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Deutschland

Braunschweigs Meister-Helden
TYPEN & TRIUMPHE
50 JAHRE Braunschweigs Meisterstück von 1967 € 3,90

Die Meister-Helden
Das große Interview Alle Meisterspieler im Porträt Magische Nächte
Horst Wolter über Was für eine Geschichte! So Braunschweig
das Titeljahr schaffte die Eintracht das Wunder im Europacup

DIE LÖWEN Jägermeister,


Breitner und noch mehr:
Der aufregende Weg des Klubs
WEIL IHR EINTRACHT
TÄGLICH NEU LEBT:
HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH ZUM
50-JÄHRIGEN MEISTERJUBILÄUM.

DANKE, EINTRACHT BRAUNSCHWEIG.


Was für eine Tradition: 1895 gegründet, dann Gründungsmitglied der Bundesliga und des Deutschen Fußballbundes – und 1967 Deutscher Fußballmeister. Auch mit
euren Fans, die bei jedem Heimspiel in der 67. Minute diesen glorreichen Moment vor 50 Jahren wieder aufleben lassen, wird jedes Mal aufs Neue klar: Ihr seid richtig
weit vorn – als Verein und Gemeinschaft. Wir sind stolz, ein Teil von euch zu sein. Deshalb: alles Gute zum Meisterjubiläum und gutes Gelingen für alles, was noch kommt.

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EDITORIAL

Eine Zeitreise durch


besondere Geschichten 3

D ie Liebe zu Eintracht Braunschweig


kann man mit Worten kaum erklären.
Man muss sie fühlen, man muss sie erleben.
weil sie Bundesliga-Fußball gucken wollen.
Zur Eintracht kommen sie, weil die Liebe mit
der Muttermilch aufgesogen wurde. Daraus
Es ist ja so viel leichter, Fan des FC Bayern zu ergibt sich auch das feine Gespür dafür, wel-
werden oder von Borussia Dortmund. Aber che Spieler hierher passen und welche nicht.“
Braunschweig? Man kommt von hier, oder Mit diesem Sonderheft verneigen wir uns vor
man verliert irgendwann sein Herz den Meisterhelden von 1967 und nehmen
an diesen Klub. Das bleibt für im- Sie mit auf eine spannende Zeitreise durch
mer. Dann ist man Teil eines My- die Geschichte und die Geschichten dieses
thos, der für so viele Geschichten außergewöhnlichen Vereins.
steht. Für Jägermeister und den
Breitner-Irrtum, für die Rast-
höfe an den Autobahnen, die
auch zu Regionalligazeiten
N atürlich, die 1960er Jahre, das waren an-
dere Zeiten. Auch davon erzählen wir in
dieser Ausgabe. Unser Kollege Günter Wiese,
treu mit Tausenden gelber selbst Jahrgang 1958, beschreibt den Auf-
Trikots geflutet wurden. Für bruch in Deutschland und den Start der Bun-
die Auf- und Abstiege, auch desliga ab Seite 22 ganz wunderbar.
für den angenehm bodenständigen
Kurs der vergangenen Jahre mit dem Gespann Wir wünschen Ihnen viel Freude mit dieser
Arnold/Lieberknecht. Und vor allem steht besonderen Ausgabe.
dieser Mythos für eine Meisterschaft, mit der
keiner rechnen konnte, nicht mal die Helden
von 1967 selbst. Eine Truppe voller Herz und
Leidenschaft, mit echten Typen, die damals
irgendwie die Klasse halten wollten und statt-
dessen sensationell die Meisterschale holten.
Fotos: imago (Titel), XXXXXXXX

Was für eine Geschichte! Einer der Helden,


Torhüter Horst Wolter, erklärt das Besonde-
re an Eintracht Braunschweig auch 50 Jahre JEAN-JULIEN BEER
danach so: „Nach Wolfsburg gehen die Leute, K I C K E R - C H E F R E DA K T I O N

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INHALT Editorial
Eine Zeitreise durch besondere Geschichten

Inhalt
3
4-5
Hingucker
Der Sieg. Die Stammelf. Das Wiedersehen. 6-11
12-17
Die Meisterstory
Nicht nur Glück

18-21
Horst Wolter im Interview
„Wir galten als Absteiger Nummer eins“
„Wir waren
Die 60er Jahre
nicht mal eine Beatles, teure Jungs und dicke Kanonen 22-25
graue Maus.“
Die Porträts
Horst Wolter
Start der großen Teamvorstellung 26-27
Helmuth Johannsen
Alte Schule 28-31
Horst Wolter
Mit der Kraft des Löwen 32-33
34-37
Joachim Bäse
4 Beckenbauer verdirbt dem Koch den Brei
„Wir haben uns
perfekt verstanden.“ Peter Kaack
Mit Ecken und Kanten 38-39
Joachim Bäse
Klaus Meyer
Prädikat: Äußerst unangenehm! 40-41
Jürgen Moll
Eine Legende. Auch nach der Tragödie 42-43
Hans-Georg Dulz
Als Heini Pieper in Hamburg klingelte … 44-45
Walter Schmidt im Stadion
Meister-Fieber 46-48
„Johannsen wusste, Lothar Ulsaß
Galionsfigur. Strahlemann. Tragischer Held. 50-51
was richtig
für uns war.“ Wolf-Rüdiger Krause im Interview
So war Lothar Ulsaß 52-53
Walter Schmidt
Erich Maas
Halb nackt und volle Pulle 54-55
Klaus Gerwien
Drei Mann auf einem Bierdeckel 56-57

„Lothar Ulsaß war ein Star,


Gerd Saborowski
Der Albtraum der Bayern 58-59
obwohl er sich nie so gegeben hat.“
60-63
Fotos: Xxxxxxxxx

Die weiteren Spieler


Wolf-Rüdiger Krause Viel Pech, viel Leid – trotz aller Heiterkeit

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64-65
Das Team dahinter
Ein Balduin, ein Lehrer, ein Mädchen für alles …

66 Rekorde
Der Minimalisten-Meister
Die goldene Mitte
100 Seiten sind nicht genug …
In der Heftmitte wird in einem
Ausklapper die bewegte
Geschichte der Eintracht
kurz und knackig nacherzählt.

67-69 Alle 34 Spieltage


Die Spiele. Die Spieler.

70-71
Die Schlagzeilen der Saison
Da staunt sogar die Fachwelt …

72-73
Die Meisterfeier
Gute Geister

Die Eintracht im Europacup


74-75 Wilde Gesellen 5

76-78 Die Löwen


Der aufregende Weg des Klubs

79 Jägermeister
Alles andere als eine Schnapsidee …

80-81 Die 70er Jahre


Besser als 1967?

82-83 Bernd Franke im Interview


„Ein betrunkener Zebec war besser als viele andere“
„Bei Paul Breitner
geriet das ganze
84-85 Die 80er Jahre
Der falsche Weg Gefüge auseinander.“
Bernd Franke
86-88 Bernd Buchheister im Interview
„Gut, dass es damals kein Facebook gab“

89-90 Die 90er Jahre


Ausgeknockt!

91-93 Mathias Hain im Interview


„Uwe hat mehr darunter gelitten“ „Dieser Verein lebt extrem
von seiner Emotionalität.“
94-95 Das neue Jahrtausend Torsten Lieberknecht
Di e Löwe n

Zurück ins Glück

96-97 Torsten Lieberknecht im Interview


„Die ganz schlimme Krise hat etwas ausgelöst“

98 Karikatur/Impressum

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HINGUCKER IM EINTRACHT-STADION

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7

Der größte Sieg bei der


größten Überraschung
Am 15. April 1967 schlägt Eintracht
Braunschweig den FC Bayern furios mit
5:2. Die 38 000 Zuschauer ahnen, dass
aus einem Traum bald Wirklichkeit wird.
Foto: imago/Werek

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HINGUCKER DIE EINTRACHT-TAKTIK

Die Stammelf
Ein eingespieltes Team
Zehn Spieler kommen in der Meistersaison
auf 30 Einsätze oder mehr. Jürgen Moll und
Peter Kaack sind in allen 34 Spielen dabei.
Lothar Ulsaß ist mit 14 Toren bester Schütze.

Jürgen Moll
34 Einsätze
5 Tore

Horst Wolter Joachim Bäse Peter Kaack


32 Einsätze 33 Einsätze 34 Einsätze
23 Gegentore 0 Tore 0 Tore

Klaus Meyer
30 Einsätze
0 Tore

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Ersatzbank:

Hans Jäcker Wolfgang Grzyb Wolfgang Matz Wolfgang Brase Wolf-R. Krause
2 Einsätze 15 Einsätze 5 Einsätze 3 Einsätze 2 Einsätze
4 Gegentore 2 Tore 0 Tore 0 Tore 0 Tore

Walter Schmidt Erich Maas


33 Einsätze 33 Einsätze
0 Tore 11 Tore

Lothar Ulsaß Gerd Saborowski


32 Einsätze 33 Einsätze
14 Tore 8 Tore

Hans-Georg Dulz Klaus Gerwien


32 Einsätze 21 Einsätze
Fotos: imago (13), Witters, Horstmüller

5 Tore 4 Tore

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HINGUCKER DIE EINTRACHT-LEGENDEN

Das große Wiedersehen


nach fast 50 Jahren
2016 kommen die Meister noch mal
zusammen: Joachim Bäse, Horst Wolter,
Wolfgang Brase, Wolf-Rüdiger Krause,
Walter Schmidt und Klaus Gerwien (v. l.)

10

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11

Foto: S. Hübner

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MEISTERSTORY DER WEG ZUM TITEL

Nicht nur
Glück d e die Ein
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rac
So

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Keiner tippte auf Braunschweig! Dass
der Traditionsklub dann die Bundesliga
aufmischt und sich die Meisterschale holt,
gilt als ein Fußball-Wunder. Dabei gibt es
durchaus objektive Gründe für den Coup.

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ut
De

t
sc he Meis
12
S E B A S T I A N WO L F F

N ur drei Niederlagen in der


Rückrunde der Vorsaison, ja,
das hätte die Konkurrenz auf Braun-
digen wie anachronistischen Kon-
sequenz weiter. Als einzigen Spieler
warben sie den Kieler Saborowski
schweig aufmerksam machen kön- an. Diese Genügsamkeit wirkt im
nen. Schließlich hatte keiner weni- Vergleich zu den Anstrengungen
ger, nicht mal Meister 1860. Trotz- der Konkurrenz selbstmörderisch.
dem tippte kein Bundesliga-Trainer Die Gefahr, dass die Hanse der Bun-
im Vorfeld der Spielzeit 1966/67 desligastädte als nächsten Fremd- Eintracht-Trainer
die Eintracht als Champion. Fritz körper die biederen Braunschwei- Helmuth
Walter, Ehrenspielführer der Nati- ger abstößt, lässt sich unter diesen Johannsen hatte
wie im Vorjahr
onalelf, zählte sie sogar zu den Ab- Umständen nicht von der Hand
Platz 10 als
stiegskandidaten. Und die düstere weisen. Das Ausscheiden von Ziel ausgerufen.
Prognose der FAZ wurde in Braun- Braunschweig käme – im Sinne der
schweig inzwischen so häufig zi- Manager – nur einer folgerichtigen
tiert, dass sie Kultstatus besitzt. Begradigung der geografischen und
Die Einschätzung der überregi-
onalen Zeitung über den späteren „Diese Genügsamkeit der
Meister war keineswegs hämisch, Braunschweiger wirkt
aber wenig hoffnungsvoll: „Nicht selbstmörderisch.“
ohne Stolz fühlt sich Eintracht im Kampf gegen die günstiger ge-
FAZ, vor der Saison 1966/67
Braunschweig als ein Verein, in stellten Rivalen verloren. Tradition,
dem sich beachtliche Relikte aus wirtschaftlichen Bundesliga-Gren- Redlichkeit, Jugendpflege und Ka-
der Epoche erhalten haben, in der zen gleich. Der Fußball ist eigen- meradschaft fallen im modernen
der reine Amateurismus noch als willig genug, um den Braunschwei- Bundesligabetrieb nur wenig ins
Stein der Weisen galt. Die Braun- gern und Kaiserslauterern ein Gewicht, wenn der Verein nicht in
schweiger spielen diese Rolle mit weiteres Jahr Aufschub zu gewäh- die Gesamtstruktur passt. Die vierte
einer ebenso bewunderungswür- ren. Auf Dauer aber scheinen sie Bundesligasaison wird auf diesem

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13

Braunschweig
Gebiet eine Ernüchterung sein.“ Und er hatte einen Plan. Der gebür- auf den Beinen: diger in einer Dreierkette vor einem
Für Braunschweigs Spieler bedeu- tige Hamburger hatte beim Blick Der Deutsche Libero verblüfft. Johannsen machte
Meister wird am
teten Thesen wie diese eine Zu- nach Italien ein System entdeckt, seinen Stürmer Jürgen Moll zum
3. Juni 1967 in
satzmotivation. das er als erfolgversprechend für der Innenstadt
Facchetti von Braunschweig, zog
Weit weg von der Realität indes sein Ensemble empfand. Inter Mai- empfangen. ihn nach links hinten zurück. „Das“,
empfand sie selbst ihr Trainer nicht. lands Coach Helenio Herrera hatte rühmt Torwart Horst Wolter, „war
Helmuth Johannsen hatte wie im mit der Umschulung von Angreifer ein genialer Schachzug. Moll hat
Vorjahr Platz 10 als Ziel ausgerufen. Giacinto Facchetti zum Linksvertei- sich immer wieder mit nach vorn

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eingeschaltet, die Gegner hatten
ihn einfach nicht auf dem Plan.“ Wie
die Experten die Eintracht. Schon
am 1. Spieltag katapultierte sich der
Außenseiter im 4-3-3-System mit 2 9
Libero durch ein 2:0 gegen Werder 2. Spieltag
Bremen an die Tabellenspitze. „Der renden Meister 1860 München. Nachsehen: Seeler betonte bereits im Oktober
Start“, erinnert sich Wolter, „war Wie schon bei der Saison-Premiere Wolfgang Brase 1966: „Diese Braunschweiger sind
mit entscheidend. Siege in einem gegen Werder hatte Neuling Gerd jagt vergeblich zu beachten.“ Und sie bestätigten
den Münchner
neuen System stärkten den Glau- Saborowski getroffen, zum zwi- den Ehrenspielführer der Natio-
Löwen Hans
ben, mit jedem Erfolg wuchs unser schenzeitlichen Ausgleich. Der Rebele (rechts). nalmannschaft. Eine Woche später
Selbstbewusstsein. Irgendwann erwünschte Effekt: Trotz der un- schlug Johannsens Elf die vor der
glücklichen Pleite wuchs der Glau- 9. Spieltag Saison hoch eingeschätzten Dort-
„Das war unser bestes be an das System und den neuen
Verloren, aber gut
munder mit 3:1, und der Coach ju-
Spiel seit Bestehen der gespielt: Hamburg
Stürmer, der in Kiel zuvor nur in der jubelt über das belte anschließend: „Das war unser
Bundesliga.“ Regionalliga gespielt hatte. 1:0 von Bernd bestes Spiel seit Bestehen der Bun-
Dörfel. desliga.“ Die Eintracht war Erster
Helmuth Johannsen

14
merkten wir: Wenn wir erst mal 1:0
führen, waren wir nur sehr schwer
E s folgten sechs Spiele ohne Nie-
derlage bei nur einem Gegentor.
Braunschweig fuhr am 9.  Spieltag
und hatte gegen den Europacupsie-
ger auch so gespielt. Nebenbei gab
es zudem erstmals auch Statistiker,
1. Spieltag
zu schlagen.“ als Tabellenführer zum großen HSV die plötzlich einen möglichen Meis-
So sehen Sieger
Das Selbstvertrauen litt auch – und blieb dies trotz eines 0:1. Den aus: Maas und ter Braunschweig auf dem Zettel
nicht unter der ersten Niederlage ersten Ritterschlag gab es danach Saborowski hatten. Grund: In den vorangegan-
am 2.  Spieltag – 1:2 beim amtie- vom Sieger. Hamburgs Idol Uwe treffen beim 2:0 genen drei Bundesliga-Spielzeiten
gegen Werder.
1

1. Spieltag 2. Spieltag 9. Spieltag


Gleich Tabellenführer: Die Elf der Kann passieren: Ein 1:2 beim 0:1 gegen den HSV: Uwe Seeler
Eintracht schlägt Werder mit 2:0 amtierenden Meister 1860 lobt dennoch – ein Ritterschlag

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DER WEG ZUM TITEL MEISTERSTORY

ABSCHLUSSTABELLE

Saison 1966/67
Platz Verein Tore Punkte

15 1. Eintr. Braunschweig 49:27 43:25


de die Eint 2. 1860 München 60:47 41:27
ur 15. Spieltag
3. Borussia Dortmund 70:41 39:29
w

ra „Mein bestes
war der Tabellenfüh- Grashoff hatte das die
So

cht
rer des 10.  Spieltages Zornesröte ins Ge- Spiel“: Horst 4. Eintracht Frankfurt 66:49 39:29
Wolter hielt gegen 5. 1. FC K’lautern 43:42 38:30
am Ende Meister. sicht getrieben: „Das
Gladbach alles. 6. Bayern München 62:47 37:31
Am 11.  Spieltag war ja noch schlech-
jedoch waren die ter als bei Riegel-Rudi. 7. 1. FC Köln 48:48 37:31
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De

t
Löwen die Tabellenfüh- s c h er M e i s Ich möchte nicht, dass 8. Bor. M’gladbach 70:49 34:34
rung vorerst los – 0:2 beim eine solche Mannschaft 9. Hannover 96 40:46 34:34
FC Bayern. Und verloren nach Meister wird.“ 10. 1. FC Nürnberg 43:50 34:34
einem 4:0 gegen Düsseldorf auch Grashoffs Aussage zeigte zwei- 11. MSV Duisburg 40:42 33:35
das dritte Auswärtsspiel in Folge: erlei: Der Eintracht-Stil erfreute
12. VfB Stuttgart 48:54 33:35
ausgerechnet beim Rivalen Han- sich keiner besonderen Beliebtheit,
13. Karlsruher SC 54:62 31:37
nover 96. Horst Wolter hatte wie aber der Respekt war mittlerweile
14. Hamburger SV 37:53 30:38
schon in der Vorwoche verletzt ge- da. Plötzlich fiel bei der Konkurrenz
fehlt – und sein Platzhalter Hennes der Begriff Meisterschaft im Zu- 15. FC Schalke 04 37:63 30:38 15
11. Spieltag 16. Werder Bremen 49:56 29:39
Jäcker keine gute Figur gemacht. An sammenhang mit den Niedersach-
Fliegende
zwei Gegentreffern war der frühere sen. Erst recht, nachdem durch 17. Fortuna Düsseldorf 44:66 25:43
Hauptdarsteller:
Stammkeeper und Wolter-Entde- ein 4:0 zum Hinrundenfinale in Wolter gegen 18. Rot-Weiss Essen 35:53 25:43
cker beim 2:4 beteiligt, und selbst Nürnberg die Herbstmeisterschaft Gerd Müller, der
Johannsen kritisierte unverhohlen das 1:0 erzielt.
die Defensive: „Drei der vier Ge- 11
gentore waren vermeidbar.“

D as Defensiv-Bollwerk hatte
Lücken offenbart und war gegen
Schlusslicht Karlsruhe am 14. Spiel-
tag nach nur zwei Minuten schon
wieder geknackt – 0:1 zur Pause ge-
gen den KSC. Das Ende vom Wun-
der in Braunschweig? Mitnichten.
Johannsens Elf schlug nach dem
Wechsel zurück, gewann 4:1, fuhr
als Tabellenführer nach Mönchen-
gladbach und stand dort für ihre
Defensivstrategie am Pranger wie
selten zuvor. Vor allem dank ei-
nes überragenden Wolter („Das
war mein vielleicht bestes Spiel,
es ging einfach alles“) ermauerte
sich Braunschweig ein 0:0. Borus-
sias zweitem Vorsitzenden Helmut

11. Spieltag 13. Spieltag 15. Spieltag


Der Rückschlag: Nach dem 0:2 2:4, ausgerechnet in Hannover: Beton aus Braunschweig: Horst Wolter
beim FC Bayern nicht mehr vorne Torhüter Hennes Jäcker patzt glänzt und rettet in Gladbach ein 0:0.

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MEISTERSTORY DER WEG ZUM TITEL

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eingefahren war. Das sen sei (siehe Inter- 28. Spieltag
Sport-Magazin aus view mit Horst Wolter, Die Bayern-

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t Blocker: Wolter
Nürnberg rechnete s c h er M e i s Seite 18) und beriefen
und Kaack (re.)
gar mit den Kritikern der sich auf die enge Tabel-
gegen Müller 28
Johannsen-Jünger ab. „Hier lensituation: Gerade einmal
triumphierte die moderne Taktik vier Zähler Vorsprung hatten sie
einer Mannschaft, die oberfläch- nach 17 Spielen auf den Achten war der Tag, an dem gleich einige
liche Beobachter oft als Mauerei Kaiserslautern – doch das Wunder Experten sagten: Die können es
abtun möchten. Es war der Sieg des nahm im Januar Gestalt an. Mit ei- tatsächlich packen.“ Auch der ki-
modernen Fußballs über das Anti- nem 3:2 in Bremen und einem 1:0 cker legte sich im Anschluss an den
quariat.“ gegen 1860 geriet der Rückrunden- klaren Triumph auf einen Meister-
start perfekt, auch das 0:1 in Köln tipp fest: „Braunschweig oder Dort-
Nur 4 Punkte bis Platz 8 warf die Löwen nicht aus der Bahn. mund.“
Braunschweigs Spieler versichern Am 21. Spieltag kam Eintracht Die Eintracht war nun ein Mit-
28. Spieltag
noch heute beim Blick in den Frankfurt als punktgleicher Zweiter Favorit. Und musste mit den Be-
Volksfest in
Rückspiegel glaubhaft, dass der an die Hamburger Straße. Durch Braunschweig: gleitumständen leben. Beim an-
Titel während der Winterpause ein 3:0 setzte sich Braunschweig Nach dem klaren schließenden 1:1 gegen Abstiegs-
noch kein Kabinen-Thema gewe- ab, und Wolter erinnert sich: „Das Sieg gegen kandidat Stuttgart wurde Lothar
Bayern München
16 28

17. Spieltag 21. Spieltag 28. Spieltag


Klarer 4:0-Sieg in Nürnberg: Die Eintracht Frankfurt kommt als Was für ein Spaß: 5:2 gegen den
Eintracht ist plötzlich Herbstmeister! Mitkonkurrent – und verliert 0:3 FC Bayern – der Durchbruch?

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30 33
30. Spieltag
Ulsaß in Manndeckung genommen zeit hatten. Drei sieglose Spiele am Nur einer lacht: Das 0:0 war wie ein Sieg, obwohl
und trat trotz seines Tores wenig Stück: 1:1 beim Vorletzten Düssel- Jürgen Bandura Braunschweig vor dem Saisonfina-
von 96. Rechts
in Erscheinung. VfB-Coach Albert dorf, 0:1 zu Hause gegen Hannover, le nur zwei Zähler Vorsprung und
Kapitän Joachim
Sing machte mit seiner Analyse der das damit auch das zweite Derby ge- Bäse.
gegenüber Verfolger Frankfurt auch
Konkurrenz im Titelkampf Mut: wann, und gar 0:3 beim Drittletzten nur die um einen Treffer bessere
„Vielleicht ist Braunschweig doch Karlsruhe. Die Süddeutsche Zeitung 33. Spieltag Tordifferenz hatte. Doch es zählte
Der vorletzte
zu sehr von Ulsaß abhängig.“ fragte am Tag danach voller Häme: seinerzeit das Divisionsverfahren:
Schritt: Kik (links)
Doch die Eintracht verteidigte „Soll das der neue Deutsche Meis- gegen Gerwien – Die erzielten Tore wurden durch
ihren Platz, schlug den HSV, er- ter gewesen sein“? Nur der kicker kein Tor die Gegentreffer geteilt. Mit 1,73 lag
kämpfte ein 0:0 in Dortmund und blieb bei seinem Meistertipp. Braunschweig gegenüber Frankfurt
erlebte am 28. Spieltag ihre bishe- Der wackelte stark, als Jupp (1,38) und 1860 (1,26) klar vorn.
rige Sternstunde: 5:2 gegen den Heynckes Gladbach am 32. Spieltag Walter Schmidt jubelte: „Wir sind
FC Bayern, eine Demonstration, die in der 52. Minute in Braunschweig
geschmälert wird durch Münchner in Führung brachte. Die Eintracht
„Unser prophezeiter 17
Ergebniskosmetik am Ende. Denn: wankte, doch dann kam Ulsaß: In Untergang ist nicht
Nach 66 Minuten hatte Braun- der 84. Minute glich der Torjäger erfolgt.“
schweig gegen das Starensemble aus, eine Minute vor Schluss legte
Kapitän Joachim Bäse
um Sepp Maier, Franz Beckenbau- er Erich Maas das 2:1 auf. Erweckt
er und Gerd Müller mit 5:0 geführt, wurden die Spieler zudem durch Meister!“ In der Stadt wurde schon
und spätestens jetzt traute den einen anderen Zwischenstand: Ver- gefeiert. Joachim Bäse verkündete
Blau-Gelben jeder alles zu. Zualler- folger Frankfurt hatte in Bremen mit einer Portion Trotz: „Unser pro-
erst ihr Trainer. „Es steckt also doch bereits mit 0:3 zurückgelegen. „Da“, phezeiter Untergang ist auch nach
mehr als nur Glück, Kraft und Tak- verriet Jürgen Moll, „ging noch mal den beiden Niederlagen gegen
ein Ruck durch die Mannschaft.“ Hannover und in Karlsruhe nicht
„Ein Meisterstück, Das 2:1 gegen die Borussen – der erfolgt.“
vielleicht sogar das Meilenstein auf dem Weg zum Ti- Das 4:1 gegen Nürnberg und
Meisterstück.“ tel. Der Rest war fast Routine. In der die Feierlichkeiten drumherum
Woche vor dem vorentscheidenden rundeten die Saison ab – in jeder
kicker nach dem Bayern-Sieg
Saisonspiel in Essen absolvierte Jo- Hinsicht. DFB-Präsident Dr.  Her-
tik in der Mannschaft“, bilanzierte hannsen in Gütersloh noch einen mann Gösmann, erst 15 Minuten
Johannsen, und der kicker befand: Freundschaftskick gegen Manches- vor Ende der Partie an der Ham-
„Es war ein Meisterstück, vielleicht ter City (1:2), musste bei den fast burger Straße eingetroffen, huldig-
sogar das Meisterstück.“ abgestiegenen Rot-Weissen dann te fälschlicherweise dem „SV Ein-
Fotos: imago (8), picture-alliance (2), Witters

Doch die Lobeshymnen erwie- improvisieren: Angreifer Maas und tracht Braunschweig“ und bat dann
sen sich als voreilig. Ausgerechnet Torjäger Ulsaß fehlten verletzt, den Kapitän „Achim Bähre“ nach vorn –
jetzt, da alle Kritiker verstummt wa- so wichtigen Punkt am 33. Spiel- vor der Saison hatte die Eintracht
ren, lieferten Braunschweigs Spie- tag aber garantierte ohnehin jener keiner so richtig auf dem Zettel.
ler ihnen Nahrung, erlaubten sich Mannschaftsteil, der von Exper- Und selbst danach offenbarten ei-
jene kleine Krise, die Experten und ten wie Konkurrenten am meis- nige noch ihre Schwierigkeiten mit
Konkurrenten monatelang prophe- ten gefürchtet wurde: die Abwehr. dem Meister aus Braunschweig. ■

30. Spieltag 32. Spieltag 33. Spieltag


Die Eintracht gönnt sich eine Die Vorentscheidung: Nach 0:1 So gut wie Meister: Ein 0:0 in Essen,
Mini-Krise: 0:1 gegen 96 . . . ein 2:1 gegen Mönchengladbach typisch für die Defensivkünstler

kicker TYPEN & TRIUMPHE


PORTRÄT HORST WOLTER

18

„Wir galten als


Absteiger Nummer eins“
Mit 18 Jahren läuft er noch als linker Verteidiger auf, sieben Jahre
später als Torwart in der Nationalelf. Horst Wolter ist der Keeper
der Braunschweiger Meisterelf, die nur 27 Tore zulässt. Im Interview
erzählt er, welche wichtige Rolle seine Mutter für die Karriere spielte.
I N T E RV I E W : S E B A S T I A N WO L F F

kicker TYPEN & TRIUMPHE


HORST WOLTER INTERVIEW

A ls Treffpunkt schlägt Horst


Wolter sein Büro im Herzen
von Braunschweig vor. „Das Rent-
nerleben“, sagt er, „ist auch mit 74
nichts für mich.“ Der Meisterkeeper
arbeitet immer noch in seiner Versi-
cherung – „weil es mir Spaß macht“.
Und er hängt immer noch an seiner
Eintracht. Obwohl er mit einer Pro-
gnose im kicker vor fünf Jahren ein-
mal komplett danebenlag.

? Mal Hand aufs Herz, Herr Wolter,


was halten Sie eigentlich von Exper-
ten im Fußball? Es gehört dazu, dass 2
Experten und Ehemalige nach Ein- 1 Als die
schätzungen gefragt werden. Aber sie hat keiner im Vorfeld an den Titel Handschuhe der voraus: Jetzt stürzen sie ab und
müssen nicht immer richtigliegen. gedacht. Wir zogen zwar Motivation Torhüter noch gehen dahin, wo sie hingehören.
2012 fragte der kicker Sie bei einem aus den Expertenmeinungen, aber kleine Streifen War das Spiel gegen Mönchengladbach
hatten: Szene mit
Doppel-Interview mit dem damaligen keiner redete von der Meisterschaft. der Schlüsselmoment? Ja, eindeutig. 19
Horst Wolter aus
Eintracht-Profi Marc Pfitzner, ob Braun- Wann glaubten Sie erstmals an den Wir lagen 0:1 zurück, erst in den letz-
dem Jahr 1964
schweig noch mal in die Bundesliga Titel? Nach unserem 2:1 gegen Mön- ten sechs Minuten drehten Lothar
aufsteigen könne. Sie sagten, ohne den chengladbach am 32. Spieltag. 2 Flug-Show: Der Ulsaß und Erich Maas das Spiel. Das
Braunschweiger
Einstieg eines Scheichs sei das unmög- So spät? Sie waren immerhin Herbst- war der Moment, in dem wir in der
zeigte vor allem
lich, doch ein Jahr später war der Klub meister! Ja, wir waren Herbstmeis- auf der Linie Kabine saßen und sagten: So, jetzt
erstklassig. Gehören Irrtümer zur Ge- ter und haben es genossen. Aber seine Qualitäten. soll uns da erst mal einer oben weg-
schichte von Eintracht Braunschweig? ganz ehrlich: An den Titel hat kriegen. In der ganzen Stadt gab es
3 Abschied von
dennoch keiner glauben können. ab da nur noch ein Thema.
Mexiko: Wolter
„Wir waren nicht mal In der Mannschaft war eher dieser mit Seeler, Löhr War der Triumph auch ein Sieg über
eine graue Maus. Wir Gedanke: Jetzt bleiben wir so lange und Müller nach das Establishment? Ja, durchaus. Wir
waren dunkelgrau.“ wie möglich da oben. Und so hat ja dem 1:0 gegen waren ja nicht mal eine graue Maus.
auch die Öffentlichkeit gedacht. Ich Uruguay 1970 Sondern? Wir waren eine dunkel-
Wenn Sie neben meiner Aussage auf erinnere mich an unser 5:2 gegen im WM-Spiel um graue Maus. Wir waren das Armen-
die Expertenmeinungen von 1967 den FC Bayern am 28. Spieltag – Platz drei. haus der Liga. Wir haben noch in
anspielen, dann sage ich ganz klar: danach blieben wir drei Spiele am unseren Baumwolltrikots gespielt,
ja. Ich weiß noch, wie wir mit Marc Stück sieglos, waren punktgleich mit bei Regen sind die Ärmel eingelau-
Pfitzner zum Interview in der Kneipe Frankfurt, und alle Experten sagten fen, jedes Jahr wurde darauf ge-
„Bei Conni“ saßen. Ich habe es wartet, dass Braunschweig absteigt.
damals tatsächlich nie für möglich Auch wir selbst waren vorsichtig,
gehalten, dass die Jungs den Aufstieg hatten keine Flausen im Kopf und
schaffen könnten, obwohl Marc haben trotz der Einführung der Bun-
ganz enthusiastisch und überzeugt desliga 1963 alle weiter auf unsere
davon war. Vielleicht hat er sich da Berufe gesetzt. Ich habe Bankkauf-
ein bisschen gefühlt wie wir uns vor mann im Bankhaus Seeliger gelernt.
50 Jahren. Ein Meister aus Braun- Wenn ich an meinen ersten Vertrag
schweig galt für Experten als völlig denke, hatte ich ja auch gar keine
undenkbar. Mehr noch. Wir galten andere Wahl.
für viele als Absteiger Nummer eins. Haben Sie Ihr erstes Bundesliga-Gehalt
Vom ersten Bundesligajahr an. Der noch im Kopf? Ich habe sogar die ers-
einzige Unterschied zwischen uns te Gehaltsabrechnung noch. Es gab
und Marc Pfitzner war: Er sprach 100 Mark pro Punkt und als Fest-
ein Jahr vorher vom Aufstieg, bei uns 3 gehalt 500 Mark pro Monat. Dafür

kicker TYPEN & TRIUMPHE


1

würde ein Bayern-Spieler heute nicht de, diese Johannsen-Diktion zeichnet Breitner direkt gesagt habe: Das
mal einen Einwurf machen. Als Lo- den Verein bis heute aus. kann nicht gut gehen, du kannst kei-
thar Ulsaß 1964 dazukam, hat er ein Können Sie das konkretisieren? nen Pfau in den Hühnerstall holen.
bisschen mehr bekommen, das war Eintracht Braunschweig war immer Johannsen achtete darauf, dass es kei-
okay, weil er auch herausragte. Und: dann stark, wenn das Kollektiv nen Pfau im Hühnerstall gab und auf
Es war nicht viel mehr, alle hatten in funktioniert hat. Und der Verein defensive Kompaktheit – worauf noch?
20 etwa das gleiche Gehalt. Auch das ist dann gescheitert, wenn er es mit Ich habe nach meinem Wechsel zu
war ein Grund, weshalb wir so ein überteuerten Stars probiert hat. Es Hertha BSC ja noch andere Trainer
verschworener Haufen waren. gibt genug Beispiele für beide Seiten. erlebt und kann sagen: Johannsen
War das das Wesentliche für die An welche Beispiele denken Sie? Zum war für damalige Zeiten schon sehr
Überraschung? Unser Titel war keine Beispiel an den Bundesliga-Aufstieg weit. Wir hatten keinen Videoana-
Überraschung. Das war ein Wunder. 2013. Da gab es gewisse Parallelen lyseraum, aber eine Magnettafel. Es
Natürlich war die Kameradschaft zu unserem Titel. Nicht nur ich, gab keinen Scout, er ist mit seinem
wichtig. Aber es gab noch einen ganz Peugeot quer durch Deutschland
anderen wesentlichen Punkt. „Schon als Kind gefahren, hat sich die Spiele und
Welchen? Helmuth Johannsen. Er wollte ich immer Spieler angeschaut, uns akribisch
philosophierte nicht von einem Toni Turek sein.“ vorbereitet. Er wusste, wie er mit
Wunschsystem, sondern hatte genau uns erfolgreich sein konnte. Und wir
analysiert, welcher Fußball zu uns Lieblingsfarbe eigentlich keiner hatte der Eintracht wussten auf dem Platz genau, was
passt. Es ging nur über Kompaktheit. Gelb: Reporter das zugetraut, aber das Kollektiv zu tun ist.
Sebastian Wolff
Das war nicht attraktiv, und es gab war überragend. Torsten Lieber- Die Eintracht kassierte nur 27 Gegen-
mit Horst Wolter
viele in Fußball-Deutschland, die vor einem knecht und Marc Arnold haben tore – Sie sind auf fast allen Archivbil-
deshalb gern einen anderen Meister Braunschweiger das richtig erkannt und achten sehr dern ohne Handschuhe zu sehen . . .
gesehen hätten. Aber er wusste, wie Trikot im Büro darauf, dass das Gefüge stimmt. . . . und wissen Sie was?
wir erfolgreich sein können. Ich fin- des Ex-Torwarts Stars passen nicht nach Braun- Verraten Sie es uns. Mit Handschu-
schweig. hen hätte ich noch weniger Gegento-
Weshalb nicht? Die Stadt und die re kassiert. Ich habe so viel experi-
Bürger sind bodenständig, es mentiert damals.
herrscht eine wahnsinnige Identi- Was haben Sie gemacht? Ich habe mir
fikation mit der Eintracht. Nach von Englands Nationaltorwart Gor-
Wolfsburg gehen die Leute, weil sie don Banks Wollhandschuhe mit ei-
Bundesliga-Fußball gucken wollen. nem Gummi-Noppenbezug schicken
Zur Eintracht kommen sie, weil die lassen, trotzdem konnte der Ball
Liebe mit der Muttermilch aufgeso- durchrutschen. Deshalb habe ich am
gen wurde. Daraus ergibt sich auch Ende nur bei Kälte gelegentlich mit
dieses feine Gespür dafür, welche Handschuhen gespielt, weil sonst die
Spieler hierher passen und welche Finger steif wurden, bei normalen
nicht. Ich weiß noch genau, dass ich Temperaturen und Trockenheit habe
nach der Verpflichtung von Paul ich sie meistens weggelassen.

kicker TYPEN & TRIUMPHE


HORST WOLTER INTERVIEW

Sie stiegen zum Nationaltorwart auf, Weshalb beendeten Sie Ihre Bundes-
dabei waren Sie mit 18 noch im Feld. liga-Karriere nicht in Braunschweig?
Wie kam es zum Wechsel? Durch Johannsens Nachfolger Otto Knefler
meine Mutter. holte 1971 Bernd Franke und wollte
War Sie der Fußballexperte im Hause ihn natürlich auch spielen lassen.
Wolter? Nein, das war mütterlicher Ich muss dazu sagen, dass ich gleich
Instinkt. Ich war ein unbegabter 1 Zwei Große in merkte: Franke ist ein Guter. Den-
linker Verteidiger und haderte mit einem zu kleinen desliga-Jahren, und er hat Potenzial noch war ich nicht einverstanden
meiner Rolle. Sie sagte irgendwann: Tor: Spaß mit in mir gesehen. Er fragte mich, ob damit, wie es abgelaufen ist.
Sepp Maier 1968
Geh doch ins Tor. Das war eigentlich ich eine Stunde vor Trainingsbeginn Wie lief der Wachwechsel? Ich war
beim Training der
schon immer mein Traum. Schon als da sein könne. Dann hat er mich weiterhin berufstätig, hatte mitt-
Nationalelf
Kind wollte ich immer Toni Turek trainiert, hat mir an der Tafel aufge- wochs immer frei, das heißt Bank-
sein. 1954 habe ich während der WM 2 Hier ist sie: malt, wie ich mich bewegen soll, mir Termine. Knefler wusste das und
Horst Wolter zeigt
die Radioreportagen gehört, einen das Torwart-ABC beigebracht. teilte uns eines Dienstagabends mit,
1967 stolz die
Gummiball gegen unsere Hauswand Meisterschale dass am nächsten Tag Torwarttrai-
geworfen und dann immer die Para- „Ich kann klar sagen: ning sei. Ich sagte ihm, das hätte ich
den von Turek nachgespielt. Meine Karriere war eher wissen müssen, woraufhin er
Und dann? Ich hatte das Glück, nicht normal.“ entgegnete: Gut, dann sind Sie eben
dass unser A-Jugend-Torwart nach die Nummer 2. Ich kam zwar noch
Wolfsburg gegangen ist. Ich durfte Der Torwart Nummer 1 trainiert seinen mal ins Tor, aber im Prinzip war die 21
ins Tor und habe im ersten Spiel Konkurrenten? Ja, diese Geschichte Wachablösung vollzogen.
stark gehalten. Daraufhin kam zum ist heute wirklich völlig undenkbar, Schmerzte Sie der Abschied zu Hertha
zweiten Spiel der gesamte Eintracht- aber beispielhaft für unsere Ge- BSC im Sommer 1972? Ich wäre ei-
Vorstand, um das neue Torwart- meinschaft damals. Ich glaube, er gentlich gern für immer bei der Ein-
talent zu begutachten. Es stand zur hat früh gemerkt, dass ich ihn eines tracht geblieben, weil mein Herz hier
Halbzeit 0:6, die Herren sind nach Tages wohl ablösen würde, und hing und hängt. Aber im Nachhinein

