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Sozialgeschichte

EIN ARBEITSHEFT FÜR DIE SCHULE

Vom späten Mittelalter bis zum Zweiten Weltkrieg

Reformen und Rebellen • Industrielle Revolution • Arbeiterbewegung


Bismarcks Sozialgesetze • Wilhelm II. und Erster Weltkrieg
Weimarer Republik • Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
Kinderarbeit • Frauenfrage

www.sozialpolitik.com/sozialgeschichte
Inhalt
Seite
Einführung
Sozialgeschichte im Unterricht 3
Kapitel I: 15. bis 19. Jahrhundert
Reformen und Rebellen 4–7
Kapitel II: 1848 bis 1880
Industrielle Revolution 8–11
Kapitel III: 1848 und die Folgen
Die Arbeiterbewegung entsteht 12–15
Kapitel IV: 1871 bis 1889
Reichsgründung und Sozialgesetze 16–19
Kapitel V: 1889 bis 1918
Wilhelm II. und Erster Weltkrieg 20–23
Kapitel VI: 1918 bis 1933
Weimarer Republik 24–27
Kapitel VII: 1933 bis 1945
Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg 28–33
Kapitel VIII: Kinderarbeit
Von der Ausbeutung zum Kinder- und Jugendschutz 34–37
Kapitel IX: Die soziale Situation der Frau
Frauenarbeit, Frauenfrage, Frauenbewegung 38–41
Arbeitsblätter
Fragen zu den Kapiteln I bis IX 42–50
Lösungen
Antworten zu den Arbeitsblättern 51–54

Das vorliegende Schülerheft „Sozialgeschichte“ ist ein Begleitheft zur Wander-


ausstellung „In die Zukunft gedacht – Bilder und Dokumente zur Deutschen
Sozialgeschichte“ des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales.

Unter www.ausstellung.bmas.de gibt es Infos zu der Ausstellung und geplanten


Terminen. Hier können auch die kostenlosen Publikationen zur Ausstellung bestellt
werden, ebenso der kostenpflichtige Ausstellungskatalog (Best.-Nr.: K 704, Schutz-
gebühr 20,- EUR zzgl. Versandkosten).

Die Reihe „Sozialgeschichte“ wird weitergeführt. Neue Grundlagentexte und


Arbeitsblätter sind kostenlos abrufbar auf den Internetseiten des Medienpakets
„Sozialpolitik“ unter www.sozialpolitik.com in der Rubrik „Historie“.
Weitere Hintergrundinformationen zu aktuellen sozialpolitischen Themen und
Arbeitsmaterialien für den Unterricht sind im Bereich „Material“ zu finden.

Zur leichteren Lesbarkeit wurde meist die männliche Schreibweise gewählt.


Angesprochen sind natürlich immer beide Geschlechter!

Impressum
Herausgeber: Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung e. V. in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales
Verlag: Universum Verlag GmbH, Wiesbaden
Redaktion: Frauke Hagemann, Katja Rieger
Bearbeitung der Texte: Michael Bornkessel, Köln; Stefanie Pietzsch, Wiesbaden
Die für diese Ausgabe bearbeiteten Texte, Statistiken und Quellen zur Sozialgeschichte stammen aus dem Ausstellungskatalog
„In die Zukunft gedacht – Bilder und Dokumente zur Deutschen Sozialgeschichte“ des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales,
Bonn 2008 – Umsetzung: Hansen Kommunikation Collier GmbH, Köln.
Fotos: AKG-Images GmbH, Berlin (alle übrigen), BMAS (Seite 17, 21, 24), Erich Schmidt Verlag GmbH & Co., Berlin (S. 29), SV-Bilderdienst
(S. 31), Ullstein Bild, Berlin (S. 28)
Gestaltung: FREIsign GmbH, Eppstein
Druck: Silber Druck OHG, Niestetal
Stand: November 2009
Einführung

Sozialgeschichte im Unterricht

Gesetze zum Schutz von Kindern und Jugendlichen, Über dieses Arbeitsheft
Krankenversicherung für alle, Sozialhilfe für Bedürftige,
Unterstützung für Arbeitslose, Rente für Alte – für uns Das Arbeitsheft „Sozialgeschichte“ ist ein Projekt zur
sind das heute Selbstverständlichkeiten. Vor zwei Jahr- Wanderausstellung „In die Zukunft gedacht – Bilder und
hunderten sah die Welt für einen Großteil der Menschen Dokumente zur Deutschen Sozialgeschichte“ des Bun-
in Deutschland noch ganz anders aus: Schon Kinder desministeriums für Arbeit und Soziales. Besonders
mussten von früh bis spät hart arbeiten, und es gab Schulklassen sind in der kostenlosen Ausstellung will-
kaum medizinische Versorgung. Arbeitslose, kranke und kommen (weitere Informationen zur Ausstellung siehe
alte Menschen waren auf die Unterstützung von Ange- Rückumschlag).
hörigen angewiesen oder mussten um Almosen betteln.
Das Heft soll zum „Begleiter“ durch die Ausstellung wer-
Von den Anfängen der mittelalterlichen Armenfürsorge den. Es richtet sich an Schülerinnen und Schüler der
bis zum modernen sozialen Netz der Bundesrepublik Klassen 7 bis 10 in allgemein bildenden Schulen sowie
Deutschland war es ein langer Weg. Der Kampf der Men- an die Lehrkräfte der entsprechenden Schulstufen. Ziel
schen um diesen sozialen Schutz und um die Freiheit ist es, mit dem Arbeitsheft den Ausstellungsbesuch im
von Absolutismus und Diktatur ist Thema dieses Ar- Unterricht vor- oder nachbereiten zu können. Die Schü-
beitsheftes für den Schulunterricht. Das Heft soll einen lerinnen und Schüler können das Arbeitsheft mit in die
ersten Überblick vermitteln vom späten Mittelalter be- Ausstellung nehmen und vor Ort die Arbeitsblätter
ziehungsweise der frühen Neuzeit über die Industria- ausfüllen. Die Ausstellung selbst beziehungsweise der
lisierung, ihre gravierenden sozialen Folgen, die Sozial- Ausstellungskatalog enthalten alle weiterführenden
gesetze des Reichskanzlers Otto Fürst von Bismarck, den Hinweise und Informationen zur Vertiefung der sozial-
Ersten Weltkrieg und die Weimarer Republik bis zum Na- geschichtlichen Themen. Durch die umfangreichen
tionalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg. Text- und Bildmaterialien kann das Arbeitsheft jedoch
auch unabhängig von einem Ausstellungsbesuch im Un-
Bismarcks Sozialgesetze gelten als Geburtsstunde der terricht eingesetzt werden.
deutschen Sozialversicherung, die sich bis heute be-
währt hat. Dennoch waren die Gesetze von Bismarck Die Kapitel des Arbeitsheftes orientieren sich an den
selbst nicht als Wohltat gedacht, sondern als Mittel, den Zeiträumen der politischen Geschichte oder behandeln
innerstaatlichen Frieden zu retten. Die erste umfassen- Querschnittsthemen wie die Arbeiterbewegung, Kinder-
de Sozialgesetzgebung entstand unter dem Druck der arbeit und die Frauenfrage. Zu jedem Kapitel gibt es ein
unhaltbaren Situation der Arbeiter und der sich zuspit- Arbeitsblatt mit Fragen, mithilfe derer die Schülerinnen
zenden gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um und Schüler die Inhalte der Ausstellung beziehungsweise
diese „Soziale Frage“. Unter Kaiser Wilhelm II. wurde der der Kapiteltexte selbstständig erarbeiten können.
Arbeiterschutz erweitert, und der Einfluss der Gewerk-
schaften nahm (vor allem während des Ersten Weltkrie- Aktuelle Arbeitsmaterialien
ges) zu. In der Weimarer Republik wurden das Betriebs- bei „Sozialpolitik“
rätegesetz und eine weitere bedeutende sozialpolitische Die Reihe „Sozialgeschichte“ wird weitergeführt. Neue
Leistung eingeführt: die Arbeitslosenversicherung. Grundlagentexte und Arbeitsblätter sind kostenlos ab-
rufbar auf den Internetseiten des Medienpakets „Sozial-
Die Nationalsozialisten lösten die Gewerkschaften auf politik“ unter www.sozialpolitik.com in der Rubrik
und schafften die Arbeitnehmerrechte wieder ab. Im „Historie“.
Sinne der „Gleichschaltung“ wurden alle Bereiche des
politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Le- Das Medienpaket „Sozialpolitik“, bestehend aus Schü-
bens vereinheitlicht und den nationalsozialistischen lerheft, Lehrerinfo, Arbeitsfolien und Internetplattform,
Zielen untergeordnet. Gleichzeitig wollten die National- wird von der Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung
sozialisten die Unterstützung der Menschen für ihre e. V. in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium
Rassen- und Kriegspolitik mit sozialpolitischen Verbes- für Arbeit und Soziales erstellt. Schulen können die
serungen sichern. Schülerhefte in Klassensätzen kostenlos beziehen (wei-
tere Infos und Bestelladresse siehe Rückumschlag).

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Kapitel I: 15. bis 19. Jahrhundert

Reformen und Rebellen

15. Jahrhundert: Almosen fürs Überleben

Bis zum späten Mittelalter sind Familien allein auf sich


selbst gestellt. Alte und kranke Menschen sind auf ihre
Angehörigen oder auf Almosen angewiesen. Den Ärms-
ten helfen Kirchen und Klöster; sie gründen Hospitäler
für die Kranken und Alten. Hilfsbedürftige Handwerker
erhalten von ihren Zünften Unterstützung. Alles in
allem reichen die Almosen gerade zum Überleben.

Von der Armut betroffen sind vor allem Bauern und


Handwerker, Kranke und Invalide, Witwen und Waisen,
unehelich Geborene, Bettler, fahrendes Volk, Verurteilte
und Menschen mit körperlichen und geistigen Behin-
derungen.

Schlechte hygienische Verhältnisse, Hungersnot, Infek-


tionskrankheiten, Seuchen wie Pocken, Lepra, Syphilis
und die Pest fordern Millionen von Opfern. Die Lebens-
erwartung liegt bei durchschnittlich 35 Jahren. Ein Mann
in den Dreißigern gilt als alt, und ein 50-Jähriger ist be-
reits ein Greis. Ihr Heil suchen die Menschen in dieser
Zeit in Inquisition1 und Hexenwahn2.

16. Jahrhundert: Wohltätigkeit


von Kirche, Staat und Stiftungen Der Reformator Martin Luther richtet im 16. Jahrhundert
den „gemeynen Kasten“ ein – eine Art Sozialkasse, in die
Mit seinen 95 Thesen bringt der Theologieprofessor und Geld eingezahlt wird, um Arme zu unterstützen. Bild: Holz-
Augustinermönch Martin Luther (1483 bis 1546) im 16. schnitt von Lucas Cranach d. Ä. (Werkstatt), 1523
Jahrhundert die Reformation ins Rollen. Den damit ein-
hergehenden neuen protestantischen Glauben nehmen
viele Fürsten und Städte an. Ihnen empfiehlt Martin Wohltätigkeit kommen vermehrt Stiftungen von Bür-
Luther, die Klöster aufzulösen und Arme und Schulen gern hinzu. Diese machen ihre Unterstützung von der
aus dem beschlagnahmten Kirchenvermögen zu unter- Bedürftigkeit und Würde der Armen abhängig.
stützen. Er richtet schließlich eine Art Sozialkasse ein,
den „gemeynen Kasten“. In der frühen Neuzeit regelt der Staat zunehmend die
Armenfürsorge. Almosenämter oder Armenkassen ent-
Arbeit und Armut bekommen in der Fürsorge einen stehen. Wer Unterstützung haben und behalten will,
neuen Stellenwert. Die Reformatoren unterscheiden ab muss sich regelmäßigen Kontrollen durch Verwaltungs-
sofort zwischen Arbeitsunfähigen und Arbeitsunwilli- beamte unterziehen. Es werden Bettelordnungen aufge-
gen: Diejenigen, die nicht arbeiten können, sollen besser stellt, um die Bettelei zu regulieren und fremde Bettler
versorgt werden; diejenigen, die nicht arbeiten wollen, fernzuhalten. Die Massenarmut kann damit jedoch
sollen zur Arbeit gezwungen werden. Zur kirchlichen nicht reduziert werden.

1 Mit der Inquisition ging die Kirche über fünf Jahrhunderte gegen Andersgläubige vor. Die Inquisitoren des Mittelalters wurden vom Papst ernannt.
Die so genannten Ketzer wurden verfolgt, verhört, gefoltert und auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
2 Grundlage der Hexenverfolgung war die weit verbreitete Vorstellung einer vom Teufel geleiteten Verschwörung gegen das Christentum, die sich
der Hexen und Hexer bediene, um durch Zauberei Schaden und Tod über Mensch und Vieh zu bringen. Rund drei Viertel der Opfer waren Frauen.

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17. Jahrhundert: Diesen sozialen Missständen steht die Regierung hilflos
hilflose Herrscher, mittelloses Volk gegenüber. Durch den Absolutismus und das merkanti-
listische Wirtschaftssystem3 mit seinen staatlichen Ma-
Anfang des 17. Jahrhunderts verschärfen sich die reli- nufakturen, den Vorläufern der Fabriken, wird die Situa-
giösen Gegensätze und führen zum Dreißigjährigen tion sogar weiter verschärft. Der Lohn reicht kaum zum
Krieg (1618 bis 1648). Die Kriegsfolgen sind katastrophal. Überleben. Das treibt Arbeiter und Handwerker, die ge-
Das Land ist verwüstet, die Städte sind zerstört. Die Be- zwungen werden in den Manufakturen zu arbeiten, wei-
völkerung ist durch den Krieg, die Hungersnöte und die ter in die Armut.
Seuchen um ein Drittel geschrumpft. Die Folgen der
Massenarmut nach dem Krieg sind Bettelei, Wilderei
und Bandenkriminalität. 18. Jahrhundert: Aufstand für Freiheit,
Gleichheit, Brüderlichkeit

Im Laufe des 18. Jahrhunderts lehnen sich in Europa


immer mehr Menschen aus dem Dritten Stand4 gegen
die staatliche Bevormundung und Unterdrückung auf.
Mit dem Schlachtruf „Freiheit, Gleichheit, Brüderlich-
keit“ werden sie zu den Siegern der Französischen Revo-
lution von 1789.

Auf der französischen Nationalversammlung werden


die Menschen- und Bürgerrechte verkündet. Darin heißt
es: Alle Menschen werden frei und gleich an Rechten ge-
boren und bleiben es. Sie haben das Recht auf Freiheit,
Eigentum, Sicherheit und Widerstand gegen Unterdrü-
ckung. Die Freiheit besteht darin, alles tun zu können,
was einem anderen nicht schadet.

Die Ideen der Revolution und die Lehre des schottischen


Moralphilosophen Adam Smith (1723 bis 1790), dass die
freie wirtschaftliche Betätigung des Einzelnen ohne
staatliche Bevormundung zum Wohlstand führt, gewin-
nen an Bedeutung. Sie begründen den wirtschaftlichen
und politischen Liberalismus, die herrschende politi-
sche Bewegung des 19. Jahrhunderts in Europa.

19. Jahrhundert:
Neue Reformen braucht das Land

Ende des 18. Jahrhunderts stößt der merkantilistische


Staat des Absolutismus an die Grenzen seiner Möglich-
keiten. Er kann für die wachsende Bevölkerung nicht
mehr ausreichend Arbeitsplätze zur Verfügung stellen.

Die militärischen Niederlagen Österreichs und Preußens


Räuberei ist im 17. und 18. Jahrhundert an der Tagesord- gegen das von Kaiser Napoleon geführte Frankreich füh-
nung. Als einer der berühmtesten Räuber geht der Schin- ren schließlich zur Neugliederung Europas. Das „Heilige
derhannes in die Geschichtsbücher ein. Bild: Szenen aus Römische Reich Deutscher Nation“ wird aufgelöst.
dem Leben des Räuberhauptmanns Schinderhannes
(1783 bis 1803), Moritatentafel von Herwig Mayer, 1860

3 Die merkantilistische Wirtschaftspolitik im Zeitalter des Absolutismus (Regierungsform, in der ein König die uneingeschränkte Herrschaftsgewalt
ausübt) förderte stark den Außenhandel und die Produktion, um den Reichtum und die Macht des Staates zu vergrößern.
4 In der Ständegesellschaft war der Stand des Individuums von Geburt an festgelegt, zum Beispiel Adliger, Bürger, Bauer oder Standesloser. Sich
über seinen Stand zu erheben, war nahezu unmöglich; in der Regel blieb jeder auf der sozialen Stufe, auf der auch seine Eltern und Vorfahren ge-
lebt hatten. 1. Stand: Papst, Könige; 2. Stand: Adel, Geistliche; 3. Stand: Bürger, Kaufleute, Ärzte, Handwerker, Soldaten, Bauern, Tagelöhner

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In Preußen sollen Reformen zum Wiederaufstieg verhel- Volksaufstand Hambacher Fest
fen. Im Jahr 1807 hebt der preußische Minister Karl Frei-
herr vom Stein die Leibeigenschaft der Bauern auf. 1808 In den Freiheitskriegen befreit sich Europa 1815 von der
erteilt eine Städteordnung den Gemeinden die Selbst- Herrschaft Napoleons. Die Einzelstaaten errichten wie-
verwaltung. der ihre früheren absolutistischen Herrschaftssysteme.
Die politischen Bedingungen in den deutschen Staaten
Gewerbefreiheit, freier Güterverkehr und die Bauernbe- sind zwar unterschiedlich und verhindern zunächst
freiung sollen die Voraussetzungen für allgemeinen eine einheitliche Nationalbewegung, doch der Ruf nach
Wohlstand schaffen. Nach dem Sturz Freiherr vom Freiheit, Gleichheit und nationaler Einheit wird in der
Steins setzen liberale Beamte sein Werk fort und fördern Bevölkerung immer größer. Im Jahr 1817 fordern Stu-
die Ansiedlung von Manufakturen und Fabriken. denten auf der Wartburg die Einheit des Vaterlandes.

Mit der Bauernbefreiung entfällt der Versorgungszwang Zu einem Höhepunkt der nationalen Bewegung wird
durch den Grundherrn. Die Bauern, die das Land als 1832 das „Hambacher Fest“ mit rund 30.000 Menschen.
Eigentum erhalten, müssen jedoch die bisherigen Vertreten sind hauptsächlich Bürger des Mittelstandes,
Grundherren entschädigen; viele verschulden sich Handwerker, Studenten und Bauern.
dabei. Kleinbauern, die nicht von den Erträgen ihres
Hofes leben können, geben auf und ziehen in die Städte. Die von den Studenten gegründeten Burschenschaften
Dort vergrößern sie die Zahl der Tagelöhner und Hand- gewinnen zwar nicht an politischem Einfluss, sie prägen
werker, die durch die Konkurrenz von Manufakturen jedoch das Bewusstsein jener Akademiker, die im Vor-
und Fabriken keine Arbeit haben. Ihnen fehlt jegliche märz und in der Revolution im Jahr 1848 die politische
soziale Absicherung. Führung des Bürgertums übernehmen. Die von den Uni-

Am 27. Mai 1832 versammeln sich rund 30.000 Menschen am Hambacher Schloss bei Neustadt/Pfalz.
Bild: Gemälde von Johann Weber, um 1840

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formen des Lützowschen Freikorps stammenden Farben
Schwarz-Rot-Gold werden von der Jenaer Burschen-
schaft verwendet und bald zum Symbol der nationalen
und liberalen Bewegung.

Der Kampf um eine nationale Verfassung schlägt fehl

Die deutsche Revolution von 1848 erfasst nahezu gleich-


zeitig die rund 40 Staaten des Deutschen Bundes. Die
Forderungen des Bürgertums nach nationaler Einheit,
einer Garantie der Menschenrechte und der politischen
Mitwirkung gipfeln in einem Volksaufstand: eine Revo-
lution mit Barrikadenkämpfen in Berlin, Wien und vie-
len anderen Städten Europas.

Die Fürsten weichen vor den Forderungen des Volkes zu-


nächst zurück. Am 18. Mai 1848 tritt in der Frankfurter
Paulskirche die Nationalversammlung zusammen, um
eine Verfassung für das gesamte Land auszuarbeiten. Al-
lerdings besteht die Nationalversammlung zum größten
Teil aus höheren Staatsbeamten und Akademikern.
Handwerker und Bauern sind nur zu einem sehr gerin-
gen Teil vertreten.

Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. lehnt aber


die neue Reichsverfassung ab. Versuche, die neue Ver- Die Revolution von 1848: Die Aufständischen errichten Bar-
fassung durch Aufstände durchzusetzen, scheitern. Der rikaden, um sich gegen das Militär zu verteidigen. Bild:
Weg für Reformen ist vorläufig versperrt. Barrikadenkampf in Berlin, Holzstich nach Carl Becker

! Lesetipps: Deutsches Historisches Museum: Ständige Ausstellung „Deutsche Geschichte in Bildern und Zeugnissen“:
www.dhm.de/ausstellungen/staendige-ausstellung/index.html
Demokratiegeschichte, Institut für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz: www.demokratiegeschichte.eu

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Kapitel II: 1848 bis 1880

Industrielle Revolution

Welt im Wandel Unmenschliche Arbeitsbedingungen

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts nimmt die industrielle In den neu entstehenden Industriezentren des Berg-
Revolution in Deutschland ihren Lauf. Die Dampf- baus, der Stahlproduktion und des Textilgewerbes gibt
maschine treibt sie im wörtlichen Sinne an und sorgt es zwar Arbeit, aber die Bedingungen sind für heutige
dafür, dass immer mehr Waren maschinell hergestellt Verhältnisse unvorstellbar: Die Maschinen diktieren die
werden. Abläufe, und die Arbeiter müssen täglich zwölf bis drei-
zehn Stunden oder länger immer die gleichen Handgrif-
Die Lebens- und Arbeitswelt der Menschen wandelt sich fe erledigen. Sie sind fast militärischer Disziplin unter-
in dieser Zeit radikal. Weitere technische Erfindungen, worfen und arbeiten in dunklen, überfüllten, staubigen,
eine wachsende Nahrungsmittelproduktion sowie die von Lärm durchfluteten Hallen.
mit den medizinischen und hygienischen Fortschritten
einhergehende Bevölkerungszunahme tragen ebenfalls Arbeitsschutzmaßnahmen gibt es nicht, Unfälle sind an
dazu bei. der Tagesordnung. Doch wer nicht arbeiten kann, der er-
hält auch keinen Lohn. Wehren können sich die Arbeiter
Noch mehr Menschen ziehen auf der Suche nach Arbeit nicht, Kündigungsschutz ist unbekannt, und die Zahl
in die Städte – dort stehen die Fabriken, in denen sie nun der Arbeitssuchenden ist groß. Denn die neuen Maschi-
an Maschinen arbeiten. nen schaffen nicht nur Arbeitsplätze, sie vernichten
gleichzeitig auch viele Handwerksbetriebe.

Eine entscheidende Grundlage für die Industrialisierung in Deutschland ist die Fähigkeit, Stahl in großen Mengen zu
produzieren. Bild: Stahlerzeugung, Arbeiter an der „Bessemer Birne“, zeitgenössischer Holzschnitt, 1870

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Die meisten Menschen leben in Armut, einen Arzt können sie nicht bezahlen. Die Gemeinden versuchen, durch
die Anstellung von Armenärzten medizinische Betreuung sicherzustellen. Bild: Der Armenarzt,
Ölgemälde von Jules Leonhard, 1860

Niedrige Löhne, Der Staat ignoriert die Not


hohe Lebenshaltungskosten
Lange ignoriert der Staat weitgehend die Not der Fabrik-
Genauso schlecht wie die Arbeitsbedingungen sind auch arbeiter und das Elend der Handwerksgesellen. Ein Bei-
die Löhne. Es reicht deshalb nicht aus, wenn nur die spiel: Aufgrund einer Wirtschaftskrise und der damit
Männer arbeiten. Frauen und sogar Kinder müssen verbundenen Massenarbeitslosigkeit gibt der preußi-
ihren Teil dazu beitragen, um das Existenzminimum der sche Staatskanzler Karl August Freiherr von Hardenberg
Familien zu sichern. Sie verdienen jedoch nur einen im September 1817 eine Umfrage in Auftrag. Alle Provin-
Bruchteil dessen, was die Männer an Lohn für die glei- zialregierungen müssen ihm über die Lage der Fabrik-
che Arbeit erhalten. arbeiter berichten. Dabei kommt heraus, dass ein
Hauptgrund für die Verelendung der Arbeiter die Lohn-
In den schnell wachsenden Industriestädten leben viele drückerei durch Kinderarbeit ist.
Menschen in engen und feuchten Ein- oder Zweizim-
merwohnungen. Die Mieten sind sehr hoch, und das Die preußischen Beamten lehnen staatliche Eingriffe je-
Essen ist teuer: Die Arbeiter müssen mehr als die Hälfte doch ab. Stattdessen empfehlen sie, die Auswanderung
ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben. Sie er- zu fördern, um damit die Massenarbeitslosigkeit zu sen-
nähren sich hauptsächlich von Kartoffeln und Brot. ken. Außerdem wollen sie die Schulpflicht verschärfen,
Letztlich bezahlen viele Millionen Menschen den Fort- um so die Kinderarbeit einzuschränken. Allerdings
schritt dieser Zeit mit bitterem Elend. Diese sozialen scheitern in den folgenden Jahren verschiedene Versu-
Probleme, die mit der Industrialisierung einhergehen, che am Widerstand der Unternehmen und auch der
werden auch als „Soziale Frage“ bezeichnet. Arbeiterfamilien selbst, denn diese sind zur Existenz-
sicherung auf den Lohn ihrer Kinder angewiesen.

