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JAHRBUCHERFUR
GEsc:HıcHTE UND
KULTUR
SUDOSTEUROPAS
Hıs†oRY AND CULTURE oF SOUTH EASTERN EUROPE

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Versteckte Minderheiten im südöstlichen und zentralen


Europal
Christian Promitzer (Graz)

1. Einleitung die weiterhin ungebrochene Relevanz ethnischer Phänomene

Dieser Aufsatz hat das Ziel, das Konzept der versteckten Minderheiten vorzu
stellen. Dieses soll auf seine Anwendbarkeit für das südöstliche Europa und den
sich nördlich daran anschließenden zentraleuropäischen Alpen Adria Raum, der
von Ungarn im Osten bis ins nördliche Italien reicht, überprüft werden. Diese
Überprüfung erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeitz Die zwei behandel
ten Regionen werden oft als diskrete Gegensätze behandelt, indem auf deren
„mitteleuropäische“ bzw. „balkanische“ Wurzeln rekurriert wird. In diese Be
trachtung sollen aber auch Kriterien und Maßstäbe des Gemeinsamen bzw. des
kontinuierlichen Übergangs ein ießen wie etwa die gemeinsame Prägung durch
ethnische Heterogenität, wenngleich der Donau Alpen Adria Raum geringer da
von betroffen ist.
Am Beginn der Erörterung steht das Postulat, dass versteckte Minderheiten ein
Übergangsphänomen der Moderne sind. Sie scheinen zwar nur eine Begleiter
scheinung von Nationsbildung zu sein und erst durch diese ihren Sinn zu gewin
nen, aber über versteckte Minderheiten eröffnet sich auch ein neuer Blickwinkel
auf die Entstehung und Entwicklung von Nationen und ethnischen Gruppen in
diesem Teil von Europa.
Ein neues Forschungskonzept muss zuerst situieıt und darm genauer definiert
werden, bevor Aussagen über dessen Relevanz getroffen werden können. Zu die
sem Zweck wird eine Annäherung an das Thema gewählt, bei der ich mich in
Form einer Spirale quer durch das Begriffsfeld von Ethnizität, Multikulturalität
und Repräsentation heranpirsche. Dabei ist von zwei Beobachtungen auszugehen:
1. Begriffe wie Identität, Nation und Ethnizität fanden schon während des Nie
dergangs und vennehrt nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft im östli
chen Europa Eingang in kulturelle und politische Diskurse. Dieses „ethnic revi

' Ich möchte mich bei Klaus Jürgen Hermanik, Marijana Jakimova, Tanja Petrovió. Eduard
Staudinger und Ivica Sarac ir ihre Mitarbeit im Projekt P l50t~¦t`t .."à ”eı's¬~tı:±:l;te M itttietlteiteıt
zwischen Zentraleuropa und dem Balkan”, das in den Jahren Zttltt ZHU ft 1 'ein ü±~;teı*t'eiı:lıt
schen Fonds zur Förderung wissenschaftlicher Forschung nanıttiert wtıı*e1e. ltetiııııkeıt. t llnıe
ihre mit ttttgeiietttiett t `tiı'.~;ettuııgeı1 ttiitte tlie eı' Text nieht geselıriehetı .~.~eı'tien l«.tittt1en_
Eirtıntilıtge fiir den vurliegetttleıt Beitrag hiltiete mein .fttttštıttz title t `*¬ f'it.iI_jivu.~tt :~.=l\:t'i¬~ 'e.1'titt
ttıtıttjittıt na iiıaikııtttı. `:'*~Ie1 ;ıt ıetıı i_j:~:t›;ı't ztt|¬›ıt:F': ıt1_ju. in: $k1'i=.'ette 111aı'ı_iiııe ıttı Bal.1¬;rtıtttf`i litltieıt
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eı'eı*set1iettet'ı ist. int tttirigeıts. tler eittzige. tier sit 11 er qtliett tleıt ¬.'er:¬'teel~.'te:t Miınleriıeitett ııtıt
dem Balkan widmet.
3 So wird hier Weiler :1u[` Llıtgmıı :meta aut' Rumänien eittgeμtııtgetı. Ftir eiııeıı mllsttitttligett
Überblick vttttı I' i|1rL1L'ltlrıimiıerlıeiltett ittt iii llichen Europa vgi. Wiesel' |_:`tt;›'_j.f'i«;|ttμtit.ii=: tler: e'tt|'ü
päischen Üatetts. Fltl. lit: Let tt] ıuıı der Sprachen des et1t'tiμtii:ıt:|1t,¬ıı tjsteıtıt. Hg. Milttš
O k u k a . Klagenfurt, Wien, Ljubljana 2002.

JGKS 7 (2005), 9 32 9
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Christian Promitzer Versteckte Minderheiten im südöstlichen und zentralen Europa

val“ im östlichen und mehr noch im südöstlichen Europa fiihrte zur Entdeckung, sierten Geschichte“ charakterisiert.6 Sein britischer Kollege Ernest Gellner hat
dass vierzig Millionen Menschen im östlichen Europa Angehörige von auto dies weitaus gelassener gesehen: „Im lndustriezeitalter können letzten Endes nur
chthonen Minderheiten seien.3 Auf dem Weg zu einer paneuropäischen Identität Hochkulturen tatsächlich überleben. Volkskulturen und kleine Traditionen wer
bzw. einer „Einheit in der Vielfalt“ war es notwendig, dass ethnische Phänomene den nur künstlich atii Leben gelialterı. iiiilreli Vereinigiıııgeii. die sieh dem Schutz
mit liberalen und zivilgesellschaftlichen Vorstellungen kompatibel gemacht wur der Sprache und tler Felklere wirlinen.“ Dieser Sieht attfelge wi.ii'tlen Maßnah
den. So wurde angemessene ethnische Repräsentation in dem 1995 vom Europa men wie das Rahnieiiüliei'eiiiketnineii des Eiireμaı'ats tatstielilieli nur zur künstli
rat verabschiedeten Rahmeniibereínlcornmen zum Schutz nationaler Minderheiten elieıi Lelieiisverläiigereıig etl.iniseher P~rliıii:lei¬heiteii beitragen. Aber Gellner ltat
angesprochen, während das Modell der „Staatsbürgemation [. . .], die ihren Bürge diese Sätze 1983 geselirielrıeti. als das lii .'|ı.isti'ie:«reitalt'er sieli :iin Entie seineı' nie
rinnen und Bürgem mehrere Identitäten ermöglicht“, in der unter der österreichi tlernen sprieli Ferclistiselieıi Pliase bet`aıii.l iiini sieli ein ..ethriie reiiival“ iin west
schen 'EU Präsidentschaft im zweiten Halbjahr 1998 verabschiedeten Wiener De liehen Etiıraia allenfalls in ilen Aiisätaeii ven Regieıiiilhewegtingeii abaeiehnetef"
lclaratzon zur lllzıltikultzıralität una' Multíetlmizítät in Mittel , Ost und Südosteu Eleittiein ist weder die Frage tler Basken iieeli jene Neri.'lii'liintls vtillig aus den
ropa zur Geltung kam.4 Sehlagzeilen i.fei'set1en.iiiı:leii. uncl aueh ini österi'eieliiseIieii iíarıiien sind sefei
Deí)l1:rS:ti2:I]&ßI;âl;in:g fšncllšn in der niíiht zuletzt von den Urhebem der Wiener sprachige Ortstafeln noch immer ein Politikum.
ethnic revivålu g_ _ o nung statt, ie tragischen und negativen Seiten des 2. Seit den fiühen 1990er Jahren ist ein weiteres Phänomen zu beobachten: die
Kamen , wie sie etwa in den postjugoslawischen Kriegen zum Ausdruck i¬e1ebilisiei'ı.ıiig i. 'ini tvieiiselien aus ilen Periplierien iiifelge des Falls des Eisenien
, außen vor bzw. im europäischen Glacis belassen zu können. Damit kor Veı'l1angs und der uni sieli greiiieiitieii Glebalisieniıig sets 'ie die lileaktieneii der
respondieite wohlauch die Vorstellung, dass die ethnischen Probleme im östli Aufiialinieiäticleı' aiif ihre An] ıtiiift. Es gelit niitliin iıın ge lebten i'i íiii'rHrirlriii¬rilis
chen und südöstlichen Europa anachronistisch seien.5 Dieser Anachronismus inns i 'ni' Ort.. in den ivletıepeleti. untl ıiieiit niir tiiij.lie'ii ifrni. in tiert Periplierieiifi
wirkte wohl umso schlagender angesichts der heute bestehenden Vielzahl an An Hier aeigte sieh alsbald. dass Rassisiniıs und Frenitlenfeiiiellielikeit.. iiie ¬v'erse|it.tr
geboten ır multiple und nicht nur allein ethnisch bestimmte Identitäten, die noch fung ven Aiifetillialtsgeset: teii iınti veii Asylreehten sewie Ben 'ältigiing ireii Visa
32121 gâxliçšåggcg erxšecken untereiiiander austauschbar zu sein, Doch hinter Reginien und iren Fı'eiiirleripeliaei das Bestelieii ini Alltag an tlringlielieren Le
mit der ei ene V nac ronlåsmus scheint mehr zu stecken: .Wer will schon gern beiisfrage irıaelite als die aiigeiiiesseıie Reeriiseiitatieii in einer iniiltikultiirelleii
die ei g n ergangen eit“konfron.tiert werden und mit der Tatsache, dass Gesellseliaft. Und wie sellte diese Reprasetitatien aiisselien? ln let; tt er Zeit sıziilien
gene „Wertegemeinschaft das Zeitalter der nationalistischeii Leidenschaf wir zuneliiiientl auf Argiiıneiitati.erısrnust'er. die die Frage tler kellektiveii peliti
ten und Verbrechen gerade erst seit dem Zweiten Weltkrieg überwunden hat? selien Repiäseiitatieii i. en Zitwiini'lerei'griippet1 als Resultat eiıier Feiileiitwiekliiıig
Dabei geht_es nicht allein um die totalitären und eliminatorischen Formen von und einer lelileniieit iieiituiig ven Diskriniinieriıiig eleuteii: ..Selieitert die integra
Herrschaft im Nationalsozialismus und Faschismus. Gemeint sind auch Formen tien urid bleibt eine Üriippe i.'eı'ı Ziiwaiitlererri ilaiierliaft betiaelileiligt. wird sie
der Aussehließung und der Assimilation, die im Rahmen demokratischer Herr sieh it'geiidivat1ı1 uni eine kellektive "~.f'ertretung bernühen.*“" Ütier ist inan ge
f›<`1h§l S\_>ve1Sen gegenüber jenen eingesetzt wurden, die auf Grund iln'er unter neigt iiitıısiıztıiiigeii iliren Pretest in Revelten iiiisífíutiliiliekeıi. wie es ini Herbst
seliiecllielien etliiiiseheri Identitat nicht in das Schema des Nalioiialstaates passten. .E005 Kiii der und Enkel ven Eiiiwaiitlereiii aus dem lvlaglireb in den franaösiselien
Diese 'Ferineii waren seltener in direkter als vielmehr in struktureller Gewalt rep Verstädten getan haben. Aiıeiı tler britiselie Seaielege Eštiiart Iiall tintiet es be
i[*así.ltitie_it etwa iii Institutionen der Sozialisieiung tSeliiile} und sozialen Kon cienklieli. „wenn inan in eiiie l:`erınal getrenntere. pliirale Feriii peliliseliei' R.epi'ä
ro e (Offeritlichkeit, common sense) , wie auch im Angebot der Teilhabe am sentatien gleitet. Es entsteht die (iefalir, die speai selten Werte der .Ceiiii1iiıiiit}f`
gesellselialllieheıi Welilstand im Atistaiiseli für Assiiiiilatieii. Dei' gi'ieç] ¦|'g.;;|1 aufziıweiteii, als hefäiideii sie sieli nielit beständig in einer sielı veraritieriicleii Be
l1*aii.aiisiselie Soziologe Niees llottlaiitzas (l'J3(i 1979) hat dingt; V91 gängg g|g um ziehung zu allen anderen Werteii. die uni sie heriini esistieren und init iiinen ken
dei ılšenstitiiıeritng der iiieclerneii Vellizısnatien iiiijiliitiertelEiiifriediıiigeii“ be kiıirieren.“ Dies sei aueh ini l linbliel«: ant" die iiieglielie Beseliiieidung des Reelits
zete inet. und ei hat sie als „Frtigiiieiite eıiier i. 'ein Staat tetalisieiten und kapitali
6 Nicos P o u 1 a n t z a s , Staatstheorie. Politischer Überbau, Ideologie, Autoritärer Etatismus.
.1 Hamburg 2002, 147.
Liisılåutirhå
.tn l. ' iıip 11 n . l' l.itinı_i.ilstaali.n
' _ 1 _ '.ı Ltnii lnatıtiıiale
' Niinileihetteii.
' .`_ ' ni.
' _ Brennniıtikt Usteiırepa.
7 Emest G e l 1 n e r ,Nationalismus und Moderne. Berlin 1991, 173.
Q L l ei en 'ini lsieiıeteuer des. Natienıilismiis. Hg. Valeria H e ii be rge r _! A; ımttj 3 Gerhard S o nn e rt, Nationalismus und Krise der Moderne. Theoretische Argumentation
Eule lilßaäii t Eiısabetlt V y s l e ii :ei I _ Wien. Miiiielien l lilti 9 11 und empirische Analyse am Beispiel des neueren schottischen Nationalismus. Frankfurt a.
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. Üst und Siirlesteiirepa
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M. 1987.
IRL 'CM ienei e .iratien i. ent fill. Sejiteinber lilliii. Ü.i1ei'i'en.~lii.i*›:*lie Ü.i rliefie *ll.t2 tltllšil l}_ 9 Für eine erste Zusammenschau von Multikulturalismus in beiden Hälften Europas vgl. Per
5 spectives of multiculturalism western and transitional countries. Hg. Milan M e s i c': . Zag
D'_ies is_ '
t der Tenor bei' Ernest Gellners Beschreibun des Nationalismus
. . im
. ostlıchen
__ _ n
.. d .. . g 11 d reb 2004.
í1;9f;S'Iš1š1lı;1; Europa _ vgl. Ernest Ge 1 l n er, Nationalismus.
. . Kultur und Macht. Berlin 'Ü Norbert M a p p e s Ni e di e k, Die Ethno Falle. Der Balkan Kon ikt und was Europa
daraus lernen kann. Berlin 2005, 195.
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Christian Promitzer Versteckte Minderheiten im südöstlichen und zentralen Europa