Fotos: imago (4), Witters, kicker


45 Minuten gegangen. trotzdem hat er mich gefördert. Erst war Berlin für mich super. Ich spielte
Weshalb klappte es trotzdem mit der die Idee meiner Mutter, dann die in meiner Heimatstadt, knüpfte viele
Torwart-Karriere? Hennes Jäcker hat Förderung durch Jäcker – ich kann wertvolle Kontakte für mein späteres
mir unheimlich geholfen. Er war die ganz klar sagen: Meine Karriere war Berufsleben. Und habe trotzdem nie
Nummer 1 in den ersten beiden Bun- nicht normal. mit der Eintracht abgeschlossen. ■

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kicker TYPEN & TRIUMPHE


HINTERGRUND DIE 60ER JAHRE

Beatles, teure Jungs


und dicke Kanonen
Die Spieler dürfen nicht ausgewechselt werden, und die
Klubs sind klamm. Als die Bundesliga das Laufen lernt,
ist nicht alles Gold, was glänzt. Aufregend sind die
60er Jahre trotzdem – und das in jeglicher Beziehung.
GÜNTER WIESE

22

F ür das konservative Deutsch-


land ist 1967 ein irritierendes
Jahr, für die anderen wird es herr-
erhebt sich 1967 zu ihrem ersten
Flug, dem Südafrikaner Christiaan
Barnard gelingt die erste Herztrans-
wichts-Weltmeister Muhammad
Ali im Waldstadion vor 45 000 Zu-
schauern. Der Deutsche schafft es
lich spannend. Eine junge Gene- plantation. In Deutschland führt bis in die 12. Runde und muss dann
ration mit eigenen Vorstellungen Willy Brandt, 1967 noch Vizekanz- aufgeben – wegen einer Platzwun-
rückt in die Öffentlichkeit, wenn ler, per Knopfdruck das Farbfern- de über dem linken Auge.
auch noch zaghaft. Langzeit-Kanz- sehen ein. Die deutsche Spaltung Die neue Saison der erst drei Jah-
ler Konrad Adenauer, noch bis zum ist zementiert, die Mauer in Berlin re zuvor eingeführten Bundesliga
Schluss im Bundestag, stirbt mit längst gebaut. Im Westen genießt ist also angelaufen. Insgesamt zeigt
91 Jahren. Ein Ereignis mit Symbolik, man den ersten allgemeinen Wohl- sich der Wettbewerb als ergebnis-
denn damit scheint die Nachkriegs- stand, den Urlaub in Italien, feiert offen, eine feste Hierarchie hat sich
ära endgültig vorbei zu sein. Es noch nicht gebildet. Als Meister wird
schreit nach Wandel, auch global. Erst Gladbach wird Eintracht Braunschweig auf 1860
In den USA gehen im April in New 1971 einen Meistertitel München, Werder Bremen und den
York weit über 100 000 Menschen verteidigen. 1. FC Köln folgen. Vier Jahre, vier
unter der Führung des Bürgerrecht- verschiedene Titelträger. Die ersten
lers Dr. Martin Luther King auf die Heintje, Freddy Quinn oder Hein- Machtzentren der noch jungen Liga
Straße. Es geht um bessere Bedin- rich Böll. Die Beatles sorgen 1966 in entstehen in den frühen 70ern: 1971
gungen für die schwarze Bevölke- Essen in der Gruga-Halle für Ohn- verteidigt Gladbach erstmals ei-
rung. Gegen den Vietnamkrieg wird machtsanfälle, Flower-Power rückt nen Meistertitel in der Bundesliga.
protestiert. Und im Juni erschießt näher, auch wenn die Haare erst Das Ziel, das Niveau in Deutsch-
ein Polizist bei einer Demo in Berlin einige Jahre später die Schultern er- land durch eine eingleisige Topliga
gegen den Schah von Persien den reichen werden. zu heben, wird erreicht: Borussia
erst 26-jährigen Benno Ohnesorg – Und die Bundesliga? Dortmund gewinnt im Mai 1966 als
auch hier große Studentenunru- Am 4. Spieltag 1966/67 wird die erster deutscher Klub einen Euro-
hen. Die 68er Generation erlebt ih- Partie der Frankfurter Eintracht, papokal, den der Pokalsieger, durch
ren Vorabend. die mit drei Siegen gestartet ist, ge- ein 2:1 n. V. gegen den FC Liverpool.
Technische Errungenschaften gen Namensvetter Braunschweig Und im Juli erreicht die Nationalelf
verändern zudem die Atmosphäre. auf den Mittwoch vorverlegt. Der nach 1954 erstmals wieder ein WM-
Eine Boeing 737, das erfolgreichste Grund: Europameister Karl Milden- Finale – in England gegen England.
Düsenverkehrsflugzeug der Welt, berger boxt gegen den Schwerge- Ein aufstrebender Klub, der FC Bay-

kicker TYPEN & TRIUMPHE


1 2

3 1 Stars der
Liga: Franz
Beckenbauer und
Uwe Seeler, mit 23
Bundestrainer
Helmut Schön
2 Wichtig für
den Zeitgeist:
The Beatles
aus England
3 Rekordtorjäger:
Dortmunds
Lothar Emmerich
wird geehrt von
Hans Fiederer
(vorne, rechts),
Chefredakteur des
Sportmagazins
(fusioniert ein
Jahr später mit
dem kicker).

ern München, verteidigt 1967 nicht verdoppelt 1967 seine Trefferanzahl Mit der Bundesliga werden in et-
nur den DFB-Pokal, er holt seinen von 14 auf 28. Zufall? Noch muss er lichen Klubs halbwegs professionel-
ersten internationalen Titel: eben- sich die Königsrolle unter den Tor- le Bedingungen eingeführt. Nicht
falls den Cup der Pokalsieger durch jägern mit Dortmunds Lothar Em- vergleichbar mit England oder Ita-
ein 1:0 n. V. gegen Glasgow Rangers. merich teilen, die kicker-Kanone, lien, aber immer mehr Menschen
In der Liga werden die Bayern, 1965 damals ganz schön klobig, erhalten spielen nun tatsächlich jahrelang
erst aufgestiegen, nur Sechster, aber beide. Und die neue Liga? Sie läuft, nur noch Fußball. Wirklich aus-
neue Jungstars setzen erste Marken: doch Deutschland ist und bleibt ein gesorgt hat nach dem Ende seiner
Franz Beckenbauer, Sepp Maier – Nachzügler, tut sich mit dem Profi- aktiven Karriere aber keiner. Die
oder ein gewisser Gerd Müller. Der fußball weiterhin sehr schwer. DFB-Funktionäre haben in den An-

kicker TYPEN & TRIUMPHE


1
1 Auch das ist
fangsjahren noch zu viele Brems- im Monat auf 2600 Mark. „Das war 1967: Bayern
klötze eingebaut. Immerhin: Das ein Riesensprung“, so der linke verteidigt den
DFB-Pokal.
Reglement verzichtet jetzt darauf, Läufer von einst. Aber: Während
dass die Spieler einen „ordentlichen in England die Spielergewerkschaft 2 Viel Holz:
Beruf“ nachweisen müssen, den sie 1961 konsequent die Abschaffung Gerd Müller
tatsächlich auch ausüben. Die Ak- der Gehaltsgrenzen durchsetzt, be- mit der kicker-
Kanone. Er traf
teure können nebenbei noch arbei- lasten existenzielle Sorgen weiter-
wie Dortmunds
ten, müssen aber nicht. Fußball und hin die Akteure der Bundesliga; viel Lothar Emmerich
24 Beruf bleiben dennoch miteinan- Geld fließt unterm Tisch, vor allem 28-mal ins Netz.
der verzahnt, auch der neue Typus beim „Handgeld“, das gezahlt wird,
des „Lizenzspielers“ muss stets an wenn ein neuer Vertrag zustande 2
die Existenz nach der Karriere den- kommt. Auf der anderen Seite ist
ken, der beliebte Tabak- und Zeit- die Belastung in der Tat groß ge- lichkeiten und die internationalen
schriftenladen bleibt ein Thema. worden. Reisch betont: „Wir haben Größen, der 54er Weltmeister Fritz
So wie bei Stefan Reisch, heute 75. zeitlich mehr trainiert, als das heute Walter zum Beispiel hat 1959 seine
Nürnbergs Meisterspieler von 1961 der Fall ist.“ Neben den vielen Ein- Karriere beendet. Der aktuelle Su-
kauft sich 1964, somit bereits wäh- heiten müssen die Spieler speziell perstar in der Manege heißt Uwe
rend seiner aktiven Zeit, ein Ge- vor den Auswärtsspielen tagelang Seeler, neue „Genies“ wie Becken-
schäft, das seine Frau führt und das in ein Trainingslager, in der Regel
er erst mit 67 verkaufen wird. Wer handelt es sich dabei um sparta- Es dürfen nur drei
kann, baut vor. Wer studieren kann, nisch eingerichtete Sportschulen, Spieler pro Verein
studiert sowieso lieber. Ausnah- die zudem oft in der Pampa liegen. verpflichtet werden.
men wie Torwart Peter Kunter, der „Von Mittwoch bis Samstag“, so
fliegende Zahnarzt der Frankfurter Reisch, „das zog sich.“ bauer oder Netzer brauchen 1967
Eintracht, bestätigen die Regel. Ansonsten genießen die Spieler noch etwas Zeit, um kultig zu sein.
ihre Auftritte in den großen Stadien Auch der Spielstil kommt ins Gere-

D er typische Bundesligaspieler,
der in der Oberliga noch mit
zweimal Training pro Woche hin-
der Republik, es wird in den Medien
nun die ganze Saison über bundes-
weit berichtet. Bei den Auswärts-
de. Die Zeitungen kritisieren „me-
chanische Athleten“ auf dem Platz.
Hochqualifiziert seien sie zwar, tak-
kam, muss jetzt nahezu jeden Tag spielen sind die Entfernungen viel tisch stark, aber in ihrer Individuali-
ran, oft sogar zweimal. Seine Finan- größer geworden, die Teams fah- tät eingeschränkt. Es entwickle sich
zen verbessern sich dafür schon: ren meistens mit dem Zug. Die ein Anti-Spiel, verbunden mit „töd-
Während Reisch bei seinem ersten Zuschauerzahlen entwickeln sich licher Langeweile“; Fußball werde
Vertrag, den er 1960 abschloss, ein keineswegs astronomisch, ganz im praktiziert, um Tore zu verhindern,
Grundgehalt von 120 Mark aus- Gegenteil. Es zeichnet sich bald und nicht, um Tore zu schießen; er
handelte und für jeden Sieg weitere schon ein schwindendes Interesse sei zum „Stellungskrieg“ verkom-
50 Mark erhielt, kassiert er nun ein ab, nur die großen Traditionsklubs men. Mit nur 49 Saisontoren sei ein
Grundgehalt von 1600 Mark, aber ziehen auf Dauer wirklich. Die Fas- Meister wie Braunschweig das bes-
nur, weil er Nationalspieler ist. Für zination Fußball scheint Ende der te Beispiel dafür, wichtiger für den
einen Sieg kriegt er 250 Mark ex- 60er Jahre abzuebben. Es fehlen Erfolg sei da wohl eher diese beson-
tra. Läuft alles optimal, kommt er insgesamt noch die Spielerpersön- dere Kameradschaft gewesen . . .

kicker TYPEN & TRIUMPHE


DIE 60ER JAHRE HINTERGRUND

1966/67 fallen pro Spiel erstmals am Samstag ausgestrahlt, damit streiten Freundschaftsspiele, um
weniger als drei Tore. Strömen endlich zeitnah berichtet. Auch extra Bares einzunehmen. Trikot-
1963/64 im Schnitt noch 25 105 Zu- das „Aktuelle Sportstudio“ des ZDF werbung gibt es noch nicht, sie wird
schauer zu einem Bundesligaspiel etabliert sich. In der Regel nehmen 1973 eingeführt – in Braunschweig.
und sind es in Braunschweigs Meis- drei fest installierte Kameras ein Was ist damals noch anders?
tersaison 23 299 Besucher, so ist ein Spiel auf, je eine wird auf ein Tor Die Abseitsregel und vieles ande-
Jahr später die Krise endgültig da, es eingestellt, die dritte auf die Mitte re mehr. 1963/64 spielen insgesamt
kommen nur noch 20 090. Der Tief- Etliche Jahre des Spielfeldes gerichtet. Gezeigt fünf Ausländer aus vier Nationen
punkt wird nach dem Bundesliga- Profi, aber mit werden Ausschnitte von drei Spie- in der Bundesliga, die Schiedsrich-
Skandal 1971 erreicht, als lediglich Zeitungsladen: len. Was heute nach Notinformati- ter tragen Schwarz, Einheitsbälle
Nürnbergs
16 387 im Stadion dabei sein wol- on klingt, gilt damals als Fortschritt. gibt es sowieso nicht, auch keinen
Ex-Nationalspieler
len. Erst danach geht es wieder auf- Stefan Reisch
freien Spielermarkt. Es existiert die
wärts. Dank der Gladbacher. Dank
der Bayern. Dank der Nationalelf.
Und dank eines neuen Reglements.
D ie Folge der Einnahmesituati-
on: Die Klubs sind in der Regel
klamm, bedenkt man, dass ein Trai-
„3-Mann-Klausel“, heißt: Pro Klub
und Saison dürfen nicht mehr als
drei Neue verpflichtet werden –
So fallen 1972 die Gehaltsgrenzen ner schon mal bis zu 20 000 Mark er- während eines vierwöchigen Zeit-
auch in der Bundesliga weg. hält und dass ein bekannter Spieler fensters im Sommer. Das Handgeld
Die Eintrittspreise bewegen sich de facto etliche Tausender pro Mo- für die Spieler wird erst auf 10 000
Mitte der 60er zwischen fünf und nat einstreicht, obgleich 1963/64 Mark begrenzt, die Ablösesumme
20 Mark für Steh- bzw. Sitzplätze. die Bezüge für einen Nicht-Natio- für die Klubs auf 50 000 Mark. Nach 25
Es fehlt in den Stadien jegliche nalspieler auf 1200 Mark gedeckelt einem brisanten Handgeld-Skandal
Form von Komfort, gut, die meisten wurden – woran sich viele nicht 1965 bei den Transfers von Ulms
Haupttribünen sind teilweise über- halten. Der Druck auf die Klubs ist Nationaltorwart Wolfgang Fahrian
dacht. Viele Fans sind aber Wind, groß, vor allem Nationalspieler dro- und anderen zu Hertha BSC, der
Regen und Schnee ausgeliefert, hen damit, ins Ausland zu wech- zum Zwangsabstieg Berlins führt,
ein Zustand, der sich erst durch die seln, zum Beispiel ins Lire-Paradies wird die zulässige Ablösesumme
neuen Stadien für die WM 1974 we- Italien. Einige tun dies auch, zumal auf 100 000 Mark erhöht. Auch die-
sentlich verbessert. Auch das Fern- unter Bundestrainer Helmut Schön se Marke wird nicht lange halten.
sehen entwickelt sich in den An- ab 1964 die automatische Nicht- Und: In Pflichtspielen darf zu-
fangsjahren eher zu einer Belastung berücksichtigung der Auslands- nächst nicht ausgewechselt werden,
denn zu einem Pusher des Fußballs. profis abgeschafft wird; Sepp Her- erst ab 1967/68 wird wenigstens
Während die Besucher im Freien berger selbst hatte sich am Ende ein neuer Mann pro Team erlaubt.
frieren, schwitzen oder tropfnass seiner Dienstzeit dafür eingesetzt. Die Spieler müssen die Verletzun-
werden, können es sich die Fans Anfangs noch in Summa summarum kostet der gen aushalten, humpeln bis zum
daheim im Wohnzimmer bequem Schwarz-Weiß: Betrieb einer guten Bundesliga- Schlusspfiff übers Feld, oder das ei-
machen, es gibt ja sogar schon Zeit- Ernst Huberty mannschaft bereits viel Geld. Die gene Team spielt eben nur noch mit
lupen. Fernsehgelder werden lange moderiert viele Klubs sind gezwungen, nach der zehn Mann. Auch Stefan Reisch hat
Zeit vor allem als Entschädigung Jahre lang die Saison übers Land zu tingeln, be- am eigenen Leib gespürt, was das
ARD-Sportschau.
für entgangene Zuschauereinnah- heißt: Gegen die Bayern bekommt
men gesehen. In den ersten beiden er einen schmerzhaften Pferdekuss
Jahren geht die Bundesliga sowieso ab. Viele Minuten steht er am lin-
leer aus. Erstmals wird 1965/66 ein ken Flügel rum, „in der Hoffnung,
Betrag in Höhe von 330 000 Euro unserer Mannschaft wenigstens als
mit den öffentlichen Sendern aus- Anspielstation helfen zu können“.
gehandelt, ein Jahr später werden Laufen kann er nicht mehr. Der
für die gesamte Liga 410 000 Euro Club, damals eine große Mann-
Fotos: imago (4), picture-alliance (3)

überwiesen. Das klingt keineswegs schaft und nach Braunschweig der


berauschend. Die Beträge werden nächste Meister, verliert.
erst 1984 mit der Einführung des Nicht immer waren die alten Zei-
Privatfernsehens explodieren. ten die besseren Zeiten. Obwohl?
Seit der Saison 1963/64 wird die Menschlich vielleicht doch. Aber
„Sportschau“ mit Ernst Huberty nur vielleicht. ■

kicker TYPEN & TRIUMPHE


PORTRÄTS DIE MEISTER

26

Die Meister-Helden

kicker TYPEN & TRIUMPHE


Auf dem Weg zum Ziel
Am 1. Oktober 1966 führt Joachim Bäse
sein Team auf Schalke auf den Platz. Die
nächsten 36 Seiten gehören ihnen – den
Porträts der Braunschweiger Meister.

27

Foto: imago/Otto

kicker TYPEN & TRIUMPHE


PORTRÄT HELMUTH JOHANNSEN

Alte
Schule
Mit dem Meistertitel für die Eintracht krönt er
sein Lebenswerk als Trainer. Helmuth Johannsen
geht dabei keine Kompromisse ein. Das Porträt.
HANS-GÜNTER KLEMM

28
E in „echter Kerl“ sei er gewe-
sen. Sagt Hermann Gerland,
der unter ihm trainiert hat als jun-
pion formte und so sein Lebens-
werk krönte.
Einer, der es wissen muss, unter-
ger Profi beim VfL Bochum. Die streicht die Besonderheit des Schaf-
spätere Trainer-Ikone bei Bayern fens und Wirkens bei der Eintracht.
München, ein Mann vom Fach, der Walter, Johannsens Sohn, der als
mit renommierten Kollegen aus TV-Journalist eine ähnlich erfolg-
dem In- und Ausland gearbeitet hat, reiche Karriere hinlegte wie der
bringt es in seinem Ruhrpott- Papa im Fußball, sagt über dessen
Deutsch auf den Punkt: „Der war Liebe und Leidenschaft: „Braun-
ganz sauber, als Trainer top, als schweig hatte für ihn immer einen
Mensch charakterlich korrekt.“ Stellenwert mit Sternchen.“
So wie Gerland sprechen fast alle Alles begann in Lörrach. Hel-
Zeitzeugen über Helmuth Johann- muth Johannsen trainierte den FV
sen. Gradlinig und resolut, eine und machte nebenher sein Diplom
starke Persönlichkeit und ein Gen- an der Sporthochschule in Köln.
tleman, ein Repräsentant der alten Von Montag bis Freitag studierte
Schule, so war er, der Schüler von
Sepp Herberger, der bei dem legen- „Der war ganz sauber,
dären Bundestrainer sein Diplom als Trainer top und
erworben hatte. In einem der ers- als Mensch korrekt.“
ten Lehrgänge, die der Weltmeister-
Hermann Gerland
Trainer von 1954 für den Verband
gehalten hat. er, zu Hause übte die Mannschaft
„Eine Fachkapazität der beson- ohne ihn, jedoch nach von ihm ent-
Regieanweisung: deren Güte, sachlich, scharf analy- worfenen Plänen, am Wochenende
Trainer Johannsen sierend. Kein Mann für den Medien- coachte er die Truppe. Stressige An-
instruiert 1966 rummel, aber einer, dessen Wort fänge, die den Grundstein für den
Horst Wolter vor
galt und gilt“, so würdigte der kicker Wunschjob legten.
dem Spiel bei
Bayern München. zum 75. Geburtstag den Meister- Dann die erste richtige Trainer-
macher aus Braunschweig, der den station: Das Nordlicht Johannsen
Außenseiter aus Niedersachsen kehrte zurück in den Norden, über-
zu einem vielbeachteten Cham- nahm den Traditionsverein Bremer-

kicker TYPEN & TRIUMPHE


1
1 Feldwebel, aber
2 auch Vaterfigur: haven 93, den er zu einer festen 29
Johannsen hatte Größe in der Oberliga machte. Vier
viele Facetten,
erfolgreiche Jahre in der Nach-
ließ sich nichts
vormachen und
kriegszeit, in denen er sich empfahl
hatte seine für höhere Aufgaben. 1954 wech-
Spieler fest im selte er zu Holstein Kiel, eine Num-
Blick. mer größer, nicht nur in nördlichen
2 Dieser Hut Gefilden. Ein Karrieresprung, zu-
steht ihm gut: mal der Erfolg weiter sein Wegbe-
Johannsen mit der gleiter blieb. Mit den „Störchen“
Meisterschale. qualifizierte sich Johannsen für die
Keiner hatte Endrunde der Deutschen Meister-
damit gerechnet. schaft, ein Achtungserfolg. Sieben
Jahre arbeitete er an der Förde, ein
Zeichen der Kontinuität.

S chließlich ging es weiter hoch


auf der Erfolgsleiter: ein Engage-
ment beim 1. FC Saarbrücken, der,
anders als heute, damals zur Elite
zählte. Ein Verein mit National-
spielern, ein Verein, der internati-
onal gespielt hat. Und ein Verein,
der mit dem aufstrebenden Mann
aus der Trainergilde auch Erfolg
hatte: Saarbrücken war eines der
16 Gründungsmitglieder der Bun-
desliga – dank Johannsen, dem die
„Mein Vater
Qualifikation gelang.
verstand sich als
Pädagoge“: Sohn Gedankt haben es ihm die Saar-
Walter Johannsen länder keineswegs. Sein Vertrag
machte Karriere wurde nicht verlängert. Johann-
als Journalist. sen hatte seine Schuldigkeit ge-

kicker TYPEN & TRIUMPHE


1
1 Vier Tore
30 gegen Nürnberg:
tan, er musste gehen. In der 1963 adelte: Johannsen habe für eine Johannsen bleibt
gegründeten neuen Spielklasse „kompromisslose, saubere Berufs- bescheiden, auch
sollte ein namhafter und promi- auffassung“ gestanden. beim Jubeln (links
nenter Trainer ans Ruder. Sie hol- Weitere Höhepunkte nach der sein Assistent
Heinz Patzig).
ten Helmut Schneider, der auf Eintracht-Ära folgten: Mit Tennis
der ganzen Linie scheiterte. Saar- Borussia schaffte er 1976 den Auf- 2 Das ABC der
brücken ebenfalls, weil das erste stieg in die Bundesliga, mit dem Fußballschule:
Bundesliga-Abenteuer nach nur Grasshopper-Club Zürich 1978 die Johannsen drehte
auch einen
einer Spielzeit Geschichte war. Schweizer Meisterschaft, ebenfalls
Film über die
1977/78 glückte der Einzug ins Ausbildung der

G lück für Johannsen, Glück für


Braunschweig. Die Eintracht,
bis dato von einem Lehrer namens
UEFA-Cup-Halbfinale. Allein ein
schwarzer Fleck findet sich auf der
Weste des 1998 nach einem Krebs-
Spieler.

Hans-Georg Vogel im Halbtagsjob leiden verstorbenen Trainers: In


betreut, suchte mittlerweile einen Hannover, der nicht so problem-
Vollzeit-Fußballtrainer. Und die losen Etappe nach der glorreichen
Wahl fiel auf Helmuth Johannsen, Braunschweiger Epoche, musste er
der sich in Fachkreisen einen Na- seine einzige Entlassung verkraften.
men gemacht hatte. „Helmuth, lass die Löwen los!“
Die Erfolgsstory in Niedersach- So sangen die Fans im altehrwür-
sen begann. Geradezu sensatio- digen Stadion an der Hamburger 2
nell mutete an, wie Johannsen, ein Straße. Und sie feierten Johannsen,
waschechter Hamburger, genauer: der aus der belächelten Truppe gegeben. Der Erfolg stellte sich ein“,
ein auf dem Kiez im Arbeitermili- aus der Provinz, vom damaligen hat er, der als Taktiker und Stratege
eu aufgewachsener Jung, der für Establishment in Fußball-Deutsch- galt, selbst mal das eigene Erfolgs-
St. Pauli gespielt hatte, 1967 den Ti- land nicht ernst genommen, eine rezept beschrieben. Ganz nach sei-
telgewinn schaffte. schlagkräftige Einheit bildete. nem Geschmack: langfristig planen
Es war der große Moment einer Baumeister Johannsen, stets die und ein Team aufbauen, mit viel
Laufbahn mit zehn Stationen in 36 Ruhe in Person und der allgewalti- Geduld als Leitlinie, ohne immen-
Berufsjahren. Mit Jobs in Deutsch- ge Entscheider, den sie bei der Ein- sen Druck und ohne sofortigen Er-
land und der Schweiz, wo die re- tracht machen ließen. „In Braun- folgszwang. In diesem Klima fühlte
nommierte Neue Zürcher ihn so schweig hat man mir noch Zeit sich der damals 46-Jährige wohl,

kicker TYPEN & TRIUMPHE


HELMUTH JOHANNSEN PORTRÄT

so konnte unter seiner Anleitung


die Eintracht zu einer Größe in der
Bundesliga avancieren.
Johannsen war der absolute
Chef, der Alleinherrscher. „Er hat 4
fast den ganzen Verein geführt“,
sagt Wolfgang Brase. „Er war sehr 5 „Alle mussten seiner Idee fol- inzwischen 62-jährige Hermann
dominant“, ergänzt Georg Dulz. gen“, berichtet Bernd Gersdorff, Gerland einen eher altersmilden
„Herrscher aller Klassen“, betont einer der bekannten Eintracht- Kommandeur erlebt. „Für uns war
Gerd Saborowski. Drei Meisterspie- Spieler, der beim Titelgewinn noch es damals ein erhebliches Kontrast-
ler, drei Stimmen, eine Meinung. nicht dabei war, aber von Johann- programm“, schildert der als „Ti-
Johannsen machte sein Ding und sen in Berlin entdeckt wurde. „Für ger“ bekannte Westfale die Zeit mit
ließ keine Widerrede zu. mich war er wie eine Vaterfigur“, Johannsen, der von 1979 an zwei
Seine Methoden waren dabei 3 Meistertrainer gesteht Gersdorff und unterstreicht Jahre im Revier wirkte bei seinem
nicht ganz ohne, so wird erzählt. mit Superstar: die Vorzüge dieser Autorität, die alt- letzten Engagement in der Bundes-
Der „Alte“, wie ihn seine Spieler Johannsen deutschen Tugenden verpflichtet liga. Mittwochs war immer Laufen
coachte in Zürich
voller Ehrfurcht nannten, ließ sie war: Disziplin und Pünktlichkeit, angesagt. Läufe über 400 Meter,
Günter Netzer auf
schon mal barfuß trainieren oder dessen letzter Willen und Moral. Sein Vater, so zwei bis drei Versuche. Ungewohnt
bei extrem hoher Schneedecke Spielerstation. der Fernseh-Sportchef beim NDR, für die VfL-Profis, die sich dann zu
üben. Auf Ausdauer legte er viel Walter Johannsen, habe sich immer Saisonbeginn nicht mehr so sprit- 31
4 Am Rande der
Wert, um seine Vorstellung vom auch als Pädagoge und Erzieher zig fühlten und nicht mehr ihren
Bande: Johannsen
Fußball umsetzen zu können. Die- mit Nürnbergs verstanden. giftigen Stil durchziehen konnten.
jenigen, die dabei waren, verglei- Trainer Max Beim VfL Bochum, wo zuvor der Sie intervenierten beim Trainer,
chen seine Konditionsarbeit mit Merkel, der ein lockere Heinz Höher eher die lan- der sich einsichtig zeigte und das
den Methoden eines Felix Magath, Jahr später die ge Leine präferiert hatte, hat der Programm änderte. Gerland rühmt
der sich Jahre später den Ruf eines Schale gewinnt. dieses Verhalten: „Johannsen war
Schleifers erworben hat. Klaus Ger- VITA nicht nur der von früheren Stati-
5 Lob vom
wien erinnerte sich an die schweiß- „Tiger“: Hermann Helmuth Johannsen onen bekannte Sturkopf. Er korri-
treibenden Augenblicke auf dem Gerland lernte gierte sein Konzept.“ Mit Erfolg: Der
Trainingsplatz: „Er hat mich immer Johannsen in Geburtsdatum 27.02.1920 VfL, der „unabsteigbare“ Klub, den
angetrieben und gefordert – man Bochum näher Gestorben 03.11.1998 es später doch erwischte, lief unter
kennen. Geburtsort Hamburg
konnte ihm nichts vormachen.“ ihm auf den Plätzen 10 und 9 ein.
Position Trainer Mit 66 Jahren hörte Johannsen

S ein Wort, so die Schilderungen


der früheren Zöglinge, war wie
das Evangelium. Peter Kaack be-
Saison 1966/67
Spiele 34
schließlich auf, die Endstation als
Trainer 1986 lag im schweizeri-
schen St. Gallen. Wie der Fußball
Karriere
schrieb ihn so: „Ein Feldwebel-Typ.“ sich in der Zwischenzeit entwickelt
BL-Spiele 347
Im Krieg mit einem Lungendurch- Vereine als Trainer: hatte, störte ihn. Den Personenkult
schuss schwer verwundet, pflegte 1950 – 1954 Bremerhaven 93 hat er verabscheut, die Kommerzia-
Johannsen einen rauen Ton und 1954 – 1961 Holstein Kiel lisierung verteufelt. Als Beisitzer für
handelte streng. Wer nicht nach 1961 – 1963 1. FC Saarbrücken die Trainer im DFB-Bundesgericht
seiner Pfeife tanzte, hatte es schwer. 1963 – 1970 Eintracht amtierte er bis zu seinem Tod, als
Einer, der das am eigenen Leib ver- Braunschweig Vizepräsident bei seinem geliebten
spürt hat, war Gerhard „Amigo“ 1970 – 1971 Hannover 96 Stammverein St. Pauli engagierte
Elfert. Ein begnadeter Fußballer, 1972 – 1975 Röchling Völklingen er sich kurzzeitig. Von diesem Eh-
doch eher genügsam, weil er – wie 1975 – 1976 Tennis Borussia Berlin renamt trat er zurück, weil ihm die
Fotos: imago (5), Witters (3), Horstmüller

viele dieser Künstlertypen – die 1976 – 1979 Grasshopper-Club mittlerweile unseriöse Ausgaben-
harte Arbeit und das Laufen scheu- Zürich politik des Klubs zuwider war.
te. Bei Johannsen hatte Elfert trotz 1979 – 1981 VfL Bochum Der Mann ließ sich halt nicht
des herausragenden Talents somit 1981 – 1985 FC St. Gallen verbiegen. Helmuth Johannsen
03/86 – 06/86 FC St. Gallen
einen schweren Stand und bekam blieb sich treu. Eben ganz sauber,
nicht immer seine Chance. immer und in jeder Lebenslage. ■

kicker TYPEN & TRIUMPHE


PORTRÄT HORST WOLTER

Mit der Kraft


des Löwen
Horst Wolter war ein großer Torwart. Aber
er war noch viel mehr, Manager etwa.
Später überraschte ihn eine schwere
Krankheit. Doch sie besiegte ihn nicht.
S E B A S T I A N WO L F F

32
2

1
1 Es geht ihm

V
wieder gut: Horst
ieles, sagt Horst Wolter, Wolter überstand
würde einem erst mit der seine Krankheit.
Zeit klar. Im Jahr 2000 ist der 2 Gutes Auge:
Braunschweiger Meistertorwart an Als Torwart der
Lymphdrüsenkrebs erkrankt. „Da- Eintracht, 1970
mals habe ich ein Buch mit dem
Titel ,Kraftzentrale Unterbewusst-
sein’ geschenkt bekommen.“ Er ist
überzeugt davon, dass ihm die Kraft 2
des Unterbewusstseins half, die
tückische Krankheit zu besiegen,
auch, als sie ein zweites Mal kam.
Und er hat die eigene Karriere ein
bisschen besser verstanden.
Bevor seine Eltern die damalige
DDR in den West-Berliner Stadt-
teil Charlottenburg verließen, hat
Wolter als Zwölfjähriger sein ei- die Antwort selbst: „Einfallswin- seiner aktiven Zeit danach gefragt,
genes Torwarttraining absolviert. kel gleich Ausfallswinkel. Ich bin die Antwort konnte er erst mit Ver-
Mit einem Gummiball und mit der Rechtshänder, habe den Ball also spätung geben.
Hauswand. „Links unten“, sagt er, fast immer mit rechts gegen die Verspätungen, die passen zu
„war immer meine bessere Ecke. Wand geschleudert und dadurch seiner Karriere. Obwohl er schon
Und ich habe mich immer gefragt, die linke Ecke stets besser trainiert.“ als Kind für Toni Turek schwärmte,
woran das lag.“ Heute gibt er sich Journalisten hätten ihn während schulte Wolter erst als 18-Jähriger

kicker TYPEN & TRIUMPHE


HORST WOLTER PORTRÄT

vom Linksverteidiger zum Torhü- ich für die Eintracht anpacke, so VITA
ter um, dann aber nahm die Lauf- löse, dass es dem Verein sportlich
bahn Fahrt auf. Mit 13 Länderspie- und finanziell besser geht als in der Horst Wolter
len ist Wolter der Braunschweiger vergangenen Saison. Das ist mein Geburtsdatum 08.06.1942
mit den meisten Länderspielen für Beitrag.“ Doch das Engagement en- Geburtsort Berlin
Deutschland – dass es nicht mehr det nach nur vier Wochen, bevor Position Tor
wurden, lag an Sepp Maier. An der es eigentlich richtig begonnen hat.
Torwart-Legende kam der gebürti- Trainer war seinerzeit sein Berliner Saison 1966/67
Mit Schnäuzchen:
ge Berliner nicht vorbei, konstatiert Aufstiegscoach Fuchs, doch es gibt Spiele 32
Hertha-Manager
aber beim Rückblick: „Er war der Horst Wolter keine gemeinsame Neuauflage der Tore 0
Liebling vom Bundestrainer, aber gelang mit Trainer einstigen Erfolgsgeschichte. Wol- Ø-Note 1,66
das war alles okay so. Wir hatten un- Werner Fuchs der ters finales Nein zum Job bei der Elf des Tages 5
tereinander ein super Verhältnis.“ Durchmarsch. Eintracht bedeutete gleichzeitig
Karriere
seinen Abschied vom Profifußball.
Länderspiele/-Tore 13/0

N ach der Aufdeckung des Bun-


desligaskandals ging es für ihn
in die Heimat – aber nicht primär
Der WM-Teilnehmer von 1970
lebt im niedersächsischen Bad
Harzburg, fährt mehrmals in der
BL-Spiele/-Tore
Vereine als Spieler:
243/0

1952 – 1959 SC Charlottenburg


wegen des Skandals. „Ich habe die Woche noch ins eine Stunde ent- 1959 – 1972 Eintr. Braunschweig
Eintracht verlassen, weil ich mich fernte Braunschweiger Büro. „Aber 1972 – 1977 Hertha BSC
von Otto Knefler abserviert gefühlt ich mache nur noch Immobilien 1977/78 VfL Seesen 33
habe. Klar ist aber, dass ich wohl und Finanzierungen.“ ■
nicht bei der Hertha gelandet wäre,
wenn sie durch die Verstrickung ANZEIGE

in den Skandal nicht den völligen


Neuaufbau hätte starten müssen.“
Sportlich lief sein fünfjähriges En-
gagement eher ernüchternd, dafür
hatte es seine zweite Karriere bei
den Berlinern in sich: 1986 holte

„Sepp Maier war der


Liebling von Schön.
Aber das war okay.“
Hertha, inzwischen drittklassig,
den gelernten Bankkaufmann und
Finanzexperten Wolter als Manager
in die Vereinsführung.
Mit durchschlagendem Erfolg:
Seite an Seite mit Trainer Wer-
ner Fuchs gelang der Aufstieg in
die Bundesliga, 1990 aber machte
er Schluss. Und sollte diese Posi-
tion später noch mal bei seinem
Herzensverein bekleiden. Im Juli
1991 war Wolter mit Schnauzbart
Fotos: imago/Hübner, imago/Sven Simon

und Telefon am Ohr in der Braun-


schweiger Stadionzeitung „Ein-
tracht aktuell“ abgelichtet und
wurde als neuer Manager betitelt.
In seinem Vorwort wünschte er
sich, „dass ich die Aufgaben, die

kicker TYPEN & TRIUMPHE


PORTRÄT JOACHIM BÄSE

Beckenbauer
verdirbt dem Koch
den Brei
Der Kapitän des Meisters organisiert mit Umsicht die
Abwehr. So wird Joachim Bäse auch ein Thema für die
Nationalmannschaft. Nur bei der Meisterehrung gibt es
einen Fauxpas. Obwohl: Eigentlich sind es sogar zwei.
MICHAEL RICHTER

34

W as dieser Meistertitel 1967


für eine große Strahlkraft
besitzt, wird Joachim Bäse nie ver-
noch unterwegs ist, mischen sich
dann oft Zurufe wie „Es war so eine
schöne Zeit“ bis hin zu der Frage
gessen. Zu einem Gutteil liegt das „Kommt die Eintracht wieder nach
daran, dass er tagtäglich in seinem oben?“
Heimatort Wenden, dem Stadtteil Bäse genießt es. 1939 in Braun-
im Braunschweiger Norden, damit schweig-Rühme geboren, hat er
konfrontiert wird. „Fast jeder, der nie losgelassen von seinem Verein.
mich auf der Straße sieht, spricht „Es hört nicht auf“, sagt der einstige nach dem Triumph immer noch
mich darauf an.“ In die Bewunde- Kapitän selbst und verweist damit regelmäßig aus Deutschland, aber
rung, wie fit der 77-Jährige immer auch auf die Post, die ihn 50 Jahre auch aus aller Herren Länder er-
reicht. Die Bilder und Karten der
Autogrammjäger sind für Bäse ein
weiteres Zeichen, welch außer-
gewöhnliche Leistung der Mann-
schaft damals gelungen ist.

