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AKADEMIE IM
DIALOG | 16
100 JAHRE VERTRAG VON SAINT-GERMAIN
INHALTSVERZEICHNIS

INHALT
VORTRÄGE

ARNOLD SUPPAN | ÖAW


„Saint-Germain-en-Laye 1919: Die imperialistische Neuordnung Ostmitteleuropas auf der
Pariser Friedenskonferenz“ ............................................................................................................................................................. 5

THOMAS OLECHOWSKI | Universität Wien


„Die juristische Dimension der Pariser Friedensverträge“ ......................................................................................................... 33

UTE FREVERT | Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin


„There was opportunity for emotion“: Gefühlspolitik in St. Germain ..................................................................................... 43

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THOMAS OLECHOWSKI

DIE JURISTISCHE
DIMENSION DER PARISER
FRIEDENSVERTRÄGE
THOMAS OLECHOWSKI

ZUR STRUKTUR DES PARISER vereinbart werden konnten. Im Falle renz als „Alliierte und Assoziierte
­VERTRAGSWERKES des Wiener Kongresses waren dies Mächte“ bezeichnet wurden) hin-
etwa die Rheinschifffahrtsakte oder gegen gewonnen hatten. Die Ver-
Die Pariser Friedenskonferenz von die Ächtung des Sklavenhandels; im handlungen wurden, mit wenigen
1919/20 ist in der Historiographie Falle der Pariser Friedenskonferenz Ausnahmen, nicht mündlich, son-
vielfach mit dem Wiener Kongress ging es unter anderem um die Grün- dern schriftlich geführt, und zwar
von 1814/15 verglichen worden. Bei- dung der Internationalen Arbeitsor- jeweils einzeln: mit den Deutschen
de Konferenzen hatten nicht nur das ganisation oder den Kampf gegen in Versailles, mit den Österreichern
Ziel, Europa nach einer Periode von den internationalen Rauschgifthan- in Saint-Germain-en-Laye, mit den
Krieg und Zerstörung einen dauer- del. Bulgaren in Neuilly-sur-Seine, mit
haften Frieden zu sichern und die Bei allen Parallelitäten fallen die den Ungarn in Trianon und mit den
politische Landkarte des Kontinents Unterschiede natürlich ebenfalls so- Türken in S
­ ­èvres. Und so kam es,
neu zu zeichnen, sondern trafen Be- fort auf: Während Frankreich am dass am Schluss der Pariser Friedens-
schlüsse, die weit über Europa hin- Wiener Kongress nicht als besiegte konferenzen, im Gegensatz zur Wie-
auswirkten. In beiden Fällen wurde Macht, sondern als gleichberech- ner Kongressakte, nicht ein einzelnes
das Zusammentreffen vieler Spitzen- tigter Verhandlungspartner auftrat, Dokument stand, sondern über ein
­
politiker dazu benützt, um auch Ma- wurde auf der Pariser Friedenskon- Dutzend von Verträgen und Abkom-
terien zu regeln, die mit dem Krieg ferenz bei allen Gelegenheiten deut- men mit variierenden Vertragspart-
lediglich in entferntem oder keinem lich gemacht, dass die Mittelmächte nern, die alle jeweils nur einen Teil­
Zusammenhang standen, aber nur den Ersten Weltkrieg verloren, die aspekt der Pariser Friedensordnung
in einem multilateralen Abkommen ­Entente-Mächte (die auf der Konfe- enthielten und doch als Gesamtheit

