- Projekt beschäftigt, denn er hatte Gropius gebeten,
ständlich als Lagergebäude bezeichnet, ist in Wahr- "direkter an der Arbeit des Bauhauses beteiligt"786
heit ein recht imposantes mehrgeschossiges Gebäu- zu werden. Forbat schrieb dazu 1967 in einem
de, das die ,Landmaschinenfabrik Gebr. Kappe & Brief an K. H. Hüter, daß er "die Arbeit an der Fa-
Co.', auf Vermittlung des Fagus-Werk-Inhabers Carl brikanlage Kappe, Alfeld alL, an der ich ab Februar
Benscheidt vom Bauatelier Walter Gropius entwer- gearbeitet hatte" 787 , einstellte, um mit dem 1. Mai
fen ließ. 783 Die Firma hatte sich 1922 entschlos- in der ,Bauhaussiedlung G.m.b.H.' tätig zu wer-
sen, auf ihrem weitläufigen Fabrikareal anstelle des den. 788 Walter Gropius hatte also dem Wunsch For-
alten ,Lagerschuppens für fertige Maschinen' ein bats entsprochen, so daß die Detailpläne bereits
neues Lagergebäude errichten zu lassen, das - und von anderen Mitarbeitern Gropius' ausgearbeitet
wohl deshalb wandte man sich an ein renommiertes wurden, denen wohl auch das behördliche Geneh-
Architekturbüro -- auch repräsentative Funktionen migungsverfahren um die Jahreswende 192 2/23 ob-
zu erfüllen hatte; es sollte nämlich gleichzeitig als lag.

100
Das Schicksal dieses Gropius-Baus war wechselhaft, 1925 von den "lebhaft reflektierenden Glasflächen
und es ist verwunderlich, daß er überhaupt noch der breiten Fensterbahnen in rot abgesetzten Eisen-
steht. Selbst die Veränderung, die der spätere Besit- rahmen" 792 , die die unverputzten Eisenbetonwän-
zer, die Firma Gustav Alborn, durch den Anbau ei- de beleben (Abb. 221 bis 229). Und die Deutsche
nes Siloturmes (Abb. 230) vornehmen ließ, haben Bauzeitung schrieb 1928:
den Charakter des Gebäudes kaum verfälscht. Man "Die grauen unverputzten Betonwände geben viel-
kann sich also auch heute noch ein klares Bild von mehr mit dem rotgestrichenen eisernen Sprossen-
diesem vier- bzw. fünfgeschossigen Eisenbetonbau werk der Fenster und den hellblinkenden Fenster-
machen, der 1922/23 in dem Städtchen Alfeld scheiben eine ganz vorzügliche Farbenharmonie. "793
wohl eine kleine Sensation darstellte. Bis heute Dennoch entbrannte in den folgenden Jahren ein
nämlich hat sich die Bezeichnung des Gebäudes heftiger Streit zwischen den Bewohnern Alfelds,
als ,Hochhaus' im Alfelder Sprachgebrauch erhal- vertreten durch ihren Bürgermeister und die Firma
ten. Gebr. Kappe & Co. Man stritt um die fehlenden Tü-
Wann der Lager- und Ausstellungsbau der Landma- ren und Fenster im Gebäude sowie die mangelhafte
schinenfabrik bezugsfertig war und ob er überhaupt Fertigstellung der Fassade. Was damit gemeint ge-
vor 1931/ 32 ganz und gar fertiggestellt wurde, dar- wesen ist, läßt sich leider aus den Fotografien jener
über gibt es widersprüchliche Informationen. Gro- Jahre nicht entnehmen, sie alle zeigen das Gebäude
pius selber verlegte die Fertigstellung des Gebäudes in bezugsfertigem Zustand. Der Briefwechsel wider-
in das Jahr 1924. So ist es einer Replik aus dem legt jedoch den Augenschein, und auch heute noch
Jahre 1928 zu entnehmen, in der er schrieb: erinnern sich die Besitzer des Lagergebäudes daran,
,,(. .. ) der ebenfalls abgebildete speicherbau der daß man es wirklicn erst Anfang der dreißiger Jahre
landwirtschaftlichen maschinenfabrik kappe, al- vollendet hat. Zum Beleg möchte ich ein Doku-
feld, wurde bereits im jahre 1924, nicht wie der ment anführen, das mir vor allem aufgrund seines
herr verfasser annimmt, erst in diesem jahre fertig- atmosphärischen Gehalts interessant erscheint. Es
gestellt. "789 spiegelt die Situation einer Kleinstadt ebenso wie
Die Hildesheimer Allgemeine Zeitung hatte 1925 die Krise eines mittleren Betriebes nach dem
über das Kappegebäude unter Hinweis auf das "erst Wirtschaftskrach von 1929. Es handelt sich um
kürzlich von Weimar nach Dessau übergesiedelte einen Brief, den der Treuhänder der Firma Gebr.
Bauhaus" berichtet und geschrieben~ Kappe & Co. an das Alfelder Landratsamt im
"Der Neubau der Landmaschinenfabrik Gebr. Kap- Jahre 1931 schrieb:
pe (. .. ) ist erst in diesem Jahr fertiggestellt wor- "Gegen die Verfügung der Polizeiverwaltung Alfeld
den."79o vom 15. April (. . .) lege ich namens der Firma
Gropius hatte als Bauhausdirektor die endgültige Gebr. Kappe & Co. hiermit
übersiedlung der Schule von Weimar nach Dessau
mit dem Gemeinderat der Stadt am 1. April 1925 Beschwerde
vertraglich besiegelt. 791 Der Verweis auf den Um- ein und beantrage, die angeordnete Anbringung
zug des Bauhauses macht deshalb die Datierung von Türen und Fenstern an dem Neubau, am Bahn-
durch die Zeitung glaubwürdig, die durch die hof Nr. 4, aufzuheben.
jetzt aufgetauchten Privatfotos von Gropius als ge- Begründung
sichert gelten kann. Eine Begründung der bisheri- Die Anbringung von Tür und Fenster würde, wie
gen Verwirrung ist darin zu finden, daß dieses Ge- durch Nachfrage bei den betreffenden Handwer-
bäude offenbar nur im großen und ganzen als fer- kern festgestellt ist, eine Summe von mehr als
tiggestellt zu betrachten war. Die Landmaschinen- 2000,- RM. verschlingen. Berücksichtigt man, dass
fabrik Gebr. Kappe & Co. war sehr bald nach Bau- die liquieden Mittel der Firma so gering sind, dass
beginn in Liquiditätsschwierigkeiten geraten, wie es nicht mal die Angestellten-Gehälter voll gezahlt
ein Briefwechsel aus den Jahren 1931/32 doku- werden können, und dass die Gläubiger der Firma
mentiert. Aus diesen Unterlagen geht weiterhin mit einem ganz bescheidenen Betrage sich begnü-
hervor, daß der Bau nur mangelhaft fertiggestellt gen müssen, so kann man die Auflage der Polizei-
gewesen ist, obwohl zwei zeitgenössische Zeitungen verwaltung in der jetzigen wirtschaftlich schweren
ihn sehr anschaulich beschrieben haben. Zeit nicht begreifen, geschweige denn, billigen.
Die Hildesheimer Allgemeine Zeitung berichtete Wenn wirklich jemand aus dem Publikum an dem

101
jetzigen Zustande Ärgernis gefunden hat, so kann Mai 1931 als erledigt anzusehen und bitte um
die subjektive Empfindung einzelner Leute, die von Rückgabe der mit dem Schreiben übersandten Un-
der trostlosen Armut der Industrie keine Ahnung terlagen. "795
haben, nicht dazu führen, sterbende Unternehmen Heute wird das ehemalige Lagerhaus der ,Landma-
zu veranlassen, wirtschaftlich ungerechtfertigte schinenfabrik Gebr. Kappe & Co.' vielfältig genutzt.
Ausgaben zu machen, um durchaus in Schönheit Es dient der Eigentümerin ,Getreide- Futter- und
sterben zu sollen. Bei objektiver Beurteilung der Düngemittel Gustav Ahlborn' weiterhin als Lager-
Sachlage kann man nicht finden, dass die dortige gebäude, außerdem sind die oberen Stockwerke an
Gegend, die sich durch nichts auszeichnet, was sie andere kleine Produktionsbetriebe vermietet. Alle
zu einer landschaftlich hervorragenden machen Benutzer sind sich allerdings heute darin einig, daß
könnte, durch den bisherigen Zustand gröblich ver- das Gebäude besser abgerissen werden sollte. Sein
unstaltet wird. In dem Gesetz vom 15. Juli 1907 ist Zustand ist miserabel, zumal sich nach einigen
nämlich ausdrücklich betont worden, dass das Orts- Hochwasserschäden die Benutzbarkeit nicht gerade
bild gröblichst verunstaltet werden müsse. Ob die verbessert hat (Abb. 230 bis 232). Daß es immer
Bestimmungen des Ortsstatuts, wonach schon blos- noch steht, ist finanziellen Gesichtspunkten zu ver-
se Verunzierungen ausreichen, gültig ist, 'erscheint danken: es sei nämlich zu teuer, so hört man, den
zum mindesten zweifelhaft, da eine Verunzierung Eisenbetonbau abzureißen.
noch keine gröbliche Verunstaltung ist.
Im übrigen mag darauf hingewiesen werden, dass
die aesthetische Gestaltung vielleicht von einem in
Der Wettbewerbsentwurf für ein
geordneten Verhältnissen lebenden Eigentümer ge-
Verwaltungsgebäude der ,Chicago Tribune' 1922
fordert werden kann, dass es aber ein Unding ist,
(Abb.237-240).
von einem völlig verarmten Unternehmer zu verlan-
gen, die letzten vorhandenen Mittel, den begründe-
Der Wettbewerb:
ten Ansprüchen der Gläubiger zu entziehen, um ,A 100000 Dollar Competition'796
nach aussen hin mit den Gebäuden einen guten
Eindruck zu machen. Das fragliche Gesetz über die Der Umschwung zur Technikbegeisterung im Werk
Verunstaltung des Ortsbildes, ist mit Vorsicht an- von Walter Gropius und seines Mitarbeiters Adolf
zuwenden. Diese Vorsicht gebietet, im vorliegen- Meyer war im Entwurf zum Verwaltungsgebäude
den Fall die Interessen der vielen Gläubiger der Fir- der amerikanischen Zeitung The Chicago Tribune
ma Gebr. Kappe & Co. zu berücksichtigen und de- besiegelt. Daß es sich dabei um ein Projekt inner-
ren schutzwürdige Interessen denen einiger emp- halb der USA handelte, dem Schlaraffenland für
findsamer Kaffeehaus-Ästheten vorzuziehen. die nach bautechnischen Experimenten hungern-
Auch darauf soll noch hingewiesen werden, dass den jungen Architekten, wird diesen Prozeß unter-
Unterhandlungen wegen des Verkaufes des fragli- stützt haben. Schon die ausgesetzten Prämien ver-
chen Gebäudes schweben. Es wäre leicht möglich, wiesen auf nie gekannte Dimensionen. So war in
dass die Reflektanten die jetzt verlangten kostba- der Juli-Nummer 1922 in der Zeitschrift des Bun-
ren Fensterscheiben nicht brauchen und dass dop- des der Architekten, Die Ba ugilde , folgendes zu le-
pelte und unnütze Ausgaben entstehen würden. sen: " 100 000 Dollar Preise für Architekten. "797
(. . . ). "794 Unter dieser fettgedruckten überschrift ließ das
Ob der Verfasser mit einer grundsätzlichen Verän- Management der Zeitung den Wettbewerb für ein
derung des Baus rechnete, läßt sich nur vermuten. neu zu errichtendes Verwaltungsgebäude, "welches
Jedenfalls ging er bald in den Besitz eines "Kaffee- ein Denkmal unvergleichlicher Schönheit darstellen
haus-Ästheten" über, so daß der Alfelder Bürger- soll"798 , in Deutschland ankündigen.
meister dem ,Herrn Landrat' am 6. Januar 1932 Der Anlaß war das 7 5jährige Bestehen der Zeitung,
mitteilen konnte: die zum ersten Mal am 10. Juni 1847 799 erschienen
"Nachdem der Maschinenbauer Erich Dörries in AI- war. Nun sollte nach Jahren uneingeschränkter
feld das Kappe'sche Ausstellungsgebäude erworben Prosperität der Unternehmensleitung ein neuer,
hat und nach einem hier vorliegenden Bauantrage würdiger Rahmen gegeben werden. Was man sich
die Fassade der früheren Genehmigung entspre- vorstellte, formulierte die Public Relations-Abtei-
chend fertigstellen will, ist mein Schreiben vom 13. lung der Zeitung rückblickend so:

102
"It had for its prime motive the enhancement of winnchancen zu verdeutlichen, hatte die Chicago
civic beauty; its avowed purpose was to secure for Tribune in ihrer Ausgabe vom 17. Juni 1922 ge-
Chicago the most beautiful office building in the schrieben: "Make for the Tribune a picture of the
world. "soo most beautiful building in the modern world and
Die Zeitung war zu Anfang ihres Bestehens in ver- the prize is won. "Sll Für die Beteiligung der deut-
schiedenen Gebäuden nacheinander untergebracht schen Architekten setzten sich vor allem der Bund
gewesen und hatte 1869 ihr erstes eigenes vierge- Deutscher Architekten (BDA) ein und dessen Zeit-
schossiges Verlagshaus bezopen, das damals 250 000 schrift Die Baugilde, die in ihren Ausgaben wäh-
US-Dollar gekostet hatte. so Dieses Gebäude wurde rend der Sommermonate eingehend über den
1871 im großen Brand von Chicago zerstört, da- Ablauf des Wettbewerbs berichtete. Einen Teil der
nach, um ein Stockwerk erhöht S02 , wieder aufge- 100 000 US-Dollar zu gewinnen - dem Sieger
baut. Es war ein Gebäude, das in einer Straßen- winkten 50000, dem zweiten und dem dritten
randbebauung aufging, im Erdgeschoß mit Arka- Preisträger 20000 bzw. 10000 US-Dollar _SI2,
den, darüber eine zeittypische historistische Wand- wäre für einen deutschen Teilnehmer im wirtschaft-
gestaltung. Dieser Bau wurde 1902 abgerissen, da- lich ausgezehrten Nachkriegsdeutschland wie ein
mit an seiner Stelle an der Kreuzung der Madison Lottogewinn gewesen, zumal der Dollar im Gegen-
und Dearborn Street ein weiträumigeres Gebäude satz zur inflationserschütterten Mark wie pures
entstehen konnte, das jetzt bereits eine Bausumme Gold erscheinen mochte. S13 Am 6. September ver-
von beinahe 2 Millionen US-Dollar verschlang. Die- öffentlichte Die Baugilde den ersten Teil der
ser Bau war ein 15stöckiger Hochhausturm im Chi- Wettbewerbsausschreibung in deutscher Sprache:
cago-Stil, wie er Ende des 19. Jahrhunderts durch "Die Chicago Tribune beabsichtigt die Errichtung
Louis Sullivan oder Holabird und Roche üblich ge- eines Geschäftshauses auf ihrem Grundstück in der
worden war. S03 1920 hatte man dann ein weiteres North Michigan Avenue zur Unterbringung ihrer
Gebäude am Michigan Boulevard und an der Austin Druck- und Verlagsabteilungen. Das Projekt soll
Avenue gebaut. Dieser mehrgeschossige Bau ,The vergrößerten Raum für die ständig wachsenden Ab-
Tribune Plant' (Abb. 234), also die Produktionsan- teilungen, die jetzt im Stammgebäude tätig sind,
lage der Zeitung, war ein strenger, einfacher Bauku- umfassen. Das neue Gebäude wird gerade vor dem
bus mit zwei aufragenden Turmaufbauten, eine Hauptgebäude errichtet werden, mit einer Front
funktionale Weiterentwicklung der Formen der von 100 Fuß. Am Michigan Boulevard wird das
klassischen Chicago Schoo!. S04 Vor diesem Gebäu- Hauptquartier dieser großen Weltstadt-Zeitung wer-
de, das "for the swift and efficient production of den. Außer weitgehenden Möglichkeiten für gegen-
Tribunes"sos errichtet worden war, befand sich ein wärtige Unternehmungen muß das Gebäude den
unbebautes Areal (Abb. 236), auf dem das neue zukünftigen Ausdehnungen aller Abteilungen an-
Verwaltungsgebäude das von 1902 ersetzen sollte, paßbar sein. "S14
also, darauf wies die Tribune hin, nach weniger als Die Wettbewerbsbedingungen waren nach den "Rat-
zwanzig Jahren. s06 Die Zeitung hatte 1894,,50 Re- schlägen und Gepflogenheiten"slS des American
dakteure und Reporter"s07 beschäftigt, inzwischen Institute of Architects und dessen Wettbewerbsord-
war die Zahl der Mitarbeiter auf ,,3100 Männer nung ausgearbeitet worden. Neben der freien Aus-
und Frauen gestiegen und man verkaufte über 4 schreibung, an der "befähigte Architekten aus allen
Millionen Tribunes in der Woche"sos. Deshalb Teilen der Welt" teilnehmen konnten, sollten
strebte man an, "to provide for the world's greatest "nicht mehr als 10 Architekten bzw. Baufirmen
newspaper a worthy structure, ahorne that would von Ruf in den Vereinigten Staaten (. .. ) besonders
be an inspiration to its own workers as weIl as a aufgefordert werden (. .. ), um Zeichnungen vorzu-
model for generations of newspaper publishers"s09 . legen. "S16 ,,(. .. ) Architekten, welche Pläne einrei-
Damit man tatsächlich dieses einmalige und ,für chen wollen, müssen ihre Bewerbung und Beglaubi-
Generationen vorbildhafte Verwaltungsgebäude' er- gungsschreiben am oder vor dem 1. Oktober 1922
richten konnte, schrieb man einen internationalen eingereicht haben. "S17
Wettbewerb aus, der in Europa vom Pariser Büro Im weiteren wurden die Konditionen geklärt, die
der Zeitung organisiert wurde; hier mußten die Ar- sich mit dem Gewinn und der Realisation des Pro-
chitekten die Anmeldeformulare und weitere Aus- jektes befaßten. Im ,Teil I' wurden dann die Vor-
künfte einholen. S10 Um den Architekten die Ge- aussetzungen zum geplanten Bau präzisiert:

103
,,1. Beabsichtiger Bau: Der in Aussicht genommene D.Austin Avenue (südlich) (Abb. 240), Aufriß.
Bau wird auf dem unbenutzten Teil des Tribune-Ei- Maßstab 1/8 Zoll zu 1 Fuß. Größe des Blattes in-
gentums in der North Michigan Avenue 431 errich- nerhalb der Randlinien 30 Zoll zu 60 Zoll.
tet. Das Grundstück hat eine Front von 100 Fuß an E. Längsdurchschnitt von Westen nach Osten. Maß-
der Michigan Avenue und dehnt sich 132 Fuß, 11 stab 1/8 Zoll zu ein Fuß. Größe des Blattes in-
1/2 Zoll (135'-11 1/2') östlich entlang Austin nerhalb der Randlinien 30 Zoll zu 60 Zoll.
Avenue aus."818 F. Perspektivische Zeichnung des Gebäudes von
Den Bewerbungsunterlagen mußten Ausweise über Südwesten (Abb. 239). Maßstab 1/8 Zoll zu 1
, ,Ausbild ung und Erfahrungen"819 beigelegt werden. Fuß. Innerhalb des Rahmens 30 Zoll zu 60
Eine fünfköpfige Jury, der lediglich ein einziger Zoll. "823
Architekt angehörte, sollte die Entwürfe beurtei- Auf den Aufrißzeichnungen sowie der perspektivi-
len, der Eigentümer behielt sich allerdings die letzte schen Darstellung sollte eine ,6 Fuß hohe mensch-
Entscheidung über das zu realisierende Projekt liche Figur' gezeigt werden, um den Maßstab zu
vor. 820 verdeutlichen. Den angeforderten sechs Zeichnun-
In der Wettbewerbsausschreibung wurde sodann gen mußten weiterhin kurze Beschreibungen des
ausführlich expliziert, unter welchen Bedingungen Entwurfs beiliegen, die sich auf Fakten bezogen,
die Zeichnungen zu verschicken waren und in wel- die den Zeichnungen nicht direkt zu entnehmen
cher Form Anfragen an die Wettbewerbsleitung waren, oder auf welche die Autoren die Jury be-
formuliert werden mußten, damit das Geheimhal- sonders hinweisen wollten. 824 Alle Zeichnungen
tungsprinzip gewahrt bliebe. Die "eingereichten durften nur in chinesischer Tusche ohne Farbver-
Zeichnungen müssen in Mappen geordnet oder wendung ausgeführt werden.
sicher verpackt und sorgfältig durch starke Pappe Im ,Teil III' der Ausschreibung wurden sodann die
geschützt sein. Die Zeichnungen" zusammen mit Rechte und Pflichten des Architekten und Eigentü-
dem mit der Maschine geschriebenen Erläuterungs- mers aufgeschlüsselt. 825 Am 20. September 1922
bericht (. .. ) sollen ohne jedes Erkennungszeichen veröffentlichte Die Baugilde dann den letzten Teil
und von einer versiegelten Hülle umschlossen sein, des ,Programms des Architektur-Wettbewerbs', wor-
deren Außenseite in Maschinenschrift die Worte in Eigentumsrechte und Spezifizierungen zur Bau-
tragen sollen: ,Drawings for the New Tribune ausführung geregelt wurden. Für die ausländischen
Building' und nichts weiter. "821 Teilnehmer war der Passus interessant, in dem fest-
Sodann sollten die Unterlagen "nicht später als 12 gelegt war, daß der ausführende Architekt die ,Rei-
Uhr mittags am 1. November 1922" an "Howard L. se kosten und Spesen' selber zu tragen hätte. 826 Un-
Cheney, Room 1202, 7 South Dearborn Street, ter dem Punkt ,Allgemeine Bedingungen und An-
Chicago, Illinois"822 geschickt werden. forderungen' wurde die Zielvorstellung der Chicago
In einem zweiten Teil wurden dann die eingefor- Tribune dann nochmals unterstrichen:
derten Unterlagen beschrieben: "Es kann nicht nachdrücklich genug hervorgehoben
"Alle Zeichnungen sollen nach der folgenden Liste werden, daß der hauptsächlichste Zweck der Chica-
und den gegebenen Maßstäben hergestellt werden go Tribune beim Ausschreiben dieses Wettbewerbes
(. .. ) darin besteht, sich den Entwurf für einen hervorra-
A. Eine Erdgeschoß-Skizze an der Michigan Avenue genden und imposanten Bau zu sichern: das schön-
soll genau die Anordnung der Haupt-Eintrittshal- ste Bürohaus der Welt. "827
le, die Verteilung der Treppe und des Aufzugs Und nochmals eingehend auf die Erfordernisse~
und die Verbindung des neuen Gebäudes mit "Die unteren Stockwerke des neuen Gebäudes wer-
dem Stammhaus zeigen (Abb. 238). Maßstab 1/8 den von den verschiedenen Abteilungen der Tribu-
Zoll zu 1 Fuß. Größe des Blattes innerhalb der ne benutzt werden. Die oberen Stockwerke werden
Randlinien 24 Zoll zu 30 Zoll. für öffentliche Büros zur Verfügung stehen.
B. Skizzenplan eines typischen Büro-Stockwerkes. D. Es wird angenommen, daß das Gebäude über die
Maßstab 1/8 Zoll zu ein Fuß. Größe des Blattes ganze verfügbare Baufläche bis zu einer Höhe von
innerhalb der Randlinien 24 Zoll zu 30 Zoll. wenigstens 175 Fuß massiv aufgebaut wird. Von
e. Michigan Avenue (westlich) (Abb. 237), Aufriß. diesem Punkt kann der Bewerber absehen, wie er es
Maßstab 1/8 Zoll zu 1 Fuß. Größe des Blattes in- für gut hält, wenn er beachtet, daß die Chicago-
nerhalb der Randlinien 24 Zoll zu 60 Zoll. Bauverordnung die Benutzung eines Gebäudes für

