Sie sind auf Seite 1von 4

Intensivmedizin

Zentralvenöse Sauerstoffsättigung
zur Abschätzung der Gewebeoxygenierung
F. Bloos
K. Reinhart Möglichkeiten und Grenzen1

The value of central venous O2 saturation for assessment

Aktuelle Diagnostik & Therapie


of tissue oxygenation
Die physiologische Aufgabe des kardiorespiratorischen Systems be- sorgung von kritisch kranken Patienten. Sie ist außerdem leichter und
steht in der Aufrechterhaltung der zellulären Sauerstoffversorgung sicherer durchzuführen. Ähnlich der SvO2 wurde auch die zentralve-
und der Entfernung der Abfallprodukte des Zellstoffwechsels. Die di- nöse Sauerstoffsättigung (ScvO2) als eine einfache Methode zur Ab-
rekte Überwachung und Beurteilung dieser bereits von Pflüger 1872 schätzung von Änderungen in der Qualität der globalen Sauerstoffver-
formulierten Aufgaben ist jedoch auch heute noch mit klinischen sorgung unter verschiedensten klinischen Bedingungen propagiert
Mitteln nur unzureichend möglich. (6). Es wurde kritisch hinterfragt, ob dieser Parameter insbesondere
bei Intensivpatienten die SvO2 exakt widerspiegelt. Beispielsweise er-
Erkennung, Prävention und Behandlung einer Gewebehypoxie spie- höht sich im Schock der Unterschied zwischen der SvO2 und der
len in der Intensivmedizin eine entscheidende Rolle. Auf der Inten- ScvO2, da die Sauerstoffextraktion im Hepaticus-Splanchnicusgebiet
sivstation soll das Kreislaufmonitoring die Früherkennung einer Ge- ansteigt, im Gehirn jedoch zunächst konstant bleibt (9).
webehypoxie gewährleisten. Die kontinuierliche Messung des arte-
riellen Blutdrucks und der Herzfrequenz werden bei kritisch Kran- In einer prospektiven randomisierten Studie (16) wurde bei Patienten
ken routinemäßig durchgeführt. Es ist aber die Frage, inwieweit die- mit schwerer Sepsis bzw. septischem Schock zusätzlich zur Aufrecht-
se Parameter über die Adäquatheit des Sauerstofftransportes bzw. erhaltung eines zentralen Venendrucks von über 8 – 12mm Hg, eines
über die Qualität der Gewebeoxygenierung Auskunft geben können. arteriellen Mitteldrucks von mehr als 65 mmHg und einer Diurese von
Leider schließen Normwerte für den arteriellen Blutdruck, den zen- über 0,5ml/kg/h eine ScvO2 von mindestens 70% angestrebt. Im Rah-
tralen Venendruck, die Herzfrequenz oder Diurese eine Gewebehy- men dieser Studie wurde die ScvO2 kontinuierlich über eine in einen
poxie in einzelnen Organen nicht aus. herkömmlichen zentralen Venenkatheter implementierte Fiberoptik 2601
gemessen. Die Orientierung der Kreislauftherapie an diesem kontinu-
Ein erweitertes hämodynamisches Monitoring mittels Pulmonalar- ierlich gemessenen Zielparameter (ScvO2 > 70%) ging mit einer absolu-
terienkatheter (PAK) erlaubt die Messung des Herzzeitvolumens ten Verringerung der Letalität von 15% einher. Diese Ergebnisse unter-
und der gemischtvenösen Sauerstoffsättigung (SvO2) aus der Pulmo- strichen erneut die Bedeutung der Messung der ScvO2 bei kritisch
nalarterie. Diese gilt als Indikator der Gewebeoxygenierung. So zeig- Kranken. In Folgenden werden die Unterschiede und Gemeinsamkei-
te ein Abfall der SvO2 bei Patienten mit einem akuten Myokardin- ten zwischen der gemischt- und der zentralvenösen Sauerstoffsätti-
farkt eine bestehende oder drohende kardiale Dekompensation an gung dargestellt und über die Ergebnisse von klinischen Studien zur
(6). Bei verschiedensten intensivmedizinisch relevanten Erkrankun- Anwendung der zentralvenösen Sauerstoffsättigung berichtet.1
gen geht eine niedrige SvO2 mit einer schlechten Prognose einher
(3, 4, 10). Neben der Entwicklung von PA-Kathetern mit einer konti- Physiologische Grundlagen
nuierlichen Messung des Herzzeitvolumens wurden daher auch PA-
Katheter entwickelt, die, mit einer Fiberoptik versehen, eine konti- Die gemischtvenöse Sauerstoffsättigung SvO2 wird im Blut der
nuierliche Messung der SvO2 erlauben. Pulmonalarterie, die das venöse Blut des gesamten Körpers
führt, bestimmt. Der gemischtvenöse Sauerstoffgehalt (CvO2)
Allerdings ist die PAK-Anlage kostenintensiv und mit einigen Risiken
verbunden. Auch wird der klinische Nutzen des PAK gegenwärtig
1
kontrovers diskutiert, da überzeugende Daten über die Vorteile einer Die Arbeit wurde unterstützt durch das Kompetenznetz Sepsis (Sep-
PAK-Anlage bisher nicht erhoben werden konnten (2). Die Katheteri- Net), gefördert vom deutschen Bundesministerium für Bildung und
sierung der Vena (V.) cava superior hingegen ist Teil der Standardver- Forschung (Förderkennzeichen: 01 KI 0106)