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gesehen werden müssen, will man der Friede im Inneren dieser Staaten rend des Krieges vielzitierte Schlag-
die Arbeiten der Friedenskonferenz gesichert war. So entstand, wohl auch wort vom „Selbstbestimmungsrecht
richtig würdigen. Diese Regelungs- als Antwort auf die bolschewistische der Völker“ hatte bei den Verhand-
technik führte notwendigerweise zu Oktoberrevolution, eine internatio­ lungen immer wieder anderen Er-
beachtlichen Redundanzen; schon nale Organisation, die sowohl für wägungen, sei es wirtschaftlicher,
die fünf Hauptverträge, die Friedens- bessere Arbeitsbedingungen als auch sicherheitspolitischer oder einfach
schlüsse mit den fünf ehemaligen gegen Arbeitslosigkeit kämpfte. Und imperialistischer Natur, weichen
Mittelmächten, stimmten zu rund wenn auch der Völkerbund mit sei- müssen. Andererseits muss zuge-
70 % wörtlich miteinander überein. ner Aufgabe, den Frieden zu sichern, geben werden, dass die Schaffung
Verbindende Klammer für das ge- schon bald scheiterte, so besteht doch ethnisch homogener Nationalstaaten
samte Vertragswerk waren die Sat- die Internationale Arbeitsorganisa­ in jedem Fall ein Ding der Unmög-
zung des Völkerbundes und die tion (International Labour Organisa- lichkeit gewesen wäre, lebten doch
Satzung der Internationalen Ar- tion, ILO) bis heute fort und kann in- die einzelnen Natio­nalitäten – etwa
beitsorganisation. Sie waren nicht in sofern als ein dauerhafter Erfolg der Österreich-­
Ungarns – kaum jemals
­einem einzigen Vertrag oder jeweils Pariser Friedenskonferenz betrachtet räumlich scharf voneinander ge-
in einem Vertrag, sondern beide in werden. Wie sehr unterschied sich trennt, sondern bunt durchmischt.
allen fünf Hauptverträgen enthal- doch dieses Konzept von jenem der Die aus heutiger Sicht tollkühn
ten und bildeten darin jeweils das Allianzverträge von 1814 und 1815, erscheinenden Gebietsansprüche
erste und das vorletzte (im Fall des als die fünf europäischen Großmäch- Deutschösterreichs, nicht nur auf
Versailler Vertrages: das drittletzte) te den Frieden durch Kabinettspolitik Länder wie Deutschböhmen und
Hauptstück. Deutlich sollte damit und Militärinterventionen zu sichern Sudetenland, sondern auch auf ein-
gezeigt werden, dass die Verträge in suchten! zelne mehrheitlich deutschsprachige
erster Linie nicht rückwärts, sondern Städte inmitten des tschechischen
vorwärts gewandt waren: Nicht der Siedlungsgebietes, wie namentlich
vergangene Krieg sollte im Vorder- GRENZZIEHUNG Brünn, Iglau und Olmütz, sind nur
grund stehen, sondern der künftige UND MINORITÄTENFRAGE ein Beispiel dafür.
Frieden. Und diesen Frieden zu be- Schon in Versailles wurde daher
wahren, war die Hauptaufgabe des Im kollektiven Gedächtnis sind al- am 28. Juni 1919, parallel zum Frie-
Völkerbundes, der eine Reihe von lerdings nicht die beiden internati- densvertrag mit Deutschland, ein
Maßnahmen – wie etwa Abrüstun- onalen Organisationen, sondern die besonderer Vertrag mit Polen un-
gen und Beistandspflichten – zur Er- Entscheidung über territoriale Fra- terzeichnet, der die dort lebenden
reichung dieses Zieles vorsah. Friede gen als eigentlicher Kern der Pariser Minderheiten – in erster Linie die
zwischen den Staaten konnte aber Friedensverträge hängen geblieben. deutschsprachige Minderheit, aber
nur gewährleistet sein, wenn auch Das auf Lenin zurückgehende, wäh- nicht nur diese – unter den besonde-