104
Geschäftszwecke bis zu einer Höhe von 260 Fuß Aufschub, so daß der letztmögliche Termin auch
zuläßt. für die deutschen Teilnehmer der 1. Dezember 1922
Die Verwendung eines Turmes als Hauptmerkmal war. 832 Allerdings konnte der BDA durch die Ver-
in dem Entwurf wird dem Ermessen jedes Bewer- mittlung des Deutschen Generalkonsulats in Chica-
bers überlassen. Sollte ein Turm geplant sein, so go, des Auswärtigen Amtes bzw. des Reichswirt-
darf sein Höhenrnaß nicht mehr als 400 Fuß das schaftsministeriums besondere Konditionen für die
Niveau der Michigan Avenue überschreiten. Der deutschen Teilnehmer erreichen, u. a., daß sich die
Flächeninhalt des Turmes oder eines Teiles des Ge- Chicago Tribune damit einverstanden erklärte, daß
bäudes, welcher sich über die 260-Fuß-Grenze er- die eingehenden Wettbewerbsbeiträge im Büro des
streckt, darf 3600 Quadratfuß nicht überschreiten. BDA gesammelt würden, um dann gemeinsam über
E. Die Zahl der Stockwerke für Bürozwecke bleibt das Deutsche Generalkonsulat der Zeitung übermit-
dem Ermessen jedes Bewerbers überlassen. Die Hö- telt zu werden, und daß die "Erläuterungen in
he der unteren Stockwerke muß mit der des ansto- deutscher Sprache abgefaßt"833 sein durften. In
ßenden Stammgebäudes übereinstimmen. Die dar- dieser Mitteilung der Ausgabe vom 20. September
überliegenden Stockwerke sollen durchschnittlich wies Die Baugilde nochmals eindrücklich darauf
11 Fuß 6 Zoll (11'-6") von Stockwerk zu Stock- hin, daß dem Briefwechsel mit der amerikanischen
werk hoch sein. Koordinationsstelle zu entnehmen sei, "daß die
F. Von der Fläche der Michigan Avenue bis zu der Tribune nochmals betont hat, daß der Wettbewerb
Höhengrenze von 260 Fuß für den Hauptteil des sich lediglich auf die Außenarchitektur des Gebäu-
Gebäudes muß die Tiefe der inneren Fensterlai- des bezieht"834. Daß es der Zeitung wirklich nur
bung oder Entfernung von der Grundstückgrenze um ein gefälliges Äußeres zu tun war, ist einem
bis zur Innenseite der geputzten Wände 6 Fuß so- abermaligen Hinweis in der Baugilde zu entneh-
wohl an der Michigan Avenue wie an der Austin men, die berichten konnte, daß der Koordinator
Avenue betragen."828 ,Herr Cheney' darauf hingewiesen habe, "daß es für
Und schließlich in den letzten Punkten: "G. Die den Wettbewerb nicht notwendig ist, sich mit dem
Wahl des äußeren Baumaterials wird dem Ermessen Grundrisse des jetzigen Geschäftsgebäudes genau
jedes Bewerbers überlassen." Und: "H. Jeder Be- vertraut zu machen, und den Anschluß des neuen
werber muß sich der Chicagoer Bauverordnung fü- an das alte Gebäude sorgfältig zu überlegen. Es
gen. "829 Die Baugilde gab zu diesem Ausschrei- könne vielmehr die Grundrißskizze und der Ent-
bungstext noch den Hinweis, daß die Bewerber nun wurf für den Ausbau des neuen Gebäudes ohne
doch, entgegen den Informationen vom 9. August, Rücksicht auf das bestehende gemacht werden. Es
die "Unterlagen gegen die Erstattung der Kosten wäre dann die Aufgabe der späteren Bearbeitung,
von 60,- Mark durch die Hauptverwaltung des den organischen Anschluß des alten an das neue
Bundes Deutscher Architekten, Berlin-Wilmers- Gebäude durchzuführen. "835
dorf, Helmsted ter Str. 6" beziehen könnten. 83o Dieser Hinweis war nicht ganz unwichtig, weil den
Welch besonderes Interesse man diesem Wettbe- Bewerbungsunterlagen eine Fotografie des ,Tribune
werb entgegenbrachte, verdeutlichen die Aktivitä- Plant' von Südwesten aus und eine Blaupause der
ten, die der Bund Deutscher Architekten zwischen Anlage (Abb. 234 bis 236) beigelegt waren 836 , wo-
Juli und Oktober 1922 entwickelte, und über die durch der Eindruck verstärkt werden konnte, daß
beständig in der Baugilde berichtet wurde. Man man sich im Entwurf an dieses Gebäude anzuleh-
wandte sich nämlich an die amerikanische Botschaft nen habe. Nun veröffentlichte Die Baugilde auch
in Berlin mit der Bitte, den deutschen Teilnehmern die Namen der gesondert aufgeforderten amerikani-
Vergünstigungen zuteil werden zu lassen; u. a. war schen Architekturbüros, sie stammten ausschließ-
man beim Berliner Büro der Chicago Tribune vor- lich aus New York und Chicago, unter ihnen der
stellig geworden, um den "Anmelde- wie auch den spätere Gewinner J ohn Mead Howells und der drit-
Abgabetermin für die deutschen Teilnehmer hin- te Preisträger, das bereits erwähnte Architekten-
auszuschieben"831. Ganz im Sinne eines fair play team Holabird & Roche. 837
entschloß sich die Wettbewerbsleitung dann, den Am 1. November, so berichtete die Tribune später,
ursprünglichen Abgabetermin 1. November 1922 waren 204 Entwürfe eingegangen, bereits am 23.
nur für die inländischen Architekten beizubehalten; November hatte man zwölf davon in die engere
die ausländischen bekamen einen vierwöchigen Auswahl gezogen, als am 29. des Monats ein finni-

105
scher Entwurf eintraf, der die Jury-Entscheidung See meilenweit beherrscht, ist es ein streitbares
nochmals veränderte: Werk. Seine Füße stehen fest auf dem Erdboden.
"Jury and committee, hurridly re-assembled, were Sein Herz schaut sternwärts. Es ist St. Michael, aus-
so struck with the colossal beauty of the eleventh gedrückt mit den Mitteln des 20. Jahrhunderts, die
hour entry that they immediately included it in the neue Architektur eines neuen Landes. Mr. Howells
designs to be considerred in the final decision. "838 hat besser als alle anderen durch die Vereinigung
Es handelte sich um den Entwurf Eliel Saarinens, von Würde und Genialität in seinem Entwurf ein
der auch wirklich den zweiten Preis gewann und Werk geleistet, das unser neues Heim aus der Reihe
damit unter den 23 teilnehmenden Nationen zu- der beruflichen Profitmacher herausheben und zu
sammen mit dem Entwurf der Schotten Hutton einem der ornamentalen Wahrzeichen der Stadt
und Taylor der einzige europäische Beitrag war, machen wird."843
dem Aufmerksamkeit geschenkt wurde. 839 Nach Warum die Entwürfe von Max oder Bruno Taut,
Einsendeschluß erreichten die Chicago Tribune warum der Plan von Gropius und Meyer gar nicht
weitere 95 Zeichnungen. In der Publikation über zur Auswahl stehen konnten, wird hier deutlich.
den Wettbewerb 1923 wurden schließlich 260 Ein- Sie alle hatten nämlich in ihren durchaus unter-
sendungen abgebildet, davon 37 Arbeiten deut- schiedlichen, aber einheitlich strengen Entwürfen
scher Architekten, unter ihnen, neben denen der klare Bauten aus Stahlbeton und Glas ohne archi-
beiden Taut-Brüder, der Entwurf von Walter Gro- tektonischen Zierrat für ein ,cool' rechnendes Ma-
pius und Adolf Meyer. 840 nagement eines Weltunternehmens erdacht. Hier
Keiner der deutschen Entwürfe wurde prämiert aber argumentierte der business man der alten
und nur einer ehrenvoll erwähnt, was aber voraus- Schule, der ein Prestigeobjekt wollte und keinen
zusehen war 841 . Die Baugilde hatte nämlich schon klar gegliederten, sachlich organisierten Verwal-
am 4. Oktober 1922 folgende Mitteilung gemacht: tungsbau.
"Chicago. In Amerika lebende deutsche Architek- Gropius' und Meyers Bemühungen wurden wie die
ten teilen mit, daß die Mitglieder der Jury sämtlich der vielen anderen nur dadurch honoriert, daß sie
zum Beamtenstande der ,Tribune' gehören, mit mitsamt den anderen preislosen Architekten ein
Ausnahme des Architekten Alfred Granger, des ein- Exemplar der Tribune-Publikation über den Wett-
zigen wirklichen Fachmannes unter den Schieds- bewerb erhielten. 844 Ob ihr Entwurf auf der Wan-
richtern. Granger gilt als tüchtiger Architekt und ist derausstellung der ausgesuchten 135 Tribuneent-
außerdem durch Vorträge über gothische Baustile würfe zu sehen war, die, mit riesigem Interesse be-
bekannt geworden. Sie schreiben weiter, daß wohl dach t, 192 3 in 27 Städten der Vereinigten Staaten
anzunehmen ist, daß eine der besonders aufgefor- herumreiste, ist nicht ganz sicher. 845
derten, mit den Verhältnissen vertrauten Architek- Im Oktober 1924 jedenfalls schloß Die Baugilde
tenfirmen den 1. Preis und die Bauausführung er- das Kapitel ,Chicago Tribune Competition' mit fol-
halten wird. Bei der Tatsache, daß die amerikani- gendem Hinweis offiziell ab:
sche Baukunst sehr stark französisch beeinflußt ist, "Die z. Zt. eingereichten Wettbewerbsentwürfe für
und daß für die Erziehung der amerikanischen Ar- Chicago lagern in der Hauptverwaltung des BOA
chitekten die Ecole des Beaux Arts in Paris rich- und sind teilweise mit Kennwörtern versehen. Da
tunggebend ist, scheinen Vertreter deutscher Bau- die Hauptverwaltung die Namen der Bearbeiter
kunst nicht bevorzugt zu werden."842 nicht kennt, bittet sie möglichst umgehend veran-
Schon drei Tage nach Einsendeschluß, am 3. De- lassen zu wollen, daß die Zeichnungen von der Ge-
zember 1922, war das endgültige Urteil über den schäftsstelle der Hauptverwaltung, Berlin-Wilmers-
Wettbewerb verkündet worden. Die Baugilde brach- dorf, Helmstedter Straße 6, abgeholt werden. Die
te am 27. Dezember einen Auszug der Beurteilung Geschäftsstelle der Hauptverwaltung wird in näch-
durch die Chicago Tribune. Darin hieß es über den ster Zeit verlegt und kann den Transport der Ent-
Entwurf des Preisträgers Mead Howells: würfe in die neuen Bureauräume nicht überneh-
"Er hat uns Schönheit gegeben, keine inhaltlose men. "846
Gefälligkeit. Er hat uns Pracht gegeben ohne sinn-
losen Pomp. Es ist ein Kampfgebäude. Von der gro-
ßen Eingangshalle bis zu der vielumstrittenen Ka-
pelle, die in Höhe von 120 Meter die Stadt und den

106
Das Fabrikationsgebäude terstützt werden, kam aber so nicht zur Ausführung,
für die ,Hannoversche Papierfabriken' so daß die von Gropius nach 1922 bevorzugte Hori-
in Alfeld a. d. Leine 1923/1924 zontalbetonung der Fenster zu Bändern auch bei
diesem Bau zu finden war.
Baugeschichte Die ,Hannoversche Papierfabriken' waren ein stark
expandierender Betrieb; heute zählt er zu den
Neben dem ,Fagus-Werk Carl Benscheidt' und dem
großen Papiertabnken Europas. 1m Zuge der ErweI-
Gebäude für die ,Landmaschinenfabrik Gebr. Kap-
terung wurde dieses Gebäude schon bald verän-
pe & Co.' konnte Walter Gropius einen dritten In-
dert. Walter Gropius hat 1964 selbst noch auf den
dustriebau in Alfeld a. d. Leine errichten: ein
Ausbau eines dritten Geschosses, das nicht von ihm
Gebäude für die ,Hannoversche Papierfabriken'
stammte 850 , hinweisen können, das heute an der
(Abb. 247, 248, 250). Dieser Bau wurde 1964
nördlichen, noch erhaltenen Front zu sehen ist
durch Reginald Isaacs wiederentdeckt 847 , doch ist
(Abb. 249, 251). Es gehört sicherlich zu den Erwei-
bis heute nicht deutlich geworden, ob es sich dabei
terungen, die die Zeitschrift Der Industriebau in
um ein reines Fabrikationsgebäude handelte, oder
den unregelmäßig erscheinenden Nachrichten über
ob darin auch Büroräume untergebracht waren;
Industriebauprojekte ankündigte. Dort war 1929
heute jedenfalls ist es dem Fabrikationskomplex in-
mitgeteilt worden:
tegriert. Den Auftrag zu diesem Bau bekam das
,,(In) Alfeld will die Hannoversche Papierfabrik
Bauatelier Gropius 192 3/24. Gustav Adolf Platz
Alfeld Gronau, vorm. Gebr. Woge, eine umfangrei-
datierte den Bau in seiner Publikation Die Bau-
che Modernisierung und Erweiterung ihrer Werks-
kunst der neuesten Zeit 848 auf das Jahr 1923. Gro- anlagen vornehmen. "851
pius selber nannte das Jahr 1924. 849 Es muß dem-
Im Laufe der Jahre mußte der hintere Teil des Ge-
nach vermutet werden, daß das Atelier den Auftrag
bäudes einem großen Fabrikanbau weichen, und
Ende 1923 erhielt und, wie Ernst Neufert berich-
die großen Glasfenster wurden der "Nutzung der
tet, wiederum vermittelt durch die Kontakte, die
Halle entsprechend"852 mit Ziegeln zu zweiteiligen
man zu den Benscheidts hatte.
Einheiten zugemauert. Man ließ die Ziegelmaue-
Der Bau entstand am Stadtrand Alfelds, direkt hin-
rung auch bei den ,Restaurierungsarbeiten', wie die
ter dem Mühlengraben. Der Ursprungsbau war
Firma sie 1965 vornahm, unverputzt, so daß sie
zweigeschossig, mit einem in die Höhe gestaffelten
von dem ansonsten weiß gestrichenen Baukörper
Dach versehen und wurde von abgerundeten, mit
kraß absticht. Vergleicht man die Fotografie des
kleinen Fenstern durchzogenen Oberlichtern abge-
Entwurfs, die aus der Projektkartei von Gropius
schlossen. Diese gewölbten Oberlichter verwendete
stammt, mit der heutigen Gestalt, so ist der Cha-
Walter Gropius 1964 interessanterweise im Ent-
rakter des Ursprungsbaus kaum noch vorstellbar.
wurf zum Bauhaus-Archiv wieder, das in veränder-
ter Gestalt inzwischen in Berlin realisiert werden
Das Fabrikationsgebäude
konnte und dessen Entwurfsplanung in eben dem
,August Müller & Co.' in Kirchbrak 1925/1926
Jahr entstand, in dem man diesem Gebäude der
Alfelder Papierfabrik wieder auf die Spur kam.
Baugeschichte
An diesen Gebäudetrakt schloß sich, wie die Ent-
wurfszeichnung (Abb. 246) zeigt, ein aus der Bau- Kurze Zeit nach dem unfreiwilligen Umzug des
flucht verschobener kleinerer Anbau im Nordwe- Bauhauses von Weimar nach Dessau bekam das
sten an, der die Vermutung nahelegt, daß sich darin ,Bauatelier Walter Gropius' in der Dessauer Mauer-
Büroräume befunden haben. Zudem sind die drei straße 36 einen neuen Auftrag. Die Firma ,August
Fenster des Untergeschosses an diesem Gebäudeteil Müller & Co. Sägewerk-Holzwarenfabrik Mühlenbe-
durch eine Zwischenmauerung nochmals unterteilt, trieb' Kirchbrak bei Holzminden partizipierte an
so daß die Geschoßhöhe vermutlich niedriger war dem Aufschwung der deutschen Wirtschaft durch
als im Hauptgebäude. Hier sind die großen Fenster das Inkrafttreten des Dawes-Plans; ihre Auftragsla-
zu vertikalen Einheiten zusammengefaßt und geben ge hatte sich derart verbessert, daß sie ihre Produk-
der Wand dadurch den Charakter eines Glieder- tionslagen erweitern mußte. Auf Vermittlung der
baus. Das sollte, wie der Entwurf zeigt, durch die Benscheidts im nahe gelegenen Alfeld trat der Be-
zurückgesetzte Geschoßdeckenmauerung noch un- trieb mit Gropius in Kontakt, denn dessen Fagus-

107
Werk war als überzeugender moderner Industriebe- fahrungen im Eisenbetonbau verfügte. 859 Außer-
trieb die beste Empfehlung. 853 August Müller muß dem drang der Bauherr auf schnellste Errichtung.
sich aber noch aus einem weiteren Grund gerne für Dann, am 3. Juli des Jahres, schlossen der Bauherr
Gropius entschieden haben, denn als Anhänger der ,August Müller & Co. vertreten durch Herrn A. Mül-
Mazdaznan-Bewegung854 , die durch J ohannes Itten ler jun.', der Bauleiter ,prof. W. Gropius vertreten
das Weimarer Bauhaus kurzzeitig prägte, waren er durch Ernst Neufert' und die ,ausführende Firma
und seine Familie den Bauhaus-Bestrebungen ge- Robert Grastorf, Hannover, vertreten durch Herrn
genüber von aufgeschlossenem Interesse. 855 Dr. Diethelm' den Bauvertrag ab. Darin heißt es:
Das Atelier Gropius arbeitete einen detaillierten "architekt W. Gropius überträgt im auftrage und
Kostenvoranschlag aus, der in Einzelpositionen die für rechnung der fa. August Müller & Co. der eisen-
Leistungen des Architekten, des Unternehmers und betonfirma Robert Grastorf G.m.b.H. Hannover
Bauherrn genau beschrieb. Die Bauherrschaft hatte die bauarbeiten für die erbauung eines fabrikgebäu-
sich bereits festgelegt, folgendes kostenlos zur Ver- des auf dem grundstück der fa. August Müller &
fügung zu stellen: Co. in Kirchbraack Kreis Holzminden.
,,1. Kies und Sand frei Mischplatz resp. in dessen Titel I. der ausführung zugrunde gelegt werden:
unmittelbare Nähe. 2. Stellung von Gespannen zum a) die bauzeichnungen des architekten W. Gropius,
Anfahren aller anderen Baumaterialien vom Bahn- direktor des bauhauses in dessau", (Abb. 253,
hof Kirchbraack zur Baustelle. Auf- und Abladen 255,257,259 bis 263)
besorgt dagegen die Baufirma auf eigene Rechnung. b) "die von der fa. Robert Grastorf G.m. b .H. kosten-
3. Liefern von Gleichstrom 220 Volt zum Antrieb los angefertigten konstruktionszeichnungen und
der Baumaschinen. 4. Stellung einer Feldbahn zum statische berechnungen,
Abtransport des Erdaushubes ca. 50 m von der c) der von der fa. Robert Grastorf G.m.b.H. mit
Baustelle. 5. Vorhalten von Wasser. "856 preisen vom 24. Juni aufgestellte kostenanschlag
Da der Neubau auf dem bereits vorhandenen Fa- (Gesamtsumme 75 870,61 Reichsmark; K. W.),
brikgelände (Abb. 252) errichtet werden sollte, der den vorgenannten unterlagen entspricht und
erübrigte sich die Abgrenzung durch einen Bau- jeweilig nach den ausführungen berichtigt wird.
zaun. Das Baugelände war ein "Wiesenboden", der, d) auf die veranschlagten preise gibt der Unterneh-
so wird in dem Kostenvoranschlag weiter ausge- mer auf grund der verhandlungen auf Titel IV =
führt, vom Unternehmer an "Ort und Stelle son- Eisenbetonarbeiten einen vergiinstigungssatz von
diert" werden mußte. "An sich kann der Boden 15 %.
mit Schaufel und Spaten gelöst werden. "857 Der Titel II. für die berechnung der leistungen gelten
Bau ist als Mischung aus Eisenbeton und Mauer- folgende bestimmungen:
werk angezeigt. Im Juni 1925 holte das Bauatelier a) die höhe der zu zahlenden beträge wird nach
die ersten Angebote der in Frage kommenden Bau- massgabe des wirklich geleisteten berechnet.
unternehmen ein. Ernst Neufert, der aus Alfeld schätzungsweise (. .. ) wird der gesamtbetrag auf
wieder in Gropius' Atelier zurückgekehrt war, wik- mk. 74 100, - veranschlagt.
kelte den Ausschreibungsvorgang ab. Fünf Firmen (. .. )
hatten sich beworben, lokale Betriebe und auswär- TitelIII.
tige Unternehmen konkurrierten miteinander. Die a) mit den arbeiten wird 6 tage nach auftragsertei-
Angebote differierten zwischen ca. 70000 und lung, also am 9. Juli begonnen. die rohbauarbei-
100 000 Mark, die veranschlagte Arbeitszeit zwi- ten d. h. alle ausgeführten arbeiten des kostenan-
schen 72 und 80 Arbeitstagen. 858 Nur das Hanno- schlags ausschliesslich außenputz sind 54 arbeits-
veraner Unternehmen ,Robert Grastorf G.m.b.H. tage nach arbeitsbeginn, das ist am 9. September
Unternehmung für Hoch-Tief- und Eisenbetonbau 192 5 fertiggestellt, sofern nicht streiks, eingriffe
Zementwarenfabrik Kiesbaggerei' offerierte die Er- höherer gewalt, feuer usw. die arbeit hindern
richtung innerhalb von spektakulären 54 Tagen. (. .. ).
Obwohl dieser Betrieb nicht das niedrigste Angebot b) für den fall nicht rechtzeitiger fertigstellung der
eingereicht hatte, entschied sich das Atelier Gropius bauarbeiten ist die bauleitung befugt, für jeden
für dieses Unternehmen, das man bereits vom Bau tag der überschreibung der vorerwähnten vollen-
des Pförtnerhäuschens des Fagus-Werks kannte und dungsfrist eine vertragsstrafe von mk. 100 Mark
von dem man wußte, daß es über hinreichende Er- (. .. ) zu erheben.

108
Titel IV. tur", sie wird "in schlichten formen dem zweck
a) tagelohnarbeiten, die ausserhalb des kostenan- entsprechend, aussenputz weiss als anpassung an
schlags stehen, dürfen nur mit vorheriger geneh- die umliegenden bauernhäuser, fenster aus eisen,
migung der bauleitung ausgeführt werden (. .. ). farbig gestrichen" beschrieben. Der Brief schließt
b) als preise für diese arbeiten kommen folgende mit der Bitte, die vorläufige Baugenehmigung zu
löhne zur berechnung (einschl. unkosten- und erteilen, "weil es dem bauherrn lebenswichtig ist,
gewinnzuschlag des unternehmers) sofort aufzuführen"865 .
1 stunde facharbeiter mk. 1.08 Nach dem Prüfungsverfahren im Hochbauamt
1 stunde arbeiter mk. 1.03 Holzminden ergaben sich einige Auflagen, die beim
Titel V. Bau zu erfüllen waren. So mußte u.a. der kleinste
a) in den vereinbarten preisen und tagelohnsätzen Abstand zum Nachbargrundstück des "Ritterguts-
ist zugleich die vergütung für die zur planmäs- besitzers von Grone mindstens 2 m betragen, die
sigen herstellung des bauwerks gehörenden ne- Saal- und Haustüren sollten nach außen aufschla-
benleistungen aller art inbegriffen, insbesondere gen", und vor allen Dingen waren die "Giebelwände
auch für die heranschaffung der zu den bauarbei- mit den Eisenbetonkonstruktionen durch Anker"
ten erforderlichen materialien aus den auf der zu verbinden. 866 Unter Erfüllung dieser Bedingun-
baustelle befindlichen lagerplätzen nach der ver- gen ist der Bauantrag am 11. September 192 5 ge-
wendungsstelle im bau, sowie die entschädigung nehmigt. 867 Auch das Gewerbeaufsichtsamt machte
für vorhaltung von werkzeug, geräten usw. Auflagen; am 29. September des Jahres wurde von
(. .. )." 860 dieser Behörde die Genehmigung mit Vorbehalten
Und unter Titel VIII war dann ein Vertragspunkt erteilt, die u.a. den Produktionsablauf betrafen:
angesprochen, der für diesen Fabrikbau von großer ,,3) Die zur Aufstellung kommenden Maschinen
Bedeutung werden sollte: sind mit den erforderlichen Schutzvorrich-
a) für die güte der von ihnen übernommenen arbei- tungen zu versehen. Alle im Verkehrsbereiche
ten leisten sie zwei jahre lang, vom tage der bau- liegenden Maschinenteile, Transmissionen, Rie-
polizeilichen abnahme des gebäudes an gerech- menscheiben und dergl., sowie alle Zahnrad-
net, garantie, dergestalt, dass offensichtliche ar- eingriffstellen sind unfallsicher zu umwehren
beits- und konstruktionsfehler kostenlos besei- oder abzudecken.
tigt werden, mit der beseitigung beginnen sie 4) Die Arbeitsmaschinen müssen sich einzeln ein-
spätestens 14 tage nach der aufforderung. es und ausrücken lassen (. .. ).
kann nicht als entschuldigungsgrund angegeben 5) Den Arbeitern muß ausreichende Gelegenheit
werden, dass die bauleitung einen von ihnen aus- zur Aufbewahrung ihrer Kleidungsstücke und
geführten fehler nicht bemerkt hat. - von der zum Umkleiden in nach Geschlechtern getrenn-
hinterlegung einer kaution für die garantiedauer ten Räumen, sowie zum Waschen gegeben
wird abstand genommen - der bauleitung ist werden. "868
einsicht in die von ihnen auszustellenden und Ernst Neufert, der den Bauvorgang in Vertretung
einzureichenden berechnungen zu geben." 861 für Gropius abwickelte, erinnert sich, daß die
Dann, am 18. Juli 1925, schrieb das Bauatelier Wal- Planung der Fabrikanlage etwas eigentümlich
ter Gropius an die "Kreisdirektion Holzminden, be- verlief, da der Betriebsingenieur der Firma Müller
treff: fabrikneubau August Müller & Co. Kirch- keine genauen Vorstellungen darüber gehabt habe,
braack" mit der Bitte um "sofortige vorläufige bau- wo und wieviele Maschinen zur Aufstellung gelan-
genehmigung"862. Man nannte die am Bau Beteilig- gen sollten. 869 Das aber war die Grundlage zur
ten und fügte hinzu, daß die "Maurer- und Putzar- Dimensionierung der Halle, danach mußten sich die
beiten vom Maurermeister Ferdinand Lieben in Stützenabstände innerhalb des Bauwerks richten.
Scharfoldendorf"863 ausgeführt werden. Der ge- Die Auflagen des Gewerbeaufsichtsamts konkre-
plante Bau wird als "dreistöckiger massivbau" tisierten also die produktionstechnischen Voraus-
(Abb. 254) beschrieben, "lichte durchgangshöhe setzungen, und dem ,Punkt 6' wurde so nachgekom-
der geschosse 4 m + einstöckiger vorbau, und un- men, daß die Umkleide- und Waschräume in ver-
terkellerung des treppenhauses" (Abb. 267, 268) schiedenen Stockwerken untergebracht wurden.
"einschl. fahrstuhlschacht 2 m lichte durchgangshö- Am 24. Oktober erhielt die Firma Müller die
he"864. Die letzte Angabe betrifft die "architek- Kostenrechnung des behördlichen Genehmigungs-