Institut
Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie, Klinikum der Friedrich-Schiller-Universität, Jena
Korrespondenz
Prof. Dr. med. K. Reinhart · Klinikum der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie · Erlanger Allee 101 · 07747 Jena · Tel.: 03461/9323101 ·
Fax: 03641/9323102 · E-Mail: Konrad.Reinhart@med.uni-jena.de
eingereicht: 8.7.2004 · akzeptiert: 29.10.2004
Bibliografie
DOI: 10.1055/s-2004-836082
Dtsch Med Wochenschr 2004;129:2601–2604 · © Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York · ISSN 0012-0472
ga iD e l l eut kA
VO2
VO2 = HZV x avDO2 Þ CvO2 = CaO2–
HZV

CaO2 - CvO2
v. c. sup.

CaO2 » Hb x 1,36 x SaO2 CvO2 » Hb x 1,36 x SvO2

Abb.1 Berechnung des O2-Verbrauchs (VO2) nach dem Fickschen Prin-


zip. Die Gleichung kann nach dem gemischtvenösen Sauerstoffgehalt
(CvO2) aufgelöst werden. Die Berechnung des CaO2 und CvO2 erfolgt
unter Vernachlässigung des physikalisch gelösten Sauerstoffs, der die
Aktuelle Diagnostik & Therapie

Höhe des Sauerstoffgehaltes nur unwesentlich beeinflusst.HZV: Herz-


zeitvolumen, avDO2: arteriovenöse Sauerstoffgehaltsdifferenz, CaO2:
arterieller Sauerstoffgehalt, Hb: Hämoglobinkonzentration, SaO2: arteri-
elle Sauerstoffsättigung, SvO2: gemischtvenöse Sauerstoffsättigung.

Abfall Anstieg

O2 Verbrauch O2 Angebot ø O2 Angebot O2 Verbrauch ø


Stress CaO2 ø CaO2 Analgesie
Schmerzen (Anämie, Cardiac output Sedierung
Fieber Hypoxie) Beatmung
Shivering Cardiac output ø Hypothermie v. c. inf.

Abb.2 Änderungen der zentral- bzw. gemischtvenösen Sauerstoff-


sättigung in Abhängigkeit von klinisch relevanten Veränderungen
des O2-Angebots und des O2-Verbrauchs.

entspricht nach dem Fickschen Prinzip der Relation zwischen


Sauerstoffverbrauch und Herzzeitvolumen (Abb.1). Die SvO2
+
2602 stellt bei konstanter Hämoglobinkonzentration dabei die wich- Miscellaneous
tigste Determinante der CvO2 dar. Daraus wurde gefolgert, dass
die SvO2 ein Maß für das Verhältnis zwischen dem vom Körper
verbrauchten Sauerstoff und dem über das Herzzeitvolumen
dem Gewebe zur Verfügung gestellten Sauerstoff darstellt.
Abb.2 demonstriert, wie sich die SvO2 unter den verschiedens-
ten klinischen Bedingungen verhält.

