Sie sind auf Seite 1von 66

Ganz normale Menschen?

Ergebnisse des Praxisprojekts „Ganz normale Menschen?“


aus dem Studiengang
„Angewandte Kommunikations- und Medienwissenschaften“
des Wintersemesters 2006/07
unter der Leitung von Dr. Carsten Möller
Kommedia-Praxisprojekt "Ganz normale Menschen?" Inhalt des Readers

Im Rahmen des Studiengangs „Angewandte Kommunikations- und Medienwissenschaften“


an der Universität Duisburg-Essen haben Studierende im Wintersemester 2006/07 am
Praxisprojekt „Ganz normale Menschen?“ teilgenommen. Autoren Thema Quelle Seite

Unter der Betreuung von Herrn Dr. Carsten Möller und basierend auf den klassischen Luckassen klassischeExperimente Lewin 1-4
Untersuchungen von Lewin, Gilbert, Milgram und Zimbardo hat sich dieses Projekt sowohl Reinhard Gilbert(1951) 5-14
im Hinblick auf die „Opfer-Täter Debatte“ als auch im Hinblick auf die Wirkkraft von 15-21
Günther Milgram
Massenmedien mit der Frage nach den psychischen Faktoren entsprechender
Stoyanova Zimbardo 22-27
Rechtfertigungsweisen beschäftigt.

Um dieses Phänomen genauer zu betrachten haben die Teilnehmenden sich vorrangig auf die Taten/VerhaltenvorGericht
Zeit des Nationalsozialismus konzentriert. Was hat scheinbar ganz normale Menschen dazu Kozikowski, 28-36
Browning,
getrieben zu morden und zu quälen? Welche Faktoren haben zu derartigen Grausamkeiten Lubzyk, -Polizeibataillon101
geführt? Goldhagen
Schneider
Galatsch, Manz -Nürnberger Kriegsverbrecher Frankl, Merritt 37-42
Als Quellen dienten neben den Prozessdokumenten auch theoretische Arbeiten zu den Brügger, Gilbert(1963), 43-48
Nürnberger Prozessen sowie dem Prozess gegen Eichmann. Peker, Schütz Goldensohn
Die Auseinandersetzung mit dem Material machte ein intensives Lektürestudium notwendig. Radtke, 49-60
Im Rahmen des Proseminars wurden spezielle Aspekte dieser Quellen vertieft. -Eichmann Arendt, YiĞrŅ’ŋl
Vervoort
Die teilnehmenden Studenten erhielten mittels Referaten die Chance, ihre didaktischen 61-72
Oertel,
Kompetenzen zu entwickeln bzw. einzuüben. Szondi,
Schielke, Diagnostik
Rorschach
Als Produkt ist ein Reader entstanden, in dem für Interessenten unterschiedliche Tezlaff
Liao, Repic Wechsler 73-80
Aspekte der Diskussion aufbereitet wurden.

Kleiber, 81-88
Erklärungen Lombroso
Marszalek
Cimen, 89-93
Bartol, Eysenck
Tkatchenko
Goldhagen, 94-99
Fleischer
Gilbert(1950)
Oste, Petri Adorno, Arendt 100-112
Kelley, Miale & 113-121
Balster, Böer,
Selzer;
Buksmann,
Gilbert(1963),
Noack
Goldensohn
Klassische Experimente, Kurt Lewin Cordula Luckassen

Dabei fand in sechs Wochen-Intervallen ein Leiter- und Führungsstilwechsel statt. Es wurden die Aus-
wirkungen von drei „Führerschaftsstilen“ beobachtet:
Klassische Experimente, Kurt Lewin Im ersten Fall bestimmte der Gruppenleiter was zu tun ist und teilte Aufgaben zu, gab strenge schrittwei-
se Anweisungen, so dass das Ziel für die Kinder unsicher blieb, und beteiligte sich nicht an den Arbeiten.
Cordula Luckassen; 5. Semester Der Leiter schuf also das soziale Klima eines autokratischen Führers. Beim zweiten Stil entschied die
Mehrheit der Gruppe demokratisch darüber, welche Ziele wie erreicht werden sollten. Dabei wurden die
Aufgaben vom Leiter anfangs erklärt und die einzelnen Schritte skizziert. Bei technischen Problemen
zeigte der Leiter Alternativen auf und handelte insgesamt als gleichwertiges Mitglied. Im dritten Fall,
dem Laissez-faire Stil, überließ der Gruppenleiter den Kindern völlige Entscheidungsfreiheit und betei-
ligte sich in keiner Weise. Die Materialen stellte man den Gruppenmitgliedern zwar bereit, aber der Lei-
ter äußerte sich nur unregelmäßig und auf Nachfrage hin.
Um die Stichproben vergleichbar zu machen, und somit die Gleichheit der Gruppenmuster zu gewähr-
Zusammenfassung
leisten, wurden die Jungen zuvor sorgfältig kontrolliert. Man studierte die Schulklasse, sowie interperso-
Kurt Lewin veröffentlichte im Jahre 1939 im Journal of Psychology seine Arbeit „Patterns of aggressive Behaviour in experi- nelle Beziehungen der Kinder, zog Lehrerberichte hinsichtlich des sozialen Verhaltens der Kinder heran
mentally created Social Climates“. In Zusammenarbeit mit Ralph White und Ronald Lippitt, ging es in seiner Forschungsarbeit
um die Frage, wie sich das Verhalten von 10 bis 11-jährigen Jungen in autoritär, laissez-faire und demokratisch organisierten
und betrachtete den sozioökonomischen Hintergrund der Kinder. Des Weiteren wurden auch außerhalb
Gruppen formt und entwickelt. Über die zugehörige Studie „Democratic and autocratic Leadership“, die für viele psychologi- der Gruppen Interviews bzw. Gespräche mit den Kindern, Lehrern und Eltern geführt. Die Observation
sche Probleme bedeutsam war, sagte Ronald Lippitt, er habe „besonders hinsichtlich der charakterformenden Wirkung, die der Kinder während der Durchführung des Experiments geschah mittels Berichten der Leiter, stenogra-
verschiedene Führertypen auf Kinder ausüben“, großes Interesse (Marrow, 1977). phischer Aufzeichnungen aller Gespräche, Kommentaren von Gastbeobachtern sowie Filmaufnahmen
Das Experiment bestand darin, dass fünf vergleichbare Jungengruppen sich wöchentlich eine Stunde zu Freizeitaktivitäten tra-
des „Gruppenlebens“.
fen. Dabei fand in sechs-Wochen-Intervallen ein Leiter- und Führungsstilwechsel statt. Das Experiment zeigte, dass die Gruppen
nach anfänglich ähnlichem Verhalten, rasch Unterschiede zeigten. In der autokratisch geführten Gruppe trat auffallend häufig In vereinzelte Gruppentreffen wurden Testsituationen eingebaut, beispielsweise, dass der Leiter während
aggressives und apathisches Verhalten unter den Kindern auf. In den demokratischen Gruppen arbeiteten die Jungen engagiert
und sorgfältig. Die Kinder unter der dritten Führerschaft, also in der Laissez-faire-Atmosphäre, strahlten enorme Unzufrieden-
des Treffens für einige Minuten den Raum verließ, sich verspätete oder ein Fremder, ein als Hausmeister
heit und Langeweile aus. Die Jungen zeigten ein sehr hohes Aggressionslevel. verkleideter Student, den Raum betrat und die Gruppenarbeit kritisierte. Diese Testsituationen sollten
Aufschluss darüber geben, inwiefern die Kinder ohne die Kontrolle der Aufsichtsperson weiterhin ihrer
Aufgabe nachgehen oder sich ablenken und gar provozieren lassen.

1 Einleitung
Kurt Lewin, geboren 1890 in Posen und gestorben 1947 in Massachusetts, gilt neben Sigmund Freud als
eine der wichtigsten Personen des psychologischen Zeitalters. Der breiten Öffentlichkeit war er zwar bei 3 Ergebnisse
weitem nicht so bekannt wie einige berühmte Kollegen, jedoch gehen so geläufige Begriffe wie „Feld-
Das Experiment offenbarte, dass die Gruppen nach anfänglich ähnlichem Verhalten, rasch Unterschiede
theorie“, „Gruppendynamik“ oder „Aktionsforschung“ auf ihn zurück. Lewin plädierte dafür, dass die
zeigten. In der autokratisch geführten Gruppe trat auffallend häufig aggressives und apathisches Verhal-
Phänomene „im Feld“ und nicht in der künstlichen Umgebung eines Labors untersucht wurden (Marrow,
ten unter den Kindern auf. So wurde gegenüber anderen Gruppenmitgliedern aggressive Dominanz ge-
1977). Unter dem damaligen Eindruck des Nazi-Regimes, welches Kurt Lewin als jüdischen Flüchtling
äußert, gegenüber dem Leiter hingegen unterwürfiges Verhalten. Die Jungen verloren jegliche Initiative,
ganz besonders betraf, veröffentlichte er unter anderem Studien über die Beeinflussung des Individuums
waren unzufrieden, kämpften miteinander und orientierten sich nur halbherzig an den Gruppenzielen. Die
durch die Gruppe und die Probleme von Minderheiten in der Gesellschaft. 1945 gründete er das „Re-
Aggression äußerte sich aber nicht unmittelbar, sondern eher indirekt. Zwei Mal entwickelte sich aus
search Center for Group Dynamics“ in Massachussetts. In diesem Zusammenhang entstanden auch die
wechselseitiger Aggression gegen alle Mitglieder fokussierte Aggression auf ein einziges Mitglied, es
Studien über „Democratic and autocratic leadership“.
bildete sich demnach ein „Sündenbock“ aus der Gruppe heraus. Nach Aufkommen dieses Sündenbocks
Insbesondere vor dem Hintergrund der Nürnberger Prozesse und somit auch der „Opfer-Täter Debatte“ trat eine kurzzeitige Kooperation zwischen den restlichen Jungen auf.
spielen diese Studien eine enorm wichtige Rolle. Sie zeigten auf, inwiefern Individuen und Gruppen
In der demokratisch geführten Gruppe arbeiteten die Jungen engagiert und originell, unterhielten sich
unter verschiedenen Führerschaftsstilen agieren und reagieren. Übertragen auf die Angeklagten der
angeregt und hatten ein gutes Verhältnis zum Leiter. Sie verhielten sich ihm gegenüber somit ungezwun-
Nürnberger Prozesse und alle anderen Täter des dritten Reichs bedeuten Lewins Erkenntnisse ein erwei-
gen und interagierten auch untereinander freundlich und objektiv. Zwar traten auch Aggressionen unter
tertes Verständnis für das Zustandekommen von Aggressionen in Abhängigkeit von der gesellschaftli-
den Kindern auf, jedoch in einem vergleichbar geringen Maß.
chen Organisationsform.
Die Jungen unter der dritten Führerschaft, der Laissez-faire-Atmosphäre, strahlten enorme Unzufrieden-
heit aus. Sie wussten wenig mit den bereitgestellten Materialien anzufangen und agierten gelangweilt.
Diese Langeweile äußerte sich durch Toben und kaum vorhandener Kooperation. Die Kinder zeigten ein
sehr hohes Aggressionslevel. Die extremste Aggressionsäußerung geschah bei dem Wechsel von auto-
2 Das Experiment kratischer Organisationsform zu Laissez-faire.
Zur ausführlicheren Erläuterung (der zweiten von zwei Reihen) des Experiments folgendes:
Unter dem Druck des autokratischen Leiters hatte sich in den Jungen so viel Spannung aufgebaut, dass er
Vier Gruppen bestehend aus jeweils fünf Mitgliedern, nämlich 10- bis 11-jährigen Jungen, trafen sich für in der Transitionsphase abgebaut werden musste.
eine Stunde die Woche zum Theatermasken bauen, Seifen schnitzen und ähnlichen Freizeitaktivitäten.
1 2
Klassische Experimente, Kurt Lewin Cordula Luckassen

Was die Arbeitsleistung der Gruppen betraf, erwies sich die Autokratie als die effizienteste Organisati- Zudem wird das Ausmaß von Aggressionsbereitschaft auch von dem kulturellen Hintergrund eines jeden
onsform. Die qualitativ hochwertigste Leistung erbrachten jedoch die Jungen in der Demokratie. Das Individuums geprägt, da verschiedene Lebensstile unterschiedliche Stile der Problemlösung zur Folge
Schlusslicht bildete die Laissez-faire Gruppe, deren Mitglieder nicht nur wenig, sondern auch noch Er- haben.
gebnisse von schlechter Qualität produzierten.
Die Beobachtungen Lewins, dass die Jungen zum einen apathisch und zum anderen aggressiv, also gänz-
Auf die Testsituation, in welcher der Leiter den Raum verließ, reagierten die Gruppen so, dass die Jun- lich gegenteilig, auf das autokratische Klima reagierten, scheinen zunächst unlogisch. Wenn man jedoch
gen unter demokratischer „Führung“ weiterarbeiteten, die Jungen in der Autokratie hingegen ihre Arbeit die Abhängigkeiten von den Druckverhältnissen außerhalb und innerhalb des Individuums berücksich-
unterbrachen und zu toben begannen. tigt, werden die gegensätzlichen Verhaltensweisen der Jungen auf die Autokratie verständlicher. Wenn
der Druck von außen stark ist und die Bereitschaft ihn zu ertragen groß, entsteht apathisches Verhalten.
Sind die Gegebenheiten andersherum, entsteht aggressives Verhalten.
Zusammenfassend haben Lewin, White und Lippitt herausgefunden, dass der demokratische Führungsstil
4 Diskussion der erfolgreichste war. Wichtig zu erwähnen ist aber, dass ein Junge den autoritären Stil bevorzugte
(Sohn des Army Officers). Dies legt nahe, dass die Jungen am besten auf die Organisationsform anspre-
Das zum Teil auffällige Aggressionspotential einiger Jungen wurde zum einen mit der Abwesenheit einer
chen, den sie als „richtig“ oder „natürlich“ empfinden. So haben die restlichen Jungen, die durch ihre
Respektsperson begründet, und zum anderen mit der Desorganisation der Spielstruktur, die sowohl in der
Sozialisation den Standpunkt angenommen haben, dass demokratische Traditionen als besonders wert-
Autokratie (in Abwesenheit des Leiters) und in der Laissez-faire-Atmosphäre (sowohl mit als auch ohne
voll gelten, dies in ihrem Verhalten wiedergespiegelt.
Leiter) vorhanden war. Es gab aufgrund dieser fehlenden Organisation keinerlei Beschäftigungsalternati-
ven, was zu Spannungen in den Gruppen führte, welche die Jungen durch das Toben auszugleichen ver- Im Kontext des Praxisprojekts „Ganz normale Menschen“ sind diese Forschungsergebnisse enorm inte-
suchten. ressant, da genau diese Problematik des Führerschaftsstils und dessen Auswirkung auf das Individuum
(im dritten Reich) im Mittelpunkt steht. Es geht im Wesentlichen um die Schuldfrage der Angeklagten in
In der Demokratie hingegen wurde deshalb weitergearbeitet, weil für die Jungen durch die anfängliche
den Nürnberger Prozessen zum einen, zum anderen aber auch um die des gesamten deutschen Volkes.
Erläuterung des Leiters ein Gruppenziel greifbar war und die Hilfestellungen des Leiters sowohl ihre
Dabei ist es von entscheidender Bedeutung, inwiefern ein Mensch durch die Organisationsform der ihn
Motivation als auch ihre individuelle Originalität förderte. So ist auch zu erklären, dass bis auf ein Junge,
umgebenden Gesellschaft zu solchen Gräueltaten, wie sie unter dem Nazi-Regime begangen wurden,
dessen Vater „Army-Officer“ war, alle 20 Jungen die demokratische Organisationsform offensichtlich
getrieben werden kann oder von vornherein gewisse Anlagen in ihm schlummern. Insofern trägt Lewins
favorisierten.
Experiment zur Erkenntnis bei, dass ein vorschnelles Verurteilen der damaligen Täter im dritten Reich
Als aggressionsfördernde Faktoren bezeichneten Lewin, Lippitt und White (Lewin et al., 1939): nicht der richtige Ansatz ist, sondern dass es ein vielschichtiges System von Faktoren innerhalb und au-
ßerhalb des Individuums ist, das manche von uns zu solch kaltblütigem Verhalten befähigt.
1) Spannung
2) eingeschränkte Bewegungsfreiheit
3) eine strenge Gruppenstruktur
5 Literaturverzeichnis
4) die Kultur
Lewin, K. et al. (1939). Patterns of aggressive behavior in experimentally created social climates. Journal of Social
Psychology, 10, 271-301
In der autokratischen Atmosphäre war die Spannung durch den konstanten Druck des Leiters sehr hoch. Marrow, A. J. (1977). Kurt Lewin – Leben und Werk. Konzepte der Humanwissenschaften. Stuttgart: Ernst Klett
Er erteilte sechs Mal mehr Befehle als in der demokratischen Atmosphäre, so dass sozialer Druck ent- Verlag.
stand. Zudem verstärkte der vermeintlich „feindliche Fremde“ diese Spannung durch seine Kritik. Stivers, E. & Wheelan, S. (1986). The Lewin Legacy. Field Theory in Current Practice. Berlin Heidelberg: Sprin-
ger-Verlag.
Was die Bewegungsfreiheit betrifft, fand Lewin heraus, dass sie sich äquivalent zu höherem Druck ver-
hält und somit auch erhöhte Spannung zur Folge hat. In einer autokratisch geführten Gruppe ist der Frei-
raum im Verhältnis zu erlaubten Tätigkeiten und dem zu erreichenden sozialen Status sehr klein. In einer Lewin, K. et al. (1939). Filmmaterial des Experiments
Demokratie hingegen fällt dieser Freiraum groß aus. Man würde an dieser Stelle erwarten, dass die Be-
wegungsfreiheit in einer unter Laissez-faire-Stil geleiteten Gruppe am größten ist, schließlich bleiben den
Individuen unter einer solchen Führung scheinbar die meisten Freiheiten. Erstaunlicherweise aber fällt
die Bewegungsfreiheit in der Laissez-faire-Atmosphäre noch kleiner aus als in der demokratischen.
Gründe dafür sind die mangelnde Zeitperspektive und das unkoordinierte Arbeiten eines jeden Mitglie-
des. In der Demokratie wird der größere Freiraum gerade durch die Vorgaben des Leiters begründet, die
aber im Gegensatz zu autokratischen Befehlen, das Individuum nicht einschränken, sondern fördern.
Des Weiteren ist in der Demokratie die Änderung des sozialen Status möglich, in der Autokratie dagegen
nicht, weil es die strenge Gruppenstruktur nicht zulässt. Da die Bewegung in und somit auch die Bewe-
gung weg von der Gruppe also gänzlich verboten wird, wird Spannung und folglich Aggression aufge-
baut.

3 4
G.M. Gilbert: „Stereotype persistence and change among college students“ 1951 Erik Reinhard

1928), Guilford (1931), Katz and Braly (1933, 1935) und Thurstone (1928, 1931) auf diesem Gebiet.

G.M. Gilbert „Stereotype persistence and change among college Doch 1950 befasste sich der Sozialpsychologe, Gustav Mark Gilbert, erstmals mit der Frage, in wie weit
sich Stereotypen im Laufe der Zeit verändern und warum. Zu Gilberts Person ist zu bemerken, dass er
students“ 1951 1939 an der Columbia University im Fach Psychologie promovierte. Während des Hauptkriegsverbre-
- Ein klassisches Experiment der Sozialpsychologie cherprozesses in Nürnberg vom 20. November 1945 bis 1. Oktober 1946, durfte er, die Angeklagten psy-
chologisch betreuen. Daraus resultierte auch sein Werk “Nürnberger Tagebuch”(1962). Die Erfahrungen
und Erlebnisse während der Betreuung haben ihn wahrscheinlich auch dazu stimuliert, seine Untersu-
Erik Reinhard; 5.Semester chung an der Princeton University durchzuführen, denn in seinem Forschungsbericht beschreibt er auch
Eindrücke, die er bei den Gespräche mit den Naziführern gemacht hat

2 Hauptteil

Zusammenfassung
In dieser Arbeit geht es im Kern, um die Untersuchung „Stereotype persistence and change among college students“ die Gustav
2.1 Versuchsaufbau
Marc Gilbert 1951 veröffentlichte. Dazu wird zunächst geklärt was es mit dem Phänomen der Stereotypisierung auf sich hat und
welche Intentionen den Psychologen Gustav Marc Gilbert, dazu bewogen haben könnten, sich mit dieser Thematik auseinander
zu setzen. Danach erfolgt eine genauere Betrachtung der Daten, die Gilbert im Rahmen seiner Erhebung gewonnen hat. Dazu In seiner Arbeit “Stereotype persistence and change among college students”, die heute zu den klassi-
werden symetrisch zu der deskriptiven Darstellung der Daten, Erklärungsansätze geliefert, die Gilbert dahinter vermutet. Am schen Experimenten der Sozialpsychologie gehört, macht er darauf aufmerksam, dass sich die “Bilder” in
Ende erfolgt das Resümee der gewonnen Erkenntnisse mit der Diskussion einiger aufgeworfener Fragen. den Köpfen von Studenten, über bestimmte Personengruppen im Laufe der Zeit verschieben können und
worin die Ursachen dafür liegen könnten (1951, Journal of abnormal and social psycology). Um den
Zeitfaktor in seinem Experiment zu berücksichtigen, bediente er sich einfach an den Daten und dem Ver-
1 Einleitung suchsaufbau des 1932 durchgeführten Experiments von Katz and Braly (“Racial Stereotypes of hunderet
college students”), denn Katz and Braly führten ebenfalls an der Princeton University ein Erhebung unter
Der Begriff Stereotype wurde von dem US-amerikanischen Schriftsteller und Journalist Walter Lipp- den Studenten durch. Sie legten 100 Studenten eine Liste mit 84 Attributen bzw. Charaktereigenschaften
mann begründet und erschien erstmals 1922 in seinem Klassiker “Public Opinion”. In diesem Werk (vgl. Anhang 1) vor, von denen die Studenten jeweils die fünf auswählen sollten, die ihrer Meinung nach
machte er auf das Phänomen der Stereotypie aufmerksam, indem er erkannte, dass, obwohl der einzelne am besten zu den 10 angegebenen ethnischen Gruppen passten. Die angegebenen Ethnischen Gruppen
Mensch in einer nur kleinen Welt lebt und nur mit einem kleinen Personenkreis direkt zu tun hat, er sich waren, Amerikaner, Engländer, Iren, Juden, Neger (Menschen Afrikanischer Herkunft), Deutsche, Japa-
dennoch eine Meinung, über einen sehr viel größeren geographischen Raum, über weitaus mehr Men- ner, Chinesen und Türken. Knapp zwanzig Jahre nach diesem Versuch führte Gilbert diese Erhebung
schen und über eine größere Anzahl von Dingen außerhalb seines “Mikrokosmos” bildet. Diese Entste- ebenfalls unter den Princetonstudenten durch. Außer dass es eine größere Stichprobe( N ) von 333 gab,
hung von Ansichten und Meinungen über Gegebenheiten und Geschehnisse der Welt, die über den ei- war der Versuchsaufbau der selbe wie bei Katz and Braly. Als Neuerung kam bei Gilbert die Fokussie-
gentlichen Erfahrungs- und Erlebnisbereich eines Menschen hinaus gehen, erfolgen aufgrund von Infor- rung des Zeitfaktors dazu. Durch diese unabhängige Variable und dem ansonsten gleich gebliebenen
mationen die der Mensch aus seiner Umwelt erhält. Um die Fülle der Informationen, die auf das einzelne Versuchsaufbau, war es Gilbert möglich einen Vergleich zwischen den Ergebnissen von 1932 und seinen
Individuum einströmen, zu verarbeiten und um dennoch ein geordnetes Bild der Welt zu gewährleisten, Ergebnissen von 1950 anzuführen.
bedient sich der Mensch der Stereotypie. Menschen mit ähnlichen Eigenschaften kategorisiert er in
Gruppen, wie Europäer, Franzosen , “Ossis” usw. und ordnet diesen Kategorien gleichzeitig Attribute 2.2 Rahmenbedingungen des Versuchs
bzw. Charaktereigenschaften zu, begründet auf den Informationen, die er zu diesen Menschengruppen
erhält. Dabei lässt er die Individualität der einzelnen Menschen in der Gruppe außer Acht. Stereotypie Als Gilbert 1950 an die Universität in Princeton kam, um seine Erhebung unter den Studenten durchzu-
kann man daher auch als eine generell falsche Verallgemeinerung von Menschengruppen bezeichnen, die führen fand er ein etwas anderes Bild vor als Katz and Braly bei ihrer Untersuchung 1932. Gegen Ende
darauf zurückzuführen ist, dass der Mensch diese Generallisierungen benötigt, um in seiner Umwelt rea- des zweiten Weltkriegs verabschiedete die US-Regierung die „G.I. Bill of rights“, die allen Kriegsteil-
gieren zu können. So lange es dem einzelnen Menschen bewusst ist, dass diese Bewertungen von Perso- nehmern den Zugang zu einer amerikanischen Universität ermöglichte. Bis dato wurde das elitäre Bild
nengruppen falsch und im Bezug auf einzelne Individuen einer Gruppe nicht gerechtfertigt sind, besteht der Universität durch die Studenten geprägt, die aus wohlhabenden, weißen und privilegierten Familien-
für die Stereotype auch kein Grund für Bedenken. Fasst man dagegen Stereotype als wahr auf, sind Ste- häusern stammten. Nun kamen auch Studenten nach Princeton, deren Familien eher zu den sozial schwä-
reotypisierung nicht mehr wertfrei. Sie werden zu Vorurteilen (prejudice), die nach heutigem Erkenntnis- cheren der USA gehörten und auch zu gesellschaftlichen Randgruppen zählten. Diesen Fakt betonte auch
stand nicht mit Stereotypen gleichzusetzen sind. Gilbert in seiner Arbeit um ein Indiz dafür zu geben, dass bei seiner Untersuchung ein weitaus realerer
Querschnitt der Jugend der USA als Population vertreten war. Dies wirkte sich verständlicherweise auf
Walter Lippmann verwies in seiner Arbeit schon indirekt auf ein Thema, das erst mit der explosionsarti- die Ergebnisse seiner Studie aus. Dazu kam, dass sich in den knapp zwanzig Jahren zwischen den beiden
gen Entwicklung der Massenmedien ab den 1950er Jahren zu einem Diskussionspunkt in der Wissen- Versuchen die Studienfächer der Sozialwissenschaft und der Psychologie mehr und mehr an den Univer-
schaft wurde. Die Qualität der Informationen die durch die Massenmedien, vor allem durch Bewegbilder, sitäten etablierten und so populär wurden, dass es 1950 kaum einen Studiengang gab, der nicht von die-
an den Konsumenten herangetragen wird, ist enorm wichtig bei der Herausbildung von Stereotypen. Das sen Wissenschaftsrichtungen beeinflusst wurde. Dieser Einfluss wirkte sich nach Gilbert in so fern auf
Werk “Public Opinion”(1922) von Lippmann stimulierte in der Folgezeit bedeutende Persönlichkeiten die Untersuchung aus, dass ein großer Teil der Studenten sich nur wiederwillig an dem Versuch beteilig-
dazu, sich mit dem Problem der Stereotypie zu beschäftigen. Unter anderem forschten Bogardus (1925, ten. Viele Studenten sahen keinen Sinn darin, Generalisierungen über ethnische Gruppen zu treffen und
5 6
G.M. Gilbert: „Stereotype persistence and change among college students“ 1951 Erik Reinhard

sahen es eher als eine Beleidigung ihrer Intelligenz an. Zumal dem Großteil der Studenten in Fächern der Anhand der erhobenen Daten zu der ethnischen Gruppe der Negroes, kann man eine weitere Erkenntnis
Psychologie und Sozialwissenschaft gelehrt wurde , welch ignoranten Touch solch blinde Verallgemei- aus der Untersuchung “Stereotype persistence and Change among collegestudents” ziehen. Gilbert er-
nerungen haben. Diese Abwehrhaltung und Skepsis gegen die Erhebung gab es bei Katz and Braly nicht, wähnt in seiner Arbeit die rasante Entwicklung und Veränderung der Medienlandschaft in den USA. Er
doch Gilbert reagierte darauf und gestattete es den Studenten, die als Versuchsteilnehmer dienten, einen vermutet, dass auch dies ein Indiz für die Veränderung der Stereotypen von 1932 bis 1950 sein könnte.
Kommentar am Ende des Versuchsbogens zu verfassen. Von diesem Angebot machten sehr viele Stu- Am deutlichsten wird dies, wenn man die Erhebungen zu den Negroes von 1950 und 1932 mit einander
denten Gebrauch und bekundeten ihre Bedenken teils vehement (vgl. Anhang 2). vergleicht und dabei ein Auge auf den Wandel der Medienlandschaft dieser Zeit wirft. Bei der Erhebung
von Katz and Braly überwog noch das Bild des abergläubischen, faulen, Banjospielenden, nicht ganz
Trotz dieser allgemeinen Skepsis gegenüber der Untersuchung, kamen 333 Studenten der Anweisung des ernst zunehmenden Schwarzen. Ganze 84 Prozent der Studenten wiesen dieser Gruppe das Adjektiv “su-
Forschungsleiters nach und ordneten die Attribute bzw. Charaktereigenschaften den 10 ethnischen Grup- perstitious” (abergläubisch) zu und immerhin 75 Prozent die Eigenschaft “lazy” (faul). Doch dieses Bild
pen zu. So kam Gilbert zu einem Datensatz, den er mit dem von Katz and Braly vergleichen konnte. Mit wandelte sich in der Erhebung von Gilbert etwa zwanzig Jahre später. Nur noch 41 Prozent der Prince-
Berücksichtigung der oben angeführten Punkte, die eine etwas andere Situation darstellen, welche Gil- tonstudenten gaben an, dass Negroes abergläubisch sind und nur 31 Prozent wiesen der Gruppe die Ei-
bert im Vergleich zu Katz and Braly vorfand, kann man sich nun die gewonnen Daten zu den einzelnen genschaft „faul“ zu. Generell verloren alle vorherrschenden Eigenschaften, wie “happy-go-
ethnischen Gruppen genauer betrachten (vgl. Anhang 3). lucky”(genügsam), “ignorant” (ignorant), “ostentatious”(prahlend), “very religious” (sehr religiös) und
“stupid”(dumm), an Prozentpunkten. Nur die Eigenschaft der Musikalität verzeichnet ein Plus von 7 Pro-
2.3 Auswertung der Daten zent. Neu dazugekommen ist die weniger anstößige Eigenschaft “pleasure-loving”(Genuss-liebend), mit
19 Prozent. Diese Veränderung der Stereotype der Negroes zeigt einen viel vorsichtigeren Umgang mit
dieser ethnischen Gruppe. Die Studenten waren bei ihren Eigenschaftszuschreibungen weniger extrem
2.3.1 Amerikaner und verwendeten eher harmlosere Attribute.

Die amerikanischen Studenten stehen ihrer Nationengruppe kritischer gegenüber als noch 20 Jahre zuvor. Auch in den amerikanischen Medien ist dieser veränderte Umgang mit ethnischen Randgruppen zu er-
Die Eigenschaften “industrious”(arbeitsam), “intelligent”(klug), “ambitous”(ehrgeizig), “progressi- kennen. Dieses Phänomen soll an einem kleinen Beispiel deutlich gemacht werden. Gilbert erwähnt in
ve”(fortschrittlich), “alert”(wachsam) und “efficient” (leistungsfähig) wurden in Gilberts Erhebung weit seiner Arbeit die in den 1930er und 1940er Jahren äußerst erfolgreiche Comedy-Serie “Amos and Andy”,
weniger berücksichtigt. Die größte Verschiebung ist bei der Stereotype der Fortschrittlichkeit zu ver- die in ihrer Glanzzeit bis zu 40 Millionen Zuhörer zählte. Dies entspricht einem Drittel der damaligen
zeichnen. Das Attribut “progressive”(fortschrittlich) verzeichnet einen Rückgang um 22 Prozentpunkte. US-Bevölkerung. Die Serie handelte von zwei Schwarzen, Amos und Andy, die vom Land in die Groß-
Schätzten im Jahr 1932 noch 27 Prozent der Studenten die Amerikaner als fortschrittlich ein, so waren es stadt zogen, um dort ihr Glück zu finden. Leider standen ihnen dabei ihre Charaktereigenschaften oft im
1950 nur noch 5 Prozent. Nur die Attribute “materialistic”(materialistisch) und “pleasure- Wege. Beide wurden in der Serie eher negativ karikiert. Amos war naiv und Andy konnte mit den Eigen-
loving”(Genuss-liebend) konnten einen Zuwachs verzeichnen. Dies ist ebenfalls ein Beweis dafür, dass schaften faul, aufbrausend und verträumt beschrieben werden. Dazu kam noch ein sehr übersteigertes
sich die Amerikaner mit einem weitaus kritischeren Auge sehen als zwanzig Jahren zuvor. Man betrach- Selbstwertgefühl. Die Medienlandschaft veränderte sich drastisch mit der explosionsartigen Entwick-
tet sich aber auch weniger aggressiv(-12%). Dass Amerikaner von vielen Studenten als individualistisch lung der Fernsehtechnik. Von 1947 bis 1953 stieg die Zahl der Fernsehgeräte in den amerikanischen
eingeschätzt wurden, war neu. Bei Katz and Braly wurde das Attribut „individualistic“ als Eigenschafts- Haushalten von rund 8000 auf rund 19.124.900 Geräte (Frey ,1999:30) . Die Erfolgsserie “Amos and
zuweisung nicht von den Studenten berücksichtigt. Bei Gilberts Versuch wurde jedoch von 26 Prozent Andy” die bis dato nur im Radio und im Kino lief, bekam zunächst auch ihren Platz im Fernsehen. Doch
der befragten Studenten das Attribut “indvidualistic” (individualistisch) für Amerikaner verwandt. Eine mit der flächendeckenden Einführung der Bewegbildunterhaltung erkannte man auch die Werbewirk-
Werteverschiebung bei den Studenten von 1950 wird hier deutlich. Galt 1931 der Charakterzug „indivi- samkeit dieses neuen visuellen Mediums. Auf Druck der Werbeagenturen wurde von den Sendeanstalten
dualistisch“ noch als eher negativer Charakterzug, so wird dieser von den Studenten von 1950 als sehr ein zuschauerfreundlicheres Programm gestaltet. Da man natürlich auch Schwarze, als potentielle Käu-
positiv bewertet. Gilbert begründet dies mit dem Einfluss des zweiten Weltkrieg, der zeigte, dass Anpas- fergruppe erkannte, wurde die Serie “Amos and Andy” kurze Zeit später eingestellt
sung, Unterordnung und Vereinheitlichung drei Komponenten sind, die eine Diktatur auszeichnen. Gil- (www.amosandy.com) (vgl.Anhang 5).
bert bemerkte weiterhin, dass die Population seiner Untersuchung sensibler mit der Zuweisung von Ei-
genschaften zu ethnischen Gruppen umgeht und bewusst eine Werteverschiebung in der Gesellschaft 2.3.4 Juden, Italiener, Chinesen, Iren
wahrnimmt.
Bei den Stereotypen der Juden, Italiener, Chinesen und Iren ist eine vergleichsweise ähnliche Verände-
2.3.2 Engländer rung zu beobachten. Die Studenten wichen von den extremen Eigenschaftszuweisungen ab und wiesen
den ethischen Gruppen sozial vertretbarere Attribute zu.
Im Fall der Stereotypenzuweisung bei den Engländern wird ein für den Versuch generelles Phänomen
deutlich. Die Eigenschaftszuweisungen der Studenten zu den ethnischen Gruppen flachen ab und verlie- 2.3.5 Engländer, Deutsche, Japaner
ren an Deutlichkeit, was die von Studie 1932 noch auszeichnete. Damals schätzten noch über 50 Prozent
der Studenten den typischen Engländer als “sportsmanlike” ein. Knapp zwanzig Jahre später sind nur
Anders sieht es hingegen bei den Deutschen und Japanern aus. Der Zweite Weltkrieg, der zwischen der
noch 21 Prozent der Studenten dieser Meinung. Lediglich die Eigenschaften „tradition-loving“ (traditi-
Erhebung von 1932 und der 1950 herrschte, hat bei den entsprechenden Stereotypen deutliche Spuren
onsbewusst), „reserved“(zurückhaltend) und „sophisticated“(differenziert) verzeichnen einen Zuwachs
hinterlassen. Hier tätigten die Studenten ihre Eigenschaftszuschreibungen weit weniger zurückhaltend als
an Prozentpunkten.
bei den anderen Nationengruppen. Sprachen noch 44 Prozent der Studenten von 1932 den Deutschen die
Eigenschaft “klug” zu, waren es 1950 nur noch 10 Prozent. Diese negative Verschiebung der Stereotype
der Deutschen wird auch anhand der Eigenschaften, “extremly nationalistic” (extrem nationalistisch,
+26%) , “aggressive” (aggressiv,+27%), “arrogant”(hochnäsig,+23%) und ”progressive”(fortschrittlich,-
2.3.3 Negreos 13%) deutlich. Im Falle der Deutschen muss auch darauf hingewiesen werden, wie eindeutig die Eigen-
7 8
G.M. Gilbert: „Stereotype persistence and change among college students“ 1951 Erik Reinhard

schaftszuschreibungen von den Studenten getätigt wurden. Im Schnitt wurden nur 6,3 Attribute von der Als dritten Faktor für die Veränderung von Stereotypen gibt Gilbert die allgemeine Abwendung der Me-
gesamten Versuchsgruppe gewählt (vgl. Anlage 4). Das heißt, dass bei den Princetonstudenten ein weit- dienlandschaft von stereotypen Charakterisierungen in der Unterhaltungsbranche an. Man war seit dem
gehend einheitliches Bild über die Deutschen vorherrschte. Dies galt auch für die Studenten von 1932, Aufkommen der Fernsehindustrie mehr und mehr darauf bedacht keine ethnischen Randgruppen durch
die im Durchschnitt sogar nur fünf Attribute benötigen um den “typischen Deutschen” zu charakterisie- die Karikierung von Charaktereigenschaften zu diskriminieren. Ein sozial erwünschteres Programm wur-
ren. de für die US-Bevölkerung gestaltet. Trotz der zurückhaltenden Generalisierung von ethnischen Gruppen
durch die Studenten betont Gilbert ausdrücklich, dass Stereotypisierungen dennoch von den Studenten
Bei den Japanern war man sich bei der Zuweisung von Stereotypen zwar nicht so einig (26 verwendete gemacht werden. Diese werden aber aufgrund der sozialen Erwünschtheit weniger extrem öffentlich ge-
traits), aber dennoch zeigte sich ein extrem negatives Bild im Vergleich zur Erhebung von 1932. Nur äußert, wie noch beim Versuch von Katz and Braly achtzehn Jahre zuvor.
noch 11 Prozent der Studenten von 1950 wiesen den Japanern das Attribut „intelligent“ zu. Etwa zwan-
zig Jahre zuvor waren es noch 45% der Princetonstudenten. Die Charaktereigenschaften “sly”(listig), Dass Stereotypen bei den Menschen nicht unbedingt was mit persönlicher Überzeugung zu tun haben,
“imitative”(nachahmend), “extremely nationalistic” (extrem nationalistisch) und “treacherous” (betrüge- stellte Gilbert auch schon bei der Betreuung der Naziführer während des Hauptkriegsverbrecherprozesses
risch) konnten jeweils einen Zuwachs an Prozentpunkten verzeichnen. Das Bild von den Japanern war in Nürnberg fest. Den Naziführern fiel es nicht schwer die Ideologie des Hitlerregimes, die sie jahrelang
1950 sogar noch negativer als das von den Deutschen, die zumindest die Eigenschaften “scientifically- propagiert hatten, zu widerrufen. Sie versuchten ihre Verbrechen mit dem Argument zu verteidigen, dass
minded” (wissenschaftsorientiert) und “industrious” (arbeitsam) von vielen Studenten zugesprochen be- sie ja im Sinne der gesellschaftlichen Normen gehandelt hätten, welche im 3. Reich vorherrschend wa-
kamen. Dies könnte vor allem mit dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor 1941 zu tun haben, der bis ren. Gilbert macht mit seinem Versuch deutlich, in wie weit äußere Einflüsse, seien sie gesellschaftli-
dato der erste Angriff einer Nation auf amerikanischen Boden war. Es bleibt also festzuhalten, dass sich cher, kultureller oder politischer Natur, das Bild eines Menschen über ethnische Gruppen prägen. Doch
auch geschichtliche Ereignisse auf die Verschiebung von Stereotypen auswirken können. obwohl oder gerade weil, die Arbeit von Gilbert “Stereotype persistence and change among collegestu-
dents” mehr Fragen aufwirft als sie beantwortet, gehört sie zu den klassischen Experimenten der Sozial-
psychologie, die nach über einem halben Jahrhundert nichts an Relevanz verloren hat.

3 Resümee und Diskussion


4 Literaturverzeichnis
Wie weiter oben schon erwähnt, erklärte sich der Großteil der Princetonstudenten nur wiederwillig und
mit erheblicher Skepsis bereit, an Gilberts Erhebung teilzunehmen. In Kommentaren, die sie am Ende Lippmann, Walter. (1998), Public Opinion. New Brunswick: Transaction (Erstveröffentlichung 1922)
des Versuchs ergänzend verfassen durften, stellten sie die Sinnhaftigkeit der Erhebung in Frage und äu-
ßerten soziale Bedenken. Noch ein weiterer Punkt fiel Gilbert bei der Analyse der abgegebenen Daten Frey, Siefried . (2000) Die Macht des Bildes. Der Einfluß der nonverbalen Kommunikation auf Kultur und Politik /
auf. Die Studenten tätigten die Eigenschaftszuschreibungen viel diffuser als bei Katz and Braly. Am auf- Siegfried Frey. -1.Aufl. - Bern; Göttingen; Toronto; Seattle: Huber, 1999
fälligsten ist dies zu beobachten, wenn man die Daten zu den Türken von 1932 und 1950 im Vergleich
betrachtet. Während 1932 das Bild des “Terrible Turk” bei den Studenten vorherrschte und fast 50 Pro- Gilbert, G.M. (1951) „Stereotype persitence and change among college students“ , The Jounal of Abnormal and
zent der Studenten den Türken das Attribut „cruel“ (grausam) zuordneten, wurde hingegen 1950 kein so Social Psycology, Nr. 46, Seiten 245-254
einheitliches Bild über die Türken ermittelt. Im Schnitt wurden von allen 333 Versuchsteilnehmern 32
Katz D. and Braly , K. W. (1933), „Racial stereotypes of 100 college students“, The Jounal of Abnormal and
traits aus der Attributenliste verwendet, um die Türken zu charakterisieren. Zum Vergleich 1932 waren Social Psycology, Journal of Abnormal and Social Psychology Nr.28: Seiten 280-290
es nur 15,9 traits. Dies zeigt erneut wie vorsichtig die Studenten in Gilberts Versuch damit umgehen, vor
allem über ethnische Gruppen, die sie nicht kennen, Generalisierungen zu tätigen.

Zusammenfassend gibt Gilbert in seiner Arbeit “Stereotype persistence and change among collegestu-
dents” drei wesentliche Gründe an, die zur Veränderung der Stereotypen von 1932 bis 1950 unter den
Studenten geführt haben könnten. Der Einfluss der “neuen” Studienfächer der Psychologie und der Sozi-
alwissenschaften, hat in der Zeit nach dem ersten Versuch von Katz and Braly enorm zugenommen, so
dass kaum ein Student, der am Versuch teilgenommen hat, nicht direkt bzw. indirekt damit in Berührung
kam. Diese Studienfächer propagierten natürlich die Verwerflichkeit voreiliger Schlüsse und Generalisie-
rungen von ethnischen Gruppen. Demnach kam der Großteil der Princetonstudenten nur sehr zurückhal-
tend und mit Bedenken der Aufforderung Gilberts nach.

Ein zweiter, oben schon erwähnter Grund für die Verschiebung der Stereotypen, könnte in der veränder-
ten Population des Experiments liegen. Durch die „G.I. Bill of Rights“ durften alle Kriegsteilnehmer au-
tomatisch eine Universität besuchen. Damit war gerade an den Eliteuniversitäten wie Princeton ein weit-
aus realerer Querschnitt der US-Jugend anzutreffen. Zum einen hatten die bis dato abgekapselten, elitä-
ren und weißen Studenten direkten Kontakt zu Menschen aus gesellschaftliche Randgruppen und zum
anderen habe einige Studenten ihre Erfahrungen aus den Kriegsgebieten mitgenommen und davon be-
richtet. So ließe sich zum einen die generelle Unvoreingenommenheit der Versuchsteilnehmer gegenüber
ethnischen Gruppen erklären und zum anderen die eindeutig negative Verschiebung der Stereotype bei
den Deutschen und Japanern.
9 10
G.M. Gilbert: „Stereotype persistence and change among college students“ 1951 Erik Reinhard

I don’t consider it possible to pigeonhole a whole people under a few adjectives. I can only represent
Anhang 1: Liste mit 84 Attributen bzw. Charaktereigenschaften stereotypes here. Probably all people contain all these chracteristics in part. Non of these adjectives are
descriptions from personal experience with the groups. Even those listed for Americans are newspaper
descriptions. Characteristics for all of these groups have been determind for me not by me.
aggressive gluttonous methodical sensitive
alert grasping musical sensual
I do not believe that one can generalize about races or nationalities in this manner. The words which I put
ambitious gregarious naive shrewd down will apply to vague concepts, and to my mind, do not mean anything. One word wich would apply
to one German might not apply to another; individuals make up the many , and I do not have any faith in
argumentative happy-go-lucky neat slovenly the words which one glibly applies through prejudice or erroneous concepts, to races or nations as a
arrogant honest ostentatious sly whole. It is in this premise that I will comply with the wishes of the psychology department.
artistic humorless passionate sophisticated
boastful ignorant persistent sportsmanlike How it is possible to attribute certain characteristics to people of different nations without firsthand or
definite knowledge either of these people or their customs or habits? Characteristics that are selectet
brilliant imaginative physically dirty stolid below for different peoples are for the mor part characteristics wich our own society has conceived to be
conceited imitative pleasure-loving straightforward appropriate and are probably nine out of ten times incorrect(as to the races or nation as a whole).

conservative impulsive ponderous stubborn


conventional individualistic practical stupid A whole race of people cannot be generalized as having common traits. It is a dangerous ans fallacious
practice to chracterize a whole nationality by a few words, even though there may be some degree of
courteous industrious progressive sauve truth in the existence of some of the traits in small portions of the race or nationality.
cowardly intelligent pugnacious suggestible
cruel jovial quarrelsome superstitious
deceitful kind quick-tempered suspicious
efficient lazy quiet talketive
evasive loud radical tradition-loving
extremely nationalistic loyal to family ties reserved treacherous
faithful materialistic revengeful unreliable
frivolous meditative rude very religious
generous mercenary scientifically-minded witty

Anhang 2: Kommentare der Princetonstudenten von 1950

I personally do not believe that I have sufficient acquaintance to generalize about the traits of various
nationality groups.

In most of these I must, unfortunately, base my decisions om my acquaintance with only one ore twi
representatives , or even worse , on movie or magazine stock characters. Thus I write everything
extentive reservations. Secondly, I wish, to point out that I most definetly do not consider any
characteristics wich I hesitantly assign to one ethnic group as necessarily applying to an individual within
the group. I merely think that one group would tend more toward containing such an individual than
other.

11 12
G.M. Gilbert: „Stereotype persistence and change among college students“ 1951 Erik Reinhard

Anhang 3: Vergleich der Stereotypenausprägung (Katz and Braly 1932 vs. Gil- Anhang 4: Vergleich der durchschnittlich angegebenen traits pro Nationengrup-
bert 1950) pe

Anhang 5: „Amos and Andy“

13 14
Das Milgram- Experiment Katharina Günther

son zwangsläufig die Rolle des Lehrers bekam und die eingeweihte Versuchsperson die des Schülers.
Während der Schüler Assoziationspaare lernen und die richtigen Paare wiedergeben musste, bestand die
Aufgabe des Lehrers darin, den Schüler bei falschen Antworten mit Elektroschocks in wachsender Stärke
zu bestrafen. Dazu wurde der Schüler an eine Apparatur festgebunden, und Elektrode an seinem Handge-
lenk angebracht. Der Lehrer wurde in ein Raum mit dem Schockgenerator gebracht, der eine Anordnung
von 30 Schaltern, besaß. Diese waren von 15 bis 450 Volt mit Steigerung um jeweils 15 Volt bezeichnet.
Das Milgram- Experiment Da man mit Ungehorsam der Versuchspersonen gerechnet hat, wurden 4 anspornende Bemerkungen
festgelegt, die im Fall des Zögerns eingesetzt werden sollten. Sollte sich die Versuchsperson nach allen
Katharina Günther; 3. Semester vier Bemerkungen weiterhin weigern fortzufahren, galt sie als ungehorsam, das Experiment wurde been-
det. Doch entgegen aller Erwartungen bestand die Schwierigkeit nicht darin, auf Gehorsam zu treffen,
sondern darin, Ungehorsam zu erzeugen. Besonders bei der ersten Variation des Experiments, einer Fern-
rückkopplung, bei der das Opfer sich im anderen Raum befand, weder sichtbar noch hörbar war und die
Antworten nur auf dem Signalkasten aufblitzten, war die Gehorsamsrate hoch. Im abgeänderten Experi-
Zusammenfassung
ment mit der akustischen Rückkopplung baute man hörbare Proteste des Schülers ein. Beim Raumnähe-
experiment befand sich das Opfer im gleichen Raum mit der Versuchsperson. Und schließlich sollte der
Im Zentrum des folgenden Beitrags steht das Experiment, das vom amerikanischen Sozialpsychologen Stanley Milgram entwi- Lehrer im Berührungsnäheexperiment die Hand des Opfers gewaltsam auf die Schockplatte drücken,
ckelt und durchgeführt wurde, um Bereitschaft von Personen zu untersuchen, autoritären Anweisungen zu folgen, auch wenn wenn es sich weigerte mitzumachen.
diese im direktem Widerspruch zu ihrem Gewissen stehen. Die Untersuchung sollte die Ereignisse in Nazi- Deutschland erklä-
ren, wo Massenmord möglich war, weil es einer befahl und tausende gehorchten. Unter Beachtung der Hypothese William L.
Shirers, die besagte, dass die Deutschen einen besonders obrigkeitshörigen Charakter haben, sollte überprüft werden, ob es Tabelle 1
tatsächlich am grundsätzlichen Charakterfehler dieser Menschen lag. Doch das Ausmaß an Gehorsam in Amerika war so uner-
wartet wie erschreckend und hat zwar Shirers These widerlegt, konnte jedoch nicht mit Sicherheit aufzeigen, wovon genau der Variation des Experiments Gehorsame Personen
Gehorsam abhängt. Milgram selbst sah das Konzept der politischen Theoretikerin Hannah Arendt von der Banalität des Bösen
als die treffendste Erklärung. 1. Fernrückkopplung 65% (26 Vpn)

2. Akustische Rückkopplung 62,5% (25 Vpn)


1 Einleitung
3. Raumnähe 40% (16 Vpn)
Morden als Pflicht, Befehlen zu gehorchen ist nicht neu in der Geschichte der Menschheit. Doch die
systematische Vernichtung Millionen von Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus erreichte ein bis 4. Berührungsnähe 30% (12 Vpn)
dahin unvorstellbaren Ausmaß und stellte die Frage warum es so viele sind, die bereit sind andere zu
verletzen und zu töten, wenn es ihnen befohlen wurde.
Was Milgram als die fundamentalste Erkenntnis der Untersuchung betrachtete, stellte auch gleichzeitig Obwohl die Gehorsamsbereitschaft der Versuchspersonen geringer wurde je näher man das Opfer an sie
die Gemeinsamkeit zwischen seinen Versuchspersonen und der Vielzahl der Kriegsverbrecher dar: die heranbrachte (siehe Tabelle1) blieb sie dennoch erschreckend hoch. Auch in zahlreichen anderen Varia-
Bereitschaft, Gewalt gegen andere auszuüben, sobald es ihnen eine Autoritätsperson befielt, besaßen tionen des Experiments wurde überwiegend eine Gehorsamsbereitschaft gezeigt, die weder vom Flehen
ganz gewöhnliche, “normale” Menschen, die nur ihre Aufgabe erfüllten und weder brutal und sadistisch und Bitten des Opfers noch davon, wie schmerzhaft die Schocks zu sein schienen, erschüttert wurde. Die
waren noch dabei persönliche Feindschaften empfanden. Gehorsamsverweigerung erfolgte nicht mal dann, wenn sich der Schüler über seinen Herzfehler be-
schwerte (siehe Tabelle 2).

Das Milgram Experiment (Der Ablauf)


Die genaue Fragestellung des Experiments lautete: Wieweit geht ein Mensch in einer konkreten, messba-
ren Situation, in der ihm befohlen wird, mit zunehmender Härte gegen einen anderen Menschen vorzu-
gehen? Die Variation der experimentellen Bedingungen sollte außerdem aufzeigen, welche Umstände
Gehorsam fördern.
Das Experiment wurde folgendermaßen aufgebaut: 2 Menschen kamen in das Psychologielabor an der
Yale Universität um an einer Untersuchung über Erinnerungsvermögen und Lernfähigkeit teilzunehmen.
Dabei gehörte eine der Personen - ein 47-jähriger, freundschaftlich und liebenswürdig wirkender Mann -
zum experimentellen Team und spielte nur die Rolle der zufällig ausgewählten Versuchsperson. Der
Versuchsleiter, der von einem 31- Jährigen gespielt wurde, trug einen grauen Technikerkittel, war höf-
lich, aber bestimmt, sowie ein wenig streng. Er erklärte, dass die Untersuchung sich mit Auswirkungen
von Strafe auf Lernen befasst. Manipuliertes Verfahren führte dazu, dass die uninformierte Versuchsper-
16
Das Milgram- Experiment Katharina Günther

er als Agens- Zustand und sah ihn als antithetisch zum Zustand der Autonomie, in dem sich jemand be-
findet, wenn er sich aus eigenem Antrieb handelnd betrachtet.

Tabelle 2 Des Weiteren unterschied Milgram zwischen Vorbedingungen, unmittelbaren Vorbedingungen und den
Bindungsfaktoren als Ursachen des Gehorsams.
Variation des Experiments Gehorsame Personen
Als Vorbedingungen für Gehorsamsbereitschaft bezeichnete er Bedingungen unter denen sich jemand
vom autonomen in den Agens- Zustand begibt. Dazu zählte er in erster Linie die Familie, die eine Auto-
5. Beschwerde über Herzfehler 65,0% (26 Vpn)
ritätsstruktur darstellt, da Kinder den Vorschriften der Eltern unterworfen sind. Er betonte, dass elterliche
Befehle neben der Vielzahl von moralischen Grundsätzen immer die gleiche Forderung nach Gehorsam
7. Abwesenheit der Versuchsleiters 20,5% (9 Vpn) beinhalten, das einzig konstante Element. Darin sah er die Erklärung, warum die Gehorsamsbereitschaft
moralische Inhalte tendenziell überwiegt.
10. Bürohaus in Bridgeport 47,5% (19 Vpn)
Die weitere Vorbedingung sah er im institutionellen Rahmen, der ebenfalls das Funktionieren innerhalb
11. Versuchsperson wählt Schockstufe 2,5% (1 Vp) von Organisationen lehrt und in dem sich der Mensch sein ganzes Leben lang bewegt (Schule, Arbeit).
Dass Nachgiebigkeit gegenüber der Autorität belohnt und Verweigerung bestraft wird, wirkt dabei eben-
falls gehorsamsfördernd. Auch ist hier nicht jede Autoritätsperson persönlich bekannt, zu ihrer Behaup-
15. Zwei Autoritäten, widersprüchliche Be- 0,0% (0 Vpn)
tung reicht schon ein abstrakter Rang wie Titel oder Uniform. Um diesen institutionellen Zusammenhang
fehle als Gehorsamsursache zu prüfen, wurde das Experiment von Yale, einer Institution, die man mit Kompe-
tenz und nutzbringenden Zweck verbinden könnte, in das Bürogebäude einer Industriestadt verlegt und
im Namen einer Privatfirma durchgeführt. Dass der Gehorsam nicht bedeutend abnahm (siehe Tabelle 2,
Experiment Nr. 10), hat gezeigt, dass die Rangordnung einer Institution innerhalb der Kategorie eher
Bei diesen Ergebnissen ist die Neigung groß, die Natur der Menschen, die zu solchen Taten fähig sind, unbedeutend ist und Befehle als legitim betrachtet werden, wenn sie innerhalb irgendeiner Institution
als grausam zu bezeichnen. Doch die Theorie der Verhaltungsforschung, die besagt, dass der Mensch auftreten, auch wenn diese weder angesehen noch berühmt ist.
sadistische Seiten besitzt und diese im Experiment, bei unbeschränkter Macht über andere auslebt, hat
Zu unmittelbaren Vorbedingungen für Gehorsamsbereitschaft zählte Milgram die Autoritätswahrneh-
sich nicht bestätigt. Im Experiment Nr.5 (siehe Tabelle 2), in dem die Versuchsperson die Schockhöhe
mung als solche und argumentierte damit, dass die Selbstdefinition und die Uniform des Versuchsleiters
selber wählen konnte, wobei ausdrücklich darauf hingewiesen wurde, dass jede Schockhöhe gewählt
seine ultimative Autoritätsstellung bekräftigen, da die Versuchsperson die Kontrollübernahme durch ihn
werden darf, gingen 38 der 40 Versuchspersonen nicht über den Punkt hinaus, an dem das Opfer protes-
bereits erwartet.
tierte.
Auch setzte er den Eintritt in das Autoritätssystem dem Betreten des physischen Raums des Labors
Milgrams Versuchsteilnehmer waren weder besonders aggressiv, und gefühllos noch empfanden sie Ver-
gleich und ging davon aus, dass die Versuchsperson sich auf den Versuchsleiter einstellt und deswegen
gnügen, den Schüler zu bestrafen. Im Gegenteil, den meisten war ein großer innerer Konflikt anzusehen.
für seine Signale empfängnisfähiger ist als für die des Opfers.
Viele waren sehr nervös, stritten mit dem Versuchsleiter und waren am Ende des Experiments sehr er-
leichtert. Warum nur wenige die Kraft hatten, es selbst zu beenden, soll nun näher betrachtet werden. Außerdem war es laut Milgram der ganze übergeordnete ideologische Rahmen, der den Anlass als legi-
tim gerechtfertigt hat, da der Versuchsleiter die Schockvergabe als zum wissenschaftlichen Zweck die-
nend darstellt. Die Versuchsperson lässt diese Neudefinition der Situation durch Autorität zu und sieht
nicht nur das eigene Verhalten als positiv und nützlich, sondern möchte auch eine “gute” Versuchsperson
2 Stand der Forschung sein, der Wissenschaft dienen und den Versuchsleiter beeindrucken.

