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Literatur 697

und dort im Sinne der Justizstaatslehre, als Herrschaft des Rechts (ob bewußt oder
unbewußt sei dahingestellt), sehr oft gegen die Regierung entschieden und alle Ver-
waltungsangelegenheiten justiziabel machten 3 ). Bedeutsam wäre es zu erfahren, ob
es solche Vorgänge in der Toskana gab, oder ob sich der Adel aus der Judikative
gänzlich heraushielt. Dies wäre deshalb interessant, weil gerade die Judikative neben
der Exekutive sich von vielen Herrschern starken Einflüssen gegenübergestellt sah.
Zu verweisen wäre in diesem Zusammenhang auf die Dissertation von v o n H o d e n -
b e r g 4 ) , die den angeblichen Liberalismus der preußischen Richterschaft im Vormärz
anhand von Kollektivbiographien untersucht. Dieser kleine Exkurs möchte nur zur
weiteren Beschäftigung mit dem Adelsliberalismus und zu Vergleichen anregen, auf
keinen Fall aber die Verdienste der Arbeit Krolls mindern. Hervorzuheben ist gerade
bei dieser Dissertation, daß die Bedeutung des Adels stringent für den Liberalismus
und die Verfassungsentwicklung in der Toskana herausgearbeitet worden ist.
Resümierend ist festzustellen, daß hier eine Arbeit vorliegt, die auch für den Rechts-
historiker von besonderem Interesse ist, da sie geschickt sozial- und wirtschafts-
historische Ansätze mit verwaltungsrechtlichen Aspekten verbindet. Gerade die
Untersuchung der Verwaltung und seiner Beziehung zum Adel überzeugt besonders.
Für die Geschichte des Verfassungsrechts ebenso unentbehrlich sind Krolls Aus-
führungen zu den Aktivitäten des Adels im Parlament, die mit der Verdrängung des
Adels aus den staatlichen Aufgabengebieten einherging.

Leipzig Frank Theisen

E m a n u e l e C a f a g n a , La libertà nel mondo. Etica e scienza dello Stato nei „Linea-


menti di filosofia del diritto" di Hegel (= Annali dell'Istituto storico italo-
germanico Monografia 32). Società editrice il Mulino, Bologna 1998. 478 S.

Der Verf. dieser Monographie ist ein italienischer Philosophie-Dozent an der


Universität Pisa, der etliche Jahre auch an der Ruhr-Universität Bochum und an der
Humboldt-Universität zu Berlin gearbeitet hat. Im Zentrum der Untersuchung stehen
die „Grundlinien der Philosophie des Rechts", welche Hegel 1821 in Berlin publi-
zierte. Die Analyse dieser berühmten Schrift wird jedoch eingebettet in eine Gesamt-
würdigung der hegelianischen Rechtsphilosophie und der hegelianischen Ethik.
Die Liste der herangezogenen Quellen und der verarbeiteten Sekundärliteratur
(S. 4 4 5 - 4 7 8 ) umfaßt etliche Hundert Titel. In ihrer Anlage und Vertiefung dürfte die
angezeigte Monographie zweifellos eine besondere Stellung in der hegelianischen
Forschung einnehmen. Die Grundthese des Verf. geht dahin, daß die hegelianische
politische Philosophie unter zwei verschiedenen und zugleich zentralen Gesichts-
punkten gesehen werden muß. Es handele sich zum einen um einen wesentlichen
Beitrag zum System der praktischen Philosophie; zugleich stelle sie eine Diagnose
zeitgenössischer historischer Ereignisse und ein Nachdenken zu den damaligen zeit-
genössischen Veränderungen in den juristischen und wirtschaftswissenschaftlichen

3
) F. T h e i s e n , Zwischen Machtspruch und Unabhängigkeit. Die kurhessische
Rechtsprechung von 1821 bis 1848, 1997.
4
) C. v o n H o d e n b e r g , Die Partei der Unparteiischen. Der Liberalismus der
preußischen Richter, 1996.