109
verfahrens, sie betrug 162,95 RM. 87o Zwei Tage Ein Kollege Neuferts aus Weimar, der ,beratende
später teilte die ,Robert Grastorf G.m.b.H.' der Ingenieur und Professor an der Hochschule, Dr.-Ing.
Kreisdirektion Holzminden mit, daß die Rohbau- Max Weber', erarbeitete eine erste, vorläufige Stel-
arbeiten beendet seien und man um Abnahme lungnahme und erklärte, daß Querträger "in einer
bitte. "Von den Bauarbeiten ist nur noch rückstän- veränderten Form (verwendet worden seien), die
dig der äussere Fassadenputz und die Fussböden in sich (in der Konstruktion) vielleicht äusserlich für
Gestal t von Zementestrich. "871 den Laien nicht sehr, umso gründlicher aber davon
Nachdem die Rohbauabnahme am 31. Oktober statisch unterscheidet. In der statischen Berechnung
1925 stattgefunden hatte, kam das Hochbauamt zu sind auch diese Querbalken des Daches als gerade
dem Ergebnis: "Der Bau ist nach den angefertigten durchlaufende Träger angenommen; auf der
Zeichnungen ordnungsgemäß ausgeführt." 872 Zeichnung aber haben diese Träger in der Seitenan-
Aber vor April 1926 konnte das Gebäude nicht in sicht drei Knicke, sie sind zweimal um etwa 20°
Betrieb genommen werden, da die Baubehörde die nach unten, in der Mitte um 42° nach oben ge-
endgültige Genehmigung erst nach der Gebrauchs- knickt (. .. ).
abnahme erteilen wollte, die dann endgültig am 20. Der mittlere Knick dieser Zugeisen ist durchaus un-
April des Monats vorgenommen wurde. 873 Damit zulässig und bedeutet einen sehr groben Verstoss
ist der Fabrikbau der Firma ,August Müller & Co.' gegen eine bekannte einfache Regel des Eisenbeton-
nach ungefähr zehn Monaten Bau- und Genehmi- baues. Selbst ein so anspruchsloses Büchlein wie
gungszeit endgültig betriebsbereit. Es ist ein mehr- der ,Zementkalender' macht in dem Kapitel
stöckiger Produktionsbau entstanden, der an das «... )
,Ausführungsfehler' (. .. ) des Jahrgangs 1928)
vorgegebene Gebäude für die Tischlerei, Dreherei in klarer Form auf die entsprechende Regel auf-
und Sägerei anschließt und zwischen diesem und merksam.
dem Holzschuppen an der Bahnlinie als ein heller, Es ist mir durchaus unverständlich wie eine Firma,
weitgehend durchfensterter Baukubus gegen die die den ,Eisenbetonbau' für sich in Anspruch nimmt
Ziegelbauten absticht. Damit war der Grundstein und Diplom-Ingenieure beschäftigt, einen solchen
zur Produktionserweiterung der Firma ,August Fehler machen kann. "878
Müller & Co.' gelegt, die nun in großem Umfang Am 21. März kann Meyer dann konkretisieren:
mit der Herstellung von Möbeleinzelteilen be- "Der Hauptgrund der Risse muss aber überall in
ginnt. einer weitgehenden Unkenntnis und Ungenauigkeit
Bald nach Fertigstellung traten an dem Bau schwer- bei der Bauausführung gesucht werden, zusammen-
wiegende Mängel auf, die zum Bauvertrag vom 3. wirkend mit einer vielfach übertriebenen Knapp-
Juli 1925 zurückführen. Dort war dem Bauherrn heit der Berechnung, deren Zulässigkeit selbst bei
eine Garantiezeit von zwei Jahren nach der bau- erstklassiger Ausführung fraglich sein müsste. "879
polizeilichen Abnahme zugesichert worden. Kurz Die Firma Grastorf hatte schon vor dem Ersten
vor Ablauf dieser Frist, zu Beginn des Jahres Weltkrieg Werbung mit ihrer "Spezialität Beton
1928, zeigten sich kräftige Risse im Gebäude, und und Eisenbetonbau "880 betrieben, sie verfügte also
es stellte sich, wie Neufert berichtet, heraus, daß offensichtlich über genügend Erfahrungen. Bei
der gesamte Bau um einige Zentimeter in der Hori- diesem Bau aber, so erinnert sich Neufert, hatte die
zontalen verschoben war. 874 Neufert, der zu die- Firma versucht, den nachgelassenen Preis in der
sem Zeitpunkt schon Leiter der Bauabteilung der Kalkulation dadurch auszugleichen, daß sie "örtli-
ehemaligen ,Staatlichen Bau-Hochschule' in Weimar che Handwerker engagierte, die im Stahlbetonbau
ist, setzte sich dafür ein, daß zu den aufgetretenen vollkommen unbedarft waren"881. Die Firma
Mängeln Gutachten erstellt wurden. 875 Schließlich Grastorf hatte nämlich den Betrag für die Betonar-
hatte "ich meine Ehre zu verteidigen", wie er beiten von ca. 43 660,- auf 38 033,- Reichsmark,
sagt. 876 Denn hier war kein Vergleich mehr wie also um gut 5 000,- RM gesenkt. Das andere
1926 möglich, als sich die Firma Grastorf und das renommierte Betonbauunternehmen ,Wayss & Frei-
Bauatelier Gropius vor einer Schiedsstelle - der tag' war im Gegensatz dazu bei der kalkulierten
Gutachter der Firma August Müller & Co. war Summe von rund 42 000, - Mark geblieben. 882 So
damals der Berliner Architekt Alfons Anker hatte der Sachverständige Meyer wohl allen Grund
gewesen - noch verständigen konnten. 877 schließlich festzustellen:

110
"Tatsächlich handelt es sich einfach darum, dass Wie Ernst Neufert berichtet, wurde der Prozeß
die Eisenbetonarbeit der Firma Grastorf sich schon schließlich gewonnen. 887 Außerdem hatte sich die
in der ersten Zeit nach Fertigstellung vor Benützung Firma Grastorf, deren Ruf auf dem Spiel stand,
für die vorgeschriebenen Betriebszwecke und Be- schon 1928 vertragsgemäß bereit erklärt, die
lastungen sich als minderwertig erwies; Sache der Schäden kostenlos zu beseitigen. 888
Ausführungsfirma (. .. ) wäre es genügende Erklä-
Trotz alledem ist dieser kleine Fabrikbau nach
rungen und Behebungs-Vorschläge zu geben."883
mehr als 50 Jahren noch voll funktionsfähig (Abb.
Die Firma versuchte selbstverständlich, die "Kon-
265) und darüber hinaus wundervoll gepflegt und
struktionsfehler in den Dachbalken, den Berech-
erhalten. Mit seinem klaren weißen Umriß und den
nungsfehler in den Säulen, und die vielfachen glänzenden Fensterbändern hat er seine Wirkung
Gebäuderisse" einer Nachlässigkeit der Bauleitung nicht verloren. Denn kommt man auf der Land-
zuzuschieben. Dies ist einem Schriftsatz an das straße von Alfeld nach Kirchbrak, zieht er noch
Landesgericht zu entnehmen, denn inzwischen - heute den Blick unweigerlich auf sich. Daß dieser
1931 - traf man sich in dieser Sache dort wieder. architekturgeschichtlich weniger bedeutungsvolle
Die Rechtsvertretung der Firma Grastorf beschul- Bau aber in seinem Planungsvorgang bis in Details
digte Gropius ganz direkt; er beziehungsweise sein hinein rekonstuiert werden kann, ist ein besonderer
Stellvertreter Neufert habe die Aufgaben der Bau- Glücksfall insofern, als damit schlaglichtartig die
leitung schmählich vernachlässigt. Das liest sich so: ganz alltägliche Arbeit des Bauateliers Walter
"Die wirkliche Bauleitung war derart mangelhaft Gropius erhellt werden kann.
und völlig ungenügend, dass die Beklagte mehr oder
minder stets auf sich angewiesen war. Die Zeich- Allerdings ist der Bau, wie man ihn heute vor sich
nungen kamen häufig zu spät an. Besprechungen hat, nicht im ursprünglichen Zustand erhalten. Daß
auf der Baustelle, was man Bauleitung nennt, fan- dieser Umstand zunächst gar nicht auffällt, liegt
den nur in Abständen von etwa 30 Tagen statt und daran, daß die notwendige Erweiterung, die die
wurden durch Briefwechsel und Ferngespräche er- Produktion im Jahre 1937 (Abb. 264) bedingte,
setzt. Die Beklagte hat häufig telegrafiert und die sich absolut am vorhandenen Bau orientiert hat.
Bauleitung auf der Baustelle verlangt, aber fast Geradezu beispielhaft beweist damit diese Anlage,
immer erfolglos; Die Bauleitung war in jener Zeit daß bauliche Veränderungen keineswegs zwischen
mit anderen technischen Arbeiten überhäuft, Wirtschaftlichkeit oder architektonischer Einheit-
sodass sie den Fabrikbau der Klägerin in der lichkeit entscheiden müssen, sondern daß offenbar
wichtigsten Zeit, nämlich während der Ausführung, immer noch ein für den künstlerischen Grundge-
sehr selten besucht hat, nämlich am 11.8., 12.10., danken offenes Bewußtsein beides miteinander zu
3.11. und 8.12.192 5. Das ist natürlich bei einem verbinden weiß. So hat man an die vorhandene
Baustellenbetrieb mit 50-60 Mann viel zu we- dreigeschossige Bebauung einen etwa gleich großen
nig. "884 Bau angefügt und den ursprünglich eingeschossigen
Und etwas später: Trakt um ein Stockwerk erhöht, wobei man sich in
"Hier lagen in stärkerem Masse elementare Fehler der Aufrißgestaltung peinlich genau an die Vorlage
von Gropius vor (. .. ). "885 hielt (Abb. 265). Auch die Anbauten, die auf Grund
Diese Beschuldigungen sind sicherlich nicht nur der Umweltschutzbestimmungen notwendig waren,
übertrieben. Frau Hanna Seiler, die Tochter August die Absaug- und Lu ftfilteranlagen , haben den
Müllers, erinnert sich, daß Walter Gropius nur ein- Grundcharakter dieser Fabrikationsanlage nicht
mal auf der Baustelle erschien. 886 Macht man sich beeinträchtigt.
weiterhin klar, daß er im Jahre 1925 die Neuorga-
nisation des Bauhauses, die Planung des neuen
Schulgebäudes, der Meisterhäuser und vieles mehr
zu leisten hatte, daß Ernst Neufert im Jahre 192 5
die Stelle von Adolf Meyer ersetzte und als neuer
,Chefarchitekt' , wie Gropius es nannte, an den
Dessauer Bauprojekten stark beteiligt war, so wird
dieser kleine Fabrikbau wohl nur am Rande der
anspruchsvollen Bauhausarbeit mitgelaufen sein.

111
Vom Wettbewerbsentwurf besondere Qualität einer authentischen Architektur
für die ,Chicago Tribune' 1922 zum akzeptiert: die sachliche Atmosphäre der Geschäfts-
Fabrikationsgebäude ,August Müller & Co.' 1925: welt.
Der Entwurf von Grofius/Meyer war demnach als
Varianten der Einheit von Kunst und Technik Eisen-Beton-Glasbau 89 konzipiert gewesen, der
ohne architektonisches Beiwerk auskam und nur
Im ,Chicago-Tribune'-Projekt hatte sich der Ameri- aus dem Material und der Variation der baubilden-
kanismus als Kulturphänomen in Deutschland an- den Elemente, wie der Höhenabstufung einzelner
gekündigt und damit all jene soziokulturellen Er- Bauteile, den Fenstern und Balkons die Baurnasse
scheinungsformen, die auch heute noch vornehm- gliederte (Abb. 242 bis 245). Siegfried Giedion
lich mit den USA verbunden werden: Big Business, berichtete, daß dieser Entwurf von der ,celestical
höchste technische Perfektion, Superdimensionen Jury', wie sie sich selbst nannte, mit folgendem
und viele Dollars. Hinweis aufgenommen worden war:: "Das ist der
Es scheint paradox, daß die Architekturentwürfe, Mann, der die Mausefalle erfunden hat. "891 Und
die diese Phänomene in Architektursprache umzu- auch der bereits erwähnte amerikanische Kritiker
setzen versuchten, vornehmlich aus Europa kamen; Scheffauer bemängelte diesen Entwurf. Er schrieb.:
auch aus Deutschland, das in seiner wirtschaftlichen "Gropius zählt zu den deutschen Architekten, die
und technologischen Entwicklung zurückgeworfen beeinflußt waren durch die kalte, nüchterne Ob-
worden war. Daß die deutschen Architekten ihre jektivität der amerikanischen kommerziellen Archi-
Vorstellung vom zweck- und sachbezogenen Ameri- tektur, wie sie sich im Werk Frank Lloyd Wrights
ka in eine sachliche Architektursprache umsetzen ausdruckt. Indem sie diese amerikanischen Fremd-
konnten, weist zurück auf die entsprechenden elemente für ihre eigenen Probleme übernahmen,
Qualitäten und das künstlerische Bewußtsein, das haben sie sie, bis zu einem gewissen Grad noch ver-
sich vor 1914 zu bilden vermochte - die amerika- feinert, ja nobilitiert, wie man es an den zahllosen
nischen Nutzbauten galten ja nicht nur Gropius Zeichnungen für geplante ,Turmhäuser' , so hatten
als vorbildlich. die Deutschen die Wolkenkratzer kategorisch
Der Entwurf, den das Management der ,Chicago getauft, sehen kann. Wenn sie aber nun dieses
Tribune' prämiierte, dokumentiert ein Repräsenta- amerikanische Element an amerikanische Probleme
tionsbedürfnis, das in dieser Gestalt in Deutschland anlegten, überamerikanisierten sie es unter der
schon vor dem Krieg als anachronistisch galt; die falschen Annahme, das Amerikanische sei utilita-
Bauwelt beschrieb das siegreiche Projekt 1922 so: ristisch. Das ist wohl verantwortlich zu machen für
"Es ist ein ziemlich ungegliederter viereckiger die leblose Einöde, die schematische Abstraktion
Block, dem Bauplatz entsprechend. Darauf erhebt der meisten von Deutschen eingesandten Zeich-
sich ein Aufbau, der in Stockwerke geteilt ist. nungen zum ,Chicago Tribune' Wettbewerb - unter
Dieser Aufbau ist rund wie die Trommel einer ihnen eine von Walter Gropius, ein einziges glattes,
Kuppel, mit Pilastern und Nischen und vielerlei kahles Problem akrobatischen Ingenieurwesens und
menschlichen Bildsäulen geschmückt (100 Meter geometrischer Flächen. "892
über dem Boden!). Der ganze Aufbau endet in Von den in der Wettbewerbsausschreibung einge-
einem sich aufbäumenden Tier, das an ein schweres forderten Zeichnungen wurden die drei Ansichten
Arbeitspferd erinnert, aber archaische Flügel hat, sowie ein Modell durch Adolf Behne in der tsche-
wie Sphinxe und andere Fabelwesen in der frühen chischen Architekturzeitschrift Stavba veröffent-
griechischen Kunst. Auf den dreieckigen Flächen licht. 893 Daß Gropius dazu einen Erklärungsbericht
am Fuße des runden Aufbaus stehen Spitztürme, geschrieben hat, ist einem Brief an Behne zu ent-
wie sie beim Uebergang aus dem Turmviereck ins nehmen. 894 Im Zusammenhang mit dem Artikel
Achteck auch in der mittelalterlichen Kunst vor- nahm Behne den ,Chicago Tribune'-Entwurf von
kommen. Walter Gropius und Adolf Meyer zum Anlaß, über
Gotisch ist der Bau nach eurofäischen Anschau- die neuen Tendenzen in der deutschen Architektur
ungen wohl kaum zu nennen. "88 zu berichten. Behne vermerkte zufrieden, daß die
Was von seiten der Auftraggeber im Traditionsbezug expressionistische Zwischenphase im großen und
zur alten Kulturwelt in der ,Woolworth-Gotik' ganzen als überwunden betrachtet werden könne
(Giedion) kaschiert werden sollte, war hier als und der "Kern" der künstlerischen Arbeit wieder

112
darauf ziele, den "Ausdruck für die heutige Zeit Ein Entwurf Carl Fiegers (Abb. 241) zum ,Chicago
und die heutige Welt zu finden"895. Tribune'-Verwaltungsgebäude zeigt eine ganz ähn-
"Der übergang vom Expressionismus zur sachlichen liche Staffelung des Baukörpers, allerdings ist die
Arbeit ist heute bei einigen unserer bedeutendsten Stockwerksanzahl hier reduziert. Diese Staffelung
Künstlern kaum zu übersehen. Ich denke dabei be- ist sicherlich eine funktionale Konsequenz aus der
sonders an den Architekten Walter Gropius und in der Ausschreibung bezeichneten Raumnutzung
seine Arbeit ,Staatliches Bauhaus' in Weimar. Seine gewesen - die oberen Stockwerke waren für ,öf-
Gedanken waren zuerst sehr mit einigen romanti- fentliche Büros' vorgesehen - und führte auch in
schen Launen durchdrungen. Sie können sie noch anderen Entwürfen, z.B. dem Max Tauts, zu ähn-
heute in Weimar treffen. Aber zahlreiche Elemente lichen Lösungen. Für Argan z.B. war Gropius' Ent-
der Ewigkeit drangen schon in dieser Arbeit immer wurf deshalb bedeutsam, weil er sich von dem
mehr in den Vordergrund. "ökonomischen Schema" und dem herkömmlichen
Dasselbe kann man auch über die eigentliche Arbeit "Prinzip", nach dem Hochhäuser bisher entworfen
des Architekten Walter Gropius behaupten. Der worden waren, emanzipierte. Er sei nämlich nicht
Drang nach Klarheit, Einfachheit und Einheit mehr konstruiert gewesen "als ein Turm, der mit
wurde immer stärker, auch wenn er sich zuerst seiner ganzen Höhe und seinem Gewicht auf einem
hart mit der eingeborenen Neigung zum Kompli- minimalen Bauplatz lastet, sondern als ein Raum,
zierten auseinandersetzen mußte.' '896 für dessen Plan keine statischen und proportionalen
Gropius' Entwurf für dieses Verwaltungsgebäude Grenzen existieren: als eine nach allen Richtungen
orientiert sich, trotz der vielfachen Stellungnahmen des Raums projezierte und entwickelte, unendliche
der ,Chicago Tribune', daß die Architekten den Planimetrie" 899 .
bereits vorhandenen Bau des ,Tribune Plant' nicht In diesem Raumkonzept, mit den frei auskragenden
zu berücksichtigen hätten, wie kaum ein anderer Balkonplatten, die Ecken umgreifend und den Bau-
Entwurf dieses Wettbewerbs an diesem einfachen körper in seiner festumrissenen Kantigkeit immer
kubischen Gebäude (Abb. 240). Gropius plante wieder, asymmetrisch versetzt, aufreißend, lag der
einen Skelettbau, dessen Geschoßhöhe gemäß der architektonische Ausdruck. Die Variabilität der
Ausschreibungsbedingung der des vorhandenen Baus architektonischen Glieder wird zu einer Akzentuie-
entspricht. Dazwischen sind Fenster gespannt, rung innerhalb des Gerüstes, welches sich nun einer
deren Dreiteilung auf das sogenannte Chicago-Fen- klaren Körperdefinition entzieht. Es gibt deshalb
ster Bezug nimmt. Ob Gropius diese typische Fen- auch keine klar ausgegrenzte Schauseite mehr oder
sterlösung der klassischen Chicago School gekannt voneinander unabhängige in sich und nur für sich
hat, ist nicht ganz sicher. Mir scheint aber, daß die allein durchstrukturierte Wände, sondern es gibt
Beeinflussung, nicht wie der Katalog 100 Jahre immer Elemente, die den gesamten Baukörper
Architektur in Chicago 897 mutmaßt, durch die gleichermaßen durchdringen und überziehen, wo-
Ausstellung der Chicago-Architektur, die vor dem durch er in seiner Gesamtheit als räumliches Kon-
Ersten Weltkrieg vor allem in skandinavischen tinuum nur erfaßbar wird, wenn man alle seine
Ländern gezeigt wurde, zustande kam, sondern miteinander verbundenen Teile gleichermaßen
eher der Tatsache zugeschrieben werden muß, daß wahrnimmt.
das ,Tribune Plant', von dem die am Wettbewerb Allerdings gibt es auch hier einen Reflex auf Re-
beteiligten Architekten eine Fotografie erhielten, präsentation, die mit Frontalität rechnet. Der
eben diese Dreiteilung zeigt. Die Fensterlösung Gebäudezugang wird nämlich durch Arkaden be-
dieses Gebäudes scheint als Bezugsrahmen für die tont und dergestalt zum eigenständigen selbstge-
Paraphrasierung des Gropiusschen Entwurfes wahr- nügsamen Raumteil ausgegliedert. Die Arkaden sind
scheinlich, der ebenfalls die vertikale Dreiteilung dem Baukörper jedoch nicht symmetisch vorgela-
zeigt, aber die einfache durchgehende Horizontal- gert, sondern seitlich versetzt; es wird also kein
teilung in der Front auf die beiden Seitenflügel herausgehobenes Portal, sondern ein Eingang ge-
beschränkte und verdoppelte. 898 schaffen, der das wertende Bezugssystem der Sym-
Den Hochhauskörper staffelte Gropius zu einem metrie auch hier bewußt unterläuft.
Frontgebäude von 20 Stockwerken und einem dar- Und hier nun findet man freilich den Gestalter der
über auf 32 Stockwerke aufsteigenden turmartigen Werkbundfabrik wieder, den Bauhäusler, der zur
Baukubus. Vereinheitlichung der Kunstgattungen am Bau

113
aufrief. Das Wandstück neben den Arkaden sollte sind. So wird das Innere des Baus durch seine
ein Terrakottarelief zieren, eine konstrukivistische räumliche Gliederung in sich und mit dem Außen
Figuration, die - soweit das zu erkennen ist - viel- verbunden. "903
leicht von Schlemmers Hand stammen sollte (Abb. Diese Beschreibung erscheint wie zugeschnitten auf
237). die Produktionsanlagen, die Walter Gropius bis
Mit diesem Entwurf setzt sich im architektonischen 1925/26 plante; sowohl auf den Bau der Landma-
Schaffen von Walter Gropius eine Architekturspra- schinenfabrik ,Gebr. Kappe & Co.' (Abb. 216 bis
che endgültig in ihr Recht, die auch repräsentative 220), als auch auf die kleinere Produktionsanlage
Bauaufgaben zuallererst aus dem struktiven Gerüst der ,Hannoversche Papierfabriken' (Abb. 246) oder
definiert, das seinerseits baukünstlerische Qualität den Fabrikbau der Firma ,August Müller & Co.'
aus der technologischen Raumbeherrschung gewinnt in Kirchbrak (Abb. 254,256,258). Alle drei Bauten
und dieses zum ästhetischen Programm der ,schwe- sind mehrgeschossige Eisenbetonbauten, deren
benden Raumkuben' als dem Sinnbild einer umfas- jeweiliger Grundriß ein einfaches Rechteck ist, über
senden freien Beherrschung der Natur durch den dem sich ein Baukörper erhebt, der in sich gestaffelt
Menschen und damit seiner Beherrschung gesell- ist und, wie der Sommerfeldentwurf (Abb. 206 bis
schaftlicher Prozesse vorzustellen gedenkt. Wenn 211), Ausgrenzungen voneinander geschiedener
Gropius in seinen späteren Schriften immer wieder Funktionsbereiche zeigt. Die Treppenhäuser z.B.
betont, daß es seiner Architekturkonzeption um die werden aus der Bauflucht herausgesetzt, entweder
neue "Raumvision"90o gegangen sei, daß es sein dahinter zurück, wie bei dem Kappebau, odervorge-
Ziel gewesen sei, von der "geschlossenen Einheit lagert, wie bei der Papierfabrik. Wie im Sommerfeld-
zur transparenten Struktur"901 zu gelangen, entwurf ist bei dem Bau der Firma Müller der Ver-
dann ist damit das baukünstlerische Analogon zur sorgungstrakt, also das Treppenhaus mit dem Fahr-
verfügbaren transparenten Sozialstruktur gemeint stuhl, über die Bedachung des Baukörpers erhöht.
gewesen. Die fluktuierenden, einander durchdrin- Im Unterschied zur eher plastisch bewegten Außen-
genden Raumbezüge mochten Sinnbilder der haut des ,Chicago Tribune'-Entwurfs, der als Skelett-
menschlichen Herrschaft sein, Sinnbilder jenes konstruktion für ein Hochhaus durch die Vertikale
,regnum hominis', das sich in sachlichen, daß hieß dominiert ist, sind diese Bauten sämtlich kompakte
vernünftigen wissenschaftlich abgesicherten, und Raumkuben, durchbrochen von horizontalen brei-
das meinte objektiven Verhaltensformen realisierte. ten Fensterbändern. Alle drei Gebäude sind groß-
Laszlo Moholy-Nagy, der Gropius' Raum- und flächig und erscheinen ganz als die ,räumlichen
damit Architekturkonzeption durch seine theore- Lagerungen', von denen Moholy-Nagy spricht.
tischen und praktischen Beiträge zur Raumpro- Jeweils besonders betont ist die Horizontale, d.h.
blematik begleitete, hat die Konzeption einer die zu Bändern zusammengefaßten Fenster, und
künstlerischen Raumgestaltung als Lebensgestal- damit das Element, das Gropius 1926 im Gegen-
tung, als Beherrschung des natürlichen wie des satz zu dem der Erdenschwere, der Vertikale, als
menschlichen Existenzraumes so beschrieben: "Zeichen der Bewegung"904 charakterisiert hat.
"Ein stetes Fluktuieren, seitwärts und aufwärts, Besonders deutlich wird das an dem Gebäude für
strahlenhaft, allseitig, meldet dem Menschen, daß die Firma ,August Müller & Co.'. Hier sind die
er den unwägbaren, unsichtbaren und doch all- einzelnen Bauteile, die Fensterzonen und die
gegenwärtigen Raum - soweit seine menschlichen heraustretenden Eisenträger der Geschoßuntertei-
Beziehungen und heutigen Vorstellungen reichen - lungen zu Raumkuben ineinander verzahnt; sie
in Besitz genommen hat. "902 durchdringen sich und ergeben derart nicht nur
Und für die Form folgert er: einen variierten, abgestuften Baukörper, wie er auch
"Es kommt nicht auf eine ,plastische', bewegte im Kappebau und der Papierfabrik herausgearbeitet
Außengestaltung an, sondern nur auf die Raum- worden war, sondern tragen die Strukturierung in
verhältnisse, die die für einen Gestaltungsplan die Wand fläche hinein.
nötigen Erlebnisinhalte festlegen. Dabei kann Zur Vorstufe des Bauhausgebäudes in Dessau wird
nach Außen unter Umständen eine strenge groß- der Müller-Bau vollends in der Zusammenfassung
flächige Begrenzung geschaffen werden, da bei der der Fenster zu wirklichen Fensterbändern. In den
Architektur nicht plastische, bewegte Figuration, beiden anderen Gebäuden, dem Kappebau und der
sondern die räumlichen Lagerungen das Bauelement Papierfabrik, blieben sie selbständige Einheiten, die