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Erste Debatten um die „Soziale Frage“ Schutz für Kinder und Jugendliche

„Überwindung des Pauperismus“, der Massenarmut, Ein wichtiger Schritt hin zu einem modernen Arbeits-
lautet der Schlachtruf der 1840er-Jahre. So kommt es im schutz ist das preußische Regulativ über die Beschäf-
Jahr 1837 erstmals zu einer parlamentarischen Debatte tigung jugendlicher Arbeiter vom März 1839. Damit gibt
um die „Soziale Frage“. Der Badener Professor und Poli- es zum ersten Mal ein Jugendarbeitsschutzgesetz. Aller-
tiker Franz Joseph Buß fordert, die Kinderarbeit einzu- dings sorgt sich der Staat nicht uneigennützig um
schränken und die Arbeitszeit für Erwachsene auf 14 die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen. Vielmehr
Stunden zu begrenzen. zeigt sich bei den Musterungen für den Militärdienst,
dass viele Jugendliche starke Gesundheitsschäden auf-
Buß regt an, dass der Staat die Arbeitsverhältnisse in weisen – die preußische Verteidigungsfähigkeit ist also
den Fabriken gesetzlich regeln und durch ein Arbeits- in Gefahr.
und Wirtschaftsministerium überwachen soll. Zudem
skizziert er die Grundzüge der heutigen Kranken- und Kinder unter neun Jahren dürfen nun nicht mehr in Fa-
Unfallversicherung. briken arbeiten, Jugendliche bis 16 Jahre höchstens zehn
Stunden täglich mit zwei kurzen und einer längeren
Hilfskassen für Krankheiten und Unfälle sollen die Ar- Pause. Die Unternehmen können von diesen Vorgaben
beiter im Unglücksfall unterstützen. Sie sollen durch in Ausnahmefällen zwar abweichen, allerdings kann der
Beiträge finanziert werden, welche die Unternehmer zur Staat jetzt auch die Erhaltung der „Moralität und Ge-
Hälfte tragen. Die Vorschläge von Buß werden zwar ab- sundheit“ der Fabrikarbeiter kontrollieren, heißt es in
gelehnt, aber sie wirken weiter. Paragraf zehn des Jugendarbeitsschutzgesetzes.

Der Unternehmer und Politiker Friedrich Harkort richtet im Jahr 1827 im Auftrag des preußischen Staates eine Muster-
fabrik ein. Bild: Die Harkortsche Musterfabrik auf der Burg Wetter an der Ruhr, Gemälde von Alfred Rethel, 1834

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Firmen und Kirchen helfen Stücklöhne, die nicht einmal das Existenzminimum der
in Heimarbeit tätigen Weber sichern, aufgrund einer Ab-
Einige Unternehmer sind sich ihrer Verantwortung für satzkrise gekürzt. Das Militär schlägt den Aufstand aber
die Arbeiter bewusst und bieten ihnen freiwillig Unter- rasch nieder. Von nun an wird immer deutlicher, dass
stützung an. So gründet der Unternehmer und Politiker die sich verschlechternden sozialen Verhältnisse rasch
Friedrich Harkort im Jahr 1820 eine private Arbeiter- und gründlich reformiert werden müssen.
krankenkasse und 1843 einen Verein „zur Hebung der är-
meren Klassen“.
Man hilft sich selbst
Es sind aber vor allem die Kirchen, die der sozialen Not
der Menschen begegnen. So ruft beispielsweise der Ka- Im Verlauf der Revolution von 1848/1849 werden zwar
plan Adolf Kolping 1846 in Elberfeld den Gesellenverein auch sozialpolitische Ansprüche formuliert, doch sie
ins Leben. Dieser stellt den wandernden Handwerksbur- stehen immer im Schatten der bürgerlich-liberalen For-
schen in den Unterkünften der Kolping-Familie ein derungen. Nach dem Scheitern der Revolution müssen
Heim zur Verfügung. sich die Arbeiter wieder vorrangig allein organisieren.
Sie gründen beispielsweise „Hülfsvereine“, die privat
Geld sammeln, um die Not zu mildern.
Ordnung von oben – erste Arbeitsrechte
Während der Zeit des Wirtschaftsliberalismus (1850 bis
Die preußische Gewerbeordnung von 1845 soll vor allem 1873) hält sich der Staat weitgehend zurück. Der Rat der
den Not leidenden Handwerkern helfen. Sie belebt zwar Liberalen für die Arbeiter lautet schlicht: Hilfe durch
das mittelalterliche Zunftwesen nicht wieder, allerdings Selbsthilfe. Für sie ist Bildung und Erziehung eine wich-
unterstützen nun Innungen die Handwerker. Fortan wa- tige Grundlage für den wirtschaftlichen Erfolg. Eingriffe
chen diese über die Lehrlingsausbildung im Handwerk des Staates in die Wirtschaft, also Wirtschafts- und So-
und verwalten die Kranken-, Hilfs-, Sterbe- und Spar- zialpolitik, lehnen die Liberalen ab. Ihre politischen Ziele
kassen. Zudem sorgen sie für die Witwen und Waisen sollen die Arbeiter innerhalb der linksliberalen Fort-
der Innungsmitglieder. Außerdem legt die Gewerbeord- schrittspartei verwirklichen.
nung fest, dass Arbeitsverträge frei vereinbart werden
können. Dabei ist auch eine 14-tägige Kündigungsfrist
zu beachten. Unternehmer dürfen sich nicht zusam- Arbeiter profitieren
menschließen, um Arbeitseinstellungen, Entlassungen nicht vom Wirtschaftswachstum
oder Nichteinstellungen zu bestimmen. Im Gegenzug ist
es den Arbeitern verboten zu streiken. Im Jahr 1850 setzt in Deutschland ein wirtschaftlicher
Aufschwung ein, denn der 1834 gegründete Deutsche
Im Jahr 1849 wird den Arbeitern schließlich das Recht Zollverein schützt die einheimische Industrie vor aus-
auf Auszahlung eines Barlohns zugestanden. In den In- ländischen Konkurrenzprodukten. Die Schwerindustrie
dustriestädten werden Gewerbekammern, die Vorläufer löst die Textilwirtschaft als Vorreiter der industriellen
der heutigen Industrie- und Handelskammern, einge- Entwicklung ab, der Eisenbahnbau entpuppt sich als
richtet. In diese treten Handwerker, Handels- und In- wahres Zugpferd. Schwerpunkte der neuen Industrie-
dustrievertreter ein. Die Gewerbekammern organisieren zentren im Ruhrgebiet, in Berlin, Sachsen und Ober-
die Gesellen- und Meisterprüfungen, überwachen die schlesien sind die Gusseisenproduktion, Lokomotiven
Behandlung von Fabrikarbeitern und regeln die Arbeits- und Maschinen.
zeit. Außerdem schlichten sie Arbeitskonflikte und
Lohnstreitigkeiten. Durch die Weltwirtschaftskrise (1857 bis 1859), einen
Konjunktureinbruch im Jahr 1866 und die Große De-
pression (1873 bis 1895) wird die wirtschaftliche Ent-
Weberaufstand in Schlesien wicklung zeitweise zurückgeworfen. Doch diese Krisen
können den Aufstieg nicht mehr umkehren. Allerdings
In anderen Wirtschaftsbereichen ist die Not dagegen so sind es ausschließlich Unternehmer, die von dem
groß, dass die Menschen gewaltsam einen Ausweg aus Wirtschaftswachstum profitieren. Die Arbeiter bleiben
ihrer Situation suchen. So kommt es im Juni 1844 zu außen vor, und es ändert sich kaum etwas an den
einem Weberaufstand in Schlesien. Der Hintergrund: schlechten Arbeitsbedingungen und der niedrigen Be-
Die Unternehmer hatten die ohnehin sehr niedrigen zahlung.

!
Weiterführende Informationen bei „Sozialpolitik“: www.sozialpolitik.com/arbeitsrecht
Lesetipp: Mitbestimmung – Eine gute Sache (Best.-Nr. A 741)
Bestellung und Download beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales unter www.bmas.de

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Kapitel III: 1848 und die Folgen

Die Arbeiterbewegung entsteht

1800 bis 1847: Auslöser Die Menschen zieht es zunehmend in die Städte oder in
der „Arbeiterfrage“ („Soziale Frage“) deren Nähe, dorthin, wo es Fabriken und Arbeit gibt. Für
einen „Hungerlohn“ stehen sie täglich zwölf bis drei-
Im Zeitalter der Maschinen zehn Stunden an den Maschinen. Immer die gleichen
Handgriffe, ohne Pause. Dunkel, laut und dreckig ist es
Die industrielle Revolution hat zu Beginn des 19. Jahr- in den Fabrikhallen. Arbeitsunfälle sind an der Tages-
hunderts auch Deutschland erreicht und verwandelt ordnung. Einen sozialen Schutz oder gar Arbeitsschutz
das Land bis Ende des Jahrhunderts von einem Bauern- gibt es nicht. Jeder Arbeitsplatz ist so begehrt, dass sich
staat in einen Industriestaat. In den Fabriken der Indus- diejenigen, die einen bekommen, den Gegebenheiten
triezentren entstehen neue Arbeitsplätze. Viele kleine bedingungslos anpassen.
Betriebe werden aber dadurch vernichtet. Vor allem die
Handwerker leiden darunter. Ihre Arbeiten erledigen Zunächst finden sich die Arbeiter mit den herrschenden
jetzt Maschinen, und den Profit streichen die Indus- Zuständen ab, womit sie der industriellen Revolution
triellen ein. – ungewollt – die eigentliche Schubkraft geben. Ihre

In den schnell wachsenden Industriestädten des 19. Jahrhunderts leben viele Menschen in erbärmlichen Verhältnissen.
Bild: Elendsquartier der Obdachlosen in Berlin, Holzstich von Georg Koch, 1872

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elende Situation löst die öffentliche Diskussion um die Die preußische Gewerbeordnung von 1845 legt fest,
„Arbeiterfrage“ oder „Soziale Frage“ aus, welche die dass Arbeitsverträge Gegenstand freier Vereinbarungen
Sozialpolitik des 19. Jahrhunderts entscheidend prägt. zwischen Unternehmern und Arbeitern sind. Unterneh-
mervereinigungen sind verboten, ebenso Streiks der
Arbeiter.
Leben am Rande des Existenzminimums

Die niedrigen Löhne der Arbeiter reichen kaum zum 1848 und die Folgen: Gemeinsam stark
Überleben. Das zwingt die Familien dazu, auch Frauen
und Kinder arbeiten zu schicken, die allerdings meist Vorschlag eines Arbeitsministeriums
weniger als die Hälfte des Lohns für Männer bekommen.
Für Fehlproduktionen gibt es sogar Lohnabzüge. Im März 1848 fordert die Arbeiterschaft vom preußi-
schen König ein Ministerium für Arbeit, das aber nur von
Im Jahr 1847 fallen die Löhne auf einen Tiefststand und Arbeitgebern und Arbeitern zusammengesetzt werden
liegen weit unter dem Existenzminimum. Die Familien darf.
hausen in kleinen Ein- oder Zwei-Zimmer-Wohnungen.
Heizung oder Möbel können sie sich nicht leisten, da das Ein Ministerium, das sich der „Arbeiterfrage“ annimmt
Geld gerade für Brot und Kartoffeln reicht. In den ersten und die Missstände der Arbeitsbedingungen endlich be-
knapp 100 Industriejahren muss eine Familie bis zu 70 seitigt, wird auch in der Nationalversammlung in der
Prozent des Lohns für Essen bezahlen. Frankfurter Paulskirche im März 1848 gefordert. Der Re-
volutionär und Abgeordnete Gustav Struve formuliert
seine Forderungen so:
Mieten in Berlin (1815 bis 1870)
nach Mietpreisklassen in Prozent „[...] Beseitigung des Notstandes der arbeitenden Klasse
und des Mittelstandes, Ausgleichung des Missverhält-
1815 1840 1870 nisses zwischen Arbeit und Kapital mittels eines beson-
deren Arbeitsministeriums, welches die Arbeit schützt
bis 90 Mark 58 19 7
und den ,Anteil an dem Arbeitsgewinn‘ sichert [...]“
bis 150 Mark 17 32 22
bis 300 Mark 14 25 36
Mit der Revolution von 1848 scheitern zunächst alle For-
über 300 Mark 11 24 35
derungen, doch sie nähren die sozialen Bewegungen in
der Arbeiterschaft und wirken weiter.

Einkommen von Arbeitnehmern Ideen für eine soziale Gesellschaft


im Jahr (nominal)
Mit einer sozialen Revolution soll Deutschland von der
1815 281 Mark
Fürstenherrschaft befreit werden. Diesen Plan hegt der
1840 303 Mark
„Bund der Geächteten“ (1834), eine Organisation der
1870 487 Mark
wandernden Handwerker, aus der sich später der „Bund
1890 650 Mark
der Gerechten“ (1836) formiert. Ihr Anführer, der Schnei-
1913 1.083 Mark
der Wilhelm Weitling, fordert die Abschaffung des Ei-
gentums, der Erbschaft, des Geldes, der Strafen, die Ein-
führung von Freiheit und Gleichheit für alle und den
gemeinsamen Besitz. Er beruft sich mit seiner Forderung
Die Arbeiterfrage spitzt sich zu nach sozialer Revolution auf die Lehren Jesu Christi und
des Neuen Testaments.
In den 1830er-Jahren finden erste öffentliche Debatten
statt, in denen die miserable Lage der Arbeiter kritisiert Der Philosoph und Mitbegründer des Sozialismus, Moses
wird. Einige Unternehmer, sozial eingestellte Bürger und Hess, analysiert das Konkurrenzprinzip und das Eigen-
Intellektuelle fangen an, sich für die Arbeiter einzuset- tumsdenken der Industriegesellschaft, die seiner Auffas-
zen. Der Schrei nach einer Lösung der „Arbeiterfrage“ sung nach zur Ausbeutung des Menschen und zu immer
wird lauter; die Forderungen an den Staat zu handeln wiederkehrenden Krisen führen, und fordert die Umge-
werden massiver. In den Folgejahren schließen sich Ar- staltung der Gesellschaft zum „wahren Sozialismus“.
beiter, Kirchenvertreter, Intellektuelle und Politiker zu
Hilfsvereinen oder Selbsthilfeorganisationen zusam-
men. Aber besonders die Organisationen der Arbeiter
versucht der Staat immer wieder zu verhindern.

13
„Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ Im Jahr 1854 werden alle Arbeiterverbrüderungen, die
sozialistische und kommunistische Zwecke verfolgen,
Die Philosophen Karl Marx und Friedrich Engels analy- wieder aufgelöst und verboten.
sieren in ihrem „Kommunistischen Manifest“ (1848) die
Weltgeschichte als Geschichte von Klassenkämpfen. Mit
der sozialen Revolution sollen diese endgültig beendet
werden. Das Proletariat (auch: Arbeiterklasse), das sich 1860er-Jahre: jetzt erst recht!
aus der industriellen Revolution entwickelt hat, soll die
bürgerliche Klasse besiegen; schließlich soll in der Zu- Vereine, Verbände und Parteien
kunft eine klassen- und herrschaftslose Gesellschaft
entstehen. Um 1860 entstehen etwa 100 neue Arbeitervereine, in
denen weiterhin sozialistische Forderungen laut wer-
Marx und Engels gründen am 5. April 1848 in Köln die den. Im Mai 1863 gründet der Sozialist Ferdinand Las-
kommunistische Partei und fordern die Verstaatlichung salle den „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“
der Banken, Eisenbahnen, Kanäle, Dampfschiffe und (ADAV). Er fordert ein gleiches und geheimes Wahlrecht
Verkehrswege sowie die Einrichtung von Nationalwerk- und die politische Vertretung der Arbeiter im Parlament.
stätten zur Beschäftigung von Arbeitslosen. Mit ihren Reichskanzler Otto Fürst von Bismarck bietet Lassalle
Forderungen können sie die bürgerliche Revolution je- zwar das Wahlrecht an, aber nur um die liberale Partei
doch nicht beeinflussen. zu spalten.

Ende September 1868 schließen sich zwölf „Arbeiter-


Erste gewerkschaftliche Organisationen entstehen schaften“ auf Initiative des Politikers Johann Baptist von
Schweitzer, der nach Lassalles Tod die Präsidentschaft
Auch wenn mit der Revolution von 1848 viele Forderun- des ADAV inne hat, zum „Allgemeinen Deutschen Arbei-
gen nicht umgesetzt werden, gibt sie den Anstoß für ge- terschaftsverband“ zusammen. 1869 gründen die Sozia-
werkschaftliche Organisationen. Unter den Arbeitern listen Wilhelm Liebknecht und August Bebel die „Sozial-
wächst die Bereitschaft, sich zusammenzuschließen demokratische Arbeiterpartei“ (SDAP). Sie fordern massiv
und gegen die weiterhin herrschende Unterdrückung zu die Demokratisierung und parlamentarische Mehrheiten.
kämpfen. Arbeiterverein und Arbeiterpartei verschmelzen 1875 zur
Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP).
Im Herbst 1848 beruft der sozialistische Politiker Ste-
phan Born in Berlin einen Arbeiterkongress ein, aus dem Einen Gewerkverein für Fabrik- und Handarbeiter grün-
die erste überregionale Gewerkschaft, die „Allgemeine den 1869 die sozialliberalen Politiker Max Hirsch und
deutsche Arbeiterverbrüderung“, hervorgeht. Sie fordert Franz Duncker mit dem „Hirsch-Duncker’schen Gewerk-
ein allgemeines Wahlrecht, Koalitionsrecht, Genossen- verein“ in Berlin. Ihr Ziel ist eine Sozialreform, in der die
schaften für Produktion und Konsum, Arbeitsnachweise, Arbeitgeber und Arbeitnehmer kooperieren. Im Rhein-
Gesundheitspflegevereine, Kranken- und Sterbekassen. land und in Westfalen entstehen nach 1869 die ersten
christlich-sozialen Arbeitervereine.
Mit der Gründung von Arbeitsämtern und der Gewäh-
rung des Koalitions- und Streikrechts können die Arbei-
ter in den Revolutionsjahren kurzfristig einen Teil ihrer
Forderungen durchsetzen.

Übersicht der vier Gewerkschaftsrichtungen


1. 2. 3. 4.
Allgemeiner Sozialdemokratische Hirsch-Duncker’sche Die christlich-sozialen
Deutscher Arbeiter- Arbeiterpartei, SDAP Gewerkvereine, Arbeitervereine,
verein, ADAV (August Bebel und dem Liberalismus nach 1869
(Ferdinand Lassalle und Wilhelm Liebknecht), 1869; verpflichtet (Max Hirsch,
Johann Baptist von Zusammenschluss des Franz Duncker und
Schweitzer), 1863 ADAV und der SDAP zur Hermann Schulze-
„Sozialistischen Arbeiter- Delitzsch), 1869
partei“, SAP, 1875

14
Mitgliederentwicklung der Gewerkschaften

Freie Gewerkschaften Christliche Hirsch-Duncker

1869 47.192 . /. 30.000


1900 680.427 76.744 91.661
1910 2.017.298 316.115 122.571
1919 5.228.150 1.000.770 189.831

Zwei vor, zwei zurück Neben der Unterstützung von Streiks gehört zu den
wichtigen Aufgaben der Gewerkschaften die Unterstüt-
Dem Staat sind die wachsende Arbeiterbewegung und zung der Erwerbslosen (staatliche Hilfe bei Arbeitslosig-
die dadurch entstehenden Organisationen ein Dorn im keit gibt es erst ab 1918).
Auge. Das vom Reichskanzler des im Jahr 1871 neu
gegründeten Deutschen Reichs, Otto von Bismarck, Nach und nach gelingt es den Gewerkschaften, die
erarbeitete Sozialistengesetz („Gesetz gegen die gemein- Unternehmer für den Abschluss von Tarifverträgen zu
gefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“) ver- gewinnen. Im Jahr 1906 schließt der Metallarbeiterver-
bietet 1878 schließlich „Vereine, welche durch sozial- band seinen ersten Tarifvertrag ab.
demokratische, sozialistische oder kommunistische
Bestrebungen den Umsturz der bestehenden Gesell-
schaftsordnung bezwecken“. Das Gesetz behindert die Verwirklichung wichtiger Forderungen
Arbeit der Gewerkschaften in den folgenden Jahren stark.
Erst mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr
Erst im Jahr 1890 wird das Sozialistengesetz wieder auf- 1914 werden die Gewerkschaften auch von den staatli-
gehoben. Der erste Gewerkschaftskongress findet im chen Stellen anerkannt: Ihre Hilfe wird nämlich zur Auf-
März 1892 in Halberstadt statt. Er wird von Carl Legien, rechterhaltung der Kriegswirtschaft gebraucht.
dem späteren Vorsitzenden des ersten gewerkschaftli-
chen Dachverbandes, eröffnet. Der Kongress spricht sich Das Hilfsdienstgesetz von 1914 erlaubt den Gewerk-
für berufliche Zentralverbände aus, die sich fortan „Freie schaften erstmals, Einfluss auf die Gesetzgebung zu
Gewerkschaften“ nennen. Im Jahr 1894 werden die ers- nehmen. Das Gesetz räumt ihnen die Einrichtung von
ten christlichen Gewerkschaften gegründet, die sowohl gewählten Arbeiterausschüssen – Vorläufer der heuti-
die kapitalistische Geisteshaltung als auch den Sozialis- gen Betriebsräte – in den Betrieben ein.
mus marxistischer Prägung ablehnen.
Die Gewerkschaften gewinnen Mitspracherechte und
werden Verhandlungspartner in den Betrieben, die heu-
1900 und später: starke Sozialpartner tigen Sozialpartner der Arbeitgebervertreter. Mit dem
Kriegsende und dem Zusammenbruch des Kaiserreichs
Der Kampf lohnt im Jahr 1918 werden wichtige Forderungen der Gewerk-
schaften verwirklicht, beispielsweise der Acht-Stunden-
In den Folgejahren führen die Gewerkschaften zahlreiche Tag, die Aufhebung der Gesindeordnungen und die
lange Arbeitskämpfe; jede Errungenschaft bleibt weiter- Übernahme der Arbeitslosenunterstützung durch den
hin mit staatlichem Druck verbunden. Die „Zuchthaus- Staat.
vorlage“ der Regierung, die denjenigen mit Zuchthaus-
strafe droht, die Arbeitswillige zum Streik aufrufen,
scheitert aber im Reichstag.