Die beunruhigende Gehorsamsbereitschaft und das grausame Handeln der sonst liebenswürdigen, an- Als Bindungsfaktoren bezeichnete Milgram Kräfte, die den Agenszustand aufrecht erhalten, wie der
ständigen, verantwortungsbewussten Menschen wiesen für Milgram daraufhin, dass Gehorsam eine star- konsequente Charakter des Handlungsablaufs. Dadurch, dass der Versuchsleiters nichts Neues befielt,
ke, vorherrschende Anlage im Menschen ist. Er vermutete eine evolutionäre Erklärung, denn die Ge- gleicht das Aufhören an einer bestimmten Stelle dem Eingeständnis, dass das vorhergehende Verhalten
horsamsbereitschaft ist eine Voraussetzung für die gesellschaftliche Organisation, die wichtig zum Über- falsch war.
leben ist. Wie wichtig hierarchische Strukturen für den Menschen sind, zeigte er mit seinem Experiment Als ebenfalls bindend galten für ihn auch situationsbedingte Verpflichtungen, womit er meinte, dass
Nr. 15 (siehe Tabelle 2) in dem 2 gleichrangige Autoritäten der Versuchsperson sich widersprechende Verweigerung aus Sicht der Versuchsperson der Verleugnung der Verpflichtung gegenüber dem Ver-
Befehle gaben (aufhören oder weitermachen). Das deutliche Ergebnis von 0% gehorsamer Versuchsper- suchsleiter nahe kommt. Der Bruch mit der vom Versuchsleiter definierten Situation scheint sich nicht
sonen sowie Versuche vieler von ihnen festzustellen, wer die größere Autorität ist, bestätigten die heraus- nur unhöflich zu sein, es stellt seine Autorität in Frage, verletzt seinen Status und Würde. An dem Punkt
ragende Rolle, die Hierarchie im Zusammenleben der Menschen spielt. Nach Milgram wird dabei im befürchtet man arrogant und widerspenstig zu wirken. Im Experiment, in dem der Versuchsleiter nicht
Interesse des Systemzusammenhalts nicht nur lokale Herrschaft unterdrückt und auf höher stehende Indi- körperlich anwesend ist und die Anordnungen per Telefon erteilt, zeigte sich durch drastische Abnahme
viduen übertragen, sondern auch das Ich- Ideal gegen das Gruppenideal eingetauscht, da Hemmungen des Gehorsams (siehe Tabelle 2), dass es genau der offene Bruch mit der Autorität ist, von dem sich die
des Gewissens nicht im Widerspruch zu höherrangigen Komponente stehen dürfen. Er schlussfolgerte, Versuchspersonen fürchten.
dass die Person, die in ein hierarchisches System eintritt, sich nicht mehr als Person sieht, die aufgrund
eigener Zielsetzungen handelt und sich für seine Handlungen verantwortlich erlebt, sondern als ein In- Viele Forscher beschäftigten sich im Anschluss an die Milgram- Experimente mit den Gehorsamsstudien
strument anderer Person und ihr Verantwortungsgefühl schwindet. Diesen Funktionszustand bezeichnete und haben Gehorsam z. T. mit ähnlichen Faktoren erklärt. So formulierte Kelman in seinem Konzept der
Routine (1973), dass sie “…die Notwendigkeit, Entscheidungen zu treffen [reduziert]…und Illusion
[schafft], dass man an eine legitime Aufgabe gebunden ist.” (S. 46-47). Auch S.J. Gilbert bezeichnete
17 18
Das Milgram- Experiment Katharina Günther

nach seinen 1981 durchgeführten Untersuchungen den rituellen Aufgabencharakter als eine der Hauptur-
sachen. Er argumentierte, dass das Aufhören besonders deswegen schwerer fällt, je weiter man kommt,
3 Diskussion
da sich die Schocks nur minimal voneinander unterscheiden, weswegen Ungehorsam am wahrschein-
Das Milgram Experiment sollte den Massenmord im II Weltkrieg erklären, doch inwieweit ist das gelun-
lichsten ist, wenn sich die Rückmeldungsqualität des Opfers ändert. Aufgrund seiner Analyse von
gen? Den größten Unterschied zwischen dem Gehorsam in seinen Studien und dem während des Hol-
Milgrams Experimenten untermauert er die Behauptung empirisch: eine bedeutende Zahl der Versuchs-
causts nannte Milgram selbst: “Das Experiment(…) dauerte eine Stunde; die Nazikatastrophe entwickelte
personen wurde genau dann ungehorsam, wenn das Opfer das erste Mal gegen die Wand schlug oder
sich über mehr als ein Jahrzehnt.” (S. 203). Zudem erfolgte in Nazideutschland eine langjährige starke
aufhörte zu reagieren.
Abwertung des Opfers durch antijüdische Propaganda.
Einen anderen Erklärungsansatz als Milgrams Agens- Zustand machte Lifton mit seiner Theory of
Die Versuchspersonen nahmen nur ein mal am Experiment teil, die Situation war für sie gänzlich unbe-
doubling. Er sprach von unbewusster Teilung des Selbst in 2 funktionierende Ganze, so dass ein Teil-
kannt und unerwartet, sie hatten keine Zeit, um ihre Rolle darin zu überdenken, wogegen die meisten
Selbst als ganzes Selbst agiert (1990, S. 180). Er unterschied zwischen Auschwitz -Selbst, das die betref-
Kriegsverbrecher monate- und jahrelang im Tötungsprozess mitgewirkt haben.
fende Person benötigt, um in einem Klima psychisch klarzukommen und zu arbeiten, das seinen vorheri-
gen ethischen Standards widerspricht und dem humanem physischen Ehemann/Vater- Selbst, das gleich- Doch genau das Konzept der Banalität des Bösen von Hannah Arendt, an dem sich Milgram bei der Er-
zeitig gebraucht wird, um sich weiterhin so zu sehen wie vorher. klärung des Holocausts orientierte und es als wichtigste Gemeinsamkeit bezeichnete (S.22) wurde von
vielen Kritikern nicht unterstützt. Milgram sah Parallelen zwischen seinen Versuchspersonen, normalen
Das kontrastiert wiederum mit der “Einheitsselbst- Theorie” von Waller (1996) die behauptet, dass das
Menschen, die zu grausamen Handlungen veranlasst werden konnten und dem - wie ihn Arendt be-
Selbst, also die gesamte psychologische Konstellation, durch die Macht sozialer Kräfte der Situation
schrieb - fantasielosen Bürokrat Eichmann, der nur seine Pflicht erfüllte. Dieser Beschreibung stimmten
fundamental verändert wird (S. 16).
viele nicht zu, so bestritt 1965 Robinson ihre Behauptung, Eichmann wäre “bloß ein passiver Befehlsaus-
Doch außer der Frage nach Gehorsamsursachen stellte sich eine nicht minder wichtige, die viele Forscher führer” (S. 21), da er in mehreren Fällen selbst die Initiative ergriffen hätte, wo er hätte es auch unterlas-
beschäftigte: verändert sich mit der Zeit das Gehorsamsausmaß oder bleibt es gleich? sen können (S. 32). In ähnlicher Weise betonte Goldhagen die Ideologie hinter den Taten der Deutschen.
Er sah den radikalen “eliminierenden Antisemitismus” und nicht Gehorsam als die primäre Motivation
1973 stellte Gergen die Behauptung auf, dass die Welterfahrenheit, also Erwerb von Informationen, das für Handlungen der Täter. Laut ihm waren Versuche dem Morden zu entgehen eher unähnlich für Deut-
Verhalten der Menschen verändern und sie aus der Autoritätsgewalt befreien kann (S.313). Sollte er sche, im Gegensatz, er betonte ihre Lust am Töten: “ihre Feierlichkeiten, ihre Bereitschaft ihre Frauen in
Recht haben, würde sich dank sog. “Aufklärungseffekten” in neueren Studien weniger Gehorsam zeigen, der Nähe zu haben, wenn sie Juden zu tausenden abschlachteten, ihr Eifer die Erinnerungen an ihre Völ-
da die Teilnehmer größere Chancen hätten über Milgrams Arbeit zu hören, dadurch aufgeklärt und von kermordtaten mit den Fotos festzuhalten, auf denen sie mit Stolz posierten…” (S. 378).
ungewollten Autoritätsansprüchen befreit zu werden. Dieser Frage ging Thomas Blass nach, indem er die
Milgram- sowie Milgram –Typ – Experimente (Untersuchungen die in Anlehnung an Milgrams Experi- Ausgehend von diesen Argumenten, scheinen Milgrams Untersuchungen tatsächlich irrelevant zu sein
mente von anderen Wissenschaftlern durchgeführt worden sind) studierte und die Rangordnung des Pub- für Erklärung des Holocausts. Und doch gibt es viele unbestrittene Parallelen. So berichtete Browning
likationsjahres der Studie mit der Rangordnung der jeweiligen Gehorsamsrate verglich. Die Spanne in nach Untersuchung des Verhaltens und der Aussagen der Männer des Reserve Polizei Bataillon 101, dass
der die verglichenen Studien durchgeführt wurden betrug 22 Jahre, von 1963 bis 1985. Blass fand heraus, mit größerer Nähe zum Morden die Zahl der Männer, die sich widersetzten, bedeutend anstieg (S. 174-
dass obwohl der Gehorsamsausmaß von Studie zu Studie stark variierte: von 28% ( Kilham & Mann, 176), was Milgrams Ergebnissen in Experimenten 1 bis 4 entspricht.
1974) bis 91% ( Ring, Wallston & Corey, 1970), es keine systematische Beziehung zwischen dem
Milgram sprach vom konsequenten Handlungscharakter, doch auch Nazis offenbarten ihr Völkermord-
Durchführungsjahr der Studie und dem Gehorsam gab.
plan nur schrittweise. Vom ersten Boykott jüdischer Läden bis zum Massenmord in Konzentrationsla-
Das Ergebnis dieser vergleichenden Analyse liefert Anzeichen gegen die Wirkung der von Gergen vor- gern dauerte es Jahre, das Endresultat war für viele nicht vorhersehbar und auch sich zu widersetzen
geschlagenen Aufklärungseffekten, was die Untersuchung von Shelton (1982) ebenfalls bestätigt. Sie wurde immer schwieriger.
machte ihre Versuchspersonen genauestens vertraut mit den Gehorsamsstudien, bevor sie um die Teil-
Milgrams Versuchspersonen hatten Angst, arrogant und unhöflich zu erscheinen. Doch auch in Nazi-
nahme bat. Im Experiment sollte die Versuchsperson als Experimentator agieren und anderen Teilneh-
deutschland, wo Prinzipien der Massenpsychologie geschickt genutzt und die Menschen von Propagan-
mer, den Lehrer, beaufsichtigen, der Lernaufgaben mit dem Schüler durchgehen und ihn im Fall eines
da, der man sich kaum entziehen konnte, beeinflusst wurden, bedeutete es sich davon zu befreien, sich
Fehlers mit Schockverabreichung bestrafen sollte. Der Versuchsperson wurde gesagt, dass der Schüler
dem normativen Druck auszusetzen, der für Milgrams Versuchspersonen ähnlich war.
zum experimentellen Team gehört, doch ohne ihr Wissen tat es auch der Lehrer. Als die Schockhöhe und
die Reaktionen des Schülers auf seinen Schmerz stiegen, zeigte Lehrer Unbehagen und Angst, bat aufzu- Mehrere Wissenschaftler (Bandura, Hilberg, Staub) nannten auch die gehorsamsfördernde Euphemismen
hören, fluchte und weinte beinahe. Trotzdem gingen 22 der 24 Teilnehmer bis zum Ende und gaben Be- als weitere Parallele und meinten, dass analog zur in der Nazizeit üblichen Verwendung von Wörtern
fehle die steigende Bestrafung bis zum Maximum von 450 Volt zu behalten. Sie erkannten nicht die Pa- wie “Umsiedlung” für Deportation in Konzentrationslager, die Untersuchungsbezeichnung - Experiment
rallelen zwischen ihrem Gehorsam Shelton gegenüber und dem Gehorsam des Lehrers ihnen gegenüber. über das Lernen und Gedächtnis - beschönigend und unbedrohlich wirkt.
In diesen Untersuchungen sah Blass den Beweis, dass durch Aufklärung und Wissen über die Macht der Nach Abwiegen aller Argumente, komme ich somit zu der Schlussfolgerung, dass Milgrams Untersu-
Autorität die Person eher die von der Autorität dominierte Situation erkennen und vermeiden kann, es chung zwar nicht die ultimative Erklärung für den Massenmord liefert, jedoch viel darüber zu sagen hat
ihr jedoch nicht notwendigerweise hilft, der Autorität zu trotzen, wenn sie sich bereits in solcher Situati- und wichtige Einblicke in die menschliche Psychologie gewährt. Wie unerwartet diese Einblicke waren,
on befindet. zeigt sich u. a. an Schätzung der von Milgram befragten Personen, die voraussagt haben, dass nur eine
pathologische Randgruppe von ca. 2% bis zum Ende der Skala gehen würde, was in etwa auch Milgrams
Vorstellung war. Die Menschen behaupteten Gehorsam zu verweigern, sahen die Reaktion vom Mitge-
fühl, Gerechtigkeitssinn, innerlichen und persönlichen Werten abhängig und neigten dazu, die gehorsa-
men Versuchspersonen vorschnell zu verurteilen, wovor Milgram warnte, denn: ”Vom bequemen Lehn-
stuhl aus fällt es leicht(…)” (S. 22), aber dabei ignoriere man andere auf den Menschen einwirkende

19 20
Das Milgram- Experiment

Kräfte. Und die sich trotz der Erklärung dieser Kräfte stellende Frage, wie man mit dem Ergebnis nun
umgehen soll, beantwortet Milgram mit Zustand der Autonomie und dem Agens- Zustand: “Daran ist
nichts schlecht, daran ist nichts gut. Das ist ein natürlicher Umstand im Leben mit anderen Menschen.”.

4 Literaturverzeichnis:
Blass, T. (2000) Milgram Paradigm after 35 Years, in: T. Blass (Hrsg.), Obedience to Authority: Current
Perspectives on the Milgram Paradigm. Lawrence Erlbaum Associates, S. 50-54.
Blass, T. (2000) Milgram Paradigm after 35 Years, Blass (Hrsg.), Obedience to Authority: Current Perspectives on
the Milgram Paradigm. Lawrence Erlbaum Associates, S. 52-53.
Browning, C. (1992). Ordinary men: Reserve Police Battalion 101 and the final solution in Poland. New York:
HarperCollins, in: Saltzmann, A.L. (2000) The Role of the Obedience Experiments in Holocaust Studies: The Case
for Renewed Visibility. In T. Blass (Hrsg.), Obedience to Authority: Current Perspectives on the Milgram
Paradigm. Lawrence Erlbaum Associates, S. 131-132.
Gergen, K.J. (1973). Social psychology as history. Journal of Personality and Social Psycology, 26, 309-320, in:
Blass, T. (2000) Milgram Paradigm after 35 Years. In T. Blass (Hrsg.), Obedience to Authority: Current
Perspectives on the Milgram Paradigm. Lawrence Erlbaum Associates, S. 51-53.
Gilbert, S.J. (1981). Another look at the Milgram obedience studies: The role of the gradated series of shocks.
Personality and Social Psychology Bulletin, 7, 690-695, in: Wim Meeus & Quinten Raaijmakers (2006). Autori-
tätsgehorsam, in Hans-Werner Bierhoff und dieter Frey (Hrsg.), Handbuch
der Sozialpsychologie und Kommunikationspsychologie. Bern: Hogrefe, Seite 77-82.
Goldhagen, D.J. (1996). Hitler‚s willing executioners: Ordinary Germans and the Holocaust. New York: Knopf, in:
Saltzmann, A.L. (2000) The Role of the Obedience Experiments in Holocaust Studies: The Case for Renewed
Visibility, in: T. Blass (Hrsg.), Obedience to Authority: Current Perspectives on the Milgram Paradigm. Lawrence
Erlbaum Associates, S. 131.
Kelmann, H.C. (1973). Violence without moral restraint: Reflections on the dehumanization of victims and
victimizers. Journal of Social Issues, 29 (4), 25-49,
Lifton, R.J. (1990). Doubling: The Faustian bargain, in: R. Gottlieb (Hrsg.), Thinking the unthinkable: Meanings of
the Holocaust New York: Paulist Press, in: Saltzmann, A.L. (2000) The Role of the Obedience Experimentsîn
Holocaust Studies: The Case for Renewed Visibility, in: T. Blass (Ed.), Obedience to Authority: Current
Perspectives on the Milgram Paradigm. Lawrence Erlbaum Associates, S. 140.
Milgram, S. (1982). Das Milgram Experiment In Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbeck bei Hamburg.
Robinson, J. (1965). And the crooked shall bei made staight: The Eichmann Trial, the Jewish Katastrophe, and
Hannah Arendt‚s narrative. New York: Macmillan, in: Saltzmann, A.L. (2000) The Role of the Obedience
Experiments in Holocaust Studies: The Case for Renewed Visibility, in: T. Blass (Hrsg.), Obedience to Authority:
Current Perspectives on the Milgram Paradigm. Lawrence Erlbaum Associates, S. 130-131.
Saltzmann, A.L. (2000) The Role of the Obedience Experiment in Holocaust Studies: The Case for Renewed
Visibility, in T. Blass (Hrsg.), Obedience to Authority: Current Perspectives on the Milgram Paradigm. Lawrence
Erlbaum Associates, S.135-136.
Shelton, G.A. (1982). The generalization of understanding to behavior: The role of perspektive in enlightment.
Unpublished doctoral Dissertation, University of British Columbia, Vancouver, Canada, in:
Waller, J. (1996). Perpetrators of the Holocaust: Divided and unitary self- conceptions of evildoing. Holocaust and
Genocide Studies, 10, 11-33, in: Saltzmann, A.L. (2000) The Role of the Obedience Experimentsîn Holocaust
Studies: The Case for Renewed Visibility. In T. Blass (Hrsg.), Obedience to Authority: Current Perspectives on the
Milgram Paradigm. Lawrence Erlbaum Associates, S. 140.
Wim Meeus & Quinten Raaijmakers (2006). Autoritätsgehorsam, in Hans-Werner-Bierhoff und Dieter Frey (Hrsg),
Handbuch der Sozialpsychologie und Kommunikationspsychologie. Bern: Hofgrete, S. 77-82.
21
Stoyanova Zimbardo's Gefängnis-Experiment. Autorität, Gruppendynamik und derer Einfluss auf das Verhalten des Einzelnen

zeigtes Gewaltverhalten oder eine Neigung dazu, aus „ganz normalen Menschen“ bereitwillige Übeltäter
werden.
Zimbardo's Gefängnis-Experiment. Autorität,
2 Stand der Forschung
Gruppendynamik und derer Einfluss auf das Verhalten des
Ziel des 1971 durchgeführten Experiments war es, angesichts aggressiven Verhaltens Phänomenen wie
Einzelnen Autorität, Gehorsam, Gruppendruck und ihrem Zusammenhang näher kommen zu können. Zimbardo
und sein Team wollten die Faktoren identifizieren, die dazu führen, dass Gefängnisse an sich die Gewalt-
Stoyanova; 3. Semester
tätigkeit der Gefangenen multiplizieren anstelle zu reduzieren. Aus diesem Grund war die Simulation
einer Gefängnissituation angebracht. Zu diesem Zweck wurde ein Flur des psychologischen Instituts zu
einem funktionalen Scheingefängnis umgebaut. Im Endeffekt sah es wie eine richtige Gefängnisabtei-
lung aus, mit einem langen Korridor, drei 3er-Zellen und einer gemeinsamen Toilette außerhalb der Zel-
len. Ein Schrank im Korridor, der dunkel und passend eng war, sodass ein Mensch drinnen nur stehend
passt, sollte den Wärtern als Isolierzelle dienen. Das Ganze wurde von einer Kamera im Flur und einem
Zusammenfassung Mikrofon in jeder Zelle beobachtet und abgehört.
Im Rahmen des Praxisprojektes „Ganz normale Menschen?“ wurden vielfältige Themenbereiche aus der Sozialpsychologie
miteinbezogen, die zur Analyse des menschlichen Verhaltens gebraucht wurden. Eine Antwort auf die zentrale Frage, was Men-
schen „wie ich und du“ dazu gebracht hat, Massenmörder zu werden; ob und wie dieses Verhalten veranlagt, beziehungsweise
geprägt oder angelernt wurde, sodass der Zweite Weltkrieg so aussah, wie er aussah, wurde durch vielfältige Gruppeninteraktion
gesucht, indem man sich für jedes Referatthema gleich viel Zeit für den Vortrag und für die darauf folgende Diskussion nahm.
Dadurch wurden wir mit wissenschaftlichen Studien, auf die Gegenwart bezogenen Parallelen und Beispielen, sowie persönli-
chen Erfahrungen jedes Einzelnen gleichzeitig bekannt gemacht. In dieser Form fiel es allen leicht, komplizierteren Versuchsab-
läufen und Begriffen näher zu kommen, aber auch diese genauso gut nachzuvollziehen. Ich habe mich überwiegend mit dem
Stanford-Prison-Experiment von Zimbardo auseinander gesetzt und versuche hier, es mittels Milgram's Versuchsreihen zu ana-
lysieren und diskutieren. Das Experiment entspricht genau den zentralen Fragestellungen des Praxisprojektes und stellt trotz des
relativ simplen Versuchsaufbaus und des vorläufigen Abbruchs, ein klares Beispiel dar, wie leicht aus durchschnittlichen Indivi-
duen bereitwillige Täter werden.

1 Einleitung
Der Zweite Weltkrieg ist ein brutales Beispiel dafür gewesen, dass die Menschheit heutzutage immer
noch zu unfassbaren Grausamkeiten fähig ist. Diese traurige Tatsache wird heute noch immer wieder Abbildung 1: Der Flur im Gefängnis - der einzige Ort
bewiesen, abgesehen davon, in wie weit sich die Wissenschaft, die Politik und das soziale Bewusstsein außerhalb der Zellen, an dem sich Gefangene aufhalten durften.
im 20. Jahrhundert entwickelt haben.
Das Interesse der Wissenschaftler am Aggressionspotential der Menschen wird dauernd provoziert. So- Was die Versuchspersonen betrifft, wurde eine Zeitungsanzeige veröffentlicht, es würden männliche
wohl von dem Streben danach, die eigene Psyche besser zu kennen, als auch von dem Wunsch, sich Probanden für ein Experiment gegen Bezahlung gesucht. 70 Studenten meldeten sich freiwillig und
ständig wiederholende Gewaltphänomene zu untersuchen und diese dadurch reduzieren zu können. nahmen an einem Persönlichkeitstest teil. Darunter wurden 24 ausgewählt, die einen einheitlichen gesell-
Durch vielfältige Experimente wird immer wieder eine wissenschaftliche Erklärung dessen gesucht, wel- schaftlichen Status und dem Durchschnitt entsprechende Testergebnisse hatten. Diese wurden per Zufall
che Faktoren die Neigung des Menschen zu aggressivem und gewalttätigem Verhalten prägen und wie in 2 Gruppen verteilt – Wärter und Gefangene. Vor dem Anfang sollten die Gefangenen offiziell auf ei-
diese miteinander zusammenhängen. nige ihrer Grundrechte im Rahmen des Versuchs verzichten, und die Wärter bekamen ihre Bewaffnung:
Uniformen, Trillerpfeifen, Gummiknüppel und Sonnenbrillen. Es gab 9 Gefangene und insgesamt 9 Wär-
Übt der Mensch kongenial Gewalt aus oder wird er durch externe Faktoren und Umstände dazu ge- ter, die aber in dreier Gruppen 8-stündige Dienstschichten leisteten. Die restlichen fünf von insgesamt 24
bracht? Welche Rolle spielen persönliche Erfahrungen? Wie setzt sich Autorität durch? Das waren unter Probanden ließ sich das Team als Reserven für den Notfall.
anderem auch die grundlegenden Fragestellungen, die innerhalb des Praxisprojekts immer wieder auf-
tauchten und diskutiert wurden anhand der umfangreichen Referate zu klassischen psychologischen Ver- Die „Gefangenen“ wurden angewiesen, am vereinbarten Datum zu Hause zu bleiben. An dem Tag wur-
suchen und Werken. den sie überraschend von der örtlichen Polizei verhaftet und abgeholt, wodurch den Zustand eines leich-
ten Schocks gewährleistet wurde. So fing das Experiment an. Im „Gefängnis“ wurde jeder Gefangene
Mit Fragestellungen aus diesen Bereichen setzte sich auch der US-Psychologe Philipp Zimbardo ausein- nackt ausgezogen und gesprüht, als diente das zur Krankheiten- und Schmutzvorbeugung. Um den Knö-
ander und untersuchte die Entstehung von Gehorsam, sowie auch die Umstände, unter denen sich Men- chel eines jeden Gefangenen wurde eine schwere eiserne Kette befestigt. Jeder bekam eine ID-Nummer,
schen dem Zwang einer Gruppe anpassen oder völlig unterwerfen. In seinem Stanford-Prison- die auf der Vorder- und Rückseite eines Kittels gekennzeichnet war, und die Funktion des eigenen Na-
Experiment ging Zimbardo den Auswirkungen von Autorität und Gruppendynamik nach, um festzustel- mens, dessen Gebrauch verboten wurde, bekam. Den Kittel sollte man ohne Unterwäsche 24 Stunden am
len, wieso in einer Gruppe die Identität und die lange geschaffenen innerlichen Werte des Einzelnen rui- Tag tragen, dasselbe galt für einen Nylonstrumpf über die Haare. Die Wärter sollten mit „Herr Strafvoll-
niert und völlig transformiert werden können, sprich – woran liegt es, dass ohne jegliches im Voraus ge-

22 23
Stoyanova Zimbardo's Gefängnis-Experiment. Autorität, Gruppendynamik und derer Einfluss auf das Verhalten des Einzelnen

zugsbeamter“ angesprochen werden und aneinander durften sich die Gefangenen ausschließlich mit den auch Gefangene schienen in Selbstvergessenheit und Utopie zu geraten, obwohl es allen klar sein sollte,
Nummern wenden. dass es sich trotz allem um ein Rollenspiel handelte. Die Feindschaft zwischen den beiden Gruppen stieg
kontinuierlich, obwohl alle Versuchspersonen anfangs die gleichen durchschnittlichen Ergebnisse und
All dies diente dem Zweck, sich möglichst viel der Situation in einem richtigen Gefängnis zu nähren.
einen sehr ähnlichen Status hatten. Abgesehen von dem psychischen Zustand der Gefangenen wurde es
Jeder Gegenstand trug zur Entmännlichung, Unterdrückung, Anonymität, Individualitätsverlust bei, was
auch festgestellt, dass die Wärter nachts, wenn sie glaubten, unbeobachtet zu sein, immer demütigender
normalerweise durch einen kurzen Haarschnitt, gleiches Aussehen etc. erfolgt. Die Wärter wurden kaum
und unmenschlicher die Gefangenen misshandelten. Außerdem wurde das Experiment aus moralischer
trainiert, es war ihnen alleine überlassen, wie sie Ordnung, Regelbeachtung und Hierarchie im Gefängnis
Sicht in Frage gestellt. Am sechsten Tag wurde das Experiment vorläufig abgebrochen, aus moralischen
schaffen und behalten. Diese probierten ihre neuen Rollen erst aus und waren sich nicht sicher, wie sie
und aus Sicherheitsgründen, da man nicht mehr eindeutig die Frage beantworten konnte, ob die Kontrolle
sich Autorität unter den Gefangenen verschaffen sollten, was den Anfang einer Reihe direkter Konfronta-
über die Situation und vor allem über die Handlungen der Wärter weiter möglich ist.
tionen setzte.
Je nach dem, wie sie handelten, kann man die Wärter in insgesamt 3 Grundtypen teilen – solche, die
streng aber fair waren und die Regeln des Gefängnisses beachteten; solche, die die Gefangenen nie be-
Gefangene Wärter straften, denen sogar mit Kleinigkeiten zu helfen versuchten und andere, die ihre Macht offensichtlich
gern und willkürlich ausübten, immer neue und noch grausamere Strafmethoden ausdachten. Dieses ab-
Milder Schock, Desinfektion ------- sichtliche Verhalten demonstrierten drei von insgesamt neun Wärtern. Die restlichen, die etwas milder
Empfang
wirkten, störten dieses Drittel bei der Durchsetzung der Schikanen nicht.
Uniform Weißer Kittel, keine Unterwäsche, Wärteruniform, Tril- Es ergab sich, wie leicht man Menschen, die früher keinerlei extreme Neigungen gezeigt haben, doch zu
eiserne Fusskette, Nylonstrumpf lerpfeife, Gummi- extremer Unmenschlichkeit, beziehungsweise totaler Unterwerfung manipulieren kann. Es reicht die
über die Haare knüppel, Sonnenbril- einmalige Anerkennung einer beliebigen Autorität aus. Eine Bedrohung ist in dem Fall völlig überflüs-
le sig, weil die Gruppendynamik für eine Zustimmung und Unterwerfung der anders denkenden Mitglieder,
dadurch auch allmählich für die Homogenisierung der Gruppe sorgt.
Ansprache der „Herr Strafvollzugsbeamter“ „Nummer ...“ Die Art und Weise, wie sich das Experiment auf die Gefangenen auswirkte, die Tatsache, dass sie unter
anderen Gruppe Schock standen, zum Teil depressiv wurden und in erstaunlich hohen Massen sich mit ihren Rollen iden-
tifizierten, haben kaum Bezug auf die Thematik des Praxisprojektes. Trotzdem ist es zu erwähnen, dass
Verbote Benutzung der eigenen Namen ------- es den „Jugendstrafvollzug“ völlig klar war, was sie den Gefangenen antun, da während des ganzen Ex-
periments eine direkte Interaktion zwischen den zwei verfeindeten Gruppen stattfand und keine räumli-
Pflichte Aufenthalt nur innerhalb der Zellen Uniform; Beschaf- che Distanz vorhanden war.
und des Flurs; die o.g. Bekleidung fung von Ordnung,
und dazu gehörenden Gegenstände; Regeln und Respekt
3 Diskussion
Rechte Benutzung der Toilette auf Anfrage Vorzeitiges Beenden Zusammenfassend ist zu behaupten, dass die Wärter, trotz der Utopie und der ernsten Annahme ihrer
Rollen, sich bewusst waren, was sie taten. Parallele können zu Milgram's Versuchsreihen gezogen wer-
Tabelle 2: Die gültigen Regelkodexe der beiden Gruppen den, wo die Bereitschaft durchschnittlicher Personen untersucht wurde, autoritären Anweisungen zufol-
ge, elektrische Schläge anderen zu verabreichen, auch wenn die Befehle in direktem Widerspruch zu ih-
rem eigenen Willen und Gewissen standen. Diese Experimente wurden unter unterschiedlichen Umstän-
„Die Strafvollzugsbeamten“ dachten verschiedene Strafmethoden aus, ohne darauf angewiesen zu sein.
den durchgeführt, damit die Auswirkungen von Parametern wie Nähe der Opfer, Nähe der Autoritätsper-
Das fing damit an, Liegestützen von den Gefangenen zu verlangen, was auch in Konzentrationslagern als
son, Geschlecht der Probanden etc. zusätzlich untersucht wurden.
Strafe verhängt wurde. Im Verlauf der Untersuchung änderte sich die Prozedur. Die Strafvollzugsbeam-
ten erhöhten deutlich das Ausmaß der Demütigungen, zwangen immer häufiger zu erniedrigender eintö- Die Situation, in der sich Zimbardo's Wärter befanden, ähnelte am meisten der Variation von Milgram, in
niger Arbeit wie das Reinigen der Toilettenschüsseln mit den bloßen Händen. Die Wärter ließen die Ge- der direkte Berührungsnähe zum so genannten „Opfer“ bestand, so dass die Folgen der eigenen Taten
fangenen Liegestützen oder Hampelmänner machen, weckten die auch nachts für Zählappelle, die dann real wahrgenommen wurden, aber auch Vertrauen in die Institution vorhanden war, wodurch die Über-
zusätzlich auch länger dauerten. Den Gefangenen wurde sogar der Besuch der Toilette immer häufiger zeugung von der Legitimität und Ernsthaftigkeit der eigenen Aufgabe ermöglicht wurde. Doch die Wär-
abgesagt, was sie dazu zwang, anstelle davon den Abfalleimer in den Zellen zu benutzen. Noch später ter hatten keinen Versuchsleiter, der ihnen Befehle erteilte. Ihnen wurde alleine überlassen, wie sie eine
ließen die Wärter auch nicht zu, dass die Abfalleimer geleert wurden, sodass diese in den Zellen stehen Ordnung im Gefängnis durchsetzen. Sie wurden nicht im Voraus trainiert, die Strafmethoden dachten sie
blieben. Laut der Idee eines Strafvollzugsbeamten wurde auch psychologische Taktik benutzt, damit die auch selber aus. Aus dem Grund kann man im Bezug auf Milgram's Versuch weitere Parametern relati-
Gefangenen nicht außer Kontrolle gerieten. So wurde eine Zelle „Vorzugszelle“ genannt und ein paar vieren, indem man einerseits annimmt, dass die Wärter „die Schockhöhe“ selber auswählten. Anderer-
Gefangene erhielten Privilegien vor den Augen der anderen, sodass sich verfeindete Gruppen unter den seits war keine Autoritätsperson vorhanden. Da eine ähnliche Situation auf Milgram nicht 100%-ig über-
Gefangenen bildeten. tragbar ist, nehmen wir die Variationen an, in denen eine maximale Einschränkung der Autorität möglich
wurde, beispielsweise diese Person möglichst bedeutungslos, entfernt und kaum autoritär dargestellt
Das für 14 Tage angesetzte Experiment musste nach sieben Tagen abgebrochen werden, da die „Wärter“
wurde. Das wären die Optionen, wo diese räumlich abwesend war und per Telefon Anweisungen gab,
zunehmend aggressiver wurden und eine wachsende Bereitschaft zu Demütigungen und Schikanen zeig-
ein gewöhnlicher Mensch die Befehle erteilte oder zwei Autoritäten sich widersprachen.
ten, während gleichzeitig die „Gefangenen“ zunehmend apathisch wurden und Symptome psychischer
Störungen zeigten, was unter dem riesigen Druck selbstverständlich zu erwarten war. Sowohl Wärter als

24 25
Stoyanova Zimbardo's Gefängnis-Experiment. Autorität, Gruppendynamik und derer Einfluss auf das Verhalten des Einzelnen

Im Milgram-Experiment ergab es sich, dass in Berührungsnähe die Probanden kaum freiwillig Schocks nommenen Verhaltensnormen verändern sich jedoch mit den äußeren Umständen einer Situation und mit
verabreichten (nur 30%) und die niedrigste Spannung auswählten. Angenommen, dass die Probanden der Konstellation der Gruppe. Die jeweilige Übereinstimmung darüber, was man an einem Ort, mit den
davon überzeugt waren, dass die Durchführung im Namen einer legitimen, wichtigen Instanz zum nutz- jeweiligen Leuten tut oder lässt, prägt das Verhalten. Zusammengefasst – die Dynamik der Gruppe übt
bringenden Zweck ist, so wurden die Befehle besser akzeptiert und das Gehorsamsniveau steigerte, was Druck auf den Einzelnen aus, nimmt Einfluss auf seine Bereitschaft sich aufzulehnen und anzupassen.
jedoch nicht signifikant war. Wenn den Probanden die Wahl der Schockhöhe überlassen war, überschrit- Man unterwirft sich dem entsprechenden Regelkodex, an dessen Gestaltung man in kleineren Gruppen
ten 2 von insgesamt 40 die Grenze, an der das Opfer protestierte. Alle anderen gingen nicht über diesen eigentlich selber teilnimmt.
Punkt hinaus. Bei einem Autoritätsverlust sank die Gehorsamsrate und die Grausamkeit, beziehungswei-
Ich habe bei der Arbeit mit dem Referatthema erstaunt einsehen müssen, dass der o.g. Regelkodex in die-
se die Höhe der verabreichten elektrischen Schläge – diese Faktoren waren drei Mal niedriger im Falle
sem Experiment von den Wärtern alleine entworfen wurde, aufgrund fehlender Autoritäten, die Vor-
der räumlichen Abwesenheit der Autorität; 16 von 20 Versuchspersonen hörten komplett auf, wenn ein
schriften geben. Obwohl unter denen zwei Drittel eigentlich nicht so gewalttätig und brutal waren, leiste-
normaler Mensch Befehle zu erteilen anfing; bei zwei sich widersprechenden Autoritäten brachen alle
ten diese keine Gegenreaktion. Am Anfang war es doch eine einheitliche Gruppe gesunder, intelligenter
Probanden den Versuch ab.
Männer mit ähnlichem gesellschaftlichen Status. Nicht nur, dass es keine Unterschiede zwischen Wär-
Zusammengefasst: je direkter der Kontakt zum Opfer, je selbstständiger die Auswahl der Schockhöhe, je tern und Gefangenen gab – es gab auch zwischen den Wärtern keine. Später unterschieden sich diese drei
höher die Einschränkung der Autorität, desto weniger intensiv handelten die Probanden, verabreichten Typen nach der Intensität ihren Verhaltens, aber alle folgten einem und demselben Verhaltensmuster oh-
niedrigere Schocks, brachen ab und erlitten eine heftigere innerliche Dissonanz. ne sich zu weigern; unabhängig davon, wie sie selber dazu stehen.
Laut der Versuchsergebnisse von Milgram wäre also zu erwarten, dass die Strafvollzugsbeamten im Auch wenn man annimmt, dass bei den aktiv handelnden unter den Wärtern doch eine versteckte Ag-
Stanford-Gefängnis-Experiment dementsprechend kaum die Gefangenen bestraften, vorzeitig das Expe- gressionsneigung vorlag, die selbst durch den Persönlichkeitstest nicht feststellbar wäre, weil sie tief in
riment beenden möchten oder psychosomatische Störungen entwickelten. Dies war aber eindeutig nicht diesen Menschen schlief, was entschlüsselte dann doch diese Neigung? Woran lag es, dass sie ihre Macht
der Fall. Ganz im Gegenteil wurde bei keinem der Wärter eine innerliche Dissonanz beobachtet, die psy- besonders genossen? War es die Umgebung oder ein spezifischer Charakterzug, oder ein Gewalterlebnis
chosomatisch zu erkennen war und auch keiner hat jeglichen vorläufigen Abbruch beantragt. Dazu in der Kindheit? Nehmen wir also an, die neigten von Anfang an dazu, und die Testergebnisse wurden
kommt der große Unterschied zwischen diesen zwei Experimenten - dass in Milgram's Versuchen Befeh- von dem unbewussten Wunsch des Menschen beeinflusst, sozial zu sein, gesellschaftlich akzeptiert zu
le und Anweisungen von einer Autorität umzusetzen waren, während im Zimbardo's Prison-Experiment werden und sich wenigstens oberflächlich der allgemeingültigen Meinung anzupassen. Was passiert aber
es keine Vorschriften gab. Ein gewisser, von sich selbst suggerierter Zwang; die Überzeugung, dass es mit diesen Menschen, die unter den selben Umständen trotz allem kaum gewalttätig würden? Wenn man
eine Art moralische Pflicht sei, mag zwar unter den Zimbardo's Wärtern auch entstanden sein - durch das sie beobachtet, ergibt sich die Folgerung: kommt es zu einem Unterschied zwischen der bereits festgeleg-
Vertrauen in die Institution, ihre Legitimität und den Glauben an einen wissenschaftlich wichtigen ten eigenen Moral (die durch eine Symbiose der vererbten Neigungen und des bisher angelernten Verhal-
Zweck, doch verunsichert wurde keiner. tensmusters bestimmt wird) und den externen Auswirkungen (wie Gruppendruck, Autoritätenbildung,
Gehorsam usw.), so verschmilzt die eigene moralische Stellung und passt sich diesem Verhalten an, das
Man darf auch annehmen, dass die spezielle Sonnenbrille ihre Funktion erledigte und für minimale Dis-
der gesellschaftlichen Erwartungen entspricht, gegeben falls mich als Mensch sozial sein lassen können.
tanz von den Gefangenen, sowie für Anonymität der Wärter sorgte. So mag man glauben, dass diese ei-
So kommt es auch zustande, das man im Zimbardo's Gefängnis-Experiment feststellte, aber nicht erklä-
gentlich keinen tatsächlich direkten Kontakt zueinander hatten, weil die Straffvollzugsbeamten auf einer
ren konnte, wie leicht normale Menschen vom guten Dr.Jekyll zum schlechten Mr. Hyde werden können.
anderen, höheren Ebene zu stehen schienen. Trotzdem wäre das in gewisser Weise eher naiv und befür-
wortend, weil objektiv betrachtet ein direkter physischer Kontakt zwischen den zwei Gruppen existierte. Für mich persönlich war das eine durchaus überraschende Schlussfolgerung, weil die Frage, warum das
„Das ist wichtig, damit helfe ich der Wissenschaft. Es ist meine Pflicht.“ als Beweggrund genügt für die so ist, keine klare Antwort und keine eindeutige wissenschaftliche Begründung bekam. Aber die Tatsa-
zahlreichen Schikanen und Demütigungen ebenso nicht, die die Wärter selbständig ausdachten, aus eige- che, dass „ganz normale Menschen“ in brutale Mörder transformiert werden können, bestätigt sich im-
nem Wunsch durchführten und übertrieben. Die Ausübung von Kontrolle und Macht mittels Aggression mer wieder; auch wenn wir heute behaupten möchten, dass solche Phänomene in den hohen Massen von
stieg kontinuierlich und wurde letztendlich Grund für den Abbruch des Experiments. Bei den Diskussio- damals nicht mehr vorkommen können. Es wird weiter von Orten „hier&jetzt“ berichtet, an denen solche
nen mit den Teilnehmern danach, stellte sich fest, dass sich die Wärter eher selten zu dieser Befürwor- Entwicklungen doch ihren Gang nehmen, genauso wie vor 50 Jahren der Fall war. Ihre Zahl zu reduzie-
tung kamen, dafür aber zum Erkenntnis kamen, dass der Versuch ab einen bestimmten Zeitpunkt nicht ren, hängt nur von uns ab und die öffentliche Diskussion anstelle der Verbergung und Missachtung sol-
mehr als Rollenspiel wahrgenommen wurde, sondern als Realität. cher Tatsachen ist auf jeden Fall der richtige Weg danach.
Man kann auch kaum behaupten, dass sich stark autoritäre Beziehungen innerhalb der Gruppe gebildet
haben, dass einer die Rolle des Befehle erteilenden Versuchsleiters indirekt übernommen hat und die
restlichen Wärter gehorcht haben. Natürlich gab es, wie bereits erwähnt, drei Typen von Strafvollzugsbe-
amten, und nur ein Drittel davon handelte übertrieben brutal. Doch die restlichen zwei Drittel, die milder 4 Literaturverzeichnis
vorgingen und doppelt so viel waren, gehorchten nicht, handelten aus eigener Überzeugung, protestierten
nicht, nahm nicht so aktiv an der Schikanenplanung teil und ließen die anderen dominieren, aber auf kei- Milgram (1995). Das Milgram-Experiment. Reinbek: Rowohlt.
nen Fall führen. So kam es dazu, dass die Gruppendynamik sich an die grausameren und nicht an die Zimbardo. http://www.prisonexp.org/
friedlicheren Handlungen und Personen orientierte, obwohl da kein Propaganda wie im Zweiten Welt-
http://www.sciencegarden.de/berichte/200504/fernsehen/stanford-experiment.php
krieg verbreitet wurde, sodass man nicht behaupten kann, dass es nur an der Gehirnwäsche läge. Im
Zimbardo's Experiment redeten sich die Wärter unter sich ihre Taten gut ein, während in der Realität dies http://www.stanford.edu/dept/news/
durch die Medien ermöglicht wurde. Aber wieso richtete sich die Gruppe nicht an die friedlicheren Mit-
glieder, sondern umgekehrt? Es liegt wahrscheinlich daran, dass soziale Normen die Verhaltensweisen in
Gruppe und Gesellschaft definieren. Wir lernen, was man sagt und tut, oder nicht sagt und tut, wie man
sich anderen gegenüber auf verständliche und angemessene Weise verhält. Diese ganz automatisch ange-

26 27
Das Reserve-Poizeibataillon 101 Das Reserve-Poizeibataillon 101

2 Demographie des Polizeibataillons 101


Das Reserve-Polizeibataillon 101 – Täter, Taten und Motive Die Männer des Polizeibataillons 101 waren mittleren Alters, durchschnittlich 39 Jahre alt und somit für
den normalen Kriegsdienst zu alt oder sind aus körperlichen Gründen für untauglich erklärt und ausge-
Magdalena Kozikowski; 5. Semester mustert worden. Sie stammten hauptsächlich aus Hamburg und Umgebung und hatten für diese Region
Elisabeth Lubczyk; 5. Semester typische Berufe, wie beispielsweise Lagerarbeiter, mittlere Angestellte und Beamte. Des Weiteren han-
delte es sich bei den Angehörigen dieses Bataillons mehrheitlich um Ehemänner und Familienväter aus
Sabrina Schneider; 5. Semester
mittelständischen Verhältnissen. Viele von ihnen hatten keine oder nur sehr geringe militärische Vor-
kenntnisse und Erfahrungen, waren aber besonders durch die vornationalsozialistische Zeit geprägt. So-
mit galten sie also weder als indoktrinierte Marionetten des NS-Regimes, noch standen sie im Verdacht
sie sich leicht von diesem beeinflussen und formen zu lassen. Neben diesen Reservisten bestand das Re-
serve-Polizeibataillon außerdem aus Berufspolizisten und Rekruten, wobei anzumerken ist, dass der Po-
lizeidienst als gute Möglichkeit galt sich vor dem Militärdienst zu drücken.
Zusammenfassung
Betrachtet man die Parteiangehörigkeit der Männer so fällt auf, dass lediglich 33% der Reservisten zu
Zum Einstieg des Praxisprojektes wurden zunächst grundlegende Experimente und Erkenntnisse zu den Themen Autorität, den NSDAP-Mitglieder zählten, was im Jahr 1942 dem gesamtdeutschen Bevölkerungsdurchschnitt ent-
Aggressivität und Gehorsam vorgestellt und ausführlich erläutert. So gelten Zimbardos „Stanford-Prison-Experiment“, Milgrims
sprach. Lediglich 4% waren in der Schutzstaffel. Abgesehen davon galt Hamburg, die Heimatstadt der
„Stromschläge-Untersuchungen“ sowie die Untersuchungen von Lewin zu aggressivem Verhalten und von Gilbert zu Stereoty-
meisten Beamten, nicht gerade als Hochburg der Nationalsozialisten. Somit befanden sich sowohl Be-
pen als Ausgangspunkt für folgende Tatbeschreibungen und deren psychischen Erklärungsversuchen. Im folgenden werden nun
fürworter als auch Gegner des nationalsozialistischen Regimes unter den Polizisten.
vor diesen Hintergrundinformationen einige „Opfer-Täter-Beziehungen“ sowie Tötungsverhalten anhand des Beispiels des
Polizeibataillons 101 im situativen Kontext des Zweiten Weltkriegs dargestellt. Exemplarisch werden die Mordeinsätze und Man kann demnach behaupten, dass diese Männer für die ihnen bevorstehenden Aufgaben, die der sys-
Reaktionen im besetzten polnischen Distrikt Lublin von 1942 bis 1945 betrachtet und beschrieben. Dabei wird besonderes Au- tematische Massenmord verlangte, gänzlich ungeeignet waren. Sie waren repräsentativ für die deutsche
genmerk auf die Tatsache gelegt, dass es sich bei den hier beschriebenen Tätern um „ganz normale Menschen“ handelte. Gesellschaft, wurden willkürlich ausgewählt und galten daher als „ganz normal“.

2.1 Struktur und Ausbildung


1 Einleitung Das 500 Mann starke Reserve-Polizeibataillon stand unter dem Kommando von Major Wilhelm Trapp
Der Holocaust bezeichnet den systematischen und besonders brutalen Völkermord an den europäischen und gliederte sich in 3 Kompanien auf. Die erste Kompanie wurde von Hauptmann Wohlauf befehligt,
Juden während des Zweiten Weltkrieges. Dabei zählten neben den allseits gefürchteten Konzentrations- die zweite von Oberleutnant Gnade und die dritte war den Anordnungen von Hauptmann Hoffman unter-
lagern, der „Schutzstaffel“ und der Wehrmacht auch Polizeibataillone zu den gefürchteten Mordinstituti- legen. Jede Kompanie unterteilte sich in drei bis vier Züge, jeder Zug nochmals in kleinere Gruppen zu je
onen, obwohl nicht alle zum Töten gezwungen wurden. Polizeibataillone wurden vornehmlich zur Siche- zehn Mann. Weiterhin zählten auch Köchinnen, Ärzte, Sanitäter und mehrere Verwaltungsangestellte
rung der besetzten Gebiete im Osten Europas eingesetzt. Ihre Hauptaufgabe bestand darin polizeiliche sowie Sekretäre zu dieser Einheit.
Sicherungsarbeiten zu verrichten, das heißt Gebäude und den Verkehr zu sichern, das Besetzungsgebiet Die Polizisten des Bataillons erhielten keine spezielle Ausbildung: Sie wurden wenn überhaupt nur sehr
vor Heckenschützen und Partisanen zu schützen und die Bevölkerung umzusiedeln. Sie waren weiterhin oberflächlich militärisch und ideologisch geschult und waren somit mangelhaft für ihren Einsatz in Polen
dadurch gekennzeichnet, dass sie aufgrund von akutem Personalmangel ständigen Umstrukturierungen vorbereitet.
unterlagen. Erst im fortgeschrittenen Kriegsverlauf avancierten sie zur Tötungsmaschinerie und wurden
auch an der Front eingesetzt.
Noch heute beschäftigt die Judenvernichtung im Zweiten Weltkrieg das Denken vieler Menschen welt- 3 Verbrechen
weit. Viele fragen sich: Wie gelang es einem Menschen und seinen Gefolgsleuten eine ganze Gesell-
schaft zu Massenmördern zu machen? Wer waren diese Mörder? Wie sahen ihre Verbrechen genau aus? 3.1 Erster Mordeinsatz in Jósefów
Und was trieb diese Menschen zu solchen Gräueltaten? Im Juni 1942 erhielt der oberste Befehlshaber des Reserve-Polizeibataillons, Major Wilhelm Trapp, von
Dieser Beitrag wird einen Teil der Fragen beantworten und erläutern, inwiefern es sich bei den Massen- SS- und Polizeiführer Globocnik den Befehl, den Ort Jósefòw zu „säubern“. Da es sich bei diesem Be-
mördern trotz allem um „ganz normale Menschen“ handelte. Exemplarisch wurden im Rahmen des Pra- fehl um den ersten systematischen Mordeinsatz an den polnischen Juden handelte, machte sich bei Trapp
xisprojektes das Reserve-Polizeibataillon 101 und sein Einsatz in Polen von 1942 bis 1945 herangezogen starkes Unbehagen breit. Er berief eine Besprechung mit seinen Offizieren ein, bei der er ihnen sein Un-
und beschrieben, da dessen Taten am besten dokumentiert wurden und es vor allem durch eine besonders wohlsein gegenüber äußerte. Unmittelbar vor dem Einsatz schwor er die Polizisten auf dem Marktplatz
brutale Vorgehensweise beim Morden hervorstach. von Jósefòw ein und machte ihnen ein einmaliges Angebot: Wer sich dem Töten nicht gewachsen fühle,
könne sich dem Befehl verweigern, ohne Sanktionen befürchten zu müssen. Doch lediglich zehn Mann
Zunächst folgt eine kurze demographische Dokumentation über die Männer des Bataillons. Anschließend machten von Trapps Angebot gebrauch und ließen sich vom Einsatz befreien. An die übrigen Polizisten
werden die Verbrechen unter besonderer Berücksichtigung der zwei größten Mordaktionen in Polen dar- wurden Peitschen und Karabiner ausgegeben. In zwei bis drei Mann starken Trupps wurden sie angehal-
gestellt und eine Bilanz der Opfer gezogen. Weiterhin wird kurz geschildert, wie sich die Männer nach ten in die Häuser der Bevölkerung einzudringen, systematisch Juden aufzuspüren, das gesamte Ghetto zu
ihrem Einsatz beziehungsweise nach 1945 verhielten. Besonderer Fokus wird ebenfalls auf die Befehls- räumen und ihre Gefangenen auf dem Marktplatz zu sammeln. Wer es nicht mehr bis zum Marktplatz
verweigerer gelegt. Abschließend werden mögliche Erklärungsansätze für die Massenmorde auf ver- schaffte, sollte an Ort und Stelle liquidiert werden. So wurden hunderte Alte, Kranke, Frauen und Kinder
schiedenen Ebenen diskutiert. bereits in ihren Häusern hingerichtet.
28 29
Das Reserve-Poizeibataillon 101 Das Reserve-Poizeibataillon 101

Auf dem Marktplatz wurden vierhundert junge, arbeitsfähige Männer aussortiert und in ein Arbeitslager 3.4 Der Beginn der “Judenjagden”
deportiert. Die restlichen Juden wurden in einen nahe gelegenen Wald eskortiert. Dabei trieb ein bewaff-
Im Oktober 1942 beauftragte man einige willige Beamte des Polizeibataillons 101 mit den so genannten
neter Polizist jeweils einen Juden vor sich her. Die Juden wurden gezwungen sich systematisch mit dem
„Judenjagden“. Dabei handelte es sich um eine Aufspür- und Vernichtungsaktion von entlaufenden oder
Gesicht nach unten auf den Boden, direkt neben ihre bereits toten Bekannten und Freunde zu legen. Mit
sich in den Wäldern versteckenden Juden. Eine kleine Gruppe von Polizisten bewegte sich dabei völlig
einem Genickschuss wurden dann auch sie ermordet. Auf diese grausame Art und Weise fanden an je-
autonom im freien Feld und ging Hinweisen von Informanten, den so genannten „Waldläufern“, nach.
nem Tag in Jósefów alleine 1500 Juden den Tod. Ihre Leichen wurden einfach in dem Wald zurückgelas-
Ziel der Aktion war es, Deutschland von „störenden Tieren“ zu säubern, wobei die Bezeichnung „Juden-
sen.
jagd“ für die Ausführenden einen positiven Gefühlswert hatte, den sie mit einem gefahrlosen und ver-
gnüglichen Unterfangen assoziierten.
Da bei diesem Einsatz auf eine sehr persönliche Art getötet wurde, das heißt der jeweilige Schütze trieb
sein Opfer allein in den Wald, wo er es schließlich hinrichtete, waren die Reaktionen bei den Polizisten
3.5 Die Aktion “Erntefest”
noch sehr extrem und stark. Es herrschte ein allgemeiner Schockzustand und Appetitlosigkeit in dem
Mannschaftsquartier vor. Viele Männer übergaben sich unmittelbar nach dem Töten, verfielen in Depres- Die Aktion „Erntefest“ gilt als der Höhepunkt der systematischen Vernichtung des Judentums. Sie wurde
sionen und tranken große Mengen Alkohol. Ebenfalls folgten einige wenige Versetzungsgesuche. am 3. und 4. November 1943 durchgeführt und sollte durch die Vernichtung der so genannten „Arbeits-
juden“ ein Judenfreies Polen realisieren. Im Herbst 1943 hatte man bereits damit begonnen vermehrt
Um den psychischen Druck der Männer des Bataillons zu senken, wurden sie bei den folgenden Einsät-
Arbeitsghettos zu schließen. Durch den stärker werdenden Widerstand bedingt, beschloss die NS-
zen nur noch für die Räumungen der Ghettos und der Deportationen eingesetzt. Die Exekutionen der
Führung sämtliche verbliebene Arbeitsghettos auf einen Schlag zu räumen, so dass die Aktion schnell
Juden selber wurden nun von so genannten „Trawniki“ durchgeführt, jenen ausländischen Hilfskräften,
und unerwartet durchgeführt werden sollte. Im Vorfeld hatte man die Juden zick-zack-förmige Gräben
die speziell für den Völkermord ausgebildet wurden und somit dem Zwangslager entkommen konnten.
ausheben lassen und ihnen weisgemacht, diese würden der militärischen Verteidigung dienen. In den
beiden Tagen der Aktion „Erntefest“ wurden alle Arbeitsghettos geräumt, die Juden zu den zick-zack-
förmigen Gräben gebracht und gezwungen sich nackt auf bereits vorhandene Leichen in den Gräben zu
3.2 Zweiter Mordeinsatz in Łomazy
legen, wo sie mit Maschinenpistolen erschossen wurden. Ein Gnadenschuss wurde nicht gewährt. Im
Zwei Monate nach Jósefów wurde die zweite Kompanie, mit Unterstützung durch Hilfskräfte, damit Anschluss wurden verschonte Juden damit beauftragt die Massengräber wieder auszuheben und die Lei-
beauftragt das Dorf Łomazy von rund 1700 Juden zu säubern. Diese hatte sich als besonders brutal und chen zu verbrennen. Nach der Aktion galt der Distrikt Lublin offiziell als „judenfrei“. An diesem Einsatz
tötungsbereit erwiesen. Unmittelbar nach der Ankunft in Łomazy ließ man von rund 60 arbeitsfähigen waren Waffen-SS-Verbände, Sicherheitspolizei, Polizeiregiment 22 und 25 (incl. Bataillon 101) in Ko-
Juden eine tiefe Grube ausheben. Wenig später trafen die so genannten „Trawniki“ ein. Jene sollten an operation miteinander beteiligt.
Stelle der Polizisten die Exekutionen durchführen. Im Vorfeld konsumierten die Hilfskräfte zusammen
mit den befehlshabenden Polizisten Wodka in rauen Mengen. Währenddessen brachten die Beamten die
Juden in den Wald, wo sie ihnen ihre Kleider und ihre Wertsachen abnahmen. Anschließend quälten und Insgesamt töteten die Männer des Polizeibataillons 101 rund 83.000 Juden. Davon 38.000 durch direkte
folterten einige der Bataillonsangehörigen ihre Opfer, indem sie sie Spiesruten laufen ließen, bevor die Exekution und weitere 45.000 durch Deportation. Gemäß einer simplen Pro-Kopf-Rechnung bedeutet
Juden sich mit dem Gesicht nach unten in die Grube legen mussten. Die Aufgabe der Hiwis bestand nun dies, dass ein Polizist durchschnittlich 166 Juden tötete.
darin jeden Juden durch Genickschuss zu exekutieren. Auf Grund ihrer extremen Trunkenheit trafen die
Eine Tatsache, die die Verbrechen in einem besonders grausamen Licht erscheinen lässt, ist, dass die
Trawniki nicht mehr richtig und mussten durch die Polizisten abgelöst werden. Jene weigerten sich aber
Beamten zwischen und während ihren Einsätzen gern Schnappschüsse machten. Die Fotos zeigen freudi-
in die Grube zu steigen und erschossen die Juden vom Rand der Grube aus, um nicht mit Blut und Inne-
ge Gesichte beim Foltern und Morden der Juden. Teilweise wurde auch stolz für die Fotos posiert, was in
reien beschmutzt zu werden. Zwanzig zunächst verschonte Juden mussten die Grube nach Beendigung
Anbetracht der Umstände völlig unangebracht scheint. Des Weiteren wurden die Bilder zur Nachbestel-
der Aktion wieder zuschütten, wobei sie noch lebende Opfer lebendig begruben. Anschließend wurden
lung in Mappen öffentlich aushängt, obwohl dies offiziell verboten war. Die Haltung der Polizisten bei
die zunächst verschonten Juden ebenfalls erschossen. Dieser Einsatz zeigt, dass die Mitglieder des Poli-
der freiwilligen Dokumentierung ihrer Taten ist ein guter Hinweis darauf, dass die Männer weder Scham
zeibataillons 101 schnell eine fließbandartige Methode entwickelt hatten, um die Tötungen systematisch
noch Reue für ihre Verbrechen verspürten.
und auf psychisch weniger belastende Weise durchführen zu können.