114
in den Beton eingeschnitten waren. Hier jedoch tritt beitsorganisation ermöglichen. Daß in diesen ,In-
die Rahmung vor die Wand und erscheint als durch- strumenten' eine durcbrationalisierte Arbeitsorga-
laufendes zusammenhängendes Fensterband vor den nisation stattfindet, die Architektur als Architektur
zurückgesetzten Stützen. Das Vorhangwandprinzip nicht verhindern kann, verweist darauf, daß die Ver-
klingt deutlich an, wenn auch die Stockwerksdecken bindung von Architektur und Lebenspraxis nicht
nicht frei auskragen wie beim Dessauer Werkstatt- so eindimension;:.! ist, wie sie von vielen Funktiona-
trakt. Aber von hier nach da ist es nurmehr ein listen gedacht wurde. 907 Immerhin deutet die ver-
winziger Schritt. überhaupt ist dieser Fabrikbau weigerte Repräsentationsgebärde, die schließlich das
ganz und gar aus demselben Geist wie das Bauhaus- Bürogebäude ebenso charakterisiert wie den Fabrik-
gebäude entwickelt. Beiden liegt das gleiche Kon- bau, auf den egalitären Anspruch hin, den der
struktionsprinzip der Betonfundamente, der Eisen- Funktionalismus als Gestaltung von Lebensvorgän-
betonpfeiler mit einer partiellen Ziegelwandaus- gen meinte. Was Repräsentation im technischen
füllung zugrunde; alle Wandteile sind mit demselben Zeitalter noch meinen könnte, wurde in der Indu-
Weiß 2:estrichen 90s . es p"ibt das p"leiche hep"ehh:HP striearchitektur von Gronius als Darstellunp" der
Flachdach, und n'immt man a~sschnitth~ft die Naturbeherrschung vorge~tellt. Nur so - al~ Ab-
brückenartige Straßenüberbauung des Bauhausge- straktum - - schien Technik im sozialen Raum noch
bäudes, in der die Verwaltungsräume lagen, so hat gleichermaßen allen Menschen zugänglich. Gropius
man den Aufriß des Müllerschen Fabrikbaus vor hatte geschrieben:
sich. Schließlich sind, wie beim Werkstattflügel, bei- "ein aus dem heutigen geist entstandener bau
de Längswände auch bei dieser Fabrik in Glas auf- wendet sich von der repräsentativen erscheinungs-
gelöst. Es gilt, was Gropius beschrieb: form der symmetriefassade ab. man muß rund um
"An Stelle des alten, aus der vollen tragenden Wand diesen bau herumgehen, um seine körperlichkeit
ausgeschnittenen Fensters tritt logisch das nur durch und die funktion seiner glieder zu erfassen. ,,908
Pfeiler aufgeteilte Fensterband, das zu einem typi- Daß man nämlich ein Gebilde, einen Bauofganismus
schen Merkmal der neuen Architektur geworden in seinem Funktionswert, der den sozialen Wert
ist. "906 mit einschließt, sich aneignen und ihn sich sozusagen
Die Architektursprache, die im Fagus-Werk sich begutachtend vor Augen führen muß unter der
angedeutet hatte, ist innerhalb der Bauaufgabe Fragestellung, ob er den Menschen darinnen wie
Industriebau damit zu ihrem entwickelten Ausdruck denen, die ihn umlaufen, auch genügen kann, ist
gelangt. Die Architekturform ist nun aus der durch- eine zutiefst aufklärerische Anschauung. In diesem
gängigen Verwendung der neuen Materialien, aus Anspruch deckt sich die Rezeption eines solchen
den veränderten Konstruktionen entwickelt, die Baues mit der, die gegenüber der curtain wall mög-
das Gesicht der Bauten prägen. Die durch ein lich war, nämlich die konkrete Arbeitszeit als Lebens-
Funktionsprogramm definierten Raumfolgen sind zeit auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Auch
im Außenbau ablesbar gemacht. Die übermitt- deshalb wurde diese Architektur asketisch, weil sie
lung wird in abstrakte, stereometrische Formen sich zur Verfügung stellen und nicht für andere vor-
verlegt, die als Körpereinheiten im Zusammenspiel stellen wollte. Noch einmal Walter Gropius:
die funktionalen Ausgrenzungen anzeigen. Und es "Wir wollen den klaren organischen Bauleib schaf-
sind die durchlässigen Fensterwände, die das Ar- fen, nackt und strahlend aus innerem Gesetz heraus
beitsleben sichtbar werden lassen; auch das ist in ohne Lügen und Verspieltheiten, der unsere Welt
der Fabrik ,August Müller & Co.' gewährleistet. der Maschinen bejaht, der seinen Sinn und Zweck
Was Gropius 1911 für den Industriebau forderte, aus sich selbst heraus durch die Spannung seiner
daß der ,Arbeit Paläste' errichtet werden sollten, hat Baurnassen zueinander funktionell verdeutlicht und
er in seinem Werk niemals realisiert. In der Müller- alles Entbehrliche abstößt, das die absolute Gestalt
schen Fabrik konkretisierte sich dagegen seine des Baues verschleiert. "909
künstlerische Intention in aller Rigidität und damit Mit dieser Aussage ist die Architektur vom Fagus-
am eindeutigsten; Architektur soll als Instrument Werk bis zum Fabrikationsgebäude der Firma
zur Verfügung gestellt werden und in ihrem Raum- August Müller in ihrem Gehalt und ihrer Entwick-
programm eine zweckdienliche und rationale Ar- lung gleichermaßen umschrieben.

115
Monumentale Kunst und Industriebau

Der Text des im folgenden wiedergegebenen Vortrages, den


Gropius im Jahre 1911 in Hagen gehalten hat, folgt der ma-
schinenschriftlichen Niederschrift, von Gropius handschrift-
lich auf den 29. Januar 1911 datiert.

Der Versuch, das Gebiet des profanen Industriebaues inner- der Gestaltungstrieb im Menschen dem mechanischen
halb der Sphäre no nu mentaler Kunst zu betrachten - hier- Zwange der Dinge und Erscheinungen entgegensetzt, sei-
über habe ich die Ehre, vor Ihnen zu sprechen - erscheint nem Wesen nach lebensbejahend, aufbauend, produktiv ist,
auf den ersten Blick verwegen und bedarf der Rechtferti- dringt jener Trieb zur Erkenntnis in die Erscheinungswelt
gung. ein, ist lebensvserneinend, auflösend, kritisch. Beide streben
Es ist ein verhältnismäßig neuer Gedanke in unserer Zeit, in einem letzten idealen Endpunkte zusammenzutreffen.
daß es kein Gebiet in der Baukunst gibt, das aller künstleri- Das Gebiet der Kunst, der monumentalen Kunst des Genies
schen Gestaltungsmöglichkeit bar wäre. In der Tat wendet - diese allein wollen wir betrachten - beginnt erst dort, wo
sich heute der Architekt mit gleichem Interesse den Ver- die Erkenntnis und Darstellung übersinnlicher Erscheinun-
kehrs- und Nutzbauten wie den übrigen althergebrachten gen einsetzt. Sie hat mit der Darstellung der sinnlichen Welt,
Bauproblemen zu. Der Grund dafür ist naheliegend. Ganz mit dem kindlichen Spieltrieb nichts zu schaffen; sie gibt
neue formale Aufgaben sind eben jedesmal für die Entwick- keine naturalistische Wirklichkeitsillusion, sondern eine ge-
lung des monumentalen Stils einer Zeit entscheidend gewe- wollte subjektive Umwertung der Wirklichkeit; sie wurzelt
sen. Wie die Raumgedanken der altrömischen Nutzbauten, in seelischen ideellen Bedürfnissen und befriedigt seelische
die Gerichts- und Kaufmannshallen die Form von Basiliken Bedürfnisse im Menschen. Sie hat also im Prinzip mit mate-
und Kirchen bestimmten, wie mittelalterliche Burgen anre- riellen Bedürfnissen nichts gemein. Ihre Aufgabe ist, die
gend auf die gleichzeitige Sakralbaukunst wirkten, so wird Darstellung höherer transcendentaler Ideen mit materiellen
aller Wahrscheinlichkeit nach die Blüte einer neuen Monu- Ausdrucksmitteln, die der sinnlichen Welt des Raums und
mentalbaukunst von den gewaltigen Aufgaben ihren Aus- der Zeit angehören. Das Materielle ist das Element, aus dem
gang nehmen, die die Technik und Industrie stellen. Den das Kunstwerk erst entstehen soll, nicht dieses selbst. Die
Bauten der Industrie wohnt eine gewisse Ursprünglichkeit Materie an sich ist tot und wesenlos, erst die Form spen-
und Mächtigkeit von Haus aus inne. Wucht, Strenge und det Leben, die der Schöpferwille des Künstlers ihr ein-
Knappheit entsprechen dem organisierten Arbeitsleben, das haucht. "In dieses Blatt, in diesen Stein", sagt Michelange-
sich darinnen abspielt. Sie besitzen Vorbedingungen zur 10, "kommt kein Inhalt, den ich nicht hineinlegen will."
Monumentalität. Deshalb scheint die Annahme berechtigt Der Wille also ordnet das Chaos, macht Willkürliches not-
zu sein, daß die Großbauten der modernen Industrie, denen wendig, Ungeordnetes rhythmisch. Der Künstler kann kein
sich bereits die besten unserer Architekten zuwenden, ver- Element der Wirklichkeit so, wie er es vorfindet, im Kunst-
möge ihres ganz neuen formalen Charakters Vorboten eines werk verwenden. In der Materie an sich liegen demnach kei-
kommenden monumentalen Stils bilden werden, dem vor- ne Kunstgesetze, wohl aber ordnet sie sich im Kunstwerk
läufig die notwendige ethische oder religiöse Grund.lage neben den Gesetzen der eigenen Natur auch denen der
noch fehlt. Kunst unter, wenn sie ein schöpferischer Wille dazu zwingt.
Von dieser Annahme aus sei es gestattet, zunächst einige be- Von Natur aus besitzen sie dann aber auch keinen Kunst-
griffliche Voraussetzungen allgemeiner Natur über monu- wert, der erst vom Menschen hineingetragen wird. Der Wert
mentale Kunst, die sich zum Teil an die neue kunsttheoreti- des Kunstwerks besteht erst in der seelischen Befriedigung
sche Schulauffassung von Riegl und Worringer anschließen, eines inneren Erlösungsdranges, nicht etwa im Wert des Ma-
als grundsätzlichen Maßstab für die späteren Betrachtungen terials. Für seinen Schöpfer und Beschauer bedeutet das
vorauszuschicken. Kunstwerk ein Ausruhen von der Verworrenheit des Welt-
Kunst wird vom Menschen und für den Menschen gemacht, bildes; eine Stillung der faustischen Sehnsucht: "Wo faß'
sie ist ein Gegenteil von Natur. Sie sucht die absolute zu- ich dich, unendliche Natur." Das Bewußtsein der Verloren-
ständliche Schönheit der Natur in bewußte relative Schön- heit im Strom der Dinge und Ereignisse schwindet eine Zeit-
heit umzuwandeln. Diese Verwandlung verrichtet der Wille. lang. wenn der Mensch das vergängliche Ding an sich aus
Was Natur willenlos ist, erstrebt der Mensch mit dem Willen Raum und Zeit herausreißt, um es zu verewigen, es unver-
zu erreichen. Als Machtmittel seines Willens sind ihm zwei rückbar festzulegen in eine absolut klar abgeschlossene Ge-
Triebe eingeboren, der Drang zur Erkenntnis und der Drang stalt. Das Kunstwerk wird zum Sieg des Menschen im Kampf
zur Gestaltung. Mit ihnen bemächtigt er sich der sinnlichen mit dem Naturobjekt. Die unpersönliche Natur wird vom
und übersinnlichen Welt der Erscheinungen. Während sich persönlichen Willen gemeistert.

116
Die Entstehung des Kunstwerks erfordert deshalb Persön- wir uns nicht entmaterialisieren. Für die bildende Kunst, im
lichkeit, Kraft des Genies. Das Genie allein besitzt die Macht, besonderen auch für die Baukunst, ist nun das übermitteln-
das Irdische durch etwas Überirdisches zu fesseln, das Uner- de Sinnesorgan das Auge, und das materielle Substrat für
forschliche offenbar zu machen. Es greift den Geist des Alls den formenden Kunstwillen die sichtbaren Elemente des
und fesselt ihn in körperliche Gestalt. Nur das Genie schafft Raumes. Körpergestaltung und als notwendige Folge davon
wahrhaft monumentale Kunstwerke, die fortzeugend bis ins Raumbegrenzung ist die eigentliche Aufgabe der Baukunst.
tägliche Leben hinab alle übrigen Kunstäußerungen zu beein- Unabhängig von den Eigenschaften der Materie muß sie die
flussen vermögen. Von ihnen geht nicht Reiz und Anmut Wesenhaftigkeit, die tastbare Undurchdringlichkeit der Bau-
aus, sondern unnahbare Gewalt. "Es ist die Kunst", sagt Pe- teile als unerläßliche Vorbedingung für die monumentale
ter Behrens, "die man nicht lieb haben und ans Herz drük- Körper- und Raumwirkung behaupten und die Widerstände,
ken kann, vor der man niedersinkt, die uns erschauert, uns die sich aus dem jeweiligen Material ergeben, überwinden.
durch ihre Größe seelisch überwältigt." So groß ist also die Kein Baustoff ist von Natur künstlerisch oder unkünstle-
Kraft der vom Genie zusammengefaßten Proportionen, daß risch, monumental oder unmonumental; er ist nur vermöge
wahllos jedem beliebigen Beschauer sich der gewollte See- seiner natürlichen Bedingung mehr oder weniger zur monu-
lenzustand aufzwingt. mentalen Gestaltung prädestiniert. Die hemmenopn S-::h'.'i:e
Wir kennen nun aber kein Inneres, das nicht durch ein Äu- !igkeitcD., die: uer Matena1charakter dem formenden Willen
ßeres geeehpT'! würde. Die geistige ldee können wir nur mit bietet, sind eben mehr oder minder stark. Jedes Material
Hilfe sinnfälliger, materieller Mittel in der Kunst zur Darstel- findet aber schließlich seinen Meister.
lung bringen, da wir an die irdische Erscheinungswelt ge- Die modernen Baustoffe wie Eisen und Glas erscheinen in ih-
fesselt bleiben. Diese materiellen Mittel sind verschiedener rer enthüllenden Wesenlosigkeit mit der Forderung der Kör-
Natur. Der Gestaltungsdrang des Menschen ergießt sich über perlichkeit in der Architektur unvereinbar. Umso interes-
das ganze Universum; er formt nicht nur die stofflichen santer dürfte es sein, an Beispielen nachzuweisen (was spä-
Dinge, sichtbaren Dinge des Raums, die allein für die bilden- ter geschehen soll), wie dennoch der künstlerische Wille
den Künste in Frage kommen, sondern jede mit den Sinnen auch hier die scheinbar unüberwindlichen Schwierigkeiten
wahrnehmbare Erscheinung der umgebenden Welt. Musik aus dem Wege räumt und mit genialem Raffinement dem
und Dichtung sind stoff/os, hier bildet der Künstler in Ele- wesenlosen Material den Eindruck von Körperlichkeit ab-
menten der Zeit. Die Zeit- und Raumelemente verharren im trotzt. Bei der künstlerischen Ratlosigkeit, die die Verwen-
ungeordneten Chaos, bis der Künstler sie kraft seines Wil- dung des Eisens in der Baukunst notwendig mit sich brach-
lens unter gesetzmäßige Ordnung zwingt; sie bieten ihm also te, war es begreiflich, daß der wiedererwachte Schönheits-
Widerstand durch ihren Zustand der Latenz. sinn unserer Zeit allen bisherigen Forderungen nach plasti-
Aber auch alle von Vernunft und Aufklärung geschaffenen scher Gestaltung zum Trotz den Irrtum beging, das nackte,
Werte, die Fortschritte der Technik, Ökonomie, Hygiene eiserne Konstruktionsgerippe des Ingenieurs, das unvermeid-
sind Hemmungen materieller Art, die sich dem künstleri- lich erschien, zu einem neuen Kunstprinzip zu erheben.
schen Willen entgegensetzen und von ihm überwunden wer- Fortan wurden die Begriffe Technik und Kunst miteinander
den müssen. Denn jedes fertige Willensprodukt eines ande- verquickt und die Gesetze des Materials und der Konstruk-
ren, das nicht mehr ungeboren im Individuum schlummert, tion mit denen der Kunst identifiziert. Ein solcher Schluß
gehört dem ewigen Kreislauf folgend, wieder dem All an. So schien berechtigt, da man an klassischen Beispielen die Über-
wird es für den neuen Schöpferwillen des anderen Individu- einstimmung der technischen Form mit der Kunstform, der
ums zum materiellen Motiv, das an sich leblos, erst vom Ge- rechnerischen Stabilität mit der dargestellten nachweisen
nie mit neuem Leben erfüllt werden muß. Beethoven schuf konnte. Diese Übereinstimmung bleibt auch gewiß für jedes
aus dem geringsten Motiv einer vorhandenen Dorfmusik ein Werk der Baukunst das ideale Ziel, aber erst eine ungeheure
monumentales Kunstwerk, und aus dem übernommenen Willensbetätigung vermag die von Natur aus grundverschie-
Schatz hellenischer Baumotive konnte ein Schinkellediglich denen Gesetze der Technik und Kunst zu harmonischer
durch die Gewalt der Proportion neue lebendige Bauwerke Kongruenz zu bringen. Die verstandesmäßige arithmetische
erstehen lassen. Rechnung der Stabilität eines Materials steht streng geson-
Wir glauben also zu erkennen - um die Gedanken noch ein- dert neben der instinktmäßig empfundenen geometrischen,
mal zusammenzufassen -, daß die Schönheit des Kunst- bzw. stereometrischen Harmonie der Bauteile, die Kon-
werks auf einer dem schöpferischen Willen innewohnenden struktionsform neben der Kunstform. Die Richtigkeit dieser
unsichtbaren Gesetzmäßigkeit beruht, nicht auf der Natur- Behauptung ist deutlich zu beweisen, sobald man mehrere
schönheit des Materiellen, und daß alle materiellen Dinge Materialien verschiedener Stabilität in ihren technischen
nur dienende Mittelsfaktoren sind, mit deren Hilfe einem und ästhetischen Funktionen vergleicht. Ein breiter Holz-
höheren seelischen Zustande, eben jenem Kunstwollen, sinn- balken, von 2 dünnen Stahlstangen getragen, genügt wohl
licher Ausdruck verliehen wird. der rechnerischen Festigkeit. Das ästhetisch empfindende
Je sinnfälliger nun diese Ausdrucksmittel gewählt werden, Auge wird aber durch das Mißverhältnis der tragenden und
desto monumentaler muß die Wirkung sein, die von dem getragenen Glieder beleidigt, denn die stabile Eigenschaft
Kunstwerk ausgeht, denn an die Sinne gebunden, können des Materials ist unsichtbar, harmonisches Ebenmaß aber

117
nur in der sinnlichen Anschauung des optischen Flächenbil- künstlerische Möglichkeiten. Mit Unrecht nahm man zuerst
des begreiflich. Eine Einigung in diesem Zwiespalt ist also die modernen Produkte. wie Gummi, Linoleum. Papier. Be-
nur in einer Vermittlung. einem Ausgleich zwischen der ton als minderwertige Surrogate anderer Stoffe. Man ver-
Rechnung des Ingenieurs und der Architekturform denkbar. stand sie nur nicht und gab ihnen falsche Verwendung. Es
in einem Hand-in-Hand-Gehen von analytischer Erkenntnis. ist darum eine große Errungenschaft der letzten Epoche,
und synthetischer Gestaltung. Aus der Fülle der Möglichkei- daß sie den Baustoffen und ihren konstruktiven Funktionen
ten muß diejenige gesucht werden. die in gleicher Weise wieder zu ihrem Rechte verhalf und die gesunde materielle
dem fühlenden Künstler wie dem wissenden Techniker ge- Grundlage für eine neue künstlerische Formentfaltung schuf.
recht wird. Der künstlerische Formgedanke bleibt aber das denn technisches Können setzt ja den Künstler in den Stand.
höhere Gebot. dem sich die Technik in ihrer variablen An- souverän mit allen hemmenden Schwierigkeiten zu spielen.
passungsfähigkeit willig unterzuordnen hat. Freilich genügt bloßes Können nicht; ebensowenig schafft
Damit wird nicht geleugnet. daß die rationelle Konstruktion der Architekt allein durch geschickte Anordnung der Mate-
und die Eigenschaft eines Materials zum wertvollen Leitmo- rialien Kunstwerke, wie der Musiker durch die Instrumen-
tiv für den Künstler werden kann. Im Gegenteil hat jede gu- tierung, durch das Ordnen der Klangfarben seiner Instru-
te Baukunstepoche die Errungenschaften der Technik gern mente. Erst die große Idee des Genies, die alles Äußere mit
entgegengenommen und künstlerisch ausgenutzt. Für unsere geistigem Ausdruck durchtränkt, bringt den richtigen Aus-
Zeit erscheint allerdings die Aufgabe des Baumeisters sehr gleich der Spannung in den großen Komplex künstlerischer
schwer. aus dem wesenlosen. lichtdurchfluteten Eisengerip- und praktischer Forderungen im Kunstwerk, so daß auch je-
pe wieder Körper und Räume zu machen. ohne Störung der der einseitige Standpunkt eines Beschauers seine Befriedi-
Technik. des Gebrauchszweckes und der pekuniären Ökono- gung findet.
mie. Das künstlerische Genie will immer die Darstellung der
Eine rein konstruktive Eisenbrücke. das nackte Resultat ver- größten Gedanken seiner Zeit. In unserem heutigen Leben
standesmäßiger Ingenieursrechnung. ist in vielen Fällen ein drückt sich allenthalben die höhere Idee der weltwirtschaft-
fleischloses. körperloses Liniengebilde ohne Licht und lieh gerichteten modernen Arbeit aus. Anstelle individueller
Schatten. Die Kraft der Spannungen ist darin wohl unserem handwerklicher Einzelheit ist industrielle Organisation, Zen-
Intellekt gleichsam graphisch zur Darstellung gebracht. aber tralisation und Arbeitsteilung getreten. Aus der Revolution.
unser sinnliches Empfinden geht dabei leer aus. Würde man die diese Umwälzung mit sich brachte. quillt neuer Ord-
die Konstruktion einer solchen Brücke mit Holz oder Blech nungsgeist hervor. Ein großartiges. weit ausgreifendes Ge-
verhängen. so würde an der statisch-mathematischen Rech- genwartsleben erfüllt alle natürlichen Lebensäußerungen mit
nung nichts Wesentliches verändert. wohl aber an dem opti- seinem Rhythmus. Probleme wirtschaftlicher und ethischer
schen Bilde. denn nun wäre dem Auge die Illusion einer Natur harren ihrer Lösung. Die soziale Frage ist der eigentli-
wuchtigen Körperlichkeit geboten. die es vorher vermißte. che ethische Zentralpunkt unserer Tage geworden, das
Man beobachtet eine wie starke Rolle die Illusion der Kör- große Problem für die Allgemeinheit, dem sich auch die
perlichkeit im sinnlichen Empfinden spielt, wenn man bei- Kunst zuwenden muß, denn das Wort einer neuen Religiosi-'
spielsweise auf einem hoch gelegenen Balkon vor die offene tät. das alle erfassen und einer neuen Kunst zur Richtschnur
Gitterbrüstung undurchsichtiges Papier oder Leinwand werden könnte, ist noch nicht ausgesprochen. Die Kunst
hängt. Das Schwindelgefühl wird trotz der praktischen Be- braucht aber Glauben an große gemeinsame Ideen, damit
deutungslosigkeit dieser Veränderung sofort gemildert wer- Großes zustande kommt. Um einen tiefen Eindruck von ei-
den. Das Auge findet Stützpunkte und gleichzeitig teilt sich nem Bauwerk zu empfinden, muß man an die Idee glauben,
auch dem übrigen Sinnesempfinden das Gefühl räumlicher die es erstehen ließ. Wir können heute vor dem St. Pet er in
Geborgenheit mit. Dieses angeborene Empfinden wird keine Rom kaum mehr den gewaltigen Eindruck erleben wie der
intellektuelle Einsicht beseitigen. Mit gleichen optischen Il- gläubige Römer der Renaissance. Die Kunst der vergange-
lusionen hat die darstellende Kunst von jeher rechnen müs- nen Jahrzehnte lag wohl auch deshalb so darnieder, weil ihr
sen. Jedes Bauwerk umgeht in seiner körperlichen Gestal- der moralische Sammelpunkt, das kulturelle Ideal allgemei-
tung das praktische Raumerfordernis, indem es den schein- ner Bedeutung fehlte, das die für die Kunst notwendige Be-
baren Eindruck der tastbaren Undurchdringlichkeit körper- geisterung schafft. Heute haben wir Anzeichen, daß der gro-
licher Masse zu erwecken sucht. ßen technischen und wissenschaftlichen Epoche eine Zeit
Körperlichkeit ist aber aus jeder Art stofflicher Elemente der Verinnerlichung folgen wird, der Zivilisation eine Kul-
zusammenzusetzen, und kein Material. wie es auch geartet tur. Nach einer starken Befriedigung des Intellekts regt sich
sein mag, wird imstande sein, diese Grundgesetze der Bau- augenscheinlich wieder der verkümmerte Trieb zur Gestal-
kunst einzureißen. Die Technik muß selbstverständlich un- tung dessen, das erkannt wurde. Die Zeitideen drängen nach
gehindert ihren Weg gehen, und sollte sich auch die größte architektonischem Ausdruck, das monumentale Arbeitsbe-
Utopie des Ingenieurs, die Herstellung durchsichtigen Ei- dürfnis braucht Gehäuse, die mit großem Pathos den inne-
sens, erfüllen, müßte doch der Architekt Mittel und Wege ren Wert der Einrichtungen würdig ausdrücken, die Arbeits-
finden, Körper und Räume daraus zu schaffen, um Kunst- rnethode architektonisch zu charakterisieren vermögen. Der
werke hervorzubringen. Es liegen eben in jedem Material Arbeit müssen Paläste errichtet werden, die dem Fabrikar-

