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Zur Neolithisierung

des Mittleren Niltals und


angrenzender Regionen
Kultureller Wandel vom Mesolithikum zum
Neolithikum im Nord- und Zentralsudan

Annett Dittrich

BAR International Series 2281


2011
Published by

Archaeopress
Publishers of British Archaeological Reports
Gordon House
276 Banbury Road
Oxford OX2 7ED
England
bar@archaeopress.com
www.archaeopress.com

BAR S2281

Zur Neolithisierung des Mittleren Niltals und angrenzender Regionen: Kultureller Wandel vom
Mesolithikum zum Neolithikum im Nord- und Zentralsudan

© Archaeopress and A Dittrich 2011

ISBN 978 1 4073 0858 6

Printed in England by Blenheim Colour Ltd

All BAR titles are available from:

Hadrian Books Ltd


122 Banbury Road
Oxford
OX2 7BP
England
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Inhaltsverzeichnis

Karte 1 iii
Inhaltsverzeichnis v
Danksagung ix

1 Methodische Ausgangsposition und Forschungsgeschichte


1. 1 Einführung 1
1. 1. 1 Methodische Herangehensweise 1
1. 2 Forschungsgeschichtliche Konzepte und methodische Ansätze 3
1. 2. 1 Der anglo-ägyptische Sudan im Lichte der Afrikaarchäologie bis 1953 3
1. 2. 2 Early Khartoum und Shaheinab – Vom Mesolithikum zum Neolithikum 5
1. 2. 3 Die Rezeption der Arbeiten von A.J. Arkell und O.H. Myers und der Einfluss der 7
Radiokarbondatierung
1. 2. 4 Die Combined Prehistoric Expedition in Unternubien – Zwischen Cataract Tradition 8
und Final Stone Age
1. 2. 5 Aqualithikum und Khartoum-Horizon Style – Zwei panafrikanische Konzepte 10
der 1970er Jahre
1. 2. 6 Schwerpunkte der sudanesischen Vorgeschichtsforschung der letzten dreißig Jahre 11
1. 2. 7 Fazit – Aufgaben der Forschung 14
1. 3 Regionale Forschungsprojekte 15
1. 3. 1 Die einzelnen Regionen und deren Erforschung 15
1. 3. 2 Ägyptische Grenze bis zum Zweiten Katarakt – Nasser-Stausee (Unternubien) 16
1. 3. 3 Zweiter bis Dritter Katarakt und Kerma-Becken (Obernubien) 17
1. 3. 4 Dongola-Region 19
1. 3. 5 Nubische Westwüste und Wadi Howar 22
1. 3. 6 Vierter Katarakt 24
1. 3. 7 Atbara-Mündung 25
1. 3. 8 Shendi-Region 25
1. 3. 9 Khartoum-Region 26
1. 3. 10 Butana 28
1. 3. 11 Oberer Atbara 29
1. 3. 12 Gash-Delta 30
1. 3. 13 Gezira 31

2 Quellen und Erhaltungsbedingungen


2. 1 Einführung 33
2. 2 Siedlungsplätze 33
2. 2. 1 Allgemeines 33
2. 2. 2 Erhaltungsbedingungen im Niltal 34
2. 2. 3 Untersuchungsmethoden 37
2. 2. 4 Kontexte und Aktivitätszonen 38
2. 3 Bestattungen 39
2. 3. 1 Siedlungsbestattungen 39
2. 3. 2 Bestattungsplätze 40
2. 4 Formationsprozesse 40
2. 4. 1 Fluviale Sedimente im Niltal 41
2. 4. 2 Verwitterungshorizonte im Niltal 44
2. 4. 3 Bodenbildung und Erosion in der Butana-Region 45
2. 4. 3 Siedlungsdünen im Wadi Howar 46
2. 4. 4 Seesedimente in der Nubischen Westwüste 46
2. 5 Transformationsprozesse 47

v
3 Radiokarbondatierung und Phasenchronologie
3. 1 Radiokarbondatierung im Arbeitsgebiet 49
3. 2 Fehlerquellen der Radiokarbonmethode 50
3. 2. 1 Isotopenfraktionierung 50
3. 2. 2 Reservoireffekt und sekundäre Karbonateinlagerung 51
3. 2. 3 Laborfehler 53
3. 2. 4 Erhaltung und Eignung von häufig verwendeten Probenmaterialien 53
3. 2. 5 Zusammenfassung 59
3. 3 Kalibration und Wiggle-Datierung 60
3. 3. 1 Kalibrierung und Präzision 60
3. 3. 2 Wiggle-Bereiche und Standardabweichungen 60
3. 4 Diskussion der Radiokarbondatierungen nach Regionen 61
3. 4. 1 Weißer Nil 61
3. 4. 2 Khartoum bis Sechster Katarakt – Ostufer 63
3. 4. 3 Khartoum bis Sechster Katarakt – Westufer 65
3. 4. 4 Butana und Blauer Nil 66
3. 4. 5 Oberer Atbara 67
3. 4. 6 Atbara-Mündung 67
3. 4. 7 Shendi-Region 69
3. 4. 8 Obernubien und Dongola-Region 69
3. 4. 9 Unternubien – Westufer 71
3. 4. 10 Unternubien – Ostufer 72
3. 4. 11 Wadi Howar 73
3. 4. 12 Nubische Westwüste 74
3. 5 Datierung von archäologischen Kontexten 75
3. 5. 1 Datierungsansätze für das Mesolithikum 76
3. 5. 2 Datierungsansätze für das Neolithikum 77
3. 6 Systematisierung und Beschreibung von chronologischen Prozessen 78
3. 6. 1 Allgemeines 78
3. 6. 2 Kontinuität und Diskontinuität von Besiedlungsphasen 78
3. 6. 3 Kontinuität und Diskontinuität zwischen Radiokarbondatierungsbereichen 80

4 Typologie des Fundmaterials


4. 1 Keramik 83
4. 1. 1 Erhaltung von keramischen Funden 83
4. 1. 2 Gefäßformen 83
4. 1. 3 Keramikverzierungen 86
4. 2 Steingeräte 101
4. 2. 1 Steingerätetypologien und Steinbearbeitungstechniken 101
4. 2. 2 Abhängigkeit der Bearbeitungstechniken von verschiedenen Rohmaterialien 102
4. 2. 3 Technologische Werkzeuggruppen 104
4. 3 Zusammenfassung 114

5 Stratigrafische Fundanalyse
5. 1 Keramikchronologie und Fundstatistiken im Arbeitsgebiet 115
5. 1. 1 Forschungsstand 115
5. 1. 2 Diskontinuitäten in prozentualen Häufigkeitsstatistiken 119
5. 1. 3 Exkurs: Stratigrafische Fundanalyse und vertikale Artefaktverlagerungen 122
in holozänen Sedimenten
5. 1. 4 Die Bedeutung vertikaler Fundverlagerungen für die Erstellung einer 124
Phasenchronologie
5. 2 Stratigrafische Fundanalyse ausgewählter Fundkomplexe im Zentralsudan 127

vi
5. 2. 1 Shaqadud-Midden 127
5. 2. 2 Khartoum-Hospital 136
5. 2. 3 Umm Marrahi 142
5. 2. 4 Sarurab-I 144
5. 2. 5 Saggai 145
5. 2. 6 Kabbashi Haitah und Kabbashi 149
5. 2. 7 Sheikh Mustafa 152
5. 2. 8 Mahalab 153
5. 2. 9 Sheikh al Amin 155
5. 2. 10 Qoz 158
5. 2. 11 Rabak 159
5. 2. 12 Conical Hill 84/24 160
5. 2. 13 Zusammenfassung 160
5. 2. 14 Phasenchronologie für Fundinventare des Zentralsudans 161

6 Regionale Artefaktchronologien
6. 1 Allgemeines 165
6. 2 Arbeitsgebiet 165
6. 2. 1 Unternubien 165
6. 2. 2 Kerma-Region 178
6. 2. 3 Dongola-Region 180
6. 2. 4 Wadi Howar 184
6. 2. 5 Selima Sandsheet und Laqiya-Region 186
6. 2. 6 Oberer Atbara 187
6. 2. 7 Atbara-Mündung 188
6. 2. 8 Zusammenfassung 190
6. 3 Exkurs: Frühholozäne Keramikherstellung in Nordafrika – Eine kritische Zusammenfassung 192
6. 3. 1 Einleitung 192
6. 3. 2 Radiokarbondaten als Indizien? 193
6. 3. 3 Zwischen Innovation und Stagnation 194
6. 3. 4 Fundregionen in Nordafrika 195
6. 3. 5 Der Dotted-wavy-line-Horizont im nördlichen Afrika 207

7 Subsistenz und Klima


7. 1 Klima und Ökologie 211
7. 1. 1 Datengrundlagen 211
7. 1. 2 Das holozäne Makroklima – African Humid Period 211
7. 1. 3 Holozäne Hydrographie 212
7. 1. 4 Holozäne Landschaften 218
7. 2 Subsistenz und Domestikation 221
7. 2. 1 Einführung 221
7. 2. 2 Spektrum der Nutztierfauna mesolithischer und neolithischer Fundstellen 222
7. 2. 3 Zur Frage der Nutztierdomestikation in Nordafrika 235
7. 2. 4 Spektrum der Nutzpflanzen mesolithischer und neolithischer Fundstellen 245
7. 2. 5 Zur Frage der Pflanzendomestikation in Nordafrika 247

8 Sozialstrukturen
8. 1 Einleitung 251
8. 2 Soziale Strategien im Mesolithikum 251
8. 2. 1 Aneignung und Verteilung von Nahrungsmitteln in Wildbeutergemeinschaften 251
8. 2. 2 Ernährungsgewohnheiten im Mesolithikum 252
8. 2. 3 Mobilität mesolithischer Wildbeuter 252

vii
8. 2. 4 Mesolithischer Bestattungsbrauch 254
8. 2. 5 Soziale Strategien von Wildbeutern 255
8. 3 Soziale Strategien im Neolithikum 257
8. 3. 1 Einleitung 257
8. 3. 2 Ernährungsgewohnheiten im Neolithikum 257
8. 3. 3 Mobilität und Strategien von Viehzüchtern 258
8. 3. 4 Nomadismus im Frühneolithikum? 260
8. 3. 5 Neolithische Aktivitätszonen 261
8. 3. 6 Funktionen von Keramik 262
8. 3. 7 Importe 263
8. 3. 8 Neolithischer Bestattungsbrauch 264
8. 3. 9 Soziale Strategien im Früh- und Mittelneolithikum 268
8. 4 Zusammenfassung: Wandel der Sozialstrukturen 275

9 Synopsis: Der Neolithisierungsprozess im Nord- und


Zentralsudan
9. 1 Zeitliche Abfolge der Neolithisierung im Nord- und Zentralsudan 277
9. 1. 1 Der Zeitraum 7000–6500 calBC 277
9. 1. 2 Der Zeitraum 6500–6000 calBC 277
9. 1. 3 Der Zeitraum 6000–5650 calBC 278
9. 1. 4 Der Zeitraum 5650–5350 calBC 278
9. 1. 5 Der Zeitraum 5350–5050 calBC 278
9. 1. 6 Der Zeitraum 5050–4700 calBC 280
9. 1. 7 Der Zeitraum 4700–4000 calBC 280
9. 2 Der Neolithisierungsprozess in Nordafrika 283
9. 2. 1 Formenkreise und Wandel 283
9. 2. 2 Domestikation und Ökologie 285
9. 2. 3 Soziale Strategien und Austausch 287
9. 2. 4 Ausblick 288

Zusammenfassungen
Zusammenfassung 291
Summary 303

Listen 1–3 315

Tafeln 1–3 329

Katalog 333

Bibliografie 427

viii
6 Regionale Artefaktchronologien

6. 1 Allgemeines Ein solcher Vergleich bedarf in erster Linie einer Revision


des Forschungsstandes und v.a. des durch die CPE erstell-
Da aus Regionen außerhalb der Khartoum-Butana-Region ten und durch die SJE rezipierten Chronologiemodells für
kaum vergleichbare stratigrafische Abfolgen bekannt ge- Unternubien. Aus konzep­tionellen Gründen wurden für
worden sind, kann die chronologische Einordnung des dieses die Begriffe Epipaläolithikum und Mesolithikum
Fundmaterials nicht anhand vertikaler statis­tischer Typen- abgelehnt (Shiner 1968a), obwohl sie in den Vorberichten
häufigkeiten überprüft werden. Die bisher vorgeschlage- (Wendorf et al. 1965) noch durchaus Verwendung gefun-
nen Chronologiekonzepte sollen daher einer eingehenden den hatten. Es soll hier der Fragestellung nachgegangen
Überprüfung unterzogen werden, was ihre Relevanz hin- werden, aus welchen Gründen diese – durchaus ersetzba-
sichtlich allgemeiner und überregionaler technologischer ren – Begrifflichkeiten vermieden wurden, auf welchen
Zeithorizonte betrifft.461 Das für die Khartoum-Butana- Kriterien die Klassifikation der alternativ entworfenen ar-
Region erstellte Chronologieschema gilt hierfür zwar als chäologischen Kultur- bzw. Industriebezeichnungen fußte
übergeordnete Referenz, dennoch wird eine Reihe von for- und in welchen zeitlichen Rahmen der Neolithisierungs-
schungsgeschichtlichen Aspekten berührt, die für eini­ge prozess letztendlich einzubinden ist.
bislang geäußerte Überlegungen Diskussions­bedarf erken-
nen lassen. Dies betrifft v.a. die lokalen Formationsprozes- Anhand von Steingeräteinventaren wurden unterschieden:
se, die Problematik der (oft fehlenden) Fundkontexte, die
Interpretation von Radiokarbondatierungen und allgemei- ▪▪ eine fremde Tradition, die von außen aus dem maghre-
ne Vorstellungen zur nordafrikanischen Keramikentwick- binischen Iberomaurusien- und Capsien-Kreis nach Un-
lung als auch zur Steingeräteherstellung. ternubien gelangte (Schild et al. 1968): Arkinian (etwa
Spät-, Epipaläolithikum), Shamarkian (etwa Mesolithi-
Es wird hier davon ausgegangen, dass ohne eine zeit­­­­li­ kum), Post-Shamarkian Neolithic
che Nivellierung technologischer Horizonte zwischen ▪▪ eine lokale Tradition, die so genannte Katarakttraditi-
ein­­zelnen Regionen, die zwar unterschiedliche kulturelle on (Shiner 1968a): Gemaian (etwa Jungpaläo­lithikum),
Ausprägungen berücksichtigt, aber zeittypische Keramik- Qadan (etwa Spätpaläolithikum bis Mesolithikum), Ab-
verzierungs- und Steinbearbeitungselemente stärker her- kan (Neolithikum)
vorhebt, die Richtung, Ein­flüsse und Ursprung des Neoli- ▪▪ eine fremde Tradition, die ohne einheimische Vorläufer
thisierungsprozesses nicht ausreichend untersucht werden möglicherweise aus der Khartoum-Region nach Un-
können. ternubien gelangte (Shiner 1968c): Khartoum Variant
(etwa Neolithikum).

6. 2 Arbeitsgebiet Es ist in diesem Zusammenhang nicht unerheblich, dass die


aufgrund von Steingeräten unterschiedenen Fazies nicht in
6. 2. 1 Unternubien einer zeitlichen Abfolge dargestellt wurden, sondern als
ein kulturelles Spektrum, wobei mehrere sehr unterschied-
Die archäologischen Untersuchungen in Unternubien wur- liche Ausprägungen zeitlich nebeneinander existiert haben
den durch den Zeitpunkt der Flutung des Nasser-Stausees sollen. Bemerkenswerterweise wurden diese kulturellen
beendet. Ältere Arbeiten sind heute nicht mehr durch er- Gruppen jeweils durch verschiedene Bearbeiter analysiert
neute Geländebegehungen oder Ausgrabungen verifizier- und definiert.
bar. Die Auswertung der durch die Combined Prehistoric
Expedition und der Scandinavian Joint Expedition in den
1960er Jahren untersuchten Fundstellen wurde bewusst D as A rkinian und das S hamarkian von
den Arbeiten Arkells für die Khartoum-Region gegenüber- D ibeira W est
gestellt und das Vorliegen einer vollkommen anders­artigen
Entwicklung betont. Dabei stützten sich die Bearbeiter Die Fundkomplexe von Dibeira West DIW-1, DIW-50
wesentlich stärker auf die Arbeiten aus dem Maghreb und (Kat.-Nr. 16), DIW-51 (Kat.-Nr. 17) und DIW-53 (Kat.-Nr.
hoben Verbindungen in diesen als auch in den ägyptischen 18) bildeten ein über mehrere Niltal-Terrassen verstreutes,
Raum hervor.462 Bis heute existieren daher kaum Arbeiten, weitgehend obertägiges Fund­ ensemble, wobei jeweils
die sich einem Vergleich Unternubiens und der Khartoum- mehrere Fundkonzentrationen zu einer Fundstelle zusam-
Region widmen. mengefasst worden sind. Allein auf dem Fundplatz DIW-1
wurden aus dreizehn Fundkonzentrationen, die sehr unter­
461 Eine Neubearbeitung einzelner Fundkomplexe, die teils bereits in schiedliche Merkmale aufwiesen, ca. 100 000 Artefakte
Angriff genommen worden ist (z.B. Gatto 2006a, Usai 2005), kann da- analysiert (Schild et al. 1968, 656).463 Um die vielen vor-
durch nicht ersetzt werden.
462 Shiner 1968a, 1968b, 1968c; Schild et al. 1968; Wendorf 1968b; 463 Vom Fundplatz DIW-51 betraf dies ca. 10 000 Artefakte, von
Marks 1970; Haaland 1977. DIW-53 etwa 4000 Artefakte und von DIW-50 etwa 5500 Artefakte.

165
Die Neolithisierung des M i t t l e r e n N i lta l s

kommenden Gerätetypen typologisch voneinander ab- bleibenden Werkzeugtypen ergeben. Es verwundert daher
zugrenzen, bestand zum Zeitpunkt der Unter­suchung die nicht, dass sich die darüber definierten kulturellen Grup-
Mög­lichkeit des Vergleichs pierungen, die im Wesentlichen aus Fundvermischungen
be­standen, an keinem anderen Fundplatz des Niltals erneut
▪▪ mit dem Iberomaurusien und dem Capsien464 auffinden ließen. ‚Genetische‘ Beziehungen wurden dann
▪▪ mit den aus Ägypten bekannten paläolithischen bis neo- hergestellt, wenn sich in geringen Mengen noch ältere Ty-
lithischen Werkzeugtypen465 pen fanden, die aber auf Ober­flächenfundstellen immer
▪▪ mit den Arbeiten von Myers466 in Unternubien und von auch Intrusionen darstellen können. So konnte das Post-
Arkell467 in der Khartoum-Region. Shamarkian-Neo­lithikum als Ausdruck einer scheinbaren
Besiedlungskontinuität nur in Dibeira West (DIW-50)
An keiner Stelle fand sich jedoch eine stratigrafische Über- vor­kommen, weil nur hier der Erosionsweg der epipaläo-
schneidung, eine ausreichende Einbettung in Schichten lithischen und mesolithischen Werkzeuge von einer höher
oder in deutliche Kontexte wie Feuerstellen, Gruben etc., gelegenen Terrasse aus hin zu einer im Tal befindlichen,
welche die Zusammenfassung eines zweifelsfrei geschlos- neolithischen Fundstelle bestand (Abb. 2.1, 2.2).
senen Inventars – also der Kenntlichmachung zeitgleicher
Gerätetypen – erlaubt hätte. Die Radiokarbondatierungen sind trotz unzureichender
Assoziation zum Fundmaterial als zusätzliche Hinweise
Die Bearbeiter (Schild et al. 1968) behalfen sich mit der zu werten, dass mit der Anwesenheit einer spätpaläolithi-
grundsätzlichen Annahme der Besiedlung der einzelnen schen, einer mesolithischen und einer neolithischen Phase
Terrassen zu unterschiedlichen Zeiten, was sich scheinbar zu rechnen ist, andere Bereiche des Holozäns, etwa zwi-
durch entsprechende Datierungen unterstützen ließ. Da- schen 10 500–8300 calBC und 6700–5000 calBC, hinge-
nach sollte die am höchsten gelegene Fundstelle DIW-1 gen ausfallen und damit keinesfalls eine Besiedlungskon-
die älteste und die am tiefsten gelegene Fundstelle DIW- tinuität469 vorliegt. Alle vier Fundplätze enthielten somit
50 die jüngste Fazies mit einem zeitlichen Rahmen zwi- in unterschiedlicher Intensität jeweils vermengtes Material
schen 11 000 und 4000 calBC aufweisen (Abb. 2.1). Um aus min­destens drei datierten Besiedlungsphasen, die aus
diesen Abfolge zu wahren, wurden für die ‚frühholozäne‘ dem Gesamtkomplex nur anhand strikter typologischer
Fund­stelle DIW-51 auf der Mittelterrasse neolithisch an- Merkmale zu extrahieren gewesen wären. Diesbezügliche
mutende Werkzeuge kurzerhand aussortiert (Schild et al. Schwierigkeiten ergaben sich v.a. aus der Menge des Ma-
1968, 704). Für die ‚spätpleistozäne‘ Fundstelle DIW-1 terials, der unzureichenden Stratifizierung und dem Feh-
wurden Pfeilspitzen ausgesondert (ebd., 679), andere neo- len von Kontexten, welche den Nachweis von Fundver-
lithische Bestandteile wie etwa ein hoher Anteil ausge- gesellschaftungen gewährleistet hätten. Eine Neuanalyse
splitterter Stücke und diskoider Kerne, deren Nutzen für wäre da­her unbedingt notwendig. Hierfür kommt es darauf
die Herstellung von spätpaläolithischen Rückenspitzen an, abhängig vom Rohmaterial den Herstellungsvorgang
in Klingentechnologie Erklärungs­bedarf aufgibt, blieben nach­zu­vollziehen, sodass etwa Kerntypen, typische Ab-
unerkannt und flossen in die Definition des spätpaläoli- fälle und Werkzeuge, darunter Leitformen mit bekanntem
thischen Arkinians mit ein. Auch das Shamarkian bildet Alter, systematisch miteinander verknüpft werden können.
ein solches unplausibles Konstrukt, in dem makrolithische Gleichzeitig ist die Werkzeugtypologie dann nicht zuerst
Rückenspitzen, Mikrorückenspitzen, geometrische Mikro- an subjektive formale Unterschiede, sondern etwa an
lithen und dicknackige grobe Lunate gleich­zeitig nebenei- Grundformen oder Retuschearten zu binden.
nander hergestellt worden sein sollen.
Eine vorläufige Übersicht zeigt nochmals deutlich, dass
Insgesamt wird dadurch der Eindruck vermittelt, dass die einzelnen Fundstellen keine phasenreinen Inventare,
sich die ‚kulturellen‘ Gruppierungen durch eine äußerst sondern jeweils Fundvermischungen vertreten, aus denen
wahllose und anachronistische Zusammenstellung von die Herstellungsstrategien extra­hiert werden müssen (Tab.
möglichst vielen verschiedenen Werk­zeugtypen auszeich- 6.1).
nen.468 Eine zeitliche Differenzierung sollte sich einzig aus
variierenden prozentualen Anteilen dieser gleichförmig Davon ausgehend lassen sich für die einzelnen Strategien
in der Literatur durchaus einphasige Inven­tare auffinden.
464 Später zusammengefasst bei Camps (1974). Das Inventar des Fundplatzes CPE-1021 (Abka-1021,
465 Z.B. Kom-Ombo-Ebene (Vignard 1928), Fayum (Caton-Thomp- Kat.-Nr. 3), das überraschenderweise eine nahezu rei-
son/Gardner 1932), Kharga-Oase (Caton-Thompson 1952), Badari ne mesolithische Klingentechnologie mit Hinweisen auf
(Brunton/Caton-Thompson 1928).
466 Myers 1948, 1958, 1960. Kerbbruchtechnik aufwies, wurde aber bemerkenswerter-
467 Arkell 1945a, 1945b, 1947, 1949a, 1949b, 1953, 1954b, 1957. weise nur den ‚miscellaneous sites‘, also den unklassifi-
468 Für den ‚frühholozänen‘ Fundplatz DIW-51 erschienen unter den zierbaren Fundplätzen (Shiner 1968b), zugeordnet. Auch
Fundabbildungen nicht nur spätpaläolithische Rückenspitzen (Schild et ein weiteres Rückenspitzeninventar des Fundplatzes CPE/
al. 1968, Abb. 34.16) und mesolithische Mikrolithen (ebd., Abb. 34.33–
34), sondern auch neolithische Bohrertypen (ebd., Abb. 34.4). Für den SJE-265 wurde lediglich unter ‚miscellaneous sites‘ einge-
zweiten ‚frühholozänen‘ Fundplatz DIW-53 wurden ebenfalls spätpaläo-
lithische rückenretuschierte Klingenwerkzeuge, ferner Mikrolithen (ebd.,
Abb. 42.5), aber auch eine mittelpaläolithische Levallois-Spitze (ebd., 469 Eine Besiedlungskontinuität wäre allerdings notwendig, um das
Abb. 41.6) illustriert. allmähliche Ablösen eines Typs durch einen anderen nachzuweisen.

166
R e g i o n a l e A rt e fa k t c h r o n o l o g i e n

Strategie Rohmaterial Kerntyp Grundform Endprodukte Fundstelle Datierung


1 Chert/Flint single platform Klingen rückengestumpfte Klingen, Rückenspitzen 1, 50, 51, 53 epipaläolithisch
core
2 Chert/Flint single platform Mikroklingen Mikrorückenspitzen, Lunate, geometrische 50, 51, 53 mesolithisch
core, Lamellen­ Mikrolithen, Mikrostichel
kerne
3 Chert/Flint, diskoid Segment­ rückenretuschierte Segmente 1, 50, 51, 53 neolithisch
Achat abschläge

4 ägyptischer nicht lokal herge- nicht lokal double backed perforators, große Klingen mit 50, 51, 53 neolithisch
Chert stellt hergestellt kontinuierlicher Retusche, gezähnte/ gekerbte
Klingen und Ab­schläge, side-blow flakes

5 Chert/Flint Segmentkerne, Abschläge double backed perforators, gezähnte/gekerbte 50, 51, 53 neolithisch
Kortexplattform Abschläge, Beile und beilförmige Schaber

6 Chert/Flint, gespalten Kortexkappen, Bohrer, Endkratzer 1, 50, 51, 53 neolithisch und


Achat Abschläge, jünger
ausgesplitterte
Stücke

7 Quarz ungerichtet Abschläge, - 50, 53 neolithisch und


Absplisse jünger

Tab. 6.1  Übersicht über unterschiedliche Werkzeugherstellungsstrategien und deren Verteilung auf die Fundplätze von Dibeira West

ordnet.470 In anderen Fällen wurden geometrische Mikro­ scher Schwerpunkt auf Rückenspitzen474 betont worden
lithen wie Trapeze und ungleichschenklige Dreiecke471 (Rahmani 2003, Abb. 157, 159). Das Capsien supérieur
sowie Rückenspitzen und Ounan-Spitzen472 nicht richtig von Relilai (7000–6000 calBC) weist dagegen ein wei-
klassifiziert und anderweitig definierten Fazies (Qadan, tes Spektrum an mesolithischen Mikrolithenformen wie
Khartoum Variant) untergeordnet.473 Trapez­typen (ebd., Abb. 174), Segmenten (ebd., Abb.
173), länglichen Dreiecken und Sonderformen mit Buckel
Im Ergebnis lässt sich festhalten, dass: bzw. geschulterten Dreiecken (ebd., Abb. 171) auf. Diese
lassen sich gut mit Formen von DIW-53 vergleichen (Abb.
▪▪ in Unternubien bereits bekannte Werkzeugtechniken 6.1). Ferner beschrieb Rahmani (2003, 207f.) typische
und -formen des Spät- und Epipaläo­lithikums, des Me- Bruchstellen an Trapezen durch Gebrauch, die auch auf
solithikums und des Neolithikums auftraten, DIW-51 und DIW-53 auftraten (Abb. 6.1e).
▪▪ durch die CPE teils eine Umklassifikation erfolgte, um
unsichere Fundzusammenhänge aufzu­ werten und zu Offensichtlich besteht für den Zeitraum zwischen 8000
geschlossenen Fundkontexten umzudeuten, und 6000 calBC in Unternubien eine enge Verbindung zu
▪▪ die typologischen Konzepte des Arkinians, des Shamar- Capsien-Inventaren und ähnlichen Ausprägungen in den
kians und des Post-Shamarkian-Neo­lithikums aus me- Gebieten von Nabta Playa und Bir Kiseiba in Südwest­
thodischer Sicht keinesfalls aufrecht zu erhalten sind. ägypten475. Eine chronologische Abfolge von Rückenspit-
zen über langschmale un­gleichschenklige Dreiecke zu wei-
Andererseits ist der bereits von Schild et al. (1968) vor- teren geometrischen Mikrolithenformen scheint äußerst
genommene Vergleich zu Capsien-Inventaren, besonders naheliegend.476 Langschmale ungleichschenklige Drei­ecke
für die Inventare von DIW-53 und DIW-51 (ohne den sind bis auf wenige Stücke, z.B. von DIW-3A (Schild et
neolithischen Anteil), sehr interessant, weil sich eine sol- al. 1968) oder von 11-I-13 im Wadi Karagan (Usai 2008c,
che Möglichkeit für andere Inventare des Arbeitsgebiets Abb. 4.1–6), im nubischen Niltal bislang nicht gut belegt.
nicht erschließt. Für das Capsien typique, z.B. von Relilai Datierungen ergeben sich aus dem Vergleich zu Bir Kisei-
(8200–7050 calBC), ist zuletzt nochmals ein technologi- ba477 und Elkab (Vermeersch 1984) etwa zwischen 7300
und 6700 calBC, wobei die Dreiecke zunehmend kürzer

470 Hierzu vgl. auch die wesentlich detailliertere Analyse durch 474 Abb. 4.26: Tixier 45, 56.
Marks (1970). Marks (1970) konnte das Inventar allerdings nicht zeitlich 475 Vgl. etwa Close (1984b, Abb. 12.10); Taute (1978, Abb. 8, 9).
einordnen, da hierfür das gesamte chronologische Konzept der CPE kei- 476 Eine weitere Verwendung der Begriffe Arkinian und Shamarkian
nen Platz bot, sondern hätte vollständig in Frage gestellt werden müssen. wäre nur sinnvoll, wenn diese radikal auf eine epipaläolithische Klingen-
Es enthielt zudem eine Fundvermischung mit jüngerem Material. produktion zur Herstellung von Rückenspitzen (Arkinian) und eine me-
471 Z.B. Shiner 1968a, Abb. 24.b–f: Site 2012. solithische Klingenproduktion zur Herstellung von Mikrorückenspitzen
472 Z.B. Shiner 1968c, Abb. 2.b–d; 3.g. und geometrischen Mikrolithen mit Anklängen an das Capsien supérieur
473 An Shiners Arbeiten (Shiner 1968a, 1968b, 1968c) ist auffällig, (Shamarkian) verkürzt würden. In beiden Fällen wären Termini wie Nu-
dass mesolithische Steinbearbeitungstechniken bzw. Werkzeugtypen na- bian Epipalaeolithic und Nubian Mesolithic of Upper Capsian Tradition
hezu vollständig ignoriert wurden. Mikrolithen umfassten nach seiner wesentlich besser geeignet.
Auffassung sämtliche kleine Werkzeuge, nicht aber vorwiegend geome­ 477 Datierungen für E-79-1 und E-75-6 (Schild/Wendorf 2001, Tab.
trische Formen, die in Klingenbruchtechnik hergestellt wurden. 3.1).

167
Die Neolithisierung des M i t t l e r e n N i lta l s

Abb.  6.1  DIW-53 (Unter­nubien).


Geo­­metrische Mikro­lithen mit An-
klängen an das Capsien supérieur
(nach Schild et al. 1968, Abb. 42)

und breiter werden. Erst mit dem Auftreten von ungleich- vom vorangehenden Gemaian (‚Jungpaläolithikum‘) zum
schenkligen Dreiecken und Mikrorückenspitzen bzw. Lu- nachfolgenden Abkan (Ceramic Age) überleiten sollten.
naten lässt sich ab etwa 7000 calBC die Entwicklung zur Grundlage waren hierfür nicht immer formenkundlich zu
Khartoum-Region parallelisieren.478 unterscheidende Werkzeugtypen, sondern lediglich deren
variierende prozentuale Anteile.
Bezüglich der neolithischen Herstellungsstrategien fallen
einerseits eine lokale Produktion und andererseits ein Zu­ So konnten als Begleitindustrie der in Levalloismanier
rückgreifen auf den Import von fertigen Werkzeugen aus ‚präparierten‘ Qadan-Spitzen wechselweise Lunate, Seg-
ägyptischem Chert auf. Die entsprechenden Werk­zeugfor­ mente, geometrische Mikrolithen o.ä. auftreten; in der
men finden sich auch auf anderen Fundplätzen, welche jüngsten Stufe (Late Qadan) sollte Keramik hinzutreten.
bislang dem Khartoum Variant (s.u.) zu­geordnet worden Aufgrund der Einbettung in spätpleistozäne Siltschichten
sind.479 Die früheste Datierung von 4900–4550 calBC, die waren die Mitglieder der CPE zu der Auffassung gelangt,
damit in Verbindung gebracht werden könnte, stammt aus dass die Verwendung der Levalloistechnik in Unternubien
einer Feuerstelle von DIW-50. Da der Datierungsbereich bis in das Holozän angedauert haben musste. Dies stellt im
zwischen 6700 und 5000 calBC für die Fundplätze von Di­ Ergebnis nicht nur eine fragwürdige Haltung gegenüber
beira West praktisch ausfällt, fehlen in der zur Diskus­sion dem allgemein vertretenen Konzept des Mittelpaläolithi-
gestellten Arkinian-Shamarkian-Sequenz die Bereiche des kums dar, sondern auch hinsichtlich der Kenntnis jener
Mittel- und des Spätmesolithikums. Der Übergang zum dynamischen Prozesse, die zur Formation des Niltals im
Neolithikum lässt sich anhand dieser Sequenz folglich Spätpleistozän und zur Verlagerung von Fundmaterial ge-
nicht erschließen. führt haben.