3.3 Deportationen nach Treblinka


Eine weitere Aufgabe der Polizeibataillone bestand darin Deportationen der Juden in so genannte „Ar- 4 Was geschah nach dem Einsatz bzw. nach 1945?
beitslager“ durchzuführen. Bereits einen Tag nach dem Einsatz in Łomazy räumten sie das Ghetto Prac- Einige der heimkehrenden Beamten gerieten auf ihrem Weg in russische Kriegsgefangenschaft. Trapp,
zew und brachten die rund 5000 Juden in das „Durchgangs Ghetto“ Miedzyrec. Auch dieses wurde we- Buchmann und zwei weiteren Männern wurden in Polen der Prozess gemacht, der mit Verhängung der
nige Tage später komplett geräumt und die 11.000 dort lebenden Juden deportiert. Die Räumungen er- Todesstrafe für Trapp und einen weiteren endete. Buchmann, der nachweislich keinen Juden eigenhändig
folgten immer nach demselben Muster: Die Juden wurden aus ihren Wohnungen getrieben, an den erschossen hatte und sich des Weiteren geweigert hat, Einsätze dieser Art zu befehligen, wurde zusam-
Marktplätzen gesammelt und anschließend zum Bahnhof gebracht. Alte, Kranke, Schwache und Kinder men mit einem weiteren Beamten freigesprochen. Der Großteil des Bataillonsangehörigen schlug sich
wurden sofort an Ort und Stelle erschossen. In diesem Fall waren es ca. 960 Sofortexekutionen. Am nach Deutschland durch und kehrte dort in seine alten Berufe zurück, was bedeutet, dass einige auch in
Bahnhof erfolgte eine überaus brutale Verladung der Juden in die 60 Wagons, die so dermaßen überfüllt den Polizeidienst zurückkehrten. Darunter auch Wohlauf und Gnade, die sich während der Zeit in Polen
waren, dass ein Großteil der Juden bereits auf dem Weg ins Lager starb. einen Ruf als besonders grausame Schlächter gemacht hatten. Trotz der unvorstellbar grausamen Taten
lebten die meisten Beamten viele Jahre unbehelligt weiter, als hätte es den Holocaust nie geben. Erst 20

30 31
Das Reserve-Poizeibataillon 101 Das Reserve-Poizeibataillon 101

Jahre später wurden 14 Männern des Polizeibataillons 101 in Hamburg der Prozess gemacht. Dieser er- Die individuelle Ebene erfasst Handlungsmotive, die sich auf den Einzelnen also auf das Individuum
folgt allerdings nach altem Strafrecht von 1940, so dass es lediglich zu 5 Verurteilungen mit von 5 bis zu innerhalb des Reserve-Polizeibataillons 101 beziehen. In diesem Zusammenhang wird das Karriere-
8 Jahre Haft kam, die wiederum später abgemildert worden sind. Während der Befragung der Beteiligten bestreben der Rekrutierten aufgegriffen. Die Möglichkeit des Beitritts in den Polizeidienst erschien man-
im Zuge des Prozesses fiel auf, dass viele Beamte schwiegen oder logen, um sich selbst oder andere Kol- chen dieser Männer als die Gelegenheit ihren sozialen Rang aufzubessern. Getrieben durch den Willen
legen nicht zu belasten. Die Geschehnisse wurden beschönigt dargestellt oder heruntergespielt. Oft kam nach Anerkennung sahen sich einige der Polizisten im Stande jegliche Befehle auszuführen, ohne diese
es auch zur Abwälzung der Schuld auf Polen als Kollaborateure des NS-Regimes, beziehungsweise die ernsthaft hinterfragt zu haben. Betrachtet man das Verhalten von Hauptmann Hoffmann, der sich trotz
obersten Befehlshaber, um sich selbst von jeder Verantwortung für die Morde frei zu sprechen. Abgese- heftiger körperlichen Beschwerden, bedingt durch das Töten, hat nicht versetzen oder befreien lassen,
hen davon befragte man die Beteiligten zwanzig Jahre später zu den Ereignissen, was durch die Menge sondern weiterhin im Dienste stand, liegt die Begründung des beruflichen Fortschritts und auch der be-
der Geschehnisse und die zeitliche Distanz zu ihnen eine starke Verzerrung der Erinnerung nahe legt. So ruflichen Sicherheit nach dem Krieg nah.
das man die Schilderungen der Beamten sicherlich mit großer Vorsicht genießen muss.
„Ein klassisches Beispiel für einen von Karrierismus getriebenen Menschen ist Polizeihauptmann Hoff-
mann. Von Magenkrämpfen geplagt […] bemühte er sich trotzdem hartnäckig darum, seine Krankheit
vor seinen Vorgesetzten zu verbergen, statt sie zum Ausstieg aus seiner Situation zu nutzen […]. Ange-
5 Verweigerer sicht der großen Zahl von Angehörigen des Polizeibataillons 101, die nach dem Krieg bei der Polizei
Der befehlshabende Major Trapp gab bereits beim ersten Mordeinsatz in Jósefów allen Beteiligten die blieben, muss das Karrieredenken auch bei vielen anderen eine bedeutende Rolle gespielt haben“ (Brow-
Möglichkeit sich zu verweigern. Lediglich 12 Männer machten davon eher zögerlich gebrauch. Einige ning 2005, S. 221 ff).
der Männer ließen sich erst freistellen nachdem sie bereits mehrere Exekutionen durchgeführt hatten. Als Als weiteres ist die Angst des Menschen vor der Isolation zu nennen. Man weiß, dass Menschen zur
Begründung haben diese jedoch nicht persönliche, moralische Bedenken an, sondern die Abscheu vor Gruppenbildung neigen, auch weil sie sich in der Gemeinschaft eine gewisse Sicherheit und Geborgen-
dem umherspritzenden Blut und Gehirnteilen. Freigestellte Beamte wurden für Absperrungs-, Bewach- heit versprechen. Im Rückschluss ist es für den Einzelnen natürlich sehr schwierig aufgrund anderer An-
sungs- und Transportaufgaben eingeteilt. Die Verweigerer geben an, sich absichtlich von ihren Haupt- sichten aus dieser Geschlossenheit, die ihre festen Normen und Werte aufstellt, auszutreten. Schließlich
männern ferngehalten zu haben, um nicht für die Mordeinsätze eingeteilt zu werden oder sie verdrückten möchte das Individuum nicht außerhalb der Norm stehen und fürchtet die Konsequenzen nach dem Aus-
sich unbemerkt in die Wälder der Umgebung. Einige sagten aus, in unbeobachteten Momenten gar nicht, tritt. Bezogen auf das Bataillon ist es denkbar, dass eine Anpassung stattgefunden hat, um die persönliche
beziehungsweise absichtlich daneben geschossen zu haben. Trotz der doch recht heftigen Reaktionen der Isolierung, die in einer Kriegssituation lebensgefährlich sein kann, zu verhindern. Doch welche Rolle
Beamten auf ihren ersten Einsatz mit Schock und Übelkeit, folgten den historischen Dokumenten nach spielte die Autoritätshörigkeit des Einzelnen bei der Ausübung dieser Untaten im Holocaust? Einige
nur wenige Versetzungsgesuche. Unter den Beamten des Polizeibataillons gab es demnach nur 10-20 %, Erklärungsansätze deuten auf die gesellschaftliche Erziehung, die uns, sei es in der Familie, in der Schu-
die nachweislich keine Massenmörder waren. le, oder später im Beruf lehrt, Autoritäten mit Respekt zu begegnen. Dies kann dazu führen, dass wir
Als Paradebeispiel des Verweigerers gilt Leutnant Buchmann. In der Zeit vor der Rekrutierung zum Po- Handlungen ausüben, die nicht unseren moralischen Vorstellungen entsprechen, aber die Anforderungen
lizeibataillon war er als Kaufmann in einem Holzhandel tätig und unterhielt viele Geschäftsbeziehungen der uns übergestellten Autorität erfüllen. Ähnliches ließ sich bei dem Experiment von Stanley Milgram
zu Juden. Für seine Weigerung gab er als einziger ethische Gründe an. Des Weiteren sagte er aus, dass zur „Gehorsambereitschaft gegenüber Autorität “ beobachten, wo Versuchspersonen Stromschläge an
ihm eine Karriere innerhalb des Bataillons egal war, während dieser Aspekt für andere Polizisten, wie harmlose „Schüler“ erteilten, von denen sie wussten, dass sie lebensgefährlich sind. Es scheint also ein
zum Beispiel Hauptmann Hoffmann von entscheidender Bedeutung war. Hoffmann tötete aus Karriere- gewisses Loyalitäts- und Pflichtbewusstsein gegenüber Autoritäten zu geben, das auch den Polizisten des
gründen und das obwohl ihm das Töten selbst absolut zu wider war und sich diese Tatsache in heftigen Bataillons eine Verweigerung hätte schwierig machen können. Jedoch weiß man aus den gut protokol-
psychischen Reaktionen äußerte. Nach Trapps Angebot zur Weigerung gab es demnach keine Sanktionen lierten Aufzeichnungen, dass es viele Verstöße gegenüber den „von oben“ kommenden Anweisungen
von offizieller Seite für das Nichtbefolgen eines Tötungsbefehls. Es gilt jedoch als sicher, dass es gewiss gab, wie z.B. die Jagd nach Wild oder der verbotene Aushang von „Erinnerungsfotos“. Somit fand eine
Sanktionen durch Kollegen gab, die sich in Isolation, Beschimpfung und fallen des Ansehens der Ver- offensichtliche Auflehnung der Männer gegen Autorität statt. Schlussfolgernd muss das Argument der
weigerer äußerten. Gehorsamkeit gegenüber Anweisungen im Falle des Bataillons kritisch betrachtet werden.

Begeben wir uns auf die Gruppenebene, so begegnet uns das Phänomen der Gruppendynamik. Hierbei
6 Diskussion – Was trieb „ganz normale Männer“ zum Morden? gehen wir davon aus, dass einzelne Individuen ihre Autonomie ablegen und an die Gruppe übergeben.
Eine der zentralen Fragenstellung dieser Ausarbeitung ist die Frage nach den möglichen Ursachen der Man folgt also nicht mehr seinen eigen erworbenen Vorstellungen und Rechtlinien, sondern ordnet sich
Morde im Holocaust, verübt durch „ganz normale Männer“. „Normal“ bedeutet in unserem Verständnis der Gruppe unter und handelt nach ihrem Willen. Gut zu beobachten war dies auch bei der Abänderung
den wirtschaftlichen und sozialen Maximen der damaligen deutschen Bevölkerung entsprechend. Die des klassischen „Milgram-Experiments“, bei dem die Versuchspersonen eine Entscheidung innerhalb der
Besonderheit, dass vermeintlich durchschnittliche Menschen zu den grausamsten Taten der Weltge- Gruppe treffen mussten. Zu 90 Prozent vertraten die Versuchspersonen die Entscheidung der Gruppe
schichte im Stande waren, bringt uns beinah automatisch zu der Frage, ob sich diese Unmenschlichkeit und lehnten die Stromschlagschläge ab, sobald die Gruppe gegen die Stromschläge war (Browning 2005,
nochmals wiederholen könnte. Doch zunächst folgen einige Erklärungsansätze. S.225-226). Was ihnen jedoch nicht gelang, als sie die Verantwortung alleine tragen mussten. Der Aspekt
der abgegebenen oder geteilten Verantwortung durch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe begegnet uns
Nach dem heutigen Wissensstand gibt es viele Faktoren, die bei der Entwicklung der Männer zu Mas- ebenfalls bei den Männern des Polizeibataillons 101, die sich dem Willen ihrer Gruppe beugten und
senmördern eine Rolle gespielt haben könnten. Deshalb bedarf es einer strukturierten Erfassung, bei der schossen.
wir eine Einteilung in die individuelle Ebene, die Gruppenebene, die institutionelle Ebene und die situa-
tive Ebene vorgenommen haben. „Den Befehl, Juden zu töten, erhielt das Bataillon, nicht aber jeder einzelne Polizist. Dennoch machten
sich 80 bis 90 Prozent der Bataillonangehörigen ans Töten, obwohl es fast alle von ihnen - zumindest
anfangs – entsetzte und anwiderte.

32 33
Das Reserve-Poizeibataillon 101 Das Reserve-Poizeibataillon 101

Die meisten von ihnen schafften es einfach nicht, aus dem Glied zu treten und offen nonkonformes Ver- Browning spricht von „Handlangern des NS-Regimes, die an der systematischen Umsetzung der natio-
halten zu zeigen. Zu schießen fiel ihnen leichter“ (Browning 2005, S. 241). nalsozialistischen Politik beteiligt waren“ (Browning 2005, S. 210ff.). Der Zustand des Krieges führte
demnach dazu, dass die Männer des Reserve-Polizeibataillons 101 sich im weiteren Verlauf zu immer
Somit sollte der Faktor der Gruppendynamik und vor allem der herrschende Anpassungsdruck be-
schlimmeren Taten im Stande sahen und routinierter mit den Tötungen umgingen. Gab es zu Anfang
rücksichtigt werden.
noch starke körperliche Abwehrreaktionen auf die Ermordungen, wurden die Männer nach und nach
gleichgültiger und menschenfeindlicher in ihren Taten. Es trat ein Zustand der Gleichgültigkeit ein, der
gepaart mit der Häufigkeit der Einsätze zur ihrer „Kriegsnormalität“ wurde. Es ging soweit, dass sich die
Die institutionelle Ebene erfasst Erklärungsansätze, die sich auf staatliche Maßnahmen zur Durchfüh- Männer bei späteren Befragungen nicht mehr erinnern konnten und viele ihrer Einsätze, trotz extrem
rung der NS-Politik berufen. Im Vordergrund steht dabei die „ideologische Indoktrination“, also eine sadistischster Vorfälle, zu einem Geschehnis verschmolzen. Die „polarisierte“ Sicht geschürt von dem
Art „Gehirnwäsche“, die unter anderem mit Hilfe der judenfeindlichen Propaganda und des Schulungs- Regime, die den Feind zur „menschenunwürdigen Kreaturen“ formte, bot die nötige Distanz zur Umset-
materials betrieben wurde. Ziel war es den Feind zu entmenschlichen und somit die Hemmschwelle zung des Vorhabens Deutschland „von Juden zu befreien“.
Juden zu erschießen gänzlich abzubauen. Es ist vorstellbar, dass junge Männer, die in dem Wertesystem
der NS-Diktatur groß geworden sind, deren gesamte Erziehung und Bildung darauf aufbaute, es als Der Krieg kann natürlich niemals eine Erklärung für die Untaten der Männer sein, doch bietet dieser
„normal“ und richtig empfanden Juden zu töten. Ausnahmezustand, in dem alle gesellschaftlichen Normen beiseite gelegt werden, sicherlich einen Nähr-
boten für die Brutalität der Männer. Unterstützt wird die Annahme durch das „Stanford-Prison- Experi-
„Zur Grundausbildung gehörte ein einmonatiger weltanschaulicher Schulungskurs. Ein Thema der ersten ment“ von Philip G. Zimbardo, das aufgezeigt hat, dass besondere Umstände (hier Gefängnissituation)
Woche lautete „Rasse als Grundlage unserer Weltanschauung“, und in der zweiten Woche „Die Reinhal- völlig unauffällige und scheinbar normale Menschen (Studenten) zu extrem sadistischen und aggressiven
tung des Blutes“. Auch nach der Grundausbildung sollten sowohl die aktiven als auch die Reserve- Taten befähigen kann, ohne dass es jegliche Anweisungen dazu gegeben hätte.
Polizeibataillone von ihren Offizieren weiter militärisch und ideologisch geschult werden. […] Die Offi-
zier des Reserve-Polizeibataillons 101 hielten sich offensichtlich an diese Anweisungen […]" (Browning „Daraus schloss Zimbardo, dass alleine die Gefängnissituation ausreiche, um anomales, unsoziales Ver-
2005, S. 232 – 233). halten hervorzurufen“ (Browning zit. nach Haney, Banks & Zimbardo 1983, S.69-97).
Doch das Argument der „Gehirnwäsche“ trifft auf die Männer des Polizeibataillons, die größtenteils mitt- Zum anderen sollte man Daniel Jonah Goldhagen erwähnen, der die Annahme vertritt, dass die deutsche
leren Alters waren und eine Sozialisation außerhalb des Nationalsozialismus erfuhren, nicht zu (Browning Bevölkerung auf einen lang bestehenden und historisch belegbaren Antisemitismus zurückgreifen kann,
2005, S. 238). Diese Männer hatten ihren eigenen Wertekodex, waren sicherlich gefestigter als junge Sol- der schon vor den Nationalsozialisten gefestigt war.
daten und somit nicht besonders empfänglich für Hassparolen. Einige von ihnen Pflegten sogar vor dem
„Diese Deutschen handelten aus eigener Überzeugung im Sinne einer kulturellen Tradition, die schon
Einsatz im Polizeidienst persönlichen Kontakt zu Juden.
lange bestend und sich nun, als das Regime den Raum dafür bot, entfalten konnte“ (Goldhagen 1996, S.
„Man müsste von der manipulativen Kraft der Indoktrinierung schon sehr überzeugt sein, um zu glauben, 518).
dass es mit Hilfe solcher Materialien hätte gelingen können, den Angehörigen des Reserve-
Dabei bezieht sich Goldhagen auf die Zeit vor und nach der Weimarer Republik, in der klare Unterschie-
Polizeibataillons 101 die Fähigkeit zum unabhängigen Denken zu nehmen“ (Browning 2005, S. 240).
de zwischen Deutschen und Juden gemacht wurden.
Ein weiteres Instrument zur Erklärung des grausamen Verhaltens ist die arbeitsteilige Vorgehensweise
„Die Juden galten ihrem Wesen, ihrer Natur nach als böse; man sah sie übermächtig und als unablässige
bei der Vernichtung von Juden. Einige der Soldaten waren mit den Verladungen von Juden beschäftigt,
Bedrohung […]“ (Goldhagen 1996, S.519).
weitere mit den Räumungen der Dörfer oder der Ghettos. Die Idee dahinter war, die Täter nur stückweise
an den Verbrechen teilhaben zu lassen und direkte Konfrontation zu vermeiden. Damit gelang es dem Anhand von vielen Beispielen versucht Goldhagen den scheinbar tief verwurzelten Antisemitismus des
System die Soldaten von den Tötungen der Juden mental zu entfernen und sie im Glauben der Schuld- deutschen Volkes aufzuzeigen und beschreibt dabei die Besonderheit der Deutschen sich als „Überrasse“
freiheit zu wiegen. Allerdings ist auch diese Annahme nicht auf das Polizeibataillon anwendbar, da sie dominieren zu wollen. Nach Goldhagen sei es unter dieser Voraussetzung für Hitler ein Leichtes gewe-
schon bei ihrem ersten Einsatz an Tötungen beteiligt waren und noch bei zahlreichen Aktionen bis zum sen an die Macht zu gelangen und seine Vorhaben durchzusetzen.
Letzten gehen mussten.
Was den Gehorsam der Männer unterstützt haben könnte, ähnlich wie beim Autoritätsgehorsam, ist die
„Hierarchieunterwerfung“. Nach Milgram ist sie ein Bestandteil unserer Sozialisation und entspricht „tief Alle diese im Verlauf unserer Diskussion genannten Faktoren bieten zwar nicht den entscheidenden
verwurzelten Verhaltenstendenzen“. Die strikte Hierarchie des Militärs der sich ein Soldat beugt, bildet oder endgültig klärenden Abschluss, zeigen jedoch auf, dass es viele Bedingungen und Möglichkeiten für
gleichzeitig eine Instanz, der man nur schwer widersprechen kann und die den einzelnen zur steuerbaren Erklärungsansätze gibt, die zu beachten sind.
Marionette machen kann. Es ist vorstellbar, dass auch die Beteiligten des Bataillons sich der strikten und
manipulierenden Ordnung hingegeben haben.

7 Literaturverzeichnis

Die situative Ebene versucht den Gesamtkontext aufzugreifen. Zum einen ist dabei der Krieg als eine
ganz besondere Rahmenbedingung zu berücksichtigen. „Jeder Krieg – und insbesondere ein Rassenkrieg Browning, C.R. (2005). Ganz normale Männer: Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die „Endlösung“ in Polen.
– führt zu einer Brutalisierung, die ihren Ausdruck in Gräueltaten findet“ (Browning 2005, S. 209). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
34 35
Das Reserve-Poizeibataillon 101

Goldhagen, D (1996). Hitlers willige Vollstrecker: Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust. Berlin: Siedler
Verlag.

36
Merritt/Frankl: Datenanalyse vs. Psychologe erlebt KZ Jessica Manz und Johannes Galatsch

wird im Laufe dieses Textes aufgegriffen. Als weiteren erklärenden Ansatz dienen Teilergebnisse aus
Merrits Umfragen. Hiermit soll aufgezeigt werden wie das deutsche Volk sich nach der Nazi-Zeit mit
Merritt/Frankl: Datenanalyse vs. Psychologe erlebt KZ dem Thema Nationalsozialismus auseinandergesetzt hat, wie sich dessen Einstellung geändert hat, und
ob die Nürnberger Prozesse, die Medien oder die Besetzung Deutschlands einen Einfluss auf eine Um-
Jessica Manz; 3. Semester orientierung hatten.
Johannes Galatsch; 3. Semester

2 Stand der Forschung

Selbstexperimente und eine Vielzahl an Daten


Zusammenfassung
Das Praxisprojekt „Ganz normale Menschen?“ befasst sich mit den Geschehnissen zur Zeit des Nationalsozialismus und im So unterschiedlich wie ihre Lebensläufe sind auch die verschiedenen Herangehensweisen an das Thema,
Hinblick darauf mit dem Verhalten der sogenannten „ganz normalen Menschen“. Spezielles Augenmerk wird hier auf die Frage wenn man auf der einen Seite das Wissenschaftlerehepaar Anna J. und Richard L. Merritt und auf der
gelegt, warum sich diese Menschen so verhalten und derartige Grausamkeiten verübt haben. Aus diesem Grund haben sich die anderen Seite den Psychologen Viktor E. Frankl betrachtet.
Teilnehmer dieses Projekts verschiedener psychologischer Ansätze bedient, um dieses Phänomen zu klären.
Beginnend mit Frankl muss man sagen, dass seine Erkenntnisse aufgrund ungewollter Ereignisse in sei-
Unser Beitrag zum Praxisprojekt beschäftigt sich mit den ausführlichen Umfragen der Amerikaner Anna J. und Richard L. Mer- nem Leben basieren, die in keiner Weise mit herkömmlichen Forschungsmethoden zu vergleichen sind.
ritt, welche direkt im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg und teilweise auch während den Nürnberger Prozessen stattfanden, Natürlich war er, wie aus seinem Lebenslauf ersichtlich, auch vorher schon mit der Materie in Berührung
und mit Viktor E. Frankls Aufzeichnungen, die er unter anderem während seiner Gefangenschaft in Konzentrationslager anfer- gekommen, doch dass ein Psychologe eigene Erlebnisse in sein Werk mit einbringen kann, ist doch eher
tigte. selten. So ist sein Buch „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“ nicht zuletzt ein Produkt seiner Er-
fahrungen, die er als Jude im Konzentrationslager zur Zeit des Holocaust gemacht hat sondern auch eine
Schilderung des Erlebten aus einer völlig neuen Perspektive, die sich von bekannten Erlebnisbeschrei-
1 Einleitung bungen im Wesentlichen abhebt. Alles beginnt, als Frankl, wie er selbst in seinem Buch schreibt, in sei-
ner ganzen Verzweifelung über das schreckliche Geschehen und über die Grausamkeiten, die ihm im
Anna J. und Richard L. Merritt rekonstruierten in zwei Bänden das Forschungsprogramm der im Auftrag
Konzentrationslager begegnen, sich seinen eigenen rettenden Strohhalm erschafft. Sich wehrend gegen
der amerikanischen Militärsregierung und der hohen Kommission gegebenen Umfrage der deutschen
sämtliche Gedanken, die ihm „menschenunwürdig“ erscheinen, versucht er der Situation, einen neuen
Bevölkerung. Die beiden Politologen der Yale Universität erhoben ihre Daten im Nachkriegsdeutsch-
„Sinn“ zu geben. Wie er selbst schreibt, ist ihm der Gedanke zuwider, dieses Leid zu ertragen, um nur
land, während und nach den Nürnberger Prozessen. Sie bezogen sich in ihrer Arbeit auf drei Hauptthe-
auf den Tod zu warten, denn dann wäre der sofortige Tod für ihn wünschenswerter. So macht er sich zu
men. Sie stellten Fragen über die „Einstellung gegenüber der amerikanischen Besetzung“, der „Entnazi-
seinem eigenen Versuchsprobanden und fängt an die Lage anhand seiner Erfahrungen zu analysieren. In
fizierung und Demokratisierung“ und über die „Schwerpunktverlagerung von der Demokratisierung zum
seinem Buch nennt er dieses „Experiment“ später „Experimentum Crucis“. Der Titel spricht für die
Antikommunismus“.
symbolische Nagelung Frankls an das Kreuz, was noch einmal sinnbildlich für sein Selbstexperiment
stehen soll. Das besondere an seinem Selbstexperiment ist nicht nur die Art und Weise, wie es zu Stande
gekommen ist, quasi aus einer Notsituation heraus, vielmehr spricht auch das Produkt für sich. So ist sein
Viktor E. Frankl wurde am 26. März 1905 in Wien geboren und starb am 2. Buch keine direkte wissenschaftliche Untermauerung seiner Ergebnisse sondern eine Vermischung des
September 1997 ebenfalls in Wien. Er studierte Humanmedizin mit den Erlebten und Analyse der eigenen Psyche mit seinen späteren Überlegungen zum Menschen und der
Schwerpunkten Depression und Suizid. Neben diversen erfolgreichen Tä- Frage danach, was der Mensch eigentlich ist. Aufgrund seines psychologischen Wissens und der Situati-
tigkeiten auf diesem Gebiet gilt Frankl neben Sigmund Freuds Psychoana- on, in der er sich befand, war es ihm möglich, sowohl sich, als auch Mithäftlinge sowie die NS-Soldaten
lyse und Alfred Adlers Individualpsychologie als Begründer der „dritten zu beobachten und ihr Verhalten zu analysieren und die daraus resultierenden Erklärungsansätze zu bil-
Wiener Schule der Psychotherapie“. den. Sein Buch ist keine normale wissenschaftliche Arbeit, vielmehr liest es sich fast wie ein Roman. So
Frankl wurde 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Weitere Depor- beschreibt er detailreich seine Umgebung, die Menschen, denen er begegnet ist und die mit diesen Men-
tationen brachten ihn ins Konzentrationslager Auschwitz und 1944 in das schen in Verbindung stehenden Erlebnisse. Von Versuchsplan sowie Versuchsvariablen ist hier keine
Konzentrationslager Türkheim. Gegen Ende des zweiten Weltkriegs wurde Spur. Anstatt eines Versuchsaufbaus benutzt er Stilmittel eines Schriftstellers, um dem Leser die Situati-
er 1945 durch amerikanische Truppen befreit. on zu veranschaulichen. Durch düstere Beschreibungen der Landschaft und des Klimas bekommt der
Leser schnell einen Eindruck von der Situation. Der Wechsel vom anfänglichen allwissenden Erzähler
Seine Erlebnisse, die er in dieser Zeit sammelte, hatten einen großen Eins- zum Ich-Erzähler macht dem Leser erst bewusst, dass es sich um die Geschichte von Frankl handelt oder
fluss auf seine weiteren Arbeiten, durch welche er schon zu Lebzeiten in- dem Häftling Nr. 119.104, wie er sich selbst in seiner Schilderung nennt. Im Verlauf seines Erzählens
ternationale Anerkennung genoss. lernt man auch durch Beschreibungen sowie Anekdoten verschiedene Menschen kennen, die er im Laufe
Abbildung 1: Viktor E. Frankl
seiner Gefangenschaft im Konzentrationslager kennen gelernt hat und die später mit die Begründung für
seine Erkenntnisse bilden.
Durch Merritts und Frankls analytische Arbeiten versuchen wir herauszuarbeiten, inwiefern der Deutsche
während des Nationalsozialismus ein „ganz normaler Mensch“ oder viel eher ein Opfer seiner Umge-
bung und des Systems war. Der autobiografische Text von Frankl ist in diesem Kontext besonders inte-
ressant zu erwähnen. Hier beschreibt er seine Zeit im Konzentrationslager als Experiment und betrachtet
seine Situation aus einer objektiven und höheren Warte aus. Inwiefern diese Sichtweise erfolgreich war,
37 38
Merritt/Frankl: Datenanalyse vs. Psychologe erlebt KZ Jessica Manz und Johannes Galatsch

Ganz im Gegensatz zu Frankl basieren die Untersuchungen von den Merritts ganz auf eine Erhebung von Die Folge dieser Frustration und der noogenen Neurose ist ein „existenzielles Vakuum“. Mit diesem
prozentualen Daten ihrer Umfrageergebnisse. So machte das Ehepaar in Deutschland eine Umfrage nach Begriff definiert Frankl eine Frustration, die durch ein starkes Sinnlosigkeitsgefühl im Leben aufkommt.
den Nürnberger Prozessen, in welcher den Probanden Fragen zu den Nürnberger Prozessen sowie dem Um die Herkunft des existenziellen Vakuums etwas zu verdeutlichen, verwendet Frankl folgende Erklä-
Nationalsozialismus gestellt wurden, die diese entweder mit JA oder mit NEIN zu beantworten hatten. In rung:
ihrem Buch werden hauptsächlich die Daten für sich sprechend gegenübergestellt, eigene Interpretatio-
„Im Gegensatz zum Tier sagen dem Menschen keine Instinkte, was er muss, und im Gegensatz zum Men-
nen hierzu oder Hypothesen werden von den Merritts bei dieser Untersuchung allerdings vermieden.
schen von gestern sagen dem Menschen von heute keine Traditionen mehr, was er soll. Nun, weder wis-
Abschließend kann man sagen, dass nicht nur in der Art und Weise, wie die Merritts als auch Frankl ihre send, was er muss, noch wissend, was er soll scheint er nicht mehr recht zu wissen, was er will. So will er
Experimente durchgeführt haben, Unterschiede zu erkennen waren. So waren auch die anschließenden denn nur das, was die anderen tun – Konformismus! Oder aber er tut nur das, was die anderen wollen –
Produkte völlig verschieden. Schlichtweg kann man sagen, dass hier zwei wissenschaftliche Welten auf- von ihm wollen – Totalitarismus.“1
einander prallen, zum einen die kühle und sachlich Auswertung und Gegenüberstellung von Daten, wo
In seiner Aufzeichnung bezieht sich Frankl diesbezüglich unter anderem auf Studenten, die er während
der Einfluss des Versuchsleiters auf das Ergebnis nur in der Fragestellung liegt, zum anderen die roman-
seiner Arbeit an unterschiedlichen Universitäten kennen gelernt hat und Befragungen dieser. Auffällig
ähnliche Selbstschilderung von Frankl mit den daraus resultierenden Erkenntnissen Frankls über Men-
war die hohe Selbsterkenntnis eines fehlenden Lebenssinns, obwohl fast alle anderen Faktoren im Leben,
schen und ihr Verhalten.
wie z.B. physische und psychische Gesundheit, gute familiäre und wirtschaftliche Verhältnisse, sowie
akademische Erfolge bei den befragten Studenten vorhanden waren. Und genau hier liegt ein großes
Problem, welches für den perfekten Nährboden dieses Sinnlosigkeitsgefühls in unserer Zeit verantwort-
2.2 Ergebnis
lich ist. Die heutige Gesellschaft lebt in einer Art Überfluss, in dem jeder fast alles für wenig (oder auch
Essentiell für Frankls „Experimentum Crucis“ war die Frage nach dem Sinn. Frankl hat sich während teilweise für keinen) Aufwand bekommt. In diesem Meer der Reizüberflutung geht der Mensch unter und
seiner Zeit im Konzentrationslager eine Zukunftsperspektive gesucht, um während seiner Gefangenschaft verliert den Blick für wesentliche Sachen. Frankl benennt dieses Phänomen „affluent society“. In dieser
durchhalten zu können. Grundgedanke dieser Theorie basiert auf den simplen Effekt des Umdenkens: werden zwar die (Grund-)Bedürfnisse des Menschen erfüllt, aber das Essentielle – der Wille zum Sinn –
Negatives soll in Positives gekehrt werden. Ohne diese Suche nach einer Aufgabe, die man noch zu bleibt so im Hintergrund und wird im Keim erstickt.
erfüllen hat, würde das Überleben in solchen Grenzsituationen auf ein Minimum reduziert werden.
Unabhängig von der Sinn-Frage in Frankls Buch geht er auch auf einen anderen Aspekt aus seiner Zeit in
Solche „leeren“ Zustände findet man nach Frankl aber auch im normalen Alltag wieder. In seinem Buch
den Konzentrationslagern ein. Dort beobachtete er das Phänomen des „guten Bösen“ und des „bösen
beschreibt er ein neues Krankheitsbild, welches er „noogene Neurose“ nennt. Der Unterschied zur
Guten“. Konkret machte er erstaunlicher Weise positive Erfahrungen mit einem NS-Soldat, der ihm zum
Neurose im engeren Sinn einer psychogenen Krankheit, besteht in ihrer Herkunft. Die noogene Neurose
Beispiel etwas von seinem eigenen Essen abgab. Dagegen machte er schlechte Erfahrungen mit einem
entwickelt sich durch Gewissenskonflikte, Wertkollisionen und existentielle Frustrationen.
Mithäftling. Dieser schikanierte und misshandelte andere Gefangene und wandelte sich so vom vermeint-
Weitere Ergebnisse von Frankl beruhen auf der Theorie, dass das Streben nach dem Sinn auch das Han- lich Guten zum eigentlichen Bösen. Daraus abgeleitet entstand seine Theorie von den zwei „Menschen-
deln des Menschen begründet. Im Gegensatz zu Kants These, dass der Mensch nach dem Glücklichsein rassen“. Gemäß dieser Theorie schlummert in jedem Menschen sowohl das Gute als auch das Böse. Der
strebt, geht Frankl davon aus, dass der Mensch nach einem Grund zum Glücklichsein sucht. Denn sobald Mensch ist demnach eine Legierung zwischen gut und böse und was letztendlich überwiegt ist abhängig
ein Grund zum Glücklichsein gefunden ist, stellt sich das Glück als „Nebenwirkung“ von selbst ein. von der Situation, in der er sich befindet.
Nach Frankl zeigen Neurotiker dieses Verhalten jedoch nicht. Sie Streben nicht in erste Linie nach dem
Grund (Sinn), sondern direkt nach der Wirkung (Lust). (s. Abbildung 2) Dadurch, dass diese Lust direkt
erfahrbar sein soll und nicht als Wirkung eines erfüllten Grundes entstehen kann, strebt der Neurotiker Merritts Umfragen geben Aufschluss auf diese Orientierungslosigkeit der Deutschen. Schwankende Er-
einer nicht existenten Wirkung nach. Die Lust wird alleiniges Ziel dieses Menschen und dieser verliert gebnisse und konträre Daten könnten ein Indiz für das „existenzielle Vakuum“ sein und somit den Ge-
durch seine Neurose den Grund der Lust aus den Augen, so dass die Wirkung „Lust“ auch nicht mehr horsam der Menschen gegenüber den Nazis erklären.
zustande kommen kann.
Wichtige Ergebnisse der Umfragen beziehen sich auf allgemeine Fragen. Generell hat die deutsche Be-
Einen interessanten Gedankengang birgt die Frage ab wann der Mensch nur auf die Nebenwirkung völkerung hohes Interesse an den Nürnberger Prozessen gezeigt und im Durchschnitt verfolgten 75% der
„Lust“ aus ist und wann er sich auf das Mittel zum Zweck (Sinn) beruht, um sein Ziel die Wirkung, zu Befragten den Prozess. Über die Urteilsverkündung und deren Entscheidung wussten 93% Bescheid,
erreichen. Nach Frankl kommt es nur zur Ausbildung des Willens zur Lust (Wirkung), wenn der „norma- wobei von diesen mehr als die Hälfte (55%) das Urteil als „angemessen“ empfanden, 21% „zu milde“
le“ Weg, der Wille zum Sinn, frustriert ist. (s. Abbildung 3) und fast jeder Zehnte (9%) es als „zu hart“ einstufte.
Während dem Verlauf des Prozesses verloren die Befragten rapide das Vertrauen in die Vollständigkeit
und Seriosität der Presse. Im Oktober 1945 hatten noch 79% der Deutschen dieses Vertrauen, wobei im
August 1946 nur noch 68% dieses aufbringen konnten. Zwei Monate später im Oktober 1946 (nach der
Urteilsverkündung) hatten etwas mehr als die Hälfte der Umfrageteilnehmer (48%) das Vertrauen in die
Authentizität der Presse verloren.
Nach Angaben der Befragten (Stand: Dezember 1945) haben 84% der Menschen etwas aus den Nürnber-
ger Prozessen gelernt. Im Einzelnen haben 64% speziell etwas von den Konzentrationslagern und deren

Abbildung 2: Grund-Wirkungs-Prinzip Abbildung 3: Zweck-Wirkungs-Prinzip


1
Frankl, Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn, S.142

39 40
Merritt/Frankl: Datenanalyse vs. Psychologe erlebt KZ Jessica Manz und Johannes Galatsch

Hintergründe erfahren; 23% über die Vernichtung der Juden und anderen Gruppen; und jeder Achte Gleichgewicht geraten. Frankl versucht sich dies durch seine zwei „Menschenrassen“ zu erklären (im
(13%) hatte vorher nichts über „das Übel der Nazi-Führung“ gewusst. Hinblick darauf, dass er zur Zeit des Nationalsozialismus im Konzentrationslager war ein wirklich ge-
wagter Ausdruck). Frankl begründet das nicht „gruppengemäße“ Verhalten des Individuums, indem er
sagt, der Mensch habe sowohl Gutes als auch Böses in sich. Die Frage ist nur was in bestimmten Ex-
Eine im August 1946 durchgeführte Umfrage ergab folgende Ergebnisse. Nach Aussagen der Befragten tremsituationen die Überhand gewinnt. Doch scheint die Lösung fast zu einfach als das man sie hinneh-
hatte jeder Zehnte die Einstellung, dass ein reiner Deutscher verurteilt werden sollte, wenn er eine nicht- men könnte. So ist der Mensch abhängig von seinem Umfeld, der Gesellschaft, seinem eigenem Charak-
arische Frau heiratet. 18% behielten die Meinung, dass nur eine Regierung mit einem Diktator in der ter sowie der spezifischen Situation, in welcher er sich befindet wahrscheinlich viel zu vielschichtig, um
Lage ist eine starke Nation zu bilden. 19% schoben die Schuld der vielen Opfer und des Kriegs anderen eine wirklich einleuchtende Erklärung für das Verhalten zu finden. Ein „ganz normaler Mensch“ defi-
Nationen, Banken und Kommunisten im Rahmen von Verschwörungen zu. 30% der Teilnehmer sahen niert sich immer selbst. Jeder Mensch empfindet sich wahrscheinlich als normal, während der nächste ihn
„Neger“ als Mitglieder unwürdiger und sozial tiefer angesiedelter Gruppen an, und jeder Dritte war der als unnormal bezeichnet. Natürlich gibt es gesellschaftliche Vorstellungen davon, was normal ist und
Meinung, dass Juden nicht die gleichen Rechte wie die „arische Rasse“ bekommen sollten. was nicht, allerdings ändern sich, wie anhand des Nationalsozialismus gesehen, auch allgemeine Mei-
nungsbilder schneller als man die eigene Ansicht ändern kann.
Die Sichtweise der Deutschen auf den Nationalsozialismus lässt sich durch die folgenden Werte aufzei-
gen. Demnach empfanden Ende 1945 und 1946 im Schnitt jeweils ca. 47% der Befragten den National-
sozialismus als „gute Idee“ jedoch „schlecht ausgeführt“ und im August 1947 teilten schon 55% diese
„Was ist also der Mensch? Er ist das Wesen, das immer entscheidet, was es ist. Er ist das Wesen, das die
Meinung. Eine weitere Frage befasste sich mit dem eigentlichen Wesen des Nationalsozialismus. Nach
Gaskammern erfunden hat; aber zugleich ist er auch das Wesen, das in die Gaskammern gegangen ist
Umfragen hielten 41% der Deutschen gegen Ende der Jahre 1945 und 1946 den Nationalsozialismus für
aufrecht und ein Gebet auf den Lippen.“ 2
eine schlechte Idee und im August 1947 hielten ihn nur noch 30% für schlecht.

4 Literaturverzeichnis
3 Diskussion
Frankl, Viktor E. (2004). Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn
Generell ist es fragwürdig, inwiefern man beide Produkte verwenden kann, wenn man sich die Frage
stellt, was einen „ganz normalen Menschen“ eigentlich ausmacht und wie es sein kann, dass „ganz nor- Merritt, Anna J. & Merritt, Richard L. (1980). Public opinion in occupied Germany: The OMGUS surreys 1945-49
male Menschen“ gerade zur Zeit des Nationalsozialismus zu solchen Taten fähig sein konnten. Wirklich
beantworten wird man diese Fragen nie können. Es wird nie ein Geheimrezept geben, welches das Ver-
halten von Menschen letztendlich entschlüsselt und begründet. Doch kann man aus sämtlichen Ergebnis- Internet:
sen der Verhaltensforschung viele Ansätze herausfiltern, die zu ihrem Teil dazu beitragen, solche Taten http://logotherapy.univie.ac.at/d/person.html
zu erklären. Gerade im Hinblick auf die Merritts und Frankl sowie die Unterschiedlichkeit der Herange-
hensweisen an diese Thematik, ist doch zu erkennen, dass gerade diese sehr vielschichtig und nicht ein-
fach zu lösen ist. Generell stehen hier zwei Fronten gegenüber, zum einen das Merrittehepaar mit seinen Abbildung 1:
erhobenen Prozentzahlen aus den Befragungen von Menschen zum anderen Frankl, der seine eigene in-
dividuelle Erfahrung dazu benutzt, Verhalten zu erklären und zu deuten. Beide Parteien zeigen Extreme http://www.geocities.com/~webwinds/frankl/frankl.htm
auf, die an ihren Theorien zweifeln lassen. So kann man bei Frankl sagen, dass er nicht neutral an die Abbildung 2, 3:
Situation herangehen konnte, wie er es getan hätte, wäre er nicht involviert gewesen. Allerdings muss
man zugeben, wer sein Buch gelesen hat, müsste diese Kritik schnell wieder über den Haufen schmeißen, Eigene Darstellung nach
denn seine äußerst positive und verständnisvolle Ansicht über die Menschen im Nationalsozialismus ist Frankl, Viktor E. (2004). Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn, S.101 u. 102
doch gerade auch im Hinblick darauf, dass er seine ganze Familie im Holocaust verloren hat, erstaunlich.
Wiederum kann man bei den Merritts die Art und Weise der Datenerhebung kritisieren. So sind die Fra-
gen doch relativ statisch durch die wenigen Antwortmöglichkeiten. Auch kann man nicht genau sagen,
wer wirklich befragt wurde und inwiefern das Ehepaar darauf Einfluss genommen hat. Ganz zu schwei-
gen davon, dass überhaupt nicht durchsichtig ist, inwiefern die Befragten auch wirklich ehrlich waren.
Das Stimmungsbild lässt auf jeden Fall Zweifel aufkommen, ob die Umfrage wirklich das allgemeine
Meinungsbild der Deutschen nach den Nürnberger Prozessen widerspiegelt. Aus diesen Gründen müss-
ten zu jeglicher Deutung ebenfalls weitere Informationen, wie zeitaktuelle Nachrichten, Litera-
tur/Memoiren von Nachkriegsautoren etc. herangezogen werden.
Die eigentliche Frage, die sich am Ende stellt, ist allerdings: Hat Frankl wirklich Recht, wenn er von dem
„guten Bösen“ und dem „bösen Guten“ spricht? Ist dies nicht vielleicht eine Annahme aufgrund seiner
Erfahrung im Konzentrationslager, in der Welten aufeinander prallen, die pauschale Wertvorstellungen
im Nu zunichte machen? Kurz gefasst fängt alles damit an, dass Menschen durch die Gesellschaft lernen
Gut von Böse zu unterscheiden. Wenn sich allerdings die vermeintlich Bösen auf einmal gut verhalten
2
und die vermeintlich Guten auf einmal böse, sind sämtliche Wertvorstellungen des Menschen aus dem Frankl, Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn, S.178

41 42
Taten / Verhalten vor Gericht - Nürnberger Kriegsverbrecher Brügger, Peker, Schütz

betreuen und in Gesprächen ihr Verhalten zu ergründen. Dabei verglich er beispielsweise das Verhalten
der Angeklagten sowohl in der Gruppe als auch in Einzelgesprächen. Da er als einziger der Psychologen
der deutschen Sprache mächtig war, unterstützte er seine Kollegen, indem er deren Gespräche übersetzte.
Taten / Verhalten vor Gericht - Nürnberger Kriegsverbrecher (vgl. Gilbert, 1963).
Martina Brügger; 3. Semester
Mustafa Peker; 3. Semester Dr. Leon Goldensohn führte sieben Monate lang ausführliche Gespräche mit den Angeklagten und be-
Dorthe Schütz; 3. Semester trieb Charakterstudien, um das Gefühlsleben der Männer zu analysieren. Er war allerdings ihnen gegen-
über voreingenommen und hielt sie für Monster, deren Beweggründe und Antriebskräfte für ihre Taten er
zu verstehen versuchte. Gleichwohl sah er in den Gesprächen mit den Hauptkriegsverbrechern eine be-
rufliche Herausforderung und erhoffte sich somit einen Karriereschub. (vgl. Goldensohn, 2005).
Dr. Douglas M. Kelley sah in seiner Arbeit die Möglichkeit „einer leicht verständlichen Analyse der
Zusammenfassung Persönlichkeiten, die imstande waren, die Handlungen von 80 Millionen Deutschen zu lenken und zu
Das Praxisprojekt „Ganz normale Menschen“ unter Leitung von Herrn Dr. Carsten Möller im Wintersemester 2006/2007 des kontrollieren.“ (Kelley, 1947: S. 5). Er verfolgte scheinbar von allen dreien die idealistischsten Ziele, da
Studiengangs Angewandte Kommunikations- und Medienwissenschaften befasste sich mit der Opfer-Täter-Debatte sowie den er den Anspruch hatte, mit den Ergebnissen eine derartige Wiederholung der Geschichte zu verhindern.
psychischen Faktoren entsprechender Rechtfertigungsweisen. Obwohl er nur fünf Monate in Nürnberg tätig war, waren seine Untersuchungen die umfangreichsten.
Alle Angeklagten wurden einem Rorschach-Test, einem thematischen Apperzeptions-Test und einem
Die vorliegende Ausarbeitung beschäftigt sich mit den Angeklagten der Nürnberger Prozesse. Diese fanden vom 20.11.1945 bis Wechsler-Bellevue-Test unterzogen.2 Kelley nahm die Hilfe zahlreicher Dolmetscher in Anspruch, um
zum 01.10.1946 statt. Die alliierten Siegermächte zogen die 24 Angeklagten zur Rechenschaft, um lt. Chefankläger Robert einer Aussagenverzerrung entgegen zu wirken. Wie seine Kollegen begann auch er seine Arbeit mit Vor-
Jackson „[d]ie Ordnung der Welt nach den Grundsätzen des Rechts.“ (Der Spiegel, 2006: S. 68) herzustellen. Um nicht nur die
urteilen, weil er der Meinung war, dass die Deutschen schon seit Jahrhunderten von dem Gedanken ge-
juristische Seite dieses Verbrechens zu beleuchten, sondern auch in psychologischer Hinsicht das Verhalten nachzuvollziehen,
prägt seien, anderen Völkern überlegen zu sein. Sein ehrgeiziges Bestreben endete auf tragische Weise.
zu verstehen und bestenfalls eine Wiederholung auszuschließen, wurden die Psychologen Gustave M. Gilbert, Leon Goldensohn
Da er die erhaltenen Informationen der Hauptkriegsverbrecher nicht verarbeiten konnte, nahm er sich mit
und Douglas M. Kelley mit der Betreuung sämtlicher Angeklagten beauftragt. (vgl. Gilbert, 1963; Goldensohn, 2005; Kelley,
1947).
einer Zyankali-Tablette das Leben. Es wird vermutet, dass er diese aus den Händen von Hermann Göring
erhielt (vgl. Kelley, 1947 i. V. m. o.V., 1958: S. 18).
Das Augenmerk liegt darin, anhand der Aufzeichnungen der Gespräche am Beispiel der Angeklagten Hermann Göring, Wilhelm
Keitel und Julius Streicher zu erörtern, welche Faktoren zu dem gezeigten Verhalten1 insbesondere nach der Machtergreifung
durch Hitler 1933 führten. Nun wird detailliert auf die folgenden Betrachtungsweisen der Angeklagten eingegangen:
- Lebenslauf
- Verantwortlichkeiten im NS-Regime
- Einstellung zur Anklage
1 Einleitung - psychologische Beurteilung
Wie im Folgenden beleuchtet wird, handelte es sich bei den Kriegsverbrechern nicht etwa um Personen,
die besondere Auffälligkeiten, beispielsweise in puncto mangelnder Intelligenz oder anhand ihrer sozia-
len Herkunft, zeigten, sondern eben um „ganz normale Menschen“. 2.1 Julius Streicher
Julius Streicher wurde am 12.02.1885 als Sohn eines katholischen Volksschullehrers geboren und trat im
Jahr 1904 selbst das Lehramt an. Des Weiteren war er Mitbegründer der nationalistisch-antisemitischen
„Deutsch-Sozialen Partei“ im Jahr 1919. 1923 gründete er zudem die judenfeindliche Zeitschrift „Der
Stürmer“. Aufgrund seiner radikalen Ansichten bezüglich der Judenfrage stand er hoch in Hitlers Gunst
2 Stand der Forschung und hatte ein entsprechendes Ansehen in der NSDAP. Jedoch fand seine Karriere 1940 nach diffamie-
renden Aussagen gegenüber ranghohen Parteimitgliedern ein jähes Ende.3 Gleichwohl unterstützte Hitler
Zunächst wird die Vorgehensweise und die Intention der drei Psychologen vorgestellt, um die spätere ihn weiterhin bei der Publikation von „Der Stürmer“. Nach Kriegsende tauchte er zunächst in einem bay-
psychologische Beurteilung der Angeklagten nachvollziehen zu können. erischen Bergdorf unter, bevor die Alliierten ihn aufspürten und ihn wegen Verbrechen gegen die
Alle Psychologen fanden die Angeklagten aufgrund ihrer isolierten Haft in großer Redebereitschaft vor. Menschlichkeit anklagten. Sein Urteil lautete Tod durch Strang. (vgl. Gilbert, 1963; Goldensohn, 2005;
Keitel sagte beispielsweise zu Gilbert: „Kommen Sie doch manchmal vorbei; es gibt mir einen gewissen Kelley, 1947).
moralischen Halt, um diese Qual aushalten zu können…Wenn ich nur mal mit jemanden reden kann.“ Streicher bekannte sich im Sinne der Anklage als nicht schuldig. „natürlich wird man mich schuldig
(Gilbert, 1963: S. 81). sprechen, aber es freut mich, dass das Gericht wenigstens den Schein der Gerechtigkeit wahrt. Das gibt
Dr. Gustave M. Gilbert führte keine speziellen psychologischen Tests durch. Er wurde von der amerika-
nischen Regierung für über ein Jahr nach Nürnberg versetzt, um dort die Hauptkriegsverbrecher zu
2
1
Dieser Test wurde von Dr. Gustave M. Gilbert entwickelt.
Hierzu zählten z. B. die Unterstützung der Judenverfolgung, die Errichtung der Konzentrationslager und besonders der bedingungslose
3
Gehorsam. Beispielsweise behauptete er, dass Göring homosexuell sei und dass seine Tochter aus einer künstlichen Befruchtung hervorginge.

43 44
Taten / Verhalten vor Gericht - Nürnberger Kriegsverbrecher Brügger, Peker, Schütz

mir die Gelegenheit, meine Aussagen zu machen und der Welt das Wesen des internationalen Judentums Die damals 50 Parteien vertraten die gleiche Meinung, jedoch war die NSDAP die kleinste und er sah
vor Augen zu führen.“ (Kelley, 1947: S. 164). dort entsprechend die schnellste Möglichkeit politisch aufzusteigen. Dies unterstrich seinen nicht anpas-
sungsfähigen, narzisstischen Charakter und seine Unfähigkeit, die gerechtfertigten Strafen, resultierend
Alle drei Psychologen sahen sich einem von der Judenfrage besessenen Streicher gegenüber. In den Ge-
aus dem Ersten Weltkrieg, zu akzeptieren. (vgl. Gilbert, 1963; Goldensohn, 2005; Kelley, 1947).
sprächen wurde deutlich, dass er sich dazu berufen fühlte. „Wie er sagt, ist er vor Jahren eines Abends
auf den Antisemitismus gestoßen, und am folgenden Morgen habe er erkannt, dass seine Lebensaufgabe Ebenso war Göring machtbesessen. Dies führte soweit, dass er sich vor allem der NSDAP anschloss, um
darin bestand, Experte für Antisemitismus zu werden.“ (Goldensohn, 2005: S. 327). Streicher war einer Herrscher der Republik zu werden, ohne dass er alle Ideologien der Partei (z. B. den Antisemitismus)
der wenigen Angeklagten, denen im gewissen Maße eine geistige Störung zugeschrieben wurde. „Strei- vertrat. (vgl. Gilbert, 1963; Goldensohn, 2005; Kelley, 1947).
chers Antisemitismus war reine Besessenheit, medizinisch gesehen eine echte paranoide Reaktion.“ (Kel-
Seine niedere Moral ließ sich auch an Hand seiner Tierliebe sowie seiner Vorliebe für Kunst erkennen.
ley, 1947: S. 156). „sogar sein eigener Anwalt erwog, ob die antisemitische Besessenheit nicht einem
Kelley sagte hierzu „Da haben wir den wahren Göring. Er schützt die Tiere … ist aber ohne weiteres
kranken Hirn entspränge.“ (Gilbert, 1963: S. 15). Im Gegensatz zu den meisten seiner Mitangeklagten
bereit, jeden Menschen in ein Konzentrationslager zu sperren, der eine wilde Katze belästigt.“ (Kelley,
hatte er eine durchschnittliche Intelligenz und eine starke Neigung zur Pornographie, die ihm eine Au-
1947: S. 77). Zitat Göring: „Von allen Vorwürfen, die mir gemacht wurden, hat mir der Vorwurf der so
ßenseiterrolle einbrachte.
genannten Plünderung von Kunstschätzen am meisten zugesetzt.“ (Goldensohn, 2005: S. 191). Laut Gil-
Auch während seiner Gefangenschaft zeigte er weder Einsicht noch Reue und blieb seinen Standpunkten bert zeigte Göring trotz aggressiven und aktiven Verhalten keinen Mut, Verantwortung zu übernehmen
treu: „Der Prozess ist ein Triumph des Weltjudentums.“ (Gilbert, 1963: S. 12). „Er betrachtet sich ledig- und wurde somit als Neurotiker und moralischer Feigling bezeichnet. (vgl. Gilbert, 1963: S. 429 f.).
lich als einen Leitstern der Wahrheit, und diesem Zweck hat er sein Leben geweiht.“ (Goldensohn, 2005:
Die Psychologen sahen in ihm allesamt einen unsteten Charakter, der stets auf den eigenen Vorteil be-
S. 327). „Ich hasse die Juden nicht persönlich.“ „Mein Kampf gegen sie entspringt einem tiefen Ver-
dacht war. So dokumentierte Kelley, dass Göring auf seine Frage, wie er es über das Herz bringen konn-
ständnis.“ (Kelley, 1947: S. 164).
te, einen guten Freund (Roehm) umbringen zu lassen, wie folgt reagierte: „starrte mich verdutzt an, als
wäre bei mir im Kopf etwas nicht in Ordnung. Hierauf zuckte er seine breiten Achseln, breitete die Arme
2.2 Hermann Göring aus und sagte langsam, in einfachen Worten: ’Aber er stand mir im Wege…!’“ (Kelley, 1947: S. 79 f.).
Hermann Göring wurde 12.01.1893 geboren. Sein Vater war ein promovierter Jurist und unter Bismarck
erster Reichskommissar für Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Dadurch wuchs Göring mit 2.3 Wilhelm Keitel
seiner Mutter Franziska und seinen vier Geschwistern auf den Ländereien seines jüdischen Patenonkels
Geboren am 22.09.1882, heiratete der aus wohlhabenden Verhältnissen stammende Wilhelm Keitel
ohne väterliche Autorität auf. Als junger Schüler fiel er dadurch auf, dass er Regeln und Strukturen in-
1905. Aus dieser Ehe gingen fünf Kinder hervor. Daher war er aus finanziellen Gründen gezwungen,
nerhalb einer Gruppe nicht akzeptieren konnte und somit mehreren Schulen verwiesen wurde. Erst auf
eine militärische Laufbahn einzuschlagen, anstatt in der Landwirtschaft tätig zu werden. Zunächst verlief
der Offiziersschule vermochte er Autoritäten zu akzeptieren und dadurch sein Examen erfolgreich zu
seine Karriere beim Militär eher schleppend, doch erkannte Hitler bald seinen bedingungslosen Gehor-
absolvieren und eine Militärkarriere zu beginnen, die im Ersten Weltkrieg ihren vorläufigen Höhepunkt
sam und beförderte ihn im Jahr 1940 zum Oberfeldmarshall. Aufgrund seiner unterwürfigen Art erhielt
fand. Mit der Machtergreifung Hitlers im Jahr 1933 wurde er zum preußischen Innenminister ernannt
er von den anderen Parteimitgliedern den Spitznamen „Lakeitel“. Sein Urteil lautete Tod durch Strang.
und bekleidete im Laufe seiner Karriere insgesamt elf Ämter, darunter die Position des Oberbefehlsha-
(vgl. Gilbert, 1963; Goldensohn, 2005; Kelley, 1947).
bers der Deutschen Luftwaffe und Reichstagspräsident. Er kam dem Todesurteil durch die Alliierten
zuvor, indem er sich zwei Stunden vor der Vollstreckung am 15.10.1946 mit einer Zyankali-Tablette das Keitel befand sich als nicht schuldig, da er die Anklage nicht nachvollziehen konnte. Er erklärte hierzu:
Leben nahm. Damit entkam er abermals der Autorität anderer, die über sein Leben entscheiden wollten. „Wie um Himmels willen kann man die Anklage, einen Angriffskrieg angezettelt zu haben, gegen mich
(vgl. Gilbert, 1963; Goldensohn, 2005; Kelley, 1947). erheben, wo ich nur das Sprachrohr für Hitlers Willen war?“ (Gilbert, 1963: S. 31).
Göring bekannte sich ebenfalls als nicht schuldig im Sinne der Anklage. „Ich bin von Natur aus gegen Nach den Berichten der Psychologen zu urteilen, erschien es Keitel unmöglich, sich Befehlen zu wider-
solche Dinge, und meine psychologische Reaktion besteht darin, noch im größten Unglück zu lachen setzen und sagte hierzu: „Für einen Soldaten sind Befehle Befehle!“ (Gilbert, 1963: S. 12) und „Wir
oder zu grinsen. Vielleicht erklärt das mein Verhalten vor Gericht. Außerdem war ich für diese Scheuß- können nur Befehle empfangen und gehorchen. Es ist schwer für einen Amerikaner, den Kodex preußi-
lichkeiten ja gar nicht verantwortlich.“ (Goldensohn, 2005: S. 175). scher Disziplin zu verstehen.“ (Kelley, 1947: S. 140). Zudem verstrickte er sich in widersprüchliche Aus-
sagen. Einerseits erklärte er: „Hätte ich’s gewusst, so hätte ich zu ihm gesagt: ‚Mein Führer, hier mache
Jeder der Psychologen beschrieb Göring als den redseligsten, interessantesten und facettenreichsten Cha-
ich nicht mehr mit! Ich will nichts mit derartigen Dingen zu tun haben! Entfernen Sie mich bitte von
rakter. (vgl. Gilbert, 1963; Goldensohn, 2005; Kelley, 1947). Seine Beschreibungen reichten vom „ma-
meinem Posten. – Andernfalls werden Sie mich morgen nicht mehr lebend vorfinden!’“ (Gilbert, 1963:
chiavellistischen Schuft … einem fetten, harmlosen Eunuchen“ bis hin zu „glänzender, tapferer, unbarm-
S. 80). Andererseits sagte er: „Bei drei verschiedenen Gelegenheiten dachte ich tatsächlich an Rücktritt,
herziger, rücksichtsloser und schlauer Mann der Tat.“ (Kelley, 1947: S. 64). Er akzeptierte den Prozess
aber es war unmöglich.“ (Goldensohn, 2005: S. 223).
nie, sagte dazu: „Der Sieger wird immer der Richter und der Besiegte stets der Angeklagte sein!“ (Gil-
bert, 1963: S. 10) und „Das verdammte Gericht – die reine Dummheit. Warum lässt man mich nicht die Auch bei Keitel waren sich die Psychologen einig, dass es sich um einen Menschen handelte, der schein-
Verantwortung übernehmen und lässt diese unbedeutenden Männer … laufen?“ (Goldensohn, 2005: bar lebte, um Befehle von Vorgesetzten zu empfangen und ohne zu hinterfragen auszuführen. (vgl. Gil-
S. 160). Auf die Frage, wie er zu der Rassenpolitik der NSDAP steht, antwortete er: „Überhaupt nicht als bert, 1963; Goldensohn, 2005; Kelley, 1947).
grundlegend. Völlig irrelevant und nebensächlich.“ (Goldensohn, 2005: S. 164). Er schloss sich in erster
Linie dieser Partei an, da er in ihr die Chance sah, seinen revolutionären Gedanken4 zu verfolgen und
gleichzeitig möglichst schnell ein hohes politisches Amt zu bekleiden. Seine Einstellung zu dem Ergeb-
nis des Versailler Friedensvertrags war: „keine Arbeit, kein Essen, keine Schuhe“. (Kelley, 1947: S. 69).

