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David Jaffîn

Mein Glaube,
meine Welt
Johannis
D a v i d Jaffin · M e i n Glaube, meine Welt
David Jaffin

Mein Glaube,
meine Welt

^ johannis
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme

Jaffin, David:
Mein Glaube, meine Welt / David Jaffin. - Lahr : Johannis, 1997
(Edition C ; 496 : Paperback)
ISBN 3-501-01322-2

Edition C-Paperback 58196


© 1997 by Verlag der St.-Johannis-Druckerei, Lahr
Umschlagmotiv: Giovanni Bellini, Madonna auf der Weide
Gesamtherstellung:
St.-Johannis-Druckerei, 77922 Lahr
Printed in Germany 13132/1997
Inhaltsverzeichnis

Einleitung 7

I. M e i n Glaube 9

IL D i e Liebe 28

III. Berufe u n d Berufungen 34


a) Historiker 34
b) Pfarrer 37
c) Vortragsredner 43
d) A u t o r 46

IV. M u s i k : N a h r u n g für die Seele 49

V. Malerei u n d die Gestaltung der


Wirklichkeit 61

V I . Lyrik: Die innere Stimme 73

VII. Menschenkenntnis, moderne Psychologie


u n d die Bibel 78

VIII. Zeit, Vergänglichkeit, Ewigkeit 83

IX. Nachwort 86

X . Bibliographie 88

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Einleitung

Meine autobiographischen Anmerkungen » U n d geh i n


ein Land, das ich d i r zeigen will« haben einen guten A n ­
klang gefunden. Viele haben das Buch gelesen, haben
sich gefreut, v o n Gottes geheimnisvollen Wegen mit m i r
z u erfahren, u n d die meisten haben m i r gesagt, d a ß sie
i n diesem Buch i n einem A t e m z u g bis z u m Schluß mit­
gelacht u n d mitgefühlt haben. Aber manche haben m i r
gesagt: D a v i d , d u hast Tieferes, Gewichtigeres z u sagen.
F ü r solche Menschen habe ich dieses Buch geschrieben.

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I. Mein Glaube

a) Wort und Stille

Der H e r r schuf diese Welt, alles was lebt u n d sich regt,


den ganzen Kosmos, aus dem Nichts, durch sein leben­
diges Wort. Weil er alles durch sein Wort schuf, betonen
w i r die Worttheologie. A b e r nicht nur d a ß der Herr alles
durch sein Wort schuf, sondern durch die Verdrehung
von Gottes Wort verursachte der Satan den Sündenfall
u n d die Katastrophen der Urgeschichte. Der Satan ist der
Affe Gottes, sagt Luther völlig z u Recht. In der Konfron­
tation mit Jesus zitiert er Gottes Wort. U n d die Prophe­
ten riefen zur Buße, auch durch das lebendige, heilbrin­
gende Wort Gottes. U n d Jesus Christus, der Logos, das
Wort ist Fleisch geworden i n i h m , u n d der Heilige Geist
ist, wie unsere Reformatoren richtig betonen, nur leben­
dig durch das Wort, das biblische Wort Gottes.

A b e r d a r ü b e r hinaus sollten w i r nicht vergessen, d a ß


der H e r r diese ganze Welt aus der Stille schuf; deswegen
sollte dieser Begriff der Stille - »Aber sei nur stille z u
Gott, meine Seele« - auch i n unserem Leben als Christen
einen breiten R a u m einnehmen. W i r leben i n einer Welt
voller L ä r m , voller verführerischer Worte, welche uns
überfluten. U m z u m Wort z u r ü c k z u k e h r e n , z u m leben­
digen Wort Gottes, brauchen w i r die Stille, die Stille vor
allem v o n unseren eigenen Gedanken u n d Plänen. Dies
bedeutet auch, R a u m z u schaffen für den Herrn; u n d die­
se Dimension des Raumes, der inneren Stille z u m H e r r n
hat auch etwas z u tun mit der raumschaffenden Kraft
des Schöpfers, denn er erschuf aus seiner Stille die Welt.