! Weiterführende Informationen bei „Sozialpolitik“: www.sozialpolitik.com/arbeitsrecht

Lesetipp: Mitbestimmung – Eine gute Sache (Best.-Nr. A 741)


Bestellung und Download beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales unter www.bmas.de

15
Kapitel IV: 1871 bis 1889

" ndung und Sozialgesetze


Reichsgru

Im Jahr 1871 wird das Deutsche Reich gegründet, und Wilhelm I., König von Preußen, wird zum Kaiser ernannt.
Bild: Reichsgründung im Spiegelsaal von Versailles am 18. Januar 1871, Gemälde von Anton von Werner, 1885

1871: Reichsgründung nicht teilen. Nacheinander erklärt er Polen, Elsässer, Ka-


tholiken, Sozialdemokraten und Linksliberale zu
Die ersten Reichsjahre „Reichsfeinden“. Mit dieser Ausgrenzung verhindert er,
dass Staat und Gesellschaft demokratisiert werden.
Nach dem Sieg über Frankreich wird am 18. Januar 1871
das Deutsche Reich „von oben“ gegründet, ohne das Volk
dabei zu beteiligen. Die deutschen Fürsten entscheiden, Ruf nach Reformen
ihre Länder zu einem Bundesstaat zusammenzuschlie-
ßen. Wilhelm I., König des größten Bundeslandes Preu- In der Zeit der Reichsgründung erlebt Deutschland einen
ßen, wird zum Kaiser ernannt. Otto Fürst von Bismarck, wirtschaftlichen Aufbruch und entwickelt sich vom
preußischer Ministerpräsident, übernimmt das Amt des Agrar- zum Industriestaat. Zölle werden abgebaut,
Reichskanzlers. Frankreich muss an das Deutsche Reich Entschädigungs-
zahlungen für den letzten Krieg leisten, was der Indus-
Am 4. Mai 1871 wird die Verfassung des Deutschen Rei- triellen Revolution schließlich zum Durchbruch verhilft.
ches veröffentlicht. Sie bestimmt unter anderem, dass
alle mündigen Bürger ein allgemeines, gleiches und ge- Deutschland ist auf dem direkten Weg, ein Industrie-
heimes Wahlrecht haben. Vertreter des Volkes ist der staat zu werden, und die Wirtschaft boomt. Doch das
Reichstag. Den Reichskanzler zu wählen oder zu entlas- Massenelend existiert weiter, und es gibt keine ausrei-
sen bleibt allerdings allein dem Kaiser vorbehalten. chende Absicherung gegen die Not. Weder das Hilfskas-
senwesen, die Armenpflege, die kirchlichen Hilfen noch
Bismarck sind einige kulturelle Gruppen im Land ein die Unterstützung großer Unternehmen können dem
Dorn im Auge, da sie seine innenpolitischen Ansichten entgegenwirken. Die Bergarbeiter in Niederschlesien

16
reagieren 1869 schließlich mit einem großen Streik. Der
Ruf nach Klärung der „Sozialen Frage“ (siehe Kapitel „1848
bis 1880: Industrielle Revolution“) wird wieder lauter. Der
Staat ist gefordert, eine Lösung zu finden, um die „Arbei-
ter mit der bestehenden Staatsordnung auszusöhnen“.

1878: Sozialistengesetz

Wegen zweier missglückter Attentate auf Kaiser Wil-


helm I. wird am 21. Oktober 1878 das „Gesetz gegen die
gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokra-
tie“, das so genannte Sozialistengesetz, erlassen. Es ver-
bietet „Vereine, welche durch sozialdemokratische, so-
zialistische oder kommunistische Bestrebungen den
Umsturz der bestehenden Staats- und Gesellschaftsord-
nung bezwecken“ – kurz: Sozialistische Parteien und Ge-
werkschaften werden verboten.

Bismarck will mit dem Sozialistengesetz vor allem die


Arbeiterbewegung unterdrücken. Mehr als 1.500 Men-
schen landen im Gefängnis, 900 werden ausgewiesen
und tausende zur Auswanderung gezwungen. Die freie
Presse wird unterdrückt. Die Sozialistische Arbeiterpar-
tei, der Vorläufer der SPD, wird zwar behindert und in
den Untergrund getrieben, aber nicht verhindert. Das
Wahlrecht zum Reichstag kann Reichskanzler Bismarck
nicht antasten. Sozialdemokraten werden in den
Reichstag gewählt.
In der „Kaiserlichen Botschaft“ beschreibt Reichskanzler
Bismarck die neuen Ziele seiner Sozialpolitik. Bild: erste
Auswanderung Seite der Kaiserlichen Botschaft vom 17. November 1881

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die Auswanderung


befürwortet worden, um die Massenarbeitslosigkeit zu 1881: die Kaiserliche Botschaft
bekämpfen (siehe Kapitel „1848 bis 1880: Industrielle Re-
volution“). Jetzt steigt durch das Sozialistengesetz die Um die „Soziale Frage“ endlich staatlich zu lösen und die
Zahl der Auswanderer erneut an. Zwischen 1878 und 1881 protestierenden Arbeiter mit dem Staat zu versöhnen,
verlassen knapp 15 Prozent der Bevölkerung das Land. plant Bismarck eine Sozialversicherung. In der „Kaiserli-
chen Botschaft vom 17. November 1881“, die er selbst in-
tensiv bearbeitet hat, werden die neuen Ziele der Sozial-
politik verkündet:

Auswanderung nach Übersee in Zahlen „[...] dass die Heilung der sozialen Schäden nicht aus-
schließlich im Wege der Repression sozialdemokrati-
1820 bis 1830 28.000 scher Ausschreitungen, sondern gleichmäßig auf dem
1831 bis 1840 172.300 der positiven Förderung des Wohles der Arbeiter zu su-
1841 bis 1850 469.300 chen sein werde. [...] In diesem Sinne wird zunächst der
1851 bis 1860 1.074.900 [...] Entwurf eines Gesetzes über die Versicherung der Ar-
1861 bis 1870 832.600 beiter gegen Betriebsunfälle [...] einer Umarbeitung un-
1871 bis 1880 625.900 terzogen, um die erneute Beratung vorzubereiten. Er-
1881 bis 1890 1.342.400 gänzend [...] eine Vorlage [...], welche sich eine
1891 bis 1900 529.800 gleichmäßige Organisation des Krankenkassenwesens
1901 bis 1910 279.600 zur Aufgabe stellt. Aber auch diejenigen, welche durch
Alter oder Invalidität erwerbsunfähig werden, haben [...]
Anspruch auf ein höheres Maß staatlicher Fürsorge [...].“

17
Die Sozialversicherung in der Kritik 1884: die Unfallversicherung

Dass der Staat die sozialen Angelegenheiten der Gesell- Bis das neue Unfallversicherungsgesetz eingeführt
schaft ordnet, ist im 19. Jahrhundert völlig neu. Vor wurde, musste ein Arbeiternehmer bei einem Arbeitsun-
allem die Liberalen stellen sich gegen eine staatliche fall nachweisen, dass der Arbeitgeber die Schuld am Un-
Unterstützung. Sie plädieren für Freiheit und die Selbst- fall trägt. Nur dann hatte er Anspruch auf eine Entschä-
ständigkeit der Arbeiter, für „Hilfe durch Selbsthilfe“. digung – bei den herrschenden Arbeitsbedingungen und
Unternehmer befürchten Gewinneinbußen, und die ka- den vielen Arbeitsunfällen ein desolater Zustand. Nach
tholische Zentrumspartei kritisiert die staatliche Hilfe langen Debatten und zwei erfolglosen Gesetzentwürfen
für die Arbeiter, weil sie ihrer Auffassung nach die verabschiedet der Reichstag am 6. Juli 1884 in einer drit-
christliche Pflicht zur tätigen Nächstenliebe unterhöhlt. ten Fassung ein Unfallversicherungsgesetz.

Die vom Sozialistengesetz verfolgten Sozialdemokraten Die öffentlich-rechtliche Unfallversicherung löst die pri-
sind offiziell ebenfalls Gegner der Sozialversicherung, vatrechtliche Haftpflicht des Arbeitgebers ab. Versichert
intern diskutieren sie jedoch intensiv über deren Wert. sind alle Arbeiter und Angestellten. Finanziert wird die
Unterstützung erhält Bismarck von Professoren, den so Unfallversicherung allein durch Beiträge der Arbeitge-
genannten Kathedersozialisten1 und einzelnen Konser- ber, was Bismarck ein besonderes Anliegen ist. Unfall-
vativen, die vom Staat die Verpflichtung zur patriarcha- versicherungsträger sind die Berufsgenossenschaften,
lischen Fürsorge für die Untertanen verlangen. zu deren Aufgaben auch die Unfallverhütung gehört.

Bismarck will, dass die Arbeiter mit den staatlichen Zu-


schüssen zur Unfall- und Rentenversicherung „durch 1889: die Rentenversicherung
die Leistungen des Reiches für die Reichsidee gewonnen
und an diese gekettet werden“. Die Opposition kämpft Bereits seit 1869 wird immer wieder eine „Invaliditäts-
hingegen vehement gegen die staatliche Unterstützung und Altersversicherung“ gefordert. Dennoch dauert es
und erreicht schließlich, dass der Staatszuschuss bei der insgesamt 20 Jahre bis am 22. Juni 1889 der Reichstag
Unfallversicherung gestrichen wird. nach einigen öffentlichen Debatten das Gesetz über die
Invaliditäts- und Altersversicherung verabschiedet.

1883: die Krankenversicherung Versicherungspflichtig sind alle Arbeiter und einfachen


Angestellten (bis zu einem Jahreseinkommen von 2.000
Am 31. März 1883 verabschiedet der Reichstag das „Ge- Mark) ab dem 16. Lebensjahr. Die Versicherten erhalten
setz betreffend die Krankenversicherung der Arbeiter“. im Alter von 70 Jahren eine kleine Altersrente, wenn sie
Alle Arbeiter und Angestellten (bis zu einem Jahresein- mindestens 30 Jahre lang Beiträge gezahlt haben. Wird
kommen von 2.000 Mark) werden Pflichtmitglieder in ein Versicherter vorher erwerbsunfähig, bekommt er eine
der Krankenversicherung. Finanziert wird sie über die Invalidenrente, sofern die Erwerbsfähigkeit um zwei Drit-
Beiträge der Arbeitnehmer und Arbeitgeber, wobei die tel gemindert ist und er mindestens fünf Jahre lang Bei-
Arbeitnehmer zwei Drittel und die Arbeitgeber ein Drit- träge geleistet hat.
tel des Gesamtbeitrages zahlen.
Witwen- und Waisenrenten gibt es erst einmal nicht.
Die Versicherten können ihren Arzt frei wählen und er- Träger der Versicherung sind die Landesversicherungs-
halten Arzneien, Brillen und andere Heilmittel. Die Un- anstalten. Die Versicherung wird durch Beiträge der Ar-
terstützung ist auf 13 Wochen ab Beginn der Krankheit beitnehmer und Arbeitgeber, mit jeweils der Hälfte des
begrenzt. Wer arbeitsunfähig erkrankt, bekommt 50 Pro- Beitrags, und einem Reichszuschuss von 50 Mark im Jahr
zent des Arbeitslohns als Krankengeld gezahlt. Angehö- finanziert. Bismarcks Idee des „kleinen Staatsrentners“
rigen steht eine Beihilfe zu. Im Todesfall erhalten die hat sich durchgesetzt.
Hinterbliebenen von der Kasse ein Sterbegeld. Alle zuge-
lassenen Krankenkassen werden der staatlichen Auf-
sicht unterstellt.

1 Gruppe von Nationalökonomen, die sich im 19. Jahrhundert für Reformen zur Verbesserung der sozialen Lage der Arbeiter einsetzte

18
Lebenserwartung (Durchschnitt in Jahren) Die Witwenrenten, die erst im Jahr 1912 eingeführt wer-
den, machen 1913 im Durchschnitt monatlich 6,47 Mark
Männer Frauen
und die Waisenrenten 2,67 Mark aus.
1871 35 38
1910 45 48 Der Staat hat die Schwelle zum „Interventionsstaat“
1926 56 59 überschritten. Die Lage der Arbeitenden bessert sich; der
1950 65 68 Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft be-
1985 71 78 schleunigt sich. Gewerkschaften und Sozialdemokratie
2003 75 81 gewinnen im Laufe der Jahre mehr Mitglieder und Wäh-
ler. An Repressionen wie zu Zeiten des Sozialistengeset-
zes ist nicht mehr zu denken.

Neurentner (pro Jahr) Auch wenn Bismarck mit dem Ergebnis der Sozialgeset-
ze nicht zufrieden ist und sie als „parlamentarischen
1891 152.000
und geheimrätlichen Wechselbalg“ bezeichnet, haben
1925 475.000
sie sich doch bis heute bewährt. Sie haben zwei Inflatio-
1950 1.038.000
nen und zwei Weltkriege überstanden. Sie sind durch
2002 1.322.000
die Teilung Deutschlands nicht beschädigt worden und
auch bei der Wiedervereinigung erhalten geblieben.

Gezahlte Renten (pro Jahr) Weitere Sozialgesetze


1891 265.000
1918 2.134.000 Im 20. Jahrhundert kommen weitere Sozialgesetze
1950 4.731.000 hinzu: Im Jahr 1911 wird das Versicherungsgesetz für
1970 10.212.000 Angestellte eingeführt, 1923 das Reichsknappschaftsge-
1990 14.782.000 setz für die Rentenversicherung der Arbeiter im Bergbau
2003 23.740.000 und wegen der sich abzeichnenden hohen Arbeitslosig-
keit 1927 das Arbeitslosenversicherungsgesetz. Als Er-
gänzung des heutigen Sozialversicherungssystems tritt
1995 die Pflegeversicherung in Kraft.
„Was lange währt ...“

In der Krankenversicherung sind zunächst weniger als


zehn Prozent der Bevölkerung versichert. Pro Versicher-
ten leistet sie im Jahresdurchschnitt gerade mal 11,20
Mark. Die Unfallversicherung macht sich ab dem Jahr
1886 bemerkbar, aber ihre Erfolge kommen erst langfris-
tig. Die Rentenversicherung zahlt 1891 eine durch-
schnittliche monatliche Altersrente von 10,33 Mark.

Weiterführende Informationen bei „Sozialpolitik“: www.sozialpolitik.com/soziale_sicherung

! Lesetipps: Deutsches Historisches Museum/LeMO (Lebendiges virtuelles Museum Online): www.dhm.de/lemo


Deutsche Geschichten: www.deutschegeschichten.de

19
Kapitel V: 1889 bis 1918

Wilhelm II. und Erster Weltkrieg

Der Sturz des Kanzlers und des Kaisers im Januar 1890 beschließt, das Sozialistengesetz aufzu-
neue Politik heben. Der Konflikt zwischen Kaiser und Reichskanzler
über die „Soziale Frage“ führt schließlich am 20. März
Mit der Einführung der Sozialversicherungen will 1890 zu Bismarcks Entlassung.
Reichskanzler Otto Fürst von Bismarck die Arbeiter len-
ken – weg von den Sozialdemokraten hin zur Versöh-
nung mit dem Staat. Letztlich scheitert er mit seinen
Zielen. Die Sozialgesetzgebung wird jedoch weltweit als Mehr Arbeiterschutz und erste Ansätze
vorbildlich erachtet. betrieblicher Mitbestimmung

Am 15. Juni 1888 wird Wilhelm II. Deutscher Kaiser und Ein Jahr nach der Internationalen Arbeitsschutzkonfe-
König von Preußen. Von Beginn an ist er nicht bereit, renz in Berlin wird eine Novelle zur Reichsgewerbeord-
sich Bismarcks Innenpolitik unterzuordnen, wie das nung, das „Arbeiterschutzgesetz“ vom 1. Juni 1891, ver-
sein Großvater Wilhelm I. getan hat. Der junge Kaiser abschiedet. Inhalte sind unter anderem:
entwickelt schnell eigene sozialpolitische Pläne, und die
Differenzen zwischen ihm und dem Kanzler nehmen zu. • Kinder unter 13 Jahren dürfen nicht in Fabriken
Unter anderem hat Wilhelm II. vor, den Arbeiterschutz beschäftigt werden.
zu verbessern. Im Grunde ist das eine Strategie, mit der • Sonntagsarbeit ist für Kinder verboten.
er – wie Bismarck – die Arbeiter von den Ideen der Sozi- • Kinder von 13 bis 14 Jahren dürfen maximal sechs
aldemokratie abbringen will. Stunden, Jugendliche bis 16 Jahren zehn Stunden täg-
lich arbeiten.
Die Vorschläge des Kaisers zum Arbeiterschutz lehnt • Nachtarbeit für Jugendliche ist untersagt.
Bismarck aus wirtschaftlichen Gründen ab. Zusätzlich • Die Arbeitszeit für Frauen ist auf elf Stunden täglich
wird Bismarcks Stellung geschwächt, als der Reichstag begrenzt.

Die Arbeit in den Fabriken ist für die Arbeiter sehr gefährlich, Schutzvorschriften gibt es keine.
Bild: Unfall in einer Maschinenfabrik, Holzstich 1889

20
Die Unternehmer müssen jetzt dafür sorgen, dass am Aufschwung für die Sozialgesetzgebung
Arbeitsplatz Gefahren abgewendet werden. An die Stel-
le der Fabrikinspektoren tritt die Gewerbeaufsicht. Erst- Auf Anregung des Kaisers, reicht der Staatssekretär des
mals gibt es die Möglichkeit freiwilliger Arbeitnehmer- Innern, Graf Arthur von Posadowsky-Wehner, im Jahr
vertretungen im Betrieb, ein erster Ansatz für eine 1899 die so genannte „Zuchthausvorlage“ ein, die härte-
innerbetriebliche Mitbestimmung. re Strafen für den Aufruf zum Streik oder zum Gewerk-
schaftsbeitritt vorsieht. Die Vorlage scheitert jedoch im
Diese Reformen führen jedoch nicht dazu, dass sich die Reichstag, und damit endet zunächst die autoritäre Poli-
Arbeiterschaft von den Sozialdemokraten abwendet tik gegen die Sozialdemokratie. Posadowsky nimmt
und auf die Seite des Staates stellt. Wilhelm II. schwenkt einen Kurswechsel vor und treibt den Ausbau der Sozial-
deshalb wieder auf eine repressive Politik ein. Bestre- versicherung weiter an. Erstmals stimmen die Reichs-
bungen, eine parlamentarische Demokratie einzufüh- tagsabgeordneten der Sozialdemokratischen Partei
ren, welche die kaiserlichen Rechte schmälert und die Deutschlands (SPD) einem Reformgesetz zu.
der gewählten Volksvertretung erweitert, weist der Kai-
ser entschieden zurück. Im Juli 1899 wird die einheitliche Höhe der Invaliden-
renten im Reich festgelegt. 1903 wird die Krankenunter-
Dass die „Soziale Frage“ nicht mit staatlicher Fürsorge stützung von 13 auf 26 Wochen verlängert. Durch
gelöst werden kann, sondern die neu entstandene Gewerbegerichte (obligatorisch seit 1901) und Kauf-
Arbeiterklasse in den Staat integriert werden muss, be- mannsgerichte (1904), die paritätisch (gleichberechtigt)
greifen weder der Kaiser noch seine politischen Berater. mit Arbeitgebern und Arbeitnehmern besetzt sind, sol-
len Arbeitskonflikte friedlich geregelt werden.

Die Gleichberechtigung der Arbeiter als freie Vertrags-


partner der Unternehmer wird anerkannt. Das Verbot
der Kinderarbeit für Kinder unter 13 Jahren wird im Jahr
1903 auf die Heimindustrie ausgedehnt. Seit 1901 wer-
den öffentliche Mittel für den Bau von Arbeiterwohnun-
gen bereitgestellt.

Als Folge des Bergarbeiterstreiks von 1905 erhalten Berg-


arbeiter durch eine Novelle zum Berggesetz erweiterte
Rechte. In den Bergwerken werden geheim gewählte
Arbeiterausschüsse eingesetzt, welche die Fördermen-
gen, die festgesetzte Arbeitszeit und die sanitären Ver-
hältnisse mitbestimmen sowie Wünsche und Forderun-
gen der Belegschaft vorbringen sollen.

Die große Reichsversicherungsordnung

Am 30. Mai 1911 wird die Reichsversicherungsordnung


im Reichstag verabschiedet. Die Verordnung fasst die
verschiedenen Sozialversicherungsgesetze in einem Ge-
setz zusammen und regelt die einheitliche Gestaltung
der Verfahren und der Versicherungsbehörden. Versiche-
rungsämter werden eingerichtet, die paritätisch (zu glei-
chen Teilen) mit gewählten Beisitzern der Arbeitgeber
und Arbeiter unter dem Vorsitz eines Beamten besetzt
sind. Jeder Versicherte kann sich in allen Streitfällen an
diese Ämter wenden. Zusätzlich wird mit der Reichsver-
sicherungsordnung die Hinterbliebenenversorgung mit
Witwen- und Waisenrenten eingeführt, für die staat-
liche Zuschüsse geleistet werden.
Die Reichsversicherungsordnung regelt die Kranken-,
Unfall-, Alters- und Invaliditätsversicherung. Die meisten Als letztes großes Gesetz der „Arbeiterversicherungsge-
Regelungen werden später in das heute geltende setzgebung“ wird im Dezember 1911 das Angestellten-
Sozialgesetzbuch überführt. Bild: erste Seite der versicherungsgesetz verabschiedet. Angestellte können
Reichsversicherungsordnung von 1911 sich damit als eigene Gruppe zwischen Arbeiterschaft

21
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts sind in Deutschland drei große Sozialhilfeverbände im Einsatz: die Innere Mission der
evangelischen Kirche (1848), der Deutsche Verein für Armenpflege und Wohltätigkeit (1880) und der katholische Caritas-
verband (1897). Bild: Kranken- und Armenpflege, Holzstich von Hugo von Habermann, 1887

und Beamtentum sozial absichern. Mit diesem Gesetz Ebenfalls am 4. August 1914 wird der Arbeitsschutz für
sollen Angestellte „gegen die Agitation der Sozialdemo- Jugendliche und Frauen aufgehoben: Doppelschichten
kratie und der sozialistischen freien Gewerkschaften“ mit zwölfstündiger Arbeitszeit werden gestattet; Sonn-
immunisiert werden. tagsarbeit ist wieder erlaubt. Anstelle der eingezogenen
Männer arbeiten jetzt Frauen in der industriellen Pro-
duktion, im Dienstleistungsgewerbe und in der Verwal-
tung. Für die Verteilung der Arbeitskräfte wird am 5. Au-
Der Erste Weltkrieg bricht aus gust 1914 die „Reichszentrale der Arbeitsnachweise“
eingerichtet, unter Beteiligung von Arbeitgeberverbän-
Im Juni 1914 wird der österreichische Thronfolger Franz- den und Gewerkschaften.
Ferdinand im serbischen Sarajewo ermordet. Auf die
Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien im Juli Die Regierung war von einem kurzen Kriegsverlauf aus-
folgen die Kriegserklärungen Deutschlands an Russland gegangen und hatte dementsprechend keine Vorkeh-
und Frankreich im August. Der Erste Weltkrieg bricht rungen für eine längere Kriegsdauer getroffen. Bereits in
aus. Kaiser Wilhelm II. verkündet am 1. August dem den ersten Kriegswochen müssen viele Produktionsbe-
deutschen Volk: „Ich kenne keine Parteien und auch triebe stillgelegt werden, was die Arbeitslosenzahlen
keine Konfessionen mehr, wir sind heute alle deutsche massiv in die Höhe treibt. Die Idee einer Arbeitslosen-
Brüder und nur noch deutsche Brüder!“ Im Angesicht versicherung rückt ins Bewusstsein.
des bevorstehenden Krieges kommt es auf diese Weise
zu einem „Burgfrieden“ zwischen den Parteien: Die So-
zialdemokraten stimmen am 4. August 1914 im Reichs-
tag der ersten Kriegsanleihe1 zu. Als Gegenleistung hebt Sieg der Gewerkschaften
die Reichsregierung offiziell die Diskriminierung der So-
zialdemokraten („vaterlandslose Gesellen“) auf. Auch Zunehmend übernehmen Gewerkschaften politische
bei dem Großteil der Bevölkerung, vor allem in den deut- und gesellschaftliche Verantwortung. Sie werden zu
schen Städten, herrscht 1914 eine Kriegseuphorie. kriegswirtschaftlichen Aktionen, zur Beratung sozialer

1 Wertpapier, das zur Finanzierung des Krieges ausgegeben wird

22
Einrichtungen, selbst zu Polizeidiensten herangezogen. ringe Einkommen hatten oder gar nicht steuerpflichtig
Die Konsumgenossenschaften werden in den Vertei- waren. Das Ergebnis war, dass wenige Höchstbesteuerte
lungsapparat für Lebensmittel einbezogen. In vielen (1908: vier Prozent der preußischen Bevölkerung) genau-
Gewerbezweigen werden Arbeitsgemeinschaften von so viele Wahlmänner bestimmten wie die dritte Klasse
Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbänden gebildet. (1908: 82 Prozent der Bevölkerung).