Die Messung der SvO2 ist nur nach Anlage eines PA-Katheters Abb.3 Schematische Abbildung der arteriellen und venösen Sauer-
möglich. Aufgrund der Invasivität einer solchen Katheteranlage stoffsättigungen in verschiedenen Gefäßgebieten des menschlichen
und der gegenwärtigen Diskussion über den Stellenwert des PA- Körpers. v. c. sup.: Vena cava superior; v. c. inf.: Vena cava inferior;
Katheters in der Kreislaufüberwachung des Intensivpatienten Miscellaneous: andere Gefäßgebiete (12).
stellte sich die Frage, ob die Messung der ScvO2 an Stelle der SvO2
nicht ausreichen würde. Die ScvO2 wird im distalen Schenkel eines Tierexperimentelle Studien konnten unter verschiedenen Bedin-
zentralen Venenkatheters (ZVK) – d.h. in der oberen Hohlvene – gungen hohe Korrelationskoeffizienten zwischen SvO2 und ScvO2
bestimmt. Da ein ZVK bei kritisch Kranken in der Regel vorhanden nachweisen (19). Viel wichtiger als die Übereinstimmung der ab-
ist, würde zur Messung der ScvO2 eine zusätzliche Katheteranlage soluten Werte ist jedoch die Frage, ob die ScvO2 klinische Verände-
nicht notwendig sein. Bei Lage des ZVK in der oberen Hohlvene re- rungen einer hämodynamischen Situation adäquat wiedergeben
präsentiert die dort gemessene Sauerstoffsättigung allerdings kann. Tierexperimentell konnte gezeigt werden, dass durch Hypo-
nicht das venöse Blut des gesamten Körpers, sondern nur der obe- xie und hämorrhagischen Schock sowie durch Behandlung dieser
ren Körperhälfte. Abb.3 demonstriert die Sauerstoffsättigungen im Zustände ausgelöste Änderungen der SvO2 immer von parallelen
arteriellen und venösen Gefäßbett des Menschen. Daraus wird er- Veränderungen der ScvO2 gefolgt wurden (15).
sichtlich, dass die Sauerstoffsättigungen der beiden Hohlvenen
nicht identisch sind. Tatsächlich ist unter physiologischen Bedin- Unter klinischen Bedingungen kann die ScvO2 entweder kontinuier-
gungen die Sauerstoffsättigung in der V. cava inferior höher als in lich mit einem mit einer Fiberoptik ausgestatteten ZVK oder diskonti-
der V. cava superior. Da die Pulmonalarterie Blut aus beiden Hohl- nuierlich über eine Blutgasanalyse, die aus dem distalen Schenkel des
venen führt, ist also unter physiologischen Bedingungen auch die ZVK gewonnen wurde, gemessen werden. Bei kritisch Kranken
SvO2 höher als die ScvO2. kommt es allerdings häufig zu einer Umkehr der physiologischen Dif-