4
Göring war Gegner des Versailler Vertrages, Zitat: „Sie [NSDAP] griff Versailles an – und das verlieh ihr Charakter und ein Ziel für die
gefühlsmäßige Seite bei den alten Kämpfern.“ (Kelley, 1947, S. 69).

45 46
Taten / Verhalten vor Gericht - Nürnberger Kriegsverbrecher Brügger, Peker, Schütz

ein ganzes Volk, das mit dem Thalamus dachte. In diesem Zustand wurde es eine leichte Beute für die
Goebbels, Streicher, Ley und die anderen Propagandaleute. Für jene aber, die sich weigerten, gefühlsmä-
3 Diskussion ßig zu denken … erfand er das Konzentrationslager“. (Kelley, 1947: S. 16).

Der Anspruch der Psychologen war herauszufinden, solche beispiellosen Verbrechen wie die im Zweiten Anknüpfend an Kelleys Theorie, dass die Gefühle eines Menschen das Handeln bestimmen, stellt sich
Weltkrieg zu erklären, zu verstehen und somit eine Wiederholung zu vermeiden. Diesbezüglich wird die Frage: Wie soll dann eine Wiederholung dieser Taten vermieden werden? Es steht außer Frage, dass
man relativ schnell desillusioniert, was im Folgenden erläutert wird. jegliche Art von Gefühlen nicht ohne weiteres verändert bzw. eliminiert werden kann. Im speziellen Fall
des deutschen Volkes fand Hitler in der Tat ein Volk vor, das schwer gebeutelt vom Krieg war. Es
Zunächst ist es wichtig zu erwähnen, dass keiner der Angeklagten unter einer Geisteskrankheit litt.5 Wir herrschte Hunger, Armut und Arbeitslosigkeit, was zur Folge hatte, dass sicher viele Deutsche einen
haben es hier also mit Menschen zu tun, die über Intelligenz, Moralvorstellungen und einem freien Wil- Groll gegen den Frieden hegten.
len verfügen.
Aber lässt sich so einfach im Umkehrschluss sagen, dass wenn die Menschen aufgeklärt sind, ihnen also
Die Tatsache, dass sich alle Angeklagten trotz unwiderlegbarer Beweise als nicht schuldig bekannten, bewusst sein sollte, dass ihre Gefühle sie zu falschen, moralisch verwerflichen oder aggressiven Taten
hängt mit der sog. selbstdienlichen Verzerrung zusammen.6 Am Beispiel von Hermann Göring lässt sich verleiten könnten, eine reelle Chance darauf besteht, dass sie ein solches Verhalten erfolgreich unterdrü-
dies mit folgender Beobachtung vor Gericht belegen: „eine Frage dadurch zu beantworten, dass er ihr cken? Wie bereits erwähnt, sind Gefühle nicht unterdrückbar, denn eben diese machen das Menschsein
auswich oder ihr kaum Beachtung schenkte, dagegen ausführlich zu Fragen zu sprechen, die er als vor- aus. Und wie auch die Gegenwart zeigt, kann der Mensch noch so gebildet, noch so unautoritär erzogen
teilhaft erachtete und auf die er eine rationale Erklärung parat hatte“. (Goldensohn, 2005: S. 179). sein und ein hohes soziales Ansehen genießen. Es schützt ihn nicht davor, sein Handeln nach seinen Ge-
Es lässt sich bezüglich bestimmter Eigenschaften wie beispielsweise Intelligenz, beruflicher Status und fühlen auszurichten.
Autorität in der Erziehung bzw. des Umfeldes die Ausprägung des Gehorsams ausmachen. Je ausgepräg-
ter diese Faktoren sind, desto eher neigen Menschen dazu, Ungehorsam bzw. Gehorsam zu zeigen.7
Beispiele hierfür finden sich in der jüngsten Vergangenheit, aber auch in der Gegenwart:
Bei den Angeklagten der Nürnberger Prozesse lässt sich dieses Phänomen nur bedingt erkennen. Aus den
Biographien lässt sich erschließen, dass ein Großteil der Angeklagten hochintelligent war und keiner von - Der Krieg auf dem Balkan,
ihnen mit dem Intelligenzquotienten unter dem Durchschnitt lag. Viele von ihnen waren Akademiker - das gegenseitige neu entstandene Misstrauen, sogar Hass zwischen dem Islam und der westlichen,
oder haben hohe Ämter beim Militär bekleidet. (vgl. Gilbert, 1963; Goldensohn, 2005; Kelley, 1947). christlichen Welt vor und insbesondere nach dem 11. September,
- der Nordirland-Konflikt.
Intelligenz und beruflicher Status führten demnach nicht zu diesem bedingungslosen Gehorsam. Beson-
ders am Beispiel von Hermann Göring lässt sich dies erkennen, sein IQ lag bei 138 und er war bereits vor
Hitlers Machtübernahme beruflich sehr erfolgreich. (vgl. Gilbert, 1963; Goldensohn, 2005; Kelley, All diese Konflikte lassen sich rational kaum mehr erklären, sie leben und gedeihen von den Gefühlen
1947). der Einzelnen und derer, die sie anstacheln.

Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts wurde in der Erziehung Ungehorsam be-
straft, auch mit Gewaltanwendung. Es lässt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit vermuten, dass die Ange-
klagten eine solche Erziehung genossen haben. In diesem Falle wird die Theorie also bestätigt, dass eine 4 Literaturverzeichnis
autoritäre Erziehung den Gehorsam fördert, da jeder der Angeklagten Hitlers Befehlen Folge leistete.
Noch dazu kommt die Tatsache, dass jeder, der sich gegen Hitlers Politik stellte, in Lebensgefahr begab. Darnstädt, Thomas (2006). Das Weltgericht. Der Spiegel, Nr. 42 / 16.10.2006, S. 66-86.
Kelley stellt in seinem Buch „22 Männer um Hitler“ eine interessante Theorie auf: „Ebenso finden sich Gilbert, Gustave M. (1963). Nürnberger Tagebuch. Frankfurt am Main: Fischer Verlag.
in jeder Kultur die Wurzeln primitiver Treue- und Hassgefühle, die nur eines Anreizes bedürfen, um sich
Goldensohn, Leon (2005). Die Nürnberger Interviews – Gespräche mit Angeklagten und Zeugen. Gella-
üppig zu entfalten. Die Nazis führten Deutschland zu Neuheidentum und Barbarentum, indem sie einfach
tely, Robert (Hrsg.). Düsseldorf/Zürich: Artemis & Winkler Verlag.
eine riesige Hasspropaganda ins Werk setzten und dann die bereits latent im Volke schlummernden Kräf-
te ihren Zielen dienstbar machten.“ (Kelley, 1947: S. 12). Kelley geht im Folgenden darauf ein, dass sich Kelley, Douglas M. (1947). 22 Männer um Hitler. Olten-Bern: Delphi-Verlag GmbH.
der Judenhass, das Überlegenheitsgefühl der Deutschen gegenüber allen anderen Völkern sowie eine
o. V. (1958). U.S. Psychiatrist In Nazi Trial Dies. The New York Times, Thursday January 2nd, 1958,
gewisse Gewaltbereitschaft sich wie ein roter Faden durch die deutsche Geschichte zieht. Kelley weiter:
S. 18.
„Zunächst gewann er [Adolf Hitler] die Kontrolle über die Seelen der Deutschen, in dem er sich auf ihre
überlieferten Meinungen und Vorstellungen berief: auf den Antisemitismus, auf die Stammessitten eines
Kriegervolkes und so weiter. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass ein Mensch, der mit Gefühlshirnzent-
ren (Thalamus) denkt, nicht intellektuell mit der Gehirnrindensubstanz denken kann. Hitler verfügte über
5
Von allen Angeklagten der Nürnberger Prozesse wurde lediglich Rudolf Heß als geisteskrank eingestuft.
6
Die selbstdienliche Verzerrung besagt, dass Verzerrung dazu dienen, das Selbstwertgefühl zu schützen oder zu erhöhen. Zur Bildung eines
Urteils werden häufig nicht alle zur Verfügung stehenden Informationen herangezogen. Bsp.: Bei Misserfolg wird die Umwelt für das
Scheitern verantwortlich gemacht, bei Erfolg die eigene Leistung (vgl. Sozialpsychologie-Vorlesung, Wintersemester 2006/2007 bei Herrn
Dr. Carsten Möller).
7
Diese Thematik wurde ebenfalls im Rahmen der Sozialpsychologie-Vorlesung im Wintersemester 2006/2007 bei Herrn Dr. Carsten Möller
behandelt. Je höher die Intelligenz und der berufliche Status sowie je unautoritärer die Erziehung bzw. das Umfeld, desto höher ist die
Wahrscheinlichkeit, Ungehorsam zu zeigen.

47 48
Adolph Eichmann Jens Vervoort, Nadine Radtke

Vater heiratete im Jahre 1916 zum zweiten Mal. (Yiśrā’ēl / Miśrad ham-Mišpāṭīm, 1995, S.2). Durch die
zum Teil jüdische Verwandtschaft seiner Stiefmutter und durch die streng christliche Erziehung seiner
Adolf Eichmann Eltern bekam Eichmann ein anderes Judenbild vermittelt als es in SS-Kreisen üblich war und wurde nicht
zum Judenhass erzogen (Arendt, 1986, S. 104). Eichmann sah sich aufgrund seiner Herkunft auch nicht
Jens Vervoort; 3. Semester als Antisemiten (Eichmann, 1961, S.16). Politik war im Hause Eichmann nie ein Thema gewesen. „Zu
Hause wurde von Politik nie gesprochen. Mein Vater kümmerte sich um Politik nicht“ (Yiśrā’ēl / Miśrad
Nadine Radtke; 3. Semester ham-Mišpāṭīm, 1995, S.20). Die Schullaufbahn Adolf Eichmanns war von Erfolglosigkeit gekennzeich-
net. Zwar besuchte er die Volksschule und die Realschule bis zur jeweils vierten Klasse, verließ aber im
Jahre 1921 die Realschule ohne einen Abschluss. Er wurde im Anschluss von seinem Vater auf das Poly-
technikum geschickt, welches er aber ebenfalls nach zwei Jahren ohne ein Schlussexam verließ (Yiśrā’ēl
Zusammenfassung / Miśrad ham-Mišpāṭīm, 1995, S.3ff.). Obwohl Eichmann also nie einen Abschluss erlangte, gab er den-
noch auf allen offiziellen Nazi-Dokumenten „Maschinenbauingenieur“ als Beruf an. Die Tatsache, dass
er sein schulisches Versagen durch die finanziellen Missgeschicke seines Vaters zu rechtfertigen ver-
In unserer Ausarbeitung versuchen wir Ansätze zu finden die erklären wie Menschen zu Gräueltaten, wie sie in der NS Zeit suchte, deutet darauf hin, dass Eichmanns Versagen weniger aus seiner Faulheit resultierte, auch wenn er
geschehen sind, fähig sind. Anhand des Beispiels „Adolf Eichmann“ möchten wir verdeutlichen, wie es einem nicht sadistisch sich selber als nicht gerade den fleißigsten Schüler bezeichnete (Yiśrā’ēl / Miśrad ham-Mišpāṭīm, 1995,
oder pervers veranlagten Menschen möglich ist, trotz des Wissens von Ethik und Moral, aktiv an der industriellen Ermordung S.5), sondern eher aus dem Unvermögen die Anforderungen zu erfüllen. Dies hatte Eichmanns Vater
von mehreren Millionen Menschen teilzunehmen. Dazu gehen wir auf seine Biografie ein um so einen Eindruck von seinem erkannt als er ihn von der Schule nahm und ihm zuerst einmal einen Arbeitsplatz in seinem kleinen
Werdegang und prägenden Ereignissen in seinem Leben vermitteln zu können. Wir weisen auf die wissenschaftlichen Bergwerkunternehmen gab. Dort arbeitete Eichmann bis sein Vater im Jahre 1925 für ihn eine Stelle bei
Untersuchungen und Erkenntnisse von Zimbardo und Milgram bezüglich Gehorsam und Autorität hin, die Erklärungs- bzw. der Öberösterreichischen Elektrobau AG in der Verkaufsabteilung besorgte wo er für zwei Jahre blieb.
Verständnisansätze liefern können und versuchen Eichmanns Verhalten somit zu verdeutlichen und zu erklären. Wichtig ist es 1927 wechselte Eichmann seinen Arbeitsplatz, aber nicht auf eigenen Wunsch, da ihm eine Stelle ange-
weiterhin einen Blick auf Eichmanns Persönlichkeit zu werfen. Zum einen um Erklärungsansätze liefern zu können und um zu boten wurde, wie er es in seinem Lebenslauf für die Beförderung bei der SS im Jahre 1939 beschrieb,
verdeutlichen, dass es sich bei Eichmann nicht um jemandem handelt der plötzlich vom Bösen besessen ist und sadistische und sondern wieder einmal über Beziehungen. Der Cousin seiner Steifmutter, der mit einer Jüdin verheiratet
perverse Neigungen hat. Zum anderen um auf die Banalität des Bösen hinzuweisen und diese zu verdeutlichen. Da durch diese war, benutze seine Beziehungen zu der österreichischen Vacuum Oil Company. Der Generaldirektor der
Banalität des Bösen ein Rückschluss auf die damalige Gesellschaft, aber auch auf zukünftige Gesellschaften möglich ist und sie Company, ebenfalls Jude, gab Eichmann daraufhin eine Stelle als Reisevertreter (Arendt, 1986, S.
somit einen Erklärungsansatz bietet. 101ff.). Eichmann gefiel seine Arbeit bis er im Jahre 1932 unerwartet von Linz nach Salzburg versetzt
wurde. Dort hatte er keine Lust mehr seinen Pflichten nachzukommen und war über seine Entlassung
eher erfreut als deprimiert (Yiśrā’ēl / Miśrad ham-Mišpāṭīm, 1995, S.16). In diesem Teil seiner Biografie
zeigen sich bereits zwei Muster auf, die für Eichmann charakteristisch waren. Zum einen sein plötzlicher
Verlust der Arbeitsfreude. Dieser passierte ihm immer wieder. Wenn etwas entgegen seiner Vorstellun-
1 Einleitung gen verlief und gegen seinen „Strich ging“ (Yiśrā’ēl / Miśrad ham-Mišpāṭīm, 1995, S.15) verlor er sehr
schnell das Interesse an dem Thema. Das zweite Muster, welches hier deutlich wird ist Eichmanns Un-
Im Rahmen des Praxisprojektes „Ganz normale Menschen“ haben wir uns mit der Frage beschäftigt wa-
selbständigkeit und sein Unvermögen selber Entscheidungen zu treffen und zu Handeln. Es wird hier
rum „ganz normale Menschen“ zu solch grausamen Taten, wie sie in der NS Zeit geschahen, fähig sind
deutlich, dass schon von klein auf immer andere für Eichmann die Entscheidungen fällten und somit
und ob diese anhand von psychischen Faktoren und Persönlichkeitsmerkmalen erklärt werden können.
auch die Verantwortung für sein Handeln übernahmen. Dies erklärt auch Eichmanns generelle Vorliebe
Adolf Eichmann bietet sich als Prototyp eines „ganz normalen Menschen“ an, denn seine Verhaltenswei- für Verbände, in welchen ihn seine Eltern schon seit frühester Kindheit unterbrachten (Arendt, 1986, S.
sen konnten weder durch soziale oder persönliche Merkmale vorhergesagt, noch erklärt werden. Die 106). Die Struktur und die Hierarchie gaben ihm Sicherheit und Orientierung. So ist auch sein Eintritt in
Frage, die während der Arbeit an der Fallstudie über Adolf Eichmann aufkam, war demnach folgende: die NSDAP und seine Mitgliedschaft bei der SS im Jahre 1932 zu erklären. Eichmann war nie ein über-
Wenn Eichmann also nicht abnormal oder psychisch gestört war, wodurch lassen sich seine Verhaltens- zeugtes Parteimitglied und trat auch nicht aus ideologischer Überzeugung ein. Vielmehr war er auf der
weisen und sein fast unerschütterlicher Gehorsam dann erklären? Was trieb ihn dazu die Befehle auszu- Suche nach Zugehörigkeit und da ihn niemand anders aufnehmen wollte, entschloss er sich der Partei
führen und Millionen von Menschen durch die Organisation der Deportationen in den Tod zu schicken, beizutreten. Er behauptete stets, dass Parteiprogramm nie gekannt zu haben, was höchstwahrscheinlich
wo er weder Juden persönlich hasste noch sadistisch veranlagt war. „Das beunruhigende an der Person auch stimmt, denn für Eichmann war es wichtiger überhaupt dabei zu sein als zu wissen wobei er eigent-
Eichmanns war doch gerade, dass er war wie viele und das diese vielen weder pervers noch sadistisch, lich mitmachte (Arendt, 1986, S. 107). In seinen Memoarien „Götzen“ gab Eichmann noch einen zweiten
sondern schrecklich und erschreckend normal waren und sind. Vom Standpunkt unserer Rechstinstitutio- Grund an warum er in die Partei eintrat, nämlich mitzuhelfen an der Beseitigung der Schmach von Ver-
nen und an unseren moralischen Urteilsmaßstäben gemessen, war diese Normalität viel erschreckender sailles. „Uns Burschen interessierte alleine, und einzig und alleine, das Heldische. Mit zu helfen, an der
als all die Greuel zusammengenommen …“(Arendt, 1986, S.400). Mit diesem Satz bringt Hannah Arendt Ausrottung einer Schmach“ (Eichmann, 1961, S.7). Aber auch hier wird wieder ein Charakterzug Eich-
das Hauptproblem auf den Punkt. Man kann sich einfach nicht vorstellen, dass Menschen die solche manns deutlich der viele seiner Verhaltensweisen überschattete. Er wollte dazugehören und an etwas
Greuel vollbringen „ganz normal“ sind und keineswegs gestört. In dieser Ausarbeitung wird der Versuch Großem mitwirken. Wie und woran er mitwirkte war dabei zweitrangig.
unternommen aufzuzeigen, dass Eichmann aber genau dies war, ein „ganz normaler Mensch“ eben, und
Nach seiner Entlassung konnte sich Eichmann voll und ganz der SS widmen. Doch auch die Anfänge in
seine Verhaltensweisen durch verschiedene Faktoren zu erklären.
der SS waren nicht von Erfolg gekrönt. Die Monotonie des Dienstes in den SS-Ausbildungslagern in
Um die Verhaltensweisen Eichmanns besser beurteilen zu können, und um aufzuzeigen, dass Eichmann Lechfeld und Dachau, in denen er von August 1933 bis September 1934 war, langweilten ihn sehr
„normal“ aufwuchs und ein „ganz normaler Mensch“ war, ist es notwendig sich mit seiner Biografie schnell und wieder einmal verlor er die Lust an seiner dortigen Arbeit. Er war sehr unglücklich, denn
auseinander zu setzten. Adolf Otto Eichmann wurde am 19. März 1906 in Solingen geboren. Im Jahre seine dortigen Aufgaben stimmten nicht mit seinen Vorstellungen über die Arbeit eines Soldaten überein.
1914 zog die Familie nach Linz, Oberösterreich. Eichmanns leibliche Mutter starb sehr früh und sein „In diesem Abgrund von Langeweile erfuhr er, dass es im Sicherheitsdienst des Reichsführers SS
49 50
Adolph Eichmann Jens Vervoort, Nadine Radtke

(Himmler SD) offene Stellen gab, und bewarb sich sofort“ (Arendt, 1986, S. 109). Er bekam die Stelle, hätte dabei jede Rolle einnehmen können“ (Zimbardo & Gerig, 1999, S.412). Das Experiment zeigt da-
doch schon bald machte sich eine große Enttäuschung breit, denn Eichmann fand an seinem neuen Ar- mit, dass ein starker Konformitätsdruck und die Erwartung, die durch soziale Normen an die Träger be-
beitsplatz keineswegs das vor was er erwartet hatte. Denn anstatt zum Begleitkommando der hohen Par- stimmter sozialer Rollen gerichtet sind, bereits ausreichen um eine Verhaltensänderung hervorzurufen.
teiführer zu gehören, wie er es sich vorgestellt hatte, kam Eichmann 1934 erst in die Abteilung „Gegner- Die Rollenzuweisung hatte innerhalb kürzester Zeit „eine Dynamik entwickelt, wie sie vom außenste-
erforschung und –bekämpfung“ und ein Jahr später in eine neue Abteilung innerhalb des Sicherheits- henden Beobachter weder in dieser Form vorhergesagt noch in ihren Ursachen korrekt diagnostiziert
dienstes der SS (SD). Eichmann hatte schlichtweg den SD mit dem Reichssicherheitsdienst verwechselt. wird“ (Bierbrauer, 1983, S.431). Denn die Verhaltensänderungen konnten weder durch soziale noch
Hier zeigte es sich bereits, dass Eichmann es nie gelernt hatte selber Verantwortung für seine Taten zu durch persönliche Merkmale der Versuchsteilnehmer erklärt werden. Eines der wichtigsten Ergebnisse
übernehmen, denn er bezeichnete diesen Vorfall schlicht als Missgeschick (Arendt, 1986, S. 110f.). Die des Experimentes von Zimbardo ist, dass bei dem Versuch das Verhalten von Menschen in solchen Ex-
Arbeit in der Abteilung „Gegnererforschung und –bekämpfung“ langweilte ihn und er war zutiefst ent- tremsituationen zu erklären viel zu oft der fundamentale Attributionsfehler begangen wird. Menschen
täuscht wieder einmal ganz unten anfangen zu müssen. Erst mit seiner Versetzung 1935 in das „Referat neigen eher dazu die Menschen selber als Ursache für ihre Handlungen zu sehen und dabei die situativen
für Judenangelegenheiten“ bekam Eichmann die Aufgabe, welche von nun an sein Leben bestimmen Bedingungen zu vernachlässigen. Es kommt somit zu einer Überschätzung der Persönlichkeitsdispositio-
sollte und seine Karriere in Gang brachte. Er las sowohl Theodor Herzels „Judenstaat“ als auch die „Ge- nen der beobachteten Personen und „die Einflüsse des Kontexts zur Erklärung des beobachteten Verhal-
schichte des Zionismus“. Von diesem Punkt an war er für immer begeistert von den Zionisten und ihrer tens“ werden unterschätzt (Bierbrauer, 1983, S.431).
Idee eines eigenen Staates für die Juden. Eichmanns Begeisterung für dieses Thema war riesig und er
Auch Stanley Milgram wurde durch die Ereignisse im 3. Reich zu seinem Experiment „Gehorsam bei
beschäftigte sich fortan mit der „politischen Lösung der Judenfrage“ und überlegte „wie man festen
Elektroschocks“ motiviert. „Wie war es möglich brave und biedere Bürger für die Ermordung unschuldi-
Grund und Boden unter ihre Füße“ bekommen könnte (Arendt, 1986, S. 115). Endlich hatte er eine Auf-
ger Männer, Frauen und Kinder zu gewinnen? Warum gehorchten sie den Anordnungen ihrer Vorgesetz-
gabe gefunden die ihm lag und für die er nach seiner vierjährigen Lehrzeit sogar als „Fachmann“ be-
ten und nicht den moralischen Prinzipien, die ihr sonstiges Leben bestimmten“ (Günther, 1983, S.445)?
zeichnet wurde (Arendt, 1986, S. 115). „In diesem Augenblick begann die Laufbahn, die vor dem Jerusa-
Aufgrund dieser psychologischen Fragen wollte Milgram die „Bedingungen des Gehorsam im sozialpsy-
lemer Gericht enden sollte“ (Arendt, 1986, S. 111). Von den Zionisten war Eichmann auch aus einem
chologischen Experiment“ (Günther, 1983, S.445) untersuchen, wobei ihn speziell „die Bereitschaft
anderen Grund begeistert, denn diese waren Idealisten wie er selber. Für Eichmann war ein Idealist je-
grausame Befehle auszuführen“ (Günther, 1983, S.455) interessierte. Auch Milgram wies seinen Ver-
mand, der für seine „Idee“ lebt und bereit ist dieser alles und jeden zu opfern. Ein Idealist lässt sich nicht
suchsteilnehmern eine soziale Rolle zu, nämlich die des Lehrers, in der sie die Schüler bei einem Fehler
von seinen Gefühlen beeinflussen, die im Konflikt mit seiner „Idee“ stehen (Arendt, 1986, S. 117). Mit
mit Elektroschocks bestrafen sollten. Die Ergebnisse zeigen, dass auch in diesem Experiment „die Macht
dieser Einstellung verfolgte Eichmann im Weiteren seine Idee, die ein eigener Staat für die Juden war.
der Situation ganz normale Menschen dazu bringt sich Autoritäten zu beugen“ (Zimbardo & Gerig, 1999,
Wie Adolf Eichmann seine Aufgaben von nun ausführte und wie seine Verhaltensweisen dabei zu erklä- S.419). Durch seine verschiedenen Variationen des Experimentes konnte Milgram drei Hauptfaktoren
ren sind wird im dritten Teil dieser Ausarbeitung, der Diskussion, aufgezeigt und versucht zu erklären. aufzeigen, die zu unbedingtem Gehorsam beitragen:
- Die Nähe des Opfers zum Täter. „Eine große räumliche“, und damit auch körperliche, Distanz
„zwischen Opfer und Täter“ (Zimbardo & Gerig, 1999, S.419) führen zu einem erhöhten Gehor-
sam. Sobald Täter und Opfer im Experiment zusammen in einem Raum saßen, sank die Gehor-
2 Stand der Forschung
samsbereitschaft von 65 % auf 40 % bei Raumnähe und sogar auf 30 % bei Berührungsnähe. Es
Bei der Beantwortung der Frage warum ein Mensch, in diesem Fall Adolf Eichmann, der eigentlich ein ist anzunehmen, dass bei zunehmender Nähe die Verdrängung oder Verleugnung der Leiden der
„ganz normaler Mensch“ ist, trotzdem zu so grausamen Taten fähig ist, können zwei Experimente zum Opfer nahezu unmöglich wird (Günther, 1983, S.447).
Thema „Autorität und Gehorsam“ aus der Sozialpsychologie helfen. Sowohl die Ergebnisse des Stanford - Die Nähe der Autorität. „Die direkte Beaufsichtigung des Täters durch Autoritäten“ (Zimbardo
– Gefängnisexperimentes von Philip Zimbardo, als auch das Elektroschock – Experiment von Stanley & Gerig, 1999, S.419) führt ebenfalls zu einer erhöhten Gehorsambereitschaft. Sobald der Ver-
Milgram sind äußerst aufschlussreich und lassen sich zur Erklärung bestimmter Verhaltensweisen heran- suchsleiter, der in Milgrams Experiment die Autorität verkörperte, den Raum verließ und den
ziehen.1 Versuchsteilnehmer nicht mehr überwachen konnte, sank der Anteil der gehorsamen Ver-
Wie Zimbardos Experiment gezeigt hat, reichte die Zuweisung einer bestimmten sozialen Rolle an die suchsteilnehmer auf 20 %. Dieses Ergebnis legt auch die Vermutung nahe, dass die „Täter“ eben
Versuchsteilnehmer bereits aus um bei ganz durchschnittlichen und emotional stabilen College- nicht aus Aggression gegenüber ihren „Opfern“ diesen Schmerzen zufügten, sondern der situati-
Studenten eine derartige Verhaltensänderung auszulösen, so dass diese sich in ihrer Rolle als Wärter ve Kontext mit berücksichtigt werden muss um das Verhalten der Versuchsteilnehmer zu erklä-
oder Gefangener so verhielten, wie sie glaubten, dass es aufgrund ihrer Rolle von ihnen erwartet wurde. ren (Günther, 1983, S.448).
Die Wärter wurden zunehmend aggressiver und sadistischer gegenüber den Gefangenen, während dieses - Eine erhöhte Gehorsamsbereitschaft lag ebenfalls vor, wenn dem Versuchsteilnehmer nur die
zunächst versuchten zu rebellieren. Da dies aber zu immer schlimmeren Misshandlungen durch die Wär- „Rolle als Mitläufer“ (Zimbardo & Gerig, 1999, S.419) zukam. In diesem Fall verabreichte nicht
ter führte, versanken die Gefangenen entweder in tiefe Resignation und Hilflosigkeit oder sie zeigten der Versuchsteilenehmer selber die Elektroschocks, sondern ein Gleichrangiger. Der Ver-
schwere emotionale Störungen, wie hysterisches Weinen und Depressionen (Bierbrauer, 1983, S.431). suchsteilnehmer war in diesem Fall nicht aktiver Täter und fügte dem „Schüler“ nicht selber
Die per Zufall zugewiesene soziale Rolle alleine bestimmte also den „Status und das Machtgefälle“ Schmerzen zu. Er verrichtete nur andere Hilfstätigkeiten, wie das Vorlesen der Aufgaben und
(Zimbardo & Gerig, 1999, S.410). Die Teilnehmer „hatten derartige Machtgefälle bereits in vielen ihrer das Überprüfen der Richtigkeit der Antworten. Auch in dieser Bedingung als „Mitläufer“ war die
vergangenen sozialen Interaktionen erfahren: Eltern-Kind, Lehrer-Schüler, Arzt-Patient, Vorgesetzter- Gehorsamsbereitschaft extrem hoch. 92,5 % der Versuchsteilnehmer hinderten die Person, wel-
Angestellter, Mann-Frau“ (Zimbardo & Gerig, 1999, S.410). Während des Versuches passten sie ihre che die Elektroschocks verabreichte, nicht daran dem „Opfer“ die maximale Schockstärke zu ve-
bereits vorhandenen Verhaltensmuster lediglich der Situation an. Die Rollen waren austauschbar. „Jeder rabreichen, ihm Schmerzen zuzufügen und sogar sein Leben zu gefährden. (Günther, 1983,
S.448)
1
An dieser Stelle wird darauf verzichtet noch einmal detailliert auf den Aufbau und die Durchführung dieser beiden Experimente einzugehen. Ein weiters wichtiges Ergebnis des Experimentes ist die Feststellung, dass es nur in einer experimentel-
Hierzu stehen die Ausarbeitungen der Referate zu diesen beiden Experimenten im Reader zu Verfügung. len Anordnung gelang die Autorität des Versuchsleiters am wirksamsten einzuschränken. Wenn der Ver-
51 52
Adolph Eichmann Jens Vervoort, Nadine Radtke

suchteilnehmer beobachtete wie zwei Gleichrangige, die ihm als zwei weitere Versuchsteilnehmer prä- anzunehmen, dass Personen „in beruflichen oder sonstigen Führungspositionen“ (Günther, 1983, S.449)
sentiert wurden, in Wirklichkeit aber Mitarbeiter des Versuchsleiters waren, sich weigerten ab einer be- die es gewohnt sind häufig selbständig Entscheidungen zu treffen und Anordnungen zu erteilen auch in
stimmten Schockgrenze mitzumachen, sank bei den Versuchsteilnehmern die Gehorsamsbereitschaft einem Experiment eher zum Ungehorsam tendieren und sich den Anordnungen der Autorität widerset-
drastisch auf 10 % (Günther, 1983, S.448). Dieses Ergebnis zeigt ebenfalls, dass nicht nur die Persön- zen. Wohingegen Personen, deren „familiäre und besonders die berufliche Sozialisation auf Gehorsam
lichkeitsdispositionen eines Menschen hinzugezogen werden dürfen um sein Verhalten zu erklären, son- abzielen und [die] Ungehorsam als mit negativen Konsequenzen verbunden erlebt“ (Günther, 1983,
dern auch der situative Kontext in dem die Handlung stattfindet hinzugezogen werden muss. Denn es legt S.448) haben, auch im Experiment eher gehorsam sind und die Anweisung der Autorität befolgen.
nahe, dass sobald sich der situative Kontext ändert und der Versuchsteilnehmer in seinem Wunsch auf-
Wenn also schon der in einem Experiment simulierte und künstlich erzeugte Druck ausreicht, damit
zuhören bestärkt wird, sich auch sein Verhalten ändert.
Menschen in einer bestimmten Situation auf erlernte Verhaltensmuster zurückgreifen, oder beziehungs-
Wenn man die Ergebnisse beider Experimente betrachtet lassen sich fünf „Bedingungen unterscheiden, weise und sich der anerkannten Autorität beugen, dann ist es doch sehr wahrscheinlich, dass Menschen
die zu so blindem Gehorsam gegenüber Autoritäten führen, dass dabei sogar das Selbstbild und morali- dies in der Realität erst recht tun. In der folgenden Diskussion möchten wir aufzeigen, dass viele der
sche Werte verletzt werden“ (Zimbardo & Gerig, 1999, S.422): Erkenntnisse die durch die beiden Experimente gewonnen wurden auch auf Adolf Eichmann zutreffen
und dabei helfen können sein Verhalten zu erklären.
1. Die Anwesenheit einer legitimen Autorität, „der wir vertrauen und die wir als berechtigten Rep-
räsentanten der Gesellschaft betrachten oder die wichtige Ressourcen kontrolliert“ (Zimbardo &
Gerig, 1999, S.422) steigert die Gehorsambereitschaft. Auch sind die Handlungen die ein
Mensch ausführt umfangreicher, wenn die Verantwortung für die Folgen dieser Handlungen von
der Autoritätsperson übernommen wird. Dies konnte man sehr deutlich im Versuch von Milgram
erkennen, in dem der Versuchsleiter den Versuchsteilnehmern immer wieder versicherte, dass er 3 Diskussion
die alleinige Verantwortung für die gegebenen Elektroschocks trage und der Versuchsteilnehmer
dafür nicht haftbar zu machen ist. „Die Identifikation mit einer starken Autorität kann uns auch Um Gründe für Eichmanns Verhalten und Erklärungsansätze zu finden, ist es zunächst notwendig, erneut
helfen, Gefühle persönlicher Schwäche und Bedeutungslosigkeit zu überwinden“ (Zimbardo & einen Blick auf seinen Werdegang zu werfen und natürlich auf die Persönlichkeit Adolf Eichmanns.
Gerig, 1999, S.422).
Wie bereits erwähnt, war Adolf Eichmanns bisheriges Leben, das er mehr oder weniger selbst lenkte,
2. Die Zuweisung von sozialen Rollen und der damit verbundene „Aufbau eines Rollenverhältnis- weder von Erfolg geprägt noch füllte es ihn sonderlich aus. Er schlug sich sozusagen mehr durch sein
ses, in dem wir uns einer anderen Person unterordnen“ (Zimbardo & Gerig, 1999, S.422) fördert Leben ohne sich sonderlich zu bemühen.
ebenfalls Gehorsam. Wenn man sich nur als Untergebener sieht, der nur Befehle ausführt, sieht
Dies änderte sich mit seiner Versetzung ins „Referat für Judenangelegenheiten“. Dort bekam er im März
man sich als weniger verantwortlich für seine Taten. Die „Wärter“ in Zimbrados Experiment und
1938 die Aufgabe zugewiesen die „forcierte Auswanderung“ zu organisieren. Seine erste wirkliche Auf-
auch Milgrams „Lehrer“ hatten nur die Anordnungen der Versuchsleiter befolgt. „Wichtig für
gabe war die Organisation der Auswanderung der Juden in Wien. Hierbei konnte er zum ersten Mal seine
das Zurückstellen der eigenen Moral gegenüber den Anforderungen der Autorität, ist das Be-
wirklichen Fähigkeiten entwickeln, nämlich das Organisieren und Verhandeln. Zum ersten mal in seinem
wusstsein, nur ein Teil einer größeren Maschinerie zu sein und deswegen keine oder kaum Ver-
Leben, hatte Eichmann größeren Erfolg und eine Aufgabe die ihn ausfüllte. Mit der Aufgabe, die ihm
antwortung zu tragen“ (Günther, 1983, S.448).
zugewiesen wurde, war er sogar so erfolgreich, dass 60% der jüdischen Bevölkerung Österreich inner-
3. Soziale Normen erhöhen ebenfalls die Gehorsamsbereitschaft, denn sie machen Angaben über halb von 18 Monaten verließen. Dieser Erfolg gelang ihm, da er in Eigeninitiative das bisherige System
„sozial akzeptables Verhalten“ (Zimbardo & Gerig, 1999, S.422). Menschen möchten sich gelei- der „forcierten Auswanderung“ revolutionierte und durch Umstrukturierung des gesamten Auswande-
tet von diesen Normen so verhalten, wie sie denken, dass es von ihnen erwartet wird. Andernfalls rungssystems zum nunmehr „industriellen Fließbandablauf“ umänderte. Sein von ihm entworfenes Sys-
fühlen sie sich „peinlich berührt und zu Entschuldigungen verpflichtet“ (Zimbardo & Gerig, tem war so erfolgreich, dass es in Prag bspw. einfach kopiert wurde (Arendt, 1986, S. 177/118/120).
1999, S.422). In beiden Experimenten hatten die „Wärter“ und „Lehrer“ ihren sozialen Rollen Eichmanns Selbstwertgefühl, das bis dahin nicht das stärkste war, bekam dadurch sicherlich eine Auf-
und den an sie gestellten Erwartungen entsprochen und sich nicht um ihre „Opfer“ gekümmert. wertung. Er hatte sich einen Namen gemacht und eine seiner Ideen war so gut, dass sie als Vorlage für
die Auswanderung in einem anderem Land diente. Dies hatte sogar zur Folge, dass er im Oktober 1939
4. Gehorsam kann ebenso erzeugt werden, indem man Böses zum Guten umdefiniert. Menschen die nach Berlin befohlen wurde um dort Müller als Chef der Reichszentrale für jüdische Angelegenheiten zu
schlechte Taten begehen balancieren oft ihre kognitiven Dissonanzen dadurch, dass sie ihr Ver- folgen. 1941 kam Eichmann ins Referat IV-B-4 (Arendt, 1986, S. 146 - 148). Dort war seine Stelle zwar
halten umbewerten und es als vernünftig oder gar notwendig ansehen (Zimbardo & Gerig, 1999, technisch und organisatorisch unbedeutend, doch war sie die einzige Stelle, die sich mit der „Judenfrage“
S.422). Milgrams „Lehrer“ und auch Zimbardos „Wärter“ sahen ihre Handlungen als notwendig und dem Thema „Judentum“ beschäftigte. Auch dies wird mit Sicherheit wiederum zu einer Aufwertung
an um die an sie von der Autorität gestellten Anforderungen zu erfüllen. seiner Persönlichkeit geführt haben. Eichmann ist jüdischen Kreisen sogar als „Zar der Juden“ bekannt.
5. In Situationen die mehrdeutig sind, und in denen es deshalb leicht ist einen ersten kleinen Schritt Das System des Dritten Reiches und seine Aufgaben, die er in diesem System hatte, führten also für ihn
zu wagen, entsteht Gehorsam besonders leicht. Es ist aber viel schwieriger „aufzuhören, auszu- persönlich gewissermaßen zu Ruhm, Erfolg und Anerkennung. So ist es nicht verwunderlich, dass er zur
steigen oder den Gehorsam zu verweigern, „das volle Programm“ mitzumachen“ (Zimbardo & Identifikation mit diesem System und den dazugehörigen Autoritäten kam. Gewissermaßen wurde er
Gerig, 1999, S.423). Die „Lehrer“ in Milgrams Experiment hatten keinen Ausweg aus ihrer Situ- durch seine Aufgaben ja ein Teil dieses Systems. Bisher hatteEichmann lediglich die Auswanderung der
ation gesehen und „waren nicht in der Lage, die Motivation oder die kognitive Strategie aufzu- Juden organisiert. Wenn sich nun hier die Frage aufdrängt, warum er dazu überhaupt bereit war, muss
bieten“ (Zimbardo & Gerig, 1999, S.422), um sich alleine aus diesem situativen Kontext und man ergänzend zu dem oben bereits erwähnten Punkten erwähnen, dass Eichmann aufgrund seiner Per-
damit aus der Autoritätskontrolle sowie dem absoluten Gehorsam zu lösen. sönlichkeit nicht dazu in der Lage war, Dinge aus einem anderen Gesichtspunkt sehen zu können, als
seinem Eigenen. Er war geradezu gefangen in seinem Blickwinkel. Bezüglich der Auswanderung war er
Die Varianz im Verhalten der Versuchsteilnehmer von Milgram zeigt aber, dass die Persönlichkeitsdis- bspw. der festen Überzeugung, dass die Juden selber auswandern wollten und er nur den Befehlen seiner
positionen der Versuchsteilnehmer auf der einen Seite nicht überschätzt werden dürfen, auf der anderen Regierung gehorchte und den Juden bei der Auswanderung half (Arendt, 1986, S.124). Zu dieser Unfä-
Seite aber die unterschiedlichen Verhaltensweisen der Versuchsteilnehmer mit erklären können. So ist higkeit der Empathie kam noch die schiere Gedankenlosigkeit hinzu, die ihn dafür prädestinierte einer
53 54
Adolph Eichmann Jens Vervoort, Nadine Radtke

der größten Verbrecher jener Zeit zu werden (Arendt, 1986, S. 57). Gleichzeitig änderte sich aber 1941 dafür dienen können, wie man sich in einer Gesellschaft zu verhalten hat. Ferner kann Gehorsam auch
noch etwas für Eichmann, Heydrich teilte ihm mit, dass der Führer die physische Vernichtung der Juden dadurch erzeugt werden, indem man Böses zum Guten umdefiniert. Dies ist in der Tat wie oben bereits
beschlossen hat. Durch diese Information wurde Eichmann zum Geheimnisträger. Dies führte sicherlich erwähnt, geschehen. Denn indem Juden zu „Reichsfeinden“ erklärt wurden, stand man ihnen feindlich
erneut zu einer Aufwertung seines Selbstbildes und dazu, sich noch stärker in gewisser Weise mit dem gegenüber und fügte ihnen so eine negative Stigmatisierung zu.
Regime zu identifizieren. Als er mit der Organisation und Koordination der Deportation der Juden beauf-
Nun war es aber so, dass Eichmann noch weiter ging. Als gegen Ende des Krieges immer mehr Männer
tragt wurde, sah er seine Arbeit zwar nur noch als Mittel zum Zweck, führte diese aber trotzdem aus (A-
aus den eigenen Reihen vermehrt Ausnahmen machten und sogar Himmler gemäßigter wurde und Befeh-
rendt, 1986, S.168). Dies mag unter anderem an seinem irre geleiteten Gefühl der Pflichterfüllung und
le äußerte, die dem Führerbefehl zuwider liefen, sabotierte Eichmann diese. So versuchte er auf eigene
seinem Kadavergehorsam liegen, die charakteristisch für ihn waren. Die Skrupel die er zu diesem Zeit-
Faust Deportationen wieder aufzunehmen und er organisierte angeblich den Fußmarsch von 37.000 Ju-
punkt noch hatte, legte er allerdings im Januar 1942 ab. Zu diesem Zeitpunkt war er mit der Organisation
den zur österreichischen Grenze. Er drohte Himmler sogar damit, einen neuen Führerbefehl zu erbitten
der Wannsee- Konferenz beauftragt. Auf dieser Konferenz sollten die Maßnahmen zur Durchführung der
(Arendt, 1986, S.240). Er hatte sich zu diesem Zeitpunkt dazu entschieden, sein Hauptaugenmerk auf die
Endlösung koordiniert werden(Arendt, 1986, S.202). Es wird ihm wohl geschmeichelt haben, dass er
Befehle von Müller, Kaltenbrunner und vor allem Hitler zu legen, und somit also eine persönliche Be-
eine Konferenz dieses Ausmaßes organisieren durfte, an der so viele anerkannte Autoritäten und Persön-
wertung der Autoritäten des damaligen Regimes vorgenommen. Hitler ist zudem die Person vor der er
lichkeiten anwesend waren. Auch der soziale Kontext spielte hier eine Rolle. Denn es ist in der Tat so,
allergrößten Respekt und Anerkennung hatte. Ähnlich wie Eichmann selber kam Hitler aus einfachen
dass alle Teilnehmer an dieser Konferenz angesehene Leute waren, mit dem dazugehörigen sozialen
Verhältnissen. Aus diesen Verhältnissen schaffte es Hitler, sich an die Spitze eines ganzen Volkes zu
Stand und der dazugehörigen Anerkennung. Hierbei ist die Anmerkung zu machen, dass Menschen dazu
setzen. Er sagte selber, dass er sich Hitler unterzuordnen hatte (Arendt, 1986, S.220). Somit identifizierte
neigen eher andere Menschen als Ursache für ihre Handlungen zu sehen und dabei die situativen Bedin-
er sich nicht nur mit dem Regime, sondern auch mit dem Führer dieses Regimes. Sein Gewissen lies
gungen vernachlässigen (Bierbrauer, 1983, S.431). Ferner führt die Anwesenheit einer legitimen Autori-
somit nicht zu, dass er gegen Hitlers Befehl handelte. Zum einen bedingt durch die Anerkennung Hitlers,
tät, „der wir vertrauen und die wir als berechtigten Repräsentanten der Gesellschaft betrachten oder die
zum anderen weil er einfach nicht in der Lage war, bestehende Regeln, Gesetze und dergleichen zu bre-
wichtige Ressourcen kontrolliert“ (Zimbardo & Gerig, 1999, S.422) zu einer Steigerung der Gehorsams-
chen. Dies untersagte ihm sein Pflichtgefühl und sein Gewissen. Seine Erziehung war auf Gehorsam
bereitschaft. So sagte Eichmann im Kontext der Wannsee- Konferenz und den teilnehmenden Personen:
ausgerichtet, Ungehorsam war mit negativen Konsequenzen verbunden. Auch diese durchlaufene Art der
„In diesem Augenblick hatte ich eine Art Pilatuscher Zufriedenheit in mir verspürt, denn ich fühlte mich
Sozialisation prädestinierte ihn geradezu zu einem Befehlsempfänger der vollkommen unkritisch jeden
bar jeder Schuld.“(Arendt, 1986, S.204/205) Eichmanns komplettes Büro wurde nun nach Budapest ver-
Befehl aufnahm und ihn ausführte ohne ihn auch nur im Ansatz in Frage zu stellen. Selbst wenn dieser
legt. In weniger als zwei Monaten wurden 147 Züge mit insgesamt 434 351 Juden deportiert. Um erklä-
Befehl den Tod von Menschen zur Folge hatte. Hinzu kommt, dass Eichmann ein Idealist war, der bis
ren zu können wie er in der Lage dazu war 434 351 Mensch in den sicheren Tod zu deportieren, seien
zum Schluss an den Erfolg des Dritten Reiches glaubte.
hier die drei Hauptfaktoren von Milgram erwähnt, die zu unbedingtem Gehorsam führen. Zum einen die
Nähe des Opfers zum Täter. Durch „große räumliche“ und damit verbundene körperliche Distanz „zwi-
schen Opfer und Täter“ (Zimbardo & Gerig, 1999, S.412) kommt es zum erhöhtem Gehorsam beim Tä- Abgesehen von den oben bisher genannten Argumenten warum Eichmann anscheinend ohne jeglichen
ter. Eichmanns Kontakt zum Opfer war in der Regel gering und somit von geringer körperlicher Nähe Skrupel seine Aufgaben und Befehle ausführte und somit Menschen in vollem Wissen in den Tod depor-
geprägt. Vielmehr war er mit der Organisation von Zahlen beauftragt und nicht mit dem persönlichen tierte, kommt noch die Tatsache, dass ihm sein Pflichtgefühl es einfach nicht erlaubte, Befehle oder An-
Schicksal der Menschen, die sich hinter diesen Zahlen verbargen. Eichmann ist ein klassisches Beispiel weisungen nicht auszuführen und Ausnahmen zu machen. In Jerusalem vor Gericht sagte er aus, dass er
für den Schreibtischtäter. in seinem Leben lediglich zwei Ausnahmen gemacht habe. Diese Ausnahmen bestanden darin, einer
halbjüdischen Kusine und einem jüdischen Ehepaar zur Flucht verholfen zu haben. Diese Inkonsequenz
Ebenfalls „führt die direkte Beaufsichtigung des Täters durch Autoritäten ebenfalls zu einer erhöhten
ist ihm allerdings noch vor Gericht peinlich (Arendt, 1986, S.233). Die Tatsache, dass er allerdings dazu
Gehorsamsbereitschaft.“ ( Zimbardo & Gerig, 1999, S.412). Eichmann selber war wiederum Autoritäten
in der Lage war Pein zu empfinden, lässt wiederum den Rückschluss zu, dass Eichmann sehr wohl über
unterstellt denen er Rechenschaft liefern musste, wenn er Anweisungen nicht ausführte bzw. sie nicht zur
ein Gewissen und damit verbunden über Kenntnisse von Moral und Ethik verfügte. Allerdings funktio-
Zufriedenheit ausführte. Hinzu kommt, dass das ganze Dritte Reich auf dem Konzept eines Überwa-
nierte sein Moralgefühl in einer so verdrehten Weise, dass der Regelbruch sein Gewissen mehr quälte als
chungsstaates beruhte. Eine erhöhte Gehorsamsbereitschaft liegt ebenfalls vor, wenn der Täter nur die
die Tatsache drei Menschen das Leben gerettet zu haben. Einen weiteren Beleg für seine verdrehten Mo-
„Rolle des Mitläufers“ bezieht. Eichmann selber, wie schon erwähnt, nahm ja nicht aktiv an der Ermor-
ral- und Wertmaßstäbe liefert die Tatsache, dass er sich dafür entschuldigte, den Präsidenten der Wiener
dung der Juden teil, sondern führt nur Hilfstätigkeiten aus, die diese Ermordung ermöglichten. Hinzu
Judengemeinde Dr. Löwenherz geohrfeigt zu haben. Dafür entschuldigte er sich, da er deswegen Pein
kommt die Rechtfertigung Eichmanns, lediglich Befehle ausgeführt zu haben. In Verbindung damit sei
empfand (Arendt, 1986, S.219). Dies schien sein Gewissen mehr zu quälen, als die Tatsache für den or-
die Zuweisung von sozialen Rollen und der damit verbundene Aufbau eines Rollenverhältnisses in dem
ganisierten Tod von mehreren Millionen Menschen mit verantwortlich zu sein. Das Vorhandensein von
man sich Anderen unterordnet erwähnt. (Zimbardo & Gerig, 1999, S.422). Tatsächlich sah sich Eich-
Moral und Ethik zeigte sich auch noch an anderer Stelle in seinem Leben. Er wies Züge auf, in der Lage
mann weniger verantwortlich für seine Taten. Eichmann betonte in Hannah Arendts „Eichmann in Jeru-
zu sein, Empathie zu empfinden. Allerdings ist hier die Art und Weise auch wiederum leicht verdreht. Es
salem“, dass er lediglich Befehle ausgeführt habe . Die Verantwortung für diese Befehle habe ja nicht bei
ergab sich, dass er aktiv Zeuge der Gräueltaten wurde, die am jüdischen Volk vollzogen wurden. Dies
ihm gelegen, sondern bei der Regierung (Arendt, 1986, S.220). Er weist in Jerusalem vor Gericht darauf
schockierte ihn zutiefst. Als Reaktion darauf versuchte er sich Situationen in denen er vollzogene Gräuel-
hin, dass niemand auf ihn zugekommen sei, um sein Gewissen aufzurütteln und betonte noch einmal
taten miterleben könnte zu vermeiden und sich diesen zu entziehen. Also wusste er sehr wohl, dass diese
seine Rolle als reiner Befehlsempfänger (Arendt, 1986, S.220). An dieser Stelle ist es sinnvoll, auch auf
Gräuel unrecht waren und hatte somit ebenfalls ein Unrechtsbewusstsein. Allerdings funktionierte dies
die sozialen Normen und das soziale Umfeld zu verweisen. So herrschte zwischen Eichmann und seinem
auch recht seltsam. So sorgte er sich primär um sein eigenes Seelenheil. Denn wenn er nicht hautnah
Umfeld völlige Übereinstimmung darüber, wie man mit Juden zu verfahren habe und wie man ihnen
miterleben musste, wie Menschen umgebracht wurden und Andere an Stelle seiner diesen Vorgang ü-
gegenüberstand. Juden wurden zu dieser Zeit als „Reichsfeinde“ angesehen und Äußerungen die den
berwachten, störte es ihn nicht weiter, dass Menschen umgebracht wurden . Die Empathie, die er emp-
Holocaust und die zugehörige Deportation der Juden kritisierten, waren eher die Seltenheit. Die Reaktion
fand bezog sich auch nicht auf die Opfer sondern vielmehr auf die Täter. Er machte sich Sorgen um das
auf diese kritischen Äußerungen waren mit negativen Konsequenzen für den Kritiker verbunden. Wie
Seelenheil der deutschen Soldaten, die die Gräuel ausführten (Arendt, 1986, S.220).
Zimbardo & Gerig 1999 auf Seite 422 ausführen, können soziale Normen ebenfalls die Gehorsamsbereit-
schaft erhöhen, da sie Angaben über sozial akzeptiertes Verhalten machen und somit als Orientierung
55 56
Adolph Eichmann Jens Vervoort, Nadine Radtke

Neben diesen Indizien dass Eichmann über Wissen von Moral und Ethik verfügte, ist es erwähnenswert, gepriesen. Hier nochmals der Verweis auf die Erziehung die Eichmann während seiner Kindheit durch-
dass Eichmann Kants Kritik der praktischen Vernunft gelesen hat. Er beteuerte in Jerusalem vor Gericht lief. Diese Tugend von ihm sei lediglich von den Regierenden missbraucht worden und da er nicht zur
sogar, sein Leben lang den Moralvorschriften Kants gefolgt zu sein und im Besonderen im Sinne des Führungsschicht gehört habe, sei er vielmehr Opfer dieser Führungsschicht. Bestrafung verdienen, wie er
Kantischen Pflichtbegriffes gehandelt zu haben. Dies klingt zunächst empörend und unverständlich, da sagt, nur die Führer (Arendt, 1986, S. 365). Er handelte doch lediglich im Auftrag eines Staates, dessen
die Morallehre von Kant eng mit der menschlichen Fähigkeit zu urteilen verbunden ist. Somit dem Ge- Ordnung verbrecherisch war, aber er hatte die geltenden Gesetze zu befolgen (Arendt, 1986, S. 383).
genteil von blindem Gehorsam. Eichmann war jedoch in der Lage eine ziemlich genaue Definition des Womit er noch einmal explizit die Verantwortung auf das damalige bestehende System abschiebt. Dabei
kategorischen Imperativs vor Gericht vorzutragen. Wörtlich sagte er vor Gericht : „Da verstand ich drun- ist zu bemerken, dass er selber ein Teil des damaligen Systems war und durch seine Taten aktiv daran
ter, dass das Prinzip meines Wollens und das Prinzip meines Strebens so sein muss, dass es jederzeit zum teilgenommen hat, dass dieses System überhaupt die Taten vollziehen konnte, die es vollzog. Diese
Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung erhoben werden könnte.“ (Arendt, 1986, S.232). Er räumte al- Schuld hat er ferner mit der damaligen Gesellschaft gemein, die bis auf wenige Ausnahmen nichts gegen
lerdings ein, dass er, als er mit den Maßnahmen zur Endlösung beauftragt wurde, aufgehört habe nach die Verbrechen des Regimes unternahm und sie somit tolerierte. Dies macht Eichmann nicht nur zu ei-
den Prinzipien von Kant zu leben und sich dessen auch bewusst war. Er tröstete sich allerdings damit, nem Beispiel an dem nach Gründen für das verbrecherische Handeln eines ganzes Volkes gesucht wer-
nicht mehr länger Herr seiner selbst zu sein und nicht in der Lage gewesen sei, etwas daran zu ändern den kann. Es macht ihn darüber hinaus zu einem klassischen Beispiel für den Mechanismus, der subsidä-
(Arendt, 1986, S. 232). Somit schob er die Verantwortung auf sein Umfeld ab. Dies bestätigt die zuvor re Tugenden zur Rechtfertigung von Mord instrumentalisiert (Hans Mommsen in Hanna Arendts „Eich-
erwähnten Vermutungen bezüglich der erwähnten Theorien die zu Gehorsam führen können. Es zeigt mann in Jerusalem“, 1986, S. 17) und für den von Hannah Arendt formulierten Begriff von der „Banali-
aber auch die schon erwähnte Unfähigkeit Eichmanns auf, sein Leben selber in die Hand zu nehmen. Es tät des Bösen“.
bestand ja durchaus die Möglichkeit um Versetzung zu bitten oder Ähnliches. Stattdessen legte Eich-
mann aber die von Kant formulierte Formel nicht beiseite, sondern er bog sie sich zurecht. In Anlehnung
an Hans Franks „kategorischen Imperativs im Dritten Reich“, („Handle so, dass der Führer, wenn er von
deinem Handeln Kenntnis hätte, dieses Handeln billigen würde) formulierte er etwas, was er selber den
„kategorischen Imperativ des kleinen Mannes“ nannte. Er verstand darunter in der Tat, was oben bereits
erwähnt ist. Nämlich die moralische Forderung den Gesetzen zu folgen und sich mit dem Gesetz zu iden-
tifizieren, ergo mit dem Willen des Führers. So war es also nicht Fanatismus, der Eichmann seine Aufga-
ben gewissenhaft bis zum Schluss akribisch durchführen lies und zu seinem radikalen Verhalten führte,
als Andere schon gemäßigter waren, sondern dieses Verständnis, welches somit einen weiteren Erklä-
rungsansatz für seinen Kadavergehorsam und seine Regel- und Gesetzesverehrung und seine irre geleite-
te Pflichterfüllung bietet. Das oben genannte Erlebnis drückt aber noch etwas Anderes aus. Die Tatsache,
dass er versuchte der Teilnahme an den Gräueltaten zu entgehen und zutiefst von ihnen schockiert war,
drückt ja ferner aus, dass Eichmann eben nicht pervers und sadistisch veranlagt war. Wäre er dies gewe-
sen, so hätte es ihm vermutlich nichts ausgemacht, diese Gräuel mit anzusehen, im Gegenteil, er hätte
sogar Gefallen daran finden müssen. So war er eben nicht der „perverse Sadist“ und das „größte Unge-
heuer“, das die Welt je gesehen hat, zu dem ihn der Staatsanwalt vor dem Jerusalemer Gericht zu machen
versuchte (Arendt, 1986, S400). Ganz im Gegenteil. Bei Eichmann handelte es sich um eine Person die
erschreckend normal erscheint. Diese Normalität wird ferner von mehreren Psychiatern bestätigt, die sich
im Vorfeld des Gerichtsverfahrens in Jerusalem mit ihm beschäftigten (Arendt, 1986, S. 99). Diese Nor-
malität ist es, die es zulässt über ihn einen Rückschluss auf den größten Teil der damaligen Gesellschaft
zu ziehen. Eichmann war allein schon aufgrund seines Ranges nicht allein verantwortlich für die ihm zur
Last gelegten Verbrechen. Der gesamte Holocaust war auf die Unterstützung bzw. die Toleranz der Ge-
samtbevölkerung angewiesen. Gesetzt den Fall, das nicht über Nacht das Böse über ein ganzes Volk
niederkommt, bieten die genannten Theorien einen Erklärungsansatz für das Verhalten Eichmanns und
somit auch das tolerierende Verhalten des größten Teils der deutschen Bevölkerung. Hinzu kommt ein
wichtiger Punkt, der diese These unterstützt, den Hannah Arendt in ihrem Buch wie folgt formulierte;
„Das Beunruhigende an der Person Eichmanns war doch gerade, dass er war wie viele und dass diese
Vielen weder pervers noch sadistisch, sondern erschreckend normal waren und sind. Vom Standpunkt
unserer Rechtsinstitutionen und unseren moralischen Urteilsmaßstäben gemessen, war diese Normalität
viel erschreckender als all das Gräuel zusammengenommen, denn sie implizierte, ..., dass dieser neue
Verbrechertypus, ..., unter Bedingungen handelt, die es ihm beinahe unmöglich machen, sich seiner Un-
taten bewusst zu werden.“ (Arendt, 1986, S.400/401). Diese These von Arendt, die sich nahtlos in die
zuvor genannten Erklärungsansätze einreiht, wird durch die Aussagen von Eichmann vor Gericht unter-
mauert. Denn zu jedem vorgetragenen Punkt der Anklage antwortet Eichmann vor Gericht mit der Aus-
sage; „ Nicht schuldig im Sinne der Anklage.“ (Arendt, 1986, S. 93). Er wies explizit darauf hin, dass für
ihn vor allem die Anklage wegen Mordes nicht zutrifft. Laut seiner eigenen Aussage hatte er nichts mit
der Tötung der Juden zu tun. Er habe niemals einen Juden getötet noch habe er einen Nichtjuden getötet.
Er habe überhaupt keinen Menschen getötet, noch habe er den Befehl zum Töten eines Menschen gege-
ben (Arendt, 1986, S. 322). Seine Schuld sei sein Gehorsam gewesen. Gehorsam werde doch als Tugend
57 58
Adolph Eichmann Jens Vervoort, Nadine Radtke

4 Literaturverzeichnis
Arendt, H. (1986). Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. 15. Auflage. München: Piper
Verlag GmbH.
Bierbrauer, G. (1983). Das Stanford-Gefängnisexperiment und seine Folgen (Haney, Banks und Zimbardo). In
Frey, D. & Greif, S. (Hrsg.), Sozialpsychologie. Ein Handbuch in Schlüsselbegriffen, 429-433. 4. Auflage. Wein-
heim: Psychologie Verlags Union.
Eichmann, A. (1961). Götzen. http://www.mazal.org/various/Eichmann.htm
Günther, U. (1983). Gehorsam bei Elektroschocks: die Experimente von Milgram. In Frey, D. & Greif, S. (Hrsg.),
Sozialpsychologie. Ein Handbuch in Schlüsselbegriffen, 445-452. 4. Auflage. Weinheim: Psychologie Verlags
Union.
Zimbardo, P.G. & Gerig, R.J. (1999). Psychologie. 7. Auflage. (Hrsg. Hoppe-Graf, S.). Berlin; Heidelberg; New
York; Barcelona; Hong Kong; London; Mailand; Paris; Tokio: Springer.
Yiśrā’ēl / Miśrad ham-Mišpāṭīm (1995). THE TRIAL OF ADOLF EICHMANN. Statement made by Adolf
Eichmann to the Israel Police prior to his trial in Jerusalem. Volume VII. Jerusalem: Keter Enterprise.