118
beiter, dem Sklaven der modernen Industriearbeit, nicht ment) der Baukunst, der ornamentale Schmuck ist nur ein
nur Licht, Luft und Reinlichkeit geben, sondern ihn noch letztes Handanlegen. Überladenheit und falsche Romantik
etwas spüren lassen von der Würde der gemeinsamen großen können niemals über den Mangel an guter Proportion und
Idee, die das Ganze treibt. Erst dann kann der Einzelne Per- praktischer Einfachheit hinwegtäuschen (geschweige zu ei-
sönliches dem ursprünglichen Gedanken unterordnen, ohne nem eigenen Stile der Zeit führen). Artistische Einzellei-
die Freude am Mitschaffen großer gemeinsamer Werte zu stungen sind rasselos, erst eine Konvention im guten Sinne
verlieren, die früher dem Machtbereich des Individuums un- durch Zusammenschluß, durch Rhythmus von Wiederho-
erreichbar waren. Dieses Bewußtsein, im einzelnen Arbeiter lungen, durch Einheitlichkeit einmal als gut erkannter, im-
geweckt, könnte vielleicht eine soziale Katastrophe, die bei mer wiederkehrender Formen schafft einer Zeit das vollen-
der Gärung des heutigen Wirtschaftslebens ja täglich droht, dete Vorbild, die Stileinheit. Diese neuen Formen können
vermeiden. Weitsichtige Organisatoren haben es längst er- nicht willkürlich erfunden werden, sondern ergeben sich mit
kannt, daß mit der Zufriedenheit des einzelnen Arbeiters Notwendigkeit aus den Lebensäußerungen der Zeit. In der
aber auch der Arbeitsgeist wächst und folglich die Leistungs- knappen Straffheit unseres technischen und wirtschaftli-
fähigkeit des Betriebes. Der subtil rechnende Herr der Fa- chen Lebens, zu den Ausnutzung von Material, Geldmitteln,
brik wird sich alle Mittel zu Nutze machen, die die ertöten- Arbeitskräften und Zeit paßt eben nicht mehr irgendeine
de Fabrikarbeit beleben und den Zwang der Arbeit mildern erhorete Form des Rokoko nnn d~r R~n~i~~~n("~ ni~ Fn~r­
könnten. Das heißt, er wird nicht nur für Licht, Luft und gie und Ökonomie des modernen Lebens wird bestimmend
Sauberkeit sorgen, sondern in der Gestaltung seiner Arbeits- auf die künstlerischen Formen einwirken müssen. Die exakt
gebäude und Räume auch auf das ursprüngliche Schönheits- geprägte Form, jeder Zufälligkeit bar, klare Kontraste, ord-
empfinden, das auch der ungebildete Arbeiter besitzt, ge- nen der Glieder, Reihung gleicher Teile und Einheit von
bührend Rücksicht nehmen. Form und Farbe sind die Grundlagen zur Rythmik des mo-
Es ist nun ganz natürlich, daß der Fabrikherr in den vergan- dernen baukünstlerischen Schaffens.
genen Jahrzehnten der technischen Entwicklung keine Zeit Es sind gleichsam die Sprachmittel des modernen Architek-
auf ästhetische Rücksichten verwenden konnte. In erster ten, mit denen er die schöpferischen Gedanken der J etzt-
Linie Ingenieur und Kaufmann, mußte er sich zunächst um zeit, die sozialen und wirtschaftlichen Ideen auszusprechen
praktische Dinge, um Technik und Geldverdienen kümmern. vermag, aber es sind eben nur die Mittel. Das Wie der Dar-
Kunst bedeutete für ihn Luxus, er suchte vielleicht überall stellung ist unerlernbar, ist intuitive Gabe des Genies. Es ge-
in den Besitz von Kunstwerken zu gelangen, nur nicht auf hört mehr dazu als guter Wille, neue Formausdrücke zu fin-
seinem eigenen Arbeitsgebiet. Die Fabrik blieb eine notdürf- den, ein monumentales Geschäftshaus, einen wohlpropor-
tige Stätte von Schmutz und Elend. Erst mit dem zuneh- tionierten Arbeitssaal zu schaffen. Darum ist der Fabrik-
menden Wohlstand kam auch das Bedürfnis nach besserer oder Kaufherr auf die Mithilfe des Künstlers angewiesen. Im
Belichtung, Heizung und Lüftung. Man rief auch hier zuwei- Prinzip ist es zwar gleichgültig, wie ein künstlerisch wertvol-
len den Baumeister zu Hilfe, der die nackten Formen des les Bauwerk zustande kommt, ob es in einem Kopfe des
Nutzbaues mit nachträglich hinzugetragenen unsachlichen ästhetisch empfindenden Ingenieurs oder technisch begab-
Zierraten bemäntelte. Die Konfliktpunkte wurden äußerlich ten Architekten entsteht, wie in früheren Zeiten, oder aber
verdeckt und der eigentliche Charakter des Baues, da man in der Zusammenarbeit beider, die ein weitsichtiger Organi-
sich seiner schämte, mit einer sentimentalen, aus früheren sator zusammenführte. Bei dem Umfang der einzelnen Spe-
Stilen erborgten Maske verschleiert, die der jeweiligen Ge- zialberufe wird für unsere Zeit die Arbeitsteilung das Gege-
schmackslaune des Fabrik- oder Kaufherrn entsprach. Noch bene sein. Auf der richtigen Verteilung der Rollen beruht
heute ist dieses Verfahren das gewöhnliche; der minder ja gerade die Macht der modernen Zeit, und es sind Anzei-
weitblickende Fabrikherr vergißt, daß er mit solcher Maske- chen dafür vorhanden, daß die Industrie durch Zusammen-
rade der Würde seines Unternehmens zu nahe tritt und auf schluß vieler einen ebenso starken Einfluß auf die Entwick-
diesem Wege die Lösung der Schwierigkeiten niemals her- lung einer Neukultur ausüben wird, von der in unseren Ta-
beiführen kann. Denn das moderne Leben braucht neue gen so viel die Rede ist, wie früher der dynastische Einzel-
Bauorganismen entsprechend den Lebensformen unserer wille eines Herrschers.
Zeit. - Bahnhöfe, Warenhäuser, Fabriken verlangen ihren Es soll nun der Versuch gemacht werden, mit einer Reihe
eigenen modernen Ausdruck und können gar nicht im Stil ausgewählter Beispiele einen Überblick über diejenigen Bau-
der vergangenen Jahrhunderte gelöst werden, ohne daß man ten der modernen Industire zu geben, die einen Anspruch
in leeren Schematismus und historische Maskerade verfällt. auf monumentale Schönheit machen können. Einige dieser
(Wir sollten rücksichtslos ablehnen, im praktischen Leben Bauwerke, an denen offenbar kein Architekt mitwirkte,
Archäologie zu treiben.) Statt der äußerlichen Formulie- um ästhetische Absichten durchzusetzen, sollen nicht als
rung ist ein inneres Erfassen des neuen baukünstlerischen Kunstwerke rangieren, denn mit dieser Bezeichnung kann
Problems vonnöten, Geist an Stelle der Formel, ein künstle- man nicht geizig genug umgehen, den Erbauern wohnte
risches Durchdenken der Grundform von vornherein, kein aber wohl ein natürliches Schönheitsempfinden inne, dem
nachträgliches Schmücken. Die Proportionierung der Bau- sie durch keine architektonischen Fachkenntnisse be-
massen bleibt immer die vornehmste Aufgabe (das Funda- schwert, mit gesundem Instinkt folgen konnten, ohne Sehn-

119
sucht nach falsch applizierten Zierformen, die das Ganze ge- Stätte der Arbeit nie in uns so starke seelische Impressionen
fühllos zerreißen und zu Grunde richten müssen. erwecken können wie ein Gotteshaus, denn dort können nur
menschliche, keine göttlichen Vorgänge verherrlicht werden,
Die Bilderreihe möchte ich mit einem historischen Beispiel
aber in den Bauten der heutigen Industrie könnte der Keim
beginnen, das freilich keine Fabrik darstellt, aber als reiner
zu höheren Architekturgedanken verborgen liegen, der sie
Nutzbau als passende Parallele zum heutigen Industriebau
schon heute der Sphäre der monumentalen Kunst näher-
herangezogen werden kann und alle die Forderungen erfüllt,
rückt. Unsere Zeit ist von Problemen erfüllt, in deren brei-
die ich für einen Nutzbau aufstellen zu müssen glaubte.
ter, freier Aussprache unsere geistige Zukunft liegen wird,
(An dieser Stelle seines Vortrages folgten Fotos, die Gro-
und wir beginnen bereits zu ahnen, daß aus der heutigen
pius kurz erläuterte, A.d.V.)
Weltanschauung eine höhere Kultur erblühen kann; dann
Die vorgeführte Bilderreihe macht keinen Anspruch auf aber könnte auch aus den Ausdrucksfarmen unserer Zeit
Vollständigkeit, aber vielleicht ist damit trotzdem der Be- die großräumige Gesinnung eines neuen Sakralstiles geboren
weis erbracht, daß ein Fabrikgebäude nicht immer ein not- werden, der in der formalen Bewältigung kubischer Massen
wendiges Übel zu sein braucht, sondern zum Spiegelbild für wieder den Weg erkennt, den heiligsten Gedanken der
die besten Kräfte unserer Zeit werden kann. Zwar wird eine Menschheit charakteristische Denkmäler zu setzen.

120
Anmerkungen spüren lassen von der Würde der gemeinsamen großen
Idee, die das Ganze treibt ( ... ). Dieses Bewußtsein im
einzelnen Arbeiter geweckt, könnte vielleicht eine so-
ziale Katastrophe, die bei der Gärung des heutigen
1 A Bibliography of Writings by and about Walter Gropius. Wirtschaftslebens ja täglich droht, vermeiden. Weitsich-
The American Association of Architectural Bibliogra- tige Organisatoren haben es längst erkannt, daß mit der
phers, Papers, Volume III, Volume IX, Ed.: W.B. O'Neal, Zufriedenheit des einzelnen Arbeiters aber auch der Ar-
University Press 1966/77; Ruth V. Cook, A Biblio- beitsgeist wächst und folglich die Leistungsfähigkeit
graphy. Walter Gropius 1919-1950, Chicago 1951 des Betriebes. Der subtil rechnende Herr der Fabrik
2 G. C. Argan, Gropius und das Bauhaus, Reinbek b. wird sich alle Mittel zunutze machen, die die ertötende
Hamburg 1962 (Reprint BraunschweiglWiesbaden Eintönigkeit der Fabrikarbeit beleben und den Zwang
1983); A. Busignani, Walter Gropius. Gestalter unserer der Arbeit mildern könnten. Das heißt, er wird nicht
Zeit, Florenz 1972; J. M. Fiteh, Walter Gropius, Ra- nur für Licht, Luft und Sauberkeit sorgen, sondern in
vensburg 1962; S. Giedion, Walter Gropius. Mensch der Gestaltung seiner Arbeitsgebäude und Räume auch
und Werk, Stuttgart 1954 auf das ursprüngliche Schönheitsempfinden, das auch
3 S. Ciedion, a.a.O., S. 68 der ungebildete Arbeiter besitzt, gebührend Rücksicht
nehmen." W. Gropius, Monumentale Kunst und Indu-
4 Vgl. Anm. 2
striebau, in: Bauhaus-Archiv BHA 20/3, S. 13. Vgl.
5 Vgl.: H. M. Wingler, Das Bauhaus 1919-1933. Weimar, S. 116 ff. des vorliegenden Buches.
Dessau. Berlin, Bramsehe 1962; H. Klotz, Materialien
zu einer Gropius-Monographie, in: architectura 1, 1971, 16 Vgl.: H. Berndt u. a., Architektur als Ideologie, Frank-
S. 176 ff. furt/Mo 1968; H. Klotz; Das Pathos des Funktionalis-
mus. Berliner Architektur 1920-1930, Veranstaltung
6 Siehe dazu: R. Banharn, Die Revolution in der Archi-
des Internationalen Design Zentrums Berlin, Berlin
tektur. Theorie und Gestaltung im ersten Maschinen-
1974; ders.: Funktionalismus und Trivialarchitektur.
zeitalter, Reinbek b. Hamburg 1964; L. Benevolo, Ge-
Der Werkbund und die röhrenden Hirsche, Vortrag zur
schichte der Architektur des 19. und 20. Jahrhunderts,
Jahrestagung des Deutschen Werkbunds Baden-Würt-
2 Bde., München 1978; J. Joedicke, Geschichte der mo-
temberg, abgedr. in: Arch+, 7. Jg., Heft 27, 1975, S.
dernen Architektur, Stuttgart 1958
19 ff.; J. Posener, Kritik der Kritik des Funktionalis-
7 H. Weber, Walter Gropius und das Faguswerk, München mus, in: Arch+, 7. Jg., Heft 27,1975, S. 11 ff.
1961
17 Vgl.: K. Brake u. a. (Hrsg.), Architektur und Kapital-
8 Vgl. Anm. 2 sowie 5 bis 7 verwertung. Veränderungstendenzen in Beruf und Aus-
9 Brief von Konsul E. Kleyer an Verfasserin vom 10.6. bildung von Architekten in der BRD, Frankfurt/M.
1975 1973,S. 50
10 Vgl.: J. Petsch, Architektur und Gesellschaft. Zur Ge- 18 A. Riegl, Naturwerk und Kunstwerk (1901), in: Ge-
schichte der deutschen Architektur im 19. und 20. Jahr- sammelte Aufsätze, Hrsg.: K. M. Swoboda, Augsburg
hundert, Wien 1973, S. 131 ff. 1929, S. 63 f.
11 Vgl.: Faksimile-Abdruck des Briefes in: H. Weber, 19 Die deutliche Darstellung dieses Zusammenhanges ver-
a.a.O. danke ich der Möglichkeit, am Projekt ,Industriekultur.
12 Vgl.: H. J. Stark, Bürohäuser der Privatwirtschaft, in: Peter Behrens und die AEG' mitgearbeitet zu haben.
Berlin und seine Bauten. Industriebauten. Bürohäuser, Dafür bin ich Herrn Professor Tilman Buddensieg zu
Teil IX, Berlin - München - Düsseldorf 1971, S. 115 Dank verpflichtet; vgl. die Ausstellung ,Industriekultur.
13 A. Reuter, Alfeld an der Leine, in: Westermanns Mo- Peter Behrens und die AEG 1907-1914', im IDZ-Ber-
natshefte, 69. Jg., Bd. 138, 1, Mai 1925, Heft 825, S. 1 lin, 1978 und die gleichnamige Publikation, Berlin
1979.
14 Siehe dazu: S. Müller, Kunst und Industrie. Ideologie
und Organisation des Funktionalismus in der Architek- 20 Der Titel ist dem gleichnamigen Buch von Emil Beutin-
tur, München 1974; C. Friemert, Der ,Deutsche Werk- ger, Die künstlerische Gestaltung der Industriebauten,
bund' als Agentur der Warenästhetik in der Aufstiegs- München 1916, entliehen.
phase des deutschen Imperialis.mus, in: Hrsg.: W. F. 21 Vgl.: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte,
Haug, Warenästhetik. Beiträge zur Diskussion, Weiter- Hrsg. L. H. Heydenreich und K.-A. Wirth, Stuttgart
entwicklung und Vermittlung ihrer Kritik, F~ankfurt/ 1971, S. 828, und: Hans Joachim Stark, Bürohäuser
M.1975 der Privatwirtschaft, in: Berlin und seine Bauten. Indu-
15 Das Zitat im Zusammenhang lautet: "Der Arbeit müs- striebauten und Büro häuser, Berlin - München - Düs-
sen Paläste errichtet werden, die dem Fabrikarbeiter, deldorf 1971, S. 121
dem Sklaven der modernen Industriearbeit, nicht nur 22 Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, S. 847
Licht und Reinlichkeit geben, sondern ihn noch etwas 23 Ebenda

121
24 K. Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, 37 Siehe dazu S. 21 ff. des vorliegenden Buches.
Bd. I, MEW Bd. 23, Berlin (DDR) 1972 38 Vgl.: J. Petsch, Architektur und Gesellschaft. Zur Ge-
25 Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, S. 847 schichte der deutschen Architektur im 19. und 20.
26 Vgl. K. F. Schinke1, Englisches Tagebuch (Tagebuchsei- Jahrhundert, a.a.O., S. 119
te 62), Juli 1826; N. Pevsner, A History of Building 39 E. Beutinger, a.a.O., S. 8.
Types, London 1976, S. 273 ff. Pevsner gibt in diesem 40 Vgl.: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, S. 858
Zusammenhang einen kurzen Abriß über die menschen- 41 Ebenda
verschleißende Arbeitssituation in den englischen Fa-
42 Ebenda
briken und verweist auf sozialreformerische Ansätze et-
wa eines Robert Owen. 43 Vgl.: H. Kreidt, Industriebauten, In: Berlin und seine
Bauten, S. 41
27 Vgl.: R. Günter, Der Fabrikbau in zwei Jahrhunderten,
in: archithese 3/4, 1971, S. 40 ff. 44 A.A.O., S. 42
45 Siehe dazu: T. Buddensieg/H. Rogge, Industriekultur.
28 Vgl.: H. Kreidt, Die baulichen Anlagen der Berliner In-
Peter Behrens und die AEG, a.a.O., S. 9-126. Und
dustrie seit 1895, Diss., Berlin (TU) 1968, S. 37
T. Buddensieg, Peter Behrens und die AEG. Neue Do-
29 Ebenda kumente zur Baugeschichte der Fabriken am Hum-
30 W. Henn, Bauten der Industrie, Bd. I, München 1955, boldthain, in: Schloß Charlottenburg. Berlin. Preußen.
S.26 Festschrift für Margarete Kühn, München 1975, S.
31 R. Günter, a.a.O., S. 48 27lff.
32 K. Marx, a.a.O., S. 448 ff. (Hervorhebung K. W.) 46 F. Naumann, Die Kunst im Zeitalter der Maschine, in:
33 A.a.O., S. 450 Der Kunstwart, 17. J g., 1904, Heft 20, S. 326, abgedr.
in: Werke, Bd. 6, S. 186ff.
34 Unter diesem Begriff wurde schließlich die gesamte Ar-
chitekturbewegung gefaßt, die ornamentlos, auf stereo- 47 A.a.O., S. 324
metrische Formen beschränkt, mit durchlichteten Räu- 48 A.a.O., S. 325
men arbeitete. In den zwanziger Jahren apostrophier- 49 Peter Behrens hatte 1910 geschrieben: "Eine Eile hat sich
ten die jüngeren Architekten ihle Werke und Bestre- unserer bemächtigt, die keine Muße gewährt, sich
bungen gerne mit dem Prädikat ,neu', ganze Stadtpla- in Einzelheiten zu verlieren. Wenn wir im überschnellen
nungen setzten sich damit gegen das Alte - wie Pose- Gefährt durch die Straßen unserer Großstadt jagen,
ner ausgeführt hat, mit dem Wilhe1mismus identifizier- können wir nicht mehr die Details der Gebäude gewah-
bare - ab; es gab z. B. ,Das Neue Frankfurt' und auch ren. Ebensowenig wie vom Schnellzug aus Städtebilder,
,Das Neue Berlin' mit eigenen Zeitschriften gleichen Ti- die wir im schnellen Tempo des Vorbeifahrens strei-
tels. fen, anders wirken können als nur durch ihre Silhouet-
35 Auf die Tradition dieses Begriffspaares hat Tilmann te. Die einzelnen Gebäude sprechen nicht mehr für sich.
Buddensieg hingewiesen; vgl.: T. Buddensieg, Peter Einer solchen Betrachtungsweise unserer Außenwelt,
Behrens und die AEG, in: T. Buddensieg/H. Rogge, In- die uns bereits zur steten Gewohnheit geworden ist,
dustriekultur. Peter Behrens und die AEG 1907-1914, kommt nur eine Architektur entgegen, die möglichst
Berlin 1978, S. 81 f., Anm. 47 geschlossene, ruhige Flächen zeigt, die durch ihre Bün-
36 Anlaß zur Kritik war immer wieder Gropius' Äußerung, digkeit keine Hindernisse bietet." ,Kunst und Technik',
daß es "vom sozialen Standpunkt aus nicht gleichgül- zit. nach: T. Buddensieg/H. Rogge, a.a.O., S. D278. Und
tig (sei), ob der moderne Fabrikarbeiter in öden, häß- W. Gropius schrieb 1930: "Die Verkehrswege in der
lichen Industriekasernen oder in wohlproportionierten Luft erheben eine neue Forderung an die Erbauer von
Räumen seine Arbeit verrichtet. Er wird dort Häusern und Städten: auch das Bild der Bauten aus der
am Mitschaffen großer gemeinsamer Werte arbeiten, Vogelschau, das die Menschen früherer Zeiten nicht zu
wo seine vom Künstler durchgebildete Arbeitsstätte Gesicht bekamen, bewußt zu gestalten." ,Bauhausbau-
dem einem jeden eingeborenen Schönheitsgefühl entge- ten Dessau' (Bauhausbücher 12), München 1930, S. 16
genkommt und auf die Eintönigkeit der mechanischen 50 H. Poelzig, Der neuzeitliche Fabrikbau, in: Der Indu-
Arbeit belebend einwirken. So wird mit der zunehmen- striebau, 2. Jg., Mai 1911, Heft 5, S. 100
den Zufriedenheit Arbeitsgeist und Leistungsfähigkeit 51 In der Zeitschrift "Der Industriebau' schrieb der Mit-
des Betreibes wachsen." (W. Gropius, Industriebauten, arbeiter Dr. Ing. Mackwosky: "Industriebauten sind
Wanderausstellung 18, o.J. (1911) S. Müllerfolgerte dar- so recht Träger moderner Baugedanken ( ... ). So wird
aus, daß an "die Stelle der handfesten Ausbeutung nur mit in erster Linie der Industriebau berufen sein, zur
eine schöne" getreten sei. (Kunst und Industrie, a.a.O., modernen Architektur überzuleiten und eine führende
S. 51) Siehe dazu: C. Friemert, der ,Deutsche Werk- Rolle in ihr zu spielen." ,Der Industriebau und die mo-
bund' als Agentur der Waren ästhetik in der Aufstiegs- derne Baukunst', in: Der Industriebau, 4. Jg., August
phase des deutschen Imperialismus, in: a.a.O., S. 211ff. 1913, Heft 8, S. 177

122
52 H. Poelzig, a.a.O., S. 100ff., und: Emil Beutinger, Fa- 70 Brief von W. Gropius an A. Behne vom 16.9.1919:
brikbau, in: Der Industriebau, 5. Jg., Dezember 1914, "Auf großes Drängen von Poelzig und Taut war ich in
Heft 12, S. 252 ff. (Abdruck eines Vortrages vor Bau- Stuttgart (Tagung des Deutschen Werkbundes, K.w.)
und Kommunalbeamten in Berlin). "Nun haben die In- und trat dort wieder als großer Bombenschmeißer auf.
dustriebauten (. .. ) in der Baugeschichte keine eigent- Es ist mit Mühe gelungen, Peter Behrens, Bruno Paul
lichen Vorbilder (. .. )." (S. 259) und R. L. F. Schulz aus dem Vorstand herauszudrän-
53 K. Scheffler, Moderne Industriebauten, in: Vossische gen." (Zit. nach: K. H. Hüter, Das Bauhaus in Weimar,
Zeitung, 26.9.1912, Morgenausgabe. Theodor Lindner Berlin (DDR) 1976, S. 212)
berichtete 1922, daß zum Beispiel die Kraftzentralen, 71 Brief von W. Gropius an A. Behne vom 29.12.1919, zit.
die die AEG in Berlin errichtet hatten, "zu den Sehens- nach: a.a.O., S. 217
würdigkeiten der Stadt" zählten. Ders., Vom ersten Ber- 72 Peter Behrens, Stil?, in: Die Form, 1. Jg., Heft 1, 1922,
liner Kraftwerk zum Großkraftwerk Golpa, in: AEG- S.7
Mitteilungen, 18. Jg., Oktober 1922, Heft 4, S. 223 73 H. de Fries, Industriebaukunst, in: Wasmuths Monats-
54 J. A. Lux, Der moderne Fabrikbau, in: Der Industrie- hefte für Baukunst, 5. Jg., 1920/21, Heft 5/6, S. 128
bau, Jg. 1910, Heft 4, S. 83 74 Ebenda
55 Siehe dazu: W. Franz, Industriebauten, in: Städtebau- 75 Ebenda
liche Vorträge, Bd. 7, Heft 5, Berlin 1914; ders., Fa- 76 A.a.O., S. 129
brikbauten, in: Handbuch der Architektur, 4. Teil,
2. Halbband, Heft 5, Leipzig 1923; ders., Das Büro- 77 VgI. S. 91 ff. dieses Buches
haus, Heft 1, Leipzig 1924 78 A. Behne, Die moderne Fabrik, in: Der Schünemann-
56 Vgl.: A Behne, Kunst. Romantiker, Pathetiker und Lo- Monat, 1927, S. 160
giker im modernen Industriebau, in: Preußische Jahr- 79 Aa.O., S. 164
bücher, 154. Bd., Oktober bis Dezember 1913, S. 171. 80 A. Behne, Der moderne Zweckbau (1923), Bauwelt-
Siehe dazu: Ders., Die ästhetischen Theorien der mo- Fundamente 10, a.a.O., S. 33
dernen Baukunst, in: Preußische Jahrbücher, 153. Band, 81 A. Meyer, Industriebau, in: Jubiläumsheft der Frank-
Juli-Sept. 1913, S. 274ff. furter Gesellschaft, ,Hundert Jahre Frankfurter Gas'
57 A.a.O., S. 172 1828-1928, in: BHA
58 A.a.O., S. 173 82 Siehe dazu: W. Gropius, Internationale Architektur
59 A.a.O., S. 174 (Bauhausbücher 1), München 1925
60 A.a.O., S. 172 83 Zur geistesgeschichtlichen Entwicklung der ,Architek-
61 Vgl.: W. Gropius, Die Entwicklung moderner Indu- tur als Kunst' siehe: H. Bauer, Architektur als Kunst.
strie-Baukunst, in: Jhb. d. DWB 1913, Abbildungsteil. Von der Größe der idealistischen Architektur-Ästhetik
Adolf Behne weist darauf hin, daß Behrens sich 1912 und ihrem Verfall, in: Probleme der Kunstwissenschaft,
zu Studienzwecken in Amerika aufgehalten habe. Vgl.: 1. Bd., Kunstgeschichte und Kunsttheorie im 1-9. Jahr-
A. Behne, a.a.O., S. 172. Behne schrieb dazu nochmals hundert, Berlin 1963, S. 133 ff. Die Überschrift ist
1922: "Schon Behrens hatte für seine AEG-Bauten die diesem Artikel entlehnt. Was hier als Krise beschrieben
Leistungen der amerikanischen Industriebaumeister an wird, nannte Gropius 1923 den ,Verfall der Architek-
Ort und Stelle studiert." ,Entwürfe und Bauten von tur', vgl.: W. Gropius, Idee und Aufbau des Staatlichen
Walter Gropius', in: Zentralblatt der Bauverwaltung, Bauhauses in Weimar, zit. nach: W. Gropius, I. Gropius,
27.12.1922, Nr. 104, S. 637 H. Bayer, Bauhaus 1919-1928, Stuttgart 1955, S. 20
S.20
62 A. Behne, Fabrikbau als Reklame, in: Das Plakat, 11.
Jg., 1920, Heft 6, S. 275 84 W. Gropius, Die Entwicklung moderner Industrie-Bau-
kunst, in: Jhb. d. DWB 1913; ders., Der stilbildende
63 Ebenda
Wert industrieller Bauformen, Jhb. d. DWB 1914, a.a.O.
64 Ebenda
85 Vgl.: P. Bruckmann, Die Gründung des Deutschen
65 A.a.O., S. 276 Werkbundes 6. Oktober 1907, in: Die Form, 7. Jg.,
66 Ebenda. Als Fabrikkarikatur bezeichnete Behne die 1932, Heft 10, S. 297
Keksfabrik Bahlsen in Hannover, die der Architekt 86 Ebenda
Siebrecht 1913 geplant hatte.
87 Aa.O., S. 298
67 Ebenda
88 ,Zur Gründungsgeschichte des Deutschen Werkbundes',
68 A.a.O., S. 275 in: Die Form, 7. Jg., 1932, Heft 11, S. 329
69 A. Behne, Der moderne Zweckbau 1923, Nachdruck: 89 In demselben Artikel der ,Form' ist ausgeführt: "Noch
Bauwelt Fundamente 10, Frankfurt/M. - Berlin 1964, vor Schluß der Ausstellung waren Muthesius, Dohrn,
vor allem S. 27-32 und S. 36f. Kar! Schmidt und Scharvogel an Schumacher (der das