Im Jahr 1916 fordert die militärische Führung die Zu- Über die Bewilligung weiterer Kriegsanleihen spaltet
sammenfassung aller Kräfte zur letzten großen An- sich die Sozialdemokratie im Jahr 1917 in eine neu ge-
strengung für den Sieg. Bei den Beratungen des Gesetzes gründete Unabhängige Sozialdemokratische Partei
über den vaterländischen Hilfsdienst vom 5. Dezember Deutschlands (USPD) und die verbleibende Mehrheits-
1916 im Reichstag nehmen Sozialdemokraten und Ge- sozialdemokratie (MSPD).
werkschaften entscheidenden Einfluss auf den Inhalt.
Alle Männer zwischen 17 und 60 Jahren werden zur Ar- Zentrum, Fortschrittspartei und Mehrheitssozialdemo-
beit in kriegswichtigen Betrieben verpflichtet. Sie dürfen kratie schließen sich im Sommer 1917 zusammen, um
ohne triftigen Grund den Arbeitsplatz nicht wechseln. einen Verständigungsfrieden2 durchzusetzen. Die „Frie-
Mit dem Hilfsdienstgesetz gewinnen die Gewerkschaf- densresolution“ dieser Mehrheitsparteien im Reichstag
ten ein Mitspracherecht in den Betrieben und sind offi- am 19. Juli 1917 kann den Kurs der Regierung nicht än-
ziell als gleichberechtigte Verhandlungspartner der Ar- dern. Allerdings wird Reichskanzler Theobald von Beth-
beitgeber anerkannt. mann Hollweg gestürzt. In die neue Regierung treten
erstmals Parlamentarier ein, unter ihnen auch ein Sozi-
aldemokrat als Unterstaatssekretär.

Die innenpolitische Entwicklung Unter dem Eindruck der drohenden Niederlage Deutsch-
lands verlangen die militärischen Führer Paul von Hin-
Ausnahmslos alle Parteien im Reichstag fordern ange- denburg3 und Erich Ludendorff 4 im Oktober 1918 über-
sichts der großen Opfer des Volkes im Krieg, dass die stürzt die Parlamentarisierung des Kaiserreichs. In die
Reichsverfassung parlamentarisiert und das Dreiklas- neue Regierung des Reichskanzlers Max von Baden wer-
senwahlrecht in Preußen und anderen deutschen Län- den auch Vertreter der Parteien berufen. Die militärische
dern beseitigt wird. Das Dreiklassenwahlrecht war ein Niederlage ist jedoch nicht mehr aufzuhalten, und die
allgemeines, indirektes Wahlrecht für die Abgeordneten Novemberrevolution verändert grundlegend die politi-
des Landtags und der Stadtverordneten. Die Steuern schen Verhältnisse.
zahlende Bevölkerung wurde in drei Klassen aufgeteilt,
die eine jeweils gleiche Anzahl von Wahlmännern be- Am 11. November 1918 wird der Waffenstillstand von
stimmten, die wiederum die Abgeordneten wählten. Die deutschen Politikern im Wald von Compiègne unter-
erste Klasse waren die am höchsten Besteuerten, die zeichnet. Der erste Weltkrieg ist zu Ende. Fast 15 Millio-
zweite Klasse waren Bezieher mittlerer und kleiner Ein- nen Menschenleben hat er gefordert, über 20 Millionen
kommen, die dritte Klasse umfasste diejenigen, die ge- Menschen sind verwundet.

!
Lesetipps: Deutsches Historisches Museum/LeMO (Lebendiges virtuelles Museum Online): www.dhm.de/lemo
Deutsche Geschichten: www.deutschegeschichten.de
Geschichte Preußens: www.preussen-chronik.de

Quellenhinweis:
Für dieses Kapitel wurden neben dem Ausstellungskatalog „In die Zukunft gedacht – Bilder und Dokumente zur Deutschen Sozialgeschichte“ des Bun-
desministeriums für Arbeit und Soziales, Bonn 2008, auch folgende Quellen herangezogen: Deutsches Historisches Museum/LeMO (Lebendiges vir-
tuelles Museum Online): „Otto von Bismarck, Politiker“, „Das Kaiserreich“, „Der Erste Weltkrieg“, www.dhm.de/lemo; Geschichte Preußens,
www.preussen-chronik.de (Stand: November 2009).

2 Friedensabkommen ohne Kriegsentschädigungen/Aneignungen fremder Gebiete


3 Militär, Politiker; Oberbefehlshaber im Ersten Weltkrieg, zweiter Reichspräsident der Weimarer Republik (1925 bis 1934)
4 Militär; Chef des Generalstabs unter Hindenburg, Oberste Heeresleitung im Ersten Weltkrieg

23
Kapitel VI: 1918 bis 1933

Weimarer Republik

Von 1918 bis 1933 ist das Deutsche Reich erstmals ein demokratischer Bundesstaat. Tagungsort der verfassunggebenden
Nationalversammlung ist die thüringische Stadt Weimar. Bild: Reichstagssitzung in Weimar, 1919

Verlorener Weltkrieg – SPD und USPD bilden gemeinsam und gleichberechtigt


gewonnene Demokratie den „Rat der Volksbeauftragten“, der die Regierungsge-
schäfte vorübergehend führt. Im Dezember 1918 ent-
Die Revolution von 1918 scheidet sich eine zentrale Versammlung von Arbeiter-
und Soldatenräten für die Wahlen zu einer Nationalver-
Das Volk ist kriegsmüde und verbittert. In den letzten sammlung. Sie soll eine neue Verfassung verabschieden,
Kriegsmonaten sind die Lebensmittel knapp und die welche die staatliche Ordnung regelt.
sozialen Missstände groß. Die Menschen wollen nur
noch eines: Frieden.
Revolutionäre Sozialpolitik
Ende Oktober 1918 verweigern die Matrosen massiv den
letzten Kriegseinsatz der deutschen Hochseeflotte. Es Der „Rat der Volksbeauftragten“ sorgt umgehend für so-
kommt zu örtlichen Revolten (Unruhen), die sich innerhalb zialpolitische Neuerungen: Der Acht-Stunden-Tag als
von wenigen Tagen über ganz Deutschland ausbreiten. In Regelarbeitszeit wird eingeführt; die alte Forderung der
größeren Städten bilden sich Arbeiter- und Soldatenräte Arbeiterbewegung ist erfüllt. Das Gesetz über den vater-
und übernehmen die politische Macht. Die Revolutionä- ländischen Hilfsdienst, das Arbeiter zur Arbeit verpflich-
re fordern die Abdankung des Kaisers und eine umfas- tet und einen Arbeitsplatzwechsel verbietet, wird abge-
sende Neuordnung der politischen Verhältnisse. schafft. Einige Neuerungen der Kriegsjahre bleiben
wiederum in Kraft: die Verbindlichkeit von Tarifverträ-
Am 9. November 1918 erreicht die Revolution ihren Hö- gen, staatliche Schlichtung bei Lohnstreitigkeiten und
hepunkt. Arbeiter in größeren Betrieben treten in den die Möglichkeit zur Bildung von betrieblichen Arbeiter-
Generalstreik. Reichskanzler Max von Baden verkündet ausschüssen, die späteren Betriebsräte.
die Abdankung des Kaisers und überträgt sein eigenes
Amt an Friedrich Ebert, den Vorsitzenden der Sozial- An erster Stelle der sozialpolitischen Aufgaben nach
demokratischen Partei Deutschlands (SPD), die auch die Kriegsende steht jedoch die Eingliederung der sechs Mil-
stärkste Fraktion im Reichstag bildet. Der SPD-Politiker lionen Kriegsteilnehmer in das zivile Wirtschaftsleben.
Philipp Scheidemann ruft vom Balkon des Reichstags Entlassene Soldaten erhalten eine neu eingeführte Er-
die Republik aus. werbslosenfürsorge. Eine Arbeitsvermittlung soll helfen,

24
schen Demokratie steht als Gegengewicht der vom Volk
gewählte Reichspräsident gegenüber, der zur Wieder-
herstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung
Notverordnungen erlassen kann.

Zum ersten Mal werden neben den klassischen Men-


schen- und Freiheitsrechten soziale Grundrechte und
-pflichten in den Verfassungsrang erhoben. Die Arbeits-
kraft eines jeden steht unter besonderem Schutz, ande-
rerseits muss jeder Deutsche seine Kräfte so einsetzen,
wie es das Wohl der Gesamtheit erfordert. Artikel 161
der Weimarer Verfassung verspricht einen umfassenden
Versicherungsschutz zur Erhaltung von Gesundheit und
Arbeitskraft und gegen die Wechselfälle des Lebens.

Wirtschaftliche Rahmenbedingungen

Kriegsfolgen und Inflation

Nach dem Ersten Weltkrieg fällt Deutschlands Industrie-


In der Weimarer Reichsverfassung werden den Menschen produktion zunächst auf den Stand von 1888 zurück. Mit
erstmals auch soziale Grundrechte und -pflichten der Finanzierung des Kriegs durch Anleihen1 und den
zugesprochen. Bild: Titelblatt der Weimarer Reparationszahlungen (Kriegsentschädigungen) an die
Reichsverfassung, 1919 Siegermächte sowie sozialen Leistungen für Kriegsopfer
und Hinterbliebene wächst der Schuldenberg des Staa-
den Arbeitsmarkt zu ordnen. Arbeitgeber werden ver- tes und der Geldwert sinkt (Inflation). Die Versorgungs-
pflichtet, ihre früheren Mitarbeiter wieder einzustellen lage der Bevölkerung verschlechtert sich massiv: Preise
und Schwerbeschädigte bevorzugt zu beschäftigen. für Waren und Dienstleistungen steigen, Löhne sinken.
Arbeitslosigkeit bleibt dennoch ein großes Problem. Kleine Unternehmer und Gewerbetreibende gehen
bankrott. Vermögenswerte und Ersparnisse schmelzen
dahin, Immobilien verlieren an Wert. Ein Großteil der
Der Weimarer Sozialstaat Bevölkerung verarmt.

Weimarer Reichsverfassung Die Krise verschärft sich im Januar 1923 mit der Beset-
zung des Ruhrgebiets durch Frankreich und Belgien, als
Am 19. Januar 1919 wird zum ersten Mal in der deut- Deutschland in Rückstand mit den Reparationszahlun-
schen Geschichte eine verfassunggebende Nationalver- gen gerät. Die Reichsregierung ruft den passiven Wider-
sammlung in freier, gleicher, geheimer und direkter Wahl stand aus, Kumpel und Stahlarbeiter legen die Arbeit
gewählt. Alle Deutschen, die das 20. Lebensjahr vollendet nieder. Die Inflation erreicht ihren Höhepunkt. Im No-
haben, sind wahlberechtigt, zum ersten Mal auch Frauen. vember 1923 meldet die New Yorker Börse, dass für
Die Wahlbeteiligung liegt insgesamt bei 83 Prozent. Sie- einen Dollar eine Billion Mark zu zahlen sind. Der End-
ger der Wahl sind die Sozialdemokraten. Wegen Unruhen stand lautet wenig später 4,2 Billionen Mark. Um die Hy-
und der politisch unsicheren Lage in Berlin tagt die ge- perinflation zu stoppen, wird 1924 eine neue Währung,
wählte Nationalversammlung in Weimar. Am 11. August die Rentenmark, eingeführt.
1919 wird die Verfassung der Weimarer Republik verab-
schiedet. Das Deutsche Reich ist von nun an eine parla-
mentarisch-demokratische Republik. Die „goldenen Zwanziger“

Soziale Grundrechte Mit der Währungsreform, dem Dawes-Plan2 und auslän-


dischen Krediten kommt die deutsche Wirtschaft wieder
Die Verfassung ist ein Kompromiss zwischen den sozia- in Schwung. Produktion, Konsum und Volkseinkom-
listischen und bürgerlichen Parteien. Der parlamentari- men3 nehmen zwischen 1924 und 1928 zu. Alte und

1 hier Kriegsanleihen: Wertpapiere zur Finanzierung des Krieges


2 Finanzierungsplan des US-Bankiers Charles Dawes, der die Reparationen ausschließlich von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des Deut-
schen Reichs abhängig machen sollte
3 Gesamtheit aller Einkommen, die Inländer während einer Periode (zum Beispiel in einem Jahr) im Inland und im Ausland erzielt haben

25
steuer entrichten. Diese Mittel verwenden die Gemeinden
wiederum zur Finanzierung neuer Wohnsiedlungen. Erste
Arbeiterwohnungen und -siedlungen entstehen. Aus
den als Selbsthilfeorganisationen gegründeten Bauver-
einen und Baugenossenschaften entwickelt sich der so-
ziale Wohnungsbau.

Gesundheit: Ausbau der Krankenversicherung

Das Gesundheitswesen in der Weimarer Republik ist


überschattet von politischen Auseinandersetzungen,
der Inflation und der Weltwirtschaftskrise. Es gelingt je-
doch, die Versicherungspflicht in der gesetzlichen Kran-
kenversicherung auszubauen. Krankenkassen schließen
nun Verträge nicht mehr mit den Ärzten selbst, sondern
mit den Ärzteorganisationen. Eine Verstaatlichung des
Gesundheitswesens kann allerdings nicht durchgesetzt
werden. Stattdessen entwickelt sich die kommunale Ge-
Nach dem Ersten Weltkrieg ist der Staat hoch verschuldet, sundheitsfürsorge.
und die Mark verliert massiv an Kaufkraft. Die Inflation
erreicht im November 1923 ihren Höhepunkt. Bild: Kinder Als die Weltwirtschaftskrise Deutschland erreicht, sin-
spielen mit wertlos gewordenen Geldscheinen, 1923 ken auch die Einnahmen der Krankenkassen. Die Regie-
rung ist gezwungen, gesetzliche Schritte einzuleiten:
neue Industriezweige wie Automobil- und Flugzeugbau, Mit einer Notverordnung vom 26. Juli 1930 wird das
Messing-, Aluminium- und Kunstseideherstellung, Film Krankengeld von 75 auf 50 Prozent des Lohns herabge-
und Rundfunk, Kunst und Kultur boomen. Vom Wirt- setzt; es wird erst ab dem vierten Krankheitstag gezahlt.
schaftsaufschwung profitieren alle. Die Produktion Eine Krankenscheingebühr von 50 Pfennig wird erho-
steigt, die Löhne werden erhöht. ben, und die Versicherten werden an den Arzneikosten
beteiligt.
Die Weltwirtschaftskrise

Am Freitag, dem 25. Oktober 1929, fallen die Aktienkur- Arbeitsrecht: Arbeitnehmer und Arbeitgeber
se an der New Yorker Börse dramatisch. Zu hohe Inves-
titionen in der Industrie und ein daraus hervorgehendes Obwohl die Wirtschaftsentwicklung stagniert, fordern
Überangebot an Waren mit sinkender Nachfrage sind die Gewerkschaften Lohnerhöhungen, um die Kaufkraft
die Hauptursachen. Die amerikanische Krise weitet sich der privaten Haushalte zu steigern. Die Unternehmer
zur größten Krise der Weltwirtschaft im 20. Jahrhundert stellen sich gegen höhere Löhne, da sie die Exportchan-
aus. Das Deutsche Reich ist besonders betroffen: Fir- cen (Export: Verkauf von Produkten im Ausland) der
menzusammenbrüche, Zwangsversteigerungen, Ban- deutschen Industrie vermindern.
kenschließungen und Massenarbeitslosigkeit sind die
Folgen. Die Löhne sinken rapide, Armut und Kriminali- Im Jahr 1920 tritt das Betriebsrätegesetz in Kraft, mit
tät nehmen wieder zu. dem erstmals Vertreter der Arbeitnehmer – die Betriebs-
räte – in sozialen und personellen Angelegenheiten per
Gesetz mitbestimmen dürfen.
Weimarer Sozialpolitik
Unter Führung der Kohle- und Stahlindustrie verlangen
Wohnen: Arbeitersiedlungen entstehen die Industriellen die Aufhebung verbindlicher Tarifver-
träge4 und fordern die Einführung freier Tarifverträge.
Nach dem Krieg herrscht vor allem in den Städten große Die Arbeitgeber wollen außerdem die Sozialversiche-
Wohnungsnot. Wegen des Mangels an kleinen, preis- rungen abschaffen. Stattdessen sollen Zwangssparkas-
werten Wohnungen überwacht und bewirtschaftet das sen für Arbeitnehmer eingerichtet werden. Obwohl an-
Reichsarbeitsamt den Wohnungsmarkt. Seit 1924 müssen gesehene Politiker der bürgerlichen Parteien diese
Hausbesitzer auf ihre Mieteinnahmen eine Hauszins- Ansichten teilen, können sie sich nicht durchsetzen.

4 Vertrag, den Arbeitnehmer (Gewerkschaften) und Arbeitgeber (Arbeitgeberverbände) gemeinsam als Sozialpartner aushandeln. In diesem wird
zum Beispiel festgelegt, welche Löhne die Arbeitnehmer erhalten und was sie im Gegenzug dafür leisten müssen.

26
Im Dezember 1926 wird mit dem Arbeitsgerichtsgesetz zählt zu den bedeutendsten sozialpolitischen Leistun-
eine einheitliche und eigenständige Arbeitsgerichtsbar- gen der Weimarer Republik. Allerdings geht die Finan-
keit geschaffen, die für alle Arbeitsrechtsstreitigkeiten zierung der Versicherung von höchstens 700.000 Er-
zuständig ist, auch für die zwischen Gewerkschaften werbslosen aus, eine Massenarbeitslosigkeit von über
und Arbeitgebern. fünfeinhalb Millionen Arbeitslosen während der Welt-
wirtschaftskrise ist zu diesem Zeitpunkt schlicht unvor-
stellbar und ein Versagen des Gesetzes ab 1930 deshalb
Arbeitslosigkeit: Ein bedeutendes Gesetz entsteht unvermeidlich.

Von Beginn an versuchen die Weimarer Regierungen, die


Erwerbslosigkeit in den Griff zu bekommen. Seit dem Eine Republik am Ende
Jahr 1919 können Arbeitslose beispielsweise bei öffent-
lichen Notstandsarbeiten wie Straßenbauten oder Am 27. März 1930 zerbricht die letzte Regierung der
Flussregulierungen eingesetzt werden. Seit 1923 müs- Weimarer Republik, die über eine parlamentarische
sen Arbeitgeber und Arbeitnehmer für die Finanzierung Mehrheit verfügt. Die große Koalition unter dem sozial-
der Erwerbslosenfürsorge aufkommen. Erstmals im demokratischen Reichskanzler Hermann Müller kann
April 1924 und per Gesetz ab 1927 erhalten Kurzarbeiter5 keine Einigung über die Finanzierung der Arbeitslosen-
Unterstützung. Für langfristig Erwerbslose schafft die versicherung erzielen: Die SPD möchte die Beiträge
Regierung die Krisenunterstützung, um die Fürsorgeauf- von Arbeitgebern und Arbeitnehmern erhöhen, die
wendungen der Gemeinden zu senken. Deutsche Volkspartei will die Leistungen senken.
Schließlich werden mit dem Instrument der Notver-
Jahrelang wird über das Gesetz zur Arbeitsvermittlung ordnung des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg
und Arbeitslosenversicherung beraten. Im Oktober 1927 die Beiträge für die Versicherten erhöht und die Leistun-
tritt es in Kraft. Das Arbeitslosenversicherungsgesetz gen gesenkt.

Die späteren Regierungen unter Reichskanzler Heinrich


Arbeitslosigkeit
Brüning, Franz von Papen und Kurt von Schleicher sind
abhängige
nur noch als „Präsidialkabinette“ mithilfe von Notver-
Jahr Erwerbspersonen Arbeitslose
ordnungen regierungsfähig. Sie versuchen, die Konjunk-
1921 19.126.000 346.000 tur anzukurbeln und die Massenarbeitslosigkeit zu
1922 20.184.000 215.000 bekämpfen: Lohn- und Preissenkungen, 40-Stunden-
1923 20.000.000 818.000 Woche, berufstätige verheiratete Frauen sollen zurück
1924 19.122.000 927.000 an den Herd und ihre Stelle einem männlichen Arbeits-
1925 20.176.000 682.000 losen überlassen. Enttäuschung und Verdruss breiten
1926 20.287.000 2.025.000 sich aus.
1927 21.207.000 1.312.000
1928 21.995.000 1.391.000 Angst, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit treiben die
1929 22.418.000 1.899.000 Wählerinnen und Wähler schließlich in die Arme der
1930 21.916.000 3.076.000 Nationalsozialisten, die ab dem Jahr 1930 mit der Natio-
1931 20.616.000 4.520.000 nalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP)
1932 18.711.000 5.603.000 ihren Weg zur Machtübernahme ebnen. Am 30. Januar
1933 18.540.000 4.804.000 1933 ernennt Reichspräsident Paul von Hindenburg den
NSDAP-Vorsitzenden und Führer der stärksten Fraktion
im Reichstag, Adolf Hitler, zum Reichskanzler.

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Weiterführende Informationen bei „Sozialpolitik“: www.sozialpolitik.com/arbeitslosenversicherung,
www.sozialpolitik.com/krankenversicherung, www.sozialpolitik.com/arbeitsrecht

Lesetipps: Deutsches Historisches Museum/LeMO (Lebendiges virtuelles Museum Online): www.dhm.de/lemo


Deutsche Geschichten: www.deutschegeschichten.de

Quellenhinweis:
Für dieses Kapitel wurden neben dem Ausstellungskatalog „In die Zukunft gedacht – Bilder und Dokumente zur Deutschen Sozialgeschichte“ des Bun-
desministeriums für Arbeit und Soziales, Bonn 2008, auch folgende Quellen herangezogen: Deutsches Historisches Museum/LeMO (Lebendiges vir-
tuelles Museum Online): „Die Weimarer Republik“, www.dhm.de/lemo; Deutsche Geschichten Online der Cine Plus Leipzig GmbH in Koproduktion
mit der Bundeszentrale für politische Bildung, www.deutschegeschichten.de (Stand: November 2009).

5 Kurzarbeit: Reduzierte Arbeitszeit aufgrund schwieriger wirtschaftlicher Lage eines Unternehmens. Ein Teil des wegfallenden Lohns wird vom
Staat übernommen.

27
Kapitel VII: 1933 bis 1945

Nationalsozialismus und
zweiter Weltkrieg

Im Jahr 1933 übernehmen die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland und stürzen die Welt sechs Jahre später in den
Zweiten Weltkrieg. Sie feiern die Machtübernahme mit Fackelzügen. Diese Szene wurde noch im Jahr 1933 während der
Dreharbeiten zu einem Propagandafilm nachgestellt.

Machtübernahme Als am 27. Februar der Berliner Reichstag brennt, unter-


durch die Nationalsozialisten stellt die nationalsozialistische Führung der Kommunis-
tischen Partei Deutschlands (KPD) Brandstiftung. Noch
Am 30. Januar 1933 ernennt Reichspräsident Paul von in der Brandnacht droht Reichskanzler Hitler: „Es gibt
Hindenburg den Vorsitzenden der Nationalsozialisti- kein Erbarmen; wer sich uns in den Weg stellt, wird nie-
schen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), Adolf Hitler, dergemacht. Das deutsche Volk wird für Milde kein Ver-
zum Reichskanzler. Er soll den konservativen Partei- ständnis haben. Jeder kommunistische Funktionär wird
und Wirtschaftskräften endlich die Wählermassen für erschossen, wo er angetroffen wird.“1
eine Regierung sichern. Erfahrene nationale und konser-
vative Politiker sollen den neuen Reichskanzler und
seine zwei nationalsozialistischen Minister „einrah- Der Weg zur Alleinherrschaft
men“ und „zähmen“. Dieser Plan geht nicht auf. Am ers-
ten Februar wird der Reichstag aufgelöst. Die National- Schon am nächsten Tag, dem 28. Februar 1933, erlässt
sozialisten beginnen sofort mit dem Wahlkampf für die Reichspräsident Paul von Hindenburg eine neue „Not-
Reichstagswahlen und gleichzeitig mit radikalen Maß- verordnung zum Schutz von Volk und Staat“, die so ge-
nahmen gegen politische Gegner. nannte Reichstagsbrandverordnung. Sie setzt wichtige

1 Zitiert nach: Thamer, Hans-Ulrich: „Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft“, in: Informationen zur politischen Bildung, Heft 251, Bundes-
zentrale für politische Bildung, Bonn 2000

28
Das Ermächtigungsgesetz von 1933 erlaubt es den Nationalsozialisten, alle Bereiche des politischen, wirtschaftlichen und
gesellschaftlichen Lebens nach ihrer Ideologie auszurichten. Bild: Der Weg des „gleichgeschalteten Staatsbürgers“

Grundrechte der Weimarer Reichsverfassung wie Mei- nahme der SPD – dem Gesetz zu. Damit verzichtet der
nungsfreiheit, Versammlungsfreiheit und das Postge- Reichstag auf seine Kontrollrechte gegenüber der Regie-
heimnis außer Kraft und schränkt die persönliche Frei- rung. Der Weg zur nationalsozialistischen „Gleichschal-
heit des Einzelnen ein. tung“ von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft ist frei.