Christian Hoffman: „Der Eichmann – Prozess“,


http://www.shoa.de

59 60
Diagnostik: Szondi und Rorschach Kebrina Oertel, Kathrin Schielke, Lena Tetzlaff

Obwohl die Reliabilität, Validität und Objektivität von projektiven Testverfahren als nicht all zu hoch
angesehen werden, bietet dieses Vorgehen dennoch die Möglichkeit, einen ersten, klassifizierenden und
Diagnostik: Szondi und Rorschach damit vergleichbaren Eindruck von einem Probanden zu erhalten. Aus projektiven Testverfahren gewon-
nene Daten können helfen, Hypothesen über eine Person aufzustellen, die im Folgenden mit weiteren
Kebrina Oertel; 3. Semester Messverfahren überprüft werden sollten (vgl. Zimbardo & Gerring, 1995: S.585)
Kathrin Schielke; 3. Semester Sowohl der Szondi- als auch der Rorschach-Test fanden bei den Nürnberger Prozessen Verwendung, um
herauszufinden, ob solche Gräueltaten von „Ganz normale(n) Menschen“ (siehe Projektthema) begangen
Lena Tetzlaff; 3. Semester werden können. Ihr Ziel war es, eine Einschätzung der Persönlichkeit der Verbrecher zu erlangen und bei
der Klärung der juristischen Frage nach der Schuldfähigkeit zu helfen. So sollten die projektiven Testver-
fahren unter anderem Aufschluss darüber geben, ob die Verbrecher eine eingeschränkte Einsichtsfähig-
keit in das Unrecht hatten oder darüber hinaus auch noch eingeschränkt steuerungsfähig waren.
Die Vorstellung der beiden Testverfahren soll ein eigenes Urteil über die Angemessenheit ihrer Verwen-
Zusammenfassung
dung und die Bedeutung ihrer Ergebnisse ermöglichen.
Dieses Kapitel beginnt mit der Klärung des Begriffes „Diagnostik“. Es folgt die Vorstellung der beiden projektiven Testverfah-
ren nach Szondi bzw. Rorschach. Das Ziel dieser beiden psychologischen Tests ist es mittels projektiver Mechanismen Erkennt-
nisse über die Persönlichkeit eines Menschen zu erlangen. Während es sich bei dem Szondi-Test um ein Bildwahlverfahren 2 Vorstellung der beiden Testverfahren
handelt, wird in dem Formdeutversuch Rorschachs durch den Probanden eine Bedeutung in undefinierte Kleckse projiziert.
Beide Tests fanden Anwendung in den Nürnberger Prozessen, um Aufschluss über die pathologische Seite der Angeklagten zu
geben, die sie dazu befähigte, solche Gräueltaten zu begehen. Die Tests konnten jedoch nicht belegen, dass es sich bei den Per-
sonen der NS-Führungselite um psychisch Erkrankte handelte.
2.1 Der Szondi-Test

1 Einleitung 2.1.1 Biografie: Leopold Szondi

Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit zwei unterschiedlichen psychologischen Testverfahren: Dem, Am 11.03.1893 wurde Leopold Szondi als Kind einer jüdischen Familie geboren. Nach Beendigung sei-
aus der Schicksalsanalyse entstandenen, Szondi-Test von Leopold Szondi und dem Tintenklecks-Test nes Medizinstudiums in Budapest arbeitete er als Mitarbeiter von Professor Pál Ranschburg von 1916 bis
nach Hermann Rorschach. 1926 an der Graf- Apponyi Poliklinik und an dem Heilpädagogischen Psychologischen Laboratorium der
Hochschule für Heilpädagogik. Dort beschäftigte er sich hauptsächlich mit der Vererbung von Geistes-
Psychologische Testverfahren sind ein Teil der „Diagnostik“. Dieser Begriff stammt aus dem griechi- krankheiten. Durch seine berufliche Position, als Leiter des Heilpädagogischen Laboratoriums für Patho-
schen und bedeutet soviel wie „zum unterscheiden geschickt“ (Online-Duden, 2006). Die medizinische logie und Therapie der Hochschule, die er von 1927 bis 1941 besetzte, konnte er sich immer mehr mit
Definition als „Methoden oder Maßnahmen, die zur Benennung einer Krankheit oder Verletzung die- der psychischen Genetik und der Psychoanalyse auseinandersetzen. Er entwickelte in der Zeit ein System
nen“, ist am Geläufigsten. Die im Folgenden vorgestellten Testverfahren sind allerdings Teil der speziel- aus acht Triebfaktoren, welches auch die Grundlage des Szondi-Tests darstellt. Am 29.06.1944 wurde
leren Psychodiagnostik, die das Erfassen von menschlichen Verhaltensweisen durch testpsychologische die Familie Szondi aufgrund ihres jüdischen Ursprungs in das KZ Bergen- Belsen deportiert. Nach der
Verfahren meint. Nicht nur die differenzielle, sondern auch die anderen Disziplinen der Psychologie Befreiung im Dezember des gleichen Jahres flüchtete Leopold Szondi mit seiner Familie in die Schweiz.
machen Gebrauch von den Verfahren, die die Diagnostik liefert (vgl. Zimbardo & Gerring, 1995: S.558). Er nahm als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Oscar-Louis Forel die Arbeit wieder auf und entwickelte
Angewandt wird die psychologische Diagnostik zum Beispiel bei Unklarheiten über die geistigen Funk- dort die Schicksalsanalyse, welche sich als dritte tiefenpsychologische Schule neben der Psychoanalyse
tionen oder Persönlichkeitseigenschaften. Ihr Zweck liegt allerdings nicht darin das „wahre Wesen“ eines Freuds und der analytischen Psychologie C.G. Jungs einreiht. Bis zu seinem Tod 1986 wurden ihm zwei
Menschen zu erfassen, sondern eine brauchbare Beschreibung und Zuordnung zu erstellen, die zur Lö- Ehrendoktore der belgischen Universität Leuven und der französischen Universität Paris VII verliehen.
sung eines Problems führt. (vgl. Zimbardo & Gerring, 1996: S.558) (vgl Bürgi-Meyer, 2000)

Leopold Szondi und Hermann Rorschach entwickelten ihre „diagnostischen Instrumente“, um durch sie
Erkenntnisse über die Persönlichkeit eines Menschen zu erlangen. Sie fallen somit unter die Rubrik der 2.1.2 Einführung in den Szondi-Test
Persönlichkeitstests. Beide nutzen projektive Mechanismen, um an ihre Ergebnisse zu gelangen.
Der Szondi- Test, der nach seinem Entwickler Leopold Szondi benannt wurde, dient der Analyse und
Die hinter den projektiven Testverfahren stehende Idee ist, dass der Proband in das vorgelegte, mehrdeu- Diagnose des persönlichen Zustandes und der Triebstruktur von Psychiatriepatienten. Dieser Test, wel-
tige Material seine Motive, Bedürfnisse und Probleme, die ihn am meisten beschäftigen, hineinprojiziert. cher Teil der Schicksalsanalyse ist, gibt somit eine tiefe Einsicht in die biologischen und psychologi-
Aus diesen Deutungen zieht der Testleiter dann Rückschlüsse auf die Persönlichkeit des Probanden (vgl. schen Prozesse der Patienten.
Psychologie Fachgebärdenlexikon: projektive Tests).
Bei dem Szondi- Test handelt es sich um ein Bildwahlverfahren, welches zu den projektiven Tests ge-
Ein Vorteil dieser Vorgehensweise besteht darin, dass das Phänomen der sozialen Erwünschtheit nicht hört. Es wird speziell in der experimentellen Triebdiagnostik, einem Teilgebiet der Psychologie, ange-
eintritt. Da der Proband nicht weiß welche Antworten von Vor- oder Nachteil sind, verfälscht selbst das wandt (vgl. Bürgi-Meyer, 2000).
Wissen darüber, etwas über seine Persönlichkeit mitzuteilen, das Ergebnis nicht (vgl. Psychologie Fach-
gebärdenlexikon: projektive Tests).
2.1.3 Der Testapparat

61 62
Diagnostik: Szondi und Rorschach Kebrina Oertel, Kathrin Schielke, Lena Tetzlaff

Dem Test liegen sechs Serien mit je acht Karten zugrunde. Eine Serie beinhaltet alle Triebfaktoren und hat, kommt es zu einer Triebentmischung, welche ein Zeichen für eine psychische Krankheit ist (vgl.
Tendenzen der vier Haupttriebe (Sexualtrieb (S), Paroxymaltrieb (P), Ich-Trieb (Sch) und Kontakttrieb Bürgi-Meyer, 2000).
(C)). Da jeder Haupttrieb zwei klinisch und genetisch abtrennbare Erscheinungsformen aufweist, wird er
2.1.4 Die Testdurchführung
in zwei Triebfaktoren unterteilt. So wird beispielsweise der Sexualtrieb in bisexuelle bzw. homosexuelle
(h) und sadomasochistische (s) Zustände gegliedert (vgl. Daniel, 1992). Diese acht verschieden Trieb- Der Patient bekommen die Instruktion sich alle acht Fotografien einer Serie, die ihm gleichzeitig präsen-
faktoren (h, s, e, hy, k, p, d, m) werden durch Fotografien von Menschen mit einer bestimmten manifes- tiert werden, gut anzusehen und dann spontan, ohne nachzudenken, je zwei Fotografien, die ihm am
ten Triebkrankheit visuell dargestellt. Dementsprechend enthält eine Serie alle acht pathologischen sympathischsten und am unsympathischsten erscheinen, auszuwählen (vgl. Szondi, 1947: S.48). Diese
Krankheitsbilder (vgl. Szondi, 1947: S.45-46). Erstwahl entspricht dem „Vordergrundprofil“ (VGP), welche die vordergründigen Trieb- und Ich-
Tendenzen darstellen.
Der Aufbau des Tests soll durch Abbildung 1 verdeutlicht werden, welche die Vorder- und Rückseiten
der dritten Serie des Szondi- Tests aus dem „Lehrbuch der experimentellen Triebdiagnostik. Band 3: Dieses Verfahren wird mit allen sechs Serien wiederholt. Die Karten, die ausgewählt werden, werden aus
Trieblinnäus-Band 1960 darstellt. Wie man auf der Rückseite sieht, steht jede Fotografie für einen ande- der Serie aussortiert. Anschließend werden dem Patienten die restlichen vier Fotografien einer Serie prä-
ren Triebfaktor. sentiert und er bekommt wieder die Instruktion, die zwei unsympathischsten Fotografien auszuwählen.
Die beiden nicht ausgewählten Karten werden als „relativ sympathische Wahlhandlung“ protokolliert.
Die Zweitwahl entspricht dem „Experimentellen komplementären Hintergrundprofil“ (EKP). Aus diesem
zweiten Teil des Versuches schließt man auf die Trieb- und Ich-Funktionen, die aktuell und unbewusst in
den Hintergrund gestellt wurden.
Einzeln betrachtet machen das Vordergrund- und Hintergrundprofil nur die Hälfte der Persönlichkeit
eines Menschen aus. Erst zusammen komplimentieren sie das „Ganztriebbild“, denn Aspekte der seeli-
schen Ganzheit gehören untrennbar zusammen, wie vor Szondi schon Freud bewiesen hat. Die beiden
Verfahren liefern zusammen die Grundlage zur Beurteilung der vergangenen und der aktuellen Situation.
Wenn man den Szondi-Test in mehreren unterschiedlichen Lebenslagen wiederholt durchführt, erfährt
man mehr über die Krankheit und über den aktuellen Zustand des Patienten (vgl. Szondi, 1947: S.46-48).

2.1.5 Die Auswertung des Tests


Die ausgewählten Fotografien werden direkt nach Beendigung des Tests in einer Triebprofilkartothek
(siehe Abbildung 2) protokolliert. Dadurch werden die inneren Haupttriebe und Bedürfnisse visuell dar-
gestellt und deutbar. Der Test wird ausgewertet indem der Psychologe das Auftreten der einzelnen
Triebbedürfnisse der zwölf ausgewählten sympathischen und unsympathischen Fotografien zählt. Dabei
ist entscheidend, wie oft welcher Faktor (b, s, e, hy, k, p, d, m) bei den sympathisch und unsympathisch
wirkenden Karten gewählt wurde. Jeder Faktor ist einem der vier Haupttriebe zugeordnet und kann posi-
tive sowie negative Tendenzen haben. Zudem wird die Quantität, die Stärke des Bedürfnisses, welche
unabhängig von Sympathie oder Antipathie ist, berücksichtigt. Es kann zu einer Leer- bzw. Nullreaktion,
Durchschnittsreaktion oder Vollreaktion kommen. Da der Patient von denjenigen Faktorbildern am
stärksten angesprochen wird, die in ihm aktuell die größte Spannung erzeugen, wird er die Fotografien,
die diesen Faktor beinhalten, wiederholt wählen (vgl. Daniel, 1992). Dieses häufige wählen zeichnet die
Vollreaktion aus, während die Leer- bzw. Nullreaktion auf ein geringes Maß an Spannung hindeutet.
Ebenso spielt die Tendenz, die positiv, negativ oder ambivalent sein kann, eine Rolle. Die Tendenz weist
auf die Stellungnahme des Ichs gegenüber der betreffenden Tendenz hin (vgl. Szondi, 1947: S.52-62).
Hinzu kommt, dass der Psychologe möglichst ausführlich den klinischen Befund seines Patienten notiert.
Dabei wird viel Wert auf die Familienforschung (besonders die, der genotropischen Beziehungen) gelegt,
da Gene auch mal eine Generation überspringen können (vgl. Szondi, 1947: S.50).
Ein vollständiger Verzicht oder ein auffällig häufiges Wählen eines bestimmten Faktors, ist ein Indiz
dafür, dass ein Triebfaktor aktuell eine Rolle in dem Menschen spielt (vgl. Szondi, 1947: S.46).

Abbildung 1: dritte Serie des Szondi Tests

Szondi vertrat die Annahme, dass bei gesunden Menschen alle vier Haupttriebe gleich oft vorkommen,
eine so genannte Triebvermischung stattfindet. Bei Menschen, bei denen allerdings ein Trieb überhand
63 64
Diagnostik: Szondi und Rorschach Kebrina Oertel, Kathrin Schielke, Lena Tetzlaff

2.2 Der Roschach-Test

2.2.1 Biografie: Hermann Rorschach


Am 8. November 1884 wurde Hermann Rorschach in Zürich (Schweiz) als ältestes von vier Kindern
geboren. Bevor Rorschach sein Interesse an der Psychologie entdeckte, zog er es in Erwägung wie sein
Vater Zeichenlehrer zu werden. Schon in seiner Kindheit faszinierte ihn das Spiel „Klecksograhie“ (vgl.
Kurz).
Nachdem er seinen Abschluss an der Kantonschule im Jahr 1904 bekam, studierte er ein Semester an der
Académie de Neuchâtel. Noch im selben Jahr begann er mit seinem Medizinstudium in Zürich, wo er
1909 sein Staatsexamen und 1912 seinen Doktortitel erhielt. Im Jahr 1912 erschien Rorschachs Disserta-
tion „Über Reflexhalluzinationen und verwandte Erscheinungen“. Neun Jahre später, im Frühjahr 1921,
wurde sein Werk „Psychodiagnostik“ das erste Mal veröffentlicht. Das darin beschriebene Testverfahren
wurde später als Rorschach-Test weltberühmt. Obwohl sein Werk damals sehr umstritten war, gilt es
heute als eines der Standardwerke der Psychologie. Das Buch ist mittlerweile in der 11. Auflage vorhan-
den (vgl. Archiv und Sammlung Hermann Rorschach).
Abbildung 2: Triebprofilkartothek Am 2. April 1922 starb Hermann Rorschach im Alter von 37 Jahren an den Folgen einer Bilddarment-
zündung in Herisau in der Schweiz (vgl. Kurz).

2.1.6 Funktionsweise des Tests und Ergebnisse in den Nürnberger Prozessen


2.2.2 Einführung in den Rorschach-Test
Auf die Frage wie und warum der Test funktioniert, gibt Szondi folgende Antwort: "Jedes Bild im Test-
apparat besitzt einen besonderen Aufforderungscharakter, der demjenigen spezifischen Bedürfniskreis Bei dem Rorschach-Test handelt es sich um einen weit verbreiteten Persönlichkeitstest, der besonders bei
entspricht, zu dem das abgebildete Individuum in seinem Leben de facto gehörte. Die faktorielle klinischen Fragestellungen Anwendung findet (vgl. Rorschach, 1992). Er liefert Anhaltspunkte zur Intel-
Assoziationsmethode diente uns auch zur Prüfung und Eichung des Aufforderungscharakters der ligenz, zur mitmenschlichen Einstellung, zur Affektivität und zur Gestimmtheit (vgl. Psychologie Fach-
einzelnen Testbilder...“ (Daniel, 1992) Szondi war davon überzeugt, dass die Fotografien als äußerer gebärdenlexikon: Rorschach-Test).
Reiz wirken, an die Triebstruktur des Betrachters appellieren und eine Wahlhandlung auslösen. Je nach
den inneren, triebbedingten Spannungszuständen werden die einen Testbilder unbewusst gewählt, die Obwohl er ursprünglich als Rorschach-Formdeuteversuch bezeichnet wurde, ist er besonders unter dem
anderen aber abgelehnt. Die Triebstruktur wird offen gelegt. (vgl. Daniel, 1992) Namen Tintenklecks-Test bekannt geworden (vgl. von Sydow, 2003: S.5).

Wie bereits erwähnt wurde der Szondi-Test in den Nürnberger-Prozessen angewendet. Es fanden sich
leider wenige Informationen über die Ergebnisse, die er bei den Hauptkriegsverbrechern erbrachte, und 2.2.3 Der Testapparat
diese waren auch widersprüchlich. So kam es auf den Interpretierenden an, zu welchem Ergebnis man
kam. Dies wird an dem Beispiel Eichmann deutlich, bei dem Hannah Arendt die Ergebnisse von Szondi Bei dem Rorschach-Test handelt es sich, wie bereits erwähnt, um ein projektives Testverfahren. Haupt-
als unbegründet und nicht nachvollziehbar verwirft (vgl. Hughes, 1986). bestandteil dieses Tests ist das „Deutenlassen von Zufallsformen“ (Rorschach, 1962: S.15). Zufallsfor-
men meint unbestimmt geformte Figuren. Es haben sich hierbei zehn Tafeln mit symmetrischen Tinten-
klecksen etabliert. Die Symmetrie (mit nur sehr geringen Abweichungen) ergibt sich automatisch aus der
Herstellungsweise: Es werden einige Kleckse auf einem Blatt verteilt, welches in einem zweiten Schritt
in der Mitte gefaltet wird (vgl. Rorschach, 1962: S.15).
Allerdings ist nicht jedes Bild, das durch dieses Vorgehen entsteht zur Verwendung geeignet. Zunächst
muss die Bedingung erfüllt sein, dass es sich um relativ einfache Formen handelt. Zu komplexe Kleckse
erschweren nicht nur dem Proband das Deuten, sie erschweren ebenfalls die Auswertung der Ergebnisse.
Des Weiteren ist es wichtig, dass die Tafeln eine Bildhaftigkeit aufweisen. Ist dies nicht der Fall, so wer-
den die Bilder als bedeutungslose Kleckse abgelehnt. Die Erfüllung dieser Bedingung geschieht durch
die „Raumrhythmik“ (vgl. Rorschach, 1962: S.15).
Das Erstellen einer neuen Reihe von zehn Tafeln ist also nicht so einfach wie es zunächst erscheint. Ne-
ben den oben genannten Bedingungen muss jedes einzelne Bild sowie jede Bilderreihe häufig durchge-
probt werden, bevor sich ein geeigneter Testapparat ergibt (vgl. Rorschach, 1962: S.16).
Die Symmetrie des Materials stellt einen wichtigen Punkt dieses projektiven Testverfahrens dar. Diese
schafft nicht nur gleiche Bedingungen für Rechts- und Linkshänder, sie erleichtert Gehemmten eine Re-
65 66
Diagnostik: Szondi und Rorschach Kebrina Oertel, Kathrin Schielke, Lena Tetzlaff

aktion, da Asymmetrien häufiger abgelehnt werden. Die notwendige Raumrhythmik, die durch die lität dar. So werden Menschen mit einem angeborenen oder erworbenen Intelligenzdefekt wohl eher ein-
Symmetrie erreicht wird stellt einen weiteren Vorteil dar. Negativ zu bewerten ist lediglich die stereoty- fach nur „wahrnehmen“ als „deuten“ (vgl. Rorschach, 1962: S.17).
pisierende Wirkung auf die Deutung. (vgl. Rorschach, 1962: S.15)
Dabei sind die Unterschiede zwischen Wahrnehmung und Deutung individuell und graduell, nicht von
Die folgenden zwei Abbildungen (Rorschach, 1992), bei denen es sich um die erste und letzte Tafel des genereller und prinzipieller Natur. Doch auch assoziative und affektive Momente spielen bei dieser Un-
Rorschach-Tests handelt, sollen eine genauere Vorstellung des Testmaterials ermöglichen. terscheidung eine Rolle. So werden heiter verstimmte Personen eher im Affekt lediglich „wahrnehmen“,
während depressiv Verstimmte eher zur „Deutung“ neigen. Allgemein lässt sich die Deutung als Sonder-
fall der Wahrnehmung bezeichnen (vgl. Rorschach, 1962: S.18).
Die Deutung spielt für den Rorschach-Test eine wichtige Rolle, da aus dieser Rückschlüsse auf die Per-
sönlichkeitsstruktur und Dynamik von den Probanden geschlossen werden. Wie dies geschieht soll nun
in 2.2.5 erläutert werden.

2.2.5 Interpretation der Antworten


Wie für einen projektiven Test üblich, gibt es auch bei dem Rorschach-Test keine richtigen oder falschen
Abbildung 3: Tafel Nr.1 aus dem Testmaterial Abbildung 4: Tafel Nr.1 aus dem Testmaterial Antworten. Die Bewertung erfolgt sowohl formal als auch inhaltlich und orientiert sich im Wesentlichen
an folgenden drei Dimensionen (vgl. Zimbaro & Gerring, 1999: S.585):
1. Die Dimension der Lokalisation. Mit welchen Teilen der Karte beschäftigt sich die Person?
(Ganz- oder Detailantwort)
2.2.3 Die Testdurchführung
2. Dimension des Inhaltes der Antwort. Was wir mit den Klecksen assoziiert?
Das Material besteht, wie bereits beschrieben, aus zehn Tafeln mit Tintenklecksen. Fünf davon sind (Originalität oder Vulgärantwort)
schwarz-weiß, fünf sind farbig. Dem Probanden wird eine Tafel nach der anderen gereicht. Die Reihen-
folge der Darbietung beruht auf empirischen Ergebnissen (vgl. Rorschach, 1962: S.16). Die Figuren wer- 3. Dimension der Determinanten. Auf welche Aspekte des Kleckses bezieht sich die Reaktion?
den zunehmend komplexer und gegen Ende auch zunehmend farbiger. (Bevorzugung von Form, Farbe oder Bewegung)
Der Proband bekommt die erste Tafel in die Hand. Er sollte diese noch nicht aus der Ferne erblickt ha- Da eine Vertiefung jedes Punktes zu weit führen würde, wird im Folgenden auf einen Teilbereich des
ben, da dies die Vorbedingungen für den Versuch verfälschen würde. Aus diesem Abstand werden häufig zweiten Punktes exemplarisch näher eingegangen.
andere Dinge gesehen, von denen sich der Proband im weiteren Verlauf schwer lösen kann. Die Tafel Bei der qualitativen Bewertung der Antworten unterscheidet Rorschach zwischen der „guten“ (signiert
darf jedoch gedreht und bis auf Armlänge entfernt betrachtet werden (vgl. Rorschach, 1962: S.16). Auf mit F+) und der „schlechten Form“ (signiert mit F-) (vgl. Beizmann, 1975: S.10).
die Aufforderung „Sagen Sie mir was Sie sehen, was das für sie sein könnte. Es gibt keine richtigen oder
falschen Antworten.“ (vgl. Zimbardo & Gerring, 1999: S.586) soll ohne suggestive Anregungen zu min- Die „gute Form“ zeugt dabei von einer höheren Qualität. Sie verweist auf die erwiesene Häufigkeit, mit
destens einer Antwort gedrängt werden. Jede Antwort, Zeit für die erste Reaktion, Gesamtzeit pro Karte der diese Antwort gegeben wird oder auf die offensichtliche Übereinstimmung zu bereits bekannten gu-
und wie die Karte gehandhabt wurde wird von dem protokollierenden Testleiter notiert (vgl. Zimbardo & ten Formen. Antworten die besonders gängig und konventionell sind, werden als „Vulgärantwort“ be-
Gerring, 1999: S.586). Dieser Ablauf wiederholt sich für jede Tafel. zeichnet (vgl. Beizmann, 1975: S.10).
Da es besonders wichtig ist, dass das Vorgehen frei von Zwängen abläuft (damit z.B. Gehemmte keinen Bei der „schlechten Form“ muss es sich nicht zwangsweise um eine vollkommen unzutreffende Antwort
zusätzlichen Stress erfahren), hat sich eine Zeitvorgabe als unzweckmäßig erwiesen (vgl. Rorschach, handeln. Häufig ist sie lediglich zu ungenau. Die Bezeichnung in einem Klecks beispielsweise Wasser zu
1962: S.16). sehen ist somit nicht falsch, allerdings zu unbestimmt (vgl. Beizmann, 1975: S.10).
Doch welche Bedeutung hat diese Einteilung nun im Verlauf der Interpretation der Antworten? Ein sehr
geringer Anteil an Antworten der guten Form kann auf schwere affektive Störungen hinweisen. Folgen-
2.2.4 Theoretischer Hintergrund für die Interpretation der Antworten des Beispiel soll dies verdeutlichen: Ein Probanden ist von vollkommener Hasserfülltheit und einem
Rorschach selbst bezeichnet diesen projektiven Test als wahrnehmungsdiagnostisches Experiment (vgl. großen Aggressionspotential (affektive Störungen) geprägt. In jedem Klecks sieht er nun Geschütze,
Rorschach, 1992) Durch die Vorlage des unstrukturierten Bildmaterials wird bei dem Betrachter ein le- Krieg und Blut. Er kann das Gedeutete weder überdenken, noch etwas anderes in den Klecksen sehen.
bendig werdender Empfindungskomplex ausgelöst. Dieser wird an vorhandene Erinnerungsbilder ge- Ein weiterer Grund für einen niedrigen Anteil an Antworten der guten Form kann in einem intellektuel-
knüpft. Rorschach fasst dies unter den Begriff der „Wahrnehmung“, unter dem er genau diese len Unvermögen gesehen werden, mit dem ein Mangel an Kritik- und Urteilsfähigkeit einhergeht. Aller-
„…assoziative Angleichung vorhandener Engramme (Erinnerungsbilder) an rezente Empfindungskom- dings kann ein solches Ergebnis auch einfach nur auf Unkonzentriertheit oder ein mangelndes Interesse
plexe…“ versteht (Rorschach, 1962: S.17). zurück zu führen sein (vgl. Beizmann, 1975: S.13).
Die Art der Verknüpfung spielt dabei eine wichtige Rolle. Geschieht sie unbewusst, so handelt es sich Wie bereits erwähnt richtet sich die Deutung der Ergebnisse allerdings nach vielen weiteren Kriterien. So
lediglich um eine Wahrnehmung. Der Betrachter stellt fest „Das ist…“, ohne darin eine Interpretations- spielen zum Beispiel die Anzahl der Bewegungsantworten oder Tierprozent eine Rolle.
leistung festzustellen. Geschieht die Verknüpfung jedoch bewusst, so kann von einer Deutung gespro- Die Ergebnisprofile der unterschiedlichen Kriterien werden in Tabellen zusammengefasst und verschie-
chen werden. Dies bedarf einer gewissen inneren Distanz und stellt eine kognitive Leistung höherer Qua- denen Personengruppen (Intelligent, Debil, Depressiv,…) zugeordnet. Über diese formalen Aspekte der

67 68
Diagnostik: Szondi und Rorschach Kebrina Oertel, Kathrin Schielke, Lena Tetzlaff

Deutung hinausgehend, sind für die Erstellung eines umfassenden Psychogramms noch weitere Aspekte dimensionalen Konstrukt von Persönlichkeitsstörungen aus, in dem es keine scharfen Grenzen zwischen
(Reaktionszeiten, Anzahl der Antworten etc.) bedeutsam. Eine abschließende inhaltsanalytische Interpre- diesen beiden Kategorien gibt (vgl. Fiedler, 2001).
tation erfordert eine intensive tiefenpsychologisch orientierte Nachbefragung.
Dennoch lieferten die beiden Testverfahren wichtige Beiträge für die Erkenntnisse über die Hintergründe
2.2.6. Ergebnisse des Rorschach-Tests in den Nürnberger Prozessen solchen Handelns.
Wie bereits erwähnt wurde der Rorschach-Test während der Nürnberger Prozesse an überlebenden Per- Zunächst konnte ein erster Eindruck über die Verbrecher erlangt werden und es konnten Hypothesen
sonen der NS-Führungselite durchgeführt. über die Fähigkeit, solche Gräueltaten zu begehen, aufgestellt werden.
Es ist allerdings fraglich, ob das „Innere“ der Täter tatsächlich erfasst werden konnte. So reagierte Gö- Entgegen der Annahmen zeigten die Tests, dass solche Taten nicht nur vor dem Hintergrund von Persön-
ring auf die Vorlage eines roten Kleckses nicht mit der meist üblichen Assoziation des Blutes. Er ver- lichkeitsstörungen zu verstehen sind. So führte die fehlende Bestätigung zur Suche nach weiteren Erklä-
suchte lediglich diesen mit den Fingern wegzuschnippen (vgl. Wunderlich, 2002). Es gibt keine eindeuti- rungen.
ge Deutung für dieses Verhalten. Man könnte allerdings annehmen, dass es sich bei dieser Reaktion um
Dies führt nun zum Projektthema zurück. „Ganz normale Menschen“ scheinen zu solch Gräueltaten fähig
ein Symbol der inneren Abwehr handelt.
zu sein. Um ihr Handeln erklären zu können müssen zusätzlich andere Gründe als die der psychischen
Obwohl bei einigen Untersuchten wie zum Beispiel Hess (vgl. Irving, 1996: S.208) paranoide Züge fest- Erkrankung erwogen werden.
gestellt wurden, zeigten sich bei den Befunden im Allgemeinen jedoch, entgegen der Erwartung, keine
ungewöhnlichen psychischen Merkmale. Das Gegenteil war der Fall: Es schien sich bei den Untersuch-
ten sogar um überdurchschnittlich fantasievolle und kreative Personen zu handeln. Ein Psychologe, un-
wissend darüber die Ergebnisse von der führenden NS-Führungselite vorliegen zu haben, vermutete so-
gar Kollegen aus der eignen Disziplin hinter den Befunden (vgl. Welzer, 2005). 4 Literaturverzeichnis
Buchquellen:
Wie schon Rorschach bereits bemerkte stellt das Ergebnis des Rorschach-Tests lediglich einen Teil von
einem komplexen Ursachengefüge dar, welches nur in einem größeren Zusammenhang eine Bedeutung Beizmann, Cécile (1975): Leitfaden der Rorschach-Deutungen. Ernst Reinhardt Verlag, München Basel
erfahren kann. Folgendes Zitat, welches sich auf die Grundannahmen der Sozialpsychologie stützt, soll Fahrenberg, Jochen & Steiner, John M. (2004): Adorno und die autoritäre Persönlichkeit, Kölner Zeitschrift für
dies unterstreichen: „Menschen handeln weder auf der Grundlage von anthropologischen Konstanten Soziologie und Sozialpsychologie 56: 127-152
noch folgen sie ausschließlich ihren individuellen Triebschicksalen, sondern sie versuchen sich in einem
sozialen Gefüge zu bewähren“ (vgl. Welzer, 2005). Fiedler, Peter (2001): Persönlichkeitsstörungen, 5. Auflage. BeltzPVU-Verlag.
Rorschach, Hermann (1962): Psychodiagnostik, 8. unveränderte Auflage von 1921, Bern
So deuten zumindest die Befunde aus dem Rorschach-Test darauf hin, dass es sich bei den NS-
Führungseliten tatsächlich um „ganz normale Menschen“ handelte. Szondi, Leopold (1960): Lehrbuch der experimentellen Triebdiagnostik Bd. 1-3

Bei einer allgemeinen Bewertung des Rorschach-Tests fällt zunächst auf, dass immer noch ein großes Zimbardo, Philip G. & Gerring, Richard J. (1999): Psychologie, Springer Verlag
Interesse an ihm vorhanden zu sein scheint. So wurde 1992 bereits die 11. Auflage seines Werkes „Psy-
chodiagnostik“ veröffentlicht und auch das Internet bietet zahlreiche Informationen. Ein Grund dafür,
Internetquellen:
dass der Rorschach-Test immer noch in Gebrauch zu sein scheint, könnte in der Faszination zu finden
sein, die von ihm ausgeht. Auf einfachstem, sehr gut nachvollziehbarem Wege soll ein Zugang zu unse- Boppel, Peter (2003): Demütigung und Destruktivität. Folterer- und Spezialsoldatenausbildung in psychopolitischer
rem Unterbewusstsein hergestellt werden können. Auch wenn darin eine Überschätzung zu sehen ist, Perspektive, http://www.ai-aktionsnetz-heilberufe.de/docs/texte/texte/weitere_texte/boppel_p.doc. Stand:
wird das Interesse dadurch nicht gemindert. 26.03.2007
Bürgi-Meyer, Karl (2000): Leopold Szondi, Zürich, http://www.leopold-szondi.ch/. Stand: 20.03.2007
Daniel, Marc: Dr. med. Leopold Szondi (1893 - 1986), http://www.m-daniel.ch/index.php?nav=77,96,277. Stand:
3 Diskussion 20.03.2007
Ursprünglich wurden die vorgestellten Testverfahren in den Nürnberger Prozessen verwendet, um he- Hughes, Richard (1986): Szondi Biography. http://www.szondiforum.org/showdoc.php?id=481. Stand: 20.03.2007
rauszufinden, ob pathologische Anteile für das Begehen solch unfassbarer Taten verantwortlich waren.
Diese Zielsetzung ist allerdings aufgrund folgender Aspekte fragwürdig. Irving, David (1996): Nuremberg. The last battle, Focal Point Publications.
www.stormfront.org/solargeneral/library/www.fpp.co.uk/books/Nuremberg/NUREMBERG.pdf. Stand:
Selbst psychologische Testverfahren, die sich durch eine hohe Reliabilität und Validität auszeichnen, 26.03.2007
können keine objektive Messung einer Wirklichkeit liefern. Umso weniger sind deshalb der Szondi- und Kurz, Uwe: Hermann Rorschach. http://www.balloon-painting.de/rorsch.htm. Stand: 19.03.2007
Rorschach-Test, mit ihren recht gering einzustufenden Gütekriterien, dazu geeignet die Erwartungen zu
erfüllen. Morice, Manuela; Kogler, Birgit (2006): Aus der Lehre… Psychologische Begriffsbestimmungen 2006: Diagnostik.
http://www.stangl.eu/psychologie/definition/Diagnostik.shtml. Stand: 28.03.2007
Nicht zuletzt muss man betonen, dass die Persönlichkeitsaspekte von Menschen als lediglich ein Bau- Online-Duden (2006): Duden. Deutsches Universalwörterbuch. http://www.duden-suche.de/suche/trefferliste.php.
stein in einem sozialpsychologischen komplexen Gefüge an Hintergründen von Handlungsmotiven anzu- Stand: 09.03.2007
sehen sind.
Rafa (2004): Szondi, http://www.rafa.at/46pers07.htm. Stand: 21.03.2007
Des Weiteren stützen sich die beiden Testverfahren auf, inzwischen als überholt anzusehende, theoreti-
Rorschach, Hermann (1992): Rorschach-Psychodiagnostik. In Rorschach-Psychodiagnostik Morgenthaler, W.
sche Konstrukte von Persönlichkeitsstörungen als kategoriale Dimensionen, in denen ein Mensch entwe- (Hrsg), http://www.stangl-taller.at/TESTEXPERIMENT/testbsprorschach.html. Stand: 19.03.2007
der der Kategorie „gesund“ oder „krank“ zugeordnet wird. Inzwischen geht man allerdings von einem
69 70
Diagnostik: Szondi und Rorschach Kebrina Oertel, Kathrin Schielke, Lena Tetzlaff

Trachsel, Hans (1998): Wichtige Begriffe (in alphabetischer Reihenfolge).


http://ntbiouser.unibe.ch/trachsel/teaching/Modul1Schueler/Glossar.html. Stand: 09.03.2007
von Sydow, Kirsten (2003): Diagnostische Zugangswege: 3. Fragebögen und Tests www.uni-
duisburg.de/FB2/PS/PER/vonSydow/WS0203/sw/d06.pdf. Stand: 26.03.2007
Welzer, Harald (2005): Wie aus ganz normalen Menschen Täter werden, Fischer Verlag, Frankfurt am Main,
http://www.gedenkstaettenpaedagogik-bayern.de/literatur-neuerscheinungen.htm. Stand: 26.03.2007
Wunderlich, Dieter (2002): Göring und Goebbels. Eine Doppelbiografie, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg,
http://www.dieterwunderlich.de/Goring_Goebbels_leseproben.htm. Stand: 26.03.2007
Ohne Autor: Archiv und Sammlung Hermann Rorschach: Kurzbiografie von Hermann Rorschach.
http://www.stub.unibe.ch/html/rorschach/dt/kurzbiografie.html. Stand: 19.03.2007
Ohne Autor: Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (2006): Psychische und Verhal-
tensstörungen (F00-F99): Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen (F60-F69).
http://www.dimdi.de/dynamic/de/klassi/diagnosen/icd10/htmlgm2007/fr-icd.htm. Stand: 09.03.2007
Ohne Autor: Fachschaft Psychologie Uni Köln (2000): Rorschach Signierung. http://www.uni-koeln.de/phil-fak/fs-
psych/serv_pro/skripte/diag/ror_sig_kurzanleitung.rtf. Stand: 19.03.2007
Ohne Autor: Hermann Rorschach. http://www.uni-protokolle.de/Lexikon/Hermann_Rorschach.html. Stand:
19.03.2007
Ohne Autor: Psychologie Fachgebärdenlexikon: Leistungstests (achievement tests) http://www.sign-lang.uni-
hamburg.de/projekte/PLex/PLex/lemmata/L-Lemma/Leistu02.htm. Stand: 09.03.2007
Ohne Autor: Psychologie Fachgebärdenlexikon: projektive Tests (projective tests) http://www.sign-lang.uni-
hamburg.de/Projekte/Plex/Plex/Lemmata/p-Lemma/projek01.htm. Stand: 09.03.2007
Ohne Autor: Psychologie Fachgebärdenlexikon: Rorschach-Test (Rorschach test) http://www.sign-lang.uni-
hamburg.de/projekte/PLex/PLex/lemmata/R-Lemma/Rorschac.htm. Stand: 09.03.2007

71 72
Hamburg- Wechsler- Intelligenztest für Erwachsene Weiwei Liao, Sabrina Repic

Gehen wir hier nochmals davon aus das Tom ein Lebensalter von 6 Jahren und ein Intelligenzalter von 8
besitzt. Somit würde Tom, bedingt durch die Formel von William Stern, einen Intelligenzquotienten von
Hamburg- Wechsler- Intelligenztest für Erwachsene 133 aufweisen (8/ 6 * 100 = IQ von 133).

Autoren
Weiwei Liao; 8.Semester
2 Das Intelligenzkonzept nach Wechsler
Sabrina Repic; 5.Semester Anfänglich wurden Intelligenztests für Erwachsene nur für besondere Randgruppen wie zum Beispiel
Gefängnisinsassen operrationalisiert. Die ersten großen standardisierten Gruppentests wurden im Ersten
Zusammenfassung
Weltkrieg bei der Auswahl von neuen Rekruten der US - Army, durch den Alpha- und Betatest, durchge-
führt. Diese Tests waren jedoch als Grundlage für individuelle Diagnosen ungeeignet. Bei den Beobach-
Im Rahmen des Praxisprojektes “Ganz normale Menschen“ beschäftigten wir uns mit der Opfer- Täter- Debatte und tungen im Army - Alpha -Test stellten sich für David Wechsler Lücken in der Definition der bisherigen
der Frage nach den psychischen Faktoren entsprechender Rechtfertigungsweisen der Angeklagten zu den Nürnber- Intelligenzkonzepte dar, denn aufgrund unterschiedlicher Testergebnisse konnten keine direkten Rück-
ger Prozessen. Dazu gingen wir auf die Messung der Intelligenz erwachsener Menschen ein, um herauszufinden
schlüsse auf die Bewältigung des Militäralltags einer Testperson nachgewiesen werden. Er beobachtete
was die Intelligenz einer Person über deren Verhalten und Meinungsbildung aussagen kann. Intelligenz ist ein
'Totalversager' in den Tests, die ihren Alltag durchaus gut bewältigten. Anhand seiner Beobachtungen
Thema, das die Menschen in vielerlei Hinsicht beschäftigt. Die Frage, was jemanden intelligent erscheinen lässt
oder wie man Intelligenz messen kann, wird häufig diskutiert und Theorien und Tests wurden hierzu generiert.
entwickelte er einen Intelligenzbegriff, der einen breiteren Kriterienbereich der Intelligenz überprüft und
Alfred Binet hat den ersten Intelligenztest erarbeitet. Er verstand Intelligenz als ein Bündel zahlreicher Einzelfähig- der auch nicht- intellektuelle Aspekte der Persönlichkeit umfasst.
keiten, dabei implizierte der entwickelte Test paradoxerweise, dass Intelligenz etwas einheitliches Ganzes sei. Da- Für ihn ist Intelligenz „die zusammengesetzte oder globale Fähigkeit des Individuums, zweckorientiert
vid Wechsler hingegen zweifelte an der akademischen Definition der Intelligenz nachdem er die Schwächen im zu handeln, vernünftig zu denken und sich mit seiner Umgebung wirkungsvoll auseinander zu set-
Army-Alpha-Test beobachtete und entwickelte eine Reihe von Intelligenztests - von denen auch einer in Deutsch- zen.“(Wechsler 1956).
land validiert wurde (HAWIE) -, welche die Intelligenz auch unter nicht intellektuellen Aspekten der Persönlichkeit
betrachtet, die sich aus verschiedenen Fähigkeiten zusammensetzt. Damit bauen seine Tests auf der Annahme der Zwei- Faktoren- Theorie auf1, dass intellektuelle Fähigkei-
ten, als Funktionen zweier Faktoren ausgedrückt werden können. Einem allgemeinen oder intellektuellen
Faktor („g“), der die Gesamtintelligenz einer Person beschreibt und dem bereichs-spezifischen Faktor
1 Intelligenzstrukturmodelle („s“). Dieser bestimmt die Leistung einer Person in einem bestimmten Bereich, z.B. der Rechenfertigkeit.
Darausfolgend, gibt es mehrere s-Faktoren und nur einen g-Faktor.
Der Grundgedanke eines Intelligenztests war es Personen zu selektieren, die eine optimale Förderung des
derzeitigen Entwicklungsstandes benötigten. Den ersten Intelligenztest entwarf im 19. Jahrhundert Alfred Die Bewertung der Intelligenz folgt durch die Messung der Fähigkeiten, aber man darf die Intelligenz
Binet. Er entwickelte einen Einstufungstest für Schulkinder bis zum 15. Lebensjahr, um Lernschwächen nicht mit der Summe dieser Fähigkeiten gleichstellen. Denn es gibt noch andere entscheidende Faktoren
früh zu erkennen und ihnen entgegen zu wirken. Mit der Intelligenz- Alter Methode (IA- Methode), hatte bei der Intelligenzmessung, die für ein intelligentes Verhalten wesentlich sind, wie zum Beispiel die Mo-
er einen Weg gefunden, die verschiedenen Intelligenzgrade zu bestimmen. Dabei maß er, durch die An- tivation (Trieb und Anreiz). Außerdem setzt ein intelligentes Verhalten in einem bestimmten Fachbereich
zahl abgestufter Intelligenzaufgaben, die Fähigkeiten von Kindern unterschiedlichem Alters. Daraus kein intelligentes Gesamtverhalten voraus. Hat eine Person z.B. ein gutes Gedächtnis so muss dies nicht
wurden diverse Schwierigkeitsgrade zusammengestellt. So legte er die Grundannahme fest, dass bedeuten, dass dieses bei der Bewältigung jedweder Lebenssituationen von Nutzen sein kann. Dennoch
liegt die einzige Möglichkeit eine Intelligenzmessung quantitativ zu bewerten darin, die Intelligenz als
- intellektuelle Fähigkeiten gemessen werden können die Summe aller intellektueller Fähigkeiten anzusehen.
- und diese Fähigkeiten mit zunehmendem Alter anwachsen. Hinsichtlich der unterschiedlichen Bereiche der Problemstellungen werden drei Arten von Intelligenz
Nehmen wir an das eine Testperson, nennen wir ihn Tom, 6 Jahre alt ist und ein IA von 6 hat, dann wür- unterschieden:
de es für das Testergebnis bedeuten, dass Tom eine durchschnittliche Intelligenz zu anderen Kindern in 1. Abstrakte / verbale Intelligenz z.B. Assoziationsherstellung zwischen Ereignissen
seinem Alter vorweist. Würde sein IA 8 darstellen, bei einem Lebensalter von 6, würde das Testergebnis
eine überdurchschnittliche Intelligenz anzeigen. Bei einem IA von 5, zeigt das Testergebnis bei dem 6- 2. Praktische Intelligenz z.B. Geschicklichkeit an Objekten
jährigen Tom eine unterdurchschnittliche Intelligenz in Bezug zu gleichaltrigen Kindern auf. 3. Soziale Intelligenz z.B. Gewandtheit im Umgang mit Menschen
Da das Intelligenzalter eine natürliche Grenze der Anwendbarkeit besitzt, indem der Reifungsprozess Sein Ziel war es die allgemeine Intelligenz zu prüfen, somit entwickelte er 1939 die Wechsler Bellevue
etwa mit dem 15. Lebensjahr abgeschlossen ist, können höhere Werte nicht länger mit dem Intelligenzal- Intelligence Scale (WBIS). 1949 veröffentlichte er die Wechsler Intelligence Scale for Children (WISC)
ter definiert werden. Somit musste eine neue Methode entwickelt werden, um die Intelligenz erwachse- und 1955 einen Intelligenztest für Erwachsene, die Wechsler Adult Intelligence Scale (WAIS). In
ner Menschen zu messen. William Stern suchte ein altersunabhängiges Maß für die menschliche Intelli- Deutschland wurde der von Wechsler begründetet Intelligenztest von Bondy unter dem Namen Hamburg
genz, die nicht nur besagt wie viele Jahre eine Person im Vergleich zur jeweiligen Altersgruppe vor- oder Wechsler Intelligenztest für Erwachsene (HAWIE) eingeführt. Dieser ist nach wie vor einer der populärs-
zurückliegt. In Betracht dieser Erkenntnis prägte er erstmalig den Begriff des Intelligenzquotienten (IQ), ten Intelligenztests und wurde 1991 zuletzt validiert und liegt seither als HAWIE-R vor. Dieser Intelli-
dass dieses Problem aufgriff, indem er das Intelligenzalter zum Lebensalter in Beziehung gesetzt hat. genztest zur Individualdiagnostik, misst den allgemeinen Entwicklungsstand und die alters- milieu- oder
Während er das Intelligenzalter durch das Lebensalter dividierte und dieses mit dem IQ Mittelwert 100
multiplizierte:
IQ = (IA / LA)·100
1
Nach Spearman 1904

73 74
Hamburg- Wechsler- Intelligenztest für Erwachsene Weiwei Liao, Sabrina Repic

krankheitsbedingten Leistungsbeeinträchtigung, in bestimmten Bereichen, an Altersgruppen von 16 bis Eine Beispielfrage lautet:
60 Jahren.
Warum sind Gesetze notwendig?
Der Intelligenztest besteht aus einem Verbal- und einem Handlungsteil. Insgesamt beinhaltet er 11 Unter-
tests. Je nach der Eignung der Versuchsperson kann man die Untertests bis auf 7 Tests reduzieren. - 2-Punkt-Antworten: Ordnung im Staat ; damit Ordnung herrscht

Das betrifft Versuchspersonen, - 1-Punkt-Antworten: zur Unterstützung des Rechtes; sonst gäbe er ein großes
durcheinander; um den Bürger/Staat/Menschen zu schützen
- mit einem körperlichen Defekt, wie z. B Blindheit oder Paralyse. Der Intelligenztest wird dann
nur mit dem Verbalteil durchgeführt. - 0-Punkt-Antworten: zur Verhütung von Verbrechen, Unfällen usw.
- die der deutschen Sprache nicht mächtig sind, aufgrund Migrationhintergründen oder einem Fall Der dritte Test im Verbalteil „Zahlennachsprechen“, besteht aus dem Vorwärts und rückwärts nachspre-
des Analphabetismus. Diese wiederum erhalten nur den Handlungsteil zur Berechnung des Intel- chen von Zahlenreihen, dabei soll die Merkfähigkeit geprüft werden. Für das allgemeine intellektuelle
ligenzquotienten. Leistungsniveau, hat es jedoch eine geringere Bedeutung, so hat er sich doch sehr für niedrige Intelli-
genzstufen bewährt. Die Versuchspersonen sollen in beiden Aufgaben je 2 Zahlenreihen gleicher Länge
- hohen Alters, um eine Benachteiligung durch bestimmte Fähigkeitsverluste, wie Sehschwäche wiederholen, Vorwärts bis zu 9 Ziffern, Rückwärts bis zu 8 Ziffern. Diese werden getrennt voneinander
oder Taubheit zu vermeiden. getestet. Versagt die Versuchsperson beim wiederholen der Zahlenreihen, wird der Versuch abgebro-
chen. Die höchste Anzahl von Zahlen, die ohne Fehler in einem der zwei Versuche nachgesprochen wird,
stellt die erreichte Punktzahl dar.
Die verbale Intelligenz wird mit den sechs verbalen Untertests: Allgemeines Wissen, allgemeines Ver-
ständnis, Zahlennachsprechen, rechnerisches Denken, Gemeinsamkeiten finden und dem Wortschatztest2 Testbeispiel: vorwärts: 5 – 8 – 2 ; rückwärts: 6 – 2 – 9 (Lösung: 9 – 2 – 6)
gemessen. Die praktische Intelligenz wird dagegen mit dem Handlungsteil: Zahlen- Symbol- Test, Bil-
derordnen, Bilderergänzen, Mosaik- Test und Figurenlegen erfasst. Die Hälfte der Untertests sind Power- Im Untertest „rechnerisches Denken“, werden einfache Rechenoperationen in Form von Textaufgaben
Tests, was bedeutet, dass ein Proband solange an den Aufgaben arbeitet, bis er keine richtigen Lösungen mit vorgegebener Zeitbegrenzung, der Versuchsperson vorgelegt, die Sie lösen soll. Für jede zeitgerechte
mehr angeben kann. Im praktischen Teil werden schnelle und richtige Antworten durch Zusatzpunkte und richtige Lösung wird 1 Punkt angerechnet. Die Leistungen in diesem Test, sind stark abhängig von
belohnt, wobei der Zahlen-Symbol-Test ein reiner Geschwindigkeitstest ist. der intellektuellen Beweglichkeit. Damit ist die schulische und berufliche Erfahrung, das Sprachver-
ständnis, das Konzentrationsvermögen und die Belastbarkeit des Probanden gemeint.
Eine typische Frage könnte so lauten:

2.1 Abstrakte/ verbale Intelligenz Wie viele Stunden braucht ein Fußgänger für 24 km, wenn er 3 km in der Stunde geht?

Der erste Untertest „allgemein Wissen“ im Verbalteil, enthält 25 Fragen aus unterschiedlichen Wissens- Die Lösung müsste 8 Stunden lauten.
bereichen mit ansteigendem Schwierigkeitsgrad. Der Test wird abgebrochen, sobald die Versuchsperson
fünf aufeinanderfolgende Aufgaben nicht oder falsch beantwortet hat. Der Untertest überprüft das Wis- Bei dem Untertest „Gemeinsamkeiten finden“, soll ein Oberbegriff bzw. gemeinsames Merkmal von 2
sen, „dass sich ein Durchschnittsmensch mit durchschnittlichen Bildungsmöglichkeiten selbst aneignen Begriffen gefunden werden. Diesmal wird das allgemeine Abstraktionsvermögen, die sprachlichen Fä-
kann.“(Matarazzo, 1982) higkeiten sowie das logische Denken geprüft. Zudem wird das Ergebnis stark vom Wortschatz der Ver-
Eine Beispielfrage, die auch im Test vorkommt, lautet: suchsperson beeinflusst. Die Qualität der Antwort wird bewertet, dabei soll zwischen wesentlicher und
oberflächlicher Ähnlichkeit unterschieden werden.
Auf welchem Kontinent liegt Brasilien?
Beispielaufgabe:
Die Lösung darauf müsste lauten Amerika bzw. Südamerika. Was ist das gemeinsame von Fliege und Baum?
Der nächste Untertest „allgemeines Verständnis“, soll den gesunden Menschenverstand prüfen. Häufig
hilft er in der Diagnose psychopatischer Persönlichkeiten, manchmal weist er auf die Gegenwart schizo- - 2- Punkt- Antworten: Lebewesen; Geschöpfe ; beide leben
phrener Züge hin3 und fast immer sagt er uns etwas über den sozialen und kulturellen Hintergrund des - 1- Punkt- Antworten: gehören zur Natur; beide wachsen; beide brauchen Sonne und
Individuums.4 Die Versuchsperson soll auf die gestellten W- Fragen eigene Antworten finden, dabei Sauerstoff
wird der Übungseffekt am wenigsten beeinflusst. Die Antworten werden je nach der Qualität mit 0, 1 und
2 Punkten bewertet. Meistens sind die Versuchspersonen es nicht gewohnt ihre Ideen in Worten auszu- - 0- Punkt- Antworten: beide in der Luft; beide fliegen; beide blühen im Sommer
drücken.
Im Wortschatztest sollen 42 Bedeutungen verschiedener Wörter erkannt werden. Die Anzahl der Worte,
über die ein Mensch verfügt, bildet ein Maß seiner Lernfähigkeit, seines Bestandes an sprachlichen
Kenntnissen und seines allgemeinen Vorstellungsumfanges.5 Der Test wird abgebrochen, wenn bis zu 5
2
Die Sonderstellung des Wortschatz-Test ist lediglich durch das Standardisierungsverfahren bedingt. Da er sich in der Praxis immer Wörter hintereinander 0 Punkte erhalten haben. Jede erkannte Bedeutung eines Wortes wird akzeptiert,
wieder als ein gutes Maß der allgemeinen Intelligenz erwiesen hat dabei wird die Eleganz der Sprache und Präzision nicht bewertet.
3
Sie werden durch eigensinnige und bizarre Antworten nahe gelegt
4 5
Wechsler (1956), S.93 Wechsler (1956), S. 113

75 76
Hamburg- Wechsler- Intelligenztest für Erwachsene Weiwei Liao, Sabrina Repic

Beispielwort:
Opal

- 2- Punkt- Antworten: Edelstein, Halbedelstein


- 1-Punkt-Antworten: Schmuckstück
- 0-Punkt-Antworten: Diamant, Perle

Abbildung 1: Der Mosaiktest


Der Untertest Wortschatz korreliert am höchsten mit dem Gesamt- IQ. Diese Korrelation weist auf eine
starke Sozialisationsabhängigkeit der, mit Hilfe des HAWIE-R erfassten, Intelligenz hin. Wegen der
hohen Korrelationen der einzelnen Untertests miteinander sollte eine Profilinterpretation eher vermieden
werden. Diese ist nur bei sehr hohen Unterschieden zwischen den einzelnen Untertests gerechtfertigt. Der Untertest „Figurenlegen“ besteht aus 3 Formbrettern: einer Hand, einem Gesichtsprofil und einer
Figur. Diese Puzzles mit asymmetrischen Teilen müssen jeweils möglichst schnell zu einer Figur zu-
sammengesetzt werden, dabei wird die Art der Wahrnehmung und die Ausdauer einer Versuchsperson
geprüft. Wie bei allen Formbrettern, macht sich auch hier ein großer Übungseffekt bemerkbar.
2.2 Praktische Intelligenz
Der Untertest „Zahlen- Symbol- Test“ im Handlungsteil, fordert die Assoziation gewisser Symbole (Zah-
len) mit anderen Symbolen, wobei die Geschwindigkeit und Genauigkeit dieser Assoziation als Maßstab
der intellektuellen Fähigkeiten dient. Die Versuchsperson lernt zunächst die Zuordnung einer Zahl zu
einem bestimmten Symbol, dann soll sie aus 3 vorgegebenen Reihen so schnell wie möglich das jeweili-
ge Symbol zuordnen. Nach 90 Sekunden wird der Test abgebrochen.
„Bilderordnen“, besteht aus 7 Bilderserien mit steigender Bildanzahl, die eine kleine Geschichte erzäh-
len, wenn man sie in die richtige Reihenfolge gebracht hat. Die Bilderserien ähneln den „Comic Strips“,
die man in den Tageszeitungen findet. Die Auswahl der Bilderserien, prüft wirkungsvoll die Fähigkeit
des Individuums, Gesamtsituationen zu verstehen und zu erfassen. Die Versuchsperson muss das Ganze
erfassen, den Sinn der Geschichte begreifen, bevor er sich erfolgreich der Aufgabe widmen kann. Des
weiteren bezieht sich der Inhalt des Tests fast immer auf menschliche oder praktische Situationen.6 Wenn
4 Aufgaben in Folge nicht gelöst wurden, wird dieser Test abgebrochen. Bewertet werden die Treffer der
festgesetzten Reihenfolge, sowie die Geschwindigkeit beim lösen der Testaufgabe.
Beim Untertest „Bilderergänzen“, soll die Versuchsperson den fehlenden Teil eines unvollständig ge- Abbildung 2: Figurenlegen „Hand“
zeichneten Bildes finden und benennen. Der Test misst die Fähigkeit, zwischen wesentlichen und unwe-
sentlichen Details zu unterscheiden, ist aber von der Vertrautheit des Bildinhaltes abhängig. Man zeigt
einer Versuchsperson zum Beispiel, das Bild eines Dampfers ohne Schornstein und fordert ihn auf, den
fehlenden Teil zu nennen. Wenn jedoch die Versuchsperson niemals einen Dampfer gesehen oder von 2.3 Standardisierung der Testergebnisse
ihm gehört hat, kann man die Kenntnis, dass alle Schiffe Schornsteine haben, die sich im allgemeinen in
der Mitte des Schiffes befinden nicht erwarten. Findet eine Versuchsperson, den Fehler innerhalb von 15 Statt des Bezuges auf ein Intelligenzalter (IA) nach Alfred Binet oder des Äquivalenz- IQ nach William
Sekunden nicht, wird das nächste Bild gezeigt. Stern schlug Wechsler 1932 die Ermittlung des Intelligenzquotienten als so genannten Abweichungs- IQ
mit einem Mittelwert von 100 und einer Standardabweichung von 15 vor.
Der „Mosaiktest“ besteht aus 16 gleichen Klötzen, dessen Seiten bemalt sind (rot, weiß, blau, gelb). Ins-
gesamt sollen 7 Muster nachgelegt werden. Die Versuchsperson soll die Klötze mit der passenden Far-
benkombination so legen, dass es genauso aussieht wie auf der Mustervorlage. Geprüft wird dabei, die
Fähigkeit ein Ganzes in seine Komponenten zu zerlegen.
Die erreichten Testwerte (Rohwerte) werden dabei über eine Tabelle mit den Normwerten aus einer re-
präsentativen Vergleichsgruppe verglichen.