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Ohne diese D i m e n s i o n bleibt der M e n s c h v e r f ü h r b a r
durch jede zeitliche Ideologie u n d durch jede zeitgebun­
dene Irrlehre. Der lebendige Gott ist da, w o sein Wort z u
uns i n Vollmacht spricht aus unserer Stille ausgerichtet
auf i h n .

b) Das biblische Gottesbild

Heutzutage ist die zentrale Gottesvorstellung für die


meisten Christen die v o m Jesuskind i n der Krippe. E i n
niedliches, s ü ß e s Knäblein auf dem Schoß seiner Mutter
oder i n der Krippe. Dieses G o t t e s v e r s t ä n d n i s zeigt sich
i m bestbesuchten Gottesdienst i m Jahr, a m H e i l i g e n
A b e n d . Sicherlich gehen mindestens fünfmal mehr C h r i ­
sten z u m Gottesdienst a m Heiligen A b e n d als an einem
normalen Sonntag. Daher h ö r e n w i r i n der Predigt, d a ß
Jesus n u r die Liebe ist. U n d diese Liebe w i r d sehr
menschlich verstanden, als eine unbegrenzte Macht der
Vergebung. So einseitig w i r d dies betont, d a ß solche
Aussagen wie: » S ü n d i g e nicht m e h r « oder »Tut Buße«
oder gar »Wer m i c h liebt, w i r d meine Gebote halten«
ziemlich unter den Tisch fallen. Das g e g e n w ä r t i g e Got­
tesbild v o n uns evangelischen Christen ist g e p r ä g t v o n
der Liebe Jesu, aber einer Liebe, welche harmlos gewor­
den ist, z u einer billigen Gnade geworden ist, w i e Bon-
hoeffer sagte u n d deswegen ü b e r h a u p t nichts mit d e m
biblischen Gott u n d seiner Gnade z u tun hat.
Was ist die Ursache dafür? Seit der A u f k l ä r u n g haben
w i r aufgeklärte, moderne Menschen den H e r r n immer
nach unserem Wunschbild gestaltet ganz i m Sinne des
Zeitgeistes u n d ganz gegen das zweite Gebot nach M o ­
se - »Du sollst d i r kein Bildnis noch irgendein Gleichnis
machen v o n dem H e r r n « . Deswegen gibt es diese ver­
wirrenden Angebote von einseitigen Gottesbildern, w e l -

10
che z u einem rationalistischen Gott geführt haben, z u ei­
nem Gott unseres Gefühles, z u einem nationalistischen
Gott u n d einem sozialistischen Gott, z u einem Gott der
Friedensbewegung u n d einem feministischen Gott, u m
nur ein paar dieser ungöttlichen Gottesbilder z u nennen.
Aber hinter dieser Entwicklung steht ein anderes Pro­
blem, n ä m l i c h unser Gottesbild nur dem N e u e n Testa­
ment z u entnehmen, auf Kosten der Trinität, u n d ein Je­
susbild ohne den Ernst der Offenbarung, ohne den Ernst
Jesu selbst, der Weherufe, Fluchworte gerufen hat, sogar
ü b e r Kapernaum, die Stadt seines Wirkens. Gott Vater,
Gott Sohn u n d Gott Heiliger Geist sind eins. Jahwe, die
Deutung für Gott i m A l t e n Testament, für die Juden, ein
unaussprechbarer N a m e , der kein persönlicher N a m e
ist, meint den seienden, wirkenden Gott. Das ist das We­
sen Gottes. Denn die Bibel ist nichts anderes als ein Zeug­
nis v o n Gottes S c h ö p f u n g u n d seiner heilsgeschicht­
lichen Wege für Israel, für die Gemeinde Jesu, u n d für
jeden v o n uns p e r s ö n l i c h . Eingebettet i n diesen
heilsgeschichtlichen Weg sind Gottes Liebe u n d Barm­
herzigkeit, w i e auch Gottes Gericht u n d Gerechtigkeit,
wie seine Weisheit u n d viel, viel mehr. Was die M e n ­
schen a m biblischen G o t t e s v e r s t ä n d n i s stört, ist seine
Vollmacht ü b e r uns, i m Klartext: sein Gericht. Daher
w i r d jeder Versuch gemacht, gerade diesen richtenden
Gott z u nivellieren u n d abzuschaffen. Warum? Weil w i r
einen haben wollen, w i e w i r i h n haben wollen. U n d die­
ser Versuch den H e r r n z u verharmlosen, damit w i r ihn
i m Griff haben, nicht er uns i m Griff hat, ist nichts ande­
res als die E r b s ü n d e , die Ursache für das Gericht z u
Noahs Zeit, u n d auf kulturellem Gebiet ist der Babel­
turm ihre A u s w i r k u n g . Ja, w i r sind die Herren der Welt.
W i r werden ü b e r Gott entscheiden, letzten Endes ü b e r
i h n richten. Das ist der Ruf der Urmenschen i n der U r ­

