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FESTSCHRIFT

FÜR

PAUL ATORP
ZUM SIEBZIGSTEN GEBURTSTAGE
VON

SCHÜLERN UND FREUNDEN

GEWIDMET

1924

BEHLIN UND LEIPZIG

WALTER DE GRUYTER & CO.


VORM.ALS G.J. GÖSCHEN'SCHE VERLAGSHANDLUNG - J. GUTTENTAG, VERLAGS-
BUCHHANDLUNG - GEORG REIMER - KARL,J. TRÜBNER . VEIT & COMP.
Inhalt.
Vorwort
Artur B~,(,chenau, Kultur und Zivilisation ................................. 9
Ernst Gassiret·, Zur "Philosophie der Mythologie" ........................ 23
Hans-Georg Gadamer, Zur Systemidee in der Philosophie... . ......... .... 55
Atbert Gö1'land, Über zwei durch die neuere Wissenschaftsgeschichte not-
wendig gewordene Wandlungen in der philosophischen Systematik.... 76
Nicolai Hartmann, Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich?.... . .. 124
Richard H önigsUJald, Zum Begriff des Atoms......................... . . .. 178
Heinrich Knittermeyer, Transszendent und Transszendental ................ 195
Rudolf Stammle.,,) Über Ehe und Ehescheidung........................... 215

Druck von Walter de Grllyter & Co., Berlin W. 10


Verehrter Lehrer und Freund!
Es ist eine Weisheit der Sitte, daß sie Tage im Leben eines
ivlenschen auszeichnet, an denen sie freigibt, nicht nur von Sach-
lichkeiten zu sprechen, sondern von den Empfindungen des Her-
zens, die die beglückenden Folgen aus den Werkbeziehungen zu
diesem Menschen sind.
Aus solcher Weisheit der Sitte dürfen wir uns heute freuen
und Ihnen eine Gabe bringen, die mehr sein möchte als nur ein
Buch für den wissenschaftlichen Markt.
Wie Blumen, in ihrer Mannigfaltigkeit zu einem Strauß ge-
sammelt, den Beschenkten erfreuen sollen als ein vielgestaltiges
und gleichwohl einheitliches Symbol der Gesinnung, so legen
wir auch unsere Gabe in Ihre Hände - vielgestaltig einheitlich
als besonderer Ausdruck unserer Verehrung und Dankbarkeit.
Zwar ist der kleine Kreis von Menschen, deren Arbeiten
dieser Band vereinigt, kein zulängliches Zeugnis für die Einfluß-
weite Ihrer geistigen Persönlichkeit. Vielenorts wird heute, in
Besinnung auf Ihre Bedeutung für die Kulturgestaltung unseres
Volkes, Ihr Name in Bruderschaft mit Fichte genannt; Sie
prägten in unserer frageschweren Zeit für viele Volksgenossen
die Willensform der nationalen Begabung und der menschheit-
lichen Pflicht des Deutschen.
Aber die Not unserer Tage zwang uns zu solcher Beschrän-
kung; ja, selbst in solcher verengten Form konnte unser Plan
sich nur verwirklichen, weil einer aus Ihrem Schülerkreise ihn
durch seine Gabe ermöglichte. Drum nehmen Sie dies Buch
wiederum wie einen - Strauß, den eine gehemmte Absicht nur
zufällig aus der Fülle eines weiten Feldes erlangen konnte. -
Vorwort. Vorwort. 7
6
Verehrter Freund und Lehrer! Vor allem andern zuerst sei Vaterland, zu meiner deutschen Kultur einschließlich der re-
ausgesprochen, was in diesem Augenblicke Ihnen wie uns zu tiefst ligiösen Gesittung - es ist genug, daß ich es andeute. Auch
im Gemüte steht: daß unser Freund, der vor uns dahingegangen das will ich nur andeuten, was mir die unermüdliche Tatkraft
ist, unter uns lebendig ist. Und er auch ist es, dem wie keinem dieses Lehrers und dieses Gelehrten für die Hochhaltung unserer
unter uns zusteht zu sagen, was Sie der deutschen Geistigkeit Schule geholfen hat, der mit seinem unermüdlichen Eifer im
Nacharbeiten, Durchforschen und Nachbessern aller Arbeiten die
und was Sie uns bedeuten.
Pflichten eines SchulhaHers im höchsten Sinne ausgeübt hat;
Heute vor zehn Jahren war es, daß Hermann Cohen zu
und wie er uns alle erfreut hat durch die Gleichmäßigkeit seines
Ihnen sprach: "Es ziemt mir nicht, über den Gelehrten Natorp
Wesens, den Gleichmut seiner Stimmung allen Jüngern gegen-
heute zu sprechen, bei der großen Mannigfaltigkeit, man darf
über, die er mit der gleichen Sympathie, mit demselben Wohl-
sagen: der Universalität, dabei aber der Gründlichkeit und Ge-
wollen, mit derselben Achtung und Ehrerbietung heranzuziehen
nauigkeit seiner Studien, seiner Forschungen, seiner gedank-
und zu verstehen suchte. Es soll mein bester Ruhm sein, daß
lichen Untersuchungen und Schöpfungen auf allen Gebieten der
ein solcher Kollege mit mir verbunden sein konnte zu einer ein-
systematischen Philosophie, wie in allen Zeitaltern ihrer Geschichte.
heitlichen philosophischen Schulung."
Schon die bloße Erwähnung aller der Gebiete, auf die sich sein
Was uns nach diesen Worten Cohens noch obliegt auszu-
immenser Arbeitseifer erstreckt hat, erfüllt uns mit Ehrfurcht;
sprechen, das ist der Ausdruck erwartungsvoller Freude über
fordert Ehrfurcht und aufrichtigen Dank." Und hinüberlenkend
die treibenden Kräfte, die in Ihnen am Werke sind. Wie konnte
auf das Gebiet, dem Ihre Arbeit aus der bestimmten Kraft Ihres
es -anders sein, als daß die geschichtlichen Gewalten unserer letzten
Menschent ums so wesentlich gehört: die Volkserziehung, sagt
Jahre Sie bis in die religiösen Gründe Ihres Geistes ergriffen.
Cohen: "So ist aus dem Triebe und der Kraft dieses Mannes
Totalität des Erlebens und aus ihm erstehend: Totalität der
zur Freundschaft die soziale Menschenliebe erwachsen, die Kon-
Erkenntnis - das ist zu allen Zeiten die Absicht echter Phi-
sequenz seiner praktischen Philosophie: daß Bildung und Er-
losophie gewesen. Die Totalität des Erlebens ist also das Erste.
ziehung, Unterricht und Wissenschaft dem ganzen Volke, der
Und die Schriften der letzten Jahre bezeugten diese Totalität
Volkseinheit zugeführt werden müssen, daß nur die soziale Päd-
Ihres Erlebens. Immer deutlicher aber werden nun die
agogik die wahre Schulpolitik ausmacht und daß nur auf Grund
Zeichen, die uns sagen, daß Sie an der Schwelle zu einer To-
einer solchen Einheitlichkeit des Schulwesens die Nation selbst
talität der Er kenntnis stehen. "Die Jahre mahnen mich mehr
ihre Einheit begründen und befestigen kann." Und unmittelbar
und mehr, auf die Fertigstellung - soweit es so etwas gibt -
gegenwärtig erfüllt uns heute der feierliche Ernst in Cohens da-
der eignen Systemarbeit mich zu konzentrieren", schrieben Sie
maligem Bekenntnis der Dankbarkeit gegen Sie: "Es hat eine
uns jüngst.
so tiefe sachliche Bedeutung, daß die persönliche Scheu zurück-
treten muß, wenn ich über unser kollegiales Verhältnis zu sprechen Wir wissen aus Ihren Worten zu Cohens siebzigstem Ge-
mich gedrungen fühle. 'Vie selten ist das nicht nur notdürftig burtstage, wie stark Sie die Schwierigkeiten und das vVagnis
erzwungene, sondern wahrhaft persönliche vertrauliche Verhäl- empfinden, die in der Bildung eines Systems der Philosophie
nis zweier Universitätskollegen, geschweige desselben Fachs, ge- liegen. Und wahrlich scheint beides dadurch nicht etwa gemildert
schweige in der Philosophie. Was es mir für mein Leben be- zu sein, daß Sie, im Geiste unserer Schule, dem "System" die
deutet, für mein unerschüttertes Verhältnis zu meinem deutschen "alte Bedeutung eines abgeschlossenen Lehrgebäudes~' absprechen
8 Vorwort.
I >i

und auch es unter die "Idee" stellen, die immerdar Richtung,


ein fieri und ein procedere ist.
'Vas kann alsdann "System der Philosophie" allein bedeuten?
Nichts anderes als die Selbstbefreiung des Erlebens einer Zeit
durch die Erkenntnis einer Totalität im Problemgehalte eben
dieser Zeit. In solcher Bedingtheit und Beschränkung liegt die
Aufgabe und die Kraft eines Systems der Philosophie. Kultur und Zivilisation.
Besteht das Gesagte zu Recht, so bedarf es keiner wort- Eine Studie zur Geschichte der Sozialpädagogik.
reichen Beteuerung, wie stark unsere Wünsche an die noch aus-
Von
stehenden Jahre Ihres Lebens sind, daß sie gnädig über Ihrer
Artur Buchenau.
Gesundheit und über der Ruhe Ihres Gemütes walten mögen.
Dann wird das Werk, das Sie uns noch schenken ,vollen, das Die wenig bekannte Denkschrift aus der Spätzeit Pestalozzis:
."An die Unschuld, den Ernst und den Edelmut meines Zeitalters
natürliche Ergebnis der bewundernswerten Kraft Ihres Erlebens
und Vaterlandes" (1815) enthält eine Reihe von Gedanken, welche
sein, das um so tragfähiger wurde, je mehr es von der Wucht die sozialpädagogischen Grundgedanken der "Nachforschungen"
der Zeit beansprucht wurde. vom Jahre 1797 in bedeutsamer Weise weiterführen und ergänzen,
So gilt uns denn der Tag, der alles dies Ihnen zu sagen uns wobei darauf hingewiesen werden muß, daß beide in allem Wesent-
gestattet, beides in einem: als ein Tag des Ausdrucks verehrender lichen miteinander übereinstimmende Züge zeigen. Für die zuletzt-
Dankbarkeit und ganz zugleich herzlichster Wünsche und Er- genannte Schrift, deren vollständiger Titel lautet: ".Meine N ach-
forschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des
wartungen. :Menschengeschlechts", darf hier kurz auf meine ausführliche
Inhalts-Darstellung ver\\;-iesen werden (Leipzig, Felix Meiner 1919).
Marburg, am 24. Januar 1924.. Die Denkschrift von 1815 knüpft gerade in dem entscheidenden
Grundgedanken Pestalozzis von der klaren Unterscheidung der
Cassirer. Görland. drei sozialen Zustände bewußt an die "Nachforschungen" an, denn
während die Entgegensetzung von sinnlicher Natur und sittlicher
Vernunft beim Menschen uralt ist, fügt Pestalozzi zu Natur und
Sittlichkeit als gleichsam Mittleres zwischen diesen heiden Zustände
den gesellschaftlichen hinzu. Freilich - darüber ist er sich voll-
kommen klar - darf man die Trennung der drei Zustände nicht
als faktisch bestehend annehmen, sondern nur als eine solche in
der Abstraktion ansehen. Naturzustand, gesellschaftlicher Zu-
stand, sittlicher Zustand sind so wenig, sei es bei dem einzelnen
oder auch bei der gesamten Menschheit, nebeneinander oder gar
nacheinander vorhanden, daß der erste wie der dritte Zustand von
Pestalozzi geradezu als niemals existierend bezeichnet werden
können. Alles Leben ist ein solches unter dem Einfluß der Um-
gebung, also auch durch Mitmenschen und Vergangenheit auf
Schritt und Tritt bestimmt und auch die sogenannten nN atur"-
Völker sind ja in der Tat nur in einem einfacheren gesellschaftlichen
10 Kultur und Zivilisation. Kultur und Zivilisation. 11

Zustande befindlich. Den reinen sittlichen Zustand aber können sei, also die innere, nicht die äußere Natur. Ihre m Gesetz bleibt
wir als endliche Wesen, mit der Sinnlichkeit behaftet, niemals der Mensch auch im gesellschaftlichen Zustande unbedingt unter-
erreichen. Wirklich vorhanden ist also nur der gesellschaftliche worfen, und so haben sich die Menschen das gesellschaftliche
Zustand, und dasjenige nun, was in ihm an Einrichtungen von "Recht" geschaffen, ein Recht, das sich gerade aus der "Natur"
den Menschen in jahrtausendelanger Arbeit tatsächlich geschaffen der in der Gesellschaft zusammenlebenden Menschen ergibt.
worden ist, bezeichnet P. als Zivilisation, ohne die der .Mensch, Aber dieses Recht mit seinen Gesetzesvorschriften, Normen,
eben als "Bürger", als Mitglied des Staates, der Kirche, der Ge- Paragraphen usw., so unentbehrlich es ist, um die Ordnung unter
meinde, der Gesellschaft, niemals bestehen kann, die aber dennoch der Masse der Menschen aufrechtzuerhalten und die ja auch
ihrem Wesen, ihrem Begriff nach nur Mittel zum Zweck, "nat ürlichen", sinnlichen Instinkte zu dämpfen und zu regeln,
niemals Selbstzweck sein kann und soll. Faßt der Mensch die wird auch von denen, die es gegeben haben und sich danach richten,
Zivilisation, die "bürgerliche Kultur" im üblichen Sinne als letzten keineswegs als das Höchste angesehen. Recht ist noch nicht
Zweck des Lebens auf, dann veräußerlicht sich seine ganze Welt- Gerechtigkeit, gesellschaftliches noch nicht sittliches Recht, und
Auff ass ung, dann wird aus ein er, freilich fundamentalen Bedingung auch dieses wird ja durch die "Natur", d. h. das VVesen des Menschen,
des Lebens ein Endziel, das vor dem Richterstuhle der kritischen jetzt im geistigen Sinne verstanden und zwar unbedingt gefordert.
Vernunft und der Geschichte nicht standhält. Denn ist nicht alle So gibt es nach P. eine sinnliche, eine gesellschaftliche und eine
"Zivilisation" ein ewiges Werden und Vergehen, etwas Fließendes, sittliche Natur im Menschen. Der Mensch gehört gewiß der
während die wahre Kultur doch, den Idee n des wahren Guten äußeren Natur an, so wie die Pflanzen und Tiere (1. Stufe). aber
und Schönen entsprechend, von bleibendemWerte sein müßte? er ist auch notwendig ein Mitglied der Gesellschaft (2. Stufe)
P. spricht daher oft geradezu von dem "Zivilisationsverderben" und und ein Glied der Welt des Geistes (3. Stufe). Wenn diese Geistes-
stellt ihm die wahre Kultur gegenüber oder, um es in moderner welt auch, um einen Kantischen Ausdruck zu gebrauchen, nur
Weise auszudrücken: er verlangt an Stelle der stets schillernden "ein Gesichtspunkt H ist, so erfaßt der Mensch sie doch mit vollem
Organisation der Gesellschaft eine Gemeinschaftskultur, die Bewußtsein, indem er sie denkt und ihre Ausgestaltung bejaht,
freilich zugleich eine echte Persönlichkeitsbildung in sich schließen also will. Anders ausgedrückt: alle wahre Kultur ist, wie Pesta-
muß. So wird Pestalozzis vielfach etwas schwerfällige und an Wieder- lozzi in genauer Übereinstimmung mit Plato, Kant und Fichte
holungen reiche Denkschrift von 1815 zu einer scharfen Kritik lehrt, Emporbildung zur Sittlichkeit, Ums chaffung des bloß
der Zeitkultur und enthält dagegen die Forderung einer Ewigkeits- gesellschaftlichen Zustandes nach den "Gesichtspunkten", das
kultur. Es ist freilich nicht leicht, sich durch diese fast 200 Druck- heißt nach den Ideen der Sittlichkeit.
seiten hindurchzufinden, zumal P. die Lektüre dadurch erschwert Hat also auch der gesellschaftliche Zustand in seinem Ursprung
hat, daß er das Buch in einem Zuge ohne jede äußere Gliederung nichts mit Sittlichkeit zu tun, so kommt er doch unter sittlichen
heruntergeschriebenhat. Aber man sollte den pädagogischen Gesichtspunkt. Er stellt gleichsam den Lehrlingszustand der
Genius nicht leichthin kritisieren, sondern sich an seiner Schöpfung Menschheit dar; darin liegt seine Rechtfertigung, aber zugleich
erfreuen, so wie sie ist, und, soviel ist zweifellos, auch die heutige auch seine Schranke. P. ist dabei weit davon entfernt, utopisch
verworrene Zeit kann aus dieser teilweise erbarmungslosen Kultur- von idealen Zukunfts-Zuständen zu schwärmen, ja, er sagt es
kritik noch vieles lernen. gerade heraus, daß reine ,Sittlichkeit nicht möglich ist, weil sie
"Reiche vergehen und Staaten verschwinden, aber die "gegen die 'Vahrheit meiner Natur" streitet, in der die tierischen,
Menschennatur bleibt und ihre Gesetze sind ewig" (S. 194). Aus die gesellschaftlichen und die sittlichen Kräfte nicht getrennt,
dieser Grundüberzeugung heraus sind P.s Darlegungen geflossen, sondern innigst miteinander verwoben erscheinen. Trotzdem
so bekennt er auf dem Schlußblatt seiner Abhandlung. Freilich kann das, was als faktischer Zustand unmöglich ist, uns als
versteht er dabei "Natur" in einem tieferen Sinne als gewöhnlich. Strebensziel klar vor Augen stehen, geht doch hier die Frage über-
Goethes Wort: "Unfühlend ist die Natur ... nach ewigen, ehernen, haupt weniger auf des Menschen Sein oder Dasein, als auf
großen Gesetzen müssen wir alle unseres Daseins Kreise voll- seinen VVert oder (in Kantischer Sprache) die Menschenwürde;
enden" faßt er so auf, daß hier die "Natur" im Menschen gemeint diese aber ist niemals in irgend einer gesellschaftlichen oder natur-
12 Kultur und Zivilisation. Kultur und Zivilisation. 13

haften Form "gegeben", sondern "aufgegeben'" sie ist eine eWIge Anfangspunkt, durch die Weisheit, Liebe, Anmut und Kunst der
Forderung der sittlichen Vernunft. Wohnstube angebahnt, eingelenkt, unterstützt und geleitet
Paul Natorp (Pestalozzi-Biographie Band 3 seiner P.-Aus- werden" (Pestalozzi-Werke ed. Seyffarth XI, 31).
gabe S. 403) meint mit Recht, daß die Quintessenz der Denkschrift Aller sinnliche Genuß bringt den Menschen nur tierisch vonvärts,
von 1815 in dem Satze enthalten sei: "Es ist für den sittlich, geistig sinnliche Furcht stößt ihn tierisch zurück, und sinnliche Hoffnung
und bürgerlich gesunkenen Weltteil keine Rettung möglich als belebt ihn ebenso, denn nicht nur seine wirklichen sinnlichen
durch die Erziehung, als durch die Bildung zur Menschlichkeit, Genüsse, sondern noch mehr die Vorstellung von denselben (in
als durch die Menschenbildung" (5. 148). Das ist das Grundrnotiv, Pestalozzis Sprache: "der Traum von denselben") ist es, die sein
aber - so müssen wir weiterfragen - \vas versteht nun der. reife P. O'anzes tierisches Leben in Bmvegung setzt. Der Mensch, über
unter Bildung, Erziehung und Kultur? Und welche Wege führen den irgendein tierischer Sinn volle Herrschaft erhalten, vdrd am
zu dem ersehnten Ziele? Er geht von dem Gedanken aus, daß Ende das Opfer seiner verlorenen höheren Menschennatur. "Aber
bei allem, was existiert, das Schlechtere häufig, das Vollkommnere wie er sich selbst durch seinen Tiersinn dem Verderben hingibt,
selten ist. Der .Mensch selber hat die Fähigkeit, das Gemeine, das also opfert er auch sein Geschlecht. . .. Er ist ein unter die Stufen
ihn als sein Erbteil allenthalben umgibt, zu vervollkommnen. der wahren Menschennatur erniedrigtes Geschöpf, er fühlt dieses
Er macht schlechte Fruchtarten durch seinen Anbau zum Reich- oft auch selber. Innere Unruhe verfolgt ihn, wenn er den Armen
tum des Landes, er pfropft auf den Baum, der bei ihm wild wächst, drängt, den Schwachen verhöhnt und die Leiden. der Elenden
Früchte fremder Weltteile. "Er schafft einzelne Tiere, die in der weder mit Worten noch mit Taten mildert. Er muß vor sich selber
vVildnis lebten, zu Herden um, die sich an Gestalt und Abtrag entfliehen, er muß den Spiegel seines Lebens vor seinen Augen
unter seiner Hut nicht mehr gleich sehen. Er entreißt das Voll- zerschlagen, damit er sich nicht selber in aller seiner Nacktheit
kommene den Werkstätten der Natur und macht es zum Werk erkenne. Das ist so wahr, daß er zuzeiten etwas äußerlich Gutes
seiner Kunst. Dasselbe aber, was er der toten Kultur" gegenüber tut und etwa den Feldbau oder die Viehzucht verbessert oder gar
tut, das tut er auch an sich selber und dem Menschengeschlechte, Wohltätigkeitsprojekte begünstigt, damit er sich selber in nötigen
und er muß es tun, wenn er nicht an der Kultur seines bloßen Augenblicken für einen guten und nützlichen Menschen, für einen
tierischen Daseins zugrunde gehen will, so wie ja auch die Pflanzen Freund der Wahrheit und des Menschengeschlechts halten könne."
und Tierarten, die der Mensch pflegt, ohne menschliche Wartung All diese Entwicklung der Sinnlichkeit führt also dazu, den
zugrunde gehen würden." 'Vie vollzieht sich nun diese Vervoll- Menschen sein eigenes 'V"esen, seine innere Natur über allerlei
kommnung des Menschen? Sie geht, so lehrt Pestalozzi, von äußerem Tun, über den "Werken" vergessen zu lassen, obwohl er~
"gedoppelten Fundamenten" aus, nämlich erstens von einem der Mensch, sich von Zeit zu Zeit sehr wohl dabei dessen be"wußt
sinnlichen, das er mit der gesamten Tienvelt gemein hat, zweitens wird daß er bei allem sinnlichen Arbeiten und Sich abmühen den-
von dem höheren, allein menschlichen unserer inneren Natur, noch' seine eigentliche Bestimmung als Mensch nicht erfüllt..
das ihn von allen 'Vesen der Natur unterscheidet. Auf den sinn- Solche Menschen kommen dann schließlich dahin, das führt
lichen Gaben der Menschen beruht die Zivilisation, auf den Pestalozzi weiter aus, daß sie an nichts Gutes mehr glauben, daß
ge!stigen, das heißt auf seiner inneren Natur, auf der Entwicklung sie niemand für ;::,O'ut oder dankbar halten, niemand für treu, niemand
seInes Wesens, dagegen die Kultur, deren zwei Hauptstämme von für unschuldig und reinen Herzens, und zum Beweise dafür pflegen
Pestalozzi stets unterschieden werden als die sittliche und geistige sie sich auf ihre Erfahrungen zu berufen. Pestalozzi,· den man
Kultur. Man könnte das auch so ausdrücken, daß unsere Natur oft mit Unrecht als einen Sclnvärmer und "Idealisten" im ober-
selbst zwiespältig ist, nämlich einerseits als sinnliche Natur zur flächlichen Sinne dieses V\Tortes angesehen hat, fährt an dieser
Zivilisation, andererseits als sittliche Natur zur Kultur führt. Stelle (XI, 10) mit bitterem Realismus fort: ~lUnd e:r hat dar~n
Aber dieser höhere Weg der Natur gibt sich niemals von sich selbst, auch recht, er hat diese Erfahrung nicht nur gemacht, er hat Sie
sondern er muß jedem Individuum menschlichen Geschlechtes eigentlich erschaffen. E11 hat seine Umgebung so vergiftet, daß
eingeübt und entwickelt werden. Und wodurch? Die Antwort ein Ivfensch ein Engel sein müßte, um an seiner Seite dankbar,
lautet: durch Erziehung und "besonders durch ihren heiligen treu, unschuldig und reinen Herzens zu werden."
14 Kultur und Zivilisation. Kultm und Zivilisation, 15

. VöI!ig, entgegengesetzt ,ist, die Richtung des Lebensganges ziehen? Umgekehrt, hätte Rousseau Recht, wie ist es dann zu
beI denJemgen Menschen, dIe sIch reine Entfaltung der Mensch- erklären, daß diese ursprüngliche Güte der Menschennatur durch
lichkeit zum Zweck gesetzt haben. Wer so denkt, verachtet jede die Zufälligkeiten der Umgebung usw. jemals ganz könnte ver-
Kraftäußerung, die ihn im Wesen oder auch nur in Form und loren gehen?
Gestalt irgendeinem tierischen Geschöpf gleichstellt. Er ehrt Auf eins legt Pestalozzi hierbei großen VVert, nämlich darauf,
Gott in de,r Me~schennatur, er kennt ihren einzigen Wert in der zu zeigen, daß alle Zivilisation die Sache der Massen, also etwas
Erhebung Ihres mneren Wesens über ihren äußeren tierischen Sinn. Mechanisches ist, während Kultur auf Individualität d. h. auf
Menschlichkeit ist ihm über alles. Er liebt den Armen weil er der persönlichen Berührung der Menschen, beruht, etwas Organi-
den Menschen liebt. "Er liebt das Armenrecht und das M~nschen­ sches, Innerliches, Wachstum, nicht bloße Stoffanlage darstellt,
recht, weil er alles liebt, was recht ist. Er haßt das Unrecht, er denn, wie er das formuliert: "Unser Geschlecht bildet sich wesentlich
verachtet den, der es tut, er muß ihn veracllten oder die Menschen- nur von Angesicht zu Angesicht, nur von Herz zu Herz menschlich.
natur nicht ehren. Er ehrt sie. Er glaubt a~ Menschengüte, er Es bildet sich wesentlich nur in engen, kleinen, sich allmählich
glaubt an Menschendank, an Menschentreue, aber er lebt auch in Anmut und Liebe, in Sicherheit und Treue ausdehnenden
daß es. schw~r ist, in seiner Nähe zu wohnen und ihm nicht gut: Kreisen also. Die Bildung zur :l\.1enschlichkeit, die Menschen-
gegen Ihn nIcht dankbar und ihm nicht treu zu werden. Liebe bildung und alle ihre Mittel sind in ihrem Ursprung und in ihrem
ist sein Gewand und die Wahrheit sein Schild. Gutes tun ist sein Wesen ewig die Sache des Individuums und solcher Einrichtungen~
Leben, aber er treibt kein Geschäft der '''elt auch das Gutestun die sich eng und nahe an dasselbe, an sein Herz und seinen Geist
nicht, um seines äußeren Scheines willen.'" anschließen." Man beachte bei dieser Stelle \vohl, daß Individuum_
vVenn Pestalozzi so schreibt, so heißt das nicht daß er naiv hier mehr die Bedeutung hat, die wir heute mit dem Worte
an ~ie Exist~nz solch vollkommener Menschen gla'ubt, sondern "Persönlichkeit" zu verbinden pflegen, wie man ja schon daraus
er ~Ill uns ~Ier offenbar das Idealbild eines derartigen Menschen ersehen kann, daß hier ausdrücklich von dem "Herz" und dem
schIldern, :vIe denn überhaupt gerade diese späte Schrift aus seiner "Geist" des Individuums die Rede ist, In der Tat ist dieser Gegen-
Feder darIn so. sehr den großen Werken Platos gleicht, daß es satz völlig scharf: Menschenhaufen in ihrer Mannigfaltigkeit mit
~uch Pestalozzi neben aller Berücksichtigung des Zeitgeschicht- allerhand zufälligen Zielen und Zwecken = Zivilisation auf der
lIchen d,och vor al~em um eine Konstruktion philosophischer Art einen Seite, Persönlichkeit, gebildet an Herz und Geist mit für
zu tun 1st, das heIßt darum, zu zeigen, was wahre Kultur, was den Fortschritt der Menschheit notwendigen Zielen = Kultur
Menschent um ist und bedeutet. Alles Erziehen und Unterrichten auf der andern Seite. Alle Zivilisation ist nichts als was auf die
hat ja keine~ Sinn und Wert, wenn man nicht zuvor weiß, waß große Mehrheit, auf die Masse, auf den Volkshaufen wirkt und
d~nn, platonIsch gesprochen, "das Gute" ist, und diesem Zwecke, was zu der weitverbreiteten Vorkriegsstimmung führt, daß wir
d:e Idee des ~uten zur Klarheit zu bringen, ist in ihrer Art auch es doch eigentlich in wirtschaftliche~, technischer usw. Beziehung
dIe Pestalozzische Schrift vorzüglich gewidmet. So ist Pestalozzi im 19. oder 20. Jahrhundert "gar so herrlich weit gebracht" haben;
we,der, nach ~er optimistischen, noch nach der pessimistischen ein Satz, der ja sicherlich auch von dem unfähigsten und be-
SeIte IrgendwIe Dogmatiker; weder sagt er mit der christlichen deutungslosesten Mitgliede einer solchen Zivilisationsmasse aus-
Theologie: der Mensch ist böse von Jugend auf, noch mit Rousseau: gesprochen werden kann. Anders ausgedrückt: Kein Mensch
der l\Ilensch ist an und für sich gut, sondern er stellt nur den schroffen wird dadurch, daß er innerhalb der so vielgepriesenen "modernen
Gegen,satz vo~ sinnlich~r Zivilisation und sittlich-geistiger Kultur Kultur" im äußerlichen Sinne der auf uns einstürmenden Massen-
erst eInmal hIn und zeIgt dann, wie der Mensch als Individuum güter mit ihren Segnungen lebt, auch schon zur Persönlichkeit,
~nd. wie die ~1e~schen weder rein sinnliche, noch rein geistig- er kann sein sinnliches, tierisches 'Vesen bei aller Pracht der
sIttlIche Wesen SInd, sondern eben als Mitglieder der Gesellschaft äußeren Umstände bev:mhren, und da würde einem Pestalozzi
de facto zwischen diesen beiden Extremen stehen. Hätte nämlich auch die moderne Zivilisationsgröße, die elektrische Technik,
die christliche Lehre recht, wie sollte es da anders als durch über- die modernen Untergrundbahnen, die Luftschiffe usw. keinen
natürliche Gnade gelingen, den Menschen zum Guten emporzu- Eindruck machen und ihn nicht davon überzeugen, daß diese
n umu' und Zivilisation,
Kultur und Zivilisation, 17
Z~vilisation ~al1re Ku~tur ist, zumal dann nicht, wenn er, WIe In Pflanze, aber bloß in Nahrung, 'Värme und Ruhe, so macht mal:
?~e~e,m ~Veltr1ngen: mIterleben müßte, daß ja die meisten dieser ihn gerade dadurch selbstsüchtig und träge. D.i:lher hat Pes~alozzl
ZlvlhsatIOnsergebmsse nunmehr nicht zum Heil, sondern zum völlig recht, wenn er den wesentlichen Unterschl~d betont zv.ischen
~erderben der :Menschheit verwendet werden. "Es läßt sich eben der auf sinnlichen Momenten beruhenden AUlzucht und Pflege
die Schwäche unseres Geschlechtes", wie Pestalozzi das sehr von Pflanzen und Tieren und der Erziehung des Menschen. So
treffend ausdrückt, "seh: leicht durc~ die sinnliche Nutznießung, heißt es bei ihm weiter: "Die l\1enschenkunst, die Mel1schenbildung
du~ch etwas Unwesenthches vom sIttlichen und geistigen Er- ist von Gottes und der Natur wegen die höchste Kunst unser~s
grelf~n und FesthaIten des Wesentlichen ablenken ... ,. Der Geschlechts; der l\.fensch muß sie suchen und schätzen als Beln
Anbl~ck bloß zivilisierter .Menschen und Völker muß beim l\fenschen höchstes Gut. Er tut es auch, odel' wer ist Vater und Mutter der
d~r SIe b,loß als seine ?peise, als Mittel ,seiner Genießungen und
j

nicht einen Finger von der Hand gäbe, daß seine Kinder menschlich
S8I!leS DIe~stes und mcht als selbständIge Wesen ansieht, sich gebildet würden und menschlich leben könnten bis an ihr Gl:~b?
aUI de~ EIndruck, den. ihre sinnliche Benutzung auf ihn macht, Aber ob er es auch noch so gern sueht, er vermag es um des\vIIlen
beschr~nke? und ga~12~ In den Irrtum und die Einseitigkeit dieser nieht. wenn er nicht selber im höheren Sinne des Vvortes Mensch ist.
selbstsuchtIgen AnSIcht hinübergehen."
Nur der edle und erhabene Mensch hat wahre Kräfte zu aller Un-
So kommt es ~azu, d,aß de: sinnliche Mensch die Dinge, die schuld und Reinheit der Menschenbildung" (XI, 14). ,
a?ßerhalb des KreIses s,eIner, ~Innlichen Selbstsucht liegen, für Es ist aber die Menschenbildung nicht bloß die notwendIgste
mc~ts achtet, da.ß e~ dIe ~eIlIge Sache der Menschheit gering und dringendste, sondern zugleich auch die seltenste und schwie-
s?ha,~zt, da,ß e.r dIe DInge mcht achtet, die "des Geistes Gottes rigste Kunst; sie ist gleichsam das höchste Gl~t de~ :Mensc11en,
s.Ind, weIl .SIe außer dem Kreise seiner sinnlichen Selbstsucht . . ber - wo soll ich sie finden? Wo anders als In mIr selbst, als
hegen. DabeI kommt es ~uch ?ar nicht auf die äußere Stellung ~ l'vfenschen selber, "wie er, getrennt von dem Einfluß des 'iVelt-
des Menschen an, wenn er "InnerlIch verkrüppelt" ist das heißt be- verderbens, in sich selbst, in seiner Unschuld und Reinheit mit
fangen von der Zivilisation, ob er auf dem Richterst~lble sitzt ~der lebendiO'em Gefühl der \Vahrheit aller seiner bessern Kräfte da-
aber als arm~r Sünder verurteilt wird, - das ist alles gleichviel. st; ht ? b WO soll ich sie suchen als im Tun der Mutter und in aller
B,loße lVIacht Ist ,noch nicht menschliche Kultur, und doch möchten Kraft und in aller Sorge ihres mütterlichen Sinnes, also in der
~Ie ~lenschen mcht d.ie innere Sicherheit entbehren, so daß auch Reinheit ihrer selbst, insofern sie sich dadurch entschieden von
s,Ie aanach streben, SICh äußerlich immer noch mit allem Schein allem Tun weiblich81' Wesen, die zwar Mutter, aber nicht Menschen
Cles, Hohen, des Edlen, des Vollkommenen zu umgeben, "Wenn sind, unterscheidet ?" Mit andern Worten: alle wahrhafte Menschen-
er SICh selbs~ entwü~digt, veredelt er dennoch den Stein im Gebirge bildung als Erziehung ist eigenstes Werk des :Menschen ~elbstJ
und verschonert seIne Umgebungen dem Scheine nach in eben ist daher nicht zu erwarten von außen, sondern muß von Innen~
dem edel~ G~sc1I.mack, des~en 'Yesen ihm merklich selbst mangelt. muß nach eigener Gesetzlichkeit, muß aus dem geistigen Wesen
S~lber se,In sInnlIches Vorellen In der Entfaltung seiner selbst und. des Menschen heraus geschaffen werden, Das ist derjenige Grund-
SeIner K:nder zu allem Wissen, zu aller Schlauheit, zu aller Ge- gedanke Pestalozzis, in dem er sich am engsten mit deIn Kantisc~en
,~'an~theIt, zu allem Stolz, zu allem Hohn, zu aBer Niederträch- Begriff von der Autonomie, d. h. der Selbstgesetzgeb~ng der SItt-
tIgkeIt unsers Geschlechts, ist eine Folge seines in der Sinnlichkeit lichen Vernunft berührt. Was Kant mehr theoretIsch als das
beschränkten und durch das Zivilisationsverderben verirrten Grundprinzip der Ethik entwickelt, das wird in den Pestalozzisehen
Drangs nach Vollkommenheit, nach VoIIendung. Er sollte sich Schriften der letzten Zeit dargelegt als der Grundgedanke der
veredeln,
I
aber er kennt den Sinn der VeredelunO'
T-.. b
nicht und meint , Erziehungslehre, und ohne daß man deshalb nötig hätte, einzelne
er T,U~ Uleses, wenn er SICh abschleift." Aber freilich - Menschen Pestalozzische Formulierungen so zu deuten, als ob sie mit den-
~ntwICkeln sich nach anderen Gesetzen als die Dinge der Natur, jenigen Kants völlig übereinstimmten, darf man dennoch sagen;
aenn wenn man einen köstlichen Stein schleift. so erhöht man daß in dem Grundgedanken beide sich völlig einig waren. Nur
seinen 'Vert, \-venn man aber den .Menschen abschleift, so ver- so ist es ja auch zu verstehen, daß nicht nur Geister zweiten Ranges
ll1inder't man ihn, das heißt: Vlenn man ihn besorgt wie die edelste -..vie Niederer, sondern auch ein Genie ,,,ie J ohann Gottlieb Fichte:
Natorp-Festilchrift. 2
18 Kultur und Zivilisation. Kultur und Zivilisation. 19
diese en0'8 Verwandtschaft des Kantischen und PestaJozzischen. Weise für den Ausgang des 18. Jahrhunderts lind den Beginn des
Geistes ]~lar erfaßten und darauf ihre eigenen Gedankensystenle 19. Jahrhunderts schjldert (XI, 24 ff.). Dabei ist er weder blind
aufbauten. Das Bildungsideal jener Zeit, die man als die Periode für die Fehler des ancien regime noch für die Verbrechen der
des Neuhumanismus zu bezeichnen pflegt~ muß notwendig ein- Revolutionäre und die despotische Herrschaft des ersten Na-
seitig erscheinen, wenn man sich nur an den Theoretiker Immanuel poleon, von dem er ein treffliches Bild entwirft (XI, 95), indem
Kant hält, so wie es andererseits in mancher Hinsicht nicht zur er ihn als typischen Vertreter der kollektiven Auffassung des
völligen Klarheit des Bewußtseins kommen kann, wenn man Menschen hinstellt, als denjenigen, der mit klarster Bewußtheit
nicht weiß, wie diese theoretischen Prinzipien der reinen Ethik die Persönlichkeit vernichtet und bekämpft um der Idee des Macht-
von einem pädagogischen Genie eines Pestalozzi durchgeführt staates willen, der ihm Selbstzweck ist. In der Schaffung einer
worden sind. Freilich muß man sich dann hüten, das Urteil über - gewaltigen Organisation lag ja sicherlich Napoleons Größe, aber
Pestalozzi zu gründen allein auf die bekannteren didaktischen zugleich auch seine Schranke, denn schließlich wußte niemand
Schriften, muß vielmehr zu diesem Behuf Denkschriften, wie die mehr, wozu denn nun das alles?! Und so gingen die Einrichtungen
von 1815 zur Ergänzung mit heranziehen. Tut man das, so wird der absoluten Monarchie Ludwigs XIV., des absoluten Revolu-
man in der Synthese der Kantischen Ethik mit der Pestalozzischen tionsprinzips eines Robespierre "'lie der absoluten Despotie Na-
Pädagogik zu einem Bildungsideal gelangen, das keineswegs nur poleons I. schließlich nicht an Zufälligkeiten, sondern als bloße
historischen ';Vert hat, das vielmehr in die Zukunft weist und für Zivilisationsgebilde zugrunde, weil sie der inneren, der echten
unsere Nationalkultur, insbesondere wenn man die Fichtesehen Kultur im geistig-sittlichen Sinne ermangelten.
Gedankengänge hinzunimmt, heute genau so richtunggebend ist Es ist dieses gleichsam der Beweis der Geschichte, daß bloße
wie vor einem Jahrhundert. Zivilisation, und wäre sie noch so gewaltig, einem Menschen nicht
Nicht so schnell schreitet die Geschichte der Menschheit, helfen kann, und so stellt denn Pestalozzi neben dies romantische
daß in einem dürftigen Jahrhundert an den Grundlage Cl deI' Prinzip der Vergesellschaftung dasjenige der Persönlichkeit, des sitt-
Kultur sich etwas \Vesentliches zu ändern vermöchte! Das, was wir lichen Individuums. N cht ist der Mensch da um des Staates
heute vor Kant, Pestalozzi und Fichte voraus haben, ist im Grunde willen, sondern der Staat um des Menschen willen. Freilich kann
, genommen doch nur die Verbreite~?ng der historischen Einsicht: sich nur in ihm, in Staat und Nation allein, in der Gemeinschaft
des Geschichtsbewußtseins und der Uberblick über ein viel weiteres das wahre, das heißt, das geistig-sittliche Wesen des IVlenschen
Gebiet naturwissenschaftlicher Erkenntnis und Technik. Also voll und ganz entfalten. Geschieht das, wird "jede Geisteskraft
nicht nach der Seite der Form, sondern nur nach der des Stoffes, voll entwiekelt", wie Pestalozzi es einmal an einer anderen Stelle
gleichsam der Fälle, mit denen ,"viI' das Gesetz belegen könne~, formuliert, dann wird die Organisation selbst zu einer heiligen
sind wir voraus, während die genialen Ahnungen Pestalozzls Organisation. Und dann erscheint in diesem Staate der Zukunft
sowie die ethischen Grundsätze Kants unangetastet wie ein eherner der Fürst als "freier Vater" (XI, 99). Daher drängt alle Sehn-
Felsen bestehen bleiben! sucht der Menschheit danach, daß über die bloße bürgerliche Or-
VI er nun - und damit kehren wir zu dem Pestalozzischen ganisation hinaus eine heilige Macht sich bildet mit einem über
Gedankengange zurück - die reine Entfaltung des Menschen- alles äußere Verderben erhabenen Individuum. So hat die Er-
geschlechts und eine darauf zu gründende Volks- und National- scheinung Napoleons denl Weltteil "ein Licht aufgesteekt" über
kultur wünscht, der muß sich über den Geist der Zivilisation, die Natur der Souveränität und über den Unterschied von Zivi-
ihre Tendenz und ihre Schranken klar sein und das Bedürfnis der - lisation und wahrer Kultur. "Das ist Buonapartes Licht für den
Erhebung seines Geschlechts über diese ihre Schranken richtig Weltteil! Der Streit der 'Velt, der ewige Krieg des gesellschaft-

I
erkennen und tief fühlen; sonst bleibt der Name Volksbildung lichen Zustandes ist nichts anderes als der Hochkampf Bounapartes
und Nationalkultur ein bloßer täuschender Traum. Sie sind nicht mit dem bessern, edlern Wesen der Menschennatur. Er ist nichts
möglich bei der Hintansetzung und Verwahrlosung des Volkes~ anderes als sein Hochkampf mit dem Recht der Menschennatur
sie sind nicht möglich bei den verschiedenen Arten der Erscheinung und der aus diesem Recht hervorgehenden Selbständigkeit des
des Zivilisationsverderbens, wie sie Pestalozzi in anschaulicher gesellschaftlichen 1\1enschengeschlechts.
2*
20 Kultur und Zivilisation. Kultur und Zivilisation. 21

Buonaparte hat die Ansprüche der kollektiven Existenz Bürger tiefer und höher begründet, führt den sclnvachen Staat
unseres Geschlechts gegen die Individualrechte desselben, indem notwendig an die äußersten Abgründe. Bei sittlicher Entwürdigung
er sie ad absurdum getrieben, in der höchsten Blöße ihres Irrtums und geistiger Entkräftung ist freilich für den Menschen, ich meine
und ihres Unrechts und so dargestellt, wie sie seit Jahrhunderten für den Mann, der im höheren Sinne des 'Vortes Mensch ist schon
nie in der Blöße ihres Irrtums und ihres Unrechts dargestellt alles verloren, aber für den Bürger, für den Staat als ~olchen
worden." ist nur dann alles verloren, wenn auch seine physische Kraft
Während Napoleon verlangt, daß die Kinder nicht den Eltern dahin ist. Als Bürger bedürfen wir unumgänglich physische Kraft
gehören, sondern dem Staat, "indem er das Kind im Mutterleib und zwar eine geordnete, gesicherte und vereinigte Kraft der
als Staatsgut behandelt und es zu aller Schlechtheit des Menschen- Masse. Sie ist die äußere Garantie alles dessen, was wir \veiteres
dienstes erniedrigt, ehe es die Mutter in der \iVohnstube zur heiligen vom Staat hoffen und wünschen können. Als Bürger dürL.:n wir
Höhe des Gottesdienstes und durch diese zur Göttlichkeit des selber das höchste Gut des Staates, seine Ruhe, nicht einmal
Menschendienstes erheben konnte", sagt Pestalozzi= "Wir sind, wünschen, bis wir sie durch Bürgerkraft verdienen, und durch
durch Gesetz und Recht untereinander verbunden, unser Staat Bürgertugend zu erhalten wissen und in allweg dürfen wir uns
selber." So gilt es denn den Napoleonischen Satz so einzuschränken, auf jeden Fall nicht verhehlen: Ruhe schwächt, auch die verdiente
meint Pestalozzi, daß wir sagen dürfen, unsere Kinder "gehören Ruhe schwächt, nur die Anstrengung stärkt und zwar nur solange,
noch uns und durchaus durch niemand anderes als durch uns als sie fortdauert."
dem Vaterland" (XI, 102). Das aber ist freilich notwendig - Im Zusammenhang mit diesen Ausführungen weist Pestalozzi
und darum hat Pestalozzi gerade in den Jahren 1814/15 an dieser darauf hin, daß dem Vaterland vor allem Eintracht, nicht al~
seiner Denkschrift gearbeitet - daß diese Einsicht über das Ver- äußere Einheit, sondern als eine innere, Not tuv, die als wahrer
hältnis von Zivilisation und Kultur nun auch wahrhaft von dem Staatssegen und die wahre Staatskraft ewig nur hervorgeht
,,veltteile benutzt wird, und so verbinden sich denn aufs trefflichste aus der überwundenen Selbstsucht der einzelnen Teile im Staat,
seine allgemein-philosophisch-pädagogischen Absichten mit den- aus der in Wort und Treue gegründeten Eintracht der B ÜrR'er.
jenigen einer zeitgeschichtlichen 'Varn- und Mahnschrift. ~1an Dabei spricht er das schöne Wort aus, das auch für uns n~ch
darf über dem vielen, was an zeitgeschichtlichen Bemerkungen sehr beachtenswert ist, daß "Einheit durch Eintracht herbeige··
diese Denkschrift enthält, nur nicht die dauernd gültigen Gedanken führt werden muß, und das ist die wahre Staatskunst, die nicht
vernachlässigen, die darin stehen, und wegen deren die Denkschrift bloß an das denkt, "vas ist, sondern auch an das, was möglich
bekannter sein sollte, als sie ist. ist" (XI, 76). Sie beschäftigt sich nicht bloß mit dem, was O"anz
Es sei nunmehr zum Schluß nur noch auf eine Stelle ver- wahrscheinlich ist und nahe vor der Türe steht, sie darf unl' soU
wiesen, die für die Auffassung Pestalozzis besonders klärend ist. sich zuzeiten auch mit Dingen beschäftigen, "die noch sehr in einenl
"Das Menschengeschlecht", so heißt es hier (XI, 71), "kann ohne- hohen Grad unwahrscheinlich, in ihren Mitteln noch ganz unreif
ordnende Kraft nicht gesellschaftlich vereinigt bleiben". Die sind, und deren Möglichkeit selber nur noch in der Ferne statt-
Kraft der Kultur vereinigt die Menschen als Individua in Selb- findet".
ständigkeit und Freiheit, durch Recht und Kunst. Die Kraft ,Nicht Revo!ution, sondern Evolution, das heißt: Entwicklung
der kulturlosen Zivilisation vereinigt sie ohne Rücksicht auf der Inneren sozIalen Kräfte, so betont Pestalozzi unablässig, ist
Selbständigkeit, Freiheit, Recht und Kunst als Masse durch dem Vaterlande vonnöten, worunter er bald das engere Vaterland.
Gewalt. "Der Moderantismus", (worunter Pestalozzi eine ver- die Schweiz, bald Deutschland versteht, von dem er mit Recht
mittelnde, besser; Kompromißstimmung versteht, die allen Rich- sagt: "Deutschland hat sich erhoben, sein alter Geist ist wieder
tungen gerecht zu werden versucht, und daher nach keiner Seite rege geworden, aber es hat sein Tagwerk, sein großes, nicht voll-
etwas Entscheidendes leistet) "der die Gewalt schwächt und die endet. Wenn es jetzt still stände und, nur Ruhe und Genuß
Kultur nur halb will und dadurch den bloß zivilisierten Staat zur suchend, wieder in seine alte Routine und Schlendriansschwäche
physischen Abschwächung hinlenkt, ohne daß er die höhere Kraft versinken und den Moderantismus als das non plus ultra seines
der Selbständigkeit, den Gemeinsinn und die Gemeinkraft der Strebens anerkennen würde, was hätte es gewonnen, was hätten
22 Kultur und Zivilisation.

wir gewonnen? 'Vas wäre aus unserer Erhebung geworden ?'"


Und so spricht er seine Wünsche der Erhebung folgendermaßen
aus: "Vaterland! Die Erhebung, die ich dir wünsche und deren
du wahrlich bedarfst, spricht eine allgemeine erneuerte Belebung
der sittlichen, geistigen und Kunstbildungsmittel der Nation,
sie spricht die freie Konkurrenz der Einsichten, der Kunstkräfte
und der Berufstätigkeit aller Bürger, sie spricht eine von der
Gesetzgebung ausgehende und allgemein umgelenkte freie und Zur "Philosophie der Mythologie"o
kraftvoll organisierte Belebung der bürgerlichen Tugend des
Patriotismus an, sie spricht. besonders ein von der Gesetzgebung Von
eingelenktes allgemeines Befördern der Nationaleinsichten über Ernst Cassirer.
die Fundamente des öffentlichen Wohls und über die Mittel ihrer
Begründung und ihrer Erhaltung an, sie spricht die unbedingte I.
und gesetzlich belebte Freiheit der Beratung über das öffentliche Die philosophische Betrachtung der Inhaite des mythischen
"Vohl, sie spricht die gesetzlich gesicherte Freiheit der Vorschläge Eewußtseins und die Versuche einer theoretischen Erfassung und
zur Erhaltung desselben und gesicherte Anbahnungs- und Ein- Deutung dieser Inhalte gehen bis in die ersten Anfänge der wissen-
führungsmittel der progressiv steigenden Resultate der National- schaftlichen Philosophie zurück. Früher als den anderen großen
einsichten und des wachsenden Nationalpatriotismus an, sie spricht Kulturgebieten wendet sich die Philosophie dem :Mythos und
vor allem eine aus dem Geist der Gesetzgebung nlit Sicherheit seinen Gebilden zu. Das ist geschichtlich und systematisch ver-
hervorgehende reale und unzweideutige allgemeine Unpartei- ständlich: denn in der Auseinandersetzung mit dem mythischen
lichkeit des Rechts und eine ebenso reale und allgemeine Gleich- Denken erst gelingt es der Philosophie, zu der scharfen Fassun.g
heit des Rechtsganges ... an." So hofft Pestalozzi, daß dem Erdteil ihres eignen Begriffs und zum klaren Bewußtsein über ihre eigene
nach dem bitteren, harten HZwischenspiel der Gewalttätigkeit" Aufgabe vorzudringen. Die Philosophie sieht sich überall, \VO
(XI, 633) der Friede wieder erblühen möge, denn es könne das sie sich als theoretische Weltbetrachtung und Welterklärung zu
VaterIand und Europa nicht mehr zurück hinter den Kulturpunkt, konstituieren sucht) nicht so\vohl der unmittelbaren Erscheinungs-
auf dem sie stehen. Dieser "Kulturpunkt" aber, der wie ein Fels wirklichkeit selbst als vielmehr der mythischen Auffassung und
zum Schutz der Humanität dasteht, ist, wie er in der "Vorrede" Umprägung dieser Wirklichkeit gegenübergestellt. Sie findet die
zu der Denkschrift darlegt, "heute wie noch nie auf das erste heilige "Natur" nicht in derjenigen Gestaltung vor, die ihr später -
Fundament der Kultur - die Erziehung gerichtet." nicht ohne entscheidende Mitwirkung der philosophischen Re-
flexion selbst - durch das entwickelte und ausgebildete Er-
fahrungsbewußtsein gegeben wird; sondern alle Gestalten des
Daseins erscheinen zunächst wie eingehüllt in die Atmosphäre
des mythischen Denkens und der mythischen Phantasie. Erst.
durch sie erhalten sie ihre Form und Farbe, erhalten sie ihre
spezifische Bestimmtheit. Lange bevor die Welt dem Bewußtsein
als ein Ganzes empirischer "Dinge" und als ein Komplex empiri-
1Ilcher "Eigenschaften" gegeben ist, ist sie ihm als ein Ganzes
Inythischer Kräfte und Wirkungen gegeben. Und von dieseln
ßeinem geistigen Urgrund und Mutterboden vermag auch die
philosophische Ansicht und die eigentümliche philosophische
Blickrichtung den Weltbegriff nicht unmittelbar abzulösen. Die
Anfänge des philosophischen Denkens bewahren noch auf lange-
24 Zur "Philosophie der Mythologie". Zur "Philo~ophie der 1vlythologie". 25
Zeit hinaus Clne mittlere, eine gleiehsam unentschiedene Stellung am. schärfsten widersetzt hat. PI at 0 11 steht den Versuchen der
zVvTisehen der mythischen und der eigentlich philosophischen Fas- Mythendeutung, wie sie in der Sophistik und Rhetorik geübt
sung des Urspruagsproblems. In dem Begriff, den die frühe griechi- werden, mit ironischer Überlegenheit gegenüber - sie sind für
sche Philosophie für dieses Problem geschaffen hat, im Begriff ihn nichts anderes als ein Spiel des Witzes und als eine ebenso
der &pxfI~ drückt sich diese Doppelbeziehung prägnant und deut- plumpe als mühselige Weisheit (aYP01Ko~ crocpia Phaedr. 229 D).
lich aus. Er bezeichnet die Grenze z\vischen Mvthos und Phi- "'Wenn Goethe einmal die "Einfachheit" der Platonischen Natuf-
losophie - aber eine Grenze, die als solche an b~iden durch sie betrachtung rühmt und sie der grenzenlosen Vielfachheit, Zer-
geschiedenen Gebieten Anteil hat; er stellt den Übergangs- und stückelung und Verwickelung der modernen Naturlehre gegen-
Indifferenzpunkt zwischen dem mythischen Begriff des Anfangs überstellt, so zeigt auch Platos Verhältnis zum Mythos denselben
und dem philosophischen des "Prinzips" dar. Je weiter die me- charakteristischen Grundzug. Denn Platons Blick verweilt auch
thodische Selbstbesinnung der Philosophie fortschreitet und je in der Betrachtung der lnythischen \Velt nirgends bei der Fülle
schärfer sie in der Eleatik auf eine "Kritik" auf eine KpimS
l der besonderen Motive, sondern ihm erscheint diese Welt als ein
innerhalb des Seinsbegriffs selbst dringt, um so deutlicher scheidet in sich geschlossenes Ganze, das er dem Ganzen der reinen Er-
sich freilich die neue Welt des Logos, die jetzt ersteht und die kenntnis entgegenhält, um beide wechselseitig aneinander zu
sich als autonomes Gebilde behauptet, von der \"elt der mythi- messen. Die philosophische "Rettung" des Mythos, besteht jetzt
schen Kräfte und der mythischen Göttergestalten ab. Aber wenn darin, daß er als eine Form und eine Stufe des Wissens selbst ge-
beide \Velten jetzt nicht mehr unmittelbar nebe neinander be- faßt ,vird - und zwar als eine solche, die einem bestimmten Bereich
stehen können, so \-vird doch zum mindesten versucht, die eine von Gegenständen notwendig zukommt und ihm als adäquater
als eine Vorst.ufe der anderen zu behaupten und zu rechtfertigen. Ausdruck entspricht. So birgt auch für Platon der Mythos einen
~ier liegt der Keim zu jener "allegorischen" Mythendeutung, bestimmten Begriffsgehalt : denn er ist diejenige Begriffssprache t
d.le zum festen Bildungsbestand der antiken \Vissenschaft ge- in der allein sich die ,;Yelt des Wer den s aussprechen läßt. Von
hört. Soll dem l\fythos, gegenüber dem neuen Seins- und Welt- dem was niemals ist, sondern immer "wird", von dem was nicht r
begriff, den das philosophische Denken fortschreitend erzeugt, gleich den Gebilden der logischen und der mathematischen Er-
noch irgendeine wesentliche Bedeutung, noch irgendeine wenn-l
kenntnis, in identischer Bestimmtheit verharrt, sondern von Mo-
gleich nur mittelbare "Wahrheit" bleiben, so ist dies, wie es ment zu :Moment als ein anderes erscheint, kann es auch keine
scheint, nur dadurch lnöglich, daß er als eine Hindeutung und andere als eine mytr.Jsche Darstellung geben. So scharf daher
Vorbereitung m:d eben diesen Weltbegriff erkannt wird. SeiH die bloße ,,\Vahrscheinlichkeit" des Mythos von der "Wahrheit"
Bildgehalt umschließt und \/erbirgt einen rationellen Erkenntnis- der strengen YVissenschait geschieden wird - so besteht doch.
gehalt, den die Reflexion herauszuschälen und als seinen eigent- eben kraft dieser Scheidung auf der andern Seite der nächste
lichen Kern aufzudeeken hat. So wird insbesondere seit dem methodische Zusammenhang zwischen der '''elt des Mythos und
5. Jahrhundert, seit dem Jahrhundert der griechischen "Auf- jener Welt, die "vir die empirische "Wirklichkeit" der Erscheinun-
klärung", lort und fort diese Methode der l\tfythendeutung ge- gen, die Wirklichkeit der nNatur", zu nennen pflegen. Hier wächst
übt. Sie ist es, an der die Sophistik die Kraft ihrer neugegründe- somit der Mythos über jede bloß stoffliche Bedeutung hinaus;
ten ,,\Veisheitslehre" Init Vorliebe zu üben und zu erproben hier wird er als eine bestimmte und an ihrem Platze notwendige
pflegt. Der Mythos wird begriffen und "erklärt", indem er in Funktion des Weltbegreifens gedacht. Und nUll vermag er
die Begriffssprache der Popul~rphilosophie umgesetzt, indem er sich auch im einzelnen im Aufbau der Platonischen Philoso phie
als Einkleidung einer, sei es spekulativen, sei es naturwissenschaft- als ein wahrhaft schöpferisches, als ein zeugendes und gestalten-
lichen oder ethischen \Vahrheit gefaßt wird. des Motiv zu bewähren. Die tiefere Ansicht, die hier errungen
Es ist kein Zufall, daß gerade derjenige griechische Denker, war, hat sich freilich im Fortgang des griechischen Denkens
in dem die eigentümliche Gestaltungskraft des Mythischen noch nicht dauernd zu behaupten und durchzusetzen vermocht. Die
unmittelbar lebendig und wirksam ist, sich dieser Ansicht, die Stoa wie der Neuplatonismus lenken wieder in die alten Wege
zu einer völligen NivelIiel'ung der mythischen Bildwelt hinführt, der spekulativ-allegorischen Mythendeutung zurück - und durch
26 Zm "Philosophie der Mythologie". Zur "Philosophie der Mythologie". 27

sie wird diese Deutung auf das Mittelalter wie auf die Renaissanc gleich der Erkenntnis, gleich der Sittlichkeit und der Kunst als
vererbt. Eben der Denker, durch den die Lehre Platons de eine selbständige, in sich geschlossene "Welt", die nicht an frem-
Henaissance zuerst wieder vermittelt wurde, kann hier als typi- den, von außen herangebrachten v\Tert- und Wirklichkeitsmaß-
Bches Beispiel dieser Denkrichtung gelten: bei Georgios Gelnistos stäben gemessen werden darf, sondern die in ihrer immanenten
Plethon greift die Darsteliung der Ideenlehre derart In Strukturgesetzlichkeit begriffen werden soll. Jeder Versuch, diese
seine mythisch-allegorischen Götterlehre über, daß beide zu Welt dadurch "verständlich" zu machen, daß man in ihr etwas
einem untrennbaren Ganzen verschmelzen. hloß Mittelbares, daß man in ihr lediglich die Hülle für ein ande-
Gegenüber dieser objektivierenden "Hypostase", die die res sieht, wird jetzt in siegreicher, ein für allemal entscheidender
Gestalten des :Mythos in der Neuplatonischen Spekulation er- Beweisführung abgewiesen. Wie Herder in der Sprachphiloso-
fahren, setzt sich in der neueren Philosophie aucb an diesem phie, so überwindet Schelling in der Philosophie der Mythologie
Punkte allmählich immer bestimmter die vVendung ins "Sub= das Prinzip der Allegorie - wie dieser geht er von der scheinbaren
jektive'" durch. Der Mythos wird zum Problem der Philosophie, Erklärung durch die Allegorie auf das Grundprobleln des sym-
sofern sich in ihm eine ursprüngliche Richtung des Geistes, bolischen Ausdrucks zurück. Die allegorische Deutung der _Mythen-
eine selbständige Gestaltungsweise des Bewußtseins ausspricht. welt wird von ihm durch die "tautegorische" ersetzt - d. h.
Wo immer eine umfassende Systematik des Geistes gefordert durch eine solche, die die mythischen Gestalten als autonome
,,'ird, da lenkt die Betrachtung notwendig zu ihm zurück. In Gebilde des Geistes nimmt, die aus sich selbst, aus einem spe-
dieser Hinsicht ist Giambattista Vico wie der Begründer der zifischen Prinzip der Sinn- und Gestaltgebung begriffen werden
neueren Sprachphilosophie, so auch der Begründer einer von Grund müssen. An diesem Prinzip geht - wie Schellings einleitende
aus neuen Philosophie der :Mythologie geworden. Der echte Vorlesungen über die "Philosophie der Mythologie" im einzelnen
und vvahrhafte Einheitsbegriff des Geistes stellt sich ihm in der darlegen - sowohl die euemeristische Deutung, die den Mythos
Trias der Sprache, der Kunst und des Mythos dar. Aber zu in Geschichte verwandelt, wie die physische Auslegung, die ihn
yoller systematischer Bestimmtheit und Deutlichkeit vilird dieser zu einer Art primitiver Naturerklärung nlacht, in gleicher 'Veise
Gedanke Vicos erst in der Grundlegung der Geisteswissenschaften vorbei. Sie erklären nicht die eigentümliche Realität, die das
erhoben, die sich in der Philosophie der Romantik vollzieht. Mythische für das Bewußtsein hat, sondern sie verflüchtigen und
Auch hier bereiten sich die romantische Dichtung und die ro- , verleugnen sie. Der Weg der wahrhaften Spekulation aber ist-
mantische Philosophie wechselseitig den vVeg: es ist vielleicht der Richtung einer derart auflösenden Betrachtung gerade ent-
eine geistige Anregung Hölderlins, der Schelling folgt, wenn gegengesetzt. Sie will nicht analytisch zersetzen, sondern sie
er in dem ersten Entwurf eines Systems des objektiven Geistes, will synthetisch verstehen; sie strebt zu dem letzten Positiven
den er als Zwanzigjähriger aufstellt, eine Vereinigung des Mo- des Geistes und des Lebens zurück. Und als ein solches durchaus
notheismus der Vernunft" und des "Polytheismus der Einbil- Positives gilt es auch den Mythos zu begreifen. Sein philosophi-
dungskraft", wenn er eine "Mythologie der Vernunft" fordert 1). , ~ches Verständnis beginnt mit der Einsicht, ~daß auch er sich
Zur Durchführung dieser Forderung aber sieht sich die Philoso- keineswegs in einer rein "erfundenen" oder "erdichteten" Welt
phie des absoluten Idealismus wie überall, so auch hier auf die hewegt, sondern daß ihm eine eigne Weise der Notwendigkeit
Begriffsmittel zurückgewiesen~ die Kants kritische Lehre ge- und damit, gemäß dem Gegenstandsbegriff der idealistischen Phi-
schaffen hatte. Die kritische Frage des "Ursprungs", die Kant losophie, eine eigene Weise der Re al i t ä t zukommt. N ur wo
für das theoretische, für das ethische und für das ästhetische eine solche Notwendigkeit aufweisbar ist, hat die Vernunft, hat
Urteil gestellt hatte, wird von Schelling auf das Gebiet des Mythos somit die Philosophie eine Stätte. Das bloß Willkürliche, das
und des mythischen Bewußtseins übertragen. Wie bei Kant schlechthin AccidenteIle und Zufällige, könnte für sie nicht ein-
gilt diese Frage nicht der psychologischen Entstehung, sondern mal einen Gegenstand der Frage bilden - denn im schlechthin
dem reinen Bestand und Gehalt. Der Mythos erscheint nunmehr" Leeren, in einern Gebiet, das in sich selbst ohne wesenhafte vVahr-
1) Näheres hierüber s. in meinem Aufsatz "Hölderlin und der deutsche- heit ist, vermag die Philosophie, die Lehre vom Wesen, nicht
Idealismus" (in: Idee und Gestalt, Berliu 1921, S. 127 ff.). Fuß zu fassen. Nichts scheint freilich auf den ersten Blick dis-
28 Zur "Philosophie der Mythologie", Zur >1Philosophie der Mythologie;'. 29

parater als Wahrheit und Mythologie - nichts eben darum ent- schichte wird einem Volk seine Mythologie, sondern umgekehrt
gegengesetzter als Fhilosophie und Mythologie. "Aber gerade in wird ihm durch s·eine Mythologie seine Geschichte bestimmt -
dem Gegensatz selbst liegt die bestimmte Aufforderung und die oder vielmehr, diese bestimmt nicht, sondern sie ist selbst
Aufgabe, eben in dieser scheinbaren Unvernunft Vernunft, in sein Schicksal, sein ihm von Anfang an gefallenes Los. Mit der
dem sinnlos Scheinenden Sinn zu entdecken 1 und zwar nicht, Götterlehre der Inder, der Hellenen u. a. war bereits ihre ganze
wie dies bisher allein versucht worden ist, vernlöge einer will- Geschichte gegeben. Hier gibt es daher so wenig für ein einzelnes
kürlichen Unterscheidung, so nämlich, daß irgend etwas, das man Volk wie für die Menschheit als Ganzes, eine freie Wahl - ein.
sich als vernünftig oder sinnvoll getrau~e, als das Wesentliche, liberum arbitrium inditJerentiae, mit der sie bestimmte mythische
alles übrige aber bloß als zufällig erklärt, zur Einkleidung oder Vorstellungen annehmen oder ablehnen könnte; sondern hiBl~
Entstellung gerechnet ,vurde. Die Absicht muß vielmehr sein, herrscht überall strenge Notwendigkeit. Es ist eine gegen das
daß auch
.
die Form als eine notwendige und insofern vernünftiO'e
b Bewußtsein reale, d. h. jetzt nicht mehr in seiner Gewalt be-
erscheine" 1). findliche Macht, die sich seiner im Mythos bemächtigt hat. Die
Gemäß der Gesamtkonzeption der Schellingschen Philosophie 'Mythologie entsteht im eigentlichen Sinne durch etwas von aller
muß n"?-n diese Grundabsicht in einer zwiefachen Richtung, nach Erfindung Unabhängiges, ja ihr formell und wesentlich Entgegen-
der SeIte des Subj ekts und des Objekts 1 im Hinblick auf das gesetztes: durch einen (in Ansehung des Bewußtseins) notwendi-
Selbstbe"'llßtsein und inl Hinblick auf das Absolute zur Durch- gen Prozeß, dessen Ursprung ins Übergeschichtliche sich verHert~
führung gelangen. vVas das Selbstbe\-vuß-tsein betrifft und die dem das Bewußtsein sich vielleicht in einzelnen Momenten wider-
Form~ in welcher in ihm das lYfytlllsche erfahren wird, so ist, setzen, aber den es im Ganzen nicht aufhalten und noch weniger
genauer betrachtet, diese Form schon für sich allein hinreichend. rückgängig machen kann. Wir sehen uns hier in eine Region
um jedwede Theorie auszuschließen, die den 1\1ythos auf bloß~ zurückversetzt, wo keine Zeit ist zur Erfindung, lasse man sie
"Erdichtung" gründet. Denn eine derartige Theorie verfehlt be- von einzelnen oder vom Volk selbst ausgehen, keine zu künst-
reits den rein faktischen Bestand des Phänomens, das durch licher Einkleidung und zu Mißverstand. Wer versteht, was einem
sie erklärt werden soll. Das eigentliche Phänomen, das hier be- Volk seine Mythologie ist, welche innere Gewalt sie über dasselbe
griffen werden soll~ ist ja nicht der mythische Vorstellungs- besitzt und welche Realität sie hierin bekundet: der würde ebenso
inhalt als solcher~ sondern die Bedeutung, die er für das leicht, als. er die Mythologie von einzelnen erfinden ließe, für
m.enschlicbe Bewußtsein besitzt, und die geistige ~facht, die er möglich halten, daß einem Volk auch seine Sprache durch Be-
über dasselbe ausübt. Nicht der stoffliche Inhalt der Mythologie, lllühungen einzelner unter ihm entstanden sei. Damit trifft die
sondern die Intensität, init der er erlebt~ mit der er - wie nur spekulative philosophische Betrachtung nach Schelling erst auf
irgendein objektiv-Daseiendes und Wirkliches - geglaubt wird, den eigentlichen Lebensgrund der Mythologie, den sie lediglich
bildet das Problem. Schon diesem Urfaktum des mythischen aufzuzeigen vermag, an dem es aber für sie nichts weiter zu l,er-
Bewußtseins gegenüber scheitert jeder Versuch, seine letzte Wurzel klären" gibt. Schelling vindiziert sich ausdrücklich als sein eigen~
in einer - sei es poetischen, sei es philosophischen - Erdichtung tümliches Verdienst den Gedanken, an die Stelle von Erfindern~
zu sehen. Denn zugegeben selbst, daß auf diesem Wege der rein Dichtern oder überhaupt Individuen zuerst das menschliche Be-
theoretische, der intellektuelle Gehalt des Mythischen sich be- wußtsein selbst gesetzt und es als Sitz, als sub jectum agens der
greiflich machen ließe, so bliehe damit doch gleichsam die Dy- Mythologie erwiesen zu haben. .Allerdings hat die Mythologie
namik des mythischen Bewußtseins, so bliebe die unvergleich- keine Realität au ß e r dem Bewußtsein; aber yvenngleich sie
liche Kraft, die es in der Geschichte des menschlichen Geistes nur in Bestimmungen desselben, also in Vorstellungen verläuft,.
fort und fort beweist, völlig unerklärt. Im Verhältnis von l\fy- so kann doch dieser Verlauf, diese Succession von Vorstellungen
thos
. und Geschichte erweist sich jener durchaus als das Primäre ~ selbst, nicht wieder als ein solcher bloß vor ge s tell t sein, son-
diese als das Sekundäre und Abgeleitete. Nicht durch seine Ge- dern er muß wirklich stattgehabt, im Bewußtsein wirklich sich
1) Schelling, Einleitung in die Philosophie der Mythologie, S. W. ereignet haben. Die Mythologie ist somit keine bloß als successiv
{2. Abteil.) I, 220 f.; vgl. bes. I, 1.94 ff. vorgestellte Götterlehre: r:ondern der successive Polytheismus, in.
30 Zur "Philosophie der ~fythologie". Zur }JPhilosopllie der :Mythologie". 31

dem sie besteht, ist nur zu erklären, indem man annimlnt, das zu dem wir zurückgehen können, ist notwendig zugleich als ein
Bewußt.sein der Menschheit habe nacheinander in allen Momenten göttliches Bewußtsein, als ein Bewußtsein von Gott zu denken:
desselben wirklich verweilt. "Die aufeinanderfolgenden Götter das menschliche Bewußtsein ist seinem eigentlichen und spezifi-
h~ben sich d:s Bewußtseins wirklich nacheinander bemächtigt. schen Sinne nach ein solches, das Gott nicht außer sich hat, son-
DIe MythologIe als Göttergeschichte ... konnte sich nur im Leben dern das, zwar nicht mit Wissen oder Wollen, nicht mit einem
selbst erzeugen, sie mußte etwas Erlebtes und Erfahrenes sein" 1). :freien Akt der Willkür, wohl aber kraft seiner Natur die Beziehung
Ist aber damit der Mythos als eine eigentümliche und ur- auf Gott in sich schließt. "Der ursprüngliche Mensch ist nicht
sprüngliche Lebensfornl erwiesen - so ist er damit auch von actu, er ist natura sua das Gott Setzende und zwar ... bleibt für
jedem Schein einer bloß einseitigen Suhjektivität befreit. Denn das Urbewußtsein nichts, als daß es das den Gott in seiner Vvahr-
das' "Leben" bedeutet nach der Grundanschauung SchellinO's heit und absoluten Einheit Setzende ist." Aber wenn dies Mono-
weder ein bloß Subjektives, noch ein bloß Objektives, sonde;n theismus ist, so ist es doch nur ein l' e I a t i ver 1'Ionotheismus:
steht auf der genauen Grenzscheide zwischen beiden: es ist die der Gott, der hier gesetzt wird, ist ein e r nur in dem abstrakten
Indifferenz zwischen Subjektivem und Objektivem. Wenden wir Sinne, daß in ihm selbst noch keinerlei innere Unterschiede be-
dies ~uf den Mythos ~n, so muß auch hier der Bewegung und stehen, daß noch nichts vorhanden ist, womit er verglichen und
EntwIcklung der mythIschen Vorstellungen im menschlichen Be- dem er entgegengesetzt werden könnte. Erst im Fortgang zum
wußtsein, sofern diese Bewegung innere Wahr hei t hahen soll Polytheismus wird so dann dieses "Andere" erreicht: das religiöse
ein objektives Geschehen: eine notwendige Entwicklung im Ab: Bewußtsein erfährt jetzt in sich selbst eine Spaltung, eine Be-
soluten selbst entsprechen. Der mythologische Prozeß ist ein sonderung, eine innere "Alteration", für die die Vielheit der
theogonischer Prozeß: ein Prozeß, in dem Gott selbst wi r d Götter nur der bildlich-gegenständliche Ausdruck ist. Aber
i~ dem er sich, .als der wahre Gott, stufenweise erzeugt. J ed~ andererseits wird durch diesen Fortgang nun erst der Vieg er-
mnzelne Stufe dIeser Erzeugung hat, sofern sie als notwendiger öffnet, um sich von dem relativ-Einen zu dem in ihm eigentlich
Durchgangspunkt begriffen werden kann, ihre eigene Bedeutsam- verehrten absolut-Einen zu erheben. Durch die Scheidung, durch
lceit: aber erst im Ganzen, im ununterbrochenen Zusammenhang die "Krisis" des Polytheismus erst mußte das Bewußtsein hin-
der durch alle Momente fortgehenden Bewegung des Mythischen durchgehen, wenn für dasselbe der wahre Gott, d. h. der bleibend
enthüllt sich ihr vollständiger Sinn und ihr eigentliches Ziel. Eine und Ewige als solcher unterschieden werden sollte - unter-
In diesem erscheint denn auch jede besondere und bedingte Einzel- schieden von dem Urgott, der dem Bewußtsein zum relativ-Einen
ph~se als notwer:dig und insofern als gerechtfertigt. Der mytho- und bloß vorübergehend Ewigen wird. Ohne den zweiten Gott
logIsche Prozeß Ist der Prozeß der sich wiederherstellenden und - ohne die Sollizitation zum Polytheismus würde auch kein
dadurch verwirklichenden Wahrheit. "Es ist also freilich nicht Fortgang zum eigentlichen Monotheismus gewesen sein. Dem
in dem einzelnen Momente \Vahrheit, denn sonst bedürfte es Menschen der Urzeit war der Gott noch durch keine Lehre ~
k~ines Fortgangs zu einem folgenden, keines Prozesses; aber in keine Wissenschaft vermittelt; - "das Verhältnis war ein reales
dIesem selbst erzeugt sich, und es ist daher in ihm - als eine und konnte daher nur ein Verhältnis zu dem Gott in seiner
sich erzeugende - die Wahrheit, die das Ende des Prozesses ist. Wirklichkeit, nicht zu dem Gott in seinem 'iVesen und also
die also der Prozeß im Ganzen selbst als vollendete enthält.'~ auch nicht zu dem ,vahren Gott sein; denn der wirkliche Gott
Näher. betrachtet ist für Schelling diese Entwicklung da- ist nicht sofort auch der wahre. .. Der Gott der Vorzeit ist ein
durch bestImmt, daß von der Einheit Gottes, als einer bloß seien· wirklicher realer Gott, und in dem auch der wahre Ist, aber
den, abe~ nicht als solcher gewußten, zur Vielheit weitergegangen nicht als sol c her gewußt. Die Menschheit betete also an, was
und aus Ihr, aus dem Gegensatz zur Vielheit, nun erst die wahr- sie nicht wußte, wozu sie kein ideales (freies), sondern nur
hafte, die nicht bloß seiende, sondern erkannte Einheit Gottes ein reales Verhältnis hatte." Dieses ideale und freie Verhältnis
gewonnen Vv-ird. Schon das erste Bewußtsein des Menschen , bis herzustellen, - die seiende Einheit in die gewußte zu verwandeln:
das erscheint nunmehr als der Sinn und Inhalt des gesamten
1) Philosophie der Mythologie, a. a. O. I, 124 f.; vgl. bes. I, 56 TI.,
1, '192 f1. mythischen, des eigentlich "theogonischen" ProzGsses. 'Vieder
32 Zur "Philosophie deI' Mythologie". Zur "Philosophie der Mythologie';. 33

zeigt sich hierin ein re al e s Verhältnis des menschlichen Bewußt- talen Idealismus ausgesprochen -, ist ein Gedicht, das in ge~
H

~eins zu Gott, während alle bisherige Philosophie nur von "Ver- heimer wunderbarer Schrift verschlossen liegt: doch könnte das
nunftreligion", also nur von einem rationalen Verhältnis zu Gott Rätsel sich enthüllen, so würden wir die Odyssee des Geistes
'\fußte und alle religiöse Entwicklung nur als eine Entwicklung darin erkennen, der wunderbar getäuscht, sich selber suchend,
in der I d e e, d. h. in der Vorstellung und in Gedanken ansah. sich selber findet. Diese Geheimschrift der Natur is·t nun durch
Und damit erst ist nunmehr nach Schelling der Kreis der Er- die Betrachtung des Mythos und seiner notwendigen Entwick-
klärung geschlossen; - sind Subjektivität und Objektivität inner- lungsphasen von einer neuen ~eite her aufgeschlossen. Die "Odyssee
halb des Mythischen in ihr rechtes Verhältnis gesetzt. "Es sind des Geistes" steht hier auf einer Stufe, in der wir ihr letztes Ziel
überhaupt nicht die Dinge, mit denen der Mensch im mythologi- nicht mehr, wie in der Sinnenwelt nur durch halbdurchsichtigen
schen Prozeß verkehrt, es sind im Innern des Bewußtseins Nebel, sondern in dem Geiste unmittelbar vertrauten, wenngleich
selbst aufstehende Mächte, von denen es bewegt ist. Der von ihm noch immer nicht völlig durchdrungenen Gestalten
theogonische Prozeß, durch den die Mythologie entsteht, ist ein erblicken. Der Mythos ist die Odyssee des reinen Gottes-
subjektiver, inwiefern er im Bewußtsein vorgeht und sich durch bewußtseins, das in seiner Entfaltung gleich sehr durch das Natur-
Erzeugung von Vorstellungen erweist: aber die Ursachen und und Weltbewußtsein wie durch das Ichbewußtsein bedingt und
also auch die Gegenstände dieser Vorstellungen sind die wir k- vermittelt ist. Hier enthüllt sich ein inneres Gesetz, das dem-
lieh und an sich theogonischen Mächte, eben dieselben, durch jenigen, das in der Natur waltet, durchaus analog, ja von einer
welche das Bewußtsein ursprünglich das Gott setzende ist. Der höheren Art der Notwendigkeit als dieses ist. Weil der Kosmos
Inhalt des Prozesses sind nicht bloß vo I' ge s tell t e Potenzen~ nur aus dem Geiste und somit aus der Subjektivität heraus zu
sondern die Potenzen selbst, die das Bewußtsein, und da das verstehen und zu deuten ist, darum hat umgekehrt auch der scIlein-
Bewußtsein nur das Ende der N atu!' ist, die die Natur erschaffen, bar bloß subjektive Gehalt des Mythischen unmittelbar kosmi-
und daher auch wirkliche Mächte sind. Nicht mit Naturobjekten sche Bedeutung. "Nicht daß die l\1ythologie unter einem Einfluß
hat der mythologische Prozeß zu tun, sondern mit den reinen der Natur entstünde, welchem das Innere des Menschen durch.
erschaffenden Potenzen, deren ursprüngliches Erzeugnis das Be- diesen Prozeß vielmehr entzogen ist, sondern daß der my-
wußtsein selbst ist. Hier also ist es, wo die Er klärung vollends thologische Prozeß na eh d e ms e I ben Ge set z durch dieselben
ins Objektive durchbricht, ganz objektiv wird" 1). Stufen hindurchgeht, durch welche ursprünglich die Natur hin-
In der Tat ist hier der höchste Begriff und die höchste Form durchgegangen ist. .. Der mythologische Prozeß hat also nicht
der "Objektivität" erreicht, die Schellings philosophisches System bloß religiöse, er hat allgemeine Bedeutung, denn es ist der
überhaupt kennt. Der Mythos hat seine "wesentliche" vVahrheit allgemeine Prozeß, der sich in ihm wiederholt; demgemäß ist
erlangt, indem er als ein notwendiges Moment im Prozeß der auch die Wahrheit, welche die Mythologie im Prozeß hat, eine
Selbstentfaltung des Absoluten begriffen ist. Daß er es nirgends nichts ausschließende, universelle. ~Ian kann der Mythologie
mit den "Dingen" im Sinne einer naiv-realistischen Weltansicht nicht, wie gewöhnlich, die historische Wahrheit absprecllen,
zu tun hat, sondern daß es lediglich eine \Virklichkeit, eine Potenz denn der Prozeß, durch den sie entsteht, ist selbst eine wahre
des Geistes ist, die sich in ihm darstellt, kann keinerlei Ein-- Geschichte, ein wirklicher Vorgang. Ebensowenig ist von ihr
wand gegen seine Objektivität, seine Wesenheit und Wahrheit physikalische Wahrheit auszuschließen, denn die Natur ist ein
begründen; denn auch die Natur hat keine andere und keine ebenso notwendiger Durchgangspunkt des mythologischen als des
höhere Wahrheit als diese. Auch sie ist nichts anderes als eine allgemeinen Prozesses" 1).
Stufe in der Ent'wicklung und Selbstentfaltung des Geistes - Der charakt.eristische Vorzug und die charakteristischen
und die Aufgabe der Philosophie der Natur besteht eben darin;. Schranken der Erklärungsart des Schellingsehen Idealismus treten
sie als solche zu verstehen und durchsichtig zu machen. Was wir an dieser Stelle deutlich hervor. Der Einheitsbegriff des Ab-
Natur nennen - so hatte es schon das "System des transzenden- soluten ist es, der auch das menschliche Bewußtsein erst wahr-
--~----

1) Philosophie der Mythologi.e, a. a. O. S. 207 IT.; vgl. hes. S. 115 ff.., haft und endgültig seiner absoluten Einheit versichert, indem
18.5 ft. . 1) Philosophie der Mythologie, 9. Vorles., S. 2:16.
Na torp-F egtschrHt.
34 Zur .')PhilosoplIie der l\iytho!ogie". Zur "Philosophie der liythologie". 35

er alles, was in ihm als besondere Leistung, als eine bestimmte an die Stelle der Methodik der Metaphysik· trat die :Methodik
Richtung des geistigen Tuns hervortritt, auS einem gemeinsamen der Völkerpsychologie. Der wahre Zugang zur Welt des
letzten Ursprung ableitet. Aber zugleich schließt freilich dieser Mythischen und zu ihrer Erklärung schien erst erschlossen, nach-
Einheitsbegriff die Gefahr in sich, daß die Fülle der konkreten dem der dialektische Entwicklungsbegriff Schellings und Hegels
besonderen Unterschiede von ihm zuletzt aufgesogen und un- ein für allemal durch den empirischen Entwicklungsbegriff er-
kenntlich gemacht wird. So kann für Sc helling der Mythos zu setzt war. Daß die mythische Welt ein Inbegriff bloßer "Vor-
einer zweiten "Natur" werden, weil sich ihm zuvor die Natur stellungen" war, stand jetzt außer Frage; - aber diese Vorstel-
selbst in eine Art Mythos verwandelt hatte, indem sich ihre lungen waren begriffen, wenn es gelang, sie aus den allgemeinen
rein empirische Bedeutung und Wahrheit in ihre geistige Be- Regeln der Vorstellungsbildung überhaupt, aus den Elementar-
deutung, in ihre Funktion, die Selbstoffenbarung des Absoluten gesetzen der Assoziation und Reproduktion verständlich zu
zu sein, aufhob. "Veigert man sich diesen ersten Schritt zu machen. Jetzt erschien in einem völlig andern Sinne der Mythos
tun, so scheint damit auch der zweite aufgegeben werden zu als "Naturform" des Geistes, die zu ihrem Verständnis keiner
müssen, - so scheint also kein Weg mehr übrig zu bleiben, der andern Methoden als der der empirischen Naturwissenschaft und
zu einer eigenen Wesenheit und Wahrheit, zu einer eigentüm- der empirischen Psychologie bedurfte. Und doch läßt sich noch
lichen "Objektivität" des Mythischen hinführen könnte. Oder eine dritte Formbestimmung des Mythischen denken, die eben-
gäbe es ein Mittel und eine Möglichkeit, die Fra g e, die Schellings sowenig darauf gerichtet ist, die Welt des Mythischen aus dem
nPhilosophie der .Mythologie" gestellt hat, als solche festzuhalten, Wesen des Absoluten zu erklären, wie sie sich darauf beschränkt~
sie aber zugleich vom Boden der Philosophie des Absoluten auf sie einfach in das Spiel der empirisch-psychologischen Kräfte
den Boden der kritischen Philosophie zu versetzen? Birgt sich aufgehen zu lassen. Wenn diese Bestimmung mit Schelling und
in ihr nicht nur ein Problem der Metaphysik, sondern ein rein mit der Methodik der Psychologie darin einig ist, daß das sub-
"transzendentales" Problem, das als solches einer kritisch-tran- jectum agens der Mythologie nirgends anders als im menschlichen
szendentalen Lösung fähig ist? Nimmt man den Begriff des Bewußtsein zu suchen ist: müssen wir dann notwendig
"Transzendentalen" im strengen Kantischen Sinne, so scheint das Bewußtsein selbst lediglich nach seinem empirisch-psychologi-
es freilich paradox, auch nur eine derartige Frage aufzuwerfen. schen oder aber nach seinem metaphysischen Begriff nehmen
Denn die transzendentale Problemstellung Kants bezieht sich - oder gibt es nicht eine Form der kritischen Analyse des Be-
ausdrücklich auf die Bedingungen der :l\1öglichkeit der Er fa h run g wußtseins, die sich außerhalb beider Betrachtungsweisen hält?
und schränkt sich auf diese Bedingungen ein. "Velche "Erfahrung" Die moderne Erkenntniskritik, die Analyse der Gesetze und Prin-
aber ließe sich aufweisen, in der die Welt des Mythischen sich zipien des Wissens hat sich immer bestimmter von den Voraus-
beglaubigen und an der sie irgendeine Art von objektiver Wahr- setzungen der Metaphysik wie von denen des Psychologismus
heit, von gegenständlicher Gültigkeit für sich erweisen könnte? gelöst. Der Kampf, der hier zwischen dem Psychologismus und
Soll eine solche für den Mythos überhaupt erweisbar sein, so der reinen Logik geführt worden ist, scheint heute endgültig
scheint sie jedenfalls in nichts anderem als in seiner psychologi- entschieden: und man darf die Voraussage wagen, daß. er in
schen Wahrheit und in seiner psychologischen Notwendigkeit gleicher Form wie bisher nicht wiederkehren wird. Aber was
gefunden werden zu können. Die Notwendigkeit, mit der er, von der Logik gilt, das gilt nicht minder von allen selbständigen
in relativ übereinstimmenden Formen, auf bestimmten Entwick- Gebieten und von allen ursprünglichen Grundfunktionen des
I ungsstufen des Geistes e nt s t e h t, scheint zugleich seinen einzi- Geistes. In ihnen allen ist die Bestimmung ihres reinen Gehalts,
gen objektiv-faßbaren Gehalt auszumachen. In der Tat ist, die Bestimmung dessen, was sie bedeuten und sind, von der Frage
nach der Epoche des deutschen spekulativen ·Idealismus, das ihres empirischen Werdens und ihrer psychologischen Entstehungs-
Problem des Mythos nur noch in diesem Sinne gestellt und auf bedingungen unabhängig. Wie nach einem "Sein" der Wissen-
diesem Wege zu lösen gesucht worden. An die Stelle der Ein- schaft, nach dem Gehalt und den Prinzipien ihrer Wahrheit!
sicht in die letzten absoluten Gründe des Mythos sollte jetzt die rein objektiv gefragt werden kann und muß, ohne daß wir hier-
Einsicht in die natürlichen Ursachen seiner Entstehung treten: bei darauf reflektieren, in welcher zeitlichen Abfolge die einzelnen
3*
36 Zur "Philosophie der Mythologie". zUr "Philosophie der Mythologie".

