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Vorlesung V.

Konsonanten
Schwerpunkte für die Diskussion:
1.1. Klassifikation der deutschen Konsonanten
1.2. Beteiligung der Stimmbänder
1.3. Artikulationsstelle
1.4. Artikulierendes Organ
1.5. Artikulationsart
1.6 Vibranten im Deutschen
17. Starke Position der deutschen Konsonantenphoneme
1.8. Silbische Konsonanten
1.9. Konsonantensystem im Ukrainischen

1.1. Klassifikation der deutschen Konsonanten


Konsonanten sind keine Mundöffnungfslaute, denn bei ihrer Bildung wird im Mundraum
ein Hindernis im Ansatzrohr oder in der Glottis gebildet, dabei kann ein Verschluss oder eine
geräuschverursachende Ende erscheinen. Sie sind außerdem zumeist keine Silbenträger und
damit auch keine Träger prosodischer Merkmale.
Nicht alle artikulatorischen Möglichkeiten, die sich aus Kontakt oder Annäherung von
artikulatorischem Organ und Artikulationsstelle ergeben können, werden im Deutschen – wie in
anderen Sprachen auch – zur Bildung von Lauten genutzt. So gibt es im Deutschen keinen
bilabialen Reibelaut, keine palatalisierten Konsonanten und schließlich auch keine Laute, die
inspiratorisch gebildet werden.
Für die Systematisierung der deutschen Konsonanten genügen vier Merkmale: Sonorität
(Beteiligung der Stimmbänder), Artikulationsart, Artikulationsstelle und artikulierendes Organ.

1.2.Beteiligung der Stimmbänder


Nach der Beteiligung der Stimmbänder unterscheidet man sonore, stimmlose und
stimmhafte Konsonanten. Wenn die Stimmlippen während der Artikulation des Lautes
schwingen, erzeugen sie einen Ton. Wenn der Luftstrom ein Hindernis im Mundraum
überwindet, entsteht ein Geräusch.
Die deutschen Konsonanten können nur aus dem Stimmton bestehen: [m], [n], [N ], [l],
aus dem Stimmton und Geräusch (stimmhafte Konsonanten) oder nur aus dem Geräusch
(stimmlose Konsonanten). Die stimmhaften und stimmlosen Konsonanten heißen zusammen
Geräuschlaute, weil sie in verschiedenem Maß Geräusch enthalten.

1.3.Artikulationsstelle
Die Konsonanten werden in verschiedenen Teilen des Mundraums gebildet. Zu den
Artikulationsstellen gehören:
• die Lippen;
• die Zähne;
• der Zahndamm;
• der harte Gaumen;
• der weiche Gaumen;
• das Zäpfchen;
• der Kehlkopf;
• die Stimmritze.
Am harten Gaumen werden viele Laute gebildet, deshalb unterscheidet man einzelne
Teile davon: den vorderen Gaumen, den mittleren Gaumen und den hinteren.
Für die Unterscheidung der sonoren Laute [m], [n], [N ], [l] ist noch die zusätzliche
Artikulationsstelle wichtig: die Zungenränder für den lateralen Konsonanten [l] und der nasale
Resonanzraum für die Nasale.

