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Sexualität und Spiritualität

Homilie zu 1 Kor 6 am 14.1.12 (B2) von Eckhard Frick sj

Kein einfacher Text! Eine Möglichkeit wäre, weiterzublättern bzw. nicht darüber zu predigen
und sich still zu sagen:
• Na ja, der hl. Paulus als verklemmter Junggeselle mit seinem Stachel im Fleisch. Ich weiß
schon, dass er am liebsten allen Christen die Jungfräulichkeit verordnen möchte und nur
denen die Heirat zugesteht, die auf Sex nicht verzichten können, so im Kap. 7,8: „Den
Unverheirateten aber und den Verwitweten sage ich: Es ist gut für sie, wenn sie so
bleiben wie ich. Wenn sie aber nicht Selbstzucht üben, sollen sie heiraten; denn besser
ist heiraten als brennen.“
• Eine andere Möglichkeit: In der Hafenstadt Korinth mit ihren zahlreichen Prostituierten
ging es drunter und drüber, auch in der christlichen Gemeinde. Aber das sind historische
Hintergründe, die uns nicht mehr betreffen.
• Schließlich: Einem weit verbreiteten Vorurteil zufolge verkündet Paulus ein leibfeindliches
Christentum. Nun, das Gegenteil ist der Fall!

Versuchen wir also doch zu verstehen, was Paulus uns Heutigen zu sagen hat.
„Der Leib ist nicht für die Unzucht da“: Unzucht heißt im Griechischen porneía, von pórnē
(die Prostituierte). Unzucht, porneía, kann also zunächst einmal bedeuten: Verkehr mit einer
Prostituierten. Wer sich mit einer Prostituierten einlässt, so Paulus, übergibt sich ihr ganz,
übergibt ihr den eigenen Leib. Der Leib aber gehört Christus dem Herrn.
Worauf bezieht sich Paulus? Welche Missstände gab es in der Gemeinde, gegen die er sich
wendet?
Dazu gibt es verschiedene Vermutungen:
• in Korinth gab es eine Gruppe von Enthusiasten, von Super-Spirituellen, die etwa das
Folgende meinten: Wir haben das Pneuma empfangen, den hl. Geist. Also ist es
nebensächlich, wie wir uns sexuell verhalten, denn das betrifft „nur“ den Körper. Dieser
Position hält Paulus entgegen: Sexualität ist nichts „nur“ Körperliches, sie geht den ganzen
Menschen an, mit Leib und Seele.
• oder aber: die Korinther haben die Botschaft von der Auferweckung des Leibes im Heiligen
Geist gehört, sie hängen aber an der Prostitution und an anderen alten Gewohnheiten. Ihr
Problem ist also nicht die Abwertung des Leibes, sondern dass sie nicht konsequent genug aus
dem Geist leben, nicht ganzheitlich.

Wie auch immer: Für Paulus ist der Zusammenhang zwischen Spiritualität und Sexualität so
wichtig, dass er auf das Zentrum des Glaubens zu sprechen kommt, auf die Auferstehung:
„Gott hat den Herrn auferweckt; er wird durch seine Macht auch uns auferwecken.“
Zu dieser Stelle gibt es verschiedene Textüberlieferungen. Alle sagen: „Gott hat den Herrn
auferweckt“, einige fahren dann im Präsens fort: „so erweckt er auch uns durch seine
Kraft“, „nämlich durch die Kraft des auferstandenen Herrn Jesus Christus, in den wir ja
eingegliedert worden sind“ (Baumert 2007: 81). Paulus gebraucht ein ganz eigenes Wort:
„aus-auferwecken“ (exegeirein), geistlich auferwecken.
Ob Paulus nun im Futur oder im Präsens schreibt – es geht da nur um einen Buchstaben –
jedenfalls ist die Kraft Jesu Christi etwas, das jetzt in uns wirkt, also mit unserer jetzigen
Realität zu tun hat. Deshalb ist die Aufspaltung zwischen Sexualität und Spiritualität nicht
möglich. Jetzt sind wir sexuelle und spirituelle Menschen, und beides muss
zusammenstimmen.
Die „Erweckung“ kann nicht bis zum Tag der Auferstehung hinausgeschoben werden, sie hat
schon jetzt Konsequenzen. Deshalb heißt es, eindeutig im Präsens: „Wisst ihr nicht, dass
eure Leiber Glieder Christi sind?“
Wir leben durch die Taufe und die Christusgemeinschaft schon jetzt in der neuen,
ganzheitlichen Wirklichkeit. Wir gehören mit Leib und Seele zum Auferstandenen.
Wenn Paulus die Sünde der Unzucht hervorhebt, dann nicht aus irgendeiner sexuellen
Verklemmtheit heraus, sondern wegen dieser Ganzheitlichkeit des Glaubens:
• weil wir schon jetzt zum auferstandenen Herrn gehören, als seine Glieder, sagt Paulus. Das
heißt, unsere Spiritualität ist leiblich-konkret. Unsere Sexualität kann nicht von unserer
Spiritualität abgespalten werden
• weil wir „um einen Preis“ erkauft sind. Die Einheitsübersetzung fügt hinzu: um einen teuren
Preis. Falsch ist das natürlich nicht, aber für Paulus ist auch so klar: Um den Preis des
Kreuzes seid ihr erkauft worden.

Wegen des Kreuzes und wegen der Auferstehung Jesu Christi betrifft unsere Spiritualität,
unser Im-Geist-Sein unsere ganze Existenz. Deshalb ist es besser, Paulus an dieser Stelle nicht
defensiv zu lesen, als müssten wir ihn irgendwie wegen seiner moralischen Engstirnigkeit
gegenüber den sexuell freizügigen Korinthern entschuldigen.
Dieses Schema passt zwar gut in die Auseinandersetzungen um die kirchliche Sexualmoral in
den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, etwa so: Die Menschen wollen Freiheit,
wollen sich nicht von der Kirche ins Schlafzimmer hineinreden lassen. Die Kirche, vertreten
durch zölibatäre und oft lebensfremde alte Männer, hält ängstlich an repressiven Positionen
fest.
Wie gesagt: nach einem ähnlichen Schema kann man auch den hl. Paulus lesen. Besser und
richtiger scheint es mir jedoch, seine Botschaft der Freiheit aus dem Heiligen Geist zu
verstehen: Wer zu Christus gehört, ist mit Leib und Seele ein geistlicher, ein spiritueller
Mensch. Das befreit alle Lebensbereiche, auch die Sexualität.
Baumert N (2007) Sorgen des Seelsorgers, Übersetzung und Auslegung des ersten Korintherbriefes. Echter, Würzburg