Mit einer Mischung aus Unterdrückung und massiver Als Paul von Hindenburg am 2. August 1934 stirbt, nutzt
Werbung schaffen die Nationalsozialisten im Wahl- Reichskanzler Hitler die Situation, um auch das Amt des
kampf eine Atmosphäre der Angst und Hoffnung bei den Reichspräsidenten zu übernehmen. Gleichzeitig sichert er
Wählern. Bei der Reichstagswahl am 5. März gewinnt die sich das Militär für seine Kriegspläne. Jeder Soldat muss
NSDAP 43,9 Prozent der Stimmen. Doch immerhin von nun an persönlich dem „Führer des Deutsches Reichs
18,3 Prozent erhalten die Sozialdemokratische Partei und Volks“, Adolf Hitler, „unbedingten Gehorsam“ unter
Deutschlands (SPD), 12,3 Prozent die KPD und 11,2 Pro- Einsatz seines Lebens schwören. Damit ist die Macht-
zent die katholische Zentrumspartei. Die absolute Mehr- übernahme und Alleinherrschaft (Diktatur) vollendet.
heit hat die NSDAP verfehlt: Anders als erwartet, hat
sich nicht „das ganze deutsche Volk“ hinter die ge-
wünschte Alleinherrschaft gestellt. Die „Gleichschaltung“ der Gewerkschaften

Am 23. März 1933 legt die Regierung dem neu gewählten Die freien Gewerkschaften entscheiden sich 1933 dafür,
Reichstag das „Gesetz zur Behebung der Not von Volk neutral gegenüber Hitler zu bleiben. Trotzdem sind sie
und Staat“ (Ermächtigungsgesetz) vor. Das Gesetz über- den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge. Die Idee einer
trägt der Regierung weitgehende Vollmachten zur Ge- selbstständigen Interessenvertretung der Arbeitnehmer
setzgebung. Bei der Abstimmung im Reichstag fehlen passt nicht in Hitlers Ideologie (Weltanschauung) von
die KPD-Abgeordneten, die größtenteils bereits im Ge- der „Volksgemeinschaft“, in der alle Berufsgruppen zu-
fängnis oder Konzentrationslager sind. Die Reichstags- sammen zum „Gemeinwohl“ (im Sinne der National-
abgeordneten der übrigen Parteien stimmen – mit Aus- sozialisten) beitragen sollen.

29
Der traditionelle Arbeiter-Kampftag, der 1. Mai, den die
internationale Arbeiterbewegung seit dem Jahr 1889
jährlich feiert, wird 1933 zum gesetzlichen „Feiertag der
nationalen Arbeit“ erklärt. Schon am 2. Mai 1933 beset-
zen die Nationalsozialisten im ganzen Reich Gewerk-
schaftshäuser und verhaften deren Funktionäre. Die Ge-
werkschaften werden aufgelöst.

Am 6. Mai 1933 wird die Deutsche Arbeitsfront (DAF) ge-


gründet. Die DAF soll die Gewerkschaften ersetzen. Ende
1933 treten auch die Unternehmerverbände bei. So wird
die DAF zur Zwangsgemeinschaft von Arbeitern, Ange-
stellten und Unternehmern. In der nationalsozialisti-
schen „Volksgemeinschaft“ soll es zwischen den Berufs-
gruppen keine Unterschiede mehr geben. Die Arbeiter
sollen in den nationalsozialistischen Staat integriert
werden.

Organisator und Leiter der DAF ist der Nationalsozialist


Robert Ley. Eine freie Meinungsbildung oder Abstim-
mungen zwischen den Mitgliedern gibt es nicht mehr,
sondern nur noch Berichte über die Stimmung in den
Mitgliedsorganisationen.

Die Abschaffung der Arbeitnehmerrechte

Per Gesetz vom 19. Mai 1933 werden die „Treuhänder der
Arbeit“ eingeführt. Sie unterstehen direkt dem Reichsar- Der Reichsarbeitsdienst verpflichtet Männer und Frauen vom
beitsministerium und haben die alleinige Vollmacht, 18. bis 25. Lebensjahr zu sechs Monaten „gemeinnütziger
alle Lohn- und Arbeitsfragen zu regeln. Ihnen wird auch Arbeit“. Bild: Propagandaplakat für Österreich, nach 1938
das Tarifrecht übertragen, das heißt, die Treuhänder –
und nicht die DAF – bestimmen von nun an die Höhe der Die DAF organisiert Symphoniekonzerte und bunte Aben-
Löhne in den Betrieben. Tarifverhandlungen gibt es de. Arbeiter und Angestellte werden zum Volkssport mo-
nicht mehr. tiviert und zu Theaterbesuchen eingeladen. „Schönheit
der Arbeit“ lautet ein anderes Motto der DAF. Damit sorgt
Mit dem „Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit“ sie neben dem sozialen Wohl auch für verbesserte Bedin-
vom 23. Januar 1934 werden das Koalitions- und Streik- gungen am Arbeitsplatz, beispielsweise für bessere Belüf-
recht verboten und die Betriebsverfassung endgültig ab- tung und Beleuchtung. Die DAF regelt den Bau von Werks-
geschafft. Stattdessen wird in den Betrieben das natio- wohnungen, Sportplätzen, Kantinen und setzt den
nalsozialistische Führerprinzip eingeführt. Es bestimmt Urlaub von drei auf sechs Tage im Jahr hoch.
die Unternehmer als „Betriebsführer“ und die Arbeitneh-
mer als „Gefolgschaft“. „Vertrauensräte“ treten an die Die populäre Freizeitorganisation „Kraft durch Freude
Stelle der Betriebsräte, die den Betriebsführer aber nur (KdF)“ ist eine Unterorganisation der DAF. Die KdF ver-
noch beraten dürfen. Als die Wahlen zu den Vertrauens- mittelt ihren Mitgliedern Urlaubsreisen im In- und Aus-
räten im Jahr 1935 nicht das gewünschte Ergebnis brin- land und veranstaltet Wettbewerbe um den „nationalso-
gen, werden sie abgeschafft. zialistischen Musterbetrieb“. Im Jahr 1938 stellt die DAF
den „KdF-Wagen“ als Volkswagen (VW) vor. Wegen des
Kriegsausbruchs im Jahr 1939 kommt er jedoch nur noch
Die Aufgaben der als Kübelwagen an der Front zum Einsatz.
Deutschen Arbeitsfront (DAF)

Mit rund 25 Millionen Mitgliedern geht die DAF als größ- Sozialpolitik in der „Volksgemeinschaft“
te Massenorganisation in die Geschichte des Deutschen
Reiches ein (Stand: 1942). Hauptaufgabe der DAF wird die Nach dem Willen der DAF sollen die verschiedenen So-
betriebliche Sozialpolitik, mit der die Menschen für den zialversicherungen zu einer Einheitsversicherung zu-
nationalsozialistischen Staat gewonnen werden sollen. sammengeführt werden. Der Rechtsanspruch des Versi-

30
cherten soll abgeschafft werden. Leistungen soll nur der- Die Krankenversicherung
jenige erhalten, der bedürftig ist und sich sozial und
politisch im Sinne des Nationalsozialismus verhält. Diese Wer krank und gesetzlich versichert war, hatte An-
politischen Ziele des DAF-Leiters Robert Ley scheitern je- spruch auf medizinische Behandlung. Bis zum Jahr 1933
doch an den Beamten des Reicharbeitsministeriums. war dabei nicht beurteilt worden, ob jemand sich ge-
sundheitsbewusst verhalten hatte. Diese Einstellung än-
Abseits der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ dert sich im Nationalsozialismus, hat aber kein neues
werden jüdische Deutsche von den Leistungen der Sozi- Versicherungsgesetz zur Folge. „Jeder Deutsche hat die
alversicherung ausgeschlossen. Gleichzeitig sollen sozi- Pflicht, so zu leben, dass er gesund und arbeitsfähig
alpolitische Neuerungen die versicherten Arbeitnehmer bleibt“, schreibt ein von der NSDAP herausgegebenes
für die nationalsozialistische Politik gewinnen: Im Sep- Gesundheitsbuch vor. „Krankheit ist ein Versagen. Wer
tember 1936 wird das Kindergeld eingeführt. Im Dezem- krankheitshalber häufig am Arbeitsplatz fehlt, ist ein
ber 1937 erhalten nichtversicherungspflichtige Deut- schlechter Kranker.“
sche unter 40 Jahren das Recht zum Eintritt in die
Rentenversicherung. Im Jahr 1941 werden die Rentner in Für Selbstständige und für Gruppen, die dem NS-Regime
der Krankenversicherung pflichtversichert. wichtig waren, wird die Versicherungspflicht ausgewei-
tet. Das sind: Hebammen, Kriegshinterbliebene und seit
Im Juni 1934 wird die Selbstverwaltung der Sozialversi- dem Jahr 1941 die Rentner. Aber auch Leistungsverbesse-
cherungen abgeschafft. Die Selbstverwaltung sicherte rungen wie die Ausdehnung der Krankenpflege und des
seit dem 19. Jahrhundert die Mitwirkung der Versicher- Wochengeldes auf jeweils sechs Wochen vor und nach
ten. Es gab einen Verwaltungsrat oder eine Vertreterver- der Geburt eines Kindes können so finanziert werden.
sammlung als Selbstverwaltungsorgane, in welche die
Versicherten ihre gewählten Vertreter entsenden konn-
ten. Jetzt wird auch in der Sozialversicherung das natio- Die Gesundheitspolitik
nalsozialistische Führerprinzip umgesetzt: Es gibt einen
Leiter mit einem Beirat, der auf Vorschlag der DAF vom Die Gesundheitspolitik wird von den rassen- und kriegs-
Reichsversicherungsamt ernannt wird. politischen Zielen der Nationalsozialisten vereinnahmt:

Die öffentliche Gesundheitsfürsorge übernehmen staatliche Gesundheitsämter. Sie steuern eine „rassenhygienische“
Gesundheitspolitik im Sinne der Nationalsozialisten. Bild: Zehnjährige Jungen werden für die Aufnahme in das Jungvolk
der Hitlerjugend untersucht, 1937.

31
Die Medizin soll nicht mehr vorrangig den einzelnen der militärischen Aufrüstung. Durch den Ausbau der
Menschen behandeln, sondern sie soll die „Volksge- Rüstungsindustrie schaffen die Nationalsozialisten Mil-
sundheit schützen“ und den „deutschen Volkskörper“ lionen Arbeitsplätze.
gesund erhalten.
Im „Freiwilligen Arbeitsdienst“ wurden bereits in der
„Nichtarischen“, „sozialistischen“ und „staatsfeindlichen“ Weimarer Republik Arbeitslose beschäftigt; jetzt verla-
Ärzten wird die Krankenkassenzulassung entzogen. Die gert sich die ursprünglich gemeinnützige Arbeit dieser
übrigen Ärzte sind gezwungen, sich der Reichsärzte- Institution in militärische Bereiche. Frauen werden aus
kammer anzuschließen, die von einem Reichsärztefüh- der Erwerbsarbeit herausgedrängt, zum Beispiel durch
rer geleitet wird. Ab dem Jahr 1938 gilt für jüdische Ärzte zinslose Ehedarlehen. Auch Jugendliche müssen ihren
praktisch ein Berufsverbot; sie dürfen nur noch als Arbeitsplatz zugunsten arbeitsloser Familienväter auf-
„Krankenbehandler“ Juden versorgen. geben. Für junge Männer und Frauen zwischen 18 und
25 Jahren wird im Jahr 1935 ein verpflichtender Arbeits-
Bereits im Juli 1933 wird das „Gesetz zur Verhütung erb- dienst für sechs Monate eingeführt. Diese Regelungen
kranken Nachwuchses“ (Erbgesundheitsgesetz) erlas- entlasten den Arbeitsmarkt. Zusammen mit dem wach-
sen: Bis 1945 werden rund 360.000 Menschen, die an senden Arbeitskräftebedarf in der Rüstungsindustrie
geistiger Behinderung, psychischen Krankheiten wie wird die Vollbeschäftigung erreicht. Ab dem Jahr 1939
Schizophrenie, erblicher Blindheit und anderen ver- kommt es zu einem wachsenden Arbeitskräftemangel.
meintlich erblichen Krankheiten leiden, zwangssterili-
siert. Sie können also keine Kinder mehr bekommen. Während des Zweiten Weltkriegs werden Millionen
Menschen aus den besetzten Ländern Europas zum
Die neu geschaffenen staatlichen Gesundheitsämter „Arbeitseinsatz im Reich“ verpflichtet. Im Sommer 1944
haben die Aufgabe, eine zentrale „rassenhygienisch sind es acht Millionen „Fremdarbeiter“, die in Fabriken
orientierte“ Gesundheitspolitik durchzusetzen. Sie über- und auf Bauernhöfen arbeiten.
nehmen ärztliche Gutachten in gesundheitspolizei-
lichen Fragen, vor allem der „Erb- und Rassenpflege“
und Eheberatung. Am 15. September 1935 wird auf dem Arbeitslose zwischen 1932 und 1939
Reichsparteitag in Nürnberg das „Gesetz zum Schutze
des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ verab- 1933: 4,804 Millionen
schiedet: Eheschließungen zwischen Nichtjuden und 1934: 2,718 Millionen
Juden sind fortan verboten. Nach dem „Gesetz zum 1935: 2,151 Millionen
Schutze der Erbgesundheit des deutschen Volkes“ vom 1936: 1,593 Millionen
18. Oktober 1935 dürfen Menschen mit bestimmten 1937: 0,912 Millionen
Krankheiten oder Behinderungen nicht heiraten. 1938: 0,429 Millionen
1939: 0,119 Millionen
Ab dem Jahr 1939 wirken Ärzte an der Umsetzung des
nationalsozialistischen Euthanasieprogramms mit. „Eu-
thanasie“ bedeutet im Griechischen „leichter Tod“ und
beschönigt in der Sprache des Nationalsozialismus die
systematische Tötung von Menschen mit geistiger Be- Terror abseits der „Volksgemeinschaft“
hinderung, Kindern mit körperlichen Behinderungen
oder unheilbaren Krankheiten. Im Zweiten Weltkrieg be- Von Anfang an gehört Verfolgung zum Alltag des Natio-
teiligen sich Ärzte an unmenschlichen Experimenten nalsozialismus. Bereits im April 1933 werden jüdische
mit Insassen von Konzentrationslagern und auch der Er- Deutsche aus dem öffentlichen Dienst ausgeschlossen.
mordung von Millionen Juden im besetzten Europa. Juden, politische Gegner, Prostituierte, Homosexuelle,
Roma und Sinti werden brutal unterdrückt und in Ar-
beits- und Konzentrationslager eingewiesen. Moderne
Aufrüstung schafft Arbeitsplätze Kunst wird als „entartete Kunst“ aus den Museen ent-
fernt, Bücher werden verbrannt, Zeitungen zensiert. In
Im Jahr 1932 hat Deutschland 5,5 Millionen Arbeitslose. der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 setzen die
Das sozialpolitische Versagen der Weimarer Regie- Nationalsozialisten in ganz Deutschland Synagogen
rungen in der Weltwirtschaftskrise hatte den Weg zum (jüdische Gotteshäuser) in Brand, plündern und zerstö-
Nationalsozialismus entscheidend mitbereitet. Von ren jüdische Geschäfte und quälen ihre Besitzer. Mehr
der Machtübernahme 1933/34 bis zum Ausbruch des als 30.000 Juden werden verhaftet und in Konzentra-
Zweiten Weltkriegs 1939 gelingt es, die Zahl der Arbeits- tionslager gebracht. Die Unterdrückung im eigenen
losen von 4,8 auf 0,1 Millionen Menschen zu senken. Die Land schlägt in offenen Terror um. Viele Juden flüchten
Arbeitsmarktpolitik steht von Beginn an im Zeichen ins Ausland.

32
Zweiter Weltkrieg

Mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 begin-


nen die Deutschen den Zweiten Weltkrieg. Am 3. Sep-
tember 1939 erklären Großbritannien und Frankreich
Deutschland den Krieg, ohne jedoch anzugreifen. Jahre-
lang haben die Nationalsozialisten die Aufrüstung vo-
rangetrieben, um ihre Ziele der militärischen Expansion
und der Eroberung von „Siedlungsraum im Osten“ zu
verfolgen. Auch die Kriegspolitik steht im Zeichen der
Rassenpolitik: Die Verfolgung der Juden und anderer
„Minderwertiger“, zum Beispiel Roma und Sinti, radika-
lisiert sich. Ab dem Jahr 1942 werden sie in Vernich-
tungslager gebracht (deportiert) und systematisch durch
Giftgas getötet. Bis zum Kriegsende im Mai 1945 werden
über sechs Millionen jüdische Männer, Frauen und Kin-
der, Roma und Sinti ermordet.

Der Widerstand gegen das Regime

Es gibt einzelne Menschen und Gruppen unter den Sozi-


aldemokraten, den Kommunisten, in Kirchen, im Militär
und an Universitäten, die Widerstand gegen die Natio-
nalsozialisten leisten. Doch die Bespitzelung und rück-
sichtslose Verfolgung und auch die große Zustimmung
in der Bevölkerung für das Regime verhindern eine ein-
heitliche Widerstandsbewegung. Während des Krieges
wächst der Widerstand auch auf Seiten der Konserva-
tiven und der Militärs. Aus ihren Reihen stammen die Im Zweiten Weltkrieg versuchen die Nationalsozialisten,
Verschwörer des 20. Juli 1944, dem Tag des gescheiterten den Arbeitseinsatz von Frauen in der Rüstungsindustrie zu
Attentats auf Hitler. Diese und viele andere Menschen beschränken. Die deutsche Frau soll mit ihren Söhnen die
bezahlen ihren Widerstand mit dem Leben. Kriegsverluste ersetzen. Bild: Propagandaplakat zur Unfall-
verhütung am Arbeitsplatz während des Kriegs

Das Kriegsende

Unter dem Decknamen „Barbarossa“ startet Deutsch- Städte an. Die Opfer dieses „moral bombing“ unter der Zi-
land am 22. Juni 1941 den Angriff auf die Sowjetunion. vilbevölkerung sind groß. Die deutsche Wehrmacht kann
Nach anfänglichen Erfolgen wendet sich das Blatt mit schließlich den im Jahr 1944 in Frankreich gelandeten
der Schlacht um Stalingrad im Winter 1942/43. Im Okto- Truppen der Westmächte und den andauernden Offensi-
ber 1944 erreicht die Rote Armee (der Sowjetunion) die ven der Roten Armee nicht mehr viel entgegensetzen.
deutsche Reichsgrenze.
Am 8. Mai 1945 kapituliert die deutsche Wehrmacht be-
Vom Westen aus fangen britische und amerikanische dingungslos. Adolf Hitler hatte sich bereits am 30. April
Bomberverbände an, die deutsche Kriegsmaschinerie zu das Leben genommen. Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende.
zerstören und greifen mit Flächenbombardements viele Über 50 Millionen Menschen haben ihr Leben verloren.

! Lesetipps: Deutsches Historisches Museum/LeMO (Lebendiges virtuelles Museum Online): www.dhm.de/lemo


Deutsche Geschichten: www.deutschegeschichten.de

Quellenhinweis:
Für dieses Kapitel wurden neben dem Ausstellungskatalog „In die Zukunft gedacht – Bilder und Dokumente zur Deutschen Sozialgeschichte“ des
Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, Bonn 2008, auch folgende Quellen herangezogen: Deutsches Historisches Museum/LeMO (Lebendi-
ges virtuelles Museum Online): „Das NS-Regime“, „Der Zweite Weltkrieg“, www.dhm.de/lemo; Deutsche Geschichten Online der Cine Plus Leipzig
GmbH in Koproduktion mit der Bundeszentrale für politische Bildung, www.deutschegeschichten.de (Stand: November 2009).

33
Kapitel VIII: Kinderarbeit

Von der Ausbeutung zum Kinder-


und Jugendschutz
Kinderarbeit vom 16. bis 18. Jahrhundert Zum Anziehen, Waschen und für die Mahlzeiten werden
nur kurze Pausen gewährt. Die Räume, in denen die Kin-
Die Not zwingt zur Arbeit der arbeiten, sind eng und in unhygienischem Zustand.
Oft wird in ein und demselben Raum gegessen und ge-
Kinderarbeit ist vom späten Mittelalter bis zu den An- arbeitet. Meistens müssen sich mehrere Kinder ein Bett
fängen der Neuzeit nicht nur üblich, sondern wird sogar teilen.
von den Behörden unterstützt. Die Kinder sollen nicht
verwahrlosen, lautet der Auftrag. Die meisten Familien Von der Arbeitskraft der Kinder profitiert ausschließlich
haben auch gar keine andere Wahl, als ihre Kinder zur die Anstaltsleitung. Das heißt, die Erlöse für die Handar-
Arbeit zu schicken: Die Armut zwingt sie dazu. Das be- beiten gehen in die Kasse der Anstalt, nicht selten in die
trifft die Mehrheit der Bevölkerung. persönliche der Verantwortlichen. Die Kinder selbst
haben und bekommen nichts.
Die Familien müssen für sich selbst sorgen, egal in wel-
cher Lebenslage sie sich befinden. Krankheiten, schlech- Gegen Ende des 18. Jahrhunderts, mit dem Beginn der
te hygienische Verhältnisse, Hungersnot und Seuchen Industrialisierung, verlagert sich die Kinderarbeit in die
fordern viele Todesopfer. Die Lebenserwartung liegt bei Manufakturen und Fabriken.
durchschnittlich 35 Jahren. Ein Kind gilt ab dem siebten
Lebensjahr als ausreichend entwickelt, um arbeiten zu
gehen. Kinderarbeit im frühen 19. Jahrhundert

„Arbeiten statt Müßiggang“


Zwölfstundentag für „’n Appel und ’n Ei“
Fabrikbesitzer und Unternehmer halten Kinderarbeit für
In der Landwirtschaft oder im Hausgewerbe werden nützlich, bildend und förderungswürdig. Nach ihrer Mei-
Kinder bereits mit sechs Jahren eingesetzt. Wenn sie in- nung, und die ist maßgebend, ist „Müßiggang“ schädlich
nerhalb des Familienverbundes mit anpacken müssen, für die Entwicklung der Kinder, deshalb sollen sie früh
sind sie meist vor Überanstrengung geschützt. In frem- an das Arbeiten gewöhnt werden. Die Altersgrenze der
den Häusern und Ländereien sind die Bedingungen hin- beschäftigten Kinder wird auf vier Jahre gesenkt.
gegen schonungsloser. Hier hat ein Arbeitstag bis zu
zwölf Stunden. Die staatlichen Stellen sind sich einig, dass die Kinder-
arbeit ein notwendiges Übel ist, da viele Familien nicht
Die Arbeit auf dem Land ist zwar nicht weniger hart, existieren können, wenn ihre Kinder nicht arbeiten.
aber abwechslungsreicher als die Heimarbeit. In der Nach wie vor sind also viele Familien darauf angewie-
Landwirtschaft bestimmen die Tages- und Jahreszeiten sen, ihre Kinder (mit-)arbeiten zu lassen, um ihren Le-
den Arbeitstakt. Tiere werden gehütet und gefüttert, es bensunterhalt bestreiten zu können.
werden Kartoffeln geerntet oder andere Hofarbeiten er-
ledigt. Im Hausgewerbe hingegen ist die Arbeit ziemlich Die Behörden unterstützen diese Haltung immer mehr:
eintönig: Den ganzen Tag wird im selben Raum gestrickt, Den Besuch der Sommerschule, wie sie zu der Zeit üb-
gewebt, genäht oder Wolle gesponnen. lich ist, stellen sie frei. Das hat schließlich zur Folge, dass
regelmäßiger Unterricht – wenn überhaupt – nur im
Winter stattfindet.
Zwangsarbeit für Waisen

Besonders hart trifft es Waisen, die in Arbeitsanstalten Kinderarbeit in der Landwirtschaft


untergebracht sind, und in den Waisenhäusern selbst. und im Hausgewerbe
Sie werden hier zur vollen Arbeit gezwungen und müs-
sen Handarbeiten verrichten. Der Arbeitstag beginnt Auch im 19. Jahrhundert arbeiten viele Kinder weiterhin
meist um vier Uhr morgens und dauert bis neun Uhr in der Landwirtschaft. Ab dem sechsten Lebensjahr
abends. Zwischendurch gibt es eine Stunde religiösen hüten sie Tiere, ab dem achten Lebensjahr helfen sie
Unterricht, in dem vor allem Gebete gelernt werden. beim Pflügen, Dreschen und bei der Tierfütterung. Mit

34
zwölf Jahren werden sie auch für schwere Feldarbeiten Kinder sind für die Fabrikanten billige Arbeitskräfte und
eingesetzt. erhöhen die Rentabilität der Unternehmen. Außerdem
sind die kleinen Kinderhände für die Arbeit an Textil-
Ein zweiter großer Bereich, in dem Kinder arbeiten, ist maschinen besonders gut geeignet. Die Nachfrage ist so
das Hausgewerbe – dort sind die Arbeitstage besonders groß, dass regelrechte Kindermärkte – ähnlich den Vieh-
lang. Um 1820 arbeitet jeder zwölfte Einwohner Preu- märkten – entstehen, auf denen Kinder als Arbeitskräf-
ßens, das sind über eine Million Menschen, im Hausge- te angeboten werden.
werbe. Ein „Spinnenmädchen“ beispielsweise arbeitet in
der Woche etwa 119 Stunden, das sind bei sieben Ar-
beitstagen 17 Stunden pro Tag. Kleine „Krüppel“

Die gesundheitlichen Folgen der Kinderarbeit sind kata-


Kinderarbeit in der Fabrikindustrie strophal. Die Kinder können sich körperlich und geistig
nicht normal entwickeln. Ihre Körperhaltung ist bei der
In der Fabrikindustrie ist im 19. Jahrhundert die Textil- Arbeit über Jahre hinweg einseitig. Sie arbeiten bei Lärm
produktion ein Schwerpunkt der Kinderarbeit. Die Erfin- und in Dreck, bewegen sich nicht an der frischen Luft
dung des mechanischen Spinnrades und des mechani- und ernähren sich ungenügend. Unfälle an den Maschi-
schen Webstuhls lässt den Bedarf an billigen Arbeits- nen sind an der Tagesordnung.
kräften, die an den Maschinen arbeiten, sehr stark
anwachsen. Die Betriebe werden größer, und mit ihnen Die Folgen: körperliche Schwäche, Wachstumsstörun-
steigt auch die Zahl der Fabrikkinder. Ihr Arbeitstag gen, Zahnerkrankungen, Kurzsichtigkeit, Schwerhörig-
dauert acht bis sechzehn Stunden bei einem Lohn von keit, Tuberkulose, Unterernährung und ansteckende
zwei Groschen. Krankheiten. Letztlich führen die eintönigen Arbeiten

In der Textilproduktion werden Kinder als billige Arbeitskräfte eingesetzt. Bild: Kinderarbeit in einer Spinnerei, 1907

35
da es um das Überleben der Familie geht. Überleben
steht vor Bildung. Zudem kostet die Schule Geld, und
das fehlt den Fabrikarbeitern.