Dtsch Med Wochenschr 2004; 129: 2601–2604 · F. Bloos u. K. Reinhart, Zentralvenöse Sauerstoffsättigung zur...
ferenz zwischen ScvO2 und SvO2. Diese Differenzumkehr ist dadurch Herzinsuffizienz und Reanimation
begründet, dass der mesenteriale und renale Blutfluss während einer
Verschlechterung der hämodynamischen Situation zu Gunsten der Die Herzinsuffizienz ist charakterisiert durch eine Limitierung des
Durchblutung bzw. Sauerstoffversorgung von Herz und Gehirn ab- Herzzeitvolumens. Daher können diese Patienten ihr Herzminu-
nehmen, was zu einer kompensatorischen Zunahme der Sauerstoff tenvolumen bei einem Anstieg des O2-Bedarfs nicht adäquat stei-
(O2)-Extraktion in den Nieren und vor allem im Hepatikus-Splanchni- gern und sind somit eher auf eine Erhöhung der O2-Extraktion an-
kusgebiet führt. Damit kommt es zu einer vermehrten Desaturierung gewiesen. Bei Patienten mit schwerer Herzinsuffizienz korreliert
des Blutes in der unteren Hohlvene. Andererseits bleibt der zerebrale die SvO2 eng mit dem Herzminutenvolumen und ein Abfall der
Blutfluss auch im Schock für einige Zeit erhalten, so dass die ScvO2 SvO2 ist ein frühes Anzeichen einer kardialen Verschlechterung (7).
erst sehr viel später als die SvO2 abfällt. Diesen Effekt kann man bei Korrelationen zwischen SvO2 und ScvO2 wurden bei kardialen Risi-
vielen Schockformen nachweisen (9,20). Auch eine Vollnarkose kann kopatienten bereits in den 60iger Jahren bestimmt. Die Qualität
bereits eine Umkehr der ScvO2-SvO2-Differenz bewirken (13). In einer dieser Korrelation wurde damals sehr unterschiedlich eingeschätzt
kürzlich veröffentlichten Studie an Intensivpatienten, die postopera- (20). Klinische Studien, in denen die ScvO2 zur Therapieführung
tiv kreislaufinstabil wurden, konnte gezeigt werden, dass die ScvO2 eingesetzt wird, existieren für diese Patienten nicht. Allerdings

Aktuelle Diagnostik & Therapie


die SvO2 im Mittel um mehr als 6% überstieg. Bei Patienten im septi- zeigte sich, dass Patienten mit einer dekompensierten Herzinsuffi-
schem Schock stieg diese Differenz sogar auf über 9% an (14). zienz, die in der Notaufnahme erhöhte Laktatspiegel und eine
niedrige ScvO2 aufwiesen, ein aggressiveres Management benötig-
kurzgefasst: Sowohl die aus der Pulmonalarterie gewonne- ten als Patienten, bei denen diese Werte im Normbereich lagen (1).
ne gemischtvenöse Sauerstoffsättigung (SvO2) wie auch die Ist die ScvO2 bei diesen Patienten unter 60%, so liegt in der Regel
aus einem zentralen Venenkatheter gewonnene zentralve- ein kardiogener Schock vor.
nöse Sauerstoffsättigung (ScvO2) sind ein indirekter Indi-
kator für die Adäquatheit der Gewebeoxygenierung. Bei einer Asystolie wird anhand eines streng standardisierten Be-
handlungsschemas eine Reanimation mit dem Ziel durchgeführt,
Klinische Anwendungsmöglichkeiten eine stabile Herzfunktion zu etablieren. Hierbei kann eine kontinu-
ierliche Messung der ScvO2 für das Management der Reanimation
Schwere Sepsis und septischer Schock nützlich sein. Während einer Asystolie wird das venöse Blut durch
Die Entwicklung einer Gewebehypoxie wird bei Patienten mit eine maximale Sauerstoffausschöpfung desaturiert. Dies führt
schwerer Sepsis bzw. septischem Schock als wichtigster pathophy- rasch zu einer ScvO2 < 20%. Bei einer suffizienten Herzdruckmassa-
siologischer Faktor für die Entwicklung eines Multiorgandysfunkti- ge kommt es zügig zu einem Anstieg der ScvO2 > 40%. Bei allen Pa-
onssyndroms angesehen. Behandlungsstrategien, die auf eine Maxi- tienten, bei denen unter der Reanimation die ScvO2 auf über 72%
mierung des O2-Angebotes zielten, waren zwar nicht erfolgreich (5). anstieg, konnte ein spontanes Einsetzen der Herzfunktion beob-
Allerdings ist eine frühzeitige und aggressive Kreislaufstabilisierung achtet werden (17). Andererseits war eine sehr hohe ScvO2 (>80%)
dieser Patienten für die Prognose bestimmend. Rivers et al. (16) nach erfolgreicher Reanimation ein sehr ungünstiges prognosti- 2603
zeigten, dass sich mit einer sog. „early goal-directed therapy“ (EGDT) sches Zeichen. Eine sehr hohe ScvO2 deutet wahrscheinlich auf
(s. Abb. 1 des Beitrags Ragaller und Sengebusch, S. 2603), die sich zu- eine durch einen prolongierten Herzstillstand ausgelöste Beein-
sätzlich zum zentralen Venendruck und arteriellen Mitteldruck an trächtigung der O2-Utilisierung im Gewebe hin (18).
der ScvO2 orientierte, die 28-Tage-Letalität von Patienten mit
schwerer Sepsis bzw. septischen Schock von 46,5% auf 30,5% kurzgefasst: Eine ScvO2 < 60% deutet bei Patienten mit
(p = 0,009) senken ließ. Darüber hinaus war im Vergleich zur Kon- akut dekompensierter Herzinsuffizienz auf das Vorlie-
trollgruppe die Krankenhausverweildauer bei Überlebenden der gen eines kardiogenen Schocks hin. Bei Patienten mit
EGDT-Gruppe durchschnittlich 3,8 Tage kürzer. Die mit der EGDT chronischer Herzinsuffizienz kann aufgrund der kom-
behandelte Gruppe erhielt im Vergleich zur konventionell behan- pensatorisch dauerhaft erhöhten O2-Extraktion eine
delten Gruppe innerhalb der ersten 6 Stunden mehr Flüssigkeit, niedrige ScvO2 auch ohne kardiogenem Schock gemes-
häufiger Dobutamin und mehr Bluttransfusionen. Dieses Manage-
sen werden. Während einer Asystolie ist eine rasche zen-
ment führte zu einer schnelleren und besseren Erholung der Organ-
tralvenöse Desaturierung zu beobachten, die bei suffizi-
funktionen in der EGDT-Gruppe. Die initiale Kreislaufstabilisierung
enter Herzdruckmassage wieder rückläufig ist.
eines Patienten mit schwerer Sepsis bzw. septischen Schock sollte
daher nach den Vorgaben der sich an der ScvO2 ausrichtenden EGDT
stattfinden. Polytrauma und hämorrhagischer Schock