von Individuen von „Communities“ zu bedenken. die eine antlere Meinung Italien sen vor Ort auseinander gesetzt haben“ Diese fanden zumeist in ethnisch
als die ihrer Ursprungsconnnunity. Auch in I lalls ptilitiselier Legilt' stelieti ..tvir1¬t heterogenen europa'ischen Zwisclienraiınien statt, die auch jene Orte bilden, wo
same und kompromisslose Strategien gegen Rassisnttıs. Ausgrenzuiig und l:`i'nied versteckte Minderheiten gehäuft anzutreffen sind. Im zentralen und südöstlichen
rigung“ im Vordergrund, und er plädiert für eine breitere Neutlefiiiitiun natieiialer Europa haben sich diese Zwischenräume zudem im Rahmen multiethnischer Rei
Zugehörigkeit zum Aufnahmeland, die die Zuwandemden einschließtn che (des Osmanischen, des Habsburger Reiches) entwickelt.14
Die Ein íhrung des Konzepts der versteckten Minderheiten erlaubt es nun, die
2. Warum versteckte Minderheiten? Definition und Problematisierung im Rahmen der Nationsbildung wirksamen Prozesse der Inklusion und Exklusion
auf der untersten Ebene zu studieren und die Nationalisieiung europäischer Zwi
Es gibt einige Ubersclineidungen zwischen den Communities der Migrantinnen schenräume zu beobachten. Hier kommt es zu einer mit der Nationsbildung eng
und Migranten und jenen der versteckten Minderheiten, und damit sind wir auch zusammenhängenden Verstärkung der Rolle von Öffentlichkeit und Elementar
selitin lieı einer ersten Deiiiiititiii: Als i«'ei'siet:l<te Minderlieiten stillen hier jene bildung seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wie auch zu einem, nationale
zunieist sehr kleinen etliıiiselieii Getnei.iisehat`teii bezeielinet wertleti. die eiıier Bezüge zunehmend achtenden Verständnis von Religion. Dies führt dazu, dass
seits Assıinıltttıensprnzessen tıtıtl eiiinals Maßiialiinen tler Diskıiıiiiiiieriittg aus Intellektuelle zumeist Lehrer und Priester, die vor Ort über Machtpositionen
gesetzt sırıtl tıtıtl andererseits über keine ltullektive Reprasentatiun verfügeıi ttiitl ver ígen zu treibenden Kräften eines vom Zentrum auf die Peripherien ausgrei
tlalier ftirnialreelitlieli als Mintlerheit ıiielit anerkannt sind. sei es weil ihnen eine fenden „national engineering“ wurden. Dazu kamen Technologien der Staats
Anerkennung verweigert wurde, oder weil sie die da ir notwendige Willensbil macht (Volkszählungen) und Institutionen der Zivilgesellschaft (Medien, natio
dung nicht aufbringen. nale Schutzvereine).
Es liegt auf der Hand, dass es sich dabei um marginale und wie der Ausdruck In manchen Fällen werden die Technologien und die Institutionen von den
„versteckt nahe legt nur teilweise wahmehmbare Erscheinungen handelt, die Exponenten einer Nation monopolisiert: so kommt es vor, dass Personen und
kaum jemals den Lauf der „großen“ Geschichte wesentlich beein usst haben. Gruppen, die man auf Grund differenter kultureller Merkmale als eine Minderheit
Lohnt sich daher uberhaupt der Aufwand, sich wissenschaftlich mit ihnen auseiii oder auf Grund ihrer Mehrsprachigkeit als außerhalb der Nation stehend zu be
ander zusetzen? trachten geneigt ist, von Beginn weg keine Probleme haben, sich der Nation der
S__0\/lei sel s 'eiweg geiitiiiirnen: der Aufwand lohnt sieh tlann. weiin inan Mehrheit angehörig zu fühlen. Ein Beispiel dafür bilden die albanischsprachigeii
berucksielitıgt. dass aueli Eıslierge. von denen nur ein ltlt: nier Teil sielitbai' ist. Arvaniten Griechenlands, die eine wesentliche Rolle beim Aufstand gegen das
nicht zu tınterseliatzen sind. Une schließlich sollte die lirlbrseliiiiig versteel~cter Osmanische Reich gespielt haben. Heute sind sie „Träger einer quasi ,verschwie
Minderheiten _|a nieht unvermittelt. d. h. für sich stehentl und tiline tlieeretist¬{1.;›t; genen Identität°“ und ihre Existenz dokumentiert _die Amalgamierung der Kultur
Werkzeug vor sich gehen. Sie hat 1. 'ielinelir Bezug ztt iieliinen auf gruntllegende formen ohne eine Au ösung der Primärgruppen.1°
Werke zur Formieiung von Titlattuneii untl etliiiistılıen Gr|_i|i| „gn t;i_t¬,1,.›i.,; tig; .jan ,ii
verbundenen Rolle von Intelltltttıt .lltıi und ntut.n Teelinelogieii. im Hınbliek
1 I' 1 ¬iı 1 3 ' ' '

auf das zentrale und sudostlielie Etirepti sind in den letzten anderthalb Jalirzelin
ten einige Fallstudien erschienen, die sich mit nationalen Differenzierungsprozes 13 Vgl. in Auswahl: Vom Ethnos zur Nationalität. Der nationale Differenzierungsprozess am
Beispiel ausgewählter Oite in Kämten und im Burgenland. Hg. Andreas M orits ch.
Wien, München 1991; Robert Gary Min n i c h , Speaking Slovene being Sloveiie. Verbal
codes and collective self images: some correlations between Kanalska dolina and Ziljska
ıi btii.ırt
¬ _ Frage tles lvlLiltılztiltiirıilisnitıs.
_ _ _ _ dolina. Slovene Studies 10/2 (1988), 125 147; D er s _ , Homsteaders and citizens. Collec
litt ll . Die in: Ü e rs. _ ldeelugie ldentitííi tive identity formation on the Austro Italian Slovene border. Bergen 1998; Hans H aa s,
Repitıseiitatıuii .iltttsgen ' ililte F›elii'ifteıi 4. l laıiiburg 2004. ltiii 227, hier 22 |_¬› 113 Ethnikum und Nation in der dör ichen Lebenswelt eines deutsch tschechischen Dorfes, in:
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L Iss sııitlıu. a.. \Frttleru: B ı t li . Iiinetitit.titni. ın. Etliiiit grntuis anti lititintinrıes: tlie stieial Vilfanov zbornik: Pravo zgodovina narod/Recht Geschichte Nation. Hg. Vincenc
tiıgttiiiztitıtiıi ul eultural titl"i`erenee. Hg. Ders. Beraen Ltintltiii 11161) ti its Bnmftjigi R aj šp /Emst B r u c k inü 1 l e r . Ljubljana 1999, 555 588; Minderheiten, Regionalbe
A ti ti e r s ti ıi . lniagıneri etiıiinitınıties. Itelleetitiiis tin the tirigiii aiitl spreatl tif ıiatiuıialisrıı. wusstsein und Zentralismus in Ostmitteleuropa. Hg. Heinz Dietrich L ö we / Günther H.
I:“m|U"`iiııtl
NW". ",“'lk[tt W953 T o nt s c h / Stefan T r o e b s t . Köln, Weimar, Wien 2000; Ethnizität, Identität und Nati
lgulıiir Maelit :ie Fn.Ü5].'3 lllvliı
1" tislat
*3 1'. 'Natitiiiiilisıiitis und|.ii'eet'intiitieiis
H r ri e li . Eštieitil Mtitlernt' iwietifnatitnial
Fn. ll; Ci ei'evii.~'al
l l n e r.
iıi onalität in Südosteuropa. Hg. Cay Lienau /Ludwig Steiiidorff. München 2000;
Umstrittene Identitäten. Ethnizität und Nationalität in Südosteuropa. Hg. Ulf B ru nn
sniti t.ı E tırepean ıiaıtieiis. Nett' `ftii'k Elttlti: T..ie aıithı'tipt'i1tigy tifetliiiieity: lie3,„_¬,m| |3*†_¦t„ic b a u e r. Frankfurt a. M. u. a. 2002; Peter M. J u d s o ii , Nationalizing rural landscapes iii
grtiups anti litiuntlaıies . Hg. Hans "tt" e rin e ii I e ıi (Ttira G ti ti e r s. .ftiiistertlani lllt'~`i i ' Cisleithania, 1880 1914, in: Creating the other. Ethnic conflict and nationalism in Habsburg
_ _ j litits tifttliıiıt tzuıistteiisiiess.
Tlieiti"^¬ ¬t. . tlg.
' Eli es s. l*~tt.~.=t
._. `r'ntk _. 19917._ als eine Relleltiıtin' der' Central Europe. Ed. Nancy W i n g fi e 1 d . New York, Oxford 2003, 127 148.
äildııesen Werken geaul:'tet'teii (_ıetlaiilte.n ini H'inI¬t|it,~k ant" tleıı Balkan ning gelten: Ulf |4
Regionale Bewegungen und Regionalismen in europäischen Zwischenräumen seit der Mitte
I 11 Fir. fi Une Vtitti belbst ztıin Eigenen. Iuillelttitt. ltitntittiteıi, in. llisttiri: .elie Aiitlirti
¬ '1 ¬ 1. 'll 'F '.l",Iı 'ıı 'Fl' li 1 ri
des 19. Jahrhunderts. Hg. Philipp T h e 1' /Holm S u n d h a u s s e n .Marburg 2003.
Pülegte ini stttlustlielieii l~.tiı'ti;ia. Eiıie: Eitıtiilinıtig. tlg. isitırl lslaser Siegt`riet'lti r tt 'S Eleni B ots i, Die sprachliche Selbst und Fremdkonstruktion am Beispiel eines arvaniti
li ii' I' i Rebeit P i e li 1 e r. Wien. Ktiln. Weinittr 2tf]t`t3„ 3?? .4tt2_ schen Dorfes Griechenlands. Eine soziolinguistische Studie. Diss. Konstanz 2003,

12 13

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Christian Promitzer Versteckte Minderheiten im südöstlichen und zentralen Europa

