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Leitthema

Manuelle Medizin 2011 · 49:469–470 K. Pieber


DOI 10.1007/s00337-011-0876-1 Universitätsklinik für Physikalische Medizin und Rehabilitation,
Online publiziert: 27. Oktober 2011
Medizinische Universität Wien, AKH Wien
© Springer-Verlag 2011

Altersassoziierte
Veränderungen
der Muskulatur
Ursachen, Folgen und Behandlungs-
möglichkeiten der Sarkopenie

Aufgrund der demographischen Ent- Fettgewebe wird größer, die Muskelmasse vität des Patienten – unter Berücksichti-
wicklung in Österreich gewinnen nimmt ab. Die Muskelatrophie betrifft da- gung des klinischen Zustands – ein wich-
muskuläre Veränderungen im Al- bei vorwiegend Typ-II-Muskelfasern. Der tiger Bestandteil der Betreuung. Weite-
ter immer mehr an Bedeutung. Laut Anteil der Typ-II-Fasern an der Gesamt- re mögliche physikalische Therapie- und
einer Prognose von Statistik Aus­tria muskulatur beträgt bei 20- bis 30-jähri- Trainingsmaßnahmen sind:
aus dem Jahr 2007 wird der Anteil der gen Männern fast 60%, bei über 80-Jähri- F Bewegungstherapie,
über 60-Jährigen an der österreichi- gen nur mehr 30% [2]. Der Gesamtverlust F Krafttraining,
schen Gesamtbevölkerung bis 2050 der Muskelmasse zwischen dem 23. und F neuromuskuläre Elektrostimulation
auf etwa 34,2% ansteigen. 77. Lebensjahr wird mit 42% angegeben. und
Die hier beschriebene altersbedingte F Sensomotoriktraining.
Ab dem 55. Lebensjahr kommt es zu einer Sarkopenie beruht v. a. auf [3]:
Abnahme der Muskelkraft von 15% pro F neurogenen Mechanismen, Studien haben gezeigt, dass bei hochin-
Lebensjahrzehnt, ab einem Alter von F der Ernährung, tensivem Krafttraining Nebenwirkungen
70 Jahren beschleunigt sich der Abbau auf F hormonellen und immunologischen oder Verletzungen nach einer eingehen-
30% pro Lebensjahrzehnt. Der Abbau der Faktoren, den ärztlichen Untersuchung zur Abklä-
skelettalen Muskelmasse im Altersverlauf F körperlicher Inaktivität sowie rung möglicher Kontraindikationen und
führt zu gravierenden Veränderungen in F Immobilisation. bei adäquater Progression sowie besonne-
der Bewegungsqualität und -sicherheit. ner Auswahl der Übungen nicht vermehrt
Der Kraftverlust hat Auswirkungen auf Betroffen sind >50% aller Personen ab auftreten [5]. Auch bei älteren Menschen
die Bewältigung verschiedenster Alltags- 80 Jahren, was einen enormen Einfluss kann ein gezieltes Krafttraining je nach
aktivitäten und kann mit funktionellen auf die Volkswirtschaft hat. Auch eine Trainingsstimulus und Ausgangsniveau
Einschränkungen und Invalidität sowie weitere mögliche Folge dieser Einschrän- zu einer Zunahme der Muskelkraft von
Sturzgefahr einhergehen. Alltagstätigkei- kungen im Alltag sollte nicht außer Acht 30 bis >100% führen [6]. Diese Kraftzu-
ten, beispielsweise das Stehen für 15 min, gelassen werden: eine Reduktion der Le- nahme bewirkt eine Verbesserung von
schwere Hausarbeit oder auch das Tra- bensqualität [4]. physikalischen Funktionen, z. B. die Zu-
gen einer 4,5 kg schweren Einkaufstasche, In der Betreuung von älteren Patien- nahme der Gehgeschwindigkeit oder eine
sind für einen Großteil der über 75-Jähri- ten ist es wichtig, diese altersassoziierten Erleichterung beim Aufstehen aus dem
gen nicht mehr durchführbar [1]. Veränderungen rechtzeitig zu erkennen Sessel [7]. Ebenso konnte eine Minde-
und ihnen nach Möglichkeit bereits prä- rung des Sturzrisikos durch Krafttraining
> Die altersbedingte ventiv entgegenzuwirken. Dabei sind die belegt werden [8]. Eine weitere wichtige
Muskelatrophie betrifft Beratung und Aufklärung des Patienten Komponente der Behandlung ist das Sen-
vorwiegend Typ-II-Fasern wie auch der Angehörigen von wesentli- somotoriktraining, welches das Gleichge-
cher Bedeutung. Im stationären Bereich wicht, die Standstabilität und die Gehge-
Mit zunehmendem Alter beginnt die Zu- ist die frühestmögliche Mobilisierung des schwindigkeit positiv beeinflusst [9] und
sammensetzung der Körpermasse sich Patienten und damit die Verhinderung damit auch das Sturzrisiko reduziert [10].
zu verändern: Der prozentuale Anteil an einer langen Immobilisation und Inakti-