Bildungsniveau von erwerbstätigen Kindern

Von 715 in Fabriken arbeitenden Kindern können nur

455 lesen,
351 schreiben,
234 rechnen,
und lediglich
39 haben Religionskenntnisse.
Fabrikinspektoren kontrollieren, ob das Kinderschutzge-
setz eingehalten wird und die Kinder regelmäßig den Schul-
unterricht besuchen. Bild: Schulinspektion, Lithographie
von Wilhelm Camphausen, um 1855
Erster staatlicher Kinderschutz
und der lange Arbeitstag auch zur psychischen Verküm-
merung. In einem Bericht des Regierungsbezirks Düssel- Regulativ zur Beschäftigung von Kindern
dorf vom 18. Juli 1825 heißt es:
Im Jahr 1839 tritt in Preußen das erste Kinderschutz-
„Bleiche Gesichter, matte und entzündete Augen, ge- gesetz in Kraft: das „Regulativ über die Beschäftigung
schwollene Leiber, aufgedunsene Backen, geschwollene jugendlicher Arbeiter in Fabriken“. Ein Mindestalter wird
Lippen und Nasenflügel, Drüsenanschwellungen am festgesetzt: Kinder dürfen erst ab Vollendung des neun-
Halse, böse Hautausschläge und asthmatische Anfälle ten Lebensjahres arbeiten – und das nicht länger
unterscheiden sie in gesundheitlicher Beziehung von als zehn Stunden zwischen fünf Uhr morgens und
anderen Kindern derselben Volksklasse, welche nicht in neun Uhr abends. Darüber hinaus wird Sonntagsarbeit
den Fabriken arbeiten. Nicht weniger verwahrlost ist verboten.
ihre sittliche und geistige Bildung.“
Die Fabriken können diese Regelungen jedoch leicht
umgehen, da sie nicht kontrolliert werden. Das heißt, es
Die Schulsituation zu Beginn ändert sich kaum etwas an der Situation der Kinder.
des 19. Jahrhunderts Dennoch gelingt damit ein entscheidender sozialpoliti-
scher Durchbruch. Es ist der erste staatliche Eingriff in
Kaum Schulen, kaum Lehrer, kaum Zeit die unternehmerische Tätigkeit zum Schutz der Arbeiter
und damit der erste Rechtsetzungsakt im Arbeitsschutz.
Seit dem Jahr 1794 besteht nach dem preußischen allge-
meinen Landrecht eine allgemeine Schulpflicht ab dem
fünften Lebensjahr. Allerdings mangelt es bis Mitte des Ausbesserungen im Regulativ
19. Jahrhunderts massiv an Schulen und Lehrern. Nur
wenige der arbeitenden Kinder besuchen überhaupt Eine Neufassung des Gesetzes tritt im Jahr 1853 in Kraft.
eine Schule. Die Altersgrenzen werden weiter heraufgesetzt: Ab dem
1. Juli 1853 dürfen Kinder erst ab dem vollendeten zehn-
Die Unterrichtszeiten der wenigen Schulen sind auf die ten, ab dem 1. Juli 1854 ab dem elften und ab 1. Juli 1885
Produktionsabläufe in den Fabriken abgestimmt. Diese ab dem zwölften Lebensjahr arbeiten. Die tägliche Ar-
Fabrikschulen siedeln sich deshalb in der Nähe der Fa- beitszeit für jugendliche Arbeiter unter 14 Jahren wird
briken an und beschränken den Unterricht (in Abhän- auf sechs Stunden begrenzt. Zudem müssen sie täglich
gigkeit von den Fabrikanten) auf sieben Stunden in der drei Stunden den Schulunterricht besuchen.
Woche.
Mit der Neufassung werden erste Fabrikinspektionen
eingeführt. Überall dort, wo sich ein „Bedürfnis“ zeigt,
Bildungsniveau ganz unten sollen die Inspektoren zur Kontrolle bestellt werden
können. Ob ein Bedürfnis vorliegt, entscheiden die Be-
Grund für das niedrige Bildungsniveau der Kinder ist zirksregierungen. Allerdings werden die Fabrikinspekto-
neben dem Minimalunterricht vor allem, dass sie keine ren äußerst selten angefragt. Erst ab dem Jahr 1878 wird
Zeit haben, zur Schule zu gehen. Die Arbeit ist wichtiger, die Fabrikinspektion obligatorisch.

36
Kinderarbeit wird verboten die Akkord- und Fließbandarbeit grundsätzlich verboten.
Die Pflicht zur ärztlichen Untersuchung der Jugendli-
Im Jahr 1891 verbietet das Arbeitsschutzgesetz (Novelle chen vor Beginn der Beschäftigung und im ersten Be-
zur Reichsgewerbeordnung vom 1. Juni 1891) die Be- schäftigungsjahr wird eingeführt.
schäftigung von Kindern unter 13 Jahren in Fabriken
ganz. Die Arbeitszeit für Kinder von 13 bis 14 Jahren wird
auf sechs Stunden und für Jugendliche von 14 bis 16 Jah- Gesellschaftliche Veränderungen
ren auf zehn Stunden täglich begrenzt. Außerdem ist die fordern Neuregelungen
Nachtarbeit für Kinder und Jugendliche untersagt.
Die veränderten sozialen, wirtschaftlichen und gesell-
Für die Kinderarbeit in gewerblichen Betrieben wird am schaftlichen Verhältnisse führen zu einer Neuregelung
3. März 1903 die Beschäftigung fremder Kinder unter des Jugendarbeitsschutzes, die im Jahr 1976 in Kraft tritt.
zwölf Jahren in Werkstätten, im Handel, im Verkehrsge-
werbe und in Forstwirtschaften verboten. Kinder, die Ab jetzt ist die wöchentliche Höchstarbeitszeit bei einer
älter sind als zwölf Jahre, dürfen nicht mehr als drei geltenden Fünf-Tage-Woche grundsätzlich auf 40 Stun-
Stunden arbeiten. Erstmals werden auch Kinder, die von den begrenzt. Die Urlaubsdauer wird heraufgesetzt und
ihren Eltern beschäftigt werden, unter den Schutz des je nach Alter von 25 bis zu 30 Werktagen im Jahr gestaf-
Gesetzes gestellt. felt. Zusätzliche Beschäftigungsverbote und freiwillige
jährliche Nachuntersuchungen verbessern den Gesund-
heitsschutz und die gesundheitliche Betreuung.
Gesetze und Verbote im 20. Jahrhundert

Schutzgesetze für Jugendliche Jugendarbeitsschutz auf EU-Ebene

Im Jahr 1938 tritt an die Stelle des Kinderschutzgesetzes Im Jahr 1997 wird das Jugendarbeitsschutzgesetz an die
von 1903 das Jugendschutzgesetz, das alle Vorschriften Richtlinie der Europäischen Union über den Jugendar-
über die Beschäftigung von Kindern und Jugendlichen beitsschutz (1994) angepasst. Damit gilt ein grundsätzli-
zusammenfasst. ches Beschäftigungsverbot von Kindern unter 15 Jahren.
Dies betrifft auch die Anstellung von Jugendlichen, die
Noch vor Gründung der Bundesrepublik (1949) löst das nach den Schulgesetzen der Länder noch schulpflichtig
Land Niedersachsen im Jahr 1948 das Jugendschutzge- sind. Wer älter als 15 Jahre ist, aber noch der Vollzeit-
setz von 1938 durch ein eigenes Arbeitsschutzgesetz für schulpflicht unterliegt, darf während der Schulferien für
Jugendliche ab. Das Gesetz gilt jetzt auch für die Haus- höchstens vier Wochen im Jahr beschäftigt werden.
wirtschaft, die Landwirtschaft, die Fischerei und die
Schifffahrt. Außerdem wird die ärztliche Betreuung
jugendlicher Arbeitnehmer Pflicht. Zudem werden be- Klassische Schülerjobs erlaubt
ratende Ausschüsse für Jugendarbeitsschutz bei den
Gewerbeaufsichtsämtern eingeführt. Am 1. Juli 1998 tritt eine besondere Kinderschutzverord-
nung in Kraft. Sie regelt die Beschäftigung von Kindern,
Nach dem Vorbild des niedersächsischen Jugendarbeits- die älter als 13 Jahre sind, und vollzeitschulpflichtigen
schutzgesetzes wird im Jahr 1960 das neue Jugendar- Jugendlichen mit den üblichen gesellschaftlich aner-
beitsschutzgesetz des Bundes gültig. Die Arbeitszeit der kannten Tätigkeiten. Dazu gehören beispielsweise Zei-
Jugendlichen unter 16 Jahren wird weiter herabgesetzt, tungen austragen oder Handreichungen beim Sport. In
der Urlaub für Jugendliche auf 24 Werktage ausgedehnt, der gewerblichen Wirtschaft, in der Produktion und im
die Beschäftigung von Jugendlichen mit Arbeiten, die Handel darf diese Altersgruppe nicht mehr beschäftigt
ihre körperlichen Kräfte überschreiten, untersagt sowie werden.

!
Weiterführende Informationen bei „Sozialpolitik“: www.sozialpolitik.com/arbeitsschutz und www.sozialpolitik.com/berufswelt

Lesetipp: Klare Sache – Jugendarbeitsschutz und Kinderarbeitsschutzverordnung (Best.-Nr. A 707)


Bestellung und Download beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales unter www.bmas.de

37
Kapitel IX: Die soziale Situation der Frau

Frauenarbeit, Frauenfrage,
Frauenbewegung

Frauen finden vorwiegend als Heim- oder Fabrikarbeiterinnen in der Textil- oder Tabakindustrie Arbeit, verdienen jedoch
nur einen Bruchteil des Lohns für Männer. Bild: Heimarbeit, Anfertigung von Knallbonbons, 1910

In Haus und Hof

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts müssen Frauen der un- Für die meisten reicht das Geld gerade zum Überleben.
teren Schicht, wie die Proletarierinnen, arbeiten. Sie sor- Frauen, die nicht unter dem Schutz einer Familie oder
gen damit zusätzlich für die Familie. Im Haus organisie- einer Hausgemeinschaft stehen, vor allem Witwen und
ren sie die Arbeit oder führen sie als Köchinnen, Alte, gehören zu den Ärmsten der Gesellschaft. Ihnen
Dienstmädchen und Ammen aus. In der Landwirtschaft helfen höchstens Kirchen und Klöster. Nicht selten
übernehmen sie als Mägde auch schwere Arbeiten. zwingt jedoch die Hungersnot Frauen zu Mundraub und
kleineren Diebstählen.

38
Für Mann und Kinder Frauen organisieren sich

Bürgerliche Frauen hingegen dürfen nicht arbeiten. Für Anfang des 19. Jahrhunderts werden im Zuge der Bür-
sie gilt das Rollenmodell des „natürlichen Geschlechts- gerbewegungen erste Frauenvereine gegründet. Aus den
charakters“. Danach besteht ihre Aufgabe darin, auf den Organisationen, die sich vor allem der Hilfe für Arme
Mann zu warten, der sie heiratet, und danach Ehefrau, und Kranke verschrieben haben, werden später politi-
Mutter und Erzieherin der Kinder zu sein. sche Frauenvereine.

Frauen sind weder mündig noch autonom, sondern der In den Jahren nach dem „Hambacher Fest“ von 1832 bil-
Vormundschaft durch den Ehegatten unterstellt. Hat ein den sich die ersten politischen Vereinigungen. Bemer-
bürgerliches Mädchen das Unglück, keinen Mann zu be- kenswert viele Mitglieder sind Frauen – sie machen bis
kommen, bleibt sie ihr Leben lang ein geduldetes Mit- zu 40 Prozent aus. Vor allem in religiösen Vereinen setz-
glied der Familie ohne eigene Rechte. ten sie sich für eine Verbesserung der sozialen und poli-
tischen Stellung der Frau ein.
Der Zugang zur öffentlichen Gesellschaft bleibt den
Frauen verwehrt. Frau im Haus, Mann in der Öffentlich- Die Forderungen nach einer neuen Verfassung, einem
keit, ist nicht nur Motto, sondern Gesetz. Die Tatsache, einheitlichen Bundesstaat und der endgültigen Lösung
dass Proletarierinnen arbeiten müssen und ihre bürger- der „Sozialen Frage“ werden lauter. Auch Frauen protes-
lichen Geschlechtsgenossinnen nicht dürfen, veranlasst tieren. Einige von ihnen gehen später in die Geschichte
die Frauenbewegung, die in der ersten Hälfte des 19. der Frauenbewegung ein: unter ihnen die Schriftstelle-
Jahrhunderts aktiv wird, später zur Parole „Befreiung rin und Revolutionärin Louise Otto-Peters, die als erste
durch Beruf“. deutsche Frau zur Arbeiterinnenfrage Stellung nimmt.

In einem Artikel, den sie während der deutschen Revo-


Prostitution als Massenphänomen lution im Jahr 1848 verfasst, fordert sie die Regierung
auf, bei der Organisation der Arbeit die Frauen nicht zu
Mit der Industrialisierung wandelt sich die Lebens- und vergessen. Zusammen mit der Schriftstellerin Mathilde
Arbeitswelt der Menschen. Maschinen und Unterneh- Franziska Anneke verlangt sie die Teilnahme der Frauen
mer bestimmen den Tagesablauf der Arbeiter. In der am öffentlichen Leben und gründet die ersten politi-
Hoffnung auf gute und bezahlte Arbeit drängen Männer schen Frauenzeitschriften in Deutschland.
und Frauen zunehmend in die Städte, um in den Fabri-
ken eine Anstellung zu finden. Viele der Kämpferinnen landen nach dem Scheitern der
deutschen Revolution (1848/1849) im Gefängnis oder
Als Heimarbeiterinnen, Fabrikarbeiterinnen in der Tex- flüchten in das Exil. Die während der Revolution gegrün-
til- oder Tabakindustrie, aber auch in Bergwerken, im deten Frauenvereine, denen inzwischen auch sehr viele
Bauhandwerk und als Lastenträgerinnen finden Frauen Arbeiterinnen angehören, werden aufgelöst; politische
Arbeit, allerdings sehr schlecht bezahlte. Sie verdienen Aktivitäten von Frauen werden gesetzlich verboten.
bei gleicher Leistung maximal ein Drittel von dem Lohn,
den Männer bekommen. In der Folge treibt es viele Frau-
en, die in den Großstädten leben, in die Prostitution, die Bildung und Gleichheit für alle
im 19. Jahrhundert zu einem Massenphänomen wird.
In den 1850er-Jahren erlebt Deutschland einen wirt-
Mädchen vom Land finden oft bei bürgerlichen Familien schaftlichen Aufschwung, von dem allerdings aus-
eine Stellung. Die Dienstmädchen und Ammen müssen schließlich die Unternehmer profitieren. Für die Arbei-
vom frühen Morgen bis in die Nacht ohne Feierabend ar- ter und Arbeiterinnen ändert sich nichts an den
beiten. Die Entlohnung ist gering, aber der Lebensunter- miserablen Arbeitsbedingungen. Zeit für neue Organisa-
halt gesichert, solange dem Mädchen nicht gekündigt tionen – auch für Frauen.
wird. Traum und Lebensziel der Mädchen ist es, einen
zuverlässigen und treuen Unteroffizier, Handwerker Die Frauenrechtlerin Louise Otto-Peters ist es, die zu-
oder Arbeiter zu heiraten. sammen mit der Lehrerin Auguste Schmidt im Jahr 1865
den „Allgemeinen Deutschen Frauenverein“ (ADF) grün-
det. Bildung, soziales Wirken und Mündigkeit im Staat
werden zu den Hauptzielen der Vereinigung. Die Be-
kämpfung der stark ansteigenden Frauenarmut, die zu-
nehmend auch bürgerliche Frauen trifft, rückt zudem in
das Zentrum ihres Wirkens.

39
Zum ersten Mal entsteht in Deutschland ein Frauenver- Proletarierinnen in Bewegung
ein, der sich für die Rechte aller Frauen einsetzt. Da-
gegen setzt sich der ebenfalls 1865 gegründete „Lette- Ehefrauen und Kinder der Arbeiter müssen in den Fa-
Verein“ allein die Förderung der berufstätigen Frauen briken und in Heimarbeit dazuverdienen, um die Exis-
zum Ziel. tenz der Familie zu sichern. Die Arbeiterfrauen sind die
ersten, die die Doppelbelastung durch Beruf und Haus-
Unverheiratete Frauen fallen den bürgerlichen Familien halt erleben.
mehr und mehr zur Last, da ihre hauswirtschaftlichen
Leistungen im Vergleich zu den industriell produzierten In der Arbeiterbewegung wird die Frauenarbeit unter-
Waren zu teuer sind. Andererseits benötigt der Arbeits- schiedlich bewertet: Während Marx und Engels im
markt mehr Arbeitskräfte. „Kommunistischen Manifest“ den Zerfall der Arbeiterfa-
milie durch die Frauenarbeit als Folge der kapitalisti-
Da akademische Berufe den Frauen im Kaiserreich in schen Entwicklung feststellen, wollen Lassalle und
der Regel verschlossen bleiben, drängen sie in den seine Anhänger die Frau auf ihre Rolle als Hausfrau,
Dienstleistungsbereich und rivalisieren mit den Arbeite- Mutter und Erzieherin der Kinder beschränken.
rinnen. Daraus entsteht schließlich der Gegensatz zwi-
schen der bürgerlichen und der proletarischen Frauen- Erst August Bebels Buch „Die Frau und der Sozialismus“
bewegung. (1878) bringt die Wende: Die Arbeiterbewegung begreift
die Gleichberechtigung der Frau als eigene Aufgabe. Von
Bebels Buch beeinflusst, organisiert die Frauenrechtlerin
Clara Zetkin nach 1890 die Frauen in der Sozialdemo-
kratie, obwohl ihnen erst das Vereinsgesetz von 1908 die
volle Mitgliedschaft erlaubt.

Zetkin gilt als Begründerin der proletarischen Frauenbe-


wegung. Sie fordert Emanzipation durch den Beruf,
Gleichberechtigung mit dem Mann und Frauenstimm-
recht. Eine Zusammenarbeit mit der bürgerlichen Frauen-
bewegung, die parallel entsteht, wird abgelehnt – umge-
kehrt übrigens ebenso.

Bis zum Jahr 1918 erreicht die – bürgerliche und proleta-


rische – Frauenbewegung jedoch weder politische noch
eheliche Gleichberechtigung.

Wahlrecht ja, Freiheit nein

Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs, im Jahr 1914,


zählt Deutschland drei Vereine, die sich für das Frauen-
wahlrecht starkmachen. 1917 schließen sich diese zum
„Deutschen Verband für Frauenstimmrecht“ zusammen
– mit Erfolg: Das Folgejahr 1918 gilt als das Geburtsjahr
des Frauenwahlrechtes.

Im November 1918, kurz nach Kriegsende und dem


Sturz der Monarchie, verabschiedet der Rat der Volksbe-
auftragten das Gesetz über die Wahlen zur verfassung-
gebenden Nationalversammlung. Passiv und aktiv wahl-
berechtigt sind jetzt alle Frauen und Männer ab dem 21.
Lebensjahr. Die konkrete Forderung nach der Gleichstel-
lung von Mann und Frau per Gesetz kann sich zwar
nicht durchsetzen, doch werden beiden zumindest
grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und
Nach einem Vorschlag der Frauenrechtlerin Clara Zetkin Pflichten zugesprochen.
wird der 8. März offiziell als internationaler Frauentag fest-
gelegt und das erste Mal 1911 gefeiert. Bild: Plakat zur
Frauen-Versammlung am 8. März 1914

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Die erste Wahl, an der Frauen aktiv und passiv teilneh- Unerwünschte Lückenbüßer
men, ist die Wahl zur Nationalversammlung am 19. Ja-
nuar 1919. Fast 90 Prozent der wahlberechtigten Frauen Die Diskriminierung der Frau zeigt inzwischen auch die
beteiligen sich an den Wahlen. Verordnung, dass verheiratete Beamtinnen aus dem
Staatsdienst – unter Verlust ihrer erworbenen Rechte –
Das „Geschenk“ der Sozialdemokratie – die Einführung entlassen werden können. Im Weltkrieg hatten die Frau-
des Wahlrechts – honorieren die Frauen jedoch nicht: en die Arbeitsplätze der zur Front einberufenen Männer
Die Mehrheit wählt bürgerliche, konservative Kandida- übernommen. Nach Kriegsende müssen sie den Rück-
ten in die Nationalversammlung. kehrern weichen.

Doch immerhin: Fast zehn Prozent der Abgeordneten In der Weimarer Republik entwickelt sich jedoch auch
sind Frauen, so viele sind es erst im Jahr 1983 wieder. Der ein neuer Frauenberuf: die Sekretärin. Auch können
Anteil weiblicher Abgeordneter in den Reichstagen von jetzt mehr Frauen als im Kaiserreich studieren. Juristen,
1920 bis 1933 geht auf sieben bis acht Prozent zurück. Mediziner und Lehrer empfinden diese Frauen als un-
willkommene Konkurrenz. In der Weltwirtschaftskrise
der 1930er-Jahre werden zuerst die Frauen arbeitslos.