In anderen Fällen man denke nur etwa an Makedonien vor den Balkankrie sche, sondern auch mit Zuckerbrot: „Die Anforderung, sich der Mehrheit restlos
gen oder an die Herzogtümer Kämten und Steiermark bis zum Ende des Ersten anzupassen, mag grausam, intolerant und ungerecht sein. Aber sie enthält immer
Weltkrieges waren hingegen national engineers zweier oder gar dreier unter hin ein Versprechen: dass wer sich ihr unteiwirft, am Ende ,einer von uns” ist und
schiedlicher Milieus präsentló Sobald nun eine der Seiten in diesem Kampf um gleich behandelt wird wie alle anderen.“2' In jedem Fall hatten diese Mechanis
die Seelen den Sieg davongetragen hatte, und der jeweilige Zwischenraum Terri men die mittelbare Folge, dass die betroffenen Personengruppen die auf ihre dif
torium eines mit dem Gewaltmonopol ausgestatteten nationalen Staates geworden ferente Kultur hinweisenden Teile ihres kollektiven Selbstbildes mit einem Tabu
war, setzte ein Prozess der Kolonisierung ein, bei dem das Verstecken und Ver belegten. Auch war nicht gewiss, ob das Versprechen tatsächlich erfüllt wurde,
leugnen nnerwiinschter Minderheiten eine Form der legitimen Ausübung des und die Assimilierten ob ihrer Vergangenheit wirklich einer Stigmatisierung ent
symbolischen Gewaltmonopols durch eben diesen Staat darstellt. gingen.“
lin Ralinien derartiger nationaler Diftei'eıiziertiiigsnrezesse haben die Mitglie Kehren wir noch einmal zum Ende der multiethnischen Reiche zurück: Zwi
der betreffener Gruppen angesiehts des ati sie lierangetragenen Entseheidtings schenräume hörten nach der Entscheidung über die staatliche Zugehörigkeit nicht
zwatiges und des damit verbiintleneii sezialen Drtiel›:s_teilweise selinii vtni Beginn einfach auf zu bestehen, die betroffene Bevölkerung legte nicht über Nacht ihre
weg eine Srrrnft *gie min' Pi't'iri.s des .sicli 1«”`ei'iit=i'gtrii.t I" angewandt, wubl aueh uni spezifischen kulturellen Merkmale und ihre bisherigen Gewolniheiten ab.“ Des
eitier eindeutigen Eiitselieidung auszuweielieii. Su lange es geht, werden aueh halb standen nicht nur Minderheiten, die ihre Stimme erhoben, sondem auch ver
deppelte Identitäten atıt`reeliterha|ten.m War die E.ntse1ieidting init dern Rüelsztıg steckte, schweigende Minderheiten unter dem Verdacht des Irredentismus, ja ein
eder Ende der ınultietlinisehen Reiche gefallen und eine neue Grenze geztigen solcher wurde seitens ihrer möglichen Referenzstaaten (kin states oder „external
meist Ohne die betrtiffene Bei 'ülkerung zu liefriigen so gab es nueli viel mehr national honielands“) gar erwartet. Wie bei anerkarmten Minderheiten haben wir
Grund für ein selehe Praxis des Verliergens/H `Überrntißige Ltiyalitätsbekundtiit es auch hier mit einer wie es Rogers Biubaker nennt triadischen Kon gura
gen gegenüber dem Nationalstaat der Mehrheitsbevölkeiung und die Beschrän tion24 zwischen 1. dem Staat, innerhalb dessen Grenzen die Minderheit lebt und
kung der Muttersprache auf den engen familiären Be reieli verweisen atıl` eine dessen Repression sie zu fürchten hat, 2. ihrem kin state und 3. der Minderheit
Unterwerfungswahmehmttngm bzw. einen „Sinn für die eigene Stellung“ ( E i¬t 'ing selbst zu tun, wobei die versteckte Minderheit die ihr zugesclniebene Rolle nicht
Goffman), bei dem Meclianisnien der Angst wirken, tlie ¬t ein nationalen Staat eimiehmen will. Zuschreibungen prägen auch die Diaspora und Volksinselfor
ausgehen. In der Praxis arbeiten derartige Mechanismen nicht nur mit der Peit schung, die sich frühzeitig mit versteckten Minderheiten auseinander gesetzt ha
ben: diese Zuschreibungen gingen von Erwartungen eines klar strukturierten eth
<http://www.ub.uni konstanz.de/vl 3/Volltexte/2004/1292//pdf/Diss_Elena_Botsi.pdf>, 242, nischen Bewusstseins ihrer Forschungsobj ekte und der daraus abgeleiteten Forde
245. rung nach Minderheiterirechten aus bzw. tun sie das teilweise auch heute noch.
16
Vermund A a r b a k k e , Etlinic Rivalry and the Quest for Macedonia, 1870 1913. Boulder, Im inainstrearn der aktuellen Forschung sind derartige Ansprüche nur mehr zwi
Colorado 2003.
li' schen den Zeilen zu lesen, und es wird eher darauf hingewiesen, dass die Erfor
Die zweifache Bedeutung des Perfektpartizips „versteckt“ im Sinne von „versteckt werden“
und „sieli i 'ersleel~:eii“ hat uns zur Ntitiieıisgelitıtig ..vei'stet:ltte Mintierlieiten“ bewegen. Sie schung kleiner ethnischer Gruppen in das Konzept eines Europas der „Einheit in
erscheint iıiis genatter als der eben liills ini Lliiilaufbe iitllielie untl niit einem ntistalgiselten der Vielfalt“ passe und sogar als Beitrag zum kulturellen Uberleben dieser Grup
Heigeseliınaek belialiete Begrifftier ..i 'eıgesseneii Minderlieiteii“ vgl. The fergntten ııiinu
rities til`.Eastei†i 1." .tii'njie. The Iiisttiry and ttitlay tif seleetetl etlinie grtiuris iıi tive eeuıilries. 21 M appes Niediek,Et1ino Falle [wie Fn. 10], 32.
Ed. Arne T a ii ii e r . 11eisii'ılti.'ltlt'l4. 22 Dietmar L a r c h e r , Soziogenese der Urangst, in: Zweisprachigkeit und Identität. Hg.
18
Ein Beispiel dafür ist die Gemeinschaft der Aromunen (Vlachen) Bulgariens vgl. Thede Klaus Börge B o e c k m a n n u. a. Klagenfurt 1988, 15 64.
K a hl, Wandlung von ethnischen Identitätsmustem bei den Aromunen (Vlachen) Bulga 23 Davon legen die in Dörfem an der neuen slowenisch kroatische Staatsgrenze gemachten
riens und ihre Folgen, in: Li e n a u /Stein d o r ff, Ethnizität [wie Fn. 13], 19 47, bes. ethnologischen bzw. sozialanthropologischen Studien von Duška Kiieåevió Hoëevar und. des
37, 40 41. im Vorjahr frühzeitig verstorbenen Borut Brumen Zeugnis ab vgl. Duška K n e 2 e v i ci.
19
Zur Problematik der Grenzziehungen auf Identitäten vgl. Border identities: nation and state H o Ö e v a r, Druzbena razmejevanja v doliiii zgomje Kolpe: domacinska zamišljanja .nacije
at international frontiers. Hg. Thomas M. Wi 1 s on / Hastings D o n n a n _ Cambridge in lokalitete [Soziale Abgenzungen im oberen Tal der Kolpa: Konzepte der_Einheimischen
1998; Nationalising and denationalising European border regions, 1800 2000: views from über Nation und Lokalität] Ljubljana 1999; Borut B ru m e n , Sv. Peter in njegovi Öasi. So
geography and history. Hg. Hans K n i p p e n b e r g /Jan M a r k u s s e. Dordrecht, Bos cialıii spomini, öasi in identitete v istrski vasi Sv. Peter [Sv. Peter und seine Zeiten. Soziale
ton, London I999; Grenze im Kopf. Beiträge zur Geschichte der Grenze in Ostmitteleuropa. Erinnerungen, Zeiten und Identitäten im istrischen Dorf Sv. Peter]. Ljubljana 2000. _
Hg. Peter H a s l i n g e r . Frankfurt a. M. u. a. 1999; Living (with) borders. Identity discour 24
Rogers B ru b a k e r, Nationalism reframed. Nationhood and the national question inıthe
ses on East West borders in Europe. Ed. Ulrike M e i nh o f. Aldershot 2002; Culture and New Europe. Cambridge 1996, 55 76. Wie Peter Haslinger richtig bemerkt hat, wäre diese
cooperation in Europe's borderlands. Ed. James A n d e r s o n / Liam triadische Kon guration durch ein viertes Element die internationale Gemeinschaft zu
O ' D o w d /Thomas M. W i 1 s ti ti . Aınstenlain, New York 2003. ergänzen vgl. Peter Ha s liiiger, Minorities and territories ways to conceptualise
20
Sevasti Tru b e t a, Die låtinstinitieii ven Miiiclerlieilen und die Ethnisieiung sozialer und identification and group cohesion in Greece and in the Balkans, Jalirbiiclierfiir Gesc/iiclite
politischer Kon ikte. Eine l_lntei'stıehung a iii Beispiel der im griechischen Thrakien ansässi und Kultur Siidostenropas 5 (2003), Minorities in Greece historical issues and new per
gen moslemischen Minderheit. Fi'aiiltl"tirt a. M". ti. a. 1'999. 218 223. spectives, 15 26, bes. 22.

14
15

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Christian Promitzer Versteckte Minderheiten im südöstlichen und zentralen Europa

pen zu verstehen sei.25 Aber allein der Gebrauch des Wortes „Überleben“ deutet Hinterland assimiliert.29 Strate 8 ien des Untertauchens in der Bevölkeiung des
an, dass es nicht mehr weit ist bis zum Voiwurf, der da lautet, dass versteckte Aufnahmelandes lassen sich auch bei albanischen Migranten in Griechenland
Minderheiten „nach allen Regeln der Wissenschaft aus ihren sozialen Bezügen beobachten.30
gerissen, ihrer Biogra en entkleidet und zu Exemplaren einer Spezies hergerich Schließlich ist festzuhalten, dass der Begriff versteckte Minderheiten nach ei
tet [werden], bis sie aussehen wie die Schaufensterpuppen im Völkerkunde Mu ner Klärung seines Verhältnisses zu „nationalen Minderheiten“ und „Nationen“
seum.“26 verlangt.“ Dies ist nicht so einfach: Man denke etwa nur daran dass die Makedo
Die Erforschung versteckter Minderheiten wird diesen Vorwurf aushalten müs nier, deren Existenz im Königreich Jugoslawien geleugnet wurde, danach als eine
sen, ist er doch teilweise gerechtfertigt: man denke nur an die romantische und oft eigene Nation definiert wurden. Auch die Slowenen in Italien wurden relativ spät
von einer Nostalgie geprägte Jagd von Forscherinnen und Forschem aus den Met als nationale Minderheit anerkannt. Andere Gruppen, wie die slawischsprechen
ropolen nach möglichst exotischen Themen und Objekten in den Peripherien. Und den Makedonier in Nordgriechenland nach 1925 und im südwestlichen Bulgarien
er spricht auch ein spezifisches Verhältnis von Wissenschaft und Deutungsmacht nach 1948 wurden wieder aus dem Sichtfeld von Staat und Öffentlichkeit ver
an. Diesem Verhältnis ist nur teilweise zu entkommen und zwar, indem man ver bannt.32 Wieder andere ethnische Gruppen, wie die Roma, die über keinen kin
sucht, die Stimmen der anderen wahrzunehmen etwas, was bei versteckten state verfügen, sind mit abgestuften Formen der Anerkemiung konfrontiert, wie
Minderheiten auf Grund der Natur der Sache besonders schwierig ist und ihnen etwa das Beispiel Sloweniens zeigt, dass sie inzwischen zwar als „ethnische
nicht sofort eine bestimmte Seinsweise unterstellt.“ So muss man sich von der Giuppe“ anerkannt sind, nicht aber als „nationale Minderheit“. Einen ähnlich re
Vorstellung lösen, dass versteckte Minderheiten a priori den Willen haben, ihre duzierten Status haben auch die ethnischen Gruppen in Bulgarien insgesamt.“
differenten kulturellen Eigenschaften zu bewahren. Für im Dienst der nationalen Die (ehemals) deutschsprachigen Gemeinschaften in Slowenien und die (ehe
Sache stehende oder auch dem hehren Ideal des Multikulturalismus verp ichtete
Forscher mag es desillusionierend sein, wenn ein Forschungsobjekt anders rea 29 Zu den bis zum Zweiten Weltkrieg durch Zuwanderungen geschaffenen kleinen städtischen
giert, als man es erwartet. Aber ohne diese Desillusionierung ist die Gefahr tat ethnischen Gruppen vgl. u. a. Zdenëk U h e r e k, The Czech minority in Sarajevo and its
sächlich sehr groß, sich als Gestalter eines menschlichen Jurassic Park zu betäti syiiibols, in: Urban syinbolism and rituals. Proceedings of the international symposium or
gen. ganised by the IUAES Commission on Urban Anthropology, Ljubljana, June 23 25, 1997.
Bisher war von Minderheiten die Rede, von denen es heißt, dass „die Grenze Hg. Bozidar J e z e rn i k. Ljubljana 1999, 69 79; Zdenëk Uh e r e k, Bosnian Czechs: A
lesson from the theory of ethnicity, Etlinologia Balkanica 3 (1999), 141 154; Keith S.
über sie gekommen ist“. Allerdings lässt sich das Konzept der versteckten Min
B ro w n, Wechselnde Staaten. Die Ambivalenz von Ethnizität in einer inakedonischen
derheiten auch aufj ene anwenden, die „über die Grenze gekommen sind“28 und in Stadt, in: B ru n nb au e r, Umstrittene Identitäten [wie Fn. 13], 63 95; Poti in usode: se
Städten leben. Auch bei diesen Gruppen lassen sich neben jenen der Selbstbe litvene izkušnje Slovencev z zahodne meje [Wege und Schicksale: Migrationserfahrungen
hauptung auch Strategien des Verbergens beobachten, sofem sie durch den Ras der Slowenen von der westlichen Grenze]. Hg. Aleksej K a l c u. a. Koper Triest 2002;
sismus der Mehrheitsbevölkerung angesichts äußerer Zeichen wie unterschiedli Marijana J a kim o v a, Die soziale Bedeutung der kulturellen Identität in der Fremde. Die
che Hautfarbeii oder unterschiedliche Religion (z. B. durch das Tragen des bulgarischen Wandergärtner in Osterreich, in: Südosteuropa im 20. Jahrhundert.
Kopftuches) nicht unmöglich gemacht werden. Während manche dieser Gruppen Ethnostrukturen, ldentitäteii, Kon ikte. Hg. Flavius S o 1 o m o n . Konstanz 2004, 227 241;
Zoran P 1 a s k o v i c , Status i etniëki identitet C incara izmedu oëekivanja i stvamosti [Sta
wie die nach Wien eingewanderten Tschechen und Slowaken nach dem Ers tus und ethnische Identität der Zinzaren zwischen Erwartung und Rea1ität], in: S i k i m i 6 ,
ten Weltkrieg zu anerkannten nationalen Minderheiten wurden, haben sich andere Skrivene manjine [wie Fn. 1], 147 156; Jovanka Dordevic J o v an o v i ó, Grci u
über den Umweg einer versteckten Minderheit wie etwa die bulgarischen Gärt Beogradu [Griechen in Belgrad], in: Skrivene manjine [wie Fn. 1], 157 175.
ner in Osterreich, die Nachkommen griechischer Kau eute in den Städten Ser 3° Georgia K i' e t s i , „Shkelqeii“ oder „Giannis“? Nainenwechsel und Identitätsstrategien
biens und der Vojvodina, die Tschechen von Sarajevo, ein Großteil der Armenier zwischen Heimatkultur und Migration, in: Die weite Welt und das Dorf. Albanische Emig
in Bulgarien, die der nach Triest zugewanderten Slowenen und Kroaten aus dem ration am Ende des 20. Jahrhunderts. Hg. Karl Kaser /Robert Pichler /Stephanie
S c h w a n d n e r S i e v e r s. Wien, Köln, Weimar 2002, 263 284; Albanian Migration
and New Transnationalisms. Hg. Nicola M a i / Stephanie S c h w a n d ii e r S i e v e r s .
London u. a. 2003.
31 Im intemationalen diplomatischen Gebrauch werden von der OSCE, dem Europarat und der
25 Boris J e s i h: So „male“ manjšine diugaöne od „velikih“? [Sind „kleine“ Volksgruppen UNO unterschiedliche Begriffe verwendet wie “national minorities”, “ethnic, religious and
anders als große?], in: Die europäische Dimension des Volksgiuppenrechtes. Sprachminder language minorities” oi' “national, ethnic, religioiıs and langtıage minorities” vgl. Vladimir
heiten: Herausforderung und Chance. Hg. Karl A n d e r w a 1 d / Peter K a r p f / Vladimir O rt a k o v s ki , Minorities in the Balkans. Skopje, Stip 1998, 34. Hier wird durchgehend
S m r t n i k . Klagenfurt 1997, 112 120. der Begriff „nationale Minderheiten“ verwendet, um all diese Gruppen zu bezeichnen.
26
M ap p e s Ni e die k , Etlmo Falle [wie Fn. 10], 66. 32 Hugh P o u 1 t o n , The Balkans. Minorities and states in con ict. London 1993, 107f., 175
27
Zu dieser Problematik vgl. Kultur, soziale Praxis, Text. Die Krise der ethnographischen 182; O rt a ko v s ki, Minorities [wie Fn. 31], 165 167; Bibliographisches Handbuch der
Repräsentation. Hg. Eberhard B e r g / Martin F u c h s . Frankfurt a. M. 1993. ethnischen Gruppen, Bd. 2. Hg. Gerhard S e e w an n /Pétei' D i p p old. München 1997,
zs
Beide Wendungen sind entnommen aus M a p p e s N i e d i e k , Ethno Falle [wie Fn. 10], 1291 1295.
195. 33 o f t a i< 0 v S in , Minorities [wie rn. 311,264.
16 17
P 1? _