Fast 50 Jahre
B äse ist als Spielführer der erste
Akteur im blau-gelben Trikot,
der an jenem 3. Juni 1967 die Meis-
liegen zwischen terschale in den Händen hält. Ein
diesen beiden Moment für die Ewigkeit. Der lau-
Aufnahmen:
te Jubel der Menschen klingt ihm
Bäse 1968 als
Stammspieler bis heute mehr im Ohr als der Satz
der Eintracht und des offenbar etwas indisponierten
2016 als Senior, Präsidenten des DFB, Dr. Hermann
der immer noch Gösmann. Der bittet ihn als „Achim
fit daherkommt. Bähre“ zur Übergabe der Meister-
schale. Vergeben! Dass Bäse die
Trophäe anschließend zunächst

kicker TYPEN & TRIUMPHE


35

1
1 Zwei Rivalen,
einst auch in
falsch herum in den Himmel reckt, der Nationalelf:
1972 mit Franz
mag schließlich ebenfalls der gro-
Beckenbauer
ßen Aufregung an diesem Tag ge-
schuldet sein. „Das gute Stück war 2 Flotter
aber auch ziemlich schwer. Fast mit Vorwärtsgang:
Braunschweigs
letzter Kraft habe ich es auf der Eh-
rühriger Kapitän
renrunde nach dem Schlusspfiff ge- marschierte bei
gen Nürnberg getragen und war gar Gelegenheit auch
nicht böse, als sie mir mal jemand nach vorne.
abnahm …“

„Wir waren über Jahre


eingespielt, haben uns
perfekt verstanden.“
Ganz unaufgeregt und fast lo-
cker anmutend führt Bäse dagegen
zuvor im Saisonverlauf sein Team
zum Titel. „Wir waren schon über
viele Jahre eingespielt, haben uns
perfekt verstanden. Und das längst
nicht nur auf dem Platz . . . “, deutet 2

kicker TYPEN & TRIUMPHE


36

VITA

Joachim Bäse
Geburtsdatum 02.09.1939
Geburtsort Braunschweig So rum ist richtig:
Position Abwehr Anfangs hielt
Bäse die schwere
Saison 1966/67 er an, dass eine besondere „Mann- 1959 von seinem Heimatverein
Meisterschale mit
Spiele 33 schaft hinter der Mannschaft“ ein FC Wenden zum BTSV wechselt,
der falschen Seite
Tore 0 in den Himmel.
weiteres Geheimnis des Braun- wird Joachim Bäse zunächst zum
Ø-Note 1,97 schweiger Erfolges ist. „Vor allem Läufer, schließlich zum damals
Elf des Tages 5 die Gattin des Trainers hat sich um gerade neu eingeführten Libero
Karriere den Zusammenhalt gekümmert. und Ausputzer umfunktioniert.
Länderspiele/-Tore 1/0 Wir haben uns alle oft auch privat Und der gelernte Koch kennt auch
BL-Spiele/-Tore 234/5 getroffen.“ Hilde Johannsen gelingt
Vereine als Spieler: es in jener Zeit mit den anderen „Ich habe organisiert,
bis 1959 FC Wenden Spielerfrauen offenbar, den Ein- dirigiert, den Verbund
1959 – 1973 Eintr. Braunschweig tracht-Tross weit über den grünen zusammengehalten.“
ab 1973 FC Wenden Rasen hinaus zu einer verschwore-
nen Einheit zu verschmelzen. das Rezept für die erfolgreiche Ab-
wehrarbeit des Meisters: „Ich habe

S portliche Basis für den Erfolg ist


unterdessen die starke Hinter-
mannschaft, die in den 34 Spielen
hinten organisiert, dirigiert und
den Verbund zusammengehalten.
Und nach vorne marschiert bin ich
dieser Runde nur 27 Treffer zu- auch noch, wenn sich die Gelegen-
lässt. Vom Stürmer, als der er heit dafür bot.“

kicker TYPEN & TRIUMPHE


JOACHIM BÄSE PORTRÄT

Mit viel Umsicht: mit seiner Klasse, womöglich aber


Bäse verteilt die auch mit seiner größeren Lobby als
Bälle von hinten Spieler des FC Bayern.
heraus mit viel
Für eventuell mehr Ruhm zu ei-
Gefühl.
nem anderen Verein zu wechseln –
dies kommt Bäse nicht in den
Sinn. In Braunschweig bleibt er bis
zum Abschluss seiner Bundesliga-
karriere, die mit dem Abstieg 1973
bitter ausklingt. Später verstärkt er

„Als Gourmet genieße


ich mein Steak noch,
medium gebraten.“
noch einige Jahre die Alten Herren
in seinem Heimatverein Wenden.
Nach der Tätigkeit als Lebensmit-
telkontrolleur der Stadtverwaltung
bleibt die Gastronomie bis heute 37
Bäse spielt dabei mit einer Qua- Jahr nach der Meisterschaft, am ein wichtiges Lebenselement. In
lität, die selbst Helmut Schön über- 8. Mai 1968 bei einem Testspiel ge- Braunschweig-Thune steht Joachim
zeugt. Der Bundestrainer holt auch gen Wales in Cardiff. Warum das Bäse im Restaurant seines Sohnes
ihn zur Nationalmannschaft. „Ich erste auch sein einziges Länder- Andreas am Mittellandkanal mit
bin öfters hingefahren, habe noch spiel bleibt, umschreibt Bäse heute Rat und Tat zur Seite. „Als Gour-

Fotos: imago (4), Witters, Horstmüller


heute Kontakt zu dem einen oder charmant so: „Ich hatte das große met genieße ich mein Steak immer
anderen und erhalte Karten vom ,Glück‘, zur selben Zeit wie einer noch, medium gebraten“, verrät der
DFB“, berichtet Bäse nicht ohne der besten Fußballer der Welt als Meisterkapitän und lacht: „Aber als
Stolz. Das Trikot mit dem Löwen Libero spielen zu dürfen.“ Dieser, Junge aus der Region schmeckt mir
gegen jenes mit dem Adler tauscht Franz Beckenbauer, verdirbt dem auch Braunkohl mit Bregenwurst
er allerdings nur einmal: fast ein Koch aus Braunschweig den Brei – immer ausgezeichnet.“ ■

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kicker TYPEN & TRIUMPHE


PORTRÄT PETER KAACK

Mit Ecken und Kanten


Er kommt aus dem hohen Norden und ist ein Mann
fürs Grobe. Das soll seine Leistung nicht schmälern.
An Typen wie Peter Kaack liegt es, dass die Abwehr
der Eintracht in der Bundesliga gefürchtet ist.
THOMAS HIETE

D as Poster aus dem kicker von


damals hängt noch immer
im Büro in seinem Haus in Kiel.
Kaack, „habe ich ja 300 Spiele ge-
macht.“ Jedoch: Ein wegen Nebel
abgebrochenes und wiederholtes
hinten. Und das hat gut geklappt.“
Weil sich ins Offensivspiel die
Braunschweiger Außenverteidiger
38 Peter Kaack war von März 1972 Spiel gegen Eintracht Frankfurt ebenso wie Libero Joachim Bäse,
bis September 1973 die Nummer wurde nicht gewertet. „Für mich“, früher linker Läufer, mit einschal-
eins: der Mann mit den meisten erzählt Kaack, „war das ein Spiel.“ teten, putzte Kaack hinten aus. Mit
Spielen in der Fußball-Bundesliga. 34 Partien absolvierte der Mann Erfolg: In 34 Spielen kassierte der
299 Spiele absolvierte der heute aus Schleswig-Holstein im Meis- „Hart, aber Deutsche Meister nur 27 Gegen-
76-Jährige schließlich im Oberhaus. terjahr für die Eintracht. 1963 war ehrlich“: HSV-Idol treffer.
Für nur einen Klub – die Eintracht. Kaack vom VfR Neumünster nach Uwe Seeler lobt

D
die Spielweise
Der damalige Defensivmann for- Niedersachsen gewechselt, war so- as Verhindern von Toren war
von Peter Kaack.
muliert aber einen Einspruch mit fort Stammspieler geworden und ohnehin das Ding von Kaack,
Augenzwinkern. „Eigentlich“, sagt kam auch in der Junioren-National- der zwischen 1964 und 1967 sogar
mannschaft zum Einsatz. Kaack – gleich dreimal als Torwart für den
kompromisslos, knallhart, ein Fuß- verletzten Keeper Horst Wolter ein-
1
baller mit Ecken und Kanten. „Hart, sprang – ohne ein Gegentor zu kas-
aber gerecht“, beschreibt er sich sieren. Der Hintergrund für Kaacks
heute. Uwe Seeler sagte einmal Talent zwischen den Pfosten: „Mein
über ihn: „Hart gegen sich und den Bruder war Torwart. Als wir früher
Gegner, aber immer ehrlich, ohne in der Freizeit gegeneinander ge-
Hinterhältigkeiten.“ spielt haben, standen wir beide im
Tor, da habe ich viel gelernt. Auch
„Von der Meisterschale im Training habe ich mich aus Spaß
habe ich nicht einmal mal reingestellt.“ Und so ging Kaack
geträumt.“ dann in den Kasten, wenn gar kein
Torhüter mehr zur Verfügung stand.
Ein Mann fürs Grobe, ein Zer- Auf den Verteidiger war nun einmal
störer, wie er im Buche steht. Ein Verlass. „Ein Muster an Pflichter-
Fußballer mit vom Meistertrainer füllung“, beschrieb ihn einst Coach
eingeschränkten Betätigungsfeld. Helmuth Johannsen. „Ein gerad-
Helmuth Johannsen verbot seinem liniger Mensch, vorbildlich in sei-
Mittelläufer regelrecht das Über- ner Haltung auf dem Platz und im
queren der Mittellinie. Kaack, der in Privatleben.“
seinen 299 (bzw. 300) Ligaspielen Denkt er an 1967 zurück, kom-
lediglich zwei Tore erzielte, erklärt: men ihm viele Dinge in Erinnerung.
„Der Trainer hat gesagt: Du bleibst Der letzte Spieltag gegen Nürnberg,

kicker TYPEN & TRIUMPHE


2

39

3 4
1 Underdog ganz
oben: Peter Kaack
logisch. „Die Schale“, weiß er noch, kann sein Glück de sollt ihr sein.“ In der blau-gelben VITA
„habe ich nach dem Spiel auf dem kaum fassen. Die Gemeinschaft zum großen Ding.
Platz nur von Weitem gesehen. Da Meisterschale „Keiner wurde ausgegrenzt, wir ha- Peter Kaack
war was los!“ An den Titel hatte gehört auch ihm. ben alle zusammengehalten.“ Noch Geburtsdatum 28.04.1941
Kaack lange Zeit gar nicht geglaubt. 2 Hier kommt heute wird der Mittelläufer von Geburtsort Kleinkummerfeld
„Nicht einmal geträumt habe ich Kaack! Der einst, der nach seiner aktiven Karri- Position Abwehr
davon. Wir waren doch der Un- Braunschweiger ere viele Jahre für den Sportartikel-
stoppt hier 1971 Saison 1966/67
hersteller Adidas tätig war, auf seine Spiele 34
„Keiner wurde Gerd Müller auf
Bundesligazeit angesprochen. Im Tore 0
rustikale Art.
ausgegrenzt, wir haben Mittelpunkt natürlich: der Titel, die Ø-Note 2,15
3 Peter Kaack als Eintracht. „Mein Herz schlägt noch
zusammengehalten.“ große Nummer:
Elf des Tages 2
für Braunschweig, keine Frage.“
Der frühere Karriere
derdog.“ Erst als die Eintracht Und auch der Kontakt ist nie ab-
Abwehrspieler vor Länderspiele/-Tore 0/0
im vorletzten Heimspiel in den seinem kicker- gerissen. Regelmäßig telefoniert er
BL-Spiele/-Tore 299/2
Schlussminuten gegen Borussia Poster, das er sich noch mit Joachim Bäse. Und wenn Vereine als Spieler:
Mönchengladbach ein 0:1 in einen aufgehoben hat. Kaack, der Kieler, der vor den Toren bis 1960 TSV Gadeland
Fotos: imago (3), Lühn, Witters

2:1-Sieg umwandelte, „wusste ich, Neumünsters geboren wurde, in 1960/1961 Gut Heil Neumünster
4 Dicht am
dass wir es packen können“. Mann: 1967 beim Braunschweig zu Besuch ist, dann 1961 – 1963 VfR Neumünster
Das Erfolgsgeheimnis des trium- 2:1-Sieg gegen schläft er auch bei seinem früheren 1963 – 1973 Eintr. Braunschweig
phierenden Außenseiters? Kaack Gladbach mit Kapitän. Die Eintracht verbindet bis 1973 – 1979 VfR Neumünster
zitiert Sepp Herberger: „Elf Freun- Jupp Heynckes zum heutigen Tag. ■

kicker TYPEN & TRIUMPHE


PORTRÄT KLAUS MEYER

Prädikat:
Äußerst unangenehm!
Nett und durchaus unterhaltsam, so haben ihn seine Freunde
kennengelernt. Hart und unbarmherzig, so erleben ihn seine
Gegenspieler. Verteidiger Klaus Meyer ist ein Mann mit Prinzipien.
Damit eckt er auch schon mal an. Seinen Trainer nervt er sogar.
GÜNTER WIESE

40
S ein Tod mit 76 Jahren im April
2014 kam sehr überraschend.
Knapp zwei Wochen zuvor, bei der
Außenverteidiger aufbauen, doch
der Defensivspieler verletzte sich
schwer, und Brase fiel lange aus
„Klaus war ein Mann des offenen
Wortes, das habe ich geschätzt. Er
hat sich nicht unterbuttern lassen.“
Eröffnung der Eintracht-Ausstel- wegen einer Erkrankung. Johann-
lung im Stadion, war Klaus Meyer
noch in seinem Element, erzählte
von früher und natürlich ganz be-
sen stellte wieder Meyer auf. Wenn
auch ungern, denn, so Johannsen
später: „Er machte sich manchmal
A ls Meyer 1958 seine Bundes-
wehrzeit beendet hatte, fragte
ihn Eintrachts damaliger Trainer
sonders von 1966/67. Anekdoten- die Dinge selbst schwer, war aber Kurt Baluses, ob er nicht in einem
reich und unterhaltsam. Der linke äußerst ehrgeizig und hat aus sei- Freundschaftsspiel gegen Vienna
Verteidiger spielte 30-mal, war so- nen Fähigkeiten das Optimale her- Wien mitmachen wolle. Der 20-Jäh-
mit mittendrin statt nur dabei. Und ausgeholt.“ Echte Sympathie hört rige sagte sofort Ja. Und als er bei
er war ein richtiger Braunschwei- sich anders an. diesem Abendspiel als Einwech-
ger, ein gebürtiger Braunschweiger. Die beiden mochten sich nicht selspieler tatsächlich reindurfte,
Bei der Meisterfeier war Meyer wirklich. Lag es daran, dass Meyer rief ein Zuschauer laut „Flutlicht-
fast schon 30 Jahre alt. Und dass gerne über das Rasenrechteck hin- Meyer“. Dieser Spitzname blieb
ausdachte? Dass er diesen Johann- ihm. Im Juni 1959 erfolgte dann
„Ich fand den Trainer sen-Drill nicht leiden mochte? der nächste wichtige Schritt: die
mächtig verschroben, Meyer hatte Abitur, was damals die Beförderung in Braunschweigs
wir waren Sturköpfe.“ wenigsten hatten, und er wollte ur- Oberliga-Kader. Dafür gab es schon
sprünglich Maschinenbau studie- mal etwas Geld, das Studium ließ er
die Abwehr der Niedersachsen um ren. Gut, einfach waren wohl beide
Torwart Horst Wolter einen beson- nicht, jeder auf seine Art. Meyer 50 Jahre Meister:
deren Anteil hatte an diesem Er- selbst wird das schwierige Zusam- Das Jubiläum hat
folg, ist statistisch leicht beweisbar: menspiel der beiden Akteure eines Klaus Meyer nicht
mehr erleben
mit der geringen Zahl der erzielten Tages so beschreiben: „Da rasselten
dürfen. Er starb
Tore, vor allem aber der zugelas- zwei Sturköpfe aufeinander. Wir im April 2014.
senen. Nur 27 Gegentreffer, das beide waren keine Freunde. Ich
kommt ja nicht von ungefähr. Dabei fand den Trainer mächtig verschro-
hatte der Routinier seinen jahrelan- ben, um es mal vorsichtig auszu-
gen Stammplatz in Braunschweigs drücken. Er wiederum fand mich
Bollwerk schon verloren. Zunächst renitent, und damit hatte er durch-
wollte Trainer Helmuth Johannsen aus recht – zumindest wenn mein
hinten Stürmer Jürgen Moll neben Gerechtigkeitsempfinden verletzt
Wolfgang Brase spielen lassen, war.“ Walter Schmidt unterstützt
dann Wolfgang Simon als neuen seinen Teamkollegen von einst so:

kicker TYPEN & TRIUMPHE


1 2
1 Auf und davon:
Klaus Meyer zieht
dafür schleifen – er spielte ab sofort vielen Nickligkeiten. „Auf dem Platz an, Schalkes arten praktizierten, war nichts Un-
Heinz Pliska will
am liebsten nur noch Fußball. Erst konnte er eine Sau sein, auch im gewöhnliches. Auch ein Weltmeis-
folgen und
1965, als gestandener Bundesliga- Training“, wusste zum Beispiel Ein- Hans-Georg Dulz
ter-Torwart wie Sepp Maier erwarb 41
Spieler, sollte er eine Ausbildung wechselspieler Wolf-Rüdiger Krau- schaut beiden sich seine Beweglichkeit bereits
bei der Deutschen Bank beginnen, se zu berichten. Auf der anderen gespannt zu. in seiner Kindheit an diversen Ge-
und nach seiner Karriere erfolgte Seite galt Kamerad Meyer als lie- räten in der Halle. Bei Meyer war
2 Hoch und
schließlich der erfolgreiche Ein- bevoller Familienmensch. Marion, höher: Der es so, dass seine Familie im Krieg
stieg ins Versicherungsgeschäft. seine Tochter, betont: „Er war ein schlaksige nach Bentierode evakuiert wurde,
Das war auch deshalb nötig ge- toller Vater.“ Klaus Meyer sie kehrte erst 1954 nach Braun-
worden, weil Meyer mit der Ein- In seiner Jugend trainierte Meyer steigt nach oben, schweig zurück. In Goslar hieß sein
tracht Stress bekam wegen seines auch viel in der Turnhalle. Dass klärt per Kopfball. Sportlehrer Alfred Schwarzmann,
Vertrages, der sich 1968 automa- in den damaligen Zeiten viele Fuß- der bei den Olympischen Spielen
tisch um ein Jahr hätte verlängern baller anfangs verschiedenste Sport- 1936 in Berlin dreimal die Goldme-
sollen, was die Eintracht demen- daille gewonnen hatte. Dessen Pa-
tierte. Trainer Johannsen schmiss VITA radedisziplin: der Pferdsprung.
seinen ungeliebten Meisterspieler Klaus Meyer
damals sogar vom Trainingsplatz.
Der Krach eskalierte schließlich,
ein Anwalt wurde eingeschaltet,
Geburtsdatum
Gestorben
05.08.1937
04.04.2014
A ber auch der Fußball hatte es
Meyer früh angetan. Sein Vater
trainierte seinen Filius gerne nach
am Ende musste die Eintracht dem Geburtsort Braunschweig Feierabend. Der Junior beschrieb
unbeugsamen Spieler 29 000 Mark Position Abwehr das einmal so: „Er schärfte mir ein,
zahlen. Doch dessen Laufbahn war Saison 1966/67 dass ich mit dem linken Fuß genau-
damit beendet. Spiele 30 so gut schießen können muss wie
Klaus Meyer war auf dem Platz Tore 0 mit rechts.“ Eine Stärke, die ihm
kein Kind von Traurigkeit. Der Ver- Ø-Note 2,50 sehr helfen sollte. „Für die damalige
teidiger konnte zulangen. Er gab sel- Elf des Tages 0 Zeit hat sich Klaus als Abwehrspie-
ber zu, dass er nicht an einem Hei- Karriere ler schon viel mit nach vorn einge-
Fotos: imago/Otto, imago/kicker, Witters, S. Hübner

ligenschein interessiert war. Und er Länderspiele/-Tore 0/0 schaltet“, erzählte Wolfgang Simon,
sagte es auf seine Art: „So manches BL-Spiele/-Tore 123/1 der im Kader der Meisterelf stand.
Mal war es ganz gut, dass damals Vereine als Spieler: Ach ja: Der „Flutlicht-Meyer“ hieß
nicht so viele Fernsehkameras das VfL Oker auch noch „Panzer-Meyer“, weil er
Spiel verfolgten.“ Mit anderen Wor- bis 1958 MTV Gittelde bei der Bundeswehr einem Panzer-
ten: Wer gegen diesen äußerst un- 1958 – 1968 Eintr. Braunschweig Bataillon angehörte. Auch das pass-
angenehmen Meyer spielen musste, te zu seinem speziellen Ruf, ein be-
erlebte einen schwierigen Tag mit sonders harter Spieler zu sein. ■

kicker TYPEN & TRIUMPHE


im Namen des DFB einen Kranz
nieder. Aus Hannover war die kom-
plette Mannschaft des Rivalen 96
erschienen. Es zeigt, wie beliebt
und geschätzt Moll, der Meister-
spieler, der nur ein gutes Jahr nach
dem großen Triumph der Nieder-
sachsen im Alter von 29 Jahren ge-
storben ist, damals war.
Eine Wertschätzung, die sich bis
heute gehalten hat. Alke Moll, die
Tochter, erst vier Jahre alt, als sie
durch diesen Schicksalsschlag zur
Waise wurde, pflegt eine Facebook-
Seite über ihren Vater. Die Kunst-
malerin, die in der Region lebt,
berichtet von vielen Beiträgen im
Netz, die zeigen: Jürgen Moll ist eine
blau-gelbe Legende – trotz oder
42 gerade wegen des frühen Todes.
Der Unfall, der Moll das Leben
1 kostete, passierte auf der A 7, süd-

Eine Legende.
Auch nach der Tragödie
Zu seiner Beerdigung
kommen 4000 Trauergäste,
und Uwe Seeler legt einen
A ls wäre es gestern gewesen.
Uwe Seeler erinnert sich
noch sehr genau an den Moment,
lich von Hamburg bei Egestorf.
Mit seiner Gattin, der bekannten
Schauspielerin Sigrid Mollwitz,
als er an dem kühlen Dezembertag fuhr der Profi heim nach Braun-
Kranz nieder: Jürgen Moll
1968 die erschütternde Nachricht schweig. Das Paar kam von der
ist erst 29 Jahre alt, erhielt: Jürgen Moll tödlich verun- Insel Sylt. Ob nach einem Urlaub
da verunglückt er tödlich. glückt. Ein regelrechter Schock für oder nach einem Geschäftstermin,
Der Abwehrspieler war Fußball-Deutschland. „Ich wollte ließ sich nicht aufklären. Jedenfalls
Tragisches Ende:
ein Garant für den Titel, es erst nicht glauben“, sagt „Uns Nur ein gutes geriet der Wagen auf schneeglatter
spielte immer. Uwe“, der den Braunschweiger gut Jahr nach der Fahrbahn ins Schleudern, über-
kannte, in der Bundesliga häufig Meisterschaft schlug sich und landete auf dem
HANS-GÜNTER KLEMM gegen ihn gespielt hatte. „Ein tragi- verunglücken Acker. Moll war auf der Stelle tot,
sches Unglück.“ Jürgen Moll und seine Frau starb auf dem Weg ins
seine Frau Sigrid
Bei der Beerdigung, an der etwa Krankenhaus.
auf der Autobahn.
4000 Trauergäste auf dem Haupt- Das jähe Ende eines Lebens, das
friedhof teilnahmen, vertrat Seeler abrupte Stoppsignal für eine Kar-
die deutsche Nationalelf und legte riere, die noch längst nicht been-

kicker TYPEN & TRIUMPHE


JÜRGEN MOLL PORTRÄT

det war. Der Blondschopf mit den auch Sepp Herberger aufmerksam fünf Tore in der sagenhaften Spiel-
strahlend blauen Augen, in Karls- wurde. Mehrfach lud der Bundes- zeit gelangen.
bad im Sudetenland geboren, kam trainer ihn zu Auswahllehrgängen Moll auf dem Höhepunkt seiner
nach dem Krieg mit seinen Eltern ein. Moll war bei diversen inoffizi- Laufbahn, in der diese Bestmarke
nach Braunschweig. Bei den Vor- ellen Testspielen des DFB dabei. auftaucht: Nach Werner Thamm
ortklubs MTV und SC Leu machte Als Angreifer angefangen, als (110 Treffer) ist er mit 106 erzielten
der Bankkaufmann, der auch ein Abwehrspieler zu Ruhm gelangt, Toren der beste Eintracht-Schütze
Studium der Volkswirtschaftslehre vornehmlich als unvergessener in Pflichtspielen. Was zum Legen-
begann, aber nicht abschloss, auf Linksverteidiger der Meisterelf. Es den-Status passt, den Jürgen Moll
sich aufmerksam. Die Eintracht kam so, wie Horst Wolter, der legen- an der Hamburger Straße heute
wurde hellhörig: Jugend, Amateure, däre Torwart, schildert: „Er wollte noch innehat. ■
eigentlich Mittelstürmer bleiben.
„Jürgen Moll war einer Aber Johannsen hat zu ihm gesagt: VITA
der Besten, und ein Du wirst mein Facchetti.“ Jürgen Moll
netter Kerl zudem.“ Als Stürmer erlebte Moll zuvor
eine Flaute, was Trainer Helmuth Geburtsdatum 16.11.1939
Gegenspieler Uwe Seeler Gestorben 16.12.1968
Johannsen veranlasste, eine neue 1 Eleganter
schließlich der Aufstieg in die Erste, Position für ihn zu suchen und zu Geburtsort Karlsbad
Allrounder:
für die er 116 Partien in der Ober- finden. Das Vorbild hieß plötzlich Jürgen Moll
Position Abwehr
liga (73 Tore) und 162 Spiele in der Facchetti, der berühmte Verteidiger spielte Saison 1966/67 43
Bundesliga (28 Tore) bestritt. der Italiener, der hinten dichtmach- ursprünglich Spiele 34
„Ein herausragender Spieler“, te und dabei nach vorn marschier- als Stürmer. Tore 5

Fotos: imago/kicker, imago/Rust


beschreibt ihn Uwe Seeler. Der Eh- te. So ähnlich agierte der umge- 2 Hat ihn: Ø-Note 2,29
renspielführer der Nationalelf adelt schulte Moll, herausragend in der Hannovers Torwart Elf des Tages 2
so den Gegenspieler: „Damals war Meistersaison als Offensivverteidi- Horst Podlasly
rettet gegen
Karriere
es nie einfach, in Braunschweig zu ger, dem bei 34 Einsätzen immerhin Länderspiele/-tore 0/0
Jürgen Moll.
spielen. Die Eintracht hatte eine BL-Spiele/-tore 162/28
gute Mannschaft und Jürgen Moll 2 Vereine als Spieler
war einer der Besten, vor allem eine bis 1954 MTV Braunschweig
Führungspersönlichkeit auf dem 1954 – 1957 Leu Braunschweig
Platz und ein netter Kerl zudem.“ 1957 – 12/68 Eintr. Braunschweig
Es hätte nicht viel gefehlt, und
Moll wäre ein Mannschaftskolle-
ge von Seeler geworden. Als er in
Hamburg studierte, interessierte
sich der HSV für den „Löwen-Jun-
gen“, damals 22 Jahre alt, der mit-
trainiert hatte. Verhandlungen über
einen Wechsel starteten, Moll hatte
bereits zugesagt, an die Alster zu
kommen. Doch Braunschweig qua-
lifizierte sich für die Bundesliga. Es
gab den Ausschlag, der Allround-
spieler blieb der Eintracht treu.
Abenteuer Bundesliga – für Moll
gab es einen glänzenden Start. Am
31. August 1963, dem zweiten Spiel-
tag, traf er zum 1:0 gegen Preußen
Münster, das Tor zum ersten Ein-
tracht-Sieg in der neuen Spielklas-
se. Treffsicher war er, ein Vollblut-
fußballer mit Stürmerblut, auf den

kicker TYPEN & TRIUMPHE


PORTRÄT HANS-GEORG DULZ

Als Heini Pieper in


Hamburg klingelte …
Eigentlich will er ja beim HSV Fuß fassen. Doch beim
gebürtigen Dortmunder läuft selten alles nach Plan.
Schließlich landet er in Braunschweig. Aus der zweiten
Reihe setzt Hans-Georg Dulz die Stürmer in Szene.
MICHAEL RICHTER

44 S echs Jahre nach seiner Ein-


tracht-Zeit, von denen er fünf
als Trainer von Al-Hilal Omdur-
am Rothenbaum. „Da bin ich oft
allein in Intervallen vor der Tribü-
ne die leeren Sitzreihen entlang-
VITA

Hans-Georg Dulz
man im Sudan verbrachte, erlebt gesprintet, habe ein Pendel aufge- Geburtsdatum 31. 10. 1936
Hans-Georg Dulz Einschneiden- hängt und bin mit meinen 80 Kilo Geburtsort Dortmund
des. Etwas, was mit seiner eigenen immer wieder zum Kopfball hoch- Position Mittelfeld
Anschauung so gar nicht in Ein- gestiegen. Das brachte Schnellkraft,
klang zu bringen ist. „Ich hatte eine Sprungkraft und Ausdauer.“
Saison 1966/67
Geniale Pässe Spiele 32
Laufeinheit angesagt“, erinnert sich Nur, für einen Platz im Hambur- in die Spitzen Tore 5
der 80-Jährige an eine Begebenheit ger Starensemble um Uwe Seeler waren sein Ø-Note 2,50
vor dem Training, „doch die Spieler Markenzeichen: Elf des Tages 1
wollten spielen, nicht Kondition „20 000 Mark Handgeld. Dulz behielt die
bolzen. Da sind sie kurzerhand in Die Dortmunder fielen Nerven. Karriere
Länderspiele/-Tore 0/0
den Sitzstreik getreten!“ Seinem Er- aus allen Wolken.“ BL-Spiele/-Tore 109/15
folg auf dem Schwarzen Kontinent
tut das keinen Abbruch. 1974, also und Charly Dörfel reicht es nicht. Vereine als Spieler:
kurz vor seiner Rückkehr, holt der Obwohl die Referenzen gut sind. bis 1957 Viktoria 08 Dortmund
Klub den Meistertitel des Landes. In seiner Geburtsstadt Dortmund 1957 – 1959 Borussia Dortmund
Afrikaner hätten körperlich zumeist wechselt der gelernte Walzen- und 1959 – 1962 SSV Reutlingen 05
viel bessere Voraussetzungen für Profildreher zunächst von seinem 1962/63 Hamburger SV
den Fußball, zeigt Dulz heute Ver- Stammverein Viktoria 08 zur Borus- 1963 – 1968 Eintr. Braunschweig
ständnis für die Verweigerung und sia, wo 1959 mit ihm im schwarz- 1968/69 FC Aarau
schmunzelt. „Anders als ich da- gelben Dress etwas für heutige Ver-
mals …“ hältnisse Unglaubliches geschieht:
1962/63 etwa, ein Jahr bevor er „Mithilfe eines der ersten Spieler- Spieler abwirbt. Drei Jahre hält es
nach Braunschweig kommt, hatte vermittler, Dr. Georg Otto Ratz, ge- Dulz bei den Süddeutschen, ehe
sich der linke Halbstürmer bemüht, langte ich zum SSV Reutlingen. Der es ihn beruflich nach Hamburg
beim berühmten HSV, der über Jah- dortige Strickmaschinenfabrikant verschlägt, in die dortige Fabrik für
re unangefochtenen Nummer eins Hans Kern pflegte sein Hobby Fuß- Faltverpackungen seines Schwie-
im Norden, Fuß zu fassen. „Damals ball mit dem dortigen Klub, der mir gervaters. Beim HSV findet er sein
war ich noch Raucher … Um es in 20 000 Mark Handgeld bot. Die Dort- Glück nicht. Dafür steht eines Ta-
der Truppe zu packen, habe ich un- munder fielen aus allen Wolken.“ ges das Schicksal buchstäblich vor
heimlich viel selbst an mir gearbei- So kommt es, dass der kleine SSV der Tür – in Person des Masseurs
tet.“ Einzeltraining im alten Stadion dem großen BVB tatsächlich einen von Eintracht Braunschweig. „Als

kicker TYPEN & TRIUMPHE


1

45

2 3 4
1 Schnell
hinterher:
Heini Pieper klingelte, begann für Spiel Pässe über 30 Meter und mehr Dulz verfolgt Dulz die Meisterschale tatsächlich
Gladbachs
mich das Abenteuer Eintracht!“ schlagen, weil Jürgen Moll und ich in den Händen hält, geht der Puls
Herbert Laumen.
Wir schreiben das Jahr 1963. Die uns fast in jeder freien Minute die merklich nach oben. „Das war na-
Bundesliga steht vor ihrer ersten Bälle auf diese Weise zugespielt 2 Volle Kraft mit türlich schon ein ganz besonderer
Saison, überall suchen die 16 Grün- haben.“ links: Dulz zieht Moment.“
ab, der Schalker
dungsmitglieder nach brauchbaren Die Geniestreiche des Regis-
Gerhard Neuser
Verstärkungen. Dr. Kurt Hopert,
Präsident des BTSV, streckt seine
Fühler nach dem bekannten Offen-
seurs Hans-Georg Dulz werden
schließlich zu einem wichtigen Ele-
ment für Trainer Helmuth Johann-
versucht den Ball
abzublocken. E ine Spielzeit noch kostet er den
Triumph bei den Niedersach-
sen aus, wechselt dann 1968/69
3 Angehender
sivmann aus – mit Erfolg. sen. Sein Naturell, seine natürliche zum FC Aarau in die Schweiz, wird
Meister: Bei der
In seinen Part der Braunschwei- Leichtigkeit machen den Spieler Präsentation zur schließlich Trainer in Afrika und
ger Meistergeschichte jedoch muss Saison 1966/67. 1975 noch eine Saison lang beim
Dulz erst hineinwachsen. „Mit Erich „Druck empfand ich MTV Gifhorn. Denn nicht nach
4 Was für ein
Maas und Klaus Gerwien hatten wir nie. Nichts brachte uns Glanzstück!
Westfalen, sondern in seine Wahl-
zwei schnelle Außenstürmer. Ich aus der Ruhe.“ Der offensive heimat aus den 60er Jahren kehrt
dagegen fühlte mich auf diesen Po- Mittelfeldspieler er zurück, wenn auch nicht primär
sitionen ziemlich beschissen – für zudem zu einem wichtigen menta- absolvierte in der des Fußballs wegen. „Ich habe in
einen Außenspieler war ich einfach len Faktor. „Druck empfand ich nie, Meistersaison Braunschweig die besten beruf-
nicht schnell genug. Also spielte ich nicht einmal auf der Zielgeraden 32 Spiele. lichen Chancen gesehen.“ Einige
mich selbst nach innen.“ Der neue der Saison“, sagt dieser heute. „Oft Jahrzehnte im Arbeitsleben hat er
Posten eines Halbstürmers ist wie waren uns die anderen ja sowieso immerhin noch zu bestreiten. Sie
gemacht für ihn. Weite Flugbälle fußballerisch überlegen. Unsere verbringt Hans-Georg Dulz bis zum
Fotos: imago (4), Witters

in die Spitzen werden zum Mar- Mannschaft hatte sich aber einfach Ruhestand in der Versicherungs-
kenzeichen des Technikers. Und so zusammengespielt. Jeder wuss- branche. Und lebt bis heute zu-
auch hier hilft ihm wieder das in- te, was der andere macht. Nichts frieden in der Stadt seines größten
dividuelle Training. „Ich konnte im brachte uns aus der Ruhe.“ Erst als sportlichen Triumphs. ■

kicker TYPEN & TRIUMPHE


1

46
Meister-Fieber
Sein Stammplatz ist seit Langem Block 2 auf der Haupttribüne.
Der kicker ist 90 Minuten dabei, wie Walter Schmidt mit den
Eintracht-Profis im Aufstiegsrennen 2017 zittert. Schmidt, der
Fußball-Turner. Der vor Spielen auch schon mal aufs Pferd stieg.
S E B A S T I A N WO L F F

D
ie Begegnung mit der Ge- in Italien bedeuten ein Entschei- Er hat Geschichte geschrieben.
genwart versetzt ihn direkt dungsspiel auf neutralem Platz. In Nicht nur mit der Eintracht, auch
in die Vergangenheit. Es ist Bern. Der Deutsche Meister ver- persönlich. Der spätere Lehrer für
kurz vor Anpfiff, als Walter Schmidt, liert mit 0:1, Schmidts Gegenspieler Mathe, Geografie und Sport war der
der Meisterheld von gestern, Saulo Magnusson erzielt das Tor für die erste Akteur, der 100 Bundesliga-
Decarli, den Eintracht-Profi von alte Dame. Der 79-Jährige erzählt spiele absolvierte. Er bedauert, dass
heute, trifft. Der Innenverteidiger Decarli diese Episode, der lauscht er diesen Eintrag in die Annalen
ist gesperrt an diesem Montag- geradezu andächtig. Dann geht Nah dran:
abend beim Zweitligagipfel gegen es raus auf die Haupttribüne. Der 1965 absolviert 3
Union Berlin und in Zivil im Sta- Schmidt ein
dion. „Saulo ist ja Schweizer“, sagt „Das Herz schlägt Spiel für die
Schmidt, „immer wenn ich ihn schon ein bisschen B-Nationalelf.
sehe, muss ich an die Schweiz den- schneller.“
ken, an Bern, 1968.“
Schmidt benötigt keinen lan- Altmeister schüttelt einige Hän-
gen Anlauf, um einzutauchen in de, aber jetzt ist er nicht mehr der
die große Zeit. Seine Zeit. Nach der Protagonist, jetzt ist er Fan. Hier, in
Meisterschaft spielt Braunschweig Block 2, ist sein Platz, und er gesteht
im Europapokal der Landesmeister, beim Einlaufen der Mannschaften:
der heutigen Champions League, in „Das Herz schlägt schon ein biss-
der dritten Runde gegen Juventus chen schneller. Es geht ja um was.“
Turin. Ein 3:2 zu Hause und ein 0:1 So wie damals, 1967.

kicker TYPEN & TRIUMPHE


WALTER SCHMIDT PORTRÄT

allein bekommen hat. „Leider ver- 1 Aufstiegsrennen


danke ich das alleinige Jubiläum 2017: Walter
einer Infektionskrankheit meines Schmidt und
Mitspielers Wolfgang Brase. Zum die blau-gelbe
Südkurve im
75. Spiel wurden wir gemeinsam
Hintergrund.
ins ZDF-Sportstudio eingeladen
und haben uns gesagt: Jetzt ma- 2 Vergangenheit
chen wir die 100 auch gemeinsam. trifft Gegenwart:
Schmidt und 2
Leider ist Wolfgang nach dem
Eintrachts
97. Spiel erkrankt.“ Und Schmidt aktueller
feierte allein, bei einem tristen 0:0 Abwehr-Chef, begonnen, mit 20 kommt er zur Halbzeit, als die Eintracht unter
gegen Duisburg am 24. September der Schweizer Bundeswehr nach Celle. Über die Druck zu geraten droht. Es ist im-
1967. Aber: Weil Kaiserslautern an Saulo Decarli. Soldatenmannschaft landet er in mer noch seine Eintracht. Sorgen
jenem 6. Spieltag bei 1860 verlor, 3 Ein Stück 2 Braunschweig. „Parallel zum Bun- macht er sich aber nicht. „Hinten“,
erklomm die Eintracht wieder die Erinnerung: In desliga-Fußball habe ich an der sagt er, „stehen wir sicher. Obwohl
Tabellenspitze. „Und ich bekam im der Mixed-Zone Sportschule in Hannover studiert, Decarli fehlt. Aber die Defensive ist
kicker die Note 1.“ Wie so oft – sei- des Eintracht- später als Lehrer gearbeitet. Und stabil. Wie früher bei uns.“
nen Notenschnitt von 1,82 toppt Stadions steht die ich habe auf Sportfesten immer Braunschweig war 1967 der Mi-
nur Keeper Horst Wolter. Meisterschale. noch geturnt.“ Die Erinnerungen nimalisten-Meister, auch im Auf-
Schmidt hat viele Daten aus sei- sprudeln aus Schmidt heraus, er stiegskampf 50 Jahre später ist die 47
ner Karriere auf Abruf parat. „Ich stockt nur kurz ab Mitte der ersten Verteidigung das Prunkstück der
habe alles intensiv nachgelesen
und niedergeschrieben.“ 2009 hat ANZEIGE

er ein Buch rausgebracht: „Sport,


mein Leben“. Auf die interessante
Idee gebracht haben ihn seine Fa-
milienmitglieder.
Dann wird er rausgerissen aus
den alten Zeiten. Ken Reichel trifft
zum 1:0, das Stadion an der Ham-

„Die Defensive ist


stabil. Wie bei uns
früher.“
burger Straße steht Kopf. Schmidt
steht auch. Trotz der Modernisie-
rung
2 im Jahr 2013 ist hier alles im-
mer noch ein wenig anders als in
den neuen Arenen des Landes. Es
gab schon den einen oder anderen
Umbau, aber nie einen Neubau. „Es
ist irgendwie immer noch das Ein-
tracht-Stadion, in dem ich gespielt
habe“, sagt Schmidt. Und setzt sich
wieder.
In seinem Buch hat er Anekdo-
ten aus seinem Leben wiederge-
geben. Geschichten aus einer Zeit,
die heute unwirklich erscheint. Mit
14 hat er im westfälischen Recke
Fotos:

eine Ausbildung zum Bergmann

kicker TYPEN & TRIUMPHE


PORTRÄT WALTER SCHMIDT

Nordlicht: VITA
Geboren in
Bremerhaven, Walter Schmidt
aufgewachsen in
Recken – groß Geburtsdatum 02.08.1937
geworden in Geburtsort Bremerhaven
Braunschweig Position Mittelfeld
Saison 1966/67
Spiele 33
Tore 0
Ø-Note 1,82
Elf des Tages 7
Karriere
Länderspiele/-Tore 0/0
BL-Spiele/-Tore 183/7
Vereine als Spieler:
bis 1959 TuS Recke
1959 – 1970 Eintr. Braunschweig