Benennung IQ-Grenze % der Bevölkerung


Extrem hohe Intelligenz 127 2,2
6
Wechsler (1956), S.103 sehr hohe Intelligenz 118 - 126 6,7
77 78
Hamburg- Wechsler- Intelligenztest für Erwachsene Weiwei Liao, Sabrina Repic

hohe Intelligenz 110 - 117 16,1


3 Ergebnis des HAWIE-R bei den Nürnberger- Prozessen
durchschnittlich 91 - 109 50,0
niedrig 79 - 90 16,1
Sehr niedrig 63 - 78 6,7 Name IQ- Name IQ- Name IQ- Name IQ-
Extrem niedrig - 62 2,2 Wert Wert Wert Wert
Tabelle 1: Normwerte des Abweichung- IQs aller gebräuchlichen IQ- Skalen J.Streicher 106 A. Jodl 127 E. Raeder 134 H. Schacht 143

Die etwas willkürlich anmutende Standardabweichung von 15 ergab sich aus den empirischen Werten,
die sich bei der Ermittlung des Äqvivalenz- IQs aus den Binet- Tests ergaben: dieser Wert lag zwischen
B. v. Schi- 130 A. 127 Dr.H. Frank 130 Seyss- Inquart 141
14 und 16. Der Hauptgrund für die Einführung des Abweichungs- IQ war, dass im Erwachsenenalter bei
rach Rosenberg
stabiler Intelligenz die Teilung durch das Lebensalter „sinnlos“ wird (im Binet- Test dadurch gelöst, dass
man konstant 16 als Lebensalter für Erwachsene eingab). Außerdem werden damit die Abweichungen
vom Mittelwert über verschiedene Altersgruppen hin vergleichbar. Der IQ ist folglich eine Maßzahl die
das Ziel hat, die allgemeinen intellektuellen Fähigkeiten eines Individuums zu benennen. Damit be- J. v. 129 C. v. Neurath 125 H. Fritzsche 130 H. Göring 138
stimmt man die relative Intelligenz einer Person im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung. Unter optimalen Ribbentrop
Bedingungen soll der IQ einer Person das Leben hindurch bzw. bei Kindern innerhalb des Altersbereichs
konstant bleiben (Konstanz des IQ). Dieser Abweichungs- IQ ist heute die Skala in allen gebräuchlichen
Intelligenztests, so sie einen IQ angeben.
Der mittlere IQ liegt nach dieser Definition, ebenso wie bei Stern, bei 100. 68 % der Bevölkerung haben W. Keitel 129 W. Funk 124 W. Frick 124 K. Dönitz 138
einen IQ zwischen 85 und 115. Nur ca. 2,2 % der Bevölkerung haben einen IQ über 130 (oft benutzt als
Grenzwert für Hochbegabung) oder unter 70, was als Grenze zur geistigen Behinderung betrachtet wird.
Da die Zuverlässigkeit der Testergebnisse mit zunehmender Abweichung vom statistischen Mittelwert
sinkt, hat der IQ außerhalb der Grenzen zwischen 55 und 145 praktisch keine Bedeutung mehr. Es wäre A. Speer 128 R. Heß 120 F. Sauckel 118 F. v. Papen 134
zwar theoretisch denkbar, entsprechende Tests zu konstruieren, allerdings praktisch nicht durchführbar,
da sich in diesem Bereich nur 0,26 % der Bevölkerung befinden.

Tabelle 2: die IQ-Werte der Hauptangeklagten des Nürnbergerprozesses

Die Hauptangeklagten der nationalsozialistischen Führung im zweiten Weltkrieg wurden von Gilbert
(vgl. 1963) mit einer von ihm angefertigten Übersetzung des WBIS getestet. Dabei zeigen die ermittelten
IQ-Werte, dass die Nazi- Führer, mit Ausnahme von Streicher überdurchschnittlich intelligent waren.
Dieses legt die Vermutung nahe, dass die erfolgreichsten Menschen auf allen Gebieten menschlichen
Wirkens, wie z.B. der Politik, Wirtschaft, Militärwesen aber auch der Kriminalität, meist über über-
durchschnittliche Intelligenz verfügen. Dabei ist zu bedenken, dass diese IQ- Werte nur die mechani-
schen Leistungsfähigkeiten des Gehirns benennen, aber nicht zwangsläufig die Gesamtintelligenz, die
eine Beziehung zum Charakter oder dem moralischen Verhalten einer Person aufzeigen würde. Bis heute
kann die soziale Intelligenz nicht gemessen und in einen Gesamtintelligenzquotienten einbezogen wer-
den. Darum kann ohne eine Bewertung der sozialen Intelligenz kein Rückschluss darauf gezogen wer-
den, warum Menschen derartig moralisch verwerflich handeln und sowohl wirtschaftliche als auch politi-
Abbildung 3: Normalverteilung der IQ- Werte in Prozentangaben sche Ziele über das Leben anderer Menschen stellen. Abschließend bleibt uns nur festzustellen, dass die
soziale Intelligenz der verbalen/ abstrakten und der praktischen Intelligenz in ihrer Wertigkeit gleichge-
stellt zu sein scheint.

79 80
Hamburg- Wechsler- Intelligenztest für Erwachsene

4 Literaturverzeichnis

Gilbert: Nürnberger Tagebuch (1963), 34-37


Lienert, Gustav A.: Testaufbau und Testanalyse. Weinheim: Beltz, Psychologie. kl- Union. (vgl. Binet- Test)
Wechsler: Die Messung der Intelligenz Erwachsener (1956)

81
Kleiber, Nadine ; Marszalek, Barbara Cesare Lombroso – „Der Verbrecher“

oben genannte These soll nun in dem Werk „Der Verbrecher“ genauer untersucht werden. Daher führt er zahlreiche
Messungen verschiedener Merkmale und Eigenschaften von Verbrechern durch und vergleicht sie mit den Ergeb-
Cesare Lombroso – „Der Verbrecher“ nissen von „gesunden“ Menschen. Hauptsächlich werden pathologische Untersuchungen an den Körpern von Ver-
brechern, Irren und gesunden Menschen durchgeführt. Erst später konzentriert Lombroso sich auch auf Untersu-
chungen an lebenden Probanden, wobei er die beispielsweise die Biologie und Psychologie der Verbrecher unter-
Autoren
sucht und sich nicht mehr nur mit den äußerlichen Merkmalen oder der Eingeweide der Verbrecher beschäftigt, so
Kleiber, Nadine; 3. Semester wie er dies vorher getan hat.
Marszalek; Barbara; 5. Semester Im Folgenden sollen nun die Ergebnisse von Lombrosos Untersuchungen dargestellt werden. Aufgrund der um-
fangreichen Untersuchungen und ihrer Ergebnisse wird das Hauptaugenmerk auf die interessantesten Resultate
Zusammenfassung gelegt.

Cesare Lombroso (1836 - 1909) war ein italienischer Arzt und Professor der gerichtlichen Medizin und Psychiatrie. In seinen
Forschungen beschäftigte er sich hauptsächlich mit der Frage, was den Menschen zum Verbrecher werden lasse. Da er Anhänger
Untersuchung von 383 Verbrecherschädeln
der Evolutionstheorie Darwins war, nahm er als Erklärung dafür an, dass Kriminelle durch einen so genannten Atavismus dazu
getrieben würden, kriminelle Taten zu verüben. Für ihn war das, entwicklungsgeschichtlich gesehen, niedrige erreichte Niveau Lombrosos Analyse des kriminellen Menschen beginnt zunächst mit der Untersuchung von 383 Verbrecherschä-
des Verbrechers maßgeblich verantwortlich für die Veranlagung zu verbrecherischem Verhalten. Dieser Rückfall (Atavismus) in deln. Im Zuge dieser Erforschung wird die Schädelkapazität von männlichen Verbrechern mit der Kapazität von
ein frühes Entwicklungsstadium der Menschheit sei durch bestimmte körperliche Merkmale, wie z.B. eine bestimmte Schädel- gesunden Männern verglichen. Dabei fanden Lombroso und weitere Forscher heraus, dass die Minimalkapazität der
form, äußerlich erkennbar. Lombroso trieb seine Vermutungen sogar noch auf die Spitze, in dem er behauptete, dass bestimmte Schädel bei Verbrechern am Häufigsten vorhanden ist und große Kapazitäten kaum bis gar nicht in der Gruppe der
körperliche Merkmale für bestimmte verbrecherische Aktivitäten verantwortlich seien. Durch diese Thesen motiviert, führte er Verbrecher vorkommen. Das will heißen, dass Verbrecher häufiger einen (verglichen mit gesunden Männern) klei-
verschiedene Untersuchungen an sowohl Verstorbenen als auch lebendigen Verbrechern durch und veröffentlichte die Ergeb- neren Schädel haben und seltener über einen großen Schädel verfügen. Diese Ergebnisse scheinen schon interes-
nisse 1876 in seinem umstrittenen Werk „L´Uomo delinquente“. Diese Annahme, dass Verbrechen eine Folge atavistischer sant, allerdings beschränkt sich Lombroso nicht nur auf den Unterschied zwischen Gesunden und Verbrechern,
angeborener Eigenschaften beim Menschen seien, brachte ihm im Jahr 1905 den Lehrstuhl für Kriminalanthropologie ein. vielmehr findet er auch Unterschiede in der Schädelkapazität zwischen den verschiedenen Gruppen von Verbre-
Aufgrund dieser Tatsache gilt Cesare Lombroso heute als der erste Profiler, auch wenn er in späteren Veröffentlichungen seine chern. So bemerkt Lombroso, dass die Gruppe der Diebe bezüglich der Minimalkapazitäten (dies entspricht einer
Theorie einschränkte und bemerkte, dass nur ein Teil aller Verbrecher zum Typus des geborenen Verbrechers gezählt werden Schädelkapazität von 1101 – 1200cm³) zu den Gesunden wie 14:1 stehen. Daher kommt auf 14 Diebe lediglich ein
könne. gesunder Mensch mit einer Minimalkapazität. Bei den mittleren Normzahlen kann Lombroso hingegen keinen
großen Unterschied zwischen den zwei Gruppen feststellen. Hier verhalten sich die Gesunden zu den Dieben nur zu
einem Unterschied von 35:30. Des Weiteren kommen die Maximalzahlen bei den Dieben weitaus seltener vor als
1 Einleitung bei Mördern oder gesunden Menschen (vgl. Tabelle 1).

Betrachtet man dieses Thema nun im Zusammenhang mit dem Praxisprojekt „Ganz normale Menschen“, so muss Schädelkapazität(ccm) (CCM) Mörder (53) Diebe (36) Gesunde Irre (475) Epileptische
man darauf aufmerksam machen, dass Lombrosos Theorien, so umstritten sie auch waren, auch viel später noch
1101-1150 __ 2,9 __ __ 0,5
regen Anklang fanden. In den USA und in Schweden wurden bis in die 1950er Jahre Menschen ohne ihr Wissen
sterilisiert, um zu verhindern, dass minderwertige Gene, die laut Lombroso zu verbrecherischem Verhalten führen 1151-1200 __ 11,7 0,9 1 __
könnten, weitervererbt werden können. Die wohl größten Auswirkungen hatten Lombrosos Thesen jedoch in
Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus. Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten verbreitete sich die 1201-1250 __ __ 1,7 3 __
Politik der Rassenvernichtung und –hygiene. Diese Vorgehensweise begründeten die Nationalsozialisten mit der
1251-1300 11,3 2,9 4,3 3 2,0
Berufung auf Lombrosos kriminalbiologische Thesen und führten daher im Rahmen ihrer medizinisch-eugenischen
Programme umfangreiche Zwangssterilisationen bei Kriminellen und Geisteskranken durch. Dies geschah ebenfalls 1301-1350 9,4 11,7 6,9 10 1,0
um die Verbreitung minderwertiger Gene zu verhindern und eine Selektion der überlegenen Erbmerkmale durchzu-
führen. Im weiteren Zusammenhang mit dem Praxisprojekt stellt sich also die Frage, ob Verbrecher „ganz normale 1351-1400 16,9 11,7 12,9 8 7,2
Menschen“ sind oder ob sie sich doch, durch atavistische Merkmale quasi dazu „gezwungen“, von „normalen“,
1401-1450 11,3 11,7 12,9 22 8,8
nicht kriminellen Menschen, unterscheiden.
1451-1500 15,0 17,6 15,5 12 14,4
Dieser Frage soll im Folgenden nachgegangen werden, wenn man den Stand der Forschung, d.h. Cesare Lombrosos
Untersuchungsergebnisse, näher betrachtet. 1501-1550 5,4 17,6 14,6 12 20,1
1551-1600 11,3 8,6 11,2 11 16,1
2 Stand der Forschung 1601-1650 13,2 __ 9,5 10 11,3
Der Stand der Forschung bezieht sich auf Cesare Lombrosos Werk „Der Verbrecher in anthropologischer, ärztlicher
1651-1700 5,4 2,9 5,2 2 11,9
und juristischer Beziehung“.
1701-1750 __ __ 3,4 4 3,62
Im Anfang seiner Untersuchungen geht Lombroso davon aus, dass ein Mensch schon mit bestimmten Anlagen
geboren wird, die ihn später zum Verbrecher werden lassen. Zum Beispiel seien eine bestimmte Schädelform oder 1751-1800 __ __ 0,9 1 1,52
zusammengewachsene Augenbrauen ein Beweis für „verbrecherische“ Anlagen. Das Ziel seiner Studien „ist die
Erkenntnis der Eigenart des Menschen, welcher Straftaten begeht, die Erforschung der Ursachen, welche ihn trei- 1800-2000 __ __ __ 1 2,59
ben, die Aufsuchung der Mittel, welche ihn zügeln“ (Lombroso 1894: 7). Lombroso macht also deutlich, dass ihn
nicht das Verbrechen an sich, sondern einzig und allein der Verbrecher und seine Beweggründe interessieren. Die Tabelle 1: Schädelkapazitäten
82 83
Kleiber, Nadine ; Marszalek, Barbara Cesare Lombroso – „Der Verbrecher“

Betrachtet man die Zahlen der Mörder, so lässt sich darüber hinaus feststellen, dass sie häufiger in den Reihen von
1500-1600cm³ zu finden sind, jedoch nicht so häufig vorkommen wie die Gesunden. Erst in den großen Reihen ab
1600cm³ sind sie öfter vertreten als die Gesunden (vgl. Lombroso 1894: 142). Zusammenfassend lässt sich also zu
den Untersuchungen der Schädelkapazität sagen, dass das Arithmetische Mittel der Gesunden 1500cm³ beträgt, Herzleiden 58 %
das der Verbrecher hingegen nur 1455cm³. Die Schädelkapazität ist also bei Verbrechern allgemein niedriger als
der Durchschnitt der nicht kriminellen Menschen. Besonders die Schädel der Diebe waren so klein, dass sie in die- Klappeninsufficienz 11 %
ser Größe bei keiner anderen Gruppe gefunden wurden. Hypertrophie 14 %
Nach Abschluss der Untersuchungen über die Schädelkapazität, wendet Lombroso sich dem Schädelumfang männ- Atrophie 5%
licher Verbrecher verglichen mit gesunden Männern zu. Hier ist als bemerkenswert zu nennen, dass, gleichsetzt mit Fettherz 26 %
den niedrigsten Verhältniszahlen, es kaum Unterscheide zwischen den Verbrechern und den Gesunden gibt. Je
größer allerdings die Schädelumfänge werden, desto mehr Verbrecher und desto weniger gesunde Individuen sind Atherom 27 %
zu finden. Ab einem Umfang von 54,1cm³ sind beispielsweise 11,5% der Verbrecher, jedoch nur 2,8% der Gesun- Herzbeutelwassersucht 7%
den zu finden (vgl. Lombroso 1894: 145).
Auch bei der Untersuchung der Gesichtslänge von Gesunden und Verbrechern stößt Lombroso auf erwähnenswerte Tabelle 2: Häufigkeit verschiedener Erkrankungen männlicher Verbrecher
Unterschiede, gibt es doch unterschiedliche Gesichtslängen zwischen den untersuchten Gruppen. Es wird festge-
stellt, dass die mittlere Gesichtslänge der Verbrecher 92mm beträgt, wohingegen die Gesunden, mit einer Verschie-
denheit von 6mm, lediglich eine Gesichtslänge von 86mm aufweisen. Weiterhin sind besonders die Verbrecher in
den Zahlenreihen von 91-110mm in der großen Überzahl, wobei die Gesunden im Gegensatz dazu primär in den Masse und Gesichtsausdruck von 3839 Verbrechern
niedrigen Reihen zu finden sind (vgl. Lombroso 1894: 157). Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Analyse Lombrosos ist die Erforschung der Masse und des Gesichtsaus-
Ein weiteres interessantes Ergebnis, zu dem Lombroso nach seiner Analyse der menschlichen Gesichter kommt, drucks von 3839 Verbrechern. Zusammenfassend hat der Forscher in Hinblick auf den Habitus der einzelnen Ver-
sind die Ausprägungen der Augenhöhlen bei Verbrechern. Hierbei ist nämlich eine stärkere Ausprägung der Au- brecher festgestellt, dass Raub, Mord und Brandstiftung häufig bei Menschen von schlankem Wuchs und kräftiger
genhöhlen auf Seiten der Kriminellen auffällig. Dieses Phänomen erklärt Lombroso sich mit einem Vergleich mit Gesundheit vorkommen. Im Gegensatz dazu sind Diebe und auch Stupratoren eher schmal gebaut. Auch in Bezug
Raubvögeln, die ebenfalls über sehr ausgeprägte Augenhöhlen verfügen. Lombroso vermutet, dass sich diese stär- auf einen buckligen Rücken, der oftmals bei Stupratoren sowie auch bei Fälschern und Brandstiftern aufgetreten ist,
kere Entwicklung aus dem Zusammenwirken der Organe in Folge angestrengter Übung erklären lasse. So seien hat Lombroso eine These für eine solche Erkrankung parat. Seiner Meinung nach bestätigt der bucklige Rücken das
beispielsweise Diebe aufgrund ihrer Lebensumstände darauf trainiert, bestimmte Dinge zu fixieren, die sie im Vorurteil, welches diesen Menschen in Bezug auf Bosheit und Wollust anhaftet. Des Weiteren findet er als für die
nächsten Moment vorhaben zu entwenden. Der Körper habe sich also mit der Zeit auf diese Anstrengung eingestellt Gruppe der Räuber charakteristisch heraus, dass diese häufig über einen robusten Körperbau, höheres Körperge-
und genau wie bei Raubvögeln, die ihre Opfer auch eine lange Zeit beobachten und aus der Ferne fixieren, mit wicht und eine große Körperlänge verfügen. Dies findet der Akademiker wiederum nicht verwunderlich, da mit der
ausgeprägteren Augenhöhlen reagiert. Daher besitzen, laut Lombrosos Untersuchungen, auch die Diebe ausgepräg- größeren Entwicklung der Körperkräfte auch der Anreiz zu gewaltsamen Äußerungen gegeben sei. Betrüger wiesen
tere Augenhöhlen als beispielsweise Mörder. diese Merkmale seltener auf, da große Körperkräfte für ihre „Tätigkeit“ nebensächlich wären.
Zur Physiognomie der Verbrecher stellte Lombroso allgemein fest, dass diese sowohl über regel- als auch unregel-
mäßige Gesichtszüge verfügen und sich daher nicht von nicht-kriminellen, gesunden Menschen unterscheiden.
Abnorme Beschaffenheit des verbrecherischen Gehirns Jedoch lässt er sich trotz dieser Ergebnisse nicht von seiner Meinung abbringen, dass gut aussehende Menschen
zwar die Erwartung täuschen könnten, man jedoch trotz allem einen Verbrecher noch immer an seiner eigentümli-
Nach der Erforschung der Schädel wendet Lombroso sich der abnormen Beschaffenheit des verbrecherischen Ge-
chen Physiognomie erkennen könne. Er stellt fest, dass beispielsweise Diebe oft über sehr bewegliche Gesichtszüge
hirns zu. So unternimmt er Wägungen des Großhirns und kommt zu dem Ergebnis, dass sich bemerkenswerte Un-
und Hände verfügen oder eine krumme Nase und Henkelohren besitzen. Stupratoren hingegen haben ein jugendli-
terschiede im Vergleich mit den Nicht-Kriminellen jeweils nur in den mittleren Normzahlen ergeben. So stehen die
ches Gesicht, einen grazilen oder buckligen Körperbau und ihr gesamter Körperbau ist durch eher weibliche For-
Gesunden zu den Verbrechern in den Zahlenreihen von 1300-1400g in einem Verhältnis von 38,6 : 34,3. Die Ver-
men geprägt.
brecher stellen hier also die absolute Minderheit dar und sind nur in den Extremwerten (zum einen in den extrem
niedrigen Werten, zum anderen in den extrem hohen Werten) häufiger aufzufinden als die Gesunden.

Biologie und Psychologie des Verbrechers


Erkrankungen des verbrecherischen Gehirns, der Eingeweide und Gefäße In diesem Abschnitt beschäftigen wir uns mit der Biologie und der Psychologie des Verbrechers, wobei wir hier
genauer auf die Sensibilität, den Gemütszustand und die Bildung des Verbrechers eingehen werden.
Doch Lombroso befasst sich nicht nur mit der Wägung der Gehirne, vielmehr untersucht er sie zusätzlich auch auf
verschiedene Krankheiten. So findet dabei heraus, dass Hirnkrankheiten eine häufige Erscheinung bei Verbrechern Lombroso misst die Sensibilität anhand mehrerer Untersuchungen, wobei das Augenmerk dieser Arbeit der allge-
sind und diese sogar noch häufiger vorkommen als bei den Irren (vgl. Lombroso 1894: 196). Bei verschiedenen meinen Sensibilität, der Algometrie, dem Tastgefühl, der Sehkraft und dem Mancinismus gewidmet wird.
Untersuchungen stößt Lombroso in 50% der Fälle auf Erkrankungen des Hirns. Als nennenswert ist hier anzumer-
ken, dass sich beispielsweise bei 50% der untersuchten Verbrecher Meningitis finden ließ, die Gehirne der Irren Zu Beginn seiner Untersuchungen führt Lombroso zahlreiche Beispiele zur allgemeinen Sensibilität auf, in denen
jedoch nur zu 32% diese Krankheit aufwiesen (vgl. Lombroso 1894: 194). er aus Gesprächen mit Gefängniswärtern und Ärzten die Unempfindlichkeit von Verbrechern in Bezug auf psychi-
sche Schmerzen erfährt. Er berichtet beispielsweise über einen Verbrecher, der sich ohne geringste Schmerzen ein
Des Weiteren stößt der Forscher bei seinen Untersuchungen auf zahlreiche Erkrankungen der Eingeweide und Ge- Bein amputieren ließ und im Nachhinein darüber scherzte. Ein anderer zerfleischte sich seine Eingeweide mittels
fäße. Bei einer Vielzahl von Verbrechern zeigen die Eingeweide und Gefäße oftmals Abweichungen von der Norm, eines großen Messers, nachdem der Anstaltsdirektor seine Bitte abgeschlagen hatte, in der Anstalt verweilen zu
wobei als interessant anzumerken ist, dass einige davon angeboren waren. So weisen über 50% der untersuchten dürfen, bis dieser eine Unterkunft und Brot gefunden habe (vgl. Lombroso 1894: 272). Lombroso führt zur Unter-
Kriminellen Herzerkrankungen auf (vgl. Tabelle 2). Dies ist eine weitaus höhere Zahl als die Herzerkrankungen der stützung seiner These das Zuchthaus von Chatam an, in dem sich im Jahre 1872/73 die Gefangenen 841 Kontusio-
unbescholtenen Menschen. nen oder Verwundungen, wie z.B. Knochenbrüche, Verstümmelungen oder Verätzungen, selbst zugefügt hatten.

84 85
Kleiber, Nadine ; Marszalek, Barbara Cesare Lombroso – „Der Verbrecher“

Lombroso selbst führt Experimente bei 166 Verbrechern (darunter nur ein Gelegenheitsverbrecher) zur Feststellung abhalte, sondern eher zur Nachahmung aufrufen würde (vgl. Lombroso 1894: 304). Er untermauert seine Ansicht
der allgemeinen Sensibilität durch. In diesen stellt er bei 38 von 66 Verbrechern eine abgestumpfte Sensibilität damit, dass von den 167 in England zur Todesstrafe Verurteilten, 164 davon an öffentlichen Hinrichtungen teilge-
fest. Des Weiteren findet er unter 46 Individuen bei 16 auf der rechten, bei 12 auf der linken und bei 18 auf beiden nommen hatten.
Körperhälften abgestumpfte Sensibilität vor. In einem anderen Experiment untersucht er mit Hilfe des graduierten
Schlittenapparats von Du Bois die Schmerzempfindung und findet heraus, dass bei 21 normalen Probanden die
Schmerzempfindung im Durchschnitt bei 49,1 mm und bei Verbrechern bei 34,1 mm liegt. Bei den normalen Pro- Verstand und Bildung der Verbrecher
banden schwankt sie meist zwischen 32 – 49 mm, nur bei einer Person erscheint sie bei 17, bei Zweien steigt sie auf
62 und bei zwei Weiteren auf 67-58. Sie fällt allerdings im gesamten Experiment nie auf 0. Bei den Verbrechern Obwohl nach Meinung Lombrosos der Schaden für seine Übeltaten im Gemütszustand des Verbrechers zu suchen
dagegen fällt sie bei vier Probanden auf 0, d.h., dass bei jenen völlige Schmerzlosigkeit am Handrücken vorhanden sei, ist er dennoch überzeugt davon, dass aufgrund des Zusammenhangs aller Partien des Nervensystems, auch der
ist. Dieselbe Reaktion ist an Stirn und Zunge zu verzeichnen (vgl. Lombroso 1894: 272). Verstand des Verbrechers in hohem Maße mit leide. Gäbe es eine Möglichkeit zur Messung des Verstandes, so
würde man zu der Erkenntnis gelangen, dass der Verstand bei Verbrechern im Durchschnitt geringer sei als bei
Das Tastgefühl von 103 Verbrechern und 27 Normalen untersucht der Forscher gemeinsam mit Dr. Ramlot (Bullet. normalen Menschen (vgl. Lombroso 1894: 364). Er erwähnt den Forscher Ferrus, der 1880 den Verstand von Ge-
de la societé d`Anthropol. de Bruxelles. III. 1885). Sie finden dabei heraus, dass 44 % der Verbrecher im Gegensatz fangenen untersucht und herausgefunden hat, dass von 2005 Gefangenen 160 einen guten Verstand aufwiesen. Bei
zu 29 % der Normalen eine Abstumpfung der Volarfläche des Zeigefingers aufweisen und unter Ersteren bei 62 % 1249 von ihnen waren mittlere Fähigkeiten vorzufinden, bei 37 hervorragende, 345 wenig entwickelte, 339 von
noch zusätzlich eine Stumpfheit der Zunge vorzufinden ist. Zusätzlich stellt Lombroso bei seinen Untersuchungen ihnen waren beschränkt und 35 äußerst schwachsinnig. Lombroso gibt am Ende jedoch selbst zu, dass die erhobe-
eine linksseitige Empfindlichkeit (Mancinismus) bei den Verbrechern fest. Dies begründet er damit, dass bei 29 % nen Daten ziemlich ungenau seien.
der Normalen linkerseits und bei 18 % rechterseits Stumpfheit vorzufinden ist. Bei den Verbrechern sind linker-
seits 28 % und rechterseits 26 % zu verzeichnen (vgl. Lombroso 1894: 275). Ein weiteres charakteristisches Merkmal des Verstands und der Bildung bei Verbrechern stellen die Faulheit und
der Leichtsinn jener dar. Die Vielzahl würde „sich zu schwach und geistesträge für eine anhaltende, ernste Tätig-
Die Versuche lassen vermuten, dass bei Verbrechern eine größere Schwäche auf der rechten als auf der linken Seite keit” (Lombroso, 1894: 368) fühlen und kein anderes Ideal als das Faulenzen kennen. Die Zigeuner z.B. arbeiteten
besteht. Allerdings sind dies nur Vermutungen, da das Dynamometer kein genaues Maß von Kraft und Gewandtheit zwar, aber nur soviel, wie es nötig sei, um nicht des Hungertods zu sterben. Die Diebe seien, laut Vidocq, nicht zum
der Muskeln geben kann. Arbeiten geschaffen, da ihnen die nötige Energie und Ausdauer fehle und sie kein anderes Handwerk verstehen
Zum Thema Sehkraft führt Lombroso keine eigenen Experimente auf. Hier beruft er sich gänzlich auf Ergebnisse würden als das Stehlen. Eine andere Störung, die das Denken des Verbrechers beeinflusst, ist der Leichtsinn. Als
anderer Forscher, wie z.B. die von Dr. Bono, der unter 221 jungen Verbrechern 6,6 % Farbenblinde vorfand, woge- Beispiel führt Lombroso einen Verbrecher namens Accantino an, der bei einem gewaltsamen Einbruch sich einer
gen bei 800 Studenten nur 3,09 % und bei 590 Handwerkern nur 3,89 % mit Farbenblindheit vorzufinden sind. Schüssel mit Fischen und Brot widmete, die er im ersten Zimmer vorfand und dabei den eigentlichen Sinn seiner
Außerdem beruft Lombroso sich auf die Untersuchungen von Biliakof, der bei 100 russischen Mördern 5 % Far- Aufgabe vergaß. Lombroso ist daher der Ansicht, dass Leichtsinn und Launenhaftigkeit sorgfältige Überlegungen
benblinde und 28 % partiell Farbenblinde gefunden haben will, wohingegen das gesamte russische Volk nur 4,6 % und Ausdauer bei einem Verbrecher ersetzten und ihr Verstand nicht für voll anzunehmen sei (vgl. Lombroso
an Farbenblinden aufweise. 1894: 531).

Schlussfolgernd lässt sich laut Lombroso zu dem Thema Sensibilität sagen, dass bei Verbrechern eine abge-
schwächtere Sensibilität in jeder Art vorhanden ist. Des Weiteren arbeiten Verbrecher mehr mit der rechten Ge-
hirnhälfte und normale Menschen eher mit der linken Gehirnhälfte. Zusätzlich stellen Verbrecher das größte Kon-
tingent an Linkshändlern, nämlich 33 %, dar. 3 Diskussion
Die Ergebnisse von Lombrosos Ausführungen gaben in ganz Europa Anstoß für wissenschaftliche Debatten, in
denen über die Ursachen des Verbrechens diskutiert und über eine Lösung für den richtigen Umgang mit Straftätern
Gemütszustand der Verbrecher nachgedacht wurde. Lombroso legte mit diesen Arbeiten den Grundstein für eine neue Wissenschaft: die Krimino-
logie. Doch obwohl er als Begründer dieser neuen Wissenschaft gilt und viele Mediziner und Juristen seine Arbei-
Lombroso geht von der Annahme aus, „dass die Gemütslosigkeit des Verbrechers seiner Unempfindlichkeit für
ten als Ausgangspunkt für weitere Forschungen verwendeten, sind seine Ergebnisse äußerst kritisch zu betrachten
leibliche Schmerzen gleichkommt” (Lombroso, 1894: 300). Zusätzlich nimmt er an, dass das Mitleidsgefühl für die
und wurden im weiteren Verlauf der Forschung auch widerlegt. So ist zunächst einmal anzumerken, dass Lombro-
Leiden Anderer nicht oder nur äußerst schwach bei ihm vorhanden sind. Anhand zahlreicher Beispiele versucht er
sos Arbeiten zahlreiche methodische Fehler aufweisen, die zu einer Verzerrung der Ergebnisse geführt haben könn-
seine These zu untermauern. So berichtet er von einem Mann namens Lacenaire, der zugegeben haben soll, dass er
ten. Seine Fortgehensweise ist als methodensykretisch zu beschreiben. So sind in seinen Arbeiten mehrere Fehler
zu keiner Zeit von einem menschlichen Leichnam ergriffen sein soll, allerdings bei dem Anblick einer toten Katze.
zu finden. Zum einen untersuchte er oftmals nur eine Gruppe von Verbrechern und führte keine Tests mit Ver-
Als weiteres Beispiel führt er folgende Geschichte an: Eine Frau mit dem Namen Maquet hatte ihre eigene Tochter
gleichsgruppen durch, so wie dies eigentlich in der empirischen Forschung von Nöten ist. Des Weiteren sind als
in den Brunnen geworfen mit der Absicht, die Schuld ihrer Nachbarin zuzuweisen, mit der sie im Streit lag. Für
Fehler in seinem Vorgehen Artefakte der Stichprobenbildung anzumerken. Seine Stichproben wiesen oftmals unter-
Lombroso stellt diese absolute Gleichgültigkeit der Täter gegenüber ihren Opfern und der von ihnen verwendeten
Werkzeuge einen konstanten Charakterzug der geborenen Verbrecher dar. schiedliche Versuchspersonengrößen auf. So wurde beispielsweise eine Gruppe von 216 Normalen mit einer Grup-
pe von 164 Verbrechern in Bezug auf die Stirnbogengröße miteinander verglichen (vgl. Lombroso 1894: 149). Um
Eine weitere Eigenschaft des Gemütszustands der Verbrecher stellt die Gleichgültigkeit gegenüber dem Tod dar. jedoch statistisch auswertbare Ergebnisse zu erzielen, dürfen die Unterschiede zwischen den Vergleichsgruppen
Lombroso führt hier einige Beispiele zur Veranschaulichung an, wie das von dem 21- jährigen Boutellier, der seine keine großen Differenzen aufweisen, damit ein gültiger Vergleich möglich wird. In seinem Fall aber sind seine
Mutter tötet und sich daraufhin erschöpft auf das neben liegende Bett wirft und ruhig einschläft (vgl. Lombroso Ergebnisse eher wissenschaftlich wertlos, da sie nichts über den eigentlichen Untersuchungsgegenstand aussagen.
1894: 301). Oder das Beispiel von Corvoisier, der, nachdem er den Leichnam seines Bruders zerstückelt hatte, nicht Aufgrund dessen ist auch die Validität von Lombrosos Daten umstritten, da sich, wie oben beschrieben, einige
bereit war seine Mahlzeit zu unterbrechen, während man ihm die Glieder seines Opfers zeigte „Besser da als in Fehler in seinem Versuchsaufbau finden lassen, die zu einer möglichen Verzerrung der Ergebnisse geführt haben
meinem Magen.”, lauteten nur seine kommentierenden Worte dazu. Andere Mörder wie Soufflard, Menesclou und könnten. Außerdem ist die Interpretation seiner Materialien fragwürdig und eher spekulativ, da sie zum einen durch
Lesage schliefen sogar während der ganzen Nacht mit ihren Opfern in demselben Zimmer. eventuell falsche Messergebnisse zustande gekommen ist und zum anderen sich teilweise auf Erkenntnisse anderer
Forscher bezieht, deren Wahrheitsgehalt Lombroso nicht im Vorfeld geprüft, sondern einfach in seine Auswertun-
Aufgrund dieser Unempfindlichkeit der Verbrecher sind laut Lombroso auch vermehrt Mordtaten nach öffentli- gen übernommen hat (vgl. Lombroso 1894: 275). So übernimmt er beispielsweise die Ergebnisse zweier Forscher
chen Hinrichtungen zu beobachten, da diese die Zuschauer dazu anregen würden, selber Morde zu begehen. Seiner zur Sehkraft, ohne zu erwähnen, ob er diese für seine eigenen Aufzeichnungen überprüft hat und ob diese überhaupt
Meinung nach ist dies einer der wichtigsten Gründe die Todesstrafe abzuschaffen, da diese nicht vom Verbrechen empirisch belegbar sind.
86 87
Kleiber, Nadine ; Marszalek, Barbara Cesare Lombroso – „Der Verbrecher“

Lombrosos Ergebnisse lassen sich jedoch auch aus einer anderen Sichtweise betrachten und diskutieren. So ist
gerade in der heutigen Zeit, nachdem in den 70er Jahren die These aufkam, dass alle Menschen gleich zur Welt 4 Literaturverzeichnis
kommen und die Umwelt den Einzelnen und sein Verhalten prägt, die Diskussion des „geborenen Verbrechers“
wieder aktuell. Der These des „geborenen Verbrechers“ sind Forscher auf einer Tagung des Instituts für Konflikt-
forschung und des Vereins deutscher Strafverteidiger in Maria Laach nachgegangen, während sie sich mit den aktu- Bleuler, E. (1972). Lehrbuch der Psychiatrie. 12. Aufl., neu bearbeitet von Manfred Bleuler. Springer-Verlag.
ellen Erkenntnissen zur Neurobiologie beschäftigt haben. Anders als zur damaligen Zeit wird heutzutage mit Hilfe Berlin/Heidelberg/New York.
von Magnetresonanztomografen versucht, in das Gehirn des Menschen hineinzublicken und die durch das Handeln
aktivierten Bereiche des Gehirns auszumachen. Dabei lautet die momentan aktuelle vorherrschende Meinung der
Hirnforscher: Der Mensch ist nicht frei in seinem Handeln. Vielmehr ist sein Verhalten determiniert. Das heißt,
Dölling, D. / Hermann, D. Anlage und Umwelt aus Sicht der Kriminologie- theoretische, empirische und
dass die freie Willensbildung ausgeschlossen und somit nur eine Illusion unserer selbst ist. Diese Feststellungen
untermauern bis zu einem gewissen Grad Lombrosos Annahme vom geborenen Verbrecher. Er war der Meinung, kriminalpolitische Aspekte. Zugriff am 26.März 2007 unter
dass der Mensch, sofern er kriminelle Anlagen besitze, ebenfalls über keinen Handlungsspielraum verfüge und ein
Verbrechen seinerseits unausweichbar sei. Dieser Meinung, wenn auch in eingeschränkter Form, sind ebenso die http://www.uni-heidelberg.de/institute/fak2/krimi/Hermann/Aufsatz%20Anlage%20und%20Umwelt.pdf
heutigen Hirnforscher. Laut ihnen habe der Mensch keine Chance auf bewusstes Handeln, viel mehr laufen die
nötigen Entscheidungsprozesse schon früher unterbewusst ab (vgl. WAZ: Wette, 2007).
Galassi, S. (2005). Der geborene Verbrecher?. Zugriff am 18.März 2007 unter
Aus diesen Annahmen ergeben sich weit reichende kriminalpolitische Konsequenzen. Dementsprechend kann ei-
nem Menschen nur etwas zur Last geworfen werden, wenn dieser sich aus freiem Willen für ein bestimmtes Han- http://www.uni-
deln entschlossen hat, also die Möglichkeit hatte, zwischen Gut und Böse zu wählen. Laut den neuesten Ergebnis- bielefeld.de/Universitaet/Einrichtungen/Zentrale%20Institute/IWT/FWG/Kriminologie/Vererbung.html
sen der Hirnforschung hat der Mensch diese Wahl nicht und könnte deswegen in unserem Rechtssystem nicht mehr
verurteilt werden. Des Weiteren werfen diese Erkenntnisse die Frage auf, wie man mit Straftätern weiterhin umzu-
gehen habe, da aufgrund genannter Annahmen eine Resozialisierung des Straftäters als unmöglich erscheint. Doch Gould, S. (1988). Der falsch vermessene Mensch. Suhrkamp. Frankfurt/M.
diese Erkenntnisse sind ebenfalls nicht neu. Schon Lombroso wies darauf hin, dass der „geborene Verbrecher“
durch beispielsweise lebenslange Gefangenschaft nicht von weiteren Taten abgehalten werden könne und „nur noch
die äußerst traurige, aber sichere Selektion, die Todesstrafe, übrig“ (Lombroso, 1894) bliebe. Hermann, D. (2006). Kriminalitätstheorien. Zugriff am 20.März 2007 unter
So absurd einem Lombrosos Annahmen und Vorschläge heute auch vorkommen mögen, darf man doch nicht ver- http://www.krimlex.de/artikel.php?BUCHSTABE=K&KL_ID=108
gessen, welch enormen Einfluss diese Ideen Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts auf den strafrechtlichen,
psychiatrischen und eugenischen Diskurs hatten und dass bis in die 1970er Jahre Werke wie Ernst Kretschmers
„Körperbau und Charakter” (1. Aufl.1931) oder Eugen Bleulers „Lehrbuch der Psychiatrie” (1. Aufl. 1916) in im- Klöckner, P. / Junker, R. (1997). Evolution: Grundlage für Rassismus? In: Wort und Wissen: Diskussionsberichte,
mer wieder neuen Auflagen erschienen, in denen Lombrosos Ansätze entweder in direkter Tradition fortgeführt
(vgl. Kretschmer 1951: 282) oder zumindest seine großen Verdienste für das Studium und die Behandlung des Berichte, Informationen. Nr 2/97
Verbrechers anstelle der einfachen Repression gerühmt werden (vgl. Bleuler 1972: 565). Biologistische Theorien
kriminellen Verhaltens sind nach wie vor weit verbreitet. Nur werden sie am Ende des 20. Jahrhunderts weniger
unter Bezugnahme auf die Evolutionsbiologie, als vielmehr im Rückgriff auf die moderne Hirnforschung, Bioche- Kretschmer, E. (1951). Körperbau und Charakter: Untersuchungen zum Konstitutionsproblem und zur Lehre von
mie und Humangenetik gerechtfertigt (vgl Kunz 1994: 108 – 119). den Temperamenten. Springer-Verlag. Berlin/Göttingen/Heidelberg.
Alles in Allem bleibt festzuhalten, dass die Ergebnisse Lombrosos einerseits kritisch zu betrachten sind, da die
Methodik beim Erfassen der Daten nicht ganz klar, bzw. ungenau ist und bleibt. Andererseits muss man beachten,
dass sein Grundgedanke positive und zukunftsweisende Ansätze beinhaltet, die eine neue Wissenschaft begründet Kunz, K.-L. (1994). Kriminologie. Eine Grundlegung. Haupt. Bern/Stuttgart/Wien
haben und auch heute noch von Hirnforschern Beachtung geschenkt bekommen. Er brachte mit seinen Überlegun-
gen einen Stein ins Rollen und verhalf nach ihm kommenden Forschern zu interessanten Denkansätzen.
Lombroso, C. (1894). Der Verbrecher (Homo Delinquens). Verlagsanstalt und Druckerei A..- G. Hamburg.

Wette, S. (2007). Der geborene Verbrecher. In: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 22.03.2007, Nr.69

88 89
Metin Cimen Bartol& Bartol: Kriminelles Verhalten und der Zusammenhang zur Persönlichkeit

Aggression kann auch subversiv ausgeübt werden, beispielsweise indem eine Person gemobbt oder aus-
gegrenzt wird.
Bartol& Bartol: Kriminelles Verhalten und der Zusammen- Die nachfolgenden Definitionen von Damiens& Gilula stützen jene von Bartol& Bartol: ,,Gewalt schä-
digt/vernichtet immer einen Rezipienten oder ist zumindest intendiert dies zu tun.'' ,,Jegliches Gewalt-
verhalten ist Aggressives Verhalten. Im Gegenzug dazu ist jedoch nicht jedes aggressive Verhalten
hang zur Persönlichkeit automatisch eingehend mit Gewalttätigem Verhalten.''
Metin Cimen; 5. Fachsemester 2.2 Expectancy Theory
Mischel 1976: ,,(...) Expectancy Theory, therefore, argues that a person‘s performance level is based on
that person‘s expectation that behaving in a particular way will lead to a given outcome. ‘‘ (Bartol& Bar-
tol 2005, S. 170)
Zusammenfassung Mischels Theorie stützt die Theorie des sozialen Lernens. Eine Person ist in ihrem Verhalten stets be-
Im Rahmen des Praxisprojekts ,,Ganz normale Menschen'', dass während des Wintersemesters 2006/2007 an der Universität dacht auf das Ergebnis ihrer Handlung. Die Frage könnte lauten: ,,Was werde ich davon haben, wenn ich
Duisburg unter der Leitung von Herrn Dr. Möller geleitet wurde ist der folgende Beitrag in Form eines Referates abgehalten Verhalten x zeige?'' Mischel fügt hinzu, dass gewalttätiges Verhalten erlernt ist und wesentlich von den
worden. Die zentrale Aufgabe des Seminars bestand in dem Versuch, Faktoren und wissenschaftliche Begründungen zusam- Erfahrungen bestimmt wird, die der Kriminelle gesammelt hat, dies impliziert auch, dass bei ähnlichen
men zutragen um von bestehenden Normen abweichende Gewaltverbrechen, wie sie sich beispielsweise in Kriegszeiten ereilen Situationen ähnliche Verhaltensmuster gezeigt werden. Dies führt zu der Erkenntnis, dass gewalttätiges
rational zu erklären. Hierbei, haben wir uns im Rahmen des Projekts auf die Kriegsverbrechen in der Zeit des Nationalsozia- Verhalten nicht pauschal als irrational angesehen werden darf, da es viel mehr höheren Zielen unterliegt,
lismus konzentriert, da zu diesen Geschehnissen eine weit reichende Anzahl dokumentierter sozialwissenschaftlicher und psy- wie beispielsweise Status, Macht, Zuneigung oder dem Drang nach verbesserten Lebensbedingungen.
chologischer Untersuchungen bestehen. Der folgende Bericht ordnet sich in den Themenbereich: Erklärungsansätze. Die
zugrunde liegende Literatur stammt von Bartol& Bartol und besitzt einen psychosozialen Blickwinkel auf das Thema Krimina- 2.3 Beobachtendes Lernen: Lernen im sozialen Prozess
lität. Es werden Entstehungsweisen und Faktoren thematisiert, denen abnormes und kriminelles Verhalten zugrunde liegt.
Bandura stellt die These auf, dass eine Vielzahl von menschlichen Verhaltensmustern erlernt wird durch
Beobachtung anderer Menschen, die als Modelle fungieren. Als Beispiele für Modelle führt Bandura
unter anderem Eltern, Freunde, Lehrer, Stars und Sportler auf. Die Wahrscheinlichkeit des Nachahmens
1 Einleitung einer Verhaltensweise steigt in dem Maße, wie dass Modell für sein spezifisches Modell belohnt wird,
Zu Beginn, werden Definitionen für die oftmals synonym verwendeten Begriffe Gewalt und Aggression so Bandura.
aufgezeigt. Es folgen hierauf Theorien, welche die Ursprünge kriminellen Verhaltens unterschiedli-
chen Dimensionen zuweisen. Daraufhin werden zwei entscheidende Situative Faktoren aufgeführt: Au- 2.4 Differential Association- Reinforcement Theory
torität und Deindividuation. Später wird auf Mentale Fehlstörungen eingegangen, indem die Hauptkate- Akers: ,,Briefly, the theory states that people learn to commit deviate acts through interpersonal
gorien des DSM aufzeigt und auf jene Verhaltensmuster und Krankheitsbilder eingegangen wird, die mit interactions with their social environment. (Bartol& Bartol 2005, S. 172)‘‘ Kennzeichnend in dieser
kriminellem Verhalten seitens der Wissenschaft in Verbindung gebracht werden. Im Schlussteil wird die Theorie ist die Rolle der Bestärkung ( reinforcement). Akers differenziert zwischen sozialer und
Fragestellung erörtert ob die Behauptung, dass alle Kriegsverbrecher Psychopathen seien zutrifft. nonsozialer Bestärkung. Schon die Präsenz anderer, ihr Verhalten sowie ihre Äußerungen bieten
Grundlagen für die Bestärkung des Individuums. Akers geht auf Gruppen und ihre spezifische Dynamik
2 Stand der Forschung ein indem er zum Beispiel die unterschiedlichen Sprachlichen Codes verschiedener Subkulturen angibt.
Innerhalb einer Gruppe, so Akers werden normative Definitionen (Bewertung in richtig/falsch, gut/
schlecht) festgelegt, von den Gruppenmitgliedern verinnerlicht und als Handlungsleitfaden verwendet.
2.1 Aggression/ Gewalt
Diese Orientierungshilfen werden von Akers als ,,discriminitative stimuli’’ bezeichnet. Akers bietet eine
Aggression lässt sich in zwei Formen unterteilen: Feindlich/ expressiv und instrumental. Der erste Typus Definition: ,,(...) social signals transmuted by subcultural or peer groups to indicate whether certain kinds
beschreibt Verhalten, welches direkt darauf abzielt einem Opfer Schaden zuzufügen. Eine zentrale Rolle of behavior will be rewarded or punished within a particular social context.'' (Bartol& Bartol 2005, S.
hierbei spielen Wutgefühle, welche durch Stimuli erweckt werden. Diese bewirken entweder, dass es zu 174) Akers unterscheidet 2 Arten von discriminitative stimuli: Auf der einen Seite stehen Verbale und
Angriff oder Frustration kommt. Ein Beispiel für diesen Aggressionstypus wäre z. B. Mord. Der zweite nonverbale Signale die in einer Gruppe erwünscht und geläufig sind. Bei der Ausführung dieser Signale
Typus hingegen zielt nicht zwangsläufig auf die Schädigung Dritter ab, vielmehr sind es Objekte wie erhält diejenige Person eine Bestärkung seitens der Gruppe. Auf der anderen Seite stehen
Wertgegenstände, die den Aggressor interessieren, sollte sich ihm bei diesem Vorhaben jemand in den Neutralisierende/ Rechtfertigende Signale. Sie stehen für Verhaltensmuster, die von der Gesellschaft als
Weg stellen, so kann diejenige Person Ziel der Aggression werden. Ein Beispiel für diese Form wäre unangebracht, schlecht oder/ und kriminell erachtet werden, diese erhalten in der Gruppe eine
Überfall. Rechtfertigung oder zumindest einen Grad der Akzeptanz. Desto mehr Personen dieses Verhalten als
Bartol und Bartol stellen zwei Definitionen auf, die eine Unterscheidung zwischen Aggression und Ge- positiv/ gerechtfertigt sehen, desto höher ist letztendlich die Möglichkeit der Anwendung seitens der
walt ermöglichen. Aggression : ,,(...) we define aggression as behaviour perpetrated or attempted with Gruppenmitglieder. Akers fügt hinzu, dass Verhalten durch verinnerlichte Normen bestimmt wird.
the intention of harming another individual physically or psychologically (as opposed to socially) or to Menschen hegen demnach eine Erwartungshaltung, dass geltende Normen von anderen Personen in
destroy an object.'' (Bartol& Bartol 2005, S. 241 ) Gewalt: ,, (...) destructive physical aggression intenti- regelmäßigen Abständen aufgezeigt werden. Ein Großteil des abweichenden Verhaltens wird nach den
onally directed at harming other persons or things.'' (Bartol& Bartol 2005, S. 241) Das markanteste Un- Prinzipien der ,,Operanden Konditionierung'' nach Skinner erlernt. Zudem wird die Intensität des
terscheidungskriterium der beiden Begriffe liegt demnach da drin begründet, dass Aggression einerseits Verhaltens durch die Menge, Frequenz und Möglichkeit an positiver wie negativer Bestärkung
der umfassendere Begriff ist und Gewalt einschließt. Während Gewalt sichtbare Indizien, wie beispiels- bestimmt, die ein Individuum beim Aufzeigen des Verhaltens in der Vergangenheit erhalten hat, so
weise Verletzungen oder materiellen Schaden fordert, ist dies bei Aggression nicht zwingend der Fall. Akers.
Situationale Faktoren: Autorität und Deindividuation
90 91
Metin Cimen Bartol& Bartol: Kriminelles Verhalten und der Zusammenhang zur Persönlichkeit

2.5 Autorität 2.7 DSM


Autorität kann das Verhalten einer Versuchsperson maßgeblich bestimmen, wie das Experiment von ,,Diagnostic and statistical Manual of Mental Disorders‘‘ veröffentlicht von einem unter der Leitung des
Stanley Milgram verdeutlicht. In einem Experiment soll eine Versuchsperson Elektroschocks an eine American Psychiatric Association (APA) gebildeten Komitees. Das DSM dient der Identifizierung und
Person vergeben, wenn diese an sie gestellte Aufgaben nicht erfüllt. Die Person, die den Schocks Definition jeglicher Mentaler Fehlstörungen und wird in den U.S.A von den meisten Psychiatern zu Rate
ausgesetzt war, befand sich in einem separaten Raum und war Teil des Treatments, sie nahm lediglich gezogen wenn es um die Diagnose von Fehlstörungen geht. DSM-IV,APA, 1994-> 4. Ausgabe, ca. 400
die Rolle des ’’zu Bestrafenden’’ ein. Milgram interessierte die Frage, wie Versuchspersonen unter der Fehlstörungen werden aufgeführt. DSM-IV-TR ist die aktuellste Version.
Leitung einer Autoritätsperson, repräsentiert durch einen Experimentsleiter agieren würden. Milgram Mentale Fehlstörungen werden im DSM-IV,1994 definiert als signifikantes Verhaltensmuster/
entwickelte im Verlauf der Untersuchungszeit Veränderungen im Aufbau des Experimentes, die Psychologisches Syndrom einer Person, das mit Stress, Unvermögen, Fehlfunktionen und
hauptsächlich die Nähe beziehungsweise Distanz zwischen Opfer, (die Person, die den Schocks Behinderungen einhergeht und bis hin zu einem erhöhten Todesrisiko und Freiheitsverlust führen kann.
ausgesetzt wurde)Autorität (Experimentleiter) und der Versuchsperson betrafen. Dieses Syndrom/ Handlungsmuster muss sich nicht gezwungener Weise auf ein bestimmtes prägendes
Hierbei ergab sich, dass die Variation der Distanz zwischen Opfer, Versuchsperson und Autoritätsperson Ereignis zurückführen lassen, es muss als die Manifestation einer Verhaltens-, einer psychologischen
Einfluss auf das Verhalten der Versuchsperson ausübte. Die Distanz betraf zwei Dimensionen, die erste Störung oder einer biologisch/ genetisch bedingten Fehlfunktion der jeweiligen Person erachtet werden.
bezog sich auf die physische Distanz zwischen den aufgeführten Individuen. Die zweite bezieht sich auf Es bildeten sich 3 Hauptkategorien in die Mentale Fehlstörungen seitens des DSM unterteilt werden:
die psychologische Distanz zwischen den Personen. Milgram stellte fest, dass die Versuchsperson in - 1.anxiety disorders: Phobien allgemein Nervösitäts -und Zwangsfehlstörungen.
gesteigertem Maße zu Gehorsam gegenüber der ihr auferlegten Aufgabe neigte, je kürzer die Distanz - 2. somatoform disorders: Psychologische Fehlstörungen mit den Symptomen einer physischen
zwischen ihr und dem Versuchsleiter war. Eine Möglichkeit des Ungehorsams gegenüber den Krankheit, jedoch ohne feststellbare organische Schäden, beispielsweise Hypochondrie.
Anordnungen des Leiters war umso wahrscheinlicher, je niedriger die Distanz zwischen Opfer und - 3. dissociative disorders: Amnesien, Multiple Persönlichkeiten und Selektive Gedächtnisstörungen (Das
Versuchsperson war. Opfer kann sich nur an die Anteile seines Gedächtnisses nicht erinnern, die sich in näherem Bezug zu
Die Ergebnisse ergaben, dass fast 2/3 (65%) aller Vp, die Anweisungen des Experimentleiters bis zu seiner Umwelt befinden.), PTSD(Post traumatic stress order, bedingt durch Traumatische Erlebnisse
den höchsten Schockstufen befolgten. Viele VP gaben an, Spannung und Unbehagen im wie Krieg, Vergewaltigung oder Terror…)
Experimentverlauf empfunden zu haben. Viele Versuchspersonen gaben im Anschluss der Untersuchung Für die Kriminologie, ist die dritte Kategorie von besonderem Interesse, da sie von zentraler Bedeutung
außerdem an, dass sie die Bestrafungen einstellen wollten, jedoch durch den Leiter gehindert wurden. bei der Frage nach Kriminellen Verhalten ist. Folgende Kategorien werden seitens des DSM als
Milgram hierzu : ,,The Individual, upon entering the laboratory, becomes integrated into a situation that häufigste/ wahrscheinlichste Beweise für kriminelles Verhalten eingeordnet:
carries ist own momentum.‘‘ (Bartol& Bartol 2005, S. 180) - 1.Schizophrenie
- 2.Paranoia
2.6 Deindividuation - 3.Gefühlsschwankungen (schwere Depressionen)
Deindividuation kennzeichnet Verhaltensweisen die von Individuen in großen Menschenansammlungen - 4.Persönlichkeitsfehlstörung bezeichnet als antisozial personality disorder (apd)
oder Gruppen gezeigt werden. Einzelne Menschen scheinen ihre Individuelle Selbstkontrolle und die
damit verbundenen Moralischen Bedenken in großen Menschenmengen abzulegen, da sie in der Sicher-
heit der Gruppe nicht mehr identifizierbar und damit einhergehend nicht mehr beschuldbar sind. Deindi-
viduation wird weiterhin begünstigt durch Faktoren wie Dunkelheit, Masken und Uniformen.
3)Deindividuationskette nach Zimbardo :
-1. Präsenz vieler Menschen fördert Anonymität, Individuum bemerkt einen Identitätsverlust und tritt
der Gruppe bei.
3 Diskussion: Kriegsverbrecher = Psychopathen?
- 2. Das Individuum kann nicht mehr für sein eigenes Verhalten verurteilt, geschweige denn erkannt
werden.
Die Aussage, dass Kriegsverbrecher pauschal als Psychopathen abgehandelt werden können, muss
- 3. Dieser Zustand erzeugt einen Selbstbewusstseinsverlust und zu reduziertem Empfinden von Fremd-
abgewiesen werden. Sicherlich gab es in der für unsere Untersuchung zentralen NS- Zeit auch Täter,
einschätzung.
denen mentale Fehlstörungen attestiert werden konnten. Die Annahme, dass Aggression einzig
biologischen Ursprungs sei und sich genetisch im Verlauf der Evolution in menschlichen Strukturen
überdauert habe, darf jedoch nicht als einzige Erklärung für Kriegsverbrechen vorgehalten werden.
Vielmehr müssen bei der Suche nach Erklärungsansätzen vielfältige Einflussgrößen berücksichtigt
Deindividuationsexperiment nach Zimbardo werden. In diesem Zusammenhang spielen soziale und situationsabhängige Faktoren entscheidende
Zimbardo ließ zwei gebrauchte Fahrzeuge, die in vergleichbarem Zustand waren, 7 Tage in zwei Städten Rollen. Kriegszeiten und Diktaturen bringen Umwälzungen in das bestehende Soziale Gefüge einer
unbewacht abstellen. Eines der Fahrzeuge wurde in Manhattan, New York abgestellt, während das Gesellschaft. Oftmals sind die Zeiten vor Kriegseintritt oder Diktaturen durch politische,
andere in einer Kleinstadt (ca. 55.000 Einwohner) namens Palo Alto in Kalifornien stand. Zimbardo gesellschaftliche oder soziale Spannungen gekennzeichnet, die nur scheinbar erst im Endkonflikt zu
stellte die Hypothese auf, dass im Umfeld der Großstadt weit aus höhere Anonymität herrsche und dies Tage treten. Diktaturen ermöglichen ein Klima in denen sich Moralverstellungen und persönliche
sich in einer geringeren Selbstbeherrschung und größerer Moralvernachlässigung der Menschen im Grundsätze verschieben können. Im Fall des Naziregimes, fallen mir dazu z.B. ausgeklügelte Staatliche
Vergleich zu der Kleinstadt zeigen würde. Zimbardo vermutete für den Experimentsverlauf in der Propagandamaßnahmen ein, die mit Hilfe der Medien breite Maßen erreichten. Ich denke aber auch,
Kleinstadt, dass Faktoren wie familiäre Nachbarschaft und die Angst vor Gerüchten eine Rolle spielen dass einzelne Individuen in diesen Zeiten des Umbruchs bewusst neue Verhaltensmuster generierten, die
würden. Das Ergebnis ergab, dass der PKW in Manhattan, nach 26 stündiger Stehzeit vollständig sie während demokratischen Friedenszeiten nicht aufzeigten. Hierbei sehe ich Ansätze, die mit Mischels
ausgeschlachtet war. Das Fahrzeug in der Kleinstadt hingegen überstand die Woche ohne Schaden und Expectancy Theory in Verbindung gesehen können. Mischels Theorie besagt, dass ein Individuum seine
wurde sogar durch die Anwohner vor Schaden bewahrt. Handlungsweise am Endresultat und an den persönlichen Erwartungen ausrichtet, die sie beim

92 93
Metin Cimen

Aufzeigen des Verhaltens erwartet. Somit kann die These aufgestellt werden, dass breite
Bevölkerungsmaßen Gewalttaten und Morde in Kauf nahmen, da dieses Verhalten erstens persönlichen
Nutzen brachte und die Täter sich zweitens im Glauben wiegten, dass dieses Verhalten keine
persönlichen Konsequenzen nach sich zog.
Hinzu kommend im Fall der NS- Zeit ist ein hohes Maß an Autorität und Deindividuation. Die
systematische Ermordung von Tausenden von Menschen geschah systematisch unter der Regentschaft
von Staat und Militär in eigens dafür errichteten Infrastrukturen. Das streng hierarchisierte Machtgefälle,
dass dem Militär zu Eigen ist ermöglichte eine Situation in der Deindividuation vorherrschen konnte.
Strikte Anweisungen und Befehle wurden gegeben und befolgt. In späteren Anhörungen versuchten KZ-
Soldaten und Aufseher verübte Verbrechen zu rechtfertigen indem sie aussagten, sie hätten lediglich
Befehle befolgt und seien nicht Herr ihres Handelns gewesen. Deindividuation und Autorität können
nicht pauschal als einzige Begründung oder gar Rechtfertigung für begangene Kriegsverbrechen gelten,
jedoch als eine Komponente unter vielen einen Beitrag leisten, dass scheinbar irrationale Verhalten von
Kriegsverbrechern verständlich zu machen. Es muss festgehalten werden, dass schwache Individuen
möglicherweise nicht in der Lage waren sich gegebenen Befehlen zu widersetzen und das sie der
Ausnahmesituation in ihrem Handeln nicht gerecht werden konnten. Im Folgenden werden Faktoren
aufgezählt, die das Phänomen Deindividuation und Autorität ermöglichen und während der NS- Zeit
gegeben waren. Die automatisierte Ermordung geschah außerhalb der Gesellschaft, so dass Einzelne
Täter keine Auseinandersetzung mit Dritten eingehen mussten und dadurch möglicherweise die Furcht
vor persönlichen Konsequenzen verringert wurde. In Kombination mit der Tatsache, dass sich in den
Vernichtungslagern grob aufgeteilt nur Soldaten und Inhaftierte befanden, vermag dazu beigetragen zu
haben, dass die Deindividuationskette nach Zimbardo eintraf, dass Individuen durch begünstigende
Faktoren wie Uniformen, striktem Machtgefälle und der Abnabelung von der Öffentlichkeit ihre
Individualität und damit verbundene Ansichten und Moralvorstellungen ablegten und sich der Gruppe
der Täter anschlossen.
Zusammengefasst lässt sich feststellen, dass während der NS- Zeit und im speziellen in den
Konzentrationslagern ein Milieu entstand, indem einerseits, dass einzelne Individuum seine
Eigenverantwortlichkeit durch situative Rahmenbedingungen abstreifen und regelkonform agieren
konnte. Im Gegenzug muss jedoch aber auch berücksichtigt werden, dass Täter ihr Verhalten auch
bewusst an die Gegebenheit angepasst haben könnten um persönliche Ziele zu erreichen. Diese beiden
Ansätze zeigen, dass Kriegsverbrechen vielfältige Auslöser haben können und keinesfalls ein einzelner
Ansatz diesem komplexen Problem Rechnung tragen kann.