Christian Promitzer Versteckte Minderheiten im südöstlichen und zentralen Europa

mals) slowenischsprachigen Gruppen in der Steiermark stecken noch immer in Methoden und Erkemitnissen der Minderheitenforschung, die sich auf formal
unterschiedlichen Stufen eines sich seit über einem Jahrzehnt hinziehenden Aner rechtlich anerkannte Gruppen bzw. quantitativ größere ethnische Gruppen k0n_
kennungsverfahrens, wobei eine solche Anerkemiung mangels eines ausreichen zentriert, und der kulturwissenschaftlichen Erforschung ethnischer Identitäten
den Substrats oft nur mehr symbolische Bedeutung hat. Schließlich gibt es auch Vor diesem Hintergrund sind die historischen Dimensionen der P T0bl ematik ge
kleine ethnische Gruppen, von denen Teile dazu tendieren, sich in einer größeren nauer zu betrachten.
ethnischen Gruppe zu verstecken, wie etwa die Pomaken, Torbeschen, Poturen
und muslimischen Roma im südlichen Balkan: Während sie in Griechenland oh 3. Historische Aspekte
nehin in der gesetzlieli einzig anerl :atinteti muslimischen Mintlerlieit zust=ııii.ıi1en
gefasst sind“, selilielleii sie sieh in Bulgarien vermehrt an die zalilreielie türkiselie Ein historischer Blick auf das Phänomen der versteckten Minderheiten im süd
Minderheit an untl tauelien in l\/lnketlenien sewie im Kosovo (vermehrt seit 1999i östlichen und zentralen Europa kann hier nur im Rahmen einer unvollständigen
in der albanischen Bevölkerungsgıuppe unter.35 Dieser Vorgang, bei dem die Skizze erfolgen, die zum Weiterdenken anregen soll. Wesentlich erscheint dabei
Religion gleichsam als Nachklang des osmanischen Millet Prinzips ein kate die Berücksichtigung von drei miteinander verbundenen Faktoren: 1. Ereignissen
goriales Ordnungsschema darstellt, ist auch vereinzelt unter Christen zu beo und Prozessen, die zum Verschwinden, aber auch zur Schaffung von versteckten
bachten, wie etwa in dem Nalieverhältnis der Kroaten zu den katholischen Bun Minderheiten führen, 2. der Frage der kollektiven Repräsentation von ethnischen
jevcen der Vojvodina36 und im Untertauchen von Nachkommen bulgarischer Gruppen im Rahmen des Minderheitenschutzes und 3. der Visualisieiung von
Gärtner in Ungam in den dort vorhandenen serbisch orthodoxen Gemeinschaf versteckten Minderheiten.
ten.37
Diese Aufzählung zeigt eine weitere Problematik auf: Sind all diese Gruppen, 3.1. Ereignisse und Prozesse
auch jene die inzwischen formalrechtlich anerkannt sind, als versteckte bzw.
einstmals versteckte Minderheiten zu bezeichnen? Eine mögliche Antwort sollte Auszugehen ist von der multiethnischen Verfasstheit der großen Reiche, wie
von folgenden Überlegungen geleitet werden: Als Unterschiede zu anerkannten des Osmanischen Reiches und Österreich Ungarns. Innerhalb des letzteren lassen
nationalen Minderheiten wurden bereits der Willensbildungsprozess wie auch die sich allerdings schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nationale Homo
Leugnung der Existenz dieser Gruppen seitens der Staaten, in denen sie leben, genisierungsprozesse vor allem in deutsch slawisch und auch italienisch slawisch
eiwähnt. Das letztere ist übrigens iirmier leichter nachzuweisen als das erstere, gemischten Zwischenräumen, sowie an den Peripherien des ungarischen Sied
obwohl das erstere das wichtigere Element bei der Bestinnnung von versteckten lungsgebietes beobachten; diese wurden alsbald von nationalen Auseinanderset
Minderheiten sein sollte. Schließlich darf man auch nicht von einem homogenen zungen begleitet, die immer schärfere Töne annahmen. In diesen Prozessen und
Gruppenbegriff ausgehen, sondem muss daran denken, dass es innerhalb einer als Auseinandersetzungen kamen die erwähnten Technologien der Staatsmacht und
ethnische Gruppe charakterisierten Gemeinschaft unterschiedliche Strategien ge Institutionen der Öffentlichkeit in den Händen vor Ort tätiger national engineers
ben kann, sowohl jene des sich Verbergens als auch jene der Selbstbehauptung der jeweils einen oder anderen Seite je nach lokalem Kräfteverhältnis zum
letztere sind übrigens nicht immer allein auf die Bewahrung etlmischer Differenz Einsatz. Dabei hatte die deutsch(national)e Seite durch ihre traditionell bessere
im speziellen sondem auch auf die Bewahrung lokaler Besonderheiten im allge infrastrukturelle Verankerung einen strategischen Vorteil, den sie als die „höhere
meinen zurückzu ihren.38 Deraitige Strategien können sich im Laufe der Zeit Stufe“ der deutschen Kultur inteipretierte.39
gegenseitig abwechseln. Dies heißt, dass die Kategorie der versteckten Minder Diese Teeliiieltigieıi wurden naeh tiem Ende der multiethnischen Reiche weiter
heiten nicht disparat sein kann: sie weist einerseits offene Grenzen zu jener der betrieben. wie etwa in dem t'tul` t1`iı'iee1ienland, Serbien und Bulgarien aufgeteilten
Assimilation auf und andererseits zu jener der nationalen Minderheiten. Vorerst Tvltiltetlenieii. in Kiirnten vun ttietiiseli lösterreichischer und in der ehemaligen
einmal soll sie als ein operationaler Begriff gelten, als eine Konstruktion a poste Llntersteiermarl~; vun sltiwetiiselieı* Seite, sowie in Istrien und in den daran nörd
riori, deren Begründung auch darin liegt, eine Brücke zu schlagen zwischen den lich anschließenden slowenisch und italienisch besiedelten Gebieten, die zwi
sehen den beiden Weltkriegeiı tıiiter italieıiiselier l1erı'se1ial`t statitleti. Die zu lviin
tleı'|ieiteıweitreterıi 1iei'abgestttlieii iinrinntri t i igiiietnzt' der antlereıi Seite standen
34
T r u b e t a , Konstitution [wie Fn. 20]. ntitiiiielir aıii Rantie tler Legalittit. wenn sie nieht überhaiirn veiielgt wni'den. ln
35
Yulian K o n s t a n t i n o v , An account of Pomak conversions in Bulgaria (1912 1990), in: tliesen Situatinnen traten aueh Persnıietigı'tn:ıpei'ı in Erselieinung. die au 1* dem Weg
Minderheitenfragen in Südosteuropa. Hg. Gerhard S e e w a n n. München 1992, 343 357, ven einer Ntititııi zur i ıiitleıen waren untl ren den lierı'se'.ieıtt:len Regimes geii:i'i'tiert
hier 344; P o u 1 t o n, Minorities [wie Fn. 32], 55, 117, 209. wurden wie die so genannten „Windischen“ in Kärnten oder die „slawophonen
36
Ante S e ku l i ó , Baški Hrvati [Die Batschka Kroaten] Zagreb 1991.
37
Biljana S i k i m i é, Being “hidden° within a minority. The adoption of Bulgarians into the
ethnic group of Serbs in Hungary, Manuskript. 39 Vgl. dafiir symptomatisch: Erwin H anslik, Kulturgeographie der deutsch slawischen
38 Sprachgrenze, Vierteljalirsscliri fiir Social und Wirtscliaftsgescliiclite 8 (1910), 103427,
Christian Gi o r d a n o , Ethnizität und Territorialität. Zur sozialen Konstruktion von Diffe
renz in Mittel und Osteuropa, Etlinologia Balkanica 3 (1999), 9 34. 445 475.

18 19

i=¶|
Christian Promitzer Versteckte Minderheiten im südöstlichen und zentralen Europa