48 Niedersachsen. Spätestens bei den uns. Aber wir waren ja schon so gut Meister gemacht hat – also hat er
Erinnerungen an die siegreichen wie Meister, er war ganz locker und vieles richtig gemacht.“
Abwehrschlachten ist er zurück in fragte lediglich, ob wir uns schon Schmidt hat auch vieles richtig
der Vergangenheit. Und erzählt von warm machen würden …“ gemacht. Während der Karriere –
seiner zweiten Leidenschaft: dem Es läuft die zweite Halbzeit, und und danach. 1969 verdreht er sich
Turnen. „Ich war früher Leistungs- Schmidt ist längst auf Betriebs- das Knie; weil die Behandlung nicht
turner und Dritter bei den Westfa- temperatur. Es steht 2:1, als sich optimal verläuft, ist ein Jahr später
lenmeisterschaften im gemischten das komplette Stadion erhebt, wie Schluss. Da er schon parallel auf
Zehnkampf.“ Seinem Hobby ging immer in der 67. Minute. Voller Lehramt studiert hatte, wirft ihn die
er selbst als Lizenzspieler noch Inbrunst werden dann die Meis- Sportinvalidität nicht aus der Bahn.
nach. „Gelegentlich, wenn wir mit ter besungen. „Deutscher Meister, Auch seine schwere Bypass-Opera-
der Eintracht Auswärtsspiele in Deutscher Meister, in den Farben tion 2009 nicht. Er bringt sein Buch
meiner Heimat im Westen hatten Gelb und Blau – 1967, das war unser heraus, nachdem er zwei Jahre zu-
und zufällig in der Nähe ein Tur- BTSV.“ Schmidt hat diesen Moment vor, anlässlich des 40-jährigen Meis-
unzählige Male erlebt. Er genießt terschaftsjubiläums, schon eine
„Beim 67er Lied ihn immer wieder aufs Neue. „Es CD über die Eintracht produziert
bekomme ich jedes mag verrückt klingen nach so vie- hatte. Dann sind die 90 Minuten
len Jahren, aber ich bekomme jedes Heimspiel: mit Schmidt zu Ende. 3:1, er ist zu-
Mal Gänsehaut.“ Schmidt mit
Mal eine Gänsehaut.“ Und die Gän- frieden. Mit seiner Vergangenheit.
nerfest war, bin ich privat mit dem sehaut bleibt: Domi Kumbela trifft kicker-Redakteur Und der Gegenwart. ■
Sebastian Wolff1
Auto angereist und danach zum zum 3:1, Schmidt jubelt losgelöst
Turnen gefahren.“ Dann lächelt er und deutet auf die Tartanbahn in
verschmitzt. „Ich war schon ein Richtung Trainer. „Torsten Lieber-
bisschen verrückt.“ Sein Trainer hat knecht ist ein toller Mann. Das habe
diese Erfahrung mit Schmidt auch ich schon vor Jahren gespürt, als wir
gemacht. Am Tag vor dem finalen noch in der 3. Liga waren.“ Er sagt
4:1 gegen Nürnberg hat Helmuth immer wieder „wir“ und schiebt
Johannsen Schmidt und Peter nach: „Ein guter Trainer ist der ent-
Kaack erwischt, wie sie heimlich scheidende Baustein. Und ich weiß,
einen Ausritt mit Pferden gemacht wovon ich rede.“ Natürlich von Jo-
haben. „Wir waren im Herrenhaus hannsen. „Er wusste, was richtig für
Rhode. Und als wir grad losgeritten uns war. Ein ruhiger, besonnener,
sind, stand plötzlich der Trainer vor etwas kühler Hanseat, der uns zum

kicker TYPEN & TRIUMPHE


PORTRÄT LOTHAR ULSASS

Galionsfigur.
Strahlemann.
Tragischer Held.
Bei Lothar Ulsaß sind Widersprüche Programm:
Der Meistergarant kommt ausgerechnet aus Hannover.
Und kehrt nach bitterem Abschied nie mehr zurück.
S E B A S T I A N WO L F F

50
hatte Ulsaß nicht für gut genug be- 1 14 Tore für geschockt. „Noch in 88 Jahren wer-
funden. den Meistertitel: de ich mich an jene Minuten und
Unter Helmuth Johannsen ent- Lothar Ulsaß Stunden bis ins Detail zurückerin-
war mit seinen
faltete er sich auf Anhieb: 12 Toren nern können“, hat er später gesagt.
Schüssen oft
im Premierenjahr folgten 17 in brandgefährlich.
Zehn A-Länderspiele standen am
der Saison 1965/66 – dann kam Ende in seiner Vita – zu wenig für
das Meisterjahr. Ernst Saalfrank, 2 Nationalspieler einen Offensivkünstler mit seinen
1 Ulsaß: Gegen
ein Teamkollege aus Ulsaß’ erster Abschlussqualitäten.
Albanien siegten
Spielzeit, sagt im Rückblick: „Er war

D
die Deutschen

ie Vereinsgeschichte ist vol-


ler Widersprüche. Eintracht
der beste Spieler, den die Eintracht
je hatte. Wenn er mit dem Ball
auf einen zulief, hatte man keine
1967 klar 6:0.
F ür seinen Trainer war Ulsaß
zudem weit mehr als nur die
sportliche Galionsfigur. „Lothar
Braunschweig war der Meister mit Chance. Er konnte rechts wie links war unser Strahlemann, der po-
den wenigsten geschossenen Toren dribbeln, hatte eine unglaubliche sitiven Einfluss auf die gesamte
überhaupt, 1987 der erste sportli- Ballsicherheit.“ Und eine unglaub- Mannschaft ausgeübt hat und je-
che Zweitliga-Absteiger mit posi- liche Torgefährlichkeit. Mit 14 Tref- derzeit zu einem Spaß aufgelegt
tivem Torverhältnis – und die her- fern wurde er im Meisterjahr zum war“, erklärte Johannsen einmal.
ausragende Figur beim Titelgewinn dritten Mal in Folge bester Braun- „Auch außerhalb des Platzes stellte
stammt ausgerechnet aus dem an schweiger Torschütze. Einzig ein er eine Persönlichkeit dar, die von
der Oker wenig beliebten Hanno- Manko machten die Teamkollegen jedermann geachtet wurde.“ Nicht
ver. Doch es war nicht nur die Her- bei ihm aus: Wenn es richtig unbe-
kunft von Lothar Ulsaß, die dessen quem und er hart attackiert wurde,
Ausnahmestellung begründete. dann tauchte der Torjäger auch
1964 hatte der Hamburger SV schon mal ab. Der Grund, weshalb
den Angreifer von Arminia Hanno- seine Nationalelf-Karriere stockend
ver zu Verhandlungen in die Hanse- verlief? 1965 hatte Ulsaß in seinem
stadt bestellt, die Eintracht aber war zweiten Länderspiel gegen Öster-
selbst vorstellig geworden und hat reich drei Treffer erzielt, den Elfme-
Ulsaß gleich mitgenommen. Ein ter zum vierten Tor herausgeholt,
Meilenstein für Braunschweig, der doch im Sommer 1966 wurde er im
ausgerechnet vom großen Rivalen letzten Moment aus dem WM-Ka-
gelegt wurde: Hannover 96 nämlich der gestrichen. Und war regelrecht 2

kicker TYPEN & TRIUMPHE


3 4

zuletzt deshalb war die Sonderstel- Geld für Niederlagen angenom- der Meistermannschaft. Er hatte
lung innerhalb der Kabine nie ein men. Für Ulsaß war das Urteil ver- dem deutschen Fußball verbittert
Thema: Ulsaß wohnte als Mitglied heerend: Es bedeutete im Alter von den Rücken gekehrt nach seiner
einer Mannschaft voller echter 30 Jahren das vorzeitige Ende sei- Strafe, hatte auch mit der Eintracht
Braunschweiger weiterhin in Ha- ner Bundesliga-Karriere, und: Er gänzlich abgeschlossen. 1998 hatte
velse bei Hannover und verdiente verlor auch den Job als Prokurist 3 Hoch, höher, Ulsaß einen Schlaganfall erlitten,
fast das Doppelte seiner Kollegen. einer Elektrofirma, bekam Proble- Schale: Ulsaß im Sommer darauf einen zweiten
Braunschweigs Spieler bekamen me mit der Steuer. Als er vom DFB genoss große und dazwischen eine Herztrans- 51
einheitlich 1200 Mark monatlich, 1972 die Freigabe für das Ausland Anerkennung. plantation abgelehnt. Der Lebe-
erhielt, zog es ihn nach Wien, wo 4 Saisonfinale: mann verstarb am 16. Juni 1999 im
„Auch außerhalb des er beim SC die Laufbahn ausklin- Beim 4:1-Sieg Alter von nur 58 Jahren in Wien.
Platzes stellte er eine gen ließ, mit 36 ganz aufhörte und gegen Nürnberg

S
erzielte Ulsaß
Persönlichkeit dar.“ fortan für Adidas und die staatliche
das 1:0.
eine einzige und letzte Begeg-
Helmuth Johannsen Lotteriegesellschaft arbeitete. nung mit seinem Ex-Klub liest
Nach Braunschweig kehrte Ul- 5 Keine guten sich wie eine beinahe zu kitschige
Ulsaß durfte als Nationalspieler saß bis zu seinem Tod 1999 nie wie- Papiere nach dem Pointe unter das tragische Ende
Skandal: Ulsaß
2500 Mark bekommen. Die Mit- der zurück, nicht einmal zu Treffen einer Beziehung zwischen einem
wurde gesperrt –
spieler fanden dies gerechtfertigt; Verein und seinem großen Helden:
VITA das Ende seiner
Wolfgang Simon beschreibt Ulsaß’ Karriere in der Im Oktober 1975 trat die Eintracht
Charakter so: „Wenn es im Training Lothar Ulsaß Bundesliga. zur Flutlicht-Einweihung beim
mal auf die Socken gab, hat er über Wiener SC an. Ulsaß, in seiner Zeit
mich als damals jüngstes Baby die Geburtsdatum 09.09.1940 in Blau und Gelb ein Garant vom
schützende Hand gehalten.“ Gestorben 16.06.1999 Elfmeterpunkt, jagte einen Straf-
Doch es passt auch zu den Wi- Geburtsort Hannover stoß über das Tor – in Minute 67, die
dersprüchen in der Klubhistorie, Position Sturm in Erinnerung an die Meisterhelden
dass Braunschweigs wohl größtes Saison 1966/67 bis heute von den Eintracht-Fans in
Idol nicht als Held ging. 1971 wurde Spiele 32 jedem Spiel besungen wird. ■
Ulsaß als Beteiligter am Bundes- Tore 14
ligaskandal vom 7.  August 1971 Ø-Note 2,03 5
an ein Jahr lang gesperrt. Eine für Elf des Tages 7
viele Beobachter unverhältnismä- Karriere
ßig harte Strafe des DFB, da der Länderspiele/-Tore 10/8
Braunschweiger lediglich für Sie-
Fotos: imago (3), Horstmüller (2), picture-alliance

BL-Spiele/-Tore 201/84
ge der eigenen Mannschaft Geld Vereine als Spieler:
von Dritten angenommen hatte. bis 1960 Sportfreunde Ricklingen
Mit Offenbach und Bielefeld hatte 1960 – 1964 Arminia Hannover
er für Siege gegen deren Konkur- 1964 – 1971 Eintr. Braunschweig
renten Oberhausen Zusatzprämi- 1971 – 08/72 gesperrt
en ausgehandelt, im Gegensatz zu 01/73 – 1976 Wiener SC
Spielern von Schalke 04 aber nie

kicker TYPEN & TRIUMPHE


INTERVIEW WOLF-RÜDIGER KRAUSE

Wolf-Rüdiger Krause erinnert sich:

So war Lothar Ulsaß


Der ehemalige Mitspieler und spätere Chefcoach der Eintracht
beschreibt den damaligen Top-Star als einen, der vor allem für die
Jungen da war – und bedauert dessen Abschied aus Braunschweig.
I N T E RV I E W : S E B A S T I A N WO L F F

D ie Erinnerungen an Lothar
Ulsaß kramt er gern hervor.
Wolf-Rüdiger Krause war 21 Jahre
immer aus dem Fenster geguckt
und gesagt: Ah, hier ganz in der
Nähe ist der Alexanderplatz. Er
Abschied 1971 alle Zelte in Braun-
schweig abgebrochen. Hatten Sie noch
mal Kontakt? Ich hatte tatsächlich
52 jung und sportlich eher ein Neben- wollte uns damit zeigen, wie gut er noch einmal Kontakt zu ihm. Kurz
darsteller beim Braunschweiger sich auskannte, und wir haben bei nach seinem Abschied, und das war
Meisterwerk. Der größte Star der jeder Fahrt immer schon auf diesen zufällig.
Mannschaft aber gab insbesondere Spruch gewartet. Wie kam er zustande? Ich war bei
ihm und den anderen Youngstern War Ulsaß der beste Eintracht-Spieler Zeitzeuge Krause, Volkswagen im Einkauf beschäftigt,
das Gefühl, dazuzugehören. aller Zeiten? Wir sind Meister gewor- damals erst 21, er immer noch bei einer Elektro-
den, und er war bei uns ganz klar betont: „Für firma. Plötzlich tauchte Lothar eines

? Herr Krause, Lothar Ulsaß kam


von Arminia Hannover, galt gefühlt
aber schon als Star. Haben Sie als
der Beste. Insofern ist diese These
nicht ganz abwegig. Wir hatten Stüt-
zen wie Kaack, Schmidt, Moll oder
Lothar war das
ein unwürdiger
Abschied.“
Tages im VW-Werk auf. Es war eine
herzliche Begrüßung, aber danach
haben wir uns nie wieder gesehen.
Kollegen ihn auch so wahrgenommen? Bäse, die das Gerüst zusammen- Ich weiß auch nur, dass er nicht
Ja, Lothar Ulsaß war für damalige gehalten haben, aber Lothar ragte wieder nach Braunschweig zurück-
Verhältnisse ein Star. Denn es war ja eindeutig heraus. Doch wenn es um gekehrt ist, nachdem es ihn nach
nicht nur die Eintracht, die ihn ver- Wien verschlagen hatte. Auch zu
pflichten wollte. Mehrere Bundesli- „Ich habe Lothar noch unseren Ehemaligen-Treffen kam
gisten, am intensivsten der Hambur- einmal zufällig im er nicht.
ger SV, hatten sich um ihn bemüht. VW-Werk getroffen.“ Bedauern Sie diesen Abschied durch
Allein dadurch hatte er schon einen die Hintertür? Ja, ich bedauere das
gewissen Status – obwohl er sich nie den besten Spieler aller Zeiten geht, sehr. Für Lothar war das ein unwür-
so gegeben hat. denke ich neben ihm zumindest diger Abschied. Es hat vielen leid-
Wie war Ulsaß denn? Er war ein sehr auch an Danilo Popivoda. getan, weil ihn alle gemocht haben.
freundlicher Mensch, hat immer mal Sie haben in einem Interview einmal Und zwar nicht nur wegen seiner
ein paar Sprüche gemacht. Und, das die soziale Kompetenz von Ulsaß herausragenden fußballerischen
machte ihn meiner Meinung nach so herausgestrichen – woran machten Sie Qualitäten, sondern auch wegen
besonders: Die Sprüche gingen auch diese fest? An Kleinigkeiten im All- seines Charakters.
zulasten der älteren Spieler. Wenn tag. Zum Beispiel wenn der Trainer Ihre persönliche Bundesliga-Laufbahn
er Späße gemacht hat, hat er nicht einen jüngeren Spieler mal hart ran- ging bereits nach fünf Einsätzen zu
unterschieden zwischen Jung und genommen hat, dann ist Lothar hin Ende, die Karriere bei der Eintracht
Alt. Besonders hängen geblieben ist und hat ihn wieder aufgebaut. Das aber ging weiter. 1993/94 waren Sie
mir zudem sein running Gag: Wenn war in der Hierarchie einer Fußball- sogar der Trainer der Lizenzspieler-
wir mit dem Bus auf Auswärtsfahrt mannschaft nicht selbstverständlich. Mannschaft. Ja, ein Intermezzo, das
unterwegs und in der jeweiligen Ulsaß wurde nach dem Bundesliga- ich mir im Nachhinein aber lieber
Stadt angekommen waren, hat er Skandal gesperrt und hat nach seinem erspart hätte.

kicker TYPEN & TRIUMPHE


Roman Sedlacek vermittelt. Irgend- Viktor Pasulko tickte ihm kurz vor
etwas kam uns immer komisch der Ausführung den Ball weg – da
vor, er ging kaum in Zweikämpfe, mussten wir mit vereinten Kräften
fast nie in Kopfballduelle. Nach ein eine Schlägerei verhindern. Ganz
paar Wochen haben wir ihn darauf ehrlich: Eigentlich konnte das
angesprochen. damals nicht gut gehen. Als es dann
Was hat er geantwortet? Er hat uns irgendwann auch noch „Krause
gebeichtet, dass er einen Schädel- raus“-Rufe von der Haupttribüne
basisbruch hatte, er durfte vom gab, war das für mich endgültig ein
Arzt aus gar nicht mehr richtig in Negativ-Erlebnis zu viel. Es war klar,
Kopfballduelle. Und das war ja dass ich nicht über das eine Jahr
nicht alles: Auch Ihor Belanov, ein hinaus bleiben würde.
toller Fußballer und feiner Kerl, war Sind Narben von damals geblieben?
einfach nicht mehr belastbar. Außer- Nein, ich habe erst mal ein Jahr Pau-
dem haben viele im Kader gegenein- se gemacht, bin aber der Eintracht

Fotos: imago/Hübner, picture-alliance


ander gearbeitet. immer noch sehr eng verbunden. Mit
Haben Sie Beispiele? Wir hatten zu einem harten Kern von acht Meister-
viele verschiedene Nationen. Ich spielern treffen wir uns immer noch
erinnere mich daran, dass wir im einmal im Monat, gehen darüber
Training Elfmeterschießen gemacht hinaus zu jedem Heimspiel der Ein- 53
haben. Milos Nedic wollte schießen, tracht. Das wird auch so bleiben. ■
Star und Freund:
Ulsaß besaß eine ANZEIGE

Weshalb? Es war ein schwieriges Jahr Sonderstellung,


war auf dem Platz
in der Oberliga Nord. Die Eintracht
und auch in der
war am letzten Spieltag aus der
Kabine eine ganz
2. Liga abgestiegen, ich war Ama- wichtige Figur.
teurtrainer und stand an meinem Krause betont:
freien Tag auf dem Tennisplatz. Da „Er war der
bekam ich einen Anruf vom Präsi- Beste, aber nicht
denten. Harald Tenzer hat mich ins abgehoben.“
Stadion bestellt und mir gesagt: Du
bist unser neuer Trainer.
Hat Sie diese Aufgabe denn nicht ge-
reizt? Gereizt schon, aber ich musste
als Angestellter im VW-Werk erst ein

„Das Intermezzo als


Cheftrainer hätte ich
mir besser erspart.“
paar Dinge regeln, wurde für das
eine Jahr dann immer ab 14 Uhr
freigestellt.
Weswegen gelang der direkte Wieder-
aufstieg nicht? Wir hatten eine völlig
neue Mannschaft, überwiegend
von irgendwelchen Spielerberatern
zusammengestellt. Ich hatte auf
diesen Kader jedenfalls gar keinen
Einfluss. So wurde uns zum Bei-
spiel ja auch der frühere Rostocker

kicker TYPEN & TRIUMPHE


PORTRÄT ERICH MAAS

Halb nackt
und volle Pulle
Auf dem Weg zur Meisterschaft 1967 spielt Braunschweig 1:1 in
Düsseldorf. Die Vorarbeit leistet der schnellste Spieler des Teams
unter erschwerten Bedingungen. Sie charakterisiert seinen Willen.

T H O M A S BÖ K E R

54 E in glorreicher 5:2-Sieg gegen


den FC  Bayern in der Vor-
woche, die Tabellenführung weiter
falls landet die Kugel bei ihm, in
seinem Revier, auf der linken An-
griffsseite. Dort hat er sich an die-
te und freut sich wie alle anderen
Braunschweiger über Jürgen Molls
Volleyabnahme zum wichtigen 1:1.
in der Tasche. Die Laune im Lager sem Nachmittag bereits packende „Das war sicherlich ein Highlight
der Braunschweiger ist voller Ein- Duelle mit Jupp Hellingrath gelie- dieser Meistersaison“, erzählt Maas,
tracht, als es am 29.  Spieltag nach fert, dem rechten Verteidiger der der dank seiner Sprinterqualitäten
Düsseldorf geht. Zumal die Fortu- Fortuna. Auch jetzt kann, will, muss immer nur eine Richtung kennt:
na als Vorletzter gegen den Abstieg Maas irgendwie an ihm vorbei. Und Kritischer Blick: volle Pulle nach vorne, sogar halb
Maas stellt auch
kämpft. Doch dann tun sich die dieses „irgendwie“ ist wörtlich zu nackt wie einst in Düsseldorf.
an sich selbst
Löwen an diesem 22.  April  1967 nehmen, denn ungeachtet der Ver- hohe Ansprüche. Doch nicht nur da. Braun-
schwer, liegen bis zur 89. Minute suche seines Gegners, ihn immer So schafft er es schweigs Coach Helmuth Johann-
0:1 hinten. Plötzlich passiert Un- wieder festzuhalten, die so weit füh- in die deutsche sen weiß, wen er da verpflichtet,
gewöhnliches, das aber Braun- ren, dass Maas im Laufen das Tri- Nationalelf und
schweigs Linksaußen Erich Maas kot quasi vom Leib gerissen wird, fast zur WM 70. „Unsere Ambition im
wunderbar charakterisiert. läuft er nach eigenen Angaben un- Meisterjahr war nur,
Es ist also nicht mehr lang bis beirrt weiter, profitiert von einem nicht abzusteigen.“
zum Abpfiff, „als ich den Ball zuge- Schiedsrichter Heinz Siebert, der
spielt bekomme, ich glaube von Lo- die Vorteilsregel zu Maas’ Gunsten er und Maas haben bereits beim
thar Ulsaß“, schildert Maas. Jeden- auszulegen weiß, flankt in die Mit- 1. FC Saarbrücken erfolgreich zu-
sammengearbeitet. Dass sie aber
gemeinsam mit der Eintracht
Meister werden sollten, daran ver-
schwendet Maas keinen Gedanken,
als er 1964 zu den Niedersachsen
wechselt. Nicht mal zu Beginn der
Saison 1966/67. „Unsere Ambition
war nur, nicht abzusteigen. Aber
irgendwann hat die Saison solche
Kräfte freigesetzt, dass wir es ge-
Missverständnis:
schafft haben. Angefangen daran
Bayern-Trainer
Udo Lattek findet zu glauben haben wir aber erst
1970 für Maas spät, ein, zwei Monate vor Saison-
keine rechte schluss“, so Maas. Es habe eben
Verwendung. „einfach alles gepasst“ in dieser

kicker TYPEN & TRIUMPHE


2

1
1 Nicht zu fassen:
Die Gegenspieler
bekommen den mut Schön aus dem Kader ge- heute lebt er in seiner Wahlheimat.
schnellen Maas
strichen, er durfte nicht mit nach Ab und zu fährt er nach Braun- 55
auf der linken
Seite selten
Mexiko. Eine folgenschwere Ent- schweig, er freut sich über den Ein-
in den Griff. scheidung. Nicht für Deutschland, trag ins Goldene Buch der Stadt,
Saison. „Das war top.“ Vor allem an aber für Maas, denn der ist nach ei- natürlich anlässlich des Meisterju-
2 Vor dem
die Auswärtssiege in Frankfurt und genen Angaben „so sauer darüber, biläums. „Ich erinnere mich immer
2 Triumph: 1967,
Stuttgart in der Anfangsphase der im März, widmet dass ich zum ersten und einzigen gerne an die Eintracht“, betont er.
Saison denkt er gerne zurück. der kicker dem Mal in meiner Karriere gar nichts Umgekehrt wird auch ein Fußball-
Diese Meisterschaft – sie bestä- Braunschweiger gemacht habe, drei Wochen lang“. schuh daraus. ■
tigt den Mann aus Prüm in der Eifel eine große Story. Dummerweise wechselt er aber ge-
darin, alles richtig gemacht zu ha- nau in dieser Zeit zum FC Bayern, VITA
ben. Anders als seine Geschwister auf Empfehlung Franz Beckenbau- Erich Maas
„wollte ich nicht aufs Gymnasium“, ers. „Meine Bayern-Zeit war leider
also arbeitete er zunächst in der ein Reinfall“, gesteht Maas, der aber Geburtsdatum 24.12.1940
Konditorei seines Vaters. „Dann trotz seiner geringen Einsatzzeiten Geburtsort Prüm
setz ich dir die Bäckerskapp’ auf“, mit der Legende aufräumt, der FCB Position Sturm
habe sein alter Herr zu ihm gesagt, habe ihn verpflichtet, um Braun- Saison 1966/67
doch so richtig wohl fühlte sich Spiele 33
Maas nie im elterlichen Betrieb, „Meine Zeit beim Tore 11
er wollte Fußball spielen und Pro- FC Bayern war Ø-Note 2,06
fi werden. Dieses Ziel erreichte leider ein Reinfall.“ Elf des Tages 5
er. Und mehr noch: Der Flügel- Karriere
flitzer wurde sogar Nationalspie- schweig zu schwächen. Was ja auch Länderspiele/-Tore 3/0
ler, absolvierte drei Länderspiele. angesichts des Fast-Abstiegs der BL-Spiele/-Tore 208/44
Übrigens auf drei Jahre, 1968, 1969 Eintracht 1970 schon absurd ge- Vereine als Spieler:
und 1970, verteilt – diese kuriose nug ist. Jedenfalls rächt sich Maas’ bis 1962 SV Prüm
Konstellation gibt es nur noch neun Frust und „Faulheit“ in der Som- 1962 – 1964 1. FC Saarbrücken
weitere Male, zuletzt bei Lewis merpause, denn das harte Training 1964 – 1970 Eintr. Braunschweig
Holtby von 2010 bis 2012. von Udo Lattek sorgt für lang an- 1970 – 10/70 Bayern München
11/70 – 1975 FC Nantes
Fotos: imago/Rust, imago/Joch

Mit der Nationalmannschaft haltende Leistenprobleme. So hin-


verbindet Maas allerdings auch terlässt er in München keine Spu- 1975/76 FC Rouen
die schlechteste Erinnerung seiner ren und geht nach drei Monaten 1976/77 FC Paris
Karriere. Kurz vor der WM  1970 weiter nach Frankreich. Beim FC 1977/78 CS Stiring-Wendel
wurde er von Bundestrainer Hel- Nantes findet er sein Glück. Noch

kicker TYPEN & TRIUMPHE


PORTRÄT KLAUS GERWIEN

Drei Mann auf


einem Bierdeckel
E in Hansdampf in allen Gas-
sen“. Der Satz stammt aus be-
rufenem Mund. Helmuth Johann-
Ihm gelingt nicht nur das erste Tor der Eintracht in der
neu gegründeten Bundesliga. Klaus Gerwien schlägt für
die Nationalelf auch im weltberühmten Maracana zu.
sen, der Meistertrainer, urteilte so
Ein Mann der Bestmarken – trickreich und nimmermüde.
über einen seiner Meisterspieler.
Gemeint war Klaus Gerwien, jener HANS-GÜNTER KLEMM
temperamentvolle Mensch, der
sich auf diese Art und Weise durchs
Leben dribbelte.
Auf dem Rasen und auch dane-
ben im Alltag konnte niemand den
56 gebürtigen Ostpreußen stoppen, mit diesem geflügelten Wort: „Er akten Vorlage für Manfred Wuttich,
der sich immer seinen Weg such- konnte drei Mann auf einem Bier- dem das goldene Tor zum Sieg ge-
te. Ein Schlitzohr in jeder Hinsicht, deckel ausspielen.“ gen den Niedersachsen-Rivalen ge-
vergleichbar mit dem Hamburger Alles auf eigene Faust, mal se- lang. Ein historischer Treffer, für die
Charly Dörfel, der einen noch hö- henswerte Soli, mal Alleingänge, Eintracht gleichbedeutend mit der
heren Bekanntheitsgrad erreich- die kräftig danebengingen. „Ich war Qualifikation für die neu gegründe-
te. Beide ähnelten sich. Gerwien am Anfang ein wenig zu trickreich te Bundesliga.
spielte auch außen, hauptsächlich und verspielt“, charakterisiert Ger- Gerwien war somit der Türöffner
Nachdenkliche
auf rechts, indes mitunter auch auf wien selbst seinen Stil. „Ich musste Pose im Alter: für die höchste deutsche Spielklas-
der anderen Seite. Spielwitz und die das später abstellen.“ In seiner aktiven se, in der er sich sofort eindrucks-
Kunst, präzise Flanken zu schlagen, Einmal agierte er genau so, wie er Zeit war Klaus voll meldete. Der erste Spieltag der
zeichneten ihn aus. Peter Kaack, es beschrieben hat. Im Spiel gegen Gerwien kein Eliteliga: Die Eintracht gastiert bei
der Mannschaftskollege aus der Ab- Hannover 96 vollendete er ein Solo Kind von großer 1860. Die Elf liegt zurück, bis Ger-
wehr, beschreibt seine Spielweise über den halben Platz mit einer ex- Traurigkeit. wiens große Stunde schlägt. Ihm,
dem Vorbereiter, gelingt das erste
Braunschweiger Tor in der Bundes-
2 3 liga-Geschichte. Das 1:1 bei 1860,
ein geradezu sensationelles Resul-

„Anschließend haben
wir noch Fotos mit
Pelé gemacht.“
Klaus Gerwien

tat für die norddeutschen Löwen


bei den bekannt starken Namens-
vettern aus München.
Ein Tor, das Geschichte machte.
Ein anderes Tor machte den „Ein-
tracht-Vorarbeiter“, der also durch-
aus über Qualitäten im Abschluss
verfügte, erst recht berühmt. Ein
Tor des Monats, noch dazu erzielt

kicker TYPEN & TRIUMPHE


VITA

Klaus Gerwien
1 Geburtsdatum 11.09.1940
Geburtsort Lyck
Position Sturm 1 Tiefflieger:
Klaus Gerwien
an sozusagen heiliger Stätte. Ma- Saison 1966/67 und sein Krankenhaus, blieb acht Monate in 57
Spiele 21 Hechtsprung
racana, der brasilianische Fußball- der Klinik.
Tore 4 1963 gegen
tempel in Rio de Janeiro, es geschah Saarbrücken; Danach fand der Fußballer, der
Ø-Note 2,43
am 14. Dezember 1968. Gerwien links: Erich Rohe in Wolfsburg auch beim VfL groß
Elf des Tages 0
feierte ein starkes Spiel in der Na- geworden ist, wieder zu seiner
Karriere 2 Flottgemacht
tionalelf. Nach der Pause brachte Form, bis ihn ausgerechnet in der
Länderspiele/-tore 6/1 vom Sponsor:
Helmut Schön ihn für Georg Vol- Rainer Slodczyk, Meistersaison wieder Verletzungs-
kert – eine gute Entscheidung: Ger- BL-Spiele/-tore 237/31 sorgen plagten, die zu sportlichen
Wolfgang Grzyb
wien traf spektakulär in der 70. Mi- Vereine als Spieler: Rückschlägen führten. Doch als
und Klaus
bis 1956 1. FC Wolfsburg
nute. Ein grandioser Fallrückzieher Gerwien 1973 wertvolles Mitglied des Teams
1956 – 1958 SSV Vorsfelde (von links)
zum 2:2-Endstand, ein Remis gegen hatte er seinen Anteil an dem Tri-
1958 – 1961 VfL Wolfsburg
die Zauberer aus Brasilien mit einer 3 Mittendrin umph. Der 76-Jährige, dem es heu-
1961–1974 Eintracht Braunschweig
deutschen Mannschaft, in der gro- 1974 – 1977 VfB Peine trotz seiner te gesundheitlich nicht mehr so
ße Namen auftauchten: Maier und 1977/78 Teutonia Uelzen Verletzungen: gut geht, sodass er nur noch selten
Vogts, Schulz und Beckenbauer, Gerwien wuchtet im Stadion zu Besuch ist, blieb der
ab 1978 TSV Wendezelle
Overath und Netzer, Siggi Held. begeistert die Eintracht treu. Nach dem Abstieg
„Ein tolles Tor“, erinnert sich Meisterschale
1973 spielte er noch ein Jahr in der
nach oben.
Held an diese Sternstunde des eins- rokko und Algerien. Für Gerwien Regionalliga, beendete nach dem
tigen Mitspielers, den er als tech- wie ein Märchen, „wie eine Ge- Wiederaufstieg seine Zeit in Braun-
nisch starken und sehr gerissenen schichte aus 1001 Nacht“. Als erster schweig, um für die Amateurklubs
Außenstürmer beschreibt. „Ein Braunschweiger Spieler nach Al- Peine, Uelzen und Wendezelle auf-
Traum für mich“, blickt Gerwien zu- bert Sukop, der 1935 die Ehre hatte, zulaufen. Erst als er das Alter von
rück. Vor allem auch deshalb, „weil absolvierte der Stürmer ein Länder- 40 Jahren deutlich überschritten
wir anschließend noch Fotos mit spiel. Doch es war eine Reise mit hatte, hörte er auf.
Pelé gemacht haben“. negativen Folgen: Gerwien zog sich Ein Mann der Rekorde und Best-
Es mag der größte Augenblick eine Erkältung zu, einen leichten marken bleibt der nimmermüde
im Leben des Fußballers Gerwien Infekt, wie man zunächst dachte. Hansdampf: Gerwien, der Held von
gewesen sein. Seinen Einstand in Doch zu Hause entwickelte sich da- Maracana, fand Aufnahme in die
der Nationalmannschaft hatte er raus eine schwere Halsentzündung. „Jahrhundert-Elf des Nordens“, die
Fotos: imago (3), Witters

schon im Bundesliga-Gründungs- Handgelenke und Füße schwollen der Norddeutsche Fußball-Verband


jahr 1963 gefeiert. Sepp Herberger an bei dem frisch gebackenen Na- 2005 anlässlich seines 100-jährigen
nahm ihn mit auf eine Reise nach tionalspieler. Unvorstellbare Kom- Bestehens nominierte – als einziger
Nordafrika mit zwei Partien in Ma- plikationen, Gerwien musste ins Braunschweiger übrigens. ■

kicker TYPEN & TRIUMPHE


PORTRÄT GERD SABOROWSKI

Der Albtraum
der Bayern
Für die Eintracht ist Gerd Saborowski ein Glücksgriff. Der neue
Stürmer aus Kiel bringt Qualitäten mit, die er bestens umsetzen
kann. Ein Spiel bleibt in ganz besonderer Erinnerung.
THOMAS HIETE

58 D ie Gesundheit geht vor. Als


der kicker versucht, Gerd
Saborowski zu erreichen, teilt des-
Topfit war Saborowski im Meis-
terjahr. Nur eine Partie verpasste der
Stürmer wegen einer Verletzung,
liga-Aufstiegsrunde als Trainer
aushalf. Und bei den Störchen war
Saborowski nicht zu bremsen. In
sen Ehefrau freundlich mit, dass obendrein absolvierte er drei Län- drei Jahren und 82 Partien gelan-
ein Gespräch mit dem früheren derspiele der Junioren-National- gen dem schmächtigen Stürmer
Eintracht-Torjäger nicht möglich mannschaft. Saborowski war 70 Tore. Logisch, dass die Interes-
sei. Ihr Mann liege flach, berich- 1966/67 ein Spieler, den man heute senten Schlange standen.
tet sie. Gesundheitliche Probleme als Shootingstar bezeichnen würde. Hanseatisch:

D
machen dem 73-Jährigen ohnehin Als einziger richtiger Braunschwei- Der erste Klub von ie Eintracht erhält den Zu-
seit einiger Zeit zu schaffen. 2001 ger Sommerneuzugang gelang es Gerd Saborowski schlag des gelernten Werkzeug-
heißt TSV Siems
werden erstmals Herzrhythmusstö- dem damals 22-Jährigen in Windes- machers und landet einen Volltref-
Lübeck.
rungen festgestellt, 2015 nehmen eile, sich einen Namen zu machen. fer. „Seine Verpflichtung war ein
die Probleme zu. „Ich hatte mich so Vom Regionalligisten Holstein Kiel Glücksgriff“, resümierte Trainer
auf die große 50-Jahr-Feier gefreut“, wechselte der Offensivmann zur Johannsen noch Jahrzehnte später.
sagte Saborowski im zum Jubiläum Eintracht, Trainer Helmuth Jo- „Wahrscheinlich hätte er in keine
erschienenen Eintracht-Buch „Der hannsen hatte das Sturmtalent andere Mannschaft so gut gepasst
Weg zum Titel“, „hoffentlich bin ich höchstpersönlich entdeckt, als er wie in unsere. Er war auf dem Spiel-
bis dahin wieder fit.“ 1965 bei Holstein in der Bundes- feld ein unermüdlicher Rackerer
und ein bescheidener Mensch.“
2 Der im deutschen Oberhaus
loslegt wie eine Rakete. Wendig,

„Gegen den FC Bayern


war das Stadion voll,
alles hat gebrodelt.“
schnell, nur schwer zu greifen für
Dann macht es die robusten Bundesligaverteidi-
bumm: Aber nicht ger. „Wirbelwind“ oder „heraus-
Gerd Müller trifft
ragender Techniker“, so lauten die
hier, sondern Gerd
Saborowski. Der Beschreibungen des Emporkömm-
knallt den Ball lings. In seinem ersten Bundes-
gegen die Bayern ligaspiel am 20. August 1966 erzielt
zum 3:0 ins Netz. Saborowski direkt sein erstes Tor,

kicker TYPEN & TRIUMPHE


1 2
1 Oktober 1966:
Mit Saborowski
gegen Werder Bremen trifft er zum Hamburger Straße geschossen. 5:2 gewinnt die
Eintracht 2:0 3
2:0-Endstand. Und auch im darauf- heißt es am Ende – auch dank des 59
gegen den FCK.
folgenden Auswärtsspiel bei 1860 Doppelpackers Saborowski. „Da
München (1:2) ist er als Schütze des hat wirklich alles gepasst“, erinnert 2 Auf und davon:
zwischenzeitlichen Ausgleichs er- sich der Torjäger von damals. „Das Saborowski ist
wendig und
folgreich. Sein persönlicher Saison- Stadion war voll, alles hat gebrodelt
schnell – und nur
höhepunkt gelingt Saborowski ge- – und wir haben eines unserer bes- schwer zu greifen.
gen den FC Bayern. Im April 1967, ten Spiele gemacht.“ Noch vor der
die Saison befindet sich auf ih- Pause schlägt der Eintracht-Stür- 3 Neues Gesicht
bei der Eintracht:
rer Zielgeraden und die Eintracht mer zweimal zu und schraubt das
Saborowski
ist Tabellenführer, werden die Ergebnis auf 4:0. Eine Demontage startet in
Münchner aus dem Stadion an der der Bayern und eine Demonstrati- Braunschweig
on der Braunschweiger Klasse. Des sofort durch.
VITA unbändigen Willens der Löwen.
Gerd Saborowski Exemplarisch das 3:0, als Saborow-
ski den Ball aus sechs Metern mit
Geburtsdatum 03.09.1943 voller Wucht unter die Latte des
Geburtsort Altendorf von Sepp Maier gehüteten Bayern-
Position Mittelfeld Tores nagelt.
Saison 1966/67
Spiele
Tore
Ø-Note
33
8
2,64
A cht Treffer sind am Saison-
ende für den Neuzugang aus
Kiel notiert, der letzte gehört eben-
Elf des Tages 0 falls in die Kategorie „bemerkens-
Karriere wert“: Am 34. Spieltag, beim tri-
Länderspiele/-Tore 0/0 umphalen 4:1-Meisterstück gegen
BL-Spiele/-Tore 75/12 Nürnberg, erzielt Shootingstar Sa- Bundesliga. „Die Konkurrenz wur-
Vereine als Spieler: borowski das 2:0. de immer härter“, erinnert er sich.
bis 1963 TSV Siems Lübeck Dass in der Folgezeit bis 1971 „Außerdem hatte ich immer gegen
Fotos: imago (3), Witters, Archiv