Wahrheiten, die besonderen Erkenntnisse im empirischen Be- der mythologische Prozeß dadurch erklärt, daß er als besonderer
wußtsein hervortreten, so kehrt das gleiche Problem für alle Fall, als eine bestimmte und notwendige Einzelphase des "ab-
Fo.rmen des Geistes wieder. Die Frage nach ihrem "Wesen" soluten Prozesses" gedeutet wird - in dem andern damit, daß
läßt sich auch hier niemals dadurch zum Schweigen bringen, die mythische Apperzeption aus den allgemeinen Faktoren und
daß wir sie in eine empirisch-genetische Frage verwandeln. Die Regeln der Vorstellungsbildung abgeleitet wird. Aber kehrt
Voraussetzung einer solchen Einheit des Wesens bedeutet für damit nicht im Grunde eben jene "allegorische" Auffassung des
die Kunst und für den Mythos, ebenso wie für die Erkenntnis, Nlythischen wieder, die Schellings "Philosophie der Mythologie"
die Annahme einer allgemeinen Gesetzlichkeit des Bewußtseins, im Prinzip bereits überwunden hatte? Wird nicht in beiden Fällen
die alle Gestaltung des Besonderen bedingt. Wie wir gemäß der der Mythos nur dadurch "begriffen", daß er auf etwas anderes
kritischen Grundansicht die Einheit der Natur nur dadurch haben, als das, was er selbst unmittelbar ist und bedeutet, bezogen und.
daß wir sie in die Erscheinungen "hineinlegen", daß wir sie als reduziert wird? "Die Mythologie" - so heißt es bei Schelling -
Einheit der gedanklichen Form nicht sowohl aus den Einzel- "wird in ihrer Wahrheit und daher wahrhaft nur erkannt, wenn
phänomenen gewinnen, als sie vielmehr an ihnen darstellen und sie im Prozeß erkannt wird; der Prozeß aber, der sich in ihr-
herstellen - so gilt das gleiche auch von der Einheit der Kultur nur auf besondere Weise wiederholt, ist der allgemeine, der ab~
und von jeder ihrer ursprünglichen Richtungen. Auch für sie sol u t e Prozeß; die wahre Wissenschaft der Mythologie dem-
genügt es nicht, sie faktisch an den Erscheinungen aufzuweisen, nach die, welche in ihr den absoluten Prozeß darstellt. Diesen
sondern wir müssen sie aus der Einheit einer bestimmten "Struk- aber darzustellen ist Sache der Philosophie; die wahre Wissen-
turform" des Geistes verständlich machen. So steht auch hier schaft der Mythologie ist daher Philosophie der Mythologie"
,\'ie in der Theorie der Erkenntnis die Methodik der kritischen (So 216 f.). An die Stelle dieser Identität des Absoluten setzt
Analyse zwischen der lnetaphysisch-deduktiven und der psycho- die Völkerpsychologie die Überzeugung von der Identität der
logisch-induktiven Methodik. Sie muß, gleich dieser letzteren, Menschennatur, die immer und notwendig dieselben "Elementar-
überall vom "Gegebenen", von den empirisch festgestellten und gedanken " des Mythos aus sich hervorbringe. Aber wenn sie
gesicherten Tatsachen des Kulturbewußtseins ausgehen; aber sie in dieser Weise von der Konstanz und Einheit der menschlichen
kann bei ihnen als einem bloß Gegebenen nicht stehenbleiben. . Natur ausgeht und sie zur Voraussetzung aUer Erklärungsver-
Sie fragt von der Wirklichkeit des Faktums nach den "Bedingun- suche erhebt, so verfällt auch sie damit zuletzt einer petitio
gen seiner Möglichkeit" zurück. In ihnen sucht sie einen be- principii. Denn statt die Einheit des Geistes durch die Ana-
stimmten Stufenbau, eine Über- und Unterordnung der Struktur- lyse aufzuzeigen und sie als Ergebnis der Analyse sicherzustellen,
gesetze des betreffenden Gebiets, einen Zusammenhang und eine behandelt sie sie vielmehr als ein an sich bestehendes und als
wechselseitige Bestimmung der einzelnen gestaltenden Momente ein dureh sich gewisses Datum. Aber hier wie in der Erkenntnis
aufzuweisen. In diesem Sinne nach einer "Form" des mythischen steht die Gewißheit der systematischen Einheit nicht sowohl am
Bewußtseins fragen, heißt weder nach seinen letzten metaphysi- Anfang als vielmehr am Ende; bedeutet sie nicht sowohl den
schen Gründen noch nach seinen psychologischen, seinen ge- Ausgangspunkt als das Ziel der Betrachtung. Innerhalb deI'
schichtlichen oder sozialen Ursachen suchen: - vielmehr ist da- Grenzen der kritischen Betrachtungsweise können wir somit nicht
mit lediglich die Frage nach der Einheit des geistigen Prinzi ps von der voraus bestehenden oder voraus gesetzten Einheit des
gestellt, von dem all seine besonderen Gestaltungen, in all ihrer metaphysischen oder psychologischen Substrats auf die Einheit
Verschiedenheit und in ihrer unünersehbaren empirischen Fülle, der Funktion schließen, noch diese in jener begründen, sondern
sich zuletzt beherrscht zeigen. wir müssen rein von der Funktion als solcher ausgehen. Findet.
Und damit nimmt auch die Frage nach dem "Subjekt" des sich in ihr bei allem Wechsel der Einzelmotive eine relativ gleich-
:Mythos eine andere Wendung. Sie wird von der Metaphysik blaibende "innere Form", so schließen wir von ihr nicht auf die
und von der Psychologie in entgegengesetztem Sinne beant- substantielle Einheit des Geistes zur ü c k, sondern diese. Ein-
wortet. Dort stehen wir auf dem Boden der "Theogonie"; hier heit gilt uns eben hierdurch als konstituiert und bezeichnet.
auf dem Boden der "Anthropogonie". In dem einen Fall wird Die Einheit erscheint mit andern 'Vorten nicht als der Grund:
Zur "Philosophie der Mythologie". Zur :,Philosophie der Mythologie". 39
38
sondern nur als ein anderer Aus druck eben dieser Formbestimmt- in seinem empirischen vVerden bestimmte gleichbleibende seeli-
heit selbst. Diese muß sich, als rein immanente Bestimmtheit sche Kräfte auswirken. Seine "Objektivität" ist - wie das vom
auch in ihrer immanenten Bedeutung erfassen lassen, ohne daß kritischen Standpunkt für jegliche Art geistiger Objektivität gilt
wir hierfür die Frage nach ihren sei es transzendenten sei es - nicht dinglich, sondern funktionell zu bestimmen: sie liegt
.empirischen Gründen zu beantworten brauchen. So läßt sich weder in einem metaphysischen, noch in einem empirisch-psy-
auch in bezug auf die mythische Funktion nach ihrer reinen chologischen Sein, das hinter ihm steht, sondern in dem was
Wesensbestimmtheit - nach ihrem Ti E(J"n im Sokratischen er selbst ist und leistet, in der Art und Form der Objektivie-
Sinne. - fragen und diese ihre reine Form der sprachlichen, der rung, die er vollzieht. Er ist "objektiv", sofern auch er als einer
ästhetIschen, der logisch-begrifflichen Funktion gegenüberstellen. der bestimmenden Faktoren erkannt wird, kraft deren das Be-
Für Schelling hat die Mythologie philosophische Wahrheit, weil wußtsein sich von der passiven Befa ngenheit im sinnlichen Ein-
sigh in ihr ein nicht nur gedachtes, sondern reales Verhältnis druck löst und zur Schaffung einer eigenen, nach einem geistigen
des menschlichen Bewußtseins zu Gott ausspricht - weil das Prinzip gestalteten "Welt" fortschreitet. Faßt man die Frage
Absolute, weil Gott selbst es ist, der hier aus der 'ersten Potenz in diesem Sinne, so verschwinden damit die Einwände, die aus
des "Insichseins" zur Potenz des "Außer-sieh-Seins" und durch der "Irrealität" der mythischen Welt gegen ihre Bedeutung und
. sie hindurch in das vollendete "Bei-sieh-Sein" übergeht. Für Wahrheit hergeleitet werden können. Freilich: die mythische
die entgegengesetzte Betrachtung, für den Standpunkt der "An- Welt ist und bleibt eine Welt bloßer "Vorstellungen" - aber
thropogonie", wie ihn Feuerbach und seine Nachfolger ver- auch die Welt der Erkenntnis ist ihrem Inhalt, ihrer bloßen Ma-
treten, ist es umgekehrt die empirisch-reale Einheit der Menschen- terie nach nichts anderes. Auch zum wissenschaftlichen Be-
~at ur, die als Ausgangspunkt genommen wird - als ein ursprüng-
griff der Natur gelangen wir nicht dadurch, daß wir hinter unse-
hcher kausaler Grundfaktor des mythologischen Prozesses, der es ren Vorstellungen deren absolutes Urbild, den transzendenten
erklärt, daß er sich unter den verschiedenartigsten Bedingungen Gegenstand ergreifen, sondern dadurch, daß wir in ihnen selbst
und von den mannigfaltigsten zeitlich-räumlichen Ansatzpunkten und an ihnen eine Regel entdecken, durch die sie in ihrer Ordnung
aus in wesentlich gleichartiger Weise entwickelt. Statt dessen und Folge bestimmt werden. Die Vorstellung gewinnt für uns
wird eine kritische Phänomenologie des mythischen Bewußtseins gegenständlichen Charakter, indem wir sie ihrer Zufälligkeit
weder von der Gottheit als einer metaphysischen, noch von der entkleiden und an ihr ein Allgemeines, ein objektiv notwendiges
:Menschheit als einer empirischen Urtatsache ausgehen können Gesetz herausstellen. Auch dem Mythos gegenüber kann daher
sondern sie wird das Subjekt des Kulturprozesses, sie wird de~ die Frage der Objektivität nur in dem Sinne gestellt werden,
"Geist" lediglich in seiner reinen Aktualität, in der Mannigfaltig- daß wir untersuchen, ob auch er eine ihm immanente Regel, eine
keit seiner reinen Gestaltungsweisen zu erfassen und die immanente ihm eigentümliche "Notwendigkeit" erkennen läßt. Freilich scheint
Norm, der jede von ihnen folgt, zu bestimmen suchen. Im Ganzen es sich auch in diesem Falle immer nur um eine Objektivität
dieser Fähigkeiten erst konstituiert sich die "Menschheit" ihrem niederer Stufe handeln zu können: denn ist nicht diese Regel
ideellen Begriff und ihrem konkreten geschichtlichen Dasein nach' dazu bestimmt, vor der eigentlichen, der wissenschaftlichen Wahr-
in ihm ergibt sich erst die fortschreitende Scheidung von "Sub~ heit, vor dem N atur- und Gegenstandsbegriff, wie er in der reinen
jekt "und "Objekt", von "Ich" und "Welt", durch die das Be- Erkenntnis gewonnen wird, zu verschwinden? Mit der ersten
wußtsein aus seiner Dumpfheit, aus der Befangenheit im bloßen Dämmerung der wissenschaftlichen Einsicht scheint die Traum-
Dasein und im sinnlichen Eindruck und Affekt heraustritt und und Zauberwelt des :Mythos ein für allemal dahin, scheint sie
sich erst zum Kulturbewußtsein formt. wie ins Nichts hinabgesunken zu sein. Und doch erscheint selbst
Und vom Stand punkt dieser Problemstellung kann auch die dieses Verhältnis in einem andern Licht, wenn man, statt den
relative "Wahrheit", die dem Mythos zuzusprechen ist, nicht Inhalt des Mythos mit dem Inhalt des endgültigen vVeltbildes der
länger fraglich sein. Sie wird jetzt nicht mehr damit begründet Erkenntnis zu vergleichen, vielmehr den Prozeß des Aufbaus
~erden können, daß er der Ausdruck und die Widerspiegelung der mythischen Welt der logischen Genesis des wissenschaft-
eInes transzendenten Prozesses ist, noch lediglich damit, daß sich lichen Naturbegriffs gegenüberstellt. Hier gibt es einzelne
40 Zur "Philosophie der Mythologie". i Zm' "Philosophie der Mythologie". 41
J
Phasen, in denen die verschiedenen Objektivierungsstufen heit statt von der Einheit des Gottesbegriffs von der Vielheit
und Objektivationskreise noch keineswegs durch einen scharfen t durchaus partieller, wohl gar anfänglich lokaler Vorstellungen
Schnitt getrennt sind. Ja auch die Welt unserer unmittelbaren ausgehen lassen, von sogenanntem Fetischismus oder von einer
Erfahrung - jene Welt, in der wir alle, sofern wir außerhalb dep Naturvergötterung, die nicht einmal Begriffe oder Gattungen,
Sphäre bewußter, kritisch-wissenschaftlicher Reflexion stehen, be- sondern einzelne Naturobjekte, z. B. diesen Baum oder diesen
ständig leben und sind - enthält eine Fülle von Zügen, die sich, Fluß vergöttert. "Nein - von solchem Elend ist die Menschheit
vom Standpunkt eben dieser Reflexion, nur als mythisch be- nicht ausgegangen, der majestätische Gang der Geschichte hat
zeichnen lassen. Insbesondere ist es der Begriff der Ursächlichkeit, einen ganz andern Anfang, der Grundton im Bewußtsein der
der allgemeine Begriff von "Kraft", der durch die Sphäre der Menschheit blieb immer jener große Eine, der noch seinesgleichen
mythischen Anschauung des Wirkens hindurchgehen muß, ehe nicht kannte, der wirklich Himmel und Erde, d. h. ·alles erfüllte" 1).
er sich in den mathematisch-logischen Begriff der Funktion auflöst. Auch die moderne ethnologische Forschung hat - in den Theorien
Und so zeigt sich überall bis in die Gestaltung unserer Wahr- Andrew Langs und W. Schmidts - diese Schellingsche Grund-
nehmungswelt hinein, also bis in jenes Gebiet, das wir, vom naiven these eines primären "Urmonotheismus" zu erneuern und si(~
Standpunkt aus, als die eigentliche "Wirklichkeit" zu bezeichnen durch reichhaltiges empirisches Material zu stützen gesucht 2).
pflegen, dieses eigentümliche Fortleben mythischer Grund- und Aber je weiter sie schritt, um so deutlicher trat die Unmöglich-
Urmotive. So wenig daher diesen Motiven unmittelbar Gegenstände keit heraus, die Gestaltungen des mythischen Bewußtseins rein
entsprechen, so sind sie doch auf dem Wege zur "Gegenständ- inhaltlich in eine Einheit zusammenzufassen und sie genetisch
lichkeit" überhaupt, sofern sich in ihnen eine bestimmte, nicht aus ihr, als gemeinsame Wurzel, abzuleiten. Wenn der Animis-
zufällige, sondern notwendige Art der geistigen Formung dar- mus, der seit Tylors grundlegendem Werk lange Zeit die gesamte
stellt. Die Objektivität des Mythos besteht daher vornehmlich Mythendeutung beherrscht hat, diese Wurzel statt in der pri-
in dem, worin er sich von der Realität der Dinge, von der "Wirk- mären Gottesanschauung in der primitiven Beelenvorstellung ge-
lichkeit" im Sinne eines naiven Realismus und Dogmatismus, funden zu haben glaubte - so erscheint heute auch diese El'-
am weitesten zu entfernen scheint - sie gründet sich darauf, klärungsart mehr und mehr zurückgedrängt und zum mindesten
daß er nicht das Abbild eines gegebenen Daseins, sondern eine in ihrer Alleingültigkeit und Allgemeingültigkeit erschüttert.
eigene typische Weise des Bildens selbst ist, in der das Bewußt- Immer bestimmter traten die Züge einer mythischen Grund-
sein aus der bloßen Rezeptivität des sinnlichen Eindrucks heraus- anschauung heraus, die weder einen ausgeprägten Gottesbegriff
und ihr gegenübertritt. noch einen ausgeprägten Seelen- und Persönlichkeitsbegriff kennt,
Der Nachweis dieses Verhältnisses kann freilich nicht von sondern von einer noch ganz undifferenzierten Anschauung des
oben her, in rein konstruktivem Aufbau, versucht werden, son- magischen Wirkens, von der Anschauung einer den Dingen inne-
dern er setzt die Tatsachen. des mythischen Bewußtseins, er wohnenden zauberischen Kraftsubstanz ausgeht. Hier zeigt sich
setzt das empirische Material der vergleichenden Mythenforschung eine eigentümliche "Scheidung" innerhalb des mythischen Denkens
und der vergleichenden Religionsgeschichte voraus. Das ProbleIn -eine Über- und Unterordnung seiner Strukturelemente, die
einer "Philosophie der :Mythologie" hat durch dieses Material, rein phänomenologisch auch für den bedeutsam ist, der sich nicht
wie es insbesondere seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts getraut, auf Grund ihrer die Frage nach den zeitlich-ersten
in immer reicherem Maße zutage gefördert worden ist, eine außer- Elementen des Mythos, nach seinen empirischen Anfängen zu
ordentliche Erweiterung erfahren. Für Schelling, der sich vor- beantworten 3). Damit aber werden wir, in einer anderen Rich-
nehmlich auf Creuzers "Symbolik und Mythologie der alten 1) Philosophie der Mythologie, 8. Vorles., a. a. O. I, 178.
Völker" stützt, ist alle Mythologie im wesentlichen Götterlehre 2) Eine Zusammenfassung dieses Materials und eine Prüfung der
und Göttergeschichte. Der Gottesbegriff und die Gotteserkenntnis Einwände, die gegen die Theorie A. Langs erhoben worden sind, findet
sich vor allem bei P. W. Schmid t, Der Ursprung der Gottesidee,
bildet für ihn den Anfang alles mythologischen Denkens - eine Münster 1892. S. auch P. W. Schmidt, Die Stellung der Pygmäen-
"notitia insita", mit der es erst eigentlich beginnt. Heftig wendet yölker in der Entwicklungsgeschichte des Menschen, Stuttgart 1910.
er sich gegen die, welche die religiöse Entwicklung der Mensch- 3} Zur Theorie des sog. "Präanimismus" vgL neben den Aufsätzen
von K. Th. Preuß (Ursprung der Religion und Kunst, Globus 190~ L,
42 Zur ),Philosophie der Mythologie". Zur "Philosophie der Mythologie;'. 43
tung der Betrachtung, auf die gleiche Forderung hingeführt, die gelangte zwar zu einer gruppierenden Übersicht der mythiEchen
auch Schelling als das Grundpostulat seiner Philosophie der My- Grundmotive, die sich über die ganze Erde verbreitet finden und
thologie aufgestellt hat: auf die Forderung, kein Moment im Fort- deren Verwandtschaft auch dort zutage trat, wo jede Möglichkeit
gang des mythischen Denkens, so unscheinbar oder so phan- eines unmittelbaren räumlich-zeitlichen Zusammenhangs, einer
tastisch und willkürlich es erscheinen mag, für schlechthin ge- direkten Entlehnung zu fehlen semen. Sobald man jedoch inner-
ringfügig anzusehen, sondern ihm die bestimmte Stelle im Ga n zen halb dieser Motive selbst eine Sonderung vorzunehmen, sobald
dieses Denkens anzuweisen, durch welche es seinen ideellen man einzelne von ihnen als die eigentlich ursprünglichen auszu-
Sinn empfängt. Dieses Ganze birgt eine eigene innere "Wahr- zeichnen und sie anderen, abgeleiteten gegenüberzustellen ver-
heit" in sich, sofern es einen der Wege bezeichnet, auf dem die suchte, trat der Streit der Meinungen alsbald wieder unverhüllt
Menschheit zu ihrem spezifischen Selbstbewußtsein und zu ihrem und in schärfster Form hervor. Als die Aufgabe der Völkerkunde
spezifischen Objektbewußtsein vorgedrungen ist. wurde es erklärt, im Verein mit der Völkerpsychologie im Wechsel
der Erscheinungen ein Allgemeingültiges festzustellen und die
Prinzi pien zu bestimmen, die allen besonderen mythologischen
H.
Bildungen zugrunde liegen 1). Aber die Einheit dieser Prinzipien
Auch innerhalb der rein empirischen Forschung macht sich seit ging, kaum daß man sich ihrer versichert zu haben glaubte, als-
einiger Zeit immer deutlicher das Bestreben geltend, nicht nur den bald wieder in die Fülle und Verschiedenheit der konkreten
Umfang des mythischen Denkens und VorsteIlens auszumessen, son- Objekte auf. Neben der Naturmythologie stand die Seelenmytho-
dern es auch als eine einheitliche Bewußtseinsform mit bestimmt logie - und innerhalb der ersteren sonderten sich wieder die
ausgeprägten charakteristischen Zügen zu beschreiben. Es drückt verschiedenen Richtungen, die mit Entschiedenheit und Beharrlich-
sich darin die gleiche philosophische Tendenz aus, die auch auf keit danach strebten, je ein bestimmtes Naturobjekt als den Kern
anderen Gebieten, wie z. B. in der Naturwissenschaft oder in der und Ursprung aller Mythenbildung zu erweisen. Man ging davon
Sprachwissenschaft zu einer Umkehr der Problemstellung, zu aus) daß für jeden einzelnen Mythos - wenn er überhaupt wissen-
einer Rückwendung vom "Positivismus" zum "Idealismus" geführt schaftlich "erklärbar" sein soll - die bestimmte Anknü pfung
hat. Wie es in der Physik die Frage nach der "Einheit des physi- an irgend ein natürliches Sein oder Geschehen gefordert werden
kalischen Weltbildes" war, die zu einer Erneuerung und Ver- müsse, weil nur auf diesem Wege die Willkür der Phantasiebildung
tiefung ihrer allgemeinen Prinzipienlehre hinführte, so ist innerhalb beschränkt und die Forschung in eine streng "objektive" Bahn
der Völkerkunde das Problem einer "allgemeinen Mythologie" gebracht werden könne 2). Aber die Willkür der Hypothesen-
gerade von Seiten der Spezialforschung selbst in den letzten J ahr- bildung, die sich auf diesem vermeintlich streng objektiven Wege
zehnten immer bestimmter gestellt worden. Aus dem Widerstreit ergab, erwies sich zuletzt kaum minder groß als die der Phantasie-
der einzelnen Schulen und Richtungen schien auch hier zuletzt bildung. Der älteren Form der Sturm- und Gewittermythologie
kein anderer Ausweg gewonnen werden zu können, als dadurch, trat die Astralmythologie gegenüber, die selbst alsbald wieder
daß man sich auf einheitliche Richtlinien und auf feste und be- in die verschiedenen Formen, der Sonnenmythologie, der Mond-
stimmte Orientierungspunkte der- Forschung zurückbesann. So- mythologie, der Gestirnmythologie auseinanderfiel. In dem Maße,
lange man jedoch diese Richtlinien noch einfach den Ge gen- als jede dieser Formen sich, mit Ausschluß der übrigen, als einziges
st änden der Mythologie entnehmen zu können glaubte, solange Prinzip der Erklärung zu konstituieren und zu behaupten strebte,
man von einer Klassifikation der mythischen Objekte seinen Aus~ zeigte es sich immer deutlicher, daß die Anknü pfung an bestimmte
gang nahm, erwies es sich bald, daß auf diesem Wege der Wider- Einzelkreise gegebel1erObjekte die gesuchte objektive Eindeutigkeit
streit in den Grundanschauungen nicht zu beseitigen war. Man der Erklärung selber in keiner \Veise zu gewährleisten vermochte.
I) Vgl. besonders Paul Ehrenreich, Die allgemeine Mythologie und
13d. 86, 81) und Vierkandt, Die Anfänge der Religion und Zauberei (Globus ihre ethnologischen Grundlagen, Leipzig 1910, und H. Leßmann, Auf-
1907, Bd.92) insbesondere Marett, "Pre-Animistie religion" und "From gaben und Ziele der vergleichenden Mythenforschung, Leipzig 1908.
SpeIl to Prayer" (Folk Lore 1900 und 1904; wieder abge(lruckt in The 3) Als "Postulat" jeder MythenerkIärung 'wird dieser Grundsatz z. B.
threshold of religion, London 1909). von Ehreareich {a. a. O. S.41, 192 ff., 213} aufgestellt.
44 Zur !,Philosophie der Mythologie'<. Zur "Philosophie der Mythologie." 45

Ein anderer vVeg zu einer letzten Einheit der NIythenbild ung was diese Theorie indessen auch im rein methodologischen
schien sich zu eröffnen, indem man diese Einheit nicht so- Sinne merkwürdig macht, ist der Umstand, daß sie sich, näher
wohl als natürliche, als vielmehr als geistige Einheit zu be- betrachtet, keineswegs als eine bloß empirische Behauptung über
stimmen suchte - indem man sie als die Einheit nicht eines die tatsächlichen geschichtlichen Ursprünge des Mythos, sondern
Objektkreises, sondern als die eines historischen Kulturkreises als eine Art apriorischer Behauptung über Richtung und Ziel
faßte. Gelang es einen solchen Kulturkreis als den ge~einsamen der Mythen f 0 r sc h u n g erweist. Daß alle Mythen astralen Ur-
Ursprung der großen mythischen Grundmotive zu erweisen und sprungs, daß sie letzten Endes "Kalendermythen" sein müßten:
als den Mittelpunkt, von dem aus sie sich nach und nach über das wird von den Anhängern des Panbabylonismus geradezu als
die ganze Weite des Erdkreises verbreiteten, so schien damit von Grundforderung der :Methode, als der "Ariadnefaden" bezeichnet,
selbst auch der innere Zusammenhang dieser Motive erklärt, der allein im Stande sei, durch das Labyrinth der -Mythologie
Mochte dieser Zusammenhang in den abgeleiteten und hindurchzuführen. Immer wieder war es dieses allgemeine Postulat,
mittelbaren Formen noch so verdunkelt sein: er mußte so- das dazu dienen mußte, die Lücken der empirischen Überlieferung
fort wieder hervortreten, sobald man bis zu den letzten und der empirischen Beweisführung auszufüllen, - das aber eben
geschichtlichen Quellen und zu den relativ einfachen Ent- damit auch immer deutlicher darauf hinwies, daß die Grundfrage
stehungsbedingungen zurückging. 'Venn ältere Theorien - wie der Einheit des mythischen Bewußtseins auf dem Wege der rein
z. B. die Benfey'sche Märchentheorie - hierbei die eigentliche empirischen und· der historisch-objektiven Betrachtung zu keiner-
Heimat der wichtigsten mythischen Motive in In di e n suchten, endgültigen Lösung zu bringen war.
so schien ein bündiger Beweis für die geschichtlichen Zusammen- Mehr und mehr befestigte sich daher die Einsicht, daß die
hänge und die geschichtliche Einheitlichkeit der Mythenbildung bloß faktische Einheit der mythischen Grundgebilde, selbst
erst erbracht werden zu können, als sich der Inhalt der ba b y- wenn es gelänge, sie über allen Zweifel zu erheben, solange ein
Ionischen Kultur der Forschung mehr und mehr erschloß. bloßes Rätsel bleiben muß, als sie nicht auf eine tiefere Struktur-
Jetzt schien mit der Frage nach der Urheimat der Kultur auch f 0 r m der mythischen Phantasie und des mythischen Denkens.
die Frage nach der ursprünglichen und einheitlichen Struktur zurückgeführt wird. Zur Bezeichnung dieser Strukturform aber
des Mythischen beantwortet. Zu einer in sich folgerechten "Welt- bot sich, wenn man den Boden der rein deskriptiven Betrachtung
anschauung" - so schloß in der Tat die Theorie des "Panbaby- nicht verlassen wollte, zuletzt kein anderer Begriff als der Bastian'sche
lonismus" - hätte der Mythos sich niemals entwickeln können, Begriff der "Völkergedanken" dar. Er besitzt, prinzipiell be-
wenn er lediglich aus primitiven magischen Vorstellungen ode~ trachtet, vor allen rein objektiv-gewendeten Erklärungsformen
aus TraumerIebnissen, aus Seelenglauben oder sonstigem Aber- den entscheidenden Vorzug, daß es jetzt nicht mehr bloß die-
glauben hervorgegangen wäre. Der \Veg zu einer solchen Welt- Inhalte und Gegenstände der Mythologie, sondern die Funktion
anschauung war vielmehr nur dort gegeben, wo ein bestimmter des Mythischen selbst ist, worauf die Frage sich richtet. Die
Begriff, ein Gedanke der Welt als eines geordneten Ganzen Grundrichtung dieser Funktion soll als gleichbleibendnachgewiesen
vorausging - eine Bedingung, die nirgends sonst als in den An- werden, unter so verschiedenen Bedingungen sie auch ausgeübt
fängen der babylonischen Astronomie und Kosmogonie erfüllt wird und so verschiedenartige Objekte sie auch in ihren Kreis
war. Von dieser gedanklichen und historischen Orientierung aus zieht. Die gesuchte Einheit wird damit von Anfang an gleichsam
schien sich erst die Möglichkeit zu erschließen, den Mythos nicht von außen nach innen, von der \Virklichkeit der Dinge in die des
als eine wirre Ausgeburt der Phantasie, sondern als ein in sich ge- Geistes verlegt. Aber auch diese Idealität ist, solange sie lediglich
schlossenes und aus sich verständliches System zu begreifen. des alten Orients. Der alte Orient und die Bibel (Ex oriente lux I, II, Leipzig
Auf die empirischen Grundlagen dieser Theorie des' Panbaby- 19051.; Die babylonische Geisteskultur, Leipzig 1907) und A. Jeremias,
Ionismus braucht hier nicht näher eingegangen zu werden 1) - Handbuch der altorientalischen Geisteskultur, Leipzig 1913. Zur Kritik
des "Panbabylonismus" siehe z. B. M. J astrow jr., Religious belief and
1) Z?-r Beg~ündung der Grund~hese des "Panbabylonismus" vgl. be- practice in Babylonia and Assyria, New Y ork und London 1911, S. 413 fl-
sonders dIe SchrIften von Hugo Wlnckler (HimmeJsbild und Weltenbild und Bezold, Astronomie, Himmelsschau und Astrallehre bei den Babylo<·
der BabyIonier als Grundlage der ·Weltanschauung und Mythologie aller niern (Heidelberger Akademievortr. 1911).
Völker (Der alte Orient III, 2 und 3, Leipzig 1901); Die Weltanschauung
46 Zur "Philosophie der Mythologie". Zur "Philosophie der Mythologie". 47
psychologisch ge faßt und durch die Kategorien der Psychologie die Elemente verlegt, statt in der charakteristischen Form gesucht
hestimmt wird, nicht eindeutig charakterisiert. Wenn von der zu wel'den, die aus diesen Elementen ein neues geistiges Ganze~
Mythologie als einem geistigen Gesamtbesitz der ~enschheit eine Welt der symbolischen "Bedeutung" hervorgehen läßt. Wie
gesprochen wird, dessen Einheit sich zuletzt aus der Einheit der indes die kritische Erkenntnislehre die Erkenntnis - bei aller
menschlichen "Seele" und aus 'der Gleichartigkeit ihres Tuns unabsehbaren Mannigfaltigkeit der Gegenstände, auf die sie sich
erklären soll, so geht doch die Einheit der Seele selbst alsbald richtet, und bei aller Verschiedenheit der psychischen Kräfte,
wied.er in eine Mehrheit verschiedener Potenzen und "Vermögen" auf die sie sich in ihrem aktuellen Vollzug stützt - dennoch als
auseInander. Sobald die Frage gestellt wird, welcher dieser ein ideelles Ganze nimmt, dessen allgemeine konstitutive Be-
Potenzen im Aufbau der mythischen \iVelt die entscheidende Rolle dingungen sie aufsucht, so gilt die gleiche Betrachtungsweise
zufällt, so ergibt sich alsbald wieder ein Wettstreit und Widerstreit für jede geistige Einheit des "Sinns". Sie muß zuletzt immer statt
verschiedener Erklärungsarten. Entstammt der Mythos letzten in genetisch-kausaler, in teleologischer Hinsicht festgestellt
Endes der Phantasie, dem Spiel der subjektiven Einbildungs- und sichergestellt werden - als eine Zielrichtung, der das Bewußt-
kraft, oder geht er in jedem Einzelfalle auf eine "reale Anschauung" sein im Aufbau der geistigen Wirklichkeit folgt. Was in einer
zurück, in der er sich gründet? Stellt er eine primitive Form der .solchen Zielrichtung ersteht und was zuletzt als geschlossenes
Er k e n nt n i s dar und ist er insofern im wesentlichen ein Gebilde Gebilde vor uns steht - das hat ein selbstgenügsames "Sein"
des Intellekts oder gehört er seinen Grundäußerungen nach der und einen autonomen Sinn, gleichviel ob wir die Art seiner Ent-
Sphäre des Affekts und des Willens an? Je nach der Antwort stehung durchschauen und auf welche Weise wir sie uns deuten.
die man auf diese Frage erteilt, scheinen sich der wissenschaftliche~ So stellt auch der Mythos, wenngleich er sich auf keinen Einzel-
Mythenforschung und Mythendeutung ganz verschiedene Wege kreis von Dingen oder Vorgängen beschränkt, sondern die Gesamtheit
zu eröffnen. Wie die Theorien sich zuvor nach den Objektkreisen des Seins umspannt und mit sich durchdringt, und wenngleich
unterschieden, die sie für die Bildung des Mythos als entscheidend ,er die verschi'edenartigsten geistigen Potenzen als seine Organe
ansehen, so unterscheiden sie sich jetzt nach den seelischen Grund- braucht, einen einheitlichen "Blickpunkt" des Bewußtseins dar 1
kräften, auf die sie ihn zurückführen. Und auch hier scheinen von dem aus die "Natur" wie die "Seele", das "äußere", wie das
si~h .die verschiedenen. prinzipiell möglichen Erklärungsarten ~,innere" Sein, in einer neuen Gestalt erscheint. Diese seine "Mo-
standIg .zu erneuern und. In einer Art Kreislauf einander zu folgel1. dalität" gilt es zu fassen und in ihren Bedingungen zu verstehen.
A~ch dIe Form der reInen "Intel1ektualmythologie", die lange Die empirische Wissenschaft, die Ethnologie wie die vergleichende
ZeIt als überwunden galt, - auch die Auffassung, daß der Kern Mythenforschung und Religionsgeschichte, stellt hier nur das
des Mythos in einer verstandesmäßigen Deutung der Erschei- Problem auf, indem sie, je weiter sie den Kreis ihrer Betrachtung
nungen zu suchen sei, ist neuerdings wieder stärker hervorgetreten. ,spannt, die "Gleichläufigkeit" der Mythenbildung in umso helleres
Gegenüb~r Schellings Forderung der "tautegorischen" Deutung Licht stellt. Aber auch hier gilt es, hinter dieser empirischen
der mythIsch?n Gestalten wurde jetzt 'wieder eine Art Ehrenrettung Regelmäßigkeit nun erst die ursprüngliche Gesetzlichkeit
d.er "A!leg?rIe und Allegorese" versucht 1). In alledem zeigt des Geistes zu suchen, auf die sie zurückgeht. Wie sich innerhalb
sICh, Wie dIe Frage nach der Ei nh e i t des Mythos ständig in der der Erkenntnis die bloße "Rhapsodie der Wahrnehmungen"
Gefahr steht, sich in irgend einer Einzelheit zu verlieren und kraft bestimmter Formgesetze des Denkens zu einem System des
sich in ihr zu befriedigen. Ob diese Einzelheit als die eines natür- Wissens umbildet, so darf und muß nach der Beschaffenheit
lichen Obj.ektgebiets oder als die eines bestimmten geschichtlichen jener Formeinheit gefragt werden, die es bewirkt, daß die unendlich
Kultur~reIses oder endlich als die einer besonderen psychologischen vielgestaltige Welt des l\1ythos kein bloßes Konglomerat will-
Grund~raft a?gesehen wird, gilt hierbei prinzipiell gleichviel. kürlicher Vorstellungen und beziehungsloser Einfälle ist, sondern
Denn In all dIesen Fällen wird die gesuchte Einheit fälschlich in sich zu einem charakteristischen geistigen Ge b i I d e zusammen-
faßt. Auch hier bleibt die bloße Bereicherung unserer faktischen
1) Vgl. Fritz Langer, Intellektu.almythologie. Betrachtungen über
das Wesen des Mythus und der mythIschen Methode, Leipzig 1916, be- Kenntnis so lange unfruchtbar, als sie nicht zugleich zu einer
sonders Kap. 10-12. Vertiefung der prinzipiellen Erkenntnis hinfühl't, indem statt
Zur "Philosophie der Mythologie".
Zur "Philosophie der :Mythologie". 49
48
Tiefe und Fruchtbarkeit ist der Gedanke, der dieser Gleich-
eines bloßen, Aggreg.ats ein,~elner Motive eine durchgehende
setzung zugrunde liegt, von U se ne r durchgeführt worden.
Gliederung, eIne bestImmte Uber- und Unterordnung der form-
Die Analyse und die Kritik der "Götternamen" wird hier als
gebenden Momente sichtbar gemacht wird.
das geistige Werkzeug erwiesen, das, richtig gebraucht, allein
Wenn sich indes nach dieser Seite hin die EinreihunO' des
im Stande ist, das Verständnis des Prozesses der religiösen Be-
Mythos in ein Gesamtsystem der "symbolischen Formen'tz un-
gri ff sb il cl u n g zu erschließen. Damit eröffnet sich der Ausblick
mittelbar förderlich erweist - so schließt sie freilich, wie es scheint,
auf eine allgemeine Bedeutungslehre, in der Sprachliches und
auch eine bestimmte Gefahr in sieh. Denn der Vergleich der mv-
Mythisches untrennbar vereint und korrelativ auf einander be-
thischen Form mit anderen geistigen Grundformen droht zu ein~r
zogen ist. Der Fortschritt, den die Philologie und die Rel igions-
Nivellierung ihres eigentlichen Gehaltes zu führen, sobald man
geschichte in philosophischer Hinsicht durch diese Theorie Useners
i}ln in rein i nh al tli c he m Sinne nimmt und ihn auf bloß inhaltliche
erreicht hat, besteht auch hier wieder darin, daß die Frage nicht
Überein'stimmungen oder Beziehungen zu gründen sucht. In
mehr auf den nackten Inhalt der Einzelmythen, sondern auf den
der Tat fehlt es nicht an Versuchen, den Mythos dadurch "ver-
Mythos und die Sprache als Ganzes, als in sich gesetzmäßige
ständlich" zu machen, daß man ihn auf irgend eine andere Form
des Geistes, sei es auf die der Erkenntnis, sei es auf die Kunst geistige Formen, gerichtet wird. Für Usener ist die Mythologie
oder die Sprache zurückführt. Wenn Schelling den Zusammen- nichts anderes als die Lehre (A6TO~) vom Mythos, oder die "Formen-
hang zwischen Sprache und Mythos dahin bestimmte, daß er die lehre der religiösen Vorstellungen". Sie strebt nichts Geringeres
Sprache als eine "verblichene Mythologie" ansah 1) - so ging' an als "die Notwendigkeit und Gesetzmäßigkeit des mtyhischen
VorsteIlens aufzuweisen und dadurch nicht nur die mythologischen
eine spätere Richtung der vergleichenden Mythenforschung um-
Gebilde der Volksreligionen, sondern auch die Vorstellungsformen
gekehrt darauf aus, die Sprache als das primäre, den Mythos 'als
monotheistischer Formen verständlich zu luachen." Wie weit
das sekundäre Gebilde zu erweisen. So hat z. B. Max Müller
diese Methode, das vVesen der Götter aus ihren1 Namen und aus
versucht, Mythos und Sprache derart zu verketten, daß er das
der Geschichte ihres Namens zu lesen, vorzudringen vermag:
Wo r t und seine Vieldeutigkeit als den ersten Anlaß der mythischen
und 'Nie helles Licht sie über die Struktur der mythischen Vvelt
Begriffsbildung zu erweisen trachtete. Als das Bindeglied zwischen
zu verbreiten vermag, - dafür stellen Useners "Götternamen"
heiden gilt ihm die Metapher, die, im Wesen und in der Funktion
ein bewunderungswürdiges Beispiel dar. Hier ist nicht nur im.
der Sprache selbst wurzelnd, nun auch dem Vorstellen selbst
einzelnen der Sinn und das Werden der griechischen Götter-
jene Richtung gibt, die zu den Gebilden des Mythos hinführt.
gestalten von der Philologie und Sprachgeschichte her erleuchtet,
Die Tatsache der "Paronymie", der Umstand, daß ein und
sondern zugleich der Versuch gemacht, eine bestimmte allgemeine
dasselbe ~ort f~r ga~z verschiedene Vorstellungsgebilde ge-
braucht wIrd, WIrd hIer zum Schlüssel der Mythendeutung. und typische Abfolge im mythischen und sprachlichen Vorstellen
Der Que~l und Ursprung alles mythischen Seins ist der sprachliche selbst und demgemäß eine wechselseitige Entsprechung in ihrer
DoppelSInn - der Mythos selbst ist somit nichts anderes als eine beiderseitigen Ent'h'icklung aufzuweisen 1). Und da der Mythos
~rt Erkrankung des Geistes, die in einer "Krankheit der Sprache"
andererseits die ersten Anfänge und Versuche einer Er k e n nt ni s
der Welt in sich faßt, da er sich weiterhin als das vielleicht früheste
Ihren l~tzten Grund hat. In solcher Form pflegt freilich die
sprachlIche "Erklärung" mythischer Motive nicht mehr auf- und allgemeinste Erzeugnis der ästhetischen Phantasie
zutreten; aber noch immer scheint der Versuch lockend darstellt: - so hätten vvir in ihm wieder jene unmittelbare Einheit
~ie Sprac~e im ganzen wi~ im einzelnen, als das eigent: "des" Geistes vor uns, von der alle Sonderformen nur Bruch-
stücke, nur einzelne Manifestationen wären. Aber auch hier gilt es,
hche VehIkel der MythenbIldung zu erweisen. In der Tat
statt der romantischen Ursprungseinheit, in welcher die Gegensätze
wir~ .die vergl.eichen~e Mythe?forschung, wie die vergleichende
sich aufzulösen und ineinander überzugehen scheinen, die kritisch-
~eh~onsge~chlChte Immer WIeder auf Tatsachen hingeführt,
dIe dIe GleIchung: numina = nomina von den verschieden- transzendentale Begriffseinheit zu suchen, die vielmehr auf die Er-
sten_Seiten her zu bestätigen scheinen. In ein~r ganz nenen 1) S. Usener, Götternamen, Versuch einer Lehre von der religiösen
Begrifi'sbildung. Bonn >1896.
1) VgL Philosophie der Mythologie, 3. Vorles., a. a. O. S.52. 4
N atorp-F es! 8eh rift.
50 Zm "Philosophie der Mythologie"'. Zur ;)Philosophie der MytllOlogie(.t. 51
haltung, auf die klare Bezeichnungund Begrenzung der Sonderformen Anfang des Mythos, insbesondere alle magische WeltaufIassung\
hinzielt. Das Prinzip dieser Sonderung wird deutlich, wenn man ist von diesem Glauben an die objektive Wesenheit und an die
hier das Problem der Bedeutung mit dem der Bezeichnung ver- objektive Kraft des Zeichens durchdrungen. Wortzauber, Bilcl-
knüpft - d. h. wenn man auf die Art reflektiert, in der sich in zauber und Schriftzauber bilden den Grundbestand der magischen
den verschiedenen geistigen Äußerungsformen der "Gegenstand" Betätigung und der magischen Vleltansicht. ~an könnte hier:n
nüt ,dem ,,~ild", d~r "Gehalt" mit dem "Zeichen" verknüpft
1

wenn man auf die Gesamtstruktur des mythIschen BewußtseIns


und ln der sICh zugleich beide voneinander ablösen und sich gegen- hinblickt, eine eigentümliehe Paradoxie fInden. Denn wenn, nach
einander selbständig erhalten.
einer allgemein herrschenden Auffassung, der Grundtrieb des.
Denn hierbei zeigt. es sich freilich als ein Grundmoment der Mythos ein Trieb zur Belebung, d. h. zur konkret-anschaulichen
Überei~stimmung, daß sich die aktive~ die schöpferische Kraft Erfassung und Darstellung aller Daseinselemente sein soll: wie
des Z~IChens ebensowohl im Mythos \vle in der Sprache, ebenso- kommt es alsdann, daß dieser Trieb sich mit besonderer Intensität
wohl I~ der künstlerischen Gestaltung wie in der Bildung der gerade auf das "Unwirklichste" und Lebloseste richtet: - daß
theoretlschen Grundbegriffe der Erkenntnis. 'Vas Humboldt eine Welt, die an sich selbst nichts und alles nur durch die Be-
von der Sprache sagt, daß der Mensch sie zwischen sich ziehung auf ein anderes ist, daß das Schattenreich der Worte, deI'
und die innerlich und äußerlich auf ihn einwirkende Natur Bilder und Zeichen eine solche substantielle Gewalt über das
stelle,. - daß er sich mit einer Welt von Lauten umgebe? mythische Bewußtsein gewinnt? Wie kommt es zu diesem Glauben
um dIe Welt von Gegenständen in sich aufzunehmen und .an das "Abstrakte", zu diesem Kult des Symbols, in einer Welt,
zu bearbeiten: das gilt genau ebenso von den Gebilden der in der der allgemeine Begriff nichts, die Empfindung, der un-
mythischen und ästhetischen Phantasie. Sie sind nicht sowohl mittelbare Trieb, die sinnliche Wahrnehmung und Anschauung
Reaktionen auf Eindrücke, die von außen auf den Geist. alles zu sein scheint? Eine Antwort auf diese Frage läßt sich erst
geübt werden, als vielmehr echte geistige Aktionen. Schon finden, wenn man erkennt, daß sie, in dieser Form wenigstens,
in den ersten, i~ den im ?,ewissen Sinne "primitivsten" Äußerungen falsch aestellt ist - sofern sie eine Scheidung, die wir auf der
des Mythos wird deutlIch, daß wir es in ihnen nicht mit einer Stufe der denkenden Betrachtung, der Reflexion und der wissen-
bloßen Spiegelung des Seins, sondern mit einer eio'entümlichen schaftlichen Erkenntnis vornehmen und die wir hier notwendig
bildenden Bearbeitung und Darstellung zu tun habe~. Auch hier vornehlnen müssen, in ,ein Gebiet geistigen Lebens hineinträgt,
läßt sich verfolgen, wie eine anfangs bestehende Spannung zwischen das dieser Scheidung vorausliegt und ihr gegenüber indifferent
"Subjekt" und "Objekt", zwischen dem ,)nnen" und ,.Außen" bleibt. Die mythische Welt ist nicht insofern "konkret", als sie
sich allmählich löst, indeln zwischen beide\iVelten im~er viel- es nur mit sinnlich-gegenständlichen Inhalten zu tun hat und
gestaltiger und reicher, ein neues mittleres Reich tritt. DeI' Sach- alle bloß abstrakten" Momente, alles was lediglich Bedeutung
we!t, ~ie .ihn u?J-fängt und beherrscht, stellt der Geist eine eigene "
und Zeichen ist, von sich ausschließt und abstößt '- sondern SIe
,

selDstandIge BIldvlelt entgegen - der Macht des .Eindrucks"


ist es dadurch, daß in ihr die beiden Momente, das Dingmoment
tritt allmählich immer deutlicher und bewußter die 'tätige Kraft und das Bedeutungsmoment, unterschiedslos ineinander aufgehen;
zum "Ausdru.ck" gegenüber. Aber diese Schöpfung trägt freilich daß sie hier in eine unmittelbare Einheit zusammengewachsen1
selbst noch mcht den Charakter der freien geistigen Tat, sondern
"konkresziert" sind. Gegenüber der Welt des sinnli~h-passiv.en
cl,en Char~kter der naturhaften Notwendigkeit, den Charakter Eindrucks richtet auch der Mythos, als eine ursprünglIche \V81se
eines bestImmten psychologischen "Meehanismus" an sich. Eben
der Gestaltung, von Anfang an eine bestimmte Sc~r~nk~ auf
weil auf dieser Stufe noch kein selbständiges und selbstbewußtes
- auch er entsteht, gleich der Kunst und der Erkenntms I~ 8lnerü
frei in seinen Produktionen lebendes Ich vorhanden ist sonder~
Prozeß der Scheidung~ in einer Trennung vom unmIttelbar
weil wir hier erst an der S eh welle des geistigen Prozess~s stehen
,,'Virklichen" - d. h. vom schlechthin Gegebenen. Aber wen~
der dazu bestimmt ist, "Ich" und "Welt" gegeneinander abzu~
er in diesem Sinne einen der ersten Schritte über das "Gegebene"
grenzen, muß die neue Welt des Zeichens dem Bewußtsein selbst
hinaus bedeutet, so tritt er doch mit seinem eig,enen Erzeugnis
a.ls eine durchaus "objektive" Wirklichkeit erscheinen. Aller
alsbald wieder in die Form der Gegebenheit zurück. Er erheht
4,$
52 ZI.IT "Philosophie der Mythologie". Zur "Philosophie der Mythologie". 53

sich geistig über die Ding'Nelt, aber er tauscht in den Gestalten deutetem" festhält - so ergibt sich doch in dem l\1aße, als
und Bildern, die er an ihre Stelle setzt. nur eine andere Form ihre selbständige ge dan kl ich e Grund! ornl, als die eigentliche
des Daseins und der Gebundenheit ein. 'Was den Geist von, der Kraft des Logos in ihr hervortritt, die immer bestimmtere Ab-
Fessel der Dinge zu befreien schien, das \vird ihm jetzt zu einer lösung. Gegenüber allem sonstigen bloß physischen Dasein und
neuen Fessel, die um so unzerreißbarer ist, als es hier keine bloß aller physischen VVirksamkeit tritt das \Vort als ein Eigenes und
physische, sondern selbst schon eine geistige Macht ist, deren Eigentünlliches, in seiner rein i d e eIl e n, in seiner "signifikativen"
Gewalt er erfährt. Aber ein solcher Zwang enthält freilich in Funktion heraus. Und zu einer neuen Stufe der "Ablösung"
sich selbst schon die immanente Bedingung seiner künftigen Auf- sehen wir uns sodann in der Kunst geführt. Auch hier gibt es
hebung; enthält die Möglichkeit eines geistigen Befreiungspro- nicht von Anfang an eine scharfe und klare Abgrenzung des
zesses, der sich im Fortschritt von der Stufe der magisch- ~,Ideellen" und des "Reellen". Dis Anfänge der bildenden
nlythischen Weltansicht zur eigentlich religiösen ~leltansicht Kunst reichen, wie es scheint, in eine Sphäre zurück, in der
tatsächlich vollzieht. Auch dieser Übergang ist dadurch bedingt, die Tätigkeit des Bildens selbst noch unmittelbar im magischen
daß der Geist sich zu der Welt der "Bilder" und "Zeichen" Vorstell ungskreis wurzelt und auf bestimmte magische Z w eck e
in ein neues freies Verhältnis setzt - daß er sie, indem er noch gerichtet ist, in der somit das Bild selbst noch keineswegs
unmittelbar in ihnen lebt und sie gebraucht, doch zugleich in selbständige, rein "ästhetische" Bedeutung hat. Dennoch
einer anderen \Veise als zuvor durchschaut und sich damit über wird schon in der ersten Regung eigentlich künstlerischer
sie erhebt. Gestaltung im Stufengang der geistigen Ausdrucksformen ein ganz
Und in noch weiterem Ausmaß und damit in gesteigerter neuer Anfang, ein neues "Prinzip" erreicht. Denn hier zuerst
Deutlichkeit steht die gleiche Dialektik dieses Grundverhältnisses, gewinnt die Bildwelt, die der Geist der bloßen Sach- und Dingwelt
dieser Bindung und Lösung, die der Geist durch seine eigenen gegenüberstellt, eine rein immanente Geltung und \Vahrheit.
selbstgeschaffenen BildweIten erfährt, vor uns, wenn wir 11ie1' den Sie zielt nicht auf ein anderes und venveist nicht auf ein anderes,
Mythos den anderen Gebieten des symbolischen Ausdrucks ver- sondern sie "ist" schlechthin und besteht in sich selbst. Aus der
gleichen. Auch für die Sprache besteht zunächst kein scharfer Sphäre der WirksaJnkeit~ in der das mythische Bewußtsein
Trennungsstrich, durch den das Wort und seine Bedeutung, der und aus der Sphäre der Bedeutung, in der das sprachliche
Sachgehalt der" Vorstellung" und der Gehalt des bloßen "Zeichens" Zeichen verharrt, sind Yvir nun in ein Gebiet versetzt, in dem
voneinander geschieden würden, sondern beides geht unmittelbar O'leichsam nur dieses reine "Sein", nur die ih:m eigene innmvohnende
<:)

ineinander ein und ineinander über. Die "nominalistische" An- \Vesenheit des Bildes als solchen ergriffen wird. Damit erst formt
sicht, für die die VVorte nur noch konventionelle Zeichen, bloße sich die Welt des Bildes zu einem in sich geschlossenen K,osmos,
flatus vocis sind, ist erst das Ergebnis einer späteren Reflexion, der in seinem eigenen Schwerpunkt ruht. Und nun erst vermag
nicht aber der Ausdruck des "natürlichen", des unmittelbaren auch der Geist zu ihr ein 'Nahrhaft freies Verhältnis zu finden.
Sprachbewußtseins. Für dieses gilt das ,;VVesen" des Dinges ün Die ästhetische Welt \vird, gemessen an den Maßstäben der ding-
Worte nicht nur als mittelbar bezeichnet, sondern es. ist in ihm lichen, der "realistischen" Ansicht, zu einer vVelt des "Scheines"; -
in irgendeiner VVeise enthalten und gegenwärtig. Im Sprach- aber ind€lll eben dieser Schein die Beziehung auf die unmittelbare
bewußtsein der "Primitiven" und im Sprachbewußtsein des Kindes Wirklichkeit, auf die ~~Velt des Daseins und des \Virkens, in der
läßt sich diese Stufe der vollen "Konkreszenz" von Namen und auch die magisch-mythische Anschauung sich bewegt, nunmehr
Sache noch in höchst prägnanten Beispielen aufweisen. Aber hinter sich läßt, schließt er damit einen ganz neuen Schritt zur
inl Fortgang der geistigen Entwickelung der Sprache setzt "Wahrheit" in sich. So stellt sich im Verhältnis des Mythos,
sich freilich auch hier die immer schärfere und bewußtere der Sprache und der Kunst, so sehl' ihre Gestaltungen in den
Trennung durch. Wenn die vVelt der Sprache, gleich der des konkreten geschichtlichen Erscheinungen unmittelbar ineinander-
?vlythos, in die sie noch gleichsam eingebettet, der sie un- greifen, doch ein bestimmter systematischer Stufengang, ein
mittelbar verhaftet erscheint, zunächst durchaus an del' Einer- ideeller Fortschritt dar, als dessen Ziel es sich bezeichnen läßt,
leiheit von vVort und VVesen, von "Bedeutendem" und n Be -· daß der Geist in seinen eigenen Bildungen, in seinen selbstge-
54 Zur ~Philosophie der Mythologie".

schaffenen Symbolen nicht nur ist und lebt, sondern daß er sie als
das, .. was. sie sin~t begreift. Auch diesem Problem gegenüber-
bewahrt sICh SO?ut, was Hege I als das durchgehende Thema der
"PhänomenologIe des Geistes" bezeichnet hat: das Ziel der Ent-
wicklung liegt darin, daß das geistige Sein nicht bloß als Substanz.
sondern ebensosehr als "Subjekt" aufgefaßt und ausgedrückt
werde. In dieser Hinsicht schließen sich die Probleme die aus
ei-?-er "Philosophie der Mythologie" herauswachsen, wi~der un-
m~ttelbar denen. an, die aus der Philosophie und der Logik der
Zur Systemidee in der Philosophie.
feInen Er kenntnIs erstehen. Denn auch die Wissenschaft scheidet Von
s~ch von ~en anderen Stufen geistigen Lebens nicht dadurch, daß Hans-Georg Gadamer.
SIe, statt Irg~ndwelcher Vermittelungen durch Zeichen und Sym-
bole zu bedurfen, nun der hüllenlosen Wahrheit, der Wahrheit Das Ziel der folgenden Erwägungen ist es, eInIges über die
der "Dinge an sich" gegenübersteht - sondern dadurch daß sie Rolle der Systemidee in der philosophischen Arbeit auszumachen.
die Symbole, die sie gebraucht, anders und tiefer als jen~ es ver-~ Insofern sind sie ein Beitrag zur Methodenfrage der Philosophie.
mögen, als solche weiß und hegreift. Da aber Anspruch und Leistung jeder Methode ihrem Rechte
nach begründet sind in der Eigenheit des Seins ihrer Gegenstände,
kann eine jede Orientierung in einer lVIethodenfrage allein durch
eine Untersuchung der Gegenstände gewonnen werden. Vollends
die Idee eines Syst e ms der Philosophie ist nur insoweit für die
philosophische Arbeitsweise von Belang, als die Struktur der
philosophischen Gegenstände eine systematische ist. Gewiß kann
die Systemkategorie auch unter Umständen als reine Methoden-
kategorie fungieren, d. h., keinen Anspruch auf gegenständliche
Geltung implizierend - dies überall da, wo von klassifizierender
Systematik, von Gliederung aus Rücksichten der Erkenntnis-
technik die Rede sein darf - in der Philosophie jedoch ist es das
Sein der Gegenstände, dem eine systematische Struktur zukommt,
und überall, wo es philosophische Systeme gab, war ihr Anspruch,
das System des Seins darzustellen. Wie der systematischen Struktur
der philosophischen Gegenstände der Weg ihrer Bearbeitung im
einzelnen zu genügen vermag, bleibt dabei zunächst noch ganz
offen. Vielleicht sogar ist nur der Aphorismus und das Paradox
imstande, das Ganze des Seins, mit dem es der Philosoph zu tun
hat, in seiner vollen Weite unverengt zu spiegeln. Aber selbst
dann noch, wie etwa bei Friedrich Schlegel, liegt in solchem Ver-
zicht auf die Systematik des Philosophierens die grundsätzliche
Anerkennung der Systemstruktur der philosophischen Gegenstände.
Es ließe sich nun die spezifische Eigenart der Systemstruktur
des philosophischen Gegenstandsfeldes als Ganzen sehr durch~
llichtig gegen Seiendes abheben, dem seinerseits eine spezifische
Systemstruktur eignet, etwa gegen das Systemsein des Organis-
56 Zur Systemidee in der Philosophie. Zur Systemidee In der Philosophie. 57

mus, oder der Persönlichkeit - odel' etwa des Kunstwerkes. in der philosophischen Haltung Prohleminteresse in ganz be-
~s ließe sich da~ei auch zeigen (was der Interessenrichtung dieser stimmter Eigenart führend. Das Fragen des natürlichen Lebens
Uberle~'ungen .hIer durchaus entgegenkäme), wie die Bestimmung treibt sich jmv"eils zu einer Antwort vor, die dem Bedarf des Lebens
der philosopluschen IVfethode durch den Systemcharakter der genügt, und kommt in ihr zur Ruhe. Ähnlich die Arbeit der 'Vissen-
philosophisc.hen Geg~nstandswelt eine ganz spezifische ist, kaum schaft : in der methodischen Bearbeitung der Probleme strebt
noch vergleichbar mit der durch die Systemstruktur der Persön- man diese ihrer Lösung zuzuführen, und mag auch immer ein
lichkeit oder des ästhetischen Gegenstandes bedingten Haltung ungelöster Rest zum Ausgang neuer Problemstellungen werden:
d.es ~'Ienschen gegenüber dieser Art Gegenstände. Hier sei jedoch nur ihr Sinn erfüllt sich in ihrer grundsätzlichen Auflösbarkeit. Anders
eIn .eInzelner Z~sammenhang, dessen Belang für die Aufklärung des in der Philosophie: hier ist es die objektive Fraglichkeit der Gegen-
SeIns. der ~hIlosophischen Gegenstände freilich nicht gering ist, stände, in deren Aufzeigung die Philosophie selbst allererst ihr
zurDlskusslOl1 gestellt: der Zusammenhang der System- Dasein findet. Nicht in der Lösung der Probleme, sondern in der
struktur der Philosophie mit ihrer Geschichtlichkeit Klärung und Präzisierung der Problemstellungen, im Aufweisen
genauer, es soll versucht werden, an der Geschichtlichkeit de; der sachlichen Grundlagen, die Sinn und Gehalt der Probleme
Philosophie zu zeigen, wie und in welchem Sinne mit dem System- bestimmen, also im Grunde in ihrer ausbildenden Verschärfung
eharaktel' der philosophischen Gegenstände und ihrer Seinsweise scheint hier die wesentliche Arbeit zu' bestehen. Liegt in der
die Methode der Philosophie selbst ihren Möglichkeiten nach Wissenschaft sonst der Sinn und das Recht einer ProbleInsteIlung
durchsichtig "wird. Daß Geschichte der Philosophie nicht einfach in ihrer Fruchtbarkeit, d. h. in ihrem Werte für die weitere Er-
Geschichte einer "\i'\/issenschaft ist. \vie etwa Geschichte der Mathe- forschung des betreffenden Sachgebietes, so scheint sich das
matik, sondern selbst Philosophi~ ist, ist von jeher beachtet und philosophische Problem dagegen unberührt von solcher heuri-
durch die wissenschaftliche Tat befestigt worden. Ebenso ist stischen Rücksicht aus eigener Kraft in seiner unaus\veichlichen
es klar, daß Philosophiegeschichte wenig vergleichbar ist etwa Aufgegebenheit zu behaupten. Allein in seiner Notwendigkeit~
mit Literaturgeschichte oder mit Verfassungsgeschiehte, denn im Hindrängen des ersten, noch unbestimmten philosophischen
~in . Verst.ehen ,:"ergangener Philosophen und ihrer Philosophie Fragens und Forschens auf diese Probleme, liegt ihr Recht. Sofern
1st Im phIlosophIschen Sinne nur möglich und nur gefordert für nun die Präzisierung und Prägnanz der Problemstellung in der
einen Philosophen, der selbst in der Spannung einer eigenen Aus- Konsequenz des philosophischen Fragens liegt und damit die
einandersetzung mit den Sachen lebt. Gegenüber dem Historismus philosophische Haltung selbst zu ihrer höchsten Schärfe gesteigert
und der psychologisch-biographischen Auffassung aller Geschichte ist, erweist sich gerade der Problemcharakter als die spezifische
im 19. J aluhundert war es die Leistung der Marburger Schule Seinsweise der philosophischen Gegenstände. In der Unlösbarkeit
vor allem, der Philosophie ihre Geschichte als ihr eigenes und der Probleme - sofern sie eine grundsätzliche, in den Sachen
wesentliches Thema wiedergegeben zu haben. Ob und wie weit selbst. motivierte ist - bekundet sich ihre philo sophische Valenz.
die geschichtsphilosophische Basis der !vfarburger Schule aus- Soll hier überhaupt noch von Lösung der Probleme die Rede sein,
rei.cht, .um ger~de a~ls d~m Anderssein philosophischer Vergangen~ so jedenfaUs in einem ganz neuen Sinne: Die Entfaltung des
h~It .,dIe Mögl~chkeIt eIner p~Posophischen Auseinandersetzung sachlichen Gehaltes eines Problems, gleichbedeutend damit der
mIt 1111' zu geWInnen, muß die Uherlegung lehren, wie Philosophie Erweis seiner im Gegenständlichen begründeten Notwendigkeit,
überhaupt da ist und was ihre Geschichtlichkeit in der Weise begrenzt den Kreis von Aufgaben, den ein philosophisches Problem
ihres Daseins ausmacht. "seinem Ursinne nach allein der Forschung stellen kann. Der Satz 1
Üh~rall in der Geschichte sind die philosophischen Gegen- daß ein richtig gestelltes Problem die Antwort besti mInt , ist also
stände In Problemen da. Treibende Kraft der philosophischen in der Philosophie dahin zu verschärfen, daß hier in der Richtigkeit
Forschung
.
ist Probleminteresse. Das freilich bO'ilt in bO'ewisser der Problemstellung selbst jede zu beanspruchende Lösung besteht.
'iVeIse von aller wissenschaftlichen Forschung. Selbst in der Gerade in solchem Aushalten des Problems in seiner Unentscheid-
natürlichen Welt erfahrung liegt eine Erkenntnisspannung, die barkeit und offenen UngeV\rißheit liegt das Wesentliche der philo~
aus der Fraglichkeit der 'iVeltinhalte entspringt. Indessen ist sophischen Haltung.
58 Zur Systemidee in der Philosophie. Zur Systernidee in der Philosophie. 59

Was aber heißt Richtigkeit der Problemstellung? Hat die· der Probleme in eigener Forschung ist zugleich Entbindung der
Rede von falschgestellten Fragen, die für die Methodologie des in der Geschichte noch umschlossen und keimhaft verhüllt auf-
Neukantianismus so charakteristisch ist, überhaupt ein Recht? tretenden Tendenzen. Der Klassiker solcher philosophischen
Oder liegt hierin immer und überall eine unberechtigte Abweisung Auswertung der Geschichte der Philosophie ist He gel. Zwar
von Problemen? Ist es immer - und kann es nur sein - die scheint es zunächst, als gäbe es auch in der Antike eine ähnliche
Rücksicht auf einen vo'rgefaßten systematischen Standpunkt, Einstellung zur philosophischen Vergangenheit, in des Aristoteles
also die philosophische Tragweite der Probleme· im Dienste eines. teleologisch deutender Rückschau auf die Arbeit seiner Vorgänger.
bestimmten im voraus gewissen Systemgedankens, die übel' Trotzdem liegt in der antiken Philosophie die Sache wesentlich
ihre Berechtigung entscheidet? Ist es so, dann' ist der kritische anders. Denn die Tradition des philosophischen Forschens, in
Vorbehalt gegenüber solcher Abweisung von Problemen durchaus der sich Aristoteles stehen sah, war von einer Gediegenheit, die
an1 Platze, dann ist es oberste Pflicht der philosophischen For- Grundhaltung dem Dasein gegenüber von einer bindenden Gemein-
schung, allen Problemen Rechnung zu tragen, es mit allen auf- samkeit, die es rechtfertigen, eine wirkliche Selbigkeit der Probleme
zunehmen. Denn Probleme rein um gewisser systematischer für die historische Kritik vorauszusetzen. Ganz anders dagegen
Konsequenzen willen abweisen, heißt, die offene U ngewißheit ist die historische Situation Hegels. Sucht er im bunten Wechsel
nicht aushalten können, die die Würde der philosophischen HaltunK der vergangenen Welten eine eindeutige teleologische Hinführung
ausmacht, und ist Verfall an eine zu billige Sicherheit. zu seiner eigenen Gegenwart zu finden, so ist das nicht mehr als
Nun läßt sich aber mit der Rede von falsch gestellten Pro- ein Versuch, im Beginn einer auseinanderberstenden Welt sich
blemen abseits von allen systematischen Vorurteilen ein glJter selbst eine Tradition zu geben, deren letzte Kraft in Wahrheit
Sinn verbinden. Die Aufweisung des sachlichen Gehaltes eines schon erschöpft war. - Wenn die Probleme ein Eigenleben
in bestimmter Fassung vorliegenden Problems kann das Problem besitzen, kraft der in ihnen waltenden objektiven Gesetzlichkeit
selbst in Nichts verschwinden machen. Nicht überall, wo Probleme in sich identisch die Brücke schlagen von Zeitalter zu Zeitalter,
aufgeworfen werden, braucht diesen Problemstellungen eine dann muß es möglich sein, diese Gesetzlichkeit als spezifischen
objektive Problematik der Sachen zugrunde zu liegen. Es giht Besitz einer in sich gegrenzten philosophischen Sphäre heraus-
auch Scheinprobleme. Da nun jede Formulierung von Problemen zustellen. Nach dieser Richtung ist die Hegeische KonstruktioI.I
aus den Sachen ausschneidet, Akzente setzt und eine bestimmte der Geschichte der Philosophie gegangen. Im Schema der Anti~
Auswertung vorbereitet, liegt in ihr bereits ein bestimmtes Vor- thetik, die sich in dritter Phase in eine Synthese aufhebt 1 die selbst
urt,eil über die Sache und eine spezifische Verantwortlichkeit; wieder eine neue Antithese aus sich hervortreibt, glaubt Hegel
d. h. es besteht die grundsätzliche Möglichkeit, daß die Sache die formale Struktur der Grundgesetzlichkeit der Philosophie
gar nicht, wie sie ist, in das Problem eingegangen ist: jedes auf- und ihrer Geschichte gefunden zu haben. Daß zwischen diesem
geworfene Problem kann auch ein Scheinpr.oblem, d. h. der geschichtlichen Werden der Philosophie und der objektiven gegen-
beanspruchten Sachhaltigkeit bar sein. Der Rede von falsch ständlichen Struktur "des" Systems eine absolute Identität
gestellten Problemen kann also ein guter Sinn zukommen. besteht, daß in beiden Dimensionen die Selbstbewegung der Idee
Daß aber weder die Problemabweisung, die aus der Vonveg- zum Absoluten hin sich ausprägt, diese metaphysische These
nahme einer systematischen Konzeption herrührt, noch die kritische ist es freilich, die für Hegel die Basis für seine Gesamteinstellung
Gegentendenz zur Aufnahme aller Probleme die skizzierte Fehl- zur Geschichte der Philosophie hergibt. Indessen muß es möglich
möglichkeit in der Problemfassung eigentlich im Auge haben, sein, die Struktur des geschichtlichen Ganges der Philosophie
läßt sich aus ihrer übereinstimmenden Stellung zum Wesen deI" auch unabhängig von solcher metaphysischen Unterbauung unter
Geschichte der Philosophie sehen. Sie arbeiten beide aus dem dem gekennzeichneten Gesichtspunkt zu sehen. Wesentlich für
Bewußtsein der Beständigkeit und geschichtlichen Kontinuität solche Einschätzung der philosophischen Vergangenheit ist jeden-
der Probleme. Alle philosophische Forschung ist hier Arbeit an falls ein über alle Verschlingungen und Versandungen der gedank-
solchem überzeitlichen Problembestande, der in der Geschichte lichen Strömungen hinüberreichendes Fortschrittsbewußtsein. In
mit mehr oder minder großer Prägnanz erfaßt ist. Die Bearbeitung unserer Arbeit stehen wir auf den Schultern unserer Vorgänger.
60 Zur Systemidee in der Philosophie. Zur Systemidee in der PhilOSOPhie. 61

Der Stand der philosophischen Problemforschung~ zu dem es keit genügt, um eine positive Auswertung der Geschichte zu
unsere Vergangenheit brachte, hebt noch den Epigonen von heute ermöglichen.
über den Meister von gestern hinaus. Mag auch in der HegeIschen Aber was heißt hier prinzipielle Sichtbarkeit? Es ist ein
Konstruktion des Verlaufs der Philosophiegeschichte eine Über- dem ~esen des, Ge~c.hichtlichen gegenüber höchst fragwürdiges
schärfung der in ihr 'waltenden gesetzlichen Strenge liegen, mag VerweIsen des JevveIhgen Gesehenwerdenkönnens der Problem-
der ganze Umkreis metaphysischer Thesen nur zum kleinsten be~tän~e in die Zufälligkeit und philosophische Bedeutungs-
Teile als unverlierbarer Besitz der philosophischen Forschung loslgkelt, das aus solcher Einstellung spricht.
durch die Geschichte hindurchgehen: im Rhythmus der Ver- In der konkreten philosophiegeschichtlichen Arbeit wird e8
gänglichkeiten wird sich der Ausschnitt des endgültig sichtbar allerorten deutlich, daß damit nicht durchzukommen ist. In
Gemachten stetig erweitern und damit das philosophische Pro- Platonische Probleme etwa einfach die ProhlemforschunO' unserer
blemgut zunehmender Klärung und Bestimmtheit entgegenreifen. Tage hinei:ndeuten, heißt, von vornherein auf die Auss~höpfung
Gegen eine solche Auffassung seien die folgenden Erwägungen der platomschen Gehalte verzichten und Plato zum undifferen-
geltend gemacht: Was verbürgt, daß einmal sichtbar gewordene zierten Vorläufer der Gegenwart machen. So richtig es' ist, daß
Tatbestände und die hieraus resultierende Klärung der Problem- für unser heutiges philosophisches Denken manches Problem- und
stellung wirklich aller Folgezeit erhalten bleiben? Lehrt nicht manches Begriffspaar sehr weit auseinandergetreten sind, die bei
die Geschichte, daß Einsichten in einst zu unvergleichlicher Plato aufs engste verbunden sind durch die gemeinsame Nähe
Klarheit erhobene Sachverhalte anderen Zeiten rettungslos ver- zu einem einheitlichen Sachverhalt, so sicher ist es auch, daß
schlossen sind? Wie vieles von griechischen Problemen etwa eben diese Nähe für platonisches Denken Ursprung und Ausdruck
scheint uns heute bis zur völligen Unverständlichkeit ent- eigener Probleme und. eines eigentümlichen Gehaltes ist, die eben
schwunden, einfach, weil der Kreis der unsere Gegenwart be- diese Nähe schuf oder sehen lehrte, Probleme, die nur von hier aus
stimmenden Daseinsinhalte ein fundamental anderer ist, als der sichtbar sind und aus den auseinandertreibenden Reihen neu-
griechische? Und doch soll die Antike im selben Sinne Lehr- zeitlicher Begriffsentwickelung niemals in gleicher Ursprünglichkeit
lueisterin der Philosophie unserer Tage sein, wie Kant oder Hegel ? gewonnen werden können. Ist dieser Tatbestand etwa durch die
Angesichts dieses eindeutigen Gegenzeugnisses der Geschichte Zufälligkeit der geschichtlichen Lage Platos bedingt, und ist es
kann von der Ewigkeit der Probleme gar nicht die Rede sein, nicht vielmehr erst die praktische Anerkennung dieses Tatbestandes}
wenn die Probleme, wie sie in der Geschichte der Philosophie von der aus der philosophische Gehalt Platos erschließbar 'tvird?
formuliert sind, damit gemeint sind; vielmehr liegt hier eine Was sollte auch die Gegenwart, die nicht minder "geschichtlich" ist,
Objektivierung des Problembegriffs vor: das, was in den geschicht- als alle Vergangenheit, hierin vor der Vergangenheit voraushaben?
lichen Problemen formuliert ist, sei seinem gegenständlichen Eine prinzipielle Sichtbarkeit von Problemen, die von der
Gehalt nach identisch: alle Formulierungen der Geschichte Geschichtlichkeit des Sehenden unabhängig wäre, wäre eine
sind Versuche, dieses Identische zu fassen: sie können es verfehlen Sichtbarkeit und ein Problem für niemand. Probleme, die nie-
sie können ihm in verschiedenem Grade gerecht werden - jeden~ mandem aufgegeben wären, vor die sich keine geschichtliche
falls aber sind sie bezogen auf einen identischen Problembestand. Situation gestellt sähe, wären keine Probleme. Denn das ist die
der mit der Struktur der Sache selbst verhaftet ist. Wen~ Grundbestimmung des Problems, zu sein als ein je-
also die eigene Gegenwart an diesen allzeit identischen Pro- weils aktual aufgegebenes. Daß einem selbst geschichtlich
blembeständen und ihrer Erfassung arbeitet, ist sie ganz im bestimmten Denker all e Probleme, die die Geschichte kennt,
Recht, wenn sie die Schranke des metaphysischen Interesses, aufgegeben wären, widerspräche schlechtweg dem Sinne des
in dem die Philosophen der Vergangenheit die Probleme sahen, geschichtlichen Sei HS der Philosophie. Denn Philosophie ist
zerbricht und auf die positive Problemforschung bei ihnen allein nicht etwas, das von irgendwoher in das Dasein hineinkäme,
ihr Augenmerk richtet, so wie es in die eigene Forschung fördernd sondern sie ist seinsmäßig verwurzelt im Dasein des Menschen
eingreift. Kein Zweifel zwar, daß nicht in jeder Zeit die Problem- selbst. Das Ganze der jeweiligen VVelterfahrung gibt überall,
hestände gleich sichtbar sind, aber ihre prinzipielle Sichtbar- wo Philosophis ist, dei} eigent.lichen sachlichen Boden. VVar-
62 Zm' Systemidee in der Philosophie. Zur Systemidee in der Philosophie. 63
zum Problem wird und überhaupt werden kann, ist immer von ·eigenen Prohlemlage in der Vergangenheit Bestätigung und Be-
dieser Daseinserfahrung her einheitlich bestimmt. Unbeschade\ stärkung zu suchen, wäre dem Schein der geschichtlichen Konti-
also der realen Identität der Welt und des Daseins in ihr nuität der Probleme (die in Wahrheit nur in engen Grenzen
ist der Gehalt der Probleme, in denen sich diese 1Nelt dem zeitlicher und geistiger Gemeinsamkeit Geltung hat) zu begegnen.
philosophierenden Menschen gibt, jeweils neu. Es zielt an der Das Bewußtsein, an denselben Problemen zu arbeiten, wie alle
Seinsweise des Problems vorbei, wenn man den Problembestand vergangenen Zeiten auch, ist eine Selbsttäuschung aus Mangel
oder -gehalt als ewigen und absoluten von der Wandelbarkeit an ursprünglicher Auseinandersetzung mit den Sach.en und aus
der Problemstellungen und -fassungen im Gange der Geschichte dem Fehlen wirklicher Fühlung mit der Geschichte.
abhebt. Denn Problems ein heißt: in bestimmt formulierter Daß die Stellungnahme, die hinter einer solchen Kritik der
"Teise fraglich sein. Mögen auch verschiedene Grade der Durch- ~Methodik der Problemgeschichte liegt, nicht dahin geht, um der
sichtigkeit in der Formulierung eines Problems erreichbar sein: Unantastbarkeit alles Geschichtlich-Einmaligen willen die Philo-
die Formulierung eines Problems ist selbst bedingt durch den sophie von ihrer Geschichte zu lösen, sondern im Gegenteil: ihr
Gesichtspunkt, von dem aus die Sache gesehen wird, Problem- eine wirklich philosophische Auseinandersetzung mit ihrer Ge-
formulierung und Problemgehalt sind beide abhängig· von der schichte zu ermöglichen, dürfte nicht mißverstanden werden.
jeweilig anderen Grundhaltung gegenüber dem Dasein. Eine nur Aber nicht alles, was überhaupt jemals mit echtem Sinn für die
der Philosophie gehörige, in sich selbst bestimmte Sphäre ablösen Fraglichkeit des Daseins gedacht wurde, ist mögliches Objekt
zu wollen, um eine in ihr waltende Eigengesetzlichkeit heraus- ·einer solchen Auseinandersetzung. Auch in der Geschichte der
zuarbeiten, ist ein Beginnen, das dem Gehalt der Philosophie Philosophie ist wirkliches geschichtliches Verstehen nur dort möO'-
nicht gerecht werden kann. Die Objektivierung des Problems lieh, wo der Beziehung zum Vergangenen Seinsge",icht z~­
zu einem überzeitlichen, identischen Bestande erweist sich für kommt. Wo das Vergangene wirklich lebendiges Glied in dereigenen
die Methodik der Philosophiegeschiehte nicht als tragfähig Gegenwart ist, dort gibt es Verstehen vergangener Philosophie.
(wenigstens, sofern sie nicht durch eine streng gediegene Tradition Diese kritische Einschränkung ist aber zu machen, daß es primär
gestützt wird). Das Problenl verliert damit aber nichts von seiner gar nicht die Probleme sind, die sich überliefern. Das ist eine
eigentlich philosophischen Objektivität und Absolutheit, daß es ganz sekundäre und unrichtige Charakteristik, wenn die Geschichte
ein einmalig aufgegebenes ist. Auch als selbst immer wieder neu der Philosophie als die Geschichte der Verwaltung eines (ewigen)
zu erschütternde Ansetzung der Frage an das Dasein ist es objektiv, Problemgutes bezeichnet wird. Erst dort gibt es vielmehr - und
ja, in eigentlicherer Weise als bei "problemgeschichtlicher" Ein- kann es nur geben - so etwas wie eine Identität der Probleme,
stellung, denn der Fragende selbst und die Bedingungen seines wo die gleiche Grunderfahrung und die gleiche Grundauffassung
geschiehtlichen Seins sind für den Gehalt der Frage mitentscheidend. des Daseins vorliegen, d. h. wo es geistige Tradition gibt. Echte
Relativistisch würde eine solche Auffassung erst durch das Vor- Tradition ist aber nicht dort, wo jemand ein (seinshaft O'anz un-
urteil (das mit dem am Gegenstandscharakter der N aturwissen- verbindliches) Bewußtsein der Tatsache hat, daß andere °vor ihm
schaft gewonnenen Begriffe von Objektivität zusammenzuhängen über ähnliche Dinge in ähnlicher Weise philosophiert haben 1
scheint), als wäre das geschichtliche Dasein des Menschen eine sondern dort, wo die Beladenheit des eigenen Daseins mit Geschichte
Zufälligkeit, von der die Philosophie abzusehen gehalten wäre. zur bestimmenden Macht für die Selbstauslegung dieses Daseins
Der Auffassung der Geschichte der Philosophie, die sich in wird. Nicht dort liegen (im wesentlichen Verstande) die gleichen
der Idee der Problemgeschichte ausprägt, wäre also stets entgegen- Probleme vor, wo in angeblichem -geschichtlichem Selbstbewußt-
zuhalten, daß alle Vergangenheit ein aus sich selbst bestimmtes sein die gleichen Worte und Begriffe im Gebrauch sind, sondern
Eigenleben besäße, in sich ruhend, und in der Beziehung auf dort, wo (selbst bei gänzlich verschiedener Begriffssprache ) die
die Gegenwart eher eine Versuchung für den heutigen, die Not Art, die Sachen zu sehen und forschend an sie heranzutreten~
eigenen Fragens umzudeuten in die Beruhigtheit des schon Da- die gleiche ist. Es kann also gar keine Geschichte einzelner Pro-
gewesenen, als eine unmittelbare Förderung in der eigenen Arbeit. bleme geben, die nicht völlig orientiert wäre an der Einsicht in
Ivfit der Abwehr der Tendenz, für das Recht und die Aufgabe der die Geschichte des Geistes überhaupt und die nicht zugleich dieser
64 Zm Systemidee in der Philosophie. Zur Systemidee in der Philosophie. 65
Einsicht selbst wieder diente. Nur, wo in methodischer Bewußtheit wenn die Deduktion des Ganzen aus der einen metaphysischen
oder kraft historischen Instinktes, Philosophie in ihrer Gebunden- Idee nicht ausdrücklich beansprucht wird. Mit der einen,
heit in das Ganze des menschlichen Daseins und seiner Geschichte schlagartigen Zerreißung der Problemhaftigkeit des Grund-
anschaulich ist, kann es gelingen, eine der Philosophie eigene problems wird eben notwendig für alle anderen Probleme die
Gesetzlichkeit (die dann freilich mehr wäre als nur Gesetzlichkeit Geltung der beherrschenden metaphysischen These gefordert.
der Philosophie) herauszuarbeiten. Nur wo das einzelne ProblelIl Darum ist es klar, daß das Recht dieses Anspruchs daran hängt,
als in sich unselbständiges, lediglich in dem Ganzen einer Ein-, ob der im Ausgangsproblem erfaßte Sachverhalt wirklich eine
stellung zum Dasein in seiner Sachhaltigkeit bestimmtes Nloment, so zentrale Stellung besitzt, daß die an ihm gewonnene meta-
nur, wo es wahrhaft systematisch angesetzt und verstanden physische Annahme die Lösung aller weiteren Probleme in strenger
,vird, kann es Geschichte eInes Problems geben. Folgerichtigkeit ergibt.
Eine besondere Form dieses Systemtypus darf man in der
* * * Hegeischen Philosophie erblicken. In ihr ist dieser Typus zu
einem Höchstmaß von Sachhaltigkeit gesteigert, zugleich damit
Dem Bemühen, der Geschichtlichkeit des Seins der Philosophie aber auch die Bedenklichkeit des ganzen Anspruchs in das hellste
und ihrer Probleme Rechnung zu tragen, stellt sich von selbst Licht getreten. Bei Hegel ist es nicht mehr ein relativ enger Kom-
die Aufgabe, sich an der systematischen Struktur der Gegen- plex von Problemen, aus dem der metaphysische Kerngedanke
ständlichkeiten zu orientieren. Einem isoliert genommenen ProblelTI des Systems geschöpft ist: der Standpunkt der Reflexion, der in
seinen Sachgehalt abgewinnen zu wollen, geht nicht an. Jedes Hegels Philosophie zum Bewußtsein seiner selbst durchgedrungen
Problem ist aus dem Ganzen des systematischen Zusammenhanges ist, bedeutet vielmehr eine grundsätzlich neue Einstellung zu den
der Sache bestimmt. Entscheidend ist daher, wie dieser syste- Problemen oder besser: dem Gegenstande der Philosophie über-
matische Sachzusammenhang jeweils in die Problemstellungen haupt. Gewiß bedingt der idealistische Standpunkt Hegels eine
eingeht, mithin, \V1e er in der philosophischen Arbeit aktualisiert gewisse Bevorzugung logischer Probleme, aber wenn man bei ihm
ist. Zugleich \vird an den verschiedenen Forrnen, in denen die von "Panlogismus" gesprochen hat, so betrifft dies doch
Systemidee in der Geschichte der Philosophie lebendig ist, aus- mehr die immanente systematische Deutungsforderung seiner
zumachen sein, wie dieselben aus der systematischen Struktur Kategorienlehre, als die inhaltliche Analyse der Kategorien
der philosophischen Gegenstände zu rechtfertigen sind. selbst. Wenngleich das Eine in das Andere ständig hineinspielt -
An Glanz durchsichtiger Geschlossenheit stehen die System- die vVeise der Aufnahme der Inhalte ist grundsätzlich überall
bilder, die die neuzeitliche Philosophie entworfen hat, obenan. die gleiche. Wenn die Naturphilosophie bei Hegel einer besonders
Bei aller inhaltlichen Differenz, die oft genug bis zur bewußten stiefmütterlichen Behandlung anheimgefallen ist, so ist auch dies
Gegensätzlichkeit gesteigert ist, ist ihnen die formale Struktur noch mehr eine Folge seiner an den logischen Kategorien ausge-
gemeinsam: An einem einzigen Problem (oder, an der Gesalntheit bildeten Methode und einer mangelnden inneren Fühlung mit den
der jeweils bedrängenden Probleme gemessen, an einem relativ Problemen der Natur, als eine Konsequenz aus der Enge seiner
beschränkten Problemkomplex) wird der einheitliche Gesichts- systematischen Auffassungsmöglichkeiten. Immerhin liegt ein
punkt für die Bearbeitung auch aller anderen Probleme gewonnen. grundsätzlich Gleiches vor, das es deutlich macht~ daß Hegel
Die metaphysische Idee, die, um auf dieses Problem Antwort nur der Vollender der oben skizzierten Idee einer philosophischen
zu geben, angenommen wird, wird vereinheitlichend für das Ganze Systematik ist: die Idee des Systemganzen ist gewiß vor der
als gültig beansprucht. Der eigentliche Wahrheitspunkt eines Einzelarbeit und bestimmt deren Forschungstendenzen. Der
solchen Weltbildes liegt also im Ausgangsproblem. Der in ihm, jeweilige Tatbestand wird auch hier nicht entsprechend den in
formulierte Sachgehalt wird in bestimmter Vveise gedeutet, ihm liegenden Auffassungsforderungen bearbeitet, sondern kraft
und im Lichte dieser Deutung steht von vornherein die Aufnahme eines allgemeinen methodischen Prinzips, das die Struktur der
des ganzen gegenständlichen Bereichs der Philosophie. Ein solches Inhalte vorausbestimmt. Nur, daß diese erste Antizipation sonst
systematisches \Veltbild ist also grundsätzlich deduktiv, aueh meist ohne ausdrückliche Rechtfertigung auftritt - metaphysische
Natorp-Festschrift. 5
66 Zur Systemidee in der Philosophie. Zur Systemidee in der Philosophie. 67