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ren Schutz des Völkerbundes stellte. bund wachen. Dieser Schutz wurde habe und an ihre Stelle in Österreich
Nach diesem Muster wurden weitere allerdings in den folgenden Jahren eine republikanische Regierung, in
Minoritätenschutzverträge und Min- als völlig wirkungslos kritisiert; das Ungarn eine Nationalregierung ge-
oritätenschutzbestimmungen in den Versagen des Völkerbundes in die- treten sei.
Friedensverträgen beschlossen: So sem Punkt war mitverantwortlich für Was hier so selbstverständlich ausge-
enthielt nicht nur der am 10. Septem- sein gänzliches Scheitern. sprochen wurde, darum war im Vor-
ber 1919 zu St. Germain mit Öster­ Kein Minoritätenvertrag wurde feld bitter gerungen worden. Denn
reich geschlossene Vertrag einen Ab- 1919 mit Italien abgeschlossen, was während Ungarn sich tatsächlich
schnitt über Minoritäten (er steht bis insbesondere die deutsch- und ladi- in die knapp tausendjährige Tradi-
heute in Verfassungsrang), sondern nischsprachigen Südtiroler betraf. tion des ungarischen Königreiches
es wurden am selben Tag und Ort je Schon bald nach Machtergreifung stellte, war die Republik Österreich
ein Vertrag mit der Tschechoslowa- der Faschisten 1922 wurden diese 1918 davon ausgegangen, ein neuer,
kei und mit dem SHS-Staat (Jugosla- Minderheiten Opfer einer umfassen- revolutionär gegründeter Staat wie
wien) zugunsten der dort lebenden den Assimilierungspolitik. Erst nach die Tschechoslowakei und der SHS-
Minderheiten unterzeichnet. Und dem Zweiten Weltkrieg wurde im Staat zu sein – und hatte jede Rechts-
auch die mit Rumänien, Griechen- Rahmen der neuerlichen – in Paris nachfolge nach dem untergegan-
land und Armenien abgeschlosse- erfolgenden – Friedensverhandlun- genen öster­ reichischen Kaisertum
nen Minoritätenverträge stimmten gen 1946 ein Autonomieabkommen abgelehnt. Nicht zuletzt aus diesem
großteils wörtlich mit den anderen für Südtirol beschlossen. Grund hatte die Republik auch bis
soeben genannten Verträgen über- St. Germain nicht „Österreich“, son-
ein, ungeachtet der Tatsache, dass dern „Deutschösterreich“ geheißen.
die faktische und rechtliche Situati- ZUR FRAGE DER RECHTSNACH- Dieser Begriff war vereinzelt schon
on der Minoritäten in den genann- FOLGE NACH DER MONARCHIE vor dem Ersten Weltkrieg verwen-
ten Ländern deutlich voneinander det worden, um die deutschsprachi-
abwich. Im Wesentlichen enthielten Alle fünf Friedensverträge began- gen Teile Österreichs zu bezeichnen,
alle genannten Verträge bzw. Ver- nen mit einer Präambel, die auf die vergleichbar dem Begriff „Deutsch-
tragsteile einen umfassenden Dis- Kriegserklärungen von 1914/15 und schweiz“ für die deutschsprachigen
kriminierungsschutz, garantierten die Waffenstillstandsabkommen 1918 Gebiete der Schweiz.
allen religiösen Minderheiten freie Bezug nahm. Der Vertrag von St. Ger- Am Montag, dem 28. Oktober 1918,
und öffentliche Religionsausübung main mit Österreich und der Vertrag hatten die Tschechoslowaken in
und den sprachlichen Minderheiten von Trianon mit Ungarn enthielten einem revolutionären – das heißt
­
Erleichterungen im Schul- und Ge- zusätzlich einen Passus, wonach die aber: vom Standpunkt der Monar-
richtswesen. Über Verletzungen die- ehemalige Österreichisch-Ungarische chie aus rechtswidrigen – Akt ihren
ser Bestimmungen sollte der Völker- Monarchie zu existieren aufgehört Staat ins Leben gerufen. Einen Tag