kurzgefasst: Bei der sog. „early goal-directed therapy“ Die Erstversorgung von polytraumatisierten Patienten ist defi-
niert durch eine schnelle und aggressive Stabilisierung der Vi-
wird die initiale hämodynamische Stablisierung von Pa-
talfunktionen gefolgt von der chirurgischen Erstversorgung. Da
tienten mit schwerer Sepsis bzw. septischem Schock an
die ScvO2 im Tierversuch linear mit dem Umfang des Blutver-
arteriellem Mitteldruck, zentralem Venendruck und der
lustes abnimmt (19), erscheint es sinnvoll, diesen Parameter bei
ScvO2 als wesentlichen Zielparametern ausgerichtet. polytraumatisierten Patienten näher zu untersuchen. Zur Zeit
Eine solche Vorgehensweise konnte die Letalität dieser existieren keine klinischen Studien, die die Validität der ScvO2
Patienten signifikant senken. als ein Parameter zur Überwachung und Steuerung der hämo-
dynamischen Stabilisierung bei diesen Patienten untersucht
hat. Allerdings hat sich gezeigt, dass Trauma-Patienten im

Dtsch Med Wochenschr 2004; 129: 2601–2604 · F. Bloos u. K. Reinhart, Zentralvenöse Sauerstoffsättigung zur...
Schock, die mit Hilfe von Parametern wie Herzfrequenz, Blut-
druck und ZVD hämodynamisch stabilisiert wurden, in 50% der Glossar
Fälle eine pathologisch niedrige ScvO2 aufwiesen (11). Solche
AvDO2 Arteriovenöse Sauerstoffgehaltsdifferenz. Differenz aus
Patienten mit einer ScvO2 < 65% benötigten weitere Interventi-
arteriellem und gemischtvenösem Sauerstoffgehalt.
onen zur Stabilisierung und zeigten erhöhte Laktatwerte sowie CaO2 Arterieller Sauerstoffgehalt in mg/dl.
eine prolongierte kardiale Dysfunktion. Berechnet sich aus Hb und SaO2.
CvO2 Gemischtvenöser Sauerstoffgehalt in mg/dl.
kurzgefasst: Eine erniedrigte ScvO2 deutet bei polytrau- Berechnet sich aus Hb und SvO2.
matisierten Patienten auf eine unzureichende Gewebeo- EGDT „Early Goal Directed Therapy“. Kreislaufstabilisierung,
xygenierung hin, auch wenn ein normaler Blutdruck ge- die sich u.a. an der ScvO2 ausrichtet.
messen wird. Hb Hämoglobinkonzentration
HZV Herzzeitvolumen in l/min.
PA Pulmonalarterie
Fazit
PAK Pulmonalarterienkatheter
Aktuelle Diagnostik & Therapie