1.4.Artikulierendes Organ
An die unbewegliche Artikulationsstelle nähert sich bei der Aussprache der Konsonanten
das bewegliche artikulierende Organ (Artikulator), um mit der Artikulationsstelle ein Hindernis
zu bilden. Zu den artikulierenden Organen gehören im Deutschen:
• die Unterlippe,
• die Zunge,
• das Gaumensegel,
• das Zäpfchen.
Die Zunge beteiligt sich an der Bildung der Konsonanten am aktivsten. Dabei werden
ihre verschiedenen Teile aktiviert:
• die Zungenspitze,
• der vordere Zungenrand
• der Zungenrücken.
Am Zungenrücken unterscheidet man ebenfalls einige aktive Zonen:
• den vorderen Zungenrücken,
• den hinteren Zungenrücken.
Das Gaumensegel bewegt sich nach unten und nach oben, es versperrt oder öffnet den
Weg zum Nasenraum. Das Zäpfchen vibriert bei der Artikulation des [R] – Lautes.
Da zur Bildung eines Hindernisses immer zwei Elemente gehören, verbindet man bei der
Definition der Konsonanten die Artikulationsstelle mit dem artikulierenden Organ und
unterscheidet:
• bilabiale Laute, die mit zwei Lippen gebildet werden: [p], [b], [m];
• labiodentale Konsonanten, die mit der Unterlippe und den Oberzähnen artikuliert
werden [f], [v];
• alveolar-koronale Laute, bei deren Artikulation die Vorderzunge an den Alveolen
einen Verschluss: [t], [d], [n], [l] oder eine Enge [s], [z] bildet;
• postalveolar-koronale Konsonanten, die in dem Spalt zwischen dem vorderen Teil
des harten Gaumens und dem Zungenrand entstehen [S ], [Z ];
• palatal-dorsale Laute, für die eine Enge zwischen dem harten Gaumen und der
Mittelzunge gebildet wird [ç], [j];
• postpalatal-postdorsale Konsonanten, die in der Enge zwischen dem hinteren
Gaumen und dem hinteren Zungenrücken entstehen [k], [g];
• velar-postdorsale Laute, die am weichen Gaumen durch den hinteren Zungenrücken
gebildet werden [N ], [x];
• den postdorsal-uvularen Konsonanten [R], bei dessen Artikulation das Zäpfchen
gegen den hinteren Zungenrücken schlägt;
• den laryngalen (glottalen) Hauchlaut [h].

1.5.Artikulationsart
Unter Artikulationsart versteht man die Weise, wie die Konsonanten gebildet werden.
Dazu dient vor allem der Verschluss, den zwei Sprechorgane bilden. Er kann auf verschiedene
Weisen gelöst werden:
• er wird gesprengt (Verschlusssprenglaute oder Plosive) - [p], [t], [k], [b], [d], [g];
• der Verschluss geht in eine Enge über (Verschlussengelaute oder Affrikaten) -
[˛pf], [˛ts], [˛tS ];
• der Verschluss bleibt bestehen, während der Luftstrom durch eine andere Öffnung
entweicht (Verschlussöffnungslaute) - [m], [n], [N ], [l].
Die zweite verbreitete Bildungsart der Konsonanten ist die Enge: Zwei Sprechorgane
bilden eine Enge, durch die der Luftstrom entweicht und durch das Reiben ein Geräusch
verursacht. Diese Konsonanten werden deshalb Engelaute, Reibelaute, Engereibelaute oder
Frikative genannt. Das sind die Konsonanten: [f], [v], [s], [z], [S ], [Z ], [ç], [j] [x].
Die dritte Artikulationsart der Konsonanten ist das Vibrieren des aktiven Sprechorgans.
Das kann die Vorderzunge sein [r] oder das Zäpfchen [R]. Diese Laute nennt man deshalb
Zitterlaute oder Vibranten.
Einzeln steht in der Klassifikation der Hauchlaut, denn bei seiner Bildung trifft der
Luftstrom auf kein Hindernis im Mundraum. Deshalb wird dieser Laut manchmal einfach
Hauchlaut genannt, manchmal Öffnungslaut oder gehauchter Vokaleinsatz, manchmal laryngaler
Engelaut.