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Disziplinen dar. Das Buch will alle diese Aspekte gleichberechtigt in seiner Analyse
erfassen. Zugleich will die Untersuchung auch den historischen Werdegang und die
Quellen der hegelianischen „Grundlinien" näher beleuchten. Die zeitgenössische
Polemik, die Verweise und die kritischen Auseinandersetzungen mit zeitgenössischen
Philosophen Hegels sollen die Möglichkeit einer strukturellen Analyse des Werkes
eröffnen. Im Zentrum des hegelianischen Werkes steht für den Verf. das Verhältnis
zwischen ziviler Gesellschaft und Staat. Dieser gewinnt aus der Lehre der hegelia-
nischen Ethik unmittelbar seine Rechtfertigung. Genau diese philosophische Über-
zeugung steht im Zentrum der institutionellen Vorstellungen, welche Hegel für sein
Verfassungsmodell entwickelt hat. Dasselbe gilt für die Überlegungen über die
Außenpolitik der Staaten und über die Macht des politischen Souveräns, welche
unmittelbar mit der theoretischen Grundlegung der Freiheit und der Politik verbunden
sind. Das Buch führt im Ergebnis diese wesentlichen Grundlegungen der hegelia-
nischen Rechtsphilosophie vor allem auf die zeitgenössischen historischen Erfahrun-
gen zurück, welche Hegel im Kontext seiner politischen Zeit machen konnte. Es
handelt sich bei der hier angezeigten Monographie also um ein Werk zur Philosophie-
geschichte. Thema, Anlage und vor allem auch die umfassende Durchdringung der
Quellen der hegelianischen Schrift von 1821 dürften das Buch allerdings auch für
die deutsche Verfassungsgeschichte und für die Geschichte der politischen Ideen der
Mitte des 19. Jahrhunderts sehr lesenswert machen.

Saarbrücken Filippo Ranieri

W o l f g a n g S t r i b r n y , Die Könige von Preußen als Fürsten von Neuenburg-Neu-


châtel (1707-1848). Geschichte einer Personalunion (= Quellen und Forschungen
zur brandenburgischen und preußischen Geschichte 14). Duncker & Humblot,
Berlin 1998. 308 S.

Die Geschichte der Personalunion zwischen dem Königreich Preußen und dem
Fürstentum von Neuenburg (Neuchâtel) ist ein weitgehend unbeleuchtetes Kapitel in
der historischen Entwicklung Mitteleuropas zwischen dem spanischen Erbfolgekrieg
und dem Ende der großen Monarchien nach dem ersten Weltkrieg.
Die vorliegend anzuzeigende Studie befaßt sich mit der fast 150jährigen Geschichte
der geographisch auseinanderliegenden Herrschaftsgebiete. Insgesamt sechs preu-
ßische Monarchen hatten beinahe anderthalb Jahrhunderte lang dieses an der Grenze
zu Frankreich liegende Fürstentum regiert.
Der Aufbau der Studie orientiert sich an den Regierungsdaten der jeweiligen Mo-
narchen beginnend mit Friedrich I. und endend bei der Herrschaft Friedrich Wilhelms
IV. Die Aspekte, die der Autor dabei besonders hervorhebt, sind die Stellung Neuen-
bürgs in der preußischen Politik und das Verhältnis zur Schweiz. Der Autor geht dabei
auch auf die wesentlichsten Ereignisse der gemeinsamen preußisch-neuenburgischen
Geschichte ein.
So befaßt sich der Autor zunächst mit der Entstehung der Personalunion während
des spanischen Erbfolgekrieges (1701-1713): Das Fürstentum war nach dem Tod
der keine direkten Erben hinterlassenden Fürstin von Neuenburg, Marie d'Orléans,
verwaist. Der Wunschkandidat Ludwigs XIV. von Frankreich, Prinz François Louis

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