Systemtendenzen wurzeln eben in ganz anderen Motivations- Auffassungsforderung der Sachen verneinen und sich damit der
zusammenhängen noch, als in der Analyse der Probleme - Hegel Möglichkeit der Erfassung der Tatbestände begeben, wenn man
dagegen nimmt diese Rechtfertigung auf sich: Die Methode der sich ihnen nicht ohne Vorbehalt und ohne jede Rücksicht auf
Dialektik sei garnichts anderes als die Struktur der Sache selbst. Konsequenzen für das Ganze und die Systembildung hingibt und
Nur in einer reflexiven Kategorialanalyse des Ganzen, in der sich den Problemen, wie sie von den Sachzusammenhängen auf-
Dialektik der entfalteten Momente des Konkreten, stellt sich der .gegeben werden, offen hält, ohne deutungsmäßig darum bekümmert
ontologische Aufbau der philosophischen Gegenstandswelt her. zu sein, wohin sie einen hinausführen. Einem Inhalt auf Grund
Nun bleibt aber das individuell-konkrete Daseiende not- eines in ihm vorherrschenden kategorialen :Momentes seine Stelle
wendig außerhalb einer solchen Deduktion aus dem Begriffe des
konkreten Seins, wie außerhalb einer jeden Deduktion aus einem
metaphysisch-inhaltlichen Prinzip. Denn keine Kategorie des
I im System geben, heißt weder aufklären, was diese Sache ist,
noch, was die in ihr ausgeprägte Seinsbestimmung ist. Alles
Besondere, Einzelne lebte so nur von Gnaden eines Systems,
Seins ist zu gewinnen aus allgemeinen kategorialen Zusammen- dessen Recht selbst erst begründet läge in Einzelanalysen seiner
hängen, die eine Deduktion entlangschritte, sondern lediglich Inhalte, deren Möglichkeit durch die systematische Rücksicht
im Rückgang auf ihr Vorkommen, ihr Darinsein im konkret Da- gerade verbaut ist.
seienden selbst. Am Problem des Individuellen scheitert der Gerade um der Sache willen ist es also nahegelegt, gegen
HegeIsche Anspruch. Aus der I dee des konkreten Individuellen diese Form systematischen Philosophierens das Eigenrecht der
reflexiv-dialektisch das Ganze seiner Bestimmungen entfalten, philosophischen Probleme geltend zu machen. Denn wollen die
heißt, das Konkrete gar nicht in seiner Individualität nehmen, Probleme wirklich sachhaltig sein, d. h. keine andere Bestimmung
d. h. aber, es gar nicht wahrhaft nehmen. In der dialektischen haben, als, den sachlichen Strukturen unbedingt zu folgen, dann
Selbstbewegung des Begriffs ist nirgends ein Konkretes selbst da, ist das Systembild von vornherein als von ihn e n abhängig bestimmt.
sondern lediglich ein spezifisches Moment des jeweils Konkreten Einander widerstreitende Problemtendenzen sind dann gerade
in seinem Hervorgang und seiner Selbstaufhebung. Überall also, .aus sachlichem Interesse beide voll aufzunehmen. Zeigt es sich
wo das Prinzip einer allgemeinen Systematik der methodisch- bei ihrer weiteren Ausbildung, daß sie einer einheitlichen Sachlage
ausdrückliche Leitfaden der Kategorienforschung ist, wird der zustreben, dann rückt die Möglichkeit näher, systematische Konse-
notwendige Boden einer solchen Forschung verleugnet; und die quenzen aus ihrer Untersuchung herzuleiten. Wenn sie einander
wahrhaft rechtmäßige Abhebung kategorialer Bestimmungen aus aber unaufhebbar widerstreiten, dann ist nicht die eine von ihnen
dem ko.nkreten Sein, die in aller Philosophie vorliegt, die über- (oder gar beide) dem Systembilde zu opfern, sondern umgekehrt
haupt sachhaltig ist, wird von dem systematischen Anspruch das Systembild ihnen und der Anerkennung der Sachverhalte,
solcher Methode aus gerade als unrechtmäßige Erschleichung von aus denen sie bestimmt sind. Nimmt man nun die in der Geschichte
Inhalten auszustellen sein. Dem inneren Selbst\viderspruch dieser ausgebildeten Probleme auf, so ist es in der Tat so, daß es solche
systematisch orientierten Methodik entspricht ihre Leistungs- auseinanderstrebende Problemreihen gibt, in denen die Problem-
fähigkeit: sofern sie ihrem eigenen Anspruch Genüge tut, sofern haftigkeit der Gegenstände gleichsam aufs höchste verdichtet ist.
tut sie den Sachen notwendig Gewalt an. Daran kann kein Zweifel Der einzige sachlich zu rechtfertigende Sinn, den ein philosophisches
mehr sein: auch das Philosophieren aus dem umfassendsten System- System noch haben kann, ist dann, ein System von Problemen
gedanken noch (den man in der Hegeischen Philosophie nach zu sein, das· gerade die Mannigfaltigkeit der widerstreitenden
bestimmter Seite hin ausgebildet erblicken darf) krankt an dem Problemtendenzen um der Fülle der Sache willen begreift. System-
Grund übel, in der Analyse nicht von den konkret-anschaulichen bildung ist dann nicht mehr das erste und auszeichnende Wagnis
Tatbeständen selbst seinen Ausgang zu nehmen und deshalb der Philosophie, keine grundlegende Antizipation von überlegenem
selbst bei schärfster Folgerichtigkeit des Denkens nicht zu ihrem metaphysischem Gewichte mehr, sondern im Fortgang der
vollen Gehalt durchdringen zu können. Die Konsequenz einer philosophischen Arbeit an der Hand der Probleme stellt sich das
antizi pierten Systemidee gerät eben notwendig in Konflikt mit System von selbst her, wenn auch nie so, daß es jemals in voll-
der Eigenstruktur der Sachen. Denn es heißt, ,die immanente ,endetel' Ganzheit dastünde. Seiner Idee nach, als Darstellung
5*
Zur Systemidee in der Philosophie.
Zur Systemidee in der Philosophie. 69
68
zurückzugreifen auf die über den Problembegriff angestellten
des natürlichen Zusammenhangs der Sachen in den Problemen~
Überlegungen. Wenn es so wäre (was hier angefochten wurde),
ist das philosophische System nicht der Ausgang, als das Erste,
daß die Probleme in ewiger Idealität verharren und von vorn-
das entworfen werden muß, sondern im Gegenteil das Allerletzte,
herein nur diese Alternative besteht, ob man sie (und in ihnen
das auf der ganzen Einzelarbeit bereits fußt. Der Tenor in der
die Sache) überhaupt sieht oder nicht, dann ergäbe die an allen
konkreten Problemforschung muß also sein, aller vorschnellen
geschichtlichen Behandl ung~m ~er ~r.obleme geschulte eig:ne Pro-
Abrundung der Forschungsergebnisse zu einem einheitlichen
blemforschung den für dIe JeweIlIge Gegenwart erreIChbaren
Systeme \Viderstand zu leisten, um sich der jeweiligen Problemlage
Höchststand in der Arbeit an den Sachen, und der Zusammen-
wirklich offen zu halten.
hang der Probleme umschriebe im weiten Kreise eindeutig d~s
Doch behält die Systemidee auch hier noch eine gevvisse
möO'liche Sachgebiet der Philosophie. Ist es dagegen so, WIe
erkenntnistechnische Funktion innerhalb der Forschung. Denn
hie; darzutun versucht wurde, daß man aus der Geschichte mit
die jeweiligen Ergebnisse der Einzelerforschung der Pro.blerne
dem überlieferten Text nicht einfach den philosophischen Sach-
werden nachher gleichwohl miteinander konfrontiert, um In der
gehalt empfängt, daß es vielmehr eine besondere un~ oft g~r
Abwägung ihrer systematischen Konsequenzen über die Sach-
nicht erfüllbare Aufgabe ist, sich des Sachgehaltes eInes phI-
lage selbst Aufschluß zu geben. Wenn ~uch die einzelne Prob!em-
losophischen Problems der Geschichte zu bemächtigen, da ~s
analyse sich von Systemrücksichten freIzuhalten strebt, um Ihres
dazu die besondere Einstellung zu gewinnen gilt, von der dIe
Gegenstandes in seiner wir klichen Gehal~füll~ ~abhaft. zu :verden,
Sachhaltigkeit der Probleme vorausbestimmt ist, - dann ist
so besteht doch diese letzte Tendenz, eIn MUllmum SICh In allen
auch für die eigene Forschung ,,das Wagnis nicht erst die Heraus-
Einzelfällen bewahrheitender metaphysischer Thesen aus ihnen
arbeitung von durch die eigene ~roblemlaß'e geforderten ~eta­
herauszuheben. Das heißt aber: das Forschen hält sich in einer
physischen Annahmen, sondern es ~legt um eIne ganze Stufe :tIefer:
beständigen Spannung zwischen der unbedingten Hingabe an
erst im Rückgang auf die sachhchen Grundlager;t der elgen~n
das Einzelne und dem Hinblick auf das sich ergebende Gesamt-
Probleme stellt sich die Möglichkeit ihrer BearbeItung her WIe
bild, eine Spannung, die ständig in Gefahr ist, sich zugunst~n
auch die Möglichkeit, den in der Geschichte vorliegenden P~o­
der einen der beiden Blickrichtungen festzulegen. Nun mag Ja
hlemen in Verständnis und Kritik beizukommen. Auch so WIrd
das Aushalten dieser offenen Spannung je d er philosophischen
das systematische Moment nicht etwa ausgeschaltet, aber es ist
Haltung wesentlich sein - (auch der systematische P~ilosoph
nicht einfach im Sinne des geschichtlich überlieferten Problem-
des erstskizzierten Typus lebt in ihr, sofern er überhaupt In Füh-
standes bestimmt: in der jeweilig zu gewinnenden Auseinander-
lung mit den Sachen steht) -, aber so wie dort steht auch hier
setzung mit den Sachen selbst liegt st~ts da.s syste~atische. M~tiv.
das Verharren in ihr dem systematischen Anspruch entgegen.
Denn solche Auseinandersetzung ist mcht eInfach dIe ArbeIt eInes
Denn die metaphysischen Annahmen, die hier geleistet werden,
sachunbestimmten Scharfsinns an vorgegebenem und hingenomme-
sind nicht prinzipiell, sondern nur dem Ausmaße ihres An-
nem Problemmaterial, sondern die Gewinnung eines urs prüng-
spruches nach von der Antizipation des Systemgeda~kens ver-
lichen Sachverhältnisses in der Verschärfung der Fraglichkeit
schieden: gemeinsam bleibt, daß es eben Annahmen sInd,. de~en
des eigenen Daseins. Weil das eigene Dasein ein ein~eit­
die eigene sachliche Ausweisbar keit gebricht, und wenn SIe ~lch
liches ist aus dem sich kein Moment wegdenken läßt und keInes
auch dank einer geschärften kritischen Zurückhaltung mcht
störend der BearbeitunO' der Probleme in den Weg stellen, ein
hineinde~ten, das nicht darin liegt, deshalb ist auch die Aus-
Minimum metaphysisch~n Wagens bleibt eben doch ein Wagen,
einandersetzung mit allen Problemen, die dieses Dasein be rän?en,
von notwendig systematischer Struktur. Der gegenständh~he.
ein Hinaustreten aus dem Felde des wirklich Ausweisbaren.
Geltungsanspruch des philosophischen Syste ms behauptet ~ICh
Es ist klar, daß Recht und Gewißheit eines solchen Schrittes
also wohl auch ohne eine ausdrückliche Vorwegnahme eInes
abhängen von den Einzelergebnissen der Problemfo~schung. ~ur
systematis'chen Einheitsgedankens, ja n ur so. Auch der Ge-
dann hat eine selbst nicht erwiesene Annahme Aus~llcht, auf eIne
schichte gegenüber ist die isolierende Heraushebung u~d ye1'-
wirkliche Sachlage zuzutreffen, we.nn die Probleme, aus denen sie
wertung der an Einzelproblemen geleisteten KlärungsarbeIt mcht
erschlossen ist, von den Sachen selbst gefordert sind. Hier gilt es
70 Zur Systemidee in der Philosophie. Zur Systemidee in der Philosophie. 71

möglich, ohne sich mit dem Ganzen der bestimmenden Stellung Nach Hegel ist die vVahrheit das Ganze des Prozesses. Dieser
zum Dasein auseinanderzusetzen. Überall, wo von Systemstruktur Prozeß wird dabei in zwei Dimensionen verstanden einmal als
die Rede ist, ist jedes Glied an das Ganze gebunden und nicht logischer: die Entwicklung der Momente der Idee' und ferner
aus ihm herauslosbar. Dadurch wird die einzelne Gedanken- als zeitlicher: als die geschichtliche Konkretion ebe~ dieser Ent-
arbeit vergangener Zeit keineswegs etwas Abgelebtes, Totes r wicklung der Idee von den abstraktesten Bestimmungen aus zum
Nichtiges, noch auch ist ihre lebendige Verwertung auf den selte- Konkreten hin. Die Tragfähigkeit dieser Identitätsthese für die
nen Fall beschränkt, wo ihre Einstellung zum Dasein in allen Geschichtsschreibung der Philosophie ist oft genug angefochten
charakteristischen Zügen von einer Gegenwart wirklich über- worden. Nicht immer hat selbst der geniale historische Instinkt
nommen und sich zu eigen gemacht wird, sondern auch dort,. Hegels dem Wechsel der Zeiten in seiner jeweiligen Eigenart
wo das eigene Verhältnis zu den Sachen so sehr ein anderes ist. gerecht zu werden vermocht. Entsprechend wurde hier ange-
daß gerade diese Andersheit die fruchtbare Auseinandersetzung deutet, daß der systematische Anspruch Hegels eine getreue Auf-
~it vergangener Philosophi~. und ihren Einzelleistungen ermög-
nahme der kategorialen Gehalte in ihrer Besonderheit geradezu
hcht. Wo dagegen aus der Außerlichkeit der Anklänge an eigene verbietet. Beide Einwände treffen zusammen in der Kritik des
Probleminteressen der Gesichtspunkt für die Auseinandersetzung HegeIschen Wahrheitsbegriffes. Hält man an der natürlichel1
mit den geschichtlichen Lehren gewonnen werden will, dort ist Rede von der 'Vahrheit einer Erkenntnis fest, dann ist das Ganze,
grundsätzlich vernachlässigt, daß Philosophie ihrem Sinne nach die Totalität, aktual unerreichbar. Denn der Weg der Entfaltung
nichts weniger ist, als eine Anhäufung und Sammlung möglichst der Idee in ihre Momente ist um der gediegenen Struktur des
glaubhafter Meinungen und Lehren. Alle verwertende und weiter- Gegenstandes willen für unser Erkennen ein unendlicher. Das
führende Forschung an geschichtlich vorgegebenen Problemen ist hieße aber, daß, was an philosophischer Einsicht jeweils wirklich
vielmehr überhaupt dann erst imstande, dem Sachgehalte dieser erreicht ist, weder "vahr noch falsch wäre (eine Konsequenz, die
Probleme aufschließend nahezukommen, wenn - im Sinne einer Hegels Anspruch, in seinem System erst alles zu seiner Wahr-
lebendigen und gediegenen Tradition oder kraft eines eigenen r heit zu bringen, entspricht, wenn man seiner Dialektik und über-
radikalen Rückganges auf die sachlichen Grundlagen der Pro- haupt einer möglichen Methode der Erkenntnis eine unendliche
bleme - eine mitgehende oder verstehende Aneignung der je- Leistungsfähigkeit zuerkennen dürfte). ,,,reder wahr noch falsch
weils bestimmenden Einstellung zum Dasein vollzogen ist und zu sein widerspricht aber evidentermaßen dem Wesen der Wahr-
damit die Bedingungen der eingeschlagenen Fragerichtungen mit- heit: etwas kann nur entweder wahr oder falsch sein. Das ist
gegeben oder mit durchsichtig sind. eine strenggültige Disjunktion. Also wäre alles falsch. An der
konkreten Realität menschlicher Erkenntnis aemessen
b , die we-
* * * sensmäßig eine endliche ist, würde Hegels Bestimmung also zur
Wie sieht nun der philosophische vVahrheitsbegriff aus? Für absoluten Skepsis führen. Diese Konsequenz widerspräche so
die Philosophie, die alle Inhalte der Einheit eines im voraus IZe- sehr dem Hegelsehen Geiste, daß an ihr zu voller Evidenz kommt,
wissen Systemgesichtspunktes unterwirft, war die Bestimm:ng daß Wahrheit von Hegel nicht im Sinne der endlichen Erkenntnis
des Wahrheitsbegriffes leicht. In der Einordnung der Inhalte in verstanden wird. Aber die Identität der dialektischen Struktur
das System und ihre Bestimmung durch ihre Stelle im großen des Gegenstandes und der Methode, die hinter der Hegeischen
Systemganzen bestehe wahre Erkenntnis im Sinne der Philoso- Bestimmung steht, "vidersprieht dem unaufhebbaren Phänomen,
phie. Der Geschichte der Philosophie gegenüber geht der An- daß alle aktuale Erkenntnis, auch die dialektischer Zusammen-
spruch einer solchen Auffassung dahin, daß erst unter den eige- hänge, will sie überhaupt Erkenntnis sein, endlich ist. Mit dieser
nen systematischen Gesichtspunkten die geschichtliche Gedanken- Identität fällt auch das ontologische Moment im Begriff der
leistung zu ihrer Wahrheit gebracht würde. Auch hier wieder Wahrheit und damit die Hegeische Bestimmung. Wahrheit ist
ist es Hegel, in dem sich das Umfassende des eigenen System- kein Sein und ist nichts am Sein, sondern bezeichnet die Weise.
gesichtspunktes am meisten als fähig erweist, die positive Arbeit in der das Sein in der konkreten Er kenntnis für den Erkennende~
der Geschichte der Philosophie in das eigene System aufzunehmen. da ist.
72 Zur System idee in der Philosophie. Zur Systemidee in der Philosophie. 73

Eines bleibt an der Hegeischen Bestimmung aber richtiG'. terogenen Beziehungen aus kennzeichnen und diese Heterogeneität
Es ist eine Mißlic11keit um den Begriff einer teilweisen Wahrheit durch die Einheit der sprachlichen Wendung verwischt v,rird.
in der Philosophie. Hegel sagt von den anderen Wissenschaften. Als gesonderte Urteile dagegen vermitteln sie beide eine Erkennt-
sie "schreiten ~urch eine Juxtaposition fort. Es berichtigt sich nis desselben Gegenstandes, weil dann die Verschiedenheit der
wohl manches un Fortschritte der Mineralogie, Botanik usf. an Beziehung und der konstitutiven Leistung der Sachverhalte für
dem Vorhergehenden; aber der aller.Q'rößte Teil bleibt bestehen den Gegenstand in der Erkenntnis sichtbar ist. Sofern der An-
und bereichert sich ohne Veränderun~ durch das Neuhinzukom- spruch auf Erkenntnis des Gegenstandes also eingeschränkt ist
mende" , und hebt die Philosophie dagegen ab. In der Tat hat auf das, was durch die Erkenntnis des betreffenden Sachverhaltes
die Rede von einer teilweisen Wahrheit in der Philosophie dank für ihn selbst impliziert wird, ist auch solche Erkenntnis wahr.
der systematischen Struktur ihrer Gegenstände und dank ihrem Doch zurück von diesen allgemeineren Erörterungen des Be-
Anspruch, es von vornherein mit dem Ganzen des Daseins und griffes der Wahrheit zu dem besonderen Problem der Wahrheit
sei,ner Pr?bleme zu tun zu, haben, eine noch größere Fragwürdig- in der Philosophie. In den Naturwissenschaften etwa - das
keIt als In den andern WIssenschaften. Doch scheint selbst in liegt an der eigenartigen intersubjektiven Kontinuität ihrer For-
der natürlichen Erfahrung Wahrheit einer einheitlichen Erkennt- schung - gibt es ein ganz schlichtes Verwerten von Einzelheiten
nis als ganzer zuzukommen. Daß im Erkennen gewisse Züge an aus wissenschaftlichen Gesamtleistungen. In der Philosophie da-
einem Gegenstande richtig gesehen sein können und andere un- gegen sind die Forschungsergebnisse anderer ihrem besonderen
richtig, ist freilich nicht zu leugnen. Aber ob damit die Erkennt- Sinne nach allein verstehbar durch Rückgang auf die bestimmende
nis des Gegenstandes "teilweise wahr" ist? Der Gegenstand ist BlicksteIlung des andern. Und wenn, wie eingangs gesagt wurde,
doch als Ganzer in der Erkenntnis gemeint, und so gewiß der die eigentliche Leistung der Philosophie nicht in "Resultaten'"
Gegenstand in seiner seinshaften Einheit nicht einfach Summe sondern in der Klärung und Ausbildung wirklich aus den Sachen
seiner Einzelbestimmungen ist, so wenig ist auch die Wahrheit gewonnener Probleme liegt, so ist auch die Wahrheit der Philo-
der Erkenntnis dieses Gegenstandes die Summierung der Wahr- sophie wesentlich hier zu suchen. Niemals sind es Fassungen von
heiten der Teilerkenntnisse. Andrerseits, wenn nur die Erkennt- Problemen, die nicht mir aus meiner eigenen Daseinsdeutung
nis des Gegenstandes in seiner ganzen Seinsfülle wahr heißen dürfte, heraus aufgegeben sind, die gar im eigentlichen Sinne niemandem
gäbe es im strengen Sinne keine Wahrheit, die uns erreichbar wäre. aufgegeben sind, in denen Wahrheit sein kann. Vielmehr ist aus
Denn prinzipiell ist ein Seiendes in der unendlichen Fülle seiner den Fragen, die sich der eigenen Existenz als notwendige Aus-
Bestimmungen für unser Erkennen unerschöpflich. Sofern aber einandersetzung mit dem Dasein aufdrängen, jede mögliche phi-
von vornherein und in ausdrücklicher Bewußtheit nur eine solche losophische Problemrichtung erst herauszuarbeiten. So kann im
Bestimmung des Gegenstandes, nur ein einzelner Sachverhalt primären Sinne ein einzelner Problemansatz nicht an sich falsch
als erkannt beansprucht wird, hat es seinen guten Sinn, gegebenen- sein oder wahr, sondern wahr sind Probleme, die aus einem ur-
falls diese Erkenntnis wahr zu nennen. Denn der gemeinte sprünglichen und persönlichen Sachverhältnis erwachsen~ Je
Sachverhalt ist dann ja in der Tat ein einheitlicher und ganzer, radikaler dieses ist, desto näher kommt die Ausbildung der Pro-
und nicht ist die Erkenntnis der Sache, die sich in der bestimmten bleme dem Sinne objektiver Wahrheit. Diese letzte Bindung
vVeise verhält, teils wahr und teils unwahr. Wenn nun gleich- des Begriffes objektiver philosophischer Wahrheit an die persön-
wohl durch die Erkenntnis einzelner Sach ve r halte eine Er- liche Existenz des Philosophen ist z. B. das berechtigte Motiv
kenntnis der Sache selbst, die sich so und so verhält, mittelbar der Cohenschen Philosophie, den Ursprung der Kategorie der
beansprucht wird, so behauptet auch hier die Rede von Wahrheit Wahrheit in der sittlichen Welt, in der Wahrhaftigkeit anzusetzen.
durchaus ein Recht, wenn die konstitutive Funktion des Sach- Liegt nun in dieser Fassung des philosophischen Wahrheits-
verhaltes für die Sache selbst zutreffend erfaßt ist. So fällt schon begriffes, wie es scheinen könnte, ein' Relativismus und - letzten
sprachlich die Unangemessenheit einer Wendung wie: "dies Tinten- Endes - Subjektivismus? Die Idee der Wahrheit erscheint doch
faß ist braun und hat viel Geld gekostet" auf, weil die beiden an hier als gebunden an das Dasein des philosophierenden Menschen.
sich zutreffenden Sachverhalte die Sache selbst von ganz he- Fällt sie damit nicht der gleichen Vergänglichkeit und Bezüglich-
Zm Systemidee in der Philosophie. Zur Systemidee in der Philosophie. 75
74

keit anheim wie dieses Dasein selbst? Sollte also der An- des Ansieh durchaus zu Recht, aber weder kann das Ansichsein
spruch der Philosophie, den sie aller Geschichtswissenschaft des philosophischen Gegenstandes ein anderes sein, als eben sein
gegenüber erhebt, ganz im Absoluten zu sein, zu Unrecht Sein als aktuelles und ursprüngliches Problem, noch das der Ge-
bestehen? Was wird dann aber aus der Geschichte der schichte ein anderes als das Bild, das als wirksame Macht die
Philosophie? Wenn z. B. Simmel den Wahrheitsgehalt der Phi- Philosophie von heute bestimmt. Es ist eine ganz irrige Kon-
losophie mit dem der Kunst vergleicht, wenn die Wahrheit einer struktion, daß das Ansichsein der Probleme und das der Ge-
Philosophie sich an der Weite des Weltfühlens bestimmt, das in schichte zwei verschiedene Gegenstandswelten darstellten, die zwei
sie hineingegangen ist, dann wird die Geschichte der Philosophie verschiedene Einstellungen, die des Philosophen und die des
zu einem bloßen Schauspiel, zu einem Bildersaal. Nur ein ganz Historikers der Philosophie, forderten. Die Problemlage htmtiger
unverbindliches Interesse hält den Heutigen an die Ge- Philosophie ist selbst nur zu gewinnen aus einer gründlichen
dankengestaltungen der Geschichte. Nur eine philosophisch ganz Besinnung der Gegenwart auf ihre Geschichte. Das was sie ist~
indifferente Nachzeichnung weltanschaulicher Typen bleibt übrig, ist gar nichts anderes als: was sie geworden ist. Die geschicht-
bestenfalls, unter Aufdeckung der jeweiligen geschichtlichen Si- lichen Mächte, die sie bestimmen, sind unmittelbar selbst die
tuation, aus der heraus ein philosophisches System zu verstehen Mächte ihres Tages.
ist. Die Mannigfaltigkeit möglicher und geschichtlich vorfind-
licher systematischer Stellungnahmen gibt vielleicht sogar Mög-
lichkeiten zu einer philosophischen Typologie an die Hand, die
der eigenen weltanschaulichen vVahl klärend und ausbildend zu
dienen vermag - dies ,aber ist entscheidend, daß auch bei äußer-
ster persönlicher Ernsthaftigkeit der nachspürende und beschrei-
bende Forscher selbst nirgendwo ist, sich zu nichts, weder zu
seinem eigenen Daseinssinne noch zu irgendwelchen konkreten
philosophischen Problemen notwendig gestellt zu wissen braucht"
um sich in die geschichtlich überlieferten Gedankensvsteme ein-
zuschmiegen. Ja, ob er übe'rhaupt, und was für ein eigenes Sach-
verhältnis er hat, ist für die Möglichkeit des geschichtlichen Ver-
stehens ganz gleichgültig: das eigene Dasein bleibt grundsätz-
lich aus der Betrachtung. Solche Stellung zur Geschichte der-
Philosophie ist ebenso unphilosophisch, wie die Tendenz, in aller
Geschichte aus dem Anklang überlieferter Worte die eigenen Pro-
bleme wiederzuerkennen, der geschichtlichen Einmaligkeit nicht
gerecht wird. Gemeinsam ist beiden Einstellungen das ganz un-
sachliche Vorurteil, als ob man vom eigenen Dasein absehen
müsse zum Zwecke einer reinen, vorurteilslosen Forschung: von
der Geschichtlichkeit der eigenen Gegenwart um der Probleme
willen, von dem eigenen Sachverhältnis um der Geschichte willen.
In beiden Richtungen prägt sich der gleiche Wahrheitsbegrift
aus: die philosophischen Inhalte, wie sie an sich, objektiv, sind}
zu erfassen - oder, wo man aus der Überhelle historischer Be-
wußtheit heraus daran verzweifelt, die Geschichte der Philosophie)
wie sie an sich selbst, objektiv, war, zu erforschen. In beiderlei
Hinsicht besteht der Anspruch auf Objektivität und Erfassung
Über zwei \Vamllungen in der philosophischen Systematik. 77

Erstens kann es geschehen, daß von den spez: fischen Wissen-


schaften infolge bestimmter Änderungen ihrer axiomatischen
Methodologie gewisse Fragenbereiche in eigene, Ver:valtung, unter
eigene Verantwortung genommen werden, dIe bIslang von der
Philosophie bearbeitet und als ihr Eigentum beansprucht wurd~n.
Über zwei durch die neuere Wissenschafts- Das ist eingetreten auf dem Gebiete der sogenannten Erkenntms-
theorie oder Erkenntniskritik. Die spezifischen mathematisch.-
geschichte notwendig gewordene Wandlungen naturwissenschaftlichen Überlegungen über die Geltung der ge-
in der philosophischen Systematik. wählten axiomatischen Festsetzungen haben entschieden, daß die
Erkenntnistheorie" eine besondere Aufgabe der spezifischen
Von Wissenschaft selbst ist· sie allein will und kann über den Gel-
Albert Görland. tungssinn der frei gewählten Axiomatik befin~en. Die ~,hil.osoph~e
hat dieser neuen Tatsache zu genügen; es WIrd nur moghch SeIn
'Venn es die Aufgabe der Philosophie ist, den Problemgehalt durch eine neue systematische Einstellung. Sie muß das kon-
des Erlebens als eine Totalität zu erfassen; wenn dies es ist, was struktive Prinzip der Einheit weiter zurückverlegen, dorthin, wo
ihre Stellung gegenüber den spezifischen Wissenschaften eindeutig es von den Ansprüchen der spezifischen Wissenschaften unbe-
bestimmt, so bedarf sie vor allen der Systematik; nur vermöge droht ist. Diese erste Form der Bedingtheit der philosophischen
der Systematik gelangt die problematische "Problemtotalität des Systematik durch die neuere Wissenschaftsgeschichte soll der
Erlebens" (quantitativ ein Unergreifbares), zur Sinngliederung, erste Teil unserer Arbeit am Beispiele Heimholtzens
zur qualitativen Einheit der Totalität. Diese "Einheit" aufzeigen, mit dem der Rechtsstreit um die Befugnis über die
ist nicht das Endgebilde eines "Philosophierens" über solcher Erkenntniskritik beginnt.
problematischen Totalität, sondern definitorischer Konstruktions- Zweitens aber kann die Geschichte bestimmte Problem-
ursprung. Die Kontrolle für diese ursprüngliche Festsetzung, erscheinungen, die bislang zu keiner klaren ~onturi~rung gel~ngt
für die Systematik der Philosophie ist die jeweilige Totalität und dadurch in der Systemgliederung der PhilosophIe noch mcht
der Probleme, wie sie der Stand der Wissenschaftsgeschichte dar- zu ihrem Ort und dadurch noch nicht zu eigentlicher Kultur-
bietet. Wie diese Totalität, eben als jeweilige, ein Phänomen bewußtheit gekommen waren, nun zu einer Problemgrupp~ mac!lt-
der Entwicklung ist, so ist auch die Einheit dieser jeweiligen voll und eindringlich zusammenschließen. Dann muß dIe PhIlo-
Totalität, d. h.: das System der Philosophie, ein notwendig und sophie dem Gruppenzuwachs in der Pro~lemtota~ität. gen~gen,
wesentlich Zeitbedingtes. Das System der Philosophie ist bedingt, indem sie die Spannweite ihrer systematIschen EInheIt steIgert
bedingt durch die zeitliche Lage der Problematik der Wissen- und deren Artikulation bereichert. Diese andere Form der ge-
schaften. Die Geschichtlichkeit der Wissenschaften (heute vor schichtlichen Bedingtheit stellt der zweite Teil unserer
allem sichtbar gerade in den "exakten" Wissenschaften) ist zum Arbeit am Beispiele der ästhetischen Ide~ der, Glyck-
(methodologisch) wesentlichen Merkmal ihres Begriffs geworden, seligkeit dar. Hier zeigt sich, wie von der P.hilosophle bIslang
sofern wir die Geschichtlichkeit verstehen als kontinuierliche eine Mannigfaltigkeit von Problemen systematIsch unbefaßt ge-
Transformation; (so im geschichtlichen Gange von Newton zu blieben ist die wir heute als die Pl'oblemgruppe des Lebens-
Einstein ; von Euklid zur Nichteuklidischen Geometrie). Dieser stiles d~r Persönlichkeit unübersehbar eindringlich zu-
kontinuierlichen Transformation in der Problemtotalität der sammenfassen können.
Wissenschaften hat der Wandel in der Systemgestaltung der Beide Arbeiten weisen naturgemäß auf einen größeren Zu-
Philosophie zu entsprechen. sammenhang hin, in dem erst die Auswirkung für die philo-
Solche Bindung der Philosophie an die Wissenschaftsgeschichte sophische Systematik voll sich beweisen ~ann~ . Wie d~e neue Lage
beeinflußt ihre Systemabsicht in verschiedener v'Veise, je nach der Wissenschafts geschichte sich für dIe phIlosophIsche Syste-
der Form der Lebendigkeit der Wissenschaftsgeschichte. matik geltend macht auf den anderen heiden Gebieten, der
78 Über zwei Wandlungen in der phiIosopllischen Systematik. Über zwei Wandlungen in der philosophischen Systematik. 79

Ethik und der Religionsphilosophie1 ), haben wir in den zu- nahmen war von jener allmächtig sich dünkenden philosophischen
sammenhängenden Darstellungen dieser beiden Disziplinen nach- Spekulation nichts als ein schöngeistiger Essayismus oder eine
zuweisen versucht. auf Kant üblerweise sich berufende Vulgärphilosophie übrig-
geblieben. Einem Geiste wie Helmholtz mußte andererseits aber
auch klar sein, daß die jetzt auf dem brachliegenden Felde der
1. Heimholtz. Erkenntniskritik wird Angelegenheit
Spekulation wuchernde materialistische Dogmatik keinen besseren
der spezifischen Wissenschaften.
Ernteertrag zeitigen würde. Dagegen aber hatte die Natur-
HeImholtz wird auch dann eine bedeutsame Erscheinung in wissenschaft mit dem Gesetz von der Erhaltung der Kraft den
der Geschichte der Wissenschaften bleiben, wenn lediglich die- Weltbau der Newtonschen Physik vollendet; als Sachwalterin
jenigen Arbeiten in Frage kommen, die gemeinhin in das philo- der drei "ewigen und unveränderlich dieselben" Gesetze: des
sophische Ressort gerechnet werden. Und zwar möchte dieses Gesetzes von der Unveränderlichkeit der Masse, der Unveränder-
Urteil nicht nur deshalb gelten, weil die Philosophie zu Zeiten lichkeit der chemischen Elemente und nun auch der Summe der
HeImholtzens ganz gewiß nicht groß genannt werden kann, so- wirkungsfähigen Kraftmengen 1) suchte sie das Erbe der Philo-
daß ein Hinausragen aus ihrem Niveau an sich noch keine Größe sophie anzutreten: Führerin im Rate der 'iVissenschaften zu sein.
zu bedeuten braucht; vielmehr liegt seine Bedeutung darin, daß Hinzu kam, daß die Sinnesphysiologie seit J oh. Müller und durch
durch ihn die Naturwissenschaften, als erste derspezifischen Wissen- Helmholtz einen außerordentlichen Aufschwung nahm und daß
schaften, beginnen, als Naturwissenschaften, d. h. als spezifische die mit Fries einsetzende Richtung der Philosophie den Gedanken
. Wissenschaften gewisse Problemgruppen bewußt in eigene Bearbei- nahelegte, mit der Sinnesphysiologie sei die Brücke geschlagen
tung zu nehmen, die bislang als eine ihrer wesentlichsten Ange- für den Übergang von Philosophie zur Naturwissenschaft und
legenheiten von der Philosophie in Anspruch genommen wurden. umgekehrt. "Der Punkt, an dem Philosophie und N atunvissen-
Es ist der Fragenkomplex nach dem Wahrheitswert dessen, was schaft sich am nächsten berühren, ist die Lehre von den sinnlichen
in der Erkenntnis als Dasein und Wirklichkeit sich gibt. Wahrnehmungen der Menschen." 2) Und "Philosophie" ist für
Diese erkenntniskritische Arbeit wird von HeImholtz und Helmholtz nicht die nachkantische Spekulation (die ist ihm
seit ihm nicht nur in der Absicht aufgenommen, aus dem Wissens- Metaphysik); sondern ihm steht dabei Kant vor Augen, und zwar
bereich der spezifischen Naturwissenschaften (denen die Mathe- seine Lehre von der "reinen Anschauung", im besonderen des
matik nach ihrer neuen Problemlage zuzurechnen ist, wie sich Raumes; "Philosophie" war ibm also Erkenntniskritik, und
noch zeigen wird) der Philosophie Stoff und Anregung zu bieten, zwar diese gesehen als das Problemgebiet einer Beziehung zwischen
sondern mit dem Bewußtsein, daß sie aus eigener Gerechtsame den physikalischen und den physiologischen Daseinscharakteren.
auf eigenem Boden wirtschaften; mit dem Selbstbewußtsein also, So angesehen handelte es sich bei dem Problemganzen, das
daß nicht die Philosophie, sondern sie als spezifische Wissen- sich Erkenntniskritik nannte, um die Bezogenheit zweier Da-
schaften allein so ausgestattet seien, als es nötig ist, um das er- seinsweisen, deren wissenschaftlicher Ausdruck die beiden spezi-
kenntniskritische Problem exakt fördern zu können. Aus dieser fischen Wissenschaften Physik und Sinnesphysiologie waren; um
Überzeugung zitiert Helmholtz ein verwandtes Wort Stuart die Frage also, ob und wie der Physiker den Weg von der "Sinnes-
j'\.1ills, daß die induktiven Wissenschaften in der neuesten Zeit wahrnehmung des Menschen" (dem Subjekt) zum Bereich der
mehr für die Fortschritte der logischen Methoden getan hätten, dinglichen Natur (dem Objekt) finden, - oder der Sinnesphysi-
als die Philosophen von Fach 2). ologe, trotz der Komplikation mit den Bedingungen der Wahr-
Die äußeren Anlässe, die dieses Selbstbewußtsein der spezi- nehmung, zu irgendeiner "Erkenntnis" der "vVirklichkeit" ge-
fischen Naturwissenschaften weckten, bot die kulturelle Lage der langen könne. Klärlich war es also eine Angelegenheit, die Helm-
Helmholtzschen Zeit. Bis auf wenige feine oder tüchtige Aus- holtz außerordentlich anging. Er war sowohl Physiker wie Phy-
siologe. Darum mußte ihm die im Problem der Erkenntniskritik
1) Ethik Leipzig, Teubner 19H. Religionsphilosophie. Beflin, da ----
-Gruyter 1923. I) Ebd. I, S.187.
2) HeImholtz, Vorträge und Reden. I, S. 138. Braunschweig, Vieweg1884 .. 2) Ebd. S. 395.
80 Über zwei Wandhmgen in der philosophischen Systematik. Über 2i"\vei \Vandlungen in der philosophischen Systematik. 81
geforderte Beziehung seiner beiden, an sich besonderen ~Tissen­ bewegt, so würde er sich nicht wesentlich über das Niveau erhoben
schaften der natürlichste Gegenstand seines Nachdenkens werden. haben, das damals in erkenntniskritischen Fragen das gewöhn-
Der Sinnesphysiologe allein mochte in den spezifischen Grenzen liche war. Auf diesem wurde der erkenntniskritische Kampf auszu-
s~iner Wissenschaft sich beruhigen und dem Physiker überlassen, tragen versucht zwischen Nativismus und Empirismus, ein
sICh vor der Frage nach dem, was .,Erkenntnis" sei~ zu recht- Kampf, der nur als eine Teilerscheinung des allgemeinen philo-
fe~tige?; und umgekehrt. Für Heimholtz bestand diese Möglich- sophischen Streites zwischen einem kantischen Apriorismus und
keIt nICht; er mußte sich über die komplexe Frage nach dem den induktiven Wissenschaften verstanden ·wurde. Wir hätten
Verhältnis von "Subjekt und Objekt" klar zu werden versuchen. kaum Veranlassung, von Helmholtz aus dem Interesse der Er-
Es fragte sich für ihn nur~ von welchem Motiv aus dieses Problem kenntniskritik besonders zu reden, \väre es dabei geblieben; es
am besten sich anfassen ließe. wäre auch kein Schritt getan, der Naturwissenschaft rechtmäßig
Aus mancherlei Gründen bot sich das Pro b lern des Rau me s die Verwaltung der Erkenntniskritik zu übertragen.
an. Zunächst dadurch, daß es von Kant zu einem erkenntnis- Die Bedeutung des Erkenntniskritikers HeImholtz beginnt
kritischen Problem ersten Ranges erhoben worden war. Der mit der Inans pruchnahme der metageome.tris'chen Ent-
Raum war eine "reine Anschauung" mit "apriori" Qualität und deckungen für das Problem der Erkenntnis. Er leitet
"transzendentaler" Geltung geworden. Dann aber hatte die damit eine Ent'wicklung ein, die schon von außerordentlichen
Sinnesphysiologie gerade das Raumanschauen und sein Ent- Folgen für die methodische Gesamteinstellung der Naturwissen-
stehen mit großem Erfolge eifrigst erforscht. So daß hier also schaft geworden ist. Denn die neuen Probleme leiteten lückenlos
die nächste Berührung zwischen Philosophie, der bisherigen aus der Mathematik zu physikalischen Problemen hinüber, die
Sachwalterin der Erkenntniskritik, und der Naturwissenschaft um den "Maß"hegriff sich gruppieren und unter dem Namen
gegeben schien, von hier aus also auch am leichtesten die Besitz- der Relativitätstheorie zusammengefaßt werden können.
ergreifung dieser Erkenntniskritik, die ganz eigentlich die Natur- Und die erkenntniskritischen Fragestellungen, die aus diesen
wissenschaften
.
wegen ihrer je nur spezifischen GeltungsO'renzen
b mathematisch -nat urwissenschaftlichen Entdeckungen erwuchsen,
angJng, geschehen konnte. bleiben nun von Helmholtz an in allen entscheidenden Punkten
Somit war eine Auseinandersetzung mit Kant nicht nm ü
Leistungen der mathematisch-wissenschaftlichen Methodiker. Sie
unumgänglich, sondern geboten, um das neue Besitzrecht geltend haben sich als die Gedankenträger der naturwissenschaftlichen
zu machen, um die Erkenntniskritik für diejenigen in Anspruch "Erkenntniskritik" in der Geschichte legitimiert.
zu nehmen, die vermöge ihrer Wissenschaft Erkenntnis schaffen. Daran ändert die Tatsache nichts, daß die neuen Erkenntnis-
Anfänglich stand Heimholtz sehr nahe zu Kant. Sehr bald aber kritiker lneinten, ihre v. r1.ssenschaftsmethodischen Entdeckungen
(wahrscheinlich teils durch die völlig unzulängliche zeitgenös- stünden im Widerspruche zu Kant; daß sie also ihre Vorstellungen
sische Vertretung des kantischen Gedankens, teils auch durch die mit einer entschiedenen Bekämpfung aller Grundbegriffe des Kri-
Art bestimmt, in der Dühring die Entdeckung des Äqui valenz- tizismus verbanden. Hierüber bleibt derjenige wesentlich unbe-
gesetzes durch Robert Mayer als eine rein spekulative und intui- sorgt, der als Kritizist in kantische Methodologie sich hinein-
tive, dem Beweise durch die Erfahrung gänzlich enthobene gearbeitet hat und weiß, daß sie nicht an bestimmten, zeit-
Leistung dem Empirismus gegenüber alls!ilpielte) entfremdete er bedingten Formulierungen und Begriffen im kantischen Werke
sich der kantischen Philosophie mehr und mehr. Besonders die hängt. Ja, er -w"ird diese Gegensatzstimmung sogar einer nicht
sinnesphysiologischen Arbeiten über die Entstehung und Ent- uninteressanten Ironie der Kulturgeschichte zuschreiben, mit
wicklung des Raumanschauens des Menschen drängten ihn in der sie nicht selten Entwicklungen überdeckt, die innerlich völlig
eine KampfsteIlung gegen einen vermeintlich kantischen "Aprio- kontinuierlich geschehen, äußerlich aber das Erbgut verleugnen,
rismus", der behauptet, daß dem Menschen eine bestimm"iJ um den Fortschritt, eben als Schritt erleben zu können, seiner
q~alifizi.erte, fix und fertige Art der räumlichen Disponierung der strengen Homogeneität zum Trotz. Solch eine Oherflächengegner-
SInnesemdrücke angeboren sei. schaft ist (wenn nicht überall, so ganz gewiß auf diesem Gebiete),
Hätte nun Helmholtz einzig in diesem Gedankenkreise . sich nur möglich gewesen, weil die einzelnen Forscher die unvergäng-
N atorp-Festschriit. ()
Über zwei Wandlungen in der phiiosophischen Systematik. Über zwei Wandlungen in der philosophischen Systema,ük. 83
82
liche kantische Problemstellung mißverstanden und darum die das, was der Ursprung für den Sachgehalt der Erfahru.ng ist;
Spur der Gesamtentwicklung nicht sahen, der sie gleichwohl in dem Sinne sind die Axiome als Ursprung für den speZIfischen
eminent dienten. Sachgehalt der geometrischen Erfahrung deren "a priori" .. Ab~r
Dies zunächst an Helmholtz nachzuweisen, sei die Aufgabe auch umO'ekehrt:
b
die Idee der Erfahrung als. Idee der '
EInheIt•
des Folgenden, nachdem der Überblick über seine Stellung in der Erfahrung ist Kritik und letzte RechtfertIgung des aprIorI
der Geschichte der Erkenntniskritik gewonnen ist. als desjenigen, das vorgibt, das. Sein des Daseins zu se~n; das
apriori hat sich zu bewäh~en In d~r Er~ahru~g, das heIßt da-
Der Begriff der Erfahrung bei Heimholtz und seine durch, daß aus ihm an SeInem TeIle EInhel t der Erfahrung
Kritik des apriori. möglich werde. Denn Erfahrung ist d~e V~rausset:ung ein~s
Im Umkreis dieser Gedanken haben wir es mit einem Streit geschlossenen Systembezuges aller Sachhchkelt~n; wahrend ~le
um Begriffe zu tun, die seit je zum Urbesitz der traditionellen Erfahrung ihren Inhalt und ihre Bedeutung alleIn aus dem A:XI~­
Philosophie gehört haben und in ihr durch Kant zu einer letzten matischen und Grundsätzlichen der Wissenschaften, dem a prlOfl,
Reinheit der Entwicklung gelangt waren. Der Naturwissen- erhält. Dasein also ist Einheit alles Seins; das ist der imperative
schaftler konnte in solchem Streit nicht unbelastet und ursprüng- Sinn des Begriffs der Erfahrung. Und Sein ist der Sachurspr~ln~
lich aus den Bedingungen seiner vVissenschaft argumentieren, alles Daseins; das ist der Sinn des apriori. Erfahrung und a prIOrl
sondern mußte mit einer gewissen "philosophischen Bildung" sind also lediglich methodisqhe Forderungen an den im~anenten
an einen gegebenen Problembestand anknüpfen. HeImholtz Vollzug der Erkenntnis. Für diese rein methodologlsche Be-
mußte auf diesem Boden der "philosophische Dilettant" sein, trachtung ~at es .nicht den geringsten Sinn~, "Erf~hrung"r zu
der daraus, daß er den kantischen Begriff der Erfahrung und des denken als Irgendernen Bezug des "Erkennens zu eIner "V\ Irk-
apriori (der mit ihm eng zusammenhängt, ja, durch ihn erst lichkeit" etwa im Sinne eines (physiologischen) "Subjektes" zu
seinen eigentlichen Sinn erhält), in seiner methodologischen einem (~hysikalischen) ~,Objekte"; wobei dann das apriori allen
Bedeutung nicht erfaßt, in scharfen Gegensatz zu Kant gerät. Halt verlieren und in der Luft schweben würde.
Für Kant ist Erfahrung erstens eine Idee. Sie ist also nichts Helmholtz gerät nun in scharfen Gegensatz zum kantischen
weniger denn eine Resultante aus zwei Komponenten, dem Begriff des apriori, weil er von einem Begriff der Er~ahrung aus-
Physikalischen und dem Physiologischen; sie ist kein Pro d ukt geht, der mit dem kantischen keine .Spur ~ehr gemeIn hat. Der
aus dem Zusammentreffen zweier Daseinsweisen, sondern ist Begriff des apriori ist bei Kant nur In unmrttelba.rem Zusammen-
eine Voraussetzung, die das Erkennen macht, um der Mög- hang mit dem der Erfahrung gedacht "\vorden, berde erhalten nur
lichkeit der Erkenntnis willen. Die "Idee der Erfahrung" besagt durcheinander ihren Sinn. Somit mußte HeImholtz, wenn er
also, daß Erkenntnis - Ei nh e i t der Erkenntnis sei. Einheit den Sinn der kantischen Erfahrung durch einen ihm fremden
wessen? Einheit alles dessen, darin das, was Dasein bedeutet, 3!'setzt, dadurch auch den des apriori verfehlen. Für Helmhol~z
sich darstellt = Einheit der Gesetze und Experimente und Beob- ist Erfahrung Ausdruck für ein bestimmtes Grenzverhältms
achtungen; das ·will sagen, daß die Gesetze die Form des "Wirk- zweier Daseinsbereiche. Und das Elementargebilde der Erfahrung
lichen", das \Virkliche das vom Gesetz Bestimmte sei. Da dieser ist die Empfindung. "Unsere Empfindungen sind Wirkungen,
wechselweise Bezug (total, wie er gefordert ist), nicht tatsäch- welche durch äußere Ursachen in unseren Organen hervorgebracht
lich ist, so ist "Erfahrung" eine Voraussetzung, Urforderung, - werden, und wie eine solche Wirkung sich äußert, hängt natür~ich
I d e e; die Einheit der Erfahrung bedeutet sonach Einheit eines ganz wesentlich von der Art des Apparats ab, auf den gewIrkt
Systems der Erfahrung. Es gibt nur Eine Erfahrung; redet wird. Insofern die Qualität unserer Empfindungen uns vo~ der
man von Erfahrungen, so versteht man darunter einzelne Wahr- Eigentümlichkeit der äußeren Einw~rkung,. durc~ welche SIe er-
nehmungen, denen noch viel fehlt, daß sie zur Einheit eines regt ist, eine Nachricht gibt, kann SI~ als .eln ZeIchen dersel~en
S;ystems der Erfahrung gezählt werden könnten, sagt Kant. gelten, aber nicht als ein Abbild. Em ZeIchen b~au?ht gar leeme
Zu diesem idealistischen Sinn der Erfahrung tritt nun das Ähnlichkeit mit dem zu haben, dessen Zeichen SIe Ist" 1).
apriori unmittelbar nahe. Das apriori ist der Ausdruck für alles 1) Ebd. II, 226.
6*
84 Über zwei Wandlungen in der philosophischen Systematik. Über zwei \Vandlungen in der philosophischen Systematik. 85
Man kann verstehen, daß so der Sinnesphysiologe redet, wo- immer Folgen eintreten, die in gewisser anderer Beziehung gleich
fern er se~ner. spezifischen Welt (der Empfindungen) eine spezi- sind. Da Gleiches in unserer Empfindungswelt durch gleiche
fisch physIkalIsche Welt, die "Wirklichkeit" vorausstellt, auf sie Zeichen angezeigt wird, so wird der naturgesetzlichen Folge gleicher
den Bez~g, herzustellen -:ersucht, auf sie seine Sinnenwelt gleich- vVirkungen auf gleiche Ursachen auch eine ebenso regelmäßige Folge
s~m proJIZIe~t. ~ber es 1St, nun einmal so, daß die Welt des Phy- im Gebiete unserer Empfindungen entsprechen" 1).
sI,kers, gar, mcht In dem SInne "besteht", als seien es "Dinge", Wodurch ist diese Annahme veranlaßt ? Kants Gegensatz
~Ie nut. EIg.enschaften bekleidet daständen, von denen der Phy- von Erscheinung und Ding an sich wurde von Helmholtz von
sIker eIne Ihnen entsprechende Kunde haben könnte. Sondern vornherein und ausschließlich auf die physiologische Bedingtheit
~ie, ~n aller unendliche~ Bestimmtheit bestehende Welt des phy~ der Spezies Mensch bezogen; dieser Gegensatz war ihm nur ein
sIkalIschen Geschehens Ist als solche lediglich in Definitionen und anderer Ausdruck für jene Duplizität von nWirklichkeit" oder
Gesetzen dargestellt, die von dem Physiker herrühren' von ihm ""Welt des Reellen" einerseits und Empfindungswelt andererseits.
z~m Grunde gelegt sind, damit aus Vorgängen (die u'nendlich Warum es nötig ist, für diese uralte Ansicht Kant als Autor in
VIel anderes noch enthalten), vermöge dieser Definitionen Anspruch zu nehmen, in ihr das Spezifikum kantischer Philosophie
und Gesetze bestimmte Geschehweisen gewonnen werden die .zu sehen, ist unverständlich. Vielmehr geht gerade Kant nicht
sich in ein System, genannt physikalische Erfahrung, o;dnen von einer Realität der "Dinge an sich" aus und gelangt nicht von
lassen. Der Physiker hat seine Vorgänge nach alle dem, was ihnen zu einer "Erscheinung" dieser vorgeblich reellen Dinge an
wir einmal "das Faktum" nennen wollen, gar nicht ohne zum sich. Sondern für ihn ist "Ding an sich" nichts als ein pro ble-
Beispiel auch die physiologische Faktizität; aber er definiert matischer Gegenstand; das will besagen: daraus, daß 1. der
sie ohne diese. Es ist also seine physikalische Erfahrung nach Verstand mit seinen Gegenstandskategorien auf die Erkenntnis-
alledem, was in ihr an Definitionen und Gesetzen und darin dar- motive von Zeit und Raum verwiesen ist, wenn Erkenntnis
gestellten Vorgängen vorkommt, eine abstraktive Gesamtheit des Gegenstandes möglich werden und der Verstand nicht ein
von Vorgängen, zwar nicht abstrahiert von der physiologischenEr bloßes "Denken" bleiben soll; daß 2. aber dafür, wie Raum und
fahrung, sondern von der "Faktizität überhaupt", in der neben un- Zeit den Verstand auf eine bestimmte Form der Raumstruktur
endlich vielem anderen auch die physiologische Erfahrung ihre be- (z. B. der euklidischen) oder der Zeit einschränken, kein not-
sondere Faktizität abstrahiert und darin, auch ihrerseits ab- wendiger (verstandesnotwendiger) Grund angegeben werden
straktiv sich definiert, gesetzlich ausrüstet und demgemäß dar- kann, so daß diese Anschauungseinschränkung als eine zufällige
stellt. Dabei besteht nun nicht ein Nebeneinander beider Er- Einschränkung des Denkens erscheint, - daraus entspringt
f~hrungen, der physikalischen und der physiologischen, sondern der an sich völlig leere und negative Gedanke, daß sich rein logisch
dIese setzt jene voraus: alle Definitionen und Gesetze und Sach- möglich, d. h. \viderspruchslos, ein "Gegenstand" denken lassen
ver~alte der. Physiologie si.nd auf die physikalische Erfahrung rnüsse, der durch diese Einschränkung seitens der Anschauung
a~s Ihr (te?hn~sches) VorgebIet angewiesen. Wie Galilei sagt, daß von Raum und Zeit nicht bedingt sei. Dieser schlechthin also
dIe (physIkalIsche) Natur in - ma thema tis chen B uch- problematische Gegenstand des Verstandes ohne die realen, d. h.
stab engeschrieben sei. Also: die Physiologie ist ein Abstraktions- realisierenden Beschränkungen von Raum und Zeit wäre also -
v:ersuch an der "Fa~izität überhaupt", ganz wie die Physik. Aber wenn er möglich wäre, ein unbedingter "Gegenstand", ein "Ding
SIe stehen darum mcht etwa so nebeneinander, als könnten nun an sich". Der ganze Gegensatz entspringt also bei Kant rein
beide, als bestimmte, in sich geschlossene Daseinsweisen durch methodisch aus der verschiedenen Weite der bestimmten Raum-
eine Gesetzlichkeit in einen Verkehr gebracht werden. Zeit-Struktur einerseits und der allgemeinen, bloß denkkate-
• .L~~f ei~e solche Gesetzlichkeit nun ist Helmholtz gerade gorialen Schematik andererseits. Der Gegensatz verbleibt auch
pr~nzI pIell eIngestellt.. Denn die physiologische Erfahrung ist ein rein in dieser methodischen Gegensätzlichkeit, damit der Gegen-
ZeI~he~syst~~; da~ In seinem Ablauf von einem System der stand der Natur als Gegenstand einer Wissenschaft der Erfah-
"WIrklIchkeIt beeInfIußt wird. "Jedes Naturgesetz sagt uns 1
I} Ebd. Il,226. Es.ist für die'Ge~chichte der neueren ~rkenlltniskritik
daß auf Vorbedingungen, die in gewisser Beziehung gleich sind: wichtig, zu beachten, WIe H. Hertz diesen Gedanken aufmm.mt.
Über zwei Wandlungen in der philosophischen Systematik.
86 Über zwei Wandlungen in der philosophischen Systematik.
um zwei Postulate: 1. um das Postulat der eindeutigen Zuord-
rung unterschieden werde von allen bloß logischen (metaphy- nung des physikalischen und des physiolo?ischen. Gesc~ehe~s;
sischen) Fiktionen. diese Zuordnung ist möglich auch ohne eIn "glelChbleIbeuues
Es handelte sich also Uill einen wissenschaftsmethodischen Verhältnis zwischen veränderlichen Größen", eine eindeutige Z~­
Gegensatz, nicht um einen solchen von Daseinsformen, der phy- ordnung bleibt denkbar, auch wenn wir "i~ einer :V
elt leben, In
sikalischen und der physiologischen. vVeil nun aber Helmholtz der jedes Atom von jedem anderen verschIe.den war~ und wo es
von einem solchen Daseinsgegensatz, als wäre er der kantische~ nichts Ruhendes gäbe" 1). Es ",rürde weder In dem eInen System
ausgeht, muß er zu einer "Zeichen"theorie greifen, von der zwar des Wirklichen noch in dem anderen, dem "Zeichensystem" der
nicht eine Abbildlichkeit der einen vVelt in die andere, wohl aber Empfindungen, eine "Regelmäßigkeit zu fi~de~ sein". Also ~uß
eine Korres p ondenz der bei dersei tige n Vo rgänge ange- um der "Begreifbarkeit" vlillen noch 2. eIne Je~em .. System Im-
nommen wird. "Daß es eine contradictio in adiecto sei, das Re- manente "Regelmäßigkeit" bestehen, denn ohne. SIe wurd~ "unsere
elle oder Kants "Ding an sich" in positiven Bestimmungen vor- Denktätigkeit ruhen". Nun fragt es sich allerdIngs, ob dIe HlPo~
stellen zu wollen, ohne es doch in die Form unseres VorsteIlens these so weit gespannt werden muß, anzunehmen, daß nIcht
aufzunehmen, brauche ich Ihnen nicht auseinanderzusetzen. "jedes Atom von jedem an~erer:- verschie~en ,:äre " , ,denn ~!:
Was wir aber erreichen können, ist die Kenntnis der gesetzlichen Möglichkeit einer GesetzmäßIgkeit, al~o dIe Wlederhol1.~ng '~~:~
Ordnung im Reiche des 'Virklichen, diese freilich nur dargestellt Vorgängen, die Zurückführung verschiedener Begebenh81te.n ctL!.:
im Zeichensystem unserer Sinneseindrücke" 1). Oder: "Wenn ein ihnen Gemeinsames, sie selbst Durchwirkendes und s~e aur
also unsere Sinnesempfindungen in ihrer Qualität auch nm< einen beständigen Ausdruck Bringendes ist tr~tz der yerschIed~l1-
Ze'ichen sind, deren besondere Art ganz von unserer Organisation heit möglich, ja, gerade wegen der V~rschledenh81t und EIn-
abhängt, so sind sie eben Zeichen von Etwas und das Gesetz maligkeit jed~s ~reignisses gegen~b~r Jedem and~ren a uft~:~
dieses Geschehens können sie uns abbilden" 2). geben. Das Ist dIe große ParadOXIe In der MethodIk der Navui
Weil Heimholtz die Duplizität der Welt, als einer physikalischen wissenschaften, daß die Be 0 b ach tun g des U nauswech~elbare~
und einer physiologischen, setzt, so IllUß von ihm postuliert werden, und einmaligen Hier und Jetzt einerseits und .das Dedu~lve unu
daß eine eindeutige Zuordnung möglich sei; d. h. einem Prinzipielle, die Theorie andererseits aufeInander. eingestelI:,
System von "reellen" Vorgängen muß eindeutig ein System von wechselweise ineinander in duz i e rt werden sollen. DI~se Methoae
Veränderungen der Empfindungsinhalte entsprechen, so daß der "Induktion" heißt, wenn die Richtung ~uf das EIn~elne ~nd
jedem Komplex der letzteren ein eindeutig b,estimmter Komplex Unauswechselbare der Beobachtung geht: dIe ApproXImatIon
der ersteren zugeordnet gesetzt wird. Aber Helmholtz muß noch oder Exhaustion, geht sie umgekehrt auf die Begründ~ng und
ein zweites postulieren: daß es eine "Gesetzmäßigkeit alles Ge- die Theorie: die Methode der kontinuierlichen Er~veiteru:qg
schehens" 3) gebe, d. h. ein "gleichbleibendes Verhältnis zyvischen der Prinzipien. Für diese beiden Richtungen der Wissenschaft-
veränderlichen Größen" 4). Denn diese Gesetzmäßigkeit in der lichen Methodik darf es allerdings keine Schranken geben. 1\be1'
Veränderung der 'Virklichkeit ist die Voraussetzung dafür, daß die Verschiedenheit" eines Atoms von jedem andern wäre dIese
sie "begreifbar" sei. Unsere Denktätigkeit ,vürde ruhen, wenn Sch;~nke ni eh t, sondern ist im begrifflichen Ausdrucke für das
nicht eine Regelmäßigkeit in den Dingen vorläge. Ind81ll also Faktum der Beobachtung eben des hier und jetzt unauswechsel-
unser Denken mit dem "regulativen Prinzipe"des "Kausal- bar Einzelnen vielmehr ein nicht zu beseitigender Bestand der
gesetzes" als dem Zuordnungsgesetz das Zeichensystem der \iVissenschaftsmethodik selber.
Empfindungen in der Form einer geordneten Mannigfaltigkeit Es bliebe also eigentlich nur das erste Postulat Helmholtz~ns,
zu ergreifen sucht, spricht es damit das "Vertrauen auf die Ge- das Postulat der eindeutigen Zuordnung des Systems des WIrk-
setzmäßigkeit des Geschehens" 5) aus. Es handelt sich also lichen (Kants "Dinge an sich") und des "Zeichen"systems .der
Empfindungsabfolge 2). 'Vir haben darauf zu achten, daß dIese
1) HeImholtz II, 246.
2} Ebd. II, 227. 1) II, 24'7.
3} II, 24'7. 4) II, 24~.
2) II, 266, 267.
88 Über zwei Wandlungen in der philosophischen Systematik. Über zwei Wandlungen in der philosophischen Systematik. 89

"Hypothese" eines Verhältnisses zweier Daseinsbestände den noch ihre Gegenstände in ihrer Bestimmtheit den approximativen
Grundmangel enthält, daß sie nicht verifizierbar ist. Denn der Charakter überwinden können (das Beobachtete ist gefordert als
Verstand mit seinem Begreifen des "Gesetzlichen der Erschei- das Unauswechselbare, total Festgestellte, hier und jetzt Ein-
nung" ist als "unser" Verstand auf das Zeichensystem der Emp- deutige, zu dem die vVissenschaft durch die [immer von neuem
findungsabfolgen als das einzige Gebiet seiner Betätigung einge- zu korrigierende] Unterscheidung des Wesentlichen und Un-
schränkt. Also das Problem der eindeutigen Zuordnung bleibt wesentlichen sich nur in unendlicher Annäherung befindet). Es
schlechtweg problematisch. - Oder ist vielleicht die "Erfahrung" bleibt also "die Erfahrung" die Aufgabe einer unendlichen
das Mittel, um über dies Problem zu einer Sicherheit zu kommen? Immanenz wechselseitigen Gehaltenseins von Gesetzen
Gibt also vielleicht die "Erfahrung" die Probe auf die Zulänglich- und Gegenständen der Forschung. Das ist der Charakter
keit des HeImholtzsehen Postulates? des kritischen Erfahrungsbegriffes, wie \~vir ihn aus kantischem
Im kantischen System hat "die Erfahrung" tatsächlich die Geiste im gegenwärtigen Sprachgebrauch entwickeln können.
Bedeutung einer Rechtfertigung der gedanklichen Setzungen. Ganz anders zeigt sich, auch für diese Stufe der Überlegung,
"Erfahrung" bedeutet für Kant die systematische Einheit der Begriff der Erfahrung bei Heimholtz. Sein Begriff der Er-
der Grundsätze, die in Nev.rtons principia philosophiae natu- fahrung ist ganz und gar gestützt auf seine Hypothese des
ralis mathematica 'wirksam sind, der Grundsätze also, in denen ~,Zeichensystems", also der eindeutigen Zuordnung. "Die einzige
als den Gesetzen sich das Reich der Natur konstituiert. Wir Voraussetzung, welche wir festhalten, ist die des Kausalgesetzes,
lernten die "Erfahrung", weil sie Einheit und System bedeutet, daß nämlich die mit dem Charakter der Wahrnehmung in uns
als I d e e kennen, d. h. als ein Aufgegebenes (nicht also Gegebenes) zustande kommenden Vorstellungen nach festen Gesetzen zu-
und darum als Methode, gemäß welcher, was Naturgegenstand stande kommen, so daß, wenn verschiedene vVahrnehmungen
soll genannt werden können, bestimmbar wird. Anders ausgedrückt: sich uns aufdrängen, wir berechtigt sind, daraus auf Verschieden-
Alles, was die Naturwissenschaft, sei es als Gegenständlichkeit, heit der realen Bedingungen zu schließen, unter denen sie sich
sei es als Gesetzlichkeit, bestimmt, muß der Forderung genügen, gebildet haben. Übrigens wissen wir über diese Bedingungen
daß es mit allem übrigen an Gegenständlichkeit und Gesetzlich- selbst, über das eigentlich Reale, was den Erscheinungen zum
keit zusammen besteht, d. h. in der "Einheit der Erfahrung" Grunde liegt, nichts. Die vorangestellte Voraussetzung ist das
befaßt wird; daß alles, was von Gesetzlichkeiten (im Theoretischen) Grundgesetz unseres Denkens 1)." VVir haben darauf zu achten,
ausgezeichnet wird, sich zusammenfügt zur Bestimmung alles daß das Kausalgesetz also nicht ist das Grundgesetz für eine
Gegenständlichen. und daß alles, was an Gegenständlichkeiten Tein immanente Konstitution des Systems von physikalischen
(im Experimentellen) auftritt, Bestand hat als ein durch Gesetzlich- Vorgängen, das ist solcher. von denen die Physik rein als Physik
keiten Bestimmtes. Auf diese Probe kommt es an. Dieser rein redet: der Bewegungen, Energien und Massen; noch ist es das
immanente Bezug unter dem Wissenschaftsinventar Gesetz für das System von physiologischen Vorgängen. Vielmehr
(sowohl des Theoretischen wie des Experimentellen) ist die ein- ~oll das Kausalitätsgesetz die Forderung aussprechen, daß zwei
zige Rechtfertigung, ob "Einheit der Erfahrung" besteht. Also ~ystematische Tatbestände in einer gesetzmäßigen Be z i e h u n g
gibt es so etwas weder im Sinne eines Transszendenten, d. h. stehen, von denen das eine, das System des "eigentlich Realen"
außerhalb der Wissenschaft, noch im Sinne eines Absoluten, d. h. uns sonst schlechterdings unbekannt ist. Kausalitätsgesetz be-
im Sinne eines Faktums "an sich". Denn erstere Setzung hat deutet also für Helmholtz das Gesetz der Zuordnung der
keine Bedeutung für die naturwissenschaftliche Erkenntnis; als ])ei den Systeme.
"Einheit der Erfahrung" kann ihr immer nur gelten, soweit sie Ist nun das Kausalitätsgesetz im Heimholtzsehen Sinne das
sie selbst in ihren Gesetzen bezüglich ihrer Gegenständlichkeit, Gesetz der Zuordnung, der Korrespondenz, das Brücken-
und umgekehrt, darstellt; die andere Setzung nicht, weil weder gesetz zweier in sich geschlossener Vorgangssysteme, so be-
ihre Gesetze den Charakter der Hypothese überwinden (ruht doch zeichnet Helmholtz den tatsächlichen Vollzug der Zuordnung,
das theoretische Gebäude auf Prinzipien, Erstsätzen, d. h. letzte,
selbst nicht mehr gesicherte Sicherungen des Fundamentes), 1) Ebd. II, 266; _226; 23?
Über zwei Wandlungen in der philosophischen Systematik. über zwei Wandlungen in der philosophischen Systematik 91

die Kenntnisnahme der gesetzlichen Ordnung im Reiche des Ebensowenig wie beim Transzendentalen entspricht Helm-
\Virklichen 1), das tatsächliche Sich-Vermitteln des einen Systems holtz' Auffassung des apriori dem Sinne Kants. Heimholtz'
(des "Realen") an das andere als - Erfahrung. Es gibt daher Abneigung gerade gegen diesen Begriff bedient sich der gleichen
einen Beweis des "Kausalitätsgesetzes" aus der Erfahrung nicht. Argumente, wie Locke gegen das Angeborene. Denn auch Helm-
Denn der Sinn der Erfahrung liegt im Kausalitätsgesetz; nur holtz versteht das apriori ganz im Sinne eines Angeborenen,
unter Voraussetzung eines Zuordnungsgesetzes, unter Vor- physiologisch mit unserer Existenz Gegebenen; und zweitens
aussetzung der Geltung der eindeutigen Korrespondenz kann bedeutet ihm (...vie Locke) das apriori der Anspruch bestimmter
eine bestimmte Folge von Vorgängen in dem einen System (der Sä t ze, für ihr Gebiet absolute, zeitlos geltende, schlechthin
Empfindungen und VVahrnehmungen) über das bloß Subjektive unableitbare Erstsätze zu sein. "Kant benutzte die angebliche
hinaus den Sinn der "Zeichen'" objektiven Gehaltes erlangen, Tatsache, daß diese Sätze (die Axiome) der (euklidischen) Geometrie
d. h. als "Erfahrung" verstanden werden. uns als notwendig richtig erscheinen und wir uns ein abweichen-
Also begründet nicht die Erfahrung das Kausalitätsgesetz, des Verhalten des Raumes auch gar nicht einmal vorstellen könnten~
sondern das Kausalitätsgesetz begründet die Erfahrungen, obwohl geradezu als Beweis dafür, daß sie vor aller Erfahrung gegeben
die Erfahrungen die Bewährung des Kausalitätsgesetzes sind 2}_ sein müßten" 1). In diesem Satz Heimholtzens kommt schon
Die Erfahrung ist daher auch nicht als "Einheit" oder "System zum Ausdruck, daß er meint, nicht nur das Kennzeichen des
der Erfahrung", also immer in der Einzahl, zu verstehen, wie apriori, sondern auch seine Rechtfertigung solle in der "Evidenz" 2)
es Kant tut. Denn Erfahrung ist nur das tatsächliche Vorsich- und der "Leichtigkeit der Vorstellung" 3) gesehen werden.
gehen der Zuordnung, das eben als ein Vorsichgehen in unbe- Wir wollen uns bei diesen Abwehrformulierungen gegen das
grenzter lVlannigfaltigkeit gedacht und verlangt werden muß. apriori, wie HeImholtz es versteht, nicht aufhulten, müßten
Das Kausalitätsgesetz ist also von solchergestalt "Erfahrung'" wir doch vielmehr mit den kanti~chen "Philosophen" der Helm-
unabhängig. Darum wendet Helmholtz auf es den kantischen holtzsehen Zeit rechten, die ganz ...vie er das apriori charakteri-
Terminus des Transzendentalen an. "Das Kausalgesetz ist ...virk- sierten, wie wenig davon auch sich auf Kant berufen konnte;
lieh ein apriori gegebenes, ein transzendentales Gesetz. Ein Kant verwirft an bedeutsamen Stellen jede Anähnel ung des
Beweis aus der Erfahrung ist nicht möglich; denn die ersten apriori an "das mit unserer physiologischen Existenz Gegebene".
Schritte der Erfahrung sind nicht möglich, ohne Anwendung Wir fördern aber unsere Untersuchung, wenn wir uns den
von Induktionsschlüssen, d. h. ohne Kausalgesetz 3)." Aus solcher exakten Sinn des apriori bei Kant vor Augen stellen. Es ist
Ableitung müssen beide Begriffe, das apriori und das transzenden- entscheidend, daß das apriori innerhalb der· kantischen :Metho-
tale, einen anderen Sinn bekommen, als sie bei Kant haben. Äußer- dologie nichts zu erledigen sich anmaßt, keinerlei Geltungsanspruch
lich bedeutet das Transzendentale das gleiche, ,,,.-je bei Kant: das, erlangt, sondern an ihrer Schwelle steht als dasjenige, das zum
"was unabhängig von ",-irldichen Erfahrungen gebildet" 4) ist} Problem gemacht ,vird, weil es sich als Faktum darbietet.
aber der Erfahrung Sinn, Geltung und Gebrauchswert erst erteilt: Woher aber als Faktum? Als Faktum der besonderen vVissen-
insoweit also "möglich macht". Aber für Kant ist das transzenden- schaften, sei es der euklidischen Mathematik, sei es der newton-
tale die Antwort darauf, wie es möglich sei, daß das Einzelgegen- sehen Physik. Es ist das Faktum, daß diese Wissenschaften
ständliche und das prinzipiell Allgemeingesetzliche in dem imma- Axiome oder Prinzipien auszeichnen, die als die äußersten, schlecht-
nenten Wechselbezug stehen können, wie er sich in der Einheit hin allgemeinen Sätze gelten. Dies: daß etwas nicht mehr aus
der (wissenschaftlichen) Erfahrung ausspricht. Helnmoltz jedoch anderem ableitbar, sondern alles andere durch es "logisch" be-
bezeichnet mit dem Transzendentalen das Gesetz, durch das er dingt, von engerer Sphäre als es sei, das drückt dieser Terminus
das uns zur Verfügung stehende Gebiet der Empfindungen als apriori aus; er ist völlig gleichsinnig mit dem ;,Prinzipium",
das "Zeichen"system eines Re al systems, auf das wir keinen dem Ersten in der Reihe der Bedingungen, dem gegenüber alles
Bezug haben, sich verständlich machen .kann. andere als von ihm bedingt erscheint. Somit ist das apriori gar
1) Ebd. H, 2ltcG. 2) Ebd. II, 2ltc7. 3, Ebd. 2ltci. 4) Ebd. 29. I} Ebd. 233. 2) Ebd. 23ltc. 3) 23i.
92 Über zwei Wandlungen in der philosophischen Systematik. Über zwei Wandlungen in der philosophischen Systematik. 93

kein spezifisch philosophischer Begriff, sondern allgemein ein Ausdruck der Sachverhältnisse; aber diese Formen müssen inhalts-
\iVissenschaftsbegriff überhaupt, sofern es in jeder deduktiven leer und frei genug sein, um jeden Inhalt, q.er überhaupt in die
,;Vissenschaft, in jeder Theorie ein Erstes gibt, ein Erstes von betreffende Form der Wahrnehmung eintreten kann, aufzunehmen.
allgemeinster Geltung. Daß dieses Erste ein solches absol uter Die Axiome der Geometrie aber beschränken die Anschauungs-
Geltung sei, war wiederum nicht eine Setzung der Philosophie, form des Raumes so, daß nicht mehr jeder denkbare Inhalt darin
sondern der Wissenschaften, die solches "a priori", "Axiom", aufgenommen werden kann, wenn überhaupt Geometrie auf die
"Prinzip" auszeichneten. Dieses Faktum aer Wissenschaften wirkliche vVelt anwendbar sein soll. Lassen wir sie fallen, so ist
hatte die Philosophie zu respektieren. Darum trat das "a priori" die Lehre von der Transzendentalität der Anschauungsform ohne
der Geometrie, die eindeutig die euklidische war, und das der allen Anstoß. Hier ist Kant in seiner Kritik nicht kritisch genug
mathematischen Physik, die die Newtons war, auch im kantischen gewesen. Aber freilich handelte es sich dabei um Lehrsätze aus der
System als ein absolutes Erstes, als schlechthin Unableitbares Mathematik, und dies Stück kritischer Arbeit mußte durch die
auf. Von so abgeleiteter Natur ist das apriori im Haushalte der Mathematiker erledigt werden 1)." Ging Kant von der Euklidizität
kantischel1 Philosophie. vVenn es ein Fehler war, von einem des Raumes aus, so war es gerade nicht ein Mangel seiner - philo-
schlechthin unauflösbaren, absoluten Ersten zu reden, so lag er sophischen Kritik, sondern ganz und gar die Exaktheit seiner
verantwortlich nicht bei Kant oder der Philosophie überhaupt, Fragestellung, die auf dasjenige ging, was die Wissenschaft der
sondern in dem geschichtlich bedingten Stande der besonderen Geometrie oder der Physik als ihr Prinzipielles oder Axiomatisches
Wissenschaften selbst. Diese, die spezifischen Wissenschaften, darboten; erst über diesem Faktum der Wissenschaftsgeschichte
endeten - oder begannen - mit schlechthin "ersten Sätzen", hatte er die transzendentale Frage zu erheben. Es bedeutet, die
die der Grund der Sicherheit aller anderen sein sollten, darum kritische Fragestellung nicht zulänglich aufgefaßt zu haben, wenn
also "streng notwendig und allgemeingültig" sein mußten; Sätze Helmholtz an anderer Stelle sagt: "Kant ist bei seiner Behauptung,
also, die am Anfang der je besonderen Wissenschaften standen. daß räuniliche Verhältnisse, die den Axiomen des Euklids wider-
Und diese überwiesen dann die Last der Sicherung und Recht- sprächen, nicht einmal vorgestellt werden könnten,... durch
fertigung solcher Anfangssätze (die tatsächlich Letztsätze deduk- den damaligen Entwicklungszustand der Mathematik - be-
tiver Gerechtsame sind) - der Philosophie. Diese Last nahm einfl ußt gewesen'( 2). Nicht "beeinflußt" durfte er sein vom
die Philosophie dienstbereit auf sich, machte das apriori sich damaligen Stand der Mathematik, sondern durch seine Problem-
zum Problem und suchte es zu bewältigen, sei es durch die Methode stellung war er darauf verwiesen. Die Wissenschaftsgeschichte
des Transzendentalen, im Sinne des Kritizismus, oder durch ist für das jeweilige apriori verantwortlich, nicht die kritische
Übertragung des physiologischen Problembegriffs des Angeborenen Philosophie.
auch auf das apriori, im Sinne des Nativismus, oder man leugnete, So war es allerdings geboten, nicht um einen philosophi-
daß ein fundamentales Problem vorläge, weil aus der "Erfahrung" schen Fehler zu beheben, sondern um sich selbst unter Kritik
von selbst die Unterscheidung von mehr oder minder allgemeinen zu stellen, daß die Mathematik die Euklidizität als ihr absolutes
Wahrnehmungen herauswachse, die Auffassung des Empirismus. apriori anzweifelte. Das ist in gewaltiger Arbeit geschehen.
Diese Deutungsversuche am apriori fallen also der Philo- Und es ist zu fragen, ob an der kritischen Fragestellung Kants
sophie zur Last, nicht die Auszeichnung eines apriori selbst, sei dadurch so wesentliches geändert werden muß, wie es in getreuer
es der euklidischen Geometrie oder der newtonschen Physik. Aufnahme der Helmholtzschen Ausstellungen an Kants Begriffen
War es doch gerade Kant selbst, der die Euklidizität der Geometrie, des Transzendentalen und des apriori durch die mathematischen
die euklidische Gesetzlichkeit des Raumes eine - Zufälligkeit und physikalischen Erkenntniskritiker bis auf die unmittelbare
nennt 1). Warum sagen wir alles dies in diesem Zusammenhange? Gegenwart behauptet wird.
vVeil HeImholtz behauptet: "Kants Lehre von den apriori ge- Mag nun der Kampf, den Helmholtz gegen diese beiden
gebenen Formen der Anschauung ist ein sehr glücklicher und klarer Begriffe, wenigstens in ihrer Beziehung auf den Raum, gerichtet
I} Ich verweise auf die Ausführungen in meinem "Aristoteles und
Kant" S. 289 ff. l} Helmholtz 11, 270; 11, 4. 2) II, 234.
94 Über zwei Wandlungen in der philosophischen Systematik. Ober zwei \Vandlrrngen in deI" philosophischen Systematik. 95