Für die vermeintlich für das Qadan typische Zusam-


D as Q adan und die ‚K atarakttradition ‘ mensetzung der Fundinventare ist deren Si­tuierung sehr
aufschlussreich. Für mindestens acht der insgesamt 16
Ausgehend von der bereits an den Klassifikationsmetho- Qadan-Fundplätze, vorwiegend Oberflächenfundplät-
den der CPE geübten Kritik muss das Qadan nach Shiner ze, ist die Lage an einem Hang am Nilufer beschrieben
(1968a) als eines der ungewöhnlichsten Konzepte bezeich- worden (Shiner 1968a). Ver­rollungen oder vollständige
net werden. Kurz gefasst basiert das Konzept des Qadan Um­lagerungen wurden mehrfach angemerkt. Bei einigen
auf einer unzulässigen Verkettung von mittelpaläolithi- der Levallois­spitzen handelt es sich tatsächlich um mit-
schen480, mesolithischen und neolithischen Elementen der telpaläolithische Artefakte, die in überwiegend holozänen
Steinbearbeitung. Zeitlich umrahmt durch die Datierungen In­ventaren als Intrusionen auftreten. Zusätzlich erfolgte
zweier Fundplätze, einmal um 15 000 bp und andererseits durch Shiner (1968a) die Klassifikation einfacher unre-
um 6000 bp, sollte das Qadan ohne weitere Datierun­gen tuschierter spitzenförmiger Abschläge als intentionierte
des Zwischenraums über eine enorme Zeitspanne von Spitzen von speziell präparierten Kernen.481 Diese unretu-
9000 Jahren angedauert haben (Shiner 1968a, 564). Da­ schierten Artefakte würden in geläufigen Statistiken nicht
rüber hinaus präsentierte Shiner (1968a) eine Untergliede- oder unter den Abfällen er­scheinen.482 Aber auch bei vielen
rung in vier Stufen, die ohne größere Brüche typologisch von Shiner (1968a) abgebildeten, retuschierten Stücken ist
die Retusche oft nicht eindeutig bzw. handelt es sich um
478 Eine frühere holozäne Besiedlung der Khartoum-Region lässt
sich demnach anhand von Steingeräten bislang nicht belegen. Erst auf einfache Abschläge in Form einer Spitze (Abb. 4.39).
der Fundstelle Gamble’s Cave in Kenia lassen sich dem Capsien ver-
gleichbare Mikrolithenformen finden, was Leakey (1931) zu der heute Werden die Qadan-Inventare unabhängig von den Spit-
nicht mehr benutzten Bezeichnung Kenya Capsian bewegt hatte. zentypen betrachtet, lassen sie sich aus techno­logischer
479 Die Eigenständigkeit des Post-Shamarkian-Neolithikums kann
damit als widerlegt angesehen werden (vgl. auch Haaland 1977). Sicht ohne weiteres dem Mesolithikum (single platform
480 Berührungen zwischen mittelpaläolithischen und mesolithischen core, geometrische Mikrolithen), häufiger aber dem Spät-
Funden sind in Unter- und Obernubien nicht ungewöhnlich. Hier können mesolithikum (single platform core, dicknackige Lunate)
auch die Fundplätze Abka-9 (Palma di Cesnola 1960) und Sonki East, und dem Neolithikum (Kortexkerne, Segmente) zuweisen
21-I-16 (Rudin 1980) genannt werden, die recht umfassend ausgegraben
worden sind. Besonders auf letzterem Fundort war eine Stratifizierung (Abb. 6.2). Zu den in Dibeira West belegten Herstellungs-
der Funde deutlich (Abb. 2.10), dennoch zeigt die Auswertung, dass ge- strategien (Tab. 6.1) lässt sich somit eine spätmesolithi-
rade aus dem Level der stärksten Fundvermischung eine exakte typolo-
gische Trennung der Bearbeitungsabfälle nicht immer möglich war. Über 481 S.a. Kapitel 4.2.3.1.4.
eine Nachzeitigkeit bestanden jedoch keine Zweifel. 482 Vgl. hierzu die Kritik von Marks (1970, 412).

168
R e g i o n a l e A rt e fa k t c h r o n o l o g i e n

Strategie Rohmaterial Kerntyp Grundform Endprodukt Datierung


8 Chert/Flint single platform core, Segment­ Abschläge mit Kortexrücken, dicknackige rückenretuschierte Lunate, spätmesolithisch
kerne mit Schlagfläche Abschläge mit Mittelgrat basis- oder rückenretuschierte Spitzen (?)

Tab. 6.2  Übersicht über die einem Teil der ‚Qadan‘-Inventare zugrunde liegende Werkzeugherstellungsstrategie

sche, auf die Herstellung dicknackiger Lunate ausgerich- ▪▪ eine Holzkohledatierung von 5550–5200 calBC aus ei-
tete Technologie hinzufügen (Tab. 6.2). ner Feuerstelle des Fundplatzes Wadi Halfa West 605
(Kat.-Nr. 58), der Bezug zu den verstreuten Artefakten
Die bisher vorgeschlagene Datierung des Qadan basierte an der Oberfläche ist nicht sicher. Diese Datierung kann
auf folgenden Anhaltspunkten: jedoch, da sie als einzige aus einem anthropogen ge-
schaffenen Kon­text stammt, am wenigsten angezwei-
▪▪ Qadan-Inventare fanden sich oft auf den höchsten Silt­ felt werden.
sedimentationsstufen in Unternubien, mit Se­di­ment­da­
tierungen zwischen 15 000–11 000 bp: Eine Datierung der unter dem Qadan subsummierten In-
ventare in das Spätpleistozän kann damit nicht aufrecht
„...they are, therefore, one of the last Final Pleistocene cul- erhalten werden, da es sich lediglich um Datierungen der
tural units in this part of the Nile Valley“ (Wendorf/Schild Formationsprozesse, nicht aber der Besiedlungsphasen
1989, 815). handelt. Aufgrund der inkonsistenten Defintionsgrundlage
sollte das gesamte Konzept des Qadan keine weitere An-
Diese Aussage ist grundsätzlich falsch, da die spätpleis- wendung erfahren. Der Begriff Mesolithikum wurde durch
tozänen Formationen nach deren Bildung zu jeder Zeit Shiner (1968a) einzig aus dem Grund abgelehnt, weil die
besiedelbar waren. Die Hälfte aller Qadan-Fundplätze von ihm konstruierte Katarakttradition den bis­herigen For-
liegt zudem nicht auf den Formationen, sondern tat- schungskonzepten aus dem Sudan oder dem Maghreb wi-
sächlich an deren Erosionshängen. dersprach. Auch das Qadan als eine lokale Tradition – im
▪▪ Molluskendatierungen aus einer sekundären Füllung Gegensatz zum Mesolithikum mit Anklängen an das Cap-
einer Erosionsrinne (mit Levallois-Artefakten) auf dem sien (Shamarkian) – kann kaum Bestand haben, da sich die
Fundplatz CPE-34C von 11 410 ± 270 bp (WSU-189) betreffenden Inventare ohnehin erst in das Spätmesolithi-
und 11 200 ± 180 bp: kum484 und das Neolithikum einfügen.

„Site 34C lies in an unusual situation in that all the artifacts In gleicher Form sind auch die mittelpaläolithischen Ele­­
had been eroded from their original position and had been men­te des Gemaian (am Beginn der so ge­nann­ten Ka­ta­
in­corporated into a channel of pea gravel“ (Shiner 1968a, rakt­­­tra­di­tion) von der über reine Sediment­da­tie­run­gen
568f.). postulierten jungpaläolithischen Zeitstellung zu entkop-
peln. Offenbar war diese Vorgehensweise durch das Kon-
Die Assoziation der in dieser Form gewonnenen Datie- zept des oberägyptischen Sebilian (Vignard 1928) beein-
rungen zu bestimmten Artefakttypen ist unzulässig.483 flusst, für das aus der Vermischung mittelpaläolithischer
und frühholozäner Elemente ebenfalls eine ungebrochene
Abfolge (unter Auslassung der jungpaläolithischen Klin-
483 Grundsätzlich verstößt sie gegen Grundregeln der stratigrafischen gentechnik) konstruiert wurde. Aufgrund der Maskierung
Methode: Zum Zeitpunkt der Umlagerung sollten alle Sedimentbestand- durch falsche Konstrukte entziehen sich mesolithische
teile, zu denen neben Geröllen und Kies auch die Mollusken und Artefak- Inventare des 7. Jt. v. Chr. (vom Typ Capsien supérieur,
te zählen, bereits existent, d.h. älter, sein. Der Zeitpunkt der Umlagerung vgl. etwa Vignard 1928, Taf. 14–20) aus dem ägyptischen
als ein terminus ante quem für die Artefakteinlagerung kann auf diese
Weise nicht bestimmt werden – dieser lag zwischen 11 000 bp und dem Niltal momentan dem Zugriff der Forschung. Hier steht
Tag der Fundplatzentdeckung. Bemerkenswert ist zudem, dass die lokale unbedingt eine typochronologische Neubewertung an.
Grobkiessedimentation in einer Erosionsrinne oberhalb von meterstarken
Siltablagerungen auf einen extrem hohen Nilpegel und nicht naheliegend Der von Shiner (1968a) gezeichnete Übergang vom Qadan
auf eine Erosion der oberhalb gelegenen Sandsteinformation (vgl. Wen-
dorf et al. 1965, Abb. 2) zurückgeführt wurde. Hier offenbart sich ein zum neolithischen Abkan als Abschluss der Katarakttradi-
schwerer Konflikt der durch die CPE recht spekulativ rekonstruierten tion bleibt insofern frag­wür­dig (so auch Usai 2008a, 42),
Sedimentations- und Besiedlungsgeschichte (ebd., de Heinzelin 1968): als dass weder typo­lo­gische Übergangsformen noch zeit-
Der Erosionsweg von oben nach unten in das Niltal, als auch die Mög- lich direkt aufeinander folgende Datierungen einem sol-
lichkeit einer späteren Besiedlung höher gelegener Areale wurden häufig
vernachlässigt. Genau genommen muss es aufgrund komplexer Erosions- chen Szenario entsprechen. Vielmehr scheint ein Großteil
vorgänge und eines wechselnden Besiedlungsverhaltens als unmöglich der Abkan-Inventare v.a. Fundgut des Spätneolithikums zu
angesehen werden, das Alter einzelner, umgelagerter Funde anhand der beinhalten. Der Neolithisierungsprozess in Unter­nu­bien
relativen Höhenlage des Auffindungsortes zu bestimmen. Die Probe einer kann demnach auf­grund bislang un­ge­eig­ne­ter Kon­zep­te
dritten, als terminus ante quem vorgebrachten Datierung (12 550 ± 460
bp, WSU-202; Shiner 1968a, 569) wurde laut der Abbildung bei Wendorf kaum re­kons­truiert werden.
et al. (1965, Abb. 2) an einer vollkommen anderen Fundstelle aus Siltse-
dimenten (Site 34D) entnommen. Diese Formation ist jedoch im Zuge 484 In Abgrenzung zum oben besprochenen Nubian Mesolithic of Up-
einer Evaluation der WSU-Datierungen ohnehin auf > 41 490 bp (SMU- per Capsian Tradition wäre dies mit Nubian Late Mesolithic zu benen-
107) umdatiert worden (Wendorf et al. 1979, 221). nen.

169
Die Neolithisierung des M i t t l e r e n N i lta l s

Spätmesolithikum/
Neolithikum

single platform core, rückenretu-


schierte dicknackige Lunate und
Segmente in Slicing-Technik

Mesolithikum

single platform core, rückenretu-


schierte Mikrolithen in Klingen­
technik

Mittelpaläolithikum

Kerne, Halfa-Abschläge und


Spitzen in Levallois-Technik

Abb. 6.2  Typochronologische Elemente, die durch Shiner (1968a) mit der Qadan-Industrie unzulässig als zeitgleich zu­sammengefasst wurden, M. ca.
1:2 (Abbildungen nach Shiner 1968a, Abb. 23–25, 36, 40; Fundplätze CPE-605, 609, 621, 1023, 2012)

D as Q adan und das A lter der B estattungen und zu schweren Verletzungen geführt haben.486 Wenn
vom J ebel S ahaba auch dies einige Fragen hinsichtlich der allgemeinen Vor-
stellungen zur Pfeilbewehrung aufwirft, ergibt sich daraus
Besonders problematisch erscheint im Zusammenhang weder ein typologischer noch ein zeitlicher Zusammen-
mit dem Qadan, dass der Bestattungsplatz vom Jebel Sa- hang zu den übrigen Steinartefakten.
haba, Site 117 (Kat.-Nr. 23), zeitlich in eben jenes kultu-
relle Konglomerat gestellt worden ist (Wendorf 1968a). Diese umfassen mittelpaläolithische Levalloisspitzen,
Trotz der langen, durch Shiner (1968a) vorgegebenen ent­­­sprechende Kerne und Abschläge, aber auch über die
Datierungsspanne wollte Wendorf die Bestattungen ein- Sli­­
cing-Tech­ nik gewonnene Seg­ mente – teils rücken­
deutig als spätpleistozän bzw. jungpaläolithisch ansehen retuschiert, teils mit natürlicher Kortex – die mitunter be-
(Wendorf 1968a, 993).485 Als zusätzliche Belege für das reits an side-blow flakes erinnern (Abb. 6.3).487 Besonders
hohe Alter wurden die Kalzifizierung und Fossilisierung auffällig ist ein einseitig retuschiertes Gerät, das von Wen-
der Ske­lette, die Beigabenlosigkeit und die zahlreichen, dorf (1968a, Abb. 33v) als Spitze, in anderen Zusammen-
auf dem Fundplatz vorhandenen Steinartefakte angeführt. hängen aber regelmäßig als frühneolithisches Kernbeil,
Dass bei vier der ca. 50 Skelette in Knochen eingebettete mindestens jedoch als proto-gouge bezeichnet worden ist
Steinartefakte gefunden wurden, bewog Wendorf (ebd., (vgl. Schild et al. 1968: DIW-4).
959) zu der Annahme, nahezu alle der insgesamt 189 in
der Nähe der Skelette auf­gefundenen Steinartefakte als Es ist in diesem Zusammenhang nicht uninteressant, dass
Teile von Waffen zu interpretieren, die zum Tod des je- der Fundplatz 117 eigentlich durch ein Team der Columbia
weiligen Indi­viduums geführt hatten. Dass es sich dabei Universität entdeckt und vorläufig untersucht worden war
vorwiegend um Siedlungsmaterial handelte, war Wendorf (Solecki et al. 1963). Nach dessen Ansicht erfolgte die An-
nicht gänzlich entgangen: lage der Gräber, welche Oberbauten aus kleineren Stein­
ansammlungen besaßen, im Gegensatz zur Auffassung
„Some of the pieces may not have been weapons, as for example, Wendorfs, erst nach Abschluss der Siltformation. Gleich-
the scrapers“ (Wendorf 1968a, 991). zeitig wurde die Fossilisierung der Knochen keineswegs
ein Indikator für ein sehr hohes Alter angesehen:
Eine plausible Erklärung für das Vorkommen solcher Ge-
räte fand sich jedoch in seiner Indizienkette nicht. Es muss 486 Obwohl hier seitens der anthropologischen Untersuchung Hin-
weise auf Verheilungsprozesse angeführt wurden: „Burial 117-31 shows
dazu angemerkt werden, dass es sich bei den in Knochen severe reaction to points [sic!] buried in the lower cervical vertebrae
eingelagerten Steinartefakten sämtlich um unspezifische and in the pubis“ (Anderson 1968, 1028). Eine kürzliche Revision des
unretuschierte Absplisse handelt (Wendorf 1968a, Abb. Skelettmaterials durch Judd (2006) interpretierte die Verletzungen weit
36), die mit Sicherheit als Pfeilspitze eingedrungen sind weniger dramatisch.
487 Die rückenretuschierten, dicknackigen Lunate, die auch in Shaqa-
dud-Midden vorkommen und als eine jüngere Entwicklung angesehen
werden dürfen (vgl. Abb. 4.36, 38), wurden bei Wendorf in suggestiver
Form abgebildet, als würde es sich etwa um präparierte Abschläge mit fa-
485 Der Fundplatz wird seither vielfach als weltweit frühester Bestat- cettiertem Schlagflächenrest (einem Merkmal des Mittelpaläolithikums)
tungsplatz mit Anzeichen kriegerischer Auseinandersetzungen zitiert. handeln (vgl. Wendorf 1968a, Abb. 33kk, n).

170
R e g i o n a l e A rt e fa k t c h r o n o l o g i e n

Beispiele für un­retuschierte


Ab­splisse, wie sie in Kno-
chen eingebet­tet aufgefunden
wurden

Spätmesolithikum/
Neolithikum

Side-blow-Abschlag, Kom-
positgerät und flächenretu-
schierter Abschlag

Spätmesolithikum/
Neolithikum

rückenretuschierte Segmente
in Slicing-Technik

Grab 44

Mittelpaläolithikum

Spitze, Halfa-Abschläge und


Halfa-Kern in Levallois-
Technik

Grab 34 Grab 41

Abb. 6.3  Jebel Sahaba, Site 117 (Unternubien). Typochronologische Elemente, die von Wendorf (1968a) als zeitgleich zur Datierung des Bestattungs-
platzes herangezogen wurden. Die Steingeräte fanden sich teils in den Grabfüllungen und an der Oberfläche, in Knochen eingebettete Absplisse in den
Bestattungen 31, 23, 21, 103; M. ca. 1:2 (Abbildungen nach Wendorf 1968a, Abb. 31–35)

„... the fact that Dr Perkins has observed the bones of dome- durch Eintreten o.ä. nicht ausgeschlossen werden. Insge-
sticated animals (Neolithic) in the Sudan in an equally minera- samt handelt es sich ohnehin um ein typisches Siedlungs-
lized condition, leads to the assumption that these human bones inventar mit rückenretuschierten Segmenten als Schneide-
are not necessarily of great (pre-Upper Palaeolithic) antiquity. einsätzen488, Schabern, Bohrern etc. Dass sich in der durch
It would appear that mineralization and fossilization can occur Wendorf (1968a) publizierten Sammlung kaum Kerne und
very rapidly under cli­matic conditions along the Nile…“ (Solecki Bearbeitungsabfälle fanden, dürfte auch daran liegen, dass
et al. 1963, 89). der Fundplatz bereits durch das Team um Solecki abge-
sammelt worden war. Die mittelpaläolithischen Elemente
Von noch größerer Bedeutung ist jedoch Soleckis Ein- sind dagegen auf Intrusionen zurückzuführen, ein Stück
schätzung der kulturellen Assoziation, welche beweist, zeigt sogar deutliche Abrollungsspuren (Abb. 6.3: Halfa-
dass mit einem weit quellenkritischeren Ansatz als dem Abschlag aus Grab 34).
der CPE die Vorgeschichte Unternubiens möglicherweise
eine präzisere chronologische Bewertung erfahren hätte: Einen letzten Unterpunkt stellt die Annahme eines hohen
Alters aufgrund der Kalzifizierung dar, die von Wendorf
„Pending further studies, the collection appears to be composed (1968a) auf Ausfällungen während eines sehr hohen Nil-
of a microlithic industry mixed with a rolled or worn Palaeolithic pegels, dessen Alter sich seiner Meinung nach über die
industry, the latter originating from the nearby hills. None of the Siltstufen leicht bestimmen ließe, zurückgeführt wurde.
sampled material can be con­sidered, of course, as in situ arti- De Heinzelin (1968, 35) hat in seiner sehr umfassenden
facts associated with the skeletal finds“ (ebd., 89). Aggradationschronologie des Nils vom Pleistozän bis zum
Holozän den Nilpegel zwischen 9500 bp und 5500 bp als
Danach ist zwischen den Bestattungen und den Steinge-
räten, die in den losen Silten auf der Fund­platzoberfläche
sowie in den Grabgrubenverfüllungen lagen, der zeitliche 488 Zu Sicheln geschäftete Schneideeinsätze können als Grabbeigabe
Bezug nicht zwingend. Auch kann eine nachzeitige Depo- vorkommen – allerdings erst im Neolithikum, z.B. in Grab 114 in Kadero
nierung der Steinartefakte und deren vertikale Verlagerung (Kobusiewicz 1996), eine Datierung, die Wendorf keinesfalls in Erwä-
gung ziehen wollte.

171
Die Neolithisierung des M i t t l e r e n N i lta l s

progressiv sinkend eingestuft.489 Eine holozäne Datierung zeitlichen Anhaltspunkt für die Anlage derartiger Bestat-
sollte damit für hoch gelegene Fundplätze nicht in Frage tungsplätze in Unternubien.492 Eine nie ausreichend pub-
kommen. Mit einer absoluten Höhe von 160 m liegt der lizierte Datierung von 13 740 ± 600 bp (Kat.-Nr. 23) von
Fundplatz Jebel Sahaba aber noch oberhalb der höchsten extrahiertem Knochenkollagen aus Bestattung 43 vom
Nilaggradationen aus dem Pleistozän (Neu­ datierungen Jebel Sahaba kann bei dem immer wieder beschriebenen
durch Wendorf et al. 1979). Es ist damit ausgeschlossen, hohen Fossilierungsgrad der Knochen schwerlich akzep-
dass die Kalkkonkretionen auf Nil­ überschwemmungen tiert werden.493 Aufgrund der Publikationsweise (Wendorf/
zurückgeführt werden können. De Heinzelin (1968, 33) Schild 1989, 815) können weder die angewandten Extra­
führte hierzu aus: hierungsmethoden noch Argumente nachvollzogen wer-
den, warum sie einer 7000 Radiokarbonjahre jünger aus-
„A possible antequam date is provided by the calcified crust abo- fallenden Datierung vorgezogen werden sollte.
ve the burial layer which, to our knowledge, never occurs in re-
lation with historical or Neolithic sites. A conservative estimate In letzter Zeit hat die Zeitstellung in das 6. Jahrtausend v.
would be more than 4,000 B.C.“ Chr. durch Datierungen von Gräberfeldern in Obernubien,
so in Barga-Süd (6000–5500 calBC, Kat.-Nr. 8) und in Ka-
Einige Seiten später folgt jedoch zum Fundplatz DIW-6: druka 33 mit 5600–5500 calBC (Reinold 2001, 6, Anm. 4),
zusätzliche Bestätigung erfahren.494 Von den frühmesoli-
„It was followed by erosion again, hill wash mixed with wind- thischen, oft stark komprimierten Bestattungen, wie etwa
blown sand, then by an industrial level of perhaps Neolithic age. in Barga-Nord, unterscheidet sich der Bestattungskomplex
All this complex has been covered by a thick calcareous traverti- vom Jebel Sahaba durch die planmäßige Anlage der Gräber,
ne where traces of plants and algal incrustations are abundant… die Mehrfachbestattungen, die Seitenlage mit angehockten
the travertine was caused by seepage of underground water Beinen und zum Gesicht geführten Händen – insgesamt
stored under the pene­plain during a humid period“ (de Heinzelin Merkmale, die auf eine spätmesolithische bis neo­lithische
1968, 40).490 Zeitstellung weisen. Die überwiegende Beigabenlosigkeit
widerspricht angesichts der Beispiele aus Merimde Beni-
Das bedeutet, dass Kalkkonkretionen nicht als Hinweis salâme und Omari (Midant-Reynes 1992/2000, 116, 122)
auf eine spätpaläolithische Zeitstellung ge­wertet werden keineswegs einer neolithischen Datierung.
können, sondern sich zu sehr verschiedenen Zeiten und
unter unterschiedlichen Be­dingungen, wenn auch im Nil-
tal überwiegend vor dem 4. Jahrtausend v. Chr., gebildet K hartoum V ariant und das N eolithikum
haben.
Zur Unterscheidung des Post-Shamarkian-Neolithikums
Vor dem Hintergrund dieser kontroversen Auseinanderset- und des Khartoum-Variant(-Neolithikums) sind in erster
zung ist aufgrund des Forschungs­anspruches der CPE491 Linie zwei unterschiedliche Bearbeiter anzuführen, näm-
ist eine Radiokarbondatierung einer menschlichen Bestat- lich M. Chmielewska (in Schild et al. 1968) und J.L. Shi-
tung eines weiteren Gräber­feldes, direkt auf dem gegen- ner (1968c), die bei der Auswertung entsprechender und
über liegenden Nilufer, als zu jung zurückgestellt worden. in weiten Teilen sehr ähnlicher Fund­komplexe keinen Be-
Obwohl sie bereits 1966 publiziert worden war (Krueger/ zug aufeinander genommen haben. Anders als das Post-
Weeks 1966, 158), hat es in der Publikation von Wendorf Shamarkian-Neolithikum ist das Khartoum-Variant(-Neo­
(1968a) nicht einmal Erwähnung gefunden. Auf dem zu- lithikum) weithin in der Literatur rezipiert worden und seit
gehörigen Fundplatz Wadi Halfa West 6-B-36 waren durch jüngster Vergangenheit wieder Ge­genstand erneuter Ana-
die Universität Colorado 39 Skelette in Hocklage ohne lysen (Usai 2005, Gatto 2006a).
Beigaben, darunter ebenfalls Dop­pelbestattungen, freige-
492 Die Datierung ist grundsätzlich nur als relativer zeitlicher An-
legt worden. Zudem wies eines der Skelette Spuren eines haltspunkt zu werten: Es handelt sich um eine Altdatierung, für die meh-
gewaltsamen Todes auf. rere Proben kombiniert wurden (Krueger/Weeks 1966, 158).
493 Weitere Datierungsversuche des British Museum London schlu-
Die vorliegende, hier korrigierte Datierung von 5750– gen fehl.
494 In diesem Zusammenhang muss auch über die Datierung des
5500 calBC (Kat.-Nr. 59), die unbedingt einer Revisi- Fundplatzes Toschka 8905 im ägyptischen Nubien nachgedacht werden:
on unterzogen werden soll, liefert den einzigen sicheren Es handelt sich um einen Bestattungsplatz mit 19 Hockerbestattungen in
Grabgruben, die allerdings keine Beigaben enthielten (Wendorf 1968c).
489 In der Khartoum-Region gibt es dagegen deutliche Hinweise auf Einige Gräber waren durch Hornzapfen vom Rind, das nach wie vor
Schwankungen und erhöhte Nilpegel zwischen 7000–6000 bp (6. Jahr- als Wildrind (Bos primigenius) bestimmt wird (Wendorf/Schild 2001,
tausend v. Chr.). Auch Arkell (1949a) hatte bereits für den früh- bis mit- 657), markiert. Die osteologische Bestimmung richtete sich nach strik-
telholozänen Fundplatz Khartoum-Hospital auf erhöhte Nilpegel hinge- ten Datierungsvorgaben: Wendorf (1968c) hatte damit Datierungen von
wiesen. 14 500 bis 12 000 bp verknüpft. Allein das zugehörige Siedlungsmaterial
490 Die neolithische Zeitstellung eines größeren Teils des Fundmate- zeigt einen Schwerpunkt auf Lunaten und Segmenten (ebd., Abb. 92),
rials ist durch Schild et al. (1968) bestätigt worden, die sogar mit einer die nachweislich als Schneideeinsätze benutzt worden sind. Die zahl-
Datierung von 4050–3950 calBC (Kat.-Nr. 14) des benachbarten Fund- reichen Reibsteine (ebd., Abb. 91) umfassen so genannte pitted stones,
platzes Dibeira West 4 konkretisiert werden kann. die in Shaqadud-Midden in das Mesolithikum und Neolithikum gehören
491 Vgl. hierzu die Bemerkung durch Wendorf et al. (1966, 22): „the (Marks 1991c, Abb. 6-8). Vorwiegend die Steingeräte legen eine Datie-
full significance of the find was not realized“. Sie bezog sich auf den rung frühestens ab dem Spätmesolithikum (6. Jahrtausend v. Chr.), eher
methodisch weit ausgewogeneren Vorbericht durch Solecki et al. (1963). aber in das beginnende Neolithikum nahe.

172
R e g i o n a l e A rt e fa k t c h r o n o l o g i e n

Dass Shiner (1968c) nur den Begriff Khartoum Variant onen497 angewendet wird, die in all­gemeinen Merkma-
statt der vollständigen Form Khartoum Variant Neolithic len den Raum von der Atbara-Mündung, dem Vierten
oder Khartoum Neolithic Variant495 benutzte, hat in der Katarakt, Ober- und Unternubien bis in die ägyptische
Folge zu einer Reihe von Missverständ­nissen geführt, ins- Westwüste umspannen, aber ausgeprägte lokale Variati-
besondere dazu, dass der Fazies später auch mesolithische onen und Vorkommen aufweisen. Nur ein geringer Teil
Funde zugeordnet wurden (z.B. durch Nordström 1972a, davon ist mit der o.g. lithischen Tradition zu verbinden,
9). Dies hat soweit geführt, dass heute die Anfänge der andere sind mit mesolithischen oder mit spätneolithi-
charakteristischen importierten ägyptischen Steingeräte- schen Steinbearbeitungs­technologien assoziiert.
typen als auch verschiedener zugeordneter Keramikstile
durch Usai (2005) und Gatto (2006a) bis in das 8. Jahrtau- Bearbeiter gehen auf diesen Unterschied zumeist nicht ein.
send v. Chr. zurückverlegt werden. Gatto (2006a) hat als Ausweg hierfür zuletzt den Begriff
Early Holocene Nubian Group vorgeschlagen, wobei sich
Dies aus folgenden Gründen nicht haltbar: der Zusatz Early Holocene leider allzu sehr auf den von ihr
vertretenen frühen zeitlichen Ansatz der Keramikherstel-
▪▪ Sowohl Shiner (1968c) als auch Chmielewska (in Schild lung bezieht und Steingeräte in ihrer Analyse überhaupt
et al. 1968) bezogen sich auf bekannte Steingerätety- nicht vorkommen. In dieser Arbeit kann konsequenterwei-
pen aus dem Fayum-Neolithikum (ca. 5300/5000–4000 se nur vorgeschlagen werden, mesolithische Elemente aus
calBC), dessen Datierung lange bekannt ist496. der Definition gänzlich herauszulösen und den verblei-
▪▪ Usai (2005) führte Datierungen für ähnliche Steingerä- benden Datierungsansatz – über den Import neolithischer
tetypen aus der ägyptischen Westwüste (Nabta Playa, Steingerätetypen aus Ägypten – als Rahmen eines Nubi-
Bir Kiseiba) an. In unkritischer Weise übersah sie da- schen Neolithikums (Nubian Neolithic) zu nutzen.
bei, dass sich die dort gewonnenen Datierungen nicht
auf bestimmte Steingerätetypen bezogen, sondern aus Da im bereits alternativ dazu vorgeschlagenen Nubian Me-
mehrphasigen Oberflächeninventaren stammten, die solithic of Upper Capsian Tradition und Nubian Late Me-
da­neben auch epipaläolithische und mesolithische solithic Keramik­funde keinesfalls ein typisches Fundgut
Stein­­ge­räte­ty­pen beinhalteten. bilden, wie dies im Khartoum-Meso­lithikum der Fall ist,
▪▪ Die einzigen aus Unternubien stammenden Datierun- kann auf dieser Fundgattung allein schwerlich ein Chro-
gen sind die des neolithischen Fundplatzes DIW-50 nologiekonzept aufgebaut werden (so aber Gatto 2006a).
zwischen 4900 und 4000 calBC (Kat.-Nr. 16) neben
einem unpräzisen Datum aus Abka-9, Schicht 5 (5550–
4800 calBC, Kat.-Nr. 1), sodass die Datierungsspanne S teingerätetypen des N ubischen N eolithikums
aus unternubischer Sicht sogar auf 5000–4000 calBC
zu verkürzen wäre. Schild et al. (1968, 704) beschrieben für die aus dem
▪▪ Die Datierung einer Straußeneischale von DIW-5 von frühholozänen Fundkomplex DIW-51 auszusortierenden
5900–5700 calBC (Kat.-Nr. 15) ist nur un­zureichend neolithischen Intrusionen in präziser Form die allgemei-
mit dem übrigen Fundmaterial zu assoziieren. nen Merkmale eines neolithischen Steingeräteinventars in
Unternubien:
Die Datierung des Khartoum-Variant(-Neolithikums)
sensu Shiner bleibt demnach auf etwa 5300–4000 calBC ▪▪ breite und dicke double backed perforators bzw. micro-
eingeschränkt. Der Begriff Khartoum Variant ist ferner zu poinçons
überdenken, da er sich inzwischen einer­seits auf ▪▪ gekerbte und gezähnte Makroklingen (teils sehr groß)
▪▪ gekerbte und gezähnte Klingen, umlaufend retuschiert
▪▪ eine bestimmte lithische, nur in Unternubien vorkom- ▪▪ generell hoher Index gekerbter und gezähnter Stücke
mende Rohmaterialkombination, ein­ schließlich aus ▪▪ häufiges Vorkommen von ägyptischem Chert.
Ägypten importierter und imitierter Werkzeuge, sowie
eine lokale Produktion unter Einsatz der neolithischen Die gezähnten und gekerbten Stücke als auch die double
Slicing-Technik bezieht backed perforators sind dabei über eine Ab­ schlags­
industrie gefertigt worden, wie sie auch in neolithischen
und andererseits Inventaren der Khartoum-Butana-Region vor­­ kommt.
Andererseits tritt in Unternubien dazu aber eine Makro­
▪▪ auf mehrere, chronologisch zu sehende Keramiktraditi- klingentechnolo­gie, die, da sie ent­sprechend große Aus­
gangsformen benötigt, v.a. im Zusammenhang mit dem
495 Der Zusatz Khartoum bezog sich auf das Vorkommen von Ke- importierten Rohmaterial ägyptischer Chert zu sehen ist.
ramikfunden, die denen von Shaheinab ähnelten. Shiner (1968c) sah Zähnung, Kerbung und umlaufende Retusche sind hier die
die Notwendigkeit der Unterscheidung in Khartoum-Mesolithikum und
Khartoum-Neolithikum nicht ein, da Keramik seiner Meinung nach oh-
nehin erst im Neolithikum eingeführt wurde und Arkell insofern einem 497 Dies wurde vor dem Beitrag Gattos (2006a) nicht diskutiert, da
Irrtum erlegen sein sollte. Nordström (1972a, 1972b) nicht davon ausging, dass der seiner Defini-
496 Hassan (1985, 1986). Nach neuesten Radiokarbondatierungen lie- tion der Khartoum-Variant-Keramik zugrunde liegende Fundplatz Abka-
ße sich der Beginn sogar auf 4700 calBC, also mit einem noch jüngeren 428 (SJE-428, Kat.-Nr. 2) eine Fundvermischung verschiedener Phasen
Ansatz, präzisieren (Wendrich et al. im Druck). beinhaltete.