li
geschiente, 1. M o s e 3 bis 11, u n d das ist der Ruf der mo­
dernen Menschen seit der Aufklärung. A b e r die Urge­
schichte der Menschen endet i m Gericht wegen unserer
Entfernung v o m H e r r n , wegen unserer Überheblichkeit,
w e i l w i r nicht wissen oder wahrhaben w o l l e n , d a ß
»Frömmigkeit der E n t s c h l u ß ist, die A b h ä n g i g k e i t v o n
Gott als Glück z u bezeichnen« (Hermann Bezzel). Der
Mensch w e i ß nicht, was gut für i h n ist, u n d anscheinend
auch die meisten Theologen nicht. Ist nicht die schärfste
Kritik i m A l t e n Testament gegen die Priester gerichtet
(Jeremía 23, Hesekiel 34, Sacharja 11 u n d viele andere
Stellen)? U n d waren nicht gerade die Priester Jesu
Hauptfeinde? U n d waren es nicht die Priester, welche
Luther z u seinem entschiedenen biblischen Stand gegen
sie führten? U n d ist unsere Evangelische Kirche heute
besser, unsere Pfarrer mit ihrer Politisierung der Theolo­
gie, mit ihrer Psychologisierung der Theologie, mit ihrer
Verharmlosung u n d Verdrehung v o n Gottes Wort u n d
dem biblischen Gottesbild, gerade gegen die reformato­
rischen G r u n d s ä t z e : »Allein Jesus Christus, allein die
Heilige Schrift, allein aus Glauben durch G n a d e « .
Wie Luther uns so deutlich zeigte, sind Gottes Gericht
u n d Gottes Gnade immer eine biblische Einheit, Gottes
Z o r n u n d Gottes Liebe. Ich w i l l nur ein zentrales Beispiel
bringen. Durch das K r e u z unseres H e r r n liegt eine Ver­
fluchung ü b e r der Welt u n d uns Menschen als Gottes­
m ö r d e r . A b e r i n dieses Gericht, gezeichnet durch F i n ­
sternis u n d das Fluchwort: »Verflucht ist der, der am
Holze hing« (5. Mose 21,23) antwortet Jesus mit dem A n ­
gebot der Gnade seiner segnenden H ä n d e . E i n wahres
biblisches Gottesbild kann den H e r r n nie verharmlosen,
weder sein Gericht noch seine Wiederkunft, u m sein
Werk z u vollenden. A b e r ein wahres biblisches Gottes­
b i l d darf nie an Jesu Liebe für die Sünder, seiner Gnade