hat, mehr den zeitgenössischen "Anhängern Kants" 1) denn als ein vom Kausalgesetz interpretiertes und sinnvoll gemachtes
Kant selbst gelten, so springt für uns doch die wesentliche Ein- Geschehen, beide aus sinnesphysiologischem Grunde erwachsen
sicht heraus, wie dieser Kampf (abgesehen von der hier völlig sind. Schon 1853 steht es für Helmholtz fest: "Die Sinnes-
irrele:vanten p~YRio~ogischen "Ableitung" der Raumanschauung empfindungen sind uns nur Symbole für die Gegenstände
aus e!ner ManmgfaltIgkeit von Empfindungsgruppen) eine unwider- der Außenwelt und entsprechen diesen etwa so, "vie der Schrift-
stehlIche Stoßkraft dadurch erlangt, daß Helmholtz die neuen zug oder 'Vortlaut dem dadurch bezeichneten Dinge. Sie geben
Tatsachen der nichteuklidischen Geometrien in den zwar Nachricht von den Eigentümlichkeiten der Außenwelt, aber
Brennpunkt der erkenntniskritischen Interessen stellt. nicht besser, als wir einem Blinden durch 'Vortbeschreihungen
~elmholtz erkennt die ungeheure, völlig unbegrenzte Tragweite von der Farbe gehen" 1). Hierin ist alles Spätere angelegt. Neben
dIeser E~tdeckung, die den bisherigen Charakter des apriori diesem sinnesphysiologischen Gedanken eines Zugeordnetseins
(zwar keIneswegs zerstörte, aber) in tiefstem Sinne innerliehst zweier Vorgangssysteme kommt noch in Frage die Abhängigkeit
wandelte; und daher auch nicht ohne Einfluß auf die Formulierung des Einzelsubjekts von einem Fremdrnächtigen, das "nicht will-
des Transzendentalen bleiben konnte. kürlich zu wählen und zu bestimmen ist in UnSer€lll Denken":
Durch diese Erkenntnis der Problematik der nichteuklidischen "und demgemäß nennen wir es Kraft" 2). In diesem Sinne ist
Geometrie für die Erkenntniskritik begründete Helmholtz das das System des Wirklichen der Natur, eben als ein gesetzlicher
Recht des spezifischen Wissenschaftlers, die Frage nach der Zu- Zusammenhang, ein System von Kräften, "sobald wir die Unab-
länglichkeit seiner - spezjfischen - Erkenntnis zu der ihm zu- hängigkeit derselben von unserem Denken und unserem Willen
li:ommenden Frage zu machen und sie aus seiner Gerechtsame anerkennen" 3). Mit diesem Gedankenmotiv ist die Rich tu ng,
zu beantworten. Wir müssen sehen, anf "veIchern Wege Helmholtz in der die beiden Vorgangssysteme einander zugeordnet sind,
diese durch ihn ganz neue erkenntniskritische Problematik erfaßt bestimmt. Das Gebiet des "Realen" oder "der Dinge an sich",
und zu bewältigen sucht. das heißt "die Natur" bestimmt in der Zuordnung das Ge1liet
der Empfindungsvorgänge; dieses ist das System der "Zeichen'\
Die erkenntniskritische Problematik der nicht- jenes das System des ,,'Virklichen". "Erfahrung" ist "Erfahrung
euklidischen Geometrie. von", nämlich dem "Wirklichen", das in Zeichen, genannt
Nur, wenn HeImholtz' Begriff der Erfahrung klar vor Augen Empfindungen, zu uns spricht.
steht, erscheinen seine erkenntniskritischen Ansichten zusammen- Daraus ergibt sich, daß dem System von Vorgängen, in dem wir
hängend. "Erfahrung" ist für Helmholtz das tatsächliche Von- .als Sinnenwesen leben, nicht an sich schon eine bestimmte
stattengehen des Bezuges der Welt des "vVirklichen" auf die Gesetzlichkeit zukommen darf. Nun gibt es aber g€\,visse
Welt unserer Empfindungen; der theoretische Ausdruck dieses "Sätze, die sich unserer Überzeugung mit Notwendigkeit aufdrän-
Bezuges, das Gesetz der Zuordnung ist das "Kausalgesetz". gen". Das sind z. B. die Sätze der (euklidischen) Geometrie. Und weil
Nur unter absoluter 2) Voraussetzung dieses "Gesetzes" kann die Raumgesetzlichkeit die Grundlage der Naturwissenschaft ist.
von "Erfahrung" geredet werden; es ist demnach von der Er- so scheinen die geometrischen Axiome zu beweisen, daß der Raum,
fahrung" unabhängig, vor der Erfahrung gegeben; wird ein Vor- die Form aller äußeren Anschauung, in die alles eingehen muß,
g~ng ~s "Erfahrung" bezeichnet, so kann es nur geschehen, wenn
was ein Gegenstand unserer Wahrnehmung soU werden können,
WIr eIn Gesetz der Zuordnung, das HeImholtzsehe KausalO'esetz
gewisse "Besonderheiten" einsehließt, "die bewirken, daß eben
zugru.nde legen, durch das diesem Vorgang der Sinn, "Erfah~ung" nur ein in gewisser Weise gesetzmäßig beschränkter Inhalt in
zu sem, erst zuwächst. dasselbe eintreten und uns anschaubar werden könne" 4'). Damit
Es ist überall ersichtlich, daß das "Kausalgesetz", als Gesetz aber wäre die These einer Zuordnung der beiden Tatsachensysteme
der Zuordnung zweier Vorgangsbereiche, und die "Erfahrung", an ihrer Wurzel bedroht. Wie sollte das Reich des "Wirklichen"
ein Reich der (Empfindungs-) "Zeichen" sich zuordnen können,
1) II, 261.
2) Hier tritt, in diesem Begriff des "Absoluten", die Schranke der
Heimholtzsehen Stellung heraus. 1) Ebd. I, 19. 2} I, 34:0/4:1. 3) I, 342. 4) Ir, 3.
TIber zwei Wandlungen in der philosophischen Systematik. Üher zwei Wandlungen in der philosophischen Systematik. 97
96
wenn jenem Reiche nicht die freieste Initiative der Zuordnung I-
faltigung eine Leistung der Analysis und als solche, abseits
der :Modus' des Bezuges unbeschränkt gewahrt bliebe? Wenn de~ Anschaulichkeit und Evidenz oder abseits der Erfahrung, die
Zuordnung besteht, so muß die Weise der Zuordnung bestimmbar LeIstun.g einer - ,,~ogik"; dadurch wurde sie ein "analytisches"
und bestimmt sein lediglich durch jenes Reich des "Wirklichen"; Ergebms; darüber 1st alsbald noch mehr zu sagen.
und gibt es eine tatsächliche Bestimmtheit im Zeichensystem Ferner aber entsprang aus der Tatsache, daß es gelungen
unserer Wahrnehmungen, so kann sie nur aus dem, was Helmholtz war, den Konstitutionscharakter des Raumes unendlich zu ver-
"Erfahrung" nennt, herrühren. Durch "Erfahrung" und als mannigfaltigen, ihm also den Charakter absoluter Eindeutigkeit
"Erfahrung" ist das Zugeordnete bestimmt, und bestimmbar zu nehmen, die Frage, was die Auszeichnung der Euklidizität
lediglich dadurch, daß es an sich unbestimmt ist. als Grundlage naturwissenschaftlicher Rauminterpretation be wi r kt
Um die These der Zuordnung, um also das "Kausalgesetz" habe. Hierfür konnte von HeImholtz keine andere Entscheidung
aufrechtzuerhalten, mußte der Nachweis möglich sein, daß die getroffen werden, als daß die - Erfahrung, also eine 'Virkung
euklidisch-axiomatische Bestimmtheit des Raumes nicht etwas der Zuordnung der Grund sei. Also mußte die Mathematik ganz
Absolutes, dem Raum als Wahrnehmungsschema selbst ursprüng- wie die Physik die Beziehung auf die "Erfahrung" eingehen. Die
lich Eigentümliches sei. Das ist der Weg der Überlegung," Euklidizität begründete also eine "physische" oder "erfahrungs-
auf dem nun der gewaltige Problemkomplex der- mäßige" Geometrie. Damit war die Mathematik dem allgemeinen
nichteuklidischen Geometrie zum Gegenstand der er kenntniskritischen Problem der Natur unterstellt, dem p h y si 0-
Er ke nntnis kri tik wi rd. HIch beabsichtige, Ihnen Bericht logischen Fragekomplex des Angeborenen usw. ent-
zu erstatten über eine Reihe sich aneinanderschließender neuerer zogen und der Frage nach der objektiven Wahrheit unterstellt.
mathematischer Arbeiten, welche die geometrischen Axiome 1
Die Frage des Raumes wurde eine spezifische Angelegenheit der
ihre Beziehungen zur Erfahrung und die logische l\1ög- Natunvissenschaft. Wir haben dieser Entwicklung im Helm-
lic'hkeit, sie durch andere zu ersetzen, betreffen 1)." holtzschen Gedankengange nachzugehen.
Hierin sprechen sich klar die beiden erkenntniskritischen Interessen "{y' o mit ist zu beginnen? "Die einzige Voraussetzung, welche
aus, die HeJmholtz mit der Inanspruchnahme der nichteuklidischen wir festhalten, ist die des Kausalgesetzes, daß nämlich die mit dem
Entdeckungen befriedigen will. Charakter der Wahrnehnlungen in uns zustande kommenden
Zunächst "Wird dem Anschauungsmotiv des Raumes der Vorstellungen nach festen Gesetzen zustande kommen so daß
Charakter des Absoluten genommen. Die nichteuklidischen wenn verschiedene Wahrnehmungen sich uns aufdrä~gen, wi;
Geometrien bieten die Möglichkeit, neben die euklidischen Axiome berechtigt sind, daraus auf die Verschiedenheit der realen Be-
andere zu setzen, die den Raum in mannigfachster Weise be- dingungen zu schließen, unter denen sie sich gebildet haben" 1).
stimmen und ausbauen. Die Euklidizität wird damit eingeschränkt Die Regel, daß die klugen und bedeutenden Menschen, die die
zu einer möglichen Charakteristik neben anderen; sie wird zu Träger der Wissenschaftsgeschichte sind, ihre "Fehler" immer
einer bestenfalls irgend wodurch bevorzugten Raumform. im Anfange machen, nach denen dann alles bündig verläuft, be-
Es soll uns hier nicht eingehender beschäftigen, daß von Helmholtz stätigt sich auch bei HeImholtz. Denn diese Voraussetzung ist
an durch die ganze naturwissenschaftliche Erkenntniskritik der gar nicht die einzige und erste. Denn dient ihm dies Gesetz ",irklich
gemeinsame Zug geht, die Überwindung des absoluten -Sinnes dazu, aus den Wahrnehmungen zu Induktionsschlüssen und
der Euklidizität des Raumes und die Vermannigfaltigung der damit zu Aussagen über ein gesetzliches Geschehen auch im Reich
Raumcharakteristik eine Leistung logischer Arbeit zu nennen. des Wirklichen zu kommen, so muß er voraussetzen, daß sowohl
Der gemeinsame Grund dafür ist der, daß die Euklidizität des. "das eigentlich Reale" ein System, d. h. ein geordnetes Mannig-
Raumes immer nur als eine behauptete angeborene An- faltiges sei, wie auch ihrerseits die "Vorstellungen" ein in sich
schauung, die in einer sinnlichen Evidenz sich begründe, be- geordnetes oder zu ordnendes Mannigfaltige. Ferner sahen wir 1

kämpft und für deren Herkunft ein Erfahrungsgrund gesucht daß die (vorgeblich) einzige Voraussetzung eines Zuordnungs-
wurde. Demgegenüber war die nichteuklidische Vermannig--
1) Ebd. II, 266/67.
1) 1I, 4.
Natorp-Festschrift. 7
98 über zwei Wandlungen in der philosophischen Systematik. Über zwei \Vandlungen in der philosophischen Systematik. 99
gesetzes prinzipiell der Bewahrheitung entzogen ist. Denn es apriori-Angeborene alle Bedeutung für eine Erkenntniskritik
,var zugestanden, daß alle "Bewahrheitung" überhaupt, das ist: verloren habe. An einer genialen Fiktion macht Helmholtz die
die "Erfahrung" dur c h dies Kausalgesetz ihren Sinn allererst neue Sachlage klar. Es ist die Fiktion von Kugeloberflächen-
erhielt. Damit steht diese "einzige Voraussetzung" methodisch ,ve sen. Diese Wesen werden eine reale Geometrie ganz anderer
auf dem gleichen Grunde mit allen ab sol u te n, nicht bewahr- Art haben als unsere euklidische. "Diese Beispiele zeigen uns
heitbaren Behauptungen über einen "Wirklichkeits" charakter, schon, daß je nach der Art des Wohnraumes verschiedene
sie behauptet eine qualitas occulta und steht methodisch in der geometrische Axiome aufgestellt werden müßten von 'Vesen,
Luft "rie die Behauptung, daß Vorgänge "denkbar" sind "einzig" deren Verstandeskräfte den unsrigen ganz entsprechend sein
unter "Voraussetzung" einer "Seelenkraft" oder vis activa, gegen könnten 1). "
die gerade Helmholtz wuchtige Angriffe richtet. Eine völlige Befreiung vom physiologischen Gesichtspunkte 2)
Die methodischen Fehler in diesem Ansatze mußten in der und eine Freiheit selbst von der gewohnten, konstruktiven "Vor-
Nachzeit erkannt werden, wie sich am deutlichsten und aus- stellungs"methode Euklids würde gewonnen sein, wenn es möglich
drücklich bei Planck zeigt. Gleichwohl wurde diese methodisch wäre, auch den Raum ganz allgemein der rechnerischen ~1ethode
völlig in der Luft schwebende These zum Anlaß allerbedeutsamster zu unterwerfen, abseits der "Vorstellbarkeit". Das war durch
Vertiefungen der erkenntniskritischen Problematik, die von dem Riemann geschehen. "Dieser Weg hat den eigentümlichen Vorzug;
Schicksale dieser These völlig frei sind. daß alle Operationen, die in ihm vorkommen, rein rechnende
Nun wirkt sich diese Voraussetzung des Zuordnungsgesetzes Größenbestimmungen sind, wobei die Gefahr, daß sich gewohnte
sogleich in einem Terminus aus, ohne daß damit zunächst ein Anschauungstatsachen als Denknotwendigkeiten unterschieben
gedanklicher Fortschritt gegeben zu sein scheint: "Nun finden könnten, ganz wegfällt 3)."
,\rir als Tatsache des Bewußtseins, daß 'wir wahrzunehmen glauben Zwei für die Geschichte der Erkenntniskritik wichtige
Objekte, die sich an bestimmten Orten im Raume befinden. Daß Momente kommen hier zum Ausdruck. Es wird nicht versucht,
ein Objekt an einem bestimmten Orte erscheint und nicht an einem die ngewohnten Anschauungstatsachen" vermöge eines vertieften
anderen, wird abhängen müssen von der Art der realen Bedingungen, Sinnes des Raummotivs zu üben,rinden, sondern durch eine ganz
welche die Vorstellung hervorrufen. Es müssen also in dem Realen allgemein bezeichnete "Denknotwendigkeit"; dieser Gegensatz
irgendwelche Verhältnisse oder Komplexe von Verhältnissen erhielt seine von nun an traditionelle Form, indem ihn Heimholtz
bestehen, welche bestimmen, an welchem Or-lü im Raume uns ein als Gegensatz zwischen einer "synthetischen" und einer "ana-
Objekt erscheint. Ich will diese, um sie kurz zu bezeichnen, lytischen" Art der Erkenntnis aussprach. Diese Gegensatz-
topogene MO'mente nennen. Von ihrer Natur wissen wir nichts, bezeichnung wird für uns von besonderenl Belange dadurch, daß
wir wissen nur, daß das Zustandekommen räumlich verschiedener Helmholtz meint, auch durch diesen Gegensatz einer "analytischen"
'vVahrnehmungen eine Verschiedenheit der topogenen Momente und einer "synthetischen" Erkenntnis des Raumes seine Gegen-
voraussetzt" 1). "Wir wissen?" Vielmehr stehen wir noch immer satzsteIlung zu Kant bezeichnen zu können. \Veil sich auch
innerhalb der "einzigen Voraussetzung". Diese schafft sich den diese Helmholtzsche These in den mathematisch-naturwissen-
Terminus (nichts weiter) der "topogenen Momente" 2). schaftlichen Erkenntniskritiken über Poincare bis in unsere Gegen-
Daß also die Weise der Raumordnung unserer Wahr- wart überliefert, ohne daß sie an Kant selbst sich kontrollierten,
nehmungen durch "reale" Umstände bewirkt, nichts weiteres müssen wir ihre Begründetheit prüfen.
drückt dieser Terminus der topogenen Momente aus; oder er Von größter Bedeutung wird nun das andere: daß die neue
spricht noch einmal prägnant aus, daß dieser Modus der Raum-
1) II, 10.
ordnung dem physiologischen Gebiet entrückt sei, daß also das 2) Die eigentlich auch dadurch schon vorbereitet Werden soll, daß er
die Raumanschauung als behauptete Einfachheit und Primitivität auflöst
I} II, 267. 2) Es ist sehr interessant, ~ie H. sich durch die "hylo- und ableitet aus verschiedenen Empfindungskomplexen und ihrem Zu-
gene n Momente", die doch. auf di~ bes timm t cha!akte.risierteI} ~m~fin­ sammenwirken; insofern gehen beide Motive (geometrisches und physiologi$
dungsqualitäten angewiesen smd für Ihre Zuordnung, sIch dle SchWIerIgkeIten sches) zusammen.
schafft, denen er im Raume entgehen wHl. 3) II, 16 . .
Über zwei Vlandlungen in der philosophischen Systematik. Über zwei Wandlungen jn der philosophischen Systematik. 101
100
Methode eine solche der Gräßenbestimmung ist. Damit wird es für sich allein stehen wilL So spielen ineinander das Motiv der
ein Begriff, der zwar immer als kategorial bedeutsam erkannt Anschauung als des Ortes für das als Erfahrung und vVahrnehmung
war, nun aber zu einem der problemschwersten Begriffe der Er- Gegebene und das der Anschauung im Sinne des Synthetisch-
kenntlliskritik : das ist der B ~ g riff des 1\1 a ß es. Er wirkt sich Konstruktiven, darstellend Aufbauenden und Erkenntniserweitern-
zu einem Motiv von allergrößter idealistischer Kraft aus und den, wie im euklidisch-geometrischen Veriahrel1; alles gegenüber
begründet den Begriff der "Relativität", den Kennbegriff der dem A.nalytischen des bloßen Denkens.
gegenwärtigen physikalischen Spekulation. Um so bemerkens- Diesem für die Exaktheit der vVissenschaft gefährlichen
werter ist, daß Helmholtz diesen Begriff in ganz entgegengesetzter Ineinanderspiel solcher zwei Motive in der Anschauung des Raumes
Absicht in die Erörterung einführt, um nämlich seine "Erfahrung", schien die rein rechnerische l\1ethode Riemanns ein Ende zu machen.
also seinen Gedanken der Zuordnung der bei den Daseinsbereiche Nicht die Konstruktion, das heißt die sinnlich überzeugende
durchzuführe n. Darstellung der Gebilde konnte davor bewahren, "unwillkürlich
Betrachten wir zunächst den Helmholtzschen Gegensatz unwissentlich gewisse allgemeinste Ergebnisse der Erfahrung
des Analytischen und des Synthetischen. "Die größte Schwierig- zu Hilfe" zu nehmen, unsere Beweise "auf eine nur aus der Er-
keit in den Untersuchungen (bezüglich der euklidischen Axiomatik) fahrung genommene Tatsache" zu stützen, wie es bei den Kon-
bestand und besteht immer darin, daß sich mit den logischen gruenzbeweisen geschieht, die stillschweigend voraussetzen, daß
Begriffsentwicklungen gar zu leicht Ergebnisse der alltäglichen geometrische Gebilde zueinander hinbewegt werden können, ohne
Erfahrung als scheinbare Denknotwendigkeiten vermischen, so ihre Form und Dimensionen zu ändern. Vielmehr muß dazu eine
lange die einzige :Methode der Geometrie die von Euklides gelehrte Methode geeignet sein, die imstande ist, ein vorgesetztes Problem
Methode der Anschauung war 1)." Helmholtz erkennt in auf seine in ihm liegenden Bedingungen auszuschöpfen und aufzu-
dem Begriff der "Anschauung" die bedenkliche methodische lösen; eine Methode, die darum "analytisch" genannt wird. Diese
Unklarheit, die ihm untrennbar anhaftet und die bewirkte, daß Methode ist sehr alt.; ihre Schöpfung schreibt man Platon zu;
neuere Logiker, wie Hermann Cohen, im Raummotiv eine gewisse sie ist nicht beschränkt auf die bestimmte Rechnungsweise der
Grundform des Denkens sehen und dadurch der Schwierigkeit "Analysis", die erst mit Descartes anzusetzen ist. Der Begriff
aus dem Wege gehen, die Einheit der Erkenntnis aus zwei Quellen der nanalytischen Methode" ist völlig nachweisbar z. B. auch im
zusammenzuleiten, die von vornherein so wesentlich verschieden Parallelogrammprinzip, durch das ",]r "die tatsächlich krumm.-
zur Darstellung gelangten, wie bei Kant. Es lag dem Motiv der linige Be\vegung, die ein Massenpunkt, von einem Punkt P seiner
Anschauung, als eines dem Denken Neben- oder gar Vorgeordneten, Bahn aus, bis zu einem beliebigen anderen vollführt, in drei gerad-
eine so grundwesentliche Besonderheit gegenüber dem Denken linige, zueinander senkrechte Teilbewegungen aufgelöst denken,
im Blute, daß die Erkenntnis von Anbeginn an ",-je gespalten die den drei Koordinatenachsen parallel laufen" 1). Hierzu macht
erscheint, ein bedenklicher Umstand, den zu überwinden schwierige Haas, aus dessen "Theoretischer Physik" wir diese Stelle ent-
spekulative Setzungen nötig sind. Der Grund für diese Zwiefach- nommen haben, folgende Anmerkung: "Diese nur "im Geiste
heit der Grundformen der Erkenntnis ist der, daß es einen reinen vorzunehmende" Zerlegung (denn tatsächlich führt der Massen-
Ort geben müsse, in dem sich "das durch die Erfahrung ,Gegebene" punkt ja nur eine Bewegung aus) bezeichnet Euler als "Resolutio
darstellen könne. Die reine Anschauung von Raum und Zeit motus". Man beachte, daß im übrigen "Resolutio" nur die
wird zum Orte für das Materiale der Erkenntnis, während das lateinische Übersetzung des griechischen Wortes "Analysis" ist."
Denken nur die Bestimmung dieses Materialen zu leisten habe. Ist also diese "Zerlegung" der krummlinigen Bewegung in ihre
"Begriffe sind leer." Die Anschauung allein gewährt die Er- (geradlinigen) Komponenten eine "nur im Geiste vorzunehmende",
weiterung der Erkenntnis, sie begründet das Synthetische in der sofern sie die "tatsächliche" Bewegung als - Synthese der "Teil-
Erkenntnis gegenüber dem bloß vor dem Satze des Widerspruchs bewegungen" deutet, so haben 'wir es mit einem produktiven
sich Verantwortenden, lediglich Erläuternden des Denkens, sofern Akte des "Geistes" zu tun, der Bedingungen herstellt, die zwar
1) II, 6. 1) Haas, Einführung in dje Theoretische Physik. 2. Aufl. 1921. I, 26.
102 Über zwei Wandlungen in der philosophischen Systematik. Über zwei Wandlungen in der philosophischen SystemafJr. 103

nur \vie "Teile" erscheinen, gleichwohl eine eminente Neuleistung das Raumgebilde. Und diese Interpretation, diese Ausdeutung
der - Erkenntnis bedeuten, durch die die tatsächliche Bewegung des Aus d r u c k s erst entscheidet darüber, ob der Grad unserer
auf g e bau t und in dieser Auf bau u n g geistig beherrschbar wird. vVandlung noch etwas "Sinnvolles" gibt, entscheidet, zwar nicht
Gewiß besteht ein Unterschied zwischen der euklidischen Methode, über die "Richtigkeit", wohl aber über den BedeutungswerL
die konstruierend auf das Endergebnis Iünführt und es wie mit Wir \verden also durch die rechnende Methode nicht in ein anderes
instinktiver Zielsicherheit durch eine Kette von Einfällen und Erkenntniselement hinübergeführt, weg von der "Anschauung",
Intuitionen erreicht, und der "analytischen Methode", in der das hinein in "Denknotwendigkeiten", wofern \vir unter "Anschauung'"
Problemgebilde mit der Prägnanz des Gegebenen und Tatsächlichen immer nur "Raummotiv", das Motiv des "Nebeneinander" ver-
schon am Anfange völlig umgrenzt und gebunden dasteht. Aber stehen wollen. Nur das ist gewonnen: daß im gesamten Wand-
das begründet noch nicht, sie aus verschiedenen Erkenntnismitteln lungsvorgang der "Formel" sich hat kein "Ergebnis der alltäg-
hervorgehen zu lassen, jene aus der "Anschauung", diese aus lichen Erfahrung" einmischen können (ob sie nicht schon beim
"Denknot,vendigkeiten". Auch die Analyse der "tatsächlich Ansatz der Formel sich einmischte, steht nicht zur Frage),
krummlinigen" Bewegung muß herauswachsen aus den bestimmten weil diese Wandlungen rein aus zahlgesetzlichen Mitteln, also
Erkenntnisforderungen, die durch den Begriff der Bewegung aus einem "raumfreien", dem Geometrischen systematisch vor-
gegeben sind, ist nicht etwas schlechthin "Logisches"; die "Re- geordneten Gebiete von Operationen erfolgten. Ist nun um dieser
solutio" ist eine solche "mohIs". Bis hierher ist also noch kein instrumentalen Operationen willen unsere neuere rechnende
zwingender Grund gegeben, die kantische "Anschauung" und Geometrie auf "analytische" "Denknotwendigkeiten" im Gegen-
~,Denknotwendigkeiten" gegeneinander auszuspielen, wofern nur satze zunl synthetischen Akte des Geistes gegründet? Kein
das vVesen der Anschauung nicht im Sinnfälligen, Einfallshaften, Moment der (rechnerischen) Wandlung ist prinzipiell frei von der
Intuitiven begründet v'lird, wie es Kant nicht tut. Es muß viel- Forderung· der geometrischen Sinngebung; sie bleibt
m_ehr erkannt werden, daß auch die Resolutio motus ein pro- prinzipiell nichts als ein, wie immer sich -wandelnder - "Aus-
duktiver Akt des Geistes ist, der neue Bedingungen schafft, druck" für ein bestimmtes Nebeneinander. Damit ist aber
die im tatsächlichen Vorgang als tatsächlichen nicht enthalten gesagt, daß es sich (gerade durch den Umstand der 'iVandlung)
sind, vielmehr als freie, nicht denknotwendige, d. h. als keineswegs um einen unausgesetzten Prozeß von produktiven Deutungs-
schon durch eine bloße "logische" Widerspruchslosigkeit beschaffte akten des Geistes handelt, um eine Wandlung im synthetischen
Bedingungen eintreten. Auf bau und Um bau eines tatsächlich Gegebenen.
Darüber hinaus ist darauf zu achten, daß HeImholtz die Be- Soweit brauchen wir hier diese Frage nur zu verfolgen; es
deutung der "analytischen IVlethode" in ihrem rechnerischen bedarf hier nicht der Untersuchung, ob vielleicht die rechnerischen
Charakter sieht; daß also die "neuere rechnende Geometrie" Operationen an sich doch eine bloße "Analyse" in dem Sinne
dadurch vor der sich einmengenden Erfahrungsüberzeugung seien, daß in ihnen es sich nur um Zergliederung dessen handelt,
schütze, daß sie sich des Kalkuls, der Zahl und ihrer Gesetze was im Gegebenen allein schon nach dem Satze des "\Viderspruches
bediene. Nun ist es klar, daß, wenn es mit Hilfe der Koordinaten- mitgegeben; daß alles dieses nur aus der Kraft des vViderspruchs-
geometrie gelungen ist, ein Raumgebilde auf eine Formel zu satzes schlichtweg aufzeigbar sei. Hier genügt es, daß die rechneri-
bringen, daß nun der rechnerisehe Ausdruck dieses Raumgebildes, schen Operationen als Wandlungs mittel einer "Formel" erkannt
rein als Formel, seine ihm eigene, nämlich zahlgesetzliche Lebendig- werden, die am Anfange und am Ende und prinzipiell auf jeder
keit besitzt. Wir unterwerfen diesen "Ausdruck" allen Wand- Stufe der Wandlung lediglich Ausdrücke für etwas anderes
lungen, die er als Zahlausdruck (unangesehen seiner Bedeutung bedeutet; daß man mit ihr überall dies "andere" meint.
als eines "Ausdrucks" für etwas von ihm Verschiedenes) zuläßt. Dies "Andere" (\\rie die Zerlegung der krummlinigen Bewegung
Diesen Wandlungen können wir irgendwo Halt gebieten; an diesem in ihre drei rechtwinkligen Komponenten) wird allein
Endstand verwandelt sich der bloße Kalkul zurück in den "A_us- durch einen freien Akt des Geistes geschaffen, beschafft; ein Akt
druck"; das heißt: er erlangt seine Interpretation, insofern des Geistes, der in der Eigenbedeutung seiner immer nenen und
er Ausdruck bedeutet für etwas von ihm Verschiedenes, nämlich lebendigen Freiheit und Produktivität um so klarer hervorsticht,
Über zwei \Vandlungen in der philosophischen Systematik. Über zwei \Yandlungen in der philosophischen Systematik. 105

je klarer erkannt wird, daß die ~Tandlungen der Formel, so reIn stimmung des Ausgedehntseins schon haben, weil Körper
sie in rechnerisc~ instrume~talen Operationen geschehen, an sich nichts ist als ein "allseitig begrenztes Ausgedehntes". Sage ich
bedeutungslos sInd, aber Ihre Bedeutung erst erlangen, indem vom Körper die Ausgedehntheit aus, so expliziere ich nur ein
d~e "Interpretation" auf das homogene Gebiet zurückführt, in dem Merkmal, das durch das Subjekt "Körper" schon stillschweigend
dIe Formel als ein "Ausdruck" aufgestellt, von dem sie aus- mitgesetzt war. D aß i~ Begriff des Körpers der Inhalt des Aus-
gegangen ist. gedehntseins mitgedacht werden muß, ist nicht eine Sache
Es. ist leicht zu erkennen, daß ,vir dem Begriff des Syntheti- des Satzes vom Widerspruche, sondern Vv'lrd als - geometrische
schen eInen anderen Sinn erteilen, als er bei Helmholtz hat sofern Bestimmung gewonnen. Dieser Satz des Widerspruchs bringt
er ihn in Gegensatz zum Analytischen der neueren rech~enden also keinerlei neue Erkenntnis zustande, sondern verhindert nur,
~eometrie s~e~lt. Helmholtz sieht die Gefahr des Synthetischen daß man einer Erkenntnis eine ihr erkenntnisfremde Bestimmung
In. dem IntU1tlOn~charakter, dem "Blick"haften, Einfallsmäßigen, beimengt. Ein Urteil, das rein nach dem vViderspruchssatze
nut dem man "SIeht" und "findet", wie sich für Konstruktiol1s- zustande kommt, z. B. "der Körper ist ausgedehnt'\ hat also
aufgaben, die synthetische Form des geometrischen Arbeitens, nur explikatorischen Charakter, ist bloß logisch "analytisch".
die "Hilfslinien" darbieten. Es ist das Mißtrauen also rein Aber auch dieses Urteil weist, sofern es doch einen Inhalt hat,
psychologischer Art. Demgegenüber, ist in einer Formel der nämlich den impliziten Merkmalsbestand im Begriff "Körper",
Ausdruck für ein Raumgebilde gefunden, so untersteht er nun auf ein Urteilen hin, in dem dieser Inhalt als Erkenntnis e nt-
den streng gebundenen, zwangsläufigen Gesetzen des ganz und springt und verantwortet wird, das ist das geometrische
gar unpsychologischen, nämlich "rechnerischen" Kalkuls. Das Urteilen. Hier entspringt und erbaut sich die Mannigfaltigkeit
alles hat HeImholtz richtig gesehen. der Gehalte, die wir geometrische Erkenntnis nennen; diese Gehalte
Aber diese durchaus einwandfreie Entscheidung für die erwachsen aus unausgesetzt neuen "Definitionen", "Erklärungen"
Strenge eines solchergestalt "analyt'schen" Weges und gegen und Konstruktionen, die nicht aus dem Satz des \Viderspruchs
das intuitive, auf "Evidenz" eingestellte Verfahren glaubte nun ableitbar sind, sondern aus dem bestimmten Charakter
Helmholtz als Entscheidung gegen Kants Begriff des Synthetischen des jeweiligen Erkenntnismotivs, hier des Raumes als
aussprechen zu können 1). Wir kennen die "klassische Unter- der Form des Nebeneinander; die also nicht bloß "logisch", sondern
scheidung" Kants zwischen analytischen und synthetischen eben geometrisch sich ergeben; und zwar als freie, nicht er-
Urteilen. zwungene Erkenntnisakte des Geistes. Diesen gewaltigen Unter-
Der Grundsatz, dem alle Urteile, welcher Art sie auch sein schied der Urteilsarten: ob also bloß "logisch", rein polizeilich
mögen, gehorchen müssen, ist der Satz des Widerspruchs. "Der darüber gewacht wird, daß die Einheit unserer Erkenntnis
Satz nun: keinem Dinge kommt ein Prädikat zu, welches ihm durch kein einheitfremdes Element bedroht wird oder ob
widerspricht, heißt der Satz des Viiderspruchs, und ist ein all- in unerzwingbaren, freien Akten des Geistes Aufbau-
gemeines, obzwar bloß negatives Kriterium aller Wahrheit, bedingungen eben dieser Erkenntnis geschaffen werden -
gehört aber auch darum bloß in die Logik, weil er von Erkennt- diesen Unterschied nennt Kant den der analytischen und der
nissen, bloß als Erkenntnissen überhaupt, unangesehen ihres synthetischen Urteile. Hieraus ergibt sich, daß die Eulersche
Inhalts, gilt 2)." "Daß ihm gar keine Erkenntnisse zuwider Resolutio motus von Kant schlechtweg und ohne jeden Vorbehalt
sein können, ohne sich selbst zu vernichten, das macht diesen zu den - synthetischen Urteilen gezählt worden, wäre. Ent-
Satz wohl zur conditio sine qua non, aber nicht zum scheidend für Kants Verhältnis dieser beiden Begriffe des Ana-
Bestimmungsgrunde der 'Vahrheit unserer Erkennt- lytischen und Synthetischen ist allein dies: "daß wir uns nichts
nis." Nun gibt es Sätze und Urteile, die lediglich den Satz des im Objekte verbunden vorstellen können, ohne es vorher
VViderspruchs nötig haben; z. B. "alle Körper sind ausgedehnt". selbst verbunden zu haben, und unter allen Vorstellungen
Denn um den Begriff des "Körpers" zu bilden, muß ich die Be- die Verbindung die einzige ist, die nicht durch Objekte gegeben,
sondern nur vom Subjekte selbst verrichtet werden kann, weil
1) II, 30. 2) Kr. d. r. V. 2. Aufl. S. 190. sie ein Aktus seiner Selbsttätigkeit ist; und daß die Auflösung,
106 Über zwei Wandlungen in der philosophischen Systematik. Über zwei \Vandlnngen in der philosophischen Systematik. 107
Analysis, die ihr Gegenteil zu sein scheint, sie doch jederzeit kann), auch der der kantischen Unterscheidung sei. Dadurch
voraussetze; denn wo der Verstand vorher nichts verbunden hat, verlieren die neue ren Erkenntniskritiker unnötig viel Zeit; denn
da kann er auch nichts auflösen" 1 ). auch an dieser Stelle ist ihr merkwürdiges Interesse an einem
Fassen wir zusammen: Wenn die ntatsächlich eine krumm- Gegensatz zu Kant falsch pointiert.
linige'-' Bewegung in gewisse "Teilbeweg~ngen" nach dem Paral- Viel bedeutsamer müssen die Erörterungen werden, die aus
lelogramInprinzip "zerlegt", v.ird, so \vird dadurch kein ana- der Erkenntnis HeImholtzens entspringen, daß "die mathema-
lytisches, sondern ein eminent synthetisches Urteil im Sinne tische Begriffsbildung sehr weit in die Physik hineinragt'" um
Kants gefällt. Denn die "Teilbe\vegungen" gelten wohl sach- ein Wort Dinglers anzuwenden 1).
. li c h im Umfange des vorausgesetzten tatsächlich einfachen Be- Helmholtz geht von folgender Einsicht aus: Bis zu den Ent-
standes, haben für ihn Bedeutung, aber sind in ihm nicht deckungen von Gauß, Lobatschefsky und Bolyai verstanden wir
~,schon gedacht worden ". Die "Teilbewegungen" sind viel- unter der Wissenschaft vom Raume lediglich diejenige Euklids
Inehr reine Erweiterungen und freie Bereicherungen des und gebrauchten sie als selbstverständliche Voraussetzung für
tatsächlichen Problembestandes der krummlinigen Bewegung; die Auffassung physikalischer Vorgänge. Seit diesen Entdeckungen
sind als synthetische Ausgestaltungen des Problems völlig nun ist eine "Resolutio" des Raumes erfolgt von einem
unerzwungene, niemals eindeutig, nämlich nach dem Satz des Umfange der Bereicherung und Erweiterung seiner struktu-
Widerspruchs zwangsläufig bewirkte, sondern spontane Schöpfun- rellen Mannigfaltigkeit, der gänzlich unerwartet war. Jedes
gen und Akte des Geistes, die in ihrer Gestaltungsfreiheit setzen, einzelne der metageometrischen Raumsysteme könnte zu einem
was gelten soll, und lediglich der Bedingung genügen müssen, möglichen Interpretationsschema der Naturvorgänge gewählt
daß nichts, was dergest alt als Erkenntnis gesetzt wird, ein er- werden.
kenntnisfremdes, d. h. \vidersprechendes Moment enthalten darf; Gleichwohl hat die Geschichte der Naturwissenschaften (zu
d. h.: der obersten Forderung der "Einheit der Erfahrung" denen wir auch die Mathematik rechnen) das euklidische System
genügen müssen. Der Charakter aller Erkenntnis ist das Syn- ausgezeichnet. Es fragt sich, aus welchen Gründen dies geschehen
t het is che; ist ein Problem gegeben, so sprechen \vir dann von ist. Die Fiktion der Kugeloberflächenwesen macht den Gedanken
"Erkenntnis", wenn dies "Tatsächlich Eine" des gegebenen einleuchtend, daß auch der mathematische Anteil an der Inter-
Problems komplex gestaltet wird; diese I{omplexität des pretation des natürlichen Geschehens nur in Einheit mit dem
Prohlems mag extensiv, wie im Konstruktionsgange Euklids, gesamten Bestande dieses Geschehens Geltung hat. Exakt be-
oder intensiv, wie in der Eulerschen Resolutio motus, bewerk- O'ründet v.rird der Gedanke dadurch, daß erkannt wird, wie die
stelligt werden, - immer handelt es sich um spontane Akte des Axiome des Raumes (überhaupt und im besonderen des eukli-
Geistes, die von produktiver Kraft, die also synthetischer dischen Raumes) nur mit Hilfe des Maßbegriffes formulierbar
Natur sind. Wo sich ein Gebilde komplex (und dadurch gerade sind, dieser Maßbegriff aber auf einer Voraussetzung beruht, die
für die Erkenntnis begreifbar) gestaltet, überall da ist Syn- nicht durch den übrigen Merkmalbestand der Axiome schon
thesis.
Initbe dingt , sondern ihnen gegenüber frei ist. Es ist inl beson-
Wir haben bei dem Gegensatz des Analytischen und Synthe- deren der euklidischen Geometrie die Methode des Messens ein
tischen länger verweilt; nicht wegen der unmittelbaren sachlichen wesentliches 1\~erklnal, weil die Grundlage aller Beweise in der
Bedeutung für die Geschichte der Erkenntniskritik, sondern weil euklidischen Methode der Nachweis der Kongruenz der
die mathematischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnis- betreffenden Linien, Winkel, ebenen Figuren, Körper usw. ist 2).
kritiker seit HeImholtz mit diesem Gegensatz operieren und nun Dieser Kongruenznachweis verlangt aber die Übertragbarkeit
annehmen, daß der Sinn, in dem sie diesen Gegensatz setzen eines beweglichen Maßes von einem zum anderen Gebilde. Ist
(ein Gegensatz, den :m:an als den einer progressiven [synthe- diese Voraussetzung nicht von bestimmten Bedingungen abhängig~
tischen] und regressIven [analytischen] ~fethode bezeichnen
I} Grundlagen der Physik. 1923. 2. Aufl. S.89.
1) Ebd. S. 130. 2) HeImholtz a. Cl. O. II, 7.
108 Über z\vei Wandlungen in der philosophischen Systematik:. Üher zwei Wandlungen in der philosophischen Systematik. 109
die sich in das Problem des "festen Körpers" zusammenfassen sind die physikalischen Eigenschaften, wie die Temperatur oder
lassen? Der Mabcharakter ist auch schon in den einzelnen Axi- die Elastizität, absolute Bestimmtheiten (etwa hylogener Ab~
onlen selbst enthalten. Die gerade Linie v..rird als die kürzeste kunft), sondern (nach den jüngeren Erkenntniskritikern, wie
zwischen zwei Punkten definiert, was eine Größenbestimmung z. B. Carnap) freie und nicht erzwungene Definitionen. Für uns
ist 1). Usw. Man muß also "zusehen, welche besonderen Be- ist hier entscheidend, daß von Heimholtz erkannt wird, wie sehr
stimmungen unserem Raume, \Nie er bei den tatsächlich aus- die Axiome des Raumes von dem Begriff und daher auch dem
zuführenden Messungen sich darstellt, zukommen, und ob solche Problemgehalte des Maß e s beeinflußt sind. Der Begriff einer
da sind, durch welche er sich von ähnlich mannigfaltig ausge- "Konstanz der Entfernung zweier fester Punkte" ist frei von
dehnten Größen unterscheidet". aller absoluten apriori Gegebenheit. Damit war für die
Damit ist das ganze Gewicht des Problems, welche "Natur" mathematische Naturwissenschaft ein neuer Freiheitsgrad ge-
der Raum habe, der der Naturbeschreibung zum Grunde liege, wonnen, dessen Ausdeutung und Auswertung von Helmholtz an
dem Begriffe de:; Maßes oder der Definition einer "Konstanz der in der Erkenntniskritik ihren geschichtlichen Gang beginnt.
Entfernung" zweier Punkte auferlegt. "Alle unsere geometri- Dieser Weg ist motivreich genug und führt durch alle möglichen
schen Messungen beruhen also auf der Voraussetzung, daß unsere, Formen geistiger Einstellung: von der dogmatisch-empiristischen
von uns für fest gehaltenen Meßw~erkzeuge wirklich Körper von Einstellung Heimholtzens zu der, wieder auf die Physiologie zu-
unveränderlicher Form sind, oder daß sie wenigstens keine anderen rückbiegenden Machs, der auch Poincare schließlich zuneigt, bis
A.l'ten von Formveränderung erleiden, als diejenigen sind, die zu der rein idealistischen, oder sagen "lir realistischen Einstellung
w-ir an ihnen kennen, "rie z. B. die von veränderter Temperatur neuester Forscher wie Carnap oder Dingler, die diese Problematik
oder von der bei geänderter Stellung anders wirkenden Schwere aus dem Begriff der "Einfachstheit" des Erfahrungsaufbaus be-
herrührenden kleinen Dehnungen." wältigen wollen.
Mit dieser Problemstellung ist ein außerordentlich bedeut- Damit scheint uns der Anteil Heimholtzens an der Geschichte
sames Motiv für die Geschichte der Erkenntniskritik entdeckt. der mathematisch-naturwissenschaftlichen Erkenntniskritik er-
Es kommt hierbei gar nicht darauf an, daß auch hier die Ein- schöpft zu sein. Dieser Anteil zeigt sich darin, daß er die meta-
stellung auf sein Kausalgesetz, also sein Gesetz der Zuordnung, geometrischen Entdeckungen und die Problematik des Maßes
Helmholtz verleitet, diese Probleme auf die Topogenese abzu- in ihrer entscheidenden Bedeutung für die Erkenntniskritik er-
wälzen; denn er sucht die von der Geschichte der "\iVissenschait faßt und ihre Erörterung selbst wesentlich einleitet. Dieser Anteil
gl3schehene Bevorzugung der euklidischen Maßbestimmung, nach ist von solcher Bedeutung und wirkt sich von ihm aus und durch
der das Maß gegenüber einer bloßen Bewegung neutral ist., aus ihn so machtvoll aus, daß dieser 'iVirkung gegenüber alles das,
"empirischen" Gründen zu begreifen, sucht also nach einem was von den Philosophen seiner und der späteren Zeit im Dienste
ahsolut gegebenen Maßbegriff des vVirklichen. Das ist ihm nicht der Erkenntniskritik unternommen wird, verschwindet. Wie
gelungen und konnte es nicht; denn die Euklidizität ist nichts sollte es auch anders sein: steht doch der spezifische vVissen-
erfahrungsmäßig Erzwungenes, sondern eine "freie Setzung". schaftleI' im Ganzen der sachlichen Gehalte und in1 unmittel-
Weder langt für die Helmholtzsche These das Argument zu, daß baren Interesse an seiner eigenen Arbeitssicherheit, an der Sicher-
es eine geometrische Ähnlichkeit zwischen kleinen und großen heitseines Fundamentes, wo sich ihm jetzt zur Interpretation
natürlichen Körpern und Figuren gehe, die nur im euklidischen der Wirklichkeit un~ndlich viele mögliche Interpretationsschemata
Raum möglich wäre 2). Denn Wellstein zeigt in seiner "Elemen- anbieten, statt des früheren eindeutigen, absolut und a prim'i
tar-Geometrie", daß selbst in beträchtlichen Größenbereichen gegebenen. Mit Helmholtz beginnt die naturwssenschaftliche
für die immer, nur begrenzte Genauigkeit unserer Meßmethoden Erkenntniskritik Sache der spezifischen VVissenschaftler zu werden,
gewisse Unterschiede und Abweichungen des "Naturraumes" sei es der Mathematik, sei es, davon untrennbar: der Physik.
vom euklidischen Raume nicht nachweisbar wären. Noch aber
1) II, 15. 2) II, 22.
110 Über zwei Wandlungen in der philosophischen Systematik. Über zwei Wandlungen in der philosophischen Systematik. 111

für den Lebensstil des Griechentums. Aber ihm gelang


die geistige Einheit nicht; das Gute und das Schöne blieben
neben - und das heißt: außereinander stehen. Das Erlebnis
H. Die Idee der Glückseligkeit. Der Lebensstil der Per- seines Volkstums, des ureigentümlichen Gehaltenseins seines
sönlichkeit wird Totalproblem der Ästhetik. Menschentums, der Stil seines Lebens blieb dem Griechen ideell
unlegitimiert. Und auch das Besondere prägt sich im Worte
Wie ein abgegriffen altmodischer Begriff liegt die Glück-
der Kalokagathie aus, daß die Welt des Künstlers, die Welt also
seligkeit heute fern ab vom philosophischen Tagesbewußtsein.
des in Werken gestalteten Schönen in schwankendem Verhältnis
Ein historisches Interesse für ihn verspricht keine Ausbeute mehr'
neben der Welt des Guten dastand. Plato entwertete die Kunst
ein konstruktiv systematisches Interesse scheint durch seine Vel'~
bis unter die wenigstens doch nutzbringende Technik hinunter,
gangenheit sich zu verbieten.
weil er in ihr nur eine unzulängliche Mimesis sah; und über-
Das pflegt für solche abseit geratenen Begriffe die Zeit er- steigerte dagegen die Idee des Guten zu weltentrückter Erhaben-
quicklicher Ruhe zu sein, aus der sie zu guter Stunde problem- heit. Bei Aristoteles aber erlangte die Mimesis zwar den Sinn
frisch als Bewußtseinsgestalter einesneuen Erlebens erwachen. der Idealisierung und gewann dadurch für die Kunst eine ge-
So scheint auch der Begriff der Glückseligkeit zu neuem Tag wisse Aufgabe; doch blieb das Schöne an das Gute gefesselt
sich zu regen. Als bedeutsames Zeichen darf uns gelten, daß als eine Form des Guten; die Kunst wurde zu einem Mittel mo-
wir schon eine Distanz zur Vergangenheit gefunden haben und ralischer Läuterung und Erziehung und stand damit unter frem-
nun erkennen können, wie sein Problemgehalt mitnichten von dem Gesetz.
ihr erschöpft und erledigt worden ist. Und sprechen wir von Das Griechentum hinterließ der Nachwelt diese gewaltigen
unbewältigter Problematik bei einem einst so geltungschweren Probleme ungelöst und ungelindert. Wie sollte aber eine Zeit
Begriffe, so können wir damit nicht meinen, daß etwa dies oder' matteren Kulturerlebnisses und nicht mehr ursprünglicher und
jenes einzelne Definitionsmotiv übersehen worden sei, sondern selbstzwecklicher, sondern nur dienender Geistigkeit Aufgaben
daß sein Anspruch unerledigt geblieben ist, für die systematische bewältigen, die über die Kraft des Griechentums gingen?
Gestaltung großer Kulturgebiete ausschlaggebend zu sein. Nach beiden Richtungen wurde also die Einheit des Geistes
Vom Griechentum her bis hin zu Kant' gliedern sich die nicht erreicht: Erstens gelangte das Schöne als Lebensgehalt
gedanklichen Interessen unseres Geschlechtes immer deutlicher in des Menschen aus dem Urgrunde des Eudämonischen oder des
zwei Gebiete: in das der theoretischen und das 'der prakti- Eros zu keinem Ausgleich mit dem Guten aus dem Urgrunde
sc h e n Probleme. der Pflicht oder des Normativen. Zwar spielte der Begriff der
Das erstere Gebiet konstruierte sich zu einer gewissen sy- Tugend über beide Gebiete hin, vermochte aber keineswegs beide
stematischen Geschlossenheit aus dem Begriffe der Na t ur heraus: systematisch in eines, in das des " Geistes " zu verschmelzen.
abgesehen von einigen Grenzgebieten befand es sich in gesicherte; Vielmehr war es ger.ade dieser Begriff der Tugend, der das gedank-
Gleichgewichtslage ; Mathematik und hernach Mechanik übten liche Gewissen trübte und eine Einheit vortäuschte, die inner-
unbestechliche Kontrolle. lich unwahr blieb. Denn durch den Begriff der Tugend wurden
Nicht so das andere Gebiet, das des Geist'es. Alle Teil- diese bei den Gebiete der Geistigkeit: das Eudämonische und
gebiete, das der Seele, der menschlichen Ordnungen und des das Pflichthafte, aufeinander eingespannt gehalten und daran
Schönen,. waren zwar auf das Ethische hin orientiert. Aber das gehindert, zu versuchen, je zu eigner Wertigkeit sich auszuge-
Ganze des "Geistes" gelangte zu keiner systematischen Ge- stalten.
schlossenheit, zu keinem Gleichgewicht der O'edanklichen Kräfte. Aber weil der Tugendbegriff das Eudämonische so an das
Diese innere Unruhe prägte sich im Griechentum schon durch Pflichthafte zwang, war zweitens auch die Kunst ihres Selbst-
d~s eine Wo~t der Kalokagathie aus. Deutlich spricht aus wertes beraubt. Denn die Kunst und die Eudämonie des Lebens-
dIeser WortbIldung das Verlangen der Griechen nach einer Syn- stiles sind eines Blutes; aus dem Erlebnis eines ureigentümlichen
these des Guten und des Schönen, nach einer Begriffsprägung Menschentums entspringt sowohl die Eudämonie des Lebensstiles
112 über zwei Wandlungell in der philosophischen Systematik. Über zwei \Vaudlungen in der philosophischen Systematik. 113
wie die Monumentalität des Kunststiles. Darum mußte, sobald zweifelhaft zu \verden, ob auch v\r1rklich in der VI elt irgend wahre
das Eudämonische, seines eigenen Wertes enteignet, an das ent- Tugend angetroffen werde" 1).
eignende Normative und Pflichthafte gebunden war, auch die Damit aber war dem Begriff der Tugend die Kraft innerer
Kuns~ das Eigenrecht ihrer Geistigkeit preisgeben und zur Magd Wahrheit genommen. Bis dahin hatte Tugend aus der Gewißheit
für dIe Zwecke der Sittlichkeit verarlnen. einer Naturhaftigkeit des Sittlichen im Gemüte gelebt. Tugend
Das blieb das Bild des Kulturbewußtseins bis in die zweite war eine innere Gestimmtheit der Seele zum Guten, eine natür-
Hälfte des 18. Jahrhunderts, wiewohl, selbst schon in der griechi- liche Ergehung des Herzens in guten Handlungen. Tugend war
schen Gedanklichkeit, Strebungen deutlich sich zeigten, die auf ein bestimmtes Gehaltensein der Seele, durch das ihr das Sitt-
Gliederungen oder gar Sonderungen im innerlich haltlosen Gebiet liche eine schlichte Auswirkung ihrer selbst war. In der glück-
des "Geistes" hindrängten. Da stellte sich 1750 neben die Ethik" seligen Gestimmtheit des Herzens konnte Notwendigkeit und
eine "Ästhetik". Damit waren Grenzmarken aufgericht~t; ein Freiheit nicht als Zwiespältigkeit empfunden werden; beide
Reich mit eignern gesetzgeberischen ~Nillen proklamiert; und gingen, in der Beständigkeit der Gesinnung, zur Einheit zusammen.
Tetens 1) gab diesem neuen Reich die Sicherheit einer gleichsam Treten Natur und Sittlichkeit tief zwiespältig auseinander,
nationalen Geschlossenheit, indem er das Gefühl als das dritte so schwebt die Tugend in der Leere der Kluft zwischen beiden.
Grundvermögen der Seele auszeichnete: "Auf diese Art zähle Wie sehr auch Kant bemüht ist, ihr im Gebiet der Freiheit einen
ich drey Grundvermögen der Seele. Das Gefühl, den Verstand Ort anzuweisen, so empfindet man, wie unbeteiligt der Tugend-
und ihre Tätigkeitskraft (Willen)." In breiten Erörterungen begriff im Gedankenbau seiner Ethik bleibt; er steht in seiner
klärt er den Sprachgebrauch seiner Zeit und sichert das Gefühl, zwittrigen Gestalt da wie ein Bestandstück einer achtunggebieten-
als einen rein seelischen Vorgang, der frei ist von Interessen an den Tradition, das man des geschichtlichen Zusammenhangs der
einer Sache, gegen die an das bloße Objekt hingegebene Empfin- Probleme wegen nicht entbehren will. Aber, was früher als ein
dung. Ihre systematische Rechtfertigung im Gesamtbereiche der Erlebnis galt, ist jetzt ein Begriff, allenfalls eine Idee geworden;
Spekulation erlangt diese neue Provinz des Geistes 1790 durch was vordem das Ganze eines glückhaften Wesens, ist jetzt eine
Kants Kritik der Urteilskraft. Die Seele hatte ihre GliederunO'0
. brauchbare Eigenschaft für Zwecke und Aufgaben. Weder die
In die drei Vermögen erfahren und, diesen entsprechend, hatte Tugend als Fertigkeit in pflichtmäßigen Handlungen (im
der Geist sich wissenschaftlich ausgestaltet in eine theoretische, Sinne der virtus phaenomenon), noch die Tugend als standhafte
praktische und ästhetische Disziplin der Philosophie. Gesinnung solcher Handlungen aus Pflicht (im Sinne der virtus
Weil durch diese Einteilung mancherlei Umdeutungen und noumenon) entspringt methodisch dem kategorischen Imperativ,
Verschiebungen der Probleme gegenüber der Antike eingetreten aus dem die moralischen Gesetze "diktatorisch" hervorgehen;
waren, müssen wir die durch Kant geschehene Gesamtdisposition der Tugendbegriff ist bei Kant nichts ,veniger als ein notwendiges
der Philosophie (und dadurch der Kultur) überschauen, um zu Glied seines Systems. Aber, was tiefer greift als das: er ist un-
sehen, wie unserem Probleme dadUrch gedient sei. fruchtbar geworden, weil Kant die Lebensgemeinschaft
Das ist das Entscheidende, daß Kant eine Zweiweltlichkeit von Tugend und Glückseligkeit zerstörte. Von Beginn
von Natur und Freiheit, von Sinnlichem und Übersinnlichem, seiner ethischen Überlegungen bis zum Ende seines Werkes hat
des Seins und des Seinsollens von unerhörter Tiefe der Kluft Kant gegen diese Idee einen erbitterten Kampf geführt.
zwischen beiden Gebieten ausspricht. vVie das Seinsollende im Die Trennung vollzog sich so, daß der Tugendbegriff deIn
Seienden zu einer Wirkung gelange, davon ist di ~ Möglichkeit Reich der Sittlichkeit eingefügt, die Idee der Glückseligkeit in
nicht einzusehen; ja auch die Tatsächlichkeit bleibt völlig frag- das Reich der Sinnlichkeit zurück abgedrängt wurde. Tugend
lich. HMan braucht kein Feind der Tugend, sondern nur ein wird bei Kant zur Gesinnung, sich bestimmen zu lassen durch
kaltblütiger Beobachter zu sein, um in gewissen Augenblicken die bloße Vorstellung der Pflicht, sofern in ihr das formale Gesetz
maßgeblich ist. Und ist Tugend die Stärke der Maxime des -:\1e:o-
I} Philosophische Versuche über die menschliche Natur. '1777. Bd. I,
S. 625. 1) Kant WW (Cassirer) Bd. IV, S.264.
Natorp·Festselnift. 8
114 Über zwei Wandlungen in der philosophischen Systematik. Über zwei Wandlungen in der philosopllischen Systematik. 115
schen in Befolgung seiner Pflicht, so \vird sie, wie jede Stä~ke, dividuellen Naturbestimmtheit heraus. Somit ist sie in Hinsicht
an den Hindernissen erkannt und gemessen, die sie überwältIgen des Willens nichts als Willkür, kein, den Menschen allgemein
kanu. Diese Hindernisse aber sind die Naturneigungen; und die verpflichtendes Gesetz.
Gesamtheit dieser Naturneigungen bezeichnet Kant als das Ge- Aber die Glückseligkeit ist auch innerhalb des Einzelnen
biet der Glückseligkeit. Damit sind jetzt auch Tugend und Glück- nicht ein beharrlicher Zustand, sondern in der Meinung eines
seliO'keit zweiweltig klufthaft getrennt, wie Natur und Sittlich- und desselben Menschen einem beständigen VVechsel unterworfen.
keit, wie Notwendigkeit und Freiheit. . . Damit widerspricht die Idee der Glückseligkeit als· eines Zustandes
Wir fragen nun: War diese Abdrängung der G.lücksehgk~It sich selbst. Sie ist darum unfähig, ein Verhältnis der Menschen
in das bloße Naturgebiet ein Verdienst der methodIschen ReIn- zueinander oder der Menschen als Ganzes zur Natur zu begrün-
heit, des methodischen Rigorismus Kants - oder die Folge eines den und zu erhalten.
systematischen Grundmangels ? .. . Wollte man sie auch, abseits individualer \Villkür, durch
Kant maß die Idee der GlückselIgkeIt an den methodIschen den Beo-riff des wahrhaften Naturbedürfnisses bestimmen, worin
b
Grundbegriffen seiner Ethik. Sie entsprang ihnen nicht; also unsere Gattung durchgängig mit sich selbst übereinstimmt,
O'ehörte sie nicht in die Ethik. Gleichwohl lebte sie in den Spe- auch dann würde sie, bloß als solch ein letzter Natur zweck
kulationen aller Zeiten als leuchtende oder blendende Gestalt der Menschen, nie erreicht werden, weil selbst die GattungsnatuI'
eines Lebenswertes. vVohin gehörte sie? War sie doch auch des Menschen nicht von der Art ist, irgend\vo im Besitze und Ge-
kein bloßes SchönheitsO'ebilde
b
für uninteressiert beschauendes
• • nusse aufzuhören und befriedigt zu werden.
vVohlgefallen; denn sie trat näher an den .Menschen hInan, s~e Es wäre aber noch der Gedanke möglich, die Glückseligkeit
wollte im Menschen wirklich, wirkhaft. werden. So wurde SIe als Endzweck einer unendlichen Weltentwicklung aufzufassen, als
gleichen Wesens mit dem Instinkt, sie wurde das Ganze der Na-
turneigungen. . .
i
~
letzter Zweck, den der Schöpfer durch die Natur mit unserer
Gattung vorhat. Aber auch dann ist sie nicht als Endzweck
Zunächst maß Kant den Begriff der Glücksehgkelt am Be- aufzufassen, der den Willen zu bestimmen geeignet wäre, sondern

II
griffe des Zwecks, sofern er einen Willen soll bestimmen können. ist aus einer unbegreiflichen Endzusammenstimmung von Natur
Ein Willenszweck muß letzter Zweck, wahrhafter Selbstzweck und Freiheit lediglich als Folge und Endergebnis des unendlichen
sein. Erst als nicht mehr bedingter, als End-Zweck ist er frei Weges unseres Geschlechtes zu Freiheit und IVloralität von einer
von allen Zufälligkeiten des Individuums, von seiner \Villkür, gütigen Vorsehung zu erhoffen.
von den Neigungen aus der Naturbedingtheit des ~enschen. Als Zu den tiefsten Erörterungen über die Glückseligkeit gelangt
!
Gesetz für allen 'Villen ist er nicht aus dem GesIchtspunkt des
l\tlenschen, sondern der Menschheit gewonnen, nicht des Einzel- i Kant in der letzten der drei Kritiken, wo er sie nunmehr auch
als eine I d e e der Glückseligkeit faßt. 1790 erschien die Kritik
nen, sondern der Gattung, nicht des Daseins und der Gegenwart,
[{ondern des asymptotischen Weges und reiner Zukünftigkeit. -
Die Idee der Glückseligkeit aber ist die Idee eines Zustandes,
eines Zustandes des Genusses; der bedingt ist durch Naturgüter:
i der Urteilskraft, unter zweifelloser Nachwirkung seiner Aus-
iünandersetzung~n mit Herder, die in ganzer Schärfe den Gegen-
satz Kants zu dieser so ganz andersartigen Gedankenwelt zum
Ausdruck brachte.
der Wohlhabenheit, Stärke, Gesundheit, Wohlfahrt. So mag sie Aber die Bedeutung der Kontroverse zvvischen heiden geht
ein letzter Gegenstand des Begehrens im Bereiche der Natur sein; doch weit hinaus über einen bloßen Zusammenstoß zweier phi-
sie kann aber kein Endzweck des \Villens sein, der, um seiner losophischer Temperamente. In ihr beginnt der offene Ent-
Freiheit willen, rein durch die formale Vorstellung einer Gesetz- scheidungskampf um die Stellung des Ästhetischen z~m
lichkeit für alle seine Handlungen bestimmt sein muß. Ethischen, zu dem die Spekulation seit dem Griechentum hIn-
Weil Glückseligkeit als Natur zustand des Genusses gedacht drängte. Unter dem Gesichtspunkt der Idee der Glückseligkeit
wird, so ist damit zugleich gesetzt, daß sie vom :Menschen als betrachtet, wird die Streitfrage zwischen Herder und Kant zu
einem Naturwesen erreichbar sei. Sie ist also die Idee eines einer Systemangelegenheit der Philosophie weitester Bedeutung,
Zustandes, die der einzelne Mensch sich bildet, aus seiner in-
weil es um den Entscheid geht über die völlige Selbständigkeit des
8*
Über zwei Wamllungen in der philosophischen Systematik.
Über zwei Wandlungen in der philosophischen Systematik. 117
116
Tugendauswirkung, die, als ein Ganzes, aus einer Dominante
Ästhetischen gegenüber dem Ethischen, eine Angelegenheit, die des Gefühls gestaltet wird. Und das Erlebnis der Einheit
Kant mit dem Tiefblick seines Genius zwar versucht hat, aber zwischen von innen hel' gestaltender Dominante des Gefühls und
nicht bewältigen konnte infolge seiner, der Ästhetik voraus-
der Ge~taltung eines wes~nha~ten Daseins ist die GI ü c k seI i g k ei t.
gestellten Systemanlage des theoretischen und des ethischen Ge- DIe Ku n s t aber 1st mchts anderes, als die in Mitteln der
bietes. Daurung, in - "Werken" sich darstellende, monumentali-
Treten wir in das Gedankenreich Herders, so stehen WIr sierende Tugend eines Menschentums. So sind die Lieder
sofort unter dem Banne eines Begriffs, der der kantischen Ge- jeder Nation die
dankenwelt völlig fehlt. Das ist der Begriff des Einzelnen . besten Zeugen über die ihr eiO'nen
b '
Gefühle Triebe 1

h Arte.n; em ~ahrer .Kommentar ihrer Denk- und Empfin-


Se-
im Sinne eines Urwertes. Jeder Mensch wirkt sich selbst dungsweIsen aus lnrem eIgenen fröhlichen Munde.
aus zu einer Welt; zwar eine ähnliche Erscheinung von außen, Kein Be~riff, an dem Kant die Idee der Glückseligkeit mißt
im Innern aber ein eigenes Wesen, mit jedem andern unausmeß- und wertet, 1st der Herdersehen Gedanklichkeit heimisch.
bar, eine in sich zahllose Harmonie, ein lebendiges Selbst. In
. Die . Glücksel~gkeit ist nicht vom Zweckbegriff als Norm für
jedem ist eine organische Kraft, die in ihm tätig sich offenbart emen WIllen ableitbar, sondern ist eine Innerlichkeit des Gefühls.
und den Typus ihrer Erscheinung in sich selbst hat. In dieser
Weder ihr Zi~l noch ihr Ursprung ist die Abhängigkeit von er-
seiner Singularität~ seiner Einmaligkeit, wird das Dasein zu einem
werbbaren DIngen und Gütern, sondern eigenhaft erwächst sie
Selbstwert. kraft innerer Auswirkung einer Dominante unter heimischen
Und das Innewerden dieses Selbstwertes, dieser
!{rä~ten. ?ie ist kein Unwert, als wäre sie preisgegeben an den
unersetzlichen Einmaligkeit ist die Glückseligkeit. In eIner WIllkür schwankenden verengt-einzelnen Menschen son-
Sie ist ein innerer Zustand, ein individuales Gut, eben dies; dern ist gesichert in der unersetzlichen Tatsache des kosmo~haft­
das Gefü hl, daß, wo und wer du geboren bist, 0 Mensch, du
,ei~~alig~n ~enschen. Nicht handelt es sich um genießende
bist, der du aus innerem Werdegang werden mußtest. Darum ~luck~ehgkelt aus Erwerb auswendiger oder inwendiger Gemäch-
liegt das Maß und die Bestimmung nicht außen, sondern in der lIchkeit, sondern um Glückseligkeit als Gefühl einer gestaltend-
Brust jedes einzelnen Wesens als einzelnen. Ein anderes hat so gestalteten Einheit aus unendlicher innerer Selbstfülle . nicht
um Neigungen ein~s N~turw.esens, sondern um Strebung~n eines
wenig Recht, mich zu seinem Gefühl zu zwingen, als es ja keine
Macht hat, mir seine Empfindungsart zu geben und das Meine
M~nsc~entu~s. ?le wI~1 kein Gesetz, keine formale Allgemein-
in sein Dasein zu verwandeln. 11.eIt, mcht eine dIktatorIsche Norm sein, sondern die Bewußtheit
Somit hat jeder Mensch das Maß seiner Seligkeit in sich
eIner Selbstbildung, ein Formausdruck, ein Erlebnis. Sie ist nicht
und muß ihm durch Natur sein. Er trägt die Form in sich, zu
ei~ Insti~kthaftes bloßer Natürlichkeit im Gegensatz zum Frei-
der er gebildet worden und in deren reinen Umriß er allein glück-
heItsbegflffe, zur Idee der Menschheit, sondern ist das Wahrzeichen
lich werden kann. Nicht ein allgemeines Gesetz, keine Norm
für das naturhafte Werden eines Menschentums im einzelnen
gegenüber dem Einzelnen als einer zu normierenden Willkür soll
~enschen. Sie lebt nicht als kurzsichtiger Trieb in einem zeit-
von der Idee der Glückseligkeit verlangt werden. Sie ist viel- hchen Geschöpfe, noch als Imperativ in einem zum Überzeit-
mehr die Gefühlsgewißheit darüber, daß der einzelne Mensch
lichen verpflichteten Vernunftwesen, sondern als Gewißheit eines
eine Bildkraft, ein Formprinzip seiner Einmaligkeit in sich selbst
'sc~öpferisc~ einheitlich gestaltenden Gefühls, einer augenblicks-
habe. Diese Gefühlsbestimmtheit einer Werdung aus,
eWIgen StIl ä u ß er un g des Menschen als eines gestaltend-O'e-
immanent lebendiger Ganzheit ist Glückseligkeit. Und stalteten, das heißt künstlerischen Wesens. b
die Offenbarung und Auswirkung dieses selbstwertig
Was seit dem Griechentum bis hin zu Kant wenn auch in
le be ndi gen D asei ns is t Tugen d. stets wechselnder Weise der Über- und UnterordnunO' so doch
in familienhafter Zusammengehörigkeit zu denken ver~~cht wor-
Tugend ist die Form und Weise, in der das Gefühl die Ur-
eigentümlichkeit eines einmaligen, nur sich selbst gleichen Da-
den war: Sittliches Gebot - Lebenswert ; Wille - Gefühl; Hand-
seins gestaltet. Das Menschentum eines Menschen, diese seine
lung - Tugend; Endzweck - Erfüllung; Menschheit - Men-
einmalig-selbstwertige Persönlichkeit ist das Ganze seiner
118 Über zwei Wandlungen in der philosophischen Systematik. Über zwei Wandlungen in der philosophischen Systematik. 119

schentum; Freiheit - Eigenheit; Berufung - Glückseligkeit ungleich gefährlicher verwirrt, als es die instinkthaft sprühende
alles das trat jetzt in dem Gegensatz zwischen Kant und Herder Seele Herders vermocht hatte. "Vir müssen besonderer Dar-
feindselig auseinander. Zwar konnte auch bis zu ihnen hin die~ stellung überlassen, zu zeigen, wie die gedanklichen Tendenzen,
Ideengebiet zu keiner Ruhe eines systematischen Gleichgewichts die in den Monologen zum packenden Ausdruck kommen, einer-
gelangen, weil Ideen unterschiedlicher gedanklicher Interessen ver- seits das Gebiet der Ethik völlig zu überdecken trachten, anderer-
kuppelt, gar füreinander eingesetzt \vurden. Nun aber wurde seits die Kunst, dies dem Gebiet der selbstschöpferischen Per-
an ihnen in Widerspruchsstellung gedacht, was, einander klärend sönlichkeit und des Lebensstiles ganz und gar immanente
und steigernd, nur in freundschaftlich freiem Gegensatz aus ein- Reich, preisgeben.
andertreten durfte. Aus diesem Kampfe ging zwar zunächst Kant Dies von uns im Anschluß an Hel'der skizzierte Gebiet der
als Sieger hervor. Denn die große Kraft seiner Sonderung der selbstschöpferischen Persönlichkeit, der Tugend, der Glückselig-
Begriffe hatte die Verschwemmung aller Probleme, die jede Klä- keit, des Lebensstiles (und in ihm die Kunst als monumentali-
rung hinderte, beseitigt. Aber Herder empfand die Tatsache sierende Gipfelgestaltung) ist von so eindringlicher Prägung der
und Notsache der Übergänge und der ungesonderten Innerlich- systematischen Eigenart, daß es schier unbegreiflich scheinen
keit des Gehaltes und Wertes des Lebens. Auch er mit seinen müßte, warum die philosophische Spekulation unserer Tage für
Gesichten durfte uns nicht verlorengehen. Denn in ihm war es noch nicht den exakten Ort im systematischen Ganzen der
die große Kraft des Gefühls, das die glückselige Fülle des Daseins Philosophie gefunden hat - wenn nicht Kant, dieser Systematiker
erfaßte, den Urwert des Erlebnisses, die sich selbst gestaltende unseres Kulturgeistes, diese Gesamtsystematik der Philosoplli(;
genetische Kraft des einzelnen Menschen. Das war ein Gehalt trotz allem grundsätzlich verfehlt hätte. Hier liegt eine prin-
unseres Be\vußtseins, der, einmal in solcher Kraft erschaut, nicht zipielle Grenze des kantischen Geistes; denn Herders "Ideen"
\vieder preisgegeben werden durfte; wie sehr immer seine Stel- standen in genügendem Zeitabstand zur Kritik der Urteilskraft,
lung im systematischen Ganzen aller Ideen erst von der Arbeit um auf das systematisch Bedeutsame dieser Probleme aufmerk-
der Geschichte noch zu bestimmen war. So war der Sieg Kants sam zu machen. Gleichwohl versagt die -Ästhetik Kants vor
über Herder kein Sieg zugleich über die Gedankenwelt, die Herde!': diesen Problemen und damit grundsätzlich in der Systematik
von ihrer Schönheit überwältigt, entdeckertrunken gesehen hatte, der Ästhetik selbst. Wir müssen die Ästhetik Kants in ihren
aber nicht fähig \var, in ihren Grenzen zu überschauen, in ihrer bestimmenden Gedanken betrachten.
Lage zu den Nachbargebieten zu bestimmen und durch eme Kant scheidet aus dem ästhetischen Gebiet allen Zweck;
eigene Verfassung zu beherrschen. Zwecke bestimInen den "Villen und das Begehrungsvermögen.
Von der geistigen Art Herders war nicht zu erwarten, daß Ohne Zweck wird das Schöne gegenständlich, ist rein auf sich
er, aus der feindseligen Widerspruchsstellung seiner Gedanken- selbst gestellt. An kein "Interesse" gefesselt, eine reine Inner-
welt zu der Kants, hinausgelangte in ein Verhältnis systematischer lichkeit ist das schönheitbewegte Gemüt. Keiner abstrakten
Überordnung seiner 'iVelt, als der ästhetischen, über diejenige No fln als Richterin unterwirft sich das schöne Gebilde, noch
Kants als der ethischen. Daß dies die Richtung ist, zu der der das Subjekt. Auf dem Grunde dieses Subjekts soll das Schöne
Genius der Geschichte wegbereit war, beweist die Wirkung, die seinen Bestand und seine Geltung haben. Bis dahin sind Herder
Herder auf den Stil seiner Zeit gehabt hat. Eudämonie der Tu- und Kant gleichen Geistes. Beide kämpfen um die Autonomie
gend, Glückseligkeit inSelbstgestaltung seiner Eigenheit - das des Gefühlsprinzips. Die Divergenz beginnt mit Kants Bestim-
wurde durch Herder über die Genieperiode auf Goethe hin die mung des Geschmacks, des entscheidenden Systembegriffs des
Triebkraft zu einem neuen Kunststil und hernach in der Ro- ersten der zwei Teile seiner Ästhetik.
mantik der Ausgang zur philosophischen Formulierung des Le- Um zur Kennzeichnung dieses Begriffs zu gelangen, können
bensstiles, wie sie in Schleiermachers Monologen vorliegt. wir an die Erörterungen anknüpfen, die Kants Idee der Glück-
Durch die romantische Dialektik Schleiermachers wurde zwar seligkeit betrafen. Sie wurde ins bloße Naturgebiet abgedrängt;
die Eigenart des Problems der Persönlichkeit, des Lebens- denn sie durfte den Willen nicht bestimmen. Sie wurde zum
s t i I e s gesteigert 1 aber das systematische Gefüge des Geiste., Ganzen eines Ge nie ß ens; eines Genießens von auswendigen~
120 Über zwei Wandlungen in der philosophischen Systematik. Über zwei Wandlungen in der philosophischen Systematik. 121

für Inwendiges dienenden Sachen. Sie wurde zum Gesamt.aus- einmal in Angriff genommen. Somit mußten die großen Kräfte
druck dafür, daß an den Erwerb und Besitz von Sachen ein be- der Herderschen Gedankenwelt von Kant ungebändigt bleiben
stilnmter GefühJsausschlag sich hängt. und den, trotz allem Anschein, systemgestaltungsschwachen Hän-
Worauf wir in dieser Charakteristik jetzt achten wollen, ist, den der Nachzeit völlig entgleiten.
daß die Glückseligkeit als Gefühl: ein Anhängendes, ein bloßer Gewiß kommt auch das schöpferische Moment in Kants
Genuß ist. Das ist es, was diese Sphäre der Glückseligkeit, als Ästhetik zum Ausdruck, und zwar im zweiten Teil durch den
des Wohlgefallens am Angenehmen, in Zusammenhang bringt Begriff des Genies. Und auch an dieser Stelle, wie kurz vorher
mit dem kantischen Grundmotiv des Ästhetischen: dem Ge- bei der Erörterung der kantischen Bestimmungen des Geschmacks,
schmack als dem Wohlgefallen am Schönen. gebietet uns eine geschichtlich rückblickende Orientierung, die
Auch der Geschmack ist restlos ein Ausschlag, eine Wir- außerordentliche Bedeutung seiner Formulierungen zu erkennen.
kung, eine Registrierung über ein Verhältnis zwischen nicht ge- Kants Geniebegriff befreite das Ästhetische, von allem Gott-
fühlshaften Momenten: der Einbildungskraft, dem Verstande und 3chedismus, zur autonomen Geltung; darin steht er in Kampf-
der Vernunft; ein Anhängendes, Hinterherkommendes, ein Re- genossenschaft mit Lessing und Herder.
sume, ein zum Dasein Veranlaßtes. Auch der Geschmack ist ein Auch durch diesen Geniebegriff sollte das Kunstwerk vor
Genießen, ein zwar nicht fremdsachlich interessiertes, sondern einem Regelkanon bewahrt werden, aus dem es bewußt erarbeitet
auf Vorgänge des Bewußtseins selbst eingestelltes, darum "un- und rational gerechtfertigt werden könnte. Nicht ein verständig
interessiertes" Genießen. Kant sah den ästhetischen Menschen Bewußtes ist das Kunstschaflen, sondern ein rational Unzugäng-
nur vor dem schönen Gebilde stehen, auf das er "reagierte"; liches, ein Unsagbares; nicht ein Abgeleitetes, sondern ein Ent-
und selbst diese Reaktion faßte er auch nur so weit ins Auge, '3:pringen, nicht ein Vor- und Nachmachbares, sondern ein schlicht-
als es nötig war, eine Gegenständlichkeit als schöne - Gegen- weg Gegebenes. Darum darf nicht Newton ein "Genie" sein,
ständlichkeit zu kennzeichnen. Der Geschmack bezeichnet wohl aber 'Vieland, weil das Genie nicht um sich selbst Bescheid
die subjektiven Vorgänge, die von bestimmter Gegenständlichkeit weiß, nicht nur ein Günstling der Natur ist, sondern schlecht-
ausgelöst werden und durch die sie als schöne Gegenständ- weg selbst - Natur. Denn durch das Genie gibt die Natur
lichkeit erscheint. der Kunst die Regel.
Das ästhetische Gefühl wird nirgends im Sinne eines ge- Diese Kennzeichnung des künstlerischen Schaffens konnte
staltenden Gefühls zum methodischen Problem. Diese lne- der ästhetischen Methodik genügen, solange man mit Kant ge-
thodische Enge versagte es Kant, das Problem der selbstwertig !3chichtlich orientiert war gegen Gottschedische Tendenzen. Sie
selbstgestalteten Persönlichkeit und des Stiles (sei es als kann nicht mehr genügen, wenn es gilt, aus dem Gesichtspunkt
Lebensstil oder, in monumentaler Steigerung: als Kunststil) zu des Stils das Gefühl als schöpferische Totalität einer Persönlich-
sehen. (Kant kannte das Wort Stil; denn er gebraucht es ein- keit methodisch aufzurollen. Auch im Geniebegriff, wie in seinen
mal.) Stil ist Äußerung eines Gefühls, sofern es kraft einer Do- Geschmacksbestimmungen, bleibt Kant eng orientiert und an
minante gestaltende, schöpferische Totalität ist. der Schwelle der Asthetik stehen.
So angesehen, führt die kantische Ästhetik lediglich an die Herder begann dort,wo Lessing und auch Kant aufgehört
Schwelle des Ästhetischen, dahin, wo die Welt des künstlerisch- hatten: beim Erlebnis, beün Gefühl als einer Gestaltungskraft,
persönlichen Erlebnisses erst beginnt, dem das Ge nie ß endes einem Urschöpferischen. Das mußte zwar aller regelbewußten
äußeren Schönheitsgebildes vielleicht gelegentlicher Anlaß wird, Verständigkeit entzogen, aber durfte nicht in den methodischen
das aber methodisch allgemein davon gänzlich frei ist. Denn Abgrund eines bloßen Naturvorganges fallen gelassen werden.
das ästhetische Erlebnis ist die Lebendigkeit des Gefühls als einer Es durfte das Genie nicht zu einer Rätselhöhe übersteigert werden,
sich selbst gestaltenden Totalität, sei es als Stilkraft der eigenen wo das neue Erlebnis der Glückseligkeit aus der Urkraft der Per-
Lebensführung, sei es in ihr die Steigerung zur Stilkraft der mo- sönlichkeitsgestaltung zur Grundtatsache jeglichen Menschentums
numentalisierenden Kunst. Dies zentrale Problem der Ästhetik, durch Herder gemacht worden war. Somit erlangte der Begriff
das des Stils, wird also von Kants Ästhetik nicht befaßt, nicht des Genies bei Kant nicht die Bedeutung, die er vermöge des
122 Über zwei \Vancllungell in der philosophischen Systematik. Über zwei Wandlnngen in der philosophischen Systematik

schöpferischen Motivs, das für das Genie verlangt wurde, hätte Tugend, des Stils, der Persönlichkeit. Die Viel artigkeit und un-
gewinnen können. Es war zu eng und war methodisch unbearbeit- endliche Variation alles Daseins; daß jeder Einzelne in sich selbst,
bar, ein bloßes Naturfaktum; wohl geeignet, historisch eine wie in der Gestalt seines Körpers, so auch in den Anlagen seiner
Sicherung der Ästhetik gegenüber fremden Interessen und An- Seele, das Ebenmaß trägt, zu welchem er gebildet ist und sich
sprüchen zu schaffen, aber unfähig, das Gefühl als gestaltende selbst bilden soll - das war das Bedeutsame, das durch Herder
Kraft des Menschentunls der Persönlichkeit methodisch in uni- zum genialen Ausdruck kam und danach verlangte, von nun an
versaler \'Veise zu erleuchten. die Asthetik konstruktiv zu beherrschen.
Eine strickte Folge der Bestimmungen des Geschmacks und Hierfür bot die Ästhetik Kants keinen Raum. Ehe sie be-
des Genies bei Kant ist die, daß seine Ästhetik in z"\vei Teile aus- gonnen, hatte sie sich selbst für diese Probleme verschlossen;
einanderfällt. Denn dadurch, daß das Genie vor einem stoff- weil sie die Idee der Glückseligkeit ins Bereich der
lichen oder rationalen Regelkanon bewahrt blieb, wird es über- Natur abdrängte. Die Idee der Glückseligkeit ist als Gefühls-
steigert und in eine Über- und Anderweltlichkeit fernab gestellt wert unersetzlicher Geltung mit Leben und Dasein des Menschen
vom genießenden Gemüte, dem Geschmacke. Je mehr das Kunst- verbunden. Sie konnte und mußte daher aus dem Gehiete des
schöne aus der unbewußtell Unzugänglichkeit des Genies auf- Ethischen wohl herausgehoben werden, damit für sie und für
tauehte, um so mehr mußte es zu einer Art des - Naturschönen den sittlichen \Villen die je eigene Reinheit ihrer Bedeutung er-
werden, ein dem Gefühl schlechterdings irgendwie Gegebenen, langt werde; aber sie durfte nicht als Unwert preisgegeben ..ver-
an das sich eben dieser Ausschlag des Wohlgefallens hängt, den den, um allein den sittlichen Vlillen zu klären und zu sichern.
wir Geschmack nennen sollen. Der Geschmack blieb also als ein Denn das, dem ethischen Gebiete systematisch sieh
Genießen, als ein Ausschlagendes, HinterherkoID_mendes, als ein überordnende Gebiet des Ästhetischen bedurfte der
Anhängsel zutiefst getrennt vom Genie als einem ureigen ge- Idee der Glückseligkeit. Darum enlpfand das ästhetische
staltenden Naturfaktum. Diese methodische Kluft geht durch Gemüt diese Preisgabe der Glückseligkeit als eine ihr selbst ge-
Kants Ästhetik; in Herders Gedankenwelt vollzieht sich ein schehende Verstümmelung durch ethische Gewaltsamkeit und ge-
Aufstieg des in Glückseligkeit sich selbst gestaltenden Erlebens langte in KampfsteIlung gegen das Gebiet des Willens.
vom Lebensstil des einfach einzelnen Menschen oder Volkstumes So angesehen, wird uns der Begriff der Glückseligkeit zum
lückenlos hinauf bis -hin zum Träger und monumentalisierenden Schlüssel der Einsicht in die Gründe für das systematische Wirr-
Offenbarer der gefühlsvereinten Nation, der gefühlsvereinten Zeit~ war nach Kant, das, aus der Gegnerschaft zu seinem ethischen
das heißt zum Kunststil des Genies. "Rigorismus'~ entsprungen, zur Exaltation des ästhetischen Be-
Auch aus dem Gesichtspunkt der Idee der Persönlichkeit wußtseins von Herder bis hin zur Romantik führte. Zugleich
zeigt sich die Enge der kantischen Ästhetik gegenüber der Weite aber ist daraus die Einsicht dafür gewonnen, wie eine Systematik
der Problemforderungen, soweit sie schon in Herders "Ideen" des Geistes endlich zur Beruhigung aller -der Probleme führen
zum Ausdruck gekommen war. Der Begriff der Persönlichkeit, kann, die von der Idee der Glückseligkeit durchflossen sind.
der unvergleichbaren Einzelwertigkeit des Lebens, wird nicht nur Wie Kant mit seinem logischen Werke als einer Kritik der
nicht zur methodischen Mitte, sondern gelangt in gar kein me- Naturwissenschaften begann, wie er in seinen Ethiken eine Kritik
thodisches Interesse. Die Subjektivität des Geschmacks wird der Gemeinschaftswissenschaften anbahnte, so möchte die Ästhetik
grundsätzlich, auf dem Wege des Gemeinsinns, zu einer Tatsache} als eine Kritik der Stilwissenschaften aufzubauen sein.
mit der einstimmig zu sein jedermann angesonnen wer-
den kann. Und das Genie wird in der Richtung auf die Re gel
gesehen, die der Kunst aus ihm entspringt. Das ist die klar heraus-
tretende Gedankenrichtung, die an dem Wesentlichen des Herder-
sehen Erlebnisses vorbeisiebt. Aus Herder sprach das principium
individuationis, das wirksam wird in der glückseligen Einheit von
gestaltendem Gefühl und gestaltetem Leben, in der Einheit der-
\Vie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? 12ö