1963 – 1966 Holstein Kiel nur noch vier weitere Tore des solche Brocken wie Willi Schulz
1966 – 1971 Eintr. Braunschweig Meisterstürmers folgen, war auch und Luggi Müller gespielt.“ Der
1971 – 1973 Holstein Kiel dem Verletzungspech geschuldet. Wirbelwind zog zurück nach Kiel,
ab 1973 TSV Siems Lübeck Vier Jahre nach dem Titelgewinn bleibt in Braunschweig dennoch
macht Saborowski Schluss mit der unvergessen. ■

kicker TYPEN & TRIUMPHE


PORTRÄTS DIE WEITEREN SPIELER

Viel Pech, viel Leid –


trotz aller Heiterkeit
Zu jeder Meistermannschaft zählen Spieler, die nicht so oft dabei sind,
aber auch dazugehören. Einige Braunschweiger hatten es richtig schwer.
THIEMO MÜLLER

Beim Meisterstück VITA Über Nacht aus den


plötzlich dabei Wolfgang Matz Träumen geholt
Trainer Helmuth Johannsen be- Geburtsdatum 15.04.1944 Als langjährige Stammkraft war
zeichnete ihn als „Sonnyboy“, auch Gestorben 22.11.1995 WOLFGANG BRASE in die Meistersai-
die Kollegen schwärmten stets Geburtsort Salzgitter son gegangen, zählte in den ersten
60 von seinem aufgeschlossenen, Position Abwehr drei Partien zur Elf – und wurde
mitreißenden Wesen. Umso tragi- Saison 1966/67 dann im Alter von 27 Jahren bru-
scher erscheint das Schicksal, das Spiele 5 tal aus der Karriere gerissen. Der
WOLFGANG MATZ nach seiner Fußbal- Tore 0 pfeilschnelle Verteidiger bekam
lerlaufbahn heimsuchte. Der einsti- Ø-Note 3,20 über Nacht hohes Fieber, das wo-
ge Defensivmann starb bereits im Elf des Tages 0 chenlang anhielt und dessen Ur-
November 1995, im Alter von nur Karriere sache nie restlos aufgeklärt wurde.
51 Jahren, an der unheilbaren Ner- Länderspiele/-Tore 0/0 Über drei Monate lang lag Brase in
venkrankheit Amyotrophe Lateral- BL-Spiele/-Tore 16/0 verschiedenen Hospitälern, unter
sklerose (ALS). Der große Durch- Vereine als Spieler: anderem im Hamburger Tropen-
bruch gelang dem 1965 von Union bis 1965 Union Salzgitter krankenhaus. Wirklich auf die Spur
Salzgitter zur Eintracht gestoßenen 1965 – 1967 Eintr. Braunschweig kamen die Ärzte dem rätselhaften
Matz dort nicht, in der Meistersai- 1967/68 Fortuna Düsseldorf Virus letztlich aber nie. Auch wenn
son stehen gerade fünf Einsätze zu 1968 – 1976 VfL Wolfsburg irgendwann Besserung eintrat, die
Buche. Allerdings: Beim vorent- aktive Laufbahn war für Brase 1968
scheidenden 0:0 in Essen am vor- beendet. Mit einem unschönen
letzten Spieltag stand der 1,83 Meter VITA Schlusspunkt: Vorm Arbeitsgericht
große Blondschopf in der Anfangs- Wolfgang Brase musste der Mann, der zeit seines
formation, als Aushilfslösung auf Lebens nur für die Eintracht aktiv
der Mittelstürmerposition. Von „ei- Geburtsdatum 07.02.1939 war, noch ausstehende Gelder ein-
nem würdigen Abschluss meiner Geburtsort Braunschweig klagen. Dem Verhältnis zu seinem
zwei Jahre bei der Eintracht“ sprach Position Abwehr Herzensklub konnte das langfristig
Matz daraufhin, „wir trennen uns in Saison 1966/67 allerdings nichts anhaben.
bestem Einvernehmen“. Sein Wech- Spiele 3
sel zu Fortuna Düsseldorf stand Tore 0
da schon fest. Das Gastspiel in der Ø-Note 2,00
NRW-Landeshauptstadt geriet al- Elf des Tages 0
lerdings unglücklich, nur ein Jahr Karriere
später kehrte Matz zurück nach Länderspiele/-Tore 0/0
Niedersachsen. Beim VfL Wolfs- BL-Spiele/-Tore 97/2
burg etablierte er sich dann bis zum Vereine als Spieler:
Karriereende 1976 als Leistungs- 1946 – 1968 Eintr. Braunschweig
träger.

kicker TYPEN & TRIUMPHE


VITA Fürs Big Business
Wolf-Rüdiger Krause zu aufgeregt
Geburtsdatum 07.09.1944 Als am vorletzten Spieltag in Es-
Geburtsort Kolberg sen der Titel so gut wie perfekt
Position Sturm gemacht (und schon gefeiert) wur-
Saison 1966/67 de, hätte WOLF-RÜDIGER KRAUSE
Spiele 2 aufgrund der Personalnot auf dem
Tore 0 Platz stehen können. Doch der ta-
Ø-Note 3,00 lentierte Rechtsaußen, 22 Jahre alt,
Elf des Tages 0 hatte sich für diese Partie schon lan-
Karriere ge im Voraus abgemeldet – wegen
Länderspiele/-Tore 0/0 seiner Hochzeit, die einen Tag zuvor
Später sogar BL-Spiele/-Tore 5/1 stattfand. Eine Anekdote, die belegt,
Bürgermeister Vereine als Spieler: was Krause schon damals so emp-
bis 1963 RSV Braunschweig fand: Für den Profifußball auf al-
In der Meistersaison spielte der 1963 – 1967 Eintr. Braunschweig lerhöchstem Level war das 65-Kilo-
passionierte Musiker HANS JÄCKER 1967 – 1976 VfL Wolfsburg Leichtgewicht nicht unbedingt ge-
nur die zweite Geige. Lediglich 1976 – 1980 MTV Gifhorn schaffen. Schnelligkeit, Torriecher,
zweimal vertrat der damals 34-Jäh- gute Technik, all das war vorhan- 61
rige „Hennes“ zwischen den Pfos- den. Doch mangelte es letztlich an
ten noch seinen zehn Jahre jün- der nötigen Robustheit, nicht nur
geren Rivalen Horst Wolter, den er körperlich. Die seltenen Chancen
zuvor selbst mit ausgebildet hatte. konnte der viermalige Amateur-
Für den hauptberuflichen Lehrer, nationalspieler nicht nutzen, auch
der 1956 von den Amateuren des wegen übergroßen Lampenfiebers.
1. FC Köln zur Eintracht gewechselt So blieb es für Krause 1966/67 bei
war, eine Selbstverständlichkeit. Bis zwei Bundesligaeinsätzen. Nach
1965 war Jäcker in Braunschweig dem Titelgewinn verabschiedete
die Nummer 1, wurde zwischen- er sich zum VfL Wolfsburg, wo er in
zeitlich sogar als Kandidat für die der Regionalliga bis 1976 zu einer
Nationalmannschaft gehandelt, herausragenden Größe avancierte
ehe er für den aufstrebenden Wol- VITA und sogar ein einjähriges Intermez-
ter absprachegemäß ins zweite Hans Jäcker zo in der 2. Liga Nord mitgestaltete.
Glied rückte. Seinen größten Erfolg als Trainer
Von sich reden machte das Mul- Geburtsdatum 20.11.1932 feierte Krause später ebenfalls beim
titalent aber weiterhin in vielfa- Gestorben 07.04.2013 VfL mit der Teilnahme an der Auf-
cher Hinsicht. Als Interimstrainer Geburtsort Schwerte stiegsrunde zur 2. Liga 1988.
für den erkrankten Johannsen im Position Tor
Herbst 1967, als Bürgermeister der Saison 1966/67
damals noch selbstständigen Ge- Spiele 2
meinde Mascherode von 1968 bis Tore 0
1974, als Klinikbetreiber und als Ø-Note 3,00
Eintracht-Präsident in der schwe- Elf des Tages 0
ren Zeit von 1980 bis 1983. Da setzte Karriere
Jäcker im Sinne des hochverschul- Länderspiele/-Tore 0/0
deten Vereins den unpopulären, BL-Spiele/-Tore 58/0
aber existenziellen Stadionverkauf Vereine als Spieler:
in die Tat um. Die Verdienste des 1949 – 1955 VfL Schwerte
2013 Verstorbenen um die Ein- 1955/56 1. FC Köln
tracht gehen somit weit über das 1956 – 1967 Eintr. Braunschweig
Sportliche hinaus.

kicker TYPEN & TRIUMPHE


PORTRÄTS DIE WEITEREN SPIELER

Geflüchtet – in VITA

eine fremde Welt Wolfgang Simon


Offiziell gehörte MICHAEL POLYWKA Geburtsdatum 12.08.1946
1966/67 bereits zum Kader der Ein- Geburtsort Gamsen
tracht, sein erstes von 91 Bundesli- Position Abwehr
gaspielen für Braunschweig bestritt Saison 1966/67
er freilich erst zu Beginn der Fol- Spiele 0
gesaison. 1966 hatte sich der vor-
Karriere
malige DDR-Jugendnationalspieler
Länderspiele/-tore 0/0
nach einem Spiel seines Klubs Carl
BL-Spiele/-tore 4/0
Zeiss Jena in Stockholm abgesetzt Vereine als Spieler
und ließ sich von in Braunschweig bis 1965 MTV Gamsen
lebenden Verwandten abholen. und MTV Gifhorn Blockiert – Leiste
Kontakte zu Eintracht-Trainer Jo- 1965 – 1968 Eintracht stoppt Leistung
hannsen waren zu diesem Zeit- Braunschweig
punkt bereits geknüpft. Doch da 1968 – 1973 VfL Wolfsburg Beim Triumphmarsch der Kolle-
der DDR-Verband den „Fahnen- ab 1973 TuS Seershausen/Ohof gen durch die Liga ebenfalls nur
flüchtigen“ nicht freigeben wollte, zuschauen durfte WOLFGANG SIMON.
62 blieb Polywka nahezu ein Jahr lang Dabei galt der 20-jährige Außenver-
gesperrt. Neben dem eigenen Trai- teidiger zu Saisonbeginn als Hoff-
ning coachte Polywka den Peiner nungsträger, schließlich zählte er
Verein Arminia Vöhrum und stieg sogar zum Kreis der Juniorennati-
mit dem Klub in die Bezirksklasse onalmannschaft. Doch schon wäh-
auf. Dennoch wusste der damals rend der Vorbereitung verletzte sich
erst 22-Jährige mit der neuen Frei- Simon bei einem unglücklichen
heit und Freizeit offenbar nicht an- Torschuss an der Leiste, die zu-
gemessen umzugehen. Zeitgenos- nächst vermeintlich leichte Blessur
sen schildern ihn als ausgemachten VITA wuchs sich zum chronischen Pro-
Lebemann, als „schlampiges Ge- Michael Polywka blem aus. Zwischenzeitlich stand
nie“, das trotz aller Veranlagung sogar die Sportinvalidität im Raum.
letztlich nie mehr das zu DDR-Zei- Geburtsdatum 06.04.1944 So weit kam es gottlob nicht für den
ten bewiesene Niveau erreichte. Gestorben 12.01.2009 gebürtigen Gamsener, der nach sei-
„Wie viele Sportler, die aus der DDR Geburtsort Gleiwitz nem Abschied von der Eintracht
kamen, hatte er Probleme in der Position Mittelfeld 1968 noch fünf Jahre lang beim
neuen Umgebung“, stellte Johann- Saison 1966/67 VfL Wolfsburg in der Regionalli-
sen fest. Bis 1971 blieb Polywka bei gesperrt ga am Ball blieb. Doch in Braun-
der Eintracht, es folgten ein Jahr in schweig wurde es nichts mehr
Karriere
Hannover und mehrere Stationen mit dem erhofften Durchbruch.
Länderspiele/-Tore 0/0
in Österreich. Im Alter von 64 Jah- BL-Spiele/-Tore 99/9 Denn nach einer Saison ohne Ein-
ren starb Polywka in Wien. Vereine als Spieler: satz konnte das Talent dann auch
Bis 1962 Motor Raguhn und 1967/68 die etablierten Meister-
Chemie Wolfen spieler nicht verdrängen. Es blieb
1962 – 1966 SC Motor/Carl Zeiss bei insgesamt nur vier Bundesliga-
Jena einsätzen für die Eintracht in drei
1966 – 1971 Eintracht Jahren. Helmuth Johannsen sagte
Braunschweig über ihn: „Ein Spieler, der mit An-
1971 – 1972 Hannover 96 stand in Kauf nahm, dass er nur sel-
1972 – 1976 FC Admira/Wacker ten zum Einsatz kommen konnte.“
1976 – 1978 ASK Marienthal Und ein Teamplayer, der sich schon
1979 – 1981 ASC Leobersdorf damals auch mit dem Titelgewinn
identifizierte.

kicker TYPEN & TRIUMPHE


Traurig – und nur VITA

im Training stark Wolfgang Grzyb


Wo Licht ist, ist auch Schatten. Im Geburtsdatum 29.07.1940
Kontext des Braunschweiger Ti- Gestorben 07.10.2004
telgewinns trifft diese Redensart Geburtsort Berlin
gewiss auf keinen besser zu als auf Position Abwehr
WERNER RINASS. Keine einzige Mi- Saison 1966/67
nute durfte der technisch begna- Spiele 15 Beliebt – außer
dete Mittelfeldspieler, 1965 vom Tore
Ø-Note
2
2,53
bei Paul Breitner
1. FC Saarbrücken gekommen, zur
Meisterschaft beitragen. Irgendet- Elf des Tages 0 Er selbst bezeichnete sich ein-
was passte nicht zwischen ihm und Karriere mal als „Mädchen für alles auf
Helmuth Johannsen. Die Gründe Länderspiele/-Tore 0/0 dem Platz“. Und just die Allroun-
dafür waren gewiss vielschichtig. BL-Spiele/-Tore 305/19 der-Qualitäten waren es auch, die
Zum einen war da die Mittelfeld- Vereine als Spieler: WOLFGANG GRZYB in der Meister-
Konkurrenz: Ulsaß, Dulz. Zum bis 1960 SpVgg Hopfelde-Hollstein, saison so wertvoll für die Eintracht
anderen galt Rinaß als „Trainings- DSC Delligsen und TSV Kaierde machten. Immer da, wo gerade Not
weltmeister“ mit physischen Defi- 1960 – 1962 TSV Wenzen am Mann war, konnte der gebürti-
ziten. Der subjektive Eindruck des 1962 – 1964 FC Alfeld ge Berliner einspringen, trug so mit 63
Spielers, der Trainer habe ihn nicht 1964 – 1979 Eintr. Braunschweig 15 Einsätzen und zwei Toren zum
gemocht, lässt sich objektiv nur 1979 – 1980 TSV Wendezelle Titel bei. Dabei absolvierte der
bedingt halten. Denn: Als im Früh- ab 1980 Grün-Weß Waggum Mann, der zuvor für die Eintracht-
jahr 1966 der FC Bayern bei Rinaß Amateure gekickt hatte, seine erste
anklopfte, schob Johannsen dem Saison als Lizenzspieler – im Alter
Wechsel einen Riegel vor. Und auch von bereits 26 Jahren. Richtig groß
aus diesen überlieferten Worten heraus kam der 1,65 Meter kleine
des Fußballlehrers spricht durch- Pfiffikus dann in den Jahren nach
aus Wertschätzung: „Rinaß hatte VITA dem Triumph. Bis 1979 blieb der
schwer daran zu tragen, dass es für Werner Rinaß gelernte Schmied an Bord, wurde
ihn nie eine Chance gab, im Bun- 1973 sogar Kapitän und absolvierte
desliga-Wettkampf seine Qualitä- Geburtsdatum 13.01.1939 insgesamt 305 Bundesligaspiele für
ten zu beweisen. Er blieb dennoch Geburtsort Walsum Blau-Gelb. Meist als dynamischer
stets ein fairer Partner für mich.“ Position Mittelfeld Rechtsverteidiger wirbelte sich
Während der offiziellen Feierlich- Saison 1966/67 „Schippi“, so sein Spitzname, in die
keiten nahm Rinaß indes weder Spiele 0 Herzen des Publikums. Auf seine
die Schale in die Hand noch betrat alten Tage legte sich der „uner-
Karriere
er beim Empfang den Rathausbal- schrockene Kämpfer“ (kicker-Mit-
Länderspiele/-tore 0/0
kon. Sich als Meister zu fühlen, das arbeiter Jochen Döring) sogar mit
BL-Spiele/-tore 39/4
schaffte der Sportsmann nicht. Vereine als Spieler Neuzugang Paul Breitner an und
bis 1958 Sportfreunde Vierlinden sagte über den Weltmeister: „Wenn
1958/59 Sportfreunde Walsum 09 er zu Cosmos New York gehen will,
1959 – 1963 Sportfreunde dann soll er gehen. Ohne ihn war es
Hamborn 07 bei uns viel schöner.“ Unvergessen
1963 – 1965 1. FC Saarbrücken bleibt der 2004 verstorbene Sym-
1965 – 1967 Eintracht pathieträger zudem wegen dieser
Braunschweig Anekdote: Im August 1975 sah
1967 – 1969 1. FC Schweinfurt 05 Grzyb als erster Braunschweiger in
ab 1969 DJK Gütersloh, der Bundesliga eine Rote Karte –
Sportfreunde Walsum 09 weil er den zwei Jahre jüngeren Re-
und STV Hünxe
Fotos: imago

feree Manfred Scheffner (Nußloch)


als „Rindvieh“ tituliert hatte.

kicker TYPEN & TRIUMPHE


HINTERGRUND DAS TEAM DAHINTER

Ein Balduin, ein Lehrer,


ein Mädchen für alles …
Meisterliches wird nicht nur auf dem Rasen geleistet.
Egal ob Präsident oder Platzwart: Auch hinter den
Kulissen hat die Eintracht engagierte Mitarbeiter.
THIEMO MÜLLER

64 S ein eigentliches Meisterstück


machte Ernst Fricke erst 1971.
Da fädelte der Eintracht-Präsident
dem von ihm verpflichteten Trainer
Branko Zebec beinahe noch einmal
zum Titel geführt, am Ende reichte
krankung Frickes übernahm er zwi-
schen 1969 und 1971 interimsweise
sogar den Präsidentensessel. Als
den berühmten „Jägermeister- es nur für Platz drei mit lediglich hauptberuflicher Bankier galt Mül-
Deal“ ein, der schließlich ins erste einem Zähler Rückstand auf Meis- ler als ausgemachter Finanzexperte
Trikotsponsoring der Bundesliga- ter Gladbach. Im Sommer 1978 der blau-gelben Führungsriege. Ab
Geschichte mündete, und sicherte verstarb Fricke infolge eines Herz- 1983 saß er auch noch im damals
sich so im Alter von 65 Jahren end- infarkts während einer Autofahrt. Schatzmeister mit frisch aus der Taufe gehobenen
gültig seinen Platz in den Annalen. Unvergessen bleibt das humorige Pfiff: Hans-Otto Wirtschaftsbeirat des Klubs.
Aber auch den historischen Titel- Wesen des Mannes, den fast alle Schröder Als Schatzmeister fungierte
gewinn 1967 feierten die Löwen be- nur „Balduin“ riefen. Unter ande- indes ab August 1966 Hans-Otto
reits unter der Regie Frickes, haupt- rem dieses Bonmot Frickes wird Schröder, und der damals erst
beruflicher Oberingenieur bei der bis heute gerne zitiert: „Unsere 32-Jährige durfte in seiner Premi-
Forschungsanstalt für Landwirt- Auswärtsschwäche ist stärker ge- erensaison prompt den deutschen
schaft. Beim größten Triumph der worden.“ Meistertitel mitfeiern. Schröder,
Vereinsgeschichte war Fricke noch Als Frickes rechte Hand und der dann in den frühen 80er Jah-
nicht einmal zwei Jahre im Amt, Stellvertreter fungierte seit der ge- ren vom Klub als hauptamtlicher
hatte sich seine Sporen aber bereits meinsamen Wahl 1965 der 15 Jah- Geschäftsstellenleiter angestellt
in mehr als einer Dekade als „Vize“ re jüngere Rudolf Müller, der zwi- wurde, war seinerzeit wie Müller im
unter Vorgänger Dr.  Kurt Hopert schen 1947 und 1954 als Verteidiger Bankengewerbe tätig – und machte
reichlich verdient. in jungen Jahren ebenfalls als akti-
Seinen Fußballern galt Fricke als Margot Martini war ver Sportler von sich reden. So war
überaus gefragter und anerkannter eine Rarität – weil sie Schröder sowohl als Handballspie-
Ansprechpartner, was wohl nicht eine Frau war. ler als auch als Fußballschiedsrich-
zuletzt daran lag, dass der Boss ter über die Grenzen der Region hi-
selbst eine respektable sportliche 134 Einsätze für die Eintracht absol- naus ein Begriff.
Vita vorzuweisen hatte, vor allem in viert hatte, damals in der Oberliga
der Leichtathletik. 1927 wurde der
herausragende 5000-Meter-Läufer
mit der Eintracht sogar Deutscher
Nord bzw. während der einjährigen
Verbannung in der zweitklassigen
Amateurliga Niedersachsen-Ost.
W o 50 Jahre später ganze Me-
dien- und PR-Abteilungen
an der Außendarstellung von Pro-
Mannschaftsmeister, zudem hielt Nach seiner aktiven Zeit schlug fiklubs arbeiten, genügte der Ein-
er bis 1948 den Vereinsrekord über Müller im Klub als Hauptsportwart tracht beim Titelgewinn noch der
die genannte Distanz. Als Präsident unmittelbar die Funktionärskarrie- gute alte „Pressewart“, eine seiner-
hätte Fricke die Eintracht 1977 mit re ein, während einer schweren Er- zeit keineswegs despektierliche

kicker TYPEN & TRIUMPHE


1 2
1 Mann mit
Bezeichnung. Der gebürtige Braun- blieb der Eintracht bis zur Präsi- Weitblick: zudem für einen Neuzugang ver-
schweiger Heinz Graßhoff, Jahr- dentschaft von Günter Mast (ab Unter Präsident antwortlich, der das „Team hinter 65
„Balduin“
gang 1899 und Eintracht-Mitglied 1983) erhalten. Als großer Gewinn dem Team“ maßgeblich verstärken
Fricke wurde
seit 1912, war jener Mann, der sich für die innerbetriebliche Atmo- die Eintracht
sollte. Der Frankfurter Hubert Rö-
heute wohl „Mediendirektor“ nen- sphäre sind zudem Heinz und Leni Deutscher der, staatlich geprüfter Kranken-
nen dürfte und damals u. a. die Sta- Schönfeld in Erinnerung geblieben. Meister. gymnast, wurde vom Doc als neuer
dionzeitung mit Artikeln füllte. Par- Das aus Leipzig stammende Ehe- Masseur zu den Blau-Gelben ge-
2 Chow-Chow
allel dazu übte der hauptberufliche paar stieß 1963 zum Verein und als Glückbringer: lotst. Die Position musste kurzfris-
Lehrer auch noch das Amt des Fuß- prägte regelrecht eine Ära. Heinz Geschäftsführerin tig besetzt werden, da Vorgänger
ball-Abteilungsleiters aus. Von 1917 blieb bis zu seinem Tod 1978 ein ak- Margot Martini Norbert Gratzal wegen persönli-
bis 1926 hatte Graßhoff als Linksau- ribischer Platzwart, Gattin Leni trat (links) mit der cher Querelen hingeworfen hatte.
ßen für die erste Mannschaft gewir- gar erst 1984 nach 21 Jahren als em- Frau des Stadion- Clasen hatte eine Empfehlung von
belt, ergänzte also die „Führungs- sige Zeugwartin in den Ruhestand. Hausmeisters Nationalmannschaftsarzt Prof. Dr.
riege der Fachleute“ auch in dieser Die Verdienste solcher Mitar- Heinz Schoberth erhalten, bei dem
Hinsicht optimal. beiter um ein produktives Binnen- Röder sein Staatsexamen absolviert
Aus der Reihe fiel dagegen die hatte. Der Berufsanfänger war erst
Besetzung des Geschäftsführerpos- Krankengymnast 19 Jahre alt, also damals nicht ein-
tens, nicht nur für Braunschweiger Hubert Röder war nicht mal volljährig. Mit Clasen verband
Verhältnisse, sondern ligaweit. Die Röder „ein Vater-Sohn-Verhältnis“,
einmal volljährig.
Eintracht vertraute in dieser Rol- der Doc bezahlte einen Teil des
le nämlich einer Frau – damals in klima waren gewiss nicht genug zu Gehalts und ließ ihn auch in seiner
der „Männerdomäne Fußball“ eine schätzen. Noch handfester freilich Privatklinik arbeiten.
absolute Rarität. Margot Martini erscheint der Beitrag der medizini-
hatte 1953 als Sekretärin im Ver-
ein begonnen, um sich kraft Fleiß,
Zuverlässigkeit und Organisations-
schen Abteilung zum Erfolg. Dass
in der Meistersaison 1966/67 gleich
zehn Stammkräfte praktisch durch-
S päter knetete Röder für Kickers
Offenbach, Eintracht Frankfurt
und den DFB, betreute Topstars
geschick bis zur Geschäftsführerin spielten, gilt bis heute als Basis des wie Paul Breitner, Uli Hoeneß oder
(ab 1961) hochzuarbeiten. In die- Triumphs. Eine regelrechte Institu- Rudi Völler. Sein Wirken in Braun-
ser Funktion etablierte sich Martini tion verkörperte hier Mannschafts- schweig, inklusive Meisterfeier und
im besten Sinne als „Mädchen für arzt Dr.  Hans-Werner Clasen, der anschließender USA-Reise, auf
Fotos: imago/Rust, Witters

alles“, von der Abwicklung des täg- bereits 1947 bei der Eintracht ange- der er im Mannschaftskreis seinen
lichen Betriebs über Reiseplanung fangen hatte und sich erst 1976 im 20. Geburtstag feierte, blieb für
bis hin zur Wohnungssuche für Alter von 68 Jahren zurückzog. In ihn aber eine absolute Hoch-Zeit –
Neuzugänge. Martinis guter Geist der Meistersaison zeichnete Clasen „meine berufliche Explosion“. ■

kicker TYPEN & TRIUMPHE


STATISTIK REKORDE

Der Minimalisten-Meister
Horst Wolter hält – auch in Mönchengladbach heißt

13
es 0:0. Es ist das Braunschweiger Standardergebnis.
Und eine von vielen ungewöhnlichen „Bestmarken“.

49
CONRAD CARL

17 3 7 Nie blieb ein Meister


in so vielen Spielen torlos.

0:0
Nie schoss ein Meister
Nur 1860 München hatte so wenige Tore.
Nie traf ein Meister so selten 1965/66 genauso wenige
in der ersten Halbzeit. Nie verlor ein Meister Torschützen.

4:0
auswärts häufiger in Serie.

7 4
66 Nie spielte ein Meister so oft torlos
wie die Eintracht (7-mal).

0 +22 3 6 14 Nur Wolfsburg kassierte


2008/09 genauso viele
Auswärtsniederlagen.
Nur die Bayern landeten
1993/94 so wenige Auswärts-
siege wie Braunschweig.
Der höchste Saisonsieg – nur
ein Meister schaffte ihn nicht:
Stuttgart 1991/92 .

Nie schoss ein Meister so


wenige Auswärtstore.

3
Nie zuvor verlor ein Meister
beide Saisonspiele gegen
einen Gegner – wie Braun-
schweig gegen Hannover.
Nie hatte ein Meister eine so
„schlechte“ Tordifferenz.
Nie gewann ein Meister
seltener hintereinander.

Nie traf ein Meister seltener


in der Anfangsviertelstunde.
Nie schaffte ein Meister eine
so kleine Serie von
ungeschlagenen Spielen.
Fotos: imago/Otto

kicker TYPEN & TRIUMPHE


ALLE 34 SPIELTAGE STATISTIK

Die Spiele.
1. Spieltag 20.8.1966 1. Platz 2. Spieltag 27.8.1966 6. Platz
Braunschweig – Werder Bremen 1860 München – Braunschweig

2:0 (1:0) 2:1 (1:0)

Die Spieler.
Braunschweig: Wolter (2) – Brase (2), 1860: Radenkovic (2) – Wagner (2),
Moll (2) – Schmidt (1), Kaack (3), Bäse Steiner (2) – Peter (2), Lutz (2), Perusic
(2) – Ulsaß (1), Saborowski (3) – Gerwien (1) – Kohlars (2), Küppers (1) – Grosser
(3), Dulz (2), Maas (2) – Trainer: (3), Brunnenmeier (3), Rebele (3) –
Johannsen Trainer: Merkel
Bremen: Bernard (2) – Piontek (3), Braunschweig: Wolter (1) – Brase (2),
34 Tage bis zum Ruhm: Der Weg der Eintracht Höttges (2) – Ferner (2), Steinmann (2), Moll (2) – Schmidt (2), Kaack (2), Matz
Lorenz (2) – Schütz (4), Danielsen (3) – (3) – Ulsaß (2), Saborowski (2) – Gerwien
startet auf Platz 1, dann setzt es die erste Zebrowski (3), Björnmose (4), Görts (3) – (2), Dulz (3), Maas (2) – Trainer:
Niederlage. Ab dem 17. Spieltag aber sind die Trainer: Brocker Johannsen
Tore: 1:0 Maas (23.), 2:0 Saborowski Tore: 1:0 Küppers (27.), 1:1 Saborowski
Löwen oben. Hier kommen alle Aufstellungen. (81.) – SR: Herden (Hamburg) – (63.), 2:1 Brunnenmeier (80.) – SR:
Zuschauer: 22 000 Radermacher (Siegburg) – Zuschauer:
CONRAD CARL 28 000

3. Spieltag 3.9.1966 5. Platz 4. Spieltag 7.9.1966 3. Platz 5. Spieltag 17.9.1966 2. Platz 6. Spieltag 24.9.1966 1. Platz
Braunschweig – 1. FC Köln Eintracht Frankfurt – Braunschweig VfB Stuttgart – Braunschweig Braunschweig – Meidericher SV
67

1:0 (0:0) 0:1 (0:0) 1:2 (0:0) 0:0


Braunschweig: Wolter (2) – Brase (2), Frankfurt: Kunter (2) – Jusufi (3), Lindner Stuttgart: Sawitzki (4) – Seibold (3) – Braunschweig: Wolter (1) – Bäse (2) –
Bäse (2), Schmidt (1), Moll (3) – Dulz (3), Blusch (3), Schämer (3) – Friedrich Eisele (3), Sieloff (4), Menne (4) – Meyer (2), Kaack (2), Moll (2) – Dulz (3),
(2), Kaack (2) – Gerwien (2), Ulsaß (1), (3), Huberts (3) – Grabowski (3), Bronnert R. Entenmann (3), Huttary (3) – Gress Schmidt (1) – Grzyb (2), Ulsaß (1),
Saborowski (3), Maas (2) – Trainer: (4), Solz (2), Lotz (2) – Trainer: Schwartz (3), W. Entenmann (3), Peters (3), Köppel Saborowski (3), Maas (2) – Trainer:
Johannsen Braunschweig: Wolter (1) – Meyer (2), (3) – Trainer: Gutendorf Johannsen
Köln: Soskic (2) – Rausch (3), Sturm (3), Moll (2) – Schmidt (2), Kaack (3), Bäse Braunschweig: Wolter (3) – Bäse (1) – Meiderich: Manglitz (1) – Müller (1) –
Rumor (-), Pott (3) – Flohe (2), Struth (3), (2) – Grzyb (2), Saborowski (3) – Gerwien Meyer (3), Schmidt (1), Kaack (2), Moll Heidemann (2), Pirsig (3), Bella (4),
Overath (2) – R. Magnusson (2), Löhr (3), (2), Dulz (3), Maas (2) – Trainer: (2) – Ulsaß (3), Saborowski (3) – Grzyb Sabath (3) – Krämer (3), van Haaren (2) –
Hornig (3) – Trainer: Multhaup Johannsen (3), Dulz (3), Maas (2) – Trainer: Rühl (3), Pavlic (3), Kremer (3) – Trainer:
Tore: 1:0 Ulsaß (63.) – SR: Schreiner Tore: 0:1 Gerwien (68.) – SR: Hilker Johannsen Eppenhoff
(Wachenbuchen) – Zuschauer: 26 000 – (Bochum) – Zuschauer: 35 000 Tore: 1:0 Köppel (67.), 1:1 Ulsaß (78.), SR: Betz (Regensburg) – Zuschauer:
Bes. Vork.: Rumor scheidet bereits nach 1:2 Maas (79.) – SR: Schmidt (Hermes- 25 000
20 Minuten verletzt aus. dorf) – Zuschauer: 22 000

7. Spieltag 1.10.1966 1. Platz 8. Spieltag 8.10.1966 1. Platz 9. Spieltag 15.10.1966 1. Platz 10. Spieltag 22.10.1966 1. Platz
FC Schalke 04 – Braunschweig Braunschweig – 1. FC Kaiserslautern Hamburger SV – Braunschweig Braunschweig – Borussia Dortmund

0:0 2:0 (1:0) 1:0 (0:0) 3:1 (0:0)


Schalke: Nigbur (1) – Becher (2), Nikolic Braunschweig: Wolter (2) – Bäse (3) – Hamburg: Schnoor (1) – Strauß (3), Braunschweig: Wolter (1) – Bäse (2) –
(2), Pyka (3), Senger (2) – Herrmann (2), Meyer (3), Kaack (2), Moll (2) – Schmidt W. Schulz (2), Horst (2), Kurbjuhn (3) – Meyer (1), Kaack (2), Schmidt (1), Moll
Fichtel (2), Neuser (2) – Blechinger (2), (2), Ulsaß (2), Dulz (2) – Grzyb (3), Sandmann (2), Bähre (3) – B. Dörfel (2), (2) – Dulz (2), Ulsaß (1) – Gerwien (2),
Kraus (4), Pliska (3) – Trainer: Langner Saborowski (2), Maas (2) – Trainer: Seeler (3), Rohrschneider (2), G. Dörfel Saborowski (2), Maas (2) – Trainer:
Braunschweig: Wolter (2) – Meyer (2), Johannsen (3) – Trainer: Schneider Johannsen
Kaack (2), Bäse (1), Moll (2) – Schmidt Kaiserslautern: Schnarr (1) – Schneider Braunschweig: Wolter (2) – Meyer (3), Dortmund: Wessel (1) – Paul (2) – Sturm
(1), Ulsaß (2), Dulz (2) – Krause (3), (2) – Koppenhöfer (3), Krautzun (4), Kaack (2), Bäse (3), Moll (3) – Schmidt (3), D. Kurrat (2), Peehs (2) – Assauer (2),
Saborowski (3), Maas (2) – Trainer: Klimaschefski (3) – Geisert (2), Rehhagel (2), Dulz (3) – Matz (3), Ulsaß (2), Sabo- Wosab (3) – Libuda (3), Held (2),
Johannsen (2), Kapitulski (3) – Reitgaßl (3), Rummel rowski (3), Maas (3) – Trainer: Johannsen Emmerich (3), Neuberger (3) – Trainer:
SR: Spinnler (Mainz) – Zuschauer: (4), Kentschke (3) – Trainer: Lorant Tore: 1:0 B. Dörfel (52.) – SR: Fritz (Lud- Murach
32 000 Tore: 1:0 Dulz (24.), 2:0 Maas (59.) – wigshafen) – Zuschauer: 55 000 Tore: 1:0 Ulsaß (68.), 2:0 Maas (72.),
SR: Malka (Herten) – Zuschauer: 28 000 3:0 Ulsaß (77.), 3:1 Assauer (86.) – SR:
Heumann (Ansbach) – Zuschauer:
37 000

kicker TYPEN & TRIUMPHE


STATISTIK ALLE 34 SPIELTAGE

11. Spieltag 29.10.1966 2. Platz 12. Spieltag 5.11.1966 1. Platz 13. Spieltag 12.11.1966 2. Platz 14. Spieltag 26.11.1966 1. Platz
Bayern München – Braunschweig Braunschweig – Fortuna Düsseldorf Hannover 96 – Braunschweig Braunschweig – Karlsruher SC

2:0 (1:0) 4:0 (1:0) 4:2 (3:1) 4:1 (0:1)


Bayern: Maier (2) – Kupferschmidt (3), Braunschweig: Jäcker (2) – Bäse (2) – Hannover: Podlasly (2) – Mülhausen (2), Braunschweig: Wolter (2) – Bäse (3) –
Beckenbauer (2), Olk (2) – Werner (3), Meyer (2), Schmidt (2), Moll (2) – Dulz Breuer (3), Laszig (2), Bena (1) – Sie- Meyer (2), Kaack (2), Moll (2) – Matz (3),
Schwarzenbeck (1) – Koulmann (1) – (1), Kaack (2) – Gerwien (2), Ulsaß (2), mensmeyer (1), Straschitz (2) – Poulsen Dulz (3), Ulsaß (2) – Gerwien (2),
Nafziger (1), Müller (2), Ohlhauser (2), Saborowski (3), Maas (2) – Trainer: (3), Gräber (3), Rodekamp (4), Bandura Saborowski (3), Maas (1) – Trainer:
Brenninger (3) – Trainer: Cajkovski Johannsen (3) – Trainer: Buhtz Johannsen
Braunschweig: Wolter (2) – Meyer (2), Düsseldorf: Woyke (2) – Schmitz (3) – Braunschweig: Jäcker (4) – Meyer (3), Karlsruhe: Kessler (2) – Weidlandt (3) –
Kaack (1), Schmidt (2), Moll (4) – Ulsaß Hellingrath (3), Hesse (2), Jestremski Bäse (3), Kaack (3), Moll (4) – Schmidt Dürrschnabel (3), Rauh (2), Kafka (2) –
(3), Dulz (3), Bäse (2) – Gerwien (2), (3), Häfner (3) – Hetfeld (2), Biskup (2), Dulz (3) – Gerwien (3), Ulsaß (2), Zaczyk (2), Dobat (4), Wild (2) – Berking
Saborowski (3), Maas (3) – Trainer: (3) – Hoffer (3), Meyer (3), Marzok (3) – Saborowski (3), Maas (2) – Trainer: (4), Müller (4), Strzelczyk (3) – Trainer:
Johannsen Trainer: Klötzer Johannsen Roth
Tore: 1:0 Müller (43.), 2:0 Koulmann Tore: 1:0 Dulz (30.), 2:0 Maas (50.), Tore: 1:0 Siemensmeyer (5.), 1:1 Ulsaß Tore: 0:1 Zaczyk (2.), 1:1 Maas (50.),
(79.) – SR: Weyland (Oberhausen) – 3:0 Gerwien (59.), 4:0 Dulz (65.) – SR: (18.), 2:1 Siemensmeyer (23.), 3:1 Poul- 2:1 Saborowski (53.), 3:1 Ulsaß (68.),
Zuschauer: 36 000 Tschenscher (Mannheim) – Zuschauer: sen (40.), 3:2 Maas (75.), 4:2 Bandura 4:1 Saborowski (89.) – SR: Hennig (Duis-
20 000 (77.) – SR: Eschweiler (Euskirchen) – burg) – Zuschauer: 12 000
Zuschauer: 43 000

19. Spieltag 21.1.1967 1. Platz 20. Spieltag 28.1.1967 1. Platz 21. Spieltag 11.2.1967 1. Platz 22. Spieltag 18.2.1967 1. Platz
Braunschweig – 1860 München 1. FC Köln – Braunschweig Braunschweig – Eintracht Frankfurt Braunschweig – VfB Stuttgart
68

1:0 (0:0) 1:0 (0:0) 3:0 (1:0) 1:1 (1:0)