Manuelle Medizin 6 · 2011  | 469


Zusammenfassung · Abstract

Manuelle Medizin 2011 · 49:469–470  DOI 10.1007/s00337-011-0876-1 Fazit für die Praxis


© Springer-Verlag 2011
F Ein Verlust an Muskelmasse und Mus-
K. Pieber
kelkraft ist im Alter evident und kor-
Altersassoziierte Veränderungen der Muskulatur. Ursachen,
reliert mit einem erhöhten Risiko von
Folgen und Behandlungsmöglichkeiten der Sarkopenie
Stürzen und Pflegebedürftigkeit.
Zusammenfassung F Das Erkennen der Problematik, sowie
Aufgrund der demographischen Entwick- Zu den physikalischen Behandlungsmög- die Beratung und Information des Pa-
lung in Österreich kommt den Veränderun- lichkeiten gehören die Bewegungstherapie, tienten und der Angehörigen sind die
gen im Alter eine immer größere Bedeu- Krafttraining, die neuromuskuläre Elektrosti-
ersten Schritte in der Behandlung.
tung zu. Ab dem 55. Lebensjahr kommt es mulation und Sensomotoriktraining. Nach
zu einer 15%igen Abnahme der Muskelkraft ärztlicher Abklärung von Kontraindikationen F Im weiteren Verlauf kann je nach kli-
pro Jahrzehnt, die sich ab dem 70. Lebensjahr und bei adäquater Progression sowie beson- nischem Erscheinungsbild die Durch-
auf 30% pro Jahrzehnt beschleunigt. Der Ab- nener Auswahl der Übungen treten Neben- führung einer Bewegungstherapie,
bau der skelettalen Muskelmasse im Alters- wirkungen oder Verletzungen bei hochinten- einer Elektrostimulation oder auch
verlauf führt zu gravierenden Veränderun- sivem Krafttraining nicht vermehrt auf. Kraft- eines Kraft- und Sensomotoriktrai-
gen in der Bewegungsqualität und -sicher- training mindert nachweislich das Sturzrisiko.
nings sinnvoll sein. In Studien wur-
heit. Der Kraftverlust hat Auswirkungen auf Sensomotoriktraining beeinflusst das Gleich-
die Bewältigung verschiedenster Alltagsak- gewicht, die Standstabilität und die Gehge- de bereits nachgewiesen, dass diese
tivitäten, eventuell verbunden mit funktio­ schwindigkeit positiv, wodurch ebenfalls das Maßnahmen effektiv sind und nicht
nellen Einschränkungen und Invalidität so- Sturzrisiko reduziert wird. zu einer Erhöhung des Verletzungsri-
wie Sturzgefahr. Die altersbedingte Sarkope- sikos führen.
nie beruht vor allem auf neurogenen Mecha- Schlüsselwörter
nismen, der Ernährung, hormonellen und im- Sarkopenie · Alterung · Sturzgefahr ·
munologischen Faktoren sowie körperlicher Muskelkraft · Training Korrespondenzadresse
Inaktivität. Betroffen sind >50% aller Perso- Dr. K. Pieber
nen ab 80 Jahren. Universitätsklinik für Physikalische
Medizin und Rehabilitation, Medizinische
Universität Wien, AKH Wien
Age-related muscular alterations. Causes, consequences Währinger Gürtel 18–20, 1090 Wien
Österreich
and possible treatment options of sarcopenia karin.pieber@meduniwien.ac.at
Abstract Interessenkonflikt.  Die korrespondierende Autorin
Due to the demographic development in The physical treatment options include the- gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Austria age-related alterations in the elderly rapeutic exercises, strength training, neuro-