12
u n d Barmherzigkeit vorbeireden. Ist es nicht so, d a ß die
meisten Menschen z u m lebendigen Glauben durchs
Gericht kommen, nicht durch die Schöpfung, durch
menschliche Liebe? Sie werden sehr krank, sie verlieren
ihren Ehegatten oder ihr K i n d . Sie erleben das Tragische
u n d dann besinnen sie sich auf den Herrn. Denn »das
Dichten u n d Trachten des menschlichen Herzens ist
b ö s e v o n Jugend a n « . Oder, wie Luther sagte: »Der
natürliche Mensch ist gegen Gott u n d sein Heil.« Gottes
Gerichte l ä u t e r n uns, zeigen uns den Weg zur Buße, z u m
H e i l , z u r V e r s ö h n u n g i n Christus. Das verharmloste, un­
biblische Gottesbild unserer Zeit hat seine Entsprechung
i n unserer Anthropologie, unserem M e n s c h e n v e r s t ä n d ­
nis. H ö r e n w i r nicht s t ä n d i g , d a ß der Mensch letzten E n ­
des gut, i n O r d n u n g sei, u n d das gerade i n einer Zeit des
Massenmords durch Abtreibung, des Ehebruchs u n d der
Verharmlosung dieses Gebotes, u n d zügellosen Dieb­
stahls i n g r o ß e n Kaufhäusern. Das ist die Gesetzlosigkeit
am Ende der Tage. Das ist der Lügengeist a m Ende der
Tage, w e n n »fromm« ein schlechtes Wort w i r d u n d wenn
der natürliche b ö s e Mensch als gut u n d gerecht betrach­
tet w i r d .
Gottes Allmacht ist nicht gegen uns, sondern für uns.
Er w i l l , d a ß w i r z u m H e i l kommen, deswegen läßt er uns
oft i n Leiden u n d N o t kommen, damit unsere Bequem­
lichkeit, unsere Sehnsucht u n d Selbstbestätigung i n Fra­
ge gestellt w i r d . Er w i l l uns rufen, damit w i r Frieden u n d
Geborgenheit erleben, damit unser Leben ein wahres
Fundament hat, damit w i r Zukunft i n i h m haben. Der
richtende u n d der liebende Gott sind eins, i m gesamt­
biblischen, trinitarischen Sinne.

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c) Jesus Christus

Wenn ich eingeladen bin, u m Vorträge z u halten, u n d w i r


miteinander beten, beten meine Gastgeber fast immer
z u m Vater (vielleicht w e i l ich Jude bin), aber ich fast i m ­
mer z u Jesus. Jesus ist für m i c h der, auf den Israel immer
gewartet hat, unser Messias, der H e i l a n d , Herrscher
ü b e r Zeit u n d Ewigkeit. F ü r mich ist einer der zentral­
sten Momente i n der Bibel der, als Jesus Petrus fragt:
»Was halten die anderen v o n mir?« Petrus nennt alle
m ö g l i c h e n Antworten, u n d jede dieser Antworten ist i n
sich eine Predigt wert. Aber dann schaut Jesus i h n direkt
an u n d fragt: » U n d d u , Petrus, für w e n hältst d u mich?«
U n d Petrus antwortet: » D u bist der Christus, der Sohn
Gottes.« Ja, Jesus ist der, auf den Israel immer gewartet
hat. F ü r m i c h aber w a r Jesus (seit ich Christ geworden
bin) nie nur wahrer Mensch, sondern immer zugleich
wahrer Gott. E r ist v o m H i m m e l gekommen, u m uns
durch seine Reden, vor allem seine Gleichnisse, den Weg
z u seinem Reich z u zeigen. U n d er ist der, der diesen Pas­
sionsweg ging, diesen schmalen u n d geraden Weg für
uns ging, damit w i r i n i h m Frieden mit dem Vater haben
u n d der Weg z u seinem ewigen Reich geöffnet w i r d . Ich
habe aber Jesus nie verniedlicht i n meinen Gedanken
u n d Worten, i h n nie z u der machtlosen Puppe i n der
K r i p p e umgestaltet. E r war u n d blieb für m i c h immer
der heilige Gott, der gerechte Gott, der liebende u n d
barmherzige Gott. Wahrer Gott u n d wahrer Mensch, der
uns so nahe gekommen ist, u n d der auch unser H e r r u n d
Herrscher ist.
E i n m a l habe ich i n meinem Jugendbibelkreis gefragt:
»Wie w ä r e es, w e n n Jesus jetzt mitten unter uns sein
könnte?« Sie waren alle v o n diesem Gedanken völlig be­
geistert. Ich aber sagte, w e n n er mitten unter uns w ä r e ,