173
Die Neolithisierung des M i t t l e r e n N i lta l s

Abb. 6.4  Neolithische Bohrerformen von Fundplätzen Unternubiens mit Bestimmung der zugehörigen Grundform (Fund­plätze DIW-5, CPE-626,
Abka-428, CPE-604, Abb. nach Wendorf et al. 1965, Abb. 12.8; Shiner 1968c, 6q; Nordström 1972a, Taf. 126.1, 3; Shiner 1968a, Abb. 46f–i; ohne
Maßstab)

wichtigsten Unterscheidungsmerkmale zur überwiegenden nachzuvollziehen sind (Abb. 4.40).499 Die Slicing-Techno-
Rückenstumpfung älterer Technologien. logie zur Herstellung von Segmenten zur Verwendung als
Schneideeinsätze vertritt damit einen überregionalen tech-
Eng verwandt damit sind die so genannten exotischen und nologischen Horizont, der in der Khartoum-Region in das
konkaven Schaber, die als ein Definitions­kriterium des 5. Jahrtausend v. Chr. gehört.
Khartoum Variant erscheinen (Shiner 1968c, Usai 2005).
Der Zusatz exotisch bezieht sich immer auf die Verwen- Neben dem Khartoum Variant und dem Post-Shamarkian-
dung des importierten ägyptischen Cherts (vgl. Kapitel Neolithikum sollte das Abkan, das auch einige bereits
4.2.3.). Das Vorkommen dieses charakteristischen Roh- durch Myers in der Abka-Region untersuchte Fundplätze
stoffs ist als Definitionsgrundlage insofern ungewöhnlich, einschloss, eine dritte neolithische Fazies bilden. Die bei
als dass die Werkzeuge aufgrund des Fehlens von Bearbei- Shiner (1968a) unter Abkan publizierten Inventare kön-
tungsresten bereits in endgültiger Form importiert wurden nen – wie auch die Qadan-Inventare – nicht durchweg als
und daher möglicherweise ausschließlich etwas über Bear- geschlossen bezeichnet werden.500 Besonders durch die
beitungstechniken ihrer Ursprungsregion aus­sagen. Publikation einer Siedlungsstruktur von Murshid (Site
11-I-16) und einer zugehörigen Datierung von 3950–3650
Die gezähnten, gekerbten oder umlaufend retuschierten calBC (Carlson 1966) wird deutlich, dass mit dem Abkan
Geräte können zusammen mit side-blow flakes – fast im- weit eher das Spätneolithikum Unternubiens als das Neoli-
mer aus ägyptischen Chert gefertigt – auftreten. Deren thikum erfasst worden ist. Als charakteristisch erscheinen
Herstellung ist einerseits eng mit der Slicing-Technologie dafür eine Reihe von Bohrerformen, ins­besondere tropfen-
verwandt, andererseits verknüpft eine teils beginnende förmige Bohrer, welche direkt an einem gespaltenen oder
Flächenretusche diese auffälligen Geräte mit anderen flä- diskoiden Kern hergestellt worden sind (Abb. 6.4).
chig retuschierten Geräten wie Blattspitzen und Pfeilspit-
zen. Side-blow flakes bilden damit deutliche neolithische Zu einer internen Chronologie der Steingeräte des Nubi-
Leitformen.498 Andere Leitformen wie Beile und beilför- schen Neolithikums gibt es nur sehr wenig Hinweise. Die
mige Schaber sind dagegen zumeist aus lokalen Materia­ Stratigrafie von Abka-9 (Kat.-Nr. 1) ist in dieser Hinsicht
lien hergestellt (Abb. 4.47). nicht ausreichend publiziert worden. Im Steingeräteinven-
tar von Abka-9 (Palma di Cesnola 1960) kommen mehre-
Die lokale Komponente der entsprechenden Inventare re Traditionen sehr unterschiedlicher Zeitstellung vor, die
wird aus technologischer Sicht v.a. durch die Anwendung hier tendenziell wie folgt zugeordnet werden können:
der Slicing-Technologie für Chert und Quarz aus Nilgeröl-
len eindeutig als neolithisch charakterisiert. Dies lässt sich ▪▪ Spitzen und so genannte Halfa-Abschläge in Levallois-
besonders gut für den Fundplatz Abka-428 (Kat.-Nr. 2) Technik, die in das Mittelpaläolithikum da­tieren (ebd.,
herausarbeiten, wo sämtliche Bestandteile dieser Technik Taf. 9.9, 15.2)
▪▪ Lamellenkerne, Mikroklingen und wenige korrespon-
dierende rückenretuschierte Mikrospitzen, die in das
499 Insofern wurde dieses Inventar durch Nordström (1972a) und
498 Für Djara in der ägyptischen Westwüste, wo diese Technik be- Usai (2005) unzulässig in das Mesolithikum, durch Gatto (2006a), die
sonders ausführlich beschrieben worden ist (Kindermann 2003), wurden sich nicht mit Steingerätetypen auseinandergesetzt hat, unzulässig in das
hierfür zuletzt Datierungen von 5800–5600 calBC angeführt. Anhand der Epipaläolithikum gestellt.
nur lose assoziierten Datierungen konnte durch die Ausgräber letztend- 500 Abgebildet wurden hierfür z.B. auch Levallois-Spitzen, die von
lich nicht glaubhaft gemacht werden, weshalb eine neolithische Leitform Shiner (1968a, 614, Abb. 44.m–o) als genetische Verbindung zum Qa-
in diesem Gebiet ca. 1000 Jahre früher datieren sollte. Im entsprechenden dan angeführt wurden, eindeutig aber in das Mittelpaläolithikum gehören
neolithischen Zeitabschnitt (ca. 5000–4000 calBC) soll das Gebiet dage- sollten. Andere Werkzeugtypen, wie etwa side-blow flakes aus ägypti-
gen unbesiedelt und unbegangen gewesen sein, was den Ergebnissen aus schem Chert (z.B. auf Fundplatz 604), sind vollkommen identisch zu
benachbarten Regionen widerspricht (vgl. Gehlen et al. 2002, Wendorf/ Exemplaren von Fundkomplexen, die den beiden anderen Kulturen zuge-
Schild 2001). rechnet wurden.

174
R e g i o n a l e A rt e fa k t c h r o n o l o g i e n

Strategie Rohmaterial Kerntyp Grundform Endprodukt Datierung


9 Quarz diskoider Kern Abschläge mit Kortex­ Spitzbohrer, tropfenförmige Kernbohrer spätneolithisch
rücken, Kern

Tab. 6.3  Übersicht über die für Abkan-Inventare charakteristische Werkzeugherstellungsstrategie

Mesolithikum datieren (ebd., Taf. 13.2–3; 14.1–3, 16; zugesteht (Gatto 2006a, 2006b; Garcea im Druck).
17.13)
▪▪ breite Slicing-Abschläge bzw. side-blow flakes (ebd., Ferner werden seit Kurzem die teilweise engen Beziehun-
Taf. 4.6, 9), die Zähnungen, Kerbungen oder begin- gen zum Nabta-Playa- und Bir-Kiseiba-Gebiet in Süd-
nende Flächenretusche (ebd., Taf. 16.11) zeigen; große, westägypten stärker als Grundlage für eine Vergleichsda-
grob retuschierte Klingen ohne kor­respondierende Ker- tierung hervorgehoben (Usai 2004, 2005; Gatto 2006a),
ne und dicke micropoinçons, die in das Spätmesolithi- wofür allerdings eine ebenso kritische Auseinanderset-
kum oder Neolithikum datieren und wahrscheinlich mit zung mit dem dort zugrunde ge­legten Chronologiekonzept
der Datierung 5550–4800 calBC aus Level 5 bzw. einer (Nelson 2002a, 2002b) notwendig ist.
jüngeren Zeitstellung bis 4000 calBC zu verbinden sind
▪▪ tropfenförmige Bohrer (ebd., Taf. 4.17), die in Murshid
in das 4. Jahrtausend v. Chr. datiert sind (Carlson 1966),
und in Abschlagstechnik gefertigte Querschneider (Pal-
ma di Cesnola 1960, Taf. 18.28), die tendenziell eben-
falls ab dem 4. Jahrtausend v. Chr. datieren (vgl. die
Datierung 3600–2850 calBC aus Level 4).

Zu den bereits besprochenen Herstellungsstrategien (Tab.


6.1) treten an diskoiden Kernen gefertigte Abkan-Bohrer
(Tab. 6.3) hinzu. Bohrerformen und ihre Herstellungstech- Abb. 6.5  Abka-428 (Unternubien). Bogen- und wellen­förmige Kera-
niken böten eine hinreichende Differenzierung, um darü- mikverzierungen (nach Nordström 1972a, Taf. 123)
ber zukünftig eine präzisere Gliederung des Neolithikums
und Spät­neo­lithikums vorzunehmen (Abb. 6.4)
Da sich der Begriff Khartoum Variant als ein keramolo-
gischer Arbeitsbegriff immer ausschließlich auf den Fakt
K eramik des N ubischen S pätmesolithikums und der Existenz von Keramik außerhalb der Khartoum-Re-
N eolithikums gion bezog, sollte er zugunsten der chronologisch zu ge­
brauchenden Kulturbegriffe Nubian Mesolithic und Nu-
Den unter der Fazies Khartoum Variant zusammengefass- bian Neolithic zunächst aufgegeben werden. Grundlage
ten Keramiktypen wird durch die gegen­wärtige Forschung der ursprünglichen keramischen Definition des Khartoum
wesentlich mehr Aufmerksamkeit gewidmet als den Stein- Variant bildete das Inventar des Oberflächenfundplatzes
artefakten. Auslöser sind eine Neubearbeitung der Funde Abka-428 (Kat.-Nr. 2), nachdem ähnliche Funde bereits
aus der Region um Abka durch Gatto (2006a) und Neufun- aus der Stratigrafie von Abka-9 (Kat.-Nr. 1) bekannt, aber
de von der Insel Sai, die von Geus dem Khartoum Variant nicht publiziert waren. Nordström (1972a, 8f.) unterschied
zugeordnet wurden (Geus 2000, Garcea im Druck), ohne für Abka-428 zwei keramische Waren, ging aber nicht auf
dass bei diesen Analysen bislang eines der beschriebenen die Möglichkeit ein, dass der Fundplatz mehr als eine ein-
Definitionsmerkmale für das Steingeräteinventar Berück- zelne Besiedlungsphase aufweisen könnte. Gatto (2006a)
sichtigung gefunden hat.501 definierte dazu zuletzt sogar drei Waren:

Im Widerspruch zu allgemeinen Kennzeichen der lithi- 1. Ware A, anorganisch gemagert (3 %): gepunktete Wel-
schen Inventare wird von den meisten Be­arbeitern mittler- lenbänder und Bogengruppen (DWL-D)
weile fest davon ausgegangen, dass ein zunehmender Teil 2. Ware B, feine anorganische Magerung (80 %): flächige
der Keramik zeit­lich in das Mesolithikum bzw. – da dieser Wiegebandverzierungen, Rand­ver­zierungen, Alternate-
Begriff für Unter­nubien bislang nicht verwendet worden ly Pivoting Stamp (u.a. in Return-Technik)
ist – in das Frühholozän gehört. Hier bestehen außer­ 3. Ware C, Glimmermagerung (17 %): flächige Wiege-
ordentlich starke Diskrepanzen zwischen dem, was in die- bandverzierungen, Randverzierungen, Alter­nately Pi-
ser Arbeit als neolithischer Technologiehorizont herausge- voting Stamp (u.a. in Return-Technik)
arbeitet worden ist und einer Forschungs­strömung, welche
Steingeräteinventaren keine chronologische Aussagekraft Die sich teils ausschließenden Verzierungen legen für den
Fundplatz Abka-428 eine Mehrphasigkeit nahe. Da die
501 Aufgrund der Nichtberücksichtigung des lithischen Inventars ist Datierungsansätze von Gatto (2006a), welche den Typ
es den Bearbeiterinnen nicht möglich gewesen, vorab eine allgemeine DWL-D (Abb. 6.5) an den Beginn des 7. Jahrtausends v.
Zeitstellung in das Meso- oder Neolithikum anzugeben. Ohnehin wurden Chr. platzieren, hier aus den o.g. Gründen nicht akzeptiert
diese Begrifflichkeiten in den erwähnten Arbeiten weitgehend abgelehnt.

175
Die Neolithisierung des M i t t l e r e n N i lta l s

werden können, ergeben sich folgende zeitliche Anhalts-


punkte für die Ver­zierung DWL-D (Ware A):

▪▪ eine allgemeine Zeitstellung des DWL-Horizonts ab


5300/5000 calBC
▪▪ die Datierung einer Keramikprobe aus dem Wadi Akh­
dar (Gilf Kebir/Ägypten), Fundplatz 83/33 mit bänder-
förmiger WL-Verzierung ergab ein Alter von 5440–
5320 calBC, welches durch eine Straußeneidatierung
vom gleichen Fundplatz mit 5400–5200 calBC gestützt
wird (Schön 1996, Tab. 17),
▪▪ die Datierung aus einer Feuerstelle aus dem Bir-Ki-
seiba-Gebiet (E-79-4) von 5400–5200 calBC mit lose
assoziierten Keramikfragmenten mit der Verzierung
DWL-D (Kobusiewicz 1984)
▪▪ die Datierungen vom Fundplatz 8-B-10C auf der Insel
Sai um 5050–4900 calBC und 4900–4850 calBC mit
Keramik­ funden mit DWL-D-Verzierung (Garcea im
Druck).

Diese Hinweise können bei weitem nicht als ausreichend


gelten und müssen erst zukünftig verifiziert werden. Neu-
erdings sind durch Funde in Barga-Nord (Honegger 2003,
Abb. 6), am Vierten Katarakt (Abb. 4.1.4) und in der
Nubischen Ostwüste (Gatto im Druck, Abb. 3.3b–c) be-
stimmte meso­lithische, mit einem zwei­zinkigen Gerät aus-
geführte Bänderverzierungen stärker zu beachten.502 Sehr Abb. 6.6  Abka-428 (Unternubien). Wiegeband-, Kammstempel- und
Randverzierungen (Nordström 1972a, Taf. 121)
wahrscheinlich kommen diese zunächst ohne Wiegeband­
technik vor, sind aber mit dem Bänder­verzierungshorizont
der Khartoum-Butana-Region zeitlich zu korrelieren. Dies kerbungen, ferner Flächenfüllungen durch Kammstempel­
zieht eine Datierung um etwa 5500 calBC nach sich. In eindrücke oder Wiegebandtechnik (Abb. 6.6), aber auch
Sonki East 21-I-16 sind mit einem drei- oder vierzinkigen Punktlinien in der Alternately-Pivoting-Stamp-Technik
Gerät ausgeführte Wellenbänder und Bögen unter Aus­ mit Anwendung der Returntechnik505 gehören. Ohne die
sparung regelmäßiger Freiflächen (DWL, Typ D) typolo- spätmesolithischen Wellen- und Bogen­ gruppen kamen
gisch anzuschließen (Taf. 2.6, 8, 9; Abb. 4.1.2). In gleicher diese in der Abka-Region z.B. auf einem bislang weitge-
Form finden sich diese auf dem Fund­platz 8-B-10 auf der hend unpublizierten Fundplatz von Abka (Abb. 6.7, 4.5)
Insel Sai (Geus 2002, Taf. 4a), in der Nubischen Ostwüste und auf dem Fundplatz SJE-18A (Nordström 1972a, Taf.
(Gatto im Druck, Abb. 3.2c–d) und im Nabta-Playa-Gebiet 60) vor. Diese Kombinationen lassen sich somit am ehes-
(E-91-1) in Süd­west­ägypten (Nelson 2002b, Abb. 3.6).503 ten in das frühe bis mittlere Neolithikum stellen.

Für eine allgemeine zeitliche Abfolge der Ware A zu den In verschiedenen Anordnungen fanden sich diese Elemen-
Waren B und C in Unternubien kann die Strati­grafie von te weit verbreitet auf Fundplätzen in der Nabta-Playa-
Abka-9 (Gatto 2006a, Abb. 7)504 heran­gezogen werden. Region (Nelson 2002b, Abb. 3.5, 7; hier Abb. 6.32), im
Ten­den­ziell zeigen die Waren B und C Verzierungen, zu Wadi Howar (Jesse 2003a, Taf. 64.2, 3), in der Dongola-
denen vielfältige, teils auch mehrreihig angeordnete Rand- Region (Gatto 2006b, Taf. 2; 3a, b), am Vierten Katarakt
verzierungen wie schrägovale, winkel-, halbmond- und (Dittrich et al. 2007, Abb. 2. 1, 3, 5, 7), an der Atbara-
punktförmige Eindrücke, gitterartige Ritzungen und Rand- Mündung (Haaland 1993, Abb. 14; hier Abb. 6.16), aber
auch auf einer glimmerhaltigen Ware (Micaceous Ware) in
502 Diese wurden zuvor schon durch Rudin (1980) für den obernubi- Khartoum-Hospital (Arkell 1949a, Taf. 78f.)506 und auf der
schen Fundplatz Sonki East 21-I-16 (Kat.-Nr. 51) abgebildet (Taf. 2.2, 3; Gezira am Jebel Moya (Addison 1949, Taf. 94).
Abb. 4.1.3).
503 Auffällig bei einigen genannten Beispielen ist die jeweilige Kom-
bination mit kurzen vertikalen Ritzungen unter dem Rand, welche ein Diese Vergleiche sind teils schon einmal durch Usai
typologisches Bindeglied zum DWL-Horizont der Khartoum-Butana- (2004) und Gatto (2002a) gezogen worden, allerdings
Region in einem für den Fundplatz Rahib Wells 80/73 abgebildeten unter der vollkommen andersgearteten Prämisse, es han-
Gefäßfragment (Abb. 6.13) finden. Es scheint ausgesprochen abwegig, dele sich um frühholozäne Ele­mente. Die Stratigrafie von
diese Kombinationen – je nach Regionalchronologie – in vollkommen
unterschiedliche Zeithorizonte zu stellen.
504 Gattos Analyse beruht bislang auf einem prozentualen Häufig- 505 Nordström 1972a, Taf. 122.6; 123.8, 9, 12.
keitsverhältnis, dieses sollte aber unbedingt nach den in Kapitel 5 aus- 506 Insofern war ein immer wieder geäußerter Bezug auf Arkells Pu-
geführten Kriterien in ein absolutes Häufigkeitsverhältnis umgewandelt blikation zu Khartoum zwar stets gerechtfertigt, nicht aber die daraus ab-
werden. geleitete chronologische Bedeutung als Bestandteil des Early Khartoum.

176
R e g i o n a l e A rt e fa k t c h r o n o l o g i e n

lithische) Verzierungskombinationen, deren Verbreitung


vor­wiegend in die Sahara, aber mit deutlichen Ausläufern
ins Niltal, weist.

Die von Gatto (2006a) für Abka-428 erschlossene Da-


tierung in das 8. und 7. Jahrtausend v. Chr. ist unverhält-
nismäßig, da sie im Wider­spruch zu den neolithischen
Steinbearbeitungs­techniken steht und ohnehin nur auf Ver-
gleichen zu Südwestägypten fußt – einem Gebiet, für das
bislang kein quellenkritisches Konzept für die Da­tierung
von Oberflächenfundkomplexen vorgelegt worden ist. Im
Gegenteil steht der Nachweis einer früh- und mittelme-
solithischen Keramik­her­stellung, d.h. vor 5650 calBC, in
Unternubien sogar aus. Die Keramik des spätneolithischen
Abkan wäre dagegen zeitlich ab etwa 4350/4000 calBC an
die saharisch geprägte Fazies anzuschließen. Es kann auf-
grund der insgesamt recht spärlichen Keramikfunde nicht
ausgeschlossen werden, dass zwischen 5500 und 4350
calBC auch keramiklose Phasen anzunehmen sind.507

Abb. 6.7  Abka (Unternubien). Von Myers dokumentierte Keramikver-


zierungen (nach Gatto 2006a, Taf. 1) C hronologie der S teinbearbeitungstechniken und
K eramikverzierungen in U nternubien
Abka-9 bot aber eine, wenn auch ungenaue Datierung aus
Schicht 5 von 5550–4800 calBC (Kat.-Nr. 1), während die Anders als in der Khartoum-Butana-Region lassen sich
Da­tierung von 8250–7300 calBC aus Schicht 6 hierfür un- mesolithische Steinbearbeitungstechniken in Unternu-
bedingt auszuklammern ist. bien aus einer älteren epipaläolithischen Tradition508 der
Klingenherstellung ableiten. Meso­lithische Inventare lie-
In Hassi Mouilah in der Provinz Ouargla in Algerien treten gen in fast allen Fällen als Oberflächenfundsammlungen
die ge­nannten Elemente an Gefäßen auf, die in das Néo­ mit entsprechenden Fund­vermischungen anderer Epochen
lithique de tradition capsienne mit einer Datierung von vor. Über typologische und technologische Merkmale las-
4700–4350 calBC gestellt werden (Camps 1974). Die sen sich jedoch typische Formen geometrischer Mikroli-
Return-Technik ist die be­stimmende Verzierungstechnik then als auch eine entsprechende Mikroklingenproduktion
der neolithischen Keramik von Uan Muhuggiag (Liby- heraus­stellen, welche die Grundlage eines Nubian Meso-
en) mit Datierungen von 4350–4050 calBC an Leder und lithic of Upper Capsian Tradition (ca. 7200–6000 calBC)
Holzkohle (Caneva 1987, Barich 1987). Es handelt sich bilden.
damit – jeweils im Einklang mit dem Steingeräteinven-
tar – un­missverständlich um neolithische (und spätneo­ Innerhalb des Mesolithikums erfolgt zunehmend eine
Fokussierung auf die Herstellung von Lunaten, für die
schließlich vorgeformte Abschläge von single platform
cores gefertigt werden. Diese spätmesolithische Technik
ist besonders in einigen, vormals dem Qadan zugerechne-
ten Inventaren häufig (Nubian Late Mesolithic). Ähnlich
zur Khartoum-Butana-Region wird diese Entwicklung
durch die Einführung der neolithischen Slicing-Technik
abgelöst (Abb. 6.9).

Als Technologien eines allgemeinen Nubischen Neolithi-


kums (Nubian Neolithic) lassen sich die Slicing-Technik,
allgemein aber die Abschlagstechnik, umlaufende Retu-
schen, Kerbungen, Zähnungen und Flächenretusche fest­
halten. Charakteristische Geräte sind bestimmte Boh­rer­
formen (Mehrfach­ bohrer, Langbohrer, micropoinçons,
tropfenförmige Bohrer), Segmente und einfache retu-
schierte Ab­schläge. V.a. als Importe kommen aus großfor-

507 Als Gründe dafür wären veränderte Subsistenzstrategien, eine


hohe Mobilität u.ä. anzusehen.
Abb. 6.8  Hassi Mouilah (Ouargla/Algerien). Keramik des Néolithique 508 Unter Auflösung des Qadans wäre auch hierfür eine Revision der
de tradition capsienne (nach Camps 1974, Abb. 90) entsprechenden Fundinventare notwendig.

177
Die Neolithisierung des M i t t l e r e n N i lta l s

ohne Plattform Grundformen für makrolithische Werk- Werkzeuge aus Datierung


mit Plattform (Klingentechnik)
(Slicing-Technik) Einsatzwerkzeuge zeuge aus Chert ägyptischem Chert calBC/Phase

4700 – 4350
Mittelneolithikum
diskoider Kern

5000 − 4700
Frühneolithikum
Kern mit Kortex-
plattform

5350 – 5000
Spätmesolithikum
single
platform core

5650 – 5350
Spätmesolithikum

6000 – 5650
Mittelmesolithikum

6400 – 6000
Mittelmesolithikum
bipolarer
Klingenkern

6700 − 6400
Frühmesolithikum

7200 − 6700
Frühmesolithikum
single
platform core

Abb. 6.9  Chronologische Abfolge von Elementen der Steinbearbeitungstechnik in Unternubien aufgrund typolo­gischer Vergleiche

matigerem Rohmaterial side-blow flakes, umlaufend oder stempel- und APS-Return-Verzierung in Verbindung mit
geschnürt retuschierte Makroklingen, Pfeilspitzen, Blatt- vielfältigen Randverzierungen ergibt sich aus der Abfolge
spitzen, aber auch fast alle übrigen Geräte vor. Ferner entsprechender Warengruppen in Abka-9. Vergleichsdatie-
können Beile und Kernschaber bzw. beilförmige Schaber rungen in das 5. Jahrtausend v. Chr. für diese saharisch
aus lokalen Materialien auftreten. Inner­halb dieses neoli- beeinflussten Kombinationen existieren in Algerien und
thischen Spektrums ist eine chronologische Abfolge be- Libyen, während in Südwestägypten für ähnliche Verzie-
stimmter Formen zwischen 5300 calBC und 4000 calBC rungen trotz zahlreicher Radiokarbondatierungen kein ak-
sehr wahrscheinlich, die sich über den momentanen For- zeptables Chronologiekonzept509 gefunden werden konnte.
schungsstand nicht nach­ vollziehen lässt. Als Endpunkt Im Arbeitsgebiet sind sie bislang nur relativ durch ein kor-
der neolithischen Entwicklung (Nubian Late Neolithic) respondierendes neolithisches Steingeräteinventar in das
folgen die überwiegend aus Quarz geschlagenen Inventare 5. Jahrtausend v. Chr. zu datieren.
des hier nicht zur Revision stehenden Abkan mit tropfen­
förmigen Bohrertypen und Querschneidern sowie ge-
schliffenen Steinbeilen. 6. 2. 2 Kerma-Region

Die Keramikchronologie Unternubiens ist weit von einem Die Untersuchung mesolithischer und neolithischer Fund-
sicheren Datierungsansatz entfernt. Aller­dings sollte die- komplexe in der Kerma-Region ist erst seit wenigen Jahren
ses Forschungsvakuum nicht spekulativ gefüllt, sondern näher in das Blickfeld der Forschung gerückt.510 Dennoch
die wenigen vorhandenen chrono­logischen Hinweise be- sind bisher bereits einige zentrale Aussagen zur Chronolo-
achtet werden. Bänderförmige Verzierungen lassen sich gie getroffen worden, die den Ergebnissen für andere Re-
über den Vergleich zur Khartoum-Butana-Region frühes-
tens ab etwa 5650 calBC einordnen (Abb. 6.10). Wellenli- 509 Die entsprechenden Keramikverzierungen wurden durchweg und
nien- und Bogen­gruppen (DWL-D) sind über typologische teils um mehrere Jahrtausende zu früh angesetzt (Banks 1984; zuletzt
Vergleiche in einen allgemeinen DWL-Horizont ab 5300 Nelson 2002a, 2002b, 2002c), vgl. auch den Exkurs in Kapitel 6.3.
calBC zu stellen. Die Abfolge zu Wiegeband-, Kamm- 510 Honegger 1999, 2001, 2003, 2004a, 2004b, 2005, 2005b, 2006,
2007, 2008; Honegger/Bonnet 2009.

178
R e g i o n a l e A rt e fa k t c h r o n o l o g i e n

Stempel/ Stempel/ Spatel/ Wiegeband


Wiegeband Punktlinien Datierungsbereich
Wiegeband Wiegeband Einzelab- modifizierter Kammstempel Randverzierungen
flächig zweizinkig calBC
zonal zonal drücke Kamm

magerung
4700 – 4000

Glimmer-
Mittelneolithikum
APS-Return

5350 – 4700
?
Spätmesolithikum/
Frühneolithikum
DWL-D DWL-D

5650 – 5350

Spätmesolithikum
paired dots

Abb. 6.10  Auf typologischen Vergleichen beruhende chronologische Abfolge der Keramikverzierungen in Unternubien

gionen teils widersprüchlich gegenüber stehen. Die keramischen Funde von Barga-Nord (Kat.-Nr. 7) las-
sen sich aufgrund typochronologischer Überlegungen eher
Vorbehaltlich der Tatsache, dass die Untersuchungen noch nicht mit den frühen Datierungen zwischen 7500–6850
an ihrem Anfang stehen, lässt sich folgendes zusammen- calBC verbinden (so aber Honegger 2005). Ebenso ist das
fassen: Aufgrund der großflächigen Überschwemmungen für die recht ähnlichen keramischen Funde von Wadi al
des Kerma-Beckens im frühen und mittleren Holozän wird Arab (Honegger/Jakob 2009, Abb. 7) vorgestellte Alter ab
für dieses Gebiet eine Horizontalstratigrafie in Anspruch 8500 calBC sehr wahrscheinlich unzutreffend. Das Fehlen
genommen (vgl. Honegger 2007, Abb. 1; hier Abb. 1.7). vergleichbarer datierter Fundkomplexe und die lose Asso-
Danach liegen epipaläolithische und mesolithische Fund- ziation der Datierungen zu den Keramikfragmenten lässt
plätze am äußeren Rand der ehemaligen Schwemmebene, hier nur eine relative Datierung zu.512 Diese stützt sich im
neolithische Fundplätze finden sich sowohl an diesem Vergleich zur Khartoum-Region darauf, dass die bei Ho-
Rand als auch bereits innerhalb der Schwemmebene. Prä- negger (2003, Abb. 6) abgebildeten bänderförmigen Ver-
Kerma- und Kerma-Fundplätze liegen nahezu ausschließ- zierungen, unabhängig von der Verzierungstechnik, erst
lich innerhalb der vormaligen Schwemmebene. Es wäre im 6. Jahrtausend v. Chr. auftreten (vgl. Kapitel 5). Ferner
hier v.a. wichtig, eine Erklärung für das duale Verteilungs- existieren sehr ähnliche Verzierungen z.B. vom Vierten
muster der unter ‚neolithisch‘ subsummierten Fundplätze Katarakt, die dort mit einem entsprechenden mittel- bis
zu finden, das möglicherweise ebenfalls chronologischer spätmesolithischen Lithikinventar vergesellschaftet waren
Natur ist. Für den äußersten Rand der Schwemmebene (Abb. 4.1.4, Dittrich et al. 2007, Abb. 3). Dafür spricht
von Barga sind bislang die Datierungsbereiche 7500–6850 auch das erst kürzlich publizierte Steingerätespektrum von
calBC und 6000–5500 calBC (Kat.-Nr. 7, 8) erfasst. Dies Barga-Nord (Honegger 2008), das – mit einer bemerkens-
deckt sich etwa mit den für die Khartoum-Region postu- werten Übereinstimmung zum Fundplatz 3-Q-73 (Dittrich
lierten Gegebenheiten, nach denen Siedlungen zwischen et al. 2007) – einen Schwerpunkt auf der Herstellung von
6500–6000 calBC näher am Flussufer liegen konnten, da Lunaten und der Benutzung von micropoinçons als Bohr-
der Nilpegel relativ niedrig stand.511 Zwischen 6000 und erformen zeigt. Ein ähnliches Keramik- und Lithik-Spek-
5000 calBC haben dort wechselnde Nilstände zu einer teils trum weist ferner der Fundplatz SME001 aus dem Gebiet
fragmentarischen Überlieferung entsprechender Besied- des Dritten Katarakts auf (Sadig 2010, Abb. 6.36.29–31,
lungsphasen innerhalb des Niltals geführt. 6.47a–d).

Neuerdings werden auch unzureichend publizierte, ältere Die Vergesellschaftung aus bandförmigen Verzierungen
Datierungen um 8300/8500 calBC aus dem Wadi al Arab (oft in Alternately-Pivoting-Stamp-Technik), bisweilen
einbezogen (Honegger 2007), der Terminus „epipaläoli- ein­schließlich des Dotted-wavy-line-Typs D, sehr regel-
thisch“ ist bislang nicht näher definiert oder erläutert wor- mäßigen flächigen Wiegebandverzierungen mit deutlichen
den. runden Kammabdrücken, seltener Plain-zigzag-Eindrü-
cken sowie fischgrätenförmigen Flächenfüllungen auf
einer rauen, anorganisch gemagerten Ware (Dittrich et
511 Aufgrund der im mittleren Holozän schwankenden Nilpegel sind al. 2007, Abb. 1–2) umreißt am präzisesten die Kerami-
derartige Horizontalstratigrafien nicht ausschließlich linear zu interpre- kentwicklung des obernubischen Spätmesolithikums und
tieren: An den Rändern der ehemaligen Schwemmebene liegen jeweils Frühneolithikums (vgl. Kapitel 6.2.3).
nur Siedlungen aus Phasen von Nilhöchsständen, während die Reste an-
derer mesolithischer und neolithischer Besiedlungsphasen erodiert oder
unterhalb der Silte versiegelt sein können. Die Lage von Bestattungsplät- 512 Eine Assoziation der frühholozänen Datierungen zu einer präke-
zen kann zudem einem grundsätzlich anderen räumlichen Muster folgen: ramischen mesolithischen Besiedlungsphase ist nicht auszuschließen,
Diese können auch am Rand der Schwemmebene liegen, während diese allerdings fehlt hierfür bislang eine Publikation entsprechender (epipa-
selbst besiedelbar ist. läolithischer) Steinartefakte.

179
Die Neolithisierung des M i t t l e r e n N i lta l s

Aufgrund des Ausbleibens geometrischer Mikrolithenfor- Die entsprechenden Grabanlagen sollten daher mit gro-
men wie Dreiecke ist das Inventar von Barga-Nord an das ßer Sicherheit in das 5. bis 4. Jahrtausend v. Chr. datieren,
Ende der mesolithischen Steingerätetradition (6. Jahrtau- Barga-Süd reiht sich somit – die mesolithischen Bestat-
send v. Chr.) zu stellen. Der von Honegger (2008) herge- tungen ausgenommen – zeitlich wie typologisch recht gut
stellte Bezug zu einer epipaläolithischen Tradition des um- in das Spektrum neolithischer Bestattungsplätze des Ar-
strittenen Qadan bzw. zum Fundplatz Jebel-Sahaba (vgl. beitsgebietes (u.a. Kawa R12, Kadruka-I, Kadero, Ghaba)
Kapitel 6.2.1) überzeugt nicht, weil die gesamte, das Me- ein. Die vorgestellten keramischen Funde (Abb. 4.1.1,
solithikum maßgeblich bestimmende Capsien-Tradi­ tion 4.3.1–3) sind hierfür bislang wenig aufschlussreich, weil
einfach ausgeblendet wird (für Unternubien vgl. Kapitel besonders die Standbodengefäße im Arbeitsgebiet kaum
6.2.1, für Selima Sandsheet/Burg al Tuyur vgl. Kapitel Parallelen finden. Allerdings sind Gefäße mit Standböden
6.2.5). von Kawa R12, Kadruka, Multaga (37/1/1) und ROM-222
tendenziell in die zweite Hälfte des 5. Jahrtausends v. Chr.
Auch die Datierung des Bestattungsplatzes Barga-Süd zu stellen.514 Dass Keramik offenbar keine feste Beigaben-
(Kat.-Nr. 8) erfordert eine nähere Betrachtung, weil hier- kategorie gebildet hat, unterliegt der erst für einen großen
für seit Kurzem mit Aussagen wie geografischen Raum zu beobachtenden Varianz des neoli-
thischen Beigabenritus, der im Nildelta z.B. auch durch-
„Dans tous les cas, il s’agit des premières sépultures néolithiques gängige Beigabenlosigkeit umfasst, in der fundplatzinter-
connues sur le continent. …Une nécropole aussi an­cienne con- nen Betrachtung zumeist aber regelhaft wirkt.
tenant un tel nombre d’individus est exceptionnelle dans le Nord-
Est africain.“ (Honegger 2007, 205f.) Der nächste erfasste Datierungsbereich stammt mit einem
Alter von 4750–4300 calBC aus Feuerstellenbefunden der
mehrfache Superlative in den Raum gestellt werden. Die Fundstelle Kerma 8 (Kat.-Nr. 30) innerhalb der nunmehr
betreffenden Grabanlagen haben eine Reihe von Bestat- trocken gefallenen Schwemmebene. Allerdings wird nicht
tungen mit Beigaben ergeben, wie sie für das Neolithikum, deutlich, welches Siedlungsmaterial dieser mittelneoli-
insbesondere für das Mittelneolithikum (4500–4000 v. thischen Phase zuzuordnen ist.515 Der bislang ausfallende
Chr.), typisch sind. Honegger (2004b) hat daher den Be- Datierungsbereich zwischen 5500–4750 calBC und die
griff Neolithikum gebraucht und diesen mit Datierungen, Unsicherheiten bezüglich der systematischen Verknüp-
die bislang ausschließlich eine frühe (mesolithische) Zeit- fung von Artefakttypen mit den datierten Bereichen spre-
stellung zwischen 6000–5500 calBC (Kat.-Nr. 8) angaben, chen deutlich gegen die Etablierung einer weitaus älteren
verknüpft.513 Zwar merkte Honegger (ebd.) zunächst noch ‚frühneolithischen‘ Phase im 6. Jahrtausend v. Chr. für die
die Abwesenheit von domestizierten Spezies unter den Kerma-Region.
Tierknochenfunden an, sah es jedoch als hinreichend be-
stätigt, den Beginn des Neolithikums in der Kerma-Region
um ca. ein Jahrtausend gegenüber den angrenzenden Regi- 6. 2. 3 Dongola-Region
onen des Arbeitsgebiets vorzuverlegen. Anhand der unter-
suchten Siedlungsfundstellen ergeben sich für eine solche Für die Dongola-Region wurde mit der postulierten Abfol-
Interpretation keinerlei Anhaltspunkte. ge der Early Khartoum Related Group bzw. der Karmakol-
Industrie zur Tergis-Industrie (Marks et al. 1968, Shiner
Aber auch aus einer überregionalen Perspektive ist dies 1971a) versucht, eine dem Khartoum-Mesolithikum und
nicht haltbar. So stellen unter den Grabbeigaben vorkom- Shaheinab-Neolithikum vergleichbare chronologische
mende Lippenpflöcke (Honegger 2003, Abb. 11) aus teils Ein­teilung vorzunehmen. Ein solches Vorgehen unterlag
importierten Schmucksteinen (Amazonit, Karneol, Obsidi- jedoch wesentlichen Einschränkungen:
an) oder Schmuckmuscheln aus dem Roten Meer typische
neolithische Beigaben dar, für die der nachweislich erst im ▪▪ Die entsprechenden Funde stammten von Oberflächen-
Verlauf des 5. Jahrtausends v. Chr. etablierte Rohmaterial- fundstellen, für die keine Diskussion einer Mehrpha-
austausch notwendig war. Dies gilt in ähnlicher Form für sigkeit bzw. der zeitlichen Zusammengehörigkeit aller
polierte Beile (Honegger 2005c, Abb. 13) und am Ober- Funde geführt worden ist.
oder Unterarm getragene Armreifen aus Nilpferdelfen- ▪▪ Aus dem Untersuchungsgebiet konnten keine Stratigra-
bein (ebd., Abb. 12.1–2), beides neolithische Erzeugnisse. fien, Radiokarbondatierungen oder ander­weitigen chro-
Mittlerweile liegt auch eine Bestattung mit Beigabe eines nologischen Informationen vorgestellt werden.
Rinderbukraniums vor (Honegger 2005c, Abb. 17), wofür ▪▪ Der chronologische Vergleich bezog sich einerseits auf
sich beispielsweise in Kawa R12 (Kat.-Nr. 28) zahlreiche
Parallelen finden lassen.