are becoming more important. After 55 years muscular electrostimulation and sensorimo- Literatur
of age a 15% decrease in muscle strength oc- tor training. Following medical clarification of
  1. Jette AM, Branch LG (1981) The Framingham Disability
curs per decade which increases to 30% af- contraindications, adequate progression and
Study: II. Physical disability among the aging. Am J Pu-
ter 70 years of age. The reduction in skele- a sensible selection of exercises, side effects blic Health 71:1211–1216
tal muscle mass in the course of aging leads or injuries do not occur more often by highly   2. Imamura K, Ashida H, Ishikawa T, Fujii M (1983) Human
to severe alterations in the quality of move- intensive training. Strength training has been major psoas muscle and sacrospinalis muscle in relati-
ment and sureness of movement. The loss of proven to reduce the risk of falls. Sensorimo- on to age: a study by computed tomography. J Geron-
tol 38:678–681
strength has an effect on the ability to cope tor training positively influences the equili-   3. Evans W (1997) Functional and metabolic consequen-
with a wide variety of daily activities, possi- brium, stability of standing and speed of wal- ces of sarcopenia. J Nutr 127:998–1003
bly associated with functional limitations and king and also reduces the risk of falls.   4. Frontera WR, Meredith CN, O’Reilly KP et al (1988)
disability as well as the risk of falls. Age-relat- Strength conditioning in older men: skeletal musc-
ed sarcopenia is based in particular on neuro- Keywords le hypertrophy and improved function. J Appl Physiol
64:1038–1044
genic mechanisms, nutrition, hormonal and Sarcopenia · Aging · Risk of falling ·   5. Mayer F, Baur H, Müller S et al. (2004) Prävention von
immunological factors and physical activi- Muscle strength · Training Beschwerden des Stütz- und Bewegungsapparates.
ty. More than 50% of persons older than 80 MMW Fortschr Med 146:31–33
years are affected.   6. Dyrek D (2000) Strength training. Harv Mens Health
Watch 5:1–5
  7. Liu CJ, Latham NK (2009) Progressive resistance
strength training for improving physical function in ol-
der adults. Cochrane Database Syst Rev (3):CD002759
  8. Persch LN, Ugrinowitsch C, Pereira G, Rodacki AL (2009)
Strength training improves fall-related gait kinematics
in the elderly: a randomized controlled trial. Clin Bio-
mech (Bristol, Avon) 24(:819–825
  9. Ramsbottom R, Ambler A, Potter J et al (2004) The ef-
fect of 6 months training on leg power, balance, and
functional mobility of independently living adults over
70 years old. J Aging Phys Act 12:497–510
10. Province MA, Hadley EC, Hornbrook MC et al (1995)
The effects of exercise on falls in elderly patients. A pre-
planned meta-analysis of the FICSIT trials. Frailty and
injuries: cooperative studies of intervention techni-
ques. JAMA 273:1341–1347

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