SaO2 Arterielle Sauerstoffsättigung in %.


Die ScvO2 ist eine einfache Methode, um die auf einer Inten-
SvO2 Gemischtvenöse (in der Pulmonalarterie gemessene)
sivstation standardmäßig erhobenen Werte wie Blutdruck,
Sauerstoffsättigung in %.
Herzfrequenz und zentraler Venendruck sinnvoll zu ergän-
ScvO2 Zentralvenöse (aus dem ZVK bestimmte)
zen. Obwohl die Korrelation zwischen SvO2 und ScvO2 insbe-
Sauerstoffsättigung in %.
sondere bei hämodynamisch instabilen Patienten schlechter
VO2 Sauerstoffverbrauch. Kann nach dem Fickschen Prinzip
wird, bildet die ScvO2 Änderungen der SvO2 ausreichend gut aus dem Produkt von HZV und avDO2 oder direkt aus den
ab und kann zur Beurteilung der Adäquatheit des kardiore- Atemgasen bestimmt werden.
spiratorischen Systems und zur Therapiekontrolle mit heran- ZVK Zentraler Venenkatheter
gezogen werden. Da die SvO2 unter klinischen Bedingungen
in der Regel unterhalb der ScvO2 liegt, sollte eine Kreislauf- Literatur
therapie, die eine ScvO2 >70% zum Ziel hat, in der Regel suf- 1
Ander DS, Jaggi M, Rivers E et al. Undetected cardiogenic shock in patients
fiziente Kreislaufverhältnisse zur Erreichung einer adäquaten with congestive heart failure presenting to the emergency department. Am
Gewebeoxygenierung bewirken. Dies konnte mittels der „ear- J Cardiol 1998; 82: 888–891
2
Jr. Connors AF, Speroff T, Dawson NV et al. The effectiveness of right heart
ly goal-directed therapy“ bei Patienten mit schwerer Sepsis catheterization in the initial care of critically ill patients. SUPPORT Investi-
gators. JAMA 1996; 276: 889–897
bzw. septischem Schock nachgewiesen werden. Auch für an- 3
Creamer JE, Edwards JD, Nightingale P. Hemodynamic and oxygen trans-
dere Schockformen existieren Hinweise darauf, dass eine port variables in cardiogenic shock secondary to acute myocardial infarc-
tion, and response to treatment. Am J Cardiol 1990; 65: 1297–1300
Überwachung der ScvO2 klinisch sinnvoll ist, auch wenn be- 4
Edwards JD. Oxygen transport in cardiogenic and septic shock. Crit Care
weisende klinische Studien zur Zeit noch fehlen. Med 1991; 19: 658–663
5
Gattinoni L, Brazzi L, Pelosi P et al. A trial of goal-oriented hemodynamic
2604 therapy in critically ill patients. SvO2 Collaborative Group. N Engl J Med
1995; 333: 1025–1032
Zur Frage der medizinischen Sinnhaftigkeit eines Monitoring- 6
Goldman RH, Braniff B, Harrison DC et al. The use of central venous oxygen
verfahrens gehört auch die Beurteilung seiner Kosteneffizi- saturation measurements in a coronary care unit. Ann Intern Med 1968; 68:
1280–1287
enz. Der momentan verfügbare ZVK mit kontinuierlicher 7
Gore JM, Sloan K. Use of continuous monitoring of mixed venous saturation
Messung der ScvO2 kostet nicht wesentlich weniger als ein in the coronary care unit. Chest 1984; 86: 757–761
8
Huang DT, Angus DC, Dremsizov TT et al. Cost-effectiveness of early goal-
Pulmonalarterienkatheter. Außerdem wird ein entsprechen- directed therapy in the treatment of severe sepsis and septic shock. Crit
Care 2003; 7: S116
der Monitor benötigt. Andererseits konnte bei Patienten mit 9
Lee J, Wright F, Barber R et al. Central venous oxygen saturation in shock: a