Skepsis. Auch sie handelt vom Sein als solcheln, indem sie sich
mühevoll Zur Errox~ hinsichtlich seiner durchringt. Denn gerade
dem Sein gilt die Errox~ in erster Linie. Kurz, ein theoretisches
Denken, das nicht im Grunde ontologisch wäre, hat nie bestanden
und ist ein Ding der Unmöglichkeit. Es liegt eben iIn VVesen des
Denkens, sich nicht auf nichts, sondern nur auf Seiendes richten
zu können. Das war der Sinn der alten eleatischen These.
""Tje ist kritische Ontologie überhaupt ll1Öglich? Es hilft nichts, wenn man, um dieser Konsequenz zu ent-
gehen, die theoretische Grundfrage auf das Erkenntnisproblenl
Ein Kapitel zur Grundlegung der allgemeinen Kategorienlehre. allein beschränkt. Es ist eine bare Selbsttäuschung, wenn man
VOll auf diese Weise der Seinsfrage zu entgehen meint. Man erreicht
Nicolai Hartmann. gerade das Gegenteil. Es gibt keine Erkenntnisfrage ohne Seins-
frage. Denn es gibt keine Erkenntnis, deren ganzer Sinn nicht
Die Zumutung einer Ontologie ist dem philosophischen Denken darin bestünde, Seinserkenntnis zu sein. Erkenntnis ist eben ein
von heute durch die kantische Kritik und ihre Auswirkungen Bezogensein des Bewußtseins auf ein Ansichseiendes. Die
derart verdächtig geworden, daß der bloße Name schon Unbehagen Theorie mag zwar hinterher erweisen, daß dieses Ansichseiende
erweckt - jenes Unbehagen, das unwillkürlich mit dem \Vieder- gar kein Ansichseiendes sei. Aber das Phänomen der Beziehung
auftauchen längst überwundener Atavismen verbunden ist. selbst ist damit nicht aus der Welt geschafft. Es perenniert, über-
Jn dieser Gefühlsreaktion aber steckt ein Werturteil. Es fragt dauert jede Theorie, die es verleugnet, kehrt zuletzt als Gegen-
sich also zunächst: welches Recht hat das Werturteil? frage wieder, und zwar als unbehobene und unbehebbare. Viel-
W issenschaft vom Sein als solchem" hat die Ontologie von mehr kann eine solche Theorie sich selbst nur halten, wenn sie
"
Aristoteles bis auf Christian Wolf sein wollen. Die Skepsis hat es mit dem Problem des Ansichseins von vornherein aufnimmt.
von jeher dagegen die Frage erhoben: wie können wir vom Auch was man als nichtig erweisen will, muß man zunächst doch
"Sein als solchem" etwas wissen? Die Kritik stellt dieselbe als Problem gelten lassen. Das Problem aber ist nach wie vor
Frage womöglich noch radikaler. Ihr ist das Sein als solches das ontologische. Eine Erkenntnistheorie, die das bestreitet, ist
überhaupt anstößig, denn sie ist idealistisch. Sie kann nicht nur gar keine Erkenntnistheorie. Das, wovon sie handelt, ist gar nicht
das Wissen von einem Ansichseienden nicht dulden, sondern Erkenntnis.
auch nicht das Ansichseiende selbst. In der Tat hat der von Das Mißverständnis wurzelt indessen noch tiefer. Der Aprio-
der Kritik ausgehende nachkantische I dealismus diese Konse- rismus hat ihm Vorschub geleistet. Aber der Vorschub selbst ist
quenz in aller Schroffheit gezogen. Und der Neukantianismus hat ein Mißverstehen des Apriorischen. Seit Kant ist es bis zur Er-
sie Init ganzem Nachdruck aufgenommen. müdung ,,7jederholt worden, apriorische Erkenntnis sei nur möglich~
Nichtsdestoweniger muß man ihm die Frage entgegenhalten: wenn der Gegenstand der Erkenntnis bloße Erscheinung sei; von
giht es denn eine andere Grundfrage des theoretischen Denkens einem Ansichseienden könne man wenigstens apriori nichts
als die nach dem "Sein als solchem"? Stellen und beantworten wissen. Hier sei der Gegenstand doch gerade vor seiner Gegeben-
nicht die idealistischen Theorien im Grunde eben dieselbe Frage, heit und unabhängig von ihr vorgestellt. Sein Wesen müsse also
wenn sie die "Idealität des Seins" zu erweisen suchen? Hier mit dem der Vorstellung zusammenfallen, und damit sei der An-
ist kein Zweifel möglich, sie handeln ebensosehr vom Wesen spruch eines selbständigen Seins erledigt.
des Seins, sie erklären es nur anders. Die Andersheit aber betrifft Wer so urteilt, der steht gar nicht im Erkenntnisproblem.
die Lösung der Frage allein, nicht die Frage selbst. Auch der Er macht sich die Sache freilich damit erstaunlich leicht. Aber
äußerste Subjektivismus hält es noch für geboten, wenigstens er verfehlt die Frage von Grund aus. Vorstellung ist als solche
den "Schein" des Seins zu erklären, soweit er dessen fähig ist. niemals Erkenntnis; sie kann es sein, aber dann ist sie es nicht
Dasselbe, wiewohl mit umgekehrtem Vorzeichen, gilt von der durch ihr eigenes Wesen, sondern durch das einer ihr heterogenen
Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? I.Vie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? 127
126

und transzendenten Beziehung, der Beziehung auf einen von ihr I. Die allgemeine Problemlage.
intendierten Gegenstand jenseits der Vorstellung. Die leerlaufende Was eigentlich fehlte der alten Ontologie?
Vorstellung ohne solchen Gegenhalt - sei sie nun Gedanke, Phan- Betrachtet man Kant als den Zerstörer ihrer geschichtlichen
tasiegebilde oder vermeintliche Seinserkenntnis - ist im weitesten :Existenz, so möchte man glauben, ihr fehlte nichts als die "Kritik",
Ausmaße apriorisch. Aber sie ist nicht apriorische Erkenntnis. nichts als das Wissen um die Grenzen ihrer Kompetenz. Denn
Es ist ein Irrtum zu glauben, das Problem des Apriorischen sei ontologisch fundiert war die alte Kosmologie, Psychologie, Theo-
ein reines Erkenntnisproblem. Apriorischen Charakter haben logie. Aber dann hätten sie von der Kritik nicht derartig vernichtet
auch Wünsche, Vorsätze, Verlnutungen, Vorurteile. Erkenntnis- zu werden brauchen. Die Grundlagen hätten bestehen bleiben
wert ge\vinnt ein apriorisches Gebilde erst durch eine bes?n~ere, müssen, nur eine Einschränkung ihrer Reichweite hätte einsetzen
mit der bloßen Apriorität keineswegs zusammenfallende DI~mt.ät, dürfen. War doch der ursprüngliche Sinn der prima philosophia,
die von Kant so benannte "objektive Realität" oder "obJektIve so wie Aristoteles ihn gefaßt, ein durchaus anderer, viel strengerer,
Gültio'keit". Wie sehr der Erweis objektiver Gültigkeit ein und ernsterer, gegen den sich alle jene späteren "dogmatischen"
Probl~m für sich ausmacht, lehrt aufs Eindringlichste die Kritik Anhängsel - die allein Kant in der Dialektik der reinen Vernunf/:,
der reinen Vernunft durch die Zentralstellung, die sie der "tran- verwarf - geradezu als gleichgültiges Beiwerk, um nicht zu sagen
szendentalen Deduktion" im Erkenntnisproblem gibt. Diese als populärphilosophische Auswüchse, ausnehmen.
Deduktion enthält eben das, was dem apriorischen Element
Aristoteles hatte der "vVissenschaft vom Sein als solchem"
der Gegenstandsvorstellung den Erkenntniswert gibt. .Ihre Auf-
ein zwiefaches Fundament gegeben. Die eine Grundthese liegt
gabe ist, die "objektive Realität" dessen nachzuweIsen, was
in der Lehre von Materie und Form (Buch Z der Metaphysik),
die apriorische Synthesis unter "reinen Verstandesbegriffen" vom
die andere in der Lehre von Potenz und Aktus (Buch e). Die
Gegenstande behauptet. Ob ihr das gelingt, ist eine andere Frage.
Vereinigung beider liegt in dem Satze, daß die Form reine Energie
Daran aber ist kein Zweifel, daß sie gerade dem verkappten on-
sei. An diesem Satze hängt auch die These, daß Form und bewe-
otologischen Problem ün Apriorismus der Erkenntniskategorien gil.t.
gende Ursache identisch seien, und daß letztere wiederum mit
°

Kant hatte von diesem Problemzusammenhang noch eIn


der Zweckursache zusammenfalle. Von all diesen Thesen wird
klares Bewußtsein. Ihm war die Fühlung mit dem ontologischen
von der kantischen Kritik nur die letztere getroffen, und auch
Grundproblem der Erkenntnis noch nicht abhanden gekommen.
die erst in der "Kritik der teleologischen Urteilskraft". Aber
Erst im nachkantischen Idealismus ist sie mehr und mehr
mit dem teleologischen Charakter des 'vVeltbildes steht und fällt
verloren gegangen. Im Neukantianismus vollendet sich dieser
die Ontologie keineswegs. Sie läßt sich sehr \vohl davon ablösen,
Prozeß. Man glaubt jetzt überhaupt das ganze Erkenntnisproblem
wie schon allein das Beispiel Spinozas beweist. Was aber die
als ein bloß logisches Problem verstehen zu dürfen. Das gibt dein
Lehre von der IvIaterie anlangt, so hat diese im Laufe der J ahr-
Auriorismus als solchem freilich Flügel. Aber er hört auf Er-
hunderte mannigfach geschwankt. Die Materie erscheint bald
k~nntnisapriorismus zu sein. Es ist eben einzig die Schwere des zum eigentlichen Grundfaktor verdichtet, bald zum Nichtsein
Ontologischen im Erkenntnisproblem, ,vas den Apriorismus in
verdünnt. Und je nach diesen Schwankungen erscheint die Meta-
Erdnähe festhalten und vor dem spekulativen Fluge gedanklicher
physik des Seins in mehr dualistischer oder mehr monistischer
Phantasie bewahren kann.
Form. Einheitlich durch die ganze Reihe der ontologischen Sy-
Gerade das Erkenntnisproblem, und innerhalb seiner wiederum
steme - wenigstens in den Grundzügen - geht nur die Lehre
O'erade das Problem der apriorischen Erkenntnis ist es, was am
b . von der Form. An ihr hängt das eigentliche "Vesen der alten
dringlichsten einer ontologischen Grundlegung bedarf. Ohne Sie
Ontologie.
schwebt hier alles in der Luft; ohne sie ist Vorstellung nicht von
Erkenntnis, Gedanke nicht von Einsicht, Phantasie nicht von Worin aber besteht das Wesen der Lehre von der Form?
Wahrheit, Spekulation nicht von \tVissenschaft zu unterscheiden. Etwa in der These des BegrifIsrealismus, daß die reinen formae
Es geht also jedenfalls nicht an, sich ins Erkenntnisproblem zu substantiales die eigentlichen Träger des absoluten Seins sind,
retten, um dem ontologischen Problem zu entgehen. und alle nach ihnen geformten Dinge nur Abbilder? Oder gar
Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglicb? Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? 129
128
darin, daß diese Formen als Ideen einer Weltvernunft, als Ge- in der die kritische Rückbeziehung auf die Phänomene keineswegs
danken eines göttlichen Verstandes aufgefaßt werden? Beide2 fehlte. Aber dieses kritische :Moment ging im Laufe der Zeit
ist nicht möglich, solche und mannigfaltige andere Auffassungen ebenso verloren wie die Induktionsmethodik des Aristoteles.
wechseln ungehemmt, je nach den Vorurteilen der Zeitalter r- Was übrig blieb, war aber das Dogma der Identität von Seins-
während die ontologische Einstellung die gleiche bleibt. form und Logos.
Was von Aristoteles bis auf Wolf das Wesen der Form aus- Das Platonische und das Aristotelische Element der Ontologie,
machte, das war ihre logische Struktur. Die Grundüberzeugung der Apriorismus der reinen Seinserkenntnis und die Autonomie
darin war, daß es nur ein einziges, identisches Reich der Formen des Logischen, gehen eng verbunden durch die Geschichte der
gebe, das logische Reich der reinen Begriffe, und daß dieses zu- Metaphysik. Die Logik ist ja der Prototyp einer rein apriorischen
gleich das Reich der Seinsformen sei. Das gab der Logik ein un- Wissenschaft. Sie ist, einmal unter die obige Identitätsthese
geheures Übergewicht in der Metaphysik; und wäre nicht als gestellt, sehr wohl imstande, dem Vorurteil eines allgemeinen
höses Gewissen das Problem der Materie im Hintergrunde unbe- Seinsapriorismus Vorschub zu leisten. Geht nun in diesem Aprio-
wältigt stehen geblieben, es hätte die vollständige Alleinherrschaft rismus das Platonische Intuitionsmoment verloren, bezieht man
der Logik bedeutet. Denn da die Seinsformen als solche ja nicht ihn statt dessen ausschließlich auf Denken und Verstand, so
gegeben sind, auf ihre Erkenntnis aber alles ankommt, so bleibt erweist er sich zugleich als universaler Rationalismus. Das all-
nur der Weg übrig, sie dem Logischen zu entnehmen. Und hier~ gemeine Schema eines solchen Rationalismus ist ein rein deduktives.
eröffnet sich nun die verführerische Perspektive, die das Odium Die ersten Prinzipien - man läßt ihrer nur wenige gelten - sind
der Ontologie verschuldet hat. Denn das Reich der Logik gilt "gewiß", und aus ihnen soll apodeiktischalles folgen, was im Bereich
als das des Gedankens selbst; hier braucht das Denken nicht der SeinseI' kenntnis liegt. Ein analytisch aufsteigendes Verfahren
mühevoll den Weg der Erfahrung zu gehen, sondern wo es hin- kann neben diesem einheitlich deduktiven Schema nicht auf-
greift, da greift es unmittelbar das Wesen des Seienden. Scholl kommen. Wo es tatsächlich aufkommt, wie bei Descartes, da
die Aristotelische Apodeiktik war in diesem Sinne ontologisch, ist sein Motiv bereits ein gegen die Ontologie gerichtetes .Moment
wenn ihr auch das Gegengewicht einer vorbereitenden induktiven der Kritik. Aber aueh hier bleibt neben dem Intuitivismus der
Methodik nicht fehlte. Das Gegengewicht ging aber mehr und obersten Prinzipien die deduktive Gesamtrichtung noch in Kraft.
mehr verloren, der Deduktivismus wurde absolut. Die Idee del~ Und selbst Leibniz noch konnte an die alles beherrschende Kraft
philosophia prima wurde immer durchsichtiger, rationaler und des Logischen glauben. Ja, dieselbe GrundeinsteIlung lebt noch
endete im Ideal der reinen Vernunftwissenschaft. in der Kritik der reinen Vernunft, in Hegel und dem logizistischen
Das Problem, dessen Bearbeitung sich in dieser Weise wandelt t Neukantianismus fort.
ist im Grunde ein Erkenntnisproblem. Mit ihm ist unlöslich die' Was aber ist eigentlich das Fehlerhafte in dieser Ontologie?
Geschichte des Apriorismus verknüpft. Liegt das Reale in den Die letzterwähnten geschichtlichen Tatsachen beweisen, daß es
ewigen Formen, so ist die Frage der Ontologie die nach ihrer Er- keineswegs das eigentlich Ontologische in ihr ist. Ebensowenig
fassung. Sind aber Begriff und Seinsform identisch, so ist dieses ist es die berüchtigte Verwischung der Heterogeneität von Essenz
Erfassen garantiert - durch die Logik; und zwar garantiert als und Existenz, wie sie aus dem "ontologischen Gottesbeweise"
ein rein apriorisches Erfassen, denn die Logik ist eine rein aprio-- bekannt ist. Diese ist in der Scholastik auch keineswegs verall-
rische Wissenschaft. Die Identitätsthese, die diesem Dogma gemeinert worden. Vielmehr war sie nur möglich auf Grund eines
zugrunde liegt, geht bis auf die Platonische Ideenlehre zurück. allgemeineren Vorurteils. Und dieses ist in der metaphysischen
Platon war es, der als erster behauptete, die" Unverborgenheit Gesamteinstellung zu suchen, im Prinzip der Methode selbst.
des Seienden" sei unmittelbar "in den Logoi" zu fassen. Die' Es liegt eben in der vorausgesetzten Identität von logischer Form
"Idee" war ihm der metaphysische Ausdruck der Strukturiden- und Seinsform. Nach dieser Voraussetzung kann es ein Alogisches
tität von Denkprinzip und Seinsprinzip. Für ihn freilich war im Realen nicht geben; die Logik beherrscht die vVelt der Dinge
das Problem damit nicht erledigt; um sich der Idee zu bemächtigen,. durchweg, bis in die Besonderung, Concretion, Individuation
hedurfte es noch einer besonderen Methode, der "Hypothesis"~ hinein. Und zu dieser ersten Identitätsthese tritt eIne zweite.
Natol'p-F estsohrift. 9
130 "\,\'ie ist kritische Ontologie überhaupt möglich:- Wie ist kritische Onatomie überhaupt möglich? 131

die Gleichsetzung von logischer Struktur und reinem Denken, Ontologie lag nicht darin, daß sie überhaupt Übereinstimmung
Vernunft (ratio). Auch das ist eine freilich naheliegende, aber der Sphären annahm, sondern darin, daß sie der Übereinstimmung
doch willkürliche Annahme. In ihr ist die Tatsache verkannt, keine Grenzen setzte. Dadurch wird das Sphärenverhältnis prin-
daß es ein Reich idealer Strukturen und Gesetzlichkeiten gibt, zipiell verschoben, die Selbständigkeit der Sphären gegenein-
die unabhängig vom Denken bestehen und im Denken selbst als ander aufgehoben. Identitätsthesen sind immer die bequemsten
ansichseiende schon vorausgesetzt sind. Solche Gesetze wie der Lösungen metaphysischer Probleme, denn sie sind die radikalsten
Satz der Identität oder des ·Widerspruchs, das dictum de omni Vereinfachungen. Die alte Ontologie war auf einer solchen radi-
et nullo und die Gesetze der Schlußfiguren sind von dieser Art. kalen Vereinfachung der Problemlage aufgebaut. Das nämlich
Das Denken freilich verhält sich nicht gleichgültig gegen sie, es ist gerade die Frage~ ob alle Realstrukturen logisch sind, des-
richtet sich nach ihnen als nach seinen Gesetzen; aber deswegen gleichen ob alle logischen Strukturen realisiert sind. Ebenso ist
ist das Wesen dieser Gesetze nicht ursprünglich das von Denk- es fraglich, ob alle logische Gesetzlichkeit im Denken wiederkehrt~
gesetzen. Es ist vielmehr seinerseits gleichgültig gegen das Denken. ja überhaupt dem Denken zugänglich ist; desgleichen umgekehrt,
Diese Gesetze gehören derselben Sphäre an wie mathematische ob die Gesetzlichkeiten des Denkens ausschließlich logische sind,
Gesetze, was leicht aus der Tatsache zu ersehen ist, daß die ob nicht noch andere Mächte hier führend eingreifen'--' - gibt es
letzteren unter ihnen als obersten Prinzipien stehen. Von mathe- doch auch eine Psychologie des Denkens, die weit entfernt ist
matischen Gesetzen aber wäre es ein barer Widersinn zu behaupten, von logischer Struktur. Es kann im Logisch-Idealen ebensowohl
sie seien Denkgesetze. Gerade die Gesetzlichkeit des Denkens ist das gnoseologisch Irrationale (Transintelligible ) geben, wie im
keine Inathematische, wohl aber in weitem Umfange die des tatsächlichen Denken realer Individuen das Alogische. Zwischen
Realen. Ein Sichrichten des Realen nach mathematischen Ge- logischer Sphäre und Denksphäre gibt es also ebensogut die Grenze
setzen wäre aber von vornherein unverständlich gemacht, wenn der Strukturidentität wie zwischen realer und logischer Sphäre.
deren Wesen das von Denkgesetzen wäre, - es sei denn, daß Inan Nimmt man diese beiden sehr vielsagenden Begrenzungen
den Sachverhalt auf den Kopf stellen und das Reale selbst ins der Identität zusammen, betrachtet man unter ihrem Gesichts-
Denken hineinnehmen wollte. Das aber ist keineswegs die These punkt die MittelsteIlung der logischen Sphäre zwischen realer
der traditionellen Ontologie. und Gedankensphäre, so ergibt sich für das vermittelte Verhältnis
Es ist also in Wirklichkeit eine Dreiheit durchaus wesens- der letzteren beiden erst recht Begrenztheit der Strukturidentität.
verschiedener Strukturen, die in der alten Ontologie identisch Auf dieses Verhältnis aber kommt es in entscheidender Weise
gesetzt sind: die des Gedankens, die des idealen Seins und die an für die Grundfrage der Ontologie: was können wir vorn realen
des realen Seins. Gewiß liegt mancherlei Grund vor zu dieser Sein als solchem wissen? Hier eben hatte sich die alte Ontologie
Identifizierung. Die Strukturen des idealen Seins spielen offen- auf den Boden eines absoluten Apriorismus gestellt: das Denken
bar eine vermittelnde Rolle im Apriorismus der Erkenntnis. offenbart in seinen Strukturen unmittelbar die des Realen. Dieser
Niemand wird leugnen, daß sie tatsächlich wenigstens zum Teil Standpunkt ist die Wurzel des Übels, er ist radikal falsch. Das
mit denen des Realen und gleichzeitig zum Teil auch mit denen vielmehr ist die größte und schwierigste aller metaphysischen
des Denkens zusammenfallen müssen. Apriorische Erkenntnis Fragen, ob und wie weit das Denken mit seiner Eigengesetzlichkeit
des Realen wäre eben sonst nicht möglich. Aber das braucht überhaupt das Wesen des Seins treffen kann. Die antike Skepsis
keine durchgehende Identität zu bedeuten. Und es darf sie offen- hat diese Frage seinerzeit in aller Klarheit aufgerollt und in ein-
bar nicht bedeuten, denn sonst wäre ein Irrationales im Reich leuchtenden "Tropoi" aporetisch gegliedert. Daß man diese
des Realen unmöglich. Und das wiederum \vird niemand, der die Aporetik imnler nur als eine solche der Erkenntnis verstand und
Problemlage kennt, behaupten wollen, daß alles Reale erkennbar, nicht zugleich als Aporetik des Seins, ist eine der erstaunlichsten
oder gar apriori erkennbar, wäre. Problemverkennungen, die sich der Dogmatismus alter und neuer
Man muß also die drei Sphären zunächst durchaus als solche Zeit hat zuschulden kommen lassen. Das eigentliche Erkenntnis-
unterscheiden. Damit ist über ihr strukturelles Zusammenfallen problem im Apriorismus konnte vielmehr selbst erst wieder e1'-:
und dessen Grenzen nichts vorentschieden. Der Fehler der alten schaut werden~ wo das Seinsproblem in ihm erschaut wurde. Das
9*
132 Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? 133
Verdienst dieser vViedergewinnung des Grund problems gehört als die sittlichen Werte an sich ideale Gebilde sind, da s Verhalten
der Kritik der reinen Vernunft. Denn hier ist zum erstenmal des Menschen aber, das unter ihren Maßstab fällt; ein reales ist.
die Frage nach der objektiven Gültigkeit apriorischer Urteile Für den ästhetischen Gegenstand aber ist das noch leichter ein-
bewußt und gesondert von der Tatsache der Apriorität als solcher zusehen, denn er fällt selbst, trotz seiner offenkundigen Einheitlich-
gestellt. Nicht Kants Antwort auf diese Frage ist bedeutsam keit, zum Teil in die reale, zum Teil in die ideale Sphäre. In beiden
- denn sie ist standpunktlieh bedingt -, sondern eben die Fällen hängt das philosophische Verständnis des Grundsachver-
Stellung der Frage selbst. Die Bedeutung der ntranszendentalen halts am Verhältnis der bei den Seinssphären. Das Grundproblern
Deduktion" liegt weder darin, daß sie den zwölf Verstandesbe- ist überall ein ontologisches. Diese prinzipielle Problemweite ist
griffen Kompetenz für empirisch reale Gegenstände zuspricht, der Ontologie wesentlich. Sie zeigt, wie es sich in ihrem Problem
noch auch darin, daß sie ihnen diese Kompetenz für Dinge an in der Tat um eine allgemeine Grunddisziplin handelt 1 eine echte
sich abspricht, - sondern einzig darin, daß sie überhaupt durch philosophia prima, Prinzipienlehre universaler Art. Der ratio
die Tat die Notwendigkeit erweist, alle solche Kompetenz oder cognoscendi nach wird sie freilich niemals jenen anderen spezielleren
Inkompetenz erst besonders nachzuweisen. So wenig ontologisch Disziplinen vorangehen können. Ihr Primat ist kein methodo-
die Deduktion von Kant gemeint ist, sie lehrt doch, \vie die logischer; er ist ein Primat der Sache. Zu diesem Prius muß sich
ontologische Frage kritisch zu stellen ist. die Methode erst erheben. Sie kann es natürlich nur von jenen
Es ist also eine Ontologie des idealen Seins von der des realen Disziplinen aus.
abzuscheiden. Wieweit beide sich wieder vereinigen, läßt sich Zugleich aber wird klar, daßsich die Idee einer solchen philo-
nicht vorentscheiden, ist· vielmehr erst zu untersuchen. Und sophia prima nicht einfach mit der der Ontologie deckt. Denn
heide sind zunächst vollständig zu trennen von der Gesetzlichkeit die ganze Reihe der offenkundig nicht mehr ontologischen 'N ert-
des Gedankens - unbeschadet. der Abhängigkeit des letzteren prinzipien is·t in ihren Gegenstand einbezogen. Sie ist eben nicht
von idealen Strukturen. Nicht um den Unterschied "formaler" Prinzipienlehre des Seins allein, mag dieses nun ideales oder
und "materialer" Ontologie, wie er neuerdings von phänomene- reales Sein bedeuten, sondern universale Prinzipienlehre. Darin
logiseher Seite aufgestellt worden ist, handelt es sich hier, denn gerade ist ihr sachlicher Primat zu suchen. Und der Unterschied;
weder entbehrt das Reale der Formen, noch das Ideale der sowie das positive Verhältnis ontologischer und axiologischer
IVlaterie. Außerdem würde eine solche Unterscheidung von vorn- Prinzipien ist selbst erst auf ihrem Boden bestimmbar, erst VOll
herein ein falsches Schichtungsverhältnis vortäuschen - als ihrem Gesichtspunkt aus sichtbar. Will man dennoch für sie den
stünde alles Reale durchweg unter idealen Formen, womit das Titel "Kategorienlehre" festhalten - was an sich keine Ein-
alte Vorurteil wieder gestärkt würde. Das alles muß zunächst schränkung ist, - so darf man unter "Kategorien" nicht mehr
fraglich bleiben. Die Formen des Realen können sehr wohl auch bloß Seins- und Erkenntnisprinzipien verstehen, sondern Prin-
andere sein, wenn nicht durchweg, so doch zum Teil. Die ideale zipien aller und jeder Art. Der Kategorienlehre selbst, als philo-
Sphäre ist jedenfalls an sich weit entfernt davon, die Formen- sophia .prima verstanden, erwächst also die Aufgabe, nicht nur
sphäre des Realen zu sein. Sie ist, was sie ist, rein an sich. Und Ideal- und Realkategorien in ihrem Verhältnis zu bestimmen,
was ihre Gebilde fü~ das Reale sein mögen, ist ihr als solcher nicht nur die Beziehung beider zu den Erkenntniskategorien
äußerlich. herauszuarbeiten, sondern auch darüber hinaus den ganzen Kom-
Gelingt es eine genaue Bestimmung dieser Sphären, sowie plex aller dieser theoretischen Kategorien richtig und eindeutig
ihres Verhältnisses zueinander zu gewinnen, so ist damit weit in seinem Verhalten zu den axiologischen Kategorien zu unter-
mehr geleistet, als sich von der Schlichtheit des Problems vermuten suchen. Ob ihre Aufgabe dalnit erschöpft ist, läßt sich nicht
läßt. Auf solch einer Bestimmung erst können die metaphysischen vorentscheiden. Es ist einleuchtend, daß jedes weitere Gebiet
Grundbestimmungen der Erkenntnis, des Ethos, des Bewußtseins, anders gearteter Prinzipien, sofern es ein solches gibt, in gleicher
des ästhetischen Gegenstandes wirklich erwogen werden. Inwiefern 'iVeise einzubeziehen ist. Das heißt, die Aufgabe der philosophia
dies für apriorische Erkenntnis des Realen zutrifft, ist bereits prima bleibt ein ungeschlossener Kreis, eine TIPOC;; llMUC;; o'ffene
ohen angedeutet worden. Für die Ethik aber trifft es insofern zu, Totalität von sich überlagernden Teilaufgaben.
134 Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? \Vie ist kritisclle Ontologie überhaupt möglich? 135

Man kann es von hier aus bereits leicht übersehen, daß der als die großen Aporien der Weltanschauung alle miteinander auf-
Kategorienlehre im angegebenen Sinne in der Tat Aufgaben von nehmen und behandeln. Die Kategorialanalyse - die Aufrollung
allergrößter Tragweite zufallen. Allein die Frage nach dem Ver- und genaue Untersuchung der Struktur der einzelnen Kategorien
hältnis ontologischer und axiologischer Prinzipien kann hierüber und ihres Einlagerungsver hältnisses in das Ganze - kann allein
belehren. Es sind nicht allein die Grundfragen der Ethik die Klärung und Entscheidung in jene Aporien bringen, soweit
hieran hängen, die Frage nach dem Wesen moralischer vVerte wenigstens sie überhaupt dem Gedanken zugänglich sind. Auch
oder der Freiheit. Auch die letzten metaphysischen Grund- in diesenl Sinne erweist sich Kategorienlehre als echte philosophia
fragen der ~eltanschauung hängen an diesem selben Fragepunkt. prima. Aber wie weit ist dieser vVeg gangbar? Auch das harrt
2~lles teleologIsche Denkenist axiologisch bedingt, denn das Zwecks ein noch der Untersuchung, und zwar einer Untersuchung, die erst
eInes Inhaltes wurzelt notwendig in seinem Wertcharakter. Ein die Kategorialanalyse selbst anbahnen kann. Eine Diskussion
teleologisches Weltbild also gibt ohne weiteres den vVerten den der Methode vor der methodischen Arbeit an der Sache selbst ist
~ategori~len Primat vor den Seinsprinzipien, läßt diese durch hier ebenso unmöglich wie bei der Phänomenologie, Aporetik,
Jene bedIngt sein. Ob ein solches Bedingungsverhältnis aus dem Analytik oder Dialektik. Und was ist bisher im Problem. der
~esen dies~r beiders~itigenPrinzipientypen überhaupt möglich Kategorienlehre geschehen? Erstaunlich wenig, wenn man damit
Ist, pflegt eIne so gerIChtete Metaphysik - und nahezu alle bis- das ehrwürdige Alter des Problems vergleicht - schon die alt-
herige Metaphysik, die den Namen v'erdient ist teleoloO'isch pythagoreis che Schule besaß eine Kategorientafel. Es sind in
gerichtet --: nicht zu unte:~uc~en, ja nicht einmal zu fr:gen. der langen Reihe von Jahrhunderten nicht viele Köpfe, die ernstlich
Dasselbe gIlt vom DetermInatIonsproblem, vom Pantheismus- am Kategorienproblem gearbeitet haben, freilich die besten, aber
pro~lem,. von jeder Art Entwicklungsgedanken, jeder Art keineswegs alle, deren Probleme es an sich erfordert hätten. :Mall
Anhnomlk, z. B. derjenigen von Substantialismus und Relatio- zählt sie in einem Atem auf: im Altertum Platon, Aristoteles,
:r:.alismus, oder dem von Individualismus und Universalismus. Plotin, Proklus, in der Neuzeit Descartes, Leibniz, Kant, Hegel;
Uberall sind es die Verhältnisse der Prinzipien selbst, in denen die zwischen heiden Gruppen stehen vereinzelte Scholastiker; dazu
Aufschlüsse liegen. Nur von der wirklich universal O'ehaltenen in neuester Zeit noch E. v. Hartmann und Hermann Cohen 1).
Kategorienlehre aus ist es möglich, diese Probleme - ~icht etwa Der bei weitem größte und ausgeführteste Versuch einer Kate-
zu lösen, wohl aber radikal, d. h. in wissenschaftlicher Strenge gorienlehre liegt in Hegels Logik vor; der Inhaltsreichturn dieses
in Angriff zu nehmen. ' ungeheuren Werkes ist bis auf unsere Tage noch kaum geschichtlich
. Lassen ~ich nu~, wi~ wir sahen, die üblichen Bedenken gegen en-tdeckt, geschweige denn fruchtbar gemacht worden. Zugleich
dIe OntologIe relatIv leIcht beheben, sobald man die Schneide aber ist gerade dieses System das am meisten standpunktlieh
d~r Kriti~ ~ege~ sie selbst richtet, so erwächst dafür umso größer bedingte, und gerade seine Auswertung verlangt ein absolutes
dIe SchwI.erlgkeIt a~f anderer Seite. Das Problem der Ontologie Darüberstehen, wie wir heutigen es Hegel gegenüber noch keines-
hat auf eIn allgemeIneres, auf das Problem der KateO'orien oder wegs haben. Der Panlogismus mit seiner metaphysischen Schwere
Prinzipien überhaupt, hinausgeführt. Und hier kehrt d~s Problem belastet von vornherein die HegeIsche Logik mit Vorurteilen
de~ Sphä~en vergr?ß~rt .wi.eder; es ist in den Grundlagen aller - und zwar zum Teil denselben, die der alten Ontologie mit
phIlosophIschen Tmldlszlphnen schon enthalten und zwar immer Recht zur Last gelegt wurden -, so daß gegen sie eine reine·
wieder. als ein neues, wesenhaft verschobenes, 'entsprechend den Diesseitsstellung zu gewinnen allein schon eine Lebensarbeit sein
VerschIebu~gen im Verhältnis der Sphären selbst. Aufschluß dürfte. In verkleinertem Maße gilt ähnliches aber auch von den
aber über dIeses Verh~ltnis kann von Fall zu Fall einzig die Unter- anderen klassischen Versuchen, zumal den neueren, und am
suchung der KategorIen geben; sie sind das Strukturelle in den 1) vVerke Vvie das von EmU Lask, so\vie zahlreiche ähnliche Arbeiten,
Phänomenen aller Art und - in den. Grenzen ihrer Rationalität _ die wohl das Kategorienproblem im allgemeinen stellen, aber keine Kategorien
selbst entwickeln, kann ich nicht dazu rechnen, eben weil sie an die Kategorien
das allein philosophisch Faßbare. Wie aber steht es mit der In- selbst nicht heranführen. Dasselbe gilt von vielen Arbeiten früherer Zeiten.
angriffnahme des Kategorienproblems als solchen? Im einzelnen freilich verdanken wir manchem Denker, der dem Proble:rn
Eine entfaltete Kategorienlehre geben, heißt nichts geringeres sonst fernsteht, wichtige Aufschlüsse über die eine oder die andere Kategorie.
136 \Vie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? , Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglieh? 137
111eisten den neuesten, am wenigsten wohl noch von denen der sowohl als solche der Vergangenheit, sondern als die unsrigen
Antike. Es gilt jedern dieser Denker dasjenige abzuge\vinnen, von 'Nichtigkeit sind. Ein zweites Kapitel hätte es mit einer
was in seiner Auffassung des Kategorienproblems das wirklich Disposition der Problemsphären selbst zu tun, für Vielehe die
Geschaute, Unbestreitbare, Übergeschichtliche ist, und alles Kategorien zu gelten haben; wobei die Voraussetzung ist, daß
abzustreifen, was daran Vorurteil, Standpunkt, Systemkonstruk- die Kategorien als soiche keiner dieser Sphären ursprünglich an-
tion ist. Platon, Plotin, Descartes, Leibniz stehen in dieser zugehören brauchen, und daß an jeder einzelnen Kategorie das
Beziehung vorbildlich da. ,Aber die Grenzen, bis zu denen sie Problem offen bleibt, in welchem Maße und mit welchen inneren
das Gefüge der Kategorien verfolgt haben, sind eng genug gezogen. Strukturverschiebungen sie für die eine oder andere Sphäre gilt.
Inhaltlich ist schon bei Aristoteles, der weit mehr in metaphy- Drittens aber muß ein Versuch folgen, die obersten Leitgesetze
sischen Vorurteilen befangen ist, die Ausbeute viel reicher, zumal der Kategorienschichtung (die selbst bereits kategoriale Gesetze
wenn man zu seinen sogenannten ,,10 Kategorien" noch die be- sein dürften), und mit ihnen zugleich die methodologischen Richt-
herrschenden Grundprinzipien seiner :Metaphysik hinzunimmt. linien ihrer Erforschung herauszuarbeiten.
Hegel ist der erste, der im großen Stil ein System der Kategorien Diese drei Kapitel sind als Vorstudien zur Kategorienlehre
entwirft und Gesetze ihres Verhältnisses zueinander entwickelt. selbst gemeint, wie sie das fundamentale Desiderat einer Philo-
Aber das Gesetz des Systems ist der Systemidee, nicht dem V\Tesen sophie bildet, welche es mit der Schwere der überall im Hinter-
der Kategorien selbst entnommen. Die einheitlich deduktive grunde der Probleme gelagerten metaphysischen Grundfragen
Dialektik tut den Phänomenen Gewalt an. Ein Gegenstück dazu im Ernst aufnehmen will. Diese dreifache Aporetik bildet damit
bildet die Cohensche Logik mit ihrer Orientierung an der positiven das Prolegomenon einer künftigen philosophia priIna. In ihren
vVissenschaft. Hier werden die einzelnen Kategorien den Er- Ausgangspunkten ist sie ontologisch orientiert - im Sinne der
kenntnistatsachen entnommen; der Zusammenhang ergibt sich Tatsache, daß die am nächsten liegenden greifbaren Ansätze fast
dann an ihnen selbst, er ist Inhaltszusammenhang. Aber die auf der ganzen Linie inl theoretischen Problem zu suchen sind.
:MannigfaHigkeit ist eingeschrumpft, der Standpunkt subjek- Der Tendenz nach aber gehen ihre Perspektiven auf eine universale,
tivistisch beschränkt, das Orientierungsgebiet selbst scientistisch alle Problemebenen gleich berücksichtigende Prinzipienlehre.
beschnitten. Von diesen drei Kapiteln soll hier das erste, als das im Sinne
Daß die Gesamtauigabe der Kategorienlehre es vor allem der Kritik grundlegendste, gegeben werden.
lnit einer radikalen Richtigstellung aller dieser Verfehlungen,
Grenzverschiebungen und spekulativen Verstiegenheiten auf- U. Die traditionellen Fehler.
nehmen muß, dürfte einleuchten. Was für die positive Inangriff- Die Fehler, die sich in der philosophischen Tradition der
nahme der Kategorialanalyse eigentlich erforderlich ist, kann Kategorienforschung fortgeerbt und angehäuft haben, sind mannig-
auf diesem vVege am ehesten klar werden. Auch von der Methode facher Art. Lange nicht' alle sind der besonderen Untersuchung
gilt der Satz: omnis determinatio est negatio, und umgekehrt. wert. Uns gehen nur diejenigen etwas an, die irgendwie typologisch
Nimmt man dazu die oben angedeutete Fülle der großen Dis po- geworden, sich zu festen Vorurteilen verdichtet haben und für
sitionsfragen, die alle in der Prinzipienforschung zusammen- die Philosophie verhängnisvoll geworden sind. Es ist wohl kein
tendieren, sowie die Notwendigkeit, die im Problem selbst. Zufall, daß es gerade diejenigen sind, die sich - ob mit Recht
liegenden Schichtungsmöglichkeiten - wenigstens als Möglich- oder mit Unrecht - an die Namen der großen Meister geheftet
keiten - apriori zu diskutieren, so ergibt sich als Minimum an haben, so daß man sich unwillkürlich versucht sieht, sie nach
Vorbereitung für die Kategorialanalyse die Erörterung dreier ihnen zu benennen. Ist doch die Autorität der Namen nicht un-
Hauptpunkte. Der erste betrifft die erwähnte Aufdeckung der schuldig an der Stärke der Tradition.
Fehlerquellen aller bisherigen Kategorienlehre, wobei die Unter- Es ist hier nicht unsere Sache, den gedanklichen Motiven
. suchung an sich rein systematisch (aporetisch) zu verfahren dieser Verirrungen nachzuspüren. Zum Teil sind sie sehr subjek-
und die geschichtlichen Belege nur als Zeugnisse und Illustrationen tiver Art, zum Teil auch Folgen allgemeinerer systematisch!?!'
heranzuziehen hat. Denn es handelt sich um Fehler, die uns nicht Vorurteile. Manche lassen sich leicht bis auf mythologische Ele-
138 'Nie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? 139

111ente zurückführen, andere wurzeln in der Unzulänglichkeit der recht schön, ist "das Schöne selbst", die Idee des lVIenschen ist erst
positiv-wissenschaftlichen Begriffe, die unbesehen als Vorbild recht Mensch, "der Mensch selbst". Die Antike hat diese sonderbare
genommen werden. Fast durchweg aber sind diese Motive sehr Übereinstimnlung als "Gleichnamigkeit" (Homonymie) bezeichnet.
durchsichtiger Art und stehen in gar keinem Verhältnis zu der Uns heutigen ist diese Note im Platonismus - wenigstens
Tragweite der systematischen Konsequenzen, die aus ihnen her- in solcher Schroffheit - kaum mehr verständlich. In den Pla-
geflossen sind. Die Folge dieser Sachlage ist, daß es gar nicht tonischen Schriften selbst wirkt sie geradezu verwirrend, wenn
schwer ist, diese Fehler einzusehen und zu berichtigen, wenn man wir etwa lesen, die Idee der Größe sei selbst größer als die der
ihr Wesen einmal erfaßt hat, ja daß ein solches Erfassen nahezu Kleinheit, oder die Idee der Herrschaft herrsche selbst, nicht anders
ihrer Überwindung gleichkommt. Es hängt an ihnen eben - fast als ein menschlicher "Herr", über die der Knechtschaft, diese
ohne Ausnahme - kein eigenes metaphysisches Gewicht; viel- aber diene jener, wie ein menschlicher Sklave em menschlichen
mehr liegt ein solches ausschließlich auf den Inhalten, deren Herrn. Eine ganze Reihe der Aporien der Methexis im "Parmenides"
philosophische Verarbeitung sie sind. Wie nach erlangter Einsicht beruht auf der Amphibolie dieser Gleichnamigkeit.
positiv zu verfahren ist, welche berechtigten Erfordernisse die Aber die metaphysische Schwierigkeit verdichtet sich, wenn
Verfehlungen abzulösen haben, bleibt eine ganz andere Frage. man erwägt, daß auf diese Weise eine Dualität zweier Welten ohne
Zunächst freilich liegt ihre Lösung bereits im Einsehen des Fehlers. eigentlichen qualitativen Unterschied gesetzt wird, also nahezu
Aber das ist eine cura posterior. eine leere Tautologie, eine Verdoppelung der Welt ohne eigentliche
Die Beschäftigung mit den Motiven mag eine geschichtlich Bereicherung des Weltbildes an Inhalt oder Verständlichkeit.
reizvolle Aufgabe sein. Systematisch ist sie belanglos. Was vor Es sei ferne zu behaupten, daß darin der Sinn der Ideenlehre
der Hand zu leisten ist, besteht lediglich in einer Phänomenologie bestehe. Aber die Fassungen der Methexis in den bekanntesten
der Vorurteile selbst, sofern durch sie die Auffassung vorn Wesen Schriften leisten dennoch dieser Ansicht Vorschub. Die qualitative
und System der Kategorien beeinflußt ist. Und - soviel läßt Homogeneität von Idee und Ding ist aus Platons eigenen For-
sich vorausnehmen - diese Beeinflussung gibt es in weitestem mulierungen eben doch nicht wegzudeuten, auch nicht aus denen
Maße; ja, -wir besitzen überhaupt noch keinen Versuch einer der späten Schriften, wo der Gedanke der "Symploke" die l\1ethexis
Kategorienlehre, der in dieser Beziehung kritisch aufgebaut wäre. selbst aus der einseitigen Vertikale in die Horizontale umgebogen
Die Macht der traditionellen Vorurteile ist noch durchaus unge- hat, wo an Stelle der Teilhabe der Dinge an den Ideen die der
brochen, wenn auch in sehr verschiedenem Maße. Ideen untereinander getreten ist. Der Gedanke des "Prinzips"
Die folgende Aufzählung beginnt mit den geschichtlich älteren, (upxfl) ist zwar in seiner Reinheit und universalen Bedeutung
naiveren Vorurteilen und steigt zu den differenzierteren und erfaßt; denn das Bedingungsein der Idee für die Dinge ist und
theoretisch bedingteren auf. bleibt durch alle Schriften der springende Punkt. Aber daß eine
Bedingung dem Bedingten gar nicht ähnlich zu sein braucht,
1. Der Fehler der Ho m 0 g enei tät.
- ist nicht erfaßt; und daß sie ihm notwendig unähnlich sein muß,
Der Erste, der ein universales Prinzipienreich entwarf, Platon, wenn überhaupt sie etwas erklären soll, das ist erst recht nicht
charakterisierte das Verhältnis zwischen Prinzip und Concretum erfaßt. Darauf beruht der Fehler der Homogeneität. Er ist
als "Teilhabe". Die Dinge "haben Teil an den Ideen", das sollte von der Ideenlehre aus durch eine unabsehbare Reihe von Systemen
heißen: sie sind so beschaffen, wie sie sind, dadurch daß diese ihre hindurchgegangen, die im übrigen so verschiedenartig sind, wie
Beschaffenheit primär und absolut die eines ansichseienden Ur- nur möglich, - bis tief in die Neuzeit hinein. Man darf ihn mit
bildes ist, nach welchem die Dinge erst gebildet sind. Der Unter- Recht den "Platonischen Fehler" nennen.
schied zwischen Idee und Ding liegt darin, daß jene vollkommen Dieser Fehler ist nicht so unschuldig, wie er bei Platon selbst
ist, was diese unvollkommen sind; die Ähnlichkeit aber liegt darin, ausschaut, der es nie unternommen hat alle Konsequenzen syste-
daß es eine und dieselbe Beschaffenheit ist, die an der Idee voll- matisch zu ziehen, und der zuletzt gerade die Verdoppelung der
kommen, am Dinge aber unvollkommen ist. Idee und Ding sind Welt wieder aufhebt. Die Prinzipien sollen das Unbegriffene in
einander also prinzipiell. ähnlich. Die Idee des Schönen ist erst den Phänomenen erklären; aber wie sollen Prinzipien, die in-
140 Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? 141

haltlich rein nur die Wiederkehr dessen sind, was ohnehin in den versinnbildlicht. Daraus machte man das Dogma einer onto-
Dingen war·, diese erklären? In ihnen wird eben das vorallsgesetzt, logischen Transzendenz der Ideen 1). Und so konnte die unheil-
was zu erklären war. Erklärt wird also durch solche Prinzipien volle Frage auftauchen, wie denn nachträglich die Dinge dennoch
gar nichts. Als metaphysische Grundlagen sind sie das reine idem . teilhaben" sollten an den Ideen.
per idem (man denke an die spätere Theorie der qualitates oc- " Diese Frage ist unlösbar, wenn man den Chorismos einmal
cultae! ) ; richtiger, sie sind deskriptive Verallgemeinerungen zugestanden hat. Platon hat ihre Aporetik im "Parmenides"
dessen, was in der Mannigfaltigkeit der Dinge mit einer gewissen in mustergültiger Weise entwickelt. Eine Idee, die jenseits' der'
Regelhaftigkeit, ja Gesetzlichkeit, 'wiederkehrt. Und in manchen Dingwelt stünde, bedarf zu ihrer Verbindung mit den Dingen
späteren Fassungen, z. B. im scholastischen Begriffsrealismus, eines verbindenden Prinzips, also einer zweiten Idee, diese aber
sind sie zugleich deren Hypostasierung. Aber sie sind nicht For- zur Verbindung mit der ersten wiederum eines dritten, und so
mulierungen der Gesetzlichkeit selbst, auf Grund deren jene fort in infinitum. Seit Aristoteles nannte man dieses Argument
Wiederkehr des Gleichartigen in der Mannigfaltigkeit stattfindet. den TPITOC; uv8pwrroc;. Ideen, die von den Dingen losgelöst sind,
Das letztere aber ist im Kategorienproblem erfordert. Es können aber nicht Prinzipien der Dinge sein. Ein Gott, der im
hat bis in die beginnende Neuzeit hinein gedauert, bis sich ein Besitze solcher Ideen wäre, könnte. durch sie die Dinge so wenig
klares philosophisches Bewußtsein dieses Erfordernisses durch- erkennen oder beherrschen, als der Mensch, der in die Dingsphäre
ringen konnte. Den größten Anteil an der Umwälzung hat die gebannt ist, die I deen. Man hat diese unfruchtbare Anschauung
neue Natunvissenschaft, die auf ihrem engeren Gebiet zuerst mit Unrecht Platon zugeschrieben, niemand hat sie so schroff
mit dem Gedanken voranging, daß Prinzipienforschung Gesetzes- bekämpft wie er. Aber weil sie in seiner Zeit, und wie es scheint,
forschung zu sein hat, und daß Gesetze qualitativ ein wesentlich auch in seiner Schule, wucherte, ist sie geschichtlich an seinem,
anderes Gesicht zeigen können als dasjenige, was auf ihnen beruht Namen hängen geblieben.
und durch sie besteht. Sie hat damit die Umbildung des Plato- Dieses pseudoplatonische Vorurteil ist trotz seiner früh er-
nismus auch in der Philosophie nach sich gezogen. Aber dieser kannten Schwäche ein merkwürdig langlebiges gewesen. :Man
Prozeß ist noch nicht abgeschlossen. kann Reste von ihm noch in der Kritik der reinen Vernunft finden,
Allgemein gesprochen, Kategorien dürfen dem Concretum, wo die Kategorien erst einer besonderen Deduktion, bedürfen, um
das auf ihnen ruht, nicht prinzipiell, d. h. nicht um ihres Prinzip- ihre "Anwendbarkeit" auf Erfahrungsgegenstände zu erweisen.
seins willen, ähnlich gesetzt \verden., Wie ihre Seinsweise eine Auch hier sind sie ursprünglich mit einem gewissen Chorismos
andere ist (und das hatte Platon wohl erschaut), so muß auch gesetzt, die Rolle des überhimmlischen Ortes spielt das "tran-
ihre strukturelle Beschaffenheit eine andere sein. Erst mit Besei- szendentale Subjekt"; daß die Objektsphäre vom letzteren um-
tigung des alten Postulats der Homogeneität wird der Weg einer spannt wird, ist wenigstens nicht selbstverständlich, nicht inl
fruchtbaren Kategorienforschung frei. Wie aber positiv das in- Wesen der Kategorien selbst einsichtig. Kategorien, die von
haltliche Verhältnis von Prinzip und ConcretuHl ist, kann in vornherein als Dingprinzipien gedacht wären, würden einer nach-
jedem Fall erst die Kategorialanalyse selbst ausmachen. träglichen Deduktion offenbar nicht bedürfen Z).
2. Der Fehler des Chorismos.
Was im Kategorienproblem gefordert ist, das ist eine solche
Seinsweise der Prinzipien, die von hause aus der ganzen Reich-
Mit dem Namen Platons verbiI)det man gewöhnlich noch
die Vorstellung eines zweiten Vorurteils, 'und die Aristotelische 1) vVohlverstanden, einer "ontologischen", nicht der ohnehin. selbs~-
Polemik gegen die Ideenlehre hat diesen geschichtlichen Irrtum verständlichen gnoseologischen Trans~endenz. J e~es Dogma memt die
Jenseitsstellung der Idee zur Welt, mcht zum Subjekt.
fast unausrottbar gemacht. Unter dem "Chorismos" verstand 2) Man kann geschichtlich die Perspe)dive auch umkehren und. rück-
man die Ablösung oder Absonderung der Ideen von den Dingen. wärts schauend die großen dialektischen Untersuchungen des Platomschen
Parmenides" als eine Art "transzendentaler Deduktion" der Ideen - fr~i­
Platon hatte vom "Ansichsein" (xaS' alm)) der Ideen gesprochen, Hch ohne die Vorzeichen des Subjektivismus - auffassen. Denn was I.n
von ihrer allem Werden enthobenen Ewigkeit, und diese ihre ihnen schließlich überbrückt wird, ist eben der Chorismos der Ideen: dIe
Seinsweise mythologisch als ein Sein "im üherhimmlischen Ort" Symploke führt auf "das Gegenstück der Idee", das Concretum, hmau2
(Kap. 22).
142 "\Yie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? 143

weite ihres Geltungsgebietes immanent ist. Oder umgekehrt, überall liegt die Insuffizienz der Kategorien offenbar darin, daß
die Welt der Dinge, für die sie gelten, muß ihrerseits der Sphäre sie von zu niederer Art sind, an die strukturelle Höhe der kon-
der Prinzipien irgendwie immanent sein, etwa aus ihr hervorgehen, kreten Gebilde nicht heranreichen. Aber nicht immer ist es so.
oder von ihr getragen sein. Jede andere Fassung der Prinzipien Im Psychologismus z. B. ist es eher umgekehrt, sofern hier aus
ist eine Entstellung des Kategoriengedankens. Die letztere dieser seelischen Elementen etwa Erkenntnis- oder Denkstrukturen
beiden Möglichkeiten hatte der späte Platon im Auge, als er mit erklärt werden sollen, deren Grundstruktur eine objektiv-gegen-
dem Gedanken Ernst machte, daß in der "Verflechtung" der ständliche ist. 'Vieder anders liegt es im Logizismus, der allen
Ideen alle konkrete Struktur erst entsteht. Ebenso Leibniz in der Phänomenen ohne Unterschied die Formen der logisch-idealen
Konzeption der scientia generalis, der gemäß ineinel' Art Schichtung Sphäre aufprägt. Im weiteren Verstande gehören hierher aber
und kontinuierlichen Komplexion der simplices die real-ontologische aJIch solche Systeme wie der Pantheismus, welcher der Natur
Deduktion aller Dinge wurzeln sollte. teleologische Prinzipien aufzwingt, der Idealismus aller Art,
. der den Objekten subjektive Kategorien zuweist, der Personalismus~
3. Der F eh1 er der Heterogene it ät.
der alle Sachgebiete nach Analogie personaler Gebilde zu verstehen
sucht, und unzählige andere Standpunkte. Alle philosophischen
Dem Chorismos verwandt, nur allgemeiner als er, ist der Richtungen, die sich schon durch ihren Namen als "Ismus" an-
Fehler der Heterogeneität. Auch er betrifft eine falsche Fern- kündigen, begehen im Grunde den gleichen Fehler, "vie konträr
stellung zwischen Prinzip und Concretum, aber nicht im Sinne sie auch im übrigen zueinander stehen mögen. In ihnen allen
der Transzendenz, sondern der inhaltlichen Ungleichartigkeit, steckt ein Teil Wahrheit, die Prinzipien, mit denen sie operieren,
oder des strukturellen Nicht-Zutreffens. Er ist das Gegenstück gelten rechtmäßig für ein kleines Teilgebiet, werden aber zu Un-
des Platonischen Fehlers, gleichsam seine Umkehrung, das ent- recht auf das Ganze übertragen. Hegel hatte Recht mit der Be-
gegengesetzte, ebenso ver kehrte Extrem. hauptung, jedes philosophische System habe seinen rechtmäßigen
Diesen Fehler begehen alle einseitig orientierten Theorien, Ort im Ganzen der Philosophie. Aber dafür hat es Recht auch
indem sie die Prinzipien einer bestimmten Gruppe von Erschei- nur innerhalb der durch die Struktur seiner Prinzipien selbst ihm
nungen verallgemeinern und über ihren natürlichen Geltungs- gezogenen Grenzen. Ein jedes System hat eben sein legitimes
bereich hinaus ausdehnen. Ihn begingen die alten Pythagoreer Kerngebiet. Über dieses hinaus verlängert ist es illegitime Grenz-
mit dem Satze, die Zahl sei das Prinzip aller Dinge; und dasselbe überschreitung. Der Fehler der Heterogeneität besteht in solcher
tut der heutige A.1:athematizismus in nur wenig veränderter Form Grenzüberschreitung.
(z. B. in Cohens Logik). Mathematische Kategorien sind gewiß Das positive Erfordernis der Kategorienlehre, das sich hieraus
Seinskategorien, aber nicht die einzigen; schon die Erscheinungen ergibt, ist dieses, daß jedes Gebiet von Phänomenen seine eigen-
der Natur überhaupt enthalten qualitative und relationale Ele- tümlichen, nur ihm zukommenden Kategorien haben muß, die
mente, die sich in bloße Größenverhältnisse nicht auflösen lassen. in keiner Weise auf andere Gebiete übertragbar sind. Sofern sie
Noch mehr gilt das von der 'vVelt des Lebendigen, in der das sich aber wirklich in ein Gebiet anders gearteter, etwa strukturell
Quantitative offenkundig eine bloß untergeordnete Rolle spielt. höherer Phänomene hinein erstrecken, so können sie hier nur eine
Hier setzt eben die falsche Heterogeneität zwischen Prinzipien untergeordnete Rolle spielen, niemals aber das Eigentümliche
und Concretum ein. Sie dokumentiert sich als gänzliche Insuffi- dieser Phänomene selbst betreffen. Es folgt also aus diesem Postulat
zienz der Prinzipien gegenüber der wirklichen Problemlage. nicht, daß gewisse Prinzipien nicht auch als solche übergreifende
Am bekanntesten ist dieser Fehler am sogenannten Materia- Bedeutung haben könnten. Aber wie, in welchem Maße und für
lismus - hier ins Groteske gesteigert. Physikalisch-naturalistische welche das gilt, ist Aufgabe einer besonderen Untersuchung, bei
Kategorien sollen zureichen, das geistige Leben, Phänomene des der die Entscheidung niemals in etwas anderem liegen kann als
Bewußtseins, des Denkens, Wollens usw. zu erklären. Ebenso ist es in der an der Eigentümlichkeit der Phänomene selbst orientierten
in jeder Art Biologismus oder Evolutionismus, wo dieselben Phäno- Kategorialanalyse.
mene aus Kategorien des Organischen erklärt werden sollen. Hier
Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? 145
144
4. Der Feh I erd e r F 0 r mal it ä. tun d der Beg r if fI ich k e i t. Formen besitzt (Raum und Zeit). Sieht man aber von diesen ab,
so liegt auch hier der Nachdruck neben dem Formcharakter auf
In der Scheidung von Materie und Form, die der Aristote- der Begrifflichkeit. Kategorien sind Begriffe, "reine Verstandes-
lischen Metaphysik zugrunde liegt, "fällt der Form der Charakter begriffe" ; als etwas anderes weiß Kant sie durchaus nicht zu
des tätigen, bildenden, bestiInmenden Prinzips zu, der Materie denken, darin ist er reiner Aristoteliker, nicht schlechter als die
aber der des leidenden und passiven. Da nun Prinzip im engeren Ontologen alter Observanz.
Sinne nur das Bestimmende ist, nicht aber das BestiInmte, so Den größten Triumph aber feiert der Aristotelismus erst in
datiert von hier das bekannte Vorurteil, das Wesen des Prinzips Hegels Logik, wo die Dialektik der Begriffe direkt mit dem An-
sei überhaupt die Form. Eine Kategorienlehre, die auf diesem spruch auftritt, Dialektik des Seins, der 'Velt, der Natur, des
Satze fußt, nimmt von vornherein den Nachteil auf sich, mit der Geistes, d. h. schlechterdings alles in allem zu sein. So vorbildlich
Materie nichts anfangen zu können, sie gleichsam als das an sich dieser große Versuch an sich für die ideale Aufgabe der philosophia
Prinzipienlose von ihrem System auszuschließen. Kategorien prima sein mag, er ist doch zugleich die geschichtliche deductio ad
der Materie als solcher sind ein Unding. Schon bei Aristoteles absurdum der alten doppelten Identitätsthese : Prinzip = Form =
selbst zeigte diese Konsequenz ihr Doppelgesicht : die allgemeine Begriff. Gerade die universale Durchführung zeigt in den Kon-
(" erste") Materie ist nicht die der Einzeldinge, in diesen ist .die sequenzen schlagend ihre Falschheit. Hegels Kategorien sind
Materie vielmehr spezialisiert, differenziert; aber wie kann SICh weit entfernt bloße Formen zu sein; der dialektische Begriffs-
Materie aus sich selbst heraus differenzieren? Muß sie da nicht apparat aber faßt vollends nicht einmal das Formale in ihnen.
Bestimmtheiten, also Prinzipien sui generis enthalten? Für Ari- Für eine Kategorienlehre, die ihr Ziel nicht verfehlen will,
stoteles waren diese Bestimmtheiten "akzidentelle" (O"UJ.lß·Eßll KOTU ). besteht daher die Forderung unbedingter Klarheit über die beiden
Aber damit ist das Problem nur verschoben. Aristotelischen Vorurteile.
Der Grund des Aristotelischen Vorurteils ist ein teleologischer, Erstens muß der Satz gelten: Kategorien sind etwas prin-
und zugleich ein logischer. Die reine Form ist dem Zweckprinzip zipiell anderes als Kategorienbegriffe. Die Begriffe sind hier über-
einerseits (der "ersten Entelechie"), dem Begriff (Eidos, 'Vesen, haupt nur Fassungsversuche, etwas durchaus Nachträgliches,
Essenz) andererseits gleichgesetzt. Und der Begriff ist es, der Sekundäres; und selbst wenn die Fassung adäquat ist, so ist sie
kategorisch alles Material-Substrathafte ausschließt. Hier also doch nicht das Gefaßte selbst. In der Regel aber ist sie inadäquat.
ist die Wurzel derjenigen Einstellung, welche die Ontologie so- Das beweist schon die Tatsache, daß es eine Geschichte der Kate-
lange Zeit in den Fesseln der Logik gehalten und dadurch sowohl gorienbegriffe gibt, also einen Prozeß, der günstigstenfalls ein
sie als auch die Logik zweideutig gemacht hat. Prinzipien sind fortschreitender Adäquationsprozeß ist, - während die zu er-
Prinzipienbegriffe, die forma substantialis ist die essentia logica. fassende Sache, die Kategorie selbst, jenseits aller Begriffsgeschichte
Diese Auffassung gab freilich eine erstaunlich schlanke Lösung unverrückbar beharrt. Kategorien bestehen an sich und deter-
des Apriorismusproblems ; aber der Apriorismus selbst war darin minieren das ihnen zugehörige Konkrete nach eigener unwandel-
über seine natürlichen Grenzen hinaus erweitert. barer Gesetzlichkeit, unabhängig von aller begrifflichen Fassung
Das Vorurteil der Formalität und das der Begrifflichkeit und indifferent gegen sie. Das gilt im selben Maße wie von den
der Prinzipien machen somit erst zusammen den Aristotelischen Seinskategorien auch von den Erkenntniskategorien, deren Funktion
Doppelfehler aus. Beide haben fast schrankenlos in der Scholastik im erkennenden Bewußtsein mit einem ßegreifen dieser Funktion
und im neuzeitlichen Rationalismus geherrscht. Interessanter nicht das geringste zu tun hat. Vom Begriff sind sie ebenso unab-
aber ist die Tatsache, daß sich beide, ins Subjektive gewandt, hängig wie Naturgesetze. Ihre Fassung in Begriffe setzt erst mit
auch bei Kant wiederfinden. Hier steht der Erkenntnismaterie ihrer Entdeckung in der Erkenntnistheorie ein. Ihre Funktion
ein System von Erkenntnisformen gegenüber, und die "Synthese", aber geht offenbar der Entdeckung vorher.
welche die letzteren vollziehen, ist im Grunde dieselbe Bestimmung Zweitens aber muß sich die - freilich weit sclnvierigere -
des an sich Bestimmungslosen wie dort. Gemildert ist die These Einsicht durchringen, daß gar kein Grund vorliegt, das Wesen der
nur dadurch, daß die Materie auch von vornherein eigentümliche Kategorien auf die Form oder ihr verwandte Strukturen, wie
Natorp-Festschrift. 10
146 Wie ist kritische Ontologie üherhaupt möglich? \Vie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? 147
etwa Gesetz und Relation, zu beschränken. Kategorien, die nichts direkt gleichgesetzt, so doch gleich gerichtet, sind künstlich in
Substrathaftes enthalten (nichts, was sich nicht in Form, Gesetz, Parallelstellung zueinander gerückt. Es ist selbstverständlich,
Relation auflösen ließe), ""erden niemals imstande sein, die daß diese Disposition nur unter idealistischenl Gesichtspunkt
Gebilde, deren Prinzipien sie sein sollen, in ihrer ganzen Kon- zu Recht besteht: da das Concretum von seinen Prinzipien ab-
kretheit zu fundieren. Denn diese Gebilde eben enthalten Substrate. hängig ist, diese aber im Subjekt liegen sollen, so erscheint hie1'
Man kann grundsätzlich dem leidigen Dualismus von Form und das Objekt vom Subjekt determiniert. VVas zu solcher Annahme
ThIIaterie nur entgehen, wenn man die materialen Momente in die verführt, ist die Unabhängigkeit der apriorischen Einsichten vom
Prinzipien Init hineinnimmt. Es gibt hier schlechterdings keinen· "gegebenen" Gegenstande, ihr Bestehen im Subjekt vor der Er-
anderen Vveg. Solche Hineinnahme aber ist nichts weniger als fahrung. vVie wäre das möglich~ wenn nicht die Prinzipien des
paradox. Vielmehr läßt sie sich mit Leichtigkeit aus der Kate- Objekts im Subjekt lägen?
gorialanalyse selbst phänomenologisch begründen. Es gibt eine Das ist in der Tat Kants eigentliches Argument. Daß es nicht
ganze Reihe von Kategorien - Raum, Zeit, Substanz, Kau- stichhaltig ist, beweist schon die Formel seines eigenen "obersten
salität sind nur die repräsentativsten, keineswegs die einzigen -, Grundsatzes", die eine ganz andere Deutung des Apriorismus-
in denen Substratmomente deutlich aufzeigbar sind. Das nach- phänomens zuläßt, dennoch aber denselben Tatsachen vollkommen
zuy{eisen ist freilich Sache einer anderen Untersuchung und kann genügt. Hier liegt auch der Grund für die Notwendigkeit der
nur an der einzelnen Kategorie selbst geschehen 1). Für den "transzendentalen Deduktion". "Vas Prinzip und Concretum hier
jetzigen Zweck genügt die Einsicht, daß im Wesen der Kategorien scheidet, gehört, wie oben gezeigt wurde, in das allgemeinere
als solcher die Beschränkung auf formale Elemente jedenfalls Schema des Chorismos. Dennoch ist es kein einfacher Chorismos;
nicht liegt, daß sie vielmehr aus rein spekulativen Motiven will- denn nicht zwischen Prinzip und Concretum als solchen besteht
kürlich in die Kategorienlehre eingeführt worden ist. Daß mit das Transzendenzverhältnis, es wird vielmehr erst durch das Ver-
der Preisgabe dieses Vorurteils eine Fülle künstlicher Aporien hältnis von Subjekt und Objekt hineingetragen, dem das von
hinfällt, die den Weg der Prinzipienlehre zu Uhrecht versperrt Prinzip und Concretum fälschlich angeglichen ist. Und dieses
haben, leuchtet unmittelbar ein. Denn an der scheinbaren Gegen- Transzendenzverhältnis soll in der "Deduktion" überbrückt
sätzlichkeit zwischen der Materie und dem Wesen der Prinzipien werden, das ist der Sinn des Nachweises der "Anwendbarkeit'"
haben von jeher die unheilbarsten Mißverständnisse Nahrung reiner Verstandesbegriffe auf "Gegenstände möglicher Erfahrung H •
gefunden. Gnoseologisch ist diese Aporie berechtigt, denn synthetische Ur-
5. Der Feh 1erd e r Sub j e k t i v i t ä t. teile apriori fällt eben das Subjekt unter seinen eigenen Subjekts-
kategorien ; und von diesen ist es in der Tat fraglich, ob sie auch
Die Auffassung der Kategorien. als im Subjekt wurzelnder für den Gegenstand Gültigkeit haben. Ontologisch aber ist die
Gebilde - die ich gleich vorweg als den Kantischen Fehler be- Aporie falsch; d. h. man darf sie nicht auf das Kategorienproblem
zeichnen möchte - steht mit dem Aristotelischen Doppelfehler überhaupt beziehen. Denn dieses geht im Problem der apriorischen
geschichtlich in engster Beziehung, ist aber keineswegs einfach Erkenntnis nicht entfernt auf. Ins Ontologische gewandt ist es
st'ine Folge. Denn als et,vas Subjektives hat gerade der Aristo- eine künstliche, lediglich durch den idealistischen Standpunkt
telismus aller Zeiten den "Begriff" (auch sofern er als Er kenntnis- geschaffene Aporie, die mit diesem steht und fällt. Denn es ist
prinzip galt) nicht verstanden .. Hier dagegen ist die These diese: ein Vorurteil der Theorie, daß auch der Gegenstand selbst (und
die Prinzipien gehören dem Subjekt an, das Concretum aber, nicht bloß die Erkenntnis des Gegenstandes) seine Prinzipien
für das ~ie gelten, ist das Objekt. Die beiden einander von Natur im Subjekt hahe. Vielmehr hat der Gegenstand ganz offenkundig
senkrecht überschneidenden Gegensatzdimensionen "Subjekt - seine Prinzipien für sich, vor aller Erkenntnis, und braucht sie
Objekt" und "Prinzip - Concretum" sind hier, wenn auch nicht .nicht erst von anderswoher zu empfangen. Und gerade so erst
1) Genaueres findet sich Logos Bd. V, 1914/15 "Über die Erkennbar-
wird auch die rechtmäßige gnoseologische Aporie im Deduktions-
keit des Apriorischen" S. 319 ff., sowie in "Grundzüge einer Metaphysik problem sinnvoll; denn darum allein kann es sich handeln, ob
der Erkenntnis", Berlin 1921, S. 208 ff. die Erkenntnisprinzipien, unter denen über den Gegenstand
10';'
Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich c 14H
148
apriori geurteilt wird, auch die an sich bestehende Seinsbestimmt- Verunstaltungen des Problems etwas an. Wer z. B. mit Vaihingel'
heit des Gegenstandes treffen, die eben unter anderen Prinzipien, die Kategorien für Fiktionen erklärt 1), der hat offenbar keine
den Seinskategorien, steht. Ahnung davon, ein ,,,,ie selbständiges, alles menschlichen "Als-Ob"
Kants Idealismus ist ein Idealismus der Prinzipien - nicht spottendes Sein der Prinzipien hier in Frage steht.
der Dinge, denn diese bleiben für ihn "empirisch real" -, ein Was erfordert nun die Idee der philosophia prima in dieser
Idealismus nicht des empirischen, sondern des "transzendentalen" Problemrichtung ? Das ist jetzt leicht zu sagen. Sie erfordert
Subjekts, als des Trägers der Prinzipien, und in diesem Sinne die Wiederherstellung des natürlichen Verhältnisses zwischen
mit Recht ein "transzendentaler Idealismus" zu nennen. Er ist den Gegensatzpaaren "Subjekt - Objekt" und "Prinzip - Con-
ein Lösungsversuch, nicht eine Problemstellung. Das vergessen cretum", ihre dimensionale Überschneidung oder Senkrecnt-
diejenigen immer wieder, welche die Problemschichten in der stellung. Das Bewußtsein und der Gegenstand müssen jedes
Kritik der reinen Vernunft nicht auseinanderhalten. Darin freilich seine eigenen Kategorien haben, wie sie denn zwei durchaus
ist Kant der Erbe einer viel älteren Tradition, die es ihm nahezu heterogene Typen des Concretums sind. Wie sich die beider-
unmöglich macht, sich unter Prinzipien etwas anderes als Subjektives seitigen Prinzipiensysteme dann zueinander verhalten, das ist
zu denken, Funktionen eines Bewußtseins. Nicht nur die zwölf eine weitere Frage der Kategorienforschung selbst, die unmöglich
Kategorien müssen aus diesem Grunde "Verstandesbegriffe" vor ihr aus systematisch-spekulativen Rücksichten heraus vor-
sein, auch Raum und Zeit gelten ihm aus eben demselben Grunde entschieden werden kann. Es ist zwar leicht vorauszusehen daß
als "bloße Anschauungsformen". Von dieser Disposition her sie sich wenigstens teilweise werden decken müssen, aber a ~riori
hat sich das bis heute unausrottbare Mißverständnis festgesetzt, evident bleibt es, daß selbst im Deckullgsverhältnis eine und
welches "Prinzip und Gegenstand" einander gegenüberstellt und dieselbe Kategorie nicht schlechthin dasselbe als Erkenntnis-
als einen ursprünglichen, prinzipiellen Gegensatz ansieht; man kategorie sein kann ,vie als Seins kat egorie.
bemerkt nicht, daß darin die ganz unstatthafte Vermengung zweier Ein jedes Gebiet des Konkreten muß seine eigenen Prinzipien
heterogener Gegensatzpaare, "Subjekt Gegenstand" und haben: das Be,vußtsein - Bewußtseinsprinzipien, die Erkenntnis
"Prinzip - Concretum", steckt. Ein ganzes Knäuel prinzipieller - Erkenntnisprinzipien, das Sein als solches also jedenfalls seine
Fehler birgt sich in dieser terminologischen Verwirrung. Die eigenen Seinsprinzipien; und z\var das reale Sein - Realprinzipien,
Tradition aber, auf der die Verwirrung beruht, führt weit zurück - das ideale - Idealprinzipien. Der Fehler der Subjektivität er-
über den intellectus infinitus der Scholastiker - bis auf das Buch 1\ weist sich, von hier aus gesehen, als ein Spezialfall des Fehlers
der Aristotelischen Metaphysik, wo erstmalig der "Nus" als das· der Heterogeneität. Auch er beste~t in illegitimer Übertragung
gemeinsame Vehikel aller "reinen Energie", d. h. aller Form- spezieller Gebietskategorien auf das Ganze, nämlich der Subjekts-
prinzipien, ausgezeichnet ist. Denn dieser Nus ist reines Denken, kategorien auf den realen Gegenstand. Der Unterschied dieser
hat die Form eines universalen Subjekts. Er ist der eigentliche Usurpierung gegen andere ähnliche liegt nur in der größeren
geschichtliche Ursprungspunkt alles späteren metaphysischen Folgenschwere für das Problem der Seinskategorien, sowie in der
Subjektivismus, während er selbst interessanterweise noch weit spekulativen Höhe und der immanenten Kraft der Systeme, die
diesseits der Aufrollung des ganzen nachmaligen Subjekt-Objekt- auf ihr fußten.
Problems steht.
Es bedarf keines Wortes, daß der kantische Fehler im Neu- 6. Der Fehler des Normativismus.
kantianismus ins Extrem vergrößert wiederkehrt. Von allen In unseren Tagen ist die Lehre, daß Kategorien Normen
weiteren Auswüchsen des Subjektivismus in neuerer Zeit, vor und ihr eigentliches Wesen ein axiologisches sei, durch Rickert
allem den zahlreichen psychologischen und psychologistischen, und seine Schule vertreten. Nach dieser Auffassung steckt hinter
darf hier abgesehen werden. Sie zählen nach Tendenz und l\1ethode allem Sein ein Sollen; an den .Prinzipien tritt dieses als ein "Gelten
im Kategorienproblem schlechterdings nicht mit. Sie kennen für etwas" in die Erscheinung. Auf diese Weise wird das ontisch
das Problem nicht, auch dort nicht, wo sie in ihrer Weise von
Kategorien sprechen. Ebensowenig gehen uns die pragmatistischen 1) Vaihinger, Philosophie des Als-Ob, Kap. 3? -40.
Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? 151
150
Reale Wert gesichtspunkten untergeordnet, die es seiner Autonomie Ausprägung, in der gesamten Scholastik, beim Cusaner, bei Bruno,
entkleiden. Daß die Hauptvertreter dieser Theorie Idealisten Leibniz, Schelling, Hegel, Schopenhauer, Lotze, E. v. Hartmann.
sind, hat mit der These als solcher nichts zu tun. Die These ist. Es liegt im Wesen aller Teleologie, axiologisch fundiert
vielmehr im Grunde allen teleologischen Systemen, ohne Unter- zu sein. Die gemeinsame These ist der Primat der Werte, sei es
schied des Idealismus und Realismus, gemeinsam. Die Verquickung nun numerisch ein einziger Wert oder ein ganzes System von
:mit dem Idealismus dagegen geht auf Fichte zurück (nach ihm Werten. Zwecktätigkeit ist eben bedingt durch die absolute
möchte ich diesen Fehler den Fichtesehen nennen), der den kan- Geltung gewisser Inhalte, die als Richtpunkte, als die bewegenden
tischen Primat des Praktischen dahin ausdehnte, alle Seinsgesetz- Zwecke selbst auftreten. Und das wiederum setzt voraus, daß sie
lichkeit als Selbstbestimmung einer absoluten Tätigkeit aufzu- in ihrem Wesen irgendwie die Kraft besitzen, Zwecke zu sein.,
fassen. Der Sollenscharakter ist damit auf die Prinzipien über- d. h. einen realen Werdeprozeß inhaltlich zu bestimmen, zu diri-
tragen. Und wie man seinerzeit Fichte den Vorwurf machte, gieren und ihm den Sinn eines Verwirklichungsprozesses zu geben.
daß auf diese Weise die Eigengesetzlichkeit der Natur gegenüber Diese eigentümliche Kraft aber ist es, was den Wertcharakter
dem Sollen verloren gehe, so kann man heute nicht umhin, Rickert solcher Inhalte ausmacht. Alles Zwecksein ist notwendig auf ein
und Lask den Vorwurf zu machen, daß damit das ontologische Wertsein rückbezogen - und zwar unabhängig davon, ob der
Problem in negativem Sinne vorentschieden ist - nicht freilich Wertcharakter dieses Wertseins als solcher erkannt ist oder nicht.
zugunsten der Subjektsphäre, ,vohl aber zugunsten der Wertsphäre. Es gibt teleologische Systeme, in denen er durchaus unerkannt
Dem deontologischen Idealismus freilich ist das eben recht._ hleibt; in der Regel freilich blickt ein wenigstens dunkles Wert-
Aber das Kategorienproblem ist damit von Grund aus verfälscht -, hewußtsein doch mit durch.
und zwar unabhängig davon, ob der Normativismus metaphysisch Es ist eine bekannte Sache, wie dieser Teleologisl1'llls mit der
recht hat oder nicht. Gerade das steht in Frage und kann erst Gottesvorstellung, dem Vorsehungsglauben, ja mit dem mytho-
von der genauen Analyse der interkategorialen Verhältnisse er- logischen Anthropomorphismus verknüpft ist, wie es die stärksten,
mittelt werden: ob Seinsprinzipien unter \Vertprinzipien stehen, ewig menschlichen Gemütsbedürfnisse sind, die sich als die inner-
oder etwa umgekehrt diese unter jenen, oder keins von beiden, lichsten Motive in ihm verbergen. In gewiss81n Sinne ist ja über-
und wie überhaupt das positive Verhältnis beider Arten von haupt alle Natur- und VVeltteleologie (z. B. auch die Geschichts-
Prinzipien zueinander ist. Auch hier also, in der spekulativen teleologie ) der Form nach Anthropomorphismus. Denn was sie
Vorentscheidung zugunsten eines Primats der Werte, liegt eine tut, ist eben dieses, dem Weltprozeß - sei es im Ganzen oder im
Usurpierung, eine Grenzüberschreitung, ein "Ismus", kurz eine Einzelnen - eben dasselbe Handeln nach ZViTecken zuzuschreiben,
Abart des Fehlers der Heterogeneität. welches wir als gegebenes Phänomen einzig und allein in der
Diese Abart nun hat in der Geschichte des philosophischen Handlung des Menschen kennen.
Denkens eine eigentümliche Bedeutsamkeit erlangt, die sich leicht "Vir haben hier nicht zu entscheiden, ob die teleologischen
erschauen läßt, wenn man von den idealistischen Fassungen des "leItbilder metaphysisch recht haben oder nicht. Erst die Kate-
Gedankens absieht. Der Fehler ist trotz seiner leichten Aufdeck- gorialanalyse selbst kann zur Lösung dieser Frage etwas beitragen;
barkeit vielleicht der am meisten verbreitete; nur wenige Systeme, sie allein kann das innere Verhältnis der Zweckkategorie zu anderen
und nicht eben die bedeutendsten, haben ihn vermieden. Denn Kategorien sachlich und ohne Voreingenommenheit ermitteln.
die meisten großen Typen philosophischer Weltanschauung sind Hier aber stehen wir erst in der rohesten Vorarbeit zu einer möglichen
im Grunde teleologisch. Ein deutlicher Normativismus liegt schon Kategorialanalyse. Um so wichtiger ist es für diese Vorarbeit,
in der Platonischen Ideenlehre vor: die Ideen sind die Ideale des sich darüber klarzuwerden, daß in aHer teleologischen Spekulation
Seins, und alle Dinge haben die Tendenz ihnen nahezukommen, - wie bestrickend ihre Perspektive auch sein mag - ~ine Usur-
bleiben aber hint3r ihrer Vollkommenheit zurück. Ahnlieh ist pierung liegt, eine Grenz~lberschreitung der Zweckkategorie,
die Aristotelische Finalität der Naturprozesse auf das Telos der eine unbegründete, durch kein \virklich gegebenes Phänomen
Formen, die Entelechie, bezogen. Und dieser Typus der Teleologie zu rechtfertigende Erweiterung ihrer Kompetenz. Man mag die
herrscht noch ungebrochen, ,vimvohl in mannigfach variierter Frage drehen und wenden, wie man \vill, mit Gev.rißheit \'lissen \vir
152 \Vie jst kritische Ontologie überhaupt möglich? Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? 153