513 Anhand der bisherigen Publikationen lässt sich nicht ermitteln,


ob in den entsprechenden Grabanlagen die datierten Mollusken- und 514 Salvatori 2008d; Reinold 2002, Abb. 7; Geus/Lecointe 2003b,
Straußeneischalen zweifelsfrei als Beigaben zu interpretieren sind und Abb. 4.3; Chłodnicki/Kabaciński 2003, Abb. 7; Arkell 1975, Abb. 2.
ob diese weitere typische neolithische Beigaben (etwa Beile, Schmuck, Ferner kommen solche Gefäße im Fayum-Neolithikum (ca. 5000–4000
Keramik etc.) enthielten. Die Grabanlagen befinden sich in unmittelba- calBC) vor (Caton-Thompson/Gardner 1932, Taf. 15–16).
rer Nähe zur mesolithischen Siedlung Barga-Nord, ein Einschluss älterer 515 Die von Honegger (2004c, Abb. 4) hierfür abgebildete Keramik
Siedlungsabfälle in den Grabgruben ist demnach nicht unwahrscheinlich. dürfte teils eher dem Spätneolithikum angehören.

180
R e g i o n a l e A rt e fa k t c h r o n o l o g i e n

die Khartoum-Region516 und andererseits auf Unternu- erinnert, die dort etwa zwischen 5000 und 4500 calBC
bien (Khartoum Variant) – ein Gebiet, für das die Chro- datieren
nologie auf ebenso unsicheren Faktoren beruhte.517 ▪▪ die organische Magerung auch die Crude Black Frac-
ture Ware/Naima Ware aus der Khartoum-Region cha-
Tendenziell ergab sich ein technologischer Unterschied rakterisiert, welche mit der Verzierung DWL-C asso-
zwischen Inventaren mit auf die Herstellung von Einsatz­ ziiert ist und aufgrund ihrer strati­grafischen Position
werk­zeugen (Lunate, Trapeze, Dreiecke) ausgerichteten in das Spätmesolithikum bzw. Frühneolithikum gehört
Techniken (Klingen- und Abschlagstechnik) und Inven- (vgl. Kapitel 5.2.2)519
taren mit einem Schwerpunkt auf Kratzern, Bohrern, ▪▪ Rand- und Flächenverzierungen (Gatto 2006b, Taf. 3b)
gezähnten Stücken und ähnlichen Werkzeugen einer Ab- Parallelen zu der erst kürzlich aus der unter­nubischen
schlagsindustrie (Marks et al. 1968). Abka-Region publizierten Keramik (Abb. 4.5, 6.7)520
zeigen, die in Abka-9 mit einer ungenauen Datierung
um und nach 5550–4800 calBC zu verbinden ist.
M esolithikum und E arly K hartoum R elated G roup
Eine technische Analyse des Steingeräteinventars (Osy­
Später ist den Keramikfunden besondere, aber einseiti- piński im Druck) konnte zudem deutliche Hinweise auf
ge Aufmerksamkeit geschenkt worden. Usai (1998) wies eine Mehrphasigkeit aufzeigen, die für die Keramikaus-
dabei Funde einer pflanzengemagerten Keramik aus dem wertung durch Gatto (2006b) un­berücksichtigt geblieben
Letti-Becken, darunter mit der Verzierung Dotted wavy- ist. Ferner lässt die Auswertung des lithischen Inventars
line, der Early Khartoum Related Group zu und stufte die- erkennen, dass mittel­mesolithische Techniken und Werk-
se als besonders alte, wenn nicht gar älteste Keramiktradi- zeuge (Klingen- oder Lamellenkerne, Dreiecke, Trapeze)
tion der Region ein.518 Schon Marks et al. (1968) hatten für überhaupt nicht vertreten sind und daher eine Datierung
die frühe Keramik der Korti-Debba-Region zwei Waren vor 5500 calBC nicht zulässig ist.
beschrieben: eben jene organisch (mit Stroh) gemagerte
Ware und eine anorganisch mit Quarzsand, teils mit Glim- Solche lithischen Inventare waren jedoch unbedingt Defi-
mer gemagerte Ware. Unter den Verzierungen kamen in nitionsgrundlage der Early Khartoum Related Group (vgl.
erster Linie flächenfüllende Eindrücke zumeist in Wiege- Marks et al. 1968). Sie existieren sowohl im Letti-Becken
bandtechnik vor, während für die sel­teneren Varianten der (z.B. Kabacyński 2003: Mg4), in der Korti-Debba-Region
Dotted wavy-line angemerkt worden war: (Hays 1971a) als auch am Vierten Katarakt (Dittrich et
al. 2007). Allerdings repräsen­tieren sie möglicherweise
„... a more rigorous classification will be necessary as the ‘Dot- eine teils keramiklose Phase oder eine unmittelbar vor-
ted Wavy-Line’ include both a true dotted wavy line and a mat angehende Keramiktradition. Beim gegenwärtigen For-
impressed ware ...“ (Marks et al. 1968, 174). schungsstand kann eine solche nur unzureichend bestimmt
werden. Hinweise ergeben sich v.a. durch mesolithische
Ein sehr ähnliches Verhältnis aus Waren und Verzierungen Inventare, in denen die Wiegebandverzierung noch weit-
lässt sich der erst kürzlich vorgenommen Keramikaus- gehend unbekannt ist. Dazu gehören Bänderverzierungen
wertung für Multaga 3 (Gatto 2006b) entnehmen. Gatto mit einem zweizinkigen Gerät521, die sich durch längliche
(2006b) stellte ferner drei Radio­karbondatierungen zwi- Einzel­eindrücke deutlich von neolithischen APS-Verzie-
schen 6500 und 6100 calBC (Kat.-Nr. 36) anhand von rungen unterscheiden lassen. Diese Bändertradition bil-
organischen Einschlüssen in der Keramik vor, die unkri- det somit einen eigenständigen, von der Entwicklung in
tisch als Bestätigung der vorgefassten Annahme eines be- der Khartoum-Region abzukoppelnden nörd­ lichen Ver-
sonders hohen Alters angesehen wurden. Die Datierungen zierungskreis (Nubisches bzw. Obernubisches Mesolithi-
der Keramikproben spiegeln aber offensichtlich nicht das kum). Gleichzeitig weisen bestimmte Ähnlichkeiten in der
Alter der Keramikherstellung wieder, da Geräteführung zwischen beiden Regionen (lines of paired
dots) auf einen übergeordneten zeitlichen Horizont, der
▪▪ der in Multaga 3 vorkommende DWL-Typ A in der sich in der Khartoum-Butana-Region mit ca. 5700–5300
Khartoum-Region um 5300–5000 calBC datiert
▪▪ ein weiterer in Multaga 3 präsenter DWL-Untertyp
(Gatto 2006b, Taf. 3c, d) an den aus dem Wadi Howar
bekannten DWL-Typ C und an die Laqiya-Verzierung
519 Im Übrigen wurde auch für die Keramik des Fayum-Neolithikum
516 Die Early Khartoum Related Group wurde bspw. als mesolithisch (Fayum A) ein hoher Anteil an „chopped straw“ beschrieben (Caton-
angesehen, weil sich darunter keine aus Shaheinab bekannten neolithi- Thompson/Gardner 1932).
schen Verzierungen fanden (Marks et al. 1968, 174). Mit der Möglichkeit 520 Hierbei geht es v.a. um Flächenfüllungen, die auf dem Gefäßkör-
eines regionalspezifischen Neolithikums wurde offenbar nicht gerechnet. per durch Verzierungselemente der Randverzierung begrenzt und geglie-
517 J.L. Shiner, der den Survey zwischen Korti und Debba leitete, dert werden (vgl. Abb. 4.5.1 und Gatto 2006b, Taf. 3b).
bezog sich dabei auf seine eigenen Arbeiten aus Unternubien (Shiner 521 Umm Klait 3-Q-73/Vierter Katarakt (Abb. 4.1.4; Dittrich et al.
1968a, 1968b, 1968c). 2007, Abb. 1.5, 7, 11, 14­–16); Barga-Nord/Kerma-Becken (Honegger
518 Eine Diskussion der Kulturdefinitionen von Marks et al. (1968) 2003, Abb. 6); SME001/Dritter Katarakt (Sadig 2010, Abb. 6.47b, Taf.
und Hays (1971a), ebenso der von diesen Bearbeitern herausgestellten 6.17i), Sonki East 21-I-16/Dal-Katarakt (Abb. 4.1.3), Nubische Ostwüste
Charakteristika des Steingeräteinventars, unterblieb. (Gatto im Druck, Abb. 3.3b–c).

181
Die Neolithisierung des M i t t l e r e n N i lta l s

calBC bestimmen lässt.522 Inwieweit diese Tradition auch


in der Dongola-Region verankert war oder ob diese eher
eine ostnubische Entwicklung – mit einem Korridor in der
Nubischen Ostwüste zwischen dem Dritten und Vierten
Katarakt – gebildet hat, bleibt angesichts des Forschungs-
standes abzuwarten.

N eolithische B estattungsplätze

Gesicherte chronologische Anhaltspunkte zum Neolithi-


kum sind aus der Dongola-Region weitgehend nur von
Gräberfeldern bekannt, die überwiegend um 4900 calBC
Grab 111: 4500–4350 calBC
einsetzen.523 In Kawa R12 ließ sich anhand von Gefäßbei-
gaben über eine Datierungsreihe (Salvatori 2008d) eine
chronologische Abfolge von schrägen Kammstempelgrup-
pen (4850–4650 calBC), Füllungen und fischgrätenför-
mige Verzierungen in Kammstempeltechnik sowie weit
laufende Zickzackreihen in Wiegetechnik (4700–4500
calBC) und geometrische Verzierungen in Kammstempel-
technik auf Tulpenbechern (4500–4350 calBC) erstellen
(Abb. 6.11). Fischgrätenförmige Kammstempelverzierun-
gen fanden sich auch auf dem Siedlungsfundplatz ROM-
200 im Letti-Becken (Chłodnicki/Kabacyński 2003, Abb.
2.2; 3). Nachweislich zeitgleich sind über die Datierun-
gen von Kawa R12 Spatelverzierungen in Wiegetechnik Grab 138: 4700–4500 calBC
sowie die reguläre Randverzierung (ebd., Abb. 3.9, 10).
Gleich­wohl handelt es sich bei diesen beiden Verzierungs-
elementen um einen überregionalen Verzierungskreis des
Nordsudans524, dessen typologische Übergänge zum Spät-
neolithikum und zur Prä-Kerma-Kultur fließend sind.

Die ab 4700 calBC auftretende fischgrätenförmige Ver-


zierung unterhalb des Randes (Abb. 4.4.7) bildet letztlich
eine regionale Variante der im Neolithikum häufig beton-
ten Randzone. Dass die Fischgrätenverzierung in waage-
recht verlaufenden Bänderungen auftritt, findet nicht nur
Parallelen im benachbarten Wadi Howar (Abb. 4.4.10), Grab 136: 4700–4600 calBC
sondern auch in den unteren Schichten von Merimde-Be-
nisalâme im Nildelta (Eiwanger 1984; ders. 1992, Abb. 9).
Für diese Funde wiederum existieren auffällige Parallelen
im Yarmoukian Jordaniens (Kafafi 1993, Abb. 3).

Die Datierung von Tulpenbechern und geometrischen Ver­

522 Durch das Fehlen der Wiegebandtechnik erklärt sich typologisch


auch die zeitlich anschließende Verzierungstechnik zur Erstellung von
DWL-Bändern (Typ D) im Nubischen Spätmesolithikum (vgl. Kapitel
6.2.1.6, 6.2.1.7).
523 Kadruka 13, 21 (Liste 1.A), Kawa R12 (Kat.-Nr. 28). Nur ein ein-
zelnes Datum aus Kadruka-33 (5600–5500 calBC) weist in das ausge-
hende Mesolithikum (Liste 1.A). Datierungen von Kadruka 1 (Kat.-Nr.
27), Kadruka 18, Sedeinga und Multaga (Liste 1.A) fallen dagegen erst
in die Mitte und ans Ende des 5. Jahrtausends v. Chr. Die Datierung
von 3950–3800 calBC von Sedeinga (Liste 1.A) spricht für eine ähnliche
kontinuierliche Belegung bis in das 4. Jahrtausend v. Chr. wie in Kawa
R12, Kadada, Geili und Ghaba.
524 Kerma 8 (Honegger 2004c, Abb. 4), Letti-Becken (Usai 1998, Taf. Grab 18 unten: 4850–4700 calBC
1, 4), vgl. auch die für das Abkan definierten Verzierungen (Nordström
1972b, Taf. 25.16–17). Eine spätneolithische Zeitstellung (d.h. nach 4000
calBC) ist dafür nicht auszuschließen, wofür zu beachten ist, dass auch in Abb. 6.11  Kawa R12 (Dongola-Region). Chronologische Sequenz da-
Kawa R12 jüngere, bislang undatierte Belegungsphasen (Salvatori/Usai tierter Keramikinventare aus Gräbern (nach Salvatori et al. 2008)
2008a, 1f.) vertreten waren.

182
R e g i o n a l e A rt e fa k t c h r o n o l o g i e n

zie­rungen um 4500 calBC bildet im Arbeitsgebiet eine mit Kortexrücken. In einigen Grabanlagen fiel die Zahl der
chronologische Zäsur zur Abgrenzung des jüngeren Mit- geschlagenen Steinartefakte ungewöhnlich hoch aus (Grab
telneolithikums, die eine überregionale Relevanz besitzt 38 inferieur: 87 Stück), die nicht nur Geräte, sondern auch
(vgl. Kapitel 4.1.2). Die aus Kawa R12 vorliegenden abge- Kerne, Abschläge, Stichelabschläge und Trümmer umfass-
sicherten Datierungen geschlossener Grabkontexte gelten ten. Die Beigabe geht in diesem Fall weit über ein geschäf-
insgesamt als wichtige Referenz zur Untermauerung einer tetes Kompositwerkzeug oder Rohmate­rialien hinaus. Da
allgemeinen Zeitstellung derartiger Ver­zierungstraditionen die Gräber mit dem höchsten Vorkommen sämtlich im
in der Dongola-Region, aber auch in Unter- und Obernubi- Zentrum des Bestattungsplatzes lagen, sind ein älterer
en sowie im Wadi Howar. spätmesolithischer Schlagplatz und eine sekundäre Fund-
position nicht mit Sicherheit auszuschließen.
Allerdings besteht eine Einschränkung darin, dass die
Chro­nologie ausschließlich auf Grabkeramik beruht. Es
muss im Neolithikum möglicherweise damit gerechnet C hronologie der S teinbearbeitungstechniken und
werden, dass zeitgleiche Siedlungskeramik auch durch K eramikverzierungen in der D ongola -R egion
andere, traditionelle Elemente beeinflusst war. Im Verzie-
rungsspektrum von Kawa R12 fallen einige Verzierungs- In der Dongola-Region existiert eine mittelmesolithische
anordnungen (Salvatori 2008a, Taf. 2.7, 2.24–25) auf, die Steinbearbeitungstradition – vertreten durch geometrische
an die Motivverschachtelungen von Dotted wavy-line Typ Einsatzwerkzeuge wie Lunate, Dreiecke, Trapeze aus La-
C und Laqiya-Verzierung erinnern. mellen oder klingenähnlichen Ab­schlägen –, die zeitlich
zwischen 6500 und 5700 calBC anzusetzen ist. Eine zeit-
Bislang ungeklärt ist in Kawa R12 der in der Seriation (Sal- gleiche regelhafte Keramik­ herstellung ist aufgrund der
vatori 2008d, Abb. 13.1b.56–57, 13.2–4) abrupt erschei- Fundplatzstruktur (unstratifizierte Oberflächenfundstel-
nende Übergang zu doppelkonischen bis zylindrischen len) nicht gesichert.
geglätteten Gefäßen (z.T. mit Standböden), die zumeist
ausschließlich eine Randverzierung aufweisen. Salvato- Spätmesolithische bis frühneolithische Steinbearbeitungs-
ri (2008d) hat diese Phase mit der Datierung 4450–4350 tradition ergeben sich durch die Präsenz von dicknacki-
calBC aus dem gestörten Grab 107 (Kat.–Nr. 28) verbun- gen Lunaten aus Abschlägen, die in eine neolithische
den, was möglicherweise durch eine Datierung von Multa- Ab­schlagsindustrie überleiten. Eine all­gemeine Eintei-
ga 18/1/1 von 4550–4450 calBC (Liste 1.A) gestützt wird. lung in Dongola Reach Mesolithic und in Dongola Reach
Sehr ähnliche Formen und Verzierungsanordnungen sind Neolithic wird hier den bestehenden Konzepten (vgl. Nu-
von den Bestattungsplätzen bei Kadruka bekannt (Reinold bian Middle Neolithic bei Usai 2008a) vorgezogen. Die
2002, Abb. 3, 6, 7). Gemäß der Datierungen von Kadru- chrono­logische Abfolge der Bearbeitungstechniken ist der
ka I (Kat.–Nr. 27) ist dafür allerdings auch der Zeitraum des Nordsudans (vgl. Abb. 6.9) vergleichbar, wenn auch
4300–4050 calBC zu berücksichtigen. Möglicherweise bislang nicht sämtliche Unterphasen beschrieben worden
wurden aber bei diesem Fundplatz die keramischen Fun- sind. Im Gegensatz zur Khartoum-Region deutet sich für
de des Neolithikums und der Kerma-Zeit nicht richtig ge- die Flintbearbeitung ein längeres Überdauern der Single-
trennt525, sodass die Datierung für die entsprechende Pha- platform-Kernpräparation bis weit in das Neolithikum an
se von Kawa R12 insgesamt offen bleibt. Da sich einige (Usai 2008a), wobei aus typologischer Sicht zumindest
Gefäßformen von Multaga und Kawa R12 nicht nur mit das gelegentliche Vorkommen von Kernen mit Kortex-
Keramikformen der ägyptischen Badari-Kultur, sondern plattform und von typischen Abschlägen mit Kortexrücken
auch der Naqada-Kultur (vgl. z.B. abgebildeten Standbo- als chronologisches Indiz anzusehen ist. Rohmate­rialien
dengefäße bei Adams 1988, Abb. 7, 9) vergleichen lassen, wurden eher über regionale Netzwerke ausgetauscht
sollte ferner eine Datierung nach 4000 calBC nicht ausge- (Osypiński im Druck), allerdings hat Usai (2008a, 52) das
schlossen werden.526 Vorliegen von ägyptischem Chert für zwei Fundplätze in
der nördlichen Dongola-Region erwähnt.
Hinsichtlich der in Kawa R12 vorkommenden Steinbear-
beitungstechniken hat Usai (2008a) zuletzt hervorgehoben, Verzierungsleitformen einer mesolithischen Keramikher-
dass in Kawa R12 ein Schwerpunkt auf dem Abbau von stellung bilden Bänderungen, die mit einem zweizinkigen
Kernen mit einfachen Schlagflächen (zumeist Flint) oder Gerät ausgeführt sind und die über den typologischen Ver-
Kortexplattformen (zumeist Quarz) liegt. Die Variabilität gleich zur Khartoum-Region in einen spätmesolithischen
der Werkzeugformen ist relativ gering, sie umfasst v.a. rü- Zeitabschnitt (5700–5300 calBC) gehören dürften. Eine
ckenretuschierte Einsatzwerkzeuge, teils an Grundformen spätmesolithische bis frühneolithische keramische Verzie-
rungstradition, die sich in einen größeren Verzierungskreis
525 Vgl. die abgebildeten Gefäße bei Reinold 1987b, Abb. 10 und stellen lässt, wird durch die DWL-Typen A und C, flächi-
Reinold 2002, Abb. 3. ge Wiegebandverzierung und durch organische Ma­gerung
526 Entsprechende Belegungszeiten sind etwa in Kadada (4050–3350
calBC; Liste 1.A) und Ghaba (3950–3700 calBC; Kat.-Nr. 20) datiert. charakterisiert. Der Zeitraum von etwa 5300–4700 calBC
Die Erstellung einer Feinchronologie zwischen 4500 und 3000 calBC ist hierfür anzusetzen (Abb. 6.12).
stellt ein wichtiges Forschungsdesiderat dar. Weitere chronologische An-
haltspunkte könnten sich anhand der Typologie anderer Beigabenelemen- Die neolithische Verzierungstradition, deren Abfolge durch
te (z.B. Form von Keulenköpfen, Elfenbeinarmringen) ergeben.

183
Die Neolithisierung des M i t t l e r e n N i lta l s

Stempel/
Stempel/ Kammstempel Kammstempel Datierungsphase
Einzelabdrücke Wiegeband Wiegeband Randverzierungen
Schnurroulette flächig zonal calBC
zonal

4500 − 4000

Mittelneolithikum
geometric

4700 – 4500

Mittelneolithikum

5000 – 4700
organische Magerung

Frühneolithikum
DWL-C

5350 – 5000

Spätmesolithikum
DWL-A/B

5650 – 5350

Spätmesolithikum

Abb. 6.12  Auf typologischen Vergleichen beruhende chronologische Abfolge der spätmesolithischen Keramikverzierungen und Verzierungen datierter
neolithischer Grabkeramik in der Dongola-Region

Grabkontexte abgesichert ist, wird durch Kammstempel­ Diskutiert wurde dies in erster Linie im Zusammenhang
verzierungen eingeleitet, die ab 4700 calBC fischgräten- mit der Auswertung des keramischen Fund­materials von
förmig und zonal angeordnet werden und ab 4500 calBC Rahib Wells 80/87 (Jesse 2003a), einem Oberflächenfund-
als geometrische Flächen­ füllungen, u.a. auf Tulpenbe- platz am Rande eines Paläosees. Für diesen waren in einer
chern, erscheinen. Gegen Ende des 5. Jahrtausends v. Chr. technologisch-typologischen Analyse folgende Motiv-
findet zunehmend eine Überglättung der Eindrucksverzie- gruppen zu unterscheiden (ebd.):
rungen (rippled ware) statt – als Überleitung zu weitge-
hend unverzierten geglätteten Gefäßen, die lediglich ein 1. so genanntes ‚weiches Zickzack‘ (ebd., Taf. 45.9): Bän-
Randdekor aufweisen können. derungen in Wiegebandtechnik mit einem breitzinki-
gen, häufig gebogenen Werkzeug; vereinzelt in Kom-
bination mit Randkerbungen, je­doch nicht mit anderen
6. 2. 4 Wadi Howar Motiven; vorwiegend dickwandige Waren
2. gepunktete Bogengruppen (ebd., Taf. 2.13; hier Dotted
Für das Wadi Howar ist anhand einer Reihe von Fundver- wavy-line, Typ C): flächig angeordnete, teils ver­schach­
gesellschaftungen, jedoch nur sehr weniger einphasiger telte oder über­
lappende Kammeindrücke mit einem
Fundinventare und stratigrafischer Abfolgen, eine allge- Werkzeug mit breiten regelmäßigen Zahnabständen
meine Abfolge von keramischen Ver­ zierungsleitformen und breiten Zahnabdrücken; aufgrund des Fehlens wie-
erarbeitet worden (Keding 2000, Abb. 9). Diese wurden
bislang allerdings nicht in einen überregionalen Zusam-
menhang mit zugehörigen Steinbearbeitungstechnologien
gestellt, auch wurden die Begriffe Mesolithikum und Neo-
lithikum weitgehend vermieden.

Hauptsächlich anhand der Stratigrafie von Conical Hill


84/24 (Kapitel 5.2.12) wurde der Schluss gezogen, dass
Dotted-wavy-line-Verzierungen und die Laqiya-Verzie-
rung älter als die so genannten Leiterband­ver­zierungen
des 4. Jahrtausends v. Chr. sein mussten (Jesse 2003a,
Abb. 33). Über den Vergleich zur Khartoum-Region wur-
de für die DWL-Ver­zierungen (Abb. 6.13) gegen­über der
Laqiya-Verzierung wiederum ein etwas höheres Alter an-
genommen, das jedoch nach Ausweis der aus dem Wadi Abb. 6.13  Rahib Wells 80/73 (Wadi Howar). Kombination von DWL-
Howar vorliegenden Radiokarbon­datierun­gen nicht älter B und DWL-D (Bogenband) sowie senkrechter Ritzungen unterhalb des
als ca. 5500 calBC ausfallen konnte. Randes (Jesse 2003a, Abb. 39.3)

184
R e g i o n a l e A rt e fa k t c h r o n o l o g i e n

gebandtypischer Über­schneidungen kann ein andersar- mesolithischen Horizont der Khartoum-Region paralleli-
tiges Werkzeug (z.B. ein Schnurroulette) nicht ausge- sieren (ca. 5700–5300 calBC, Abb. 6.14). Überwiegend
schlossen werden; Kombination mit Randkerben und waren die Funde von Rahib Wells 80/87 damit aber dem 5.
Gittermuster unterhalb des Randes (ebd., Taf. 1.8, 2.4); Jahrtausend v. Chr. – dem Neo­lithikum – zuzuordnen und
vorwiegend dickwandige Waren zeigten nur eine untergeordnete spätmesolithische Kom-
3. Laqiya-Verzierungen: flächig angeordnete Strichgrup- ponente. Der von Jesse (2003a) verwendete Begriff ‚Early
pen, teils überlappend, oft gegenständig in Form eines Khartoum‘ ist zur Charakterisierung des Gesamtinventars
Fischgrätenmusters; das Werkzeug kann größtenteils folglich unzutreffend. Er sollte der Zuweisung eines ten-
identisch zu Gruppe 2 aus­fallen; Kombinationen zwi- denziell höheren Alters für viele Keramikfundstellen aus
schen den Motiven der Gruppe 2 und 3 kommen vor dem Wadi Howar dienen, das sich aus den mehrheitlich
(ebd., Taf. 74.1); vorwiegend dünnwandige Waren zwischen 5500 und 4000 calBC fallenden Da­tierungen
4. Flächenfüllungen (ebd., Taf. 23.8): feine diagonal ver- nicht ergab.527
laufende Wiegeband- und Kammstempel­eindrücke, oft
in Kombination zu Randlippenverzierung, vorwiegend Der Begriff Neolithikum ist im Zusammenhang mit der
dünnwandige Waren Laqiya-Verzierung nicht verwendet worden, da auf ei-
5. doppelte Punktlinien: Alternately Pivoting Stamp in Re- nen entsprechenden Altersnachweis von domestizierten
turn-Technik in Kombination mit ge­ritztem Bogenband Haustieren, der bislang aussteht, großen Wert gelegt wird
(ebd., Taf. 39.7). (Jesse 2003a). Allerdings hat die Auffindung eines Bestat-
tungsplatzes bei Abu Tabari 02/1 erstmals deutliche An-
Zur Datierung stand letztlich ein Rahmen von 5650–5550 haltspunkte für ein regionales Neolithikum geliefert (Jes-
calBC bis 4450–4350 calBC (Kat.-Nr. 40) zur Verfügung, se 2006a). Die Verzierungen der dort als Grabbeigaben
wenn auch aufgrund des Oberflächenfundcharakters eine auftretenden Gefäße, darunter Tulpenbecher, lassen über
Assoziation der Datierungen zu Recht angezweifelt wer- winkel­förmig und fischgrätenartig aufeinanderzulaufen-
den durfte (Jesse 2003a, 69). Allerdings lassen sich für den Kammstempelmotive (Abb. 4.4.9–10) nicht nur eine
die einzelnen Gruppen durchaus Vergleichsdatierungen typologisch jüngere Form der schraffurartigen Laqiya-
finden: Verzierung, sondern auch eindeutige Pa­rallelen zu Gefä-
ßen von Kawa R12 in der Dongola-Region (Abb. 4.4.7)
▪▪ Gruppe 2: Der Zeitraum 5300–5000 calBC (Kabbashi erkennen. Damit wäre auch die Zeit­stellung dieser Gefäß-
A, Kat.-Nr. 24) kann allgemein für das Ein­setzen von Verzierungs-Kombination von Kawa R12 (4700–4500
DWL-Verzierungen in Anspruch genommen werden. calBC) auf das Wadi Howar zu übertragen.528
Für das Auftreten von DWL, Typ C steht möglicher-
weise eine Datierung von Ennedi Erg S98/20 um 4800– Typochronologie und Subsistenzgrundlage sind für das
4700 calBC (Liste 1.A). Wadi Howar eng verzahnt worden. Das hat auf den Beginn
▪▪ Gruppe 3: Der Datierungszeitraum 4700–4500 calBC des Neolithikums529 im Wadi Howar erhebliche Auswir-
(Burg al Tuyur 80/64, Kat.-Nr. 9; Conical Hill 84/24, kungen, da dieser momentan erst um 4000 calBC nachge-
Kat.-Nr. 12) sollte einen Anhaltspunkt für die Zeit- wiesen scheint (zuletzt Jesse 2006a). So wurden Siedlun-
stellung der Laqiya-Verzierung liefern. Typologisch gen des 5. Jahrtausends v. Chr. im Wadi Howar unter dem
bestehen große Ähnlichkeiten zu fischgrätenförmig Aspekt von Jäger-Sammler-Gemeinschaften analysiert
angeordneten Kammstempelmotiven, die zeitgleich in (Keding 2006). Auf dem Fundplatz Ennedi Erg S98/20
der Dongola-Region erscheinen (Salvatori 2008a, Taf. wiesen Steingeräte wie große Segmente und Bohrer je-
2.18, 21, 22). DWL-Verzierungen vom Typ C über-
dauern als Randverzierungen in Kombination mit der 527 „Bereits ein erster Blick auf diese 14 Daten ... zeigt, daß sie fast
Laqiya-Verzierung. alle relativ jung ausfallen und somit ebenfalls nur zum Teil Datierungen
für den Early-Khartoum-Komplex im Wadi Howar liefern“ (Jesse 2003a,
▪▪ Gruppe 4: Randlippenverzierung ist ein neolithisches 178f.). Hierfür ist v.a. die Fragestellung von Jesse (ebd., 16ff.) zu be-
Element, das in Shaheinab ab etwa 4700 calBC, in achten: Die Fundplätze des Wadi Howar als Ost-West-Verbindungsachse
Kawa R12 ab 4850 calBC datiert. Feine Kammstempel- zwischen dem Niltal und der Zentralsahara – zwei Gebiete, für die bis-
füllungen finden sich dort ab etwa 4500 calBC. Von Ra- her jeweils eine Keramikherstellung seit dem 8. bzw. 9. Jahrtausend v.
Chr. diskutiert wurde – sollten nicht nur überzeugend eine räumliche,
hib Wells 80/73 (Liste 1.A) stammt eine möglicherwei- sondern auch eine chronologische Lücke schließen. Die im Wadi Howar
se in Verbindung zu sehende Datierung von 4350–4050 weitaus jünger ausfallenden Datierungen wurden von Jesse somit nicht
calBC, sodass die Kombination auf 4500–4000 calBC als signifikanter Befund, sondern als Folge mangelhafter Überlieferung
einzugrenzen wäre. ausgedeutet.
528 Jesse (2006a) hat dafür ein maximales Alter von 3950–3850
▪▪ Gruppe 5: Für APS-Verzierungen unter Anwendung der calBC entsprechend einer Straußeneischalendatierung von Abu Tabari
Return-Technik existieren zwei Da­tierungen außerhalb 02/1 eingeräumt. Eine mehrphasige bzw. fortgesetzte Belegung vom 5.
des Arbeitsgebiets mit 4700–4350 calBC von Hassi zum 4. Jahrtausend v. Chr. ist jedoch auch für die Bestattungsplätze im
Mouilah (Camps 1974) und 4350–4050 calBC von Uan Niltal typisch, sodass eine ältere Phase durchaus anzunehmen ist. Tulpen-
becher sind zudem bereits mehrfach datiert worden (Kawa R12, Kadero)
Muhuggiag (Caneva 1987, Barich 1987). und vertreten durchweg eine Phase in der 2. Hälfte des 5. Jahrtausends v.
Chr.
Möglicherweise lassen sich Bänderverzierungen in Wie- 529 Der Begriff Neolithikum wurde zunächst von Jesse (2003a) abge-
gebandtechnik (Gruppe 1) mit einem ent­sprechenden spät- lehnt, später aber für Abu Tabari 02/1 (Jesse 2006a) verwendet, weil der
Fundplatz eine Reihe von neolithischen Merkmalen erfüllt.