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später, am Dienstag, dem 29. Ok- der alten Monarchie nichts zu tun Daher erging am 2. Mai 1919 eine
tober, bildeten die Südslawen des haben wollten. Andererseits ist gar Aufforderung an die deutschösterrei-
Habsburgerreiches den Staat der nicht so einfach zu erklären, warum chische Regierung, eine Delegation
„Slowenen, Kroaten und Serben“ – in St. Germain die Tschechoslowa- zu den Friedensverhandlungen in
er schloss sich schon einen Monat kei als Verbündeter der Alliierten, St. Germain zu entsenden – was auch
später mit den bis dahin souveränen Deutschösterreich aber als Nach- erfolgte. Am 29. Mai wurde dort, in
Königreichen Serbien und Monte- folger des Kaiserreiches angesehen St. Germain, die „neue Republik“
negro zum „Königreich der Serben, wurde. Beide Staaten entstanden zu ausdrücklich als „Republik Öster-
Kroaten und Slowenen“ zusammen. 100 % auf dem Boden der Monarchie, reich“ – nicht „Deutschösterreich“
Und am Mittwoch, dem 30. Oktober, all ihre Staatsbürger waren vormals – anerkannt. Der ganze Vertrag von
erfolgte die Gründung des Staates Staatsbürger Österreich-Ungarns. In St. Germain ging dann von einer
Deutschösterreich. So wie die beiden beiden Staaten galten vielfach noch Rechtsnachfolge der Republik nach
Staatsgründungen zuvor, erfolgte die Gesetze der Monarchie, ­ wurde der Monarchie aus; die Republik
auch diese durch ehemalige Reichs- mit Banknoten, auf denen sich der musste daher auf Ansprüche verzich-
ratsabgeordnete und in einer revolu- Doppeladler befand, bezahlt. In ten, die sie niemals gestellt hatte, wie
tionären, vom Standpunkt der Mon- Deutschösterreich war freilich die etwa auf Gebiete in Rumänien oder
archie aus rechtswidrigen Art und Kontinuität zur Monarchie noch stär- in Polen.
Weise. Zwar ging Deutschösterreich ker bemerkbar, weil sich auf seinem Eher aus praktischen denn aus theo-
nicht so weit wie die Tschechoslowa- Territorium die vormalige Reichs- retischen Gründen wurden von die-
kei, dass es aufseiten der Alliierten hauptstadt Wien mit all ihren Amts- sem Prinzip allerdings einige Aus-
Mächte in den Krieg eintrat; ein Gut- gebäuden befand, die nun von den nahmen gemacht. Dies betraf vor
achten des öster­reichischen Juristen republikanischen Behörden benützt allem die Frage der Reparationen.
Hans K­ elsen vom 8. November 1918 wurden, während die tschechoslo- Österreich wurde, so wie Deutsch-
erklärte aber, dass Deutschösterreich wakischen Behörden neue Amtsge- land und die übrigen Mittelmächte,
im – noch i­mmer andauernden – bäude in Prag beziehen mussten. Es für den Krieg verantwortlich ge-
Krieg neutral sei. war aber wohl vor allem die histo- macht und daher zu umfassenden
Es war dies eine kühne juristische rische Bevorzugung der deutschen Schadenersatzleistungen an die
Behauptung, denn allen Beteiligten und der ungarischen Sprache ge- Alliier­
ten und Assoziierten Mächte
musste klar sein, dass die Alliierten genüber allen anderen Sprachen in verpflichtet. Mit Rücksicht darauf,
es nicht akzeptieren würden, wenn der Habsburgermonarchie, die bei dass auch die Tschechoslowakei, der
sich Österreich-Ungarn, das den den Alliierten den Eindruck erweck- SHS-Staat, Polen, Rumänien und Ita-
Weltkrieg begonnen hatte, plötzlich te, dass die übrigen Völker in einem lien Territorien des ehemaligen öster­
in Luft auflöste und an seine Stelle „Völkerkerker“ gelebt hatten, aus reichischen Kaisertums erworben
lauter neue Staaten traten, die mit dem sie befreit werden mussten. hatten, wurden mit diesen Staaten