Griechen“ in Nordgriechenland, während andere die versteckten Minderheiten zeichnung und verweisen auf ihre regionale Identität als Bewohner Zumberaks
diesen Sclnitt im Stillen vollzogen. Auch wenn diese Prozesse im zentralen Eu („Zumberöani“).45
ropa ihren Höhepunkt überschritten haben, so sind sie doch bis heute noch wirk Neben dieser Art von Homogenisierungsmaßnahmen kamen auf dem Balkan
sam. jedoch weitaus gewaltsamere Methoden zur Schaffung von Homogenität zum
Im südöstlichen Europa haben diese Technologien nationaler Homogenisie Einsatz, wobei unter Homogenität vorerst nicht unbedingt eine sprachliche, son
iung erst in der sozialistischen Periode stärker gegriffen, als der im Zeichen der dern religiöse Homogenität verstanden wurde. Hier liegt die Wurzel für die seit
wirtschaftlichen Modemisierung erfolgte Umbau der Landwirtschaft, sowie Ab dem frühen 19. Jahrhundert feststellbare Vertreibung und Abwanderung von
wanderung, Pendlerwesen und die teilweise Säkularisierung kleine ethnische muslimischen Gruppen aus den christlichen Balkanstaaten, deren weitere Stufen
Gruppen dazu zwang, ihre traditionellen Lebensformen aufzugeben.“ Es stellt die massiven Bevölkeiungsverschiebungen infolge der zwei Balkankriege, des
sich jedoch die Frage, ob nicht die gegenüber dem zentralen Europa wichtigere Ersten Weltkriegs und des 1923 geschlossenen Vertrags von Lausanne bilden,
Rolle von Veiwandtschafts , Erb und Klientelsystemen diesen Prozess von “pea wobei nun wie etwa die nach Bulgarien hereinströmenden Emigranten aus der
sants into Frenchmen”41 verlangsamte, da sie es dem Staat dessen bürokrati Dobiudscha, Makedonien und Thrakien dokumentieren auch zunehmend
scher Apparat ja selbst von diesen Systemen durchzogen war erschwerten eine nichtmuslimische Bevölkerungsgruppen betroffen waren. Dies zeigt sich auch in
stabile Grundlage für das modeme Prinzip der nationalen Homogenität zu legen.“ den Bevölkeiungsverschiebungen im und nach dem Zweiten Weltkrieg, die teil
Eine neue Welle nationalistisch begründeter Homogenisieiungsmaßnahmen weise vom Dritten Reich organisiert waren und bis zum Genozid reichten, aber
erfolgte wiederum nach dem Ende des Koirmiunismus vor allem in den aus dem schließlich auch die deutschen Siedlungen selbst betrafen.
ehemaligen Jugoslawien heivorgehenden Staaten. Rogers Brubaker spricht in Die hier nur angedeuteten (Zwangs )Migrationen bezeichnet Rogers Brubaker
diesem Zusaimrienhang übrigens nicht von Nationalstaaten, sondem auf Grund als „uinnixing of peoples“. Dieser Prozess sei zwar unmittelbar durch das Ende
ihrer ethnischen Heterogenität von „nationalizing states“ um das Bestreben nach der multiethnischen Reiche in der zweiten Dekade des 20. Jahrhunderts ausgelöst
ethnischer Homogenieiung deutlicher zu machen.“ In Kroatien etwa gingen viele worden, habe sich jedoch mit unterschiedlicher Stärke bis in die Mitte des 20.
der im Land verbliebenen Serben auf Tauchstation so wurde aus dem westlich Jalnhunderts hingezogen.46 Auch die „ethnischen Säubeiungen“ und Aussiedlun
von Karlovac gelegenen Dorf „Srpske Moravice“ das serbische Attribut entfemt, gen, die das ehemalige Jugoslawien in den 1990er Jahren und noch zu Beginn des
obwohl der nun einfach „Moravice“ heißende Ort noch innner mehrheitlich von 21. Jahrhunderts erschütterten, erfolgten nach demselben Prinzip des „umnixing“
Serben bewohnt ist. Ein anderes Beispiel sind die in der Region Zumberak west schließlich ging es erneut um den Zerfall eines multiethnischen Staates.
lich von Zagreb lebenden Nachkommen von Uskoken, die im 17. und 18. Jahr In Bezug auf versteckte Minderheiten haben sich all diese ethnischen Verschie
hundert vom orthodoxen Glauben zur griechisch katholisch unierten Kirche über bungen in dreifacher Hinsicht ausgewirkt. Zum einen wurden kleine ethnische
getreten waren sie fühlen sich mehrheitlich als Kroaten, in einigen Dörfern an Gruppen mit den großen zumeist „türkischen“ ausgesiedelt, da sie als Teil von
der Grenze zu Slowenien haben sich manche auch als Serben bezeichnet.44 Mit ihnen wahrgenorrnnen wurden. Zum anderen wurden wie in Nordgriechenland
der Umwandlung der bisher administrativen Republiksgrenze zur intemationalen durch die Ansiedlung von kleinasiatischen Griechen bestehende Volksgruppen
Grenze forderte die Mehrheit der Bewolmer dieser Dörfer 1992 vergeblich den wie die slawischen Makedonen zahlenmäßig minorisiert und schrittweise in den
Anschluss an Slowenien, der Organisator der Aktion wurde für ein Jahr in Haft Untergrund gedrängt. Und drittens dies betrifft auch den zentraleuropäischen
genommen. Seitdem verweigem die Bewohner eine klare ethnische Selbstbe Raum sind kleine Bevölkeiungsteile ausgesiedelter Gruppen zurückgeblieben,
so dass sie numnehr meistens aus Angst, ihre Identität kundzutun als ver
steckte Minderheiten, die sich langsam an die Mehrheitsbevölkerung assimilieren,
weiterlebenf“ Hier seien nur zwei sprechende Beispiele erwähnt: Der eine Fall
betrifft die so genannten meglenitischen Vlachen in Nordgriechenland, von denen
ein Teil durch die Balkankriege und den griechisch türkischen Bevölkeiungs
40
Ulrich B ü c h s e n s c h ü t z , Minderheitenpolitik in Bulgarien. Die Politik der Bulgari transfer in die Türkei ausgesiedelt wurde, während ein anderer Teil in Nordgrie
schen Kommunistischen Partei (Bkp) gegenüber den Juden, Roma, Pomaken und Türken
1944 1989. Magisterarbeit München 2004 ( = Digitale Osteuropa Bibliothek: Geschichte 8)
<http ://epub.ub.ur1i muenchen.de/archive/0 00005 54/0 1 /buechsenschuetz niinderheiten.pdf> 45 Duška K n e z e v i é H o Ö e v a r , „Kri ni voda“: Potomci Uskokov ob slovensko hrvaški
41
Eugen W e b e r, Peasants into Frenchmen: the modemization of iural France, 1870 1914. meji [„Blut ist kein Wasser“: Die Nachfahren der Uskoken an der slowenisch kroatischen
London 1977. Grenze], Razprave in gradivo 45 (2004), 126 143, bes. 134 136, 138 139.
42
Vgl. entsprechende Gedanken bei Karl K a s e r, Freundschaft und Feindschaft auf dem 46 B r u b a k e r , Nationalism reframed [wie Fn. 24], 148 178.
Balkan. Klagenfurt 2001. 47 Christian V o s s , Indigenität, Ethnizität und Nationalität in Nordgriechenland im Licht der
43
B r u b a k e r , Nationalism reframed [wie Fn. 24], 63. Zwangsmigrationen nach 1912/1913, in : Identitäten und Alteritäten. Normen, Ausgrenzun
44
Nada H r a n i 1 o v i é , Znmberöani subetniöka giupa u Hrvata [Die Bewohner Zumberaks gen, Hybridisierungen und „Acts of Identity“. Hg. Monika F 1 u d e rn ik / Hans Joachim
eine subethnische Gruppe bei den Kroaten], Migracijske teme 6/4 (1990), 593 614. G e h r k e _ Würzburg 2004, 61 81.

20 21

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chenland zurückbliebflg Das zweite Beispiel betrifft die Reste autochthoner herige nationalstaatliche Prinzip von der Einheit von Nation und Territorium zwar
Deutschsprachiger in Slowenien, die nach der Aussiedlung ihrer Volksgruppe zur nicht aufhob, jedoch durch eine differenzierte Hierarchie von „Nationen“ und
Zeit des Sozialismus eine versteckte Minderheit bildeten, seit den 1990er Jahren „Nationalitäten“ verfeinerte. Am weitesten vorangetrieben wurde diese Verfeine
aber wieder eine bescheidenes Vereinsleben aufgebaut haben. In manchen Orten rung in Jugoslawien unter Tito.53 Dies führte zur erstmaligen Anerkennung einer
des früheren Minderheitengebietes in der Gottschee/Koševje leben nun Zuwande Vielzahl ethnischer Gruppen; im Extremfall führte dies dazu, dass die Existenz
rercomınunities aus anderen Teilen des ehemaligen Jugoslawiens, auf die manche einer Gruppe nur mehr auf der Kraftanstrengung von ethnic engineers beruhte,
der erwähnten Eigenschaften von versteckten Minderheiten zutreffen.49 die sich indem sie auf die Gruppe verwiesen, die sie angeblich vertraten Pos
ten und Ämter in der regionalen Verwaltung sicherten. Dies war etwa der Fall bei
3.2. Kollektive Repräsentation? der italienischen und tschechischen Minderheit in der Gemeinde Pmjavor in Bos
nien, wo die junge Generation den von den zumeist älteren Minderheitenvertre
Vor dem Hintergrund ethnischer Homogenisierungsversuche lassen sich tem vorgegebenen Identitätskonstruktionen keinen Sinn mehr abgewinnen
Diskussionen über die angemessene Repräsentanz von „Nationalitäten“, wie sie konnte.54
seit dem späten 19. Jahrhundert in den multiethnischen Reichen, besonders aber Die kriegerischen Auseinandersetzungen im ehemaligen Jugoslawien, die unter
im Habsburgerreich, ge íhrt wurden, besser verstehen. Sie erreichten jedoch sel Berücksichtigung des jüngsten bewaffneten Konflikts in Makedonien bis über die
ten jene Gruppen, die wir als versteckte Minderheiten bezeichnen, sondem hatten Jahrtausendwende reichten, waren für ethnic engíneers kleiner Gruppen nicht nur
eher mit dem Prozess der Arrondierung nationaler Territorien der verschiedenen schlechte Zeiten, sofem sie den Verlockungen der Regierungen erlagen. Schon
in Österreich Ungam lebenden Völker zu tun.50 Die erwähnten Vertreibungen das Tudman Regime hatte für die Wahlen von 1992 ein minderheitenfreundliches
von muslimischer Bevölkerung bildeten auch den Anlass dafür, dass die Groß Wahlrecht erlassen, das Vertreter der serbischen, tschechischen, slowakischen,
mächte von den Balkanstaaten Religionsfreiheit für die zurückgebliebenen Mus italienischen, deutschen und österreichischen Minderheiten ins Parlament brachte;
lime forderten.“ Aber erst mit dem de nitiven Ende der multiethnischen Reiche dieses aber war vom Kalkül getragen dadurch den Einfluss der weitaus stärksten
am Ende des Ersten Weltkriegs und der nunmehrigen Dominanz von Staaten, die Minderheit, der Serben, mit deren sezessionistischem Teil Kroatien im Krieg lag,
zumindest dem Anspruch nach Nationalstaaten waren, kam es zur Schaffung ei zu relativieren und der internationalen Öffentlichkeit zu zeigen, dass Kroatien
nes intemationalen Systems des Minderheitenschutzes. Dieses war durch die nicht so nationalistisch sei wie sein Ruf. Zur Perfektion erhoben hatte dieses Prin
Friedensverträge und durch den Völkerbund abgesichert. Es war als Ausgleich für zip jedoch das Miloševió Regime im Kosovo, das 1998 Vertreter kleiner etlmi
jene Gruppen gedacht, bei denen das Prinzip der Grerızziehung nach nationalen scher Gruppen wie eines Teils der Roma, der ebenfalls auf die Roma zurückge
Kriterien nicht zum Tragen gekommen war. Dieses System, dessen generelle henden „Ägypter“ und der in den Bergen im südlichen Kosovo lebenden Goran
Wirksamkeit ohnehin fraglich war, fand auf kleine ethnische Gruppen, sofern sie zen formell an der Macht beteiligte, um das Gewicht der aufständischen albani
sich überhaupt für Minderheitenrechte interessierten, kaum Anwendung.“ schen Mehrheit in der Provinz zu relativieren. Nach der NATO Bombardierung
Dies sollte sich jedoch in der sozialistischen Ära ändem, als das sowjetische Mo der Bundesrepublik Jugoslawien im Jahr 1999 und nach der albanischen Macht
dell einer expliziten Aufgliederung möglichst vieler ethnischer Gruppen das bis übernahme unter Oberhoheit der UNO wurden Teile dieser Gruppen vertrieben,
andere versuchten sich zu behaupten, während ein weiterer Teil, um nicht zum
48 Dies war der Fan bei den isiamisia ren meglenitischen vıachen, die durch die Baıkanrqiege Objekt von Attacken zu werden, sich unter dem Deckmantel einer angenomme
und den griechisch türkischen Bevölkerungsaustausch von 1923 auseinander gerissen wur nen Identität als „Albaner“ versteckte.55 .
den vgl. Thede K a h 1 , Zur Islamisierung der meglenitischen Vlachen (Meglenorumänen). Zuletzt soll auch erwähnt werden, dass das Rahmenübereinkommen für den
Das Dorf Nânti (Nótia) und die „Nântinets“ in der heutigen Türkei, Zeı'tschríftjı`ı'r Balkcmo Schutz nationaler Minderheiten in der Region selbst Anstöße gegeben hat. So
Iogie 38/1 2 (2002), 31 55. wurden in den letzten Jahren in Kroatien, Bosnien Herzegowina und Serbien um
49
Klaus Jürgen H e r m a n i k , Colonizing a former German minority region: a case study of a
fangreiche Minderheitenschutzgesetze verabschiedet, die eine möglichst große
South Slovenian village, Esscıys in Arts and Sciences 33/ l (2004), 65 75.
50
Zu den Alternativvorschlägen der österreichischen Sozialdemokraten vgl. Günther S a n d Anzahl von autochthonen und zugewanderten Minderheiten erfassten, wenngleich
n e r , Austroınarxismus und Multikulturalismus Karl Renner und Otto Bauer zur nationalen kleine Minderheiten in Serbien noch immer Schwierigkeiten haben, um ihre Rep
Frage im Habsburgerstaat, in: Kakanien revisited <www.kakanien.ac.at
/beitr/fallstudie/GSandner1.pdf>.