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dann w ü r d e ich zutiefst erschrecken. Sie waren alle er­
staunt ü b e r diese Aussage. Die Anwesenheit eines s ü n d ­
losen Menschen mitten unter uns offenbart die schreck­
liche Diskrepanz zwischen dem s ü n d i g e n Menschen, der
w i r sind u n d , d e m Menschen, den Gott haben w i l l . Das
ist der H a u p t g r u n d , w a r u m Jesus gekreuzigt wurde:
Weil er viel z u gut für uns ist, weil seine Anwesenheit
eine schreckliche Herausforderung für uns ist, indem al­
les, was dunkel i n uns selbst ist, offenbar w i r d , ans Licht
kommt. Sicherlich wurde Jesus auch gekreuzigt, w e i l er
sich s t ä n d i g an Gottes Stelle gesetzt hat. H a t er nicht
Vollkommenheit i n der Bergpredigt verlangt? E i n Pro­
phet kann v o m Volk nur verlangen, was er selbst erfül­
len kann. Niemals hat ein Prophet Vollkommenheit ver­
langt. D a r ü b e r hinaus hat Jesus einen Gichtbrüchigen
von seinen S ü n d e n freigesprochen, ohne Gott Vater die
Ehre z u geben, u n d er hat das Sabbatgesetz wiederholt
gebrochen. N e i n , entweder ist Jesus Gott selber, oder der
schlimmste Gotteslästerer i n der Geschichte Israels. In
diesem Sinne haben die Schriftgelehrten u n d Pharisäer
ihn besser verstanden als die modernen Menschen, die
i h n sich als einen guten Menschen unter anderen vor­
stellen. N e i n , entweder ist er Gott, u n d das ist er, oder der
schlimmste Gotteslästerer i n Israels Geschichte.

d) Altes Testament und Neues Testament

U n d dieser Jesus hat gesagt: »Ich b i n nicht gekommen


aufzuheben, sondern z u erfüllen«. Was meinte er damit?
N a t ü r l i c h das A l t e Testament. Damals gab es kein N e u ­
es Testament. Jesu Selbstverständnis ist alttestamentlich.
U n d so erklärte er den E m m a u s j ü n g e r n die Bedeutung
seines Kreuzes nur durch die Schriften des A l t e n Testa­
ments, seine Bibel. F ü r m i c h gibt es kein Altes u n d N e u -