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am 10. September zu St. Germain se- ein Bekenntnis zur deutschen Nation außerhalb Österreichs zu vereinigen,
parate Abkommen geschlossen, mit ablegen. Bereits am 12. November haben Sie, Herr Präsident, verfoch-
denen auch sie sich verpflichteten, 1918, einen Tag nach dem Regie- ten, wir sind überzeugt, dass Sie das-
anteilsmäßig zu den Reparationen rungsverzicht Kaiser Karls, hatte das selbe Recht auch dem deutschen Volk
beizutragen. In ebensolcher Weise deutschösterreichische Parlament in Österreich zuerkennen werden.“
wurden die Österreichisch-Ungari- einstimmig den „Anschluß“ an das Geleitet von einem großen Optimis-
sche Bank, das Währungsinstitut der Deutsche Reich beschlossen. Die mus, leitete Otto Bauer unverzüglich
Habsburgermonarchie, und ihr Ver- Gründe für diesen bemerkenswerten auch Verhandlungen mit Deutsch-
mögen anteilsmäßig unter den Nach- Schritt gehen aus einem offiziellen land ein und reiste im Februar 1919
folgestaaten aufgeteilt. Schreiben hervor, das der deutsch­ nach Berlin. Dort allerdings wurde
Was die Reparationsleistungen be- österreichische Staatskanzler für den „Anschlußwünschen“ Deutsch­
trifft, die Österreich zu erbringen Auswärtige Angelegenheiten, Otto österreichs mit Sorge begegnet: Ein
hatte, so mussten die Alliierten und Bauer, zwei Tage später an US-Prä- derartiger Gebietszuwachs hätte
Assoziierten Mächte bald einsehen, sident Woodrow Wilson schrieb: eine Stärkung – nicht Schwächung
dass die kleine Alpenrepublik wirt- Deutschösterreich wolle mit diesem – Deutschlands bedeutet. Umso här-
schaftlich so geschwächt war, dass Akt „die enge staatsrechtliche Ver- tere Repressalien an anderer Stelle
eine Eintreibung der Forderungen bindung mit Deutschland wieder- wurden nunmehr befürchtet. Man be-
zu einer humanitären Katastrophe herstellen, die vor 52 Jahren durch schloss daher, auf ein fait accompli zu
geführt hätte. Schon 1921 erfolgte da- das Schwert zerrissen worden ist“. verzichten und den Anschluss nicht
her eine Stundung der Zahlungen für Er nahm damit Bezug auf den Deut- eher durchzuführen, als die Alliier-
20 Jahre; 1929, noch vor Ablauf die- schen Krieg von 1866, in dem Habs- ten ihre Zustimmung dazu gegeben
ser Frist, verzichteten die Alliierten burg gegen Hohenzollern um die hatten. Daher wurde auch von der
gänzlich auf ihre Forderungen. Vorherrschaft in Deutschland gerun- Entsendung deutschösterreichischer
gen hatte. Der Sieg Preußens in jenem Abgeordneter in die Deutsche Natio-
Krieg bedeutete das Ausscheiden nalversammlung, die die Verfassung
DEUTSCHÖSTERREICH UND Öster­reichs aus der deutschen Poli- des Deutschen Reiches beschließen
DER „ANSCHLUSS“ AN DAS tik. Nun, da die Dynastien gestürzt sollte, abgesehen. Immerhin enthielt
DEUTSCHE REICH waren, bestand kein Hindernis für diese neue Verfassung, die sogenann-
die Wiedervereinigung Österreichs te Weimarer Reichsverfassung, einen
Der Name „Deutschösterreich“ hatte mit dem Deutschen Reich. Und Bauer Passus, wonach Deutschösterreich
eine zweifache Bedeutung gehabt: setzte fort: „Das Recht der Polen, der Vertreter in die Länderkammer, den
Die Republik wollte sich in ihrem Italiener, der Südslawen, die bisher Reichsrat, entsenden sollte.
Namen von der ehemaligen Monar- dem österreichischen Staat angehört Was die Alliierten betraf, so waren
chie unterscheiden, und sie wollte haben, sich mit ihren Nationalstaaten diese zunächst geteilter Auffassung