Braunschweig: Wolter (2) – Bäse (3) – Köln: Soskic (3) – Rausch (2), Hemmers- Braunschweig: Wolter (1) – Bäse (2) – Braunschweig: Wolter (1) – Bäse (2) –
Meyer (3), Schmidt (3), Moll (2) – Dulz bach (2), Rumor (3), Struth (3) – Sturm Meyer (2), Kaack (2), Moll (2), Schmidt Meyer (3), Kaack (2), Moll (2) – Schmidt
(3), Kaack (2) – Grzyb (3), Ulsaß (1), (2), Flohe (2) – Hornig (3), Overath (1) – Ulsaß (1), Dulz (2) – Grzyb (2), (2), Ulsaß (1) – Gerwien (3), Grzyb (3),
Saborowski (3), Maas (2) – Trainer: (2), Jendrossek (2), Löhr (1) – Trainer: Saborowski (2), Maas (2) – Trainer: Saborowski (3), Maas (2) – Trainer:
Johannsen Multhaup Johannsen Johannsen
1860: Radenkovic (2) – Wagner (2), Braunschweig: Wolter (1) – Meyer (3), Frankfurt: Feghelm (3) – Jusufi (3), Stuttgart: Sawitzki (1) – Seibold (2) –
Reich (2), Steiner (3) – Zeiser (3), Perusic Kaack (3), Schmidt (2), Bäse (3), Moll Lindner (3), Blusch (3), Schämer (2) – Eisele (3), B. Larsson (2), Menne (2),
(2) – Küppers (1), Grosser (1) – Heiß (4), (2) – Ulsaß (2), Dulz (3) – Grzyb (4), Friedrich (3), Krafczyk (3) – Grabowski Hoffmann (2) – Arnold (3), Gress (2) –
Bründl (3), Rebele (3) – Trainer: Weber Saborowski (3), Maas (2) – Trainer: (2), Huberts (3), Solz (3), Lotz (4) – Köppel (3), Weiß (3), Reiner (3) – Trainer:
Tore: 1:0 Moll (77.) – SR: Hennig (Duis- Johannsen Trainer: Schwartz Sing
burg) – Zuschauer: 36 000 Tore: 1:0 Löhr (46.) – SR: Handwerker Tore: 1:0 Moll (38.), 2:0 Grzyb (60.), 3:0 Tore: 1:0 Ulsaß (44.), 1:1 Eisele (65.) –
(Ketsch) – Zuschauer: 30 000 Maas (86.) – SR: Radermacher (Sieg- SR: Hilker (Bochum) – Zuschauer:
burg) – Zuschauer: 37 000 22 000

27. Spieltag 1.4.1967 1. Platz 28. Spieltag 15.4.1967 1. Platz 29. Spieltag 22.4.1967 1. Platz 30. Spieltag 29.4.1967 1. Platz
Borussia Dortmund – Braunschweig Braunschweig – Bayern München Fortuna Düsseldorf – Braunschweig Braunschweig – Hannover 96

0:0 5:2 (4:0) 1:1 (1:0) 0:1 (0:0)


Dortmund: Tilkowski (2) – Cyliax (2), Paul Braunschweig: Wolter (2) – Bäse (1) – Düsseldorf: Schwarzbach (2) – Hel- Braunschweig: Wolter (2) – Bäse (2) –
(2), D. Kurrat (1), Peehs (2) – Assauer Meyer (2), Kaack (2), Moll (2) – Dulz (2), lingrath (3), Wünsche (2), Jestremski (3), Grzyb (2), Schmidt (2), Moll (2) – Kaack
(2), Sturm (2) – Libuda (2), Wosab (3), Schmidt (1) – Gerwien (2), Ulsaß (2), Biskup (2) – Straus (1), Lungwitz (3) – (3), Dulz (3) – Gerwien (3), Ulsaß (3),
Neuberger (3), Emmerich (3) – Trainer: Saborowski (2), Maas (1) – Trainer: Hoffer (1), Meyer (2), Gerhardt (3), Budde Saborowski (2), Maas (2) – Trainer:
Murach Johannsen (3) – Trainer: Klötzer Johannsen
Braunschweig: Wolter (1) – Bäse (1) – Bayern: Maier (1) – Beckenbauer (2) – Braunschweig: Wolter (2) – Meyer (3), Hannover: Podlasly (1) – Laszig (2) –
Meyer (4), Kaack (2), Moll (2) – Schmidt Kupferschmidt (3), Olk (3), Roth Bäse (1), Schmidt (3), Moll (3) – Kaack Bena (2), Breuer (3), Stiller (2), Bohnsack
(2), Dulz (2) – Gerwien (3), Ulsaß (3), (2), Schwarzenbeck (3) – Rigotti (3), (3), Dulz (3) – Gerwien (3), Ulsaß (3), (3) – Straschitz (3), Siemensmeyer (2) –
Saborowski (3), Maas (3) – Trainer: Koulmann (2) – Nafziger (3), Müller (2), Saborowski (3), Maas (2) – Trainer: Poulsen (3), Esch (3), Bandura (3) –
Johannsen Brenninger (3) – Trainer: Cajkovski Johannsen Trainer: Buhtz
SR: Kreitlein (Stuttgart) – Zuschauer: Tore: 1:0 Gerwien (4.), 2:0 Ulsaß (23.), Tore: 1:0 Meyer (8.), 1:1 Moll (89.) – Tore: 0:1 Siemensmeyer (58.) – SR:
26 000 3:0 Saborowski (30.), 4:0 Saborowski SR: Siebert (Mannheim) – Zuschauer: Schmidt (Hermesdorf) – Zuschauer:
(41.), 5:0 Moll (66.), 5:1 G. Müller (71., 27 000 30 000
FE), 5:2 Brenninger (78.) – SR: Dr. Siepe
(Attendorn) – Zuschauer: 38 000

kicker TYPEN & TRIUMPHE


15. Spieltag 3.12.1966 1. Platz 16. Spieltag 10.12.1966 2. Platz 17. Spieltag 17.12.1966 1. Platz 18. Spieltag 7.1.1967 1. Platz
Bor. Mönchengladbach – Braunschweig Braunschweig – Rot-Weiss Essen 1. FC Nürnberg – Braunschweig Werder Bremen – Braunschweig

0:0 0:0 0:4 (0:1) 2:3 (1:2)


Mönchengladbach: Danner (2) – Lowin Braunschweig: Wolter (2) – Bäse (3) – Nürnberg: Strich (3) – Hilpert (2), Bremen: Bernard (3) – Piontek (2),
(3), Milder (2), Wittmann (2), Vogts (2) – Meyer (3), Kaack (2), Moll (3) – Schmidt Leupold (3), L. Müller (2), Popp (3) – Wild Höttges (3) – Steinmann (3), Hänel (2),
Netzer (2), Elfert (2) – H. Wimmer (2), (2), Dulz (3) – Gerwien (3), Ulsaß (2), (4), Reisch (2) – Strehl (2), Brungs (3), Schimeczek (2) – Schütz (3), Lorenz (2) –

W I N T E R PA U S E
Laumen (2), Heynckes (2), Rupp (3) – Saborowski (3), Maas (2) – Trainer: Heinz Müller (2), Volkert (3) – Trainer: Zebrowski (3), Ferner (2), Görts (3) –
Trainer: Weisweiler Johannsen Vincze Trainer: Brocker
Braunschweig: Wolter (1) – Meyer (3), Essen: Roß (2) – Fetting (2) – Saric (3), Braunschweig: Wolter (2) – Bäse (2) – Braunschweig: Wolter (2) – Meyer (2),
Schmidt (2), Bäse (2), Moll (3) – Kaack Frankowski (2), Dörre (3), Kik (2) – Glinka Meyer (2), Schmidt (2), Moll (2) – Ulsaß Moll (2) – Schmidt (3), Kaack (2), Bäse
(2), Dulz (3) – Gerwien (3), Ulsaß (2), (3), Koslowski (2) – Weinberg (2), Fliege (2), Dulz (2), Kaack (2) – Grzyb (2), (2) – Ulsaß (2), Saborowski (2) – Grzyb
Saborowski (3), Maas (2) – Trainer: (3), Ladage (3) – Trainer: Pliska Saborowski (2), Maas (2) – Trainer: (2), Dulz (3), Maas (2) – Trainer:
Johannsen SR: Handwerker (Ketsch) – Zuschauer: Johannsen Johannsen
SR: Siebert (Mannheim) – Zuschauer: 15 000 Tore: 0:1 Dulz (36.), 0:2 Grzyb (64.), 0:3 Tore: 0:1 Maas (12.), 1:1 Zebrowski
25 000 Ulsaß (71.), 0:4 Saborowski (89.) – SR: (23.), 1:2 Ulsaß (36.), 2:2 Lorenz (73.),
Hennig (Duisburg) – Zuschauer: 16 000 2:3 Ulsaß (81.) – SR: Weyland (Oberhau-
sen) – Zuschauer: 18 000

23. Spieltag 24.2.1967 1. Platz 24. Spieltag 4.3.1967 1. Platz 25. Spieltag 11.3.1967 1. Platz 26. Spieltag 18.3.1967 1. Platz
MSV Duisburg – Braunschweig Braunschweig – FC Schalke 04 1. FC Kaiserslautern – Braunschweig Braunschweig – Hamburger SV
69

0:0 1:0 (0:0) 2:0 (0:0) 2:0 (2:0)


Duisburg: Manglitz (2) – Heidemann Braunschweig: Wolter (2) – Bäse (2) – Kaiserslautern: Schnarr (2) – Koppen- Braunschweig: Wolter (2) – Bäse (2) –
(2), Preuß (2), Sabath (2) – Nolden (3), Moll (2), Meyer (2) – Schmidt (2), Kaack höfer (2), Schwager (2), Schneider (2), Meyer (3), Kaack (2), Moll (2) – Schmidt
Pavlic (1), van Haaren (1) – Rühl (3), (2), Dulz (3) – Grzyb (3), Ulsaß (3), Kiefaber (2) – Geisert (2), Rehhagel (2), (2), Dulz (2) – Gerwien (2), Ulsaß (2),
Krämer (2), Lotz (2), Gecks (3) – Trainer: Saborowski (2), Maas (2) – Trainer: Reitgaßl (3) – Kentschke (2), Kapitulski Saborowski (2), Maas (2) – Trainer:
Eppenhoff Johannsen (2), Braner (2) – Trainer: Lorant Johannsen
Braunschweig: Wolter (1) – Moll (1), Schalke: Nigbur (2) – Kreuz (2) – Becher Braunschweig: Wolter (2) – Meyer (4), Hamburg: Schwerin (2) – W. Schulz (1) –
Kaack (2), Bäse (1), Meyer (2) – Schmidt (3), Pyka (3), Fichtel (1), Rausch (2) – Bäse (2), Schmidt (2), Moll (3) – Ulsaß Sandmann (2), Strauß (3), Horst (3),
(2), Matz (3) – Krause (3), Ulsaß (2), Herrmann (2), Bechmann (2), Neuser (3), Kaack (2) – Grzyb (3), Dulz (3), Kurbjuhn (3) – Bähre (4), Löffler (4) –
Grzyb (2), Maas (2) – Trainer: Johannsen (2) – Kraus (3), Blechinger (2) – Trainer: Saborowski (3), Maas (3) – Trainer: B. Dörfel (3), Hellfritz (4), G. Dörfel (2) –
SR: Riegg (Augsburg) – Zuschauer: Langner Johannsen Trainer: Schneider
34 000 Tore: 1:0 Maas (46.) – SR: Schulz Tore: 1:0 Kentschke (60.), 2:0 Kentschke Tore: 1:0 Gerwien (4.), 2:0 Dulz (27.) –
(Berlin) – Zuschauer: 29 000 (84.) – SR: Heumann (Ansbach) – SR: Malka (Herten) – Zuschauer:
Zuschauer: 22 000 30 000 – PV: Kurbjuhn (24., grobes
Foulspiel) – Bes. Vork.: Ulsaß verschießt
FE (18.)

31. Spieltag 13.5.1967 1. Platz 32. Spieltag 20.5.1967 1. Platz 33. Spieltag 27.5.1967 1. Platz 34. Spieltag 3.6.1967 1. Platz
Karlsruher SC – Braunschweig Braunschweig – Bor. Mönchengladbach Rot-Weiss Essen – Braunschweig Braunschweig – 1. FC Nürnberg

3:0 (0:0) 2:1 (0:0) 0:0 4:1 (2:0)


Karlsruhe: Kessler (2) – Ehmann (1), Braunschweig: Wolter (2) – Bäse (2) – Essen: Bockholt (1) – Frankowski (2) – Braunschweig: Wolter (2) – Bäse (2) –
Marx (1), Weidlandt (1), Kafka (1) – Meyer (2), Schmidt (2), Moll (2) – Kaack Steinig (3), Fetting (3), Kik (2) – Simmet Meyer (2), Moll (2), Schmidt (2) – Kaack
Dürrschnabel (2), Koßmann (2) – Müller (1), Dulz (2) – Gerwien (2), Ulsaß (2), (1), Dörre (3), Dietrich (2) – Weinberg (3), (2), Dulz (2) – Gerwien (2), Ulsaß (2),
(2), Zaczyk (2), Dobat (2), Cieslarczyk Saborowski (2), Maas (-) – Trainer: Littek (4), Lippens (2) – Trainer: Pliska Saborowski (2), Maas (2) – Trainer:
(2) – Trainer: Roth Johannsen Braunschweig: Wolter (1) – Bäse (1) – Johannsen
Braunschweig: Wolter (1) – Meyer (2), Mönchengladbach: Danner (1) – Milder Meyer (3), Schmidt (1), Moll (3) – Kaack Nürnberg: Toth (2) – Hilpert (2), Leupold
Bäse (1), Schmidt (2), Moll (2) – Ulsaß (2) – W. Wimmer (2), Durkovic (2), Vogts (3), Dulz (2) – Gerwien (2), Grzyb (2), (3), Ferschl (3), Popp (3) – Adelmann (3),
(3), Kaack (2) – Gerwien (3), Dulz (2), (1), Wittmann (3) – Spinnler (3), Laumen Matz (4), Saborowski (3) – Trainer: Heinz Müller (2), L. Müller (1) – Brungs
Saborowski (3), Maas (2) – Trainer: (2) – H. Wimmer (3), Heynckes (2), Rupp Johannsen (3), Strehl (3), Volkert (2) – Trainer:
Johannsen (1) – Trainer: Weisweiler SR: Riegg (Augsburg) – Zuschauer: Merkel
Tore: 1:0 Cieslarczyk (55., FE), 2:0 Cies- Tore: 0:1 Heynckes (52.), 1:1 Ulsaß 30 000 Tore: 1:0 Ulsaß (28., FE), 2:0 Saborowski
larczyk (70.), 3:0 Cieslarczyk (87.) – SR: (84.), 2:1 Maas (89.) – SR: Tschenscher (36.), 2:1 Strehl (56.), 3:1 Ulsaß (88.),
Radermacher (Siegburg) – Zuschauer: (Mannheim) – Zuschauer: 25 000 4:1 Moll (90.) – SR: Regely (Berlin) –
45 000 Zuschauer: 38 000

kicker TYPEN & TRIUMPHE


X XI NX XT EX XR XG XRXU N XDX X DX IXEX XSXCXH L A G Z E I L E N D E R S A I S O N
H

Da staunt
sogar die
Fachwelt … Das Sonderheft: Die Landkarte wird als
Comic präsentiert. Beim Tipp setzt kein
Promi auf einen Meister Braunschweig.

1967 gilt schon ein Farbbild als Knaller. 5


Für 80 Pfennig kann sich der Fan über die
Bundesliga informieren. Und manches von
damals ist auch heute noch topmodern.
BERND SALAMON

70

P ink ist das Logo auf dem Cover.


Knallpink! Oder auch schon
mal grün. Das Sportmagazin traut
fotografieren?“ und hat im Januar
1967 auch Box-Idol Muhammad
Ali schon mal auf der Titelseite.
sich was. 1966 beschäftigt sich die Fußball ist nicht alles in dieser Zeit.
vom Olympia-Verlag in Nürnberg Analysen und Hintergrundberichte
zweimal pro Woche herausge- gibt es aber schon: Tabellen, Vor- Der Herbstmeister: Nach dem 4:0 in
brachte Zeitschrift lange mit der schauen, Noten, Kreuztabelle – Ele- Nürnberg ist klar, dass diese Eintracht
WM und dem Wembley-Tor. Ver- mente einer Zeitung, die auch 2017 bis zum Ende ganz oben bleiben kann.
ständlich. Erst spät rückt die Bun- modern sind. Im April 1967 wird auf
9
desliga in den Mittelpunkt der Be- der Titelseite groß beworben, dass
richterstattung. Die Eintracht aus im Heft ein Farbbild der Eintracht
Braunschweig ist zunächst auch da zu sehen ist. Ein Knaller: Farbbilder
nicht das große Thema, ihr Saison- sind die große Ausnahme. Die Titel-
auftakt gegen Bremen ist nur Spiel gestalter haben die schwere Aufga-
vier in der Montags-Ausgabe. Die be, oft schon über eine Woche vor
Taktik freilich, ein „variantenrei- dem Erscheinungstag festlegen zu
ches Angriffsspiel, bei dem ein Risi- müssen, wer auf Seite 1 präsentiert
ko möglichst ausgeschaltet werden wird. Daher taucht die Eintracht
soll“, die wird auch in dieser Zeit erst spät in der Saison vorne auf.
schon detailliert beschrieben. Die Meisterschaft freilich wird ge-
Der kicker, der damals vom Ham- bührend gefeiert, vom Sportmaga-
burger Axel-Springer-Verlag her- zin wie vom kicker.
ausgebracht wird und mit 1 Mark Ein Jahr später erwirbt der
um 20 Pfennig teurer ist als das Olympia-Verlag den kicker und ver-
Sportmagazin, berichtet einmal einigt ihn mit dem Sportmagazin.
pro Woche über die Bundesliga. Er Am 7. Oktober 1968 veröffentlicht Der goldene Mai: Das Sportmagazin
bringt eine Serie über das Thema: das kicker-sportmagazin seine Erst- feiert die Eintracht schon am letzten
„Wie kann man eigentlich Fußball ausgabe. ■ Wochenende als neuen Meister.

kicker TYPEN & TRIUMPHE


2 3 4

Der erste Spieltag: Das 2:0 der Eintracht Auf dem Titel: Walter Schmidt (rechts, Der Erfolgstrainer: Im Oktober widmet
gegen Werder ist nur Spiel vier in der daneben Wolfgang Brase) steht vor sich das Sportmagazin der starken
Montagsausgabe des kicker. seinem 100. Bundesliga-Match. Leistung von Helmuth Johannsen.

6 7 8

71

Die Foto-Story: Anfang Januar 1967 Das Glanzstück: Im April hauen die
Die Vision: Johannsens kluge Taktik
taucht der kicker ein in die private Welt Löwen die Bayern im Spiel des Tages
wird nach dem Sieg gegen 1860
der Braunschweiger Spieler. weg – selbst Beckenbauer applaudiert.
schon als Zukunfts-Fußball gepriesen.
10 11 12

Die Sensation: Die Ausgabe am 5. Juni Die Helden: Auch der Titel des kicker Die Gratulation: Der kicker berichtet
1967 beschreibt den neuen Champion. zeigt die Braunschweiger. 150 Preise vom Autokorso und dem Besuch bei
Auf dem Titel ist die Schale zu sehen. winken bei einem Aufsteiger-Tippspiel. Oberbürgermeister Bernhard Ließ.

kicker TYPEN & TRIUMPHE


HINTERGRUND DIE MEISTERFEIER

Gute
Der 3. Juni – in Braunschweig
ein Feiertag. 1967 kommen
15 000 Fans zur Feier auf den
Altstadtmarkt. Der Trainer
lässt es krachen wie nie. Und
das Meisterbier schmeckt.
THOMAS HIETE

72
D er Tag danach. Das Stadion
an der Hamburger Straße.
Hinter den Toren, die 24 Stunden
zuvor beim Meisterstück gegen
Nürnberg stark beansprucht wor-
den waren, stehen und liegen noch
einige Holzstühle, die Spuren einer
großen Party sind unübersehbar.
Zeitungen, Papierschnipsel, mit-
tendrin zahlreiche geleerte Dosen
des Meisterbiers, das die Dortmun-
der Union-Brauerei auf den Markt
gebracht hat. Insgesamt wurde eine
Million Dosen produziert. Und kein
Fan hätte sie einfach weggeworfen,
wenn er gewusst hätte, welch ho-
1 hen Sammlerwert sie heute haben.
Es herrscht fast schon gespensti-
2 sche Ruhe an diesem Ort, der am
Tag zuvor noch einem Tollhaus
glich. „Eintracht Braunschweig – ei
jei jei jei.“ Eine Stadt bejubelt ihre
Mannschaft.
Nach dem Schlusspfiff gegen
den Club gibt es kein Halten mehr.
Ein Malzbierstand wirbt mit dem
Motto: „Braunschweiger Bier gibt
gute Geister – unsere Eintracht ist
jetzt Deutscher Meister!“ Die An-
hänger stürmen den Innenraum,
dennoch läuft es gesitteter ab, als
es mitunter heutzutage der Fall ist.
Das Bier wird getrunken und nicht

kicker TYPEN & TRIUMPHE


Geister
3 4 5
1 Auf dem Platz:
Die Fans mit
über davonsprintende Trainer ge- Auf dem Altstadtmarkt brechen Joachim Bäse Jahr 1895 gegründet worden war. 73
gossen. Die Mannschaft wird ge- dann fast alle Dämme. Nur mit 2 Im Rathaus: DFB-Präsident Hermann Gösmann
feiert und nicht gejagt. Die Über- Mühe können Polizeiketten die Die Spieler überreicht die Meisternadeln des
gabe der Meisterschale an Kapitän Fans zurückhalten, mehr als 15 000 werden geehrt. Verbandes, Glückwunschtelegram-
Joachim Bäse ist der Startschuss warten auf ihre Helden. Der für ge- 3 Im Autohaus: me aus aller Welt treffen ein. Auch
wöhnlich introvertierte Johannsen Der Titel bringt vom früheren Bundestrainer. Der
Auch Gegner Nürnberg präsentiert sich ausgelassen wie ein Schnäppchen. schreibt: „Herzlichen Glückwunsch
wird zur Meisterfete in nie, die Mannschaft geht geschlos- 4 Vorm Stadion: zur Erringung der deutschen Ver-
die Stadthalle geladen. sen dorthin, wohin ein Meister Es gibt Freibier! einsmeisterschaft dem Verein, dem
gehen muss: auf den Balkon des Für die Jugend Trainer Helmut Johannsen, den Ka-
für einen Partymarathon. Für das Altstadtrathauses. Bürgermeister Malzbier … meraden der 1. Mannschaft. Seppl
Team geht es zunächst in die Ka- Bernhard Ließ sagt stolz: „Der Jubel 5 Mittendrin: Herberger.“
bine. Ehrenpräsident Dr. Kurt Ho- kennt keine Grenzen.“ Die Fans mit Und auch der Eintracht-Trainer
pert stößt mit den Spielern auf den ihren Plakaten lässt sich nicht lumpen. Während
größten Erfolg des Vereins an. Tri-
kots werden mitunter an die Fans
verschenkt, im feinen Zwirn geht es
U nd er findet an diesem Tag
auch kein Ende. Weiter geht
es in die Stadthalle. Die offizielle
6 Voll dabei:
Da freut sich
in der Stadt und im Stadion am Tag
nach dem Titel die Aufräumarbei-
ten beginnen, lädt Johannsen seine
Fotos: picture-alliance (3), Witters (3)

sogar die Polizei.


zum Autokorso durch die Stadt. Das Meisterfeier, zu der auch der Geg- Spieler samt Familien zu sich nach
Ziel: der Altstadtmarkt. ner aus Nürnberg mit Trainer Max Hause in seinen Garten ein. Hier und
Es ist eine Triumphfahrt. Fünf Merkel eingeladen ist. 250 gela- in der ganzen Stadt gibt es nur ei-
Kilometer pure Freude, gelb-blaue dene Gäste kommen exakt an je- nen Hit: „Eintracht Braunschweig –
Glückseligkeit. Zehntausende Fans nen Ort, an dem die Eintracht im ei jei jei jei.“ ■
säumen die Straßen, quetschen
sich auf die Balkone und stehen auf
Dächern, um die Meister zu sehen.
Selbst einsetzender Regen kann die
Stimmung der Niedersachsen nicht
trüben. In zehn Käfer-Cabrios rollt
der Eintracht-Tross durch die Stra-
ßen. Ganz vorne in der Partykolon-
ne: Präsident Ernst Fricke, Trainer
Helmuth Johannsen, Kapitän Bäse.
Und die Schale. 6

kicker TYPEN & TRIUMPHE


HINTERGRUND EINTRACHT IM LANDESMEISTERCUP

Wilde Gesellen
Nach dem Coup in der Bundesliga ist die Eintracht
für den Europapokal der Landesmeister qualifiziert.
Braunschweig trifft im Viertelfinale auf Juventus Turin.
Der Ausgang ist denkbar knapp. Erinnerungen.
A L E X R A AC K

A ls die Partie vorbei ist, als


sich 30 000 Braunschweiger
auf den Heimweg machen, um in
mie gebracht“, wie sich der heute
76-jährige Kaack erinnert. In der
zweiten Runde wartet mit Rapid
74 den Kneipen der Stadt den histori- Wien eine echte Größe des euro-
schen Sieg ihrer Mannschaft zu be- päischen Klubfußballs auf das klei-
gießen, sitzt ein Mann in der Kabine ne Braunschweig. Schiedsrichter
des Eintracht-Stadions und versteht dieser Partie: Tofik Bakhramov aus
die Welt nicht mehr. Peter Kaack, der Sowjetunion, der ein Jahr zuvor
eisenharter Verteidiger, 26 Jah- als Linienrichter für das legendäre
re alt, vergräbt das Gesicht in den Wembley-Tor verantwortlich war.
Händen, während seine Kollegen Doch an Bakhramov liegt es nicht, 1 Der Anfang:
unter der Dusche bereits das Spiel dass die Eintracht mit 0:1 verliert. Anspannung vor 31. Januar 1968 Juventus. Schon
analysieren. Mit 3:2 hat der Überra- Vielmehr an der starken Rapid-Of- dem Heimspiel nach zwölf Minuten gehen die Ita-
gegen Juve zeigt
schungsmeister von 1967 das Hin- fensive, deren Anführer, der trick- liener in Führung, einen verlän-
die Eintracht-Elf.
spiel im Europapokal-Viertelfinale reiche Franz Hasil, dann auch das gerten Freistoß von der Außenli-
gewonnen. Gegen Juventus Turin, einzige Tor der Partie schießt. Im 2 Der Anfang vom nie stolpert Kaack auf der Torlinie
den 13-maligen Italienischen Meis- Rückspiel macht allerdings selbst Ende: Bercellino stehend unglücklich ins eigene
verwandelt in
ter. Und doch kann Kaack sein Pech Hasil keinen Stich gegen die ge- Netz. Die wütenden Angriffe der
Turin kurz vor
nicht fassen. Mitspieler Lothar fürchtete Braunschweiger Defen- Schluss per Braunschweiger belohnt Kaack mit
Ulsaß findet die richtigen Worte: sive um Libero Joachim Bäse. Den Elfmeter zum 1:0. seinem zweiten Treffer – einem
„Kopf hoch“, ruft der flinke Stürmer ungefährdeten 2:0-Sieg belohnt Dadurch gibt es Flachschuss von der Strafraum-
und schlägt dem Kollegen auf die eine Firma mit Elektrorasierern für ein drittes Spiel. grenze, diesmal ins Tor der Gäste
Schulter, „wer schießt schon drei jeden Braunschweiger Spieler. 3 Das Ende: aus Italien. Noch vor der Pause er-
Tore im Europapokal?“ Frisch gestutzt empfängt die Ein- Entscheidungspiel höhen Hans-Georg Dulz und Horst
Niemand hat den bis dato in tracht im Viertelfinalhinspiel am in Bern. Dulz Berg auf 3:1, die Sensation gegen
Europa völlig unbekannten Braun- gegen Luis del die hochbezahlten Profis aus Tu-
schweigern zugetraut, überhaupt KAMPFLOS NACH WIEN Sol (links) und rin scheint zum Greifen nahe. Bis
das Viertelfinale zu erreichen. Die Ernesto Castano. neun Minuten vor dem Ende ein
erste Runde überstehen die Nieder- Fünf große Nächte Juve siegt 1:0. verzweifelter Juve-Angriff erst am
sachsen kampflos, der Grandplatz 1. Runde Dinamo Tirana kampflos Fuß von Bäse, dann am Schienbein
des Albanischen Meisters Dinamo 2. Runde Rapid Wien - Eintracht 1:0 von Kaack und schließlich im Tor
Tirana hat den Anforderungen der Eintracht - Rapid Wien 2:0 landet. Das zweite Eigentor. 3:2,
UEFA nicht genügt, nach einigem Viertelfinale Eintracht - Juventus 3:2 ein großer Sieg, den der dreifache
Hin und Her zieht Dinamo sei- Juventus - Eintracht 1:0 Torschütze allerdings erst nach ein
ne Teilnahme zurück – „und hat Juventus - Eintracht 1:0 paar Schnäpsen mit Kumpel Bäse
uns damit um 500 Mark Siegprä- genießen kann. „Lange konnte man

kicker TYPEN & TRIUMPHE


1

75

2 3

in dieser Mannschaft ohnehin nicht der gerne gegen den direkten Ein- Roger Magnusson Schmidt nach
traurig sein“, erinnert sich Kaacks zug ins Halbfinale eingetauscht. einem Zweikampf in der 56. Minu-
Mitspieler Walter Schmidt, „erstens Kaack ärgert sich noch heute, dass te im Mittelfeld entwischt und das
waren wir alles Freunde und zwei- sein Kollege Berg Juves Luis del Sol entscheidende Tor erzielt. Die Ein-
tens äußerst talentierte Sangesbrü- in der 88. Minute nicht „einfach tracht ist ausgeschieden. Der da-
der.“ Spätestens als sich die Braun- rechtzeitig umgehauen hat“, son- malige Kapitän Joachim Bäse weiß,
schweiger am Tag des Rückspiels dern sich damit Zeit ließ, bis der was zu tun ist: „Nach unserer An-
am 28. Februar in Stimmung träl- Spanier den Braunschweiger Straf- Turbulenzen: kunft in Braunschweig zogen wir
Peter Kaack trifft
lern, ist Kaacks Ärger verflogen. An- raum erreicht hatte. Den fälligen direkt in unsere Stammkneipe. Da
im Hinspiel gleich
geführt von Ersatztorwart Hennes Elfmeter verwandelt Giancarlo Ber- dreimal – davon wurde ordentlich gebechert.“ Und
Jäcker, einem musikalischen Multi- cellino sicher. Was die mitgereis- zweimal ins wohl auch wieder gesungen.
talent, gibt der Deutsche Meister ten Fans aus Niedersachsen nicht eigene Netz. Für die Eintracht ist es der erste
auf der Fahrt nach Turin den Klas- davon abhält, die Spieler auf der und für lange Zeit auch der letzte
siker „Wilde Gesellen“ zum Besten. Zugrückfahrt mit ein paar Bieren Auftritt auf dem rutschigen europä-
„Das passte wunderbar zu uns“, sagt heimischer Brauart zu den nächs- ischem Parkett. Und Juventus? Tu-
Schmidt und singt dann tatsächlich ten musikalischen Glanzlichtern zu rin bekommt im Halbfinale Benfica
ins Telefon: „Wilde Gesellen, vom bewegen. Lissabon mit dem großen Eusebio
Sturmwind durchweht, Fürsten in zugelost und unterliegt ziemlich
Lumpen und Loden, ziehn wir da-
F ür das Entscheidungsspiel hat klar mit 0:1 und 0:2. Für Kaack, den
Fotos: imago/Rust, Witters, picture-alliance

hin, bis das Herze uns steht . . .“ sich die UEFA einen Ort ausge- tragischen Helden vom Viertelfina-
Die italienische Presse findet sucht, der gerade beim deutschen le, zumindest ein kleiner Trost: „Wir
nach der knappen 0:1-Niederlage Anhang einige selige Erinnerungen ersparten Benfica viel Schmerz. Die
ähnlich stürmische Worte für die weckt: 45 000 Menschen strömen am hätten beim Anblick unserer klei-
Deutschen. Doch die „Furien aus 20. März 1968 ins Berner Wankdorf- nen Holztribüne sicherlich einen
Braunschweig“ hätten die Loblie- stadion und sehen, wie der Schwede Schlag bekommen!“ ■

kicker TYPEN & TRIUMPHE


GESCHICHTE 1895–1966

Die Löwen
Der aufregende Weg des Klubs
Mit einem „Fußball- und Cricket-Club“ fängt alles an.
Es folgen pfiffige Präsidenten, aufgebrachte Fans, zwei
Weltkriege, die den Verein erschüttern. Die Geschichte
dieser Eintracht ist kompliziert und spannend.
MICHAEL RICHTER

76
E s gehört mehr und mehr zu
den Ausnahmen, dass vier
weit in die Höhe ragende Licht-
solchen gibt es in der Region noch
nicht. Wieder ebnet ein Eintracht-
Präsident den Weg: Auch dank des
masten in der Landschaft schon seit 1903 amtierenden Johannes
aus großer Entfernung anzeigen, Runge wird der „Fußballbund für
wo sich großer Fußballsport ver- das Herzogtum Braunschweig“
steckt. Braunschweig verfügt mit ins Leben gerufen. Die Eintracht,
dem Eintracht-Stadion über einen die schon seit 1903 drei komplette
solchen Ort, der sich anhand seiner Mannschaften stellt, kann fortan
Lampenträger schon tagsüber, erst um höchste Ehren mitstreiten.
recht aber bei Abendspielen gut aus Erste Highlights erlebt der Ver-
der Ferne ausmachen lässt. ein gegen den späteren Erzrivalen
Das ist natürlich nicht schon im- Hannover 96. Im Endrundenspiel
mer so. Die ersten Bälle spielen sich 1905 in Magdeburg gelingt den Moderne:
die Männer in kurzen Hosen bei der Braunschweigern ein 3:2 nach Ver- 23 325 Zuschauer und sogar eine kleine Tribüne aus
Eintracht in den Jahren nach der längerung. Zwei Runden weiter al- dürfen heute ins Holz für 300 Zuschauer verfügt.
Gründung 1895 auf dem Leonhard- lerdings ist gegen Berlins Meister Eintracht-Stadion. Es ersetzt als Spielstätte die Felder
platz zu, an dessen Stelle sich heute Union 1892 beim 1:4 Endstation. am Leonhardplatz und auf dem
die Stadthalle befindet. Bahnbre- Statt des Titels gewinnt der Klub Kleinen Exerzierplatz. Vereinsmit-
chendes passiert bald in Leipzig. glieder hatten einen Kredit über
Dort wird am 28. Januar 1900 der Am Bahnhof wollen 5000 Mark aufgenommen und das
DFB gegründet. Für den „Fußball- die Fans verhindern, dortige Grundstück gekauft. Zur
und Cricket-Club Eintracht Braun- dass ihr Idol geht. Eröffnung des historisch ersten ver-
schweig“ ist dessen Vorsitzender einseigenen Sportplatzes am 8. Ok-
Kars Stansch dabei und meldet in diesen Jahren ein anderes, blei- tober 1905 kommt Wacker Leipzig –
seinen Verein als Einzelmitglied bendes Merkmal hinzu: Die Spieler und wird mit 3:0 besiegt.
an. Der organisierte Spielbetrieb tragen in Rot auf weißem Grund Der Fußballbund für das Her-
hatte sich rasant entwickelt, in das Stadtwappentier auf der stolzen zogtum Braunschweig geht derweil
Braunschweig jedoch gibt es einen Brust – es ist die Geburt der Braun- als Bezirk im Norddeutschen Fuß-
Haken: Teilnehmen dürfen an den schweiger „Löwen“ im Fußball. ball-Verband auf. Schon 1906 steht
Endrundenspielen um die Deut- Zehn Jahre später wird an der die Eintracht hier erstmals in einem
sche Meisterschaft nur die Sieger Helmstedter Straße ein Areal ein- norddeutschen Endspiel, verliert
der Landesverbände – und einen geweiht, das über ein Fußballfeld aber gegen Victoria Hamburg 2:5.

kicker TYPEN & TRIUMPHE


Wahrzeichen: Zum
Braunschweiger
Wieder ändert sich die Etikette: Aus Stadion gehört Meisterschaft gegen West-Vertreter rend, bildet das Privatspiel am 77
seit 1957 die
dem „Fußball- und Cricket-Club“ Duisburger Spielverein beim 0:1 28.  März 1921 gegen VOC Rotter-
Flutlichtanlage –
wird am 12. Oktober 1906 der „Fuß- die erste
schnell Schicht. dam vor der Rekordkulisse von 5200
ball-Club Eintracht“. Und der steht ihrer Zeit in 1913 wiederholt sich Geschichte. Besuchern einen ersten Höhepunkt
früh für gute Talentförderung: 1907 Norddeutschland. Erneut geht es gegen Victoria, er- nach bitteren Jahren. Das Großer-
gibt es mit Richard Queck einen neut siegt die Eintracht, diesmal mit eignis zeigt: Wachsende Zuschau-
Halbstürmer, der es einmal bis zum 3:2 im legendären Hamburger Sta- ermassen erfordern ein größeres
Nationalspieler bringen wird. dion Hoheluft, wohin viele Anhän- Stadion. Eintrachts Bosse werden
ger in einem Sonderzug ihr Team mit einem Spargelfeld an der Ham-