es doch nur vom Menschen, daß er zwecktätig ist, daß für ihn \Verte Kategorien sui generis sind, und ob sie sich den Seinskategorien
bestimmend sind, die ihln als Normen dienen. Daß auch auf nicht doch vielleicht in anderer Weise überordnen, - das alles
Dinge, oder auf die Welt als Ganzes etwas ähnliches zutreffe, zu entscheiden ist Sache der prima philosophia, der Prinzipien-
dafür haben wir kein direktes inneres Zeugnis, ,,,,ie schlagend in forschung selbst und darf aus eben diesem Grunde in keiner Weise
manchen Einzelheiten auch die Analogien der Prozeßabläufe er- durch Erschleichungen vorweggenommen werden.
scheinen mögen. Ein jeder Schluß aus solcher Analogie auf das
Prinzip, den real bestimmenden Zweck, ist und bleibt eine Sub- 7. Der Fehler des Rationalismus.
reption. Eine tiefe jahrtausendealte, in der Mythologie der Völker Daß Prinzipien ihrem Wesen nach "rational" seien, ist eine
verwurzelte Denkgewohnheit hat diese Subreption quasi geheiligt. allgemein verbreitete Ansicht. Die beiden Bedeutungen von
Nüchtern betrachtet aber ist sie eine Quelle unabsehbarer Problem- "rational" (die logische und die gnoseologische) alternieren hierbei
verfälschungen. Und gerade das ontologische Problem ist am fast ohne Unterschied der These. Substituiert man "rational =
meisten durch sie gefährdet. Sie trägt die Hauptschuld an dem logisch", so ist die These nahezu die der Begrifflichkeit, die Ari-
Mißtrauen, mit dem man in der Philosophie bis heute dem Ge- stotelische. Anders, wenn man "rational = erkennbar" setzt.
danken der Ontologie begegnet. Und nicht mit Unrecht: eine Mit dem letzteren Falle allein haben wir es jetzt zu tun.
wahre Sündflut von Vorurteilen, von halb popularphilosophischen, Daß ein Concretum in mancherlei Hinsicht irrational sein
wissenschaftlich ganz unqualifizierbaren Vorstellungen verschanzt mag, geben viele Theorien zu. Aber von den Prinzipien, auf denen
sich hinter dieser unmerklichen, von aller allzumenschlichen es beruht, geben sie das gleiche nicht zu. Prinzipien gelten als
Ge:mütsneigung und theoretischen Halbheit begünstigten und durchweg erkennbar: sie sind ja dem Bewußtsein gegeben, während
geflissentlich verdeckten Erschleichung. das Concretum nicht gegeben, oder doch nur annähernd (etwa
Es ist ein Krebsschaden der gesamten Philosophie, der sich "confus") gegeben ist. In der Antike finden wir noch die entge-
im Fehler des Normativismus und des ihm eng verwandten onto- gengesetzte These. Platon weiß um die Schwierigkeit der Ide~n­
logischen Teleologismus (jeglicher Form) verbirgt, - eine von schau, weiß darum, wie unvollkommen und bloß näherungsw81se
denjenigen Erbsünden der alten :Metaphysik, die auch die kan- zutreffend alles ist, was menschliches Denken vom Reich der
tische Kritik nicht entwurzeln konnte, weil sie ihr trotz der Kritik Ideen erfaßt, und wie es einer besonderen "hypothetischen"
der Urteilskraft nicht recht auf die Schliche kam. Eine kritisch Methode bedarf um sich tastend an dieses Unnahbare heranzu-
fundierte Ontologie muß vor allen Dingen auch in diesem Punkte arbeiten. Und a~ der Idee des Guten v~rsagt alle eigentliche Schau.
kritisch verfahren. Ihr muß die Behebung dieses Vorurteils ebenso Plotin hat für die letztere sogar den Terminus "jenseits des Denk-
am Herzen liegen wie die des "ontologischen Gottesbeweises". baren" geschaffen, der einen strengen Begriff der Irrationalität
In der Tat liegt hier ein strenges Analogon zum letzteren vor,
des Prinzips ausprägt.
und zwar im Positiven wie im Negativen: wie niemand den Gottes-
begriff allein deswegen verwerfen 'wird, weil das "ontologische" Anders die führenden Denker der Neuzeit, allen voran Des-
Argument nicht schlüssig ist, so wird auch niemand die Möglichkeit cartes. Hier wird alles erkennende Erfassen der Dinge auf einen
der Weltteleologie deswegen fallen lassen, weil die Analogie, auf Apriorismus der Prinzipien basiert, und dieser wiederum soll ein
der sie fußt, unzureichend für ihren Erweis ist. Beweise richtiger unmittelbares Gegebensein, Erschautsein der Prinzipien bedeuten.
Thesen können falsch sein. Aber als philosophisch-spekulative Das Vorurteil, das hierin steckt und das sich von den großen
Voraussetzungen sind deswegen doch beide Thesen gleich ver kehrt. Rationalisten her tief eingewurzelt hat, ist ein dreifaches und in
Das Telos der Welt kann ebensogut wie Gottes Existenz philo- seinen drei Grundthesen an den geschichtlichen Ausprägungen
sophisch weder erwiesen noch widerlegt werden; es darf so wenig selbst am besten faßbar.
wie sie unter die systematischen Grundlagen aufgenommen werden. Zugrunde liegt dem Cartesischen Fehler das Vorurteil der
Mit anderen Vvorten, Kategorien sind, an sich betrachtet, Einfachheit: die Prinzipien sind simplices, sie tauchen in der
in keiner "Veise Normen, Zwecke oder gar Werte. Wie aber ihr Analyse als letzte requisita auf; das Komplexe aber, das sich
positives Verhältnis zu den Werten gestaltet ist, ob diese etwa aus ihnen zusammensetzt, ist das Concretum. Das ist an sich
154 Wie ist luitische Ontologie überhaupt möglich? Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? 155

einleuchtend gedacht, aber es trifft nicht zu. Es gibt hochkomplexe von Seins prinzipien gelten, wo nicht einmal ein Schein von Para-
Prinzipien, die selbst schon aus einfacheren kategorialen Ele- doxie dagegen spricht. Nur das Vorurteil 'der Begrifflichkeit,
menten zusammengesetzt sind, ohne doch des\vegen der für Prin- sowie das der Subjektivität, konnte darüber täuschen. Hat man
zipien überhaupt charakteristischen Selbständigkeit zu entbehren. dagegen einmal begriffen, daß der Gegenstand seine Kategorien
Stillschweigend liegt überdies wohl auch die so viel Iniß- für sich hat, unabhängig von Bewußtseinskategorien, und daß
brauchte Devise des "simplex sigillum veri" zugrunde, ein Satz, der alle Begrifflichk,eit erst nachträgliche Fassung in Begriffe durch
an und für sich wohl für Erkenntniskategorien sinnvoll sein könnte, das Subjekt ist, so muß es einleuchten, daß schlechterdings kein
tatsächlich freilich auch hier nicht zutrifft, bei Seinskategorien Grund vorliegt, die Prinzipien des Gegenstandes fi.1f erkennbarer zu.
aber vollends deplaciert ist. Die Prinzipienforschung des Des- halten als den konkreten Gegenstand selbst. Daß sie aber in vVirk-
cartes und seiner Nachfolger ist eben noch sehr primitiv. Ihm lichkeit noch um eine beträchtliche Schattierung weniger erkennbar
gilt alles Prinzipielle für an sich einfach. Er weiß nicht, daß in sind, dafür gibt es eine Reihe unwiderleglicher Gründe, deren
Wirklichkeit gerade die letzten kategorialen Elemente etwas sehr Entwicklung indessen wiederum der Kategorialanalyse selbst
Frag\vürdiges sind, etwas was in keinem aufweisbaren Prinzip, angehört und nicht vor ihr gegeben werden kann 1 ).
auch in keiner Gruppe aufweisbarer Prinzipien, jemals direkt Drittens birgt sich hier aber noch das besondere Vorurteil,
faßbar ",ird. Gerade die komplexeren Kategorien lassen sich an- daß Prinzipien unmittelbar evident seien. Das wäre mehr als
nähernd fassen; aber sobald Inan die Elemente aus der Komplexion bloße Erkennbarkeit überhaupt; es wäre apriorische Erkennbarkeit,
herauslöst, werden sie unfaßbar. 'Vas \vir dagegen für letzte, rein auf sich gestellt, ohne die Stütze der Erfahrung. Auch das
eben noch faßbare Elemente halten, sind keine simplices. kündiO't sich in den Cartesischen Formulierungen "per se notae"
Zweitens schließt sich hieran das eigentliche Vorurteil der und ,,~ognitione prius" an. Descartes glaubte, an einen intuitus
Erkennbarkeit. Die simplices sollen zugleich die maxime notae purus, der im unmittelbaren Prinzipienbewußtsein bestehen ~ollte;
oder per se notae sein, das "der Erkenntnis nach Frühere" und hier liegt eine der geschichtlichen Wurzeln des kantlschen
(cognitione prius). Sie sind also in gnoseologischer Beziehung Fehlers. Sachlich aber ist es - im allgemeinen wenigstens -
nicht nur das Prius der Erkenntnis, sondern auch das apriori . gerade umgekehrt. Erkenntnisprinzipien sind, wie wir sahen,
Erkannte! Das ist aber das ewig Mißverständliche im Begriff der wohl das prius der Erkenntnis, aber deswegen nicht selbst erkannt,
idea innata; denn ein Bewußtsein dieser Ideen ist ja gerade in dem also auch nicht apriori erkannt. Sie sind nur das seiende, aber
auf ihnen basierten Sachbewußtsein keineswegs enthalten. Über- nicht das als seiend erfaßte prius der Gegenstandserkenntnis.
haupt ist das gnoseologische Verhältnis hier durchaus das um- Soweit sie aber ihrerseits wirklich erkennbar sind, so ist diese
gekehrte. Erkenntnisprinzipien brauchen gar nicht Prinzipien- Erkennbarkeit doch keine apriorische, unmittelbar anschauende, .
erkenntnis zu sein. Erkannt wird durch Prinzipien ein anderes sondern gerade eine im weitesten Maße vermittelte und durch das
als sie, nicht sie selbst. Sie sind Erkenntnisbedingungen, aber posterius bedingte. Fragt man, wie werden solche Prinzipien
gar nicht selbst Erkenntnisse; d. h. sie sind wohl erste Grundlagen überhaupt erkannt, so ist die einzig mögliche Antwort: vom
der Erkenntnis, aber \veit entfernt erstes Erkanntes zu sein. Concretum aus. Dieses aber ist allemal - wenigstens im Bereich
Sie bleiben vielmehr gemeinhin ihrerseits durchaus unerkannt.
Jedenfalls ist das Erkennen durch sie unabhängig von ihrem Er- 1) Es seien hier wenIgstens die Hauptargume~te ~en THelbegriffen
kannt- oder Unerkanntsein ; also auch von ihrem Erkennbar- nach angedeutet: 1. die überhaupt faßbaren. Kategorlen smd ~oU1plex, zu~
Teil von außerordentlich hoher Komplexh81t, letzte kategorIale Element.e
oder Unerkennbarsein. Es liegt folglich nicht im ';Vesen der Erkennt- aber sind nicht faßbar; 2. alle irgendwie dimensionalen Kategorien ent-
nisprinzipien, erkennbar zu sein. Und - so können \vir aus brei- halten Unendlichkeitsmomente ; 3. die meisten Kategorien enthalten .ne~en
tester geschichtlicher Erfahrung hinzufügen - wo sie wirklich StruktureleU1enten (Form, Gesetz, Relation) auch Substratelemente, dle slch
in keiner 'Weise auflösen lassen; 4. auch die Strukturen (Formen, Gesetze,
erkannt werden (in der philosophischen Erkenntnistheorie), da Relationen) als solche sind nicht durchweg rational; 5. irrational bleibt
ist diese Erkenntnis niemals die erste und unmittelbarste, sondern von allen Kategorien das ,;Warum", der Gru~d ihres Sosein~; In ~en Haupt-
eher die letzte, die am meisten vermittelte und bedingte zu nennen. zügen finden sich diese Argumente dargelegt In Logos V, "Uner die Erkenn-
barkeit des Apriorischen" S. 3'13-325, sowie in "Metaphysik der Erkennt·-
'Nas von Erkenntnisprinzipien gilt, muß in erhöhtem Maße nis" Kap. 30.
156 Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? Wie ist kritische Ontologie über haupt möglich? 157

der Realerkenntnis - das aposteriori Gegebene. Prinzipien sind überraschend zusalumen. Gibt es nur ein einziges Gebiet kon-
die Strukturelemente des Konkreten und können nur als solche, kreter Gebilde, so kann es auch nur eine Reihe von Prinzipien
und nur an ihm, erschaut werden - oder genauer, nur von ihm geben. Die Identitätsphilosophie des deutschen Idealismus hat
aus analysierend und reflektierend ermittelt werden, wobei immer von diesem Gmvaltstreich ausgiebigen Gebrauch gemacht. So
ein Einschlag des Hypothetischen dem Ermittelten anhaftet. geschlossene Systembauten ,vie das Schellingsche von 1801 und
:Man hat diese Methode seit dem Altertum die analytische oder das große System Hegels waren eben nur möglich bei solcher
hypothetische genannt und sie im klaren Bewußtsein ihrer auf- Gleichsetzung des "Subjektiven und Objektiven", resp. "des Ver-
wärts gerichteten Tendenz ("Anabasis") der deduktivenApodeiktik nünftigen und des Wirklichen". Daß diese Systeme, im Gegensatz
entgegengesetzt. zum Eleatischen, doch im Grunde idealistisch gemeint sind, d. h.
Das bedeutet nicht einen Empirismus der Prinzipienerkenntnis; daß sie innerhalb der Identität das Gewicht doch auf die Seite
denn wenn der analytische Weg bis zu den Kategorien herangeführt des "Subjektiven" resp. der "Vernunft" verlegen, davon können
hat, so müssen diese freilich wiederum in sich selbst erschaut oder "rir hier absehen; das macht hinsichtlich der Identitätsthese
evident gemacht werden. Aber diese Evidenz eben und diese keinen Unterschied aus. Das Große in ihnen ist die Einheit der
Schau ist eine vermittelte, und zwar charakteristischerweise eine Prinzipienreihe. Diese haben sie mit der Eleatik gemein.
vom posterius her vermittelte; also nicht eigentliche Erkenntnis Und doch, gerade das ist ihre Schwäche. Denn hier wider-
aposteriori, aber vielleicht darf man sagen: ex posteriori. Das streiten sie dem gegebenen Phänomen. Es genügt, sich am Er-
Erkenntnisprius selbst aber ,vird durch diese Bedingtheit der kenntnisphänomen zu orientieren. Erkenntnis kann nur bestehen,
Kategorienerkenntnis ex posteriori nicht im mindesten berührt. wo es ein Gegenüber von Subjekt und Objekt gibt, sie ist eine
Es ist ja nicht diese Erkenntnis selbst, auch nicht ihr Prinzip, bestimmte Art Relation zwischen ihnen. Fallen beide in eins
sondern ihr Gegenstand, die Kategorie selbst. zusammen, so sinkt auch die Relation in nichts zusammen. Re-
Für die Kategorienforschung resultiert aus dem allen fol- lation besteht nur zwischen Nichtidentischem. Identität ist Auf-
gendes. 1. Kategorien bestehen vollkommen unabhängig vom hebung der Relation. Alle strenge Identitätsphilosophie hebt
Grade ihrer Erkennbarkeit. 2. Sie sind tatsächlich nur teilweise das Erkenntnisproblem auf. Kein Wunder, daß Schellings Sy-
erkennbar und die Kategorialanalyse wird, soviel sich erwarten stem von 1801 die Erkenntnistheorie schuldig bleibt und daß
läßt, in allen Richtungen ihres Vordringens auf unverschiebbare Hegel das Problem selbst nahezu in sein Gegenteil verkehrt.
Grenzen der Rationalität stoßen. 3. Die Kategorienlehre hat Man versteht es, daß diese großartigste aller metaphysischen
diese Grenzen unbedingt anzuerkennen und, soweit möglich, mit Thesen sich auch im Altertum nicht gehalten hat. Weder Platon
zu bestimmen; aber sie darf sie nicht für Problemgrenzen, noch noch Plotin, die ihr am nächsten standen, haben es gewagt, sie
weniger für Grenzen der Sache selbst, d. h. des kategorialen Seins, durchzuführen. Daß dieselbe Aporie wie am Erkenntnisproblem
halten; es sind zwar unübersteigbare, aber doch nur gnoseologische 1 sich dann im Handlungs-, im Willens problem und anderen mehr-
nicht ontologische Grenzen. 4. Das System der Kategorien, zu wiederholen muß, ist leicht zu sehen. Auch hier überall ist die
dem sie bestenfalls gelangen kann, muß notwendig ein Ausschnitt Gegenüberstellung Bedingung der Relation.
bleiben; es kann sich mit dem an sich bestehenden System der Die Kategorienforschung darf sich auf diese ungeheure Ver-
seienden Prinzipien, welches sie erstrebt, immer nur näherungs- einfachung nicht einlassen. Der "Eleatische Fehler" kann ihr
weise decken. 5. Die Erkenntniskategorien sind in dieser Bezie- nichts als eine radikale Verfälschung der Probleme bedeuten und
hung um nichts besser gestellt als Seinskategorien; Erkenntnis- zwar mittelbar auch des· ontologischen; ist doch die Gegenstands-
theorie ist um nichts rationaler als Ontologie. stellung des Seins der natürliche Ausgangspunkt ontologischen
Denkens. Sie muß die Auseinandergespanntheit der beiden Reiche
8. Der Fehler der totalen Identität.
des phänomenal gegebenen Konkreten, Bewußtsein und reale
Die größte Vereinfachung des vVeltbildes, die sich denken Außenwelt, in vollem Umfange geIten lassen - auf die Gefahr
läßt, ist die Identitätsthese des Parmenides: "Denken und Sein hin, zwei grundverschiedene Reihen von Kategorien zu bekommen.
sind ein und dasselbe". Das Kategorienproblem schrumpft damit
158 \Vie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? Wie ist kritische Ontologie iiberhaupt möglicll? J59

9. Der Fehle r der kateg ori alen Identit~t. keit der "Ideen" oder "ewigen Wahrheiten". Diese sind ein
und dieselben - restlos und bis in die Einzelheit ihrer Kom-
Die These der kategorialen Identität ist um vieles kritischer plexion hinein - für die repräsentierten l\1onaden und die re-
und bescheidener als die eleatische. Nicht Sein und Denken, präsentierenden. Daher die Übereinstin1mung, daher der "Gleich-
nicht Objekt und Subjekt sind hier gleichgesetzt, sondern nur schlag der Uhren" und die Konstanz des Verhältnisses von "Leib
ihre Prinzipien. Die Zweiheit der Welten - der des Bewußtseins und Seele".
und der des Gegenstandes - wird nicht angetastet, nicht in eins Gerade aln Beispiel Leibnizens sieht man es aber deutlich,
gesetzt. Wohl aber gibt es ein Identisches, das beide verbindet, daß dieser absolute Apriorismus übers Ziel schießt. Die Identität
und zwar wurzelhaft verbindet: ihre beiderseitigen Kategorien. der Prinzipien reicht zwar für einen solchen aus, aber sie reicht
Am bekanntesten ist dieser Gedanke in der Fassung, die damit weiter, als das Phänomen sie rechtfertigen kann. Der ab-
ihm Kant gegeben: Erfahrung und Gegenstand der Erfahrung solute Apriorismus selbst entspricht gar nicht dein Phänomen:
sind nicht Q.asselbe, aber sie haben dieselben "Bedingungen der apriorische Erkenntnis findet ihre Grenze in der Empirie, für
Möglichkeit"; man vergleiche hierzu die bekannte Formel am diese aber ist in ihm kein Raum. Deutlicher noch wird der Fehler ~
Schluß des Abschnittes vom obersten Grundsatz aller synthetischen wenn man die Betrachtung umkehrt. Gesetzt, es gebe also nur
Urteile. Der gnoseologische Grund für diese Identität der Prin- eine' Reihe von Prinzipien, gültig für zwei durchaus verschiedene
zipien ist die Tatsache der apriorischen Erkenntnis. Ein Subjekt Welten, muß man sich da nicht fragen: wie kommt es eigentlich,
kann offenbar um Bestimmtheiten eines ihm heterogenen Ob- daß die beiden Welten noch verschieden sind? Wenn doch alles
jekts nur dann apriori wissen, wenn die inneren Prinzipien, auf Prinzipielle in ihnen zusammenfällt, wie können sie da überhaupt
denen dieses Wissen beruht, mit den Prinzipien des Objekts über- noch zwei Welten sein? l\1üßten sie nicht notwendig ununter-
einstimmen. Im Phänomen der apriorischen Erkenntnis liegt scheidbar eine und dieselbe sein - gerade nach der Leibnizischen
also ein außerordentlich wertvoller Ansatzpunkt für die Orientie- lex identitatis indiscernibilium?
rung der Kategorienforschung: es kann sich offenbar nicht um Und selbst wenn man von dieser metaphysischen Aporie
zwei ganz heterogene Kategoriensysteme handeln, es muß eine absieht, taucht nicht hinter ihr eine noch ganz anders unabweis-
gewisse Identität bestehen. bare gnoseologische Aporie auf? Sind Erkenntnis- und Seins-
Der höchste metaphysische Nachdruck liegt auf dieser Identi- kategorien restlos identisch, muß da nicht alles Seiende erkenn-
tätsthese indessen keineswegs in solchen Systemen wie dem Kanti- bar sein, und zwar apriori erkennbar? Zweifellos ist das auch
sehen, wo der aposteriorischen Erkenntnis ein breiter selbständi- Leibniz' Meinung. Aber sie widerspricht dem Erkenntnis phänomen,
ger Spielraum zugewiesen ist, sondern dort, wo der Apriorismus in welchem gerade die Grenzen der Erkennbarkeit - und vollends
absolut gemacht, d. h. wo alle Erkenntnis - auch die scheinbar der apriorischen Erkennbarkeit - eine sehr eigentümliche Rolle
aposteriorische - auf ihn zurückgeführt wird. Den Typus ei Res spielen. Analysiert man das Erkenntnisphänomen unparteiisch~
solchen Systems ha!)en wir bei Leibniz. Die einzelne Monade so kann hierüber gar kein Streit sein, die Grenze der Rationalität
"repräsentiert U das "Veltall. Diese ihre "Repräsentation" ist, ist selbst ein Erkenntnisphänomen. In ihrer Ignorierung liegt
wo sie die Höhe des Bewußtseins erreicht, Erkenntnis. Die 1'\'10- eben das Unrecht des absoluten Apriorismus, der Leibnizische
nade mitsamt dem Inbegriff ihrer Repräsentationen ist eine Welt Fehler.
für sich, ein Kosmos im Kosmos; also keineswegs identisch mit Es steckt also offensichtlich immer noch ein prinzipieller
der makrokosmischen \Velt aller Monaden, ja mit ihr nicht ein- Fehler in der auf die Kategorien eingeschränkten Identitätsthese.
mal direkt verbunden ("ohne Fenster"). Ihr Repräsentieren ist Der Leibnizische Fehler ist zwar um vieles geringer als der eleati-
ein rein inneres Erbauen, ihr Erkennen ein restlos apriorisches. sche. Aber es ist hier immer noch zu viel identisch gesetzt. Man
Und was be\virkt die Übereinstimmung, ja überhaupt die Be- muß die Identität weiter einschränken. Die Kategorien des Sub-
zogenheit der Repräsentationen auf das reale Repräsentierte? jekts und die des Objekts können nur teilweise identisch sein 1
"Prästabilierte Harmonie" ist hier nur ein Schlagwort, das nichts teilweise aber müssen sie auseinanderfallen. Partiale Identität
erklärt. Der wirkliche Kern der Theorie ist die Einheit und Ewig- freilich ist das Minimum an Identität, das erfordert ist. Und
Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? 161
160
z,"var, da die partiale Irrationalität des Objekts Bestimmtheiten :Iaß di~ ein~elnen Kategorien höherer (komplexerer) Ordnung, die
des letzteren bedeutet, welche das erkennende Subjekt nicht nach- IhrerSeIts eItl ganzes System kategorialer Momente umfassen
bilden kann, so muß offenbar das System der Seins kategorien ganz diesseits oder ganz jenseits der Identitätsgrenze zu liege~
reicher sein als das der Erkenntniskategorien ; mit anderen Wor- kommen. Es ist vielmehr sehr wohl möglich, daß diese Grenze
ten, es muß Seinskategorien geben, welche nicht zugleich Er- mitten durch sie hindurchgeht und sie gleichsam in zwei Teile
kenntniskategorien sind. Es muß also im Kategorienreich selbst schneidet, von denen nur der eine zugleich den Charakter eines
eine Grenze der Identität von Seins- und Erkenntniskategorien Erkenntnisprinzips hat, der andere aber bloß Seinsprinzip ist.
geben. Und zwar muß diese Grenze offenbar gen au der Rationali- Die partiale Identitätsthese wird hierdurch nicht aufgehoben sie
tätsgrenze des Gegenstandes entsprechen; d. h. der Gegenstand wird nur primär auf die einfacheren kategorialen Elemente' be-
ist genau so weit a priori erkennbar, als seine Kategorien zugleich zogen. Für die apriorische Erkenntnis des Gegenstandes, die
Erkenntniskategorien sind 1). ja selbst nur teilweise zurecht besteht, genügt es offenbar,
Auch dieser Sachverhalt ist - abgesehen von seiner zen- wenn es überhaupt kategoriale Elemente, die für Subjekt und
tralen Bedeutung für die Erkenntnistheorie - von entscheiden- Objekt identisch sind, im Komplex der höheren Kategorie gibt.
der Wichtigkeit für die Ontologie. Fünferlei läßt sich als Ron- 3. Damit aber erwächst der Kategorienforschung eine Auf-
.sequenz aus ihm entnehmen. gabe von größter Tragweite. Die einzelnen Kategorien - we-
L Zunächst leuchtet an ihm ein, daß die Kategorien des nigstens sicher die höheren - sind als Erkenntniskategorien nicht
Seins niemals vom Erkenntnisproblem aus erschöpft werden dasselbe, was sie als Seinskategorien sind. Sie tragen zwar hier
können. Es ist also ein fundamentaler Irrtum der neuzeitlichen -wie dort denselben Namen (etwa Raum, Zeit, Substanz, Kau-
Philosophie, das Kategorienproblem in gnoseologiseher Einstellung salität), und mit Recht, denn etwas identisch Übergreifendes
bewältigen zu wollen. Man kann es vielmehr erst von ontologi- muß ja eben in ihnen sein; aber ihr kategorialer Gehalt ist in
schem Gesichtspunkt aus übersehen. Dieser Tatsache hat auch mancherlei Momenten doch ein verschiedener hier und dort.
Kant nicht Rechnung getragen. Sein Interesse am Kategorien- Und in dieser Verschiedenheit liegt wiederum die Grenze apriori-
problem ist ein rein gnoseologisches. Dennoch findet sich gerade scher Erkennbarkeit des Gegenstandes. Die Kategorialanalyse
bei ihm - im Gegensatz zu Leibniz - ein Bewußtsein der Identi- hat daher jede einzelne Kategorie gesondert als ontologische und
tätsgrenze : die Gegenständlichkeit als solche ist nach ihm mit als gnoseologische Kategorie zu untersuchen und die spezifischen
dem "Gegenstande möglicher Erfahrung" nicht erschöpft, es gibt Ahweichungen festzustellen.
über diesen hinaus den "transzendentalen Gegenstand", der als Man kann das auch so ausdrücken. Jede Kategorie, die über-
solcher nicht erkennbar ist, weil die Totalität seiner Bedingungen haupt in den Identitätsbereich fällt, ist gleichzeitig beiden Sphären
in den "Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung" nicht auf- . zugeordnet, der ontisch realen und der gnoseologisch aktualen
geht. Es ist die Lehre vom "Ding an sich" als dem Noumenon, Sphäre; aber sie überragt diese Spannweite der doppelten Zu-
in der Kant über seine eigene Problemdisposition hinauswuchs ordnung nur mit einem Teil ihres Wesens, in einem anderen Teil
und einer kritischen Ontologie den Ansatzpunkt im Erkenntnis- wird sie von ihr gespalten, auseinandergerissen. Selbstverständ-
problem selbst bereitet hat. Hier· wurde seine Kritik gegen sich lich ist die Spaltung an jeder einzelnen Kategorie inhaltlich wieder
selbst kritisch. Die Lehre vom Ding an sich ist ihre kritischste Tat. eine andere, so daß eine unbegrenzte Mannigfaltigkeit der Ab-
2. Es ist aber noch ein Ferneres, was die Kategorienlehre stufungen zwischen den Extremen - der vollen Identität und
an diesem Punkt zu lernen hat. In einer partialen Identität von der vollen Nichtidentität - möglich ist. Hier liegt ein neues,
Seins- und Erkenntniskategorien ist es keineswegs erforderlich, noch gänzlich unbearbeitetes, aber zweifellos aufschlußreiches
Forschungsgebiet, mit dessen Erschließung und fruchtbarer Be-
. 1) Mit der partialen Irrationalität der Kategorien selbst dagegen hat arbeitung die Aufgabe einer kritischen Ontologie recht eigentlich
dtese Grenze der Identität nichts zu tun. Die Erkennbarkeit des konkreten erst beginnen kann. Denn nicht von allgemeinen Gesichtspunkten
Gegenstandes steht in keinerlei Abhängigkeitsverhältnis zur Erkennbarkeit aus deduzierend, sondern aus der phänomenologisch-analytischen
seiner Prinzipien. Der Leibnizische Fehler steht vollständicr indifferent
zum Cartesischen. . 1:> Detailarbeit an der einzelnen Kategorie heraus kann allein der
N atarp-Festscl!rif!. 11
Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? 163
162
Überblick gewonnen werden, der hier not tut. Es leuchtet von dalitätskategorien, deren Sinn und intermodale Gesetzlichkeit
selbst ein, daß von hier aus auch das Erkenntnisproblem eine denn auch in der Tat in den beiden Sphären eine außerordentlich
Wiedergeburt erfahren muß, die ein tieferes Eindringen in seine verschiedene ist 1).
inhaltlichen Einzelheiten gestatten dürfte, als die bisherige, Inehr 5. Die l\1annigfaltigkeit der Sphären, die unter Kategorien
im Allgemeinen schwebende Art seiner Bearbeitung es zuließ. - und z\var unter teilweise identischen - tehen, 1st hiermit
4. Die Konsequenzen führen indessen in anderer Richtung noch nicht erschöpft. Daß z. B. die Innenwelt des Subjekts in
noch weiter. Das Sphärenverhältnis der z\~veierlei Kategorien, ihren spezifisch subjektiven Phänomenen (nicht den objektiven,
das sich als ein solches der partialen Identität erwies, ist weg- wie den Erkenntnisgebilden, die Glieder einer transzendenten Re-
weisend für die Behandlung ähnlicher Sphärenverhältnisse über- lation sind) wiederum eine Welt für sich bildet, die zwar auch
haupt. In der Tat hat es die Ontologie nicht mit dem Gegen- eine real seiende und insofern der realen Sphäre immanente ist,
über von Subjekt und Objekt allein zu tun. Das Seiende selbst aber innerhalb ihrer doch durch ihre Eigenart eine Sonderstellung
zeigt eine andere, gegen jenen Gegensatz gleichgültige Gespalte~­ einnimmt, läßt sich nicht bestreiten. Neben die reale, ideale und
heit in reales und ideales Sein, wobei unter letzterem das Seln gnoseologisch aktuale tritt also die psychische Sphäre als eine
der logischen Strukturen, der mathematischen Gegenstände, der vierte. Und auch in ihr -gibt es eine modifizierte VViederkehr
vVesenheiten aller Art verstanden ist. Es stehen sich also inner- der Kategorien. Sieht man. also auch von aller ferneren, immerhin
halb des Seins eine reale und eine ideale Sphäre gegenüber, beide naheliegenden Erweiterung der Sphärenmannigfaltigkeit ab, so
durchaus ansichseiend in ihren Gebilden, beide Gegenstände ist das mindeste, was die Kategorialanalyse zu leisten hat, dieses:
lTIöglicher Erkenntnis (wenigstens in den Grenzen ihrer R:=ttionali- jede einzelne Kategorie unter dem Gesichtspunkt einer Synopsis
tät). Auch diese beiden Sphären stehen unter Kategorlen, und dieser vier Problemsphären zu betrachten, d. h. ihre spezifische
zwar gleichfalls unter teilweise identischen. Die Gründe dafür Abwandlung in den einzelnen Sphären sowie das sie alle über-
lassen sich unter anderem am Verhältnis von mathematischer ragende Identische in ihr herauszuarbeiten.
und Naturgesetzlichkeit analysieren. Auch hier also gibt es ein Das ist freilich eine Aufgabe, die dazu angetan ist, die Ka-
Identitätsverhältnis zweier Kategorienreihen, und zwar ein ande- tegorialanalyse zu einer ganzen VVissenschaft eigener Art aus-
res als das zwischen Objekts- und Erkenntniskategorien ; und wachsen zu lassen. Die Perspektive dieser Aufgabe ist es, in
auch dieses ist ein partiales. Da es sich aber auf dieselben Seins- deren Verfolgung ich das Wesen und die Idee einer kritischen
kategorien bezieht wie jenes, also auch dieselben komplex.en Ontologie und darüber hinaus die einer echten, legitimen, an der
Kategorien umfaßt, so ist leicht vorauszusehen, daß auch hIer ganzen Mannigfaltigkeit der Phänomene orientierten philosophia
die Identitätsgrenze vor der Integrität dieser kategorialen Kom- prima erblicke. Es versteht sich von selbst, daß eine solche Sy-
plexe nicht haltmachen kann, sondern mitten durch sie hindurch- nopsis der Sphären, als Lehre von den Grundgebieten der inhalt-
gehen und sie zerschneiden muß, wo sie ihren Verlauf überqueren. lichen Phänomene, ein sich durch die ganze Kategorienforschung
Wiederum also erweitert und kompliziert sich die Aufgabe der hinziehendes und erst mit ihr selbst - also nur in der Idee -
Kategorienlehre um eine Dimension inhaltlicher Mannigfaltigkeit. abschließbares Kapitel ausmacht.
Die Unterschiedenheit der Sphären bedeutet eben auch hier nichts
anderes, als daß ein und dieselbe Kategorie als Idealkategorie 10. Der Fehler der systematischen Monismus.
nicht schlechthin dasselbe ist wie als Realkategorie. An einer Die Philosophen, die sich überhaupt mit Prinzipienforschung
jeden einzelnen also hat die Kategorialanalyse zu untersuchen, abgeben, gehen fast ausnahmslos von der Voraussetzung aus,
in welchen kategorialen Elementen die Abweichung liegt. Und das System der Prinzipien müsse in einem einzigen obersten
dieses Verfahren ist um so bedeutsamer, als in ihm die einzige Prinzip gipfeln, von welchem alle anderen abhängen. Diese Vor-
Handhabe liegt, den Unterschied und das ontologisch positive
Verhältnis der idealen und realen Seinssphäre zu bestimmen.
1) Einen erstell Ansatz zu der hier angedeuteten Untersuchung habe
Der Schwerpunkt dieser Untersuchung liegt - da es sich um ich in Kantstudien XX, 1915, "Logische und ontologische 'Wirklichkeit'"
das Verhältnis zweier Seinsweisen handelt - im Gebiet der Mo- zu geben versucht.
11*
164 Wie 1st kritische Ontologie überhaupt möglich?
Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? 165
aussetzung liegt nah genug. Man meint es etwa so: es gibt Einheitsbedürfnis, sie hypostasieren ein nacktes Postulat. Plotin
allgemeinere und speziellere Prinzipien, das Verhältnis zwischen ist es, dem das Verdienst der Aufrichtigkeit zukommt, diesen
ihnen kann nur das logische der Subsumption sein; es ergibt methodologischen Sachverhalt wenigstens klar formuliert zu haberl.
sich also für das System die Form der "Pyramide" und diese Nach ihm dürfen wir dieses Vorurteil das Plotinische nennen.
Form erheischt unweigerlich eine oberste "Spitze", eine Art Sieht man von dem systematisch Verführerischen des Ein-
punktueller Einheit, in der alle Fäden der Abhängigkeit zu- heitspostulats einmal ganz ab, so muß man zugestehen, daß die
sammenlaufen. Annahme eines einzigen obersten Prinzips auch aus anderen
Wir wollen hier ganz davon absehen, daß dieses Bild von Gründen kaum vermeidbar erscheint, solange man an die totale
der logischen Begrifispyramide hergenommen ist, daß also in Rationalität der Kategorien glaubt, d. h. solange man im Banne
ihm ganz unverhüllt der Fehler der Begrifilichkeit (der Aristoteli- des Cartesischen Fehlers steht. Ein durchgehender Zusammen-
sehe) steckt. Es ist ja auch nicht so zu verstehen, als ahmten hang der Kategorien muß ja irgendwie bestehen; warum also
alle geschichtlichen Kategoriensysteme sklavisch das formallogi- nicht ihn grundlegend in Form eines Einheitsprinzips festlegen?
sehe Umfangs- und InhaItsverhältnis nach. In Wirklichkeit gibt Die höchste Einheit muß sich ja dann doch auch aufzeigen lassen.
es hier die mannigfaltigsten Gesichtspunkte anderer Art. In Ein solcher Rationalismus zeigt sich deutlich in Spinozas einet'
vielen Fällen z. B. ist das treibende Motiv der intendierten Ka- Substanz, in Kants transzendentaler Apperzeption, in Fichtes
tegorienschichtung ein teleologisches; ein universaler Finalnexus absolutem Ich. Das Verfahren ist dann wenigstens konsequent,
hat ja not\vendig die Tendenz zur Einheit des Telos. Aber das wenn es auch zwei Vorurteile miteinander verbindet. Diese bei den
Schema des Einheitspostulats ist überall das gleiche und ent- Vorurteile stützen eben einander. Anders ist es schon, wenn man~
springt der gleichen stillschweigenden Annahme, Systemeinheit wie Platin und der Cusaner, um die Irrationalität der gesuchten
könne nur bei allseitiger Abhängigkeit der Glieder von einem Einheit weiß. Mit welchem Recht läßt sich dann überhaupt noch
Zentralpunkt bestehen. behaupten, daß dasjenige, was über die faßharen Prinzipien
In dieser Annahme \\TUrzelt die Forderung des "obersten (Plotins Ideen) hinausliegt, wirklich den Charakter einer uni-
Prinzips'", des "Unbedingten", des "Absoluten". Platons apXtl versalen und dennoch punktuellen Einheit habe? Man kann es
a.vu1T6eE.TO~, des Aristoteles "erster Beweger" sind in diesem in Wahrheit gar nicht wissen. Die Anmaßung solchen Wissens
Glauben dem Ideenreich, resp. Formenreich, übergeordnet. Der
Klassiker des Einheit~gedankens aber wurde Plotin. Er formulierte
das onerste Prinzip als "das Eine" schlechthin, das "jenseits"
aller Vielheit und Gespaltenheit als solcher ist, also auch "jen-
!
.I
ist vielmehr schon die Aufhebung eben jener Irrationalität, die
man zugestanden hat.
Sieht man aber vollends die partiale Irrationalität der Ka-
tegorien überhaupt wenigstens prinzipiell ein, so überzeugt man
seits des Seins und des Denkens". Die geschichtliche Tendenz,
die von hier ausging, hat zum Gedanken der coincidentia opposi- I sich leicht, daß es unmöglich ist, ein oberstes Einheitsprinzip~
und sei es auch nur dem Begriff nach, vorwegzunehmen. Wüßte.l1
torum geführt, wie sie etwa beim Cusaner das System alles Seien- wir, daß das Kategoriensystem die Form der logischen Pyramide
den krönt. hat, so müßte es freilich auch ein \venigstens formales Wissen
An sich wäre gegen Monismus in diesem Sinne gar nichts um die Spitze der Pyramide geben. Aber das eben wissen ,\ir
einzuwenden. Er ist so wenig widersprechend wie die Welt-
teleologie oder der kosmologische Gottesbegriff. Aber er ist auch
ebensowenig durch Phänomene belegbar. Und das macht ihn
I keineswegs. "ViI' kennen aus dem ganzen Prinzipienreich über-
haupt nur einen relativ kleinen Ausschnitt und zwar, wie sich leicht
einsehen läßt, einen Ausschnitt von nlittlerer Höhe der Kom-
fehlerhaft, wenigstens als Vorwegnahn'le. Sollte die Kategorial- plexion. Die komplexesten und differenziertesten Kategorien
analyse selbst auf ihn hinausführen, das wäre freilich etwas ande- sind irrational eben wegen ihrer hohen Komplexheit (z. B. schon
res. Aber von solchem Hinausführen ist nirgends, Wo vnr ihn die Kategorien des Lebendigen); und die einfachsten und ele-
.finden, die Rede; überall wird er einfach vorausgesetzt, sei es mentarsten sind gleichfalls irrational, eben wegen ihrer Einfach-
explicite oder stillschweigend. Cusanus wie Plotin, Aristoteles heit und Irreduzibilität - alles Begreifen ist eben Begreifen durch
wie Platon folgen einfach dem methodologisch-systematischen anderes, einfacheres. Das Einfachste also bleibt ewig unbegriffen.
166 Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? Wie ist kritiscl1e Ontologie überhaupt möglich? 167
Es gibt demnach im Kategorienreich eine untere und eine obere von der "Idee des Guten" (Republik VL). Das Oberste im Ideen-
Rationalitätsgrenze ; und nur was zv.1.schen diesen beiden liegt} reich ist hier ganz ausgesprochenermaßen kein .Eines" sondern
ist \venigstens partial rational. Auch diesen Ausschnitt aber eine "Gemeinschaft" (KOlvwvia), ein allseitiges '~1iteina~der und
kennen wir lange nicht genügend, um aus ihm ersehen zu können, Durcheinander der Prinzipien - also das System als solches,
ob das System wich oben zu konvergiert oder nicht. Wir er- der Zusammenhang koordinierter Elemente. vVendet man hier-
kennen vielmehr auch innerhalb der beiden Grenzen immer nur gegen ein, dann sei doch der Zusammenhang selbst eben das
einzelne Gruppen von Kategorien, nicht ein Kontinuum, wie die höhere Einheitsprinzip dieser Gemeinschaft, so trifft man die
HegeIsche Logik einen glauben machen könnte; und zwischen Sache nicht. Vielmehr steht das Prinzip des Zusammenhancres
'den Gruppen klaffen Lücken, deren inhaltliche Erfüllung wir mitten inne in der Zahl der zusammenhängenden Elemente. b
nicht erraten können. Gesetzt aber schließlich auch, wir könnten Wer, wie die meisten Heutigen, dem Kategorienproblem
aus der Gesamtstruktur des erkennbaren Ausschnittes eine Kon- überhaupt fernsteht und den Systemcharakter als den allen Ka-
vergenz nach oben zu ersehen, so würde diese Einsicht doch tegorien selbst immer schon immanenten nicht kennt, wird an
noch nicht genügen, die Fortsetzung der Konvergenz jenseits der dieser Stelle unfehlbar einen anderen, von altersher beliebten
oberen Rationalitätsgrenze bis in eine absolut erste Einheit zu Einwand machen: ist denn ein Pluralismus oberster Prinzipien
erschließen. Die diesseits der Grenze konvergierenden Linien überhaupt den~bar? 1vfuß nicht, da sie doch notwendig ein System
könnten jenseits auch wieder divergieren. Denn das Gesetz ihrer ausmachen, dIe höhere, verbindende Einheit vorhanden sein?
Provenienz wäre ja doch nicht mit erkannt. Da:~uf ist zu .antworten.: Die Einheit des Zusammenhanges muß
So liegt in der Tat keine Möglichkeit vor, aus der Gesamt- freIlIch da SeIn, aber S18 braucht nicht die punktuelle Einheit
struktur des partial erkennbaren Ausschnittes das Vorhandensein eines einzigen oder gar übergeordne-ien Prinzi ps zu sein. Sie
oder Nichtvorhandensein eines absoluten Einheitsprinzips zu di- kann auch einfach die implizite in den Elementen allein, und in
vinieren. Die Möglichkeit muß offen bleiben, daß das System keine nichts anderem, bestehende Systemeinheit sein. Man kann sich
"Spitze" hat, daß es nach oben zu wieder divergiert oder doch ~as am besten an der Analogie konkreterer Probleme klarmachen.
in eine Pluralität oberster kategorialer Elemente ausläuft. Tat- Altere kosmische Theorien nahmen einen materiell existierenden
sache ist, daß die I etzte, nach oben zu noch eben erschauhare Zentralkörper des Weltalls an, zuerst die Erde, dann das Zentral-
Schicht eine breite Mehrheit durchaus selbständiger kategorialer feuer (Pythagoreer), dann die Sonne (Copernicus), den Sirius
Elemente zeigt, deren Anzahl und genauere Abgrenzung aller- (Kant)? bis schließlich genauere Untersuchungen zeigten, daß es
dings schwer angebbar ist. Daß über diese Schicht hinaus noch gar ke~nen Zentralkörper gibt,.. daß das kosmische System auch
etwas weiteres ist, läßt sich allerdings mit großer Wahrscheinlich- ohne eInen solchen besteht. Ahnlieh die biologischen Theorien:
keit aus gewissen Anzeichen entnehmen, z. B. daraus, daß diese ma:r;t suchte ~as einheitlic?e Prinzip des Lebens im Organismus
Kategorien keineswegs durchweg den Charakter letzter Elemente - Im Blut, 1m Herzen, In der Leber, im Gehirn, in der Seele
tragen, sondern bereits die Fugen einer Struktur zeigen, die wir als Vitalprinzip, um schließlich nach allen Irrwecren einzusehen
nur nicht aufzulösen vermögen. Was aber jenes Weitere ist, ob daß es eine solche Einheit gar nicht gibt, daß es vielmehr nur da~
ein ferneres Elementarsystem oder ein Singular, ist durchaus ~y~tem ~er Organe (welches ein System von Systemen ist) und
nicht zu ersehen. Ersichtlich ist nur, daß innerhalb der letzten In Ihm WIederum das System der Prozesse, Funktionen, Zusammen-
faßbaren Schicht alle Glieder wechselseitig durcheinander be- hänge, Abhängigkeiten usw. gibt. Hier wie im Kosmischen ist
dingt sind, so daß in gewissem Sinne jedes das oberste Prinzip d~e Einh.eit gera~e d~s kategorial Sekundäre. Und die Forderung
und wiederum jedes von allen anderen abhängig ist. eIner prImären, In eInem Zentral punkt faßbaren Einheit ist ein
Diese Sachlage hat als erster Platon in seiner späten Periode rein subjektives Postulat, ein rationalistischer Atavismus mensch-
(Parmenides, Sophistes) aufgedeckt und als "Verflechtung" der lichen Denkens.
Ideen bezeichnet. Ihm also gehört in. diesen Schriften zugleich In der Überschau des Kategoriensystems sind wir freilich
die erstmalige kritische Überwindung des kategorialen "Monismus" noch nicht so weit, eine Entscheidung solcher Art fällen zu können.
an - und zv.rar iIn Gegensatz zu seiner eigenen früheren Lehre Das Vorhandensein eines obersten Einheitsprinzips ist mit den
168 \Vie ist kritische Ontologje überhaupt möglich? ,\Yie ist kritische Ontologie überbaupt möglich? 169
obigen Envägungen nicht widerlegt. Widerlegt ist nur die Be- €rkennbaren größer. Möglich allerdings wäre es, daß dieses un-
rechtigung, in der Kategorienlehre von der Annahme eines solchen günstigere Verhältnis an der Neuheit der \iVertforschung liegt.
Prinzips auszugehen. Solcher Ausgang ist Subreption. Erst Daß es auf ästhetischem Gebiet ähnlich, ja wahrscheinlich
die Kategorialanalyse selbst könnte bestenfalls entscheiden, ob noch ungünstiger steht, läßt sich von hier aus imnlerhin erwarten.
die Annahme zu Recht besteht oder nicht; man darf sie also nicht Mancherlei Gründe ließen sich dafür auch direkt angeben. Doch
vorwegnehmen. Tatsächlich aber entscheidet auch die Kategorial- liegt auf diesem Gebiet noch zu \'lenig eigentliche Vi ertanalyse
analyse - \venigstens im heutigen Stadium der Forschung -- vor, um sich ein bestimmtes Urteil bilden zu können. ~
die Frage nicht. Man muß also, "viII man mit kritischer Sauber-
keit verfahren, die Frage grundsätzlich offen lassen und sich
mit der Pluralität der letzten faßbaren Elemente bescheiden. - 11. Der Fehler des HaTilloniepostulats.
Auch diese Richtigstellung hat eine nicht zu verachtende Nächst dem späten Platon darf Hegel als derjenige gelten,
systematische Tragweite. Gälte sie nur für die Seinskategorieh, der von allen Denkern am meisten Ernst gemacht hat mit der
so könnte ihre Bedeutung vielleicht gering erscheinen - was Ablehnung der punktuellen obersten Einheit. 'Ver in der ~,Ver­
liegt schließlich großes an der obersten Einheit des Seins! Aber nunft" oder in der "Idee" bei ihm eine solche erblickt. der ver-
die Reichweite der philosophia prima greift vom Theoretischen kennt den Charakter seiner Dialektik von Grund aus. 'Die über-
ins Praktische und Ästhetische über, von der Ontologie auf die geordneten Einheiten, die in der Dialektik auftauchen, sind viel-
Axiologie. Und hier hängt ein viel aktuelleres Interesse an der mehr allemal die höheren Synthesen, also die komplexeren, mehr
Einheitsfrage. Im Ethischen z. B. müßte eine ursprüngliche systemartigen Gebilde, niemals aber die einfacheren. Alle durch-
Pluralität oberster vVerte die Spaltung des sittlichen VIilIens laufenen Stufen sind "aufgehoben" in ihnen, und stets ist "die
bedeuten. Die Idee des "Guten" hat daher von jeher dem Ein- Wahrheit" einzig "das Ganze". Bei Platon vvie bei Hegel ist es
heitspostulat im Wertreich das "Vort geredet. Aber es ist bis die dialektische IVlethode, die diesen großen Gedanken reifen
heute nicht gelungen, diese Idee inhaltlich eindeutig zu bestimmen; läßt, ihn gleichsam der trägen Denkgewohnheit eines faulen,
anderen Zeiten schwebt immer wieder anderes als das "Gute" rein formalen l\/10nismus abringt. Dialektik ist der natürliche
vor. Dringt man aber mit streng analysierender Methode auf Feind des Plotinischen Fehlers. Aber Hegel wie Platon sind
das, was hier noch eben faßbar ist, so erweist sich, daß hinter dafür gerade in diesem Punkte am schleehtesten verstanden
diesem scheinbaren Relativismus des "Guten" etwas ganz ande- worden.
res steckt, nämlich ein höchst komplexes, nichts weniger als Indessen die kritische Errungenschaft nach der einen Seite
punktuell einheitliches Gebilde. Das "Gute" ist ein ganzes' System scheint erkauft zu sein um eine andere ebenso dogmatische Ten-
von Wertelementen und eben deswegen wird es immer nur bruch- denz, eine Tendenz, die freilich nicht dem dialektischen Denken
stückweise erschaut. Die Enge des Wertbewußtseins läßt es allein eignet, wohl aber in ihm reiner als sonstwo zum Durch-
nicht anders zu. bruch kommt - und zwar wohl eben deswegen, weil hier andere
Dann aber ist auch auf ethischem Gebiet das Einheitspostulat Fehler überwunden sind. Es ist die Tendenz zum Ausgleich,
ein irrtümliches Dogma. Eine Pluralität von Elementen steht zur Zusammenstimmung, zur allseitigen Harmonie.
zuoberst - wenigstens so weit wir sehen können. Denn auch Auch hierin steckt eine Abart der Einheitsforderung: wenn
das Wertreich hat seine obere und untere Rationalitätsgrenze. es schon keine aufzeigbare punktuelle Einheit gibt, so muß doch
Über die obere Grenze hinaus "kann" freilich hier wie dort noch Einheit in dem Sinne bestehen, daß alle Prinzipien untereinander
ein Einheitsprinzip liegen. Aber dann müßte das System nach im Einklang stehen; d. h. es dürfen keine Diskrepanzen, keine
oben zu konvergieren. 'Und ob das der Fall ist, läßt sich im \Vert- Widersprüche bestehen. Oder vielmehr, sofern Widersprüche auf-
reich noch viel weniger er kennen als im Kategorienreich des tauchen, müssen sie sich bei Einbeziehung in größere Zusammen-
Seins und der Erkenntnis. Der rationale Ausschnitt des Ganzen hänge doch wieder aufheben. Das kategoriale Sein muß gediegen,
ist hier noch enger bemessen, die beiden Grenzen liegen dichter ohne Bruch sein, ein EV ()UVEXES; im eleatischen Sinne.
aneinander und auch innerhalb ihrer sind die Lücken des Un- Daß die Welt auf Gegensätzen aufgebaut ist, daß ihre all-
170 Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? 171
gemeinsten Kategorien Polaritäten sind, gehört zum ältesten Ge- Hier drängt sich nun von selbst die Frage auf: ist es denn
meingut der Philosophie. Aber ebenso alt ist das Bestreben, die notwendig, daß alle Antinomien sich lösen? Könnte nicht gerade
Gegensätzlichkeit durch Einheitlichkeit zu überwinden. Heraklit in der a~le~nenden Hal~l~ng d~s Zenon gegen alle Lösung ein Stück
ging hierin allen voran mit der These der "verborgenen Har- WahrheIt hegen? FreIlIch gIng Zenon auch zu weit, er verwarf
nlonie", in die sich alles auflöse; in ihr koexistieren alle Gegen- Raum, Vielheit und Bewegung, weil sie antinomisch sind. Auch
sätze ohne Abbruch und Aufhebung, sie halten sich die Wage, Kant ver\\'arf These und Antithese der "mathematischen Anti-
gleichen sich aus. Dieser Heraklitismus beherrscht die späteren nomien'" die "dynamischen" ents~hied er zugunsten der Thesis.
Systeme der Antike ausnahmslos, auch dort, \VO sich gewichtigere Sollte nicht zwischen solchen Extremen, die beide gleich mißlich
Dualitäten auftun wie die von Gut und Böse. Die Theodizee sind, ein Mittelweg möglich sein? Kann nicht die Antinomie
der Stoa hielt auch hier an der Harmonik des Logos fest. Nicht als solche zu Recht bestehen, ohne sich aufzulösen, ohne aber
wesentlich anders hält es noch die Leibnizsche Theodizee: die auch die Sache, der sie anhaftet - sei es nun extensive Unend-
Welt ist die vollkommenste, die Rechtfertigung des Bösen ist lichkeit oder Teilbarkeit der Welt -, dadurch aufzuheben? Wel-
gewährleistet, weil die Harmonie - auch in diesem Sinne - in ~hes ~echt haben wir, di~ Sache selbst zugleich mit ihrer Begreif-
den Prinzipien prästabiliert ist. hchkeIt aufzugeben? Mit anderen Worten, wie wäre es, wenn
Daß in solchem summarischen Verfahren eine Vereinfachung die Antinomie als solche gerade real wäre, gerade das innere
und Rationalisierung liegt, haben alle diejenigen Denker wohl Wesen der Sache ausmachte und alle Lösungsversuche an ihr
bemerkt, die hinter der bloßen Antithetik der Gegensätze die
innere kategoriale Antinomik erschauten. Seit Zenon dem Eleaten
r:
~c~t ur ein. unmögliches, sondern auch ein verkehrtes, prin-
ZIpIell IrregeleItetes Unternehmen wären?
ist das Vorhandensein der Antinomien in der \iVelt eine bekannte
Der Idealismus freilich kann diese Möglichkeit nicht sehen
Tatsache. Damit aber kehrt sich das Problem um: gegeben ist
und nicht zugeben. Die "Vernunft" als Prinzip widersetzt sich
zunächst gar nicht die Einstimmigkeit, sondern der Widerstreit,
ihr; ihr Gesetz ist der Satz des vViderspruchs, über den kommt
die Koexistenz des Widersprechenden. Diese Einsicht ist für
si.e nicht hinweg. Die Ontologie aber ist an diesen Gesichtspunkt
das systematische Denken ein hartes Stück, sie \viderspricht
n:cht ge~unden. Und?a Antinomien rein ontologische Aporien
seinem Grundgesetz, dem Satz des Widerspruchs. Denn dieser
sInd, so Ist man berechtIgt, für das Seiende als solches, um dessen
erklärt das Widersprechende für unmöglich.
Gesetzesstruktur es sich allein handelt, eine andere Gesetzlich-
Es hat lange gedauert, bis der unbequeme Gedanke der Anti-
keit als möglich zuzulassen als die der Vernunft - d. h. den
nomik sich gegen das so viel einfachere Harmoniepostulat we-
Satz des "7iderspruchs aufzuheben.
nigstens zu einiger Anerkennung durchringen konnte. Die antike
Dialektik war diesem Ansinnen nicht gewachsen. Platons Anti- Diesen Schritt nun hat die Hegeische Dialektik tatsächlich
nomien im "Parmenides" stehen vereinsamt da in weitem Um- gemacht. Hier ist der Widerspruch als seiend anerkannt und seine
kreise und blieben unbearbeitet; Aristoteles kehrte sie mit dem Aufhebung (der "Satz des Widerspruchs") ist aufgehoben. Ja,
princi pium contradi<ltionis aus, Plotin hatte das EV als ultima Hegel verallgemeinert und übertreibt diese These sogleich: alles
ratio , die Scholastik bO'laubte an Güte und Weisheit des höchsten ist in gewissem Sinne auch das Gegenteil seiner selbst. Diese Über-
vVesens, der Cusaner löste alle Rätsel mit der coinciderrtia opposi- spannung ergibt eine Art gleichförmiges Schema der Dialektik,
torum. Erst die Kritik der reinen Vernunft nahm das Antinomien- a?er .dem Kategor~enproblem tut sie Gewalt an. Dennoch liegt
problem wieder ernst. Nach Karrt handelt es sich um "Anti- hIer In der Tat eIne Möglichkeit, dem Antinomienproblem ge-
nomien der reinen Vernunft H selber; die Vernunft liegt hier mit recht zu werden. Die Dialektik hat darin ihre Spezialität, überall
sich selbst im Widerstreit, denn sowohl These als Antithese sind das verborgene Antinomische aufzuspüren und hat es wirklich
aus ihr selbst heraus notwendig. Diese Einsicht war ein geschicht- in unzähligen Fällen aufgespürt. Das gilt auch schon für die
liches Verdienst. Die Lösungen aber, die er in Vorschlag brachte, antike· Dialektik; für die Hegeische freilich in sehr erhöhtem Maße.
stehen nicht auf gleicher Höhe, sie sind standpunktlich bedingt, Aber die eigentlichen Früchte dieses ihres Vorzuges konnte sie
sind rein idealistische Lösungen. nicht ernten. Ihr eigenes Wesen stand ihr im Wege.
172 Wie ist kritiscllB Ontologie überhaupt möglich? Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich?
173
Die Hegeische Dialektik ist eben nicht Antithetik allein, Kantischen Antinomien, ungeachtet der von Kant gebrachten
sondern auch Synthetik. Jeder sich auftuenden Diskrepanz ist "Lösungen" - mit Ausnahme etwa der Freiheits antinomie , aber
in ihr die Wiedervereinigung, jeder Antinomie die Lösung von die ist dann eben keine echte Antinomie.
vornherein sicher. Hegels Denken steht ganz und gar unter dem Alle echten Antinomien sind notwendig unlösbar. Das macht
Harmoniepostulat. Er läßt den Widerspruch im Seienden nur sie keineswegs sinnlos. Im Gegenteil, so allein sind Antinomien
gelten, um ihn um so vollständiger - nicht zu vernichten, wohl abel' sinnvoll. Eine lösbare Antinomie ist ein hölzernes Eisen. Die
zu überwinden. Seine ganze Dialektik ist eine große Kette von Verkennung dieses in sich evidenten Sachverhalts ist die Wurzel
Lösungen aufgedeckter Widersprüche. Dieser ständige Triumph des Hegeischen Fehlers. Es ist ein auf nichts gegründetes ra-
der Vernunft über den Widerspruch ist es, was einen mit Recht tionalistisches Vorurteil, daß nur solche Problemgehalte zu Recht
stutzig macht an der Methode. Der Ernst der Antinomien kommt bestehen, die sich mit der Vernunft lösen lassen. Es gibt allent-
auf diesem Wege jedenfalls nicht zu seinem Recht. Freilich lassen halben unlösbare Fragen - auch nicht-antinomischer Natur _,
sich leicht zu jeder klaffenden Antithetik spekulativ Synthesen die doch zu Recht bestehen, ja schlechterdings unabweisbal~
konstruieren; aber konstruierte Synthesen sind keine Lösungen. sind. Alle echten metaphysischen Fragen sind von dieser Art.
Und selbst wo sie nicht konstruiert sind, sondern sich auch am Warum sollt~ es gerade mit einer besonderen Art von Fragen,
Phänomen nachweisen lassen, da sind sie deswegen immer noch den Antinomien, anders bestellt sein? Im Gegenteil: die Anti-
keine Lösung; sondern die Antithetik, die man zu überwinden nomie als solche bedeutet gerade eine derartige Problemlage sui
glaubte, kontinuiert sich in Wahrheit in die "Synthese" hinein, generis, in der die Unlösbarkeit schon an der Problemform selbst
lebt in ihr ungebrochen fort und erweist damit die Synthese als sichtbar ist - nämlich in der Antithetik, im offenkundigen und
bloß scheinbare Einheit. doch unvermeidlichen Widerspruch. Einer solchen Problemlage
So wenigstens ist es bei Hegel überall, wo er es mit echten: gegenüber können alle sogenannten "Lösungen" nur Schein-
unaufhebbaren Antinomien zu tun hat. Und das gilt immerhin lösungen oder gar vollständige Problemverkennungen sein. Sie
von einer großen Mehrzahl der entwickelten Thesen und Anti- haben alle nur standpunktlich bedingte Geltung, d. h. sie haben
thesen. Sein Verfahren bricht dem Sinn der Antinomie die Spitze philosophisch gar keine Geltung. Sie sind Versuche der Vereinheit-
ab. Und das ist das eigentlich Lehrreiche an Hegel für die Ka- lichung oder HarIllonisierung des Diskrepanten, ohne die Vor-
tegorienlehre - freilich das im negativen Sinne Lehrreiche, der orientierung, ob das Diskrepante denn überhaupt der Harmonie
Hegeische Fehler. In der Tat ist kein Philosoph der Überwin- bedarf und fähig ist. Das menschliche Verstehen, die ratio, hat
dung des Harmoniepostulats so nahe gewesen wie Hegel. Und die Form der Einheitlichkeit und Einstimmigkeit; daher seine
gleichwohl hat keiner von eben diesem Postulat so schranken- Tendenz, alles Diskrepante einstimmig zu machen, es unter den
losen, so systematischen Gebrauch gemacht wie er. Satz des Widerspruchs zu zwingen, es koste was es wolle. Das
Es gilt, sich an diesem Punkte eines klarzumachen. Es ge- ist eine rein subjektive Teleologie der ratio und im Grunde ein
nügt nicht, daß man den traditionellen Anspruch, alle Anti- Spezialfall desselben Rationalismus, dem wir im Cartesischen
nomien müßten lösbar sein, als falsch verwirft und einräumt, Fehler begegnet sind: an den klein-menschlichen Zwecken des
es könne auch unlösbare geben. Nein: waS sich lösen läßt, das Begreifenwollens wird das Große, Makrokosmische, an sich gegen
war vielmehr von vornherein gar keine echte Antinomie; da alle ratio Gleichgültige gemessen! Was Wunder, wenn die Rech-
war der Widerspruch gar kein bodenständiger. Ein Widerspruch, nung nicht stimmt! Der Hegeische Fehler ist ein erstaunliches
der sich beheben läßt, ist eben in Wahrheit gar nicht vorhanden. testimonium paupertatis der Vernunft, gerade auf der Höhe ihres
Er war von vornherein ein' eingebildeter, wenn auch vielleicht siegesgewissen Selbstbewußtseins. Hier liegt einer der Haupt-
eine subjektiv notwendige Einbildung. Eine echte Antinomie punkte, in denen man die traditionellen :Methoden philosophischen
ist noch nie gelöst worden. Es ist das ewig Große an Zenon, daß Vorgehens umstellen muß, um auf den Weg einer wirklich kriti-
er in diesem entscheidenden Punkte keinem Komprorniß zugäng- schen Ontologie und über sie hinaus einer kritischen philosophia
lich war. Seine Antinomien sind in der Hauptsache noch heute prima zu gelangen. Denn darin hat Hegel recht gesehen, daß
ungelöst - gewiß nicht zufälligerweise! Dasselbe gilt von den die Antinomik nicht die Sonderform einiger weniger kosmologi-
174 Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? Wie ist kritische Ontologie überhaupt, möglich? 175

scher Fragen ist, sondern ein allgemeines Charakteristikum der phänomen der Antinomie aber hat dann einen ganz anderen
großen prinzipiellen Grundfragen. Sinn als im ersten Falle. Die ratio nämlich steht unter dem Ge-
"Vie eigentlich das Wesen der ontologischen Antinomien aus- se~z des 'Viderspruchs, sie muß also notwendig die Begreiflich-
sieht, ist hiermit natürlich nicht im mindesten entschieden. Im kelt des an sich 'Vidersprechenden verweigern. Sie kann wohl
Gegenteil, die gewonnene positive Einsicht ist zunächst inhaltlich einsehen, daß ein realer Widerspruch da ist, aber sie kann ihn
negativ, eine bloß kritische Einsicht, nämlich die, daß ,vir eine nicht akzeptieren, nicht anerkennen, zugeben, kann nicht an
bestimmte Annahme über das Wesen der Antinomie nicht voraus- ihn glauben, weil ihr ''',lesen sich seinem Vorhande!lsein wider-
schicken dürfen. Denn die Unlösbarkeit selbst kann durchaus setzt. Sie kann also gerade dasjenige, was real ist, nicht O'elten
versc~iedenes bedeuten. Es scheint nun mit einer gewissen Apriori-
lassen 1). Sie ist so eingerichtet, daß sie eben nach dem :nent-
~ät eInzuleuchten, daß hier z\vei Grundfälle möglich sind, die
wegt suchen und fahnden muß, was es real nicht gibt und dessen
ICh übrigens nur unverbindlich anfüge und nicht als strenge AI- es im Realen nicht bedarf. Und das Erstaunliche hierbei, was
te:~ative. aufgefaßt wissen möchte. Denn zu einer vollständigen
an die Idee des Cartesischen deus malignus erinnert, ist dieses: sie
DIsjunktIOn der 1'Iöglichkeiten scheint mir die Bearbeitung des ist durch kein Mißlingen von der Vergeblichkeit ihres Tuns zu
Problems nicht reif zu sein. überzeugen, ist unbelehrbar, ist verurteilt ewig zu suchen, was
Die eine Möglichkeit ist die, daß der Widerstreit lediglich in es nicht gibt -- weil. es ihre subjektive Eigengesetzlichkeit so ver-
der Vernunft liegt, im Denken, oder in der Gesetzlichkeit mensch- langt und diese zu ändern nicht in ihrer Macht steht. Sie muß
lichen Erkennens, nicht aber im Sein, d. h. nicht in den Prin- zwar - wie diese Überlegung selbst beweist - prinzipiell wohl
zipien als solchen, um deren Erfassung und Formulierung es imstande sein, auch diesen Sachverhalt zu durchschauen', aber
sich handelt. Im Sein wäre dann überhaupt kein Widerstreit, das heißt nicht, daß damit der Fluch unfruchtbaren Ringens
das Sein wäre in sich einfach, harmonisch. Daß aber es der ratio ein für allemal von ihr genommen wäre. Vielmehr muß auch das
widersprechend erscheint, liegt an den Prinzipien der ratio. Diese philosophische Denken, wo es diese Unfruchtbarkeit einsieht, in
reichen eben nicht zu, um alle Seinsbestimmtheiten zu fassen. seiner Kategorienforschung von Fall zu Fall mit dem immer
Nicht alle Seinskategorien sind ja zugleich Erkenntniskategorien. neuen Vorurteil kämpfen und sich die kritische Haltunp' des Ver-
Der Zwiespalt würde dann lediglich dadurch entstehen, daß un- zichts auf Lösung und Harmonie schwer abringen. 0

zutreffende Kategorien angewandt werden. Die Antinomien wären 'N'elche der beiden Möglichkeiten die zutreffende ist und
also in diesem Falle überhaupt keine ontologischen, sondern reine ob es noch eine dritte gibt, haben wir hier nicht zu entscheiden.
Erkenntnisphänomene und zwar Grenzphänomene der Erkennt- Vielleicht ist VOll der detailierten Kategorialanalyse einzelner An-
nis - so wie Kant sie verstand: nicht Antinomien des Seins tinomien ein weiterer Aufschluß zu erwarten. Vielleicht auch
sondern der Vernunft. Ihre Unlösbarkeit aber läge bloß daran: bestehen beide Fälle in verschiedenen Antinomien nebeneinander
daß die Vernunft aus ihren Grenzen nicht heraus kann, daß sie so daß wir zweierlei Typen der Antinomie zu unterscheiden hätten:
nur unter ihren eigenen Gesetzen, aber nicht unter denen des Ja schließlich könnten in einer komplexen Antithetik auch beide
Seins als solchen denken kann. Kurz, die Antinomien sind dann Fälle kombiniert, gleichsam hintereinandergeschichtet, bestehen.
einfach ein Spezialfall der Irrationalität - sei es nun des Con- Sicher aber darf nicht vor der Kategorialanalyse in dem einen
eretums oder der Kategorien selbst, je nachdem worauf sich der
1) Der Sachverhalt, der in diesem Falle besteht, ist die Umkehrung
Widerstreit bezieht. An bei den ist Irrationalität kein Ausnahme- des Dichterwortes:
fall. Leicht beieinander wohnen die Gedanken,
Die andere Möglichkeit ist die, daß der Widerstreit im Sein Doch hart im Raume stoßen sich die Sachen.
Was die Verse sagen, ist deswegen nicht falsch; real ist vieles unmöglich
selbst liegt. Dann ist die Antinomie wirklich eine ontologische, ~as der Gedanke mühelos konstruiert. Aber es ist ein Irrtum zu glauben:
der Widerspruch ist real, das Seiende selbst ist disharmonisch dIe umgekehrte Schranke bestehe nicht; der Gedanke ist auch seinerseits
der Konflikt ist seine Seinsform. In diesem Falle muß man an~ ni~ht imstande, alles synthetisch zusammenzubringen, dessen Synthese im
SeIenden besteht. Die Antinomien zeigen, daß im Wirklichen das -Wider-
nehmen, daß der Satz des vViderspruchs im ontisch Realen tat- ~precI:tende ~nbes~hadet koexistiert; der Gedanke aber ist dafür zu eng.
sächlich nicht gilt oder doch nur bedingt gilt. Das Erkenntnis- m semen DImenSIOnen stößt sich das Widersprechende gegenseitig aus.
176 Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? 177
oder dem anderen Sinne entschieden werden. Und soviel jeden- ständige Nebeneinanderbestehen und den Widerstreit von zweier-
falls leuchtet ein, in beiden diskutierten Fällen ist aus dem Wesen lei wesensverschiedenen Arten der Determination in einer Welt.
der Antinomie selbst ersichtlich, daß sie unlösbar sein muß. Noch plastischer ist das Recht der unbehobenen Antinomik
Das Anwendungsgebiet dieser Einsieht ist ein unabsehbares. innerhalb des Wertreiches selbst zu sehen. Unter den sittlichen
Das Vorurteil gegen die verschiedenen Arten des Dualismus - Phänomenen gibt es das des moralischen Konfliktes. Gemeint
denn aller Dualismus beruht auf einem antinomischen Prin- ist mit diesem Konflikt nicht der Widerspruch von moralischer
zipienverhältnis - ist damit überwunden. Es seien hier zum und antimoralischer Triebfeder (etwa Kantisch: Pflicht und Nei-
Schluß nur zwei Beispiele als Beleg für die Bedeutung dies'es gung), sondern der zwischen zwei moralischen Triebfedern, zwi-
Satzes gebracht. schen Pflicht und Pflicht oder prinzipiell ausgedrückt zwischen
Nicht jeder Dualismus ist so unschuldig w--ie der vielun"l- Wert und vVert. Das ist der echte sittliche Konflikt - etwa
stritte ne von Form und Materie, der von Gut und Böse oder gar der zwischen Recht und Liebe -, aus dem kein Ausgang ist
der von Ding an sich und Erscheinung. Von diesen dreien ist ohne Schuld auf der einen oder auf der anderen Seite. Kann man
der letztere keine echte Antinomie, der zweite wenigstens be- dieses Phänomen wegdeuten, dann freilich fällt die Antinomik
streitbar (alle Theodizeen bestreiten ihn grundsätzlich) und nur der Werte hin. Aber man kann es nicht. Hinter denl sittlichen
der erste ist unbedingt waschecht. Nicht auf solchen geschicht- Konflikt steht ein tieferes Sein des Widerstreites in den Prin-
lichen Streitfragen liegt das Gewicht der Prinzipienlehre. Wohl zipien selbst, der reine, ideale VVertkonflikt. Er ist eine Spezial-
aber auf dem Verhältnis von Seinskategorien und vVerten oder form der kategorialen Antinomie und ist prinzipiell ebenso un-
ontologischen und axiologischen Prinzipien. In diesem Verhältnis lösbar wie alle echten Antinomien. Sonst gäbe es im Leben nichts,
steckt in der Tat ein das Ganze im Großen beherrschender vVider- was der Mensch von Fall zu Fall mit eigener Verantwortung zn
streit. Denn beide Arten von Prinzipien erheben den Anspruch, entscheiden hätte.
eine und dieselbe Welt zu determinieren. Dabei aber setzen die
beiden Arten der Determination zum Teil Entgegengesetztes.
Die reale, unter ontischen Kategorien stehende Welt entspricht
nur teilweise den Forderungen, die von den V"-/erten ausgehen.
Nichtsdestoweniger bestehen diese Forderungen zu Recht und
werden durch ihr Unerfülltsein nicht' im mindesten beeinträchtigt.
Auf dieser Diskrepanz beruht u. a. das ganze Phänomen des
sittlichen Lebens. Die Inkongruenz von Sein und Sollen ist seine
Voraussetzung. Die Metaphysik aller Zeiten hat das Unbefriedi-
gende dieser offenen Dualität empfunden und nach Einheits-
lösungen gesucht. Und nach beiden Seiten hat man den Aus-
gleich gesucht:, der Naturalismus in der Überordnung der onti-
schen, der Teleologismus in der der axiologischen Prinzipien.
Beide aber zerstören von Grund aus die Problemlage des ethischen
Phänomens. Der Naturalismus zerstört sie, weil er keinen
Raum für freie Zwecktätigkeit läßt, der Teleologismus aber, weil
er alles Geschehen in der Welt zur Zwecktätigkeit macht und
auf diese Weise über den Kopf des Menschen hinweg schlechter-
dings alles, also auch das Verhalten des Menschen, aus Werten
heraus als notwendig setzt. Jedes Überordnungsverhältnis ist
hier prinzipiell verkehrt und verfehlt das Problem. Die sittlichen
'Phänomene fordern un'\veigerlich gerade das unvereinigte, selb~
N ~"torp-F csts thriH. 12
Zum Begriff des Atoms. 179