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in dieser Frage. Die amerikanische stimmung über den „Anschluß“; erst präambel betraf, wonach die Repub-
und auch die italienische Delega­tion die letzte Version vom 2. September lik an die Stelle des österreichischen
waren hier zumindest am Anfang 1919, die innerhalb von fünf Tagen Kaisertums getreten sei, so erklärte
nicht ganz abgeneigt; scharf wurden zu unterzeichnen war, erklärte die das Gesetz vom 21. Oktober, dass
die Pläne dagegen von Frankreich Unabhängigkeit Österreichs für „un- Österreich diese Ansicht nach wie
verurteilt. Dieses behauptete in einer abänderlich“. Dies hatte, so wurde vor ablehne. Es wolle nur jene Ver-
Note, dass die „Anschlußbewegung“ jedenfalls von österreichischer S
­ eite pflichtungen übernehmen, zu denen
ihre Wurzel nicht in Deutschöster- vermutet, den Hintergrund, dass es sich in St. Germain ausdrücklich
reich, sondern in Deutschland habe, die österreichische Delegation da- verpflichtet hatte und keinesfalls
dieses bloß auf Machtzuwachs aus gegen keine Einsprüche mehr erhe- noch darüber hinausgehende, aus
sei und in Deutschösterreich künst- ben konnte. Wirklich überraschen einer allfälligen Rechtsnachfolge re-
lich einen „Anschlußwillen“ ge- konnte die Bestimmung nicht. Am
­ sultierende. Praktische Bedeutung
schürt habe. Dem Beschluss der selben Tag, dem 2. September, for- hatte dies zum Beispiel für die vie-
Provisorischen Nationalversamm- derten die Alliierten Deutschland len tausend ehemaligen Beamten der
lung vom 12. November 1918 könne auf, die Bestimmung in der Weimarer Habsburgermonarchie, für die im
nicht die Bedeutung eines nationalen Reichsverfassung über Österreich für kleinen Österreich kein Bedarf war.
Wunsches zugemessen werden, weil ungültig zu erklären, was mit einer Sie hatten nach der Rechtsprechung
die Nationalversammlung nicht aus diplomatischen Note auch erfolgte. des österreichischen Verwaltungsge-
allgemeinen Wahlen hervorgegangen Österreich unterzeichnete den Ver- richtshofes keinen Rechtsanspruch
sei. Eine Zeit lang wurde von Frank- trag von St. Germain „unter feier- darauf, in den Dienst der Republik
reich sogar gefordert, für Österreich lichem Protest“ am 10.  September übernommen zu werden.
den Status der immerwährenden 1919. Der mit diesem Vertrag völker- Die Republik Österreich wurde in
Neutralität festzulegen; dies wurde rechtlich erfolgte Namenswechsel der Historiographie als ein „Staat,
später jedoch verworfen. Der Versail- von „Deutschösterreich“ auf „Öster- den keiner wollte“ bezeichnet. Kaum
ler Vertrag beschränkte sich darauf, reich“ wurde verfassungsrechtlich einer in Österreich rechnete mit der
dass Deutschland die Unabhängig- mit einem Gesetz vom 21. Oktober Überlebensfähigkeit der kleinen Al-
keit Österreichs anzuerkennen habe. 1919 vollzogen. Dieses Gesetz hob penrepublik. Arbeitslosigkeit und
Obwohl der Vertrag von Versailles auch den „Anschlußparagraphen“ Inflation begleiteten die wirtschaft-
bereits am 28. Juni 1919 unterzeich- formell auf. Um aber weiter ein Be- liche Entwicklung von Anfang an.
net wurde, enthielten die ersten kenntnis zur deutschen Nation abzu- 1922 wurde Österreich in den Genfer
beiden Versionen des Vertrags von geben, wurde die deutsche Sprache Protokollen eine Völkerbundanleihe
St. Germain, die der österreichischen nunmehr auch offiziell als Staats- zugesichert. Damit konnte der Staats-
Delegation am 2. Juni und am 20. Juli sprache der Republik festgelegt. Was haushalt saniert und eine Währungs-
überreicht wurden, noch keine Be- aber die Bestimmung in der Vertrags- reform durchgeführt werden; die