D em jungen Queck kommt aller-


dings Walter Poppe zuvor. Der
Außenspieler ist am 20. April 1908
begleiten. Im zweiten Meisterteam
steht auch Otto Fritz Harder. Der,
in Braunschweig geboren, erlangt
burger Straße fündig. Freunde des
Vereins können Anteilsscheine an
einer Stadion-Gesellschaft erwer-
beim 1:5 in Berlin gegen England später als Otto „Tull“ Harder beim
dabei, dem zweiten Länderspiel HSV Berühmtheit. Kurios ist der Auf einem Spargelfeld
der DFB-Geschichte. Acht Tage Weg, den er 1913 von der Eintracht entsteht das heutige
zuvor stand er in jener Eintracht- Highlight: zum HSV-Vorgänger Hamburger FC Stadion.
Mannschaft, die den großen Wider- 1955 findet in nimmt: Weil am Braunschweiger
sacher, Victoria Hamburg, erstmals Braunschweig das Bahnhof aufgebrachte Fans die Ab- ben, die soll den Bau der neuen
mit 3:1 besiegt hatte und als Nord- Endspiel um den reise ihres Idols verhindern wollen, Kampfbahn ermöglichen.
deutscher Meister grüßt. Allerdings DFB-Pokal statt. steigt Harder inkognito in ein Auto So kommt es auch. Mit einem
Karlsruhe besiegt
ist anschließend in der Deutschen und einige Stationen später in der 2:1 gegen eine Polizeiauswahl en-
Schalke mit 3:2.
Nachbarstadt Peine in den Zug … det aber erst am 20. Mai 1931 die
Es folgt der Krieg. 1914 ziehen Ära des Platzes an der Helmstedter
264 Eintracht-Mitglieder Richtung Straße, auf dem sich heute Teile des
Front. Vier Jahre später muss der Hauptfriedhofs befinden. Zu die-
Verein 93 gefallene Kameraden sem Zeitpunkt haben die Blau-Gel-
beklagen. Die Daheimgebliebenen ben ihre Heimspiele schon seit acht
spielen in zusammengewürfelten Jahren am heutigen Standort Ham-
Bezirksauswahlen. Nur mühsam burger Straße ausgetragen. Dort
führt der Weg zurück in die Norma- kommt es am 17. Juni 1923 in einem
lität. Als Breitensportklub seit 1920 Provisorium (die Haupttribüne
unter dem Namen „Braunschwei- wird erst 1924 fertig) zur Eröffnung
ger Sportverein Eintracht“ firmie- gegen die Spitzenmannschaft des

kicker TYPEN & TRIUMPHE


GESCHICHTE 1895–1966

1. FC Nürnberg, die vor 15 000 Zu- Bratwurststand:


schauern ein 10:1 abfackelt. Auf dem Weg zum
Die Eintracht findet nur allmäh- Eintracht-Stadion
führt kein Weg an
lich zurück zum Ruhm. Zwar sorgt
einem schnellen
1926/27 der Ungar Gyula Feldmann
Imbiss vorbei.
als erster Braunschweiger Profi-
Trainer für internationales Flair – Deutschen Meisterschaft ist 1943 gilt als die erste ihrer Art in Nord-
im norddeutschen Spitzenfußball gegen den Dresdner SC Endstation, deutschland. In der Oberliga wird
aber sind die „Löwen“ nicht mitten- für den der spätere Bundestrainer der Klub 1957/58 hinter dem HSV
drin. 24 000 Fans sehen am 31. Ok- Helmut Schön spielt, 1944 gegen Vizemeister im Norden.
tober 1937 das umkämpfte Pokal- Wilhelmshaven 05. An der Schwelle zum modernen
spiel gegen den Deutschen Meister Fußball haben die Braunschweiger
Schalke, der in der 119. Minute zum
1:0-Siegtreffer kommt.
Nach einigen Meistertiteln im
D er Preis für die Verbindungen
zu den Nationalsozialisten ist
hoch: Nach Kriegsende untersagen
dann Glück. Mit einem komplizier-
ten Punkteschlüssel will der DFB
jene 16 Vereine ermitteln, die 1963 in
Südkreis, einer Vorqualifikation die britischen Besatzer eine Wieder- der Bundesliga starten dürfen. Drei
zur Norddeutschen Meisterschaft, gründung. Die Konzession erhält im aus dem Norden sollen dabei sein.
kann sich auch der Fußball in der September 1945 nur ein „Turn- und Hinter dem HSV und Werder qua-
Sport-Verein Braunschweig“. Der lifiziert sich nach diesem Ranking
78 Die Nähe zur NSDAP qualifiziert sich für die neue Ober- eigentlich Osnabrück vor St. Pau-
wird nach dem Krieg liga Nord. Erst vom 1. April 1949 li und den punktgleichen Kiel und
zum Problem. an darf der Klub wieder den Traditi- Braunschweig. Doch dann erklärt
onsnamen „Eintracht“ führen. der Verband diese Teams aufgrund
Stadt der Einflussnahme durch die Das Stadion bleibt von Bom- ihrer Vergangenheit für gleichwer-
Nationalsozialisten nicht entzie- benangriffen verschont, doch erst
hen. Bedenklich für die Eintracht: 1950 ist dort wieder an Vereins- Eigentlich hatte sich
Die personelle und gedankliche sport zu denken. Die Briten hatten Osnabrück für die
Nähe zur NSDAP lassen den Verein das Gelände als Materiallager und Bundesliga qualifiziert.
in Deutschlands dunkelster Zeit Sportstätte genutzt. Mit einer Ge-
sportlich profitieren – 1943 und neralrenovierung wird das Rund tig und lässt die letzte Oberligasai-
1944 gewinnt er den wertlosen Titel aber zu einem schmucken Spielort son 1962/63 den Ausschlag geben.
eines „Gaumeisters Südhannover- mit Platz für 30 000 Zuschauer. So- In dieser belegt die Eintracht Platz
Braunschweig“. Da stehen auf dem gar ein DFB-Pokalendspiel findet drei – und ist in der Bundesliga.
B- und C-Platz an der Hamburger hier statt, am 21. Mai 1955 siegt der Später wird spekuliert, dass die
Straße bereits Flak-Anlagen gegen Haupttribüne: Karlsruher SC 3:2 gegen Schalke. Kontakte von Präsident Dr. Hopert
die Luftangriffe der Alliierten. Am Spielt die Die Eintracht erlebt diese Zeit in zu Bundestrainer Sepp Herberger,
10. Januar 1943 gelingt gegen Göt- Eintracht, ist der Oberliga Nord. 1951/52 stürzt das frühe Bekenntnis des Klubs zur
tingen mit 21:0 der höchste Pflicht- das Stadion sie erstmals in die Zweitklassigkeit. neuen Liga und dessen wirtschaftli-
regelmäßig
spielsieg. In den Endrunden zur In einer von den Einsätzen nicht che Stabilität Einfluss hatten.
ausverkauft.
spielberechtigter Akteure und Be- Beim 1:0 gegen Münster am
stechungsversuchen überschat- 31. August 1963 rollt erstmals der
teten Saison wird sie vom DFB Bundesliga-Ball im Eintracht-Sta-
in die Amateurliga Niedersach- dion: Erweiterungen und Sanie-
Fotos: Witters (2), imago/Otto, imago/Rust, picture-alliance

sen-Ost strafversetzt, rappelt sich rungen in den 60er und 70er Jahren
aber schon ein Jahr später unter sowie die Renovierungen zwischen
dem neuen Vorstand um Dr. Kurt 2008 und 2013 machen es zum
Hopert und mit ihrem Trainer Ed- Schmuckstück. 23 325 Menschen
mund Conen wieder auf. dürfen heute hinein. Bei ihrer An-
Fortan strahlt die Eintracht in reise orientieren sich nicht wenige
jeglicher Hinsicht. Die am 18. Sep- von ihnen an den vier Lichtmas-
tember 1957 beim 4:0 gegen Düs- ten, den hageren Wahrzeichen der
seldorf eingeweihte Flutlichtanlage Heimstatt der Löwen. ■

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70ER JAHRE GESCHICHTE

Alles andere
als eine
Schnapsidee …
Günter Mast führt 1973 in Braunschweig die
Trikotwerbung ein. Damit beginnt eine neue Ära.
HANS-GÜNTER KLEMM

E in Werbeslogan, der um die


Welt ging: „Ich trinke Jä-
germeister, weil …“ Der Kräuter-
recht kein Experte, hatte die Idee.
Mast, auch Erfinder des Jägermeis-
ter-Slogans, erkannte Sport als luk- 79
schnaps-Hersteller aus Wolfenbüt- ratives Massenphänomen, spannte
tel, laut Unternehmensangaben in den Fußball für seine Zwecke ein:
über 80 Ländern aktiv, wurde damit Werbung auf der Brust, Werbung
berühmt. „Ich trinke Jägermeister, für 180 000 Mark im Jahr.
weil das doch was anderes ist als „Was Abseits ist, kann ich nicht
Bayerisches Bier!“ Bernd Gersdorff, erklären“, kokettierte der 2011 ver- 1
eine Eintracht-Legende, die zuvor storbene Fabrikant, später auch 1 So ein Hirsch?
eine halbe Saison lang bei den Bay- kurzzeitig Präsident der Eintracht. Günter Mast war folgte, zuletzt bildete nur noch die
Mit Eintracht-Präsident Ernst „Bal- der Konkurrenz Größe der Werbefläche den Streit-
Für den Unternehmer duin“ Fricke hatte er alles gut insze- einen Zug voraus. punkt. Mast freute sich über die mo-
war Sport ein lukratives niert und den DFB in Verlegenheit 2 Werbespruch: natelange unbezahlbare Bericht-
Massenphänomen. gebracht. Der Hirsch ersetzte den Bernd Gersdorff erstattung. Dann der historische
Löwen im Vereinswappen. Ein juris- macht Reklame, Tag, der 24. März 1973, das Spiel
ern gespielt hatte, sagte dies auf ei- tisches Tauziehen mit dem Verband er spielte zuvor gegen Schalke. Erstmals lief Braun-
nem Werbeplakat. 1973 begann in für kurze Zeit schweig mit Trikotreklame auf. „Et-
der Bundesliga eine neue Zeitrech- 2 beim FC Bayern. was Revolutionäres“, betont Marc
nung: die Ära der Trikotwerbung. Arnold, der heutige Manager. An-
Bis dato war die Brust der Profis dere Klubs zogen nach. Acht Jahre
werbefrei. Doch im Bestreben,
neue Geldquellen zu erschließen, Durch Trikotwerbunng
änderte sich dies. nimmt die Liga aktuell
Der Anfang wurde in Braun- 182 Millionen Euro ein.
schweig gemacht. Es begann mit
dem „Hubertus-Hirsch“, dem Mar- später traten alle 18 Erstligisten mit
kenzeichen des Kräuterlikör-Pro- Trikotwerbung an. Heute ist dies
duzenten, fortan auf den Trikots eine immense Einnahmequelle:
Fotos: imago/Sven Simon, Jägermeister

der Eintracht zu besichtigen. Alles 182 Millionen Euro erzielten die


andere als eine Schnapsidee des Bundesligisten 2016/17 auf diese
Firmenpatriarchen Günter Mast, Art. Zeitzeuge Bernd Gersdorff lobt
der diese Marketing-Revolution das Erfolgsmodell: „Niemand dach-
anzettelte. Der passionierte Jäger, te damals, mit welcher Dynamik es
keineswegs ein Fußballfan und erst sich entwickeln würde.“ ■

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GESCHICHTE 70ER JAHRE

1
80

Besser als 1967?


Nach dem ersten Bundesliga-Abstieg geht es schnell besser zu machen. Die Eintracht,
wieder nach oben. Und nicht nur das: Unter Trainer das bescheinigten die Experten,
spielte weit über dem erwarteten
Branko Zebec wird in den 70er Jahren ein legendäres
Niveau, meldete sogar Titelansprü-
Team aufgebaut. Es fehlt nur ein Detail – der Titel. che an. In der Saison 1976/77 lan-
dete der Klub aus dem damaligen
HANS-GÜNTER KLEMM
Zonenrandgebiet auf dem dritten
Platz, punktgleich mit Schalke 04,

W
Trainer mit
Charisma: nur einen Zähler hinter dem Meis-
er dies behauptet, erntet unter Branko Zebec, die von 1974 Branko Zebec ter Borussia Mönchengladbach,
noch heute im Dunstkreis bis 1977 die Liga aufmischte. führte die und deutlich vor dem aktuellen Re-
des Stadions an der Hamburger „Wir hatten eine Spitzenmann- Eintracht zurück kordmeister Bayern München, der
Straße böse Blicke. Obwohl der Ge- schaft“, urteilt Bernd Gersdorff, der nach oben. damals mit den Rheinländern im
danke so abwegig nicht ist: Die bes- Ausnahmefußballer aus Berlin, der deutschen Fußball eigentlich den
te Mannschaft in der Vereinshisto- seine beste Zeit in Niedersachsen Ton angab.
rie war keineswegs die Meisterelf erlebte. „Jedes Jahr haben wir um
von 1967, sondern eine Truppe,
der die Krönung eines Titelgewinns
versagt geblieben ist. Es ist die Rede
den Titel mitgespielt.“
Zebec, als Spieler ein Weltklas-
semann, als Trainer nicht minder,
D ie Namen zergehen auf der
Zunge: Bernd Franke im Tor,
Friedhelm Haebermann und Rei-
von der Formation späterer Jahre, kam über die Stationen Bayern ner Hollmann, Franz Merkhoffer
gespickt mit etlichen Klassespie- München, VfB Stuttgart und Hajduk und Wolfgang Dremmler in der Ab-
lern, geführt und zu Höchstleistun- Split nach Braunschweig. Mit dem wehr, Wolfgang Grobe, Aleksandar
gen gelenkt von einem Trainer, der 1988 verstorbenen Coach ging es Ristic und Karlheinz Handschuh im
zu den anerkanntesten Branchen- schnell bergauf. Zebec erwarb sich Mittelfeld, Danilo Popivoda, Wolf-
größen gehörte: die Eintracht-Elite den Ruf, Spieler und Mannschaften gang Frank und besagter Bernd

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Gersdorff im Sturm. Profis der Gü-
teklasse 1 A, die für besten und
auch für einen spektakulären Fuß-
ball standen.
Es war die Braunschweiger Hoch-
Zeit in den 70er Jahren, die gera-
de in der Löwenstadt durch zwei 2 3
Ereignisse gekennzeichnet waren: 1 Ein Triumphvirat
den Bundesliga-Skandal mit sei- der 70er Jahre: den Knefler sofort ausradieren zu vermeiden. Doch auch dessen
nen Folgen und die Pioniertat mit Danilo Popivoda, konnte mit dem wichtigen Wie- Verweildauer war begrenzt: Gerade
Wolfgang Frank
der Einführung der Trikotwerbung. deraufstieg 1974. mal ein halbes Jahr war Lucas der
und Bernd
Die Verwicklung der Eintracht in Gersdorff (von
Es folgte die Glanzzeit unter Chef. Der schlimme Start 1979/80
die Machenschaften zu Beginn des links) mischten Zebec. Doch als dieser, der sich wurde ihm zu Verhängnis.
Jahrzehnts, als Manipulationen und mit der Eintracht in Braunschweig für höhere Wei- Braunschweig also abermals in
Schiebung den Fußball landesweit die Liga auf. hen empfohlen hatte, die er spä- Not. Als Nothelfer wurde Uli Maslo
in Misskredit brachten, mag auch 2 Schon als ter beim Hamburger SV empfing, verpflichtet, doch nicht als reiner
Spieler ein Löwe: die Eintracht verließ, wiederholte Feuerwehrmann, sondern als ein
„Braunschweig – das Später trainierte sich die Geschichte. Langsam Trainer mit Perspektive. „Ich sollte
war ein schlimmes Aleksandar Ristic ging es bergab. Daran konnte einen Neuaufbau starten, der Ab-
die Eintracht. auch der von Sponsor Günter stieg war gewissermaßen einkalku- 81
Jahr für mich.“ Mast eingefädelte und teilweise liert. Es sollte die Basis geschaffen
3 Bernd
Paul Breitner Gersdorff, Bernd finanzierte Coup nichts ändern:
Franke, Franz Ein Weltstar kam in die Provinz. „Die Mannschaft war
einen Teil dazu beigetragen haben, Merkhoffer . . . Paul Breitner kehrte nach drei
ein legendäres
überaltert. Mehr war
dass der Verein 1973 den ersten Ab- Jahren bei Real Madrid nach
stieg aus der höchsten deutschen Team läuft auf: Deutschland zurück. Ein Trans-
nicht machbar.“
1975 wird der VfB Uli Maslo über den Abstieg
Spielklasse zu verkraften hatte. Otto fer mit der damals rekordfähi-
heimgeschickt –
Knefler hatte den Meister von 1967 mit 6:0. gen Ablösesumme in Höhe von
drei Jahre später übernommen, ei- 1,6 Millionen Mark. werden, den sofortigen Wiederauf-
nen Champion, der längst in die Viel Geld für einen schwieri- stieg zu erreichen“, blickt Maslo zu-
Jahre gekommen war. Zunächst gen Star, der nicht in die Mann- rück. Der vorher beim BVB tätige
lief es gut: vierter Platz in der ers- schaft passte, sich nie wohlge- Coach, damals mit 41 Jahren noch
ten Saison. Dann kehrte so etwas fühlt hat. „Ein schlimmes Jahr recht jung im Geschäft, vermochte
wie Normalität ein: zwölfter Rang. für mich“, blickte der eigenwillige den zweiten Abstieg in der Vereins-
Schließlich folgte der Absturz des Weltmeister auf dieses Missver- geschichte nicht zu verhindern. Die
Bundesliga-Gründungsmitglieds in ständnis zurück. Nach nur zwölf Abschlusstabelle: die Eintracht als
die Zweitklassigkeit, ein Tiefpunkt, Monaten trat er die Flucht an, zu- Schlusslicht, weit abgeschlagen.
rück in die Heimat zu den Bayern. Es sei ein „Abstieg mit Ansage“
Die Eintracht hatte den 13. Platz gewesen, meinten Spötter, die die
belegt – Mittelmaß nach der Epo- Eintracht als „Altersheim der Liga“
che der Hochklassigkeit. sahen. „Mehr war nicht machbar“,
sagt Maslo über die „Mission im-

A uf den Trainer-Guru Zebec


folgte Werner Olk, der den
possible“. Denn: „Die Mannschaft
war überaltert.“ Doch Maslo erfüllte
Fotos: imago/Horstmüller, imago/Rust, imago/Werek

Abschwung nicht aufhalten den Plan. Wie 1974 dem Kollegen


konnte. Olk wurde im März 1979 Knefler glückte dem Trainer, der
entlassen. Heinz Patzig, der später von 1992 bis 1993 zum zwei-
Schwieriger Star:
alte Haudegen, der immer be- ten Mal in Braunschweig tätig war,
Paul Breitner
passte nicht zur reitstand, wenn Not am Mann 1981 der Wiederaufstieg. Charak-
Eintracht, nach war, übernahm für eine Woche. teristisch für diese Epoche, die ge-
einem Jahr war er Dann kam Heinz Lucas, dem es prägt war von einem ständigen Auf
wieder weg. glückte, den drohenden Abstieg und Ab. ■

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GESCHICHTE 70ER JAHRE

„Ein betrunkener T erminabsprache im Hause


Franke. Ehefrau Hedi am Te-
lefon. Sie schimpft sofort los: „Im-

Zebec war besser


mer wird nur von 1967, von der
Meisterelf, geredet.“

?
als viele andere“
Hat sie recht, Herr Franke? Ja, so
war es schon zu meiner Zeit.
Stört es Sie? Nein, das war ein gro-
ßes Team, ein einmaliger Erfolg.
Sie standen in der Mannschaft der
70er Jahre. Welche Truppe war besser?
Der Mann trat ein schweres Erbe an. Bernd Franke löste die
Man kann das nicht vergleichen.
Legende Horst Wolter ab und bewährte sich, der Keeper wurde Uns fehlte der Titel. Wir haben es
zu einer Leitfigur bei der Eintracht. Er blickt zurück auf einen 1977 vergeigt. Nur einen Punkt
genialen Trainer und eine Mannschaft, die der Zeit voraus war. hinter Gladbach, punktgleich mit
Schalke, doch wir waren die bessere
I N T E RV I E W : H A N S - G Ü N T E R K L E M M
Mannschaft. Unser Pech war, dass
Charly Handschuh, der Spielmacher,
82 etliche Spiele gesperrt war.
Was zeichnete diese Mannschaft aus?
Wir waren unserer Zeit voraus.
Zebec ließ Raumdeckung spielen, als
Erster in der Bundesliga. Wir waren
eher eine mittelmäßige Mannschaft,
haben aber vorn mitgespielt.
Wie war Zebec? Ein Genie, das leider
mit seinen persönlichen Problemen
Bernd Franke zu kämpfen hatte. Wir haben ihn
wurde am immer geschützt. Ich bleibe dabei:
12. Februar Ein betrunkener Zebec war besser als
1948 in Bliesen viele andere Trainer nüchtern.
geboren. Heute
lebt er wieder „Mit Paul Breitner
im Saarland.
geriet das ganze Gefüge
durcheinander.“
Ein anderer großer Name zu jener Zeit:
Paul Breitner. Ein Missverständnis?
Sicherlich, sein Wechsel löste giganti-
sche Erwartungen aus, doch Breitner
hat nicht zu uns gepasst. Er wollte
Spielmacher sein, das ganze Gefüge
geriet durcheinander.
Es gibt Anekdoten über Breitners Epi-
soden bei der Eintracht. Ihre Lieblings-
Die Mütze sitzt: geschichte? In der Kabine trumpfte
Bernd Franke
der Paule mal auf, es würden schon
stand 423-mal
in Ligaspielen Busse organisiert, die an seinem
für die Eintracht Haus vorbeifahren. Ich konterte:
zwischen den Schau mal genau hin, in deiner
Pfosten. Straße ist eine Bushaltestelle.

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Gerühmt wird der Zusammenhalt. Recht bald ging’s zur Nationalelf. Ich
Legende oder Wahrheit? Es stimmt, hatte Pech, zählte immer zum Kader
wir haben uns oft getroffen. Sonn- und verpasste leider viele Turniere
tags bei einem Schreinermeister oder durch Verletzungen.
montags bei „Conny“, dem legen- Somit bestritten Sie nur sieben
dären Kneipenwirt. Dort haben wir Länderspiele … … aber ich habe alle
traditionell Hähnchen gegessen. gewonnen.
Stimmt es, dass Sie es Ihrem früheren War’s auch Schicksal, dass zunächst
Trainer Uli Maslo zu verdanken haben, Sepp Maier, später Toni Schumacher
dass Sie nicht vorzeitig die Karriere geradezu übermächtige Rivalen waren?
beenden mussten? Richtig, ich wollte Zwei Klassetorhüter. Mein Spruch
1979 aufhören. Mein Finger war lautet so: Kein Trainer der Welt stellt
steif, ich musste eine Schiene tragen, einen schlechteren Spieler auf.
konnte die Bälle nur fangen, nicht Ihr schönstes Erlebnis? Die Olympia-
fausten. Maslo hatte den Mut, auf Teilnahme 1984, obwohl wir nur die
mich zu setzen, und gab mir Zeit. Goldene Zitrone gewonnen haben.
1971 haben Sie den legendären Horst „Wir waren 14 Jahre bei der Eintracht, obwohl Sie
Wolter abgelöst. Wie geschah dies? erklärte mir: Bernd, du bekommst unserer Zeit von Bayern und Ajax umworben worden
Wir hatten ein gutes Verhältnis. Ich deine Einsätze, doch Horst fängt an. voraus“: Hans- sind. Warum? Frankfurt, RW Essen
Günter Klemm
kam von Fortuna Düsseldorf, sollte Und dann? Wir hatten einen Termin, und Lautern waren auch interes- 83
im Gespräch mit
als zweiter Mann aufgebaut werden. um alles zu besprechen vor dem siert, ebenso Hennes Weisweiler.
Bernd Franke
In der Pause spielte Eintracht in der Saisonstart. Kurzfristig sagte Horst Bayern rief an, als Sepp Maier den
Intertoto-Runde mit. Wir haben Wolter ab. Knefler blieb knallhart: Unfall hatte, doch ich hatte mich ja
uns abgewechselt. Ich war fit, habe Wenn du nicht kommst, dann spielst am Finger verletzt. Es wäre schon
gut gehalten. Trainer Otto Knefler du nicht. So kam es. interessant gewesen. ■

„Da wurde nur die Hälfte aufgedeckt“


Auch die Eintracht hatte 1971 „ihren“ Bundesliga-Skandal: Max Lorenz erinnert sich, wie es war
Max Lorenz galt als Spaßvogel. Doch als bei verschoben. Wir wollten gewinnen, zu- zum Flughafen Waggum kutschieren. Dort
der Eintracht seine Karriere ausklang, war sätzlich eine Siegprämie verdienen.“ stellte er den Geldboten. Lorenz: „Wir hat-
ihm nicht zum Lachen zumute. Der „Fall 34. Spieltag, Braunschweig – Oberhau- ten nicht gewonnen, aber auch das Remis
Braunschweig“ war nicht die Hauptsache sen, es endete 1:1. RWO schaffte den Klas- reichte der Arminia, um nicht abzusteigen.
des Bundesliga-Skandals von 1971, aber senerhalt, „Auftraggeber“ Arminia Biele- Ich konnte den netten Herrn überzeugen,
„eine Dummheit“, wie der heute 77-jährige feld auch. Rot-Weiss Essen und Kickers die Hälfte zu zahlen.“
gebürtige Bremer zugibt. Wichtig ist ihm: Offenbach stiegen ab. Die Bielefelder hat- Im Zuge des wenig später vom Offenba-
„Es war kein Betrug, wir haben kein Spiel ten den Eintracht-Spielern ein Honorar cher Horst-Gregorio Canellas aufgedeck-
im Siegfall angeboten. Max Lorenz und ten Liga-Skandals mit 18 manipulierten
Lothar Ulsaß, die beiden Nationalspieler, Spielen im Abstiegskampf flog alles auf.
gingen darauf ein, die Mitspieler waren „Ich habe meinen Kopf hingehalten“, sagt
informiert. 170 000 Mark sollten fließen, Lorenz. Mit Ulsaß gab er alles zu, wollte
100 000 sofort, der Rest im Erfolgsfall. Kollegen schützen. DFB-Ankläger Hans
Fotos: DeFodi (2), imago/Rust, imago/Werek

Bielefelds Kontaktmann, ein gewisser Kindermann blieb hartnäckig. 16 Eintracht-


Albert Schreiner, wie sich Lorenz erinnert, Spieler wurden verurteilt – die meisten zu
saß auf der Tribüne. Plötzlich war nach 4400 Mark Geldstrafe. Lorenz und Ulsaß
der Pause dessen Platz leer. Lorenz, leicht mussten weniger zahlen, sie wurden aber
angeschlagen, ließ sich auswechseln. Der gesperrt. Schlusswort Lorenz: „Ich vermu-
wortgewandte Fußballer stieg vor dem te, damals ist nur die Hälfte des Liga-Skan-
Lange Gesichter: Lothar Ulsaß und Max Lorenz Stadion in einen Streifenwagen, ließ sich dals aufgedeckt worden.“ ■

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G

Der falsche Weg


Der Sparkurs von Günter Mast führt erstmals in die
Drittklassigkeit, und die von ihm geplante Umbenennung
in „BTSV Jägermeister Braunschweig“ scheitert.
S E B A S T I A N WO L F F

G leich am Anfang stand ein


Abstieg. Am 31. Mai 1980
verabschiedete sich die Eintracht
Bei 50 Prozent wären sie ablösefrei
gewesen. Dennoch sind in diesem
Sommer viele Leistungsträger ge-
gen Spieler, es wurde viel Geld zum
Fenster rausgeworfen, anstatt mit
den Möglichkeiten den Grundstein
mit einem 1:2 beim FC Bayern zum gangen.“ Sturm-Idol Worm blieb, dafür zu legen, den Verein dauer-
zweiten Mal aus der Bundesliga. Sie obwohl er heute sagt: „Eigentlich haft in der Bundesliga zu halten.“
84 kam zwar umgehend zurück, doch musste mir damals klar sein, dass
die 80er Jahre stehen für den Be-
ginn eines Niedergangs: Sparkurs,
Rückzug von Mr. Jägermeister Gün-
es nicht gut gehen konnte.“
Dass der dritte Bundesliga-
Abstieg 1985 kommen und das 0:1
Erfolgsmodell:
Die von Präsident
A m Tiefpunkt bot sich dem Klub
dennoch die Chance zur Wen-
de. Mit dem Unternehmer Harald
ter Mast und zwischenzeitlich gar gegen die Bayern das letzte Erstliga- Harald Tenzer Tenzer trat 1987 abermals ein neu-
geborene Idee
der erstmalige Absturz in die dritt- spiel für 28 Jahre sein würde, hätte er Eintracht-Präsident mit einer
vom Pool 100
klassige Oberliga Nord. Worm dennoch nicht für möglich völlig neuen Idee an: Nach der Ab-
wurde oft kopiert.
Es passt zu den Widersprüchen gehalten. „Ich hab nicht im Traum hängigkeit von Mast verteilte er die
in der Vereinsgeschichte, dass der gedacht, dass es so lange bis zur Last auf mehrere Schultern, bildete
als Retter gefeierte Sponsor später Rückkehr dauern würde. Ich bin den Pool „Eintracht 100“. Das Ziel:
auch als Totengräber wahrgenom- damals geblieben, weil ich eigent- 100 regionale Sponsoren, die sich
men wurde. Mast hatte sich Ende lich dachte, dass wir direkt wieder unter diesem Slogan auf dem Trikot
1983 zum Präsidenten wählen aufsteigen würden.“ Stattdessen en- wiederfanden. Dazu ein namhafter
lassen, wollte den verschuldeten dete seine stolze Karriere (380 Bun- neuer Trainer und ein ambitionier-
Klub mit einem radikalen Sparkurs desligaspiele, 119 Tore und sieben tes Ziel: Mit Ex-Nationalstürmer
Aufstiegsheld:
gesunden – vor allem aber wieder A-Länderspiele) 1987 mit einem Uwe Reinders Uwe Reinders, der in seinem ers-
eine Marketingidee durchsetzen. weiteren Abstieg, dem in die Ober- stieg 1987/88 ten Jahr als Spielertrainer fungierte,
Der Erfinder der Trikotwerbung liga. Er konstatiert heute beim Blick zunächst als wurde ein Dreijahresplan erstellt,
wollte die Umbenennung in den in den Rückspiegel: „Bei der Ein- Spielertrainer mit an dessen Ende die Rückkehr ins
„BTSV Jägermeister“ Braunschweig tracht wurde Anfang der 80er viel Braunschweig auf, Oberhaus stehen sollte. Reinders’
und diesen schuldenfrei stellen. investiert, ständig kamen und gin- danach war er nur Start gelang: Auf dem Rasen steuer-
noch Coach.
Weil der DFB-Bundestag nicht te er acht Treffer bei, daneben diri-
mitspielte und die gerichtlichen gierte er die Eintracht zum soforti-
Auseinandersetzungen bis ins Jahr gen Wiederaufstieg, nahm danach
1986 dauerten, zog sich der Likör- auf der Bank Platz und stabilisierte
fabrikant zurück – und hinterließ seine Mannschaft auf Anhieb im
einen sportlichen Scherbenhau- gesicherten Zweitliga-Mittelfeld.
fen. Ronald Worm erinnert sich an Im Sommer 1989 hatten Rein-
den Beginn des Absturzes. „Mast ders und Co. nicht nur eine gute
war ein cleverer Geschäftsmann. Mannschaft zusammengestellt, sie
1984 hat er den Spielern mit aus- wies auch Aufstiegsreife nach: 1:0
laufenden Verträgen um 49 Prozent zum Auftakt gegen Absteiger Han-
gekürzte neue Angebote gemacht. nover, danach ein 5:1 auf Schalke,

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Das letzte Mal
für 28 Jahre: Am
8. Juni 1985
Der Fall Eigendorf
verabschieden Ein Opfer der Stasi? 1983 stirbt der Eintracht-Profi
sich Ronnie Worm
und die Eintracht
gegen Bayern Der 5. März 1983 hat einen trau- war Eigendorf als Spieler des
München und rigen Platz in der Braunschweiger BFC Dynamo Berlin nach einem
Hansi Pflügler aus Vereinsgeschichte. Es war kurz Freundschaftsspiel beim 1. FC Kai-
der Bundesliga. nach 23 Uhr, nur wenige Stunden serslautern geflüchtet, 1982 wech-
Braunschweig nach einer 0:2-Heimniederlage ge- selte er nach Braunschweig.
stand bereits gen den VfL Bochum, als Eintracht- Über seinen letzten Abend gibt es
vor dem 0:1 als Profi Lutz Eigendorf auf der Forst- verschiedene Theorien. Die Polizei
Absteiger fest, die
straße gegen einen Baum krachte. hatte einen Gehalt von 2,2 Promil-
Bayern feierten
an der Hamburger Zwei Tage später starb er an den le festgestellt, Augenzeugen aber
im DFB-Pokal bei Borussia Dort- Straße den Titel. Folgen. berichteten, der 26-Jährige habe
mund wurde mit 3:2 gewonnen. Als Unfall unter Alkoholeinfluss nur zwei Bier getrunken. Indizien
„Das war die mit Abstand beste hatte die Polizei den Fall schnell weisen darauf hin, dass er vergiftet
Truppe, in der ich je gespielt habe“, abgehakt. Später verdichteten sich und auf der Landstraße gezielt „ver-
erinnert sich Bernd Buchheister. die Anzeichen, dass der DDR- blitzt“ wurde. Er wurde mit mehre-
Doch das glanzvolle erste Halb- Flüchtling ein Opfer der Staatssi- ren Schädelbrüchen ins Kranken- 85
jahr kaschierte, dass es längst wie- cherheit gewesen sein könnte. Vier haus eingeliefert und konnte nicht
der bröckelte. Nichts hätte dies Jahre vor seinem tragischen Unfall mehr gerettet werden. ■
besser symbolisieren können als
die Bretterzäune in der Südkurve.
Die Stadt hatte wegen Baufälligkeit
Teile der Stehränge sperren lassen –
es war ein äußeres Zeichen dafür,

„Eigentlich musste mir


klar sein, dass es nicht
gut gehen konnte.“
Sturm-Idol Ronald Worm

dass der Klub wieder einmal nicht


entscheidend vorankam, obwohl 1
er auf dem Vormarsch schien. In
Zeiten des Aufschwungs fehlte die 1 Lutz Eigendorf
Weitsicht, bei der Stadt und im Ver- spielte für
ein. Mit Bernd Gersdorff firmierte Kaiserslautern
ein Idol als „Bundesligabeauftrag- 53-mal in der
ter“, einen hauptamtlichen Ma- Bundesliga
nager gab es nicht. Gersdorff übte (7 Tore), für
Braunschweig
den Job nebenberuflich aus, nach
achtmal (2 Tore).
seinem Ausscheiden übernahm Für die Auswahl
Tenzer den sportlichen Part mit. der DDR schoss er
„Eigentlich“, sagt Ex-Keeper Uwe in sechs Partien
Hain, „waren wir auf dem richtigen drei Tore.
Weg. Aber wir haben es in den 80er 2 Er hatte keine
Jahren verpasst, die Weichen für die Chance: Das Auto
Fotos: imago

Zukunft zu stellen.“ Sie zeigten wie- von Lutz Eigendorf


der in die falsche Richtung. ■ nach dem Unfall 2

kicker TYPEN & TRIUMPHE


GESCHICHTE 80ER JAHRE

„Gut, dass es damals


kein Facebook gab“
Acht Jahre trug Bernd Buchheister das Eintracht-Trikot – und war nicht nur
wegen 69 Toren in 246 Spielen eine der schillerndsten Figuren des Klubs.
I N T E RV I E W : S E B A S T I A N WO L F F

A n seine Vergangenheit als


Fußballprofi erinnert nichts
mehr in seiner Wohnung im Ham-
burger Stadtteil Eppendorf. An der
86 Wand hängt ein großes Poster der
beiden erwachsenen Töchter, eine
Videokassettensammlung mit sei-
nen Toren ist verloren gegangen.
„Zur Eintracht gibt es nur noch
wenig Kontakt“, sagt Bernd Buch-
heister, „ich hätte mir da mehr ge-
wünscht nach acht Jahren.“ Der
heute 54-Jährige sagt das bestimmt,
aber ohne Groll. Und geht gern auf
Zeitreise durch die 1980er Jahre.

? 1981/82, als die Eintracht die


Bundesligasaison mit Platz 11
abschloss, gehörten Sie zum Amateur-
kader, der Durchbruch gelang Ihnen
erst 1985/86, als der Niedergang ei-
gentlich schon begonnen hatte. Hadern
Sie ein wenig mit dem Schicksal, zum
falschen Zeitpunkt in Braunschweig
gewesen zu sein? In der Hinsicht
eigentlich nicht. Vier Jahre vorher
war ich einfach noch nicht so weit,
und in meiner ersten Saison hätte
es normal auch nicht so schlecht
laufen dürfen. Die Eintracht war
grad aus der Bundesliga abgestiegen,
hatte aber fast alle Leistungsträger
gehalten: Hintermaier, Worm, Pahl,
Ellmerich, Geiger – wir hatten eine
Mega-Truppe für die 2. Liga.
Weshalb reichte es am Ende nur zu
Platz 12? Weil die Alten das Kom- 1

kicker TYPEN & TRIUMPHE


mando übernommen haben. Willi- dem vielen Geld wurde nichts an-
bert Kremer kam als neuer Trainer. gefangen: Es kamen Peter Lux, Ralf
Ein richtig guter Typ, für mich ein Geilenkirchen – ich mochte beide,
Glücksfall. Aber er hat sich bequat- aber ganz ehrlich, das waren Aus-
schen lassen. Dienstag war immer laufmodelle. Leider hochbezahlte.
Konditionstag, Hintermaier und In Braunschweig, hieß es, wurde
Co. aber meinten zu ihm, wenn wir eigentlich immer überdurchschnittlich
A gegen B spielen, kriegen wir auch gut bezahlt. Einspruch! Zumindest
Kondition. Wissen Sie, was wir dann nicht in den 80er Jahren. Vielleicht
gemacht haben? haben die Alten aus der Bundesliga-
Verraten Sie es uns. Wir haben Real Zeit noch ordentliche Verträge
Sternstunde:
gegen Barca gespielt. Vormittags das gehabt, aber als Jägermeister erst Buchheister posiert gefallen, ich erinnere mich an eine
Hinspiel, nachmittags das Rückspiel, immer weniger und dann gar nichts in seiner Wohnung Saison mit mehreren Platzverweisen
am Mittwoch musste der Verlierer mehr gemacht hat, war es vorbei. mit dem kicker aus in der Hinrunde. Ich denke heute
das Frühstück ausgeben. Als es nach Und ich kann das beurteilen. dem August 1989. noch, dass meine Karriere einen
gutem Start dann bergab ging, hat Wie war Ihr erster Profi-Vertrag? Ich Er ist Mann des anderen Verlauf genommen hätte.
Kremer versucht, die Zügel anzuzie- habe für 3500 Mark brutto angefan- Tages nach drei Andere Trainer, andere Mitspieler.
Toren auf Schalke.
hen, aber da war es zu spät, und er gen. Das war nichts, worauf ich eine Vor allem aber auch eine andere
musste gehen. Zukunft aufbauen konnte. Selbst Stadt und ein anderes Umfeld.
Im Jahr darauf ereilte den Klub der mein Folgevertrag war schlecht. Er War Ihre Heimatstadt nicht förderlich 87
erstmalige Abstieg in die Drittklas- war einer der größten Fehler meines für Sie? Ganz ehrlich?
sigkeit. Es war kein Geld mehr da, Lebens. Bitte! Nein, natürlich nicht. Ich hatte
nach dem verpassten Wiederaufstieg Weshalb? In der Abstiegssaison in Braunschweig doch Narrenfrei-
wurde es unter Gerd Roggensack 1986/87 habe ich 14 Tore geschos- heit, hatte immer meine Buddys um
mit überwiegend jungen Spielern sen, hatte mehrere Angebote aus mich rum, die mich abgeschirmt ha-
versucht. Gleichzeitig aber war der der Bundesliga. Aber ich habe mich ben. Ich habe einfach nicht für den
Abstieg noch mal ein kurzzeitiger Profifußball gelebt. Meinen Charak-
Wendepunkt. Die Eintracht hatte da- „Die Eintracht wurde in ter hätte ich auch woanders nicht
nach die Möglichkeit, nach oben zu- dem Jahrzehnt wie ein verändert, aber meinen Lebensstil
rückzukehren, hat sie aber verpasst, schon ein wenig.
Amateurverein geführt.“
weil zu wenig Kompetenz da war. Wer Ihren Namen in die Suchmaschine
Können Sie konkreter werden? Nach belatschern lassen: Harald Tenzer, Google eingibt, erhält noch heute den
dem Abstieg wurde 1987 mit Harald unser Kapitän Bernd Gorski, meine Vorschlag „Bacardi“... Klar, mein
Tenzer eine anerkannte Wirtschafts- Kumpels – alle meinten, komm, Spitzname damals.
größe Präsident, er holte mit Uwe du bist doch Braunschweiger. Erst Zu Recht? Ja, schon, das ist halt ein
Reinders einen großen Namen als als ich zwei Jahre später noch mal Teil von mir. Nach den Spielen sind
Trainer, der etwas bewirkt hat. Wir verlängert habe, war es ein guter wir dahin, wo die bunten Lichter
sind direkt wieder aufgestiegen, Vertrag. Aber wegen meines dritten gebrannt haben – und das nicht nur
hatten dann Ende der 80er zwei gute Vertrags scheiterte ein Wechsel. Und nach Siegen. Ich kann von Glück
Jahre in der 2. Liga. Aber es wurde das nehme ich Herrn Tenzer heute sagen, dass es damals noch kein
nichts für die Strukturen getan. noch übel. Facebook oder Handyfotos gab.
Bernd Gersdorff nannte sich damals Sie klingen fast erbost. Nicht erbost, Haben Sie auch deshalb so polarisiert?
Bundesligabeauftragter, hatte auch aber ich hadere schon damit. Am Ja, ich denke, da kam alles zusam-
Ahnung, aber hauptberuflich einen Ende der Spielzeit 1989/90, mei- men. Meine langen blonden Haare,
anderen Job. Als er dann wegging, ner besten Saison, hatte ich drei mein Spitzname. In guten Zeiten
war gar kein Manager da. Die Angebote: Düsseldorf, Stuttgart und 1 Lange blonde war ich schnell der König der Stadt,
Eintracht wurde in diesem Jahrzehnt Karlsruhe. Der KSC war am konkre- Mähne als in den schlechten hat die Haupttri-
Markenzeichen:
wie ein Amateurverein geführt. testen: ein ausgehandelter Dreijah- büne „Buchheister raus!“ gerufen.
Buchheister hat
Gegen Ende meiner Zeit, Anfang der resvertrag, 360 000 Mark Grundge- auch mit der Und das war ja nicht alles: Ich
90er, gab es mit Frank und Walter halt, ein Ablöseangebot von 750 000 Kapitänsbinde wurde auch in der Stadt bepöbelt.
noch mal einen Sponsor, der richtig Mark – aber die Eintracht wollte eine immer polarisiert Braunschweig ist eben auch ein biss-
Kohle reingebuttert hat. Aber mit Million. Danach bin ich in ein Loch in Braunschweig. chen wie ein kleines Dorf. Und die

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GESCHICHTE 80ER JAHRE

88

Fotos: imago/Rust (2), kicker


Jubel und
Jammer: Bernd
Eintracht wird dort gelebt und über Wie war Reinders als Trainer? Ein Buchheister 1993 endete Ihre Zeit mit dem erneu-
erzielt in der
alles geliebt. Und mein Name stand Motivator, aber es war seine erste ten Zweitliga-Abstieg. Ein symbolisches
Saison 1986/87
damals irgendwie für Eintracht. Station. Er wusste es nicht besser. Ende für einen, der in die Legenden-Elf
14 Treffer, hier
Wenn ich da bin, werde ich heute Allgemein war der Fußball in den feiert er ein Tor des Klubs gewählt wurde, aber mit den
noch angesprochen. Obwohl die 80ern einfach anders als heute. Ich gegen Essen – am vielen verpassten Chancen auch eine
langen Haare längst ab sind. weiß noch, dass wir nach unserem Ende steht der unvollendete Karriere in seiner Heimat-
Beim googeln Ihres Namens kommt 5:1 auf Schalke fast alle zusammen Abstieg. stadt hatte? Ja, die Zeit war unvoll-
auch ein zweites Stichwort: Schalke! endet, und das Ende passte irgend-
Ja, Wahnsinn. „Ich habe für Eintracht wie. Ich bin nach Hamburg, um mir
Sie erzielten beim 5:1 auf Schalke zweimal auf richtig eine berufliche Zukunft aufzubauen.
1989 die ersten drei Treffer – Ihr Was nur wenige wissen: Präsident
viel Geld verzichtet.“
Karriere-Highlight? Ja, gemeinsam Tenzer wollte um mich herum eine
mit der gesamten Hinrunde. Ende noch im Trikot erst mal eine ge- neue Mannschaft aufbauen.
der Halbserie waren wir voll auf qualmt haben. Aber das war damals Woran ist es gescheitert? Ich sollte auf
Aufstiegskurs. Aber dann hat Uwe so, fast alle haben geraucht. Heute ist die Hälfte meines Gehalts verzichten.
Reinders uns in der Winterpause ka- das unvorstellbar. Ich habe kürzlich Aus Vereinssicht vielleicht nachvoll-
putt trainiert: vier Einheiten am Tag! mal eine DVD von unserem Pokal- ziehbar. Aber ich war dann auch
Wir sind mit nur noch zwölf Spielern Halbfinale in Bremen aus der Saison trotzig und habe gesagt: Ich habe für
aus dem Trainingslager zurück. Wir 89/90 gesehen. Ich dachte, der DVD- die Eintracht zweimal auf richtig viel
wollten unbedingt aufsteigen, aber Player hätte gehakt, aber wir sind Geld verzichtet, das mache ich kein
wir konnten nicht mehr. damals so langsam gelaufen. drittes Mal. ■

kicker TYPEN & TRIUMPHE


90ER JAHRE GESCHICHTE

Ausgeknockt!
Die Neunziger werden richtig übel für die Eintracht: Böse Fehler im
Management führen zu Jahren der Drittklassigkeit. Teure Altstars
bringen es nicht. Und die Fans gehen lieber zum American Football.
S E B A S T I A N WO L F F

D ie Vorboten einer Dekade


voller Tiefpunkte gab es
gleich in den ersten Wochen und
den Aufstieg, viel Kredit – es war der
Anfang eines schleichenden Nie-
derganges, der nach dem Abstieg
ten.“ Die kam dann im Jahr darauf.
Weil der scheinbar spektakuläre
Coup, DDR-Rekordnationalspieler
Monaten des Jahres 1990. „Nach der 1993 in neun Jahren Drittklassigkeit Joachim Streich als Nachfolger von
Hinrunde hatten wir laut und deut- mündete. Trainer Uwe Reinders zu installie-
lich ans Tor zur 1. Liga geklopft“, Ganze drei Siege gelangen noch ren, sinnbildlich war für das Han- 89
erinnert sich Uwe Hain, der dama- Neue Magneten: in der Rückrunde 1989/90, und deln in den frühen 90er Jahren: Es
lige Torwart und Kapitän. Doch im 1995 sind die Bernd Buchheister erinnert sich: wurde vor allem auf die Verpackung
neuen Jahr schlug die Eintracht die- Footballer der „Ohne unsere imposante Hinrunde geachtet, weniger auf den Inhalt.
Braunschweig
se Tür selbst zu. Sie verspielte alles: wären wir in Abstiegsgefahr gera- Streich scheiterte kläglich, vor allem
Lions beliebter als
die Fußballer.