1.6 Vibranten im Deutschen


Im Deutschen unterscheidet man einige Varianten des Zitterlautes [r], Das sind vor allem
das konsonantische [r] und das vokalisierte [P] , z.B.: die Oper [' ´o:pP ], verstehen [fFP'S te:qn ],
erraten [FP' ra:tn].
Beim konsonantischen [r] unterscheidet man weiter zwischen:
• dem Zungenspitzen - [r],
• dem Zäpfchen-[R],
bei vokalisierten r -Varianten - zwischen
• End dem vokalisierten silbischen [P ] und
• dem vokalischen [P ] [Duden, S. 52].
Das Vorderzungen-[r] ist im heutigen Deutschen praktisch verdrängt worden durch den
uvularen Zitterlaut [R] [Duden, S. 46].
[R] ist ein sonorer uvular-postdorsaler Schwinglaut (Vibrant). Bei seiner Aussprache
bereiten sich die Lippen und der Zahnreihenabstand auf den nächsten Laut vor. Die Hinterzunge
wölbt sich zum weichen Gaumen. Die vordere Zunge bildet eine Mulde. Die Zungenspitze liegt
an den unteren Schneidezähnen. Das Gaumensegel ist gehoben. Der Luftstrom fließt durch den
Mundraum und setzt das Zäpfchen gegen die gehobene Hinterzunge in flatternde Bewegung. Die
Stimmbänder vibrieren und produzieren den Stimmton. Das Zäpfchen-[R] wird laut Duden-
Wörterbuch gesprochen:
• vor allen Vokalen: das Rad [ra:t], fahre [7fa:rq ];
• nach den kurzen Vokalen am Wortende oder vor Konsonanten (außer den unbetonten
Präfixen er-, ver-, zer- usw.): dürr [dyr], hart [hart], warten [7wartn].
Das vokalische [P ] ist ein sonorer Zäpfchen-Gaumen-Engelaut. Bei seiner Aussprache
wölbt sich die Hinterzunge zum Zäpfchen und bildet damit eine Enge. In dieser Enge erzeugt der
Luftstrom ein schwaches Geräusch, das den vorhergehenden Vokal ergänzt. Die Zungenspitze
liegt lose an den Schneidezähnen. Das Gaumensegel ist gehoben.
Das vokalische [P ] wird gesprochen:
• nach den langen Vokalen am Wortende oder vor Konsonanten: die Tür [ty:P ], das
Ohr [’o: P ], er führt [fy:P t], du hörst [hǿ:P st], das Bier [bi:P ], das Pferd [pfe:P t], er fährt
[fe:P t] u.s.w. [Duden, S. 47);
• in den Präfixen er-, ver-, zer- und in herbei, hernach, hernieder, hervor, herzu:
verlieren [fFP'li: rq n], zertrümmern [tsFP /trymPn ], herbei [heP /bai.];
• bei geringerer Deutlichkeit auch nach langem [a:] am Wortende und vor
Konsonanten als Synonym zum Reibe-r: das Haar [ha:P ]; das Paar [pa:P ]; das Harz
[ha:Pts ].
[P ] ist ein vokalisierter Öffnungslaut, ein halboffener Zentralvokal (ein silbischer Laut)
[Martens, S. 56]. Das vokalisierte [P ] ist eine Verschmelzung von dem reduzierten [q ] und dem
End-r. Die beiden Laute werden in den schwachen, unbetonten Silben mit dem ausgehenden -er
wie ein einheitlicher Halbvokal/Halbkonsonant gesprochen. Das ist ein Laut, der ohne
Hindernisse im Mundraum, wie ein Vokal entsteht. Bei seiner Aussprache stellt die
Zungenspitze mit den unteren Schneidezähnen einen losen Kontakt her. Die Zunge liegt fast
flach bei geringer Muskelspannung im Mundraum. Die Hinterzunge wölbt sich leicht zum
Zäpfchen und verengt ein wenig den Luftstrom, der aus der Kehle in den Mundraum fließt. Die
Lippen sind spannungslos leicht geöffnet. Das Gaumensegel ist gehoben, die Stimmlippen
vibrieren.

1.7.Starke Position der deutschen Konsonantenphoneme


Es gibt selbstverständlich keine einheitliche starke Position für alle Konsonanten. Die
stimmlosen Geräuschlaute klingen am deutlichsten, wenn sie in einer betonten Silbe vor einem
Vokal der hinteren oder mittleren Reihe stehen. In den unbetonten Silben verlieren sie etwas an
ihrem Geräusch, klingen schwächer, z.B. Kontrast, Phonologie.
Vor Vokalen der vorderen Reihe werden sie heller gesprochen. Die stimmhaften
Geräuschlaute sind am deutlichsten:
• zwischen Vokalen: sagen, fragen, leben, geben, edel, nasal;
• zwischen einem Sonanten und Vokal;
• wichtig ist auch ihre Stellung vor Vokalen der hinteren oder mittleren Reihe;
• vor Vokalen der vorderen Reihe wird ihr Eigenton auch erhöht;
• am Ende der Silbe verlieren sie ihre Stimmhaftigkeit: Tag [ta:k], und [V nt], täglich
[tF :klI ç]. Im absoluten Anlaut und nach stimmlosen Geräuschlauten werden sie
halbstimmhaft: Dresden [dre:sdq n], Beruf [bq'ru:f ]. Die Sonanten klingen im Deutschen
fast in allen Positionen deutlich. Besondere Betrachtung fordern die
Hinterzungenkonsonanten [k],[g];
• sie stehen nicht nur unter dem Einfluss des folgenden, sondern auch unter dem
Einfluss des vorhergehenden Vokals: Kiel [ki:l], kühl [ky:l], Gabel [ga:bq l];
• nach den Vokalen der vorderen Reihe wird die Artikulationsstelle dieser
Konsonanten stark nach vorn verlegt: gibt [gi:pt] im Vergleich zu gab [ga:p] oder gut
[gu:t]; Kiel [ki:l], kühl [ky:l] im Vergleich zu kahl [ka:l] oder Kohl [ko:l].
Somit stehen sie nach Vokalen der vorderen Reihe in der schwachen Position.
Die starken Positionen der deutschen Konsonantenphoneme stimmen nicht mit denen der
ukrainischen Konsonantenphoneme überein.
Die starke Position der stimmlosen Geräuschlaute ist von der starken Position der
stimmhaften Geräuschlaute zu unterscheiden.