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es Testament, sondern nur ein Wort, eine einzige Bibel
mit Jesus Christus als Zentrum. Immer w e n n das Alte
Testament i n Frage gestellt w i r d w i e v o n Marcion, dem
Irrlehrer, dem ersten Herausgeber des N e u e n Testa­
ments, oder z u Hitlers Zeit, immer dann w i r d Jesus nicht
richtig verstanden u n d w i r d das Christentum Irrlehren
ausgesetzt. Das Alte Testament ist nicht ein Judenbuch,
sondern die Offenbarung des Weges des allmächtigen
Gottes, des Vaters Jesu Christi, der Jesus für uns auf die­
se Welt sandte. U n d dieser Vater ist auch der gute, lie­
bende Vater: »Also hat Gott Vater die Welt geliebt, d a ß er
seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an i h n
glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Le­
ben haben.« Das Alte Testament gibt Zeugnis v o n der Er­
schaffung aller Völker auf Erden. Die Propheten reden
z u allen m ö g l i c h e n Völkern, nicht nur z u Israel, z u allen
Menschen. Menschen aus verschiedenen V ö l k e r n
schließen sich d e m Gottesvolk an, Ä g y p t e r z.B., w i e
beim A u s z u g aus Ä g y p t e n , oder Rahab, oder ein ganzer
Stamm, die Gibeoniter, bis h i n z u den Gottesfürchtigen
i m N e u e n Testament. Das Alte Testament ist die Bibel
Jesu u n d innerhalb dieses Buches w i r d Schritt für Schritt
der Weg z u seinem K o m m e n offenbart. Dieses Alte Te­
stament ist wie ein Berg i m Nebel, den die Sonne Schritt
für Schritt durchstrahlt.
Zuerst w i r d gesagt, einer w i r d kommen, der Schlange,
(dem Bösen) den K o p f z u zertreten (1. M o s e 3). D a n n
w i r d gesagt, aus welchem Volk er k o m m e n w i r d - »Ab­
raham, durch dich werden gesegnet alle Völker auf Er­
den.« A n anderen Stellen (Römer 9 oder viele Stellen des
A l t e n Testaments) beginnt die Segenslinie bei A b r a h a m
u n d Isaak bzw. bei A b r a h a m , Isaak u n d Jakob (Israel). 1.
M o s e 49 zeigt uns, aus welchem Stamm der Messias
k o m m e n w i r d : »Juda, d u bist der H e l d für die H e i d e n « .

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U n d i m gleichen Abschnitt werden sogar Palmsonntag
u n d Karfreitag vorgedeutet. »Er w i r d auf einem Esel ge­
ritten k o m m e n , mit einem mit Wein beschmierten
Kleid.« 2. Samuel 7 zeigt uns, aus welchem Hause u n d
Geschlecht er kommen w i r d : »David wollte dem H e r r n
ein H a u s (einen Tempel) bauen, aber der Herr w i r d i h m
eine Dynastie bauen, die i n Ewigkeit bleiben wird.« Und
dann im Jesaja-Evangelium wird im 8. Jahrhundert vor Chri-
stus alles bekannt. Er w i r d v o n einer Jungfrau geboren
werden - Jesaja 7 - denn der Herr herrscht nicht nur ü b e r
die Gesetze Mose, sondern auch ü b e r die biologischen
Gesetze. Waren nicht Sarah, Rahel, H a n n a h u n d Elisa­
beth entweder z u alt, u m ein K i n d bekommen z u k ö n n e n
oder unfruchtbar? Dieses Thema erreicht seine Zielset­
z u n g i n der Jungfrauengeburt. Jesaja 9 ist uns wohlbe­
kannt, besonders durch die messianischen Titel, E w i g -
Vater, Friede-Fürst, ... aber Mittelpunkt dieses Textes,
sehr verschlüsselt, ist Jesu Kreuz, sein blutverschmiertes
K l e i d , das dem Feuer (des Gerichts) ü b e r g e b e n w i r d .
Jesaja 11 hat mit dem tausendjährigen Friedensreich z u
tun, auch ein gesamtbiblisches Thema: ein Reich auf die­
ser Erde, w o Menschen u n d w i l d e u n d zahme Tiere z u ­
sammen i n Frieden leben werden, w o die Erde erneuert
u n d Gerechtigkeit herrschen w i r d . In diesem Sinne ist
Psalm 72 v o n Salomo zentral, aber auch das Paradies,
Noahs Arche u n d mehrere Jesaja-Texte, Jesus i n der W ü ­
ste nach seiner Taufe unter w i l d e n Tieren u n d Offenba­
rung 20. Jesaja 25 u n d die Auferstehung, kollektiv ver­
standen wie i n Daniel 12 u n d Hesekiel 37, aber auch i n ­
dividuell verstanden, vorgedeutet i n mehreren Psalmen,
wie Psalm 49. Jesaja 53 Kreuz, Jesaja 61 u n d das Halleljahr,
das Friedensjahr, ein Text, welcher Jesus i n Bezeichnung
z u sich selbst i n Nazareth auslegte. Z u r selben Zeit wie
Jesaja zeigt uns M i c h a i m Kapitel 5, d a ß der Messias i n