Ansatz zu machen, daß im Inneren eines bestimmten Atoms die


"\Vinkelsumme für irgendein darin konstruierbares Dreieck ...
entweder stets größer oder stets kleiner als zwei Rechte sei";
d. h. anzunehmen, "daß im Inneren des Atoms nicht-
euklidische Geometrie mit positivem oder negativem
Krümmungsmaße gilt." - Und nun werden,nach Bestim-
mung des gewissen Bedingungen genügenden Potentials in der
Zum Begriff des i\toms. Lobatschewskij'schen Geometrie, sowie der Formel für die Be-
rechnung der "Einheitsstrecken der Atominnenräume" , die Folgen
Ein Beitrag zur Theorie der Erfahrung. dieser Annahme für das Rotationsmoment der Geschwindigkeit
Von entwickelt, der Begriff eines "universellen nichteuklidischen
Richard Hönigswald. Rotationsmoments" eingeführt, und wichtige Schlüsse gezogen
auf die Neugestaltung gewisser grundlegender physikalischer
Gegenstand und Tendenz der vorliegenden Abhandlung sind und chemischer Überlegungen.
nicht physikalisch. Legt man vVert darauf, ihre Absicht durch Weder -die physikalischen Anlässe dieser Erwägungen, noch
ein Wort zu kennzeichnen, so mag man sie begriffsanalytisch auch deren weiterer Ausbau, weder ihr Verhältnis zu neueren
nennen. Sie geht nicht darauf aus, Verfahrungsweise und Ent- Theoremen, noch auch ihre Fruchtbarkeit stehen hier zur Er-
scheidungen der Physik gleichsam von außen her, d. h. vermittels örterung. Der Wissenschaftstheoretiker hat den Fall lediglich
physikfremder Überlegungen anzufechten oder zu. bestätigen. als markanten Typ eines auch sonst in der Physik geübten Ver-
Versuchte sie es, so hörte sie auf, einer Theorie der Erfahrung zu fahrens zu betrachten. Ihm drängen sich daher ganz andere Fragen
dienen' denn sie hörte auf, sich auf die Bedingungen zu besinnen, in den Vordergrund. Welches sind dieQuellen der logischen Elasti-
unter denen der physikalische Gebrauch des Atombegriffs steht. zität des Atombegriffs ? Welche Umstände bestimmen über dessen
Auf jene Bedingungen aber, d. h. auf den theoretischen Sinn Inhalt, welchen logischen Bedingungen unterliegen Aussagen
dieses Gebrauchs, kommt es hier allein an. über die Atombeschaffenheit ? Wie verhält sich vor allem die
In einer vorläufigen Mitteilung "Zur Theorie der elektrischen theoretische Variabilität des Atoms zu dessen Seinswert ? Sind
und chemischen Atomkräfte"l) bemängelt A. B y k, indem er auf jener durch. diesen Schranken gesetzt? Erscheint dieser durch
die "Ähnlichkeit... zwischen den Gesetzen der Elektronen- jene gefährdet? -
schwinaunO'en
Cl b
im Atom und den Keplerschen Gesetzen" verw~eist, Der Begriff des Atoms hat, wie allbekannt, eine lange und
und sich "dabei von speziellen Strukturannahmen für das Atom wechselvolle Geschichte. Das nach Größe und Gestalt bestimmte,
freizulnachen sucht", einen Satz Bertrands über die Bedin- bald als absolut hart, bald als elastisch angenommene Korpuskel
gungen, denen stabile periodische Schwingungen genügen. Byk ist ein anderes wie Boscovich's schlechthin einfacher "Kraft-
findet, daß in der Ableitung Bertrands, ungeachtet ihrer Allge- punkt". Und beide wieder grenzen sich, von der besonderen Ent-
meinheit, "die Gültigkeit" der üblichen Kinematik und als Grund- wicklung des chemischen Atombegriffs ganz zu schweigen, deutlich
lage hiervon die Gültigkeit der gewöhnlichen euklidischen Geo- ab gegenüber dem Elektron als einem bestimmten Volumen mit
metrie als unbegründete Voraussetzungen enthalten seien. Dem- bestimmten Eigenschaften an einem Punkte des Äthers. Und die
O'egenüber schlägt er nun "bei der offenbaren Ausnahmestellung folgenschweren Forschungen, die unsere Tage gerade der l~Struk­
der Atome in bezug auf die in ihnen geltende Mechanik" vor, t ur"" des Atoms widmen, lassen in Anbetracht der Fülle theo-
"für das Innere der Atome" "von der unbewiesenen Hypothese" retischer Voraussetzungen und Konsequenzen, die sich an sie
der Euklidizität abzusehen "und den geometrisch von vornherein knüpfen, vollends klar werden, daß dem Begriff des AtOlns noch
mit dem euklidischen absolut gleichberechtigten allgemeineren eine unabsehbare Ent,vicklung bevorstehe. Diese in ihren Einzel-
1) Verhandlungen der deutschen physik. Gesellschaft XV. Jahrg. heiten vorauszusehen wäre freilich nur der imstande, dem die
Braunschweig 1913. S. 52~-533. Zukunft der Wissenschaft selbst offenbar würde. Denn die "Wissen-
12*
Zum Begriff des Atoms. Zum Begriff des Atoms. 181
180
schaft" allein ist es ja, was jenen Wandel und dessen Gesetzlich- offe~bart sich das "Sein" und nur mit bezug auf sein "Sein" gibt
keit bedingt, was mit souveräner ~I[acht, d. h. nur seinen eigenen es eIne "Beschaffenheit" des Atoms. Nur in seiner Beschaffenheit
Bedingungen genügend, dem Atom Charaktere gibt und nimmt~ "ist" das Atom "et\vas". Ebenso verweisen auch Erkenntnislehre
.Aber auch den letzten und wesentlichen Charakter, daß es nämlich. und positive Wissenschaft aufeinander. Sie bedeuten eben ver-
mag seine "Struktur" noch so einfach oder noch so komple~ schiedene Gesichtspunkte, einen und denselben Sachverhalt metho-
gedacht werden, mit einem Seinswert behaftet bleibt, empfängt disch zu bewältigen. Insofern sind denn ihre Interessenkreise an deul
das Atom von der "Wissenschaft". Was das Wort "Seinswert" Begriff des Atoms auch wieder zu unterscheiden. Auf diese Unter-
hier besagen soll, ist schnell erklärt. Auch in seiner sublimiertesten, scheidung allein kommt es hier an. Sie freilich ist mit aller Schärfe
der empirischen Anschauung am meisten entrückten Bedeutung zu treffen. - Ein weiteres bezieht sich auf den Begriff jenes "Seins".
unterscheidet sich nämlich das Atom von der Bestimmtheit etwa Es fällt, so wissen wir, mit der Geltung der Beziehungen, deren
einer reinen Beziehung. Diese ist schlechthin und grundsätzlich Bedingungen es erfüllt, nicht zusammen; obschon es seine eigen-
"seins frei ". Das Atom dagegen "ist" allemal in irgend einem Sinn tümliche Bestimmtheit jenen Beziehungen verdankt. Der "Träger"
des Wortes, und zwar in einem solchen, der sich von dem "Sein" von Eigenschaften "ist" nicht ohne diese, aber er ist auch nicht
einer mathematischen Beziehung scharf abhebt. Denn mag auch mit ihnen identisch. Nun kann sich ja das, was wir als das "Sein"
das AtOln allein durch den Sinn einer solchen Beziehung gefordert des Atoms bezeichnet hatten, sehr wohl selbst wieder als, ,Beziehung"
und in seinem Gefüge deren Bedingungen auf das strengste ange- entpuppen. Allein, es ist klar, daß dies an dem Recht der oben ge-
paßt sein, immer bleibt es "et\vas", was diese Bedingungen, indem. machten Unterscheidung nichts ändert. Denn dann handelte es
es mit Bezug auf sie "ist", erfüllt. Wie sich nun dieser Seinswert sich eben um einander wechselseitig zugeordnete Beziehungen
des Atoms positiv bestimmen mag, bleibe vorläufig dahingestellt. von vers chi ede ner Struktur und vers chie dene m Rang. -
Wichtiger ist es augenblicklich, eine Reihe entscheidender Vor- Und schließlich noch eine letzte Frage! Es ist eine gangbare?
fragen zu erledigen. Die ,,\Vissenschaft" bestimmt, welche Charak- mannigfach variierte These, daß das Atom lediglich "heuristische"
tere dem Atom beizulegen seien, "wie" es beschaffen ist. Die Funktionen habe, daß es bloß "Bild" sei, entworfen, um einen
nWissenschaft" bedingt aber auch, daß es in dieser seiner Be- beobachtbaren Sachverhalt dem Verständnis zu erschließen.
schaffenheit "ist", daß es im Hinblick auf seineFunktion"Etwas" selber aber ohne jeglichen Wahrheitsanspruch und Erkenlltnis~
sein, daß es als solches "s ein" müsse. So erscheint das Atom im wert. Mag nun die These als solche zutreffen oder nicht sicher
zwiefachen Sinne als ein Geschöpf der Wissenschaft. Eben darum ist, daß auch in das Bild, "Atom" genannt, Bestimmun~en ein-
aber offenbart sich in ihm auch eine zwiefache Betrachtungsweise~ gehen, . die in ihrer Gesal1ltheit nur durch das \Vort ~,Sein" ge-
wenn man will: ein doppelter Begriff der Wissenschaft. Um es kennzelChnet werden können. Es ist wichtig, sich darüber mit
kurz zu sagen: Mit welchen "Eigenschaften" das Atom auszustatten voller Klarheit Rechenschaft zu geben. Um es kurz auszusprechen:
sei, bestimmen "positive" Wissenschaften: Physik oder Chemie. Selbst im Rahmen seiner angeblichen Bildhaftigkeit bleibt das
Daß es als "Träger" dieser Eigenschaften, irgendwo und irgend- Atom seinsbestimmt ; - ganz ebenso \vie es eigenschaftsbestimmt
wann "ist", erscheint nicht durch besondere physikalisch-che- bleibt. Das Verhältnis zwischen nSein" und "Eigenschaften"
mische Überlegungen, sondern durch den eigentümlichen gegen- k~nn durch den Umstand, daßbeide "bildhaften" Charakter tragen,
ständlichen Sinn bestimmt, der sich in diesen Überlegungen aus- mcht berührt werden. Und so ist auch der spezifische Sinngehalt
prägt; durch dasjenige an ihnen, was sie als physikalische oder jenes "Seins" unabhängig von der Frage der Bildhaftigkeit des
chemische, als naturwissenschaftliche überhaupt, etwa geschicht- Atoms zu erörtern.
lichen gegenüber, kennzeichnet. Bedeutet also die "Beschaffenheit" Woher aber stammt dieser schlechthin unaufhebbare Seins-
des Atoms ein positiv-wissenschaftliches Problem, so betrifft das wert des Atoms? Warum macht die gedankliche Freiheit, die
"Sein" eines so und so beschaffenen Atoms eine erkenntnistheo- dessen Konzeption und den Wandel seines Begriffs offensichtlich
retische Frage. Es wäre nun freilich ein schwerer Irrtum, "Sein" beherrscht, gerade vor jenem Seinswert Halt? Eine wirklich
und "Beschaffenheit" des Atoms als getrennt gegebene oder erschöpfende Antwort auf diese Frage ist nur unter einem Ge-
trennbare Instanzen zu behandeln. Nur als "Beschaffenheit" sichtspunkt möglich. Ließe sich dartun, daß der Seinswert des
182 Zum Begriff des Atoms. Zum Begriff des Atoms. 183
Atoms von denselben Bedingungen abhängt, die die Konzeption Der Begriff der Erkenntnis der Natur ist der Begriff einer Erkennt-
seines Begriffs überhaupt und damit auch den Wandel seiner nis der Ordnung von Erscheinungen. Es gilt durch ihn Beziehungen
Eigenschaften bedingen, so wäre damit zugleich die Unmöglich- zu finden, die, in platonischer Bedeutung, "hypothetischen" Sinn
keit erwiesen, jenen Seinswert durch eine etwaige weitere Ab- haben, d. h. gelten müssen, soll von "Tatsachen", also von "Gegen-
wandlung der AtombeschafIenheit aufgehoben zu denken. Der ständlichkeit" überhaupt die Rede sein können. Die Natur er-
Seinswert des Atoms ist gerechtfertigt, wenn er sich als eine Form kennen, bedeutet nur dann so viel wie sich auf "Tatsachen" be-
erweist, den Begriff der Gegenständlichkeit überhaupt zur Dar- stimmter Art berufen, wenn damit zugleich das Ziel gesichert
stellung zu bringen. Wie man aber auch diesen Begriff im beson- €rscheint, "Tatsachen" zu definieren. Fast scheint es darnach.
deren fassen mag, eines steht fest:" er offenbart sich unter an- daß der Begriff der Wirklichkeit in dem der Wahrheit aufgehoben:
derem in der naturwissenschaftlichen Erkenntnis. Und das daß Natur in ein System reiner Beziehungssätze aufgelöst \verden
wiederum bedeutet: er ist hier die letzte Bedingung, um die sollte. Allein ein anderes ist es, einen unanalysierten Begriff der
Mannigfaltigkeit der Erfahrung zu objektiver Eindeutigkeit, zur vVirklichkeit in der Naturwissenschaft zu dulden, und ein anderes
Eindeutigkeit eines Begriffs zu bringen, d. h. sie unter dem Ge- zu behaupten, daß Naturwissenschaft unabhängig von dem Bez-qg
sichts punkt ihrer Unwandelbarkeit und in sich selbst ruhenden Be- auf Wirklichkeit nicht betrieben ,verden könnte, ja daß sie nur
stimmtheit, im Hinblick auf ihre "vVirklichkeit", zu denken. im Hinblick auf jenen Bezug denkbar sei. Wer HTatsachen'"
vVahrheit und Wirklichkeit erscheinen so in der Erkenntnis aus definieren will, der muß auch den Begriff der Tatsache lJß-
Erfahrung, in der erkenntnismäßigen Bestimmung der Erfahrung wältigen, oder doch als theoretisch zu bewältigend anerkennen. Er
wechselbezogen. Einen Zusammenhang in der Erfahrung für muß in der naturwissenschaftlichen Tatsache ein mögliches Pro-
,vahr erklären, heißt zugleich Aussagen über die "Wirklichkeit" blem erkennen. D. h. er muß den Begriff dessen, "was" der Ord-
von Sachverhalten machen. Wir werden alsbald einsehen, nung des Naturgesetzes gemäß ist, den Begriff eines Faktors, der die
weshalb die Begriffe "Wahrheit" und "Vvirklichkeit" trotz ihres Bedingungen jener Ordnung erfüllt, und so recht eigentlich erst
Wechsel1ezugs auch innerhalb des Bereichs einer Theorie der deren Sinn ermöglicht, bereits voraussetzen. Denn das ist es~
Erfahrung unterscheidbar bleiben. Allein, das ändert nichts an ,vas die "Ordnungen" naturwissenschaftlicher Einsicht von allen
der Festigkeit jenes Wechselbezugs, vor allem nichts daran, daß anderen, vorab von den mathematischen, unterscheidet, daß sie,
es sich in der Bestimmtheit der Erfahrung eben um einen Wech- lTIögen sie selbst noch so mathematisch eingekleidet sein und sein
selbezug und nicht um ein summatives Nebeneinander der beiden müssen, von vornherein schon und ihrer logischen Anlage nach
Funktionen handelt. Es tritt das selbst da schon klar in die Erschei- den Bezug auf einen irgendwann und irgendwo befindlichen~
nung, wo das Motiv der ,,"\iVahrheit" allein in Frage zu kommen einen auf spezifische vVeise "gegebenen" oder als gegeben zu
scheint. Der Gay-Lussac'sche Satz oder das Ohm'sche Gesetz setzenden VVert einschließen. Es scheidet das Problem der "reinen"
sind offensichtlich wahr, ohne doch Merkmale der "VVirklichkeit" von dem einer "angewandten "' Mathematik, nicht freilich um ein
erkennen zu lassen. Sie behaupten die Geltung komplexer Be- geringeres Maß relationstheoretischer Vollendung der letzteren
ziehungen, nicht aber "reale" Existenz. Blickt man indessen zu behaupten, sondern vielmehr, um €in völlig anders geartetes
tiefer, so zeigt sich alsbald, daß "Wahrheit" und "VVirklichkeit" relationstheoretisches Problem, eben dasjenige der Gegebenheit,
auch hier, obschon gemäß einer eigentümlichen NOflTI, verbunden aufzurollen. Denn um es nun noch einmal auszusprechen:
sind. Die Konstatierung der Wahrheit von Beziehungen hat nur Das unveräußerliche Recht des Begriffs der "VVirklichkeit" im
dann naturwissenschaftlichen Sinn, wenn sie sich mit dem Begriff Bereich naturwissenschaftlicher Fragestellung vertreten, bedeutet
eines Gegenstandes verknüpft, der, indem er die Bedingungen ein anderes als einer naiven Neigung zu "okkulten" Qualitäten
jener Wahrheit erfüllt, "ist". Eine naturwissenschaftliche Wahr- nachgeben. Und andererseits: Keine noch so radikale Ablehnung
heit, die die Idee ihrer "Anwendung" auf "vVirklichkeiten" grund- "okkulter Qualitäten" darf dazu führen, Gliederung und Differen-
sätzlich ausschlösse, wäre keine. "Vohl mag es sich als notwendig zierung eines komplexen Erkenntnisverhaltens zu übersehen.
erweisen, das Naturgesetz frei von jeglicher Rücksicht auf das Fehlt der Sinn für diese Gliederung und DifTerenzierung, so erhebt
~ ,sinnenfällige" Verhalten des Erfahrl1ngsobj ekts zu formulieren. sich der berechtigte Verdacht, jene Ablehnung möchte das er-
184 Zum Begriff des Atoms. Zum Begriff des Atoms. 185
forderliche Maß begrifflicher Schärfe überhaupt nicht erreicht 5,Erkläre ich die Differenzialgleichung oder eine Formel, welche
haben. Die bloße Scheu vor "okkulten Qualitäten" ist eben noch bestimmte Integrale enthält, für das zweckmäßigste Bild, so gebe
nicht Kritik, und die Erkenntnis notwendiger Schranken eines ich mich einer Illusion hin, wenn ich glaube, damit die atomistische
bestimmten Relationstypus bedeutet noch lange nicht die Bereit- Vorstellung aus meinem Gedankenbilde entfernt zu haben, ohne
schaft, alles jenseits dieser Schranken Gelegene völliger Bestim- welche der Limitenbegriff sinnlos ist; ich mache dann vielmehr
mungslosigkeit zu überantworten. - Wie mathematische Physik, bloß die weitere Behauptung, daß, wie sehr auch die Beobach-
"wie die "Affinität" zwischen Natur und Mathematik "möglich" tungsmittel verfeinert werden mögen, niemals Unterschiede
sei, ist eine Frage von weittragender erkenntnistheoretischer zwischen den Tatsachen und den Limitenwerten beobachtbar sein
Bedeutung. Ihre Beantwortung aber fällt zusammen mit der werden". Eine tiefe erkenntnistheoretische Einsicht spricht aus
Begründung eines radikal veränderten Begriffs der "Anwendung". diesen Gedanken. Erscheint, so wollen sie sagen, der Begriff der
Mathematik und Natur erscheinen in der Tatsache der mathe- Differenzialgleichung für die begriffliche Bewältigung der N atur-
matischen Physik nicht durch eine indifferente Zwischeninstanz, erscheinungen· unerläßlich, so erweist sich als ebenso unerläßlich
nicht durch ein MEcrov, wie zufällig miteinander verbunden, sie auch das, was jener Begriff an Konsequenzen in sich schließt.
sind ihrer ursprünglichen begrifflichen Struktur nach aufeinander Gleichsamin immer erneuten und doch wieder auf charakteristische
verwiesen; mag immerhin Mathematik, und zwar aus Gründen, die VVeise aufeinander bezogenen "Ansätzen" müssen die Gleichungen y

ebenfalls in jener Struktur wurzeln, sich daneben auch in voller soll deren Gesamtheit naturwissenschaftlicher Erkenntnis dienen,
methodischer Selbständigkeit entfalten können. Unter solchen ihren methodischen Sinn bewähren; in immer erneuten Ansätzen
Umständen aber bedeutet der unausweichliche Bezug auf einen müssen sie "gegeben" werden. Der erkenntnistheoretische Kern
"Seinswert", der selbst den sublimiertesten Erwägungen der dieser Forderung ist schnell erfaßt: es wird ein bedeutsamer
mathematischen Physik innewohnt, nicht eine der ~lathematik Unterschied gemacht und gerade dadurch wieder auch eine wich-
von außenher hinzugefügte Instanz, sondern einen sie im ganzen tige Beziehung geschaffen zwischen der Tatsache und dem gedank-
Bereich ihrer naturwissenschaftlichen Kompetenzen begleitenden lichen Gehalt der "Setzung". Nur an jene Tatsache geknüpft ist
und bestimmenden Charakter. Es gibt nicht Gleichungen un d dieser möglich und erst von dem gedanklichen Gehalt empfängt
einen "Seinswert" , auf den sie abzielen, sondern Gleichungen, oie Tatsache der Setzung ihren eigentümlichen methodischen
zu deren ursprünglichen Sinn der Bezug auf den Seinswert gehört, Sinn. Andererseits aber verkörpert sich in der genannten Tat-
oder doch solche, die unter dem Gesichtspunkt, daß ihnen dieser sache ein bedeutsamer \iVirklichkeitsbezug: Der Begriff des Statt-
ursprüngliche Sinn eigen sei, betrachtet werden müssen. Es sind findens der Setzung liegt deren Sinngehalt gegenüber in einer
die naturwissenschaftlich relevanten, diejenigen, die in ihrer neuen und eigenartigen Erkenntnisschicht, auf die aber jener Sinn-
eigenen Bestimmtheit zugleieh den Relationstypus des "Seins" gehalt gleichwohl angewiesen bleibt. So scheint der Boltzmannsche
verkörpern. Einfall in der Tat die für das Atom offenbar charakteristische Ab-
Und nun wendet sich der Blick von selbst zum Atom zurück. hängigkeit zwischen der nWahrheit" bestimmter Beziehungen
Man kennt den Beweis L. Boltzmanns für die Unentbehrlichkeit und einem dieser gemäßen "Seinswert" auf das glücklichste anzu-
des Atombegriffs, beziehungsweise einer diesem logisch gleich- bahnen. Es mag nun freilich dahingestellt bleiben, ob die Ato-
wertigen Konzeption: sie soll sich aus dem ursprünglichen Sinn mistik in ihrer bisherigen Ausgestaltung die einzige Form sei, die
der Differenzialgleichungen, genauer aus dem Sinn und der Not- Boltzmannschen Forderungen zu erfüllen. Was immer aber auch
wendigkeit ihrer Ansätze, ergeben 1). Wir vermöchten die vor- an die Stelle des Atoms treten mag, es wird den Bedingungen:
geschriebenen Rechnungsoperationen nur unter Voraussetzungen wie sie Boltzmann im Begriff der Differenzialgleichung vorge-
vorzunehmen, die der Einführung des Atombegriffs gleichkommen. bildet sieht, und damit wesentlichen Bedingungen des Atom-
'Ver daher "die Atomistik durch Differenzialgleichungen losge- begriffs, genügen müssen.
worden zu sein glaubt", der sehe "den Wald vor Bäumen nicht". Indessen, man fühlt, daß diese Erwägungen noch nicht alle
Schwierigkeiten zu beseitigen vermögen. Man stößt vor allem
1) Annalen der Physik und Chemie. N. F. Band 60, S.231. auf den bedeutsamen Unterschied zweier offenbar verschiedener
186 Zum Begriff des Atoms. Zum Begriff des Atoms. 187
vVirldichkeitswerte: der eine haftet an dem Vollzug von Setzungen~ ~cheint, muß dem Begriff der "Setzung'" überhaupt gemäß sein,
der andere betrifft die eigen~ümliche "substantiale" Realität muß sich den Bedingungen der eigentümlichen Einheitlichkeit
des Atoms. Nur an dieser scheint der "Seinswert" im Sinne des und Abgegrenztheit, die in jenem Begriff liegt, fügen.
Begriffs der Naturerkenntnis Gestalt zu gewinnen, in dem Vollzug Als was aber erscheint das Atom durch die vVissenschaft
von Setzungen dagegen lediglich ein psychologischer Tatsachen- gesetzt? Als "Substanz"; als ein mit sich selbst identisch ge-
",vert vorzuliegen. Blickt man jedoch tiefer, und fragt man sich dachter, in der Zeit, d. h. im "Vandel seiner möglichen Zustände
insbesondere nach der Struktur des Begriffs jener "substantialen'~ mit sich selbst identisch beharrender, zugleich aber größenbezogener
Realität des Atoms, So drängen sich alsbald überraschende Be- Bestand. Nicht alles nämlich, was mit sich in der Zeit identisch
ziehungen zu dem Begriff der psychologischen Tatsache in den bleibt, ist Substanz, z. B. der Sinn. Die Identität des letzteren
Vordergrund. Der Satz mag, solange er nur als flüchtiger Hinweis ist die Identität einer Denkvorschrift. Er nist", sofern er von
auftritt, mißverständlich sein. Darum sei vorab schon eines be- "jedem" als dasselbe gedacht werden soll. Er "ist" vermöge der
merkt. Es ist nicht im entferntesten daran gedacht, auch nur Voraussetzungen, die im Tatbestande des Denkeris, das allemal
anzudeuten, daß der substantiale Seinswert des Atoms eine psy- ein Denken von "etwas" bedeutet, beschlossen sind. Zwar gilt
chische oder gar spirituelle Potenz darstelle; daß etwa die Frage das ja zunächst auch für die Identität der "Substanz". Auch
nach jenem Seinswert letztlich eine Angelegenheit der Psychologie ein HDing" der Natur "ist" nur, sofern die Forderung zu Recht
sei. Hier steht vielmehr ein Gesichtspunkt von ganz anderer Art besteht, daß seine "Bestimmungen" von "jedem" gemäß einer
und ganz anderer logischer Dimensionsbestimmtheit zur Erörterung: Regel verknüpft werden sollen. Allein, jene Bestimmungen sind
das Problem, inwieweit der Begriff des Atoms, insonderheit dessen von eigentümlicher Ordnungsqu31ität und damit ist es auch deren
sich in der Funktion der substantialen Beharrung ausprägender Verknüpfung. Sie sind in einer wohldefinierten Bedeutung des
Seinswert, auf Grundsätze zurückverwiesen, die auch den Begriff Wortes, im Hinblick auf die mögliche Funktion eines Sinnesorgans,
der psychischen Tatsächlichkeit beherrschen. Es ist weiter gefaßt "anschaulich"; sie haben die Ordnungsbeschaffenheit des Ext.en-
die Frage nach dem Verhältnis zwischen Prinzipienlehre der Psy- siven, und ihre Verknüpfung stellt eine Größenbestimmtheit dar.
chologie und Theorie der Erfahrung. Sie kann hier nur im be- Die Identität wird hier zugleich Konstanz, ja mehr noch: sie be-
scheidensten Umfang, d. h. nur unter strenger Beschränkung deutet Erhaltung von Größenwerten. Als solche nun, und nicht
auf den Begriff des Atoms selbst, Darstellung finden. als bloß sinnidentische Einheiten, als lediglich im selben "Sinn"
Daß zunächst die Ausdrücke "substantiale Bestimmtheit'" Gemeintes oder zu Meinendes, beharren sie in der Zeit. Es stellt
und "Seinswert" des Atoms für einander gebraucht werden können, sich in ihnen eben ein neuer, wenn auch die Beziehung auf die
bedarf nur eines kurzen Hinweises. Gleichviel ob Bild oder nicht, Identitätsnorm des Sinnes nirgends verleugnender Typ der Be-
erfüllt das Atom die Funktion, "etwas" zu sein, dem in Rücksicht harrung dar; ein neuer und komplexer Typ eines zu denkenden
auf gewisse Forderungen der Wissenschaft Eigenschaften beigelegt "Etwas"; eine eigentümliche Form der Gegenstandsbestimmtheit.
werden, deren "Träger" es ist. Daß diese Funktion mit der will- Wohl gilt also auch die allgemeine Gesetzlichkeit des" Sinns" für die
kürlichen, höchstens nur subjektiv motivierten Setzung einer "Substanz". Aber sie erfährt hier eine besondere Bestimmung:
"okkulten" Instanz nichts zu tun habe, braucht nicht noch einmal die Gegenständlichkeit des Sinns entfaltet sich, indem er ein
begründet zu werden. Ebensowenig, daß das Atom nur als Ge- System neuer, aber in seinem Wesen angelegter Bedingungen
schöpf der ';Vissenschaft Daseinsrecht besitze, also nicht einen erfüllt, zur Objektivität des Naturdings. Die Gegenstandsnofln
unabhängig von der Erkenntnis und deren Begriff, mithin "dog- des Sinns hat sich zur Seinsform des Naturobjekts erweitert.
matisch" gegebenen Bestand, sondern lediglich ein Symbol und Das Sein des Naturobjekts andererseits stellt sich als ein spezi-
Korrelat der Erkenntnis seIhst darstelle. Das alles aber entscheidet fischen Ordnungsbedingungen gemäß gestalteter Sinn dar. Mit
nicht über die Frage nach der Struktur des Seinswerts, auf den das anderen Worten: Die pSubstanz" ist nicht, wie es einmal Mach
Atom als Geschöpf der Wissenschaft und mit Bezug auf deren Bedin- ebenso anschaulich wie irrtümlich nennt, der "dunkle Klumpen'"
gungen Anspruch erhebt. Auch was die Wissenschaft "gibt'': hinter den erfahrbaren Erscheinungen. Sie ist vielmehr die selbst-
ist "gegeben". Auch was durch die "Vissenschaft "gesetzt" er- leuchtende Lichtquelle, deren Strahlen dem sinnlich Erfahrbaren
188 Zum Begriff des Atoms. Zum Begriff des Atoms. 189

erst die Richtung auf die spezifische Einheits norm und Seinsform Erkenntnistheoretischen Erwägungen aber bleibt es vorbehalten zu
des Naturobjekts weisen. Oder frei von jeder bildhaften Formel: prüfen, inwieweit die Gesetzlichkeit der Substanz eine erschöpfende
Die Substanz ist keine "qualitas occulta'\ sondern definierte Charakteristik des Atombegriffs zu liefern vermöchte. Es ist hier
oder zu definierende Relation. Sie ist der eigentümliche Sinn wichtig, zunächst eine strenge methodische Unterscheidung zu treffen.
der spezifischen Gegenständlichkeit des Naturobjekts und kon- Der Begriff "Substanz" enthält keine Angabe darüber, was
stituirt als solcher auch - ja im Hinblick auf dessen theoretische beharrt. Auch fällt die Frage nach dem Ausmaß, in dem ein be-
Funktion ganz besonders - das Atom. Die Betonung seiner stimmtes Substrat beharrt, also das "Wie viel" der Beharrung
substantialen Struktur nimmt dem Atom nichts von seiner Be- nicht in den Bereich seiner Kompetenzen. Natürlich ist ihm auch
deutung als Mittel wissenschaftlicher Analysis. Sie kennzeichnet der adäquate M aß wert der Beharrung entrückt. Vor allem aber
im Gegenteil diese Bedeutung nach einer neuen und wesentlichen bleibt ihm die Frage nach der Gliederung des Beharrenden unzu-
Seite hin. Dient es der "Erklärung", so tun es nicht minder auch gänglich: sein Begriff 'involviert keine Aussag~ da:über, :vie sich
die theoretischen Überlegungen hinsichtlich seines Begriffs. Und das Beharrende verteilt, an welchen und an WIe vIelen DIngen es
erwartet man von einer Aufhellung der "Struktur" des Atoms offenbar wird. Man behilft sich an diesem Punkte gern mit der
mit Recht grundlegende physikalische Einsichten, so muß man Unterscheidung zwischen "Form" und "Inhalt" der Erfahrung.
sich auch eine Aufhellung der "Struktur" seines Begriffs gefallen Dem Substanzsatz, so sagt man, komme nur "formale" Bedeutung
lassen. Dieser Begriff nun begleitet das Atom als Richtmaß und zu. Jede spezielle Aussage über Umstände, unter denen seinen
Bedingung auf dem ganzen \iVege seiner Entwicklung - auch da, Bedingungen genügt wird, betreffe im Verhältnis zu ihm "Inhalt".
wo es aus argumentationstechnischen Gründe zum "Kraft punkt" Das mag, es ward oben bereits angedeutet, seine Richtigkeit
zusammenschrumpft. Denn auch der "Kraftpunkt" ist, man haben, wenn es sich um die Frage handelt, was für einen bestimm-
gebe sich darüber ruhig Rechenschaft, "Substanz". Er ist nicht ten Umkreis naturwissenschaftlicher Probleme als Substanz zu
"nichts", er ist, und zwar· in ejnem besonderen, nämlich denL gelten habe, etwa ob Masse, Raumerfüllung oder ArbeitswerL
physikalischen Sinn des '''ortes, "etwas". Er ist ein "Etwas" 1 Das trifft aber· nur sehr bedingt zu, wenn man sich das Problem
das die physikalische Analysis ermöglichen solL Was ihm aberkannt in prinzipieller Form stellt: Kann überhaupt eine schlechthin. unge-
\vird, ist die Materialität. Aber weder bedeutet Materie und Sub- gliederte Substanz angenommen werden? Ist es dem BegrIff der
stanz dasselbe - Materie ist eine Sonderbestimmtheit der Sub- Substanz nach möglich, Erhaltung, bzw. Beharrung von der
stanz und auch Energie ist "Substanz" -, noch ist die Beharrung Ganzheit und damit von der Gliederung des Beharrenden, mögen
des Kraftpunktes in Raum und Zeit anders denn vermittels des: dessen Dimensionen welche immer sein, zu trennen? Ist die Frage
Begriffs der Substanz zu charakterisieren. Denn der Kraftpunkt zu verneinen, dann kann die Zusammengehörigkeit von Beharrung
hat nicht die Seinsqualitäten mathematischer Gebilde. 11ag also und Ganzheit nicht aus der Erfahrung stammen, so gewiß Substanz
auch, wie etwa Faraday es wollte, im Atom alles, was noch an Erfahrung begründet. Die Frage is t aber zu verneinen; denn
einen materiellen "Kern" erinnern könnte, getilgt sein, das Zu- nur im Hinblick auf ein System, nur mit Bezug auf die Norm
sammensein und die Zusammengehörigkeit von Kräften und eines Systems kann von Beharrung die Rede sein. Beharrung
Kraftwirkungen im "Kraftpunkt" bleiben bestehen. Damit aber kann nur von einem "Ganzen" ausgesagt werden. "Ganzes" aber
auch ein Seinswert des Kraftpunkts, der nur in der Gesetzlichkeit und "System", sind \Vechselbegriffe. So erweist sich das System
substantialer Beharrung seinen adäquaten Ausdruck finden kann. als mit der Beharrung gesetzt. Oder anders: Beharrung aussagen,
Und nun noch einmal zurück zur Frage des Seinswerts der heißt bereits die Norm eines Systems setzen. Nun schließt aber
Atome! Er erschien als an einen Inbegriff von Bedingungen ge- der Begriff der Ganzheit nach zwei Richtungen hin weitere wichtige
knüpft, der sich uns zunächst als die Forderung substalltialer Bestimmungen in sich. Einmal bedeutet alle Ganzheit Gliederung.
Bestimmtheit darbot. In welchen besonderen Beziehungen diese Sie bedeutet Ordnung, genauer Über- und. Unterordnung von
substantiale Bestimmtheit Gestalt gewinnen mag, ob in dem Elementen, d. h. Differenzierung einer Mannigfaltigkeit, also
physikalisch definierten Begriff der Masse oder vermittels anderer Struktur und Gefüge. Ein Beharrendes setzen, heißt so ein struk-
Relationen, ist eine Frage spezialwissenschaftlicher Entscheidung. turbestinlmtes Ganzes setzen. Und das wieder ist nur möglich,
190 Zum Begriff des Atoms. Zum Begriff des Atoms. 191

indem das Beharrende zugleich als uno intuitu überschauhar, die in den Sachverhalten des Verstehens und Verstandenwerdens .
indem es als "anschaulich" gedacht wird. Man verstehe diesen ihren greifbaren Ausdruck finden. Das gilt ohne jede Einschrän-
Satz richtig. Er besagt nicht, daß die spezifische Relation, gemäß kung auch für die Ganzheit "Atom". Es setzen bedeutet, mit
welcher der Substanzgedanke das Naturobjekt bestimmt, daß Hilfe konkreter wissenschaftlicher Einsichten und gemäß den
also etwa die Masse anschaulich sei. Er besagt vielmehr, daß Forderungen der Anschaulichkeit ein System von Bedingungen
überall da, wo die Relation "Masse" gedacht werden muß, zugleich erfüllen, an die der denkpsychologische Sachverhalt des Verstehens
ein Gefüge zu setzen sei, das Ganzheit und damit Überschaubarkeit gebunden ist.
bedeutet. Er besagt, daß Beharrung nur im Hinblick auf die Die Fäden des Beweisgangs laufen nunmehr zusammen. Das
Idee eines Modells möglich sei, wobei natürlich die extensiven Boltzmann'sche Argument hatte die Frage nach den Beziehungen
Merkmale jenes Ganzen, die Größenordnung, in der es gedacht zwischen substantialern Seins wert und den Voraussetzungen der
wird, gleichgültig sind. Nur der Bezug des AtombegrifIs auf das psychischen Tatsächlichkeit nahe gelegt. Sie erscheint jetzt
Moment der Teilbarkeit der "Materie" legt es nahe, das Atom der dahin geklärt, daß sich in jenem Seinswert und dadurch in dem
Größenordnung des "Kleinen" einzugliedern. Gedanken des Atoms sowie in der Idee einer Atom s t r u k tu r Be-
Von etwas "Ganzheit" und "Überschaubarkeit" aussagen dingungen der Tatsache des "Verstehens" von Naturobjekten
bedeutet nun, für es einen eigenartigen Zeitmodus, eine eigentüm- überhaupt ausprägen. Der Boltzmann'sche Gedanke, aus den
liche Zeitgestaltung in Anspruch nehmen. Wo von einem Ganzen aktuellen Bedürfnissen des mathematischen Physikers erwachseu 1
die Rede ist, da ist von einer wohlcharakterisierten BeziehunO' erfährt damit eine bedeutsame erkenntnistheoretische Ergänzung.
. h b Der Sinn der Differenzialgleichungen, so dürfen wir sagen, fordert
ZWIschen "Frü erem" und "Späterem" die Rede. "Früheres"
und "Späteres" verhalten sich hier zueinander, nicht wie zwei das Atom, sofern sich in jenem Sinn der Begriff der Naturerkenntnis
Punkte einer Linie, sondern wie die Funktionen zweier Glieder überhaupt ausprägt. Sie gewinnen ihren naturwissenschaftlichen
eines Organismus. Sie "greifen" auf charakteristische Weise Bezug nur durch ihre Zuordnung zur Idee eines bestimmt charak-
"ineinander". Sie sind getrennt, nur so weit sie ebendadurch in terisierten Substrates. Sie müssen einen besonderen Gegeben-
bezug auf eine charakteristische Funktion vereinigt, d. h. doch heitsmodus verkörpern, - denjenigen, als dessen Gesetz wir die
~eder in einem streng definierten Sinn "gleichzeitig" sind 1); strukturbestimmte und anschauungsbezogene, im Sinne der
SIe heben sich voneinander ab, soweit sie sich in einer übergreifenden Ganzheitsnorm, d. h. "präsentieIl" gegliederte Substanz kennen
Ordnung der Zeit wechselseitig bedingen. Das Ganze muß als gelernt hatten. Anschauungsbezug und Ganzheitsbestimmtheit
zeitliches Gefüge erlebt werden können, so daß das "Spätere" im der Substanz bedeuten dasselbe. Sie sind Bedingungen, gemäß
nFrüheren" vorgebildet, das "Frühere" im "Späteren" "gegeben" welchen die Substanz das Atom und dessen Seinswert bestimmt.
und nur insofern durch das "Spätere" aufgehoben erscheint. Anschauungsbezug und Ganzheitsbestimmtheit bedeuten aber
Ein Ganzes hat mit bezug auf die in ihm gestaltete Zeit keinen zugleich auch Gegebenheitsbezug. Der Bezug auf Gegebenheiten
::Anfang" und kein "Ende". Es ist in sich "geschlossen". Es bestimmter Art determiniert erst die Substanz im Sinne eines
muß von jedem Punkte aus als Ganzes "gegeben", überschaubar, Ganzheitswerts. Erst als Ganzheitswert aber konstituiert sie das
in seiner Ganzheit, d. h. in seinem Gefüge "verständlich" sein. Atom und verleiht diesem wieder seinen bezeichnenden 'Seins- und
Ein Ganzes setzen, heißt es als Ganzes verstehen. Das aber Gegebenheitscharakter. - Allein, so fragt man, haben angesichts
\"vieder bedeutet, Früheres und Späteres seien in ihm kraft der dieser Überlegungen die funktionalen oder genauer gesagt die
Einheit des zeitlichen Streckenwerts einer erlebbaren "Gegenwart" reinen Zustandsbegriffe in der Physik kein Daseinsrecht ? Wie
:lerknüpft zu denken. Verstehen und "Sich Vergegenwärtigen" steht es um den methodischen Sinn der Thermodynamik, wie um
Ist dasselbe. So ist denn Ganzheit allemal eine Funktion der die sachliche Möglichkeit so schwerwiegender Begriffe, "ne nFeld" ?
"Präsenz", d. h. ihr Begriff unterliegt den Voraussetzungen, Die Fragen sind, zum mindesten implicite, bereits erledigt. "'eder
hier noch dort erschöpft man sich in Aussagen über bloße Sinn-
1). Diese "G.I~ichz~itigkeit" hat mit dem Gegenstand der relativitäts- beziehungen. Weder hier noch dort handelt es sich auch umdie Kon-
theoretlschen ~rItlk mchts zu tun. Vgl. hierzu meine "Grundlacren der statierung rein mathematischer Ordnungsbezüge. In dem einen
DenkpsychologIe". München 1921. S. 307 ff. b
192 Zum Begriff des Atoms. Zum Begriff des Atoms. 193
~e in deIn ~nderen Fall ergehen vielmehr Urteile, als deren wesent- Dem "Seinswert'" des Atoms muß derselbe 'Nirklichkeitscharakter
hches Bestnnmu?gselement der Begriff der Natur erscheint. eigen sein, den jede Konstatierung einer naturgesetzlichen Be-
Mag also auch dIe FOrIn der Aussagen grob-atomistischen Auf- ziehung, jede Einsicht in naturwissenschaftliche "Wahrheit"
fassun?en geßenüber noch so sublimiert erscheinen, den Bezug voraussetzt. Die Annahme eines höheren vVirldichkeitswerts
auf dIe BedIngungen der Naturerkenntnis vermögen sie nicht müßte - wenn solche Abstufungen überhaupt denkbar sind -
z"? verl.~ugn~n. Es gib~ ~eine Konstatierung eines Zustands, der in die gänzlich sinnleere und wissenschaftsfremde Zone einer
n~cht raumhche und zeItlIche Lokalisation mit BezuO' auf die Idee materialistischen Metaphysik hineinführen; die Herabsetzung
e!ner ge~enstän~lichen Ordnung natürlicher Verä~derungen in des VVirklichkeitswerts aber - und hierher gehört der Satz von
sICh schlosse; keIn~ Wärmeleitungsgleichung, die nicht irgendwo der Bildhaftigkeit des AtOIns- würde den gegenständlichen Sinn
auf den Gedanken,eIner ,,~ndlichen Zahl von Elementarkörperchen, naturwissenschaftlicher Einsicht überhaupt gefährden. Dient
welche nach gewIssen eInfachen Gesetzen aufeinander wirken" das Atom den Zwecken dieser Einsicht, dann muß auch sein
zurückgreifen müßte, um sodann "die Limite bei Vermehrun~ Seinswert den in jener Einsicht wirksamen Bedingungen ents preehen.
der Zahl derselben" zu suchen 1). Es kann keinen Begriff mit dem Das Atom muß dem Rahmen eingegliedert bleiben, der durch die
Anspruc~ auf naturwissenschaftliche Relevanz geben, der nicht Korrelation von Wahrheits anspruch und Wirklichkeitsbezug natur-
d~en BedIngunge~ des Substanzsatzes und den an ihn geknüpften wissenschaftlicher Feststell ungen gegeben ist. :Möglich zwar, daß sein
Kon~equenzen nuttelbar oder unmittelbar genügte. Die Zustands- Wirklichkeitswert stets ein "angenommener" bleibt. Aber hinter
b~grIffe verhalten sich in dieser Hinsicht nicht wesentlich anders dem Sinn solcher Annahme steht der Erkenntnisanspruch natur-
WIe ,etw.a der des "Kraftpunkts": sie emanzipieren sich zwar aus wissenschaftlicher Objektivität. Diesem Erkenntnisanspruch ist
gewIChtIgen argumentat.ionstechnischen Gründen in einem gewissen der Seinswert des Atoms notwendig angepaßt.
~mfang von dem M~~IV des Atoms, aber sie unterliegen gleich Und nun lenkt der Beweisgang zurück zum Anlaß unserer
dI~sem s~lbst ~em hochsten Gesetz naturwissenschaftlicher Be- Erwägungen: zur Byk'schen Annahme einer im Inneren des Atoms
stImmtheIt. WIe sehr denn auch innerhalb der modernen Natur- herrschenden niehteuklidischen Raumgesetzlichkeit. Ist sie mit dem
forschung die Motive auseinanderstreben mögen, in dem Bezug Begriff des Atoms vereinbar? Es bedeutet eine rein physikalische
auf das Gesetz der Substanz, und damit auf die letzten Voraus- Angelegenheit, zu entscheiden, in welchem Umfang die Mannig-
set~ungen des A~ombegriffs finden sie sich immer wieder zusammen. faltigkeit physikalischer Teilprobleme durch die Annahme einer
Es Ist nun zugleIch das Gesetz dessen, was sich uns als ,Seinswert" nichteuklidischen Maßgesetzlichkeit zu systematischer Einheit
des Atoms darstellte. Und so erweist sich dieser Seinswert in der gebracht, d. h. der Erkenntnis erschlossen werden könne. Vorab
Tat als du~ch ,den Begriff ~es Atoms selbst gefordert, d. h. mit freilich bedürfte der Begriff eines "Inneren" der Atome noch einer
dessen metnodlscher FunktIon und dessen qualitativen Bestim- vollständigen theoretischen Klärung, d. h. der restlosen Auflösung
mungen unaufhebbar verknüpft. Nur in Rücksicht auf solche in definierte Beziehungen. Erst wenn diese gelungen ist, kann
Verknüpfung ist der Seinswert als begrifflich isolierter Bestand sich zeigen, wie der Gedanke einer nichteuklidischen Raumgesetz-
überhaupt erst mö~lich, Er betrifft das Sein der Qualitäten lichkeit mit der unabweisbaren Idee des "Seinswerts" des Atoms,
des ~toms, sofern dIese eben Qualitäten des Atoms bedeuten. _ d. h. mit dessen substantialer Struktur gesetzlichkeit in Einklang
AI~eIn, man fragt. auch nach der besonderen Beschaffenheit dieses zu bringen sei; wie er sich dem Rahmen einfügen mag, der durch
SeIn~werts, ~ach des~en Wirklichkeitsmodus, Die Frage ward den Begriff des Atoms gesteckt ist; in welchem U mfatlg die Forde-
be:eIts gestreIft, als WIr den Gedanken, die "bildhafte" Beschaffen- rung einer nichteuklidischen Raumgesetzlichkeit im Atominnern
heIt des At?ms .. könn~e dessen Seinswert beeinträchtigen, ab- auf eine "Atomstruktur" abgebildet werden, in welchem Umfange
lehnten,.. WIr durf~n Jetz~ den Begriff der "Bildhaftigkeit" des man sich von "speziellen Strukturannahmen für dasAtom"wirklich
Atoms ~b~rhaupt In ZWeIfel ziehen. Dabei übergehen wir die "frei machen" könne. Denn immer bleibt das Atom eine substantiale
handgreIflIchen l\1ängel des Begriffs "Bild". Wir stellen nur fest: Strukturganzheit, eine Funktion der "Substanz" in die "Präsenz".
Struktur und Bestand müssen an ihm aufeinanderbezogen und ge-
J) VgL B oltzm ann, a. a. O. radein solehem Wechselbezug auch "\vieder unterschieden werden. -
Natorp-Festschrift. 13
194 Zum Begriff des Atoms.

Und schließlich die allgemeinen erkenntnistheoretischen Folge-


rungen: Der Begriff des Atoms bedeutet mehr als die Erfüllung
einer bloßen Forderung der Zweckmäßigkeit. Er genügt seinem
allgemeinsten Plane nach als substantialer Strukturbestand der
Theorie der Erfahrung selbst. Diese gibt keine Antworten auf
Fragen der Naturwissenschaft, wohl aber auf Fragen) die in der
Tatsache der Naturvifissenschaft begründet sind. Darum ver-
weist das Problem des Atoms allenthalben auf eine Theorie der
Erfahrung. Dieser selbst aber erschließen sich in Rücksicht auf Transszendent und Transszendental.
den Begriff des Atoms neue und bedeutsame Ausblicke. Sie wird vor
Von
allem ihr Verhältnis zum Problem der Psychologie zu revidieren
haben. Der Begriff der Präsenz muß sich vermittels der Ideen Hinrieh Knittermeyer.
von Struktur und Ganzheit dem Kreis ihrer Erwägungen ein- Die religionsphilosophische Fragestellung begegnet solange
fügen, und damit die Frage des Verstehens im vollen Umfang keiner grundsätzlichen Schwierigkeit, als die Religion - ob aus-
ihrer Voraussetzungen für sie aktuell werden. Nicht psycholo- drücklich oder faktisch - in die "Grenzen der Humanität" oder
gischen Entscheidungen soll damit die Theorie der Erfahrung in die Grenzen der Vernunft~' einbezogen erscheint. Solange
unterworfen werden. Es soll im Gegenteil das Problem der psycho- daher Vernunft, Humanität, Kultur oder was man an deren
logischen Entscheidungen, wenn man will: der Begriff der psy- Stelle zu setzen für gut findet, als Gesamtausdruck menschlicher
chischen Tatsache jener Theorie organisch eingegliedert Existenz und menschlicher Betätigung unangefochten in ihren
und damit deren Fragestellung eine neue Richtung gegeben Grenzen alle bestehenden oder etwa neu auftauchenden Spannun-
werden. Erst wenn das geschehen, ist die Erkenntnislehre gen und '~lidersprüche zur Entscheidung bringen darf, wird die
gerüstet, nicht nur das Problem des Atoms zu bewältigen, sondern Religionsphilosophie als eine Richtung, allenfalls als Wurzel oder
vor allem die charakteristische, hier positiv, dort negativ gestaltete Abschluß der Philosophie überhaupt sich zur Geltung zu bringen
Beziehung zwischen physikalischer Erkenntnis und sinnlicher streben. Dabei wird es von der Gesamthaltung der Philosophie
Wahrnehmung zu umspannen. Dann erst ·wird sie dem Geschäft, abhängen, wie im besonderen das Problem der Religionsphilosophie
welches nach Helmholtz ' Ausspruch "für immer der Philosophie sich stellen und gelöst werden wird.
verbleiben wird und dem sich kein Zeitalter ungestraft wird ent- In dem Augenblick aber, wo der Bestand der Humanität in
ziehen können", gewachsen sein: den Grad der Berechtigung des seinen Grundlagen wankt und der Transszendenzanspruch der
Wissens aus Erfahrung und dessen Stellung in einem System Religion eine zerbrochene Kultur mit "Offenbarungs"gewalt über-
möglicher Erkenntnis zu prüfen. ( kommt, ist die Naivetät aller - auch der angeblich "kritischen" -
I
Versuche einer rationalen Sinngebung der religiösen Wirklichkeit
aufgedeckt. Und auch ein Sichzurückziehen ins Irrationale ist
jenem "Anderen" gegenüber nur eine Ausflucht, die grundsätzlich

I
I
ohne Bedeutung ist. Ob man nach einem "religiösen apriori"
fahndet oder nach einer psychologischen Qualität, Gestalt oder
Funktion, ob man konstruktiv oder "phänomenologisch", idea-
listisch oder empirisch verfährt, bleibt gleichgültig gegenüber der
Unzugänglichkeit des "Jenseitigen" für jede wie immer geartete.
Erfassung.

I Gewiß ist durch solche vorerst noch gähzlich ungeprüfte Ab-


grenzung keiner der gekennzeichneten Wege einer Religionsphiloso-
phie gänzlich des Gegenstandes entleert. Faktisch ist die Religion,
13;':'
196 Transszendent und Transszendental. Transszenaent und Transszendental. 197

auch wenn sie "substantiell" dem nJenseits" zugehört, manmg- überwältigende "Tatsache" der "Offenbarung" gestellt. 1Nie soll
fach in die humane Wirklichkeit verflochten. So wenig daher es sich in dieser Lage behaupten? Oder was wird in dieser Lage
die Religionsgeschichte gegenstandslos wird, wenn sich zeigt, daß aus ihm? Das läßt sich zunächst nur fragen. Doch können
es Geschichte von Religion als Offenbarung nicht geben kann, wir uns der Verantwortung solcher Fragestellung nicht ent-
so wenig wird die Religionsphilosophie gegenstandslos, da sie ziehen; wie wenig wir ihr auch gevmchsen sein mögen.
zum mindesten auf eben diese Religionsgeschichte bezogen ,verden * >';:
darf. Nur können alle etwa so versuchten Lösungen immer nur
die Frage nach dem Sinn der Humanität ermessen, nicht aber Kant unterscheidet in der Kritik der reinen Vernunft (2352 f. )
den in der Transszendenz sich bezeugenden wesentlichen Gehalt transszendental und transszendent auf eindeutige Weise. De~'>
der Religion betreffen. "über die Erfahrungsgrenze hinausreichende Gebrauch" der
Aber diese zunächst sehr einfach scheinende Abgrenzung "Grundsätze des reinen Verstandes" wird transszendental ge-
hält einer ernsteren Erwägung nicht stand. Die scheinbar so nannt. Dieser "Gebrauch" ist vielmehr ein "Mißbrauch"; als
selbstverständlich sich ergebende Selbstbeschränkung der Re- solcher aber darf er als transszendental bezeichnet werden, 'weil
ligionsphilosophie auf den Bereich der "in den Grenzen der er durch die transszendentale Rechenschaftsablegung der Kritik
Humanität" sich bezeugenden Auswirkungen der Religion und sich als .Mißbrauch enthüllt. "Ein Grundsatz aber, der diese
der damit gegebene Abweis aller über diese Grenzen hinausgreifen- Schranken wegnimmt, ja gar sie zu überschreiten gebietet, heißt
den Ansprüche setzen ein Urteil über die wesentliche J enseitigkeit transszendent." Die Transszendenz mutet uns zu, "alle jene
der Religion voraus, das zwar auf das Wunder des Glaubens Grenzpfähle niederzureißen und uns einen ganz neuen Boden,
sich stützt, aber in jeder - auch negativen - philosophischen der überall keine Demarkation erkennt, anzumaßen". Dies,
Auswertung ganz bestimmte sachliche und methodische Entschei- daß mit vollem Bewußtsein ein ganz neuer. Boden uns zuge-
dungen über eben diese Philosophie im Gefolge hat. Eine solche mutet 'wird, trifft aufs genaueste den Sinn von Transszendenz, wie
Relation des Transszendenten zum Inlmanenten führt für beide er heute etwa von Barth und Gogarten leidenschaftlich erneuert
- jedenfalls aber für die Sinnerwägung im Bereich des Imma- wird. Hier reißt die Transszendenz alle "Grenzpfähle" nieder,
nenten - die gefährlichsten Paradoxien mit sich. Der gar nicht mit denen ein angeblich "kritisches" Bewußtsein ihr geordnete
"antiquierte'" (so Keyserling) Konflikt zwischen "GlaubenH und Bahnen abstecken möchte. Hier tritt die Transzendenz mit
"vVissen"' bricht über den Voraussetzungen der gegenwärtigen wuchtiger Anklage gegen alle rationalen Abschwächungen ihres
Geisteshaltung mit derselben ungeminderten Schärfe auf, wie er entscheidenden Sinnes auf. Sie gibt sich ebenso wenig mit der
die Geschichte der Transszendentalphilosophie und der theo- bloßen Umkehrung des Rationalismus zufrieden. Die Flucht in
logischen Dogmatik beherrscht. \Vas in der Religionsphilosophie die via negationis des Irrationalen hefre.it auf keine vVeise von
durch ihre gegenständliche Erfüllung als verborgene Zwiespältig- der durchschauten Unzulänglichkeit der via positionis gegenüber
keit mitgesetzt ist, wird in Transszendentalphilosophie und Theo- dem alle Position übertreffenden Jenseitigen. Die Trans-
logie auch als formale Paradoxie offenbar. Dort sucht das szendenz vertritt nicht nur ein "Anderes", sie ist nicht bloß die
Denken nach seiner transszendenten Verbürgung, hier verlangt Transszendenz irgendeiner "besonderen" Sphäre, sie ist das
der "Glaube" nach rationalen Symbolen, Gleichnissen, "Spuren", "Andere" allen Sphären gegenüber, ja sie ist ein "All der Re-
oder gar nach Beweisen und Sicherstellungen. alität", demgegenüber alle menschlich faßbare Allheit zu kläg-
Ist aus den Bedingungen unseres Denkens heraus eine licher Besonderheit wird. Keine menschenmögliche Verwirklichung
Lösung oder auch nur Klärung dieser Paradoxie grundsätzlich oder Ent'N-i.rldichung führt an die Schwelle dieser Überwirklich-
möglich? Diese Frage stellt sich dem harten Existenzkampf keit, die doch alles gegensätzlich uns umfangende Leben über-
unserer Zeit nicht aus irgendeinem spekulativen Überschwang schattet.
heraus, sondern sie ist - gestellt oder nicht gestellt - unsere Gleichwohl bleibt auch dieser Versuch, die gänzliche Un-
Existenzfrage selbst. Denn ein wie kaum je von der Autonomie berührbarkeit des Transzendenten vom Menschen her zu behaup-
der Humanität erfülltes Geschlecht sieht sich vor die es gänzlich ten, in der D i al e kti k der Gegensätzlichkeit stecken. Barth
198 Transszendent und TransszendentaL Transszendent und Transszenden al. 199
spricht ausdrücklich im Gegensatz zur "dogmatischen" und szendenz auf irgendeine menschliche Weise zu vernütteln und
"mystischen" von der "dialektischen" Methode, um freilich so- dann wohl gar die eben gemachten Ansprüche mit überlegener
gleich auch darin als echter Dialektiker sich zu bezeugen, daß Selbsterkenntnis wieder preiszugeben, hilft über die grundsätz-
er diese Methode als "Methode" wiederum preisgibt und ihre liche Aussichtslosigkeit jedes solchen Versuchs nicht hinweg.
grundsätzliche Unzulänglichkeit dem in ihr Gemeinten gegenüber Die "Philosophie" der Transszendenz, ob nlan sich ihrer
behauptet. Aber das ließe sich ins Unendliche fortsetzen, ohne thetisch, antithetisch oder dialektisch entledigt, ist in sich selbst
daß man dem Zirkel der Dialektik zu entrinnen vermöchte. Ent- widersprechend. Jedes Eingehen auf eine solche Methode schränkt
scheidend ist, daß Barth faktisch auf der via dialectica sich be- die Religion in die Grenzen der Humanität ein, leistet also das,
wegt

und die Methode - nicht zwar einer Realisierun bc:r durch was um jeden Preis vermieden werden sollte, wo die Transszendenz
dIe Gegensätze hindurch, sondern - des sic et non befolgt. Nun ernst genommen wird.
kann aber das Alter dieser Methode gerade auf dem Gebiete der
t.heologischen Erörterung nicht für die Mängel entschädigen, die * * *
sie mit jeder anderen gemein hat. Jedes sic et non, das einem Das Faktum jeder solchen Erörterung über die Möglichkeit
sie beide überspannenden Transszendenten gegenüber ohne weite- oder Nichtmöglichkeit einer Erfassung des Transszendenten aber
res zum Sowohl - als auch wird, ermöglicht es, in inlmer neuen unterliegt selbst dem gleichen verhängnisvollen Widerspruch und
Abwandl ungen die Übermacht des Transszendenten - wenigstens zwingt uns, uns mit diesem schlichten Abweis nicht zu bescheiden.
in weitgreifenden Negationen - spürbar zu machen; ein Vorzug, Zuvörderst könnte man indessen die Situation umkehren.
von dem ja Barth in ausgiebigem Maße Gebrauch macht. Aber Vielleicht führt uns diese Umkehrung der bisher beobachteten
der Gegensatz oder der Widerspruch als das Grundelement der Fragestellung noch entscheidender auf den Sinn dieser "Para-
Dialektik bleibt ein menschliches Werkzeug und gilt daher um doxie". Es ist auf den grundsätzlichen Unterschied des Trans-
nichts mehr als irgend ein anderes menschliches Werkzeug. szendentalen und Transszendenten bislang nur einseitig hinge-
Jüngst ist auf das gerade in dieser Hinsicht dialektische wiesen. Führt nicht aber gerade ein volles "Ernstnehmen" des
Gepräge der paulinischen Briefe hingevliesen 1). Und auch sonst Transszendenten auf der andern Seite zu einer \vesentlichen Ver-
wäre an Zeugnissen dafür kein Mangel, daß die dialektische Sprache schärfung der transszendentalen Aufgabe der Philosophie?
den Spannungen großer Theologen, ja prophetischer Religions- Es bleibt Cohens historisches Verdienst um die Kanterneue-
erneuerer zum Ausdruck hilft. 'Aber zwischen dem, was hier statt- rung, daß er sie unter den Gesichtswinkel des Transszendentalen
hat, und dem, was die Asketik des Transszendenzbewußtseins zu rückte. Gleichwohl stand bei ihm die Interpretation dieses Grund-
ihrer dialektischen Unterbauung be,vegt, ist ein folgenschwerer begriffs der Kantischen Philosophie unter einem zeitgeschicht-
Unterschied. Dort ist die Dialektik Äußerung einer Glaubens- lichen Vorurteil, in das die Gegenwart sich nicht mehr hinein-
realität, die - das ist bei Paulus weithin der Fall - in einer schränken will und das den wirklichen Ansprüchen der Synthesis
überkommenen oder aus der Umwelt ihr entgegenwachsenden apriori Kants nicht gerecht wird. Cohen sieht in dem Trans-
Sprache sich Luft macht und dabei nicht leicht den Ausschlag szendentalen geradezu den Bezug der apr'iorischen Grundlegungen
von Tod zu Leben und von Sünde zu Gnade verkürzen wird. der Philosophie auf das "Faktum der Wissenschaften" verbürgt.
Hier aber ist die Dialektik nur das Mittel, um den Horizont Für die theoretische Philosophie meint er dafür die einwandfreien
von aller menschlichen Bedingtheit frei zu machen und dann Zeugnisse Kants beigebracht zu haben, während er in der Miß-
wie durch ein Zauberwort die "Offenbarung" oder gar "J esus achtung der strengen "transszendentalen" Richtlinien gerade die
Christus" über der zerbrochenen Welt auferstehen zu lassen. grundsätzliche Schwäche seiner Ethik und Asthetik aufdecken zu
?ie Dialektik als Mittel, um die Transszendenz zu erzw'ingen, können glaubt. Wie indessen der BegriH des Transszendentalen,
Ist um nichts besser als irgendein anderes Mittel, löst im Gegen- über dessen historische Tragweite Kant nicht im Unklaren war,
teil gerade durch die ihr einwohnende technische Überlegenheit zu einer solchen Bedeutung kommen sollte, ist schlechterdings
schwerste
_______
~_
Gefahren aus. Auch die neueste \Vendunc:rb ' die Trans- unbegreiflich. Wer Kants Transszendentalphilosophie auf Grund
1) H. Leisegang, Paulus als Denker. Leipzig 1923. dieser Definition des Transszendentalen durchdenkt, kommt be-
200 Transszendent und 'fn:msszendentaL Tnmsszendent illld Trans8zendentaL 201

reits rein terminologisch in ein undurchdringliches Dickicht hineinI). ~m System solcher Begriffe "würde Transszendentalphiloso-
Cühen selbst stellt notgedrungen fest, daß vielerorts das "Trans- phie heißen."
szenuentale" statt des Viissenschaftskritischel1 das lvIetaphysische Die Tragweite dieses Satzes läßt sich am ehesten durch eIne
alten Schlages bedeutet. Daß Kant aber gerade den Begriff, kurze historische Erinnerung erfassen. Der Terminus transszenden-
in dem sich für ihn der Sinn des kritischen Philosophierens am tal entstanimt der mittelalterlichen Scholastik. Seine Wurzeln
innerlichsten ausprägt, in lässiger Doppeldeutigkeit gebraucht liegen in der Augustinischen Übersetzung des Plotinischen
haben sollte, ist nicht weniger unbegreiflich. Kant, der bei der E:rrEKEtVa mit transcendere. Das Plotinische E1TEKElva aber geht
Einführung des \iVortes "Idee" genaue Rechenschaft über sein auf den Platonischen Staat zurück. Diese Enbvicklungslrnie~
terluinologisches Verfahren gibt, hat im Transszendentalen unter die terminologisch von Platon bis zu Kant in unverletzter Kon-
keinen Umständen ein gegen dessen historischen Sinn gleich- tinuität sich herstellen läßt, besteht auch begriffsgeschichtlich zu
gültiges, nur ihm eigentümliches und w·ohl gar durch den Ein- Recht 1).
druck der Newtonsehen "Vissensehaft hervorgerufenes system.ati- Zwei Gesichtspunkte sind dabei vor allem auseinanderzuhalten
sches Motiv ausdrücken können. Er hat den historischen Begriff und zusammenzuschauen. Das E1TEKElVa Platons steht als das
des Transszendentalen, wie er ihm, versteckt und verkümmert O:VU1TOSETOV den U1T08fcrElC; der einzelnen Erkenntnisansätze gegen-
freilich, in seinen Vorlesungshandbüchern noch begegnete, auf- über. Ebenso ist in der mittelalterlichen Metaphysik das trans-
genommen, um ihn aus dem Geiste seiner Kritik umzuschaffen cendens, d. h. die begriffliche Auszeichnung des unum, verum~
und aus seiner dogmatischen Verfestigung für eine neue geschicht- bonum (um der Einfachheit halber auf diese gebräuchlichste
liche Aufgabe zu befreien. Zahl der HTransszendentien" uns zu beschränken), das Über-
Wenn daher Kaut gelegentlich den "transszendentalen" kategoriale, das alle Kategorien Durchwirkende. In den Kategorien
Idealismus ob seiner faktischen Nfißverstandenheit durch den kommen die allgemeinsten Gattungen des Gegenständlichen zu
"kritischen" zu ersetzen vorschlägt} so läuft das ge·wiß nicht auf ihrer Bestimmung; das transcendens greift über diesen gegen-
eine Gleichsetzung von "transszendental" und "kritisch" hinaus. ständlichen Bezug hinaus; ihm wohnt keinerlei "determinierende'~
So eindeutig, wie er die Aufgabe der "Kritik" von der der nTrans- Kraft inne, soweit der "Gegenstand" in Frage steht. Wohl aber
szendentalphilosophie" sc.heidet, gerade so eindeutig bleiben die hringen die Transszendentien (nicht secundum rem, sondern se-
Begriffe des nKritischen" und des HTransszendentalen" geschieden. cundum rationem) die immanenten Attribute aller Gegenstands-
Die "Krisis" ist eine Reinigung. Sie ist der "wahre Gerichtshof erkenntnis zum Ausdruck.
für alle Streitigkeiten" der reinen Vernunft und sie ist im besonde- Damit ist schon eine unmittelbare Beziehung zur Kantischen
ren das Gericht über eine ganz besondere Synthesis apriori aus Definition des Transszendentalen hergestellt. \Venn Kant im § 12
bloßen Begriffen. Gerade als solche kann sie nur "Propädeutik der Kritik der reinen Vernunft unter Bezugnahme auf die scho-
zum System der reinen Vernunft" sein und weist aus sich selbst lastische Lehre - die ihm aber jedenfalls nur aus der zeitgenössi-
auf eine Aufgabe hin t für die sie nur die Voraussetzungen schafft. schen Literatur bekannt war - die ,;vermeintlich transszendenta-
Diese Aufgabe aber ist im Begriff des n Transszendentalen " am len Prädikate der Dinge" nur als "logische Erfordernisse lind
\veitgreifendsten und tiefgründigsten gestellt. t,Ich nenne alle Kriterien aller Erkenntnis der Dinge überhaupt" gelten lassen
Erkenntnis transszendental, die sich nicht sowohl mit Gegen- will, so nimmt er damit tatsächlich den eigensten methodischen
ständen, sondern mit unserer Erkenntnisart von Gegenständen, Sinn dieser Begriffsbildung auf der Höhe der Scholastik auf;
sofern diese apriori möglich sein soll, überhaupt beschäftigt. obzwar man gewiß sich dessen bewußt bleiben muß, daß der "Er-
kenntnis"begriff Kants von dem der Scholastik grundsätzlich
1) A. Gideon hat in seiner Dissertation den gutgläubigen Versuch geschieden ist.
gemacht, den Sprachgebrauch der Kritik der reinen Vernunft daraufhin zu Das Motiv der "Kritik" betrifft die Revolut.ion des Erkennt-
untersuchen ("Der Begriff transszendental in Kants Kritik der reinen Ver-
nunft." Marburg 1903); er kommt dabei zur Feststellung einer Unzahl 1) Über den terminologischen Zusammenhang unterrichtet meine Disser-
z. T. gegensätzlichster Bedeutungen, die Kant nicht selten in einem Satz tation "Der Terminus transszendental in seiner historischen Entwicklung
durcheinanderwirft. bis zu Kant". Marburg 1920.
202 Tmnsszendent und TransszendentaL Transszendent und TransszendentaI. 203

nisbegriffs. Das Motiv der Transszendentalphilosophie geht - auf tiefere Betrachtung gerückt werden. Die "Idee des Guten" grein
der andern Seite im Gegensatz zur Philosophie des "Gegenstands", nicht bloß formal über die idealen Wissenschaftsgrundlegungen
zur "Metaphysik der Natur" und ,~der Sitten'" - auf die innere (um nur diese eine Seite der Platonischen Idee herauszuheben)
Systematik der Erkenntnis des Gegenstandes überhaupt. Das hinaus, indem sie gleichsam die Monarchie des "Logischen selbst"
bringt als "allgemeine Aufgabe" die Frage: "Wie sind synthetische durch sich verbürgt und darstellt, sondern sie ist darin zugleich
Sätze apriori möglich?" zum Bewußtsein; und das führt im Ver- Ausdruck einer "metaphysischen" Schöpfungsmacht, vielleicht gar
folg dieser Aufgabe die "Verbindlichkeit" für die Transszendental- ),transszendenter" Urgrund in sich selbst. Die "Idee des Guten"
philosophie mit sich, "ihre Begriffe nach einem Prinzip aufzu- ist nicht bloß der kaum sichtbare Gipfel einer ansteigenden Linie)
suchen, weil sie aus dem Verstande als absoluter Einheit rein Ausdruck souveräner Reinheit und jenseitiger Unberührtheit~ sie
und unvermischt entspringen und daher selbst nach einem Be- ist durchaus auch der Ursprung einer absteigenden Linie, aus
griffe oder Idee unter sich zusammenhängen müssen". Die be- dem allem Niederen erst Wesen und Wachstum zukommt. Am
sondere Fassung dieses Satzes drängt freilich den Zweifel auf, "überhimmlischen Ort" "befiedert" sich im Umschwung des Welt-
ob der "Verstand'" diese "absolute Einheit" sein kann und ob laufs immer wieder alles in den Kosmos gebannte, also von "dort'"
infolgedessen eine "transszendentale Deduktion der Kategorien" Entsprungene; in dem Übersein der Idee des Guten empfängt
- zumal in der Ausführung~ die Kant ihr angedeihen läßt - nicht die "Gemeinschaft" der Sonderideen erst ihre zeugende Macht.
eine verhängnisvolle Beschränkung oder Verengung der trans- Die ursprüngliche Schau gibt dem spannungsreichen Ideendenken
szendentalen Aufgabe bedeutet; ob nicht genau an diesem Punkte erst seine autonome' Gewißheit. Die Anamnesis erst verbürgt
die Transszendentalphilosophie zu dem Zwitterding einer trans- die "Wissenschaft". Die "Dialektik" kann sich nur auf den
szendentalen Kritik des "theoretischen" Bewußtseins sich Wegen des Seins wissen, weil der transszendente Ursprung in ihr
entwickelt, dern dann eine "praktische" und schließlich "ästhetisch- sich bekundet. Die politische Kritik kann nur von solch un-
teleologische" Sphäre sich entgegen- und wohl gar überordnet erbittlicher Härte und bewegender Entschiedenheit sein, weil als
und dem damit am Ende eine neue, sehr viel weitergreifende ihr Nerv die Idee des Guten sich auswirkt. Die Ideenlehre hat
transszendentale Aufgabe sich stellt, wie Kant sie in seinen letzten nur solange Bestand, als sie "Transszendentalphilosophie" in denl
Lebensjahren vergeblich zu bewältigen suchte. Aber dieser Zweifel, so bedeuteten Sinn ist. Wo diese ihre jenseitige Bindung fehlt
der sich gegen die besondere Durchführung des transszendentalen oder gelockert ist, ist sie wesentlich zerbrochen und der Auflösung
Entwurfs Kants richtet, kann in seinen Folgen durchgedacht die preisgegeben, wie das Beispiel des Aristoteles es bezeugt 1).
soeben umrissene Abzweckung der Transszendentalphilosophie nur Diese andere Seite der "transszendentalen " Grundlegung tritt
um so einleuchtender machen. "Nicht eine jede Erkenntnis noch viel mächtiger in der mittelalterlichen Metaphysik zutage.
apriori" kann transzendental heißen; nicht der "Raum" oder Vielleicht ist bei Platon doch die avaßumc das Beherrschende, die
"irgendeine geometrische Bestimmung desselben apriori" ist eine Sehnsucht hinauf zur strahlenden - aber doch eben strahlenden -
"transszendentale Vorstellung", nicht - könnte man fortfahren - Sonne. Für die christliche \Velt ist das Transszendente als wir-
die bestimmte Kategorie ist ein transszendentaler Begriff, sondern kende Kraft "offenbar" geworden. Gott ist Mensch, ist "dieser
nur die "Erkenntnis apriori" , "dadurch wir erkennen, daß und einzige Mensch Jesus von Nazareth" geworden. Das Jenseits
wie gewisse Vorstellungen (Anschauungen oder Begri:ffe) lediglich greift unmittelbar zeugniskräftig in das menschliche Geschehen
apriori angewandt 'werden oder möglich sind". Der transszenden- ein. Es ist aus der Sphäre der Spekulation befreit und in voller
tale Gesichtspunkt fordert die Erhebung über die UTI06E<YElC; der Anschaulichkeit unter die JVIenschen getreten und bestimmt das
Erfahrungswissenschaften, er "betrifft nicht die Beziehung der Leben in seiner konkreten Gestalt.
Erkenntnisse auf ihren Gegenstand", sondern er führt in die Für Platon eröffnet das Denken oder die Schau durch Er-
Gesetzlichkeit der Erkenntnis als Erkenntnis hinein; in ihm er- scheinungswelt und Ideenordnung hindurch den Zugang zum Ur-
öffnet sich die Fragestellung einer "Wissenschaftslehre" oder sprung, der dann freilich auch weltverwandelnder Ursprung wird.
einer "Logik der Philosophie". 1) Die Darstellung J aegers (. :\ristoteles. Berlin 1923) macht das
Schon das Platonische ETIEKElVa will aber noch lmter eIne en twicklungsgeschich Weh deutlich.
204 Transszelldent und Transszendental. Trallsszendent und TransszendenblJ. 205
Das Mittelalter setzt dagegen ein mit einer transszendenten Tat- gebracht werden. Transszendentale Rechtfertigung besagt durch-
sache, ihm ist der \Veg der Philosophie nicht die die Sicht erst aus, daß das Bedingte im Unbedingten allein gegründet werden
eräfInende "Durchschau '\ sondern das Jenseits ist vorausgesetzt kann. Diese zweite Seite der Transszendentalphilosophie gipfelt
und bildet sich für die transszendentalphilosophische Besinnung bei Kant in der nIdee von einem All der Realität", die als "trans-
nur ab; die göttliche Trinität spiegelt sich in der dunklen "Spur" szendentales Substratum" allem "Denken der Gegenstände über-
des transszendentalen Dreiklangs. Jedenfalls aber ist das auch haupt" und zwar "als das einzige eigentliche Ideal, dessen die
bei jedem Verzicht auf wirkliche Aufrollung der methodischen menschliche Vernunft fähig ist", zugrunde liegt. Die trans-
Fragestellung der mittelalterlichen Metaphysik deutlich, daß hier szendentale Dialektik bedeutet in logischer wie in gegenständ-
das zweite Motiv der Transszendentalphilosophie, die Bindung und licher Rücksicht durchaus den Höhepunkt der Transszendental-
Sicherung alles Menschlichen im Transszendenten weit entschei- philosophie; und nur die KampfsteIlung gegen die transszendental-
dender noch als bei Platon mitwir kt. philosophische Dogmatik zuletzt der Wolffischen Schule kann das
Vielleicht wird dem IVlittelalter gegenüber die Berechtigung~ äußerlich verkennen lassen. Die Transszendentalphilosophie reali-
von Transszendentalphilosophie zu sprechen, grundsätzlich he- siert sich für Kant tatsächlich als transszendentale Kritik. Das
zweifelt. Indessen historisch ist die Differenz von transszendent bedingt weitl?-in ihre transszendentalphilosophische Unentschieden-
und transszendental eine rein grammatische. H i e r gilt sachlich heit im systematischen Betracht; es ermöglichte aber ebenso
jene Kantische Scheidung. Der Terminus des Transszendentalen sehr ihre zeitgeschichtliche Durchschlagskraft den verstiegenen
wird da von uns gebraucht, wo das logische Interesse zu einem Ansprüchen jener Dogmatik gegenüber. . .
Anstieg zu oder zu einer Herleitung aus dem Transszendentell Für die Geschichte der Transszendentalphllosophle bedeutet
führt. Nur wer dem l\1ittelalter jedes logisch-philosophische die kritische Haltung Kants das Entscheidende. Das transszenden-
Eigeninteresse abspricht, könnte daher seiner Metaphysik, insoweit tale Substrat ist für die Philosophie nicht gegenständlich realisier-
sie sich in den Transszendentien verankert, auch den Namen der bar. Wäre es das, so wäre es außerst,ande das zu leisten, was
Transszendentalphilosophie streitig machen. gerade transszendental erfordert ist. Es würde selbst in die Be-
Daß bei Kant dieser Begriff eine sehr eigentümliche und sehr dingtheit der rationalen Satzung einbezogen u~d vermöchte ~icht
andersartige Prägung empfängt, wird gerade diesem zweiten Motiv das Verfahren der Rationalität überhaupt aus SICh zu rechtfertIgen. ..
gegenüber deutlich. Um dies Eigentümliche in seiner ganzen Wollte man von der transszendentalen Idee eines Alls der Realität
Tragweite zu ermessen, ist es aber doppelt wichtig, sich vor Augen einen "Gebrauch" machen (welches Wort bei Kant überall in
zu halten, daß Transszendentalphilosophie als solche nicht eine terminologischer Bestimmtheit gegenständliche Realisierung be-
Kantische Entdeckung, sondern ein nie ganz verlorengegangenes sagt), und es als "Gegenstand" einer "tra:r;ts~zendent~len Theologie"
Anliegen der abendländischen Philosophie überhaupt war. "Gott" nennen, so würde man den· knbschen SInn ~es Trans-
Auch bei Kant ist der Rückgang aufs Transszendentale mehr szendentalen preisgeben. "Denn die Vernunft legte SIe nur als
als eine letzte logische Selbstsicherung. Die transszendentale den Begriff von aller Realität der durchgängigen Bestimmung
Rechtfertigung allein gewährleistet den sinnvollen Bezug des der Dinge überhaupt zum Grunde, ohne zu verlangen, daß alle
Apriori auf die Gegenstände der Erfahrung. Gegenüber dem diese Realität objektiv gegeben sei und selbst ein Ding ausmache".
:Mittelalter ist die gänzlich verwandelte Schätzung der Erfahrungs- Nur diese kritische Entschlossenheit läßt uns in Kant sowohl
welt des Menschen im weitesten Sinn eingetreten. Und wie dem der griechischen wie der scholastischen Haltu.ng geg.enü~er ~i~e
deutschen Denken seit Nicolaus Cusanus und Leibniz die In- historische Umwertung der TransszendentalphIlosophle SICh vOll-
beziehungsetzung von "Humanität" und "Glaube" am Herzen ziehen sehen, die wir schärfstens im Auge behalten müssen,
Jag, so ruht auch Kant nicht eher, als bis er die radikale Grün- wenn wir uns der Lockung entziehen wollen, Hegel als den eigent-
dung der Erfahrung vollzogen hat, die nicht anders als durch lichen Höhepunkt der deutschen Transszendentalphilosophie zu
transszendentale Besinnung geschehen kann. begreifen. _
Der Sinncharakter des Transszendentalen darf dabei nicht Diese Lockung besteht nicht ohne Grund. Nachdem durch
um den von ihm eingeschlossenen Nerv des Transszendenten Kant das transszendentale Motiv Init seinen konstruktiven An-
206 Transszendent und Transszendental. Transszendent und Transszendental. 207

reizen ,:ieder ~rsc?losse?- war, nachdem in ihm der Systemgeist tät des Apriorischen steht in Frage und bedarf immerfort gründ-
der ~hIlos~phie slCh wIeder erneuern konnte, hat die junge Ge- lichster methodischer Sicherung. Die Philosophie - das ist der
n~ratIOn leIde?-schaftlich Gebrauch davon gemacht. Von Fichte Sinn des echten Transszendentalismus - soll nicht dem Re-
Ins zu !legel 1St mah .si~h des 1~ransszendentalphilosophischen ligiösen seinen Ort anweisen, sondern sie soll als Philosophie
GrundsInns der KantIscnen Pmlosophie bewußt geblieben den sich aus dem Transszendenten rechtfertigen. Das geschah im
der N~ukantianismus so lange fast ganz unbeachtet gelasse~ hat. Wandel der Zeiten auf sehr verschiedene Weise. Die kritische
Aber Indem man einseitig nur die zuerst hervorgehobene Linie Philosophie fand es notwendig, gerade um des willen ihr trans-
de~ Tran~szendent.alen ~rfaßte und die Schöpfungssehnsucht des szendentales Fundament von jeder "dinglichen" oder "n"leta-
p.hdosophlsch81~ EIfer~ In der Transszendentalität des Logischen physischen", "theologischen" Substantialität rein zu halten.
sI,ch vo~l auswIrken heß, übersah man das Zweite, daß nämlich In dieser kritischen Darstellung der Transszendentalphiloso-
dIe K(lTaßaat~ zum Gegenstand die unerbittliche AnerkennunG' der phie scheint daher tatsächlich die Paradoxie aufgehoben oder
Transszendenz des Alls der Realität als eines Gegenstande~ zur gemildert, die den Ausgangspunkt dieser Betrachtung abgab.
~ orausse~z~ng hat. Die kritische Transszendentalphilosophie nluß Gerade die Gründung im Transszendenten fordert ja die
~lCht nur In Ihrer Aus wir k u n g der transszendentalen Konstruktion Vermeidung jeder Ontisierung der transszendentalen Grund-
SlC~ enthalten; sie muß auch im Eie me nt des Transszendental- legung. Aber in Wirklichkeit besteht die Paradoxie ungeschwächt
loglsc~en ~elbst die Beziehung auf den Gegenstand dadurch wahren, fort. Vielmehr jetzt erst ist sie auf ihre schroffste Form gebracht.
da~ SIe slCh der "Idealität" ihrer eigenen Grundlegung bewußt Inwiefern darf eine Grundlegung transszendental zu sein bean-
bleIbt. Nur ~~ vermag si~ die "empirische Realität" zu begründen, spruchen, die doch ganz im Rahmen der Humanität und zwar
welche empIrIsche RealItät in der Kritik der reinen Vernunft der Logik des "Gegenstandes überhaupt" zu bleiben sich
fre~lich viel zu e~g auf die Naturerfahrung bezogen bleibt, aber zum erklärten Ziel setzt? So· richtet sich die Paradoxie
glelC~wohl ~en, eIgentlich. kritischen vViderhalt gegen "idealisti- nicht in einzelnen letzten Grundlagen des Philosophierens
sche VerfluchtIgung abgIbt. . auf, wie etwa im Mittelalter; die ganze Philosophie selber
Di.e tran~szend~ntalphilosophische Aufgabe ist für die Gegen- ist von der Paradoxie bedroht. Wie kann Philosophie
wart elI~deutlg dahl~ gestellt: unter Anerkennung der kritischen Transszendentalphilosophie zu sein vorgeben? Die Naivetät
Revol~tlOn Kants dIe transszendentale Grundlegung seines Den- transszendenter Spekulation ist durchschaut. Auch die Theologie
k~ns .In voller Umspannung zur Durchführung zu bringen. Die der "Transszendentien" hält der "Kritik" nicht stand. Nun
WIrklIche Wahrung der Transszendentalität der philosophischen aber zeigt sich, daß das ganze Faktum auch der "kritischen"
Grundlegung fordert für uns den Verzicht, nicht nur das Trans- Transszendentalphilosophie unter einer unbegreiflichen Paradoxie
szendente spekulativ zu umgrenzen und zu erdichten sondern. steht. Hat aber dann nicht J acobi recht? Ist es dann nicht
noch viel ernster, im "Logos selbst" es sich auswirken 'zu lassen: besser offen einzugestehen, daß Philosophie eben wirklich Glau-
Weder gegenständlich noch logisch kann das Transszendente in benssache ist und daß jeder Versuch, nkritisch" zu sein, nur die
"Erscheinung" treten) wenn der Grundhaltung einer trans- Sachlage verschleiert? 'Vas nützt es, die Autonomie der Ver-
szendentalen Rechtfertigung der Gesamterfahrung der Gesamt- nunft bis in ihre letzten Möglichkeiten zu verfechten, wenn am
gegenständlichkeit entsprochen werden soll. ' Ende doch das Ganze dieser Selbstgesetzgebung des Denkens ein
abgründiger Schein ist? Ist dann nicht sogar die Philosophie
* * des Transszendenten wiederum gerechtfertigt, wenn sie auch die
* Dinge "auf den Kopf" stellt? Insofern jetzt sich doch ergibt,
Von dieser E~twicklung. ~er t:ansszendentalphilosophischen daß auch die menschliche Konstruktion gar nichts anderes vermag,
Halt.un? a~s erschemt nun freII~ch dIe Frage nach einem religiösen als wozu sie durch ihre "letzte" Fundiertheit "ermächtigt" ist?
a prIO~I, ~Ie man doch gerade In Konsequenz der kritischen Phi- Aber offenbar führt dieser Einwand nicht weiter. Er bringt
lo~ophI~ SICh ~te!lte, im verschärften Maß als in sich widersinnig. uns nur zum Bewußtsein, daß irgendwie die Problemebene, von
NlCht eIn a prIOr! der Transszendenz, sondern die Transszendentali- der aus über das Mit- und Gegeneinander von Transszendenz und
208 Transszendent und Transszendental. Transszendent und Transszendental. 209
Transszendentalphilosophie etwas ausgemacht werden könnte, noch Eine transszendentale Begründung wird weder vom Empirisch-
nicht gewonnen ist. Immerhin darf dies zunächst formal gegen Besonderen noch vom Rational-Bedingten her zu leisten sein.
das scheinbar Bedrohliche der jetzt sich ergebenden Lage gesagt Wo die Natur, die Sittlichkeit, die Kunst, die gesamte historisch-
,verden : Die Relativierung, die die transszendente Überschattung politisch-wirtschaftliche Welt in Frage steht, aber wo auch, dar-
oder Überlichtung alles Philosophierens für dieses im Gefolge zu über hinausgreifend vielleicht, Geist und Kirche, ja selbst Re-
11aben scheint, geht an ihrer eigenen Beeinträchtigung des echten ligion in irgendeiner empirischen Verfassung, mag sie noch so
Jenseits wiederum zugrunde. Denn wenn eine "bestimmte" Lö- zugespitzt und entscheidend scheinen, sich uns darstellen, werden
sung betroffen ist, dann ist offenbar ebenso sehr die "Unbestimmt- sie der Philosophie eine vielleicht ,'viederum sehr zugespitzte und
heit" der Lösung betroffen, da dieser Gegensatz wiederum durch- entscheidende Aufgabe stellen, werden sie vielleicht tiefgreifende
aus im Rational-Menschlichen bleibt. Und daher wird es gut \iVandlungen im Begriff der Philosophie hervorrufen, keinesfalls
sein, die Geschichte der Transszendentalphilosophie so gut wie wird von ihnen aus der transszendentale Charakter der Philoso-
die Geschichte der theologischen Entwickelung in ihrer Faktizität phie betroffen oder gar bestimmt werden können. Die trans-
hinzunehmen und deren - wenn auch menschliche - Logik szendentale Fragestellung überschreitet schlechthin je d e Be-
vorerst anzuerkennen; und statt ins Unbestimmte uns zu ver- sonderung der "gegenständlichen" "Erfahrung" und fordert den
flüchtigen, das Eindeutige und sehr Bestimmte, was die augen- Bezug auf Gegenständlichkeit, auf Erfahrung "überhaupt"; ~l:r
blickliche "theologische'~ Entwickelung und die bisher schärfste könnte nur genügt werden im Hinblick auf einen all es EmpIrI-
Ausprägung des Sinns der Transszendental philosophie darstellt, sche umgreifenden "transszendentalen" Gegenstand.
gegeneinanderzuhalten; und so Transszendenz und Transszenden- Aber auch nach Seiten der logischen Begründung des Gegen-
talismus in dieser deutlichen Lage aneinander zu messen. ständlichen vermöchte keine irgendwie geartete besondere Forin
Die Frage lautet dann so: Hat die dialektische Theologie der Rationalität dem transszendentalen Anspruch Genüge zu
uns als Menschen etwas zu sagen; und zwar uns als jedenfalls leisten. Kantisch gesprochen würden daher weder "Verstand"
philosophierenden Menschen? Hat - auf der andern Seite - noch "Vernunft" noch "Urteilskraft" von auszeichnend trans-
die kritische Transszendentalphilosophie irgendeine Berechtigung, szendentaler Struktur sein können. Weder die bestimmte Ka-
sich als im Jenseits ihrer selbst gegründet anzusehen? Oder tegorie noch die bestimmte Idee oder die bestimmte Urteilskraft,
indem wir beide Fragen in eine zusammennehmen: Hat die auf aber auch nicht Kategorie, Idee oder Urteilskraft als Gattungs-
doppelte Art sich herstellende Paradoxie etwas zu "bedeuten"? begriff einer besonderen Funktion des Logischen, sondern nur
Und wenn ja: liegt in dieser "Bedeutung" zugleich ein Hin\veis ein sie insgesamt umgreifendes und vielleicht organisierendes
auf eine irgendwie geartete "Berührung" von Theologie und Phi- "Logisches selbst" könnte Transszendentalphilosophie ermöglichen.
losophie? HBedeutet" die Paradoxie etwas in beiderlei Gestalt, Etwas der "transszendentalen Einheit der Apperzeption" Ent-
und haben diese Bedeutungen in diesem Fall irgend einen Zu- sprechendes könnte allein das transszendentale Apriori der Phi-
sammenhang? Was "bedeutet" die Verkündigung der Trans- losophie sein.
szendenz und die transszendentale Grundlegung der Philosophie, Aber auch transszendentales Apriori und transszendentaler
und was für Beziehungen gibt es zwischen Jenem und Diesem? Gegenstand, so wie sie auf der Grundlage der kritischen P~iloso­
Kann jene "Dialektik"' des Theologen noch einen andern phie als mögliche Probleme nicht gegeben aber doch postuherbar
Sinn haben, den die dialektische Selbsterkenntnis nicht in Frage sind, können jedes für sich nicht den Sinn des Transszendentalen
zu steHen vermöchte? Und kann die transszendentale Grund- erfüllen. Denn wollte man vom Logischen her die Philosophie
legung einen Sinn behalten, auch ohne daß die "ernst genommene" transszendental rechtfertigen, so würde man notwendig in eine
Transszendenz jeden transszendentalen Anspruch als illusorisch formale Konstruktion geraten, die ohne allen gegenständlichen
erwiese? Es wird gut sein, mit diesem letzten zu beginnen, weil Gehalt wäre. Oder aber man müßte das Logische zuvor sun-
hier der Ausgangspunkt vielleicht klarer zutageliegt. vVelches ist stanzialisieren, d. h. vergegenständlichen, müßte im Logos den
der transszendentale Anspruch, wie er auf dem Boden der kriti- Gegenstand "an sich" produzieren oder doch erfassen können,
schen Philosophie allein sinnvoll und möglich bleibt? damit die Identität des Logischen und Gegenständlichen voraus-
Natorp-l"estschrift. 14 .
210 Transszendent und TransszendentaL Transszendent und Transszendental. 211
setzend, die doch die Problematik nicht transszendental be- währleistung dieser Entscheidung zu geben versucht würde. Die
gründen, sondern durch einen naiv metaphysischen Machtspruch transszendentale Hauptfrage ist der höchste Punkt, über den
erledigen würde. Ebensowenig kann einseitig der transszendentale gar nicht hinausgefragt werden kann, sondern in dem die Fülle
Gegenstand für eine transszendentale Gründung der Philosophie aller möglichen sonstigen Fragen und damit auch die Gesamtheit
einstehen; ja dieser Ausweg muß sich im verschärften Maß als aller sonstigen transszelldentalen Fragen gestellt sind. Nicht die
ungangbar herausstellen, weil nur für die transszendentallogische transszendentale Kategorienlehre als das System der transszenden-
Fragestellung der transszendentale Gegenstand einen zum we- talen Apriorität und nicht die transszendentale Ideenlehre als das
nigsten als Problem faßbaren Sinn gewinnt; eine auf ihm fußende System der transszendentalen Gegenständlichkeit geben die Grund-
"Grundlegung~' daher in völliger "Dunkelheit" bleiben, als gänz- lagen der wirklichen Transszendentalphilosophie ab, sondern allein
lich "blind" sich herausstellen würde. die Anerkennung der transszendentalen Hauptfrage kann ihrer-
Dann aber kann nur die faktische Verbundenheit von Logos seits das Problem einer transszendentalen Kategorien- und Ideen-
und Gegenstand, ursprünglich daher die faktische Verbundenheit lehre aufrollen.
von Transszendentalapriori und Transszendentalgegenstand als das Vlie sie das leisten würde und wie schwerwiegend damit die
nicht weiter abzuleitende "transszendentale Urphänomen" zu GrundlaO'en der Kantischen Kategorienlehre erschüttert würden!
geiten haben. Urphänomen kann diese Verbundenheit indessen darf hie~ nicht in Erwägung gezogen werden. Soviel leuchtet
nur sein, wenn sie nicht als ein Wechselverhältnis zwischen zwei ohne weiteres ein, daß das System der Kategorien nicht nur
für sich gegebenen "Realitäten" sich darstellt, sondern als ur- als System "offenes System" bleiben muß, sondern daß auel)
sprüngliche Verbundenheit das in ihr Verbundene erst aus sich der kategoriale Ansatz als solcher jedes Anspruchs auf gegen-
hm'aussetzt. Die Spannung in aller empirischen Besinnung zwischen ständlich sich erfüllende Apriorität verlustig geht. Hier kommt
einem sinngebenden und einem sinnfordernden Element, ohne die es einziO' auf die letztentscheidende Erkenntnis an, daß trans-
die nie getane Tat der Besinnung ermatten müßte, ist auch von szendentale Rechtfertigung unter Ausschaltung jeder rationalen
der transszendentalen Formulierung der Sinnfrage unablösbar; oder gegenständlichen Verabsolutierung lediglich die stets neu zu.
aber das Fundierende ist eben diese Spannung selbst. die "formu- leistende Selbsteinsetzung der Philosophie als solcher gewähr-
liert" erst und damit "einseitig", eben "rational" ausgedrückt, leistet. In Erinnerung an den Platonischen Philebos ließe sich
als Spannung zwischen zwei sich gegenüberstehenden "Realitäten H das dahin verdeutlichen, daß nicht iQ den drei Prinzipien der
erscheint. Grenze, des Unbegrenzten und des aus beiden Zusammengemisch-
Die "transszendentale Hauptfrage" würde bei dieser Sach- ten, sondern einzig in dem deren Verbundenheit insgesamt Ver-
lage daher. nicht lauten können: "Wie sind synthetische Urteile ursachenden die transszendentale Grundlegung sich vollziehen
apriori möglich?'" Denn in dieser Fragestellung scheint die bloß kann. Sie selbst aber darf schlechterdings nicht als ein besonderer
bedingte Geltung des apriorischen, d. h. des rationalen Faktors logischer Akt angesehen werden, da sie erklärtermaßen gerade
verkannt, scheint das apriori ohne weiteres transszendental le- diesen Irrtum aus dem Grunde überwinden muß. Die Trans-
gitimiert zu sein und das entscheidende Problem lediglich in der szendentalphilosophie darf auf keine Weise für eine besondere
Erstreckung seiner Gültigkeit auf ein nur durch Synthesis in es Veranstaltung der Philosophie angesehen werden, da sie doch
einzubeziehendes Anderes, eben das Gegenständliche zu bestehen. Philosophie insgesamt und zwar transszendental ermöglichen solL
Hier aber stoßen wir gerade auf den Punkt, ,vo Kants Frage- Diese Ermöglichung kann nur - negativ in der \Varnung, irgend-
stellung und Lösung in einem rationalen Vorurteil befangen bleibt. eine bestimmte Umgrenzung des Gegenstandes durch das Denken
Das apriori wie der Gegenstand müssen selber erst transszendental für die Verwirklichung der Philosophie zu halten, - positiv
"deduziert" werden durch das sie zueinander in Beziehung setzende in dem Hinweis bestehen, daß die Wirklichkeit der Philosophie
"vVirkliche", das wir als Urphänomen bezeichneten. "Wie sind die Auswirkung jener alles in sich tragenden Aitia ist, daß sie
apriori und Gegenstand als Synthesis wirklich?" In dieser Frage die Wirklichkeit jener Synthesis ist, durch die Denken und Sein
liegt die Entscheidung, die aber nicht durch eine Antwort herbei- in Spannung gegeneinander treten, daß sie in dem ungeendeten,
geführt werden kann, in der selbst wieder eine apriorische Ge- obzwar stets erfüllten "Leben" dieser Synthesis mitten inne steht.
14*
Transszendent und Transszendental.
Transszendent und Transszendental. 213
212
Das ist das höchste, was in den Grenzen "kritischer" Betrachtung Sie "offenbart" sich allenfalls in der unangefochtenen transszen-
die tran~szendentale Begründung für die Philosophie zu besagen dentalen Energie, kraft der Philosophie als seinserO"reifende Sinn-
gebung sich stets neu als ein unzerstörbar J et~iges erschafft.
hat. ~Ie ~::an~szen~entalphil?sophie. hat als grundlegende Auf-
gabe, dIe V~ IrklIchkeIt der PhIlosophIe zu verbürgen, alles fakti- Die zweite Frage ist danach verhältnismäßig einfach ge-
s.che ~hilosophieren vor die Entscheidung seiner eigentlichen Wirk- klärt. Die "transszendente Dialektik" hat nur dann den Menschen
etwas zu sagen, y{enn sie jedes \tVetteiferns mit philosophischer
lIchkeIt zu stellen, die im Faktischen in nichts anderem besteht
Erkenntnis sich enthält; wenn sie mit ihrer Dialektik nichts
als in .der. Nöti~ung zu stets erneuter Selbstverwirklichung.
Menschliches aufzurichten oder zu zerstören vorgibt. So wie der
. MIt dI~ser mcht ausschöpfenden und erst recht nicht systema-
tIsch entWIckelnden, sondern lediglich das Problem als solches vervmndelte Sinn der transszendentalen "Ermächtigung" der
aufweisenden KlarsteIlung ist die Frage, was die Transszendenz Philosophie gerade das besagt: Es darf keine Brücke geben, die
d~n ~ogen. vom Jenseitigen zum Hiesigen spannte; so vermag
i~ ~inblick .auf die ~ransszendentalphilosophie bedeutet, grund-
~le DIalektIk des Theologen nur dann etwas Selbsteignes durch
~atzl.ICh bereIts entschI~den. Von der Transszendentalphilosophie
Jn dIe Transszendenz sIch flüchten würde nichts anderes heißen SICh zu bezeugen, wenn sie die Illusion ihres menschlichen Sprechens
als die echte Bewährung jener Aitia dadurch zunichte machen' durchschaut; wenn sie daher auch auf die Paradoxie sich nichts
daß man sich vermißt, diese Aitia an einer bestimmten Stell~ zugute tut und nicht sich zu dem Wahn versteigt, in ihr ein be-
quemes Mittel zu haben, um vom Jenseitigen her alles Mensch-
und mi.t sehr ~estimmten ~bsichten in die philosophische Rech-
nung elllzubeZlehen. DamIt aber überspannt man das der Phi- liche in Frage stellen zu können. Vollends aber \vürde diese Dialek-
losophie Mögliche und verschließt sich vor jeder wirklichen Offen- ti.k als "elende" Philosophie sich enthüllen, wenn sie gar über
barung der Transszendenz. Die unverzagte und unangefochtene dIe "Sündhaftigkeit" alles Menschlichen meinte den Stab brechen
Behauptung der Philosophie, wie sie das angedeutete Ziel der zu dürfen. Das wäre etwas, was "vor Gott nicht erlaubt" wäre.
wenn nicht diese Art zu reden in sich selbst allzumenschlich~
transszendental-kritischen Bemühung ist, ist daher in Wahrheit
zugleich die Anerkennung ihrer Gegründetheit im Jenseits ihrer Torheit verriete.
selbst. Nicht zwar ist sie imstande oder darf sie willens sein Ist es hingegen wirklich eine Tatsache, daß das Zeugnis vom
diese ihre Gegründetheit positiv zu erhellen. Dieser Versuch Jenseitigen, wo es übermächtig sich uns zuwendet. in harten
:nüßte sich immer 'wieder als der im Letzten gleichsinnige Ah\veg Widersprüchen zu uns redet und die Sprache der ~enschEchen
herausstellen. Wo nur das Transszendente in den Rahmen einer Dialektik sucht, dann wird gerade das ein Zeichen ihrer Echtheit
philosophischen Begründung eingespannt wird, ist es von seinen sein, daß sie nicht als "legitime" Dialektik die Sache des Men-
schen als Menschen zu verdammen oder zu rechtfertiO'en beau-
Z~uber:r: gelöst... Nur insoweit. ~ie transszendentale Begründung
~Ie unelllgeschrankte Autonomislerung der Philosophie vollzieht,
sp:ucht, sondern daß sie durchaus uneigentliches ,;Ve:kzeug zu
lS~ da~er den:- T:ansszendenten kein Abbruch getan; darf daher
seIn begehrt. Heraklit sagt einmal: "Der Herr, der das Orakel
ch.e PhIlosophIe .sIch wahrhaftig im Jenseits ihrer selbst gegründet in Delphi besitzt, sagt nichts und birgt nichts, sondern er deutet
WIssen; so geWIß dieses Wissen nicht anders denn durch .Offen- an (nUTE AErEl oun: KPUrrTEt &AAd cJl1,uaivEl)". Das ,vird auch das
barung" dem philosophierenden Menschen sich erfüllen könnte. Wahrzeichen jeder wirklichen dialektischen "VerständigunO""
Es ist daher hier noch notwendig, auf das in diesem Be- sein. Das in ihr Aufgerichtete ist nicht im menschlichen Sin~e
tracht irreführende Heranziehen der Platonischen Aitia hinzu- aufgerichtet; und das in ihr Vernichtete ist nicht im menschlichen
deuten. Bei Platon ist wenigstens der Schein nicht vermieden Sinne vernichtet. Sondern alles Aufrichten und Vernichten will
~ls ob i~. dieser Aitia das Transszendente selbst die Philosophi~ nur ein Hindeuten sein. Was in ihr seine Hindeutung ernpfängt,
llervorbrachte oder gewährleistete. In Wahrheit läßt sich diese das muß in ei~er methodologischen Erörterung gänzlich unaus-
Aitia g~r n.icht .als etwas anderes behaupten denn als das, was gesprochen bleIben. Es ist ihr gleichviel, ob dieses "Andere"
als "WIrklIchkeIt" der unüberwindliche ''Viderstand jedweden das ,,~ine allein Weise" genannt wird oder ob es in anderen Zungen
Fragens und Rechtfertigens bleiben muß. Die Transszendenz von SICh reden macht. So wie das Transszendentale ernst ge-
vermag auf keine Weise ein Notanker der Philosophie zu werden. nommen und radikal verstanden das Transszendente nicht in sich
214 Transszendent und TransszendentaL

einbegreifen wollen darf, so darf das Transszendente oder doch


aus seiner Kraft Verlautbarte nicht das Menschliche in seiner
:Menschlichkeit zu treffen glauben. Seine Verlautbarungen sind
Gleichnisse, die hindeuten, aber nicht Sprüche und \Vidersprüche,
die beweisen. Transszendentes und Transszendentales sind nur
in ihrer schlechthinnigen Geschiedenheit schlechthin verbunden;
nur ihre völlige Getrenntheit ermöglicht ihre völlige Verbundenheit.
Über Ehe und Ehescheidung.
Grundsätzliche Erörterungen
von
Rudolf Stammler.
1. Die Ehe als Rechtseinrichtung.
Die Frage der Ehe ist die Frage nach dem richtigen Ver-
hältnis der Geschlechter zueinander. Sie gehört zu den Er-
wägungen des sozialen Lebens und fordert eine rechtliche
Regelung nach Voraussetzungen und Folgen dieses Verhältnisses.
l'vlan kann zwar häufig lesen und hören, daß die Ehe ein
"sittliches" Verhältnis sei. Allein hierbei ist das Wort "sittlich'"
ohne scharfe Besinnung gebraucht und manchmal geradezu im
Sinne eines Schlagwortes verwendet. Überlegen wir näher, was
es heißen soll, so zeigt sich, daß der genannte Ausdruck zwei
Bedeutungen hat. Es kommt immer auf den Gegensatz an, in
dem er gebraucht wird. >