123
Ausstellungskonzept erarbeitet hatte, K. W.) mit dem zustand übergegangen wäre. In der mittelalterlichen
Vorschlag herangetreten, ..die Ausstellung in die Grün- Kunst war das mit der Hand ausgeführte Werk alles in
dung eines Bundes von Künstlern und hochqualifizier- allem gewesen, die in ihm enthaltene künstlerische Idee
ten Vertretern von Gewerbe und Industrie ausmünden ließ sich nicht von ihm loslösen, sie blieb an ihre Ma-
zu lassen." A.a.O., S. 392. Und Theodor Heuss berich- terialisierung im Werkstoff gebunden, gebunden damit
tet in seinen Erinnerungen, wie er von dem Projekt er- auch an das Jetzt und Hier. Fortpflanzen ließ sie sich in
fuhr, folgendes: .. Naumann hatte die Dresdner Ausstel- der Regel nur durch handwerkliche Schulung oder durch
lung gründlich angesehen; aus den Gesprächen mit Wanderung der Handwerksgenossen oder auch der
Carl Schmidt, dem Leiter der neugegrundeten ,Dresd- Kunstwerke selbst; (. .. ) In der Renaissancekunst wur-
ner Werkstätten' (später ,Deutsche Werkstätten'), war de auch eine Fortpflanzung anderer Art üblich und
der Plan zu einer organisatorischen Einigung der jetzt möglich. Das zuvor so greifbare Geschehen begann sich
von da und dort zusammengerufenen Kräfte erwach- zu vergeistigen. Nunmehr gilt nicht mehr das im Werk-
sen." ,Erinnerungen 1905-1933', Tübingen 1963, stoff ausgeführte, allein in dieser Materialisierung voll-
S. 109. Siehe dazu: Das Deutsche Kunstgewerbe 1906, gültige Werk, sondern in erster Linie die darin enthal-
HI. Deutsche Kunstgewerbeausstellung, Dresden 1906 tene Idee. Diese realisiert sich voll bereits in der Ent-
(Hrsg.: Direktorium der Ausstellung) München 1906 wurfszeichnung. "
90 Den Aufruf zur Gründung des Bundes, wie er durch die Das von Paatz für die mittelalterliche Kunst benannte
Forderung an den Kaiser, Hermann Muthesius aus sei- räumliche Hier und Jetzt wird - in der Renaissance-
nem Amt zu entlassen, notwendig geworden war, un- kunst an ein entwerfendes Subjekt gebunden - zu ei-
terschrieben mehrere Künstler und Industriefirmen. nem künstlerisch geistigen Hier und Jetzt. Die hand-
Vgl.: ,Zur Gründungsgeschichte des Deutschen Werk- werkliche Ausführung der Idee kann nun anderen über-
bundes', in: Die Form, a.a.O., S. 329. Die Unterschrift lassen bleiben, realisiert sich aber immer nur in einem
Muthesius' fehlte natürlich, er blieb ebenfalls der Werk, dem Original. W. Paatz, Die Kunst der Renais-
Gründungsversammlung fern, da er Nachteile für seine sance in Italien, Stuttgart 1953, S. 29 f.
ministerielle Arbeit fürchtete. 98 Vgl.: M. Müller, die Verdrängung des Ornaments. Zum
91 Vgl.: H. Muthesius, Werkbund ziele, 1911, zit. nach Verhältnis von Architektur und Lebenspraxis, Frank-
U. Conrads, Programme und Manifeste zur Architek- furt/Mo 1977, S. 26 ff. Diese Idee von der ,leblosen
tur des 20. Jahrhunderts, Bauwelt Fundamente 1, Gü- Maschine' (W. Gropius, Sind beim Bau von Industrie-
tersloh - Berlin - München 1964, S. 23; identisch mit: gebäuden . . . , a.a.O., S. 5) wirkte noch bei Gropius
ders., Wo stehen wir?, Vortrag, gehalten auf der Jahres- nach, deren Genese bei M. Müller dargestellt ist. In
versammlung des Deutschen Werkbundes in Dresden ,Die Entwicklung moderner Industriebaukunst' spricht
1911, in: Jhb. d. DWB 1912, a.a.O., S. 12 Gropius vom ,toten Produkt der Maschine', dem der
,Künstler Seele einhauchen' muß ... (. .. ) seine Schöpf-
92 K. Scheffler, Der Architekt, in: Die Gesellschaft. Samm-
ferkraft lebt darin fort als lebendiges Ferment". (S. 18)
lung sozialpsychologischer Monographien, 10. Bd.,
Erscheint gleichlautend wieder in: W. Gropius, Idee
Frankfurt/M. 1907, S. 44
und Aufbau des Staatlichen Bauhauses Weimar, Mün-
93 T. Heuss, a.a.O., S. 106 chen 1923
94 Vgl.: Zur Gründungsgeschichte des Deutschen Werk- 99 Hermann Muthesius hatte in seinem Vortrag ,Wo stehen
bundes, in: Die Form, a.a.O., S. 329 wir?' 1911 vom ,Verbrechen gegen die Form' gespro-
95 Ebenda chen, als ,Zeugnis für den Tiefstand unserer künstleri-
96 Vgl.: W. Sombart, Kunstgewerbe und Kultur, in: Die schen Kultur überhaupt'. In: Jhb. d. DWB 1912, a.a.O.,
Kultur, Berlin 1908, S. 1. Sombart im Vorwort: .. Ich S.18
habe nur zu bemerken, daß ich die nachfolgende Stu- 100 Adolf Loos publizierte 1908 seinen Essay ,Ornament
die Weihnachten 1906 niedergeschrieben habe." und Verbrechen'. Es scheint mir in diesem Zusammen-
97 Eine Entwicklung ähnlicher Art hatte sich bereits im hang wichtig, daß Loos hier durch die Konjunktion
Übergang von der mittelalterlichen Kunst zur Renais- ,und' auf ein Verhältnis hinweist. Es ist ihm nicht Aus-
sancekunst vollzogen, die Walter Paatz als ,Vergeisti- druck für etwas, also für Verbrechen im Sinne von Or-
gung des künstlerischen Schaffensprozesses' beschrie- nament als Verbrechen, sondern die Erscheinungsform
ben hat. Paatz führte dazu aus: "Vielmehr ergab sich Ornament gibt Aufschluß über das Weltverhältnis der
aus dem Eindringen des Künstlers in die Welt der Wis- Menschen, den Grad ihrer Zivilisation. Erscheinen in
senschaften und der Philosophie etwas viel Tieferes, zivilisierten Gesellschaften Ornamente, so sind sie Indiz
nämlich eine Sublimierung des Schaffensvorganges aus für die Degeneration ihrer Mitglieder, sie bewegen sich
dem Bereich des Handwerklichen in den Bereich des auf einer kulturlosen Stufe. In einer entwickelten Ge-
Geistigen ( . . . ). Noch deutlicher wird die Wandlung sellschaft, führte Loos aus, lieben es Verbrecher, sich
vielleicht, wenn man ein Bild gebraucht. Es ist, als ob zu schmücken, und geben dadurch ihrem degenerierten
das künstlerische Schaffen in einen anderen Aggregat- Weltverhältnis Ausdruck. "Was aber beim papua und

124
beim kinde natürlich ist, ist beim modernen menschen se in Mathematik, Geometrie, Statik und Festigkeits-
eine degenerationserscheinung. Ich habe folgende er- lehre wurden bei der Bemessung von Tragwerken, Stütz-
kenntnis gefunden und der welt geschenkt: Evolution mauern etc. immer notwendiger. Kurz nach 1700 hat
der kultur ist gleichbedeutend mit dem entfernen des sich dieser Spezialist zum ,Ingenieur' gemausert. ,In-
ornamentes aus den gebrauchsgegenstande." (S. 16) genieur' wird nun zum offiziellen Titel und bezeichnet
Jenem Evolutionismus wohnt eine Fortschrittsgläubig- in Frankreich den wissenschaftlich ausgebildeten, im
keit inne, die sich mit einem rigiden Bildverbot verbin- Staatsdienst stehenden Techniker, der sich von Bau-
det. Menschliche Existenz derart zur Rationalität ver- und Planungspraktikern ,ohne höhere Bildung' qualita-
absolutiert, läßt Überfluß, auch als sinnlichen Genuß, tiv unterscheidet. In diesem Prozeß wird die Dequalifi-
gar nicht mehr zu. "Wenn ich ein stück pfefferkuchen kation des Architekten manifest, der, von wissenschaft-
essen will, so wähle ich mir eines, das ganz glatt ist, und lichem und technischem Fortschritt immer mehr abge-
nicht ein stück, das ein herz oder ein wickelkind oder trennt, sich auf schmückende Tätigkeit zurückzieht.
einen reiter darstellt, der über und über mit ornamen- Die Ausbildungsinstitutionen vollziehen diesen Prozeß
ten bedeckt ist." (S. 17) Es ist nur konsequent, wenn mit, indem der ,Ecole des Beaux Arts' die ,Ecole Poly-
Adolf Loos seine Thesen ökonomistisch begründet, technique' zur Ausbildung von ,Civil-Ingenieuren'
Ornament ist für ihn nämlich Verschwendung von Ma- gegenübertritt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wird
terial und Arbeit. Die im Zeitbezug einer überquellen- der Architekt freischaffend, um 1820 erscheint in
den Formenvielfalt verständliche Polemik legt die in- Deutschland erstmals der Begriff ,Architekt' als Berufs-
tellektuelle Atmosphäre der damaligen Jahre prägnant bezeichnung des Gewerbetreibenden, und ab ca. 1850
offen. Zit. nach: U. Conrads, a.a.O., S. 15 ff. entstehen in Berlin Architekturbüros. Hier Übt der
101 Vgl.: W. Gropius, Sind beim Bau von Industriegebäu- Architekt nun die Teilfunktionen aus, die ihm verblie-
den künstlerische Gesichtspunkte mit praktischen und ben sind, wie z.B. Fassadenentwürfe, wobei seine
wirtschaftlichen vereinbar?, in: Der Industriebau, 3. Jg., Tätigkeit im Entwerfen, Zeichnen, Kopieren für Bau-
15.1.1912, Heft 1, S. 6 ausschreibungen besteht. Als Hilfspersonal in den
102 Vgl.: W. Gropius, Idee und Aufbau des Staatlichen Bau- Architekturbüros oder in der Bürokratie tradiert sich
hauses in Weimar, München 1923, zit. nach: W. Gro- die Existenzform des Architekten, wobei der ,,( . . . )
pius u.a., Bauhaus 1919~1928, S. 21 freischaffende Architekt, institutionell aus dem Pro-
103 Vgl.: K. Scheffler, a.a.O., S. 28 ff. duktionsprozeß ausgeklammert - selbständiger Unter-
nehmer seiner künstlerischen Fähigkeiten" ist. (Georg
104 A.a.O., S. 29
Kohlmaier, Berufsentwicklung, in: Architektur und
105 A.a.O., S. 31 Kapitalverwertung ... , Hrsg. Klaus Brake, a.a.O., S. 50.
106 A.a.O., S. 42 Die obige Darstellung folgte im wesentlichen diesen
107 A.a.O., S. 43 Ausführungen. )
Diese Spezialisierung zum Ingenieur bzw. zum Architek- Zur Entwicklung des Ingenieurberufes siehe: Gerd
ten hatte sich mit der Entwicklung des absolutistischen Hortleder, Das Gesellschaftsbild des Ingenieurs. Zum
Staates abgezeichnet. Dieser hatte mit seinen umfassen- politischen Verhalten der Technischen Intelligenz in
den Baumaßnahmen eine strikte Organisation der Bau- Deutschland, Frankfurt/M. 1970. Hortleder stellt die
prozesse gefordert, so daß es nun zur Aufgabe ehemali- Berufsentwicklung vom Ingenieur-Unternehmer, wie
ger Handwerksmeister wurde, heterogene Arbeitspro- es z.B. Werner v. Siemens, Emil Rathenau u.v.a. waren,
zesse zusammenzufassen. Folgende Aufgabengebiete zum lohnabhängigen Angestellten dar. Im Berliner Be-
unterlagen ihrer Aufsicht: Endproduktplanung, Bau- zirksverein des ,Verbands Deutscher Ingenieure' war
prozeßplanung. Der Meister war zum Planungs- und jeder zweite Unternehmer zugleich Ingenieur. Mit der
Baustrategen, also zum Architekten geworden und war wirtschaftlichen Konsolidierung taucht ein neuer Un-
verantwortlich für die Bauplatzorganisation, Bautech- ternehmertyp auf: der Generaldirektor und Direktor.
nik, Mechanik, Mathematik und den Stil. Er war In- Ab spätestens 1910 gibt es leitende Angestellte, also
genieur und Baukünstler in einer Person. Im Gefolge Führungskräfte, die die Interessen des Unternehmens
verstärkter naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und wahren. Carl Benscheidt, Gropius' erster Auftraggeber,
Kriegstechniken ergab sich die Notwendigkeit zur Spe- verkörperte diesen Typ des Ingenieurs in der Alfelder
zialisierung, so daß dieser Architekt immer mehr seine Firma Behrens, wo er, als Ingenieur angestellt, die kon-
Aufgaben an Fachleute abgeben mußte, die im 17. J ahr- struktiven und analysierenden Aufgaben als Teilfunk-
hundert von den stehenden Heeren aufgesogen wurden. tionen des Unternehmens wahrnahm. Früher hatten
Im Gegensatz zu den Architekten, die jenen nun zur sich "die Ingenieure (. .. ) als ,Schöpfer der Technik' be-
Seite gestellt sind, erhalten diese Heeresspezialisten ei- trachtet, ihr Verhältnis zur Technik hatte dem eines
ne vorwiegend mathematische Ausbildung, so daß Künstlers zu seinem Werk entsprochen". (G. Hortleder,
schließlich methodologische Gesichtspunkte für die Pla- a.a.O., S. 41) Jetzt wurde "ein Ingenieur (. .. ) ,einge-
nungen immer bedeutsamer wurden. Genaue Kenntnis- stellt' wie jeder Angestellte auch. War er früher selbst

125
Unternehmer und Ingenieur in einer Person oder zu- Ausgabe ,Bauhaus 1919-1928', ein Buch, das Walter
mindest als Leiter eines Betriebs ,die rechte Hand' des Gropius zusammen mit seiner Frau Ise und Herbert
Chefs gewesen, so wurde er jetzt zum Rollenträger in- Bayer herausgegeben hatte: "Bereits im Jahre 1910
nerhalb eines arbeitsteilig gegliederten Produktionspro- hatten er (Gropius, K. W.) und sein Lehrer, der Archi-
zesses. Die spezialisierte Funktionsgruppe löste den tekt Behrens, ein ,Programm zur Industrialisierung des
,genialen' Ingenieur ab. Aus der Vertrauensstellung ge- Hausbaues auf künstlerisch einheitlicher Grundlage' auf-
genüber dem Chef des überschaubaren Betriebes trat gestellt. Die Idee des vorfabrizierten Hauses war zwar
er hinaus in den Konkurrenzkampf eines Großbe- aus Amerika übernommen, aber daß Gropius die ,künst-
triebes." (Gerd Hortleder, a.a.O., S. 40 f.) lerisch einheitliche Grundlage' besonders betonte, be-
Zu dem Thema siehe auch: Stanislaus von Moos, Zur deutete einen neuen Schritt auf dem Wege zur Synthe-
Ingenieurkunst der Renaissance, in: archithese 5, 1973. se von Kunst und Technik." A. Dorner, Das Bauhaus
Von Moos geht vor allem auf die Trennung von zivilen und seine Zeit, in: W. Gropius, I. Gropius, H. Bayer,
und militärischen Bauaufgaben ein und diskutiert vor Bauhaus 1919-1928, a.a.O., S. 12. Als weiterer
diesem Hintergrund das Verhältnis von Funktion und Hinweis muß die redaktionelle Anmerkung zu Gropius'
Form. Weiterhin: H. Straub, Die Geschichte der Bau- Artikel ,Stavebnice ve velkem' (Baukasten im Großen)
ingenieurkunst. Ein Überblick von der Antike bis zur und der tschechischen Architekturzeitschrift ,Stavba'
Neuzeit, Zürich 1949. Straub beschreibt die Mechani- gelten, die in einer Kurzbiografie dieses ,Programm' als
sierung der Bautätigkeit anhand der technischen Er- Produkt der Zusammenarbeit von Behrens und Gropius
findungen. Er folgert: "Der weitgehende Ersatz der vorstellt. Vgl.: W. Gropius, Stavebnive ve velkem. Stro-
Handarbeit durch Maschinenarbeit führte in neuerer jove vyrabene obytne domy. Jak chceme v budoucnosti
Zeit zu einer Rationalisierung der Arbeitsvorgänge, die sta veti? (Baukasten im Großen. Maschinell hergestellte
nicht nur eine gewaltige Beschleunigung des Baufort- Wohnhäuser. Wie wollen wir in Zukunft bauen?), in:
schritts und eine beträchtliche Kostensenkung, sondern Stavba, 3. Jg. 1924/25, S. 89. Im Vorwort zum Ab-
in vielen Fällen, wie z.B. bei Betonbauten auch eine er- druck des ,Hausbauprogramms' in der ,Architectural
hebliche Qualitätsverbesserung ermöglichte. Um diese Review' ist zu lesen: "It (der Text, K. W.) was presented
Vorteile auch für kleine und kleinste Baustellen zu ver- in March, 1910, to the AEG, the electricity company
wirklichen, herrscht heute die Tendenz, auch im Bau- for which Gropius' master Peter Behrens was just
wesen einen möglichst großen Teil der Arbeit von der then designing factories as weil as stationary. Gropius
Baustelle in die Werkstatt oder in die Fabrik zu verla- left Behrens in 1910, and so this memorandum must
gern, wo anstelle behelfsmäßig aufgestellter Bauma- be one of his first attempts at creating work for him-
schinen eine rationell geplante und definitiv eingebaute self." A.a.O., S. 49.
maschinelle Einrichtung einen industriellen Betrieb er- 112 Die Ideen zur fabrikmäßigen Herstellung von Wohnbau-
möglicht." (S. 236) ten entfaltete Gropius in direktem Zusammenhang mit
Auf die Arbeitsteilung zwischen Unternehmer, Inge- einem Auftrag, den die AEG an Behrens' Büro gab. Die
nieur und Architekt reagierte Gropius mit seinem Kon- AEG hatte mit der Ausweitung ihrer Produktionsbe-
zept einer "Hausbaugesellschaft" ; siehe dazu S. 23 ff. triebe den doch zu eng werdenden Berliner Stadtbe-
dieser Arbeit. reich verlassen. Eine neue Porzellan-Öltuch- und Lack-
108 Vgl.: H. Muthesius, Das Formproblem im Ingenieurbau, fabrik wurden ,bereits seit Anfang 1910' (s. T. Budden-
in: Jhb. d. DWB 1913, a.a.O., S. 23 sieg/Ho Rogge, Industriekultur ... , a.a.O., S. D84) pro-
109 Vgl.: H. Bauer, Architektur als Kunst ... , a.a.O., S. 160-- jektiert, in deren Gefolge nun auch eine Arbeitersied-
165. Siehe dazu: S. Müller, Kunst und Industrie. Ideo- lung entstehen sollte. (Siehe F. Neumeyer, Die AEG-
logie und Organisation des Funktionalismus in der Ar- Arbeitersiedlungen ... , in: a.a.O., S.140.) K. E. Ost-
chitektur, München 1974, S. 24 ff. haus schrieb dazu (S.339) am 10. Februar 1910 in
der ,Frankfurter Zeitung': ,,(. . .) schon arbeitet der
110 Dieser Aufsatz, von Nikolaus Pevsner in ,Pioneers of
Künstler am Bebauungsplan einer Gartenstad t für
the Modern Movement', 1936, S. 215 und von Siegfried
Beamte und Arbeiter des Werkes, die zwischen Berlin
Giedion in ,Walter Gropius. Work and Teamwork',
und Tegel am Ufer des Kanals entstehen soll." Gropius
1954, S. 74, erwähnt, wurde in Auszügen von H. M.
ist also den Problemen einer Art ,Massenwohnbau' in
Wingler in ,Das Bauhaus 1919-1930', Weimar - Des-
Behrens' Büro schon seit längerem konfrontiert. An-
sau - Berlin - Bramsehe 1962, S. 26 f. und vollständig
gesichts dieser AEG-Planung entwickelte Gropius
unter dem Titel ,Gropius At Twenty-Six' in Architec-
die Organisationsform für eine ,Hausbaugesellschaft' ,
tural Review, CXXX, July 1961, S. 49-51 veröffent-
die fabrikmäßig produzierte Serienfertigung betreiben,
licht. Stichworte dazu sind außerdem im Nachlaß von
notwendige Experimente zur Findung von Typen un-
Gropius erhalten, BHA 20/2.
terstützen und derart großangelegte Häuserprojekte
111 Diese Schrift ist in Zusammenarbeit mit Peter Behrens ökonomisch ausführen sollte, womit er Gedanken wei-
entstanden; Alexander Dorner schrieb im Vorwort zur terführte und konkretisierte, die bereits 1901 durch