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Betlehem geboren w i r d . Der einzige Weg ein tiefes u n d
vor allem neues Verständnis des N e u e n Testaments z u
gewinnen führt ü b e r das Alte.
Das Neue Testament selbst ist die Erfüllung aller Pro­
phezeiungen, u n d diese Erfüllung ist persönlich i n Jesus
z u verstehen. Es gibt keinen Satz i m N e u e n Testament,
der nicht einen vielschichtigen alttestamentlichen H i n ­
tergrund besitzt. So sollte das Neue Testament gelesen
werden. Ich lese es mit jüdischen, alttestamentlichen A u ­
gen u n d das A l t e Testament ganz u n d gar mit neutesta-
mentlichen A u g e n , u n d dann sind beide Testamente eins
i n Jesus Christus. D a z u ist die Bildersprache beider Te­
stamente die gleiche. Fließendes Wasser, z u m Beispiel,
bedeutet Leben, Tod u n d Reinheit durch die ganze Bibel,
angefangen mit der Sintflut - die bedeutet Leben für
N o a h u n d die Seinen, aber Tod für die gerichtete Welt
u n d durch sie ist N o a h u n d seine Familie kultisch gerei­
nigt. So ist auch das Schilfmeerwunder z u verstehen,
oder die Begegnung mit der Samariterin a m Brunnen
oder mit dem G e l ä h m t e n a m Teich Bethesda. Dieses b i ­
blisch so umfassende Thema erreicht sein Z i e l am Kreuz.
Jesus w i r d durchbohrt u n d Blut u n d Wasser quillt aus
seinem Leib heraus, u n d damit ist der Weg z u m ewigen
Leben geöffnet durch seinen Tod u n d seine Reinheit.
Altes u n d Neues Testament sind eins i n Jesus Christus,
aber auch i n ihrer grundlegenden Bildersprache.

e) Jüngerschaft und das biblische Menschenbild

Wer die Bibel sehr genau liest, merkt, d a ß der H e r r z u ­


meist nicht wegen unserer F r ö m m i g k e i t , sondern trotz
unserer Armseligkeit mit uns ans Z i e l kommt. Die
g r o ß e n H e l d e n waren z u m Beispiel Totschläger u n d un­
willige Knechte, w i e Mose, Ehebrecher u n d M ö r d e r wie

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D a v i d , M ö r d e r w i e Saulus/Paulus. Dieses durchgehen­
de Thema erreicht sein Telos, seine Zielsetzung i n Jesu
Passionsgeschehen. Seine J ü n g e r versagen ständig, sie
verleugnen ihn, schlafen ein, wenn sie die Wache halten
sollen, verlassen i h n a m Kreuz. A b e r trotz ihres Versa­
gens geht Jesus den schmalen Weg des Kreuzes z u sei­
nem Z i e l für uns. Jeder Versuch, eine Jüngertheologie z u
entfalten, ist deswegen v o n vorneherein unbiblisch. U n ­
ser Glaube, mein Glaube ist nicht auf die Kirche, auf die
J ü n g e r Jesu, sondern allein auf Christus selbst bezogen.
Schließlich haben die Kirchen mein Volk Israel jahrhun­
dertelang gekreuzigt. A l l e i n Jesus Christus, allein die
Heilige Schrift, allein aus Glauben durch Gottes Gnade.
A u c h der neugeborene Christ ist kein Engel. A u c h er ist
verführbar u n d sehr fehlerhaft. W i r leben allein aus der
Vergebung, aus Christi Kreuz.