Fotos:

kicker TYPEN & TRIUMPHE


GESCHICHTE 90ER JAHRE

an der Mentalität. Buchheister sagt:


„Ich mochte ihn, aber er ist mit
den abgezockten West-Profis nicht
klargekommen.“ Von denen hatte
Braunschweig einige. Nach dem
Einstieg des Computer-Unterneh-
mens „Frank & Walter“ wollte Prä- 2
sident Harald Tenzer zum Großan-
griff auf die Bundesliga blasen – und er 1993. Nach 19 Toren in der Hin- Niedergang symbolisierte, so stand
pulverisierte seine eigene Aufbau- runde wechselte Top-Torjäger Hol- Burkhard Kick für den Absturz in
arbeit, gestützt auf die Gründung ger Aden in die Bundesliga nach die sportliche Bedeutungslosigkeit:
des revolutionären Werbepartner- Bochum, und obwohl die Eintracht Der groß gewachsene Blondschopf
Pools „Eintracht 100“. Die ohnehin unter Uli Maslo zwischenzeitlich war Ersatztorwart, in Ermangelung
für damalige Verhältnisse namhafte 1 über dem Strich stand, ging es am an torgefährlichen Angreifern aber
Mannschaft um Dirk Schuster wur- 1 Schön teuer: Ende der Mammut-Saison mit
de im Winter nochmals aufgerüs- Ihor Belanov war 24 Teams und sieben Absteigern in 1995 findet Fußball
tet durch große Namen mit großer ein Star, spielte die Oberliga. „Maslo“, sagt Buch- nur noch im
aber selten so.
Vergangenheit: Ihor Belanov, Ralf heister, „war der Todesstoß für die Vorprogramm statt.
Geilenkirchen und Peter Lux wur- 2 Schön gefetzt: Eintracht.“ Sie erholte sich in den
90 den zu Gesichtern eines Klubs mit Bernd Buchheister 90ern nicht mehr davon – weil Ma- probierte Trainer Jan Olsson ihn
mehr Schein als Sein. Statt um den nennt Uli Maslo nagement-Fehler Programm waren. mehrmals als Stürmer aus. In der
den „Todesstoß
Aufstieg ging es gegen den Abstieg. Löwenstadt hatten inzwischen die
für die Eintracht“.
Nach nicht mal zehn Monaten al-
lerdings ohne Streich.
Werner Fuchs verhinderte den
F ür die Oberliga-Saison 1993/94
stellte Präsident Tenzer eine mit
internationalen Altstars gespickte
American Footballer der Braun-
schweig Lions den Status des Pu-
blikumsmagneten inne. Deutlich
Abstieg mühsam, doch auch im Auswahl zusammen: Belanov kam wie nie wurde das am letzten Regi-
Jahr darauf ging es nur ums Über- zurück, Viktor Pasulko und Sergey onalliga-Spieltag im Mai 1995. Die
leben, und 1992/93 musste auch er Fokin waren zwei weitere sowje- Lions und die Eintracht hatten zum
gehen. „Was uns fehlte“, sagt Buch- tische Ex-Nationalspieler in einer Löwenball geladen, und: Fußball
heister, „war ein Manager.“ Bernd reinen Profitruppe. Tenzers Kardi- war das Vorprogramm. Um 15 Uhr
nalfehler: Einziger Nicht-Profi war hatte Eintracht Emden zu Gast, um
Für die Oberliga der Trainer. Wolf-Rüdiger Krause, 18 Uhr die Footballer die Berlin Ad-
kommen Profis – doch Mitglied der Meistermannschaft, ler. Während die Olsson-Elf rund
der Trainer ist keiner. arbeitete tagsüber im VW-Werk, 5000 Fans sehen wollten, füllte
abends trainierte er eine Ansamm- sich das Stadion am Abend um das
Gersdorff hatte zu Beginn der 90er lung von Routiniers, die nur eine Dreifache.
seine Tätigkeit als Bundesligabe- Gemeinsamkeit hatten: eine be-

D
auftragter beendet, Meister-Torwart Nicht so schön: wegte Vergangenheit. Das Unter- ie ständige Personalfluktuation
Horst Wolter diesen Posten zu- Im Mai 1995 nehmen „Aufstieg, koste es, was es und die Planlosigkeit hatten das
spielen die
nächst übernehmen wollen, nach wolle“ ging wie in den vorherigen Vertrauen der Braunschweiger in
Fußballer
nur wenigen Wochen aber Abstand nur noch im Zweitligajahren schief, außerdem die Eintracht erschüttert. Erst unter
genommen. „Es gab einige Klubs“, Vorprogramm – litt das Image. Erstmals sank der Trainer Benno Möhlmann sprang
sagt Mathias Hain, „die sich in danach ist Zuschauerschnitt bedenklich, sel- der Funke zwischen 1995 und 1997
dieser Zeit keinen Manager geleis- Football dran. ten kamen mehr als 5000 Fans. wieder über, danach unter Michael
tet haben. Wir hatten wirklich nur Vor der Spielzeit 1994/95 verkauf- Lorkowski glühte die Leidenschaft
Herrn Tenzer, den jeweiligen Trai- te die Eintracht gerade einmal 750 richtig auf. Doch auch unter ihm ge-
Fotos: picture-alliance, imago/Rust, Portl

ner. Und Reinhold Diedicke.“ Der Dauerkarten, hatte als Erfinder der lang der Wiederaufstieg nicht, ehe
war Angestellter der Stadtwerke Trikotwerbung zu Saisonbeginn die Dekade standesgemäß endete:
und fungierte als Ligabeauftragter. erstmals keinen Sponsor auf der 1998/99 verschliss die Eintracht
Es waren Nachlässigkeiten wie Brust, ehe ein Einkaufszentrum ein- drei Trainer, hatte den teuersten
diese, die den freien Fall beschleu- sprang. So sehr die „Burgpassage“ Regionalliga-Kader aller Zeiten –
nigten. Nicht mehr aufzuhalten war auf dem Trikot den wirtschaftlichen und wurde Dritter. ■

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90ER JAHRE GESCHICHTE

„Uwe hat mehr


darunter gelitten“
Sein Bruder war ein Idol
im Eintracht-Tor. Nach
dessen Suspendierung
begann die Ära von
Mathias Hain. Er spricht
über die Erfüllung eines
Traumes – aber auch über
viele unerfüllte Wünsche.
I N T E RV I E W : S E B A S T I A N WO L F F

91

D ie Vereinsfarben werden in
der Mittagspause getauscht.
Mathias Hain hat sich umgezogen
für das Interview: raus aus dem
Dress seines aktuellen Arbeitgebers
FC St. Pauli, hinein in sein altes
Braunschweiger Trikot aus der
Spielzeit 1996/97. Der heutige Tor-
warttrainer taucht darin in eine Zeit
ein, in der die Eintracht Tiefpunkte
der Vereinsgeschichte erlebte.

? Herr Hain, hätten Sie im Nachhinein


keine bösen Vorahnungen haben
müssen, was Sie in Braunschweig er-
wartet, da schon Ihr Einstand unglück-
licher kaum hätte verlaufen können?
Weil ich der Nachfolger meines
Bruders wurde?
Richtig. Ja, das war für mich tat-
sächlich eine unschöne Situation.
Uwe war ein Idol in Braunschweig,
Kapitän der Mannschaft. Im Herbst
1991 hat Werner Fuchs ihn dann
suspendiert, und da unsere eigent-
liche Nummer 2, Oliver Lerch, an
den Folgen eines Knöchelbruchs
Familienfoto im
laboriert hat, sollte ich plötzlich für Eintracht-Stadion:
meinen Bruder rein. Mathias und Uwe
Können Sie sich an Ihren ersten Hain posieren im
Gedanken erinnern? Klar. Ich habe Sommer 1991.

kicker TYPEN & TRIUMPHE


XXXXXXXXX XXXXXXXXX

waren. Unser Spiel war ein einziger


Sturmlauf, deren Keeper Jürgen
Rollmann hielt alles. Als im Paral-
lelspiel unser Konkurrent St. Pauli
gegen Hannover in Führung ging,
machten wir beim Stand von 0:0
völlig auf, fingen uns in den letzten
fünf Minuten zwei Konter.
Im Jahr darauf versuchte es die
Eintracht per Gewaltakt mit einem
Mix aus Alt-Internationalen – und
scheiterte. Wollte der Klub zu viel? Im
Nachhinein ja. Viele Eintracht-Fans
aus meinem Freundeskreis haben in
179 Spiele in der Zeit immer wieder geschimpft
gesagt, das mach ich nicht. Dann einfach nur glücklich, dazuzu- sieben Jahren und gesagt: Das ist eine schlimme
hat Uwe mich angerufen und gesagt: gehören. und sogar ein Truppe, weshalb gibt es keinen Neu-
Regionalliga-Tor
Du kannst nichts dafür, du spielst. 1992/93 sollte Uli Maslo retten. Viele aufbau mit Talenten? Harald Tenzer
für die Eintracht:
Ihr Debüt war ein 1:3 im Derby gegen machen den Trainer für den Abstieg Mathias Hain wollte mit aller Macht rauf, stellte
92 Hannover. Und ich kann mich noch verantwortlich. Woran scheiterte seine eine Mannschaft aus vielen auslän-
an viele Details erinnern. Im Stadion Mission? Uli Maslo arbeitete nicht dischen Routiniers im Wortsinn über
hingen Protestplakate gegen den mehr zeitgemäß. Nacht zusammen. Nach besagtem
Rauswurf von Uwe, ich wurde nach Können Sie das konkretisieren? Wir 1:2 gegen Duisburg begannen direkt
dem Warmmachen auf dem Weg hatten für damalige Verhältnisse am Sonntagabend die Vertragsge-
in die Kabine plötzlich von einem viele richtig gute Talente, aber wir spräche: Erst waren die Alten dran,
NDR-Fernsehteam interviewt. Zehn Jungen waren für ihn nicht existent. dann potenzielle Neue, ich wurde
Minuten vor dem Anpfiff standen Wir haben unter der Woche immer nachts um halb drei ins Büro geru-
die plötzlich vor mir, hielten mir ein eine Nachwuchsrunde gespielt: Re- fen. Diese Elf wurde in der Stadt nie
Mikro unter die Nase. Ich war 18, servisten der Zweitligamannschaft, angenommen, trotzdem wären wir
total erschrocken und habe vermut- fast aufgestiegen.
lich viel dummes Zeug erzählt. Aber „Uli Maslo ließ junge Ein Jahr darauf kam der Neuaufbau mit
es gab damals keine Bestimmungen Spieler sein Auto Eigengewächsen und endete 1994/95
oder Pressesprecher. Wir hatten ja waschen.“ im Niemandsland der Regionalliga. Der
nicht mal einen Manager. Das alte Trikot Tiefpunkt? Ganz ehrlich?
Wie lange hat Sie Ihr ungewöhnlicher die besten Amateure und A-Jugend- passt noch wie Bitte! Das war für mich die schönste
Start in die Profikarriere beschäftigt? liche. Wir waren bereits umgezogen, früher: Mathias Zeit. Wir waren nur Braunschweiger,
Für mich war die Situation anfangs wollten auf den Platz, da kam Maslo Hain beim die alte A-Jugend, ein paar Amateu-
Interview mit
nicht angenehm, aber insgesamt hat zu einem Spieler und forderte ihn re. Selbst Zugezogene wie Thomas
Sebastian Wolff
Uwe viel mehr darunter gelitten. Die auf, ins Mövenpick-Hotel zu fahren.
Eintracht war immer unser Verein. Maslo wohnte dort und hatte seine
Es war bitter für ihn, dass es so zu Brille vergessen. Und ein anderer
Ende gegangen ist. Spieler sollte mal Maslos Wagen
Bitter verliefen auch die gesamten zum Waschen fahren. Trotzdem sage
90er Jahre. In Ihrem zweiten Jahr ich: Wir hätten den Abstieg 1993
stieg die Eintracht aus der 2. Liga ab vermeiden müssen.
und kam in dieser Dekade nicht mehr Weshalb gelang es nicht?
zurück. Der schleichende Abstieg Am letzten Spieltag hatten wir zu
des Vereins hatte schon begonnen, Hause die bereits aufgestiegenen
als ich erstmals im Profikader war. Duisburger zu Gast, sie kamen
Als junger Spieler habe ich das aber direkt aus den Feierlichkeiten. Ich
damals gar nicht realisiert, konnte würde mich nicht mal festlegen wol-
das nicht einordnen, sondern war len, ob die schon wieder nüchtern

kicker TYPEN & TRIUMPHE


90ER JAHRE GESCHICHTE

Pfannkuch waren fest verwurzelt.


Wir hatten einen unfassbaren
Zusammenhalt. Sportlich war es der
Tiefpunkt und die Zeit, in der die
American Footballer der Lions mehr
Zuschauer hatten als wir. Aber das
war auch die Zeit, in der wir den
Nährboden hinterlassen haben für
erfolgreichere Zeiten.
Das müssen Sie erklären. Nach den
vielen Enttäuschungen hatten die
Leute wieder eine Eintracht, mit der

„Lorkowski schmiss
eine Runde, bezahlte
aber keine Fanta.“
sie sich identifizieren konnten. Uns
hat man angemerkt, dass es für uns
In seiner
das Größte war, hier zu spielen. Es 93

Fotos: imago (2), Rust, kicker


zweiten Ära in
brodelte wieder in der Stadt. Kaum Braunschweig
waren wir oben dran, kamen gegen erstmals die
Emden plötzlich 15 000 Zuschauer. Nummer 1:
Weshalb gelang in den 90ern nicht Uwe Hain
die Rückkehr in die 2. Liga? Wegen
Hannover. Als wir wieder reif waren
für die Spitze, war 96 auch in der Re- „Die Wunde ist verheilt“
gionalliga. Erst wurden sie souverän
Uwe Hain war Publikumsliebling – und Sündenbock
Meister, scheiterten aber in den Auf-
stiegsspielen; dann lieferten wir uns
im zweiten Jahr ein Kopf-an-Kopf-
Rennen unter Michael Lorkowski,
S ein Ende bei der Eintracht im
Herbst 1991 passte zur gesam-
ten Karriere. Bei Uwe Hain lief es
Talfahrt in der 2. Liga verantwort-
lich gemacht. Hain sagt: „Wir hat-
ten Cliquenwirtschaft und viele in-
schafften es aber wieder nicht. nicht stromlinienförmig. Sowohl in terne Probleme, ich habe mich als
Lorkowski war umstritten, musste bald Braunschweig, von 1974 bis 1982, Kapitän damals verantwortlich ge-
nach dem Nicht-Aufstieg gehen. Wie als auch beim Hamburger SV erleb- fühlt, habe die Dinge immer wieder
war er? Für Lorko sind wir durchs te er goldene Zeiten der Klubs mit, angesprochen, ohne gegen irgend-
Feuer gegangen. Er war eigenwillig, hatte aber mit Bernd Franke und jemanden zu arbeiten. Aber das hat
einfach anders, wollte keinen Co- Uli Stein jeweils Nationaltorhüter nicht allen gepasst.“
Trainer. Er war ein super Typ. Und vor sich. Als er dann 1987 zurück Den Fans hat vor allem sein
einer, der gern gefeiert hat. Ich erin- nach Niedersachsen kam, begann Rauswurf nicht gepasst. Beim an-
nere mich an einen Mannschafts- seine persönlich beste Zeit – der schließenden Derby gegen Han-
abend in der „DAX Bierbörse“. Lorko Verein aber hatte die guten Tage nover 96 blieb aus Protest zunächst
schmiss eine Runde, zwei Spieler längst hinter sich. der Fanblock leer. Hain erinnert
aber tranken nur Fanta. Die ist er „Es ist kurios und ein bisschen sich an „eine unglaubliche Situa-
angegangen: Ich bezahle nur Bier, beispielhaft für meine Karriere“, tion“, kehrte aber noch ein drittes
eure Fanta könnt ihr selbst kaufen. sagt der heute 61-Jährige – mit ei- Mal zu „seinem“ Klub zurück: von
Nach Lorko wurde es ein bitteres nem Schuss Wehmut, aber ohne 1998 bis 2009 war er Co-Trainer,
letztes Jahr für mich. 1998/99 hatten Groll. Ähnlich ordnet er heute sei- Torwarttrainer, Amateurtrainer und
wir vier Trainer, am Ende meinen nen bitteren Abschied ein. Werner zweimal sogar auch Interimscoach
Bruder Uwe. Ich musste weg für mei- Fuchs hatte den damaligen Kapitän bei der ersten Mannschaft. Er sagt:
ne Karriere. Obwohl es wehtat. Aber und Publikumsliebling im Septem- „Inzwischen ist die Wunde von da-
ich sah keine Perspektive mehr. ■ ber 1991 als Sündenbock für die mals verheilt.“ S E B A S T I A N WO L F F

kicker TYPEN & TRIUMPHE


X XE XS XCXHX I XCXHX T E X XDXAXSX XNXEXUXE J A H R T A U S E N D
G

Zurück ins Glück


Die Neu-Zeit: Kurz vor der Viertklassigkeit rettet Lübeck knecht drei Wochen zuvor eine Mis-
die Eintracht. Danach wird sie mit zwei Berufsneulingen sion impossible von Benno Möh-
wieder stabil und kehrt sogar in die Bundesliga zurück. lmann übernommen. Der damals
34-Jährige, ausgestattet mit der
S E B A S T I A N WO L F F Erfahrung eines Trainerjahres bei
der A-Jugend, hatte drei Spiele Zeit,

A
um zwei Punkte und zwei Plätze
m Anfang waren die Rufe der endete und letztendlich als aufzuholen. Vor dem Finale gegen
noch ein wenig ungläubig, großer Wendepunkt in die Vereins- Dortmund II hatte der Zehnte Rot-
später wurden sie lauter, und am geschichte eingegangen ist. Weiss Essen einen Punkt mehr und
Ende so durchdringend, als würde An keinem der vorangegange- die bereits insolventen Lübecker zu
gerade die eigene Mannschaft un- nen 35 Spieltage der Saison 2007/08 Gast. Die waren aus Kostengrün-
terstützt. „Lübeck, Lübeck“, hallte hatte der Zweitligaabsteiger auf den in Kleinbussen angereist. Und
es am Nachmittag des 31. Mai 2008 dem für die Drittliga-Qualifikation hielten das für Braunschweig über-
94 durch das Eintracht-Stadion. Ein nötigen zehnten Tabellenplatz lebenswichtige 0:0. Ein Thriller am
Tag, der mit einem kleinen Wun- gestanden – und Torsten Lieber- Rande des Abgrunds: Valentin Na-
stase und Domi Kumbela erzwan-
gen ein 2:0 für die Eintracht, kurz
Ganz oben:
2013/14 spielt vor dem Abpfiff folgte der Jubel-
die Eintracht – orkan: Lübeck ging in Führung,
nach 28 Jahren – die Partie in Essen aber lief noch
wieder in der fünf Minuten. Kumbela erinnert
Bundesliga. sich: „Wir jubelten verhalten, weil
Mit Deniz Dogan der Stadionsprecher immer wie-
im Duell mit
der durchsagte: Lübeck führt, aber
Mario Götze.
in Essen wird noch gespielt. Eine
unfassbare Situation.“ Als es vorbei
war, flossen Tränen. „Wir sind dem
Tod von der Schippe gesprungen“,
sagt Lieberknecht.

D ie komplette Dekade war bis


dahin geprägt von einem ein-
zigen Auf und Ab, einem ständigen
Kommen und Gehen. Im Jahr 2000
hatte Trainer Reinhold Fanz einen
Radikal-Umbruch vollzogen und
war gescheitert; 2001 folgten ihm
Peter Vollmann und der nächste
Umbruch. Obwohl der Aufstieg
gelang, blieb der Durchbruch aus –
Mister Wandel: für Vollmann kam Uwe Reinders
Fotos: imago/Kaletta, imago/Team 2

Marc Arnold
zurück, der bald selbst gehen muss-
brachte den
Braunschweigern te. Auch unter Michael Krüger hielt
Werte wie Demut trotz des Aufstiegs 2005 keine Kon-
und baute ein tinuität Einzug. 2006/07 folgte eines
großes Werk auf. der düstersten Kapitel: Mit mehr

kicker TYPEN & TRIUMPHE


Der Schlüssel: ner, Dennis Kruppke und Kumbela
Domi Kumbela waren auch noch dabei, als die Ein-
trifft 2008 gegen tracht 2011 in die 2. Liga aufstieg
Dortmund II und
und 2013 – nach 28 Jahren – die
öffnet das Tor zur
3. Liga.
Rückkehr ins Oberhaus schaffte.
Trainern (fünf) als Siegen (vier) rung ausriefen. „Damit“, erinnert „Über diese Namen“, sagt Lieber-
stieg Braunschweig aus der 2. Liga sich Arnold, „konnte der Braun- knecht, „wird in Braunschweig in
ab und hatte sich mit einer „Task schweiger an sich erst mal nicht viel 20 Jahren gesprochen wie heute über
Force“ zur Lachnummer gemacht. anfangen.“ Flankiert von Präsident die Meisterspieler.“ Deniz Dogan
Gönner Jochen Staake, schon zuvor Sebastian Ebel und Geschäftsfüh- meint: „Was hier entstanden ist,
oft Retter in der Not, hatte noch mal hatte was für Fußball-Romantiker.
nachgelegt, wollte aber auch mitbe- „Wir sind dem Tod Spieler, die lange zusammengeblie-
stimmen und ließ sich von einem von der Schippe ben sind, Trainer und Manager, die
Journalisten beraten. gesprungen.“ anderen Angeboten widerstanden
Erst mit Lieberknechts Rettung haben. Es ist das Ergebnis kon-
und Marc Arnolds Einstieg als Ma- rer Soeren Oliver Voigt gewöhnten sequenter Arbeit, aber es ist kein
nager begann der Wandel. Beide sie ihn daran. Und schufen Identifi- Wunder gewesen.“ Doch der Ver-
waren in ihren Jobs Anfänger – und kation: Die Retter-Elf von 2008 blieb teidiger, der schon 2008 dabei war,
mussten allein deshalb schon mit im Kern zusammen und erlangte weiß: „Es ging mit einem kleinen
Argwohn leben. Erst recht, als sie Heldenstatus: Ken Reichel, Matthi- Wunder los.“ Einem besonderen: 95
in der 3. Liga das Ziel Konsolidie- as Henn, Deniz Dogan, Marc Pfitz- Dogan stammt aus Lübeck. ■
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X XE XS XCXHX I XCXHX T E X XDXAXSX XNXEXUXE J A H R T A U S E N D
G

„Die ganz schlimme Krise


hat etwas ausgelöst“
Mit neun Jahren Dienstzeit ist Torsten Lieberknecht Rekord-Trainer
der Eintracht. Fünf Jahre lang hat er für Braunschweig gespielt.
Dieser Mann hat alles erlebt – von der Lachnummer bis zur 1. Liga.
I N T E RV I E W : S E B A S T I A N WO L F F

G espräche mit Torsten Lieber-


knecht sind kurzweilig. Weil
er eine lange Geschichte in Braun-
nern als Siegen. Die Saison 2006/07
war meine letzte als Profi, ein skur-
riles Jahr. Aber eines, das dem Verein
weil die Ergebnisse ausblieben, aber
er hatte gute analytische Ansätze.
Das Problem war eher, dass er al-
96 schweig geschrieben hat und 2017 unheimlich geholfen hat. leingelassen wurde und jeder glaub-
immer noch schreibt. Weil er viele, Tatsächlich? Immerhin war der Klub zur te, zu allem etwas sagen zu müssen.
viele Geschichten erlebt hat. Vor al- bundesweiten Lachnummer verkommen. Dr. Rolf Dockter schwang sich zum
lem auch Wendepunkte. Als Spieler Ja, aber genau deshalb sind die Fans Manager auf und bezeichnete die
war er dabei, als Trainer hat er sie aufgestanden und haben Druck Seit 14 Jahren: Mannschaft als „Pygmäentruppe“. Ja,
entscheidend geprägt. ausgeübt. Es gab einen Fan-Marsch Ein Pfälzer in das meine ich. Jeder hat zu allem
durch die Stadt für einen Führungs- Braunschweig was gesagt und hatte eigene Ideen.

? Ihren ersten Vertrag in Braun-


schweig unterschrieben Sie im
August 2003 für zwei Jahre, jetzt sind
wechsel. In diesem Jahr und der
Saison darauf lag für mich die Wen-
de im Klub begründet, diese ganz
Sicher immer mit guten Absichten,
aber: Es gab viele skurrile Momente,
und ich habe keine guten Erinnerun-
Sie seit 14 Jahren bei der Eintracht. schlimme Krise mit dem schweren 1 Umjubelt: Die gen an diese Zeit.
Herr Lieberknecht, gab es diesen einen Image-Schaden hat etwas ausgelöst. Spieler stürmen Im Winter kamen elf Neulinge aus sie-
Moment, in dem Ihnen klar wurde, 2013 nach ben Nationen … … und wir mussten
diese Verbindung hält länger? Eigent- „Jeder hat zu allem was dem Aufstieg in eine zusätzliche Bank in die Kabine
Ingolstadt die
lich hätte mir der Gedanke an mei- gesagt. Es gab viele Pressekonferenz
stellen, damit alle Platz hatten. Eine
nem ersten Tag kommen müssen. Ich wilde Zeit, in der Spieler über Nacht
skurrile Momente.“ ihres Trainers.
als gebürtiger Pfälzer war im Pfälzer kamen und gingen. Aber dadurch
Hof untergebracht, hatte noch nicht Die Zeit unter Trainer Djuradj Vasic mit 2 Daumen hoch: sind die Leute in Braunschweig
mit der Mannschaft trainiert und fünf Niederlagen in fünf Spielen galt Lieberknecht im aufgestanden und haben sich auf-
August 2016
war bei einer Wohnungsbesichti- für viele als Tiefpunkt. Für Sie nicht? gelehnt für die Eintracht. Das war
gung, als mich Manager Wolfgang Soll ich Ihnen was verraten? 3 Kampfstark: wiederum auch beeindruckend.
Loos anrief, ich müsse ins Stadion Gern! Ich fand Vasic gut. Er wurde Von 2003 bis Die Wende aber gelang erst mit Ihnen
und direkt spielen. Es ging im hier in Braunschweig sehr verspottet, 2007 spielt er als Trainer und der Last-Minute-Rettung
für die Löwen.
Pokal gegen meinen Heimatverein 2008. Der Schlüsselmoment? Unser
1. FC Kaiserslautern. Und „schuld“ 2:0 am letzten Spieltag gegen Dort-
war auch noch ein gewisser Marc Ar- mund II und die Qualifikation für
nold, weil der sich beim Training am die 3. Liga waren die Geburtsstunde
Morgen verletzt hatte. Es gab also für alles, was wir danach erleben
gleich einige Anzeichen, dass es keine durften. Aber es ging auch nicht so
gewöhnliche Zeit werden würde. einfach, wie viele denken.
Nicht gewöhnlich verliefen auch Ihre Wie schwierig war es denn? Sehr
fünf Profi-Jahre. Einem Aufstieg 2005 schwierig. Das beste Beispiel: Wir
folgte der Abstieg 2007 mit mehr Trai- standen am letzten Spieltag zum

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1
2

3
97

ersten und einzigen Mal auf dem für Was war Ihr emotionalster Moment in
die Quali nötigen zehnten Platz der Braunschweig – einer der Aufstiege
Regionalliga, schon am Tag danach oder die Rettung 2008? Die Sehn-
aber ging es in der Stadt darum, sucht in den Augen gerade
wie wir jetzt den Aufstieg schaffen. der älteren Fans auf den Balkonen
Die Eintracht war in den 15 Jahren bei unseren Umzügen durch die
davor gerade mal drei Spielzeiten Stadt nach den Aufstiegen waren
im bezahlten Fußball, gerade mal schon etwas, das bleibt. Aber diese
drei! Trotzdem war sie im Selbstver- Rettung 2008 war sicher das ein-
ständnis der Leute immer noch ein schneidendste Erlebnis. Manchmal
gefühlter Bundesligist. Wir mussten male ich mir aus, wie es uns ergan-
hier erst mal in die Köpfe der Leute. gen wäre, wenn wir in die Viertklas-
sigkeit abgestürzt wären. Sportlich
„Dieser Verein lebt und finanziell stand der Verein am
extrem von seiner Abgrund, dann hilft uns der bereits
abgestiegene VfB Lübeck durch den
Emotionalität.“
Sieg in Essen – und RWE ist heute
Wie haben Sie das gemacht? Durch noch viertklassig.
wahnsinnig viele Gespräche und Was bedeutet Ihnen Braunschweig?
Fan-Abende. Manchmal hab ich mir Job und Verbundenheit. Unsere drei
Leute von der Haupttribüne nach Kinder sind hier geboren, und ich
Spielen geschnappt und mich lange bin viel länger hier, als es ursprüng-
mit ihnen unterhalten. Dieser Verein lich mal geplant war. Eigentlich
lebt extrem von seiner Emotionali- hätte ich gedacht, die Eintracht hätte
tät, aber er lebte eben auch in der mein wahres sportliches Leistungs-
Vergangenheit und in verkrusteten vermögen nach zwei Jahren richtig
Strukturen. Unser Vorteil war: einschätzen können, aber es wurde
Durch diesen Tiefpunkt 2007 hatten mit mir verlängert. Vielleicht haben
das viele satt. Wir konnten die Denk- einige geahnt, dass da noch mehr
Fotos: imago

weise der Fans in einem langen, kommen könnte, als ich auf dem
kräftezehrenden Prozess verändern. Platz gezeigt habe … ■

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DIE MEISTER-HELDEN KARIKATUR

98

IMPRESSUM Art Direction: Layout & Produktion: Berlin: Andreas Hunzinger, Steffen Rohr
Dieter Steinhauer, Sabine Klier (Stv.) Tina Binder, Matthias Bracke, Claus Cheng, Reuchlinstraße 10–11, 10553 Berlin
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Leasingleistungen (durch Volkswagen Leasing GmbH), Versicherungsleistungen (durch Volkswagen Versicherung AG, Volkswagen Autoversicherung AG) und Mobilitätsleistungen (u. a. durch Volkswagen
Leasing GmbH). Zusätzlich werden Versicherungsprodukte anderer Anbieter vermittelt.
Der We

1988 Zurück in Liga


zwei: Buchheister & Co.
machen den Aufstieg
durch ein 2:1 beim
VfL Wolfsburg perfekt.

1993 Raus aus Liga zwei – ein 2002 Platzsturm:


wichtiges Spiel verliert die Eintracht nach neun Jahren D
gegen den VfL Wolfsburg.

1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002

1989 Im August triumphiert 1993 Altstar Ihor Belanov heuert


Eintracht 5:1 auf Schalke. Hier siegt erneut an. Insgesamt werden’s
Scheil (links) gegen Borodyuk. 64 Ligaspiele und 21 Tore.

2003 Traurig: 2003


Torsten Sümnich und Marc
die Eintracht steigen Man
erneut in Liga drei ab. Spie

2005 Fließende
die Rückkehr in d
Jürgen Rische
1987 Erstmals drittklassig. Nach
einem 0:1 auf St. Pauli steigt die
Eintracht aus der 2. Liga ab.
eg der Eintracht
2008 Retter: Im Mai
übernimmt Ex-Profi
Torsten Lieberknecht das
Traineramt. Er startet mit
1:1 gegen Düsseldorf.

2011 K & K: Das Traumpaar Kruppke


und Kumbela garantiert nicht nur die
Rückkehr in die 2. Liga, die beiden
harmonieren auch perfekt.

Die Rückkehr
Drittklassigkeit. 2014 Tränen in Hoffenheim:
Boland und Kollegen steigen
aus der Bundesliga ab.

2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017

2013 Nach 28 Jahren


die Rückkehr in Liga 1.
Umjubelter Held wegen
des entscheidenden Tores
ist Damir Vrancic.

3 Geschichte schreibt
c Arnold später als 2008 Besonders wertvoll: Nastase trifft
nager, sein Jahr als beim 2:0 gegen Dortmund II zum 1:0 und
eler verläuft mäßig. verhindert den Sturz in Liga vier.
2017 Gut dabei:
In Jahr drei nach dem
e Freude: Das Tor für 2007 Der vierte Abstieg in die Abstieg spielt die
die 2. Liga hat aber Drittklassigkeit: Die Eintracht hatte Eintracht wieder eine
e (rechts) erzielt. mehr Trainer (fünf) als Siege (vier). starke Saison.
kickerinfografik Fotos: Horstmüller, imago, picture-alliance, Rust, Witters
1968 Zu Hause
wird Juventus Turin
3:2 geschlagen,
dennoch scheidet
die Eintracht im
Viertelfinale des
Europapokals der
Landesmeister aus.

1963 Bundesliga-Debüt der


Eintracht: Keeper Jäcker beim 1973
15.12.1895 Gründung 1920 Der Verein wird am 1:1 bei 1860 München. Am Unterne
des Vereins „Fußball- und 10. Februar in SV Eintracht Saisonende wird’s Platz 11. Jürgen
Cricket Club Eintracht Braunschweig umbenannt.
Braunschweig“ 1967 1968 1969 1970

1895 1900 1905 1910 1915 1920 1925 1930 1935 1940 1945 1950 1955 1960 1965

1908 Es geht voran: 1923 Das neue Stadion 1945 Die Alliierten
Braunschweig wird an der Hamburger Straße verbieten zunächst die alten
erstmals Norddeutscher wird am 17. 6. eingeweiht, Vereinsnamen, bis 1949
1967 Volksfest mit einem
Meister, wie auch 1913. gegen den 1. FC Nürnberg. heißt der Klub deshalb
Volkswagen: Die Eintracht ist
TSV Braunschweig. 197
Deutscher Meister! Gefeiert
wird tagelang. Eintra
Bunde
verw
(Foto
werd
1974 Feierlaune: Die Eintracht kehrt in die
Bundesliga zurück, als Erster ihrer Aufstiegsgruppe.
1985 Die Mauer hält nicht:
Mit Lux, Worm, Pahl, Bruns, Gorski
und Ellmerich geht es zum dritten
Mal in die 2. Liga.

1977 Superstar mit


Fanliebling: Paul Breitner
und Danilo Popivoda
3 Ab sofort – Trikotwerbung! jubeln gemeinsam. 1980 Am Boden: Bayern siegt
ehmer Günter Mast mit Hans- mit Rummenigge 2:1, die Eintracht
n Hellfritz und Eberhard Haun. steigt mit Hollmann ab.

1971 1972 1973 1974 1975 1976 1977 1978 1979 1980 1981 1982 1983 1984 1985 1986

1976 Idol: Bernd Gersdorff


wechselt zur Hertha, nach
222 Ligaspielen und
86 Toren für die Eintracht.

71 Tiefpunkt: 1981 Zurück im Oberhaus:


acht ist in den Ronnie Worm trifft im Auf-
esliga-Skandal stiegsspiel gegen Offenbach.
wickelt, Ulsaß
o) und Lorenz
den gesperrt. 1973 Präsident
Fricke verabschiedet
Bäse. Abschied
nimmt die Eintracht
aber auch aus der
Bundesliga.
Die Meister-Helden
Foto: imago/Metelmann

Eintracht Braunschweigs Meisterelf von 1967


Von links: Trainer Helmuth Johannsen, Joachim Bäse,
Horst Wolter, Hans-Georg Dulz, Jürgen Moll, Peter Kaack,
Lothar Ulsaß, Erich Maas, Klaus Meyer, Gerhard Saborowski,
Klaus Gerwien, Walter Schmidt
Foto: imago/Rust

Paulchen Panther
Paul Breitner im August 1977
als prominenter Bändiger der
Löwen. Es ging nicht gut aus.
Foto: Witters/Kaiser
Alles Jägermeister?
Egal. Die Fans genießen 1967
die Aussicht vom Flutlichtmast
im Braunschweiger Stadion.