1.8. Silbische Konsonanten


Silbisch sind Konsonanten, die als Silbenkern auftreten. Als solche kommen im
Deutschen die sonoren [m], [n], [N ], [l] sowie das vokalische Allophon des Phonems /r/ in Frage.
Als Basisform der silbischen Konsonanten können die Phonemfolgen - q m, - qn,-lud
–qr betrachtet werden, die in einigen Fällen auch ein Morphem als dessen Allomorph vertreten.
In der Standardlautung akzeptiert, werden diese je nach der lautlichen Umgebung als m, n, l,
bzw. P realisiert.
In der deutschen Sprache wird [q m] als silbischer Konsonant [m] nach Engereibelauten
und Affrikaten realisiert, in der Umgangslautung auch nach Verschlusslauten:
-q m [m]/[f, v, s, z, S , Z , pf, ts, tS ] – tiefem [ti:fm], nassem [nasm], kurzem [kV rtsm].
In übrigen Stellungen wird [- q m] gesprochen.
[-q n] wird als syllabisches [- n] oder [- m] nach Engereibelauten, Affrikaten und
Verschlusslauten gesprochen:
-qn [m]/[p,b] haben - [ha:bq n]/[ha:bn], [ha:bm]
[n]/[t,d] treten - [tre:tq n], Heiden [´h˛aedq n], [´h˛aedn].
Wenn der vorangehende Konsonant ein Labial, Palatal oder Velar ist, sind in der
Standardaussprache auch die assimilierten syllabischen Konsonanten [m] und [N ]:
[N ]/ [kg, ] Haken - [ha:kq n]/[ha:kn], [ha:kN ]
[-ql ] wird als [l] nach allen konsonanten ausgesprochen außer nach [r]:
-ql[] handeln[handql] /[handl] , Tunnels [tV nls], Rätsels [rF :tsls].
1.9.Konsonantensystem im Ukrainischen
Das Deutsche hat 21 Konsonantenphoneme, Ukrainische – 32. Dieser Unterschied ist
durch die phonologische Gegenüberstellung von palatalisierten Konsonanten im Ukrainischen zu
erklären. Im Ukrainischen werden die palatalisierten Konsonantenphoneme den nicht
palatalisierten phonologisch gegenübergestellt. Beide haben ihre besondere starke Position.
Die ukrainischen Konsonantenphoneme sind: /б/, /п/, /в/, /м/, /ф/, /д/, /дь/, /т/, /ть/, /з/,
/зь/, /с/, /сь/, /ц/, /ць/, /л/, /ль/, /н/, /нь/, /р/, /рь/, /ж/, /ч/, /ш/, /дз/, /дзь/, /дж/, /£/, /ґ/, /к/, /х/, /г/
(nach Н.І. Тоцька, 1981).
Sie unterscheiden sich durch die Beteiligung der Stimme, durch die Artikulationsstelle
und Artikulationsart, durch den Grad der Palatalisierung. Nach diesen Eigenschaften bilden die
meisten Konsonanten die phonologischen Paare: /б/, /п/ (бити - пити), /т/, /д/ (там - дам), /с/,
/з/ (сам - зам), /н /, /нь/, (стан - стань), /л/, /ль/ (лак - ляк) usw. Es gibt aber unpaarige
Phoneme: /п/, /к/, /х/, die immer nur hart (nicht palatalisiert) sind. Sie haben aber entsprechendes
stimmhaftes Übereinstimmen mit /б/, /ґ/, /х/ (папка – бабка, хатка – гатка, ворог – ворох, гори
- хори); /£/ kann nur stimmhaft und palatalisiert sein (йти, чорний).