Sie sind auf Seite 1von 3

14 14.

7 Verbandwechsel

14.7 Verbandwechsel
Chirurgische Stationen: Besonderheiten und spezielle Arbeitstechniken

Grundlagen

WICHTIG
Jeder Verbandwechsel dient auch der Beurteilung der Wunde! Auch wenn der Ver-
band von außen sauber aussieht, muss er deshalb regelmäßig gewechselt werden.

▶ Prinzip:
• Im Idealfall wird jeder Verbandwechsel (VW) zu zweit durchgeführt. Ein Mit-
arbeiter arbeitet am Patienten und ist damit als „infektiös“ zu betrachten, die
zweite Person arbeitet („sauber“), d. h. ausschließlich am Verbandswagen und
reicht alle benötigten Gegenstände an.
• Praxis: Muss ein VW aus Personalmangel allein durchgeführt werden, sollten alle
benötigten Utensilien vorab herausgenommen werden, damit der Verbands-
wagen nicht kontaminiert wird.

▶ Tipp: Bei schmerzhaften Verbandwechseln sollte mindestens eine halbe Stunde vor-
her ein Schmerzmittel verabreicht werden.
▶ Zeitpunkt:
• Primäre Wundheilung: Genähte, unkomplizierte Wunden werden am 2. postop.
Tag das erste Mal verbunden, dann täglicher VW.
• Sekundäre Wundheilung: Ab dem 1. postop. Tag mindestens einmal täglich VW.
• Alle Wunden: Jederzeit, wenn der Verband durchblutet oder wenn Sekret aus
dem Verband läuft.
• Okklusionsverbände können auch mehrere Tage belassen werden.

Vorgehen beim VW
▶ Vorbereitung:
• Kleidung mit kurzen Ärmeln tragen (Hygiene), ggf. Einmalschürze verwenden.
• Hygienische Händedesinfektion durchführen und unsterile Handschuhe anziehen.
• Mülltüte mit ans Patientenbett nehmen, dann kann alles direkt entsorgt werden.
• Bei sezernierenden Wunden oder geplanter Wundspülung saugfähige Unterlage
benutzen.
• Benötigtes steriles Material wie z. B. Kompressen öffnen, aber noch steril in der
Verpackung liegen lassen.
▶ Verband abnehmen:
• Wunde dabei möglichst nicht mit den Händen (unsteril!) berühren.
• Verbandreste können ggf. mit einer sterilen Pinzette entfernt werden.
• Sollte der Verband auf der Wunde kleben, den Verband mit z. B. NaCl tränken
und etwas einweichen lassen.
▶ Wunde beurteilen:
• Vor und nach dem Reinigen beurteilen:
– Beispiel: Wunde reizlos, keine Rötung, keine Schwellung, keine Sekretion.
– Oder: Wundränder gerötet, reichlich eitrige Sekretion aus der Wunde (zur Be-
schreibung auch auf das Sekret im alten Verband achten), kein Hinweis auf Ver-
halt.
■▶ Tipp: Bei Rötung der Wundumgebung die Grenze mit Hautmarker oder Kugel-
schreiber markieren, damit der Verlauf besser abgeschätzt werden kann.
• Entwickelt sich eine Schwellung, die beim Betasten fluktuiert, ist das ein Hinweis
auf einen Verhalt von Wundsekret. Dann sollte die Naht stellenweise (bei infizier-
tem Sekret auch vollständig) wieder geöffnet werden, damit das Sekret abfließen
kann. Möglicherweise kann der Sekretverhalt durch vorsichtiges Sondieren mit
z. B. einer geschlossenen Pinzette aufgespürt werden. Weiteres Vorgehen dann
wie bei infizierter Wunde.
294 Hengesbach, Checkliste Medical Skills (ISBN 978-3-13-243025-9), © 2019 Georg Thieme Verlag KG
Dieses Dokument ist nur für den persönlichen Gebrauch bestimmt und darf in keiner Form an Dritte weitergegeben werden!
All rights reserved. Usage subject to terms and conditions of license.
14.7 Verbandwechsel 14
▶ Wunde reinigen:

Chirurgische Stationen: Besonderheiten und spezielle Arbeitstechniken


• Nicht infizierte Wunden:
– Abtupfen mit mehreren sterilen Tupfern, die mit sterilem NaCl/Ringer getränkt
sind.
– Die Reinigung sollte i. d. R. nicht mit antiseptischen Mitteln erfolgen, obwohl
das häufig so gehandhabt wird. Denn dies kann zu Hautreizung und zur Ver-
zögerung der Granulation führen.
• Spülung, z. B. bei sekundärer Wundheilung:
– Bei infizierten Wunden mit antiseptischen Mitteln, z. B. Lavasept, sonst steriles
NaCl oder Ringer.
– Große Spritze befüllen und Wunde mit Druck ausspritzen (Kompresse auf die
Wundöffnung halten, damit man selbst nichts abbekommt). Bei tiefer Wunde
Knopfkanüle verwenden oder sterile Harnblasen-Einmalkatheter (sog. Frauen-
katheter) zweckentfremden.
• Débridement:
– Nekrosen und feste Belege sollten abgetragen werden. Hierzu wird totes Gewe-
be vorsichtig mit einem Skalpell oder einem scharfen Löffel abgetragen, bis
man auf wieder blutendes Gewebe stößt. Denn: Wo Blut ist, ist auch Leben (al-
te Chirurgenweisheit).
– Manchmal ist für das Débridement eine Narkose erforderlich.

Wahl des Verbandmaterials

Hinweis
Trockene Wunden werden trocken, feuchte Wunden werden feucht verbunden.

▶ Primär heilende Wunden (trockene Wunden) ohne Infektion:


• Darunter fallen z. B. alle genähten Wunden. Sie gelten als „trockene Wunden“,
auch wenn zunächst noch Blut oder Wundsekret austreten sollte.
• Kleinere Wunden: Verband mit vorgefertigten sterilen Pflastern (z. B. Cutiplast),
bei guter Wundheilung können ab dem 3. postop. Tag auch unsterile Pflaster ver-
wendet werden.
• Größere Wunden: Sterile Kompressen als Wundauflage mit Fixierung (s.u).
▶ Sekundär heilende Wunden (feuchte Wunden) ohne Infektion:
• Gering sezernierend:
– Silikonauflagen.
– Hydrogel-, Hydrokolloid-Folienverbände: Sie verbleiben als Okklusivverband
mehrere Tage auf der Wunde. Im Verlauf wird das wirksame Gel als gelbe Flüs-
sigkeit im Zentrum des Verbands sichtbar → VW wenn die Flüssigkeit den Rand
des Pflasters erreicht.
• Stark sezernierend: Schaumverband (z. B. Mepilex).
▶ Infizierte Wunden:
• Bei V. a. Wundinfekt Abstrich für die Mikrobiologie entnehmen.
• Wunde mindestens 1 Mal täglich (ggf. sogar mehrmals) spülen (s. o.) und verbinden.
• Bei kleiner Wundöffnung aber tiefer Wundtasche sterile Gummilaschen oder
Kompressenstreifen einlegen, damit die Wundöffnung nicht verklebt und den Se-
kretabfluss behindert. Falls eine primäre Naht vorhanden ist, muss diese teilwei-
se oder ganz geöffnet werden.
• Verband mit antiseptischen Salben und sterilen Kompressen, bei starker Sekre-
tion sind zusätzlich aufgelegte Saugkompressen hilfreich, die deutlich mehr
Wundsekret aufnehmen können.
■▶ Tipp: Um ein Verkleben der Wundauflage mit der Wunde zu verhindern, kann
eine sterile Fettgaze direkt auf die Wunde gelegt werden.
▶ Trockene Gangrän (z. B. mumifizierte Zehe): Trockener Verband mit Kompressen
und Watte.
Hengesbach, Checkliste Medical Skills (ISBN 978-3-13-243025-9), © 2019 Georg Thieme Verlag KG
Dieses Dokument ist nur für den persönlichen Gebrauch bestimmt und darf in keiner Form an Dritte weitergegeben werden!
295
All rights reserved. Usage subject to terms and conditions of license.
14 14.8 Wundversorgung