schwerer Sepsis und septischem Schock nachgewiesen wer- study in man. Anesthesiology 1972; 36: 472–478
10
Polonen P, Ruokonen E, Hippelainen M et al. A prospective, randomized
den, dass eine an diesem Monitoringverfahren ausgerichtete study of goal-oriented hemodynamic therapy in cardiac surgical patients.
Kreislaufstabilsierung das Überleben verbessert und die Anesth Analg 2000; 90: 1052–1059
11
Rady MY, Rivers EP, Martin GB et al. Continuous central venous oximetry
Krankenhausliegedauer verkürzt. Damit ist in dieser Indikati- and shock index in the emergency department: use in the evaluation of cli-
nical shock. Am J Emerg Med 1992; 10: 538–541
on die Anwendung dieses Verfahrens auch kosteneffektiv (8). 12
Reinhart K. Monitoring O2 transport and tissue oxygenation in critically ill
Für andere klinische Anwendungsgebiete existieren zu wenig patients, Clinical aspects of O2 transport and tissue oxygenation. Berlin,
Heidelberg, Springer, Edited by Reinhart K, Eyrich K. 1989: 195–211
Daten, um die Kosteneffizienz dieses Verfahrens bewerten zu 13
Reinhart K, Kersting T, Fohring U et al. Can central-venous replace mixed-
können. Ob eine diskontinuierliche ScvO2-Bestimmung über venous oxygen saturation measurements during anesthesia? Adv Exp Med
Biol 1986; 200: 67–72
eine Blutgasanalyse aus dem ZVK ähnlich günstige Auswir- 14
Reinhart K, Kuhn HJ, Hartog C et al. Continuous central venous and pulmo-
nary artery oxygen saturation monitoring in the critically ill. Intensive Care
kungen hat wie eine kontinuierliche Messung, ist zur Zeit Med 2004; 30: 1572–1578
15
ungeklärt. Reinhart K, Rudolph T, Bredle DL et al. Comparison of central-venous to
mixed-venous oxygen saturation during changes in oxygen supply/de-
mand. Chest 1989; 95: 1216–1221
16
Autorenerklärung: K.R. erklärt, dass er die Fa. Edwards bei der Rivers E, Nguyen B, Havstad S et al. Early goal-directed therapy in the treat-
ment of severe sepsis and septic shock. N Engl J Med 2001; 345: 1368–1377
Entwicklung eines Katheters zur kontinuierlichen Messung der 17
Rivers EP, Martin GB, Smithline H et al. The clinical implications of conti-
nuous central venous oxygen saturation during human CPR. Ann Emerg
zentralvenösen Sauerstoffsättigung gegen Entgelt beraten hat Med 1992; 21: 1094–1101
18
sowie Vortragshonorare erhielt. F.B. erklärt, dass er keine finan- Rivers EP, Rady MY, Martin GB et al. Venous hyperoxia after cardiac arrest.
Characterization of a defect in systemic oxygen utilization. Chest 1992;
ziellen Verbindungen mit einer Firma hat, deren Produkt in dem 102: 1787–1793
19
Artikel eine wichtige Rolle spielt (oder mit einer Firma, die ein Scalea TM, Holman M, Fuortes M et al. Central venous blood oxygen satura-
tion: an early, accurate measurement of volume during hemorrhage. J Trau-
Konkurrenzprodukt vertreibt). ma 1988; 28: 725–732
20
Scheinman MM, Brown MA, Rapaport E. Critical assessment of use of cen-
tral venous oxygen saturation as a mirror of mixed venous oxygen in sever-
ely ill cardiac patients. Circulation 1969; 40: 165–172

Dtsch Med Wochenschr 2004; 129: 2601–2604 · F. Bloos u. K. Reinhart, Zentralvenöse Sauerstoffsättigung zur...