Weiterführende Informationen bei „Sozialpolitik“: www.sozialpolitik.com/berufswelt

! Lesetipps: Themen / Geschichte: „Geschichte der Frauenbewegung“, Dossier


Themen: „Gender Mainstreaming“, Spezial. Kostenlos bei der Bundeszentrale für Politische Bildung: www.bpb.de
Entgeltungleichheit zwischen Frauen und Männern. Einstellungen, Erfahrungen und Forderungen der Bevölkerung zum „gender pay
gap“, 2008; Europa im Blick: 3. Bilanz Chancengleichheit, 2008; Frauen in Deutschland, 2002; Gesetz zur Gleichstellung von Frauen und
Männern, 2008; Mädchen und Jungen in Deutschland, 2007; Übereinkommen der Vereinten Nationen zur Beseitigung jeder Form
von Diskriminierung der Frau (CEDAW), 2007
Kostenlos beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: www.bmfsfj.de

Quellenhinweis:
Für dieses Kapitel wurden neben dem Ausstellungskatalog „In die Zukunft gedacht – Bilder und Dokumente zur Deutschen Sozialgeschichte“ des Bun-
desministeriums für Arbeit und Soziales, Bonn 2008, auch folgende Quellen herangezogen: Themen/Dossier „Geschichte der Frauenbewegung“,
Bundeszentrale für Politische Bildung, Bonn 2008: Biographie „1819–1895: Louise Otto-Peters“ und „1871–1914: Allgemeiner Deutscher Frauenver-
ein (ADF)“, www.bpb.de; Bundesregierung Online: „Zur Geschichte des Frauenwahlrechts“, Berlin am 24. Januar 2009; www.bundesregierung.de;
Deutsches Historisches Museum/LeMO (Lebendiges virtuelles Museum Online): „Die deutsche Frauenbewegung“, www.dhm.de/lemo (Stand:
November 2009).

41
Arbeitsblatt: 15. bis 19. Jahrhundert
SOZIALGESCHICHTE
Reformen und Rebellen
Grundlagentexte zu den Fragen finden Sie im Kapitel „Reformen und Rebellen“
(im Internet unter www.sozialpolitik.com/sozialgeschichte).

1. Wer kümmerte sich im Mittelalter um die Armen, 3. In der Reformationszeit wurde hinsichtlich der Für-
Alten und Kranken? sorge unterschieden zwischen Arbeitsunfähigen und
Arbeitsunwilligen. Worin bestand der Unterschied?

2. Welche Funktion hatte der „gemeyne Kasten“?


4. Bettelei, Wilderei und Bandenkriminalität waren im
17. Jahrhundert vor allem Folgen
der Massenarmut nach dem Dreißigjährigen Krieg.
des Absolutismus.
der Französischen Revolution.
(Mehrfachnennung möglich)
AKG-Images

5. Erzählen Sie in Stichpunkten die Geschichte


des Schinderhannes nach:
© Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung e. V.; Stand: 11/2009

6. Wer arbeitete im 18. Jahrhundert in den Manufakturen?

7. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ war der Schlachtruf


der Bauern, Handwerker und Landarbeiter.
der Beamten, Kaufleute und Tagelöhner.
des „Dritten Standes“.
(Mehrfachnennung möglich)

8. „Schwarz-Rot-Gold“ als Symbol der nationalen und


liberalen Bewegung im 19. Jahrhundert waren
ursprünglich die Farben
der Französischen Revolution.
des Lützowschen Freikorps.
des Wappens der Hambacher Burg.

„Sozialgeschichte“ ist ein Projekt der Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung e. V. in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium
für Arbeit und Soziales zur Wanderausstellung „In die Zukunft gedacht – Bilder und Dokumente zur Deutschen Sozialgeschichte“ des
BMAS. Jeden zweiten Monat erscheinen für die Schule aufbereitete Texte aus dem Ausstellungskatalog mit einem ergänzenden Arbeits-
blatt unter www.sozialpolitik.com/sozialgeschichte.
Arbeitsblatt: 1848 bis 1880
SOZIALGESCHICHTE
Industrielle Revolution
Grundlagentexte zu den Fragen finden Sie im Kapitel „Industrielle Revolution“
(im Internet unter www.sozialpolitik.com/sozialgeschichte).

1. Welche Faktoren trieben die industrielle Revolution 5. Welche Aufgaben übernahmen die neu entstandenen
voran? Innungen und Gewerberäte?

2. Nennen Sie typische Arbeits- und Lohnbedingungen 6. Wie lautete das Rezept der Liberalen für wirtschaft-
in Zeiten der industriellen Revolution. lichen Erfolg?

Erziehung und Bildung


Solidarität und Gleichheit
Freiheit und Brüderlichkeit
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7. Welche Wirtschaftszweige wuchsen in der Auf-


schwungphase nach 1850 in Deutschland besonders?

Lokomotivenbau
Textilwirtschaft
Maschinenbau
Agrarwirtschaft
Gusseisenproduktion
(Mehrfachnennung möglich)
© Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung e. V.; Stand: 11/2009

AKG-Images
Beim Armenarzt

3. Was empfahlen die preußischen Beamten, um die


Massenarbeitslosigkeit zu senken?

Auswanderung
niedrigere Löhne
Schulpflicht verschärfen
Kinderarbeit verbieten
(Mehrfachnennung möglich)

4. Was forderte Franz Joseph Buß in der zweiten badi-


schen Kammer?

Preußische Musterfabrik

„Sozialgeschichte“ ist ein Projekt der Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung e. V. in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium
für Arbeit und Soziales zur Wanderausstellung „In die Zukunft gedacht – Bilder und Dokumente zur Deutschen Sozialgeschichte“ des
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blatt unter www.sozialpolitik.com/sozialgeschichte.
SOZIALGESCHICHTE
Arbeitsblatt: 1848 und die Folgen

Die Arbeiterbewegung entsteht


Grundlagentexte zu den Fragen finden Sie im Kapitel „Die Arbeiterbewegung entsteht“
(im Internet unter www.sozialpolitik.com/sozialgeschichte).

AKG-Images
1. Umschreiben Sie, was mit der „Arbeiterfrage“
(oder auch der „Sozialen Frage“) gemeint war.

2. Mitte des 19. Jahrhunderts standen Kartoffeln und


Brot auf dem Tisch der Arbeiterhaushalte. Ist es wahr,
dass eine Familie mehr als die Hälfte ihres Einkom-
mens für Essen bezahlen musste?
ja
nein
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Revolution: Barrikadenkampf 1848 in Berlin

5. Wie hieß die erste überregionale gewerkschaftliche


Organisation, und wer war ihr Gründer?
© Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung e. V.; Stand: 11/2009

Wohnungsnot: Elendsquartier der Obdachlosen in Berlin


6. Wer gründete den ersten „Allgemeinen Deutschen
3. In den 1830er-Jahren fanden erste öffentliche Debat- Arbeiterverein“ und wann?
ten statt, in denen die miserable Lage der Arbeiter Jean Baptist von Schweitzer, 1868
kritisiert wurde. Wer setzte sich für die Arbeiter ein?
Karl Marx und Friedrich Engels, 1868

Ferdinand Lassalle, 1863

August Bebel und Wilhelm Liebknecht, 1869

4. 1845 wurde die preußische Gewerbeordnung verab- 7. Nennen Sie die vier wichtigsten gewerkschaftlichen
schiedet. Kreuzen Sie an, was danach erlaubt war. Bewegungen des 19. Jahrhunderts:

Arbeitsverträge abzuschließen 1)
Unternehmervereinigungen zu gründen 2)
Arbeitskämpfe zu organisieren 3)
Arbeitsrechte einzufordern 4)

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für Arbeit und Soziales zur Wanderausstellung „In die Zukunft gedacht – Bilder und Dokumente zur Deutschen Sozialgeschichte“ des
BMAS. Jeden zweiten Monat erscheinen für die Schule aufbereitete Texte aus dem Ausstellungskatalog mit einem ergänzenden Arbeits-
blatt unter www.sozialpolitik.com/sozialgeschichte.
Arbeitsblatt: 1871 bis 1889
SOZIALGESCHICHTE
"ndung und Sozialgesetze
Reichsgru
Grundlagentexte zu den Fragen finden Sie im Kapitel „Reichsgründung und Sozialgesetze“
(im Internet unter www.sozialpolitik.com/sozialgeschichte).

1. Am 18. Januar 1871 wurde das Deutsche Reich „von 5. Was war Anlass für die „Kaiserliche Botschaft“?
oben“ gegründet. Was ist damit gemeint, und wer
entschied über die Gründung?

Ausstellungskatalog: In die Zukunft gedacht, BMAS


AKG-Images

Reichsgründung, Spiegelsaal Versailles

2. Wer war erster deutscher Reichskanzler?


Ferdinand Lassalle
© Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung e. V.; Stand: 11/2009

Theodor Lohmann Urkunde „Kaiserliche Botschaft“

Otto von Bismarck


Hermann Schultze-Delitzsch 6. Ordnen Sie die gesetzlichen Sozialversicherungen
dem Jahr ihrer Einführung zu.
3. Welche Funktionen hatten die drei Personen, die in 1889 Krankenversicherung
Frage 2 noch genannt wurden? Recherchieren Sie im
1883 Rentenversicherung
Internet.
1884 Unfallversicherung
a)
b) 7. Welche gesetzlichen Versicherungen umfasst unser
c) heutiges Sozialversicherungssystem?

4. Welches Gesetz steckte hinter dem „Sozialisten- a)


gesetz“, und welches Ziel sollte damit erreicht
b)
werden?
c)

d)

e)

„Sozialgeschichte“ ist ein Projekt der Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung e. V. in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium
für Arbeit und Soziales zur Wanderausstellung „In die Zukunft gedacht – Bilder und Dokumente zur Deutschen Sozialgeschichte“ des
BMAS. Jeden zweiten Monat erscheinen für die Schule aufbereitete Texte aus dem Ausstellungskatalog mit einem ergänzenden Arbeits-
blatt unter www.sozialpolitik.com/sozialgeschichte.
Arbeitsblatt: 1889 bis 1918
SOZIALGESCHICHTE
Wilhelm II. und Erster Weltkrieg
Grundlagentexte zu den Fragen finden Sie im Kapitel „Wilhelm II. und der Erste Weltkrieg“
(im Internet unter www.sozialpolitik.com/sozialgeschichte).

1. Wie stand Kaiser Wilhelm II. zur Innenpolitik des 6. Der Kriegsausbruch am 1. August 1914 wurde von
Reichskanzlers Bismarck? Welche Pläne verfolgte er Volk und Politikern begrüßt. Selbst die Sozialdemo-
selbst? kraten stimmten den Kriegsanleihen zu. Was veran-
lasste die Regierung als Ausgleich dafür?

2. Am 20. März 1890 wurde Bismarck als Reichskanzler 7. Während der Kriegsjahre erlangten die Gewerkschaf-
entlassen. Nennen Sie die wichtigsten Gründe. ten eine besondere Bedeutung und wichtige Aufga-
ben fielen ihnen zu. Welche sind gemeint?

Sie übernahmen politische und gesellschaftliche


Verantwortung.
AKG-Images

Sie wurden als Berater in sozialen Einrichtungen


und zu Polizeidiensten herangezogen.
In vielen Gewerbezweigen wurden Arbeitsgemein-
schaften von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerver-
bänden gebildet.
(Mehrfachnennung möglich)

8. Mit welchem Gesetz, das 1916 verabschiedet wurde,


waren Gewerkschaften offiziell als gleichberechtigte
Arbeitsunfall in einer Maschinenfabrik, 1889 Verhandlungspartner der Arbeitgeber anerkannt?

3. Ergänzen Sie den Text:


Am _________________ wird das ______________________________________ verab-
schiedet. Ab jetzt dürfen ___________________________ nicht mehr
in Fabriken beschäftigt werden. Für ______________________________

Ausstellungskatalog: In die Zukunft gedacht, BMAS


ist die Arbeitszeit auf zehn Stunden, für Frauen auf
© Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung e. V.; Stand: 11/2009

_________________ täglich begrenzt. Erstmals gibt es die

Möglichkeit freiwilliger ____________________________________________ im


Betrieb.

4. Wie versuchte der Kaiser, die „Soziale Frage“ zu lösen


und die Arbeiter in den Staat zu integrieren?
Wo lagen die Probleme dieser Politik?

5. Was regelte die Reichsversicherungsordnung von


1911? Nennen Sie vier wichtige Inhalte und Aufgaben:
a)
b)
c)
d) Reichsversicherungsordnung von 1911

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BMAS. Jeden zweiten Monat erscheinen für die Schule aufbereitete Texte aus dem Ausstellungskatalog mit einem ergänzenden Arbeits-
blatt unter www.sozialpolitik.com/sozialgeschichte.
Arbeitsblatt: 1919 bis 1933
SOZIALGESCHICHTE
Weimarer Republik
Grundlagentexte zu den Fragen finden Sie im Kapitel „Weimarer Republik“
(im Internet unter www.sozialpolitik.com/sozialgeschichte).

1. Wie hieß 5. Welches Gesetz zählte zu den bedeutendsten sozial-


a) der letzte monarchische Reichskanzler und politischen Leistungen der Weimarer Republik, und
b) der erste Reichspräsident der Weimarer Republik? wann trat es in Kraft?
(Für Extraschlaue: Ordnen Sie alle Gesetze den Jahren zu, in
a) denen sie in Kraft getreten sind)
b)
Krankenversicherungsgesetz 1927
Ausstellungskatalog BMAS

Unfallversicherungsgesetz 1923
Arbeitslosenversicherungsgesetz
1883
Invaliditäts- und Alters-
versicherungsgesetz 1884
Rentenversicherungsgesetz der
Arbeiter im Bergbau 1889

Reichstag Weimar, 1919 6. Eine Inflation bestimmte die wirtschaftliche Situation


der ersten Jahre der Weimarer Republik.
2. Welche Besonderheiten hatte die erste Wahl a) Was waren die Auslöser für die Geldentwertung?
der Nationalversammlung, die am 19. Januar 1919
stattfand? Nennen Sie fünf Merkmale.
b) Wie wurde die Wirtschaft wieder in Schwung
gebracht?

3. Warum galt die Verfassung vom 11. August 1919 als


AKG-Images

Kompromiss? Welche Folgen hatte das für die Regie-


© Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung e. V.; Stand: 11/2009

rungspraxis nach 1930?

4. Welche sozialpolitischen Maßnahmen und Gesetze


leitete die Regierung der neuen Republik ein?

Hauszinssteuer zur Finanzierung neuer Wohnungen


Verstaatlichung des Gesundheitswesens Inflation: Kinder spielen
Arbeitsgerichtsgesetz für alle Arbeitsrechtsstrei- mit wertlosen Geldscheinen, 1923
tigkeiten
Acht-Stunden-Tag 7. Nennen Sie Gründe für das Scheitern der Weimarer
Republik:
Verbot des Arbeitsplatzwechsels
Ausbau der Krankenversicherung
(Mehrfachnennung möglich)

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BMAS. Jeden zweiten Monat erscheinen für die Schule aufbereitete Texte aus dem Ausstellungskatalog mit einem ergänzenden Arbeits-
blatt unter www.sozialpolitik.com/sozialgeschichte.
SOZIALGESCHICHTE
Arbeitsblatt: 1933 bis 1945

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg


Grundlagentexte zu den Fragen finden Sie im Kapitel „Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg“
(im Internet unter www.sozialpolitik.com/sozialgeschichte).

1. Wann wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler 6. Das NS-Regime erreichte mit seiner Arbeitsmarkt-
ernannt? politik Ende der 1930er-Jahre die Vollbeschäftigung.
Mit welchen Maßnahmen konnte die Arbeitslosen-
am ________. ________ . ________________
zahl so massiv gesenkt werden?

2. Nennen Sie drei wichtige Schritte auf dem Weg zur mit der Einführung des Reichsarbeitsdienstes für
Alleinherrschaft (Diktatur) Hitlers. junge Leute

1. mit Zwangsarbeitsbeschaffungsmaßnahmen für


Arbeitslose
2.
mit der Schaffung von Arbeitsplätzen in der
3.
Rüstungsindustrie
mit Ehestandsdarlehen für Frauen
3. Der 1. Mai ist ein traditioneller ______________________________________
den die ________________________________________________ mit Hilfe der Gewerkschaften, die verstärkt
seit dem Jahr ___________________________________ Fortbildungsmaßnahmen einführten
jährlich feiert. Das NS-Regime _____________________________________ mit Lohnerhöhungen für alle Arbeitnehmer in der
diesen Tag zum ___________________________________________________ . Rüstungsindustrie
mit Arbeitsverboten für junge Menschen zugunsten
4. Was ist mit Gleichschaltung gemeint? Erklären Sie
arbeitsloser Väter
diesen Begriff am Beispiel der Gewerkschaften.
(Mehrfachnennung möglich)

Ausstellungskatalog: In die Zukunft gedacht, BMAS


5. Welche neue Volks- und Arbeiterorganisation wurde
im Jahr 1933 gegründet? Nennen Sie fünf Beispiele
für ihre Aufgaben und Ziele.
© Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung e. V.; Stand: 11/2009

AKG-Images

Propagandaplakat
zur Unfallverhütung

7. Versicherte Kranke hatten seit Einführung der Kran-


kenversicherung ohne Vorbehalt Anspruch auf Behand-
lung. Was änderte sich mit den Nationalsozialisten?

Propagandaplakat
„Reichsarbeitsdienst“,
1938

„Sozialgeschichte“ ist ein Projekt der Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung e. V. in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium
für Arbeit und Soziales zur Wanderausstellung „In die Zukunft gedacht – Bilder und Dokumente zur Deutschen Sozialgeschichte“ des
BMAS. Jeden zweiten Monat erscheinen für die Schule aufbereitete Texte aus dem Ausstellungskatalog mit einem ergänzenden Arbeits-
blatt unter www.sozialpolitik.com/sozialgeschichte.
Arbeitsblatt: Kinderarbeit
SOZIALGESCHICHTE
Von der Ausbeutung zum Kinder-
und Jugendschutz
Grundlagentexte zu den Fragen finden Sie im Kapitel „Von der Ausbeutung zum Kinder- und Jugendschutz“
(im Internet unter www.sozialpolitik.com/sozialgeschichte).

1. Kinderarbeit war bereits seit dem 15. Jahrhundert 5. Seit 1794 bestand zwar eine allgemeine Schulpflicht,
üblich. Was waren die Gründe dafür? Weshalb wurde doch wurde sie nicht eingehalten, weil
sie auch von den Behörden unterstützt? es an Schulen mangelte.
es zu wenig Lehrkräfte gab.
die Fabrikanten bestimmten, wann Unterricht
stattfand.
2. Mit welchem Alter galt ein Kind als ausreichend ent- viele Kinder für das Überleben ihrer Familien
wickelt, um arbeiten gehen zu können? mitverantwortlich waren und deshalb nicht zur
drei Jahren Schule gehen konnten.
(Mehrfachnennung möglich)
sieben Jahren

AKG-Images
sechs Jahren
fünf Jahren

3. Wo arbeiteten Kinder in der Zeit vom 16. bis Ende des


18. Jahrhunderts hauptsächlich und unter welchen
Arbeitsbedingungen (Arbeitszeiten, Tätigkeiten)?
AKG-Images
© Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung e. V.; Stand: 11/2009

Schulinspektion im 19. Jahrhundert


6. Wie hieß das erste Kinderschutzgesetz?
Nennen Sie zwei wichtige Bestandteile.

7. Was ist nach der Neuregelung des Jugendarbeits-


schutzgesetzes nicht erlaubt?

Sieben-Tage-Woche
Kinderarbeit in einer Spinnerei
40 Stunden wöchentliche Arbeitszeit
Über 15-jährige Vollzeitschulpflichtige dürfen in
4. Im 19. Jahrhundert arbeiteten viele Kinder in ____________________, den Schulferien arbeiten.
dort vor allem in der ____________________________________________. Ein normaler Zwölfjährige dürfen als Job Zeitungen austragen.
Arbeitstag hatte bis zu ______________________________ Stunden. Auf
Grundsätzlich gilt ein Beschäftigungsverbot für
________________________________________________________ _____ konnten Kinder für Hilfs-
Jugendliche unter 15 Jahren.
arbeiten ausgesucht werden.
(Mehrfachnennung möglich)

„Sozialgeschichte“ ist ein Projekt der Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung e. V. in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium
für Arbeit und Soziales zur Wanderausstellung „In die Zukunft gedacht – Bilder und Dokumente zur Deutschen Sozialgeschichte“ des
BMAS. Jeden zweiten Monat erscheinen für die Schule aufbereitete Texte aus dem Ausstellungskatalog mit einem ergänzenden Arbeits-
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Arbeitsblatt: Die soziale Situation der Frau
SOZIALGESCHICHTE
Frauenarbeit, Frauenfrage, Frauenbewegung
Grundlagentexte zu den Fragen finden Sie im Kapitel „Frauenarbeit, Frauenfrage, Frauenbewegung“
(im Internet unter www.sozialpolitik.com/sozialgeschichte).

1. Für proletarische und bürgerliche Frauen gab es im 5. Die ersten Frauenvereinigungen hatten, bevor sie
19. Jahrhundert klare Bestimmungen in der Arbeits- später frauenpolitische Ziele verfolgten, zunächst
welt. Welche waren das? ein anderes Ziel. Welches?

6. Wer gründete den „Allgemeinen Deutschen Frauen-


verein“ im Jahr 1865?
2. Was bedeutete das Rollenmodell „natürlicher Ge-
schlechtscharakter“ für die Frau? Clara Zetkin
Das war das Rollenbild der Proletarierinnen Auguste Schmidt
im 19. Jahrhundert.
Alice Lassalle
Frauen waren weder autonome noch mündige
Louise Otto-Peters
Wesen.
(Mehrfachnennung möglich)
Der Ehemann bestimmte über die Frau.
Ehefrau und Mutter 7. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es
zwei Richtungen in der Frauenbewegung.
Frau im Haus, Mann in der Öffentlichkeit
Nennen Sie diese:
(Mehrfachnennung möglich)
1)
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2)
AKG-Images
© Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung e. V.; Stand: 11/2009

Heimarbeit: Anfertigung von Knallbonbons

3. Beschreiben Sie die „Frauenfrage“ im 19. Jahrhundert:

Plakat zur
Frauen-Versammlung
am 8. März 1914

4. In welchen Bereichen fanden Frauen im 19. Jahrhun-


dert Arbeit? 8. Welches Jahr gilt als die Geburtsstunde des Frauen-
wahlrechts, und wann wählten Frauen das erste Mal?
Geburtsjahr des Frauenwahlrechts
Erste Wahl, an der Frauen
aktiv und passiv teilnehmen konnten

„Sozialgeschichte“ ist ein Projekt der Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung e. V. in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium
für Arbeit und Soziales zur Wanderausstellung „In die Zukunft gedacht – Bilder und Dokumente zur Deutschen Sozialgeschichte“ des
BMAS. Jeden zweiten Monat erscheinen für die Schule aufbereitete Texte aus dem Ausstellungskatalog mit einem ergänzenden Arbeits-
blatt unter www.sozialpolitik.com/sozialgeschichte.
Lösungen

" ttern
Antworten zu den ArbeitsblA

Arbeitsblatt: 15. bis 19. Jahrhundert – 3. Empfehlungen der preußischen Beamten, um die Massen-
Reformen und Rebellen arbeitslosigkeit zu senken:
Auswanderung, Schulpflicht verschärfen
1. Im Mittelalter kümmerten sich traditionell um die Armen,
Alten und Kranken: 4. Forderungen von Franz Joseph Buß:
Die Familie sowie Kirchen und Klöster, z. B. mit Armenfür- Kinderarbeit einschränken, Arbeitszeit für Erwachsene auf 14
sorge und der Gründung von Hospitälern. Stunden begrenzen;
und: Er regte an, die Arbeitsverhältnisse in den Fabriken
2. Funktion des „gemeynen Kastens“: gesetzlich zu regeln und durch ein Arbeits- und Wirtschafts-
Der von Martin Luther eingeführte „gemeyne Kasten“ war ministerium zu überwachen.
eine Sozialkasse, in die Geld eingezahlt wurde, um die
Armen zu unterstützen. 5. Aufgaben der Innungen und Gewerberäte:
Handwerker unterstützen, Lehrlingsausbildung überwachen,
3. Unterschied zwischen Arbeitsunfähigen und Arbeitsunwilli- Kranken-, Hilfs-, Sterbe- und Sparkassen verwalten, Witwen
gen bei der Frage der Fürsorge: und Waisen der Innungsmitglieder unterstützen, Gewerbe-
Diejenigen, die nicht arbeiten konnten, sollten besser ver- ordnung festlegen und überwachen, Arbeitszeiten über-
sorgt werden; diejenigen, die nicht arbeiten wollten, sollten wachen, Arbeitskonflikte und Lohnstreitigkeiten schlichten,
zur Arbeit gezwungen werden. Gesellen- und Meisterprüfungen abhalten

4. Bettelei, Wilderei und Bandenkriminalität waren im 17. Jahr- 6. Rezept der Liberalen für wirtschaftlichen Erfolg:
hundert vor allem Folgen Erziehung und Bildung
der Massenarmut nach dem Dreißigjährigen Krieg und des
Absolutismus. 7. Besonders wachsende Wirtschaftszweige nach 1850 in
Deutschland waren:
5. Geschichte des Schinderhannes in Stichpunkten: Lokomotivenbau, Textilwirtschaft, Maschinenbau, Gussei-
Richtiger Name: Johannes Bückler; lebte als Räuberhaupt- senproduktion.
mann im 18. Jahrhundert; Diebstähle, Straßenraub, Erstür-
mung von Häusern, Erpressungen; lernt seine Frau kennen; Arbeitsblatt: 1848 und die Folgen –
wird gesucht und verfolgt, gefasst; geht zur Armee, um der Die Arbeiterbewegung entsteht
Haftstrafe zu entkommen; wird jedoch entlarvt und vor Ge-
richt gebracht; schließlich zum Tode verurteilt. 1. Mit der „Arbeiterfrage“ (oder auch der „Sozialen Frage“) war ge-
(Informationen im Internet z. B. unter: Hunsrück-Museum, meint:
www.hunsrueck-museum.de, Rubrik „Schinderhannes“ oder die miserable soziale und gesellschaftliche Lage – Leben am
Die Welt online > Wissen > History „Das blutige Ende des Schin- Rande des Existenzminimums – der Arbeiter und Familien,
derhannes“, www.welt.de/wissenschaft/history/article919494/ die mit der Industrialisierung einherging.
Das_blutige_Ende_des_Schinderhannes.html)
2. Mitte des 19. Jahrhunderts standen Kartoffeln und Brot auf
6. Im 18. Jahrhundert arbeiteten in den Manufakturen vor allem dem Tisch der Arbeiterhaushalte. Ist es wahr, dass eine Familie
Handwerker, Kleinbauern und Arbeiter. mehr als die Hälfte ihres Einkommens für Essen bezahlen
musste?
7. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ war der Schlachtruf ja
des „Dritten Standes“, zu dem Bauern, Handwerker und
Landarbeiter sowie Beamte, Kaufleute und Tagelöhner ge- 3. In den 1830er-Jahren setzten sich für die Arbeiter ein:
hörten. einige Unternehmer, sozial eingestellte Bürger und Intellek-
tuelle.
8. „Schwarz-Rot-Gold“ als Symbol der nationalen und liberalen
Bewegung im 19. Jahrhundert waren ursprünglich die Farben 4. Nach der preußischen Gewerbeordnung von 1845 war es er-
des Lützowschen Freikorps. laubt,
Arbeitsverträge abzuschließen.