▶ Fixierung von Wundauflagen sind möglich durch:


Chirurgische Stationen: Besonderheiten und spezielle Arbeitstechniken

• Klebestreifen, Klebevlies (z. B. Fixomull, umgangssprachlich auch „Tapete“ ge-


nannt).
• Schlauchmull (z. B. für Finger, Zehen, Amputationsstümpfe).
• Netzhose (Anogenitalregion).
■▶ Cave: Plasterstreifen oder Klebevlies nicht unter Zug aufkleben → Blasenbildung!
▶ Vacuum-Verband (VAC-Systeme, Abb. 14.14):
• Indikation: Stark sezernierende Wunden, große offene Wunden mit sekundärer
Wundheilung (z. B. Dekubitus, Ulcus cruris), nach Spalthauttransplantation.
• Prinzip: Die gesamte Wundfläche wird mit einem speziellen Schwamm bedeckt
und anschließend mit Folie luftdicht abgeklebt. Mittig über der Sekretionsfläche
wird ein kleines Loch in die Folie geschnitten und ein Schlauchsystem aufgeklebt.
Dieses wird mit einer Pumpe verbunden, die kontinuierlich oder im Intervall das
entstehende Sekret absaugt.
• Die Verbände können mehrere Tage auf der Wunde belassen werden. Sollte der
Verband allerdings undicht werden (Sog↓) oder der Schlauch verstopfen, muss
der Verband zeitnah erneuert werden (Infektionsgefahr↑).
• Vorteile:
– Sekret wird ständig abgesaugt, d. h. die Wunde ist immer sauber.
– Mikrozirkulation wird gesteigert → Granulation und damit Wundheilung wer-
den beschleunigt.
■▶ Hinweis: VAC-Verbände gibt es übrigens auch für intraabdominelle oder rektale
Anwendungen.

Abb. 14.14 • Vakuumver-


band. Nach Säubern der
Wunde zugeschnittenen ster-
ilen PU-Schaum auflegen und
mit einer Folie abdecken. Auf
ein Loch in der Folie Draina-
geschlauch kleben und Sog
anlegen, bis sich der Schaum
zusammenzieht (b).
(aus Schewior-Popp S, Sitz-
mann F, Ullrich L. Thiemes
Pflege. 12. Aufl. Stuttgart:
Thieme; 2012)

14.8 Wundversorgung
Durchführung
▶ Vorbereitung und Lokalanästhesie:
• Prüfung von Durchblutung, Motorik und Sensibilität distal der Wunde (DMS,
S. 276).
• Mundschutz, Kopfbedeckung und unsterile Handschuhe anziehen.
• Erste Reinigung der Wunde mit z. B. NaCl.
• In behaarten Bereichen Rasur um die Wunde (ausgenommen Augenbrauen!).
• Erste Sprühdesinfektion der Wunde und der Wundumgebung.
• Lokalanästhesie siehe S. 203. Durchführung entweder jetzt mit unsterilen Hand-
schuhen oder nach der ausführlichen Desinfektion und sterilen Abdeckung der
Wunde mit sterilen Handschuhen.

296 Hengesbach, Checkliste Medical Skills (ISBN 978-3-13-243025-9), © 2019 Georg Thieme Verlag KG
Dieses Dokument ist nur für den persönlichen Gebrauch bestimmt und darf in keiner Form an Dritte weitergegeben werden!
All rights reserved. Usage subject to terms and conditions of license.