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Bedingungen waren ähnlich hart wie ein eindeutiger Bruch von Artikel 80 HINWEIS
jene, die 2011 Griechenland auferlegt des Versailler Vertrages und Arti-
wurden. Auch musste Österreich zu- kel 88 des Vertrages von St. Germain. Der Vortrag gibt einen kleinen Ein-
sichern, seine Unabhängigkeit nicht Weder aus Paris, noch aus Rom, blick in ein FWF-Forschungsprojekt
nur im politischen, sondern auch im noch aus London kam irgendein Pro- der Kommission für Rechtsgeschich-
wirtschaftlichen Sinne aufrechtzu- test. Der Sekretär des Völkerbundes te Österreichs der ÖAW zur recht­
erhalten. 1931, im Gefolge der Welt- wurde vom „Anschluß“ in Kennt- lichen Bedeutung des Vertrages von
wirtschaftskrise, planten Österreich nis gesetzt, und dieser bestätigte St. Germain (FWF-Projekt P 29774).
und Deutschland, die Binnenzölle lediglich den Erhalt des Schreibens Im Mittelpunkt dieses Projekts steht
zu beseitigen und eine Zollunion zu des deutschen Gesandten, womit die Herausgabe des ersten, umfas-
schaffen, der auch weitere Staaten die Mitgliedschaft Österreichs im senden Kommentars zum Vertrag:
beitreten können sollten. Doch w
­ urde Völkerbund endete. Und noch nach Herbert Kalb, Thomas Olechowski
dies in Europa nicht als Vorstoß zur dem Zweiten Weltkrieg, als Öster- und Anita Ziegerhofer (Hg.), Der
Schaffung einer Europäischen Wirt- reich sich von der NS-Herrschaft Vertrag von St. Germain (Manzscher
schaftsgemeinschaft gesehen, son- befreien konnte, weigerte sich der Großkommentar, im Erscheinen).
dern als neuerlicher Pangermanis- Völkerbund, Österreich wieder als
mus. Frankreich rief den Ständigen vollberechtigtes Mitglied zu seinen
Internationalen Gerichtshof in Den Sitzungen zuzulassen. Die praktische
Haag an. Und dieser befand, dass Bedeutung dieser Weigerung war ge-
eine Zollunion zwischen Österreich ring: Denn am 18. April 1946 hielt der
und Deutschland zwar mit den Be- Völkerbund seine letzte Versamm-
stimmungen von St. Germain, nicht lung ab und beschloss seine eigene
aber mit den Genfer Protokollen Auflösung, womit die Pariser Frie-
vereinbar sei. Schon zuvor war aber densordnung von 1919/20 – immer-
der internationale Druck so groß hin ein knappes Jahr nach Ende des
geworden, dass die österreichische 2. Weltkrieges – endgültig zu einem
Regierung auf ihre Zollunionspläne Ende gekommen war. Die UNO hatte
verzichten musste. wenige Monate zuvor ihre Tätigkeit
Sieben Jahre später überschritt Hitler aufgenommen und damit eine neue
die deutsch-österreichische Grenze Ära in der Geschichte des Völker-
und annektierte Österreich. Dies war rechts eingeleitet.

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THOMAS OLECHOWSKI

LITERATUR (AUSWAHL)

Ackerl Isabella, Rudolf Neck (Hg.), Saint-Germain 1919 (Wien 1989).