Arbeitsblatt: 1848 bis 1880 – Industrielle Revolution 5. Die erste überregionale gewerkschaftliche Organisation hieß
„Allgemeine deutsche Arbeiterverbrüderung“; ihr Gründer
1. Faktoren, die die industrielle Revolution vorantrieben, waren war Stephan Born.
Maschinen und andere technische Erfindungen, der Fort-
schritt in Hygiene und Medizin sowie die wachsende Nah- 6. Den ersten „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“ gründete
rungsmittelproduktion. Ferdinand Lassalle 1863.

2. Typische Arbeits- und Lohnbedingungen in Zeiten der indus- 7. Die vier wichtigsten gewerkschaftlichen Bewegungen des
triellen Revolution: 19. Jahrhunderts waren
arbeiten täglich zwölf bis dreizehn Stunden oder länger; fast 1) Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein
militärischer Disziplin unterworfen; immer die gleichen 2) Sozialdemokratische Arbeiterpartei
Handgriffe; dunkle, überfüllte, staubige, laute Hallen; kein 3) Hirsch-Duncker’sche Gewerkvereine
Arbeitsschutz oder -recht; niedrige Löhne; wer Fehler mach- 4) Christlich-soziale Arbeitervereine
te, musste mit Lohnabzug rechnen; Kinderarbeit

51
Arbeitsblatt: 1871 bis 1889 – 3. Ergänzen Sie den Text:
Reichsgründung und Sozialgesetze Am 1. Juni 1891 wird das Arbeiterschutzgesetz verabschiedet.
Ab jetzt dürfen Kinder nicht mehr in Fabriken beschäftigt wer-
1. Reichsgründung von „von oben“ bedeutete: den. Für Jugendliche bis 16 Jahren ist die Arbeitszeit auf zehn
Die deutschen Fürsten entschieden alleine darüber, ihre Län- Stunden, für Frauen auf elf Stunden täglich begrenzt. Erstmals
der zu einem Bundesstaat zusammenzuschließen, ohne das gibt es die Möglichkeit freiwilliger Arbeitnehmervertretungen
Volk zu beteiligen. im Betrieb.

4. Wie versuchte der Kaiser, die „Soziale Frage“ zu lösen und die
2. Der erste deutsche Reichskanzler war Arbeiter in den Staat zu integrieren? Wo lagen die Probleme
Otto Fürst von Bismarck. dieser Politik?
Der Kaiser versuchte, die „Soziale Frage“ mit staatlicher Für-
3. Die Funktionen der drei Personen, die in Frage 2 genannt wur- sorge zu lösen. Diese Reformen führten jedoch nicht dazu,
den: dass sich die Arbeiterschaft von den Sozialdemokraten ab-
Ferdinand Lassalle: Gründer des Allgemeinen Deutschen Ar- wandte und auf die Seite des Staates stellte. Daraufhin ver-
beitervereins (1863) suchte er, die sozialdemokratischen Bestrebungen mit Re-
Theodor Lohmann: erst engster sozialpolitischer Mitarbeiter pressionen und Verboten einzudämmen. Er erkannte nicht,
und Berater Bismarcks, später Gegner staatlicher Bevormun- dass die neu entstandene Arbeiterklasse in den Staat inte-
dung und aktiver Befürworter des Linksliberalismus (zweite griert werden musste. Forderungen nach einer parlamentari-
Hälfte des 19. Jahrhunderts) schen Demokratie, die die kaiserlichen Rechte schmälerte
Hermann Schultze-Delitzsch: Sozialpolitiker, Linksliberaler, und die der gewählten Volksvertretung erweiterte, wies er
(Mit-)Gründer von genossenschaftlichen Vereinen (1850er- entschieden zurück.
Jahre), u. a. Hirsch-Dunker’scher Gewerkverein
5. Was regelte die Reichsversicherungsordnung vom 30. Mai 1911?
(Informationen im Internet z. B. unter: Deutsches Historisches
Nennen Sie vier wichtige Inhalte und Aufgaben:
Museum > LeMO, www.dhm.de/lemo/html/biografien/Lassal-
a) Die einzelnen Sozialversicherungsgesetze wurden in
leFerdinand/index.html; Friedrich-Ebert-Stiftung > Bibliothek,
einem Gesetz zusammengefasst.
www.fes.de/fulltext/historiker/00761001.htm; Mitteldeutscher
b) Sie regelte die einheitliche Gestaltung der Versicherungs-
Genossenschaftsverband, www.mgv-info.de; Kirchenlexikon,
behörden.
www.kirchenlexikon.de)
c) Sie schrieb vor, dass Versicherungsämter eingerichtet und
diese paritätisch von Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite
4. Ziele des „Sozialistengesetzes“:
aus besetzt werden mussten.
Mit dem„Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen
d) Sie regelte die Hinterbliebenenversorgung für Witwen und
der Sozialdemokratie“ wurden sozialistische Parteien und
Waisen.
Gewerkschaften verboten, um vor allem die Arbeiterbewe-
gung zu unterdrücken und im Zuge dessen auch die freie 6. Der Kriegsausbruch am 1. August 1914 wurde von Volk und Po-
Presse. litikern begrüßt. Selbst die Sozialdemokraten stimmten den
Kriegsanleihen zu. Was veranlasste die Regierung als Ausgleich
5. Anlass für die „Kaiserliche Botschaft“ war, dafür?
dass Bismarck mit einer staatlichen Lösung der „Sozialen Sie hob die Diskriminierung der Sozialdemokraten offiziell auf.
Frage“ die protestierenden Arbeiter mit dem Staat versöhnen
wollte. 7. Während der Kriegsjahre erlangten die Gewerkschaften eine
besondere Bedeutung und wichtige Aufgaben fielen ihnen zu.
6. Sozialversicherungen nach dem Jahr ihrer Einführung: Welche sind gemeint?
1883 Krankenversicherung Sie übernahmen politische und gesellschaftliche Verantwor-
1884 Unfallversicherung tung.
1889 Rentenversicherung Sie wurden als Berater in sozialen Einrichtungen und zu Po-
lizeidiensten herangezogen.
7. Unser heutiges Sozialversicherungssystem: In vielen Gewerbezweigen wurden Arbeitsgemeinschaften
a) Krankenversicherung von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbänden gebildet.
b) Unfallversicherung
c) Rentenversicherung 8. Mit welchem Gesetz, das 1916 verabschiedet wurde, waren Ge-
d) Arbeitslosenversicherung werkschaften offiziell als gleichberechtigte Verhandlungspart-
e) Pflegeversicherung ner der Arbeitgeber anerkannt?
mit dem Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst
Arbeitsblatt: 1889 bis 1918 –
Arbeitsblatt: 1918 bis 1933 –
Wilhelm II. und Erster Weltkrieg
Weimarer Republik
1. Wie stand Kaiser Wilhelm II. zur Innenpolitik des Reichskanz-
1. Wie hieß a) der letzte monarchische Reichskanzler und b) der
lers Bismarck? Welche Pläne verfolgte er selbst?
erste Reichspräsident der Weimarer Republik?
Kaiser Wilhelm II. wollte sich Bismarcks Innenpolitik nicht
a) Max von Baden, b) Friedrich Ebert
unterordnen, denn er hatte dazu eigene Pläne. Er wollte vor
allem den Arbeiterschutz ausbauen. Wie Bismarck hatte aber 2. Welche Besonderheiten hatte die erste Wahl der Nationalver-
auch er mit dieser Strategie vor, die Arbeiter von den Ideen sammlung, die am 19. Januar 1919 stattfand? Nennen Sie fünf
der Sozialdemokraten abzubringen und sie für die bestehen- Merkmale.
de Staatsordnung zu begeistern. Die Nationalversammlung wurde in einer (1) freien, (2) glei-
chen, (3) geheimen und (4) direkten Wahl gewählt, an der (5)
2. Am 20. März 1890 wurde Bismarck als Reichskanzler entlassen. erstmals auch Frauen teilnehmen durften.
Nennen Sie die wichtigsten Gründe.
Kaiser Wilhelms II. Pläne zur Erweiterung des Arbeitsschut- 3. Warum galt die Verfassung vom 11. August 1919 als Kompromiss?
zes lehnte Bismarck aus wirtschaftlichen Gründen ab. Das Welche Folgen hatte das für die Regierungspraxis nach 1930?
von ihm erarbeitete Sozialistengesetz von 1878 wurde 1890 Die Verfassung war ein Kompromiss zwischen sozialisti-
aufgehoben, was Bismarcks Stellung ebenfalls schwächte. schen und bürgerlichen Parteien. Der parlamentarischen De-
Die Differenzen zwischen Kaiser und Kanzler nahmen zu. Es mokratie stand als Gegengewicht der vom Volk gewählte
kam zur Entlassung. Reichspräsident gegenüber, der als „Ersatzmonarch“ für Not-
zeiten des Staates besondere Vollmachten erhielt.

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4. Welche sozialpolitischen Maßnahmen und Gesetze leitete die 5. Welche neue Volks- und Arbeiterorganisation wurde im Jahr
Regierung der neuen Republik ein? 1933 gegründet? Nennen Sie fünf Beispiele für ihre Aufgaben
Hauszinssteuer zur Finanzierung neuer Wohnungen, und Ziele.
Arbeitsgerichtsgesetz für alle Arbeitsrechtsstreitigkeiten, Deutsche Arbeitsfront (DAF): Sie war eine Zwangsgemein-
Acht-Stunden-Tag, Ausbau der Krankenversicherung schaft von Arbeitern, Angestellten und Unternehmern. Freie
Meinungsbildung oder Abstimmungen zwischen den Mit-
5. Welches Gesetz zählte zu den bedeutendsten sozialpolitischen gliedern gab es dort nicht. Hauptaufgabe der DAF war die be-
Leistungen der Weimarer Republik, und wann trat es in Kraft? triebliche Sozialpolitik, mit der die Menschen für den natio-
das Arbeitslosenversicherungsgesetz im Jahr 1927 nalsozialistischen Staat gewonnen werden sollten: Sie
weitere Gesetze: organisierte unter anderem Sport- und Kulturveranstaltun-
1883 Krankenversicherungsgesetz gen, kümmerte sich um die Arbeitsplatzbedingungen (wie
1884 Unfallversicherungsgesetz Belüftung, Beleuchtung), regelte den Bau von betrieblichen
1889 Invaliditäts- und Altersversicherungsgesetz Einrichtungen (wie Werkswohnungen, Sportplätze, Kanti-
1923 Rentenversicherungsgesetz der Arbeiter im Bergbau nen) und organisierte Urlaubsreisen und Wettbewerbe (Frei-
zeitorganisation KdF).
6. Eine Inflation bestimmte die wirtschaftliche Situation der ers-
ten Jahre der Weimarer Republik. 6. Das NS-Regime erreichte mit seiner Arbeitsmarktpolitik Ende
a) Was waren die Auslöser für die Geldentwertung? der 1930er-Jahre die Vollbeschäftigung. Mit welchen Maßnah-
Kriegsanleihen, Reparationszahlungen, soziale Leistungen men konnte die Arbeitslosenzahl so massiv gesenkt werden?
für Kriegsopfer Ein verpflichtender Arbeitsdienst für junge Leute wurde ein-
b) Wie wurde die Wirtschaft wieder in Schwung gebracht? geführt.
Währungsreform, Dawes-Plan, ausländische Kredite Es gab Zwangsarbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Arbeits-
lose.
7. Nennen Sie Gründe für das Scheitern der Weimarer Republik: In der Rüstungsindustrie wurden Arbeitsplätze geschaffen.
Die große Koalition konnte keine Einigung über die Sanie- Frauen sollten aus dem Erwerbsmarkt herausgedrängt wer-
rung der Arbeitslosenversicherung erzielen: Die SPD wollte den, zum Beispiel mit Ehestandsdarlehen.
die Beiträge von Arbeitgebern und Arbeitnehmern erhöhen, Junge Menschen mussten ihre Arbeitsplätze zugunsten
die Deutsche Volkspartei wollte die Leistungen senken. Da arbeitsloser Väter aufgeben.
die Regierung keine parlamentarische Mehrheit hatte, wurde
dazu eine Notverordnung erlassen. Weitere Notverordnun- 7. Versicherte Kranke hatten seit Einführung der Krankenver-
gen folgten. Angst, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit trie- sicherung ohne Vorbehalt Anspruch auf Behandlung. Was än-
ben die Wählerinnen und Wähler schließlich in die Arme der derte sich mit den Nationalsozialisten?
Nationalsozialisten, die im Jahr 1933 die Regierung übernah- Es gab zwar keine Gesetzesänderung, aber Krankheit galt im
men. Nationalsozialismus als ein persönliches Versagen, das durch
gesundheitsbewusste Lebensführung vermieden werden kann.
Laut Gesundheitsbuch der NSDAP hatte jeder Deutsche „die
Arbeitsblatt: 1933 bis 1945 – Pflicht, so zu leben, dass er gesund und arbeitsfähig bleibt“.
Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
Arbeitsblatt: Kinderarbeit –
1. Wann wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt?
am 30. Januar 1933 Von der Ausbeutung zum Kinder- und Jugendschutz

2. Nennen Sie drei wichtige Schritte auf dem Weg zur Alleinherr- 1. Gründe für Kinderarbeit und weshalb sie auch von den Behör-
schaft (Diktatur) Hitlers. den unterstützt wurde:
1. „Notverordnung zum Schutz von Volk und Staat“ (Reichs- Die Armut zwang alle Familienmitglieder, arbeiten zu gehen.
tagsbrandverordnung) vom 28. Februar 1933: Die Behörden wollten nicht, dass die Kinder verwahrlosen,
Wichtige Grundrechte der Weimarer Reichsverfassung (zum und unterstützten daher die Kinderarbeit.
Beispiel Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Postge-
heimnis) wurden außer Kraft gesetzt, und die persönliche 2. Ein Kind galt im 16. Jahrhundert ab einem Alter von sieben Jah-
Freiheit des Einzelnen wurde eingeschränkt. ren als ausreichend entwickelt, um arbeiten gehen zu können.
2. „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Staat“ (Er-
mächtigungsgesetz) vom 23. Januar 1933: Der Reichstag ver- 3. Kinder arbeiteten vom 16. bis Ende des 18. Jahrhunderts haupt-
zichtete auf seine Kontrollrechte gegenüber der Regierung sächlich
und gab damit den Weg zur „Gleichschaltung“ von Staat, in der Landwirtschaft oder im Hausgewerbe und das bis zu
Wirtschaft und Gesellschaft frei. zwölf Stunden am Tag. In Arbeitsanstalten für Waisen be-
3. Nach dem Tod Paul von Hindenburgs am 2. August 1934 gann der Arbeitstag für die Kinder meist schon um vier Uhr
übernahm der Reichskanzler Hitler auch das Amt des Reichs- morgens und dauerte bis neun Uhr abends.
präsidenten.
4. Im 19. Jahrhundert arbeiteten viele Kinder in Fabriken, dort vor
3. Der 1. Mai ist ein traditioneller Arbeiter-Kampftag, den die allem in der Textilindustrie. Ein normaler Arbeitstag hatte bis
Arbeiterbewegung seit dem Jahr 1889 jährlich feiert. Das NS- zu 16 Stunden. Auf Kindermärkten konnten Kinder für Hilfs-
Regime erklärte diesen Tag zum gesetzlichen Feiertag. arbeiten ausgesucht werden.

4. Was ist mit „Gleichschaltung" gemeint? Erklären Sie diesen 5. Seit 1794 bestand eine allgemeine Schulpflicht, doch wurde sie
Begriff am Beispiel der Gewerkschaften. nicht eingehalten, weil
Die Idee einer selbstständigen Interessenvertretung der Ar- es an Schulen mangelte, es zu wenig Lehrkräfte gab, die Fa-
beitnehmer passte nicht in Hitlers Ideologie von der „Volks- brikanten bestimmten, wann Unterricht stattfand, viele Kin-
gemeinschaft“, in der alle Berufsgruppen zusammen ein ge- der für das Überleben ihrer Familien mitverantwortlich
meinsames Ziel haben sollten: zum „Gemeinwohl“ im Sinne waren und deshalb nicht zur Schule gehen konnten.
der Nationalsozialisten beitragen. Unterschiede zwischen
den Berufsgruppen waren unerwünscht. Die Gewerkschaften 6. Das erste Kinderschutzgesetz hieß:
wurden aufgelöst und Arbeiter, Angestellte sowie Unterneh- „Regulativ über die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter in
mer in einer Organisation zusammengefasst, die in den na- Fabriken“.
tionalsozialistischen Staat integriert und nach dessen Zielen Zwei wichtige Bestandteile daraus:
ausgerichtet wurde.

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1) Kinder durften erst ab Vollendung des neunten Lebensjah- sahen. Frauen hatten keinerlei Rechte, weder zu Hause, noch
res arbeiten. in der Gesellschaft. Die Proletarierinnen erlebten als erste
2) Kinder durften nicht länger als zehn Stunden zwischen Frauen die Doppelbelastung von Beruf und Familie.
fünf Uhr morgens und neun Uhr abends arbeiten.
4. Arbeit fanden Frauen im 19. Jahrhundert meist als
7. Was nach dem Jugendarbeitsschutzgesetz nicht erlaubt ist: Heimarbeiterinnen oder Fabrikarbeiterinnen in der Textil-
Sieben-Tage-Woche; Zwölfjährige dürfen als Job Zeitungen oder Tabakindustrie, aber auch in Bergwerken, im Bauhand-
austragen. werk und als Lastenträgerinnen. Mädchen vom Land fanden
oft bei bürgerlichen Familien als Dienstmädchen oder
Ammen eine Stellung.
Arbeitsblatt: Die soziale Situation der Frau –
Frauenarbeit, Frauenfrage, Frauenbewegung 5. Bevor sie frauenpolitische Ziele verfolgten, war das Ziel der ers-
ten Frauenvereinigungen,
1. Die Bestimmung der proletarischen und bürgerlichen Frauen Armen und Kranken zu helfen.
in der Arbeitswelt im 19. Jahrhundert war,
dass Frauen der unteren Schicht arbeiten mussten, bürgerli- 6. Den „Allgemeinen Deutschen Frauenverein“ gründeten 1865
che Frauen hingegen nicht arbeiten durften. Louise Otto-Peters und Auguste Schmidt.

2. Das Rollenmodell „natürlicher Geschlechtscharakter“ für die 7. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es zwei Rich-
Frau bedeutete: tungen in der Frauenbewegung:
Frauen waren weder autonome noch mündige Wesen. Der 1) bürgerliche Frauenbewegung
Ehemann bestimmte über die Frau. Sie war vor allem Ehefrau 2) proletarische Frauenbewegung
und Mutter. Die Frau blieb im Haus, der Mann ging in die
Öffentlichkeit. 8. Die Geburtsstunde des Frauenwahlrechtes war im Jahr
1918.
3. Die „Frauenfrage“ im 19. Jahrhundert: Das erste Mal durften Frauen wählen
Frauen verdienten bei gleicher Arbeit einen Bruchteil vom am 19. Januar 1919 bei der Wahl zur Nationalversammlung.
Lohn der Männer. Als billige Arbeitskräfte standen sie in
Konkurrenz zu den Männern, die ihre Arbeitsplätze bedroht

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Notizen

Eigene Stichworte und Ideen


Sozialgeschichte – Ein Arbeitsheft für die Schule
kostenlos bestellen beim:

Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Referat Information, Publikation, Redaktion, 53107 Bonn

Best.-Nr.: A 204 Gehörlosen-/Hörgeschädigten-Service:


Telefon: 0180 51 51 510* E-Mail: info.gehoerlos@bmas.bund.de
Telefax: 0180 51 51 511* Schreibtelefon: 01805 67 67 16*
Schriftlich: an BMAS Fax: 01805 67 67 17*
E-Mail: info@bmas.bund.de Gebärdentelefon: gebaerdentelefon@sip.bmas.buergerservice-bund.de
Internet: www.bmas.de

* Festpreis 14 Cent/Min. – abweichende/andere Preise aus den Mobilfunknetzen möglich.

Ausstellung – In die Zukunft gedacht


Bilder und Dokumente zur Deutschen Sozialgeschichte

Die Wanderausstellung zeigt anhand von Bildern, Filmen und anderen


Zeitdokumenten die Deutsche Sozialgeschichte vom Mittelalter bis
heute. Besonders Schulklassen sind auf der kostenlosen Ausstellung
willkommen.

Ergänzend werden Einzelthemen wie Kinderarbeit, Auswanderung


und die soziale Situation der Frau gezeigt. Zusätzlich zur Zeitgeschich-
te richtet die Ausstellung den Fokus auf die Entwicklung der Arbeits-
und Sozialpolitik nach 1949.

Weitere Infos und Materialien gibt es beim Bundesministerium für


Arbeit und Soziales: www.ausstellung.bmas.de.

Sozialpolitik – Schutz, Gerechtigkeit, Sicherheit


Medienpaket für die Schule

„Sozialpolitik“ ist ein kostenloses Medienpaket für den Unterricht in den


Klassen 9 bis 12/13 an allgemein bildenden sowie Klassen an berufsbil-
denden Schulen und für das Selbststudium. Die Materialien führen in
das Thema soziale Sicherung ein und geben einen Überblick über den
Sozialstaat Deutschland sowie die wichtigsten Bereiche der Sozialpolitik.

Das Medienpaket umfasst ein Schülerheft, eine Lehrerinfo, zwölf Over-


headfolien sowie die Internetplattform www.sozialpolitik.com mit in-
teraktiven Modulen (Wissensquiz, Lexikon, Historie, Umfragen, Kom-
mentare), auf der jeden Monat aktuelle sozialpolitische Themen für
den Unterricht aufbereitet und Arbeitsblätter als PDF zum Herunterla-
den angeboten werden.

Die Materialien „Sozialpolitik“ werden von der Arbeitsgemeinschaft


Jugend und Bildung e. V. in Zusammenarbeit mit dem Bundesministe-
rium für Arbeit und Soziales erstellt.

Schulen können die Schülerhefte in Klassensätzen kostenlos beim


Universum Verlag per E-Mail vertrieb@universum.de bestellen oder im
Internet: www.sozialpolitik.com