Einmal kann "sittlich" gebraucht "verden mit Rücksicht


auf den Charakter des Menschen und auf dessen Innenleben.
Hier steht seine innere Lauterkeit zur Erörterung. Alsdann haben
wir es mit einem Gegenstück zur sozialen Frage zu tun. In
dieser Richtung der Erwägung ist die Ehe zweifellos nicht eine
Betrachtung des "sittlichen" vVesens des Menschen, da zunächst
ja nicht seine gute Ge s in nun g als solche erwogen wird, sondern
das Zusammenleben und seine richtige Ordnung in Betracht
zu ziehen ist.
Zweitens kann das Wort "sittlich" aber auch soviel heißen,
wie grundsätzlich richtig. Bei dieser Bedeutung von "sittlich"
gehört ihm freilich auch die Ordnung der Ehe zu, nämlich als
eine Aufgabe, das Rechtsverhältnis der Ehe grundsätzlich
ri eh ti g zu behandeln. In solcher Richtung des Erwägens wonen
wir auch die Einrichtung der Ehe und im besonderen das Recht
der Ehescheidung im folgenden betrachten.
216 Ober Ehe uno Ehescheidung. Über Ehe und Ehescheidung. 217

tigung der Monogamie auf. "vViI' stellen sie hierher, weil sie gleich-
2. Begründung der monogamischen Ehe.
falls als Unterlage für unser Spezialthema, das Recht der Ehe-
Die prinzipiell allein begründete Ordnung des Vethältnisses scheidung, sich bedeutungsvoll zeigen muß. In der Zeit der Auf-
der Geschlec1Iter zueinander ist die monogamische Ehe. IdärunO' wurde die Kritik auch hierüber lebhaft. Als muster-
Die neuere Forschung hat sich vielfach mit der geschichtlichen gÜltigeOErörterung darf die Ausführung gelten, die Kant in seiner
Entwicklung der Monogamie beschäftigt. Es ist unter den Gelehrten Rechtslehre hierüber gegeben hat. Ihr Gedankengang ist der
streitig, ob es in prähistorischer Zeit ein sogenanntes 1\1 u t te 1'- folgende: In der geschlechtlichen Hingabe wird der l\1ensch selbst
re c h t gegeben habe. Eine besonders stark vertretellB Ansicht zur Sache und bloßes Mittel für das Begehren des Andern, "\velches
bejaht dieses und meint, daß weithin die "Gruppenehe" gegolten der Idee der Menschheit und der Achtung eines jeden Menschen
habe, wonach Männer und Weiber eines Stammes und einer Gruppe als Selbstzweck widerstreitet. Da andererseits der Mensch dabei
in freiem Verkehr gelebt hätten, so daß jeder zwar seine l\1utter, dem Naturtriebe folgt und die Bestimmung der Fortpflanzung
aber nicht seinen Vater gekannt habe. Aber das ist eine Hypothese, der Menschheit erfüllt, so fragt es sich, wie er diesenl anscheinenden
die von anderen bestritten wird, weil die Vertreter der erstgenannten Widerstreite entgehen kann. "Nur unter der einzigen Bedingung
Ansicht nur Rückschlüsse aus einzelnen abgerissenen Bemer- ist dieses möglich, daß, indem die eine Person von der andern~
kungen von Schriftstellern der geschichtlich übersehbaren Zeit gleich als Sache, erworben wird, diese gegenseitig wiederum
machen können. jene erwerbe, denn so gewinnt sie wiederum sich selbst zurück
In jedem Falle ist es eine Tatsache, daß bei den indogerma- und stellt ihre Persönlichkeit wieder her". (Kant, Metaphysik
nischen Völkern, soweit wir nur historisch zurückblicken können, der Sitten, 1797, I. Teil: Rechtslehre § 25).
irnmer die monogamische Ehe geherrscht hat, bei den semi-
tischen Völkern dagegen die Polygamie. Jedermann kennt aus
dem alten Testament die Geschichte von Jakob, der erst sieben 3. Ungültigkeit und Scheidung einer Ehe.
Jahre um Lea und dann weitere sieben Jahre um Rahel dienen
mußte, schließlich aber in selbstverständlicher Weise zwei legitime Aus der prinzipiellen Begründung der nlonogamischen Ehe:
Frauen erhielt. Und so weiter in einzelnen Beispielen, bis zu den '\\'ie sie soeben von uns gefaßt wurde, ergibt sich zugleich die not-
überaus zahlreichen Frauen des Königs Salomo. Im Koran werden v/endige Folgerung der Lebenslänglichkeit des ehelichen Bandes.
dem gläubigen Moslim vier legitime Frauen zugebilligt, mit der Die Möglichkeit, sich gegenseitig wieder zu erwerben und damit
IVIöglichkeit noch von Nebenfrauen. seine Persönlichkeit wieder herzustellen, würde von vornherein
Daß nun die Monogamie bei Griechen, Römern und Germanen ausgeschlossen sein, wenn die eheliche Verbindung auf eine be-
etwa aus früherer Polygamie her entstanden sei, dafür spricht stimmte Zeit oder unter einer auflösenden Bedingung hergestellt
nicht das geringste Zeugnis aus späterer Zeit. 'Vir können vielmehr werden sollte.
dort nur die Monogamie als durchgreifende Rechtseinl'ichtung Trotzdml1 "\vird es immer besondere Lagen geben, in denen
feststellen. Es mag von ihr gelegentliche Abweichungen gegeben die Trennung einer bestehenden Ehe allein richtig erscheinen muß.
haben und' Mißachten des so bestehenden Rechtes, wie es bei Es handelt sich schließlich hier ja, wie oben ausgeführt, um ein
jeder beliebigen rechtlichen Institution der Fall sein kane. und rechtliches Verhältnis zwischen zwei Menschen verschiedenen
leicht wirklich wird: aber als allgemeine Regel besteht bei den Geschlechtes. Ein Rechtsverhältnis aber bedeutet die Be-
genannten Völkern die monogamische Ehe zweifellos. stimmtheit eines vVillensinhaltes durch ein anderes Wollen. Seine
Auch ist es nicht etwa das Christentum, das sie eingefülut Eigenart wird nach geschichtlichen Rechtsordnungen in verschie-
hätte. Ihre Einrichtung reicht weit in die heidnische Zeit hinein} dener besonderer Weise ausgeführt. So stellt sich auch die Be-
und der Einfluß der Religion ist auf die Feststellung der Monogamie sonderheit des Rechtsverhältnisses der Ehe als eine bedingte
als solcher zunächst gering gewesen, hat die letztere jedenfalls Einrichtung dar. Wie es überhaupt keinen einzigen positiven
nicht erst gegenüber polygamem Leben bewirkt. Rechtssatz gibt, der in der Besonderheit seines Inhaltes von
Viel später kam erst eine kritische Besinnung über die Berech- absoluter Bedeutung wäre, so kann auch das Recht der Ehe nicht
218 iJlJer Ehe und Ehescheidung. Über Ehe und Ehescheidlulg. 219

nlit einem Satze oder mit yvenigen Sätzen ohne alle ~lodi:fikationen von selbst. Sie muß aber in allen anderen Fällen, als beiln Fehlen
aufgestellt werden. "ViI' brauchen auch hierbei bestimmte recht- der Form, durch Nichtigkeitsklage geltend gemacht werden; und
liche Normen als gesetzliche Erfordernisse für das Bestehen einer bei ungenügender Form ebenfalls, sobald die Ehe in das Heirats--
gültigen Ehe. Und diese Voraussetzungen betreffen dann einmal register eingetragen ist.
die Eingehung einer rechtswirksamen Ehe, sowohl in sachlichen Andere Gründe der Nichtigkeit einer Ehe gibt es nach deut-
Voraussetzungen, als auch in Beobachtung VOll Formalitäten, schem Rechte nicht. Es sind Fälle vorgekommen, da eine eheliche
und z\veitens die Möglichkeit einer Verneinung des rechtlichen Verbindung in scherzhafter "Veise eingegangen war, aber unter
Bestehens einer äußerlich geschlossenen Ehe. Auf dieses letzte \Vahrung der gesetzlichen Formalitäten. Eine solche Ehe würde
soll hier das Augenmerk gerichtet werden. ebenso gültig sein, wie die Verheiratung, die nur aus dem Grunde
Dabei ist zweierlei zu unterscheiden: die Ungültigkeit und geschieht, um eine bestimmte Staatsangehörigkeit und die daraus
die Scheidung einer Ehe. Die Ungültigkeit einer Ehe ist zu be- herfließenden vorteilhaften Folgen zu erlangen. ,Im besonderen
haupten, wenn bestimmte gesetzliche Voraussetzungen in denl ist zu bemerken, daß nach heutigem deutschen Zivilrechte eine
Augenblicke des Abschlusses der Ehe gefehlt haben; Mentalreservation ohne Einfluß auf die Gültigkeit und den Bestand
die Scheidung einer Ehe kommt in Frage, wenn ein dafür maß- der Ehe ist. Hier bleibt es bei den allgemeinen Sätzen, die für
geblicher Umstand während des Bestehens einer gültig die Mentalreservation im Vermögensrecht gelten. Dies ist nach
einge gange nen Ehe eingetreten ist. kanonischem Rechte anders. Schon im Corpus iuris canonici
'Verfen wir zunächst im Vorbeigehen einen Blick auf die findet sich die Entscheidung, daß eine Ehe nichtig ist, bei der der
mögliche Ungültigkeit einer Ehe, so tritt hervor, daß der Ab- eine Nupturient bei sich insgeheim den Vorbehalt macht, eine
schluß einer Ehe im Sinne eines Vertrages geschieht. Wenn man gültige Ehe garnicht eingehen zu wollen. Es folgt diese Ent-
das bestritten hat, so lag dem die Verwechselung zugrunde, daß scheidung (c. 26 X. 4, 1) aus der sakramentalen Natur der Ehe
man auf die Folgen dieses rechtlichen Aktes sah. Diese sind nach katholischem Kirchenrecht. Weil die Heiratenden sich das
freilich in ihrer familienrechtlichen Art und im Sinne der voll- Sakrament der Ehe spenden, so ist eine vollendete innere Hingabe
kommenen Lebensgemeinschaft von den einzelnen Rechten und eines jeden von ihnen zu fordern. Fehlt er dagegen, so hat seine
Pflichten von Vertragsgegnern durchaus verschieden. Aber in äußerliche Erklärung keine bindende Bedeutung, und es kann
den Voraussetzungen ergeben sich methodisch für die Ehe nur mit kirchlichen Strafmitteln gegen ihn vorgegangen werden.
die gleichen Fragen, wie für die Rechtsgeschäfte im allgemeinen. Die Bestimmung ist im neuen Codex iuris canonici von 1918
Die neueren Gesetzbücher ordnen jedoch die Voraussetzungen in 1086 § 1 wiederholt.
der Gültigkeit einer Ehe im Kapitel des Familienrechts. Die Die Anfechtbarkeit tritt nach heutigenl deutschen Rechte
Vorschriften des Allgemeinen Teiles finden dann hier keine An- ein, wenn der gesetzliche Vertreter des beschränkt Geschäfts-
yvendung. fähigen zu dem Eheschluß des letzteren nicht zugestimmt hat,
vVohl aber wiederholt sich aus den allgemeinen Lehren des :faUs ein Irrtum in der Sache oder ein Irrtum über wesentliche
Zivilrechtes her die Einteilung der Ungültigkeit in die Nichtigkeit Eigenschaften des anderen Teiles vorlag, wenn der eine Teil durch
und in die Anfechtbarkeit. Das Deutsche Bürgerliche Gesetzbuch arglistige Täuschung oder widerrechtlich durch Drohung zur-
kennt für jede dieser Arten der Ungültigkeit jeweils fünf Gründe. Abgabe der Eheerklärung bewogen wurde; endlich gilt, daß bei
vVir gehen sie in Kürze durch. der Wiederverheiratung jemandes, dessen seitherigel' Ehegatte
Eine Ehe ist nichtig: bei fehlender gesetzlicher Form, bei wegen Verschollel1heit gerichtlich fÜr tot· erklärt worden war,
Geschäftsunfähigkeit des einen Teils, im Falle der Bigamie und in Wahrheit aber noch lebte, jeder Ehegatte der neuen Ehe die
bei naher Verwandtschaft oder Schwägerschaft; dazu tritt die letztere anfechten kann, falls er das Leben des fälschlieh fur tot
Nichtigkeit einer Ehe zwischen einem wegen Ehebruchs geschie- Erklärten nicht gekannt hat.
denen Ehegatten mit dem Ehebrecher, wofür freilich Dispensation Die Anfechtung der Ehe erfolgt im Eheprozeß VOl' den
mit rückwirkender Kraft möglich ist. ordentlichen Gerichten mit Anfeehtungsklage. Sie muß binnen
Die Nichtigkeit einer Ehe besteht in den vorgenannten Fällen_ begrenzter Frist erhoben werden. Sie ist nicht vererblieh, so·
ÜbeT Ehe und Ehescheidung. Über Ehe und Ehescheidung. 221
220
daß beim Tode des Anfechtungsberechtigten seine Erben nicht aeschrieben ist. Die Folge ist hier Bestrafung des Standes-
mehr anfechten können. beamten oder Geistlichen, der die Eheschließung zuläßt. Dagegen
Die anfechtbare Ehe ist zunächst gültig. Durch die An- ist weder ein Grund der Ungültigkeit noch auch ein solcher der
fechtung wird sie nichtig von Anfang an. Diese Regelung des Scheidung damit gegeben.
modernen Rechtes war für das kanonische Recht nicht angängig.
Da es, wie schon bemerkt, die Ehe als Sakrament ansieht, so kann 4. Ehescheidung nach Römischem Recht.
e8 nicht wohl ein gespendetes Sakrament wegen eines bei der
Spendung begangenen Fehlers wieder streichen. Andererseits vVenn eine Ehe rechtsgültig abgeschlossen ist, so kann in sehl'
liegt auf der Hand, daß eine einfache Nichtigkeit in den eben beweaender Weise die Frage auftreten, welchen Einfluß ein nun-
angeführten Fällen der Anfechtbarkeit nicht am Platze ist. Sonst mehrbwährend des Bestandes der Ehe neu eintretender übler Um-
würde sich beispielsweise auch der Teil, der den andern Teil stand auf die Fortdauer des ehelichen Lebens rechtlich haben soll.
gezwungen oder arglistig getäuscht hat, nach Belieben auf die Es erscheint hier die eigentliche Frage der Ehescheidung. ~ie
Ungültigkeit der Ehe berufen können. So verfiel das kanonische ist von den verschiedenen Rechtssystemen in durchaus verschle-
Recht auf eine relative Nichtigkeit dieser Ehen, das heißt eine denem Sinne beantwortet worden, und sie führt zu höchst ein-
Nichtigkeit, auf die sich nur der eine Teil berufen kann. Anderer- dringlichen prinzipiellen Erwägungen. Wir wollen sie nach diesen
seits war eine besondere Anfechtung nach den für diese geltenden heiden Richtungen im folgenden betrachten.
Sätzen alsdann nicht erforderlich. Die relative Nichtigkeit ist Das Römische Recht hat in der Frage der Ehescheidung
im heutigen deutschen Eherecht nicht mehr verwendet: die so allezeit die systematische Auffassung befolgt, die eine moderne
aufgetretene juristische Kategorie ist aber in manchen Ver- Erörterung das System der "freien Liebe" nenne~ wür~e. Es
wickelungen des modernen Vermögensrechtes verwertet worden. kennzeichnet sich durch zweierlei: erstens durch eIne vOllendete
Im Falle einer nichtigen oder durch Anfechtung nichtig Freiheit, durch eine Freiheit, welche sogar weiterge~t, als die
gewordenen Ehe kann der eine Ehegatte, der den Ungültigkeits- Freiheit bei der Lösung eines rein vermögensrechthchen Ver-
grund nicht kannte, gegenüber dem anderen Teile, der schlechten hältnisses. Zweitens durch die vollständige Gleichstellung von
Glaubens war, eine Wahl ausüben, ob er anstatt der Nichtigkeit Mann und Frau in dieser Frage. .
der Ehe lieber die Angelegenheit so behandeln will, als ob die In der letzten Richtung unterschied sich das reine RömIsche
Ehe wegen Schuld des andern Ehegatten geschieden worden wäre; Recht durchaus von den Rechten des Orients, besonders von dem
ausgenommen ist hiervon nur der Fall des lVfangels gesetzlicher Jüdischen Recht. Innerhalb des mosaischen Rechtes war es zur
Form und des fehlenden Eintragens in das Heiratsregister. In Lebenszeit von J esus Christus streitig, ob ein Scheidebrief eines
analoger 'iVeise gilt für Kinder aus nichtigen Ehen, daß sie bei Ehegatten nur wegen geschlechtlichen Vergehens der Fr~u. oder
Gutgläubigkeit des einen Eheschließenden als ehelich gelten, nach freiem Belieben erteilt werden dürfe; und es scheInT, das
aber gegenüber dem bösgläubigen Teile die Stellung von Kindern letztere die vorherrschende Meinung gewesen zu sein. Es ist
aus geschiedenen Ehen haben, wobei der bösgläubige Teil ebenso bekannt, daß sich dagegen die Bergpredigt sch~rf wa:r:dte
behandelt wird, als wenn eine gültige Ehe wegen seiner Schuld (Matth. 5, 31 ff.). Imme.r aber fo!gte au~ der gerlngwertIgen
geschieden worden wäre. Stellung der Frau im OrIent und 1m dort1?en Judentum, daß
Nur im Vorbeigehen ist in diesem Zusammenhang daran der Scheidebrief stets nur von dem Mann, memals von der Ehe-
zu erinnern, daß es auch verbotene Ehen gibt, die aber trotzdem frau ausgehen durfte. Heute hat dieses keine Bedeutun? mehr.
rechtsgültig sind, wenn sie gegen das Verbot eingegangen werden. Doch ist für Scheidungen jüdischer Eheleute manchmal dle Fo!m
So die Ehe einer Frau vor Ablauf des Trauerjahres (jetzt nach der Ehescheidung nach mosaischem Recht durch vertragsmäßlge
deutschem Rechte 10 Monate) oder beim Fehlen der elterlichen Bered ung in Erörterung gekommen. Ei? inte~essanter Proz~ß
Einwilligung eines ehemündigen noch nicht volljährigen Kindes, dieser Art spielte vor dem deutschen ReIchsgerlcht (Entsch. ln
oder falls nach Landesrecht die Einwilligung für den volljährigen Zivilsachen Bd. 57 Nr. 58). Es war bei einer gerichtlichen Ehe-
Beamten oder Militär seitens einer vorgesetzten Behörde vor- scheidung, bei der der Mann von den staatlichen Gerichten als
Üher Ehe und Ehescheidullg. 223
222 Über Ehe und Ehescheidtmg.
'um so eher geschehen, als in der Möglichkeit der z·ensorischen
der schuldig~ Teil an~rkannt worden war, unter den geschiedenen Rüge, bei der alle "lustra" wiederkehrenden Aufnahme des Haus-
Ehegatten e,m Verg~eICh geschlossen worden. Nach diesem sollte und Familienstandes ein besonderes Mittel zur Fernhaltung übler
~er ~1ann em~ ge\~'1SSe Vermögensbuße an die Frau zahlen und Folgen gegeben war. So ist es nicht unglaublich, wenn die Rölner
Ihr eInen Sch.eldebrIef nach den Ritualvorschriften des mosaischen selbst berichten, daß in der ganzen älteren Geschichte von Rom
Rec~tes e~teilen. Das, erste erledigte er, des zweiten weigerte keine einzige Ehescheidung vorgekommen sei. Erst im Jahre 520
~r SIch. DIe Ber~fungsInstanz des Oberlandesgerichtes verurteilte der Stadt (233 v. Chr.) habe Spurius Carvilius Ruga es gewagt:
lh,~, zur J\bg~be Jene~ Scheidebriefes, weil kein Druck in re I i - sich von seiner Gattin zu scheiden, mit der Begründung, daß sie
.gloser HlnsI.cht vorlIege. Es handle sich um eine Urkunde von ihm keine Kinder gebracht habe. Aber es soll ihm übel gediehen
b,loß rechthcher Bedeutung. Eine Abrede auf Ausstellung sein. Er war verfehmt und geächtet allüberall, mußte von Rom
el~er s?lchen Urkunde sei nicht verboten, während nach dem wegziehen und wäre draußen dann verdorben und gestorben.
Burgerl~chen Gesetzbuch §, 1433 die Verweisung auf mosaisches Das mag sich dann bald geändert haben. Die starke Volks-
R~,cht I,n Fragen ,des e~ehchen Güterrechtes für unzulässig er- vermehrung im Reiche und namentlich in der Stadt Rom, die
k~art SeI. Das ReIChsgerICht aber hob dieses Urteil auf und wies ständige Zunahme der cives und der libertini, die ganze Auf-
dIe Klage ab., weil die moderne Gesetzgebung das gesamte Ehe- lösung des alten nationalen Quiritenturns, der stetig fortschreitende
recht ausschlIeßend geregelt habe. Man kann dieser Entscheidung Verfall der Sitten ließen die private und absolut freie Scheidung der
der obersten Instanz sehr skeptisch gegenüberstehen und die Ehe mehr als bedenklich erscheinen. Allein die Römer haben von ihr
Erwägung des Urteils in der vorhergehenden Berufungsinstanz im Grundsatze niemals gelassen. Es waren kleine Mittel, die sie
für sachgemäßer halten. gegen l\lißbräuche versuchten. Nach der lex Iulia de adulteriis
In jedeI?- ~alle. ist die vollendete Gleichstellung von lVlann wurde für die Ehescheidung eine gesetzliche Form eingeführt}
und Frau, WIe sIe, wIe bemerkt, das Römische Recht bereits voll- sie sollte vor sieben Zeugen geschehen. Konstantin bestimmt;
komnlen durchgeführt hatte, nun ausschließlich im heutigen Vermögensstrafen für leichtfertige oder verschuldete Scheidungene
Eherechte durchgedrungen und dürfte in allen zivilisierten Rechten nur bei dem Vorliegen bestimmter Scheidungsgründe sollten jene
der Regelung der Ehescheidung zugrunde zu legen sein. Daß Bußen wegfallen. Aber die Rechtsfolge der Scheidung blieb nach
nach de~tschem Rechte, im Falle eines Scheidungsprozesses das wie vor dem freien und einseitigen Belieben eines jeden Ehegatten
Landg.erICht am 'Y ohnsltze des Ehemannes bestimmt ist, wird überlassen; und so ist das Recht der Ehescheidung in das Corpus
man n~cht als sachlIche Ausnahme von jenem Grundsatz empfinden.
iuris civilis übergegangen.
,Em ganz anderes Schicksal hat die oben zuerst erwähnte Eine kritisch prüfende Theorie wird diesem Rechte, sowie
MaxIme, des Römischen Rechtes erlebt, die absolute Freiheit der es die engen Schranken des altväterischen, kleinen Gemeinwesens
E~esch~Idu~~. Jeder Ehegatte konnte von Rechts wegen durch verlassen hatte, eine grundsätrliche Berechtigung nicht zuerkennen
s~Ine emseItIge. und privatim abgegebene Erklärung die Ehe können, In alten Tagen war die von dem Re c h te zugebilligte
losen. Es gab mcht nur "divort:um", wobei die Ehegatten durch Freiheit in 'Vahrheit nur eine relati ve Freiheit, weil sie damals
"mutuus dissensus" ihre Ehe für beendet erklärten. sondern auch durch die herrschende Si t te in der vorhin genannten Weise ein-
,:~~pudium", die einseitige, Erklärung des einen TeÜes, möglicher- geengt war. In dein Augenblicke aber, da die Freiheit in der Tat
,\ else auch gegen den WIllen des anderen Teiles. zu einer ab s 01 ute n Freiheit erklärt werden würde, beginnt sie
1 . Es kann ~ei~em Zweifel unterliegen, daß dieses System un-
prinzi piell unb erech ti gt zu werden.
nedlngter FreIheIt der Ehescheidung sich nur für kleinere und Sie würde nur in den Gedankengängen des Anarchismus
enge" Verhältniss~ eignete. Nur da, wo in einem räumlich be- he gründet werden können. Dieser lehrt freilich, daß es überhaupt
sch;~k~en Gemeu:wesen jeder den andern kannte, wo das Tun keine Beschränkungen, keine festen Bindungen und Verpflich-
uno. treIben des eInzelnen durch die notwendige Rücksichtnahme tungen O'eben könne, daß nichts über die Berechtigung von Tun
auf ~en N ach~ar und den sonstigen Gemeinschaftel' gebunden und Las~en des Menschen zu entscheiden habe, als das eigene Ich
w~r, lmr::nte dIe ~echtsordung auf eine nähere Regelung ihrer- in seiner jeweiligen, empirischen Bedingtheit. Dann aber würde
seIts zunachst verZIChten. In dem ROl1l der älteren Zeit konnte das
über Ehe und Ehescheidung. Über Ehe und Ehescheidung. 225
224

alles dem bloß subjektiven Meinen des Individuums über- Dagegen hat das kanonische Recht in der Frage der Ehe-
lassen bleiben. Daß dieses bIo ß sub je k t i v gültige Belieben scheidung einen Standpunkt eingenommen, der dem des Rö-
des einen Individuums zugleich die 0 b j ekti v ri c h ti ge Ordnun cr mischen Rechtes diametral entgegengesetzt ist. Es betont den
des Gemeinwesens sein könnte, ist ein vollendeter vViderspruch Charakter der Ehe als Sakrament und läßt demzufolge gar keine
in sich selbst. Auf das Suchen einer 0 b je k t i v ri c h ti gen Ordnung Scheidung "quoad vinculum" zu. War einmal die Ehe geschlossen j

aber kommt alles an, darin besteht das, was wir "die soziale Frage" so sollte nur der Tod sie wieder lösen.
nennen. So ist die notwendige Voraussetzung für die richtige Es soll an dieser Stelle nicht weiter verfolgt werden, wie
Behandlung der sozialen Fragen das Eingreifen der selbstherrlich sich dieser Satz in der Lehre der katholischen Kirche allmählich
verbindenden Rechtsordnung. Sie mag sich in geeigneter Weise ausgebildet hat. Im Corpus iuris canonici ist ~ie Un.löslic~keit
als besonderes Mittel in besonderer geschichtlicher Lage einer der Ehe noch nicht ausgesprochen; wohl aber Im Trldentlnum
relativen Freiheit der Rechtsunterstellten bedienen: eine ab- Sess. 24 Can. 7. Nur ganz singulär wurden Ausnahmen zugelassen:
sol ute Freiheit der Individuen kann aus der genannten Beweis- Wenn von zwei ungläubigen Ehegatten der eine ein Christ wird
führung her in keinem Falle grundsätzlich berechtigt und der andere Teil die friedliche Fortsetzung der Ehe verweigert,
erscheinen. so kann der erstere eine Scheidung herbeiführen; und das gleiche
Damit fällt auch für die rechtliche Ordnung der Ehescheidung O'ilt für nicht konsummierte Ehen, wenn der eine Ehegatte das
b

die Möglichkeit, das römische System unbedingt freier Privat- Ordensgelübde ablegt. Hiervpn abgesehen, war nur möglich,
scheid ung in allgemeingültiger Weise als berechtigt anzuerkennen. aus bewegenden Gründen durch Spruch des geistlichen Gerichtes
eine "separatio quoad mensam et torum" herbeizuführen. Wie
weit das letztere für das heutige Recht von Bedeutung geworden
5. Kanonische Regelung der Ehescheidung. und geblieben ist, wird weiter unten zur Erörterung gelangen.
Das Römische Recht ist in den persönlichen Fragen des Ehe- Jener absolute Standpunkt der Unlöslichkeit des ehelichen Bandes
rechtes in den Romanischen Ländern nicht erhalten geblieben ist von der Kirche stets festgehalten worden. Es hat zu mancherlei
und nach Deutschland in jenen Rechtsfragen nicht rezipiert Schwierigkeiten und Konflikten geführt, sowohl in der hohen
worden. An seine Stelle trat das kanonische Recht. Politik, wie im bürgerlichen Leben. Aus dem erstgenannten
Das kanonische Recht behielt allerdings nicht nur den Grund- Gebiete mag an zwei interessante Vorkommnisse erinnert sein.
gedanken der monogamischen Ehe als selbstverständlich bei~ Als Heinrich VIII. von England sich von seiner Gemahlin
sondern blieb zunächst für die Eingehung einer Ehe bei dem Katharina von Arragon scheiden wollte, um Anna Boleyn, die
Satze des Römischen Rechtes stehen: "Consensus facit nuptias" zweite seiner nachmaligen sechs Gemahlinnen zu heiraten, stieß
Die Verlobten konnten frei sich selbst das Sakrament der Ehe er auf entschiedenen Widerstand des Papstes. Der König war
spenden und vermochten es, eine Ehe einzugehen, ohne einen in der Zeit der Reformation zuerst ein treuer Anhänger der
Priester und dessen Segen einzuholen. "Vohl sollten sie das als katholischen Kirche geblieben. Er verfaßte selbst eine Schrift
kirchliche Pflicht auch noch erfüllen, aber es war nicht die Gültig- über die sieben Sakramente, in der er sich gegen Luther erklärte.
keit der Ehe davon abhängig, sondern nur ihre Würdigkeit: Jetzt aber sa!rt,e er sich von dem Papste los, um seinen genannten
es gab ein "matrimonium legitimum, sed indignum". Erst das damaligen L~blings.wunsch zu erfüllen und gründete die angli-
Tridentinum änderte die Form für die Eingehung der Ehe. Es kanische Kirche, in der eine Ehescheidung in dem alsbald anzu-
führte, wie allbekannt, ein, daß da, wo dieser Abschnitt "Tametsi" gebenden Sinne des neuzeitlichen bürgerlichen Rechtes für möglieh
publiziert war, eine gültige Ehe nur durch Erklärung coram parocho, erklärt ward.
dem zuständigen Pfarrer und zwei Zeugen geschehen solle. Durch Sehr interessant ist die Affäre, die als Ehescheidung N apoleonsI.
die neuen päpstlichen Erlasse von Pius X., nämlich das Dekret viel Aufsehen erregt hat. Diese Sache ist für die grundlegende
~,Provida" von 1906 und "Ne temere" von 1907 ist die Art der Auffassung der Ehescheidung im kirchlichen und im b.ürgerlichen
Geltung jener Vorschriften in der katholischen Christenheit im Sinn so lehrreich, daß eine nähere Darstellung des meIst ~ur von
einzelnen ergänzt ,,,"orden. weitem bekannten Vorganges an dieser Stelle gestattet seIn mag.
Natorp-Fel'ltschrift.
15
226 Über Ehe und Ehescheidung.
Über Ehe und Ehescheidung. 227
Die Ehe Napoleons mit Josephine Beauharnais war lnit stellunO'b des Vertrauens und der geistigen Gemeinschaft unter
Kindern nicht gesegnet. Sein sehnlichster Wunsch war aber Be-
jenen ausgeschlossen s e i . . ,
gründung einer Dynastie. Auch suchte er zur Befestigung seiner
Allein hier bei ist der Gedanke eIner ab sol u t e n Tatsaclle
Stellu~g Verbindung mit dem Hause Habsburg. Die Scheidung in das bedingte Leben der M-enschen hineingetragen. Der hier
sollte Jedoch für J osephine ehrenvoll sein. Am 15. Dezember 1809
zitierte biblische Spruch kann doch nur heißen, daß der Mensch
verlasen beide vor der kaiserlichen Familie übereinstimmende
nicht nach persönlichem Meinen etwas trennen solle, was in
Erklärungen, wonach sie ihre Ehe auflösten. Der Senat sprach
die Auflösung aus. ob je k ti v richtiger Erwägung zusammengehöre und der Satz
von der Unmöglichkeit der Voraussage künftigen Erlebens ist
N,a~?leon .hatte . urs:prünglich an die Notwendigkeit einer auch nur eine relative Wahrheit. Es gibt Fälle, in denen in der
AnnullatlOn SeIner kIrchlIch geschlossenen Ehe nicht weiter ge-
Tat sicher und klar feststeht, daß ein Festhalten des einen bei
dacht, da nach seiner Meinung die vom Kardinal Fesch aln
seiner Bindung ein bloßer Mißbrauch des guten Teiles durch
1. Dezember 1804, dem Vorabend der Krönung heimlich vor-
1 den anderen, schlechteren, sein muß. Die Abhilfe einer bloßen
genommene Trauung ein Geheimnis geblieben war. Allein er sah
Trennung von Tisch un~ Bett ~enügt .dann nicht, um di~ S~h:ec~~~g­
a.llmählich ein, daß die auswärtigen Höfe, mit deren einem er
keit des einen Teiles mcht trIumphIeren zu lassen. ßS ISif nOLlg}
SICh doch verbinden wollte, wohl mehr Gewicht als er auf die
in solchen Fällen eine Trennung dem Bande nach als möglich
kirchliche Frage legen dürften, und daß deshalb' ebenso' wie das
anzuerkennen.
zivile, auch das kirchliche Band gelöst werden müßte.
Hiernach wurde vor dem Diözesan-Offizialat zu Paris deI'
Prozeß auf Annullation angestrengt. Dieses geistliche Gericht 6. Ehescheidung nach früherem Deutschen Rechte.
er.kl.ärte die Ehe .für nic~tig wegen Mangels der aufrichtigen Ein-
Nach dem deutschen Rechte des frühen Mittelalters konnte
wIlhg.ung .des KaIsers b.eI der Trauung und wegen Nichtbeachtung der Ehemann jede Ehe einseitig scheiden. Außerdem war ein
der kirchlIch vorgeschrIebenen Formen. Napoleon und Josephine
ScheidunO'svertrag möglich, der zwischen dem Manne und der
Sippe de~ Frau geschlossen wurde. Daß der Ehemann dm'~h
wurden verurteilt, zur Buße den Armen der Pfarre N otre Dame
ein Almosen zu geben, dessen Höhe ihrem Ermessen anheim-
gestellt war. eine ,villkürliche Scheidung mit den Verwandten der Frau In
Fehde geriet oder eine Buße zahlen mußte, änderte an d~r Rechts-
Napoleon hatte sich nämlich noch in der Nacht vor dem
gültigkeit der Scheidung nichts. Do?h s.chwankten die Grund-
1: Dez~mber 1804 kir?hlich !rauen lassen, weil der Papst sonst
sätze hierüber in deutschen Landen, bIS SeIt dem 10. Jahrhundert
dIe ~ronung zum KaIser weIgerte. Die Trauung war von dem
die kiI'chliche Gerichtsbarkeit und das kirchliche Recht für die
KardInal Flesch ohne Zeugen und in Abwesenheit des Pfarrers
Ehescheidung maßgeblich wurde. Mit der R~zeption der ~re~lden
jenes Kirchspiels vollzogen und nicht nachweislich beurkundet
worden. Rechte in Deutschland trat dann das kanOnIsche Recht In Jener-
Hinsicht so in Geltung, wie es oben (5.) dargestellt wurde. Das
~an sieht, wie sich auch hierbei wieder die Frage nach der erlitt jedoch eine grundSätzliche Änderu~g durc~ die Reformation
S~heI?un~ der Ehe und nach ihrer von Anfang an vorhandenen in den Gegenden, die unter dem rechtlIchen Emfluß der Refor-
NIChtIgkeIt kreuzen. Wenn für das kanonische Recht nur die
mation standen.
letzte Frage von Interesse sein kannte, so hat sich dieser starre
Die Augsburger Konfession von 1532 sprach zwar v?n ~er
Standpunkt auch im gewöhnlichen bürgerlichen Leben wohl recht
oft dr?cke.nd bis zur Unerträglichkeit gezeigt. Ehescheidung ganz kurz, nur im Vorbeigehen; namentlIch 1st
an der Stelle die von dem Ehestand der Priester handelt, davon
DIe KIrche stützt sich in buchstäblicher Weise auf das Wort:
nicht mehr die Rede. Aber es wurde nun nach evangelischem
"Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden".
Bekenntnis die Ehe aus der Reihe der Sakramente entfernt,
und sie fügt hinzu, daß bei Übelständen in der Ehe und bei Miß~
Die Ehe wurde als weltliche Sache hingestellt. Es wurde darum
he.lligkeiten unter zwei Ehegatten der lVlensch viel zu kurzsichtig
eine ScheidunG' dem Bande nach für möglich erachtet. In der
SeI, um sagen zu können, daß jede Hoffnung auf Wiederher-
Durchführung b dieses Gedankens wurde keine Einhelligkeit der
15*
228 Über Ehe und Ehescheidung. Über Ehe nnd Ehescheidung. 229

An~ichten . erzielt. ~1an war verschiedener Nleinung über die scheidung von bürgerlichem und kirchlichem Rechte in der Gesetz-
~runde, dIe zur ScheIdung berechtigen sollen; meist wurde hier gebung für die Ehe eintrat, wurde von Reiches wegen über die
eIner strengeren Ansicht gehuldigt. Luther selbst nahm als Gründe der Ehescheidung nichts bestimmt. Es blieb also bis zum
berechtigende Scheidungsgründe nur Ehebruch und bösliche Schlusse des Jahrhunderts in dieser Hinsicht bei der dargestellten
~erla~sung an: Die Gerichtsbarkeit in Ehesachen fiel den Kon- Rechtsverschiedenheit.
sIstorIen der eInzelnen evangelischen Stände und Reichsstädte zu. Besondere Aufmerksamkeit verdient in diesem Zusammen-
Im. 18. J ~hrhund~rt erweiterte man die Scheidungsgründe hange der oben mitgeteilte Standpunkt des Preußischen Allge-
durch dIe PraxIs und dIe landesherrliche GesetzO'ebung bedeutend' meinen Landrechts. Denn dessen Bestimmungen sind von einer
besonders begü.nstigt durch die Auffassung, :elche den Haupt~ grundsätzlichen Auffassung eingegeben, die vielfältigen Einfluß
zw~ck .der Ehe In der Erzeugung und Erziehung von Kindern sah. ausgeübt hat und voraussichtlich weiter ausüben wird. Dabei
F.rI~d~I~h. der Gr?ße ordnete 1751 an, daß Ehegatten, unter denen fußen die Bestimmungen jenes Gesetzbuches über die Ehescheidung
,,~mmICltIae capltales et notoriae" herrschten, die Scheidung auf der Theorie des aufgeklärten Despotismus. Der Herrscher
mcht schwer gemacht wer?en ~ollte; mußte aber durch Verordnung hat nach eigenem "aufgeklärten~' Ermessen für das Glück und die
vom 17. ~ov. 1782.gegen ~Ie MIßbräuche der überhand genommenen 'iVohlfahrt der Untertanen zu sorgen. Dabei kann er sie frei von
Ehesc~eIdungen emschreIten. Das Allgemeine Landrecht für die den früheren Geboten der Kirche von ihren Verpflichtungen lösen"
PreußIschen Staaten II 1 § 669 H. führte bestimmte Gründ wenn sie es nur subjektiv billigen.
€:sch.öpfend ei~; insbesondere ~illi?te es auch Scheidung au: Diese Theorie ist grundsätzlich unhaltbar. Sie besteht in
eInseItIger ~bneI~ung; nur sollte I~ dIesem Fall derjenige Ehegatte, ihrem Kern aus einem Widerspruch im Beisatz. Sie nimmt als
der ohne eIgentlIchen gesetzmäßIgen Grund, gegen den Willen das höchste Gesetz des menschlichen Wollens das Streben nach
des .~ndern, ~uf de~ Scheidung beharrte, für den schuldigen Teil subjektiver Lust. Das, was das einzelne Individuum in seiner
erklart und Ihm eme Abfindung mit dem sechsten Teil seines zufälligen empirischen Beschaffenheit gerade nach persönlichem
Vermögens auferlegt werden. Meinen und Belieben erstrebt, das soll der letzte absolute Maß-
.. Da.s französische Gesetzbuch von 1804 kennt. ausschließlich stab für die Richtigkeit eines Zweckes sein: das bloß subjektiv
burgerhches Eherecht. Die Ehe wird vor dem Zivilstandes- Gültige soll das 0 b je k ti v Richtige sein!
bea~ten ge~chlosse.n, durch staatliche Gerichte auf ihre Gültigkeit Wenn sonach aller Eudämonismus falsch ist, sobald HIRn.
~epr~ft. DIe ScheI~un? war nach dem Code civil durch formelle nach dem Grundgesetz des menschlichen Wollens fragt, so
ürklarun? des zustandI~en Standesbeamten zulässig; sie erfolgte kann das subjektive Belieben auch nicht eine prinzipielle
a~s ~e~tlmmten gesetzlIchen Gründe?- oder nach beiderseitiger Begründung für die Berechtigung einer Ehescheidung abgeben.
E!nwIlhgung: Im Jahre 1816 wurde m Frankreich durch Gesetz Um zu einem festen Halte für diese letztere Frage zu gelangen:
dIe E.hescheIdung abgeschafft. Es gab weiter eine Trennung müssen wir einen anderen Weg einschlagen.
vo.~ TIsch und Bett, aus den Gründen, die bis dahin als Scheidungs-
g~'unde gego~ten hatt~n. Durch Gesetz vom 17. Juli 1884 wurde 7. Heutiges deutsches Ehescheidungsrecht.
ehe Ehesc~~Idung wIede: eingeführt, indem die Bestimmungen
des Code clvIl Art. 229 H. In abgeänderter Gestalt wieder hergestellt Die geschichtliche Entwickelung hat dahin geführt, daß
wurden. . in den Staaten westeuropäischer Zivilisation jeweils zwei Rechts-
Das 19. Jahrhundert behielt in Deutschland die Rechts- ordnungen über die Ehescheidung bestehen: das staatliche und
verschiedenheit bei, die aus der geschilderten geschichtlichen das kirchliche Ehescheidungsrecht.
~ntwickelung hervorgegangen war. Es galten die so gewordenen Auch in den Ländern, in denen die Grundsätze des kanonischen
eInzelnen Lande.srechte und hinter ihnen subsidiär, also bei Er- Rechtes sachlich fast unverändert aufrecht erhalten wurden:
mangel~ng .partlkul~rer Bestimmungen das gemeine Recht, vor wie z. B. in den Ländern der vormaligen Habsburgischen Monarchie,
~llem fur dIe katholIschen Ehen das kanonische Recht. Als am sind doch die Rechtsregeln in formaler Hinsicht von doppelter
"b. Februar 1875 die Zivilehe eingeführt wurde, und eine Unter- Beschaffenheit. Es gilt beispielsweise das österreichische All-
230 Über Ehe und Ehescheidung. Über Elle und Ehescheidung. 231
ge,meine Bürger!iche Gesetzbuch von 1811 in seinem räumlichen Be- 4. Zu diesen besonderen Gründen tritt nach § 1568 eine
relCh~ als staatlIches Recht, während die Kirche daneben ihr eigenes "elausula generalis". Es kann auf Scheidung der Ehe geklagt
Recht behauptet. Im Jahre 1868 wurden zwei österreichische werden, wenn der andere Ehegatte durch sclnyere Verletzung
Gesetze erlassen, die teil weise im Gegensatze zu dem kanonischen der durch die Ehe begründeten Pflichten oder durch ehrloses
~e~hte st.ehen. Es wurde am 25. NIai 1868 die sogenannte Not- oder unsittliches Verhalten eine so tiefe Zerrüttung des ehelichen
ZIvI~,ehe eIngeführ~, n~mlic,h eine Eheschließung vor der staatlichen Verhältnisses verschuldet hat, daß dem Ehegatten die Fortsetzung
Behorde, wenn ~Ie kIrchlIche Behörde aus Gründen, die in den der Ehe nicht zugemutet werden kann. Die Entscheidung bemißt
Staatsgesetzen mcht enthalten sind, sich weigert, die Eheschließung sich hier nach der Möglichkeit, das grundsätzliche Ziel der Ehe,
v~rzunehmen. Durch Gesetz vom 31. Dezember 1868 wurde be- die vollendete Gemeinschaft des Lebens, weiter zu erreichen, ohne
stI~m~, daß gemi~chte .Ehen von Angehörigen verschiedener daß der unschuldige Teil zum bloßen Gegenstand der \tVillkür
chrIsth~her KonfesSIOnen In Gegenwart von zwei Zeugen vor dem des andern Teils gemacht würde. Es ist grundsätzlich unrichtig,
ordent~Ichen Seelsorger eines der beidenBrautleutezuschließensind. von den1 einen Teile die vollendete Hingabe an das gemeinschaftliche
~1It besonderer Schärfe muß sich eine solche Zwiespältigkeit Leben zu fordern, während der andere Teil eine solche Gemein-
selb~.tverstä~dlich dann bemerkbar machen, wenn in den Rechts- schaft nicht geben kann oder will. Nach dieser formalen Richtung
z.ustanden eInes ~an~es die grundsätzliche Auffassung des staat- des Gedankens muß jeder streitige Fall von neuem erwogen werden.
~Icn.en und des kIrchlIchen Rechtes voneinander abweichen. Das Paragraphierte Schemata lassen sich hierbei mit Erfolg nicht
Ist In. dem h~utig~n Rechte Deutschlands der Fall. Hier gilt auf geben, und alle präjudiziellen Entscheidungen früherer Tatum-
~er ,eInen SeIte eIn Rechtssystem der bürgerlichen Ehe. Es stände können nur mit äußerster Vorsicht gebraucht werden.
1st In dem Bürger l,icJ~en Gesetzbuch und seinen ergänzenden Wenn das Bürgerliche Gesetzbuch am Schlusse des zitierten
Nebe.ngesetz~n geordneL. Danach besteht die :Möglichkeit der § 1568 sagt, daß als schwere Verletzung der Pflichten auch grobe
ScheIdung eIner Ehe dem Bande nach. Die Scheidung muß Mißhandlung gelte, so ist das ein Zusatz, der für die grundsätzliche
~~rch s..taatliche G~richte ~us~esprochen werden. Und es gibt Beurteilung anderer, nicht unmittelbar dahin gehörender Fälle
r~nf Grunde ~er ScheIdung, dIe In vollständiger Abgeschlossenheit gleichgültig ist.
hier maßgeblIch sind. 5. Endlich kann nach dem Deutschen Bürgerlichen Gesetz-
. Man te~lt die Scheidungsgründe auch nach diesem Rechte buch § 1569 ein Ehegat·te auf Scheidung klagen, wenn der andere
In solche, dIe aus der subj ektiven Schuld des einen Teiles her- Ehegatte in Geisteskrankheit verfallen ist, die Krankheit während
stammen, u~d ~n einen Grund, der wegen besonderer objektiver der Ehe mindestens drei Jahre gedauert und einen solchen Grad
Sachlage, na~llCh wegen Geisteskrankheit eines Ehegat.ten an- erreicht hat, daß die geistige Gemeinschaft zwischen den Ehe-
gen0;,nmen wIrd. Jene ersten vier sind die folgenden (§ 1564 ff.): gatten aufgehoben, auch jede Aussicht auf Wiederherstellung
1. De.r Ehebruch oder eine Straftat geschlechtlicher Sitten- der Gemeinschaft ausgeschlossen ist. Dieser Satz ist nur nach
verderbtheIt. harten Kämpfen in das Gesetzbuch aufgenommen worden. Die
2. Die Lebensnachstellung. Vertreter der kanonischen Ansicht sträubten sich dagegen; nur
.~. Die bösliche Verlassung. Dieser Grund ist in Einzelheiten mit einer nicht erheblichen Mehrheit wurde der Paragraph im
pOSItIV geregelt. Es muß bei der WeigerunO' des ehelichen Zu- damaligen deutschen Reichstage beschlossen, elie einander \vider-
sammenlebens seitens des einen Teiles von dem :ndern Teil zunächst streitenden Erwägungen ergeben sich aus dem, was oben (5 a. E.)
auf Herstellung der Gemeinsc~aft des Lebens geklagt werden. gesagt worden ist.
yv enn d~zu der v~rlassende Ted rechtskräftig verurteilt worden Alle diese hier kurz aufgeführten Sätze hat die moderne
1st, s~. wIrd ab~r eIn solches Urteil nicht direkt zwangsweise voll- staatliche Gesetzgebung selbständig aufgestellt. Sie stimmen,
stre~Kt. Es WIrd statt dessen ein Jahr lang gewartet. Verläuft wie bemerkt, mit den Sätzen der verschiedenen Kirchenrechte
~as :Tuchtlos,. so kann nun der im ersten Prozesse siegreiche Gatte nur teilweise überein. Die Scheidungsgründe sind von den kirch-
In ernem zweIten Prozesse auf Scheidung der Ehe klagen. lichen Rechtsordnungen oftmals anders geordnet worden und
über die Frage nach Scheidung dem Bande nach oder Trennung
232 Über Ehe und Ehescheidung.
Über Ehe und Ehescheidung. 233
von Tisch und Bett weichen sie voneinander und von dem staat-
brauch seines Rechtes darstellt (§ 1353 1.). Endlich bei dem
lichen Rechte ab. Man hat die von dem staatlichen Rechte
Tatbestande des vorhin zitierten § 1568. In allen diesen Fällen
geordnete und sanktionierte Ehe danach die "bürgerliche" Ehe
ist es möglich, daß die Vernachlässigung kirchlicher Ver-
genannt. Dann aber ist es nötig, das Verhältnis der bei den Rechts-
pflichtungen den Tatbestand liefert, aus dem die .von dem
ordnungen, die nebeneinander herlaufen, und den Einfluß einer
Gesetze vOl'O'esehenen Rechtsfolgen für den andern Tell gezogen
werden kön~en; und so sind die in § 1588 genannten kirchlichen
jeden von ihnen auf eine abgeschlossene Ehe genauer zu bestimmen.
In dieser Hinsicht sagt das Bürgerliche Gesetzbuch in seinem
Verpflichtungen im Sinne eines auch vom Staate a~erkannten
J)erühmten § 1588: Die kirchlichen Verpflichtungen in AnsehunO'
rechtlichen Wollens aufzunehmen und zu bewahren.
der Ehe werden durch die Vorschriften dieses Abschnittes nicht
be~ührt. Di~ser Paragraph ist erst in den Verhandlungen des
ReIchstages eIngefügt worden. Er schloß sich an das Zivilstandes- 8. Der Scheidungsprozeß.
gesetz ~om 6., Februar 1875, § 82 an: Die kirchlichen Verpflich-
Die Scheidung der Ehe erfolgt nach heutigem deutschen
tungen I~ BezIehung auf .Taufe und Trauung werden durch dieses Recht durch Urteil eines staatlichen Gerichtes. Das Verfahren,
Gesetz lllcht ~erührt. Uber Sinn und Bedeutung von § 1588
das dabei zu beobachten ist, ist geordnet in der Reichszivilprozeß-
.herrschen ZWeIfel. I\fanche meinten, daß er gar keine re eh tl ich e
ordnung § 606 ff. . "
Bedeutung habe, was gewiß nicht richtig ist. vVenn das Gesetz-
Zuständig ist das LandgerIcht als KollegIalgerICht e~ster
buch "Verpflichtungen" feststellt, so ist das sicherlich in recht- Instanz und zwar in dem Bezirk, in dem der Ehemann SeInen
li ehe m Sinne gemeint.
Wohnsitz hat. Es findet zunächst ein Sühnetermin vor einem
. Die zutre~ffende Erklärung ergibt sich aus folgender U nter- Einzelrichter des dortigen Amtsgerichtes statt und erst nach de:n
scheIdung: DIe Sätze des staatlichen Rechtes sind entweder fruchtlosen Versuch das eigentliche gerichtliche Verfahren. In
zwingend oder nachgiebig, das heißt, wollen nur gelten, dem Eheprozeß kann die Staatsanwaltschaft eingreifen und in
wenn nicht andere rechtliche Normen bestehen.
zivil prozessualem ':orgehen Anträge stell~n. DeJ~. ?taatsanwalt
In dem ersten Falle können natürlich etwa widersprechende ist von allen TermInen von Amts wegen In Kennt.llls zu setzen.
Lehren des kirc~lichen Rechtes für den Staat keine Bedeutung Er kann den Verhandlungen beiwohnen und sich über die zu
haben. Wenn dIe katholische Kirche eine Ehe die mit dem
erlassende Entscheidung gutachtlich äußern; auch darf er von
g,:hei~len. Vorbehalt, sie. nicht zu \vollen, eing~gangen wurde, sich aus neue Tatsachen und Beweismittel beibringen, sofern es
fur. lll?htig erklärt, so bleIbt sie für das bürgerliche Recht gültig, sich um die Aufrechterhaltung der Ehe handelt.
we.I! dIeses der Mentalreservation keine rechtswirksame Bedeutung
Bei dem Ausbleiben einer Partei ist kein Versäumnisurteil
beIlegt. Wenn der Staat eine bürgerliche Ehe durch sein Gericht
zu erlassen, vielmehr ist ein neuer Termin anzuberaumen. Das
dem Bande nach geschieden hat, so muß er eine Wiederverhei-
Gericht kann das persönliche Erscheinen und die VerI:ehm,u?-g
ratung der Geschiedenen erlauben, was die katholische Kirche
nicht gestattet. jeder streitenden Partei anordnen. Und es hat das GerIcht ilWl'
eine von dem regelmäßigen zivilprozessualen Verfahren ab-
Nun gibt es aber Sachlagen, bei denen auch im Eherecht die weichende Stellung: Es kann zum Zwecke der Aufrechterhaltung
staatliche Gesetzgebung bestimmt, daß in gewissen kommenden
einer Ehe Tatsachen, die von den Parteien nicht vorgebracht
Streitigkeiten die Beteiligten und dann das erkennende Gericht
worden sind, berücksichtigen; und es kann die Aufnahme von
selbst auswählen sollen, welche Entscheidung in der gerade gege-
Beweisen von Amts wegen anordnen. Urteile, durch welche auf
benen Lage das grundsätzlich richtige Ergebnis liefert. Das kommt
Scheidung oder Nichtigkeit der Ehe erkannt ist, s~nd von ~n:-ts
b~i der Ehe mit Rücksicht auf unsere Frage dreimal in Betracht. wegen zuzustellen und nicht, wie in vermögensrechthchen StreItIg-
~I~llnal wenn eine Ehe durch arglistige Täuschung oder infolge keiten, durch die siegreiche Partei selbst. Während des ~rozesses
IrrIger Annahme abgeschlossen wurde und darum nach § 1434
kann das Gericht durch eine einstweilige Verfügung für dIe Dauer
~ngefochten werden kann. Zweitens wenn das Verlangen eines des Rechtsstreites das Getrenntleben der Ehegatten gestatten.
i~hegatten auf Herstellung der Lebensgemeinschaft sich als Miß- Die Klage auf Scheidung einer Ehe muß binnen sechs Monaten
234 Über Ehe und Ehescheidung. Über Ehe und Ehescheidung. 235
nach Kenntnisnahme von dem Scheidungsgrunde erhoben werden. Bande nach zu trennen (§ 1575 fI.). Es geschieht dies gleichfalls
In jedem Falle verjährt sie in zehn Jahren. Ganz auso'eschlossen durch gerichtliches Urteil. Für das Verfahren gelten die gleic~en
wird sie durch die Verzeihung des zur Scheidung bere~htiqenden Vorschriften, wie für den ordentlichen Scheidungsprozeß; Ins-
Fehltrittes. b
besondere ist in dem Urteil, das auf Aufhebung der ehelichen
- Liegen mehrere Scheidungsgründe vor, z. B. Ehebruch Gemeinschaft ergeht, auch die Schuld des einen oder andern
und grobe Mißhandlung, und es ist nur wegen des einen Grundes Teiles auszusprechen.
Klage erhoben worden, so kann der andere Grund immer noch Die Aufhebung der ehelichen Gemeinschaft kann nicht ein-
wäh.rend des Prozesses geltend gemacht werden, wenn er bei dem seitig verlangt werden. Ist sie in einer Klage beantragt, so kann
~egln~ de~ Rechtsstreites noch nicht verjährt war. Kann aber jeder der Ehegatten auf Grund des Urteils die Scheidung dem
eI.ne bch81dungsklage auf eine bestimmte Tatsache überhaupt Bande nach verlangen. Geschieht das nicht, so treten mit dem
mcht mehr gestützt werden, so darf diese Tatsache doch zur Urteile auf Aufhebung der ehelichen Gemeinschaft doch die
Unterstützung einer auf andere Tatsachen gegründete Scheidungs- O'leichen Folgen ein, wie bei der Scheidung dem Bande nach;
klage geltend gemacht werden.
da aber die Ehe als solche doch weiter dauert, so ist die Eingehung
Liegt ein Scheidungsgrund wegen Verschuldens des einen einer neuen Ehe ausgeschlossen.
Teiles vor, so ist die Schuld in dem gerichtlichen Urteile auszu- V/ar nun die Aufhebung der ehelichen Gemeinschaft erfolgt,
s~rech~n (§ 1574). Durch das rechtskräftige Scheidungsurteil so können die also getrennten Ehegatten zu jeder Zeit sich wieder
WIrd dIe Ehe vollständig aufgelöst. Das eheliche Güterrecht hört zusammenfinden, ohne irgendwelche Genehmigung einzuholen
auf, eine Unterhaltspflicht des schuldigen Teiles bleibt weiter oder Förmlichkeiten zu beobachten; nur soll für ihre Vermögens-
bestehen; in persönlicher Hinsicht, insbesondere für das Namens- verhältnisse, die nach der Aufhebung der GeIneinschaft ebenso,
re?ht, \verden die früheren Zustände na.?h näherer positiver Be- wie nach einer Scheidung auseinander zu setzen waren, nunmehr
stImmung (§ 1577) wiederhergestellt. Uber die Kinder aus der Gütertrennung gesetzlich eintreten.
geschiedenen Ehe trifft das Gesetz besondere Bestimmungen = VVie man sich ein solches Vorkommnis näher zu denken hat,
sie sind je nach Alter und Geschlecht und nach der Schuld der das ist von Ottilie Wildermuth einmal anmutend geschildert
Ehegatten der Fürsorge des einen oder des anderen geschiedenen worden. Sie nennt diese Ehestandsgeschichte: "Streit in der
Ehegatten zu überweisen (§ 1635-1637). Auch ist für ihren Liebe und Liebe im Streit". Ein schwäbisches Bauernpaar, seit
Unterhalt in bestimmter \iVeise zu sorgen (§ 1585). Dabei ist jungen Tagen sich zugetan und verbunden, versteht es doch nicht,
jedoch stets ein maßgebliches Eingreifen des Vormundschafts-- sich in der Ehe zu finden. Endlich verläßt der Mann die Frau.
gerichtes möglich. Das Vormundschaftsgericht ist von dem Prozeß- Es wird von ihr Scheidungsklage angestellt. Von da ab vertragen
gericht, das die Scheidung der Ehe behandelte und beurteilte, sie sich. Einträchtig wandern sie zum Gerichte, so daß der Ge-
gen~u zu unterscheide:n. Es ist das Amtsgericht des fraglichen richtsdiener sie für ein Brautpaar hält. Endlich werden sie
BezIrkes und hat im Sinne der freiwilligen Gerichtsbarkeit von geschieden. Aber sie konnten nicht voneinander lassen. Sie bewirt-
Amts wegen für die ihm unterstehenden Schützlinge zu soro'en' schaftete den Hof; er verdang sich als Kutscher, T~vurde aber bald
es kann dabei eine große Macht über Eltern und andere O'esetzlich~ auch einmal dienstlos. "Dann nahm er seine Zuflucht zu Liesbeth,
Vertreter im Interesse des Kindes ausüben (§§ 1635 ~ 1665 ff.)~ als ob sich das von selbst verstände, und sie wohnten zusammen,
arbeiteten zusammen und stritten sich zusammen, wie in den
9. Aufhebung der ehelichen Gemeinschaft. alten Tagen".
Es fehlt leider an einer genauen Statistik darüber, wie großer
Das heutige deutsche Ehescheidungsrecht kommt dem Gebrauch von der getroffenen Einrichtung der Aufhebung ehe-
~?-nonischen Rec~t darin entgegen, daß es eine Einrichtung kennt, licher Gemeinschaft seither gemacht worden ist; insbesondere
me der "separatlO quoad mensam et torum" entspricht. Es be- auch, wie oft dabei stehen geblieben worden ist, wie oft dagegen
willigt das Bürgerliche Gesetzbuch die Möglichkeit einer Auf- man zur endgültigen Scheidung kam.
hebung der ehelichen Lebensgemeinschaft, ohne die Ehe dem. Vielleicht sind aber hier über die eigentliche Ehescheidung
einige trockene Zahlen aus der Justizstatistik am Platze. V m'
Übm' Ehe und Ehescheidung. über Ehe und Ehescheidung. 237
den Preußischen Gerichten waren im Jahre 1913 18826 Prozesse Gründen, die für jenen Stand pkunkt angeführt wurden, ~urz
i~ Ehesachen ~nhängig. Während des Krieges ging diese Zahl äußern. Jetzt ist es an der Zeit, die prinzipielle Erwägung dIeses
m:cht unerheblIch zurück; aber schon 1918 waren es wieder Problems, von dessen richtiger Erfassung auch die Frage der
21922 Prozesse. Das Jahr 1919 brachte 45643 EhescheidunO's- Ehescheidung abhängt, allgemeiner und tiefer vorzunehmen.
kl~gen. Auf.dieser Zahl sind sie mit nicht großen Schwankung~n Wir müssen bedenken, daß es sich hier um Fragen recht-
seither geblIeben.
licher Gesetzgebung handelt. Die Ehe ist, wie oben (1) fest-
O'estellt wurde, ein re c h t li ehe s Verhältnis. Ihre Ordnung steht
10. Pläne für eine Reform des Ehescheidungsrechtes. ~nter re eh t 1ich e n Regeln. Der Inhalt solcher rechtlichen Regeln
ist aber in seiner stofflichen Bedingtheit notwendig
Die vorstehende .Übersicht lehrt, daß als Grundlage des wechselnd und veränderlich. Denn der S toff des Rechtes hängt
Rechtes der EhescheIdung ganz verschiedene grundsätzliche ab von wechselnden Eigenschaften der gerade fraglichen Menschen,
Auffassungen zu Wort gekommen sind. Es findet sich die voll- von veränderlichen Umständen ihrer Einsicht und der Art ihres
endet~ Freih~it der Sc~eidung im Römischen Recht, ihre gänzliche Wollens, von sonstigen geschichtlichen Bedingtheiten verschie-
Vern~lnung Im ka:r:omschen Recht, eine relative Zulassung der dener Art. So war es ein Phantom, einem "natürlichen" Rechte
ScheIdung aus bestImmten Gründen durch staatliche oder kirch- nachzujagen, das in der Bedingtheit seines Inhaltes doch zu-
liche Behörden .in zahlreichen anderen Rechten. Im letzteren gleich unbedingt gelten sollte. So ist auch keine Ordnung des
Falle aber schwankt die Grenze der Scheidungsmöglichkeit hin Ehescheidungsrechtes möglich, die mit ihren begrenzten Rechts-
und her, b~d ist diese Möglichk~it erleichtert, bald gerade er- sätzen doch absolut und ewig sei, für alle Völker und Zeiten gleich-
sch\vert. DIe Gesetzgebung scheInt auch hier nicht zur Ruhe mäßig sich behaupten könne.
kO?Imen ~u sollen. Es zeigt sich dabei dasjenige, was die Rechts- Seit etwa 100 Jahren hatte nun das Suchen nach einem apriori
philosophIe den "Kreislauf des sozialen Lebens" nennt: Auf O'eltenden Rechtsinhalt nachgelassen. Es trat seit der Mitte des-
Grund des bestehenden Rechtes bilden sich gleichheitliehe Massen- ~origen Jahrhunderts überwiegend an seine Stelle ein E m p iri s-
erscheinungen in rechtlichen Verhältnissen. Wird die Tendenz mus, der freilich sich noch fataler erwies. Man betonte nun
solcher Massenerscheinungen übel empfunden und verworfen _ ausschließlich das Veränderliche und den Wechsel in dem
wir .. kommen auf den Maßstab und seine Anwendungen gleich Inhalte bestimmter Rechtsordnungen. Es wurde nur mit technisch
zuruck -, so entstehen Bestrebungen auf Abänderung der nicht begrenzter Absicht auf die jeweiligen Einzelheiten in geschichtlich
guten Zustände. Vielleicht gelingt es, ihrer im Rahmen des über- gegebenen Rechtsordnungen die Aufmerksamkeit gerichtet. Weit-
lieferten Rechtes Herr zu werden. Sollte das aber sich als nicht hin wurde übersehen, daß man dann nichts als einen Wirrwarr
~ngängig erweisen, so richten sich die Bestrebungen auf Ab- von beschränkten Besonderheiten besitzen würde. Aber doch
anderung der geltenden Rechtsordnung. Und wenn diese Bestre- sollten sie alle in der Einheit des Rechtes zusammenfließen und
bungen Erfolg haben, so bilden sich unter der Herrschaft des einer allgemeinen Aufgabe der Gerechtigkeit entsprechen.
nunmehr neu eingesetzten Rechtes wiederum O'leichheitliche So blieb man in einem nicht geklärten Zustande der Rechts-
Massenerscheinungen, und der Lauf der Dinge begin;t von neuern. betrachtung, der geradezu einen Widerspruch in sich barg.
Das hat auch das Recht der Ehescheidung reichlich erfahren. Für die praktische Politik, und so für die Frage nach der
. Man hat gefragt, ob hier wirklich gar kein fester Halt möglich Reform der Ehescheidung, machte sich das in der Weise bemerklich,
se~. Der Satz des Heraklit, daß alles fließt, daß nichts beständig daß man sich bei der Argumentation für und wider nur auf ein
seI, als der "\.Vechsel, hat zweifellos etwas außerordentlich Unbe- dunkles Gefühl verließ: in indirekter Weise wurde angenommen,
friedigendes in sich. So sind seit langen Zeiten die Gedanken auf daß man schon merken werde, ob ein bestimmter Vorschlag
das Gewinnen einer Stetigkeit gerichtet. Wir haben sie in unserer richtig" oder "unbegründet" sein werde: der Maß s tab aber,
?eso?~eren Frage der Ehescheidung im Laufe dieser Abhandlung ~ach dem ein solches Urteil gefällt und begründet wurde, blieb
ImphCIte schon kennen gelernt. Sie treten am schärfsten in dem dabei völlig ungeklärt.
oben (5 a. E.) besprochenen Standpunkt des kanonischen Rechtes Eine neuere Tendenz in der Frage der Ehescheidung geht
zutage. Schon damals mußten wir Bedenken gegenüber den dahin, daß die Gründe der Scheidung vermehrt werden sollten,.
238 Über Ehe und Ehescheidung, Über Ehe und Ehescheidung. 239

Das geltende Recht verlangt - von dem ausnahmsweisen Falle 1\1it gutem Grunde versagt unser Recht sogar dem unschuldigen
der Geisteskrankheit abgesehen - immer eine Schuld des einen Teile das Recht der Scheidung, wenn er einen Fehltritt des andern
E~~gatten. ~s tretel~ nun Fo~derungen auf, daß auch bei gegen- durch Verzeihung erledigt hat. Es soll der Möglichkeit einer
seItIger AbneIgung, eIne ScheIdung ohne weiteres möglich sein Besserung nicht der 'iVeg verschlossen werden, soll tunlichst
sollte.; und dann \vIrd bald auch wieder der Grund der einseitigen begünstigt wer'den, daß die Ehegatten auch über die Verfehlung
_AbneIg~.mg auf dem .Platze erscheinen. Und es wird gefordert, des einen hinaus sich versöhnen und wiederfinden können. Dann
daß beI Schuld des eInen Ehegatten nicht nur der verletzte. un- ist es für die allgemeine Ordnung des Scheidungsrechtes aher auch
schuldige Teil auf Scheidung klagen kann, sondern daß dieses gerechtfertigt, die Entscheidung über die Scheidungsklage aus-
Recht auch dem Ehebrecher und dem sonstigen schuldhaft seine schließlich in die Hand des verletzten und gekränkten Teiles zu
Ehe zerrüttenden Teil zustehen sollte. legen und sie nicht auch dem verletzenden und kränkenden Teile
Aber. die Begr~ndung solcher Forderung, die bis jetzt auf- zuzugestehen.
getreten Ist, erschemt äußerst dürftig und minderwertig. Wenn derartige Angriffe auf das bestehende Recht der Ehe-
. Von manchen Seiten wird gesagt, daß bei der Forderung scheidung keine überzeugende Kraft haben und in keiner wissen-
eIner Schuld als Voraussetzung der Ehescheidung die Frauen schaftlichen Methode begründet sind, so lassen sie doch in mittel-
schlechter gestellt seien, als die Männer. Es werde oft leichter barer Weise einen Blick in die geistige Werkstatt tun, aus der sie
sein, eine Schuld der Frau nachzuweisen, als eine Schuld des hervorgegangen sind. Es ist der Geist, des Subjektivismus,
Manne,~' Das ist ge:viß ein sehr fadenscheiniges Vorbringen. dem sie entsprungen sind.
Fur den ScheIdungsgrund gegenseitiger Abneigung kann Der Subj e kti vism us tritt in zweierlei Gestalt auf: Entweder
111an lesen (Gesetz und Recht 24, 111), daß man auf unüber- sieht jemand die Möglichkeit eines objektiv richtigen Er-
brück~are Gegensätze in den Charakteren oder den Anschauungen kennens und Strebens ein, allein er verwirft dieses und will nur
d.~r ~eI,~en Ehegatten Rücks~cht nehmen solle; denn gerade "fein- subjektiv gültige Ziele als letzte Gesetze annehmen, - oder
fuhhge Menschen werden In solchen Fällen, wenn sie erkannt aber er möchte gerne objektiv richtige Ergebnisse haben~
haben, daß das Zusammenleben unerträglich ist, sich voneinander sieht jedoch ihre Möglichkeit nicht ein und bleibt darum bei der
trenne~. Allein"hier ist übersehen, daß.solche Einzelfälle unmöglich Behauptung bloß subjektiv gültiger Urteile, sei es im
dazu dIenen konnen, das ganze gewIchtige Institut der Ehe in ganzen oder in begrenztem Umfange, stehen.
g~un~legender Weise anzugreifen. Irgendwelche Folgen von Für das Problem der Ehe und ihrer möglichen Scheidung
mchtldealer Art werden sich in den Begrenztheiten des Menschen- hat sich beides gezeigt. Manchmal mischen sie sich, und im prak-
lebens überall einstellen; es kann bei Gesetzgebungsfragen im tischen Leben läßt sich bei Vertretern sub je k t i vi s t i sc her
letzte~ Grunde nur auf das Ganze einer rechtlich geordneten Lebensanschauung eine persönliche Interessiertheit nicht immer
Gemelnscha~t und auf den Grundsatz ihrer Ordnung ankommen. verkennen. Von sachlichem Range und von größerer Anregung,
Das aber .vnrd durch den Hinweis auf SO<1enannte feinfühlige" als manche neue re Einfälle und Auffassungen, sind hier ältere
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. . atur~.n eI~zelner Rechtsangehöriger noch nicht genügend geliefert. Darlegungen. "ViI' erinnern an das noch immer interessante Buch
F~r dIe letzte Forderung, daß die Scheidungsklage auch dem von Hippel "Über die Ehe" (1774) und namentlich an die rein
sc~uldIgen Ehe~atten zukommen solle, fehlt bis jetzt jede Be- subjektivistische Aufnahme unseres Problems bei Schlegel
grundung. Es 1st auch die Möglichkeit einer solchen nicht er- "Lucinde" (1799), auch in der neuesten Zeit wieder abgedruckt,
si?htlich. Soll auch die Anfechtung einer Ehe dem Teile gestattet das dann die bekannte Erwiderung von Schleiermacher "Briefe
SeIn, der etwa durch arglistige Täuschung oder widerrechtlich über die Lucinde" (1806) hervorrief.
durch. Drohung die Ehe herbeigeführt hat? In keinem vermögens- Aus dem inneren Widerspruch, in dem alles ernsthafte Be-
~~chtl~.chen Verhältnisse wird der Vorteil der Anfechtung dem mühen um eine sub je k ti vi s t i s c he Grundlage des Lebens
Ubeltater gestattet: warum soll es gerade bei der Ehe der Fall begriffen ist, kommen natürlich auch alle solche Versuche nicht
s~in? Was j~doch für die Anfechtung gilt, muß in gleichem Sinne heraus. \Ver immer danach strebt, objektiv richtig zu wollen,
fu~ 'dIe SC~eIdung Platz greifen. Weshalb soll der unschuldige der kann nicht bei Zielen und Mitteln verharren, die bIo ß sub-
Tell dem WIllkürlichen Verlangen des schuldigen Teiles sich beugen? jektive Bedeutung haben. Die Idee des Guten und Rechten
240 Über Ehe und Ehescheidung.

liegt in dem Gedanken einer absoluten Harmonie aller jemals


möglichen Willensinhalte. Sie ist der feste Richtpunkt für jeg-
liches Streben, wenngleich - im Sinne des Platonischen Bildes -
nur ein leitender Stern. Ihm folgen, heißt, das bloß subjektiv
gültige Begehren nur als einen zu bearbeitenden Stoff, niemals
aber als richtendes Prinzip zu nehmen.
Das soziale Leben besteht in einem Verbinden mensch-
licher Zwecke. Die so begrifflich bestimmte Gesellschaft
wird in ihrer besonderen geschichtlichen Erscheinung ob je kt i v
richtig geordnet sein, wenn sie im Sinne jener Idee gerichtet
und geführt ist. Das aber heißt eine solche Art und Weise des Ver-
bindens von Zwecken befolgen, daß gerade als der oberste und
letzte Gesichtspunkt eines ver bindenden W ollens ni c h t ein bIo ß
subjektives Begehren eingesetzt wird. Denn nur alsdann
ist die Forderung nach der absoluten Harmonie menschlichen
Wollens, wie wir sie nannten, Genüge getan.
In der Frage der Ehe und ihres Bestandes sollte das mit
besonderer Deutlichkeit hervortreten. Für die Praxis der Gesetz-
gebung ergibt sich auch hier die Aufgabe eines Richtens und
Schlichtens, das im Sinne der genannten prinzipiellen Erwägung
keinen der Beteiligten zum bloßen Gegenstand der subjektiven
Willkür des andern macht. Wir führten oben (5 a. E.) aus, daß
gerade das Vermeiden eines solchen Zustandes in gegebener Lage
zur Forderung einer Scheidung des ehelichen Bandes nach bestem
menschlichen Überlegen führen kann. Auf der andern Seite darf
diese Möglichkeit einer Lösung nicht selbst wieder einem will-
kürlichen Entscheide des einen Teiles und seiner bloß sub-
jektiven Laune anvertraut werden.
So erwogen, waren die Meinungen der Aufklärungsperiode
mit ihrer übertriebenen Erleichterung der Ehescheidung sachlich
nicht zutreffend; und es ist manche neuere Denkweise, die hierin
jener Zeitströmung sich unterwirft, nicht auf dem rechten Wege.
Der Standpunkt des Bürgerlichen Gesetzbuches, der oben dar-
gelegt wurde, verdient demgegenüber den entschiedenen Vorzug.
Auch seine Regelung ist - selbstverständlich - unvollkommen;
nnd man wird von ihm aus in manchen Einzelfällen zu unwill-
kommenem Ergebnisse gelangen. Aber im ganzen erscheint die
jetzt geltende Ordnung der Ehescheid ung soweit der I d e e re c h t e r
Ge me ins c h a f t folgend, als unter unseren Verhältnissen möglich
ist. Besser als unausgedachte Pläne subjektivistischen Wesens
ist sie doch.