Berchtold Klaus, Verfassungsgeschichte der Republik Österreich I: 1918–1933.
Fünfzehn Jahre Verfassungskampf (Wien–New York 1998).
Dotter Marion, Stefan Wedrac, Der hohe Preis des Friedens. Geschichte der Tei-
lung Tirols, 2. Aufl. (Innsbruck 2018).
Froehlich Georg, Die Wirkungen des Staatsvertrages von St. Germain auf unsere
Verfassung, in: Zeitschrift für Öffentliches Recht 1 (1919/20) 403–432.
Gehler Michael, Thomas Olechowski, Stefan Wedrac und Anita Ziegerhofer
(Hg.), Der Vertrag von Saint-Germain im Kontext der europäischen Nachkriegs-
ordnung (= Beiträge zur Rechtsgeschichte Österreichs 2019/2, Wien 2019, im
Druck).
Kelsen Hans, Die staatsrechtliche Durchführung des Anschlusses Österreichs an
das Deutsche Reich, in: Zeitschrift für Öffentliches Recht 6 (1927) 329–352.
Konrad Helmut, Wolfgang Maderthaner (Hg.), … der Rest ist Österreich I, 2 Bde.
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Kühne Jörg-Detlef, Die Entstehung der Weimarer Reichsverfassung. Grundlagen
und anfängliche Geltung (= Schriften des Bundesarchivs 78, Düsseldorf 2018).
Kunz Josef L, Die Revision der Pariser Friedensverträge. Eine völkerrechtliche
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Olechowski Thomas, Verfassungsentwürfe, Föderalismus und „Anschluss­frage“,
in: Robert Kriechbaumer u. a. (Hg.), Die Junge Republik. Österreich 1918/19
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Clemens Jabloner u. a. (Hg.), Hans Kelsen in der tschechischen und internationa-
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THOMAS OLECHOWSKI

Olechowski Thomas, Das „Anschlußverbot“ im Vertrag von Saint Germain, in:


Zeitgeschichte 46 (2019, im Druck).
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St. Germain, in: Beiträge zur Rechtsgeschichte Österreichs 6 (2016) 74–98.
Renner Karl, Die Gründung der Republik Deutschösterreich, der Anschluß und
die Sudetendeutschen. Dokumente eines Kampfes ums Recht (1938 verfasst, pos-
tum hg. v. Rabofsky Eduard, Wien 1990).

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THOMAS OLECHOWSKI

THOMAS OLECHOWSKI
Derzeitige Position
– Professor für Österreichische und Europäische Rechtsgeschichte an der Universität
Wien
Arbeitsschwerpunkte
– Österreichische Verfassungsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts
– Leben und Werk von Hans Kelsen
– Geschichte der Verfassungs- und Verwaltungsgerichtsbarkeit
– Geschichte des Presserechts
– Der Vertrag von Saint-Germain-en-Laye
Ausbildung
2003 Habilitation für Österreichische und Europäische Rechtsgeschichte an der
Universität Wien
1991–1998 Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Wien, Mag. iur. 1995,
Dr. iur. 1998
Werdegang
Seit 2019 Universitätsprofessor am Institut für Rechts- und Verfassungsgeschichte
der Universität Wien
Seit 2019 Stv. Leiter der Forschungsstelle „Hans Kelsen und sein Kreis“ an der Uni-
versität Wien
Seit 2016 Leiter der Forschungsstelle für Rechtsquellenerschließung der Universität
Wien
Seit 2015 Obmann der Kommission für Rechtsgeschichte Österreichs der ÖAW
Seit 2013 Wirkliches Mitglied der ÖAW
Seit 2011 Geschäftsführer der Bundesstiftung „Hans Kelsen-Institut“
2010–2012 Obmann der Kommission für Rechtsgeschichte Österreichs der ÖAW
2004–2014 Lehrbeauftragter an der Paneuropäischen Hochschule Bratislava
2003–2019 ao. Universitätsprofessor an der Universität Wien
1992–2003 Studien-, dann Vertrags-, zuletzt Universitätsassistent am Institut
für Rechts- und Verfassungsgeschichte an der Universität Wien bei
Prof. ­Werner Ogris
Weitere Informationen zum Autor sowie zur Liste der Veröffentlichungen finden Sie
unter:
https://homepage.univie.ac.at/Thomas.Olechowski/index.php

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