O r t a k 0 v s k i , Minorities [wie Fn. 31], 53 99.
52 Zum Minderheitenschutz im Völkerbundsystem vgl. ebd., 109 118; Ognjana C h r i s i ” o fr a 1< 0 v S i< r , Minorities [wie rn. 311,323 331.
m o v a, “Mirnite” Balkani sled N'oj. Obštestvoto na narodite kato faktor na statukvoto i 54 M ap p e S N r e <1 1 e k, Erhno r=a11e[wre Fn. 101,24 27.
malcinstvenija mir (1919 1939) [Der friedliche Balkan nach Neuilly. Der Völkerbund als 55 Geer D u i j z i n g s , Die Erschaffung von Ägyptem in Kosovo und Makedonien, in:
Faktor des Status quo und des Minderheitenfriedens (1919 l939)], in: Balkanite mezdu Brunnbauer, Umstrittene Identitäten [wie Fn. 13], 123 148; Sevasti T ru b e t a, Balkan
mira i vojnata XIV XX vek. Sbornik nauöni izsledvanija [Der Balkan zwischen Frieden und Egyptians and Gypsy/Roma Discourse, Natíonalíties Papers 33/ 1 (2005), 71 95; M ap
Krieg 14 20. Jh.]. Hg. Svetlozar E ld ä r o v. Sofia 2002, 267 283. p e s N i e die k, Ethno Falle [wie Fn. 10], 155 157.

22 23

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Christian Promitzer Versteckte Minderheiten im südöstlichen und zentralen Europa

räsentation zu kämpfen.“ Im Falle Kroatiens wtırtieri 22 Miiiderlieiteıi aiierlttıtiiit


von denen einige wie die Vlachen, Türken und Rtiıiiiitieıi iırıı kr; ing ßjafmt 3.4. Visualisierungen durch die Forschung
Vertretung wählten” Auch andere Gruppen wie die Nttelikrııııμ 17311 1,. Un «,_~m› jim
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hunderten angesiedelten katholischen Albanem in der dalmatinischen Stadt Zadar Visualisierungen erfolgen jedoch auch ohne den Willen der Betroffenen, etwa
oder die Sprecher dreier lokaler romanischer Dialekte in Istrien fühlten sich von wenn der Bestand einer sich verbergenden Gruppe mit polizeilichen Mitteln der
dem Gesetz nicht angesprochen. Umgekehrt hat Slowenien mit seinem Festhalten
Auskundschaftung erhoben wird. Diese erinnert an eine weitere Form der Visua
aıiiPriii'_`†i
si] du 1 Aiitrmlitlitiiiıe
¬~_ ' tlıt.
it Aıitiktıi_iiiiıi_g
„..._. \ _ un Zuit
~ _,.iiidereigeiiieiitselittfteii
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lisierung die wissenschaftliche Erforschung solcher Gruppen, auf deren Ge
aus tleii tıiidereti Teilen des eheıiitıligeıı _ltıi1tis|tıwieiis die dies tteıii sehen iiitieli
schichte hier kurz eingegangen werden soll: Tatsächlich hat sich die wissen
ten. tııiıiitiglieli geiiis.eIit_ Ntieii pi'e1~.'_tirei* ist die 1 'ige tler sti sreıiaiiiiten izliı is*tıii“
__ 'J' 1 L „__ Hi ~ li schaftliche Forschung in den Balkanstaaten schon frühzeitig mit kleinen ethni
ider _,Atısge1eseiit'eii“}: Etwa 13.0011 Perstiıieıi aus aiitlereiı elienialigeıi Teilrepiı schen Gruppen auseinandergesetzt. Diese geschärfte Aufmerksamkeit mag ein
lililtleıi wtır'tieii '|*~J9_'1 mit dei' sluweıiisclieıi Regierung aus tleıi t=ııiit1ie1'ieıi Registerıi
Nebeneffekt der relativen Kleinheit und ethnischen Heterogenität etwa von Ser
geltiselii und gitigeri tltıiiiit ihrer Bi`ıı*ge ı*reeIite i 'erltıstits Bis heute ist die l__t_ıi;e der
bien, Griechenland und Bulgarien sein, die zunächst nur nominell Nationalstaaten
Betrt:ti'ieiieii tiıigekItirt_ `
darstellten.
H Dennoch ist es im. Uberlappungsraum zwischen den deutschen (bzw.
So hat der tschechische Historiker Konstantin Jirešek (1854 1918), der 1881
osterreichrschen), italienischen und slowenischen Kulturen auch zu Prozessen
82 Minister für Volksbildung in Bulgarien war, mehrfach über dort lebenden eth
gektiiiiiiieii. tittiisli die Grtıppeii aus ilireiii Zustt ind tler Uıisie litht ii'keit gehalt wer
nischen Kleingruppen (Kumanen, Petschenegen, Yürüken, Gagausen, Schurgut
tieıi stiilteii: etwa t_ltırt:l'ı das l'~_l'±J'~) i'eir ılisızliietiete itulieıiisclie (iesetr riiiiii Selitit?
schen) geschrieben sowie auch über andere im westlichen Balkan (Aromunen,
|iist¬iri'¬_
«_ stliu= Sprrieliıiiiıitieiliı._ıit__ıi,
' f _, _, das___„tutti _ Dt._tttstIit_
, , atiiieılitilli
_ 'ÜSiıtlttrtilsL ritter '
Morlaken, Vlahen). Einige dieser Gemeinschaften bezeichnete er als „Völker“,
ketiıit_ und t_'ltii'cli die 'lilill ertiilgli: Ei'weitCi*tiiig des Mititierlieiteiisclititaes tier
während er für andere den Begriff „ethnogra sche Gruppen“ einf`ührte.6l Zu
Slot t 'eiieii ıii [tt 'ilieii tritt' das Ktitisl untl das Resitittil (Shit. 'ia Veiietti. "Beıie:`=`tl<ti Siti
erwähnen ist auch die Arbeit von Gustav Weigand (1860 1930) über die Aromu
vetii|ai_ lin sellieıi .lt iiit' tıiilei reieliıieteii tiie österreieliisclie und ~=Itiweıii*~:t:*1ie R
nen.“ Den Begriff „ethnografische Gruppen“ wiederum übemahm der serbische
ël ill íš #31" l"HlHlEI'ttl tt huil'tii'aiikui_ii_riieii_ voii dem dtis öster'i'eit: Iiiselie Atıiieiiiiii Ethnologe und Geograf Manojlo Smiljanió (1870 1906), der 1905 einen Beitrag
iiisteriuıii 1ie|itttiiiI;et_ titiss Sltiweıiieii tltiiiiit die ' iti1"seitieiii Territtiritıiii ltb nd
über die „ethnogra sche Gruppierung der Völker der Balkanhalbinsel“ verfasste:
_,tiltiistei'ı'eıi_:hisı:lie Miiiderheil“ iiii|¬›1i;›:it titierlttiiint li" itte “H 7'004 erliielren fttıetı die Er bezeichnete kleine ethnische Gruppen auch als „zerstückelte Teile“ einst her_r
mllıläcllell Sl' 1"“ ` '1*~3'l`1~ 1 T lltí' 1" I lf_'s'tgt
'* tler Vereiii tler sicli iiii' ~' sie eiiisetrt
_.e iiien schender Völker, die sich dank der verzweigten Höhenstrukturen der Balkan
slaiitiigeii Sit: ııii Volks›ri'ı_ıii|ieıilieii't it für die Sltiweiieıi iii Österreich im
halbinsel halten konnten: „Verschwunden sind die Völker nur im politischen
St Dr* ` I f~
1e1tittiig_e titıiieii ietlitliitlier Aiieıktiiiitiiig sind _ _ nur_eiii Ztigesttiiitiıiis
iiıtlit '__ _ des
Sinn, aber im ethnogra schen Simi haben sie weiter gelebt und erinnem dadurch
._t±tt rie li Mt .litliettslieifolkertiıig snttdei'ii heıtilialteii auch eine Visttt'ilisieı'tııig_ an die lichteren Zeiten ihrer politischen Vergangenheit.“63 Der serbische Geograf
eitie._ı
bit. Fi. iii~; aitnteliuiig _tlei _t:ttinıiiclt_.st der Tlittiııe n. ._ it__ii eııii ,_ Wtlleiisliiltitiıig_ der' Jovan Cvijió (1865 1927) mag hingegen als Begründer der serbischen Diaspora
1* I0 † 'l'ltš¬I1 åıräppe vurntısgegaiigen seıii sollte. Pitilttiscli ertitilgi tliese ıiieisteiis forschung gelten, indem er mit Schwerpunkt auf den Migrationen der Serben
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t'itıti_tt~¬. tnri Lft urtli ~. i_ _titi1\ıt.te_ ,iul * the
~¬ Vribesstrtıtig des ._ Lebeıisstttiidrirtis
„ , _ tihzıe . die so genannten während der letzten drei Jahrhunderte vor seiner Zeit erfolgten
lende |iiteı'essı:ii der (irtı|i;_ie Ifiesser t 'et'l`iilgt' u 'etıleii ktiti_neii. Dabei ktirıti es stılitin
„metanastasischen Wanderungen“64 auf der Balkanhalbinsel untersuchte, die zur
†et:ıi*ktiıiiiiieii_ dass uıiiei'st:liiet1|ie.lie Wege eiıigestflılqggn werden wie etw' i unter
d“ı"iiıi=e*
F J E T* llμüt` “ltiıtttltltitt
¬¬ ' tit..t=~ Aioiiitıiieii 'ıii Allitinit:' ti. die ~ sicli
_~ je iiaeli liiterczsseti
1
lage tils Ruriiaıieii ritter Gi'ıeelieti tielcltıı iereii_""
weisen vgl. Zenja P i mp ir e v a, Karakaöanite v Bälgarija (ot nomadstvo käm usedna
lost) [Die Karakatschanen in Bulgarien (vom Nomadentum zur Sessha igkeit)]. Sofia 1995.
fi lit 6] Helena B o Ö k o v a , Ethnische Gemeinschaften und ethnische Prozesse auf dem Balkan im
Flttriiii
F“ le! Bi = |iist _ Minrlt.t__1it..itt.iisı.1itits.
' ~' 'ııi f:›ei1:›t›..n
¬ '.. ıi_it_li
_. Mıltisevius
_ ~ ff›ttiı'i:_
¬ .?t. ,«,«_}, ,___ ,im„_W¬„_ Werke Konstantin Jirešeks, Ethnologia Slovaca et Slavica 24 25 (1992 93), 227 229, 237
±'tt'*›ı: tttftfjtii (tt ', 1¬ft'r.=I i'tu'f_t,ft'ti:i't'i'itirig 2~2t'l 3 t2ilti3¦_ 511 (ii, 240.
5'. '
62 Gustav Ludwig We i gand , Die Aromunen. Ethnographisch philologisch historische
„tl _ El'\1t`_l '_ 'l'"_ ~~.`~t±'l~ "W11 Mll' lt M L =¬ I «_ _ |'\=Iıtititıtit .s in C ıtitıtıa : ııitl "`_ the C litılletiges` til _ Untersuchungen über das Volk der sogenanter Makedoromanen oder Zinzaren_ 2 Bde. Leip
Mu|ttetiltttt'ıiiisıii_ ııir D ers _ _ Mtiltit:tıltiirti1isiti [wie I~'ti lt] ¬7't_1t;f, zig 1894 1895.
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1Iittjiımt ft't'it'I_pririiiiittıiii_ui'_tt|t'|iti_t'μi±›"_`!t1t1|_t'Pi~;t`J4i'¬`t html. 1 63
Manojlo B. Smil j anió, Etnografsko grupisanje naroda Balkanskoga poluostrva [Die
'it' J
* 'hıttti:.ft'ifg_tiı'eiiii _artist. *'biiitıitfiletpiitilt2tlt`14t1I "'2tlt14t|l"'7ttit|4¬t(,k|cmm] __ ethnografische Gruppierung der Völker der Balkanhalbinsel], Godišnjica Nikole Öztpiéa
full
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Puiiıf cq it 1 .t mit 1 ıitrı t bits t. rs. ¬ litt _ 'tilitiıinin
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Awtikeıiıiig: _
ltietiıity XXIV (1905), 102.
64
_* H _I ~1"'~ dlitjl trth in Frist Lttiiitiititiist _ '\Ilititiitı_ Fleiisiitiru 11111* i Die Wortschöpfung ist von Griechisch metanásrasis (Umzug von einem Ort zum anderen,
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_ titıeli"' iieı. den bes. erzwungene Umsiedlung) abgeleitet wohl in Abgrenzung zur damals stärker verbrei
= t rı st itıiısti iii Bttlgtii'ieii l_iee›li:ıt:iiteıi_ die aut ilire Biiıtliiıigt_=ıi titieli tirieelieıilttmj hin teten Translmmaiiz, der jahreszeitlich bedingten periodischen Wanderung von Hirten zwi
24
25

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Christian Promitzer Versteckte Minderheiten im südöstlichen und zentralen Europa