4 Literaturverzeichnis
Curt, R. Bartol & Anne M. Bartol. (2005). Criminal Behavior: A Psychosocial Approach,

94
Goldhagen und Gilbert - Erklärungsansätze Ivonne Fleischer

2 Stand der Forschung


Goldhagen und Gilbert - Erklärungsansätze Gustav M. Gilbert (* 1911 in New York; † 1977) promovierte 1939 an der Columbia University im Fach
Psychologie und betreute unter anderem die Angeklagten im ersten Hauptkriegs-verbrecherprozess in
Ivonne Fleischer; 5. Semester Nürnberg. In seinem Buch „The Psychology of Dictatorship“ beschreibt er unter anderem 3 Persönlich-
keitsstörungen, die seiner Meinung nach besonders zur Entwicklung krimineller Psychopathen beitragen.
Eine Persönlichkeitsstörung tritt dann auf, wenn Personen bestimmte Muster von inneren Erleben und
Verhalten zeigen, die deutlich von der Mehrheit der Bevölkerung abweichen. Diese Abweichungen zei-
gen sich im Wahrnehmen, Denken, Fühlen und in den Beziehungen zu anderen. Die 3 Persönlichkeitsstö-
rungen auf die Gilbert eingeht, ist einmal die paranoide Persönlichkeit, die aggressiv-narzistische und die
schizoide Persönlichkeit. Die Paranoide Persönlichkeit zeichnet sich durch ein überhöhtes Selbstwertge-
Zusammenfassung fühl aus. Sie neigt zu Missdeutungen und Verfolgungswahn, ist übertrieben empfindlich, nachtragend
und misstrauisch. Außerdem neigt sie dazu ihre eigenen Aggressionen auf Mitmenschen zu projektieren.
Wie war es möglich, dass so genannte normale Bürger während des Nationalsozialismus zu Massenmördern wurden? Die Erklä- Hitlers Aggressionen fanden zum Beispiel Ausbruch zuerst in der Propaganda, Verfolgung, in Krieg und
rungsansätze von Gilbert und besonders die von Goldhagen versuchten diese Frage zu beantworten. Gilbert untersuchte, welche Genozid und schlugen um in gewalttätiges, antisoziales Verhalten. Die schizoide Persönlichkeit ist freud-
Persönlichkeitsstörungen besonders zur Entwicklung von kriminellen Psychopathen beitragen und beschrieb am Beispiel Göring los, einzelgängerisch und unfähig zu Zuwendung oder Ärger. Bei sozialen Konflikten reagiert sie eher
die aggressiv-narzistische Persönlichkeitsstörung genauer. Einen anderen Erklärungsansatz lieferten Goldhagens Thesen. In mit Zurückgezogenheit und wenig Widerstand, sie verletzt die sozialen Werte eher auf passiver Weise
seinem Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ widerlegt Goldhagen gängige Erklärungsansätze für den Holocaust. Nicht sozialpsy- nicht mit Aggression. Die Teilnahmslosigkeit und Abgestumpftheit macht die schizoide Persönlichkeit
chologischer Druck, nicht Zwangsmittel des totalitären Staates brachten ganz normale Deutsche dazu Juden zu töten, sondern zum potentiell gefährlichsten Psychopathen. Die aggressiv-narzistische Persönlichkeit zu der auch Gö-
laut Goldhagen veranlassten die Vorstellungen, die viele Deutsche seit Jahrzehnten über Juden hatten, sie dazu Juden grausam ring gehört, akzeptiert die sozialen Bedingungen seiner Kultur nur, wenn seine egoistischen Bedürfnisse
und freiwillig zu ermorden.(Goldhagen, 1996) Am Beispiel des Polizeibataillons 101 erklärt Goldhagen die Einstellungen und befriedigt werden. Diese Persönlichkeiten haben ständig Fantasien von unbegrenztem Erfolg und ein
Handlungsweisen der Täter gegenüber den Juden und versucht zu zeigen, dass diese freiwillig und aus innerer Überzeugung übermäßiges Bedürfnis nach Bewunderung. Sie denken, sie seien etwas Besonderes, haben aber gleich-
handelten. Die Frage, ob wirklich der eliminatorische Antisemitismus als Hauptmotiv für den Holocaust gesehen werden kann zeitig ein sehr schwaches Selbstwertgefühl. In Situationen des sozialen Konfliktes identifizieren sie sich
muss kritisch hinterfragt werden und wurde unter anderem von dem Historiker C. Browning und im Praxisprojekt „Ganz norma- mit Gruppen, die die beste Basis zum Aggressionsabbau bieten. Hermann Göring, der als aggressiv-
le Menschen“ diskutiert. narzistische Persönlichkeit galt, beteiligte sich nicht an der Nazirevolution wegen der Ideologie, sondern
weil es eine Revolution war, die reine Lust am hohen, schnellen Leben, das heldenhafte Handeln bot ihm
einen Anreiz. Er wollte bewundert werden. Schon als Kind hatte er ein übermäßiges Bedürfnis nach
Aufmerksamkeit und fiel ständig negativ in der Schule auf. Seine natürliche Aggressivität schlug frühzei-
1 Einleitung tig in Leidenschaft fürs Militär um. Als Kind war sein Spielzeug dem Krieg gewidmet, er führte imaginä-
Das Praxisprojekt „Ganz normale Menschen“ untersuchte auf der Basis der klassischen Untersuchungen re Kämpfe, in denen immer er der Held war und stimulierte damit seine Fantasien. In Hitler sah er ein
von Lewin, Gilbert, Milgram und Zimbardo die Frage nach den psychischen Faktoren und entsprechen- Vorbild. Das Hauptmotiv was Göring antrieb sich an der Nazirevolution zu beteiligen war die Befriedi-
den Rechtfertigungsweisen im Hinblick auf die „Opfer-Täter Debatte“ am Beispiel des Holocaust im gung seiner Aggressionen und seines Narzismus, seine Gier und sein Statusstreben. Er benutzte das
Nationalsozialismus. Was waren das für Menschen und was hat diese ganz normalen Menschen dazu Schicksal des deutschen Volkes und die Naziideologie als Sprungbrett für seine privaten Ziele. Später
angetrieben so zu handeln und so ein Verbrechen zu begehen? Um Antworten auf diese Frage zu erhal- nahm Göring Drogen, um die grausamen Taten in den Massenvernichtungslagern zu ertragen und der
ten, untersuchten wir die Taten und das Verhalten der Täter vor Gericht. Speziell das Polizeibatallion Realität zu entfliehen. Göring galt allerdings als sehr intelligent, was durch einen Intelligenztest bestätigt
101, die Nürnberger Kriegsverbrecher und Eichmann boten einen Einblick was für Menschen daran be- wurde. (Gilbert, 1950) Die 3 Persönlichkeitsstörungen, die Gilbert aufführt, sind allerdings kein Beweis
teiligt waren. Eine Diagnostik zur Einschätzung der Persönlichkeit der Verbrecher wurde vorstellt. Ent- dafür, dass es geborene Kriminelle sind. Es spielt immer die soziale Interaktion und die Lebenserfahrung
sprechende Erklärungsansätze von Lombrosso, Bartol & Eysenck, die den Zusammenhang von kriminel- der Einzelnen eine entscheidende Rolle. Die Umwelt kann allerdings Antrieb für ein solch abweichendes
len Verhalten zur Persönlichkeit untersuchten, sind ebenfalls diskutiert worden. Goldhagen und Gilbert Verhalten sein, welches in einer Persönlichkeitsstörung mündet.
lieferten weitere Erklärungsansätze, warum ganz normale Deutsche zu Tätern werden konnten. Gilbert
Einen weiteren Erklärungsansatz bietet Daniel J. Goldhagen, der 1959 in Boston, Massachusetts geboren
greift noch einmal Persönlichkeitsbezogene Aspekte auf und erläutert drei verschiedene Persönlichkeits-
wurde. Der US-amerikanische Politologe und Assistenzprofessor der Harvard- Universität in Cambridge,
störungen, die besonders zur Entwicklung krimineller Psychopathen beitragen. Er zieht Hermann Göring
sorgte 1996 mit seinem Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ für eine erneute Diskussion um die Ursachen
als Beispiel heran. Der Schwerpunkt liegt hier allerdings bei den Erklärungsansätzen von Goldhagen, der
des Holocaust. Goldhagen versucht durch neue Betrachtungsweisen zu erklären wie und warum es zum
durch seine Thesen, versucht zu erklären, wieso sich nicht nur SS-Angehörige, sondern auch ganz nor-
Holocaust kommen konnte. Er bezieht sich dabei vor allem auf Fragen, die die Vollstrecker, den deut-
male Deutsche an der Judenvernichtung beteiligten. Wie war es möglich, dass so genannte normale Bür-
schen Antisemitismus und das Wesen der deutschen Gesellschaft während der NS-Zeit betreffen. Was
ger während des Nationalsozialismus zu Massenmördern wurden? Was war die Motivation der Täter?
für ein Leben führten die Vollstrecker und welche Handlungsweisen resultieren daraus? Warum waren
Warum waren die Männer brutaler, als es für die Erfüllung eines Befehls erforderlich war? Warum zeig-
die Deutschen damals von einem Drang beherrscht die Juden zu töten? Warum fand Hitler für sein Ziel -
ten die meisten eine erstaunliche Eigeninitiative und Freiwilligkeit bei der Verfolgung von Juden? Durch
die Vernichtung der Juden - so viel Unterstützer und warum traf er auf so wenig Widerstand? Wie konn-
Widerlegung von herkömmlichen Erklärungsansätzen versucht Goldhagen eine andere Sichtweise auf die
ten die Deutschen ein so beispielloses Verbrechen verüben und zulassen? (Goldhagen, 1996)
Motive der Täter zu lenken und betont dabei immer wieder, dass es sich um ganz normale Menschen
gehandelt hat. Goldhagen behauptet, dass gängige Erklärungen wie Gruppendruck, die Befehlsstruktur, das Eigeninte-
resse sowie bürokratische Kurzsichtigkeit der Täter, die Motive der brutalen Morde nicht hinreichend
erklären. Die Behauptung dass die Täter durch äußeren Druck und Befehl gezwungen wurden zu töten,
widerspricht Goldhagen. Seiner Meinung nach sind dies nur Schutzbehauptungen, denn Verweigerungen
95 96
Goldhagen und Gilbert - Erklärungsansätze Ivonne Fleischer

wären durchaus möglich gewesen. Es bestand die Möglichkeit sich von den Mordeinsätzen befreien zu ermorden, das erklärt wieso sich so viele freiwillig zu den Mordeinsätzen meldeten. Diese Vorstellung,
lassen und niemand wurde jemals wegen einer Verweigerung inhaftiert oder getötet. (Goldhagen, 1996) die die Täter von ihren Opfern hatten, ist eine entscheidende Ursache ihrer Mordbereitschaft. Sie brach-
Die Behauptung das die Täter unter sozialen und psychischen Druck der Kameraden standen entgegnet ten sogar als Rache für britischen, amerikanischen Bomben auf deutsche Städte, jüdische Kinder um.
Goldhagen, dass es zwar einen Konformitätsdruck gab, dieser aber eher das Verhalten Einzelner erklärt, Wenn sie nicht vom Antisemitismus geblendet gewesen wären, wäre das jedem als krankhaft erschienen.
aber nicht der Gruppe als ganzer. “Wenn aber grosse Teile einer Gruppe, von der Mehrheit ihrer Mitglie- Der Glaube an die Notwendigkeit und Gerechtigkeit des Völkermords, mobilisierte ihre Energie und
der ganz zu schweigen, eine Handlung ablehnten oder verabscheuten, dann müsste der psychische Druck ihren Pflichteifer und erklärt warum sich so viele freiwillig zu den Mordeinsätzen meldeten. Sie handel-
eher dazu führen, dass die Gruppe einzelne daran hindert, derartige Taten zu verüben; zumindest würde ten nicht gleichgültig, sondern hasserfüllt. Der Jude war in ihren Augen die Verkörperung des Teufels,
dann niemand dazu ermutigt.“ (Goldhagen, 1996) Auch das Argument, dass die Täter töteten um ihr der Dämon des Verfalls der Menschheit. Beim Töten waren sie zuerst schockiert doch dann war es nur
Karrierestreben zu befriedigen und ihre Eigeninteressen zu verfolgen ist nach Ansicht von Goldhagen noch Gewöhnung. Der Völkermord galt als normale Angelegenheit. Sie töteten Kinder, Frauen, Alte,
eher die Ausnahme, denn die meisten Mitglieder der Polizeibataillone waren eher ältere Dienstpflichtige, Kranke und jeder wusste, dass dies keinen militärischen Zweck verbarg. (Goldhagen, 1996)
denen eine Beförderung gleichgültig war. Das herkömmliche Erklärungsmuster der bürokratischen Kurz-
Nach Goldhagen handelte es sich also überwiegend um freiwillige, bereitwillige Vollstrecker. Die Batail-
sichtigkeit, dass die Täter das Ausmaß ihres Handelns nicht erkannten, erscheint ebenfalls wirklichkeits-
lone bestanden aus ganz normalen Deutschen, keine eingefleischten Nazis, es waren eher ältere und
fremd. Die Deutschen erschossen die Juden von Angesicht zu Angesicht und die meisten wussten genau
schon politisch sozialisierte Menschen, keine Psychopathen. Sie töteten obwohl sie nicht mussten. Sie
was sie taten. All diese Erklärungen sehen die Menschen nicht als solche, die moralische Entscheidungen
ergriffen die Initiative und sind ohne zu zögern und mit Eifer zu Henkern von Juden geworden. Die Täter
treffen können und Willenskraft besitzen, sondern als solche die nur von äußeren Kräften oder Eigeninte-
waren sogar Stolz auf ihre Taten. Dies demonstrierten sie deutlich durch Fotos, die die Männer zur Erin-
ressen bestimmt werden. Es lässt sich nicht erklären, warum Deutsche die Initiative ergriffen, warum sie
nerung an ihre Taten in Polen aufnahmen. Die Bilder zeigen Männer in fröhlicher, stolzer Pose, Männer,
über das notwendige Maß hinausgingen oder sich freiwillig für die Mordeinsätze meldeten. Die her-
die sich mit ihrer Aufgabe vollkommen in Einklang fühlten. Vorgesetzte teilten Ihnen jederzeit mit, dass
kömmlichen Erklärungsansätze ignorieren die nationalsozialistischen Ideologien der Täter, ihre morali-
sie sich von den Morden befreien lassen können. Doch der Grund der Freistellung war meist Ekel, kein
schen Werte und ihre Vorstellungen über die Opfer, welche nach Goldhagen eine entscheidende Ursache
moralischer Grund. Obwohl sie denkende Menschen waren, zu moralischen Urteilen fähig, und sich eine
ihrer Mordbereitschaft waren. Die Identität der Opfer spielt also eine entscheidende Rolle, wobei die
Meinung zu den Massenmorden bilden konnten, handelten sie bereitwillig und ohne Rücksicht. (Goldha-
Triebkräfte der Täter untersucht werden müssen. (Goldhagen, 1996)
gen, 1996)
Warum also waren die Täter bereit zu handeln und zu morden? Goldhagen formuliert dazu folgende The-
Goldhagen beschreibt das Handeln der Täter auch außerhalb des Genozid, um zu erklären, das es sich um
sen: "Wir müssen erkennen, was so lange von akademischen wie nichtakademischen Autoren generell
ganz normale Deutsche gehandelt hat. Sie hatten ein reges Kulturleben und eine normale intakte Familie. Es
vernebelt wurde: Die antisemitischen Auffassungen der Deutschen waren die zentrale Triebkraft für den gab Kameradschaftsvereine, Sportereignisse und Kasinos. Theater- und Kinobesuche sowie gesellige Abende
Holocaust. Sie lieferten nicht nur den zentralen Beweggrund für Hitlers Entschluss, die europäischen waren im Polizeibataillon keine Ausnahmen. Die emotionalen Bindungen zu ihrer Familie und die Diskussi-
Juden auszulöschen - eine These, die viele akzeptieren -, auf ihnen beruhte auch die Bereitschaft der onen über Moral standen im krassen Kontrast zu ihren blutigen Taten. Es handelte sich auch nicht um
Täter, Juden brutal zu misshandeln und zu töten. Die Schlussfolgerung dieses Buches lautet, dass der automatenhafte, vollkommen gehorsame Untergebene, da sie hin und wieder gegen einige Regeln ver-
Antisemitismus viele Tausende „gewöhnlicher“ Deutscher veranlasste, Juden grausam zu ermorden und stießen. Zu nennen sei hier das teilweise unsoziale Verhalten der Männer des Polizeibataillons, die durch
dass auch Millionen anderer Deutscher nicht anders gehandelt hätten, wären sie in die entsprechenden lautes Gelächter und Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen immer wieder die sozialen Regeln verstie-
Positionen gelangt.“ (Goldhagen, 1996) Goldhagen behauptet demnach, dass der eliminatorische Anti- ßen. Illegale Vorkommnisse wie das widerrechtliche jagen von Schwarzwild zeigen ebenso das es sich
semitismus die Motivation lieferte, sich an der Vernichtung der Juden bereitwillig zu beteiligen und so- nicht um streng gehorsame Untergebene gehandelt hat. Das Schicksal eines Hundes wurde dem des Ju-
mit Hauptursache des Holocaust ist. Goldhagen behauptet außerdem das die im Buch aufgeführten Täter den vorgezogen. Es wurde sogar Anzeige erstattet wegen Tierquälerei und Schlachtviehtransporten, wo-
repräsentativ für alle Deutschen sind, und weißt diesen im Grunde eine Kollektivschuld zu. „Wie die hingegen die Transportbedingungen der Juden keinen störten. Die Täter lebten also in einer Welt wo
Untersuchung der Rekrutierungsmethoden und ihrer demographischen Struktur ergeben hat, können, ja Nachdenklichkeit, Diskussion, Auseinandersetzung durchaus möglich waren, einige gingen sogar in die
müssen die Schlussfolgerungen aus dem Handeln der Polizeibataillone und ihrer Angehörigen auf das Kirche und beteten. (Goldhagen, 1996)
deutsche Volk insgesamt übertragen werden. Was diese ganz gewöhnlichen Deutschen taten, war auch
von anderen ganz gewöhnlichen Deutschen zu erwarten.“ (Goldhagen, 1996) Goldhagen ist also der Meinung, dass der Grund eines solchen Verhaltens, der seit Jahrhundert lang ge-
wachsene Antisemitismus ist, dass die Mörder ganz normale Deutschen waren und das auch jeder andere
Goldhagen versucht unter anderem am Beispiel des Polizeibataillons 101 seine Thesen zu untermauern Deutsche so gehandelt hätte.
und zu erklären auf welche Art und Weise und warum sie töteten. Was für ein Bild hatten die Täter von
den Juden? Um diese Frage zu beantworten beschreibt Goldhagen die Handlungen und Einstellungen der
Beteiligten gegenüber den Juden und ihre Handlungsweisen auch außerhalb des Genozids. Goldhagen
will außerdem damit zeigen, dass es sich um „normale Deutsche“ gehandelt hat, die freiwillige, bereit-
willige Vollstrecker waren und aus innerer Überzeugung handelten. Das die Juden als weniger Wert an- 3 Diskussion
gesehen wurden als andere Menschen ist bei dem Vergeltungsakt an Polen deutlich geworden. Bei die-
Goldhagen und seine Thesen sind von Historikern stark kritisiert worden und bieten breiten Diskussions-
sem Vergeltungsakt sind anstatt 200 Polen nur 78 getötet wurden und stattdessen Juden. Polen zu töten
stoff. Ich werde einige Diskussionspunkte von dem Historiker Christiopher Browning hier ansprechen.
galt als bedauerliche Notwendigkeit, bei den Juden zeigten sie jedoch keinerlei Hemmungen. Sie töteten
Browning untersuchte in seinem Buch „Ganz normale Männer“ ebenfalls wie Goldhagen am Beispiel des
Juden sogar mit Begeisterung, was daran deutlich wird, dass sogar die, die sie liebten (ihr Frauen), zuse-
Polizeibataillons 101 auf welche Weise und warum diese Durchschnittsdeutschen bereitwillig mordeten.
hen durften. (Goldhagen, 1996) Sie betrachteten ihre Opfer nicht als Menschen, sondern als ein Übel was
Die Motivationen, die die Männer zu Mördern machten schätzt Browning anders ein als Goldhagen.
beseitigt werden musste. Der Juden war für sie kein Sklave, kein politischer Umstürzler, kein Ketzer,
(Browning, 1996) Ich stimme Browning zu, dass ein ganzes Bündel von Einstellungen motivierend für
sondern seine bloße Existenz, der Anblick allein, reizten sie zu Gewalttätigkeiten. Sie töteten also nicht
diese Verbrechen gewesen sein muss. Browning hat im Gegensatz zu Goldhagen eine multikausale Er-
aus militärischer Notwendigkeit, sondern aufgrund eines Systems von Überzeugungen. Es gibt im Juden-
klärung der Motive angeboten. Für ihn waren Gruppendruck, Anpassung, Autoritätsgläubigkeit wichtige
tum nicht nur Verbrecher, sondern das Judentum stammt aus verbrecherischer Wurzel; die Vernichtung
Motive. Goldhagen widerlegt aber diese herkömmlichen Erklärungen was Browning kritisiert, da diese
des Judentums ist kein Verlust für die Menschheit. Die Deutschen glaubten an die Legitimität Juden zu
97 98
Goldhagen und Gilbert - Erklärungsansätze Ivonne Fleischer

Erklärungen seiner Meinung nach Teile eines gesamten Ansatzes sind. (Browning, 1996) Goldhagen Goldhagen, Daniel J., Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin 1996, S.
behauptet, wie wir festgestellt haben, dass der eliminatorische Antisemitismus die Ursache für den Holo- 15-40, 286-298, 313-327, 445- 471
caust ist. Goldhagen erklärt aber nicht warum dieser Antisemitismus in Deutschland grausamer war als
anderswo. Er beschreibt nur welches Verhältnis die Deutschen gegenüber den Juden hatten. Es waren
aber auch andere Länder an den Deportationen der Juden beteiligt. Kann man also von einem rein deut-
schen eliminatorischen Antisemitismus sprechen? Hat sich der deutsche Antisemitismus wirklich so sehr
von dem in andern Ländern unterschieden? Um das beantworten zu können, müsste man eine verglei-
chende Forschung des Antisemitismus auch in anderen Ländern durchführen. (Browning, 1996) Brow-
ning gibt an, und da stimme ich zu, dass Goldhagens Behauptungen eher auf einer emotionalen Wirkung
seiner Erzählungen gründen und kein wirklicher Vergleich sei. Goldhagen schildert zwar detailliert die
Grausamkeiten gegenüber den Juden, jedoch waren nach Browning die Grausamkeiten, die die Rumänen
und Kroaten begangen den Deutschen ebenbürtig und sogar noch schlimmer. Goldhagen behauptet, der
Antisemitismus beherrschte die Vorstellungswelt der bürgerlichen Gesellschaft. Aber ist eine Kultur des
Hasses die notwendige Voraussetzung für eine solche Kultur der Grausamkeiten? Dies ist eine wichtige
Frage die Goldhagen gestellt hat und die auch in Zukunft noch weiter erforscht werden muss. Goldhagen
und Browning sind sich allerdings einig darüber, dass es ganz gewöhnliche Deutsche waren, die sich an
dem Massenmord beteiligten und das ein hoher Grad an Freiwilligkeit vorhanden war. (Browning, 1996)
Goldhagens Widerlegung der herkömmlichen Erklärungsansätze wie Gruppendruck oder Eigeninteresse
der Täter, kann auch meiner Meinung nach nicht einfach hingenommen werden. Goldhagen gibt zwar
plausible Argumente, warum diese Erklärungsansätze das Handeln der Täter nicht ausreichend erklären,
aber insgesamt unterschätzt er meiner Meinung nach den Druck, den ein solches diktatorische System
erzeugen kann. Ich denke nicht, dass wie Goldhagen behauptet der deutsche Antisemitismus das alleinige
Motiv für das Verbrechen gewesen ist, sondern eher nur eines von vielen. Dass nicht allein der Antisemi-
tismus als Motiv angesehen werden kann, zeigen auch die Persönlichkeitsstrukturen einiger Verbrecher,
die ebenfalls eine bedeutende Rolle spielen. Göring zum Beispiel beteiligte sich nur am Genozid um
seinen Narzismus und sein Machtstreben zu befriedigen und nicht wegen der Naziideologie. Er hätte sich
wahrscheinlich auch an jeder anderen grausamen Tat beteiligt, wenn es eine Gruppe gegeben hätte, in der
er seine Aggressionen ausleben kann und in der er seine Gier nach Anerkennung hätte befriedigen kön-
nen. Die 3 Persönlichkeitsstörungen (schizoide, aggressiv-narzistische, paranoide P.), die Gilbert in die-
sem Zusammenhang aufführte, sind allerdings kein Beweis dafür, dass es geborene Kriminelle sind. Es
muss berücksichtigt werden, dass immer die soziale Interaktion und die Lebenserfahrung der Einzelnen
eine entscheidende Rolle spielt. Die Umwelt kann Antrieb für ein solch abweichendes Verhalten sein,
welches in einer Persönlichkeitsstörung mündet und muss deshalb mit in Betracht gezogen werden. Auch
psychologische Experimente wie das Milgram-Experiment oder das Standford Prison Experiment, wel-
ches wir im Zusammenhang unseres Praxisprojektes untersuchten, haben gezeigt, dass Menschen autori-
tären Anweisungen Folgen, auch wenn dies gegen ihre innere Einstellung oder Gewissen spricht. Der
Gehorsam kann demnach auch ein wichtiges Motiv darstellen und sollte nicht wie von Goldhagen unter-
schätzt werden.
Ich finde es allerdings wichtig, dass Goldhagen durch seine Behauptungen auf den Antisemitismus auf-
merksam gemacht hat und dass auch dieser nicht unterschätzt werden sollte, wenn man die Motive dieser
ganz normalen Menschen weiter erforschen will. Goldhagen hat uns mit seinen Ausführungen weitere
Kenntnisse über das eigentliche Ausmaß und das Handeln der Täter geliefert. Er hat uns nahe gebracht,
dass eben nicht alle Täter gegen ihren Willen gehandelt haben, sondern freiwillig und unter anderem der
Antisemitismus ein weiteres Motiv dafür ist. Goldhagens These, dass der eliminatorische Antisemitismus
das Hauptmotiv für den Holocaust gewesen ist, müsse also weiter hinterfragt werden und kann nicht als
alleiniges Motiv gültig sein.

4 Literaturverzeichnis
Browning, Christopher R., Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die "Endlösung" in Polen,
Rowohlt Verlag, Reinbek, 1996, S. 249-292
Gilbert, Gustav M., The Psychology of Dictatorship, New York, 1950, Kapitel 6, 7
99 100
Hannah Arendt und Theodor W. Adorno Jenna Oste und Thomas Petri

1 Einleitung
Hannah Arendt und Theodor W. Adorno Theodor W. Adorno und Hannah Arendt

Jenna Oste; 5. Semester


Thomas Petri; 5. Semester

Zusammenfassung
Im Zusammenhang des Praxisprojektes „Ganz normale Menschen“ stellte sich die Frage nach dem Bösen im Menschen. Vor
dem Hintergrund des Nationalsozialismus ging es darum zu klären, was dazu führte, dass sich dabei „ganz normale Menschen“,
also nicht ideologisch grundüberzeugte Nazis, an den unvorstellbaren Verbrechen des Holocaust beteiligten.

So beschäftigten sich auch Hannah Arendt und Theodor W. Adorno aufgrund ihrer biografischen Verknüpfung mit dem Natio-
nalsozialismus (s. u.) mit genau dieser Fragestellung, verfolgten bei ihren Untersuchungen allerdings vollkommen verschiedene
Vorgehensweisen.

Hannah Arendt untersuchte zunächst vor allem den Zusammenhang zwischen dem Verhalten des Individuums im politischen
System. Hier sollen besonders die Einflüsse, die, nach Arendt, die Gesellschaft auf die Moralempfindung des einzelnen Men-
schen ausüben, dargestellt werden. Arendt, die u. a. als Beobachterin bei dem Prozess gegen den NS- Haupttäter Adolf Eich-
mann anwesend war, bezog sich innerhalb ihrer Studien über das Böse und dessen Definition ausschließlich auf den Einzelfall
Eichmann. Sie prägte dabei den oftmals scharf kritisierten Begriff der „Banalität des Bösen“.

Anders als Hannah Arendt, verfolgte Theodor Adorno eine rein wissenschaftliche Betrachtungsweise des oben dargelegten
Themas. Es ging darum empirisch nachzuweisen, dass es Menschen mit gewissen Dispositionen gebe, die zu dem neigen, was
Adorno in seinem Werk „Der Autoritäre Charakter – Studien über Autorität und Vorurteil“ von 1950, eine ethnozentrische
Einstellung nannte. Konstatiert wurde das Vorhandensein von ethnozentrischen Einstellungen, es wurden quantifizierende Aus-
wertungen durchgeführt, antidemokratische Elemente gemessen, die Dynamik der voreingenommenen Charakterstruktur unter-
sucht, sowie die Psychodynamik des Antisemitismus erforscht– eines Phänomens, das sich laut Adorno aus der Beziehung von
Ethnozentrismus und Persönlichkeitsstruktur ergebe. Schließlich wurde auch sehr konkret auf die Syndrome der Voreingenom-
menheit bzw. spiegelbildlich auf die Syndrome der Vorurteilsfreien eingegangen indem die einzelnen Typen an Beispielen
verdeutlicht wurden.

Bilderquellen: Adorno (http://www.raffiniert.ch/sadorno.html),


Arendt (http://www.uni-heidelberg.de/presse/unispiegel/us06-05/inb.html); Tabelle 1: eigene Darstellung,

101 102
Hannah Arendt und Theodor W. Adorno Jenna Oste und Thomas Petri

Die Frage nach dem Bösen ist wohl eben so alt wie die Geschichte des Menschen und konnte bisher verbringen wünschen, abhängen werden.“ (Arendt, 2006, „Über das Böse“, S. 149) In wie weit die Mo-
trotzdem kaum erfasst oder gar beantwortet werden. Biologen, Mediziner, Philosophen, Politik- und So- ralvorstellungen eines Menschen von den Richtlinien der ihn umgebenden Gesellschaft abhängt, wird an
zialwissenschaftler, Psychologen oder Theologen – sie alle versuchen das Böse auf ihre Art und Weise Bespielen psychologischer Untersuchungen, wie z.B. der Studie von Milgram oder dem Stanford Ge-
zu greifen. So unterschiedlich die Wissenschaften sind, so unterschiedlichen fallen auch ihre Herange- fängnis Experiment deutlich. Auch hier wurden die, bis dahin für jedes Individuum geltenden Werte, wie
hensweisen aus. Während sich die Sozialwissenschaft oder Psychologie oftmals bemühen kriminelles, z.B. keine unschuldigen Menschen zu verletzen, durch die, in diesem geschlossenen System geltenden
aggressives, also böses Verhalten mit individuellen Entwicklungsgeschichten und sozialen Hintergrün- Normen und Anforderungen ersetzt. Nach Arendt war an den Ergebnissen dieser Untersuchungen also
den zu verknüpfen, wurden die Ursachen für ein solches Verhalten innerhalb der Medizin oder Biologie nicht eine im Menschen innewohnende Gewissenlosigkeit oder Bösartigkeit, sondern die Anpassung der
vor allem in genetischen und physikalischen Gegebenheiten gesucht. So wollte beispielsweise der italie- eigenen Vorstellung von rechten und unrechten Taten an das System Schuld. Anders gesagt: Wer sich in
nische Arzt und Psychiater Cesare Lombroso 1876 die typische Physiognomie eines Verbrechers mit der Gesellschaft von Mördern bewegt, wird zwangsläufig selber einer werden.
Metermaß und Zirkel ausgemessen haben. Die Religionen versuchen daneben weniger das Böse zu erklä-
Hannah Arendt beim Eichmann Prozess
ren, als vielmehr Möglichkeiten des Umgangs damit zu finden.
In wie weit das Einschätzen und Beurteilen des eigenen Handelns eines einzelnen Menschen von den
Allen gemein ist in jedem Fall die Frage nach der Definition des Begriffs. Was ist böse und was ist gut?
Vorgaben des Systems, also von Gesetzen, Befehlen usw., abhängig ist, konnte sie als journalistische
Liegt die Fähigkeit Gut von Böse zu unterscheiden, also das Gewissen, von Natur aus im Menschen ver-
Beobachterin beim Eichmann-Prozess untersuchen.
ankert oder lernt er diese Differenzierung erst durch sein Umfeld, z.B. durch das politische System, wel-
ches ihn umgibt? Gibt es das Böse, welches über den Menschen herrscht, oder ist der Mensch an sich Dem für die Organisation der Vertreibung und Deportation verantwortliche Adolf Eichmann wurde 1961
böse? Solche Fragen tauchen vor allem vor dem Hintergrund von Verbrechen auf, für die es keine be- nach seiner Festnahme in Argentinien der Prozess in Jerusalem gemacht, welcher schließlich, nach hun-
friedigenden Erklärungen gibt. Die unvorstellbaren Verbrechen des Nationalsozialismus stellen den derten Zeugen und 15 Anklagepunkten mit seiner Hinrichtung am 2. Juni 1962 endete.
Menschen vor eine kaum zu klärende Fragestellung: Wie konnte es zum Holocaust kommen? Das Ab-
schieben der Schuld auf ideologisch überzeugte Nationalsozialisten erweist sich schnell als zu oberfläch- Hannah Arendt verfolgte diesen Prozess von April bis Juni 1961 als Beobachterin, veröffentlichte paral-
lich, wenn man z.B. Ereignisse wie das Polizeibataillon 101, eine Einheit der deutschen Ordnungspolizei, lel dazu Reportagen in der Zeitschrift „The New Yorker“ und anschließend das Buch „Eichmann in Jeru-
untersucht, bei dem die Vollstrecker der Massendeportationen und –tötungen vorwiegend „ganz normale salem“. Darin beschrieb sie den aus ihrer Sicht erlebten Prozess und geht der Persönlichkeit Adolf Eich-
Menschen“ waren. Rein faktisch gesehen wäre der Nationalsozialismus ohne die Unterstützung Millio- manns und dessen Motiven nach. Damit erregte sie großes Aufsehen und eine Debatte über das Verste-
nen Deutscher nicht möglich gewesen. Sind alle Menschen also „potenziell böse“ oder gibt es bestimmte hen-wollen und das Verstehen-können des Bösen. Diese Kontroverse zwischen der einen Seite, für die
Bedingungen die für böses Handeln vorauszusetzen sind? Sind Verbrechen, wie die der Nazis, einmalige die Gefahr des Bösen gerade darin liegt es verstehen und nachvollziehen zu wollen und damit zu recht-
Fallbeispiele oder besitzt das Böse bestimmte Regelmäßigkeiten? Ist es vielleicht sogar messbar und fertigen und der anderen Seite, zu der Arendt gehörte, die dafür plädiert das Böse verstehen zu müssen
vorhersagbar? um es greifen und bekämpfen zu können. In ihrem Versuch das Böse zu ergründen ging es Arendt aller-
dings nicht darum zu verstehen, warum es das Böse gibt, sondern worin es besteht und darum eine „poli-
Sämtliche o. g. Fragestellungen sollen deshalb vor dem Hintergrund der Arbeiten von Hannah Arendt tisch-praktische Orientierungsmöglichkeit der Menschen in unserer Welt“ (Heuer, 2005, S.10) und kei-
und Theodor W. Adorno erläutert werden. nen philosophisch-theoretischen Erklärungsansatz zu finden.
Vor dem Beginn des Prozesses in Jerusalem wurde das Bestehen des Bösen allgemein in der Person,
2 Stand der Forschung besser gesagt in dem Monster Eichmann erwartet. Dass das erwartet große und dämonische Böse schließ-
lich von einem enttäuschend normalen 55-jährigen Mann mit Hornbrille ersetzt wurde, löste Irritation vor
Hannah Arendts Verständnis von der Moral allem in der jüdischen Bevölkerung aus. „Im Glaskasten des Jerusalemer Gerichts saß nicht der Teufel,
sondern ein nervöser Mensch mit einem Augentick.“ (Willnauer, 2005, S. 37) Dass aber Hannah Arendt,
Hannah Arendt setzte sich mit dem Begriff des Bösen vor allem im Zusammenhang zum Nationalsozia-
selbst Jüdin, diese Normalität des Massenmörders, mit dem Begriff der Banalität des Bösen unterstrich
lismus auseinander. Ebenso beschäftigte sich die jüdische Publizistin im Laufe ihrer stark politikwissen-
löste weitere, heftige Proteste aus.
schaftlich und geschichtlich geprägten Arbeit besonders mit der Fragestellung nach den Ursachen der
Entstehung eines solchen totalitären Systems und der Rolle des Individuums darin. Auch sie stellte sich Hannah Arendt und der Begriff des Bösen
also die Frage, warum sich neben den überzeugten Nationalsozialisten auch die „gewöhnlichen Leute“ an
den Verbrechen des Systems beteiligt hatte. In ihrem Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ welches erstmals 1951 in Amerika und 1955
in Deutschland erschien benutzte sie erst einmal ausschließlich den Begriff des radikalen Bösen. Die
In einer Vorlesungsreihe mit dem Titel „Über das Böse“, welche sie 1965 in New York hielt, versuchte schrecklichen Ereignisse der totalitären Herrschaft des Nationalsozialismus, die Vernichtungslager, führ-
sie sich genau diesem Problem vor den Geschehnissen des Dritten Reichs zu nähern und fragte worauf ten zu ihrer Annahme, „dass es ein radikal Böses wirklich gibt und dass es in dem besteht, was Menschen
sich die Moral gründet. Nach Arendt hatte das Naziregime den bis dahin gültigen Wertekanon und damit weder bestrafen, noch vergeben können. Als das Unmögliche möglich wurde, stellte sich heraus, dass es
sämtliche Moralvorstellungen mit einem Mal umgeworfen und durch sein „Recht“system ersetzt. Die identisch ist mit dem unbestrafbaren, unverzeihlichen radikalen Bösen, dass man weder verstehen, noch
Ausrichtung der Moral der Individuen innerhalb der Gesellschaft richtete sich seitdem also nach den erklären kann durch die bösen Motive von Eigennutz, Habgier, Neid, Machtgier, Ressentiment, Feigheit
erzwungenen Vorgaben der totalitären Herrschaft. So wurde das Morden z.B. von einem Verbrechen zu […]; dies konnte kein Zorn rächen, keine Liebe ertragen, keine Freundschaft verzeihen, kein Gesetz be-
einer moralischen Pflicht, wie es in Heinrich Himmlers Posener Rede vom 04.10.1943 heißt: „Wir hatten strafen.“ (Arendt, 2006, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, S. 941) Der Begriff des radikalen
das moralische Recht, wir hatten die Pflicht gegenüber unserem Volk, dieses Volk, das uns umbringen Bösen wurde von Kant in seiner Schrift »Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft« ein-
wollte, umzubringen.“ (http://www.nationalsozialismus.de/dokumente/textdokumente/heinrich-himmler- geführt. (vgl. Nordmann, 1994, S.83) Er sieht das radikale Böse im Wesen des Menschen verankert. Wie
posener-rede-vom-04101943-volltext) Arendt lehnte allerdings auch schon Kant Natur und Erbsünde als Ursachen für Böses ab und sah es eher
durch den freien Willen des Menschen und seine Selbstsucht begründet. In diesem Sinne lässt sich auch
Das Resümee der Vorlesung von Hannah Arendt war daher, „dass unsere Entscheidungen über Recht
Kants Kategorischer Imperativ verstehen, der genau dieses Böse zu vermeiden und die menschliche
und Unrecht von der Wahl unserer Gesellschaft, von der Wahl derjenigen, mit denen wir unser Leben zu
Selbstsucht zu umgehen versuchte. Doch wie soll man nach diesem Sittengesetz handeln, wenn, wie im
103 104
Hannah Arendt und Theodor W. Adorno Jenna Oste und Thomas Petri

totalitären System der Nazis, das Gesetz und die Moral der Gesellschaft verbrecherisch sind? Auch böse, aber, so Arendt, tat dies nicht intendiert. Mit Arendts eigenen Worten: “Außer einer ganz unge-
Eichmann griff im Laufe des Prozesses die Theorie von Kant auf und äußerte „er sei sein Leben lang den wöhnlichen Beflissenheit, alles zu tun, das seinem Fortkommen dienlich sein konnte, hatte er überhaupt
Moralvorstellungen Kants gefolgt, er habe nicht nur Befehlen gehorcht, er habe auch das Gesetz befolgt“ kein Motive [...] Er hatte sich nur, um in der Alltagssprache zu bleiben, niemals vorgestellt, was er ei-
(Arendt, 1986, S. 231) Eichmann selbst sprach vom „Kategorischen Imperativ für den Hausgebrauch des gentlich anstellte. [...] Es war gewissermaßen schiere Gedankenlosigkeit – etwas, was mit Dummheit
kleinen Mannes“, „in diesem ‚Hausgebrauch’ bleibt von Kants Geist nur noch die moralische Forderung keineswegs identisch ist -, die ihn dafür prädisponierte, zu einem der größten Verbrecher jener Zeit zu
übrig, […] den eigenen Willen mit dem Geist des Gesetzes zu identifizieren […] In Kants Philosophie werden. [...]“ (Arendt, 1986, S.56 f) ohne dabei Hass oder Aggression gegenüber Juden zu empfinden.
war diese Quelle die praktische Vernunft; im Hausgebrauch, den Eichmann von ihr machte, war diese
Sie sah die Banalität genau darin, „dass eine solche Realitätsferne und Gedankenlosigkeit in einem mehr
Quelle identisch geworden mit dem Willen des Führers.“ (Arendt, 1986, S. 233) Während Kant also for-
Unheil anrichten können als alle die dem Menschen vielleicht innewohnenden bösen Triebe zusammen-
derte keinem Gesetz blind zu folgen, solange man es nicht selber auf die Allgemeingültigkeit überprüft
genommen“ (Arendt, 1986, S.56) Sie meinte den Begriff banal nicht im wörtlichen Sinne, dass das Böse
hat, wurde dieses Gesetz bei Eichmann darauf geprüft, ob es mit dem Willen des nationalsozialistischen
einfach zu verstehen, gewöhnlich oder belanglos sei, was an der Wahl dieses Begriffes oft kritisiert wur-
Systems konform lief.
de. Kritiker greifen dabei das, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von Eichmann in Jerusalem für Han-
Während ihrer Zeit als Beobachterin beim Eichmannprozess änderte sich Hannah Arendts Denkweise nah Arendt unbekannte Sassen- Interview auf, bei dem Eichmann u. a. sagte: „Hätten wir 10,3 Millionen
über das Böse und sie distanzierte sich von der Theorie Kants, in dem sie behauptete: „Die abendländi- Juden getötet, dann wäre ich befriedigt und würde sagen, gut, wir haben einen Feind vernichtet. [...] Ich
sche Tradition krankt an dem Vorurteil, dass das Böseste, was der Mensch tun kann, aus den Lastern der war kein normaler Befehlsempfänger, dann wäre ich ein Trottel gewesen, sondern ich habe mitgedacht,
Selbstsucht stammt; während wir wissen, das das Böseste oder das radikal Böse mit solchen menschlich ich war ein Idealist gewesen.“(http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/499855/) Für die Kritiker
begreifbaren, sündigen Motiven gar nichts mehr zu tun hat.“ (Arendt & Jaspers, 1985, S. 202 f.) bedeutete Arendt Begriff der Banalität demnach eine Verharmlosung und Entschuldigung des Verhaltens
Eichmanns. Hannah Arendts Intention war allerdings eine andere. Sie wollte Eichmanns Taten weder
Die Ursachen des Bösen sieht Arendt vor allem in zwei anderen Punkten: erstens in der Bekämpfung der
verharmlosen, noch entschuldigen, im Gegenteil. Sie „hielt das Todesurteil für notwendig“ (Arendt,
Pluralität und zweitens in der Gedankenlosigkeit.
1986, S. 24) und stellte Schuld nicht in den Zusammenhang mit subjektiven Vorstellungen, sondern mit
Pluralität, also akzeptierte Individualität, stellte für Arendt eine Notwendigkeit zur Existenz des Men- objektivem Handeln. Hannah Arendt selbst argumentierte folgendermaßen: „Eine meiner Hauptabsichten
schen innerhalb der Gesellschaft dar. „Pluralität verwirklicht sich im Nachdenken über- und Sprechen war, die Legende von der Größe des Bösen, von dessen dämonischer Macht zu zerstören, den Leuten die
miteinander und in der Spontaneität. Wo sie schwindet […] tritt an die Stelle der Gemeinsamkeit die Bewunderung, die sie für die großen Bösewichter wie Richard III. und so weiter hegten, zu nehmen. Da
Einsamkeit […]; es tritt an die Stelle des Sprechens die Stummheit; es tritt an die Stelle des Nachdenkens fand ich bei Brecht die folgende Bemerkung: die großen politischen Verbrecher müssen preisgegeben
die Gedankenlosigkeit und schließlich an die Stelle des Sinns die Zwangsläufigkeit der Logik.“ (Heuer, werden, insbesondere der Lächerlichkeit. Sie sind nicht große politische Verbrecher, sondern Menschen,
2005, S.6) Durch die Gleichschaltung von Individuen und die eingeschränkte Kommunikation, wie sie in die große politische Verbrechen zuließen [...] Dass Hitler erfolglos war, zeigt nicht an, dass er ein
totalitären Systemen oftmals erzwungen wird, wird also das Böse möglich. Dummkopf war, und das Ausmaß seiner Unternehmungen machte ihn nicht zu einem großen Mann. Die-
se ganze Kategorie der Größe trifft nicht zu. [...] Wenn Sie unter diesen Gegebenheiten Ihre Integrität
Die Banalität des Bösen behalten wollen, dann können Sie das nur, wenn Sie sich an die altgewohnte Weise, solche Dinge zu
Während Arendt zunächst also wie Kant vom radikalen Bösen sprach, argumentierte Arendt seit ihrer betrachten, erinnern und sagen: Was er tut oder auch nicht tut, und wenn er zehn Millionen Menschen
Beobachtungen beim Eichmannprozess gegen diesen Begriff und führte stattdessen einen Anderen ein. tötete, er ist und bleibt ein Clown.“ (Arendt, 1996, Fernsehgespräch mit Roger Errera)
"In diesen letzten Minuten", schrieb Hannah Arendt als Kommentar zu Eichmanns Schlussworten vor
seiner Hinrichtung "war es, als zöge Eichmann selbst das Fazit der langen Lektion in Sachen menschli-
cher Verruchtheit, der wir beigewohnt hatten – das Fazit von der furchtbaren Banalität des Bösen, vor
der das Wort versagt und das Denken scheitert." (Arendt, 1986, S. 371)
Theodor W. Adorno
Sie erkannte, dass das größte Böse „nicht radikal [ist], es hat keine Wurzeln, und weil es keine Wurzeln
Gänzlich verschieden, stellt sich nun die Herangehensweise Adornos dar. Im Gegenteil zu Arendt ver-
hat, hat es keine Grenzen, kann sich ins Unvorstellbare Extrem entwickeln und über die ganze Welt aus-
suchte er nicht, die Frage „Was ist das Böse?“ an einem Einzelfall zu klären, sondern widmete sich viel-
breiten.“ (http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/499855/) Arendt setzte zur Beschreibung der
mehr der Untersuchung die Gemeinsamkeiten und Regelmäßigkeiten bei Menschen, die zu bösen Eigen-
fehlenden Tiefe des Bösen neben dieser noch eine andere Metapher ein. In einem Brief an Gershom
schaften und Handlungen tendieren, herauszufinden. Prominent ist bei ihm der Begriff des Ethnozentris-
Scholem schrieb sie dementsprechend: „Ich bin in der Tat heute der Meinung, dass das Böse immer nur
mus, der empirisch belegt werden soll um eine Generalisierbarkeit zu erlauben.
extrem ist, aber niemals radikal, es hat keine Tiefe, auch keine Dämonie. Es kann die ganze Welt ver-
wüsten, gerade weil es wie ein Pilz an der Oberfläche weiterwuchert.“ (http://www.hannah- Doch stellt sich die Frage, was eine ethnozentrische Einstellung eigentlich bedeutet. Was implizieren
arendt.de/preistraeger/preis_2001_3.html) Dieser Pilz sei resistent gegen Gedanken, da er nur oberfläch- ethnozentrische Neigungen?
lich und nicht in der Tiefe, dort wo die Gedanken hinstreben, existiere. Diese Gedankenlosigkeit, d. h.
Laut Adorno war Ethnozentrismus eine konstante mentale Struktur im Verhältnis zu Fremden überhaupt.
Unfähigkeit zu Denken und zu Urteilen war für Hannah Arendt, neben der Ablehnung von Pluralität, das
Wer diese fremdartigen Menschen sind, was sie tun oder wie sie sich bemerkbar machen, ist zunächst
zweite wichtige Merkmal des Bösen. Die Gefahr der Oberflächlichkeit, also des nicht Ver-, sondern
unbedeutend. Es geht um Gruppen bzw. um Gruppenbeziehungen allgemein und die Einstellung des
Entwurzeltseins erkannte sie vor allem in der Struktur der Massengesellschaft. „Das Hauptmerkmal der
Individuums zu diesen Gruppen. Des Weiteren ist der Ethnozentrismusbegriff ein Konstrukt, welches
Individuen einer Massengesellschaft ist nicht Brutalität oder Dummheit oder Unbildung, sondern Kon-
Gruppenbeziehungen, Verhalten Gruppen gegenüber, sowie Umweltverhalten erklärt. Er ist mithin ein
taktlosigkeit und Entwurzeltsein.“ (Arendt, 2006, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, S. 682) In
System von Auffassungen zur Eigen- ebenso wie zur Fremdgruppe, wobei die Haltung zu Eigengruppe
Eichmann erkannte sie diese Gedankenlosigkeit eben an seinem blinden Gehorsam und seiner Unfähig-
dabei unkritisch-positiv, jene zu Fremdgruppe jedoch von feindlich-negativen Vorstellungen geprägt ist.
keit sein Handeln selbst zu überdenken und zu beurteilen (s. o. „Kategorischen Imperativ für den Haus-
gebrauch des kleinen Mannes“). Eichmann, wie jeder Mensch, war nicht von sich aus böse, seine Taten Um diese Diskrepanzen im Verhalten sichtbar zu machen, entwickelten Adorno et al. die sog. Ethno-
aber waren es, weil er nicht selbstständig über sein Handeln nachdenken wollte oder konnte. Er handelte zentrismus- Skala: „Die E-Skala ist darauf angelegt, die Bereitschaft eines Individuums zu messen, das