126
Friedrich Naumann angesprochen worden waren. (Vgl.: Juli 1911 zur Neuorientierung Walter Gropius" überge-
F. Naumann, Die menschliche Lebenskraft als Grund- ben wurde. (S. Müller, Deutsches Museum für Kunst in
lage der Volkswirtschaft, in: Werke, Bd. 3, Berlin 1966, Handel und Gewerbe, in: K. E. Osthaus. Leben und
S. 151 f.) Gropius hat sicherlich auf die Unterstützung Werk, a.a.O., S. 289) Siehe dazu: S. Müller, Kunst und
der AEG gehofft, die als experimentierfreudiges Unter- Industrie ... , a.a.O., S. 46, sowie ebenda, Anm. 46, S.
nehmen galt und die vor allem in der Lage gewesen 140. ,Brief Osthaus an Paquet vom 7.7.1911'. Wolf
wäre, ein solch kapitalintensives Projekt finanziell zu Dohrn, Mitglied des DWB und dessen Sekretär, berich-
tragen. Das Projekt kam nicht zustande, so daß Gro- tete über diese Vorläuferausstellung in: ,Der Industrie-
pius es, nachdem er Behrens' Büro verlassen hatte, K. E. bau', unter dem Titel ,Eine Ausstellung architektonisch
Osthaus unterbreitete, der ihm Hoffnungen machte, guter Fabrikbauten' , daß sie zunächst in den Industrie-
seine Ideen beim Gartenstadtprojekt Ernst verwirkli- bezirken (. .. ), in Rheinland-Westfalen, in Sachsen, in
chen zu können. Aber auch dieser Plan scheiterte. Erst Berlin gelegentlich der Ton-, Zement- und Kalkindu-
im Rahmen der ,Reichsforschungsgesellschaft' erhielt strieausstellung im Jahre 1910 und dann einer Einladung
Gropius in den zwanziger Jahren die Möglichkeit, die- folgend ( ... ) (in) Österreich" (S. 2 f.) gezeigt werden
se Überlegungen umzusetzen. (Siehe dazu: P. Stressig, sollte. "Wünschenswert aber wäre, daß die Ausstellung
Hohenhagen - Experimentierfeld modernen Bauens, selbst im Laufe ihrer Wanderung durch gute Beispiele
in: K. E. Osthaus, Leben und Werk (Hrsg. H. Hesse- immer mehr vergrößert würde ( . . . )." (S. 3) Ebenda,
Frielinghaus), Recklinghausen 1971, S. 462 f.) Jg. 1910, 15.1.1910, Heft 1, S. 1 ff. Siehe dazu S. 74f.
113 Da der konkrete Arbeitszusammenhang mit dem Beh- des vorliegenden Buches.
rens-Büro bisher gerne außer acht gelassen wurde, ge- 122 W. Gropius, Sind beim Bau von Industriegebäuden
riet das ,Hausbauprogramm' vor allem in der ameri- künstlerische Gesichtspunkte mit praktischen und wirt-
kanischen Gropius-Rezeption vorbehaltlos und unein- schaftlichen vereinbar?', in: Der Industriebau, 3. Jg.,
geschränkt zum Dokument des einzigartigen Weitblicks 15.1.1912, Heft 1, S. 5 f.
dieses Architekten. Vgl. dazu: P. Gay, Art and Act. On 123 W. Gropius, Die Entwicklung moderner Industriebau-
Causes in History - Manet, Gropius, Mondrian, New kunst, in: Jhb. d. DWB: Die Kunst in Industrie und
York - San Francisco - London 1976, S. 116. Daß Handel, Jena 1913, S. 17 ff.
Gropius keineswegs der einsame ,liberator' war, wie 124 W. Gropius, der stilbildende Wert industrieller Baufor-
Gay ihn charakterisierte, zeigt ein Vergleich mit den men, in: Jhb. d. DWB: Der Verkehr, Jena 1914,
Schriften Behrens' und denen des nationalliberalen S. 29 ff.; Maschinenkonzept in: BHA 20/4. Zu Gro-
Kreises um Friedrich Naumann. pius' Schriften siehe auch: Ruth V. Cook, A Biblio-
114 Diese Überschrift ist die übersetzte Kapitelüberschrift graphy of Writings by and about Walter Gropius, a.a.O.;
der englischen Version, also des vollständigen Textes, The American Association of Architectural Bibliogra-
die in dieser Weise nicht bei H. M. Wingler, Das Bau- phers, Papers, Volume III, 1966, und: Volume IX,
haus 1919-1933, erschienen ist. Ich zitiere im folgen- 1972, ed. , a.a.O.
den aus beiden Veröffentlichungen. 125 Bezüglich des Vortragsdatums gibt es in der Literatur
115 Vgl.: W. Gropius, Programm zur Gründung einer allge- einige Verwirrung, die dadurch zustandekam, daß der
meinen Hausbaugesellschaft auf künstlerisch einheitli- Termin auf Grund der Unterlagen des Karl-Ernst Ost-
cher Grundlage, zit. nach: H. M. Wingler, a.a.O., S. 26 haus Archivs auf den 10.4.1911 gelegt wurde. (Siehe:
116 Ebenda P. Stressig, Walter Gropius, in: K. E. Osthaus, a.a.O.,
117 Ebenda S. 460) Auf dem Vortragsmanuskript, das sich im Bau-
118 W. Gropius, ebenda, zit. nach: Gropius At Twenty-Six, haus Archiv, Berlin (BHA 20/3) befindet, ist aber der
in: Architectural Review, a.a.O., S. 49 f. (Übersetzung: ,29.1.1911 Hagen' vermerkt. Klärung in dieser Sache
gibt ein Brief, den Gropius an Carl Benscheidt, Besitzer
K. W.)
des Fagus-Werkes, am 8.4.1911 schrieb und in dem es
119 W. Gropius, ebenda zit. nach: H. M. Wingler, a.a.O., S. 26
heißt: "Zu Beginn der nächsten Woche bin ich in Ha-
120 A.a.O., S. 27 gen, wo ich einen Vortrag über Industriebau halte."
121 Abgedruckt unter dem Titel ,Ausstellun~ moderner Fa- (In: H. Weber, a.a.O., S. 27) Da es sich immer um ein
brikbauten', in: der Industriebau, 3. Jg., 15.2.1911, und denselben Text handelt, steht zu vermuten, daß
Heft 2, S. 46-47, und in: T. Buddensieg/H. Rogge, Gropius auf dem Vortragsmanuskript des Bauhaus Ar-
a.a.O., S. D305-D307. Vorbereitende Arbeiten zu chivs das Datum der Niederschrift bzw. der Textfertig-
dieser Ausstellung gab es schon seit 1909. Auf der stellung vermerkte, das mit dem eigentlichen Vortrags-
zweiten Jahresversammlung des Werkbundes in Frank- tag nicht identisch ist.
furt 1909 wurde ein ,Ausstellung vorbildlicher Fabrik- 126 "Führende Großbetriebe haben bewiesen - und das
bauten' gezeigt, die "in der Folge durch einen Berliner gibt den Ausschlag - daß es sich auf die Dauer bezahlt
Architekten namens Franz bearbeitet, dann aber im macht, wenn sie neben technischer Vollendung und

127
Preiswürdigkeit auch für den künstlerischen Wert ihrer gesamte Leistungsfähigkeit des Betriebes wachsen."
Produkte besorgt sind und mit ihnen Geschmack und W. Gropius, Sind beim Bau von Industriegebäuden ... ,
Anstand unter die Menge tragen. Sie ernten damit S. 6. Erscheint in gleicher Formulierung in: Ders., Die
nicht nur den Ruhm, Kultur zu fördern, sondern, was Entwicklung moderner Industriebaukunst, S. 20. Und
im kaufmännischen Leben fast immer gleichbedeutend im Faltblatt der Fabrikbautenausstellung des Deutschen
ist, auch pekuniären Gewinn." W. Gropius, Sind beim Museums für Kunst in Handel und Gewerbe heißt es:
Bau von Industriegebäuden ... , S. 5. Erscheint in glei- "Soll der Fabrikarbeiter nicht alle Freude am Mitschaf-
cher Formulierung in: W. Gropius, Die Entwicklung fen großer Werte verlieren, so genügt es nicht, ihm
moderner Industriebaukunst, S. 18. Licht, Luft und Reinlichkeit zu geben, sondern auch
127 .. Die gesamte Industrie ist heute vor die Aufgabe ge- das ursprüngliche Schönheitsempfinden, das jeder noch
stellt, sich mit künstlerischen Fragen ernstlich zu be- so ungebildete Arbeiter besitzt, verlangt sein Recht.
fassen, um den Konkurrenzanforderungen des Welt- Nur ein Künstler ist aber imstande, dieses zu befriedi-
marktes nachkommen zu können. Es ist ganz begreif- gen, und erreicht er sein Ziel, so wird mit der Zufrieden-
lich, wenn Männer, die uns im praktischen Leben drin- heit des einzelnen Arbeiters dann auch der Arbeitsgeist
gend notwendig sind, ästhetische Erörterungen auf ih- wachsen und folglich die gesamte Leistungsfähigkeit
rem Arbeitsgebiet solange rundweg von der Hand wie- des Betriebes." W. Gropius, Industriebauten', zit. nach:
sen, bis sie ihnen aus wirtschaftlichen Gründen Gehör ,Ausstellung moderner Fabrikbauten', a.a.O., S. 47.
schenken mußten. In den vergangenen Jahrzehnten der 129 Als Vorbild dieser Aussage muß die Wirkungsweise der
technischen Entwicklung blieb keine Zeit für Schön- Turbinenhalle der AEG von Peter Behrens gelten, die
heitsrücksichten. In erster Linie Ingenieur und Kauf- Behrens noch mit dem Markenzeichen der Firma, der
mann, mußte der Industrielle sich zunächst um prakti- Wabe, geschmückt hatte. Als Symbol des Fleißes ver-
sche Anforderungen bekümmern und fand allein in sprach sie analog zur naturwüchsigen die industrielle
ihrer Erfüllung seinen Gewinn." W. Gropius, Sind Produktivität. (Siehe dazu: T. Buddensieg, Behrens und
beim Bau von Industriegebäuden ... , S. 5. Erscheint Messel. Von der Industriemythologie zur ,Kunst in der
beinahe gleichlautend in: Ders., Die Entwicklung mo- Produktion', in T. Buddensieg/H. Rogge, a.a.O., S. 21-
derner Industriebaukunst, S. 18. Und auf S. 19: .. So- 27, bes. S. 28, Rathenaumedaille, Hermann Hahn, 1908.)
bald ein industrieller Fabrikherr aber die Vorteile er- Das Bauwerk selber machte aber später den symboli-
kannt hat, die ihm die Leistung des Künstlers bei rich- schen Verweis überflüssig, es erwarb sich mit dem An-
tiger Verwertung bringen kann, wird er folgerichtig wachsen seines Bekanntheitsgrades jenen Zeichencha-
diese Erfahrung für das gesamte Gebiet seiner berufli- rakter.
chen Tätigkeit beherzigen und vom Arbeitsprojekt, 130 .. Schließlich muß die Mitarbeit des Architekten auch
das naturgemäß den Kern seines Berufsinteresses bil- vom Reklamestandpunkt aus gewürdigt werden. Gera-
det, auch auf die Arbeitsstätte übertragen wollen." de seine gestaltende Tätigkeit muß den Reklameabsich-
(Ebenda) Und im Faltblatt des ,Deutschen Museums ten eines weitsichtigen Organisators entgegenkommen;
für Kunst in Handel und Gewerbe' heißt es: .. In den denn er gibt der Fabrikanlage auch nach außen hin ein
vergangenen J ahzehnten der technischen Entwick- würdiges Gewand, das auf den Charakter des ganzen
lung konnte der Fabrikant keine Zeit auf ästhetische Unternehmens schließen läßt." Erscheint beinahe
Rücksicht verwenden; in erster Linie Ingenieur und gleichlautend in: W. Gropius, Industriebauten, zit. nach:
Kaufmann, mußte er sich zunächst um praktische Ausstellung moderner Fabrikbauten, a.a.O., S. 47. Ders.,
Dinge, um Technik und Geldverdienen kümmern. Sind beim Bau von Industriegebäuden ... , S. 6. "Je un-
Kunst bedeutete für ihn Luxus; vielleicht überall such- gebundener sich aber die Orginalität der Formenspra-
te er in den Besitz von Kunstwerken zu gelangen, nur che entfalten kann, desto mehr werbende Kraft wird
nicht auf seinem eigenen Arbeitsgebiet." W. Gropius, das Bauwerk für sein Unternehmen besitzen und den
Industriebauten, zit. nach: Ausstellung moderner Reklameabsichten seines Organisators begegnen. Ein
Fabrikbauten, a.a.O., S. 46 würdiges Gewand läßt auf den Charakter des ganzen
128 .. Aber auch vom sozialen Standpunkt aus ist es nicht Betriebes berechtigte Schlüsse ziehen." W. Gropius,
gleichgültig, ob der moderne Fabrikarbeiter in öden, Die Entwicklung moderner Industriebaukunst, S. 20.
häßlichen Industriekasernen oder in wohlproportio- 131 .. Statt der äußerlichen Formulierung ist ein inneres Er-
nierten Räumen seine Arbeit verrichtet. Er wird dort fassen des neuen baukünstlerischen Problems vonnö-
freudiger am Mitschaffen großer gemeinsamer Werte ten, Geist an Stelle der Formel, ein künstlerisches
arbeiten, wo seine vom Künstler durchgebildete Arbeits- Durchdenken der Grundform von vornherein, kein
stätte dem einen jeden eingeborenen Schönheitsgefühl nachträgliches Schmücken." W. Gropius, Industrie-
entgegenkommt und auf die Eintönigkeit der mecha- bauten, zit. nach: ,Ausstellung moderner Fabrikbau-
nischen Arbeit belebend wirkt. So wird mit der zuneh- ten' , a.a.O., S. 46 f. Erscheint in gleicher Formulierung
menden Zufriedenheit der Arbeitsgeist und damit die in: Ders., Sind beim Bau von Industriegebäuden ... ,

128
S. 6, und ders., Die Entwicklung moderner Industrie- folgen wird, der Zivilisation eine Kultur." Monumenta-
baukunst, S. 19. "Wucht, Strenge und Knappheit ent- le Kunst und Industriebau, S. 13.
sprechen dem organisierten Arbeitsleben, das sich da- 135 W. Gropius, Der stilbildende Wert industrieller Bau-
rinnen abspielt." Ders., Monumentale Kunst und In- formen, Maschinenkonzept, in: BHA 20/4. Dieses Ma-
dustriebau, S. 2. schinenkonzept stimmt beinahe wortwörtlich mit dem
132 "Neue Formen können aber nicht willkürlich erfunden abgedruckten Text im Jhb. d. DWB 1914 überein; die-
werden, sondern ergeben sich mit Notwendigkeit aus ser Satz fehlt allerdings in der Veröffentlichung.
den Lebensäußerungen der Zeit. Zu der knappen 136 W. Gropius, Monumentale Kunst und Industriebau,
Straffheit unseres technischen und wirtschaftlichen Le- S. 30
bens, zu der Ausnutzung von Material, Geldmitteln, 137 Hier deutet sich bereits der kunsttheoretische Rahmen
Arbeitskräften und Zeit paßt eben nicht mehr irgend- an, der durch die Ästhetik Hegels umrissen wird. Siehe
eine erborgte Form des Rokoko oder der Renaissance. dazu S. 27 ff. des vorliegenden Buches.
Die Energie und Ökonomie des modemen Lebens wird
138 Vgl.: W. Gropius, Monumentale Kunst und Industrie-
bestimmend auf die künstlerischen Formen einwirken
bau, S. 3
müssen." W. Gropius, Industriebauten, zit. nach: ,Aus-
stellung moderner Fabrikbauten' , a.a.O., S. 47. "Zu der 139 Ebenda
knappen Straffheit unseres technischen und wirtschaft- 140 Vgl. P. Behrens, Kunst und Technik, in: T. Buddensieg/
lichen Lebens, zu der Ausnutzung von Material, Geld- H. Rogge, a.a.O., S. D278, A. Riegl, Spätrömische
mitteln, Arbeitskräften und Zeit paßt nicht mehr ir- Kunstindustrie, Wien 1927, S. 9 (Erstausg. Wien 1901).
gendeine erborgte Form des Rokoko oder der Renais- Eine längere Passage aus Riegls Werk zitierte Behrens in
sance. Die exakt geprägte Form, jeder Zufälligkeit bar, dem 1917 geschriebenen Aufsatz: Über die Beziehungen
klare Kontraste, Ordnen der Glieder, Reihung gleicher der künstlerischen und technischen Probleme, in: Tech-
Teile und Einheit von Form und Farbe, werden ent- nische Abende, Heft 5, Berlin 1917, S. 7
sprechend der Energie und Ökonomie unseres öffentli- 141 Vgl.: W. Gropius, Monumentale Kunst und Industrie-
chen Lebens zum Rüstzeug des modernen Baukünstlers bauten, S. 3
werden." Ders., Sind beim Bau von Industriegebäu- 142 Ebenda
den ... , S. 6. Erscheint beinahe gleichlautend in: Ders., 143 A.a.O., S. 6
Die Entwicklung moderner Industriebaukunst, S. 19 f.,
144 W. Gropius, Auszug aus Vitruv, in: BHA 3/7 (um 1918).
wo es auf S. 20 weiter heißt: "Gerade der völlig neue
Gropius hat auf dem stichwortartigen Konzept hand-
Charakter der Industriebauten muß die lebendige
schriftlich vermerkt: "Als Ergänzung zu meinem Ar-
Phantasie des Künstlers reizen, denn keine überlieferte
tikel habe ich dieses Kapitel aus dem Spanischen über-
Form fällt ihr hemmend in die Zügel."
setzt." Walter Gropius hatte in Berlin ein humanisti-
133 "Erst der Architekt vermag seine (des Industriellen, K. sches Gymnasium besucht, und war schon deswegen ei-
W.) organisatorischen Richtlinien verständnisvoll zu for- nem bestimmten Gedankengut verpflichtet, mit der
men, den inneren Wert der Einrichtung und der Metho- Philosophie also vertraut. Die Auseinandersetzung mit
de der Arbeit würdig auszudrücken." W. Gropius, Sind der klassizistischen Kunst war Familientradition, und
beim Bau von Industriegebäuden ... , S. 6. "Ein wür- er berichtete immer wieder von seinen Schinkelstudien,
diges Gewand läßt auf den Charakter des ganzen Be- die er gerade auch zusammen mit P. Behrens betrieben
triebes berechtigte Schlüsse ziehen." W. Gropius, Die hatte. Vgl.: W. Gropius, Apollo in der Demokratie
Entwicklung moderner Industriebaukunst, a.a.O., S. 20. (Neue Bauhausbücher), Frankfurt/M. 1967, S. 125. Wie
134 "Geist an Stelle der Formel" W. Gropius, Sind beim Le Corbusier hielt er den Parthenontempel für "den
Bau von Industriegebäuden ... , S. 6. "Mechanisierung edelsten Bau der Erde", vgl.: Ders., Bilanz des Neuen
der Arbeit - Ausschaltung individueller Zufälligkeiten Bauens, a.a.O., S. 27
(. .. ). Da die Maschine leblos ist und die Selbständig- 145 W. Gropius exzerpierte: "Die Beschäftigung mit der
keit des modernen Arbeiters auf ein Minimum be- Philosophie verleiht dem Architekten Seelengröße und
schränkt werden mußte, zeigte sich die Notwendigkeit, nimmt ihm die falsche Anmaßung, ja, macht ihn zu
die künstlerische Qualität des Maschinenproduktes von einem leb ensgewandten , liebevollen und zuverlässigen
vornherein zu verbürgen." A.a.O., S. 5. Im Aufsatz Mann und frei von Geiz - und das ist ein großer Er-
von 1913 gibt Gropius die Lösung: "Das technisch folg (. .. ). Er stütze sein Ansehen durch würdigen Ernst
überall gleich vorzügliche Ding muß mit geistiger Idee, und lauteren Ruf, und alles dies lehrt ihn die Philoso-
mit Form durchtränkt werden ( ... )." Ders., Die Ent- phie." (Ebenda)
wicklung moderner Industriebaukunst, S. 17. Und im 146 Gropius verwendet den Begriff Team durchgängig erst
Vortrag von 1911 hatte er formuliert: "Heute haben nach seiner Emigration, er ist aber deckungsgleich mit
wir Anzeichen, dass der großen technischen und wis- seiner Vorstellung von der Zusammenarbeit der arbeits-
senschaftlichen Epoche eine Zeit der Verinnerlichung teilig abgespaltenen Spezialisten, wie Gropius sie 1910

129
im ,Programm für die Hausbaugesellschaft' erstmals 156 W. Gropius, Handschriftliche Bemerkungen, in: BHA
entwickelt hat. Für Gropius ist der Architekt wieder 3/6 (um 1918), Erstveröffentlichung, M. Franciscono,
der ,Baumeister' das ,künstlerische Genie' (vgl. Monu- Walter Gropius and The Creation of The Bauhaus in
mentale Kunst und Industriebau); dieser Künstlerarchi- Weimar. The Ideals and Artistic Theories of Its Foun-
tekt hat die führende Rolle im Schaffensprozeß zu ding Years, Urbana 1971, Appendix A, S. 252
übernehmen: "Daraus bildet sich eine Arbeitsgemein- 157 O. Pöggeler, Die Architektur und das Schöne, in: Zeit-
schaft zwischen Künstler, Kaufmann und Techniker, schrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft,
die, dem Geist der Zeit entsprechend organisiert, viel- Bd. 15/2,1970,S. 140
leicht imstande sein könnte, auf die Dauer alle Fakto- 158 G. W. F. Hegel, Ästhetik, Bd. I, S. 19
ren der alten individuellen Arbeit, die verloren ging, zu 159 A.a.O., S. 24
ersetzen (. .. )." Ders., Die Entwicklung moderner In-
160 A.a.O., S. 25
dustriebaukunst, S. 17 f. In ,Totale Architektur',
Frankfurt/M.-Hamburg 1956, bezeichnet Gropius den 161 Ebenda (Hervorhebung, K. W.)
"Künstler als den ,Prototyp des ganzen Menschen" 162 Vgl.: M. Heidegger, Dasein, Erschlossenheit und Wahr-
Architektur. Wege zu einer optischen Kultur, a.a.O., S. heit. a) Der traditionelle Wahrheitsbegriff und seine
BI. ontologischen Fundamente, in: Wahrheitstheorien,
147 Vgl.: W. Gropius, Monumentale Kunst und Industrie- Hrsg.: G. Skirbekk, Frankfurt/M. 1977, S. 413 ff. Zur
bau, S. 3 ff. Forderung nach ,Adäquatheit' und ,Angemessenheit'
der Mittel siehe auch: H. Sedlmayr, Das Problem der
148 Vgl.: G. W. F. Hegel, Ästhetik, Bd. I, Frankfurt/M. o.J.,
Wahrheit, in: Kunst und Wahrheit, Mittenwald 1978,
vor allem die Einleitung, S. 13-88
S. 153 ff.
149 A.a.O., S. 19
163 G. W. F. Hegel, Ästhetik, Bd. I, S. 18
150 Vgl.: W. Gropius, Programm zur Gründung einer allge-
meinen Hausbaugesellschaft auf künstlerisch einheitli- 164 A.a.O., S. 19
cher Grundlage, zit. nach: H. M. Wingler, Das Bauhaus 165 Vgl. ebenda
1919-1933, 5.26. (Hervorhebung, K. W.) Zum Begriff 166 Vgl. G. W. F. Hegel, Ästhetik, Bd. I, 2. Teil, S. 295-
,Maskerade' vgl. Anm. 151 des vorliegenden Buches. 576; vor allem: a.a.O., Bd. 11, 3. Teil, S. 7-84.
151 Vgl.: E. Jäckh, Der goldene Pflug. Lebensernte eines 167 A.a.O., Bd. 11, S. 51
Weltbürgers, Stuttgart 1954, S. 198. (Hervorhebung, 168 A.a.O., Bd. 11, S. 258f.
K. W.) Jäckh spricht auch von der "imitativen Unwahr- 169 A.a.O., Bd. I, S. 21
heit", eben da. Hinter allen diesen Formulierungen, hin-
170 Ebenda
ter Gropius' Aussage von der Maskerade, von der ,Lüge',
wie er es 1925 nannte (vgl.: Internationale Architektur, 171 A.a.O., S. 108
a.a.O., S. 7), verbirgt sich die Forderung nach Wahrheit. 172 Ebenda
Diese Forderung verband die Neuerer; vgl.: H. Muthe- 173 Vgl.: G. Lukacs, Hegels Ästhetik, Nachwort in: G. W. F.
sius, Die Bedeutung des Kunstgewerbes (1907). "So Hegel, Bd. 11, S. 589 ff.
arbeitete sich einer der bedeutungsvollsten Grundsätze 174 Vgl.: G. W. Hegel. Ästhetik, Bd. I, S. 22
der gewerblichen Gestaltung heraus der inneren Wahr-
175 Ebenda
haftigkeit", zit. nach: J. Posener, Anfänge des Funk-
tionalismus, S. 179. 176 Ebenda
152 Siehe dazu: Literaturliste, Schriften von Walter Gro- 177 A.a.O., S. 108
pius, vor allem die Aufsatzsammlung ,Architektur. We- 178 Ebenda
ge zu einer optischen Kultur', a.a.O. 179 Siehe dazu: J. D. Bemal, Wissenschaft, Science in
153 Vgl.: W. Gropius, Totale Architektur, in: Architektur. History. Die wissenschaftliche und die industrielle
Wege zu einer optischen Kultur, S. 139 Revolution, Reinbek b. Hamburg 1970. Eine Kultur-
154 Vgl.: W. Gropius, The Formal and Technical Problems geschichte der Technik veröffentlichte L. Mumford,
of Modern Architecture and Planning, zit. nach: Ar- Mythos der Maschine. Kultur, Technik und Macht,
chitektur. Wege zu einer optischen Kultur, S. 55 Frankfurt/M. 1980
155 W. Gropius, Der Architekt im Spiegel der Gesellschaft, 180 Siehe dazu: H. Sedlmayr, Technik und Kunst, in: Ge-
Rede zur Verleihung des Goethepreises der Stadt fahr und Hoffnung des Technischen Zeitalters, Salz-
Frankfurt a. M., gehalten am 28.8.1961 in der Pauls- burg 1970, S. 29 ff.
kirche. Manuskript Stadtarchiv Frankfurt/M. S 2/20, 181 K. Marx, Die deutsche Ideologie, MEW Bd. 3, Berlin
S. 11, abgedruckt in: Ders., Apollo in der Demokra- (DDR) 1973, S. 26 f.
tie, Mainz-Berlin 1967 182 A.a.O., S. 27