„Formierung neuer ethnischer Gruppen, Varietäten und Typen“ und zu „exoti versprengten deutschen Oasen im „Osten“ und „Südosten“ gleichsam nach dem
schen Bevölkerungsoasen“ geführt hätten.65 Konrad Clewing und Edvin Pezo Muster der vorangegangenen Forschungen von Vatev, Cvijió und Zupaniö. Es sei
haben zuletzt darauf hingewiesen, dass Cvijió Bevölkerungsgruppen, wie etwa nur am Rande erwähnt, dass Alfred Penck, der Doktorvater von Jovan Cvijié, die
islamisierte Serben im Kosovo, die wahrscheinlich gar kein Interesse an Serbien deutsche Volks und Kulturbodenforschung Mitte der 1920er Jahre entwickelt
als external national homeland hatten, als ethnogra sches Argument für serbi hatte, und dass deshalb unlängst die Frage nach einer „eventuellen serbischegš
sche territoriale Ansprüche genommen hat.66 Derartige Argumentationen sind bei Traditionslinie der deutschen völkischen Geographie“ gestellt worden ist.
versteckten Minderheiten bis heute anzutreffen. Möglicherweise wurden auf deutscher Seite nach dem Ersten Weltkrieg auch nur
Der slowenische Historiker und Ethnologe Niko Zupaniš (1876 1961), ein analoge Zugänge im Hinblick auf verloren gegangene und „unerlöste“ Territorien
Proponent der südslawischen Einigung, der in den Jahren vor dem Ersten Welt und Gruppen entwickelt. Dabei hatte die Berufung auf die „deutsche Ostsied
krieg in Belgrad lebte, hatte es sich eigens zur Aufgabe gemacht, isolierte kleine lung“, die ja nicht zu zusammenhängenden kompakten Siedlungsterritorien ge
ethnische Gruppen offensichtlicher oder eingebildeter südslawischer Herkunft zu führt hatte, eine ähnliche ideologische Funktion wie Cvijiós Hinweis auf die
erforschen. Dazu gehörten im Norden die serbischen Dörfer im slowenischen „metanastasischen Wanderungen“, die zur ethnischen Heterogenität der Balkan
Weißkrain (Bela krajina) an der Grenze zu Kroatien und im Süden die Bewohner halbinsel beigetragen hatte.
eines Dorfes in Griechenland in der Nähe von Athen, das das Ethnonym Harvatí Festzuhalten ist, dass in den Balkanstaaten eine Grundlage für die Erforschung
trug (das heutige Pallini). Zupaniö vermutete, dass die Bewohner kroatischer Ab kleiner ethnischer Gruppen gelegt war, die immer wieder, wenn auch nicht in
stammung seien; tatsächlich waren sie Arvaniten, die untereinander einen albani konsistenter Weise Thema von Arbeiten südslawischer Forscher waren wie Niko
schen Dialekt verwendeten und sich in nationaler Hinsicht als Griechen fühlten. Zupaniš (Tscherkessen im Kosovo), Tihomir Dordevió (1868 1944; Roma, Vla
In beiden Dörfem stellte Zupaniš rassenanthropologische Vermessungen an, um chen in Ostserbien, Tscherkessen), Dušan Popovic (1894 1965; Zinzaren), Mi
seine Thesen über ihre Herkunft zu untermauem.67 Zupaniö war allerdings nicht lenko Filipovió (1902 1968; kleine ethnische Gruppen im jugoslawischen Make
der erste, der die Rassenanthropologie zur Visualisierung ethnischer Minderheiten donien, Zinzaren, serbische Enklaven), Christo Tomov Vakarelski (1896 1979;
eingesetzt hatte. Bereits um die Wende zum 20. Jahrhundert hatte der bulgarische Pomaken) und vieler anderer waren, auf die hier nicht näher eingegangen werden
Arzt Stefan Vatev (1866 1946) diese Methode in Massenuntersuchungen der kann. Das Ende des Kommunismus und die auf Ethno Nationalismus zurückzu
Minderheiten in Bulgarien und der bulgarischen Diaspora außerhalb des Fürsten führenden postjugoslawischen Kriege ermöglichten die Erforschung umstrittener
tums Bulgarien angewandt.“ ethnischer Identitäten mit dem Instrumentarium des Konstruktivismus. Nicht
Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg machten sich die deutsche Volks und mehr Herkunft, sondem höchstens die identitätsstiftende Rolle von Herkunfts
Kulturbodenforschung und die mit ihr zusammenhängende Sprachinselforschung rnythen, Selbst und Fremdzuschreibungen sowie die Frage nach dem praktischen
nun ihrerseits vom Kalkül der homelandpolícies getragen auf die Suche nach Nutzen von Ethnizität für die Betroffenen selbst stehen nunmehr im Zentrum der
Forschung. Eine in dieser Hinsicht am meisteno beforschte Gruppe sind die in
schen Winter und Sommerweiden, sowie von Formen der Arbeitsmigration (pešcılba, gur Griechenland und Bulgarien lebenden Pomaken. _
bet).
65
Jovan Cvijió, Balkansko poluostrvo [Die Ba1kanhalbinsel]. Beograd 1987, 127, 133, 69 Clewing /Pezmiovan cvijic [wie rn. 66], 2711". _ _
143 144, 167. 70 Vgl. in Auswahl: K o n st anti n 0 v, Pomak conversions [wre Fn. 35]; Marla T 0 _
66
Konrad C l ewin g /Edvin P e z 0, Jovan Cvijió als Historiker und Nationsbildner. Zu d o r o v a , Identity (Tratis)formation Among Pomaks in Bulgaria, in: Beyond Borders. Re
Ertrag und Grenzen seines anthropogeographischen Ansatzes zur Migrationsgeschichte, in: making Cultural Identities in the New East and Central Europe Hg. Laszlo Ku rt 1. l Juliet
Beruf und Berufung. Geschichtswissenschaft und Nationsbildung in Ostmittel und Südost L an g m a n _ Boulder, Colorado, Oxford 1997, 63 82; Evangelos K a r ag 1 aın n i s ,Zur
europa im 19. und 20. Jahrhundert. Hg. Markus Krzo s ka /Hans Christian M an er. Ethnizität der Pomaken Bulgariens. Münster 1998; Sevasti T ru b e t a, Die Minderheiten
Münster 2005, 265 297, hier 290f_ politik Athens am Beispiel der Poınaken und deren sozialer 1titegttitit_iii_ _“E~ittitis'rt ttropa. Zett
67
Christian P ro mitze r, „Gute Serben“. Ethnologen und Politiker über die Identität der schrzft ffir Gegemvartsforschımg 47/12 (1998), 632 658; _|ertitınltti 1 _e I li ı_? ti i' a S a c k,
Serben in der slowenischen Bela krajina, in: Brunnbauer, Umstritteıre Identitäten [wie Fn. ldentitätsmuster der Pomaken Bulgariens: ein Beitrag nit Miıierıtítitetitetseliung. Mar
13], 176 183; Niko Zup an i ó, Hrvati kod Atine_ Prilozi antropologiji i istorijskoj burg/Lahn, 1999; Ulf B r u n n b a u e r , Diverging (hi ) stories: the contested rdentıtyof the
etnologiji [Hrvati bei Athen. Beiträge zur Anthropologie und historischen Ethnologie], 1`iii1g:it'itiii Pe1iiıi1:s_ i'L'tiiiifiiri_=_„›'t'tt Btiii'_rtiit'm 3 t 1911111. 35 5111: TJ e t' s _ _ The |`*e1'I2ti'111'1"1 111
Starinar Organ Stpskog Arheološkog Društva NS 6 (191 1), 95 152. tvlttsliıiis iii I:`1tı¦gtii'iti tıtitl tLiı'eeee: hetii. eeii the *Self tıtitl the `Üther'_ i".fte.1"t±ttt*iittit1t` l'ftt~t'fttH
68
S[tefan] W a t e ff, Anthropologische Beobachtungen der Augen, der Haare und der Haut _ tttimi itt'e.i lllitt`t _t' 21. '1 1.11.1111 1. 34 t¬ i: De r s _ _ _›'tıi dert C=ı¬en;teii_ ttiii íststit und 1* 1ttiieii_
bei den bulgarischen Schulkindern in der europäischen Türkei, Correspondenz Blatt der Itletititätspıuhleiiie tler I `utiiti| :eit litt1garieiis_ in: L_|iiisiı*ittetie ltleiitititteii [ii 'ie Ft1_11_1ı_]_ 1.17
deutschen Gesellscha ' ir Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte 33/3 (1903), 23f; 13 |1 r„_,~i n_. H E U |3 U ,_ L, G T _ Pünmk 1 „_.,f,LtE.† |u| „1 ¬_.;1 Mtisliıiıs titi the edge tif tititttiıis, ."ift_itirttittt't
D ers _, Anthropologische Beobachtungen der Augen, der Haare und der Haut bei den .rtr .t Pam 1 .t :it fı t3titiiiı_ ist ist; Et Pttngeıtıs list ttsi " H15 Ff'==111*12111111111`11'1h1111ä 111111
Schulkindern von den Türken, Pomaken, Tataren, Armenier[n], Griechen und Juden in Miıiıleı'1ieit: Beiiierktitiiteıi :ti tieıi Ptiıiitilteıi E1tı|gttrieıis_ Ätft`t.'tt*ftf'lt'f fit? 11 1'* 'ff¬'± '1ff*fft_tt't'1f 3_Wl
Bulgarien, Correspondenz Blatt der deutschen Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie 121.111.111. 37 51; D e r _ l~`¦esihi1ität und lleiiiiititinsvieifiilt lieıiitiltiseliei' ?v1:irgii'ıti1ıttit.
und Urgeschichte 34/7 8 (1903), 58 60. Wiesbaden 2005. Für weitere Literaturangaben vgl. U[lrich] B [ü C h S fi 11 S C h Ü 121 › P0'

26 27

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Christian Promitzer Versteckte Minderheiten im südöstlichen und zentralen Europa

Auch in der Region Donau Alpen Adria wurden neue Minderheiten wie etwa ständnis von Multikulturalität zu entgehen. Und durch die Herstellung der Rela
die „Slowenen in der Steiermark“71 und die „altösterreichische“ bzw. „deutsche
tion zu rechtlich anerkamiten nationalen Minderheiten bezieht sich dieses Kon
Minderheit in Slowenien“72 von Forschung und Politik entdeckt. Schließlich ist
zept explizit auf den Konnex Offentlichkeit Privatheit im Hinblick auf eine von
auch im Hinblick auf die anderen versteckten Minderheiten Griechenlands eine
der Mehrheitsbevölkeıung differente Kultur. Denn im Rahmen der Definition von
geschärfte Aufmerksamkeit festzustellen, indem im Anschluss an die Aktivitäten
nationalen Minderheiten ist das Element der Öffentlichkeit unverzichtbar „the
von Menschenrechtsorganisationen internationale, aber auch griechische Forsche
public claim to membership of an ethnocultural nation different from the numeri
rinnen und Forscher selbst das Thema aufgriffen haben.“
cally or politically dominant ethnocultural nation“.75 Auch bei kleinen ethnischen
Gruppen, die über keine „homeland nation“ verftígen wie die Roma oder die
4. Versteckte Minderheiten als analytisches Konstrukt und als Alltagskate 1'* :iıiitileeii tiiirl viele :ıiitiere kleitiere Getiieiıiseltti|`teıt ıittiss felgetities gewültr
gorie leistet sein: __itleiitilitt|.'iilitj ,t, differeiiiitil μiitt fer", i.li1`1`et'etitial tiıttl |ie_iiii'atiire treat
tiieiit_ ttıtd gi'tii.i[i tit1.~'aı'eiiess"_l“ ifiertiiie die Itleitlilfit :iei'htii'keit tıiirl das Üttiμpeitlie
Konstiuktivismus unterscheide sich vom Primordialismus, der ethnische Grup
tittisstseiıt siıitl t ihei' 1{alegei'ieit_ tlie t 'eit i.ters|.ee_i=_teti ivliiitlerlieiteii iiii Uiiigaitg
pen als gegeben hinnimmt, nur in der Herleitung von deren Entstehung, hat Ro
ıttitileı'Ü1`1`eiitlielt|<eil ttirilielisi teeriiiietleit Weinert.
gers Brubaker unlängst festgehalten. Ansonsten gehe er so wie dieser mit einer
Aus dem eben Gesagten ergeben sich zwei Fragen, auf die zum Abschluss
substanzorientierten Analytik und Methode vor, als würde die soziale Welt aus
noch eingegangen werden muss: 1. Wie konrmen versteckte Minderheiten den
fixen und disparaten Gruppen bestehen. Diesem Gruppenzentrisrnzıs („groupism“')
noch in die Öffentlichkeit und sind zum Thema von Abhandlungen wie der vor
sei die Analyse praktischer Kategorien und kognitiver Schemata vorzuziehen.74
liegenden geworden? 2. Wenn es so schwer ist, ein Gruppenbewusstsein festzu
Hier ist nicht der Ort, auf die Argumente von Brubaker im Detail einzugehen.
stellen, wie kann man dann davon ausgehen, dass der Begriff „versteckte Minder
Seine Bemerkungen erfordem es jedoch, den Begriff „versteckte Minderheiten“,
heit“ etwas umschreibt, das auch tatsächlich eine Gruppe bildet, die im Alltag der
der ja auch eine bestimmte Form von Gruppen umschreibt, zum Abschluss noch
betroffenen Personen manifest ist? Beide Fragen hängen miteinander zusanmien,
einmal einer näheren Betrachtung zuzuführen_ Konkret geht es um die Frage, in
und eine mögliche Antwort könnte aus einem Zitat von Pierre Bourdieu abgeleitet
welchem Zusammenhang der Gruppenbegriff verwendet wird: Geht es dabei nur
werden: „Worte können Dinge machen, und indem sie in die objektivierte Sym
um ein analytisches Konstrukt oder ist darunter auch eine Alltagskategorie zu
bolisierung der Gruppe, die sie bezeichnen, eingehen, können sie, und sei es nur
verstehen?
auf Zeit, Kollektiven, die schon vorher, aber nur in einem potentiellen Zustand
Hier wurde bisher vor allem argumentiert, dass der Begriff „versteckte Minder
existierten, ein Dasein als Gruppen verleihen.“77
heiten“ ein analytisches Konstrukt ist. Angesichts der bestehenden Tradition der
Das Zitat führt uns zurück zur Rolle von ethnischen Ingenieuren und von Wis
Erforschung kleiner ethnischer Gruppen, von den manche in prekären Situationen
senschaftlerinnen und Wissenschaftlem. Sie sind es, die Klassifikationen vor
befinden und oft auch nicht das Licht der Öffentlichkeit suchen, kann das Kon
nehmen. Sie schaffen aus einer vorhandenen Bevölkerung disparate Bezugsgrup
zept der versteckten Minderheit helfen, den Gefahren einer Vereinnahmung durch
pen und benemien sie mit Etiketten. Das ist jener Vorgang, den ich als Visualisie
„homeland policies“ bzw. dem Zwang zum „Outing“ durch ein falsches Ver
rung bezeichnet habe. Manche Wissenschaftler werden ihre Erkenntnisse nur ei
nem Fachpublikum vorstellen sie bleiben trotzdem in einem unauflösbaren mo
iitai :ett_ iii: Lesiktin zur t'_'iese|'iielite f:1tit|tistt.¬tiı'npiis_ Hg. Edgar Hüseli KtiriNeh ralischen Spannungsfeld zwischen ihrem Forscherdrang und der Tatsache, eine
¬ ı
ri ıi g 1 litihtt Fi ti it ri li a tt s s e ti _ Wiei'i_ i~.'.t'i1ii_ Weiıiitiı' Etlli 1. 5=i7t`_ versteckte Minderheit visualisiert ati lialieii. Dureh das sielt Verliergett hat sich
I