185
Die Neolithisierung des M i t t l e r e n N i lta l s

Stempel/
Abb. 6.14  Auf typologischen Ver-
Wiegeband Stempel/ Kammstempel Punktlinien Datierungsphase gleichen beruhende chronologische
Wiegeband
flächig Roulette zonal zweizinkig calBC
zonal Abfolge der Keramikverzierungen
im Wadi Howar
4500 – 4000

Mittelneolithikum
geometric APS-Return/DWL-E

4700 – 4500

Mittelneolithikum
Laqiya/DWL-C

5000 – 4700

Frühneolithikum
DWL-C

5350 – 5000

Spätmesolithikum
DWL-B/D

5650 – 5350

Spätmesolithikum
banded

doch auf eine neolithische Abschlagsindustrie; daneben wenigen bekannten epipaläolithischen Fundorte außerhalb
kam Flächenretusche vor (ebd., 89).530 Die Existenz von Unternubiens.
Bestattungen nach mittel­neolithischem Brauch verschiebt
den Beginn des Neolithikums aber mindestens auf 4500 In der Laqiya-Region fehlen für eine chronologische Be-
calBC, sodass weniger mit einem regionalen Überdauern wertung der Oberflächenfundinventare ebenfalls gesicher-
mesolithischer Lebensformen, als vielmehr mit einer frag- te stratigrafische Bezüge. Auf dem Fundplatz 82/57 wurde
mentarischen Überlieferungs­situation, v.a. in Bezug auf eine Schichtenfolge in das 7. und 6. Jahrtausend v. Chr. da-
Tierknochen, zu rechnen ist. Eine noch wesentlich engere tiert, wobei das weitgehend unpublizierte archäologische
Anlehnung an die Chronologie des Niltals, i.E. die Akzep- Fundmaterial, das Steinartefakte und Knochen beinhaltete,
tanz eines ab 5000 calBC einsetzenden Frühneolithikums v.a. im oberen Bereich und an der Oberfläche vorkam (Ku-
(als Bestandteil eines überregionalen Horizonts), bleibt per 1986, 131; Gabriel 1986).531 Vom Fundplatz 83/117
abzuwarten. stammen Keramikfunde mit den Verzierungen Dotted
wavy-line und Laqiya sowie zwei Radiokarbondatierun-
gen mit hohen Standardabweichungen (5650–4900 calBC
6. 2. 5 Selima Sandsheet und Laqiya-Region und 4100–3700 calBC, vgl. Liste 1.A). Anhand typolo-
gischer Vergleiche wurde zumindest eine chronologische
In Burg al Tuyur (Kat.–Nr. 11) ist eine mesolithische Be- Abfolge der Verzierungen Dotted wavy-line und Laqiya
siedlungsphase in den Wiggle-Bereich 5900–5600 calBC angenommen (Lange 2006a, Abb. 2).
datiert, zu der von den abgebildeten und beschriebenen
Steingeräten die Lunate und ein gleichschenkliges Drei- Über die räumliche Klammer durch Burg al Tuyur (Kat.–
eck (Idris 1994a, Abb. 3.1–6, 9) gehören dürften. Eine Nr. 9) in der Selima Sandsheet und Conical Hill (Kat.–Nr.
Fundgeschlossenheit des gesamten Lithikinventars, wie 12) im Wadi Howar kann die Datierung der Laqiya-Ver-
sie durch Idris (1994a) angenommen wurde, lag jedoch zierung um 4700–4500 calBC angesetzt werden. Ab 4700
nicht vor. So wiesen andere Gerätetypen wie langschmale calBC soll unverzierte polierte Keramik als neuer regio-
Rückenspitzen, ungleichschenklige Dreiecke und ein ge- naler Keramikstil eines Early Nubian Horizon – als Pen-
kerbtes Trapez sowie Bearbeitungsreste wie Mikrostichel dant zum unternubischen Abkan – eingeführt worden sein
(ebd., Abb. 3.10–18, 25–29) in ältere Besiedlungsphasen (Lange 2006a, 110).532 Allerdings darf dabei die verzierte
des Epipaläolithikums bis Frühmesolithikums (ca. 9.–8. Keramikfazies des Nubischen Neolithikums nicht überse-
Jahrtausend v. Chr.). Es handelt sich damit um einen der hen werden (Kapitel 6.2.1, Abb. 6.6–7), welche zeitgleich
in Gebrauch ist und einer überwiegend oder durchweg un-
530 Die herausgestellten Aktivitätszonen zeigen vorwiegend Speziali-
sierungen zur Verarbeitung von Sekundärprodukten, die u.a. erst in den
Zeitraum zwischen 4000 und 3350 calBC (vgl. Liste 1.A) datieren, für 531 Ferner wurde sehr unzureichend ein Bezug zu einem einzelnen,
den mit großer Sicherheit von einer neolithischen Subsistenz auszuge- an anderer Stelle aufgefundenen Keramikfragment hergestellt (Schuck
hen ist. Auch das Vorkommen sehr vieler spezialisierter Reibgeräte findet 1989, 423).
durchaus Parallelen in neolithischen Siedlungen des Niltals (z.B. Umm 532 Dies betrifft die Fundplätze Wadi Shaw 82/66 und 82/82-2 (vgl.
Direiwa, Kadero). Liste 1.A).

186
R e g i o n a l e A rt e fa k t c h r o n o l o g i e n

verzierten Keramiktradition (als ein jüngeres, spätneolithi- holozäne Sedimen­tationsstufe für die Ebene bereits ange-
sches Element) voranzustellen ist. deutet, ferner auch die Vermutung, dass der Atbara sein
heutiges Flussbett überhaupt erst während des Holozäns
Obwohl sich also zeitgleich zu neolithischen Kulturen des ausgebildet hat.533 Alle ‚in situ‘ befindlichen akeramischen
Niltals verlaufende kulturelle Traditionen herausstellen Fundstellen auf der Schwemmebene sind demnach allge-
lassen, existieren aus der Laqiya-Region bislang keine mein in das Holozän zu stellen, das Merkmal der Kera-
Belege für das Vorkommen domestizierter Spezies (Lange miklosigkeit schließt ferner eine neolithische oder auch
2006a, 110), sodass eine Unterscheidung in Mesolithikum spätneolithische Zeitstellung keineswegs aus.
und Neolithikum bislang unterblieben ist.
Ungewöhnlich bei den prozentualen Quanti­fizierungen
und bei der Interpretation der Lithik­funde sowohl durch
6. 2. 6 Oberer Atbara Elamin (1987) als auch Marks (1987) war, dass nicht dar-
auf ein­gegangen worden ist, dass eine Reihe der Oberflä-
Die chronologischen Vorstellungen zur Vorgeschichte des chenfundstellen bereits 13 Jahre zuvor durch den von Shi-
Ostsudans müssen in erster Linie im Licht der Forschungs- ner geleiteten Survey abgesammelt worden waren.534 Auch
geschichte gesehen werden. In dieser Hinsicht ist es nicht auf die Problematik der Fundvermischungen verschiede-
unerheblich, dass das Gebiet von einer For­schungsgruppe ner Phasen auf Oberflächenfundplätzen wurde nicht ein­
unter der Leitung von J.L. Shiner direkt im Anschluss an gegangen. Technologisch fallen einerseits In­ventare auf,
die Unternubien-Kampagne untersucht worden ist. Unver- die einen Schwerpunkt auf der Klingenproduktion zeig-
kennbar sind dabei bestehende Konzepte und Methoden ten, und andererseits Inventare, die vorwiegend eine Ab-
direkt aus Unter­nubien übertragen worden. schlagstechnologie aufwiesen. Erstere waren vorwiegend
mit dem Rohmaterial Chert, letztere mit höheren Antei-
Ausgangspunkt der Auswertung war die Herausfilterung len an Achat und Quarz535 zu verbinden. Die Klingen­
rein lithischer Fundplätze, die der Zeitstufe ‚Preceramic‘ technologie diente jedoch nicht zur Herstellung mesoli-
(Shiner 1971c) bzw. später – ohne ein schlüssiges typo- thischer Mikrolithen, sondern vorwiegend zur Produktion
logisches Konzept – dem Spätpaläo­lithikum zugeordnet von Vierecken (Abb. 6.15b). Solche Stücke fanden sich
wurden (Elamin 1987). Bei einer erneuten Untersuchung aus Quarz gefertigt auch in Shabona (Clark 1989, Abb.
innerhalb des Butana Archaeological Project (Marks 8.26–29). Sie erinnern im weitesten Sinne an ähnliche Si-
1987) ist dieser Zuordnungsmodus für keramiklose Fun- cheleinsätze etwa aus der neolithischen Badari-Kultur.536
dinventare im We­ sentlichen beibehalten worden. Zwei
Datierungen zwischen 10 228 ± 273 bp (KG-15) und 6215 Die Fundstelle KG-68 (Kat.-Nr. 32) wies eine extreme
± 75 bp (KG-14, Kat.-Nr. 31) stellten hierfür den absolut- Spezialisierung auf die Zerspaltung und un­kon­trollierte
zeitlichen Rahmen. Alle akeramischen Fundplätze sollten Gewinnung von Abschlägen von Achat-Geröllen auf, ver-
unter der Annahme einer kontinuierlichen Überlieferung bunden mit dem Vorkommen von scaled pieces und eini-
durch ihre spezifische Zusammensetzung je­weils eine da- gen dicknackigen Segmenten, ebenfalls in Spalt- oder Sli-
zwischen einzuordnende Phase markieren. cing-Technik (Marks 1987, Abb. 4). Insgesamt sind dies
neolithische bis spätneolithische Bearbeitungstechniken,
Aus Unternubien übertragen wurde auch die relative Da- sodass die Da­tierung von 6600–6450 calBC hierfür voll-
tierung anhand von Sedimentationsstufen. Allerdings kommen auszuschließen ist.
lagen sämtliche lokalisierten Fundplätze oberhalb von
Siltablagerungen der Atbara-Schlaufe bei Khasm al Gir- Der Fundplatz KG-14 (Kat.-Nr. 31) zeigt dagegen breite
ba, einer ausgeprägten Ebene aus alluvialen Ablagerun- Abschläge mit Kerbungen und umlaufenden Retuschen
gen. Betont wurden in-situ-Fund­konzentrationen, die bis (Marks 1987, Abb. 5). Ähnliche Stücke aus Rhyolit stam-
in eine Tiefe von 0,20 m in den Siltschichten vorkamen men von Khartoum-Hospital (Arkell 1949a, Taf. 17.2–3).
(Elamin 1987, 38). Für eine spätpaläolithische Zeitstel- Die Datierung von 5300–5050 calBC ließe eine spätmeso-
lung konnte demnach nur das aus Unternubien stammen- lithische Zeitstellung an­nehmen, die auch für Bänderun-
de Postulat gel­tend gemacht werden, dass nach 10 000 bp
533 Bei Chmielewski (1987) wird zudem deutlich, dass sich z.B. mit-
keine nennenswerte Siltsedimentation mehr stattgefunden telpaläolithische Fundstellen stets außerhalb dieser Ebene und nur in be-
hat (vgl. de Heinzelin 1968). Offensichtlich wurde dabei sonderen geomorphologischen Geländesituationen fanden.
versäumt, eine relative Datierung für die Silt­ablagerungen 534 Die Häufigkeit bestimmter Werkzeugtypen kann demnach nicht
des Atbara festzustellen. als chronologisches Unterscheidungsmerkmal gelten.
535 Bei Marks (1987) wurden die Quarz-Inventare KG-71, 70, 75, 69,
19 nicht mehr in die Analyse für das Spätpaläolithikum (so noch bei Ela-
Nach allem, was über den früh- bis mittelholozänen pa- min 1987, 39) einbezogen. Offensichtlich ordnete Marks sie dem Neoli-
läoklimatischen Befund aus dem Niltal und für das übri- thikum oder jüngeren Epochen zu.
ge Nordafrika bekannt ist, muss es jedoch als weitgehend 536 Auf eine neolithische Zeitstellung deutet auch der mögliche Zu-
sammenfund mit breiten Segmenten der Slicing-Technik und dicken mi-
ausgeschlossen gelten, dass spätpaläo­lithische Fundinven- cropoinçons auf dem Fundplatz N115 (Abb. 6.15). Die Verwendung von
tare als ungestörte Oberflächenfundstellen oberhalb einer Chert weist zwar auf eine von der Khartoum-Region verschiedene Bear-
alluvialen Flussschwemm­ebene vorliegen. In der Arbeit beitungstradition, wohingegen die Verwendung der neolithischen Makro-
von Chmielewski (1987, 16, Abb. 10) wurde eine früh- klingentechnologie Parallelen bei der Herstellung großer Rückenmesser
(Abb. 4.45) findet.

187
Die Neolithisierung des M i t t l e r e n N i lta l s

optimiertes Ressourcenmanagement (Peters 1993, 1995,


1996), für die Sesshaftigkeit von Wildbeutern und die frü-
he ‚Kultivierung‘ von Sorghum (Haaland 1997, 1999).

Eine typochronologische Einordnung des Fundmaterials


gestaltet sich nicht einfach, da trotz der weit zwischen
7850 und 5600 calBC streuenden Radiokarbondatierungen
von den Ausgräbern die interne Fundgeschlossenheit der
drei Inventare immer wieder betont worden ist. Eine quel-
lenkritische Dis­kussion der Formations- und Transforma-
Abb. 6.15  Khasm al Girba (Oberer Atbara). Fundstelle N 115, Werk­ tionsprozesse wurde im Hinblick auf das angenommene
zeug­for­men: a) micropoinçon, b) Viereck, c) dicknackiges Segment
hohe Alter des Fundmaterials nicht geführt. Hinweise in
(nach Shiner 1971c, Abb. 3)
Haalands Ausführungen deuten jedoch darauf, dass einige
Fundakkumulationen auf den Kiesbänken mit Sicherheit
gen in Wiegetechnik und möglicherweise für die DWL- nicht auf menschliche Aktivitäten zurück­zuführen waren:
Verzierung vom gleichen Fundplatz537 in Frage kommt.
Die so genannte knobbed ware – unverzierte Keramik „Two factors have complicated the dating of the sites. One is
mit von innen nach außen gestochener Buckelverzierung their deflation resulting in archaeological material being washed
(Shiner 1971d, Abb. 5 oben links) – ist hingegen unda- down the slopes and accumulating in certain areas, the other is
tiert geblieben und gehört mit großer Wahrscheinlichkeit the disturbance through the later use of parts of the settlement
frühestens in das 5. Jahrtausend v. Chr.538 Besser belegt mounds for burials“ (Haaland 1992, 58).
ist knobbed ware auf dem Fundplatz Amm Adam ASS 1
(Fattovich 1989), wo sie zusammen mit Wiegebandver- Bedenklich ist dabei, dass eine Reihe der Ausgrabungs-
zierung, aber auch Kammstempeleindrücken und neolithi- schnitte über derartige Erosionshänge540 verlief, da dort
scher APS-Verzierung auftritt.539 das Fundmaterial eine besonders hohe Dichte aufwies. An
anderer Stelle betraf dies Akkumulationen von Mollusken,
Die Fundstellen von Khasm al Girba sind damit dem Spät- dem einzigen verwendeten Datierungsmaterial:
mesolithikum bis Spätneolithikum zuzuweisen. Da sich
eine vorangehende mesolithische Tradition nicht aus den „Molluscs shells were concentrated in certain areas such as pits“
publizierten Klingen­inventaren (Marks 1987) ergibt, ist (Haaland 1993, 55).541
auf dem gesamten Plateau vermutlich kein entsprechender
meso­lithischer Fundplatz belegt. Anders verhält sich dies Eine sekundäre Einlagerung von Fundmaterial als auch die
an der Atbara-Mündung (s.u.), wo entsprechende Rücken- natürliche Einbettung der Mollusken542 in die Kiesbänke,
spitzen und Dreiecksformen vorliegen. Der ungewisse welche alle drei Fundplätze charakterisieren, sind daher
Status des Spätpaläolithikums im Arbeits­gebiet kann dem- nicht vollständig auszuschließen, weswegen die Radio-
nach nicht mit lithischen Inventaren überbrückt werden, karbondatierungen keineswegs für sämtliche Besiedlungs-
deren einziges gemeinsames Merkmal das weitgehende phasen repräsentativ sein müssen.
Fehlen von Keramikfunden ist. Aufgrund der geschil-
derten Datierungs­diskrepanzen kann der Übergang vom Bei der Charakterisierung der Keramikfunde war sehr un-
Mesolithikum zum Neolithikum für den Ostsudan bislang gewöhnlich, dass Arkells Konzept für die meso­lithischen
nicht präziser nachvollzogen werden. Fundplätze der Khartoum-Region verwendet worden ist,
obwohl die Atbara-Fundplätze zum Teil vollkommen an-
dere Verzierungen ergeben hatten.543 So kamen flächige
6. 2. 7 Atbara-Mündung Kammritzungen (Haaland 1993, Abb. 15b, d) äußerst sel-
ten, die Verzierungstypen DWL-Typ A und B überhaupt
Die drei Fundkomplexe Abu Darbein (Kat.-Nr. 4), Aneibis nicht vor. Gleiches hatte Arkell bereits 1954 für Funde
(Kat.-Nr. 5) und Damer (Kat.-Nr. 13) ge­hören zu den am von Damer festgestellt (Arkell 1954b).544 Grundsätzlich
intensivsten unter­suchten mesolithischen Fundkomplexen
außerhalb der Khartoum-Butana-Region. Sie bildeten eine 540 Haaland/Magid 1992, Abb. 3, 4, 7.
we­sentliche Referenz für eine frühe Keramikherstellung 541 Der Hinweis auf Gruben lässt offen, ob es sich um archäologische
(Haaland 1995c, Close 1995), aber auch für ein saisonal oder geomorphologische Kontexte handelte. Darüber hinaus wurden kei-
nerlei weitere Befunde innerhalb der Kies- und Sandsedimente erwähnt.
542 Die Herausstellung einer stratigrafischen Abfolge der Mollusken-
537 Jesse 2003a, Anhang 9, Tab. C: 1.G. datierungen ist nahezu unmöglich (vgl. Tab. 3.7, 8). Vielmehr datieren
538 Unter der wenigen abgebildeten Keramik fallen ferner zwei Frag- diese immer wieder ähnliche Ereignisse zwischen 7600–7450 calBC,
mente auf, die mit Sicherheit als neuzeitlich anzusehen sind (Shiner 7000–6400 calBC und 6250–6000 calBC (Kat.-Nr. 4, 5, 13).
1971d, Abb. 5 rechts). 543 Haaland (1993) bemerkte dazu lediglich, dass sich sowohl die
539 Die gestochene Buckelverzierung des Ostsudans kann nicht als Häufigkeit als auch das Spektrum der Randverzierungen keineswegs mit
isolierte Entwicklung gesehen werden. Sie kommt u.a. auch im Fayum der Khartoum-Region vergleichen ließ.
(Caton-Thompson/Gardner 1934, Taf. 17.12, 19), in den oberen Schich- 544 Vergleiche zur Khartoum-Region, etwa über Typenhäufigkeiten
ten von Merimde-Benisalâme (Eiwanger 1992, Abb. 7) und auf der ara- zwischen Kammritzungen und Dotted wavy-line, welche ohnehin nach-
bischen Halbinsel vor. zeitige Verzierungen darstellen, erübrigen sich daher.

188
R e g i o n a l e A rt e fa k t c h r o n o l o g i e n

ist das typolo­gische Konzept für die Khartoum-Region tarakt (Dittrich et al. 2007, Abb. 2.1–5) und in Unter-
demnach nicht auf die Fundplätze an der Atbara-Mündung nubien (Abb. 6.6), dort eher mit neolithischer Zeitstel-
an­wendbar, da es sich um eine andersartige Verzierungs­ lung, vor. In der Khartoum-Region erscheinen grobe
tradition handelt. senkrechte Eindrücke unter dem Rand erstmals ab dem
Auf­kommen von DWL-Verzierung, regelhafte Rand-
Im typologischen Vergleich zu anderen Regionen lassen verzierungen treten erst ab dem Neolithikum (Arkell
sich dennoch einige chronologische Ten­denzen aufzeigen: 1953) auf.
•  Auf einer Reihe von Fragmenten kommen Bänderun-
•  Mit großer Sicherheit sind einzelne Verzierungen in gen in Wiegebandtechnik mit mehr oder we­niger re-
das (durch die Radiokarbondatierungen nicht erfasste) gelmäßigen Freiflächen vor, die auch aus Shaqadud-
Neolithikum, d.h. in das 5. Jahrtausend v. Chr., zu stel- Midden bekannt sind. Bän­derungen sind Elemente der
len: Dazu gehören Spatel­verzierungen (plain edge) aus Verzierungszonengliederung, die, wie in der Khartoum-
Anei­bis (Haaland 1993, Abb. 19b, d), feine Ritzungen Region ge­zeigt werden konnte, ab der Mitte des 6. Jahr-
mit einem zweizinkigen Gerät aus Damer (ebd., Abb. tausends v. Chr. datieren. Eine regionale Besonderheit
15e) sowie ein Verzierungstyp aus Aneibis und Damer, der Atbara-Mündungsregion ist jedoch, dass diese Bän-
welcher an die neolithische APS-Return-Technik erin- derungen auch bogenförmig geführt oder als einzelne
nert (ebd., Abb. 19c, 18d). Bogengruppen angeordnet werden können, die sehr
•  Neben den überwiegenden Wiegebandverzierungen oberflächlich als Dotted wavy-line bezeichnet worden
mit einem mehrzinkigen Gerät fallen Ver­zierungen auf, sind.
die mit einem dreizinkigen Gerät ausgeführt sind. Dies •  Echte flächige Kammritzungen wie in der Khartoum-
betrifft geritzte Wellen­linien aus Bogenelementen (mit Region waren äußerst selten, so in Abu Darbein und in
Umsetzen des Werkzeuges) aus Abu Darbein (ebd., Damer (Haaland 1993, Abb. 15b, d). Deren maximaler
Abb. 15a) und gepunktete Bögen aus Aneibis (Haaland Datierungszeitraum be­trägt insgesamt 6500 bis 5600
1992, Abb. 6 links oben), die sehr stark an ähnliche Mo- calBC.
tive aus Unternubien (DWL, Typ D) erinnern. Von Be-
deutung ist hier nicht nur die unge­wöhnliche räumliche Die keramischen Funde gehören demnach in sehr unter-
Verbindung, sondern auch, dass diese Motive tenden- schiedliche Besiedlungsphasen zwi­schen 6500 und 4000
ziell in das Spätmeso­lithikum (ca. 5500–5000 calBC) calBC, die innerhalb der drei Fundkomplexe auch unter-
datieren. schiedlich verteilt waren. Ein Nachweis einer Keramik-
•  In den Nordsudan weisen auch weitere Verzierungen: herstellung im 8. Jahrtausend v. Chr. (so Haaland 1995c,
Gittermuster, Fingernagelkerben und Punkt­reihen als Close 1995) lässt sich hieran unter keinen Um­ständen
Randverzierung (Abb. 6.16) kommen auch am 4. Ka- knüpfen.545

Chronologische Unterschiede ließen sich auch über das


Steingeräteinventar erschließen: All­gemein waren in Abu
Darbein Bohrer, Schaber, gekerbte und gezähnte Stücke
recht häufig. We­sentlich häufiger, jedoch nicht in die Aus-
wertung integriert (Haaland 1993, Tab. 3), fanden sich re-
tuschierte unspezifische Abschläge. Insgesamt bildet dies
ein spätmeso­lithisches bis neo­lithisches Inventar, in dem
die Abschlagstechno­logie dominiert. Hierzu passen auch
die zwei in Abu Darbein aufgefundenen polierten Stein-
beile des Neolithikums546 und drei gestielte Pfeilspitzen,
auf die nicht näher eingegangen worden ist. Daneben ka-
men Werkzeuge einer Klingen­technologie (u.a. mit Lamel-
lenkernen) aus Chert vor, darunter schmale Rückenspitzen
und ungleichschenklige Dreiecke (Abb. 4.33c), welche
sich gut mit ent­sprechenden frühmesolithischen Funden
aus der Khartoum-Butana-Region parallelisieren lassen
(Abb. 4.33). Es ist naheliegend, diese Phase mit dem Auf-
treten von flächigen Kammritzungen zu korre­lieren.

Zusammenfassend ist festzuhalten:

545 Dagegen wäre sogar eine frühmesolithische akeramische Besied-


lungsphase letztlich nicht auszuschließen, worauf v.a. die Rückenspitzen
in Klingentechnologie weisen.
546 „The presence of these indicates that the eroded later part was
Abb. 6.16  Randverzierungen von Fundplätzen an der Atbara-Mündung
probably inhabited during the Neolithic period“ (Haaland/Magid 1991,
(Haaland 1993, Abb. 14)
36).

189
Die Neolithisierung des M i t t l e r e n N i lta l s

Kamm- Stempel/ Stempel/ Stempel/ Wiegeband


Abb. 6.17  Auf typologischen Ver-
Wiegeband Punktlinien Datierungsbereich gleichen beruhende chronologische
ritzungen Wiegeband Wiegeband Ritzung modifizierter
flächig zweizinkig calBC
flächig zonal zonal zonal Kamm Abfolge der Keramikverzierungen
der Atbara-Mündungsregion
4500 – 4000
?
Neolithikum
zigzags APS-Return

5350 – 4500

Spätmesolithikum/
Neolithikum
DWL-D

5650 – 5350

Spätmesolithikum
banded paired dots

6500 – 5600

Mittelmesolithikum
wavy-line

▪▪ Eine stratigrafische Einbettung des Fundmaterials geschlossene Fundinventare zu behandeln und auszuwer-
konnte nicht nachgewiesen werden, eine aus­reichende ten. Besonders in Unternubien ist dadurch ein erheblich
Trennung in ältere oder jüngere Funde war demnach verzerrtes Bild der holozänen Chronologie ent­standen.
anhand der Ausgrabungs­ergeb­nisse nicht gewährleistet.
▪▪ In Vorberichten waren die Ausgräber von neolithi- Insgesamt ergeben sich im Arbeitsgebiet – und dies lässt
schen Fundkomplexen ausgegangen (El-Mahi/Haa- sich sicher ohne Weiteres auf den größeren Teil Nordaf-
land 1984), dafür hatten in Abu Darbein entsprechende rikas ausweiten – überhaupt keine Anhaltspunkte, dass
Oberflächenfunde von polierten Beilen und gestielten die zeitliche Einführung und Ver­ wendung von holozä-
Pfeilspitzen vorgelegen. Erst nach Bekanntwerden der nen Steinbearbeitungstechniken in ihren Grundzügen an-
Radiokarbondatierungen wurde in den Publikationen ders verlaufen sein sollte, als dies für den euroasiatischen
(Haaland 1992, 1993, 1995) ausschließlich von meso- Raum im Allgemeinen angenommen wird. Damit ist ge-
lithischem Fundmaterial gesprochen. meint, dass aus einer jung­paläolithischen Klingenindus-
▪▪ Eine Annahme der Gleichzeitigkeit aller Funde und de- trie eine epipaläolithische Klingenindustrie mit rücken­
ren Gleichförmigkeit während eines kontinuierlichen gestumpften lanzettförmigen Werkzeugen und aus dieser
Bestehens der Siedlungen zwischen 7850 und 5600 wiederum eine Mikroklingen­ herstellung zur Weiterver-
calBC, d.h. über etwa zwei Jahrtausende, widerspricht arbeitung zu geometrischen Mikrolithen unter Anwen-
dem in dieser Arbeit vertretenen Konzept von Kontinu- dung der Kerbbruch­technik abzuleiten ist. Neolithische
ität und Diskonti­nuität. Steinbearbeitungs­techniken sind dagegen in Nordostafrika
durch eine weitgehende Aufgabe der mesolithischen Mi­
Eine einheitliche Fundauswertung der Fundplätze an der krolithenproduktion, die überwiegende Herstellung von
Atbara-Mündung wird demnach deren komplexer Zusam- unmittelbaren Formen über die Abschlagstechnik, die
mensetzung nicht gerecht. Zukünftige Untersuchungen Normierung von Beilformen und schließlich die Imitation
einphasiger Fundstellen und v.a. neolithischer Fundstel- von ersten Metallgeräten durch Flächenretusche und Poli-
len – über diese Epoche ist für die Region bislang nichts tur gekennzeichnet.
bekannt – könnten über die chronologische Relevanz
einzelner Verzierungstypen nähere Aufschlüsse liefern. Im Früh- und Mittelmesolithikum ist das Arbeitsgebiet in
So kann eine chronologische Abfolge von Keramikver- mindestens zwei Traditionen zu unterteilen: Im Norden
zierungen bisher nur über den typologischen Vergleich zu wurden bei den Mikrolithenformen Einflüsse des Cap­
benachbarten Regionen rekonstruiert werden (Abb. 6.17). sien festgestellt. Dominierende Roh­materialien sind Chert
und Flint. In der Khartoum-Butana-Region bildet dagegen
nahezu ausschließlich Quarz das Aus­gangsmaterial der
6. 2. 8 Zusammenfassung Mikrolithen, die weniger strenge geometrische Formen
aufweisen. Eine voran­gehende epipaläolithische Tradition
Bisherige chronologische Vorstellungen haben zu sehr ist hier bislang nicht nachgewiesen, die auffällige Verwen-
den Faktor einer regionalen Diversifizierung betont, der dung von Quarz weist aber auf einen autochthonen Kul-
es erlaubte, unter dem Eindruck vieler isoliert lebender turkreis.
Gruppen mehrere gegenläufige, reversible oder vollkom-
men undifferenzierte Entwicklungen zu rekonstruieren. In beiden Traditionen werden Mikrolithenformen wie
Dies wurde auch durch die Vorgehensweise begünstigt, Dreiecke zugunsten der spezialisierten Pro­ duktion von
Fundkomplexe nicht auf ihre Genese und Überlieferung Lunaten aufgegeben. Diese werden zunehmend an Ab-
hin zu prüfen, sondern sogar Oberflächenfundstellen als schlägen gefertigt, bis im Neolithikum die Slicing-Technik

190
R e g i o n a l e A rt e fa k t c h r o n o l o g i e n

DWL Verbreitung keramische Waren Anordnung/Kombinationen assoziiertes Lithikinventar Datierung


A/B Khartoum-Butana-Re- anorganische Magerung, Kombination mit Bändern in Wie­ makrolithische Abschlag- 5300–5000 calBC
gion, Gezira, Don­gola- Muschelgrusmagerung, gebandtechnik, häufig unter dem sindustrie (u.a. aus Rhyolit),
Region, Wadi Howar seltener organische Mag- Rand, seltener flächendeckend breite Lunate
erung
C Wadi Howar, Khartoum- häufiger organische Ma­ flächendeckend und überlappend, überwiegend Abschlags­ 5100–4700 calBC ?
Butana-Region, Gezira, gerung Kombination mit Laqiya- industrie
Dongola-Region Verzie­rung möglich, evtl. über
Schnurroulette ausgeführt

D Ober- und Unternubien anorganische Magerung, in Bändern, Kombination mit Abschlagsindustrie ? 5300–5000 calBC ?
seltener Glimmermagerung Ritzungen als Randverzierung
E Khartoum-Butana-Re- feine anorganische und in Kombination mit doppelzeiliger neolithische Abschlags­ 4700–4000 calBC
gion, Wadi Howar organische Magerung, APS-Verzierung industrie (u.a. aus Rhyolit),
Oberflächen geglättet Beilformen
F Khartoum-Butana-Re­- feine anorganische Mage­ Kombination mit einzelnen Punkt­ neolithische Abschlags­ 4500–4000 calBC
gion rung, Oberflächen geglättet linien als Führungslinien industrie

Tab. 6.4  Übersicht der Untertypen der Dotted-wavy-line-Verzierung im Arbeitsgebiet

zur effektiven Produktion von Segmenten als Schneideein- Unter­phasen vom Spätmesolithikum bis ins Neolithikum
sätzen erscheint. Gleich­zeitig werden vorrangig unmittel- beinhaltet. Insgesamt kann für dessen Einsetzen keine frü-
bare Formen wie Bohrer, Schaber, gezähnte und gekerbte here Datierung geltend gemacht werden, als die des pha-
Stücke an Abschlägen hergestellt. In Unternubien treten senreinen Fundplatzes Kabbashi A mit 5300–5000 calBC
importierte Werkzeugtypen wie side-blow flakes, Schaber (Tab. 6.4). Anzunehmen ist, dass die Typen DWL-A und
und Pfeilspitzen aus ägyptischem Chert hinzu, während in B des Zentralsudans etwa zeitgleich zum Typ DWL-D im
der Khartoum-Region Rhyolit für makro­lithische Formen Nordsudan (und bis in das Tibesti-Gebirge) verlaufen. Der
wie Schaber und Querbeile benutzt wird. Typ DWL-C könnte zeitlich auf die Typen DWL-A und
B (Khartoum-Hospital) folgen, ist aber auch eng mit der
Es wäre naheliegend, hinter diesem Technologiewandel neolithischen Laqiya-Ver­zierung verbunden. Hieraus lässt
den verschobenen Schwerpunkt von einer mesolithischen sich bereits ablesen, dass ein chronologischer Zusammen-
Jagdbewaffnung zu neolithischen Schneide- und anderen hang zur Neo­lithisierung besteht.
Verarbeitungswerkzeugen zu sehen. Allerdings ist auch
im Neolithikum die Herstellung von Geschossen erfolgt, Danach folgt aufgrund der neolithischen Siedlungsdyna-
sodass der Techno­logiewechsel im Arbeitsgebiet vielmehr mik eine äußerst starke Regionalisierung von Keramiksti-
mit einem Werteverlust bezüglich der normierten meso- len, wobei häufig sogar innerhalb einer Region mit dem
lithischen Klingen-Kerbbruch-Technologie einhergeht. zeitlichen Nebeneinander ver­schiedener Stile zu rechnen
Seg­mentkerne lassen sich andererseits über die neolithi- ist. Typisch sind Techniken, die eine sehr regelmäßige
sche Slicing-Technik wesentlich effektiver ausbeuten. Flächenfüllung oder Zonierung erlauben. Hierzu zählen
Bislang ist es anhand der Datengrundlage für das Arbeits- die Laqiya-Verzierung, Kammstempel- und Wiegeband-
gebiet nicht möglich, eine Aussage zu treffen, ob es sich verzierung sowie Alternately Pivoting Stamp. Randver-
bei der Ablösung der einzelnen Techno­logien um einen zierungen unter Einbeziehung der Randlippe sind häufig.
allmählichen oder einen relativ abrupten Prozess handelt. Im Mittelneolithikum erscheinen in bestimmten Zentren
Dieser kann nur allgemein in die Mitte des 6. Jahrtausends auffällige geometrische Motive oder bestimmte Oberflä-
v. Chr. datiert werden. chenbehandlungen (rippled ware, red slipped black topped
ware), die zwar signifikante Leitformen darstellen, neben
Keramikfunde wurden häufig nicht in Relation zur chro- denen aber weiterhin einfache Eindruckstechniken zum
nologischen Aussagekraft des Steingeräte­inventars beur- Einsatz kommen. Die verschiedenen Technologien spie-
teilt, was zu erheblichen Diskrepanzen bezüglich der Da- geln u.a. verschiedene Anforderungen an die Repräsenta­
tierung geführt hat (vgl. Garcea im Druck; Gatto 2002b, tionsfunktion von Keramikgefäßen wider.
2006a, 2006c, im Druck). Unsicher­heiten bestehen v.a.
bezüglich des Neolithikums, diesem wurde tenden­ ziell Es ist trotz einer in vielen Publikationen geäußerten Selbst-
viel zu wenig Fundmaterial zugewiesen, da sich eine verständlichkeit bislang nicht eindeutig, ob im Norden des
starke Forschungsströmung für eine Datierung in ältere Arbeitsgebiets eine zu den mittelmesolithischen Kammrit-
Zusammenhänge aus­spricht (ebd.). Eine chronologische zungen der Khartoum-Butana-Region (6400–5700 calBC)
Justierung ließe sich über die Keramikchronologie der parallel verlaufende Keramiktradition bestanden hat oder
Khartoum-Butana-Region vornehmen, allerdings sind ob Keramik dort generell erst zu einem späteren Zeitpunkt
hierfür regionale Unterschiede zu beachten: So ist nur der eingeführt worden ist. Hinweise ergeben sich über Inven-
Dotted-wavy-line-Horizont in mehreren Regionen ver- tare, die keinen Schwerpunkt auf Wiegebandverzierung,
breitet, der zudem verschiedene Verzierungstypen und sondern auf zweizinkigen Eindrücken erkennen lassen

191
Die Neolithisierung des M i t t l e r e n N i lta l s

(Sonki East 21-I-16, Barga-Nord, Umm Klait 3-Q-73). Fischfang, dem Sammeln von Mollusken und dem Sam-
Solche Verzierungen sind erst mit den spätmeso­lithischen meln von Pflanzen basierte (Arkell 1949a). Die zugehöri-
Bänderungen der Khartoum-Region (ca. 5700–5300 ge Keramik unterscheidet sich in typo­logischer und tech-
calBC) zu parallelisieren. Die Verwendung anderer Verzie- nologischer Hinsicht von der nachfolgenden neolithischen
rungsgeräte spricht für eine eigenständige nördliche Ver- Keramik, aber auch hin­sichtlich funktionaler und symboli-
zierungstradition, die als Teil des Nubischen Mesolithi- scher Aspekte, z.B. durch das Spektrum der Gefäßformen
kums erfasst werden soll und sich von Unternubien bis an als auch durch die Verwendung von Keramikgefäßen als
den Vierten Katarakt (Dittrich et al. 2007) und in die Abu- Grabbeigabe in neolithischen Bestattungen.
Hamed-Region (Gatto im Druck) erstreckt. Wellenförmige
Ritzungen, die aus diesem Gebiet bekannt geworden sind, Diese Unterscheidung geht auf das Vorhandensein ent-
sind dagegen über den Duktus der Geräteführung als auch sprechender Fundkontexte zurück, die eine stratigrafi-
der Gefäßzonierung an den spätmeso­lithischen DWL-Ho- sche oder auch eine räumliche Trennung zwischen dem
rizont anzuschließen. Eine frühere Verzierungstradition als Mesolithikum und dem Neolithikum zulassen. Diese ver-
die mit einem zwei­zinkigen Gerät ausgeführten, gepunkte- gleichsweise günstige Voraussetzung lässt sich bislang
ten Bänder ist für den Norden des Arbeitsgebiets bislang nicht gleichermaßen auf andere Gebiete Nordafrikas über-
nicht erkennbar. tragen. Die zumeist problematische, oft nicht quellenkri-
tisch hinterfragte Über­lieferungssituation als auch stark
Das Wadi Howar steht zwar unter einem engeren Einfluss fokussierte Forschungsschwerpunkte haben bezüglich der
der Khartoum-Region, allerdings lässt sich auch hier keine nord­afrikanischen Keramikchronologie eine überaus kom-
Verzierungstradition fassen, die älter als der Bänderverzie- plizierte Situation geschaffen, welche die Korre­lation von
rungshorizont (5700–5300 calBC) datiert. Hierzu ist auf Keramikfunden zu allgemeinen Entwicklungen, gerade
das Fehlen echter Kammritzungen bzw. der unregelmäßi- auch für den Übergang vom Mesolithikum zum Neolithi-
gen Wiegeband­verzierungen zu verweisen. kum, extrem erschwert.