130
183 Gemeint ist hier vor allem die Hinwendung zu einer Kunst im engeren Verstande( ... ). Das Wesen der Kunst
wissenschaftlich individualisierenden Betrachtungswei- aber ist in diesem sowohl, als in jenem Theile, der
se. Zur Begriffsgeschichte siehe: Historisch Philosophi- vornehmste Endzweck, in welches die Geschichte der
sches Wörterbuch; zur Entwicklung der Kunstgeschich- Künstler wenig Einfluß hat (. .. )". Zit. nach: H. Dilly,
te siehe: H. Sedlmayr, Kunstgeschichte als Wissenschaft, Kunstgeschichte als Institution, a.a.O., S. 96. (Hervor-
in: Kunst und Wahrheit, a.a.O., S. 11 ff.; H. Dilly, hebung, K. W.)
Kunstgeschichte als Institution. Studien zur Geschichte 188 A. Riegl, Eine neue Kunstgeschichte, S. 46
einer Disziplin, Frankfurt/M. 1979, S. 80 ff. 189 A. Riegl, Spätrömische Kunstindustrie, Wien 1927, S. 9
184 Vgl.: E. Bloch, Subjekt - Objekt, Erläuterungen zu 190 H. Sedlmayr, Einleitung. Die Quintessenz der Lehren
Hegel, Frankfurt/M. 1977, S. 302. Die Verbindung von Riegls, in: A. Riegl, Gesammelte Aufsätze, a.a.O., S. XIV
Hegel und Riegl ist im wesentlichen textimmanent 191 A.a.O., S. XVII
nachzuweisen. Ich verdanke Heinrich Dilly den Hinweis,
192 Ebenda
daß man Hegel bei Riegl deshalb nicht genannt findet,
193 A.a.O., S. XIX f. (Hervorhebung, K. W.)
weil Hegel in Österreich nach 1848 verboten war. Daß
Riegl aber die idealistische Ästhetik und natürlich He- 194 Der Begriff wurde von Heinrich Dilly übernommt>n l1!1d
gcl gckallill hat, ist den liememsamkeiten des theoreti- abgewandelt. Vgl. Kunstgeschichte als Institution, S. 94
schen Ansatzes zu entnehmen, darauf wies vor allem H. 195 A. Riegl, Eine neue Kunstgeschichte, in: Gesammelte
Sedlmayr hin: "Mit Riegl wendet sich die Kunstgeschich- Aufsätze, S. 45 f.
te wieder zu Hegel zurück: die Kunst ist wie der Geist 196 H. Sedlmayr, Einleitung. Die Quintessenz der Lehren
etwas Werdendes, in seinem Wesen selbst sich Wandeln- Riegls, in: a.a.O., S. XX
des." Kunstgeschichte als Wissenschaft, in: Kunst und 197 A. Riegl, Naturwerk und Kunstwerk, in: a.a.O., S. 63 f.
Wahrheit, a.a.O., S. 21; und: "Die Überzeugung, daß
198 Vgl.: H. Sedlmayr, Einleitung. Die Quintessenz der
die Theorie auch in den Geschichtswissenschaften das
höchste Ziel der wissenschaftlichen Armut bleibt, ist Lehren Riegls, in: a.a.O., S. XXIX ff.
seit Hegel und Wilhelm von Humboldt in der Kunst- 198a Zum Umfeld dieses Begriffs s.: T. W. Adorno, Ästhe-
geschichte mit Riegl zum erstenmal wieder durchge- tische Theorie, Frankfurt/M. 1973, S. 334 ff.
brochen." Kunstgeschichte als Stilgeschichte, in: Kunst 199 Vgl. Anm. 184 dieser Arbeit. Riegl klassifiziert den hi-
und Wahrheit, a.a.O., S. 47 f. storischen Verlauf in einer ähnlichen Phasenabfolge.
185 A. Riegl, Eine neue Kunstgeschichte (1902), in: Ge- 200 Vgl.: A. Riegl, Die Stimmung als Inhalt der modernen
sammelte Aufsätze, Hrsg.: K. M. Swoboda, Augsburg Kunst (1899), in: Gesammelte Aufsätze, a.a.O., S.28ff.
1929, S.44 201 A.a.O., S. 33
186 Das Erkenntnisinteresse ist ähnlich strukturiert wie das 202 Vgl. a.a.O., S. 34 f.
der ,verstehenden Soziologie' Werner Sombarts, vor al- 203 A.a.O., S. 35
lem seiner Kategorie des Sachverstehens, der es um das 204 Heinrich von Kleist, Über das Marionettentheater, in:
"Verständnis des objektivierten, niedergeschlagenen Sämtliche Werke, Stuttgart - Hamburg 1971
Geistes, um das Verstehen einzelner Kulturgebiete in 205 A.a.O., S. 951
der Geschichte in Raum und Zeit" geht. "Das Ver-
206 A. Riegl, Die Stimmung als Inhalt der modernen Kunst,
stehen stößt hier auf geschichtlich reale ,Einheiten in-
S.35
nerlich zusammengehöriger Einzelheiten'." In: Hand-
wörterbuch der Sozialwissenschaften, Hrsg.: E. von 207 Th. W. Adorno, Ästhetische Theorie, S. 55 f.
Beckerath u.a., 11. Bd., Stuttgart 1961, S. 449 ff. 208 G. W. F. Hegel, Ästhetik, Bd. 1, S. 110
187 Heinrich Dilly hat darauf verwiesen, daß Winckel- 209 Vgl.: A. Riegl, Die Stimmung als Inhalt der modernen
manns ,Geschichte der Kunst des Altertums' zweier- Kunst, S. 29
lei zu leisten hatte, sie sollte ,Lehrgebäude' und ,Ge- 210 Siehe dazu: A. Riegl, Historische Grammatik der bil-
schichte der Kunst' sein. Winckelmann schrieb in der denden Künste, Graz 1966; F.-]. Verspohl, ,Optische'
Vorrede zum Buch, in der er die Begründung der Zwei- und ,taktile' Funktion der Kunst. Der Wandel des
teilung des Werkes darlegte: "Die Geschichte der Kunst Kunstbegriffs im Zeitalter der massenhaften Rezeption,
des Alterthums, welche ich zu schreiben unternommen in: Kritische Berichte, 3. ]g., 1975, S. 25 ff.
habe, ist keine bloße Erzählung der Zeitfolge und der 211 Siehe dazu: W. Benjamin, Strenge Kunstwissenschaft
Veränderung in derselben, sondern ich nehme das Wort (erste und zweite Fassung 1932), in: Gesammelte
Geschichte in der weiteren Bedeutung, welche dassel- Schriften, Bd. 3, Frankfurt/M. 1972, S. 363-374
be in der Griechischen Sprache hat, und meine Absicht 212 Es ist vor allem die Definition der ,Aura' aus der fern-
ist, einen Versuch eines Lehrgebäudes zu liefern. Dieses sichtigen Wahrnehmungsweise, die diesen Schluß nahe-
habe ich in dem Ersten Theile (. . .) auszuführen ge- legt. Riegl hatte den ,Stimmungskunstaufsatz' folgen-
suchet. Der Zweyte Theil enthält die Geschichte der dermaßen begonnen: "Auf einsamem Alpengipfel habe

131
ich mich niedergelassen. Steil senkt sich das Erdenreich 224 A.a.O., S. 277.
unmittelbar zu meinen Füßen, so daß kein Ding vor mir 225 W. Gropius, Monumentale Kunst und Industriebau,
in greifbarer Nähe bleibt und die Organe meines Tast- S.15.
sinnes reizen könnte. Dem Auge allein bleibt die Be- 226 A.a.O., S. 16
richterstattung überlassen und von Vielem und Mannig-
227 Ders., Der stilbildende Wert industrieller Bauformen,
faltigem hat es zu berichten." (S. 28) "Indem ich nun
a.a.O., S. 29
das Ganze überschaue ( ... ), so erwacht in mir ein un-
aussprechliches Gefühl der Beseeligung, Beruhigung, 228 Ders., Industriebauten, zit. nach: Ausstellung vorbild-
Harmonie." (S. 28) "Was nun die Seele des modernen licher Fabrikbauten, S. 47
Menschen bewußt oder unbewußt ersehnt, das erfüllt 229 Ders., Der stilbildende Wert industrieller Bauformen,
sich dem einsam Schauenden auf jener Bergeshöhe. S.29
Es ist nicht der Friede des Kirchhofs, der ihn umgibt, 230 Für Walter Gropius ist das Vorbild die AEG, einer der
tausendfältiges Leben sieht er ja sprießen; aber was in führenden Betriebe des Reiches. Dieser Firma kommt
der Nähe erbarmungsloser Kampf, erscheint ihm aus eine besondere Bedeutung zu, denn hier ist die Arbeits-
der Ferne friedliches Nebeneinander, Eintracht, Har- teilung voll entwickelt. Dieser Betrieb verfügte über
monie (. .. ). Diese Ahnung aber der Ordnung und Ge- eine derart fortgeschrittene Betriebsorganisation, daß
setzlichkeit über dem Chaos, der Harmonie über den sich eine direkte Indienstnahme des künstlerisch Pla-
Dissonanzen, der Ruhe über den Bewegungen nennen nenden geradezu anbot. (Siehe dazu: H. Rogge, Ein
wir die Stimmung. Ihre Elemente sind Ruhe und Fern- Motor muß aussehen wie ein Geburtstagsgeschenk, in:
sicht." Die Stimmung als Inhalt der modernen Kunst, T. Buddensieg/H. Rogge, a.a.O., S. 91-126. Hier wer-
a.a.O., S. 29. Ähnlich stellte Benjamin eine auratische den aus der betrieblichen Entwicklung die Gründe für
Situation vor: "An einem Sommernachmittag ruhend die Anstellung von Peter Behrens entfaltet. Als Vorstu-
einem Gebirgszug am Horizont oder einem Zweig fol- fe dieser Entwicklung kann die Einrichtung eines AEG-
gend, der seinen Schatten auf den Ruhenden wirft - eigenen Baubüros betrachtet werden, das den Bauplaner
das heißt die Aura dieser Berge, dieses Zweiges at- ins Angestelltenverhältnis brachte, worin nicht mehr
men." Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen der einzelne Entwurf, sondern fortan dessen Arbeits-
Reproduzierbarkeit, Frankfurt/M. 1970, S. 18. Ben- kraft bezahlt wird. Ein Reflex auf diese Situation ist in
jamin nennt in der zweiten Fassung von ,Strenge Kunst- Gropius' Formulierung von der ,richtigen Verwertung
wissenschaft' Riegls Aufsatz ,Kunstgeschichte und Uni- des Künstlers durch den industriellen Fabrikherrn'
versalgeschichte', der in der Aufsatzsammlung K. M. spürbar. (Vgl.: W. Gropius, Die Entwicklung moderner
Swobodas 1928 zusammen mit dem ,Stimmungskunst- Industriebaukunst, S. 19, Hervorhebung, K. W.)
werkaufsatz' erschienen war und der Benjamin demnach 231 W. Gropius, Sind beim Bau von Industriegebäuden ... ,
in dieser Publikation vorlag. Vgl. W. Kemp, Walter Ben- S. 6
jamin und die Kunstgeschichte, Teil 1, in: Kritische Be-
232 Ders., Monumentale Kunst und Industriebau, S. 36
richte, 1. Jg., 1973, Heft 3, S. 30 ff. - Kemp benennt
allerdings diesen Zusammenhang nicht. 233 A.a.O., S. 2
213 W. Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner tech- 234 Vgl.: Ders., Die Entwicklung moderner Industriebau-
nischen Reproduzierbarkeit, S. 17 f. kunst, S. 21. Im Bildteil des Jhb. d. DWB von 1913
sind einige Beispiele dieser Bauten abgebildet. In einem
214 A.a.O., S. 18
Brief an Helmut Weber vom 18.4.1960 berichtete Gro-
215 Ebenda
pius, daß er "laufend Abbildungen von amerikanischen
216 A.a.O., S. 53 (Anm. 8) Speichern, Fabriken, Silos und Hallen" sammelte; in:
217 Siehe dazu: Anm. 97 dieser Arbeit H. Weber, a.a.O., S. 28
218 A.a.O., S. 53 (Anm. 8) 235 Vgl.: Ders., Monumentale Kunst und Industriebau, S. 2
219 L. Wawrzyn, Walter Benjamins Kunsttheorie. Kritik ei- 236 Vgl.: Ders., Die Entwicklung moderner Industriebau-
ner Rezeption, Darmstadt - Neuwied 1973, S. 28 kunst, S. 21
220 Vgl. W. Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner 237 A.a.O., S. 21 f.
technischen Reproduzierbarkeit, S. 19 ff. 238 Vgl.: Ders., Monumentale Kunst und Industriebau,
221 So etwa in der Multiple Art; aber auch einige Serien S.2
Andy Warhols sind dem Reproduktionsschema einzu- 239 Vgl.: Ders., Die Entwicklung moderner Industriebau-
ordnen. kunst, S. 22. Weiter heißt es: "Darin (in dem natür-
222 W. Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner tech- lichen Sinn, K. W.) liegt aber ein wertvoller Hinweis für
nischen Reproduzierbarkeit, S. 21 uns, den historischen Sehnsüchtigen und den anderen
223 Ders., Geschichtsphilosophische Thesen, in: Illumina- Bedenken intellektueller Art, die unser modernes euro-
tionen, Frankfurt/M. 1969, S. 268 ff. päisches Kunstschaffen trüben und künstlerischer

132
Naivität im Wege sind, für immer die Achtung zu ver- 269 Vgl. eben da
sagen. " 270 Vgl.: R. Hamann, Geschichte der Kunst, Von der alt-
240 Ders., Monumentale Kunst und Industriebau, S. 6 christlichen Zeit bis zur Gegenwart, Berlin 1933,
241 A. Schmarsow, Das Wesen der architektonischen Schöp- S.865
fung, Leipzig 1894, S. 29 271 H. Sedlmayr, Technik und Kunst, in: Gefahr und Hoff-
242 A.a.O., S. 8 f. nung des Technischen Zeitalters, a.a.O., S. 42
243 A.a.O., S. 21 272 G. C. Argan, Gropius und das Bauhaus, Reinbek b.
Hamburg 1962, S. 51 (Reprint dieser Ausgabe: Braun-
244 A.a.O., S. 9 f.
schweig/Wiesbaden 1983)
245 A.a.O., S. 29
273 Ebenda
246 Die zunehmende Bedeutung der Stadtplanung läßt die
Einzelarchitektur in der städtischen Planung aufgehen; 273 a Vgl.: T. W. Adorno, Ästhetische Theorie, S. 55
die Themen des CIAM verdeutlichen diese Zusammen- 274 W. Gropius, Der stilbildende Wert industrieller Baufor-
hänge um 1930. Siehe dazu: M. Tafuri, Kapitalismus men, S. 32. Ähnlich hatte Gropius im Vortrag 1911 ge-
und Architektur, Hamburg - Berlin (West) 1977 äußert: "Zwar wird eine Stätte der Arbeit nie in uns so
starke seeiische Impressionen erwecken können wie em
247 A. Schmarsow, Das Wesen der architektonischen Schöp-
Gotteshaus, denn dort können nur menschliche, keine
fung, S. 15
göttlichen Vorgänge verherrlicht werden, aber in den
248 A.a.O., S. 16 Bauten der heutigen Industrie könnte der Keim zu hö-
249 A.a.O., S. 22 heren Architekturgedanken verborgen liegen (. . . );
250 A.a.O., S. 23 dann aber könnte auch aus den Ausdrucksformen un-
251 Ebenda serer Zeit die grossräumige Gesinnung eines neuen
Sakralstiles geboren werden ( ... )." Ders., Monumen-
252 A.a.O., S. 25
tale Kunst und Industriebau, S. 36 f.
253 Ebenda
275 Siehe dazu: S. Giedion, Walter Gropius, Mensch und
254 H. Wölfflin, Prolegomena zu einer Psychologie der Ar-
Werk, a.a.O.; G. C. Argan, Gropius und das Bauhaus,
chitektur, in: Kleine Schriften (1886-1933), Basel
a.a.O.; J. M. Fitch, Walter Gropius, a.a.O.; A. Busi-
1946, S. 21 (Erstausg. München 1886)
gnani, Walter Gropius. Gestalter unserer Zeit, a.a.O.
255 A.a.O., S. 21 (Hervorhebung, K. W.)
276 Vgl.: H. Weber, a.a.O.
256 Ebenda
277 A. Reuter, Alfeld an der Leine, a.a.O., S. 240 ff.
257 A.a.O., S. 23
278 Vgl.: O. Dieling, 25 Jahre Fagus-Werk Carl Benscheidt,
258 A.a.O., S. 27 Alfeld 1936, S. 24. Zum Werdegang Carl Benscheidts,
259 H. Wölfflin, Prolegomena zu einer Psychologie der Ar- der 1858 im Sauerland geboren wurde, siehe: H. Weber,
chitektur, S. 23 a.a.O., S. 13 f.
260 Vgl.: W. Gropius, Der stilbildende Wert industrieller 279 "Carl Benscheidt kannte den Architekten Eduard Wer-
Bauformen, S. 30 ner vom Bau der Behrensschen Fabrik her (Baubeginn
261 Ebenda Mai 1897), denn er hatte dort großen Anteil an der Aus-
262 Ebenda führung der Arbeiten genommen. Er schreibt selber:
,Ich hatte durch Belehrung des Architekten Werner ne-
263 Ebenda
ben den allgemeinen Aufgaben noch selbst den Baufüh-
264 A.a.O., S. 32 rer gespielt', und er berichtet weiter, daß dieser Bau
265 A.a.O., S. 29 auch schon in weiten Kreisen Deutschlands größtes
266 Vgl. a.a.O., S. 32. Diesen Ansatz findet man im übri- Aufsehen erregt hat." Zit. nach: H. Weber, a.a.O., S. 17.
gen auch bei Behrens. Er bestimmte den Rhythmus Ernst Neufert, der den Benscheidts seit seiner Tätigkeit
zum Ausdruck von Bewegung, die rhythmische Wieder- für das Fagus-Werk in den zwanziger Jahren freund-
holung eines einfachen Motivs als Entsprechung einer schaftlich verbunden war, erinnert sich in einem Ge-
veränderten, sich in der Zeit schneller vollziehenden spräch mit der Verfasserin (am 7.12.1979), daß er ent-
Bewegungswahrnehmung, hervorgerufen durch die kon- weder 1923 oder 1924 zusammen mit Karl Benscheidt
zentrierte Raum-Zeit-Bewältigung durch maschinelle jun. zum Begräbnis Werners nach Hannover gefahren
Hilfsmittel. Siehe dazu: Peter Behrens, Einfluß von sei.
Zeit- und Raumausnutzung auf moderne Formentwick- 280 Oskar Dieling berichtet, daß Kar! Benscheidt die erste
lung, in: Jhb. des DWB 1914, a.a.O., S. 7 ff. einheitliche Maßtabelle für Schuhleisten einführte. "Er
267 Vgl. W. Gropius, Der stilbildende Wert industrieller hat sein Unternehmen seit seinem Bestehen für den
Bauformen, S. 30 Bedarf der mechanischen Schuhfabrikation speziali-
268 Vgl. ebenda siert." Die Lösung des Normenproblems wurde bestän-

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dig vorangetrieben. Ders., 25 Jahre Fagus-Werk earl aus Werbungsgründen etwas Besonderes hätte.' Und
Benscheidt, a.a.O., S. 38 über die Benscheidts berichte- Benscheidt antwortete: ,Na gut, ich bin zwar erst in
te die ,Schuhfabrikanten Zeitung' 1930: "Beide gehen den Anfängen, und jeder Groschen ist für mich wichtig,
in ihrem Berufe auf, sind unausgesetzt auf eine Voll- aber lassen Sie mal Ihren Schwager einen Vorschlag ma-
kommnung der Fabrikate und Verbesserungen im Be- chen."
triebe bedacht: sie haben wiederholt Studienreisen im Walter Gropius schrieb in einem Bief an H. Weber im
Ausland gemacht, hauptsächlich in den Vereinigten Jahre 1959, daß er, um zu Aufträgen zu kommen,
Staaten, sie kennen sich deshalb aus auf ihrem Fachge- "Hunderte von Briefen (verfaßte), sobald er von irgend-
biete bis in alle Einzelheiten und lassen sich nichts vor- welcher Bauabsicht erfuhr". Und: "Die Fagus war die
machen." Sonderdruck aus der ,Schuhfabrikanten Zei- wertvollste Frucht in dieser Kampagne. Der alte Herr
tung', Ein Besuch in den Fagus-Werken earl Benscheidt, Benscheidt, ein self-made-man mit Willenskraft, war ir-
Sonderdruck 8.1.1930, Heft 3 (Gropius Nachlaß), in: gendwie berührt von der Art, wie ich ihm meine Mitar-
BHA 32/1 1-34. beit anbot, und ließ mich zu sich kommen." Zit. nach:
Und in einer nach dem Zweiten Weltkrieg vom Fagus- a.a.O., S. 28
Werk herausgegebenen Broschüre ist nachzulesen: "Karl 284 Vgl.: H. Weber, a.a.O., S. 17-21, Abb. der Bauanträge
Benscheidt (jun., K. W.) hatte sich ein eigenes Arbeits- vom 28. April 1911.
gebiet abseits von dem seines Vaters gesucht. Seine 285 Ernst Neufert berichtet, daß Benscheidt "dann gegen-
Hauptsorge galt der ständigen Verbesserung der Erzeug- über von Behrens, auf der anderen Seite der Eisenbahn
nisse. Auf seine Anregung wurde die Fagus-Genauig- ein Gelände aufgekauft (hat), das eigentlich ein Sumpf
keits-Schuhleistendrehbank gebaut, die einen gewalti- war, das er aufgefüllt und die Fabrik erbaut hat". (Ton-
gen Fortschritt bedeutete. Auch der wissenschaftlichen band protokoll 7.12.1979) Vgl. auch: Brief Fagus
Seite der Fuß-Bekleidung wandte sich earl Benscheidt G.m.b.H. an die Polizeiverwaltung Alfeld vom 29. April
zu, suchte und fand Fühlung mit den maßgeblichen 1911 (Bauakten Fagus, Bd. 11911/12)
Wissenschaftlern auf diesem Gebiete und gilt heute als
286 Diese Zahl gibt E. Beutinger 1913 an. Er betont in sei-
Autorität." Fagus-Werk earl Benscheidt Alfeld/Leine,
nem Artikel im ,Industriebau', daß der Umfang und die
o.O.o.J. Die Entwicklung dieser Genauigkeitsdrehbank
Bedeutung der Schuhindustrie entschieden zugenom-
geht in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurück, er-
men habe. "Genaue statistische Zusammenstellungen
fährt aber erst in den späten zwanziger Jahren ihre
sind hierüber nicht vorhanden, jedoch werden die au-
technische Vollendung. Zu dieser "Spitzenleistung der
genblicklich in Deutschland bestehenden Schuhfabri-
deutschen Industrie" (0. Dieling, a.a.O., S. 43) sowie
ken auf 1400, die Zahl der darin beschäftigten Arbeiter
weiteren Erfindungen des Fagus-Werkes siehe: Sonder-
auf 64000, die jährlich ausgezahlten Löhne auf etwa
druck aus der Schuhfabrikanten Zeitung, a.a.O., S. 3 ff.
50 Millionen Mark und der Wert der in diesen Fabriken
281 earl Behrens hatte "kurz vor seinem Tode (. .. ) die hergestellten Schuhwaren auf über 300000 Millionen
Geschäftsführung in die Hände seiner Mitarbeiter Ben- Mark geschätzt (. .. ). Zurzeit gibt es in Deutschland
scheidt und Bertram" gelegt. E. Neufert berichtete in etwa 20 Schuhleistenfabriken, von denen drei über
dem bereits erwähnten Gespräch (vgl. Anm. 279), daß 200, zwei etwa 150 und die übrigen 20 bis 100 Arbei-
earl Benscheidt Schwierigkeiten mit den Behrens-Er- ter beschäftigen. insgesamt mögen ungefähr 2000 Ar-
ben bekam und sich schließlich entschloß, selbständig beiter in der deutschen Schuhleistenindustrie beschäf-
zu werden. ,Fagus-Werk earl Benscheidt Alfeld/Leine' tigt werden." ,Die Faguswerke in Alfeld a. L.', in: Der
(Broschüre), a.a.O. Industriebau, 4. Jg., 15.1.1913, Heft 1, S. 14 f. Das
282 Ülrl Benscheidt, zit. nach: H. Weber, a.a.O., S. 17 Fagus-Werk gehörte 1911 mit seinen über 60 Arbeitern
283 Der Fasimile-Druck dieses Briefes in: H. Weber, a.a.O., zur letzten Kategorie.
S. 29. Gropius beruft sich auf seinen Schwager Landrat 287 Vgl. H. Weber, a.a.O., S. 14. In der bereits erwähnten
Burchard. Ernst Neufert erinnerte sich an die Auftrags- Fagus-,Broschüre' ist zur Namensänderung zu lesen:
vergabe wie folgt (Tonbandprotokoll 7.12.1979): "Wer- ,,1917/1918 erzwang die Konkurrenz die Ablösung der
ners Projekt war sehr ordentlich, aber 08/15, also ohne amerikanischen Beteiligung. Die Regierung übernahm
jeden architektonischen Schmiß. Gropius hatte davon zunächst die amerikanischen Anteile und überließ sie
gehört und sagte zu seinem Schwager, der Landrat in dann C. Benscheidt, der darauf mit seinem Sohn die
Alfeld war: ,Sag mal, kann ich nicht mal solch einen Offene Handelsgesellschaft Fagus-Werk Carl Ben-
Auftrag an Land ziehen, kannst du da nicht mal was für scheidt gründete." Fagus-Werk Benscheidt Alfeld/Lei-
mich tun?' (. .. ) Und der ist zu dem alten Benscheidt ne', a.a.O.
gegangen und hat ihm gesagt: ,Herr Benscheidt, ich ha- 288 Die amerikanische Firma war die ,United Shoe Machi-
be einen jungen Schwager, der ist auch Architekt in Ber- nery Corporation', vgl. ebenda
lin, der war bei Behrens, dem größten Mann in Deutsch- 289 Ernst Neufert weiß zu berichten, daß Carl Benscheidt
land, und es wäre doch schön, wenn die Fabrik auch seine Amerikareise 1910/1911 dazu nutzte, die dortige

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Schuhindustrie von der Notwendigkeit gut produzierter habe die Zeichnungen alle gesehen, die waren ja alle
Leisten zu überzeugen. Das Ergebnis war die Beteili- noch im Atelier von Gropius in Weimar, und es war
gung der ,United Shoe Machinery Corporation'. Bei hervorragend (von Neufert besonders betont!, K. W.)
Wulf Schadendorf ist dazu zu lesen: "Auf einer Ameri- gezeichnet. Er hatte eine besondere Technik, er arbei-
kareise mit seinem Sohn, dem jetzigen Besitzer und tete mit einem Bleistift B3-1, einem ganz weichen Stift,
Leiter des Fagus-Werkes Karl Benscheidt d. J., schuf er und den drehte er beim Zeichnen so, daß eine ganz
das notwendige Kapital für die Gründung und den Fa- zittrige Linie herauskam, die aber andererseits tief
brikneubau der Fagus G.m.b.H. (. .. )." ,Das Fagus- schwarz war, weil sie eben gedreht wurde. Die Zeich-
Werk Carl Benscheidt Alfeld/Leine, a.a.O., S. 2 Karl nungen waren sagenhaft." (Tonband protokoll 7.12.
Benscheidt jun. kam ,Ende 1911' aus den USA nach 1979) Einen Eindruck von Schneiders Zeichnungen ver-
Deutschland zurück. Vgl. ,Fagus-Werk Carl Benscheidt mittelt die Werkmonographie von: H. de Fries, Karl
Alfeld/Leine' (Broschüre), a.a.O. Schneider. Bauten, Reihe Neue Werkkunst, Berlin/
290 Vgl.: J. Joedicke, Geschichte der modernen Architek- Leipzig/Wien 1929. Siehe dazu S. 294 des vorliegenden
Buches.
tur, Stuttgart 1958, S. 67
302 Der Spiegel, 34 Jg., 30.6.1980, Nr. 27, S. 11
291 Vgl.: Sigfried Giedion, Walter Gropius. Mensch und
303 imeressam scheint mir foigender HinweiS: Die Abbil-
Werk, S. 28 dung der Anzeige (Abb. 67) zeigt das Lagerhaus und
292 Vgl.: H. Weber, a.a.O., S. 28-35 und S. 42-47 einen Teil des Verbindungsganges, also jene Bauten, die
293 Vgl. ebenda eher traditionell, dem Klassizismus verpflichtet sind
294 Vgl. a.a.O.