1\i':1i'i.it1iie niaıtjsiiie (N: itieitale 11.f1iitder1ieiteii] .ii Slot eitei tt at fstrijsi :i zt 'e_ :iii tleieli fiitajersl ti.
.Zliuntik i'e1ei'ai't_iv ita etiaiısitfetteiii si'ei?aıt_iii if Marihı.tı'ti_ 25. 27. ıitatja 111113 [Die Sltiweıteii die Gruppe einen privaten Rauiti gese1tafi`eit_ der ,tier tlt' yfitiirifitteiti :itıeli durch
iiti tisierı'eie|ti_~:e1ieii Iitiiitiesl .tıiti Steiei'iri:tt'k_ Stiiiiittelhaiid i. 'itıi lteferateti tier teilnehmende Beobachtung von Felti1iii'selterti iiielit tiirekt ei'l¬:aiiiit tt ettieii kann,
it fisseiiseliaiilielteıi i ytttjtiusitııtis in M:irbtırg_ 25. 27. Miri 1111131. Hg. Bttris .1 e si li _ denn sobald ihm diese Einsicht geiittitititeii i.etii't|eıt ist. ist er iliireli tlie Inter
l_._jti1:ı1jııritı 111114: S1titt*eitise1_ie Steie.rıit:irl\. 1e'ei'iiı*titi;te Mintierlieit iii Üsterreielis Siidtisteıt. vention des Forschenden ein öffentlicher Ort geworden.
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1 lg. Cltristiaii S t e it ii e r Wien. l*iülıt_ Weiittıir 111117.
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Christian Promitzer Versteckte Minderheiten im südöstlichen und zentralen Europa


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Andere Wissenschaftler haben solche Skiupel nicht und vermitteln politisch srmilatron zu sehen, die nur von Ethno Ingenieuren gestort wurde. Zwar ist die
direkt verwertbare Erkenntnisse.“ Damit geraten sie aber in die Nähe des natio ideologische Arbeit von Ethno Ingenieuren der Minderheit leichter durchschau
nal engineering: Ethno Ingenieure gehen ähnlich wie nationalistische Ideologen bar, dass hingegen hinter dem mainstream der Nation eine ähnlich aufwendige
anhand der Nation von dem irreführenden Anspruch aus, dass versteckte Min Arbeit der Institutionen und Anwendung der Technologien des nationalen Staates
derheiten schlafende Schönheiten sind, die von ihnen nur wachgeküsst werden steckt, wird infolge einer Blendung durch die Macht des Faktischen oft vergessen.
müssen.“ In ihrem Sendungsbewusstsein versuchen Ethno Ingenieure egal, ob Haben diese Kämpfe, die man als kognitive Kämpfe um die Benennung und
sie aus den Reihen der Betroffenen selbst stammen oder wohlmeinende Intellek Klassifizierung von Gruppen bezeichnen kann, jedoch auch mit Alltagskategorien
tuelle von außerhalb sind nicht nur die nationale Öffentlichkeit auf das Phäno zu tun? Auf jeden Fall, denn die Spuren dieser Kämpfe sind in die Sichtweisen
men aufmerksam zu machen, sondem auch auf die betroffene Bevölkerung ein und Strategien der betroffenen Bevölkerung einge ossen. Sie selbst ist Subjekt
zuwirken, sich als Minderheit zu fühlen, wobei sie sich als deren Wortführer prä dieser Kämpfe, indem sie sich wesentlich an der symbolischen Arbeit an der
sentieren. In jenen Fällen, wo diese Arbeit Erfolg hat, kann man davon sprechen, Schaffung ihrer Gruppe beteiligt und den Verlauf dieser.Kämpfe durch wech
dass das analytische Konstrukt plausibel geworden ist, und sofem sich der selnde Strategien der Selbstbehauptung und des sich Verbergens mitzubestimmen
Staat, in dem die Gruppe lebt, sich etwas davon verspricht eine rechtliche Aner sucht.
kennung als Minderheit in den Bereich des Möglichen gerückt ist. Diesen Prozess Doch wie wird die innere Kohäsion einer Gruppe geschaffen, wenn formell
kann man auch als „Ethnisierung“ bezeichnen. 0 Es gibt jedoch auch Fälle, wo es ethnisch konnotierte kulturelle Institutionen, die eine entsprechende lokale Öf
wie im Falle der „steirischen Slowenen“ nur zu symbolischen Formen der fentlichkeit strukturieren, fehlen? Zum einen ist hier auf die sozialisierende und
Anerkennung kommt, ohne dass die betroffene Bevölkerung, von wenigen Ein generationsübergreifende Rolle von Familie und Verwandtschaft zu verweisen,
zelpersonen abgesehen, das ihr angebotene Identitätskonzept annimmt. In diesem und zum anderen gibt es auch im inneren sozialen Raum von versteckten Minder
Fall könnte man sagen, dass die Anerkennung von dem Grundsatz ausgegangen heiten Wortführer, die die Aufgabe übemommen haben, die Gruppe, der sie an
ist, „dass die bestätigte Existenz des Mandatars die der Gruppe des Mandanten gehören, inmier wieder zu herzustellen und durch religiöse und profane Rituale
impliziert.“81 Aber ein gemeinsamer Wille manifestiert sich auch in der kollekti zu bestätigen. Bei all dem ist aber auch zu bedenken, dass sich das dabei heraus
ven Ablehnung von Zuschreibungen, die von der Vorstellung einer bedrohten und bildende Gruppenbewusstsein auf diverse lokale Gemeinsamkeiten zurückführen
von ihrem external homeland zu schützenden Minderheit ausgehen derartige lässt und nicht unbedingt nur auf ein einziges abstraktes Kriterium ethnischer Zu
Vorstellungen, die Anfang der 1990er Jahre serbische Nationalisten von den Ser gehörigkeit, das bei genauerer Betrachtung ohnehin eine „semantische Elastizität“
ben in Weisskrain hatte, stießen auf heftige Ablehnung unter den Betroffenengz (Pierre Bourdieu) aufweist. Dies heißt, dass eine Gruppe infolge ihrer lokalen
Auch in kollektiven Verleugnungen der zum Teil noch verwendeten Sprache der Bindungen auch dann weiter bestehen kann, werm sie durch Assimilation im
Minderheit solche sind in der Geschichte der „steirischen Slowenen“ mehrfach Falle einer Sprachrninderheit, sowie Konversion und Säkularisierung im Falle
geschehen , zeigt sich der Ausdruck eines gemeinsamen Wi1lens.83 Dieser baut einer religiösen Minderheit jene differenten Merkmale abgelegt hat, die als eth
jedoch auf dem Wissen und oder zumindest der Verdrängung einer differenten nisch gedeutet werden. Sie ist dann keine versteckte Minderheit mehr, sondem
Kultur auf. Es wäre jedoch vereinfacht, jene Fälle, wo es zur Verleugnung höchstens eine ehemalige versteckte Minderheit, die mit den vorangegangenen
kommt, einfach nur als Ausdruck einer „strukturellen Entwicklung“ hin zur As Generationen allerdings noch Herkunftsmythen teilen mag. Tatsächlich lässt sich
ähnlich dem Muster der Assimilation von Migrantenfamilien bei vielen ver
steckten Minderheiten ein Verschmelzungsprozess mit der Melrrheitsbevölkerung
beobachten. Dabei wird die Abfolge dreier Generationen als Meßlatte genom
78 Man denke etwa an die vom österreichischen Außenministerium Ende der 1990er Jahre men.85 Die von der Mehrheitsbevölkeıung unterschiedliche Herkunft kann jedoch
angeregte und nanzierte Studie über die deutschsprachige Minderheit in Slowenien: in den nachfolgenden Generationen auf symbolische Weise noch inımer eine ge
K a r n e r , Volksgruppe [wie Fn. 72]. wisse Rolle für individuelle Identitäten ausübensó
79
G e 1 1 n e r , Nationalismus und Modeme [wie Fn. 7], 75. Ein letzter Gedanke zum Abschluss: Die Unbeständigkeit und Ambivalenz, auf
8° T r u b e t a , Konstitution [wie Fn. 20], 29f.
Sl B o u rd i eu , Klasse [wie Fn. 77], 126. die wir stoßen, wenn wir die innere Struktur derartiger Phänomene theoretisch
82 Promitzer, “Gute Serben” [wie Fn. 67], 192 194; Knezevió Hoëevar, „Kri ni
t tttlti“ iwie 1 `ıt. 15]. 131111: Tanja P e 1 r ti r i e _ 1iitei'eti1ttira1 itatteriis iii the Sim. eite ı'egii.iiie1`
1 ielti 1~Lr:ijiiitt_ iii: M este. Mtiltietiltiırttlisiti [wie litt. 11]. 2514 2(t1t: Dies.. Srlti ti Beitij S4 Dies scheint der Tenor bei G e 1 1 n e r , Nationalismus und Modeme [wie Fn. 7] und M a p
1~Li'a]iiii: Jeaieku itieelegijtt i prriees zaıiieitejeeilsa [Die Serheıt iii Weissltraiıir 5åpi'tie1iit1etilti p e s N i e d i e k , Ethno Falle [wie Fn. 10] zu sein.
gie tiiiii tler Prtiaess des Spirit 1iti'ee1ise1s]. lliit 'ert'i1`1`_ Diss. Lju1i1_itiita 211115. 1111 1 111. 85 Mirko K ri å m a n , Jezik kot socialni in nacionalni pojav: primerjalno z jezikovnimi odnosi
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Aıtdieti H tt li e r 1 Jií e ittlj ie. Die 5iii't'ieiie iiii Ditrf htsseit. Festiiıilteii iiıtil :ittlgebeii elei' v Radgonskem kotu [Sprache als soziales und nationales Phänomen: verglichen mit den
sltttt 'eıtiselteıt Hpri ii:|ie iii RüL11~rei's1itiı'g Littige1ittiig_ Cıi"tt?:. Bud Rti(l1i'.ers1iLii'g 21111 1; Cliristiaıi Sprachverhältnissen im Radkersburger Winkel]. Maribor 1989; P e t ro v i é, Srbi u Beloj
11 re rtt i t 2 e i' _ 1e`erlt_ti eite Brittier. üeseliielite tler ats 'eispi'ae1iigen Regitiit Leiitseliaelt iit tler Krajni [wie Fn. 82], 68f.
südlichen Steiermark (19. 20. Jahrhundert). Unveröff. Diss. Graz 1996. 86 U h e r e k, The Czech minority [wie Fn. 29]; D e r s _ , Bosnian Czechs [wie Fn. 29].

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Christian Promitzer

genauer zu fassen versuchen, sind übrigens keine Eigenheit von versteckten Min
derheiten, sondem jedwelcher Gegenstände der sozialen Welt, an denen sich
Kämpfe zwischen unterschiedlichen Realitätskonstıuktionen entzündensl Dass
die Unschärfe jedoch gerade hier ins Auge springt, ist eine Folge jener Genauig
keit, zu denen uns die Kleinheit der beobachteten Phänomene zwingt. Damit zei
gen versteckte Minderheiten auf ihre Weise die untere Grenze an, bis zu der eth
nische Gruppen noch erfasst werden können.

87
Ich entnehme diese Gedanken B o u r d i e u , Klasse [wie Fn. 77], 123.

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