Nachdem sich für das Arbeitsgebiet bereits eine Reihe Forschungsgeschichtlich ist festzuhalten, dass bislang
von Fragen hinsichtlich der relativen Datierung von kera- kaum eine angemessene Bewertung der nach­weislichen
mischen Fundkomplexen ergeben, scheint es notwendig, mesolithischen Keramikherstellung erfolgt ist. Während
hierzu einen größeren Raum – nämlich die zur Entstehung noch in den 1960er Jahren eine früh­holozäne Zeitstellung
von Keramik in Erwägung gezogenen Zentren Nordafri- der Early-Khartoum-Keramik vehement abgelehnt wor-
kas – zu betrachten. Da die Keramikchronologie des Ar- den ist547, schlug diese Ein­stellung seit den 1980er Jah-
beitsgebiets zunehmend aus dieser Perspektive beurteilt ren dahingehend um, dass mittlerweile noch wesentlich
und der Neo­lithisierungsprozess eng an die Ausbreitung frühere, bis zu mehr als 10 000 Jahre vor heute reichende
bestimmter Verzierungsstile gekoppelt wird, ist eine kriti- Datierungen in Erwägung gezogen werden. Bemerkens-
sche Revision der zur Datierung vorgebrachten Argumente werterweise ist hierfür die Khartoum-Region trotz der
unerlässlich. reichhaltigen mesolithischen Keramikfunde nahezu voll-
ständig aus dem Fokus geraten, während die weit gestreu-
te Provenienz der neuerlichen Fundmeldungen, teils sogar
6. 3 Frühholozäne Keramikherstellung in Nord­- einzelne Gefäß­fragmente betreffend, tatsächlich weniger
afrika – Eine kritische Zusammenfassung alternative Ursprungsregionen der Keramikherstellung er­
kennen lässt, als vielmehr die tiefe Überzeugung der be-
6. 3. 1 Einleitung teiligten Forschungsteams, im jeweiligen Untersuchungs-
raum besonders frühe Kultur­relikte aufgedeckt zu haben.
Die Herstellung von Keramik wird von vielen traditionel- Die drei wesentlichen Forschungsströmungen seien hier
len und v.a. von eurozentristischen Forschungsströmun- kurz aufgezählt:
gen als Element neolithischer Gemeinschaften angesehen.
Hierbei geht es in erster Linie um die Überlegung, dass der 1. Das maghrebinische Capsien nach Camps (1974) und in
Produktionsvorgang eine Reihe von Vorbereitungen und der Neubearbeitung von Rahmani (2003, 2004) umfasst
Produktions­schritten benötigt, die nur bei einer gewissen gemäß der Tradition der französischen Forschung der
Sesshaftigkeit, die in der Regel mit Agrargemeinschaften ersten Hälfte des 20. Jahr­hunderts im Wesentlichen epi-
verbunden wird, stattfinden können. Daran wurden auch paläolithische und mesolithische Steingeräteindustrien
sozioökonomische Erklärungsmuster für den Bedarf an ohne zuge­hörige Keramikfunde. Erst im Néo­lithique de
Keramikwaren angeschlossen, wie etwa eine veränderte tradition capsienne erscheinen Keramikfunde mit an-
Nahrungszubereitung durch Kochen, Vorratshaltung u.ä. deren neolithischen Elementen wie Steinbeilen, flächig
oder auch die Einbeziehung in rituelle Handlungen und retuschierten Pfeilspitzen etc. (Camps-Fabrer 1966).
Ausstattungen. Die Keramikverzierungen können teilweise mit neo-
lithischen Verzierungen des Nord- und Zentral­sudans
Im Zentralsudan konnte früh nachgewiesen werden, dass parallelisiert werden (Caneva 1987b; vgl. auch Kapitel
die Keramikherstellung bereits von sess­haften Gemein- 6.2.1).
schaften praktiziert worden ist, deren Subsistenz auf Jagd,
547 U.a. Crawford 1954, Balout 1965.

192
R e g i o n a l e A rt e fa k t c h r o n o l o g i e n

2. Im Zentralsudan kann, wie in den voran gegangenen 6. 3. 2 Radiokarbondaten als Indizien?


Kapiteln gezeigt wurde, für das 7. bis 6. Jahr­tausend
v. Chr. eine regionale mesolithische Keramikabfolge 1995 hat A. Close für den Band „The Emergence of Potte-
von Kammritzungen (Incised wavy-line), Wiegeband- ry  – Technology and Innovation in Ancient Societies“ einen
verzierungen und Bänderverzierungen hin zu Dotted viel beachteten und rezipierten Beitrag über die frühe Ke-
wavy-line (Typen A bis D) erstellt werden, an die sich ramikherstellung in Nordafrika verfasst (Close 1995). In
neolithische Verzierungen des 5. Jahrtausends v. Chr. einer Rundschau über verschiedene Entdeckungen v.a. aus
anschließen. In den Grundzügen ist diese Abfolge von den 1980er Jahren stellte Close eine Radiokarbondatenlis-
Arkell (1949a, 1953) und Caneva (in Caneva/Marks te zusammen, welche auch sehr alte Datierungen zwischen
1990) vertreten worden. Gleichzeitig wurde immer 9500 bis 8500 bp (d.h. ab etwa 9000 calBC) beinhaltete.549
wieder betont, dass sich ausreichende Belege für eine Fazit ihres Artikels war, dass eine Keramik­herstellung in
vergleichbar lange Abfolge in der Sahara nicht finden Nordafrika seit dem 10. Jahrtausend v. Chr. angenommen
lassen, was auch für die Gebiete des Nordsudans, der werden dürfe, allerdings seien aufgrund der weiten geo-
Nubischen Westwüste und Ägypten gilt. Konsequenter- grafischen Verbreitung der entsprechenden Funde mehrere
weise verbleiben damit für den saharischen Raum nur Entstehungszentren zu berücksichtigen.
zwei Möglichkeiten: Entweder existierte eine eigen-
ständige und andersartige frühmesolithische Keramik- Zu dieser Theorie müssen zwei Punkte diskutiert werden:
tradition, oder die Keramikherstellung setzte dort gene- Close kann – wie auch Banks (1980, 1984), der bereits zu-
rell erst zu einem späteren Zeitpunkt ein. vor ein hohes Alter für Keramikfunde aus Südwestägypten
3. Diesen Umstand greift eine dritte Strömung auf, die postulierte – zu einer ägypto­zentristischen Strömung um F.
hier, obwohl es sich dabei um recht unter­schiedliche Wendorf gerechnet werden, die im Rahmen der Combined
Forschungsregionen handelt, zusammengefasst wer- Prehistoric Expedition zwar einen erheblichen Beitrag zur
den soll. Unter der Zurück­setzung eines einheitlichen Kenntnis der Vorgeschichte Ägyptens geleistet hat550, aber
chronologischen Konzepts wurde dabei versucht, die wiederholt durch eine äußerst unkritische Interpretation
Anfänge der Keramikherstellung regional bis in das 10. von offensichtlich mehrphasigen Fund­ akkumulationen
Jahrtausend v. Chr. zurückzuverlegen, wobei auffällt, und eine nicht weniger unkritische Ausdeutung der Ra-
dass sowohl entsprechende Funde als auch die korres- diokarbondatenanalyse Aufmerk­samkeit auf sich gezogen
pondierenden Radiokarbondatierungen trotz wechseln- hat. Wengrow (2003b, 598) merkte dazu kritisch an:
der Untersuchungsgebiete stets aus dem Umfeld dreier
bestimmter Forschungs­gruppen stammten. Dies betrifft „... the comforts of stratigraphic certainty are clearly lacking
die Arbeit der amerikanischen Combined Prehistoric among the playa sands and silts.“
Expedition der Southern Methodist University Dallas
in der ägyptischen Westwüste (Nabta Playa, Bir Kisei- Es erscheint für viele kritische, nur in knappen Rezensio-
ba) unter der Leitung von F. Wendorf, die italienische nen geäußerten Anmerkungen wie diese typisch, dass das
For­schungsgruppe der Universität Rom in Lybien unter chronologische Grundkonzept der CPE insgesamt nicht
der Leitung von B. Barich und die französi­schen Aus- offen in Frage gestellt worden ist. Dennoch ist, obgleich
grabungen unter der Leitung von J.-P. Roset im Niger allein durch die CPE in einem der umfangreichsten Datie-
(Abb. 6.18).548 Diese Strömung berührt die Sicht auf die rungsprojekte Afrikas etwa 200 Radiokarbondatierungen
Prähistorie des Sudans insofern, als dass mit der Ver- erstellt worden sind, kein anderes methodisches Konzept
schiebung eines Kern- und Ursprungsgebiets der Kera- zur Be­handlung von Oberflächenfundstellen angeboten
mikentwicklung in die Ostsahara dem südlichen Niltal worden, als das des Optimismus bezüglich der Ge­schlos­
teils nur noch eine periphere Situierung zuerkannt, die senheit der Fundinventare und der Assoziation der über-
Keramikchronologie des Sudans aus dieser Perspek- wiegend datierten Holzkohlen zu allen übrigen Funden.
tive umgedeutet oder verzerrt dargestellt und letztlich
für Nordostafrika ein zunehmend wider­ sprüchliches Diese Interpretation war oft einseitig durch die Überzeu-
Neolithisierungsmodell vermittelt worden ist. Auf die- gung geprägt, im jeweiligen Forschungsgebiet afrikaweit
se Arbeiten nehmen einige Forschungsergebnisse jün- und weltweit früheste Nachweise für neolithische Elemen-
gerer Projekte explizit Bezug, darunter in Ounjougou te wie die Rinderhaltung (im 10. Jahr­tausend v. Chr.)551,
in Mali (Huysecom et al. 2000) und Gobero im Niger die Pflanzenkultivierung (vor ca. 20 000 Jahren)552 und
(Sereno et al. 2008), sodass sie sich daran an­knüpfen eben auch die Keramikherstellung zu finden. Möglich
lassen. Insgesamt setzt die Kritik an dieser Strömung war dies fortgesetzt nur durch einen hegemonialen For-
an dem fehlenden quellenkritischen Umgang mit den schungsanspruch, der keinen Bezug auf die Arbeiten ande-
zur Untermauerung des hohen Alters heran­gezogenen rer Forschungsgruppen in benachbarten Regionen nahm.
Daten an.
549 Diese Liste ist von Jesse (2003a, 2003b) erheblich erweitert wor-
548 Hierzu sei angemerkt, dass die Kölner Projekte B.O.S. und den, allerdings weitgehend um jüngere Daten.
ACACIA trotz des bislang größten zusammenhängenden Untersu- 550 Zuletzt Wendorf/Schild 2001; vgl. auch die Rezension von Wen­
chungsgebiets in der Ostsahara in über nahezu 30 Jahre währender Pro- grow 2003a.
spektionstätigkeit keinen vergleichbar alten Keramikfund oder Domesti- 551 Wendorf et al. 1989.
kationsbefund vorstellen konnten. 552 Dies musste später revidiert werden (Wendorf et al. 1985).

193
Die Neolithisierung des M i t t l e r e n N i lta l s

1 Ounjougou
2 Temet
Tunesien
3 Tagalagal
Marokko 4 Adrar Bous
5 Gobero
Algerien 6 Ti-n-Torha
6 Lybien Ägypten 7 Uan Afuda und
West- 7
8 13 14 Uan Muhuggiag
Sahara 15 8 Uan Tabu
12
9 Dufuna
10
4 10 Gabrong
Mauretanien 16
11 Delebo
Mali Niger 17
2 12 Wadi al Akhdar
5 11 18 13 Dachla
1 3 Tschad 19
Sudan 14 Bir Kiseiba
15 Nabta Playa
9
16 Barga
17 Abu Darbein,
Aneibis und Damer
18 Khartoum
19 Shaqadud

Abb. 6.18  Übersicht über die im Text erwähnten früh- bis mittelholozäne Fundstellen des nördlichen Afrikas

So stammten allein zehn der 27 von Close (1995, Tab. 3.1) Innovationsschub zu füllen.
gelisteten Datierungen für eine frühe Keramik­herstellung
aus den CPE-Forschungsgebieten Nabta Playa und Bir Andererseits genoss ein solches Szenario in der Forschung
Kiseiba in Ägypten, sechs weitere Daten betrafen den eine so hohe Akzeptanz, dass die Präsen­tation eines zwei-
Sudan.553 Aus dem Niger wurden sieben Daten zitiert, felsfrei geschlossenen Fundes, etwa von Keramik und ei-
die zuvor sämtlich durch Roset (1983, 1987b) publiziert ner epipaläolithischen Makro­klingenindustrie zusammen
worden waren; die restlichen Datierungen kamen aus Li- mit einem zur Radiokarbondatierung geeigneten Proben-
byen, Tschad und Algerien. Für keines der Daten wurde material, als nicht mehr notwendig erschien. Wohl liegen
allerdings die exakte Fundherkunft des Probenmaterials alle drei Fundkategorien von einer Reihe von Fundorten
und dessen Assoziation zu den Keramikfunden offengelegt vor, doch in keinem einzigen Fall ist hinter der angenom-
oder diskutiert. menen Geschlossenheit mehr als die positive Einstellung
der beteiligten Forschungsgruppen zu erkennen, dass dem
Oberflächenfundensemble seit der ersten Deponierungs-
6. 3. 3 Zwischen Innovation und Stagnation phase im Frühholozän nichts hinzugefügt worden ist.555
Diese führte soweit, wie in der fol­genden Analyse gezeigt
Der zweite zu diskutierende Punkt besteht darin, dass es werden soll, dass nicht-keramische Hinweise auf jünge-
bislang in der Forschung nicht als un­gewöhnlich angese- re (neolithische) Besiedlungs­phasen ignoriert oder sogar
hen wurde, dass frühe ‚keramikführende‘ Fundkomplexe bewusst in späteren Publikationen vernachlässigt wurden.
zwischen 9000 und 6000 calBC datieren konnten, allge-
mein aber eben keinerlei plausible Vorstellungen über die Weiteres Hauptaugenmerk der Kritik ist, dass für die un-
Anfänge, den Ursprung und den Umfang der ersten nord- hinterfragt akzeptierte, dreitausendjährige frühholozäne
afrikanischen Keramikherstellung und insbesondere nicht Keramiktradition weder ein typochronologisches Kon-
zu deren Er­ scheinen in epipaläolithischen Wildbeuter- zept, noch überhaupt insgesamt ge­nügend Keramikfunde
Gruppen bestanden.554 Der Zeitraum 9000–8000 calBC vorliegen. Nelson (2002c, 97) fasste folgendes zusammen:
ist ferner nur punktuell und bislang unzureichend durch
Fundkomplexe belegt, sodass es äußerst problematisch er- „The Saharo-Sudanese tradition begins at the onset of ceramic
scheint, dieses Forschungsvakuum unter Berufung auf un- production and is relatively consistent in the re­sources utilized,
sichere Fundvergesellschaf­tungen mit einem neolithischen construction methods and forms present. The stability of the ce-
ramic assemblage for the first 3000 years of ceramic production
553 Obwohl schon durch Caneva (1983b) ein irrelevantes Datum aus
Saggai kritisiert und in späteren Publikationen zurückgestellt worden ist. and use coincides with a period of technological, environmental
An den beiden Daten von Sarurab-II waren ebenfalls bereits Zweifel ge- and economic stability, signaling the presence of a broad and
äußert worden (Marks 1991e). Die drei übrigen Daten aus Abu Darbein long-lived adaptive scheme.“
sind, wie in der Analyse der Sedimentationsverhältnisse gezeigt werden
konnte (s.o.), nicht sicher mit den keramischen Funden zu assoziieren.
554 So existieren bislang keinerlei publizierte Nachweise oder Befun- 555 Dies hängt sicherlich auch damit zusammen, dass eine intensive
de, die auf eine Experimentierphase, etwa über Einzelstücke, eine Nach- Erforschung der holozänen Vorgeschichte Nordafrikas seit den 1960er
ahmung von Gefäßen aus organischen Materialien, atypische individu- Jahren zeitlich mit dem verstärkten Einsatz der Radiokarbondatierung
elle Verzierungen oder auf die Keramikherstellung selbst (Feuerstellen zusammenfiel. Durch diese schienen andere methodische Hilfsmittel wie
zum Keramikbrand, Fehlbrände etc.) schließen lassen könnten. die typologische Methode oder die Kombinationsmethode etc. überholt.

194
R e g i o n a l e A rt e fa k t c h r o n o l o g i e n

Jesse (2003a, 288) kam zu dem Schluss:

„Als Grund der langen Verwendung der W[avy]L[ine]-Muster


im nordafrikanischen Raum kann auch ein für rezente Grup­pen
noch beschriebener Konservatismus bei der Verzierungsgestal-
tung angeführt werden.“

Übereinstimmend umrissen hierbei Begrifflichkeiten wie


Stabilität und Konservatismus das von den jeweiligen Be-
teiligten vertretene Kontinuitätsprinzip, das durch die An-
nahme einer kulturellen Stag­nation gekennzeichnet ist, die
bereits seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert wesentlich
die zeitlichen Vorstellungen zur als wenig abwechslungs- Abb. 6.19  Ti-n-Torha (Acacus/Libyen). East Shelter und North Shel-
ter, Schichtenabfolge und kalib­rierte Holzkohledatierungen (nach Barich
reich und als wandlungsresistent bezeichneten afrikani- 1978, Abb. 9)
schen Vorgeschichte prägte.556 Konzepte dieser Art sollten
den Umstand erklären, dass sich für oft nur sehr wenige
Keramikfragmente, die einerseits dem 10. Jahrtausend v. ter, Ti-n-Torha North Shelter und Ti-n-Torha Two Caves –
Chr. und andererseits dem 6. Jahrtausend v. Chr. zugespro- ausgegraben worden, wobei einzelne Angaben und Datie-
chen wurden (z.B. für die Verzierung Dotted wavy-line), rungen anhand der Literatur558 mitunter nur schwer exakt
keinerlei typologische oder techno­ logische Unterschie- zu­zuordnen sind.
de bzw. Entwicklungslinien finden ließen. Im Weiteren
haben diese Konzepte maß­geblich dazu beigetragen, die Die jüngsten Datierungen der Fundstelle Ti-n-Torha East
nordafrikanische Prähistorie von der Parallelisierung zu aus Schicht 2 geben ein Alter von 7550–7450 calBC und
Entwicklungen (etwa der Steinbearbeitungstechnologien) 7050–6700 calBC559 an und korrespondieren mit großer
im euroasiatischen Raum abzukoppeln und Raum für afro­ Wahrscheinlichkeit mit den teils unter dem Fundmate­
zentristische Strömungen zu schaffen.557 rial abgebildeten epipaläolithischen bzw. mesolithischen
Steingeräten. Die Fundschicht lag nahe der heutigen
Wenn es demnach darum geht, die Ursprünge der nordafri- Oberfläche und bildete zunächst einen Abschluss der Sedi­
kanischen Keramikherstellung zu be­trachten, sollte sicher- mentation, war danach aber jederzeit begeh- und mani-
gestellt werden, dass sich Interpretation und Argumenta- pulierbar (Abb. 6.19). Neben Keramik kamen darin auch
tion zum jeweiligen Fundkomplex nicht auf einen oder einige bifaziell retuschierte Pfeilspitzen (Abb. 6.20a–d)
sogar mehrere der folgenden Punkte zurückführen lassen: vor, die offensichtlich nicht epipaläolithisch, sondern neo-
lithisch zu datieren waren, in späteren Arbeiten aber nicht
▪▪ eine fehlende Diskussion zur Sedimentationsgeschichte mehr abgebildet wurden. Diese Pfeilspitzen waren ein ein-
und zu mehrphasigen Deponierungsvorgängen deutiger Hinweis, dass jüngere Besiedlungsphasen nicht
▪▪ eine unzureichende Assoziation der Radiokarbondatie- durch die Radiokarbondatierungen an Holzkohlen erfasst
rungen zu den Keramikfunden worden ist. Diese waren ferner durch Steinsetzungen von
▪▪ die Vernachlässigung des zugehörigen Steingerätein- Hüttenstandorten markiert – Phasen, für die mit späteren
ventars Bodeneingriffen zu rechnen ist (Abb. 6.19).
▪▪ einen ideologisch motivierten und ergebnisorientierten
Forschungsschwerpunkt Nach Barich sollte aber dennoch explizit das Datum
▪▪ ein auf kultureller Stagnation beruhendes Kontinuitäts- 7850–7550 calBC aus Schicht 4560 mit dem Aufkommen
prinzip. von Keramik zu verbinden sein, da bis in diese Schicht
Keramikfragmente aufgefunden wurden. Hier fehlte eine
Diskussion der Funddurchdringung des mehrphasigen
6. 3. 4 Fundregionen in Nordafrika Fundplatzes und der Herkunft sowie des Zusammenhangs
der datierten Holzkohle. Dagegen datierte das früheste Da-
A cacus -G ebirge (L ibyen ) tum aus der untersten Schicht 5 vom nur 200 m entfernt
liegenden Fundplatz Ti-n-Torha North, der ebenfalls Ke-
Ti-n-Torha ramikfunde erbrachte, erst um 6000–5900 calBC, gefolgt
Im Talkessel von Ti-n-Torha im libyschen Acacus-Gebirge von 5550–5500 calBC aus Schicht 4, 4900–4800 calBC
sind insgesamt drei Fundstellen – Ti-n-Torha East Shel- aus Schicht 3 und 4450–4350 calBC aus Schicht 1 (Abb.
6.19).561 Daraus geht hervor, dass der Fundplatz East Shel-
556 Dies ist insofern verwunderlich, da es sich in beiden zitierten Fäl-
len um Keramikbearbeitungen handelte, welche sehr deutlich zeigten, 558 Barich et al. 1984; Barich 1978, 1984, 1987. Im Übrigen wurde
wie individuell und wechselhaft die vorgestellten Keramikinventare über mit verschiedenen Halbwertszeiten (Libby, Cambridge) gearbeitet, was
lange Zeiträume ausfallen konnten. die Vergleichbarkeit der Datierungen zu anderen Regionen erschwert.
557 Bereits in den voran gegangenen Kapiteln wurde die Thematik 559 Barich et al. 1984, Tab. 3: R-1162a, R-1034a; Barich 1978, Abb.
berührt, dass Steingerätetypen und deren Herstellungstechnologien der 9.1.
Keramikanalyse oft untergeordnet und als zeitlich weniger signifikant 560 Barich et al. 1984, Tab. 3: R-1035a; Barich 1978, Abb. 9.1.
angesehen wurden. 561 Barich et al. 1984, Tab. 2; Barich 1978, Abb. 9.2.

195
Die Neolithisierung des M i t t l e r e n N i lta l s

ter sehr wahrscheinlich durch jüngere, keramikführende


Besiedlungsphasen über­prägt ist.

Erst viel später wurden ähnliche Datierungsdiskrepan-


zen durch Pazdur (1993) angesprochen. Hierbei ging es
um den dritten Fundplatz Ti-n-Torha Two Caves, wo die
Holzkohledatierungen aus Level 1 (Westsektor) zwischen
8200–7800 calBC und 7600–7500 calBC562 fielen, wäh-
rend Pflanzenteile aus der gleichen Schicht nur ein Alter
von 4250–3950 calBC563 ergaben. Pazdur (1993, 46) merk-
te dazu an, dass die Holzkohledatierungen aus dem Sedi-
ment hier weniger verlässlich und zudem in un­plausibler
strati­grafischer Abfolge erschienen. Auch Wasylikowa
(1993, 37) fiel bei der Bearbeitung der floralen Reste von Abb. 6.20  Ti-n-Torha (Acacus/Libyen). East Shelter, flächenretu­schier­
Ti-n-Torha Two Caves auf, dass Reste der Wüstendattel te Werkzeuge: a–d Pfeilspitzen, e–f Schaber (nach Barich 1984, Abb. 3)
(Balanites aegyptiaca) trotz der sehr frühen Holzkohleda-
tierungen aus den Fundschichten mit Sicherheit erst in das funden die gesamte holozäne Chronologie der libyschen
Neolithikum, d.h. in die Zeit nach 5000 calBC, gehören Sahara aufbaut und unspezifische Keramik ohne typologi-
konnten.564 sches Konzept als Element des Mesolithikums bzw. Late
Acacus (ca. 8100–6300 calBC) präsentiert wurde (Crema-
Das heißt, dass der gesamte Talkessel nach 7050–6700 schi/di Lernia 1999). Im Weiteren wurde die Datierung des
calBC (Mesolithikum) erst wieder zwischen 6000 und Neolithisierungsprozesses an ‚frühe‘ Keramikdatierungen
4000 calBC besiedelt worden ist, was einem ohnehin sehr geknüpft. So gingen die Ausgräber von Uan Afuda Cave
weit gesteckten Datierungs­ zeitraum für die mehrphasi- davon aus, dass die oberste und letzte Besiedlungsphase,
gen, ins­ge­samt aber recht spärlichen Keramikfunde ent- welche neben DWL-Keramik noch eine diversifizierte
sprechen dürfte. Nicht zuletzt können dafür auch typolo- Jagdfauna aufwies, mit Holzkohledatierungen aus dem
gische Erwägungen herangezogen werden. Das auffällige Sediment um 8760–8000 bp zu verknüpfen sei. Ab 6300
smocking pattern in Return-Technik da­tiert in Ti-n Torha calBC sei daran das Neolithikum anzuschließen (ebd.).
North Shelter (Barich 1978, Abb. 4), in Uan Muhuggiag565 Sollte die spätmesolithische DWL-Phase hingegen – wie
und in Shaqadud-Midden erst ab etwa 4500 calBC. Auch anhand des für das Niltal erarbeiteten Chronologiekon-
die Dotted-wavy-line-Keramik von Ti-n-Torha, die für zepts anzunehmen ist – um 5300 v. Chr. datieren, bedeutet
besonders alt gehalten worden war, weist eher jüngere dies, dass eine Neolithisierung im Acacus ebenfalls erst an
Elemente wie etwa spatelförmige Rand­verzierungen (Ba- der Wende zum 6. Jahrtausend v. Chr. stattgefunden hat.
rich 1978, Abb. 2) auf.566 Die DWL-Verzierungen lassen Die Präzisierung der Keramikdatierungen hat in diesem
sich technologisch den Typen A (Barich 1978, Abb. 5), B Fall also erhebliche Auswirkungen auf die zeitliche Struk-
(Close 1995, Abb. 3.4.2), aber auch dem neolithischen Typ tur des Neolithisierungskonzepts.
F (Barich 1978, Abb. 4.19) zuweisen. Damit ist das bislang
aus Ti-n-Torha vorgestellte Keramik­material als überwie-
gend neolithisch und spätmesolithisch einzustufen. Die T énéré (N iger )
unzulässige Assoziation mit älteren Datierungen resultiert
aus der Einbettung frühholozäner Holzkohle, darunter im Die von Roset (1983, 1987b) publizierten Ausgrabungs-
Zusammenhang mit rein lithischen Besiedlungs­ phasen, ergebnisse der nigerischen Fundorte Temet und Tagalagal
in das im Neolithikum begangene und umgelagerte Sedi- müssen hinsichtlich eines frühen Keramiknachweises als
ment. Zudem wurden die Keramikfunde in den Publikatio- besonders fragwürdig eingestuft werden, da die von Roset
nen stark überbewertet und andere, tendenziell zeit­gleiche zum Ausdruck gebrachte Auffassung von einem geschlos-
neolithische Funde wie bi­fazielle Pfeilspitzen und Kerne senen Fund­ensemble567 nicht nur in erheblichem Maße
der Wüstendattel vernachlässigt. dem wissenschaftlichen Konsens widerspricht, sondern
diese Fund­inventare bewusst verkürzt und unpräzise dar-
Es sei darauf verwiesen, dass auf diesen und ähnlichen Be- gestellt wurden.

562 Barich et al. 1984, Tab. 1: R-1405, R1407.


563 Wasylikowa 1993, Tab. 3: Gd-2855.
564 Dies konnte anhand von Direktdatierungen an Kernen von Uan 567 Roset leitete die Diskussion zwar quellenkritisch ein: „One must
Muhuggiag sicher gestellt werden (Wasylikowa 1993, Tab. 4). obviously keep carefully in mind the risks inherent in open-air sites
565 Caneva 1987b; Wasylikowa 1993, Tab. 4. and the very real possibility of admixture from more recent periods of
566 Für eine ähnliche Randverzierung aus dem Wadi Shaw in Kom- prehistory“ (Roset 1987b, 225). Nur wenig später folgt allerdings: „Our
bination mit DWL, Typ C vgl. Schuck (1989, Abb. 2.9). Komplexe research has, however, established one fundamental point beyond any
Randverzierungen mit Kombinationen verschiedener Werkzeuge und doubt: that pottery was known in Africa in very ancient times. We noted
Techniken sprechen für Datierungen nach 5000 calBC. Eine aus halb- above that the radiometric ages we cited are among the highest ever ob-
mondförmigen Einstichen gebildete Randverzierung (Barich 1978, Abb. tained for Saharan sites with pottery“ (ebd., 227). Zur Untermauerung
5) kam auch auf dem Fundplatz Abka-428 (Shiner 1968c, Abb. 4i) vor bezog er sich auf Datierungen aus Ti-n-Torha in Libyen (s.o.) und Bir
und gehört dort aufgrund des Kammstempelmotivs in das Neolithikum. Kiseiba in Ägypten (s.u.).

196
R e g i o n a l e A rt e fa k t c h r o n o l o g i e n

Abschlagsindustrie, Neolithikum
Flächenretusche, (Ténéréan)
bifaziell retuschierte ca. 5000–3000 BC
Pfeil­spitzen (undatiert)

Klingentechnologie, Frühmesolithikum
Kerb- und Bruch­technik,
Endretusche, Mikro­-
lithen und Kerbreste

Klingentechnologie, Epipaläolithikum
Ounan-Spitzen und
basis­retuschierte vor 7600–7400 calBC
Lanzettspitzen (Diatomeen)
ca. 8500–7800 calBC
(Holzkohle)
ca. 9000–8500 calBC
(Holzkohle)

Abb. 6.21  Temet (Ténéré/Niger). Typologische Gliederung und mögliche chronologische Korrelation des Fundmaterials zu den Radiokarbondatierun-
gen, o.M. (Abbildungen nach Roset 1983, Abb. 11–13)

Temet Roset (1983, 1987b) hat dennoch das gesamte Fundmate-


Der Fundplatz Temet hätte in die Liste von Close (1995) rial als geschlossen und älter als die datierten Diatomeen
insofern keine Aufnahme finden dürfen, als dass er aus ansehen wollen, was die berechtigte Kritik durch Smith
dem eigentlichen Ausgrabungsareal unterhalb der in das (1993, 70) nach sich zog:
10.–8. Jahrtausend v. Chr. datierten Seeablagerungen
(Abb. 6.22) keinerlei Keramikfunde erbracht hat. „In other words in a single site he has the material culture which
we had previously suggested was Upper Palaeo­lithic, ceramic
Insgesamt erscheint das als zeitgleich angesehene Fun- microlithic and Neolithic, all appearing to come from one hori-
dinventar nicht plausibel datiert, da sich unter den epipa- zon ...“.
läolithischen bis mesolithischen Artefakten eindeutig we-
sentlich jüngere, bifaziell retuschierte Pfeilspitzentypen Die durch Smith relativ verhalten geäußerte Möglich-
des Neolithikums (Abb. 6.21 oben) fanden, deren Alter keit einer Fundvermischung bleibt die einzige Erklärung
jedoch dem der über­lagernden Seekreiden widersprechen für die Zusammensetzung dieses Inventars. Dazu muss
würde. Diese Pfeilspitzen kamen ebenso wie verzierte und auch die Lage der Fundstelle unterhalb der Abbruchkan-
un­verzierte Keramik mehrerer Begehungsphasen daneben te der sechs Meter starken Diatomeenablagerungen (Abb.
als Oberflächenfunde in der Umgebung vor. Der Fund ei- 6.22) berücksichtigt werden: Hier ist die Sedimentations­
nes so genannten Keramikverzierungsgeräts – eines ge- geschichte während der Ausgrabungsarbeiten nicht hin-
zähnten Fibrolitplättchens (Roset 1987b, Abb. 11.11) – bei länglich geklärt worden. Zum einen hat die Erosion be-
den Ausgrabung­sarbeiten gilt jedoch häufig als frühester reits im mittleren Holozän Teile des ehemaligen Sees zur
Nachweis der Keramikherstellung in Nordafrika.568 Begehung freigegeben, zum anderen konnten diese Teile
wiederum durch die bis heute stattfindende Hangerosion
überlagert werden.569
568 Im Allgemeinen bestehen jedoch keine einheitlichen Auffassun­
gen darüber, ob und ab wann zur Keramikverzierung eigens Geräte
aus anorganischen Materialien gefertigt wurden. In Khartoum-Hospital Dass das übrige Steingeräteinventar ebenfalls nicht als
konnte Arkell präparierte Fischwirbel in einige Kammritzungen anpas- geschlossen anzusehen ist, geht aus der An­merkung von
sen, auf anderen Fundorten kamen vereinzelt gezähnte Muschelschalen, Smith (1993, 70) hervor, nach der sich Makroklingenin-
Straußeneischalen oder Keramikfragmente vor, welche zwar grundsätz-
lich den Zweck als Verzierungsgerät erfüllen können, wenn man von 569 Dies verdeutlicht eine erst vor kurzem veröffentlichte Stellung-
der Überlieferung eines solchen ausgehen möchte. Viele dieser Objekte nahme von Clark (2008, 176): „We believe it most likely that the deposit
werden jedoch den oft feinen, scharfen Punkteindrücken nicht gerecht. Roset initially studied represents an accumulation of sediments washed
Am deutlichsten wird die Manipulation und gezielte Modifikation von off the top and low cliff of the upper terrace and thus is a redeposited
Verzierungsgeräten erst bei neolithischen Verzierungen, etwa mit dem admixture“. Temet liegt westlich von Gréboun, einem durch Clark (ebd.)
Lückenkamm. analysierten epipaläolithischen Fundkomplex.