105 106
Hannah Arendt und Theodor W. Adorno Jenna Oste und Thomas Petri

ethnozentrische Meinungs-Verhaltenssystem als ein Ganzes zu bejahen oder zu verneinen“ (Adorno et al. - Abwehr der Intrazeption (Abwehr gegen alles Innerliche, Subjektive)
1953). - Aberglaube und Stereotypie (Glaube an geheime Fremdbestimmung des Subjekts bzw. Dispo-
sition zu starren Denkmustern)
Dafür wurde ein spezieller Fragenkatalog entworfen, der im weiteren Verlauf der Studien, durch diverse
- Macht und Robustheit (Herrschaft - Untertänigkeit, stark – schwach, Führer – Gefolgschaft
Subskalen noch verfeinert, modifiziert und vereinfacht wurde. Außerdem entstand ein einheitlicher Be-
derartige Beziehungsmuster stehen im Vordergrund des Denkens)
wertungs- und Beantwortungsmaßstab.
- Destruktivität und Zynismus (verallgemeinerte Feindeinstellung, projiziert auf alles Fremde)
Ein Unterfall des Ethnozentrismus, der Antisemitismus, wurde gesondert untersucht und erbrachte die - Projektion (Übertragung von wilden, gefährlichen Triebimpulsen auf die Außenwelt)
Antisemitismus-Skala, welche die eventuellen Unterschiede zwischen einer antisemitischen und einer im - Sexualität (übertriebene Beschäftigung mit sexuellen Vorgängen)
Allgemeinen ethnozentrischen Haltung herausstellen sollte.
Adorno befand dazu: „die Variablen bilden zusammen ein Syndrom, d.h. ein mehr oder weniger stabiles
Gemeinhin ließ sich konstatieren, dass der ethnozentrischen Struktur eine konsequent zustimmende oder Gefüge innerhalb der Struktur des Charakters, wodurch das Individuum für antidemokratische Propa-
ablehnende Haltung zum Ethnozentrismus bzw. eine allgemeine Richtung des Denkens über Gruppen zu ganda anfällig wird“ (Adorno et al., 1953).
Eigen ist. Dazu gehörte maßgeblich die Identifikation bzw. Kontraidentifikation mit bestimmten Grup-
pen, da die Grundlage sozialen Denkens für Ethnozentrische, die Unterscheidung von Fremd- und Ei- Es stellte sich schließlich heraus, dass die Ergebnisse der einzelnen Skalen durchaus in Beziehung zuein-
gengruppe ist, wobei Personen nach ihrer Gruppenzugehörigkeit kategorisiert werden und nicht als Indi- ander zu stehen schienen. Besonders hervorzuheben ist, dass es eine starke Korrelation zwischen der sog.
viduum gesehen werden können. Dies aber ist, was die Eigengruppe betrifft, durchaus kein konsistentes Faschismus-Skala und der Ethnozentrismus-Skala gab. Nur mäßig, aber dennoch signifikant, war der
Verhaltensmuster, sondern unterliegt vielerlei Stufungen, denn sobald es sich um Innenbeziehungen han- Zusammenhang von Ethnozentrismus und wirtschaftlich-politischem Konservatismus.
delt, zerbricht das „wir“ der Eigengruppenbeziehung sofort. Man kann also sagen, die Welt des Ethno-
Dies bedeutet nichts anderes, als dass jemand, der faschistoid denkt, mit großer Wahrscheinlichkeit auch
zentrikers besteht aus einer Serie konzentrischer Kreise um einen Mittelpunkt, wobei jede Grenze zwi-
ethnozentrisches Gedankengut hegt.
schen diesen Innenkreisen für eine Eigen-Fremdgruppen-Beziehung steht. Beispielhaft sei hier dies: “
die Weißen, die Amerikaner, die geborenen Amerikaner, die Christen, die Protestanten, die Kalifornier, Es war also eine Linie sichtbar geworden, die eine Durchgängigkeit in der Charakterstruktur der Befrag-
meine Familie und schließlich ICH“ (Adorno et al. 1953) ten zeigte, wie sie zuvor noch nicht evident gewesen war.
Was zeichnet nun wiederum Fremdgruppen im Unterschied zu Eigengruppe in der Sicht des Ethno- Weitergehende Untersuchungen beschäftigten sich mit der Dynamik der voreingenommenen Charakter-
zentrikers im Detail aus? struktur, wobei die zentrale Fragestellung lautete: Welche Faktoren sind wesentlich für das Entstehen
einer antisemitischen Haltung?
Die Fremdgruppe wird generell als minderwertig angesehen und abgelehnt, was sich aus unterschiedli-
chen Annahmen über diese speist. So wird beispielsweise angenommen, dass die Fremdgruppe, obwohl Es wurden im Folgenden vier Hypothesen für eine feindliche Haltung gegenüber Fremdgruppen aufge-
sie schwächer als die Eigengruppe eingeschätzt wird, stets eine potentielle Bedrohung für die öffentliche stellt, unter denen die Juden wohl seit eh und je eine exponierte Stellung zu haben scheinen.
Sicherheit und Ordnung, sowie für die Lebensweise des Ethnozentrikers darstellt. Daher ist es aus seiner
Es ging dabei zum einen um das Gefühl, in der Vergangenheit unter Entbehrungen gelitten zu haben (I),
Sicht nur konsequent, die Fremdgruppe zu unterdrücken, zu kontrollieren oder gar zu vernichten. Die
sowie um die Angst vor einer Verschlechterung der persönlichen Situation (II). Dazu kam eine mangeln-
natürliche Hierarchie die dabei angenommen wird, erscheint dem Ethnozentriker als unumstößliches
de Ich-Stärke und unzureichende Überwachung irrationaler Gefühle, welche nach Adorno potentiell zu
Gesetzt. Für ihn existiert Gleichberechtigung nicht und Machtkämpfe bzw. Auseinandersetzungen sind
einem Abwälzen von Verantwortung für erlittenes Missgeschick auf eine Fremdgruppe führt (III). Au-
nur logisch und nicht beendbar. Sie sind Erscheinung, von deren ewiger Existenz der Ethnozentriker
ßerdem wird die Intoleranz fördernde Tendenz zu verminderter sozialer Beweglichkeit genannt (IV),
überzeugt ist. Demgegenüber steht die Eigengruppe, welche sich in einer „verdienten“ Machtposition
welche auf eine enge Beziehung von Ethnozentrismus und der Beweglichkeit im sozialen Raum hin-
befindet. Sie gilt überhaupt als fähiger, überlegen und moralisch integer. Ihr gilt Gehorsam, Loyalität
weist.
sogar blinde Subordination, die sich in absolute Konformität steigern kann. Dieses unkritische Idealisie-
ren findet seinen Ausdruck in Aussagen wie „Blut ist dicker als Wasser“ u. ä. (Adorno et al., 1953). Zur eingehenderen Betrachtung der Psychodynamik des Antisemitismus wurden Symptome, Prädisposi-
tionen, „genetische“ Aspekte und Abwehrmechanismen postuliert.
Um die Probanden des Versuchs noch genauer zu untersuchen und evtl. Parallelen zu finden, wurden
quantifizierende Auswertungen vorgenommen. Mittels klinischer Interviews, einem Thematischen Ap- Zu den Symptomen ist zu sagen, dass Antisemitismus in keinem Fall eine Begleiterscheinung einer be-
perzeptionstest (TAT) und weiteren projektiven Fragen, sollten Strukturen gefunden werden, die im stimmten Art der Persönlichkeitsstörung ist. Er fand sich jedoch in ausgeprägter Form bei verschiedens-
Sinne der Messung verwertbar waren. Es wurde eigens eine Skala zum Erfassen antidemokratischer E- ten Psychoneurotikern (unspezifische, sado- masochistische, Psychopathen, Psychotikern). Deren Be-
lemente erstellt, mit eigenen Variablen und Fragen. Ziel war eine spezielle Faschismus-Skala, die schwerden manifestieren sich in Gefühlen von Unsicherheit, Einsamkeit, Verwirrung, sowie dem Un-
Versatzstücke der schon entwickelten Skalen enthielt und zusätzlich mit dem o. g. Interviewmaterial, den vermögen Beziehungen jedweder Art zu knüpfen. Außerdem zeigte sich die Neigung, jegliches Missge-
TAT-Ergebnissen und ausgewählten Fragen, angereichert war. Es ließen sich daraus folgende Variablen schick der Umwelt anzulasten (sic!). Dabei nahm die Intensität der antisemitischen Haltung mit dem
isolieren, die als zentrale Tendenzen des ethnozentrischen Charaktertyps angesehen werden können: Ausmaß der psychischen Störung zu. Allerdings scheint erwähnenswert, dass das Objekt der Feindselig-
keit beliebig austauschbar erscheint!
Für diese Auswüchse verantwortlich gemacht wurden eine Reihe von Prädispositionen: Klassischer Wei-
se sind es wieder die Angst vor Unangenehmem bzw. ein ständiges Bedrohungsgefühl durch die Außen-
- Konventionalismus (starres Gebundensein an Konventionen) welt, sowie eine Verwirrung der Selbstauffassung, in der das Ich keinen Schutz vor der Umwelt bietet, da
- Autoritäre Untertänigkeit (unkritisches Verhalten gegenüber idealisierten moralischen Autori- es keine Abgrenzung von Selbst und Umwelt, aufgrund fehlender Ich-Identifikation, gibt. Dabei kommt
täten der Eigengruppe) es zu Orientierungslosigkeit und Schwanken zwischen einem Gefühl der Macht einerseits und völliger
- Aggressive Autoritätssucht (Tendenz Individuen zu suchen, die gegen konventionelle Regeln Ohnmacht andererseits. Ebenso sind die zwischenmenschlichen Beziehungen, aufgrund der unsicheren
verstoßen, diese zu verurteilen und zu bestrafen) und verwirrten Selbstvorstellung, empfindlich gestört und es besteht ein starkes Konformitätsbedürfnis,
107 108
Hannah Arendt und Theodor W. Adorno Jenna Oste und Thomas Petri

also ein betontes, aber genauso hohles und oberflächliches Anpassen an Gruppennormen, das nicht aus
einem Zugehörigkeitsbedürfnis sondern aus der Angst „anders“ zu sein hervorgeht. Vom Anders-Sein auf die an dieser Stelle jedoch nicht gesondert eingegangen werden soll.
anderer (z.B. vom betonten Anders-Sein eines Juden), fühlt sich ein solches Individuum indes ständig
provoziert. Zudem trägt es ein verdrängtes Gewissen in sich und ihm fehlt ein moralisches Wertesystem.
Im Verlauf wurden noch weitere Prädispositionen ausgemacht, aber weiterhin Genetische Aspekte ge-
nannt. Es sind die Beziehung zwischen den Eltern, die Eltern-Kind-Beziehung und der Oedipus-Konflikt.
3 Diskussion
Auch bei der Beschreibung der Abwehrmechanismen verbleibt die Untersuchung ganz dem Freud’schen Adorno et al. waren die ersten, die zum Thema der Autoritären Persönlichkeit eine derart ausführliche
Duktus und dessen Idee von der Strukturtheorie der Persönlichkeit verhaftet. und breit angelegte Studie durchführten. Diese Ergebnisse waren wegweisend, zumal die Forschung zu
eben jenem Felde, seiner Zeit nur Ansätze vorzuweisen hatte. Genau so führte Hannah Arendt als Erste
Hier sind es Projektion, Verleugnen, Reaktionsbildung und die Introjektion, mit welchen sich das betref-
den Begriff der Banalität des Bösen ein. Diese beiden ehrgeizigen Forschungsprojekte, welche bei Ador-
fende Individuum Abhilfe verschafft.
no nach mehrjähriger Arbeit „The Authoritarian Personality“ bzw. bei Arendt nach der Berichterstattung
Um eine vermutete Beziehung von Ethnozentrismus und Persönlichkeitsstruktur zu finden, wurde noch des Prozesses „Eichmann in Jerusalem – Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ erbrachte, lieferten
der zusätzliche Versuch unternommen, mittels konventioneller psychiatrischer Klassifikationen, Relatio- damit zwei der bis heute herausragendsten Werke auf dem Gebiet der empirischen Sozialforschung. So
nen zwischen Ethnozentrismus und bestimmten Typen psychischer Erkrankungen herzustellen. war es nur logisch, dass diese Veröffentlichungen eine beträchtliche Anzahl von Publikationen jedweder
Art nach sich ziehen würden. Dies bedeutete aber auch teils fundamentale Kritik, die es hier aufzufassen
Dazu untersuchte man eine Reihe von Einzelfällen vollständig, d.h. mit Hilfe von TAT, klinischen Inter- und näher zu beleuchten gilt.
views, dem Erfragen persönlicher Daten und Entwicklungen, Anamnese der Haupt-Beschwerden und
einem obligatorischer Ethnozentrismus- Test. Wichtig zu erwähnen ist dabei, dass die Probanden für Wie bereits erwähnt finden sich die Theorien von Hannah Arendt in den Ergebnissen zahlreicher anderer
dieses Unterfangen eine klinische Behandlung erhalten hatten, in diesem Sinne also psychisch Kranke Untersuchungen wieder. Das Empfinden einer Moral, nach denen ein Mensch Gut und Böse definiert,
waren. folgt nach Arendt aus den Normen und Werten der Gesellschaft die ein Individuum umgibt. Weiterhin
stellte Hannah Arendt heraus, dass das banale Böse genau dann auftritt, wenn die Pluralität schwindet
Bei den Auswertungen trat hervor, dass einige dieser Patienten besondere Tendenzen aufwiesen und und das Selber- Denken der Menschen ausgeschaltet ist. Arendt sah besonders in der modernen Massen-
zwar jene, die sich bei Auswertung im hohen Quartil der Ethnozentrismus- Skalen- Ergebnisse wieder gesellschaft und deren Arbeitsteilung die Gefahr zu anti- individuellen und nicht- denkenden Menschen,
fanden, mithin ethnozentrische Einstellungen besaßen. zu denen eben unter anderem das „Paradebeispiel“ Eichmann gehörte. In Untersuchungen wie denen von
Auffällig war die Betonung somatischer Symptome, d.h. das Zentrieren auf physische Beschwerden aus Milgram oder dem Stanford Gefängnis Experiment konnte genau dies wieder gezeigt werden. Bei diesen
Angst „verrückt zu sein“, bzw. Angstvorstellung über die Integrität von seelischen und körperlichen Simulationen befanden sich die Versuchspersonen in einer in sich geschlossenen Gesellschaft mit ihren
Funktionen, dazu eine starke Intrazeption, was das Ableugnen einer psychischen Störung überhaupt eigenen Normen und Gesetzen. Schon schnell konnte dort erkannt werden, dass, wie Arendt sagte, sich
meint, wobei nicht der eigentliche Konflikt Inhalt der Beschwerde sein soll, sondern die Fehlfunktion die Individuen mit ihren bis dahin bestehenden Werten an die der „neuen“ Gesellschaft anpassten. Es
(Psychosomatik) selbst. Außerdem kam eine Form von „Ich-Entfremdung“ zum Tragen und zwar derge- lässt sich vermuten, dass sich durch die exakte Verteilung von Rollen und Aufgabenbereichen, die den
stalt, dass Selbstanschuldigungen, Verdrängung und eine Ich-Fremdheit der Symptome erlebt wurden, Versuchspersonen dabei zugewiesen wurden, die Pluralität innerhalb dieser simulierten Gesellschaften
gepaart mit der veräußerlichten Theorie über Auftreten und Grund der Krankheit. Weitere Indizien liefer- minimierte. Die Personen verfolgten während der Studien nicht ihre eigenen Ziele, sondern versuchten
ten überdies Angaben über die Beziehung zum Elternhaus, an dem keine Kritik gewagt wurde. den Ansprüchen des Experiments nach zu kommen. So sah auch Hannah Arendt in Eichmann ein solche
Nicht-Person, der die Aufgaben, die ihm durch das System auferlegt wurden, nicht hinterfragte und aus-
Wie deutlich wird, rekurrierte Adorno in seinen Ausführungen und Interpretationen sehr stark auf Freud, führte. Dass die Versuchspersonen beim Milgram- und Stanford-Experiment zu den bekannten, extremen
was nicht zuletzt vor dem Spiegel der damaligen Zeit (kurz nach dem II. Weltkrieg, Ende der 40er-, Be- Handlungen bereit waren, lässt sich also mit Hannah Arendts Theorie über die Moral und durch die von
gin der 50er-Jahre) gesehen werden muss. ihr benannten Voraussetzungen für das banale Böse erklären. „Dass es dabei nicht in erster Linie um den
Schließlich formulierte man die konkreten Syndrome der Voreingenommenheit: autoritären Charakter oder psychische Fehldispositionen geht, kann einleuchtend aus
organisationstheoretischer Perspektive erklärt werden. Demnach wird in jeder modernen bürokratischen
- Oberflächenresentiment Organisation von den Mitgliedern ein Konsens erwartet, der einen frühzeitigen Widerspruch
- der „Konventionelle“ unwahrscheinlich macht. Wer dabeibleiben will, muss mitmachen, wer aber erst einmal mitmacht, dem
- das „autoritäre Syndrom“ fällt es schwer, später auszusteigen, der verstrickt sich selber immer mehr in einer Einheit von Tat und
- Rebell und Psychopath Verantwortung.“ (Heuer, 2005, S.13)
- der Querulant
- manipulativer Typus Zwar waren auch die gemachten Versuche von Adorno replizierbar und brachten Ergebnisse, dennoch
kann von einer Generalisierbarkeit kaum die Rede sein. Es scheint daher geboten, die Bewertungsskalen
der Fragebögen zur Antwortgewinnung, aber ebenso die Probandenauswahl einer eingehenderen Be-
trachtung zu unterziehen. Außerdem sollten die theoretischen Rückbindungen und Annahmen, die der
Sowie die Syndrome der Vorurteilsfreien: gesamten Studie zu Grunde gelegt waren, nicht außer Acht bleiben.

- der „Starre Vorurteilsfreie“ Zunächst darf nicht unerwähnt bleiben, dass die Antwortskalen alle positiv formuliert waren, mithin an-
- der „Protestierende“ fällig für Tendenzantworten bzw. für die sog. „Ja-Sage-Tendenz“ (Christie und Jahoda, 1954). Dies führ-
- der Impulsive te zu überhöhte Punktwerten und legt den Schluss nahe, dass so faschistoide oder autoritäre Elemente
- Laisser-aller gemessen wurden, die es eigentlich nicht gab. Bei Adorno heißt es dazu „Das hier angewendete Verfah-
- echter Liberaler ren unterscheidet sich vom allgemein üblichen außerdem dadurch, dass die Skala nur „negative“ Sätze
enthält, d.h. alle bejahen die ethnozentrische, eben die negativ zu bewertende Einstellung. Dadurch wird
109 110
Hannah Arendt und Theodor W. Adorno Jenna Oste und Thomas Petri

eine deutlichere Trennung der Meinung provoziert“ (Adorno et al., 1953, S.93), ob dies wirklich durch- Nach Hannah Arendt ist der Mensch nicht von Natur aus gut oder böse. Wie bereits erläutert lässt ihn
gängig der Fall sein kann, bleibt zweifelhaft, eine Argumentation schwach. Die stark autoritären Ergeb- erst die Gesellschaft die Unterscheidung zwischen Recht und Unrecht erfahren. Arendt betrachtete stets
nisse, wurden als Beweis der postulierten Theorie gewertet. Jedoch fand eine eigentlich Rückbindung vor allem die Einflüsse des Systems, die auf das Individuum wirken. Entscheidend für die Empfindung
von theoretischem Konstrukt und den Messergebnissen der Studie nicht statt. von Gut und Böse, also an dem Bestehen einer Moral, ist die Gesellschaft in der das Individuum lebt. Die
Richtlinien anhand derer Handlung und Meinung verlaufen können sich demnach beim Individuum auch
Weiterhin kritisch zu bewerten, ist die Auswahl der Versuchspersonen. Bei ihnen handelte es sich größ-
genau so häufig ändern, wie sich die Gesellschaft, die das Individuum umgibt ändert. Wie oben erwähnt,
tenteils um Studenten, also Personen mit höherer Bildung, teilweise sogar um Psychologiestudenten.
führte so auch der gesellschaftliche Wechsel, den das Nationalsozialistische System einführte, dazu, dass
Obgleich auch Ex-Soldaten, Insassen einer Psychiatrie, Inhaftierte und noch einige andere darunter wa-
die bestehende Moralvorstellung „ausgetauscht werden konnte, ohne dass das mehr Mühe gekostet hätte,
ren, ergeben die Messungen keinen repräsentativen Querschnitt, da die Studenten klar überwiegen. In
als die Tischmanieren zu ändern.“ Arendt betonte also immer wieder den großen Einflussbereich, den das
Nachuntersuchungen stellten jene etwa 70% der Befragten dar, was bedeutet, dass Daten zur Autorita-
politische und gesellschaftliche System auf das Individuum ausüben und betrachtete z.B. die Kindheit
rismusforschung bei potentiell eher antiautoritär, oder zumindest doch bei nicht autoritären Personen-
oder das Elternhaus Eichmanns nur nebensächlich, was im Gegensatz zu der Freudschen Theorie Ador-
gruppen erhoben wurde. Eine Tatsache, welche die Konzeption des Forschungsdesigns und evtl. auch die
nos steht.
zugehörigen Ergebnisse angreifbar macht.
Der wohl größte Unterschied besteht in der Herangehensweise von Arendt und Adorno. Während Ador-
Der vielleicht stärkste Kritikpunkt ist aber der extreme Bezug Adornos auf die Freudsche Strukturtheorie
no sich in seinen Studien höchst deduktiv dem Forschungsgegenstand näherte und versuchte eine genera-
der Persönlichkeit. Evident wird dies zum einen in der Charakterisierung der verschiedenen voreinge-
lisierbare Aussage über den Menschen im Allgemeinen treffen zu können, betrachtete Arendt ein Fallbei-
nommen bzw. unvoreingenommenen Typen, zum anderen bei der Psychodynamik und den angesproche-
spiel und beschränkte sich in ihren Ergebnissen ausschließlich auf die Einzelperson Eichmann. Im Ge-
nen Prädispositionen für autoritäres Verhalten. Beide Erklärungsversuche sind nur brauchbar, wenn
genteil zu Adorno, versuchte sie induktiv allgemeine Theorien, wie z.B. die Entstehung der Moral, auf
Freuds Theorien konsequent angelegt werden. Sie können ausschließlich in diesem geschlossenen Sys-
das Individuum Eichmann anzulegen.
tem funktionieren, dass durchaus hinterfragt werden darf, zumal von einer Eindeutigkeit in der Ausle-
gung jener Ansätze aus aktueller Sicht nicht die Rede sein kann. Beide Herangehensweise erscheinen aufgrund der oben aufgeführten Kritikpunkte mangelhaft. Dennoch
bleibt festzuhalten, dass weder Adornos noch Arendts Schaffen umsonst gewesen sind. „Der Autoritäre
Eine gestörte Eltern-Kind-Beziehung und die daraus resultierenden Persönlichkeitsstörungen, werden für
Charakter“ lieferte, in sich betrachtet, logische Ansätze und ein Erklärungsmodell, welches über alles bis
einen Gutteil der Geneigtheit der betreffenden Individuen zum Autoritarismus verantwortlich gemacht.
zu dem Zeitpunkt da Gewesene hinausging. Wissenschaftlich gesehen, war und ist es ein Beitrag von
Das soziale Einflüsse vorhanden sind wird nicht unterschlagen, aber das gesellschaftliche Einwirken auf
hohem Wert, der die Basis für kontroverse Auseinandersetzungen mit der Thematik bilden konnte und
den Einzelnen bleibt, als Erklärungsansatz betrachtet, komplett außen vor.
ein Voranschreiten in der Forschung diesbezüglich überhaupt erst ermöglichte. Jedoch sollte der Argu-
Im Zentrum steht das Konzept vom determinierten Menschen – Personenmerkmale und nicht eine mögli- mentation Adornos keinesfalls sklavisch gefolgt werden. Den Betrachtungsraum weiter zu fassen und
che Interaktion mit Gruppen (in denen dieser sich ja allenthalben bewegt, mit denen er umgeht und denen damit andere Auslegungen zum Thema zuzulassen, erscheint in jedem Falle ratsam.
er u. U. gefallen will) und die Reaktion darauf werden als bestimmend angesehen. Eine gangbare Art der
Interpretation zu Adornos Zeit, jedoch mit heutigem Wissensstand weder zu vereinbaren, noch in Gänze
haltbar. Hannah Arendts Beschäftigung und das Anregen des Nachdenkens über das Böse ist heute noch aktuell.
Als Beispiel sei die, von George Bush befürchtete „Achse des Bösen, die aufrüstet, um den Frieden der
Auch Hannah Arendts Berichterstattung vom Eichmann Prozess wurde vielfach kritisiert. Arendts Beg-
Welt zu bedrohen“ (http://www.whitehouse.gov/news/releases/2002/01/20020129-11.html) genannt, bei
riff von der Banalität des Bösen wurde vorgeworfen die schrecklichen Taten der Nazis zu verharmlosen
der die Frage nach dem Bösen und seinem Wesen weiterhin bestehen bleibt.
und zu entschuldigen. Dies wurde von Arendt allerdings abgestritten, indem sie u. a. betonte, dass sich
dieser Begriff ausschließlich auf die Beobachtung des Fallbeispiels Eichmann bezog und keine allgemein Adorno und Arendt haben trotz aller Kritik also wertvolle Ausgangspunkte zur Diskussion über das
gültige Theorie über das Böse sein sollte. So formuliert Arendt dazu in ihrem Buch „Eichmann in Jerusa- Thema des Bösen bei „ganz normalen Menschen“ geliefert, die auch für aktuelle Betrachtungen dieses
lem“: „Es handelt sich hier also nicht […] um eine theoretische Abhandlung des Bösen. Im Mittelpunkt Feldes relevant bleiben.
jenes Prozesses steht die Person des Angeklagten, ein Mensch aus Fleisch und Blut mit einer individuel-
len Geschichte, einem immer einmaligen Gemisch von Eigenschaften, Besonderheiten, Verhaltensweisen
und Lebensumständen.“ (Arendt, 1986, S. 54) Weiter heißt es, „dass eine solche Realitätsferne und Ge-
dankenlosigkeit in einem mehr Unheil anrichten können als alle die dem Menschen vielleicht innewoh-
nenden bösen Triebe zusammengenommen, das war in der Tat die Lektion, die man in Jerusalem lernen
konnte. Aber es war eine Lektion und weder eine Erklärung des Phänomens noch eine Theorie drüber.“
(Arendt, 1986, S.56 f) Es bleibt trotzdem zu kritisieren, dass Hannah Arendt Begriff der Banalität des
Bösen, sämtliche Schuldigen außer Acht lässt, deren Verhalten nicht aus Nicht- denken resultierte, son- 4 Literaturverzeichnis
dern vollkommen intendiert war. Ideologisch überzeugte Nazis oder sadistische KZ-Aufseher, die mit Adorno, Theodor W.; Bettelheim, Bruno; Krenkel-Brunswick, Else; Gunternman, Norbert; Janowitz,
Sicherheit neben dem Typus Eichmann genau so existierten, werden bei dieser Begrifflichkeit Arendts Morris; Levinson, Daniel J.; Sanford, Nevitt R. (1968/69): Der Autoritäre Charakter – Studien über Au-
nicht berücksichtigt oder deren Verhalten erklärt. torität und Vorurteil, Band 1 & 2; Schwarze Reihe Nr. 6 & 7, De Munter, Amsterdam
Ein weiterer Kritikpunkt bei Adorno ist, dass bei seiner gesamten Studie der Eindruck entstehe, dass das Arendt, Hannah: Eichmann in Jerusalem – Ein Bericht von der Banalität des Bösen, München, 1986, 15.
Individuum an sich per se unter Faschismus- bzw. Autoritarismusverdacht stünde. Alle Mühe scheint Auflage Februar 2006
darauf ausgerichtet, den Ethnozentrismus als einen pathologischen Zustand nachzuweisen, was den Blick
auf das „Sujet“ doch merklich verengt. Die Untersuchung ob Antisemitismus mit einer bestimmten psy- Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft – Antisemitismus, Imperialismus, totale
chischen Störung zusammenhängt mag davon zeugen. Herrschaft; München, Piper Verlag, 1986 (deutschsprachige Erstausgabe), 11. Auflage Juli 2006

111 112
Hannah Arendt und Theodor W. Adorno

Arendt, Hannah: Ich will verstehen. Selbstauskünfte zu Leben und Werk, München, Piper Verlag, 1996
Arendt, Hannah: Karl Jaspers, Briefwechsel, München-Zürich, 1985

Arendt, Hannah: Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik, Hrsg.: Jerom Kohn, übersetzt von
Ursula Ludz, mit einem Nachwort von Franziska Augstein, Piper Verlag, München/Zürich 2006.
Arendt, Hannah: Zur Zeit: Politische Essays, Hrsg.: Knott, Marie Luise, Hamburg: Rotbuch Verlag, 1999
Auer, Dirk; Rensmann, Lars; Schulze Wessel, Julia: „Arendt und Adorno“; Frankfurt am Main, Suhr-
kamp Verlag, 2003
Heuer, Wolfgang: Hannah Arendt über das Böse im 20. Jahrhundert, 2005,
Über www.hannah-arendt-hannover.de/media/heuer_vortrag.pdf (15.03.2007)
Horster, Detlef: Das Böse neu denken,
über www.erz.uni-hannover.de/~horster/texte/esg.pdf (15.03.2007)

http://www.nationalsozialismus.de (29.03.2007)
http://www.susan-neiman.de (15.03.2007)
http://www.whitehouse.gov (15.03.2007)
Klotz, Andreas Tassilo: „Juden und Judentum bei Hannah Arendt unter besonderer Berücksichtigung des
Briefwechsels mit Karl Jaspers“; Frankfurt am Main: Haag und Herchen, 2001
Nordmann, Ingeborg: Hannah Arendt, Frankfurt am Main/ New York: Campus Verlag, 1994
Smith, Gary: „Eichmann in Jerusalem“ und die Folgen; Frankfurt am Main: edition suhrkamp, 2000
Willnauer, Elmar: heute das Böse denken - Mit Immanuel Kant und Hannah Arendt zu einem Neuansatz
für die Theologie; 2005 RHOMBOS-VERLAG, Berlin

113
Ganz normale Menschen? – Eine Zusammenfassung Friederike Balster, Sandrina Böer, Elena Buksmann, Martin Noack

Hierzu befassten wir uns zunächst mit den klassischen Experimenten in der Sozialforschung
Ganz normale Menschen? – Eine Zusammenfassung und hörten Referate über die Versuche und Erkenntnisse von Kurt Lewin, Gustav Marc
Gilbert, Stanley Milgram und Philip G. Zimbardo.
Friederike Balster; 5. Semester
Um die Frage zu beleuchten, ob es sich bei den Verbrechern um „Normale Menschen“
handelt, ist es natürlich von immenser Wichtigkeit die Biografien dieser Menschen näher zu
Sandrina Böer; 5. Semester
untersuchen. Die Referate zu diesem Thema standen unter der Überschrift „Taten und
Elena Buksmann; 3. Semester Verhalten vor Gericht“.
Eingeleitet wurde dieser Abschnitt durch ein Referat über das „Reserve-Polizeibataillon 101“
Martin Noack; 5. Semester gefolgt von einem Vortrag über die „Nürnberger Prozesse“. In diesem Zusammenhang
wurden die Kriegsverbrecher Wilhelm Keitel, Hermann Göring und Julius Streicher näher
beleuchtet.
Zusammenfassung Unter besonderes Augenmerk stellten wir Adolf Eichmann, einen der hauptverantwortlichen
Unser Beitrag zum Praxisprojekt „Ganz normale Menschen?“ ist eine Aufbereitung und eine kritische
des Holocausts.
Auseinandersetzung mit den zuvor vorgetragenen Referaten und behandelten Themen. Zusammenfassend Nach diesem Exkurs in die Biografien, beschäftigten wir uns unter der Überschrift
werden Theorien vorgestellt, welche zur Erklärung der Verbrechen zur Zeit des Dritten Reiches herangezogen „Diagnostik“ mit den Versuchen von Leopold Szondi und Hermann Rorschach und gerade
wurden. Darüber hinaus haben wir uns in unserem Beitrag mit der Wirkung von Propaganda beschäftigt, um die auch in Hinblick auf die psychologischen Tests, die Teile der Nürnberger Prozesse waren, mit
Diskussion über eine Frage einzuleiten, die während der gesamten Zeit immer wieder im Raum stand: „Kann es den Intelligenztests nach dem Konzept von David Wechsler.
zu einer solchen Situation in der heutigen Zeit noch einmal kommen?“ Um einer Antwort auf diese Frage näher Unter der Überschrift „Erklärungsansätze“ standen abschließend die Referate zu Cesare
zu kommen, haben wir die soziale und gesellschaftliche Entwicklung nach dem Ersten Weltkrieg der heutigen Lombroso „Der Verbrecher“, dem „Kriminellen Verhalten und dem Zusammenhang zur
Gesellschaft gegenüber gestellt. Die im Anschluss an unser Referat geführte Diskussion hat eines gezeigt: Eine
eindeutige Antwort ist auf diese Frage nicht zu geben. Zu unterschiedlich ist die Wahrnehmung und Gewichtung
Persönlichkeit“ nach Curt Bartol und Hans Jürgen Eysenck, Daniel Goldhagens Thesen zu
der Inhalte, die von Massenmedien verbreitet werden. Zu komplex die Gründe, die eine solche Entwicklung den Verbrechen der Nazi-Zeit aus seinem Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ und den
beeinflussen. Theorien und Erklärungen von Theodor Ardorno und Hannah Arendt.

Unsere Zusammenfassung greift nun diese Themen in chronologischer Reihenfolge auf.


1. Einleitung Unsere Erkenntnisse haben gezeigt, dass es keine eindeutigen befriedigenden Antworten auf
die Frage nach dem „Warum“ geben kann. Aus diesem Grund haben wir unseren
„Ganz normale Menschen“ – unter dieser Überschrift stand unser Praxisprojekt im Diskussionsschwerpunkt auf eine andere Frage gelegt:
Wintersemester 2006/2007 unter der Leitung von Dr. phil. Carsten Möller. - „Kann es in der heutigen Zeit in Deutschland Entwicklungen in eine ähnliche Richtung
Gegenstand der Untersuchung waren die Verbrechen beziehungsweise die Verbrecher des geben?“
Dritten Reiches und eine Vielzahl von Fragen: - Kann sich der Holocaust in Deutschland wiederholen?
- „Was waren das für Menschen?“ - Wie werden Entwicklungen beeinflusst?
- „Was hat diese Menschen angetrieben?“
- „Welche Erklärungsansätze werden für ein solches Verhalten gegeben?“ Die Diskussion einleitend beschäftigen wir uns in den letzten beiden Referatspunkten mit der
oder auch die Überlegung gesellschaftlichen und sozialen Entwicklung nach dem zweiten Weltkrieg und der heutigen
Entwicklung in Politik und Gesellschaft.
- „Können sich diese Verbrechen in Deutschland heute wiederholen?“
Gerade diese Frage wird uns in unserer Zusammenfassung noch ausgiebig beschäftigen.
2. Erklärungsansätze
Um zu dieser Diskussion zu gelangen, ist es zunächst wichtig, Fragen zu formulieren und sich
mit Erklärungsansätzen und einigen Biografien der damaligen Verbrecher zu befassen.
Im Folgenden werden die inhaltlichen Schwerpunkte und Ergebnisse der im Praxisprojekt
Wo können Gründe für ein verbrecherisches Verhalten liegen?
vorgestellten Theorien und Experimente noch einmal zusammenfassend dargestellt.
- Ist die Genetik ausschlaggebend? Ist die Fähigkeit zum Morden also angeboren?
- Wird ein solches Verhalten anerzogen? Sind somit die Eltern an allem Schuld? Die einzelnen Erklärungsansätze geben verschiedene Sichtweisen wieder, welche zur
- Weisen die Verbrecher ein einheitliches Krankheitsbild auf? Handelt es sich um besseren Auseinandersetzung mit der Problematik herangezogen wurden. Hierbei galt es,
„Geisteskranke“? herauszufinden, welche wesentlichen Argumente hinter den einzelnen Annahmen stehen und
- Oder sind die Ursachen in der Gesellschaft zu suchen? inwieweit diese als begründet oder als unhaltbar angesehen werden können.
Um Antworten auf diese Fragen näher zu kommen, haben wir in wöchentlichen Referaten Es wurden Ansätze vorgestellt, in welchen gesetzwidriges und gewalttätiges Verhalten
unterschiedliche Ansätze der Sozialpsychologie, ausgewählte Biografien und anhand genetischer und biologischer Eigenschaften erklärt wird. Kernaussage solcher
Diagnoseansätze näher betrachtet. Annahmen ist, dass antisoziales Verhalten über Anlagen mitbestimmt wird, mit denen ein

115
Friederike Balster, Sandrina Böer, Elena Buksmann, Martin Noack Friederike Balster, Sandrina Böer, Elena Buksmann, Martin Noack

Mensch auf die Welt kommt. Die Betrachtung von Straftätern aus dieser Sicht würde einer Gesellschaft forciert. Diese Annahmen bringen uns dazu, uns zu fragen, wie eine starke
beinhalten, dass wir davon ausgehen müssen, kriminelles Verhalten sei angeboren und könne Autorität einer Führungsperson aufgebaut werden kann, wie mithilfe von Druck auf die
weitervererbt werden, da es genetischen Ursprungs ist. Was wiederum bedeuten würde, dass Gesellschaft, diese in ihrem Verhalten beeinflusst werden kann, und wie Distanz zu Opfern
die Frage nach der Schuldfähigkeit von Straftätern auf ihr genetisches Erbgut verweist und erzeugt wird. Mit diesen Fragen werden wir uns im weiteren Verlauf noch genauer
jegliche Eigenverantwortlichkeit ausgeschlossen ist. beschäftigen und versuchen, die hier gewonnen Erkenntnisse auf die damalige Zeit zu
Cesare Lombroso hat in dieser Annahme unter anderem Untersuchungen an verurteilten übertragen.
Straftätern durchgeführt, mit dem Ziel, die Täter anhand von äußeren und inneren Merkmalen
mithilfe von Messungen der Schädelform, des Gehirnvolumens, oder der Organe etc. zu Ebenfalls interessant in unserem Zusammenhang sind die Erkenntnisse von Gilbert und
kategorisieren. Lombroso ging davon aus, dass es möglich sei, Verbrecher anhand ihres Goldhagen. Gilbert fand heraus, dass es Tendenzen gibt, verschiedenen Gruppen spezifische
äußerlichen Erscheinungsbildes zu erkennen und einzuordnen. Seine Befunde sind jedoch Attribute zuzuschreiben. Es herrschen innerhalb einer Gesellschaft Stereotype vor, nach
umstritten, zum einen wird die Aussagekraft seiner Messergebnisse selbst in Frage gestellt, denen Gruppen und einzelne Angehörige dieser Gruppen beurteilt werden. Dabei stellt sich
zum anderen werden die Interpretationen, welche er daraus gezogen hat als falsch angesehen. die Frage, wie solche Stereotype erschaffen, beeinflusst und verstärkt werden können.
Goldenhagen ging zudem davon aus, dass seit jeher eine antisemitische Haltung der
Es gibt weitere Theorien, welche ebenfalls die Auswirkungen physischer Attribute auf die Deutschen vorhanden war. Fakt ist, dass Menschen dazu tendieren, andere Menschen in
Entwicklung einer kriminellen Persönlichkeit zur Sprache bringen. Es wird hervorgehoben, Gruppen einzuteilen und diese mit Eigenschaften zu belegen. Hinzu kommt noch, dass
dass Attraktivität als erheblicher Vorteil innerhalb einer Gesellschaft wirkt. Attraktivere Menschen innerhalb von Gruppen agieren, und ein ethnozentristisches Denken vorherrscht.
Menschen werden bevorzugt behandelt, beispielsweise bei der Partnerwahl, unattraktive Es stellt sich die Frage, wie solches Denken angeregt werden kann und wie stark ausgeprägt
Menschen hingegen werden benachteiligt oder sogar ausgestoßen. Ein Verstoß von physisch ein einheitliches Denken in Deutschland vorgeherrscht hat und unter Umständen immer noch
weniger attraktiven Menschen aus der Gesellschaft kann demnach dazu führen, dass präsent ist.
Verstoßene antisoziale Handlungen begehen. Hier liegt der Schwerpunkt weniger bei dem
genetischen Erbgut, welches für das äußere Erscheinungsbild verantwortlich ist, sondern auf Empfindungen wie Depression, Frustration und Angst nehmen ebenfalls Einfluss auf das
der Gesellschaft, die intolerant auf Normabweichungen reagiert. Diese Theorie ist in unserem menschliche Verhalten. Eine Annahme ist, dass beispielsweise negative Empfindungen zu
Zusammenhang allerdings unzureichend, da führende NS-Mitglieder in die Gesellschaft antisozialem Verhalten führen können. Es bleibt zu untersuchen, inwieweit diese und ähnliche
integriert waren. Ihr Fehlverhalten kann demnach nicht auf diese Weise erklärt werden. Emotionen als Bestandteil der damaligen und heutigen Gesellschaft ausgemacht werden
können. Folgende Fragen müssen hierzu untersucht werden:
Wiederum andere Annahmen gehen davon aus, dass verbrecherisches Verhalten seinen
Ursprung in der Psychologie der Täter findet. In diesem Zusammenhang wurden während der - Wodurch werden starke Emotionen innerhalb einer Bevölkerung ausgelöst?
Nürnberger Prozesse verschiedene Testverfahren durchgeführt, um den psychologischen - Welche Einflüsse haben diese Emotionen auf menschliches Verhalten?
Zustand der Angeklagten zu beurteilen. Es wurde beispielsweise die Intelligenz der - Welche Tendenzen zeichnen sich innerhalb einer Bevölkerung ab?
Angeklagten mithilfe des Hamburg-Wechsler-Intelligenztests gemessen. Die Ergebnisse
dieser und weiterer Tests 1 sind für uns als Erklärung allerdings eher unbefriedigend, da Wenn wir versuchen uns den Antworten auf diese Fragen zu nähern, richtet sich unser
mangelnde Intelligenz der Angeklagten ausgeschlossen werden konnte und Intelligenz Augenmerk weniger auf die einzelnen Täter, sondern die damalige Gesellschaft als Masse. Im
demnach nicht notwendigerweise „moralisches“ Handeln zur Folge hat. Folgenden widmen wir uns also der Frage, wie die Situation nach dem ersten Weltkrieg
ausgesehen hat und anschließend, welche Bedingungen in der heutigen Gesellschaft
Ein weiterer Faktor, welcher zur Erklärung von antisozialem Verhalten gegenüber vorherrschen.
Minderheiten herangezogen wurde, war der Einfluss von Autorität. Verschiedene
Untersuchungen von Milgram, Zimbardo und Lewin haben folgendes herausgestellt:
3. Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg
- Unter bestimmten Umständen sind Menschen bereit antisozial zu handeln
- Autorität hat großen Einfluss auf das Verhalten der Menschen Um einen Vergleich mit der heutigen Situation unter Berücksichtigung der Fragestellung, ob
- Verschiedene Führungsstile wie Demokratie und Autokratie haben Einfluss auf das solch ein unmenschliches Verhalten nochmals möglich wäre oder ob wir jetzt „aufgeklärter“
- Verhalten innerhalb von Gruppen sind, herzustellen, ist es von Nöten, die Situation nach dem Ersten Weltkrieg zu analysieren.
- Druck verstärkt die Auftretenswahrscheinlichkeit aggressiven Verhaltens. Distanz zu Nur so lässt sich das Aufkommen der NSDAP und Adolf Hitlers erklären, aber auch die
Opfern verhindert die Identifikation mit diesen und schafft eine ablehnende Haltung. Mentalität der Deutschen zu jener Zeit. Schaut man sich das Verhältnis zwischen Volk,
Führung und einzelnen Minderheiten genauer an, wird einem schnell bewusst, dass sich
Diese Erkenntnisse führen zu dem Schluss, dass eine starke Autorität und ein einige der vorgestellten Experimente auf die Situation im Nationalsozialismus übertragen
dementsprechender Führungsstil innerhalb einer Gesellschaft, und auch in kleineren Kreisen, lassen. Lewin und Zimbardo haben in ihren Versuchen anschaulich gezeigt, wie sich
wie der Familie selbst, zum Einen zu Gehorsam und Loyalität gegenüber Führungspersonen autoritäre Erziehung und nicht vorhandene moralische Instanzen auf menschliches Verhalten
führt und zum Anderen die Ablehnung und Aggression gegenüber schwächeren Mitgliedern auswirken. Ein weiterer Aspekt, der bei der Beantwortung der Frage behilflich sein kann, ist
die Funktion der öffentlichen Medien wie Zeitung, Radio und Fernsehen. Nur durch deren
1
Szondi, Rorschach
116 117
Friederike Balster, Sandrina Böer, Elena Buksmann, Martin Noack Friederike Balster, Sandrina Böer, Elena Buksmann, Martin Noack

Unterstützung gelang es Hitler und der NSDAP, einen solch enormen Einfluss auf die Mentalität und Moral besitzt. Diese kann geändert, aber auch, wie sich später zeigen wird,
öffentliche Meinung zu nehmen und eine regelrechte Umerziehung durchzuführen. verstärkt werden. Die herrschende Mentalität unterschied sich in vielen Punkten von der
unseren. Wo es heute an Struktur in Familien mangelt, war diese klar hierarchisch geregelt.
Da dieses Thema in unserem Projekt nur rudimentär behandelt wurde und es kein separates Vor allem eine ausgeprägte Vaterrolle war kennzeichnend für die damalige Zeit. Aggressiver,
Referat gab, dass sich mit diesen Fragen beschäftigte, halten wir es für sinnvoll, einen kurzen militärischer Drill, heutzutage schon fast verpönt, galt damals als selbstverständlich. Schon an
Gedankenanstoß in Form eines Vergleiches zwischen der Situation nach dem Ersten den Schulen wurden Kinder mit militärischem Denken konfrontiert. So rechnete man nicht
Weltkrieg bis 1945, sowie der aktuellen Situation zu geben. mit Äpfeln und Birnen, sondern zog diesen Panzer und Soldaten vor. Zentrale Begriffe, die
für diese Zeit charakteristisch sind, waren im Gegensatz zur heutigen Zeit, Begriffe wie
Die Weimarer Republik Vaterland, Heroismus, Ehre, Treue, Mut, und Stolz. Antiaufklärerische, antiliberale,
Um die Situation nach dem Ersten Weltkrieg ansatzweise nachzuvollziehen, ist es wichtig, antidemokratische und antisozialistische Haltung waren keine Seltenheit, da trotz der
sich mit den wirtschaftlichen und sozialen Umweltbedingungen, unter deren Einfluss die Weimarer Republik, mit ihren aufgezwungenen, demokratischen Wertvorstellungen, in vielen
Menschen lebten, auseinander zusetzen. Hieraus lassen sich weitgehend verbreitete Köpfen immer noch das monarchisch-angehauchte Denken der wilhelminischen Zeit
Gefühlszustände wie Frustration, Ausweglosigkeit, Depression und Angst ableiten. verankert war. Hinzukommt, dass der Erste Weltkrieg Auswirkungen auf die Moral der
Deutschen genommen haben muss.
Nachdem der Erste Weltkrieg verloren war und mit dem Aufkommen der Weimarer
Republik, änderten sich die Zustände in Deutschland drastisch. Wo vorher noch der Glaube Autoritäre Erziehung und menschliches Verhalten
an einen siegreichen Kriegsausgang und einen wirtschaftlichen Aufschwung vorherrschte,
machte sich alsbald Resignation und Hoffnungslosigkeit unter dem deutschen Volk breit. Die Lewins Gruppenexperiment
Folgen der Sicherheitsanforderungen, die in erster Linie von Frankreich in Form des Zwei sozialpsychologische Experimente bieten möglicherweise Erklärungsansätze für das aus
Versailler Vertrages ausgingen, waren verheerend. Ihre Absicht bestand darin, Deutschland unserer Sicht unmenschliche Verhalten. Insbesondere das Gruppenexperiment von Lewin gibt
auf Dauer klein zu halten und zu demoralisieren. 226 Milliarden Mark sollten innerhalb von Aufschluss über das Verhältnis zwischen Verhalten und autoritärer Erziehung. Eine direkte
zweiundvierzig Jahren abbezahlt werden. Da Deutschland nicht in der Lage war, diesen hohen Übertragung auf Deutschland von 1933-1945 ist möglich. Im Gruppenexperiment zeigte sich
Betrag zu leisten, entschloss sich Frankreich das Ruhrgebiet zu besetzen. Am 24. Oktober interessanter Weise, dass ein autoritärer Führungsstil bei Kindern eine aggressive Dominanz
1929 wurde an der New Yorker Börse der so genannte „Schwarze Freitag“ eröffnet, der eine gegenüber schwächeren Gruppenmitgliedern hervorruft. In Deutschland wird es nicht anders
alle Länder erschütternde, Weltwirtschaftskrise zur Folge hatte. Auch Deutschland blieb nicht gewesen sein. Die Juden stehen für das schwächste Gruppenmitglied. Das deutsche Volk, das
verschont. Hohe Arbeitslosigkeit, eine Hyperinflation, ein Berg Schulden und eine durch unter einem autoritären Führungsstil lebt, grenzte ähnlich wie es in Lewins Experiment der
Missernten entstandene Hungersnot waren von nun an ausschlaggebend für ein Welle der Fall war, die Juden bis zur totalen Vernichtung aus. Auf der anderen Seite zeigt sich in
Ohnmacht, die das deutsche Volk heimsuchte. Hoffnung auf eine Regierung, die Deutschland Lewins Experiment bei den Probanden eine besonders ausgebildete Unterwürfigkeit
einen Weg aus dieser Krise ebnen könnte, war weitgehend erloschen. Kennzeichnend für die gegenüber ihrem Lehrer. Auch in dem damaligen Deutschland ist das festzustellen. Besonders
Weimarer Republik waren insgesamt 14 verschieden Reichskanzler. Die instabile Regierung das Verhältnis der Deutschen untereinander kann mit dem Wort „Kadavergehorsam“ bzw. mit
gab den Menschen keinen Halt, es gab nichts woran sie sich klammern konnten und so gab es dem Begriff des "vorauseilenden Gehorsams" verdeutlicht werden.
weitgehend kein Vertrauen in die Regierung.
Interessant ist, dass es schon in der Weimarer Republik antisemitische Anzeichen gab. Die Zimbardos Experiment
Juden stellten damals 1% der deutschen Bevölkerung dar. Vor allem in Großstädten hatte sich Der situative Kontext des Gefängnisexperimentes von Zimbardo lässt sich ebenfalls auf
antisemitisches Gedankengut etabliert. In erster Linie waren es der Mittelstand und das Deutschland zwischen 1933 und 1945 übertragen. Das Rollenverhalten der Gefängniswärter
Großbürgertum, die antisemitisches Gedankengut vertraten. Nach außen getragen wurde und der Gefangen spiegelt sich im Verhalten des deutschen Volkes gegenüber den Juden
dieses vor allem in Form von Beleidigungen, antisemitischen Hetzblättern, aber auch wieder. In beiden Fällen gab es keine moralische Instanz, sodass eine gewaltsame Willkür
öffentlichen Ausschreitungen. gegenüber den Gefangen im Experiment und in Deutschland gegenüber den Juden die Folge
war. Auch zeigt sich, dass Menschen flexibel und anpassungsfähig sind. Sie nehmen schnell
Das Aufkommen der NSDAP neue Rollen an und lassen ihre alten Werte durch Neue ersetzen. Sowohl bei Zimbardos
Der Aufstieg Adolf Hitlers und der NSDAP resultierte vor allem daraus, dass sie es Gefängnisexperiment als auch beim Polizeibatallion 101 handelt es sich um „ganz normale
verstanden, die Bedürfnisse und den emotionalen Zustand des deutschen Volkes zu erkennen. Menschen“, die von einer auf die andere Minute eine mörderisches Verhalten aufwiesen.
Erstmals wurde durch die Regierung eine entschlossen und klar ablehnende Haltung
gegenüber des Versailler Vertrages eingenommen. Grundbedürfnisse wie Arbeit und Die Propaganda der NSDAP
Wohlstand, an denen es mangelte, wurden versprochen. Durch einen ausgeklügelten „Der Presseeinfluss auf die Masse ist der weitaus stärkste und eindringlichste, da er nicht
Propagandaapparat war es möglich das deutsche Volk mental umzupolen. Die NSDAP vorübergehend, sondern fortgesetzt zur Anwendung kommt“, stellte Adolf Hitler in seinem
verstand es geschickt, das Hakenkreuz als Identifikationssymbol einzuführen. Buche „Mein Kampf“ fest. Hitler nahm sich vor allem die amerikanische Propaganda des
Ersten Weltkriegs zum Vorbild, da diese binnen weniger Tage ein pazifistisches Volk durch
Die Mentalität der Deutschen den gekonnten Einsatz von Medien für den Krieg mobilisierte. Von Zeitungen, Plakaten über
Um ein so unverständliches Verhalten wie es sich bei den Deutschen gegenüber den Juden Hörfunk und Film wurde von der NSDAP alles benutzt, um den Deutschen ein neues
zeigte, ansatzweise zu verstehen, muss man sich bewusst sein, dass jede Kultur ihre eigene Weltbild zu vermitteln. Ein Ministerium für Propaganda wurde errichtet. Das

118 119
Friederike Balster, Sandrina Böer, Elena Buksmann, Martin Noack Friederike Balster, Sandrina Böer, Elena Buksmann, Martin Noack

Reichministerium für Volksaufklärung und Propaganda (kurz RMVP), unter der Leitung von
Joseph Goebbels gab von nun an vor, welche Informationen das deutsche Volk bekommen Parteien
sollte und welche nicht. Presse, Literatur, Theater und Musik wurden genaustes unter dem Eine Folge dieser absoluten Depression und Aussichtslosigkeit ist die Existenzangst. Genau
Banner der Gleichschaltungsgesetze ausgesucht. Nicht selten kam es zu Zensur. Ziel war es diese Angst und die daraus resultierende Wut, versuchen besonders nationalistische Parteien
nicht nur, ein gemeinsames Feindbild, nämlich die Juden heranzüchten, sondern auch Hass zu ihren Gunsten zu nutzen. Vor diesem Hintergrund wurden die drei bekanntesten
gegen andere Minderheiten zu schüren. Neue moralische Wertvorstellungen wurden mittels nationalistischen Parteien, die zum Teil sogar in Landtagen vertreten sind, betrachtet. Die
der Medien in den Köpfen der Bevölkerung verankert. Mit Sicherheit stellt diese Art der NPD (Nationale Partei Deutschlands), die REP (Die Republikaner) und die DVU (Deutsche
radikalen Umerziehung einen weiteren Erklärungsansatz für das aus heutiger Sicht völlig Volksunion) haben etwas gemeinsam. Sie bieten eine Patentlösung für die missliche Lage in
unverständliche und nicht mehr nachvollziehbare Verhalten der Deutschen dar. Deutschland. Laut ihrer Aussagen, wäre jedes Problem gelöst, wenn die Ausländeranzahl im
Land deutlich verringert würde. Die Parteien bauen somit ein Feindbild auf und versuchen die
aus der Existenzangst resultierende Wut der Bevölkerung zu lenken. Hier lassen sich
4. Bedingungen in der heutigen Gesellschaft Parallelen zur NSDAP ziehen, die auch das Judenfeindbild entwickelte und die Wut nach dem
Ersten Weltkrieg schürte. Allerdings legen die nationalistischen Parteien heutzutage sehr
Nachkriegserziehung großen Wert darauf, nicht mit der NSDAP oder dem Fremdenhass im Zweiten Weltkrieg in
Um die Bedingungen in der heutigen Gesellschaft zu verstehen, ist es wichtig einen Blick auf Verbindung gebracht zu werden. Sie propagieren sich selbst nicht als ausländerfeindlich. Sie
die Umerziehung der Gesellschaft nach dem Krieg zu werfen. Diese besonders von den sprechen nicht vom Schutz der eigenen Rasse, wie es die NSDAP getan hat, sondern von
Amerikanern geprägte Art der gesellschaftlichen Erziehung hatte von Grund auf andere Werte Schutz der kulturellen und nationalen Identität. Zu Nutze machen sich diese Parteien aber
im Fokus. Plötzlich hieß es Demokratie statt Autokratie, Selbstdenken und Selbstentscheiden nicht nur die Bildung eines gemeinsamen Feindbildes, sondern sie legen in ihren
im Gegensatz zu bedingungsloser Loyalität und stummen Gehorsam. Daraus resultierend Parteiprogrammen außerdem einen Schwerpunkt auf die Unterstützung von deutschen
entstand ein neuer Umgang mit der Autorität. Die Deutschen schämten sich für ihre Familien und laden zu Parteiveranstaltungen ein, bei denen ein Schwerpunkt in der
Vergangenheit und es prägte sich eine anti-nationalistische Gesellschaft. Unterhaltung und Versorgung der ganzen Familie liegt. Den Familien wird das Gefühl
vermittelt, dass sich jemand um sie kümmert und etwas für ihr Wohlergehen getan wird.
Eine Folge der Nachkriegserziehung ist heutzutage beispielsweise die Vielzahl der Medien, Dadurch lässt sich die für Parteien wichtige Bindung zu den Wählern verstärken.
die verschiedene Meinungen darstellen. Aber auch der öffentliche ausgetragene Protest gegen
nationalistische Aufmärsche und Vereinigungen. Propaganda
In diesem Zusammenhang ist noch einmal gesondert auf die genutzte Propaganda der
Doch trotz der immer noch vorherrschenden Nachkriegserziehung und anti-nationalistisch heutigen Parteien einzugehen, besonders weil es das wirksame Mittel der NSDAP war. Hier
gestimmten Mehrheit der Bevölkerung, scheint es mehr und mehr Kritik an den vermittelten liegt auch der negative Beiklang des Wortes Propaganda begründet. Dabei ist die eigentliche
Werten zu geben. So wird immer wieder diskutiert, ob die jetzige Generation wirklich noch Bedeutung gleichzusetzen mit dem Begriff der Werbung. Wahlwerbung wird von Anhängern
für die Vergangene zahlen und sich schämen sollte. Zu bestimmten Anlässen, wie zum aller politischer Richtungen genutzt, ob mittels des Mediums Fernsehen, der Printmedien, im
Beispiel der Fußball-WM 2006, traut man sich wieder Flagge zu zeigen und es wird das Hörfunk oder über das Internet. Der gravierende Unterschied zu Zeiten der
Gefühl vermittelt, wieder stolz auf Deutschland sein zu dürfen. Gleichzeitig, auch wenn sich Nationalsozialisten liegt heute in der Vielzahl der Medien, die unterschiedliche
hier kein direkter Zusammenhang herstellen lässt, nimmt die Ausländerfeindlichkeit Meinungsbilder aufzeigen. Ein weiterer sehr wichtiger Unterschied besteht darin, dass die
bedeutend zu. Begriffe wie No-Go-Areas entstehen und es führt nicht mehr zu großer Medien nicht vom Staat bestimmt werden, wie damals üblich. Heutzutage kann sich jeder
Volksempörung, wenn Rechtsradikale, einen Ausländer misshandelen oder ein Bürger so viele Informationen und verschiedene Stellungnahmen zu Themen aneignen, wie er
Asylantenheim in Brand gesteckt wird. Durch die Häufigkeit der Übergriffe, scheint es fast möchte.
schon „normal“.
Allerdings stellt sich die Frage, wie viele der Menschen wirklich dieses vielseitige Medien-
Wirtschaft und Politik und Meinungsangebot nutzen. Werden nicht immer noch Massen des Volkes von der Bild-
Um diese gravierende Veränderung in der heutigen Gesellschaft etwas besser verstehen zu Zeitung beeinflusst? Ganz sicher ist der Grund hierfür nicht, dass es keine andere Zeitung zu
können, ist ein Blick auf die momentane politische, wie auch wirtschaftliche Lage lesen gibt. Viel mehr könnte die nicht vorhandene Motivation darin liegen, dass der Mensch
unabdingbar. Dabei ist als ein Faktor die hohe Arbeitslosigkeit zu nennen und die daraus von Grund auf bequem ist. Eine Auseinandersetzung mit verschieden Meinungen bedeutet
resultierende und wachsende Unterschicht. Die Familien haben weniger Geld zur Verfügung, nicht nur einen zeitlichen Aufwand, sondern auch eine ständige Reflektion der eigenen
wodurch nicht nur finanzielle Armut, sondern auch eine emotionale Armut resultieren kann. Person. Somit nehmen viele Menschen auch lieber ein Patentrezept an, anstatt sich über
Ist das Geld knapp und gibt es kaum Aussicht auf Besserung, fallen viele Menschen in eventuelle Fehler innerhalb des Rezeptes Gedanken zu machen. Diese Gegebenheiten spielen
Depressionen und in ein Stadium der Hilflosigkeit. Zusätzlich scheint die Diskrepanz die nationalistischen Parteien für sich aus. Dabei ist sicher unterstützend, dass viele Menschen
zwischen Arm und Reich immer größer zu werden. Es wirkt, als befinde sich Deutschland auf keine Gefahr von der rechten Seite befürchten.
dem Weg zu einer Zweiklassengesellschaft. Die schlechte wirtschaftliche Lage zwingt nicht
nur Unternehmen in andere Länder auszusiedeln, sondern auch viele Bürger. Niemand glaubt Doch ist diese Ausblendung einer möglichen Gefahr wirklich noch zeitgemäß?
mehr an die durch die Politiker versprochene Besserung. Es herrscht kein Vertrauen mehr in
die Regierung.

120 121
Friederike Balster, Sandrina Böer, Elena Buksmann, Martin Noack

5. Literaturverzeichnis

- Sebastian Haffner (1987). Von Bismarck zu Hitler: Ein Rückblick, München: Droemer
Knaur Verlag
- Hellmuth Rößler (1961) Deutsche Geschichte, Gütersloh: Bertelsmann Verlag
- http://www.sueddeutsche.de/deutschland/artikel/754/88666/
- http://www.sueddeutsche.de/deutschland/artikel/597/81516/5/
- http://www.sueddeutsche.de/deutschland/special/954/82872/index.html/deutschland/artike
l/216/86130/article.html
- http://www.tagesspiegel.de/berlin/archiv/08.03.2006/2397407.asp

122