197
Die Neolithisierung des M i t t l e r e n N i lta l s

thischen Klingenindustrie (ebd., Taf. 1), aufgedeckt.571

Tagalagal
Bei dem, ebenfalls durch Roset (1983, 1987b) publizierten
Fundort Tagalagal handelt es sich um einen äußerst kleinen,
exponierten Felskessel mit einer Grundfläche von nur etwa
5 m². Die drei Holzkohle­datierungen aus dem schwärzli-
chen Verfüllsediment fielen zwischen 9370 und 9000 bp,
d.h. in das 9.Jahrtausend v. Chr. Da innerhalb des Abris
keine Feuerstelle oder sonstigen archäologischen Kontex-
te aufgefunden wurden, ist insgesamt nicht eindeutig, mit
welchem besiedlungs- oder vegetations­ geschichtlichen
Er­eignis die Einlagerung dieser Holzkohlen zu verbinden
ist. Eine Diskussion seitens des Ausgräbers zu dieser Pro-
blematik unterblieb jedoch.

Roset (1983, 1987b) hat das keramische und lithische Fun-


dinventar von der Oberfläche und aus dem Sediment als
geschlossen ansehen wollen. Allerdings kann das Steinge-
räteinventar unter keinen Um­ständen als epi­paläolithisch
bezeichnet werden. Roset beschrieb dieses wie folgt:

„All of these tools are rather rudimentary, but this should not lead
us to underestimate the technical competence of the Tagalagal
Abb. 6.22  Temet (Ténéré/Niger). Schematischer Aufbau der Seeabla- craftsmen, which is revealed in the manufacture of arrowheads.
gerungen (nach Roset 1983, Abb. 10)
The arrowheads, which are always made on rocks of finer tex-
ture, are so delicately worked on both faces that one might think
dustrien (mit lanzettförmigen Ounan-Spitzen) und geo- they came from a site of the Ténéréan Neolithic. However, their
metrische Mikro­lithen an anderen Fundorten der Umge- contemporaneity here cannot be doubted, since all of them were
bung gegenseitig ausschlossen und grundsätzlich zwei found within the cultural layer“ (Roset 1987b, 217).
ver­schiedene Phasen markieren (Abb. 6.21). Diese sind
mit dem Epipaläolithikum und dem Mesolithikum gleich­ Während demnach ein extrem hohes Alter für die bifaziell
zusetzen und könnten in Temet teils noch vor der Seen- retuschierten Pfeilspitzen durch Roset nicht angezweifelt
bildung um 7600 calBC angesetzt werden. Eine erneute wurde, ersetzte er in einem späteren Artikel die Abbil-
Besiedlung, zu der die bifaziellen Pfeilspitzen und vermut- dungen der polierten neolithischen Steinbeile (Abb. 6.23
lich auch die Keramikfunde der Oberfläche gehören, war rechts unten), die ebenfalls in den Schichten aufgefunden
dann erst nach 5000 calBC möglich. wurden, durch einen vermeintlich chronologisch unspezi-
fischen Reibstein (Abb. 6.24 rechts unten). Damit sollten
Damit muss die durch Roset abgegebene Prä­ sentation offenbar letzte Zweifel am hohen Alter der Keramikfunde
des viel beachteten Fundkomplexes Temet ins­ gesamt ausgeräumt werden.
als schwerwiegendes Hindernis für chronologische For-
schungen angesehen werden, da die Auf­findung unter­ Bis auf die Pfeilspitzen und Steinbeile ist das Steinge-
halb von früh­ holozänen Seeablagerungen bislang als räteinventar als sehr unspezifisch zu bezeichnen. Da die
un­um­stöß­licher stratigrafischer Nachweis, v.a. für das typischen Retuschen des Epipaläolithikums bis Neolithi-
zeit­
liche Nebeneinander sehr verschiedener Stein­ be­
ar­ kums fehlen, kann sogar eine mittelpaläo­lithische Zeitstel-
bei­
tungstechniken und Werkzeugtypen, akzep­ tiert wer­ lung nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Hierfür sind
den musste570. Die spätere Publikation des vergleichbaren auch die Deponierungs­verhältnisse zu beachten: Während
Fundplatzes Tin Ouaffadene fiel dagegen wesentlich diffe­ Keramik, Pfeilspitzen, Reibsteine und Steinbeile aufgrund
renzierter aus (Roset et al. 1990). Dort wurde unterhalb der fehlender Arbeitsspuren offensichtlich nicht innerhalb des
Diatomeen eine Fundschicht mit ausschließ­lich lithischen Abris hergestellt, sondern dorthin verbracht oder ledig­lich
Funden, darunter Ounan-Spitzen einer reinen epipaläoli- deponiert worden sind, zeugen die übrigen geschlagenen
Steinartefakte von einer groben Zurichtung innerhalb ei-
nes anderweitigen Nutzungszusammenhanges.
570 Pers. Mitteilung A. Smith, Kapstadt. Ähnliches gilt für den hier
nicht im Detail behandelten Fundplatz Adrar Bous 10 (Roset 1983, Die abgebildeten Gefäßformen (Abb. 6.25, 26) erinnern in
1987b), der auf einer fossilen Düne unterhalb von Seekreiden eines in der
Ausbreitung begriffenen Paläosees lag. Er ergab ein weites Spektrum an
Steingeräten, Keramikfragmenten und Reibsteinen, das von Roset eben- 571 Die Datierungen zweier nachweislicher Feuerstellen ergaben ein
falls als geschlossenes Inventar angesehen und mit den Holzkohledatie- Alter von 9260 ± 100 bp (8600–8400 calBC) und 9220 ± 140 bp, die der
rungen um 9030 ± 190 bp, 9100 ± 150 bp und 9130 ± 65 bp verbunden überlagernden Seekreiden bzw. darin eingeschlossenen Gastropoden ein
wurde. Alter von 9080 ± 230 bp und 9060 ± 240 (ebd.).

198
R e g i o n a l e A rt e fa k t c h r o n o l o g i e n

Abb. 6.23  Tagalagal (Ténéré/Niger). Steinartefakte (Roset 1983, Abb. Abb. 6.24  Tagalagal (Ténéré/Niger). Steinartefakte (Roset 1987b, Abb.
8) 11.6)

Größe, Form und Randausbildung in keinem Falle an früh- im Einklang zu den vor­kommenden Pfeilspitzentypen und
mesolithische große Schalen mit Spitzboden. Die Gefäße polier­ten Steinbeilen steht. Gleichfalls kann eine Datie-
mit abgesetztem Hals und aus­gebogenem Rand (Abb. 6.26 rung nach 4000 calBC nicht ausge­schlossen werden.
unten) stellen mit Sicherheit eine noch weitaus jüngere
Entwicklung dar (vgl. Garcea 2008) und kommen im Neo­ Der hier vertretene Datierungs­ ansatz steht jedoch im
lithikum Nordostafrikas anderweitig überhaupt nicht vor. eklatanten Widerspruch zu einer von Roset ini­ tiierten
Thermoluminis­zenzdatierung für Keramik aus Tagalagal
Obwohl Roset (1983, 1987b) aus­drücklich das gesamte durch das CRIAA Bordeaux, die ein extrem hohes Al-
Keramikinventar als zeitgleich ansehen wollte, sind später ter von 9820 ± 780 bp bis 10 180 ± 780 bp ergab (Roset
selektiv oft nur noch die Dotted-wavy-line-Verzierungen 1996). Für Keramik des zweiten Fundplatzes Adrar Bous
als in das 9. Jahrtausend v. Chr. gehörig zitiert wor­den 10 fielen die Datierungen mit 9530 ± 750 bp und 10 500 ±
(Close 1995, Abb. 3.2), ohne dass dabei näher auf die 730 bp immerhin über­raschend ähnlich aus (Guibert et al.
Fundumstände eingegangen worden wäre, welche eine 1994b). Auch wenn größere Abwei­chungen bei TL-Datie-
unterschiedliche Behandlung der Keramikfunde gerecht- rungen bekannt sind, wirken diese Datierungen zusam­men
fertigt hätten. Zur DWL-Verzierung von Tagalagal ist an­ mit den Radio­karbondatierungen zunächst überzeugend.
zuführen, dass es sich um die mit einem langen Kamm Insofern sollen die Umstände dieser Datierungen näher
eingestempelte Variante DWL, Typ F (Abb. 6.25) handelt, hinterfragt werden. Obwohl beide Fundplätze etwa 300
deren strati­grafische Position in Shaqadud relativ eindeu-
tig im neolithischen Bereich liegt (Caneva/Marks 1990,
22f.), d.h. die etwa ab 4500 calBC datiert werden kann.572
Vergleichbare Verzierungen stammen auch aus Méniet
(Algerien)573 mit einer vermutlich zugehörigen Datierung
von 4350–4050 calBC (Hugot/Bruggemann 1993, 83f.).

Über die neolithische Zeitstellung (ab dem 5. Jahrtausend


v. Chr.) der übrigen Verzierungen von Tagalagal wie Spa-
tel- und Lückenspatelmotive sowie das smocking pattern
(Roset 1987b, Abb. 11.5) kann kein Zweifel bestehen. So-
mit ergibt sich insgesamt kein Anlass, für die Keramik­
funde ein höheres Alter als 4500 calBC an­zunehmen, was

572 Im Nord- und Zentralsudan ist diese Verzierung keineswegs häu-


fig, sodass ein direkter Bezug zum saharischen und subsaharischen Raum Abb. 6.25  Tagalagal (Ténéré/Niger). Das mit Dotted wavy-line (Typ F)
sehr wahrscheinlich ist. ver­zierte Gefäßfragment (nach Roset 1983, Abb. 4)
573 Zuletzt abgebildet bei Jesse (2003a, Abb. 47).

199
Die Neolithisierung des M i t t l e r e n N i lta l s

Adrar Bous
Aufgrund verschiedener Umstände konnten die Ergebnis-
se der umfangreichen Erkundung des Adrar Bous durch
eine amerikanisch-australische Expedition unter der
Leitung von J. Desmond Clark im Jahre 1970 – vor den
Arbeiten von J.-P. Roset zwischen 1978 und 1990 – erst
verspätet publiziert werden. Im Gegensatz zu Roset wurde
für die holozänen Steinbearbeitungstechniken eine deut-
liche Dreiteilung herausgearbeitet: Das Epipaläolithikum
ist durch makrolithische Klingengeräte und Ounan-Spit-
zen als Leitformen gekennzeichnet (Clark 2008), das me-
solithische Kiffian – benannt nach dem Fundplatz Adrar
n’Kiffi – durch die Herstellung von geometrischen Mi­
krolithen anhand von Klingengrundformen (Smith 2008a)
und das Ténéréen durch die Anfertigung von flächenretu-
Abb. 6.26  Tagalagal (Ténéré/Niger). Rekonstruierte Gefäßformen
(nach Roset 1983, Abb. 4)
schierten Pfeilspitzen und Schabern, von Beilen, Bohr-
erformen und kontinuierlich retuschierten Makroklingen
(Smith 2008b). Das Ténéréen um­fasst recht unpräzise das
km voneinander entfernt liegen und die zu datie­renden Neolithikum als auch nachfolgende Epochen (5.–2. Jahr-
Keramikfragmente mehr oder weniger zu­fällig ausgewählt tausend v. Chr.).
wurden – beide Fundplätze ent­hielten zweifelsfrei neoli-
thische Funde –, ergaben sich nahezu identische Datierun- Epipaläolithische Inventare waren nicht mit Keramikfun-
gen und ein identisches Prob­lem: Die Proben wiesen eine den zu verbinden. Garcea (2008) arbeitete für die dem Kif-
außergewöhnlich hohe Uraniumanreicherung auf (Roberts fian (234 Fragmente) und dem Ténéréen (4920 Fragmente)
1997, 823). Als Erklärung hierfür wurde die sekundäre zuzuweisende Keramik vier technologische Gruppen her-
Einlagerung aus dem umgebenden Felsen in das Sediment aus. Da jedoch sämtliches Fundmaterial von Oberflächen-
und die Keramik angeführt. Die Thermoluminiszenzdatie- fundstellen stammte und die Radiokarbondatierungen erst
rungen für die Keramik wurden so berechnet, als hätte die in das 4.–2. Jahrtausend v. Chr. (Smith 2008b, Tab. 8.1)
Ein­lagerung direkt nach der Deponierung stattgefunden, fielen, konnten bezüglich des Alters der Kiffian-Keramik
genau genommen jedoch so, dass sie die bereits bekannten keine neuen Erkenntnisse beigetragen werden. Garcea
Radiokarbondatierungen bestätigten. Die Publikation sei- (2008) berief sich daher einerseits auf den von Roset pos-
tens des Labors (Guibert et al. 1994b) be­handelte so auch tulierten Datierungsansatz im 9. Jahrtausend v. Chr. (s.o.),
weniger den frühen Datierungsnachweis für Keramik, nahm andererseits aber an, dass das Kiffian bis in das 6.
sondern vielmehr die Methode der Behandlung des Ura- Jahrtausend v. Chr. angedauert haben musste. Eine solch
nium-Ungleichgewichts für Proben mit einem bekannten lange Keramiktradition war allerdings weder aus dem
Alter  – nämlich dem der Radiokarbondatierungen. Da von angewand­ten Typologiekonzept noch aus der statistischen
anderen Fundplätzen bekannt ist, dass Unregel­mäßigkeiten Menge des Fundstoffs (durchschnittlich 6,8 Keramik­
des Uraniumgehalts Thermoluminiszenzdatierungen er- fragmente pro Fundplatz) oder der stratigrafischen Fund-
heblich verfälschen können (Roberts 1997, 823), sind die situation abzuleiten.
Datierungen von Tagalagal und Adrar Bous 10 keineswegs
geeignet, um eine frühe Keramik­herstellung des 9. Jahr- Gobero
tausends v. Chr. als erwiesen anzusehen. In Gobero wurde erst kürzlich eine der größten bekannten
Konzentrationen früh- bis mittelholozäner Bestattungen
Insgesamt ist damit die gesamte früh- und mittelholzäne in der Sahara entdeckt und in den Jahren 2005 und 2006
Chronologie, wie sie durch Roset (1987a, 1987b) vertre- teilweise ausgegraben (Sereno et al. 2008). Neben Bestat-
ten wurde, zu überdenken. Besonders auffällig ist, dass tungen fanden sich auch Siedlungsreste wie Steingeräte,
Holzkohledatierungen nach dem 9. Jahrtausend v. Chr. erst Knochen­harpunen, Keramikfragmente und Tierknochen,
wieder in den Zeitraum 6000–5550 calBC (Dogonboulo) die z.T. aus den Grabverfüllungen, aus obertägigen Fund-
und 5550–4950 calBC (Adrar Bous I) fallen (Roset 1987a, konzentrationen und aus den nahe gelegenen Ablagerun-
Abb. 1). Datierungsbelege für das 7. Jahrtausend v. Chr., gen eines Paläosees geborgen wurden. Die keramischen
das im Vergleich zum Zentralsudan für eine frühe Kera- Funde wurden durch E. Garcea (in Sereno et al. 2008) dem
mikherstellung in Frage käme, fehlen. Zahlreicher werden Kiffian (Frühholozän) und dem Ténéréen (Mittelholozän)
Datierungen in das 5. und 4. Jahrtausend v. Chr., welche zugeordnet. Obwohl nicht in der Literaturliste aufgeführt,
eine der Hauptphasen der Besiedlung dieses Raumes und können sich die keramischen Zuweisungen nur auf die
eine regelhafte neolithische Keramikproduktion umreißen. Arbeiten von J.-P. Roset beziehen, insbesondere was die
Eine Dotted-wavy-line-Verzierungsphase, die mit Sicher- Unter­scheidung der neolithischen Keramik anbelangt
heit vor 5300 calBC datiert, kann aus den Ténéré-Fundin- (Roset 1978) oder die Behauptung, die Verzierung Dotted
ventaren nicht erschlossen werden. wavy-line sei ganz an den Beginn der saharischen Kerami-
kentwicklung zu stellen (Roset 1983, 1987b).

200
R e g i o n a l e A rt e fa k t c h r o n o l o g i e n

Das Gobero-Projekt verfügte über die Möglichkeit, 78 Ra- Hälfte des 5. Jahrtausends v. Chr. zu berücksichtigen ist,
diokarbondatierungen an sehr unterschied­lichen Materia- erscheint eine um 2000 Jahre älter ausfallende Datierung
lien erstellen zu lassen (Sereno et al. 2008, Tab. 2). Gute als ausgesprochen abwegig.575 Die fünf zwischen 4200 und
Ergebnisse ergaben sich für die Bestattungen v.a. anhand 3650 calBC fallenden Datierungen für Keramik­fragmente
der Datierungen von Zahnschmelz (ebd., 13, 16). Sie lie- mit Wiegebandverzierungen von Gobero zeigen deutlich,
ßen sich darüber den recht unterschiedlichen Zeiträumen dass die exklusive Zuweisung solcher Verzierungen zum
7700–7300 calBC, 6500–6200 calBC, 4950–4700 calBC Kiffian, d.h. zum Frühholozän, grundsätzlich falsch ist.
und 4500–2750 calBC zuweisen. Datierungen an Mollus- Gegenteilig ist eher der Nachweis erbracht, dass Wiege-
ken, Tierknochen und Knochenharpunen bestätigen diese bandverzierung auch noch – oder möglicherweise sogar
Intervalle weitgehend. Die drei Holzkohleproben datier- überwiegend – im saharischen Neolithikum (nach 5000
ten bezeichnenderweise erst in das 2. und 1. vorchristli- calBC) vorkommt.
che Jahrtausend, also weit nach den im Fundmaterial am
prägnantesten überlieferten Epo­ chen. Als ein weiteres Fragmente des Ténéréen datierten ebenfalls um 4050–
Datierungsmaterial wurden allerdings auch die dem Kif- 3800 calBC (drei Daten), Fragmente des Late Ténéréen
fian oder dem Ténéréen zu­gewiesenen Keramikfragmente um 2150–1900 calBC und 400–200 calBC (ebd.). Eine ge-
datiert. Die 16 Datierungen basierten laut der Publikation nauere typologische Untersuchung, im Einzelnen zur chro-
auf der orga­nischen Magerung, es fehlen jedoch jegliche nologischen Bedeutung der Begriffe Kiffian und Ténéréen,
Hinweise auf eine Behandlung der Proben hinsichtlich des bleibt insofern abzuwarten.576 Für das übrige Fundmaterial
Gehalts an Karbonaten mit einem unterschiedlichen Ein- wurden sie synonym zu Mesolithikum und Neolithikum
lagerungshintergrund (Brennmaterial, Magerung, pflanzli- benutzt, diese Ter­mini werden jedoch rigoros abgelehnt577.
che Bestandteile des Tons) und unterschiedlichem Alter.
Es ist folglich wenig überraschend, dass Keramikfragmen-
te des Kiffian sowohl in die Intervalle 7300–6850 calBC T ibesti -G ebirge (T schad )
(zwei Daten), 6500–6400 calBC, 5200–5000 calBC, als
auch um 4200–3650 calBC (fünf Daten) und 3500–3100 Gabrong
calBC datiert sind. Das Gefäßfragment von Gabrong (Abb. 6.28) ist durch
B. Gabriel aus einer fund­ führenden Schicht ge­ borgen
Bemerkenswert ist dagegen, dass Garcea (in Sereno et al. und publiziert worden, da es mit einer hohen Datierung
2008, 7) alle nach 6000 calBC fallenden Da­tierungen – von 7150–6850 calBC (Hv-2748) in Ver­bindung gebracht
immerhin die Mehrzahl – als fehlerhaft ansehen wollte, wurde (Gabriel 1978, 1981).578 Die Datierung stammt aus
obwohl sich seitens des Labors dafür keinerlei Hinweise einer von Holzkohle durch­setzten Sandschicht ohne jegli-
ergaben, sondern die jüngeren Daten im Gegenteil durch che Befunde wie Feuerstellen o.ä. Überlagert wurde diese
Datierungen an anderen Materialien unterstützt wurden Sandschicht durch Seesedimente, die über eine Kalkkruste
(Saliège in Sereno et al. 2008, 7). Auch die Angabe der auf 5200–4980 calBC (Hv-3709) datiert sind (Abb. 6.27).
Fundherkunft für die ‚ältesten‘ Keramikfragmente er- Es wurde ferner erwähnt, dass aus der unmittelbaren Um-
scheint mehr als ungewöhnlich: Die Lagebezeichnungen gebung eine Reihe von Oberflächenfunden stammen, die
„in situ in lakebed“ (Probe 26), „under skeleton“ (Probe aber überwiegend dem Neolithikum zuzuwei­sen sind und
27) oder „in ribcage of skeleton“ (Probe 28) sollten offen- zeigen, dass der Fundplatz über mehrere Phasen hinweg
sichtlich zusätzlich auf ein hohes Alter verweisen (ebd., begangen worden ist.
Tab. 2), stellten aber in keinem der Fälle den erforderli-
chen sicheren Fund­zusammenhang eines geschlossenen Aus typologischer Sicht findet die Ge­fäßverzierung des
Kontextes dar. Probe 27 bezieht sich so auf ein mit Dot- aus der Fundschicht stammenden Fragments eine Reihe
ted wavy-line (etwa Typ C) verziertes Fragment, das auf von Parallelen: Die Dotted-wavy-line-Ver­zierung, kom-
7100–6850 calBC datiert wurde, aber unter (!) einer auf biniert mit weitem flächigem Wiegeband (Abb. 6.28), ist
7600–7500 calBC datierten Bestattung gelegen hat (ebd.). im sudane­sischen Niltal aus Umm Marrahi (Elamin/ Mo-
In jedem Fall ist das Fragment jünger als das Skelett, der hammed-Ali 2004, Abb. 4) und Kab­bashi-A (Caneva et al.
enge Fundzusammenhang ist kein Nachweis für einen en- 1993, Abb. 8.1) be­kannt, von wo eine Referenzdatierung
gen zeitlichen Zusammenhang.574 Da im Zentralsudan der mit 5350–5200 calBC vor­liegt. Eine ähnliche Kombinati-
Verzierung DWL eine Datierung nach 5300 calBC ein-
zuräumen und für den Typ DWL-C auch noch die erste 575 Aus der Sicht der Verf. hängt dies mit der Problematik der Datie-
rungen von Tonbestandteilen und der Bewertung organischer Magerung
574 Dass zwischen Siedlungsresten und Bestattungen nicht zwingend zusammen. Die Ablagerung von Schlamm mit hohen organischen An-
ein zeitlicher Zusammenhang besteht, zeigt auch ein auf 6500–6400 teilen (Faulschlamm) bzw. von stark durchwurzeltem Schlamm verlief
calBC datiertes Fragment, das in der Grabgrube einer auf 3800–3650 parallel zum Bestehen der frühholozänen Paläoseen. Dieser Rohstoff, der
calBC datierten Bestattung aufgefunden wurde (Sereno et al. 2008, Tab. stets entsprechende frühholozäne Datierungen erbringen sollte, war je-
2). Diese ‚Fundzusammenhänge‘ täuschen darüber hinweg, dass am doch noch weit bis in das mittlere Holozän bzw. ist bis heute nutzbar.
Fundplatz die Möglichkeit einer stratigrafischen Assoziation nicht ge- 576 Ohnehin wäre die Beschränkung auf zwei Verzierungsgruppen
geben war und bezüglich des Siedlungsmaterials keine sicheren Fund- für eine anzunehmende 7000jährige Keramiktradition von Gobero recht
kontexte vorlagen. Die Aussage über ‚älteres‘ oder ‚jüngeres‘ Material oberflächlich.
konnte demnach ausschließlich auf Vergleichen mit anderen Fundstellen 577 Pers. Mitteilung E. Garcea, Cassino.
oder – wenn diese lediglich eine vergleichbare Situation aufwiesen – auf 578 Darüber hinaus sind für die Fundstelle keine systematischen Aus-
der Überzeugung der Autoren beruhen. grabungsarbeiten beschrieben worden.

201
Die Neolithisierung des M i t t l e r e n N i lta l s

Abb. 6.29  Wadi al Akhdar (Gilf Kebir/Ägypten). Fundplatz 83/33, mit


Abb. 6.27  Gabrong (Tibesti/Tschad). Schematische Darstellung der Dotted wavy-line (Typ D) verziertes Gefäßfragment (nach Schön 1996,
Fundsituation (nach Gabriel 1978, Abb. 5) Taf. 107.1)

tigen. Ein konventionelles Radio­karbon­datum, das ohne


eine zugehörige Diskussion veröffentlicht wird, kann da-
her kaum zur Klärung chrono­logischer Frage­stellungen
beitragen.

Gabriel (1981) hat unter den Lesefunden ferner zwei wei-


tere DWL-Varianten vorgestellt, die als signi­fikante Typen
gelten müssen: Zum einen ge­punktete Wellenbänder (hier
DWL, Typ D)580, welche innerhalb des Arbeitsgebiets v.a.
im Nordsudan vorkommen, und die Kammstempel-Vari-
ante DWL, Typ F581, welche hauptsächlich in der Zentral­
sahara verbreitet ist. Die Abfolge der Typen DWL-A und
Abb. 6.28  Gabrong (Tibesti/Tschad). Mit Dotted wavy-line (Typ A)
DWL-D zu DWL-F ist über den typolo­gischen Vergleich
ver­ziertes Gefäßfragment (nach Gabriel 1986, Abb. 32) auch im Tibesti-Gebirge zeitlich zwischen 5300 und 4500
calBC ein­zuordnen.
on zeigte auch ein Gefäß aus dem Wadi Howar vom Fund-
platz Rahib Wells 80/73 (Abb. 6.13). Damit liegen An­
haltspunkte dafür vor, dass das Gefäß von Gabrong eher L ibysche W üste (Ä gypten )
in die zweite Hälfte des 6. Jahrtausend v. Chr. gehört, was
dem strati­grafischen Befund unterhalb der datierten See­ Wadi al Akhdar (Gilf Kebir)
ablagerungen nicht widerspricht. Der Bezug zu den datier- Im Zusammenhang mit Keramikdatierungen können fer-
ten Holzkohlepartikeln des Sediments ist da­gegen nicht ner zwei Direktdatierungen an Keramik aus dem Wadi
sichergestellt, diese können somit für eine Frühdatierung Akhdar im Gilf Kebir (Ägypten) angeführt werden. Hier
der DWL-Verzierung nicht herangezogen werden. Zudem wurde vom Fundplatz 83/33 ein un­verziertes Fragment auf
gewährleistet die Hanglage des fundführenden Sediments 8360–8250 calBC datiert (Schön 1996, Tab. 17) – ein Da-
in einer Abri-Situation nicht die für eine stratigrafische tum, was nur vor dem Hintergrund der oben ausgeführten
Überlieferung notwendige Horizontalität (Abb. 6.27). Forschungsgeschichte zur Diskussion gelangen kann.

Ein weiteres Gefäßfragment ist als Ober­flächenfund aus Eine weitere Probe mit bänderförmiger Wavy-line-Ver-
dem Tibesti-Gebirge über die starke Pflanzenmagerung zierung (Abb. 6.29) erhielt bei der zweiten Datierung ein
auf 5950–5600 calBC (Bonn 1973) datiert wor­den.579 Zu Alter von 5440–5320 calBC, welche durch eine Straußen-
Schwierigkeiten der Direkt­da­tierung von Magerungsbe- eidatierung vom gleichen Fundplatz mit 5400–5200 calBC
standteilen vor Einführung der AMS-Datierung haben sich bestätigt wird (ebd.). Die Verzierung steht zeitlich und
Gabasio et al. (1986) und Evin et al. (1989) ge­äußert. Or-
ganische Magerungs­bestand­teile bren­nen gewöhnlich im 580 Bei Gabriel (1981, 198, Abb. 1c statt 1b, 1d statt 1c) „Hohe Mäan-
Ge­fäßbrand vollständig aus (Gabasio et al. 1986). Ältere, der“ und „Wavy lines mit begleitenden Punktlinien“. Diese Verzierungen
bereits im Ton ent­haltene Karbonate bleiben dagegen er- kommen auf einer mit Sand gemagerten, glimmerhaltigen Ware vor.
581 Bei Gabriel (1981, 198, Abb. 1b statt 1d) „Jüngere dotted wavy
halten und können Datierungsergebnisse stark be­einträch­ line“: „Die Herstellungstechnik dieser Keramik ist offenbar erheblich
fortgeschrittener, mit sehr gleichmäßigen Wandstärken, gut geglätteten
579 Dieses Fragment zeigt eine verschachtelte Kammstempelverzie- Oberflächen und feiner grauer Tonmasse bei geringer Sandmagerung
rung (Gabriel 1981, Abb. 2c statt 2b), d.h. eine Verzierung, die aus meso- und roter Außenfärbung. Der Rand kann ... mit Randkerben versehen
lithischen Zusammenhängen bislang nicht bekannt ist. sein. Die Wandstärken betragen 6–8 mm“.

202
R e g i o n a l e A rt e fa k t c h r o n o l o g i e n

typolo­gisch den ge­punk­teten Wellenbändern (DWL, Typ


D) des Nordsudans, Südwestägyptens und des Tibesti-Ge-
birges nahe. Dies betrifft v.a. die Führung des Verzierungs-
geräts, die Aneinander­reihung einzelner Bogen­elemente
und die regel­mäßige Zonierung in Bändern.

Das sehr alte, frühholozäne Datum stimmt auf­fallend gut


mit Datierungen der Playa­ablagerun­gen vom ca. 500 m ent­
fernten Fundplatz 80/7-1, Schicht G über­ein (Schön 1996,
Tab. 17, Abb. 9): Im zu­gehörigen Profil sind Wurzelstruk-
turen gekennzeichnet; vier Holzkohleproben datierten hier Abb. 6.30  Bir Kiseiba (Südwestägypten). Fundstelle E-79-8, Keramik
vom so genannten Typ Al Adam (nach Connor 1984b, Abb. 11.15)
insgesamt drei Phasen, wo­bei die älteste den Zeit­raum um
8700–8100 calBC umfasst, der keinerlei ar­chäo­­logische
Funde zugeordnet werden können. Ganz offensichtlich E-79-8 mindestens eine epipaläolithische, eine mesolithi-
wurde im Mittelholozän der Ton zur Keramik­herstellung sche und eine neolithische Besiedlungs- bzw. Nutzungs-
aus den frühholozänen Playa-Sedi­menten gewon­nen, die phase auf.583
bereits organische Bestandteile enthielten.
Insofern ist die Relevanz eines frühholozänen Alters584 der
Diese Direktdatierungen, die für Ober­flächenfundstellen drei ‚in situ‘ aufgefundenen Keramik­fragmente unbedingt
zukünftig an Bedeu­tung gewinnen sollten, zeigen deut- zu relativieren. Der zu­gehö­rige Verzierungstyp Al Adam,
lich, dass selbst in vermeintlich sicheren Kontexten (ein der als ältester Typ angesehen wurde, zeigt Kammstempel­
einzelnes Keramikfragment) sehr verschiedene zeitliche eindrücke in regelmäßigen Reihen (Abb. 6.30). Wenn die-
Dimensionen gespeichert sind. ser auch in der ägyptischen Westwüste selten sein mag,
so findet er sich unter den spät­neolithischen Funden von
Bir Kiseiba (Südwestägypten) Khartoum-Hospital (Arkell 1949a, Taf. 79.1), in Unternu-
Für das Bir-Kiseiba-Gebiet soll etwas ausführlicher auf bien auf Abka-428 (Shiner 1968c, Abb. 4i) und auf dem
den Fundplatz E-79-8 eingegangen werden, da von dort Fund­platz Rahib Wells 80/73585 im Wadi Howar (Jesse
Keramik der so genannten Al-Adam-Group stammt, die 2003a, Abb. 39.2) – hier ebenfalls mit über den Rand zie-
als eine der frühesten Keramik Nordost­afrikas gilt (Close henden Eindrücken. Gleichzeitig wird für fast alle diese
1995). E-79-8 bezeichnet eine typische Oberflächen- Beispiele ebenfalls eine feine, auffällig glimmerhaltige
fundstelle mit mehreren Artefakt­ konzentrationen und Magerung beschrieben. Aus typolo­gischer Sicht ist dieser
Feuerstellen (Connor 1984b, Abb. 11.2), die wie ein ge- Keramiktyp daher frühestens an das Ende des 5. Jahrtau-
schlossenes Fundensemble behandelt worden sind. Nur sends v. Chr. zu datieren.
eine einzige der Holzkohledatierungen stammt aus ei-
ner solchen Feuer­stelle, alle weiteren aus dem Sediment Nicht zuletzt hat die nachweisliche Mehrphasigkeit dieses
(9450–9150 calBC bis 8250–7950 calBC582). Publiziert Fundorts erhebliche Auswirkungen auf die dort aufgefun-
sind u.a. einige Werkzeuge einer Makroklingenindustrie denen und sehr umstrittenen Rinderknochen, in denen der
(ebd., Abb. 11.7m–p), für welche die epipaläolithische Bearbeiter Gautier (1984a, 2001) zunächst eine domesti-
Zeit­stellung der Holzkohlen möglicherweise in Anspruch zierte Spezies erkennen wollte, dies später jedoch wieder
genommen werden kann. zur Diskussion stellte. Ein Bezug dieser Tierknochen zu
den frühen Holzkohledatierungen ist ebenso wenig ge-
Die Auswertung der übrigen Steingeräte durch Connor sichert, wie der Bezug zu einer bestimmten der mindes-
(1984b) hat sich leider der typochrono­lo­gischen Methode tens drei zu unterscheidenden Besiedlungsphasen. Bei
vollständig verschlossen. So sind neben den epipaläolithi- der weitreichenden Diskussion, die aus diesem Befund
schen langschmalen Rücken­spitzen auch Kerbreste und erwachsen ist, wurde bislang übersehen, wie unzu­länglich
asymmetrische Dreiecke (ebd., Abb. 11.7e–g, v–w) abge- das Fundmaterial präsentiert und wie oberflächlich mit den
bildet, die Leitformen des Frühmesolithikums darstellen Radiokarbondatierungen argu­mentiert worden war.
und nicht vor dem 8. Jahrtausend v. Chr. datieren sollten.
Ferner er­scheint unter den Abbildungen ein nicht als sol- Weitere, von den Ausgräbern nicht diskutierte Fundvermi-
cher gekennzeichneter side-blow flake (ebd., Abb. 11.7x), schungen lassen sich für fast alle publi­zierten Fundplätze
dessen Herstellungstechnik (Slicing-Technik) nicht vor von Bir Kiseiba feststellen, so auch für den nur etwa 150 m
dem Neolithikum, d.h. dem 5. Jahrtausend v. Chr., üblich entfernt gelegenen Fund­platz E-80-1 (Close 1984b). Ähn-
wird. Auch das Reibsteininventar weist einige Formen wie lich wie auf E-79-8 sind im Lithikinventar mindestens drei
beilförmige und rechteckige Glätt­steine (ebd., Abb. 11.9– Phasen nach­weisbar (Abb. 6.31). Die Keramikfunde zei-
11) auf, die zuletzt für Kadero als typische neolithische
583 Eine Datierung der vorkommenden verzierten Straußeneifrag-
Formen der 2. Hälfte des 5. Jahrtausends v. Chr. beschrie- mente (vgl. Connor 1984b, Abb. 11.16) hätte hierüber sicherlich Klarheit
ben worden sind (Jórdeczka 2003) und bereits stark an verschafft.
neolithische Paletten erinnern. Damit wies der Fundplatz 584 Connor 1984b, 239; Banks 1984; Close 1995.
585 Von diesem liegen zwei Datierungen an Knochen und Straußenei-
582 Schild/Wendorf 2001, Tab. 3.1. schalen zwischen 4350–3950 calBC vor (Liste 1.A).

203
Die Neolithisierung des M i t t l e r e n N i lta l s

Spätmesolithikum/
Neolithikum

ca. 5300–4500 calBC


(undatiert)

Mesolithikum

7050–6850 calBC
(zwei Datierungen an
Holzkohle)

Epipaläolithikum

ca. 9. Jahrtausend v.
Chr. (undatiert)

Abb. 6.31: Bir Kiseiba (Südwestägypten). E-80-1, mögliche typochronologische Trennung des lithischen und keramischen Oberflächenfundinventars
(Abbildungen nach Close 1984b, Abb. 12.10, 12, 15)

gen Bänderungen in Eindruckstechnik zusammen mit dem die umfangreichste früh- bis mittelholozäne Keramik­
Dotted-wavy-line-Typ D, der als Teil des DWL-Horizonts chronologie außerhalb des Arbeitsgebiets und soll daher
nicht wesentlich vor 5300 calBC datieren sollte und damit eingehender betrachtet werden. Sie basiert – wie auch im
durch die Holzkohledatierungen vom gleichen Fundort geomorphologisch recht ähnlichen Bir-Kiseiba-Gebiet –
nicht erfasst worden ist. nahezu ausschließlich auf keramischen Oberflächenfun-
den, die mit Holzkohledatierungen aus Feuerstellen, teils
Einzig Kobusiewicz (1984) war bei der Veröffentlichung aus Sedimenten in oft sehr loser Form in Bezug gesetzt
der Fundstelle E-79-4 auf das Vorliegen ver­ schiedener worden sind.588 Die Fundkomplexe sollten dabei in ihrer
Nutzungsphasen eingegangen, die sich über typologi- Gesamtheit und gemäß der Hauptdatierungsbereiche ein-
sche Merkmale trennen ließen: In E-79-4 gab es eine zelne chronologische Phasen vertreten. Wichtige Punkte
Überschneidungssituation zwischen einer mesolithi- sind dabei zu wenig diskutiert worden:
schen Steinwerkzeugindustrie und einer makrolithischen
Industrie einschließlich von Keramikfunden mit Bän- ▪▪ die generelle Möglichkeit, dass Fundstellen zu sehr
derverzierungen, darunter DWL, Typ D. Zur Datierung un­terschiedlichen vorgeschichtlichen Abschnit­ten be-
beider, äußerst unterschiedlicher Fazies wurden jedoch gangen worden sein können und dass Oberflächenfun-
ausschließlich die früh­holozänen Datierungen berück- densemble auf Fund­ vermischungen geprüft werden
sichtigt, und zwar 7200–6850 calBC für die untere Fund- müssen,
schicht und 6850–6650 calBC für die obere Fundschicht, ▪▪ die Möglichkeit, dass zu verschiedenen Zeiten be-
ohne eine Erklärung für den abrupten Technologiewechsel stimmte Gebiete sehr unterschiedlichen Raum- und
zu liefern (ebd.). Durch eine weitere, wesentlich jüngere Ressourcennutzungsstrategien sowie einem veränder-
Datierung von 5400–5200 calBC (Gd-926; Schild/Wen- lichen Siedlungsverhalten unterlegen haben können:
dorf 2001, Tab. 3.1) war jedoch bereits bekannt, dass der Konkret bedeutet dies, dass unter den durch Holzkohle
Fundplatz nochmals aufgesucht und überprägt worden dominierten Radiokar­bondatierungen vorwiegend Pha-
sein musste. Diese Datierung kommt als Höchstalter für sen repräsentiert sind, die durch eine ausreichende Ve-
die makrolithische Fazies und die Keramikfunde weitaus getation und ein intensive Nutzung dieser Ressourcen
eher in Betracht.586 gekennzeichnet sind. Im Fundmaterial können dagegen
auch Überreste sehr kurzfristiger Aufenthalte vertreten
Nabta Playa (Südwestägypten) sein, die bspw. durch Stein­werkzeuge ohne Bearbei-
Die Keramikchronologie von Nabta Playa587 ist bislang tungsabfälle oder eben auch vereinzelte Keramikfunde
geprägt sind, wobei es sich möglicherweise um reine
586 So ist in E-79-5B eine makrolithische Fazies auf 5200–5050
calBC (Holzkohle aus Feuerstelle), in Birr Murr I auf 5350–5200 calBC
(Holzkohle aus Feuerstelle) datiert (Connor 1984a, 1984c). Bezeichnen-
derweise wiesen beide Fundplätze keinerlei Keramikfunde auf, sodass 588 Der Auffindung in Verfüllungen von Gruben, Herdstellen etc. ist
Keramik in diesem Raum kaum als regelhaftes spätmesolithisches bzw. zwar von der Combined Prehistoric Expedition große Aufmerksamkeit
frühneolithisches Fundgut zu bezeichnen ist. entgegengebracht worden, ohne aber auf die lockere Matrix der Sande
587 Banks 1980, 1984; Nelson 2002a, 2002b, 2002c. und Silte einzugehen, in welcher Artefakte eine hohe Mobilität besitzen.

204
R e g i o n a l e A rt e fa k t c h r o n o l o g i e n

Depots handelt.589 ▪▪ Zwischen 6100–5900 calBC führt Nelson (2002a, Abb.


▪▪ die Tatsache, dass eine Reihe von Fundstellen überhaupt 2.1) Wiegebandverzierungen der Typen spaced rocker
keine Keramikfunde ergeben hat. Andere Fundstellen stamp (R3) und smoothed over rocker stamp (R7).
wiesen nur äußerst spärliche Keramikfunde auf.590 Überglättete Wiegeband­verzierung ist eine vielfach be-
schriebene Technik (Taf. 2.13), die im gesamten Niltal
Insgesamt erscheint es, als seien Hinweise auf eine mehr- als ein neolithisches Element der 2. Hälfte des 5. Jahr-
phasige Besiedlung eines Platzes zu stark vernachlässigt tausend v. Chr. und auch als Vorstufe der neolithischen
und für die Assoziation der Radiokarbondatierungen se- rippled ware gilt.592 Die Datierung wurde von Nelson
lektiv stets nur die ältesten Daten berücksichtigt worden. (2002b) über den Fundplatz E-75-8 erschlossen, dessen
Ferner wurde gemäß dem Forschungskonzept der CPE Gesamtdatierungsspanne 6200 bis 4200 calBC beträgt.
nicht auf jüngere Ver­gleichsdatierungen aus angrenzen- Es ergeben sich keine weiteren Anhalts­punkte dafür, die
den Regionen eingegangen, v.a. nicht die längst bekannte Verzierung smoothed over rocker stamp in Nabta Playa
neolithische Keramiktradition Oberägyptens. Die durch älter als 5000 calBC zu datieren. Der Typ spaced rocker
Nelson (2002a, 2002b, 2002c) vorgestellte Keramikchro- stamp ist hingegen viel zu unspezifisch, um ihn an einen
nologie beruft sich systematisch auf die jeweils ältesten be­stimmten Datierungszeitraum zu knüpfen.
Datierungen der Haupt­fundkomplexe, ohne allerdings ein ▪▪ Zwischen 7500–6200 calBC sind bei Nelson (2002a,
typologisches Konzept anzubieten, was die Entwicklung Abb. 2.1) neben gepunkteten Wellenbändern (ent-
von Gefäß­formen und Verzierungstypen in eine überzeu- spricht DWL, Typ D), Sparrenmuster und Gittermuster
gende zeitliche Abfolge stellen würde. Da die jeweils verschiedene Wiegebandvarianten (Abb. 6.32) aufge-
jüngs­ten Datierungen oder der jeweils jüngste Fund nicht zählt, obwohl bekannt ist, dass diese allein keine signi-
beachtet wurden, ist Keramik in der Tendenz damit teils fikanten Leitformen bil­den können und darüber hinaus
als erheblich zu alt datiert worden. Das zeigt sich in fol- keineswegs nur im Mesolithikum (bei Nelson Early –
genden Punkten: Middle Neolithic), sondern größtenteils im Neolithikum
vorkommen.593 Die Datierungen wurden von Nelson
▪▪ Qussier-Ware, Black Topped Ware und Red Ware, d.h. (2002b) über die Fundstellen E-75-6 (Gesamtdatie-
generell unverzierte und polierte Waren, sind im Ge- rungsspanne 7700 bis 5500 calBC) und E-91-1 (Ge-
gensatz zur Badari-Kultur oder dem Arbeitsgebiet zeit- samtdatierungsspanne 7000 bis 4250 calBC) erschlos-
lich unzulässig bis in das Spät­mesolithikum ab 5500 sen. Gepunktete Wellenbänder sind jedoch im Hinblick
calBC591 vorgezogen worden, offenbar in Ermangelung auf die Datierungen des DWL-Horizonts maximal zwi-
anderer zeit­typischer Keramiktypen. Diese Waren sind schen 5300 und 4000 calBC anzusetzen. Ein weiteres
im Niltal (z.B. Kawa R12, Shaheinab, Badari) ein Cha- Indiz für eine wesentlich jüngere als die von Nelson
rakteristikum der 2. Hälfte des 5. Jahrtausends v. Chr. vertretene Zeitstellung sind die oft vor­ kommenden
und datieren somit 1000 Jahre jünger. Nelson (2002b) Randkerbungen.594
erschloss die Datierung über den Fundplatz E-75-8, al- ▪▪ Die früheste Keramikgruppe wies Nelson (2002a, Abb.
lerdings beträgt dessen Gesamtdatierungsbereich, also 2.1) dem Zeitraum 9100–7800 calBC zu, ver­bunden
einschließlich der jüngsten Datierungen, 6200 bis 4200 mit Verzierungen wie Wiegebandverzierung und schrä-
calBC. Es ergibt sich kein Anhaltspunkt, den bespro- ge Kammeindrücke. Die Datierung wurde anhand ei-
chenen Waren in Nabta Playa ein höheres Alter zu­ nes einzigen Fragments von der Fundstelle E-77-7
zuweisen. Über die Fundstelle E-00-1 ließen sich so- (8300–7950 calBC, Holzkohle aus dem Sediment) fest-
gar noch jüngere Datierungen von 4050–3800 calBC gemacht.595 Schräge Kammeindrücke sind allerdings im
anführen. Wadi Howar und in Kawa R12 eindeutig mit Datierun-
▪▪ Zwischen 5900–5500 calBC, einem mit Fragezeichen gen zwischen 4850 und 4000 calBC zu verbin­den. Es
versehenen Datierungsbereich, erscheint in der Über-
sicht von Nelson (2002a, Abb. 2.1) einzig die Katego- 592 Brunton/Caton-Thompson 1928; Arkell 1953, Taf. 33; Arkell
rie Unevenly smoothed, eine unspezi­fische unverzierte 1975, 26, 30; Caneva 1988b.
Ware. Aus typologischer Sicht ist für diese eine solche 593 Die Ähnlichkeiten zur neolithischen Keramik aus der unternubi-
zeitlich begrenzte Zu­weisung nicht möglich, sondern schen Abka-Region (Abb. 6.6, 6.7) sind unübersehbar.
594 Fast regelhaft erscheinen in diesem Zusammenhang durchlochte
zeigt eher die Unsicherheiten bezüglich der Keramik- Keramikscheiben, die mitunter als Spinnwirtel interpretiert werden (Nel-
chronologie im 6. Jahrtausend v. Chr. son 2002b, Abb. 3.10). Sollte diese Annahme zutreffend sein, würde dies
einige Überlegungen zur Textilherstellung, ein bislang unberührtes For-
589 Besonders problematisch gestaltet sich dies beim Fundplatz E-75- schungsgebiet, erfordern. Kultivierter Flachs ist erst ab dem 5. Jahrtau-
6 (Królik/Schild 2001): Obwohl hier eine ganze Reihe von Hüttengrund- send v. Chr. im Fayum nachgewiesen, ebenso wie gewebtes Leinen. Ein
rissen nachgewiesen werden konnte, gehören nahezu alle elf Keramik- sicherer Nachweis für domestiziertes Schaf fällt ebenfalls erst in diesen
fragmente, die verstreut über die Oberfläche lagen, zu einem einzigen Zeitraum. Auffällig ist, dass diese Keramikscheiben in mesolithischen
Gefäß. Dieses dürfte somit zu einer wesentlich kurzfristigeren Nutzung Inventaren fehlen.
des Platzes gehören, als die durch die Hüttenbebauung des 8. Jahrtau- 595 Wendorf und Schild (1998, 100) schrieben hierzu: „A puzzling
sends v. Chr. angezeigte Besiedlung. Die mehrfachen Reparaturlöcher feature of this early pottery is its rarity; it is usually limited to only a
zeigen zudem, dass dieses Gefäß lange transportiert und wiederholt repa- few shards in a site, a situation which has cautioned us that it might be
riert, wohl aber nicht vor Ort hergestellt worden ist. intrusive ...“. Es folgt allerdings kein gegenteiliger Nachweis, sondern
590 E-77-7: ein Fragment; E-91-3: sieben Fragmente; E-75-9: 13 Frag­ lediglich eine Überzeugung: „... however, the shards occur in most of the
mente, E-75-6: 17 Fragmente; E-92-7: 24 Fragmente (Nelson 2002b). excavated El Adam sites and the designs are unique and limited to this
591 Nelson 2002a, Abb. 2.1: dort als Late Neolithic bezeichnet. period.“ (ebd.).

205
Die Neolithisierung des M i t t l e r e n N i lta l s

besteht kein Anlass, hierfür in Nabta Playa eine ältere


Datierung einzuräumen.

Zu unterscheiden sind insgesamt folgende Verzierungs-


gruppen mit relativen Datierungen, wie sie an­hand be-
nachbarter Regionen zu erschließen sind:

1. Wellenbänder (DWL, Typ D, auch stem & leaf ge-


nannt), Sparrenmuster mit einem zwei- bis vierzinkigen
Gerät, die offensichtlich ohne Kombinationen mit Wie-
gebandverzierung vorkommen (ab etwa 5300 calBC)
2. Wiegebandverzierungen mit Randverzierungen, darun-
ter überglättete Verzierungen wie smoothed over rocker
stamp (überwiegend neolithisch, ab 5000 calBC)
3. Kammstempelverzierungen (ab 4800 calBC)
4. unverzierte Waren wie Black Topped Ware und Red
Ware (ab 4500 calBC) und ritzverzierte Qussier-Ware Abb. 6.32  Nabta Playa (Südwestägypten). Fundstelle E-91-1, Gefäß-
formen des so genannten Early-Neolithic (Nelson 2002b, Abb. 3.7)
(nach 4000 calBC).

Der jüngste Überschneidungsbereich der von der CPE er- tiert und im Zweifelsfall Direktdatierungen von Artefakten
stellten Radiokarbondatierungen liegt für alle hier berück- unter Berücksichtigung von aktuellen Laborstandards an-
sichtigten Keramiktraditionen bei 5500–4200 calBC. Im strebt.
Einzelnen stellt es also keine Schwierigkeit dar, anhand
der gleichen Ar­gumentationsweise wie der der CPE (lose Dachla-Oase
Assozia­tion von Datierungen, Interpretation von Fund­ Hope (2002) hat in einer Zusammenfassung zur holozänen
geschlossenheit), aber einer veränderten Prämisse zu- Keramikherstellung in der Dachla-Oase auch der frühes-
gunsten der jüngsten Datierung, die gesamte durch Nelson ten epipaläolithischen Masara-Gruppe (9200–8100 bp)
vorgezeichnete Keramikentwicklung in diesem verkürzten einige Keramikfunde zugewiesen, weil solche wiederholt
Zeitraum ‚unterzubringen‘. Für eine ‚lange‘ Keramik- auf entsprechenden Oberflächenfundstellen vorkamen. Er
chronologie liegen weder ein schlüssiges typochronologi- berief sich auf ent­sprechende Fundzusammenhänge aus
sches Konzept im Ver­gleich zu anderen Regionen, noch dem Gebiet von Nabta Playa und Bir Kiseiba, als auch auf
ein gesicherter Bezug zu den Datierungen oder insgesamt den Artikel von Close (1995). Dies wurde wenig später
ge­nügend spezifische Formen vor, die eine abwei­chende durch Warfe (2003) sehr kritisch analysiert:
Zeitstel­lung stützen würden.
„Indirectly, surface deflation may be cited as the primary cause
Besonders auffällig ist, dass – obwohl die Keramikherstel- for confusion surrounding the existence of an early Holocene
lung bereits ab 9100 calBC einsetzen soll – die Zuweisung pottery tradition. Not only does this process result in the shif-
zwischen 6100 und 4500 calBC, d.h. in den Jahrhunder- ting or removal of artefacts from the site’s surface, it also sees
ten, in denen die Neolithisierung anzusetzen ist, besonders the eventual obscuration of any stratigraphy once existed – a
unsicher ist. Für diesen Zeitraum fehlen in Nelsons Chro- problem often compounded by the fact that a number of sites
nologie schlichtweg diejenigen Verzierungstypen, die als were reoccupied throughout later prehistory and even in Roman
viel zu alt eingestuft wurden. Im Nabta-Playa-Gebiet ein times“ (Warfe 2003, 21).
Zentrum der frühen Keramikherstellung sehen zu wollen,
strapaziert erheblich die geringe Menge an gesicherten Als besonders typisch für die spärlichen keramischen
Daten als auch an Keramikfunden. Funden erwies sich eine grobe sandige Magerung (coar-
se shale), die häufig als Anzeichen eines hohen Alters an-
Zu den Fundplätzen, die eine nennenswerte Menge an Ke- gesehen wird. Diese kam häufiger als andere Waren auf
ramikfunden aufwiesen, zählen E-91-1 (2307 Fragmente, Masara-Fundplätzen vor, sodass zunächst nicht unbedingt
Datierungsspanne 7000 bis 4250 calBC), E-75-8 (1442 von einer jün­geren Intrusion auszugehen war. Allerdings
Fragmente, Datierungsspanne 6200 bis 4200 calBC) und wurde wenig später ein Fundplatz entdeckt, auf dem eben
E-00-1 (5312 Fragmente, Datierungsspanne 5.–4. Jahr- jene Ware mit ca. 1000 Fragmenten sehr häufig war, der im
tausend v. Chr.). Sie sind demnach sämtlich erneut im Weiteren jedoch neolithische und spätneo­lithische Stein-
Neolithikum besiedelt worden, sodass eine Zuweisung geräte aufwies und überdies ein Radiokarbondatum ergab,
des Großteils der Keramik­funde in das 5. Jahrtausend v. das eine Zeitstellung zwischen 5200–4000 bp nahelegte
Chr. (und jünger) in hohem Maße wahrscheinlich ist. Be- (Warfe 2003, 23).
merkenswert ist schließlich, dass es hierfür offensichtlich
nicht einer entsprechenden Radiokarbondatierung bedarf, Zusammenfassend hat sich Warfe (2003) dafür ausgespro-
sondern eines allgemeinen Chronologie- und Neolithisie- chen, dass sich die epipaläolithischen Be­wohner der Dach-
rungskonzepts, das eine solche relative Zeit­stellung akzep- la-Oase trotz ‚keramikproduzierender‘ Nachbargruppen

206
R e g i o n a l e A rt e fa k t c h r o n o l o g i e n

(Nabta Playa, Bir Kiseiba) diese Kulturtechnik wohl eher ▪▪ eine fehlende Diskussion der Sedimentations- und Arte-
nicht angeeignet hätten. Interessant ist, dass Warfe (2003) faktdeponierungsvorgänge
an dieser Stelle das keramische Chronologiekonzept der ▪▪ einen Vergleich mit den Arbeiten von Roset (1983,
Combined Prehistoric Expedition nicht im Mindesten hin- 1987b) im Niger, die auf ebenso losen Fund­asso­zia­
terfragte, das eine frühholozäne ‚keramikproduzierende tionen aufbauen
In­sel‘ erschaffen hat, welche die Bearbeiter aus umliegen- ▪▪ ein Kontinuitätskonzept, dass neolithische Elemente
den Forschungs­gebieten regelmäßig vor Schwierigkeiten (Kammstempel, Schnurroulette, bifaziell retu­ schierte
stellt. Pfeilspitzen) bereits im Frühholozän ansetzt, dann aber
über 4000 Jahre nahezu un­verändert bestehen lässt.

O unjougou (M ali ) Die Funde von Ounjougou sind demnach nicht geeignet,
um daran den Nachweis einer frühholozänen Keramikher-
Ravin du Hibou stellung zu knüpfen, da aus typologischen Erwägungen
Die Region um Ounjougou wird erstmals durch ein inter- eine Datierung nach 5000 calBC nicht auszuschließen,
nationales Projekt unter der Leitung der Uni­versität Genf sondern sogar sehr wahrscheinlich ist.
(Huysecom et al. 2000) untersucht. Eine frühholozäne Be-
siedlung fand sich v.a. auf dem Fundplatz Ravin du Hibou,
dessen Sedimente durch sieben Radiokarbondaten zwi- 6. 3. 5 Der Dotted-wavy-line-Horizont im
schen 8000 und 7000 calBC datiert sind.596 Es handelt sich nörd­lichen Afrika
dabei allerdings um einen Talkessel direkt an einem Fluss,
der Akku­mulationen aus verschiedenen Kies- und Siltstra- Die Datierung des DWL-Horizonts, auf den die Diskus­sion
ten aufweist, die zwar Fundmaterial enthielten, aber kei- um eine frühholozäne Keramikherstellung überwiegend
nerlei archäologische Kontexte (ebd., 84, Abb. 19–20).597 hinausläuft, hat wesentliche Auswirkung auf die zeitliche
Insofern ist ein enger Bezug zwischen den Datierungen, Einordnung und Überlegungen zur Richtung des Neolithi-
dem Vorgang der Sedimentation und dem Vorgang der sierungsprozesses in Nordafrika. So hat sich der DWL-
Fundeinlagerung – trotz des ein­geschwemmten Kieses als Horizont nach Ansicht der meisten Forscher ausgehend
Besiedlung interpretiert – bereits mehr als fraglich. von der Sahara – etwa aufgrund von durch Trockenperi-
oden aus­gelösten Wanderungsbewegungen – ausgebreitet,
Während der Ausgrabungsarbeiten wurden sieben zumeist ist aber noch mit einer rein aneignenden (meso­lithischen)
verrollte Keramikfragmente (ebd., Abb. 21) gefunden. Als Subsistenz zu verbinden.598 Wäre hierbei das lithische In-
Verzierungen wurden Kammstempel und Schnurroulette ventar ebenso Gegenstand der Unter­suchungen gewesen,
identifiziert. Die Lithik­industrie wies neben Mikrolithen- hätte sich die Charakterisierung mesolithisch/frühholozän
formen verschiedene Elemente einer Abschlagstechno- nicht ohne Weiteres auf die Begleitfunde übertragen las-
logie auf, ferner bifaziell retuschierte Pfeilspitzen (ebd., sen.
Abb. 23). Auch anhand von Fundplätzen der Umgebung
war es nicht möglich, für diese Elemente eine unabhän- Arkell (1962) hat bereits darauf verwiesen, dass die weite
gige relativchronologische Einbindung vorzunehmen. Verbreitung des DWL-Motivs (als Teil der Innovation) mit
Dass Keramikfragmente und bifaziell retuschierte Pfeil- der grundlegenden Einführung der Keramikherstellung zu
spitzen gemeinsam – somit als Fundvergesell­schaftung verbinden sein könnte. Den Ursprung sah er in den meso-
interpretiert – an den Beginn des Holozäns datieren sollen, lithischen wellenförmigen Kammritzungen der Khartoum-
konnten Huysecom et al. (2000, 86) letztlich nur über den Region, allerdings konnte in dieser Arbeit gezeigt werden,
Vergleich zu den Arbeiten von Roset (1983, 1987b) pos- dass zwischen den beiden Motiven keine Kontinuität be-
tulieren: Die nigerischen Fundorte Tagalagal, Temet und steht, sondern der DWL-Horizont aus Bänderungen der
Adrar Bous (s.o.) wurden hierfür als Referenzen genannt. Wiegeband- bzw. Eindruckstechnik hervorgegangen ist.
Die Funde von Ravin du Hibou wurden daraufhin dem In der Khartoum-Butana-Region kommt diesem Bänder-
Frühneolithikum zugewiesen. Bezeichnender­weise liegen horizont ein signifikanter Einschnitt zu, den die bisherige
Datierungen aus nachfolgenden keramikführenden Epo- Polarisation zwischen Kammritzungen und DWL nahezu
chen erst wieder ab dem 4. Jahr­tausend v. Chr. vor, was vollständig negiert hat.
etwa dem Spätneolithikum entspricht. Der vermeintliche
Nachweis des Früh­neolithikums von Ounjougou lässt sich Der Verzierungstyp DWL-A ist ohne Weiteres aus der in
demnach zurückführen auf: der Khartoum-Butana-Region verbreiteten Wiegeband-
technik abzuleiten, während der Typ DWL-D eher einer
▪▪ einen unzureichenden Fundkontext, der unzulässig mit Tradition zuzuordnen ist, der die Wiegebandtechnik zu-
Sedimentdatierungen verknüpft wurde nächst zwar fremd, dennoch aber von deren Motivanord-
nungen inspiriert worden ist (vgl. Tab. 6.4). Diese Traditi-
596 Hier wird im Gegensatz zu Huysecom et al. (2000) von der Inter-
pretation einer holozänen fluvialen Schicht als einer Besiedlungsschicht on ist beim gegenwärtigen Forschungsstand im Gebiet des
(vergleichbar etwa zu paläolithischen Fundschichten) abgesehen.
597 Zu einer ausführlichen Forschungsgeschichte vgl. Jesse (2003a). 598 Zu einer ausführlichen Forschungsgeschichte vgl. Jesse (2003a).
Andere jüngere Arbeiten zum Thema sind Mohammed-Ali/Khabir Andere jüngere Arbeiten zum Thema sind Mohammed-Ali/Khabir
(2003) und Fernández (2003). (2003) und Fernández (2003).

207
Die Neolithisierung des M i t t l e r e n N i lta l s

Sudan Ägypten Tschad Niger Libyen Algerien

Khartoum- Unter- Nubische Délébo/ Gobero/ Tagalagal/


calBC Wadi Howar Nabta Playa Gilf Kebir Tibesti Acacus Hoggar
Butana nubien Ostwüste Ennedi Ténéré Ténéré

4200

(Typ F) Typ F Typ F Typ F Typ F

4500

Typ E Typ E

4700

Typ C Typ C Typ C? Typ C?

Typ A Typ A Typ D Typ D Typ D Typ D Typ A Typ A? Typ A


5300

Typ B Typ B/D Typ D Typ B

Abb. 6.33  Übersicht über die zeitliche Tiefe von DWL-Verzierungstypen im nordafrikanischen Raum

Vierten Kata­rakts, in der Nubischen Ostwüste, in Unter- Grenzen gesetzt.599 In dieser Arbeit ist nach der Revision
und Obernubien, in Südwestägypten und im Tibesti-Ge- der für die frühholozäne Keramikherstellung als Argumen-
birge belegt (Abb. 6.33). Auch andere DWL-Motive (z.B. te ein­gebrachten Radiokarbondatierungen in konsequenter
Typ F) haben in der Ausführung oder der Art der zugehö- Weise der Schluss zu ziehen, dass die weite Verbreitung
rigen Ge­fäßformen nahezu nichts mit dem Typ A gemein. einzelner Untertypen der DWL-Verzierung zwar weiterhin
Insgesamt sind solche Varianten bislang zu oberfläch­lich modellhaft etwa über einen diffu­sionistischen „horizon
zusammengefasst worden, sodass eine zeitliche Differen- style“ bzw. den „Khartoum Horizon Style“ im Sinne von
zierung nicht als notwendig erschien. Hays600 erklärbar bleibt, aber die enormen Datierungsdis-
krepanzen nicht länger aufrecht zu erhalten sind. Dies be-
Mitunter wird vernachlässigt, dass der DWL-Horizont deutet eine Zäsur für alle bislang geäußerten chronologi-
nicht nur eine überregionale Motivverwendung, sondern schen Vorstellungen (Abb. 6.34).
auch die zunehmende Verbreitung der Wiegebandtech-
nik (oft als Khartoum Horizon Style be­zeichnet) einleite- Ausgehend von einer durch Kontinuitäten als auch Dis-
te. Hier besteht als missverstandene Gleichsetzung zum kontinuitäten geprägten Siedlungsdynamik, welche ste-
Early-Khartoum-Komplex die häufig zu findende, aber tige, zwischen traditionellen Elementen und flexibler
irreführende Auffassung, Wiegebandverzierungen seien in Umsetzung rangierende Modifikationen in der Verzie-
Nordafrika generell in das Frühholozän zu datieren (z.B. rungsgestaltung einschließt, müssen für die Verbreitung
Nelson 2002a). Im Gegenteil ist Wiegebandverzierung eines solchen Horizonts wesentlich kürzere Zeiträume in
als regel­mäßige Flächenfüllung im Neolithikum relativ Betracht gezogen werden, die aufgrund der den Radiokar-
häufig, in der Khartoum-Butana-Region (z.B. in Kadero) bondatierungen inne­wohnenden Ungenauigkeiten in Form
sogar die am häufigsten angewandte Verzierungstechnik. einzelner Wiggle-Bereiche der Kalibration wiedergegeben
werden. Für das bislang annähernd sicher zu belegende
Die Erkenntnis der weiten Verbreitung des DWL-Hori- Auftreten der DWL-Typen A und B betrifft dies den Zeit­
zonts fiel forschungsgeschichtlich mit der zu­nehmenden raum 5300–5000 calBC, der eine anzunehmende Aus-
Anwendung der Radiokarbondatierung zusammen. Da­ breitung etwa zwischen dem libyschen Acacus-Gebirge
raus erwuchs das Konstrukt, dass die DWL-Verzierung – und der zentralsudanesischen Butana oder in umgekehr-
entgegen den Hinweisen aus Stratigrafien des Zentral-Su- ter Richtung zeitlich bereits in ausreichender Form ein-
dans – an den Anfang der Keramikentwicklung zu stellen schließt (Abb. 6.33).
und das Ursprungsgebiet in die Zentralsahara zu verlegen
ist. Dem ab­solutzeitlichen Beginn schienen folglich keine 599 Arkell, der sich zunächst einer massiven Ablehnung des me-
solithischen Alters des überwiegenden Teils des Fundmaterials von
Khartoum-Hospital gegenüber sah, nahm später in unkritischer Weise
eine Reihe (zu) früher Radiokarbondatierungen für Kammritzungen und
DWL in Anspruch (Arkell 1972, 1977).
600 Vgl. Analyse bei Jesse (2003a, 26ff.) und Mohammed-Ali/Khabir
2003.

208
R e g i o n a l e A rt e fa k t c h r o n o l o g i e n

calBC Zentralsahara Khartoum-Butana calBC Zentralsahara Khartoum-Butana Nordsudan

4500 4500

DWL-F/smocking pattern DWL-E/Dreieckseindrücke DWL-F/smocking pattern DWL-E/Dreieckseindrücke APS-Return

5300 5300

DWL-A/F DWL-A/F DWL-A DWL-A DWL-D

5500 5500 ?

DWL-A/F DWL/paarweise paarweise Punktlinien paarweise


Punktlinien Punktlinien

6500 6500

DWL-A/F DWL/Kammritzungen Kammritzungen

7500 7500

DWL-A/F

8500 8500

DWL-A/F

A B
Abb. 6.34  Bisherige chronologische Vorstellungen zur Abfolge von Keramikverzierungen (A) und revidierte chronologische Abfolge (B)

Die vielen Querverweise und einseitigen Referenzen für als auch im saharischen Raum – als wenig aussichts-
erheblich frühere Datierungen der DWL-Verzierungen ka- reich, wenn nicht gar unmöglich, eine verlässliche chro-
schieren den Umstand, dass ein frühholozäner Nachweis nologische Ein­ordnung ausschließlich anhand von Kera-
schlichtweg nicht existiert. Hierin manifestiert sich nichts mikverzierungen vorzunehmen. Eine solche allgemeine
anderes als die grundtiefe Überzeugung einiger Bearbei- Ein­ordnung sollte wesentlich stärker auf zeittypischen
ter, die einerseits auf einen ausgeprägten Afrozentrismus, Stein­bearbeitungstechnologien beruhen, die zusätz­ lich
der konzeptionell zwischen früher kultureller Innovation, eine Überprüfung der Geschlossenheit des Fundensembles
aber auch anschließender jahrtausendelanger Stagnation gewährleisten.
schwankt, und andererseits auf einen oberfläch­lichen Um-
gang mit stratigrafischen Informationen als auch mit Da- Dennoch ermöglicht es die zeitliche Nivellierung des Be-
tierungsmethoden zurückgeführt werden kann. Angesichts ginns der DWL-Verzierungen (Typen A/B versus Typ D),
des bedeutenden logistischen und finanziellen Aufwands den Neolithisierungsprozess in einem einheitlichen Zeit-
für Forschungs­vorhaben, Prospektionen und Ausgrabun- horizont zu betrachten (Abb. 6.33). Da DWL-Verzierun-
gen erschien vielen Beteiligten die eigentlich notwendige gen bislang über­wiegend als eine (wenn auch nicht im-
quellenkritische Behandlung des oft nur spärlichen früh- mer so bezeichnete) mesolithische Erscheinung betrachtet
holozänen Fundmaterials nicht angebracht. wurden, wirft dies einige Fragen hinsichtlich deren Rolle
in jenem Prozess auf, etwa entsprechend der An­nahme:
Ein DWL-Horizont als einheitliche kulturelle Erscheinung Wenn die weite Verbreitung eines Verzierungsmotivs auf
ist ferner aufgrund der Tatsache ab­zulehnen, als dass die- intensive überregionale Kontakte schließen lässt, dann
ser auch wesentlich jüngere (neolithische) Verzierungsty- wäre eine Ausbreitung der Haustierhaltung über eben je-
pen (etwa DWL, Typ F) einschließt. Keineswegs bilden nes Netzwerk durchaus denkbar.
diese die jeweils einzigen vorkommenden Verzierungen,
sondern er­ scheinen zusammen mit anderen regionalen
neolithischen Verzierungstraditionen (z.B. Kammstempel,
smocking pattern, APS-Verzierung, Lückenkamm etc.).
Viele zeitgleiche Inventare weisen dagegen über­haupt kei-
ne DWL-Verzierungen auf. Aufgrund dieser Tatsache und
der bisweilen großen Seltenheit von keramischen Funden
erscheint es bislang – v.a. im Norden des Arbeitsgebiets

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