f) Kirche im Fleisch, Kirche im Geist

Es gibt manche evangelische/evangelikale Christen, die


ihr Christentum gegen die katholische Kirche definieren.
Sie leben wie England i m 19. Jahrhundert mit einer ü b e r ­
triebenen Angst vor dem alten Feind - für die E n g l ä n d e r
damals Frankreich - ohne z u verstehen, d a ß die Gefahr
i n der Zukunft aus einer ganz anderen Ecke kommen
w i r d . Ich b i n ganz u n d gar reformatorisch geprägt, u n d
kann es nicht genug wiederholen: allein Jesus Christus,
allein die Heilige Schrift, allein aus Gnade durch G l a u ­
ben. M e i n unfehlbarer »Papst« heißt Jesus Christus. E r
ist für m i c h der einzige Mittler zwischen Gott Vater u n d
uns selbst. Ich halte sehr wenig v o n Tradition ob Talmud
oder die katholische Tradition als Ausleger der Heiligen
Schrift. M a r i a ist für m i c h wie für Luther der beste
Mensch, w e i l der d e m ü t i g s t e u n d deswegen vorbildlich

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für uns - aber nicht mehr als das. Ich b i n gegen jede A r t
v o n fleischlicher Ö k u m e n e ob v o n Genf oder R o m . Aber,
u n d dieses aber m u ß auch großgeschrieben werden, ich
halte sehr viel v o n der Kirche i m Geist, w i e A u g u s t i n
u n d Luther diese Kirche nannten, n ä m l i c h fromme C h r i ­
sten aller Konfessionen, die Jesu Kreuz u n d Auferste­
hung i n den Mittelpunkt ihres Glaubens stellen. Es gibt
k a u m Unterschiede zwischen dem katholischen Jesus
u n d dem evangelischen Jesus. Unser Glaubensbekennt­
nis haben w i r gemeinsam. W i r k ö n n t e n beten u n d i n der
Heiligen Schrift miteinander lesen. Ich definiere es so:
Christusbetonte katholische Christen sind meine Brüder
u n d Schwestern, die kirchlich gesehen einen anderen
Weg hier auf Erden gehen, aber z u einem gemeinsamen
Ziel. Viele katholische Christen heute sind ganz anders
als vor 400 Jahren. Manche lesen gerne i n der Bibel. Sie
k ä m p f e n u m ihr Kreuz, wohingegen viele unserer K i r ­
chenfürsten das nicht tun, ihre Andachten i m Radio sind
oft biblischer als die unserer Kirche. Sie k ä m p f e n für das
Leben, gegen Abtreibung.
Viele wissen ü b e r Israels bleibende E r w ä h l u n g u n d
endzeitliche Bedeutung Bescheid. Predigten v o n m i r w a ­
ren z w e i Jahre lang die Grundlage für einen katholischen
Gottesdienst i n einem Kloster - ohne d a ß ich das damals
w u ß t e , u n d meine Predigten sind so christuszentriert
w i e möglich. N e i n , i c h b i n nicht antikatholisch, auch
w e n n manches i n der katholischen Lehre nicht meiner
biblischen Auffassung entspricht.
A l s jüdischer, lutherischer Pietist habe ich k a u m mei­
ne eigene Konfession hier z u betreuen. Ich gehe gerne i n
baptistische, methodistische, freie evangelische Gemein­
den w i e i n andere n ü c h t e r n e freie Gemeinden. H i e r sind
auch B r ü d e r u n d Schwestern, die einen gemeinsamen
Weg mit mir gehen hier auf Erden, auch w e n n unsere

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Auffassung ü b e r manche Randthemen nicht immer die
gleiche ist. W i r sollen, w i r m ü s s e n lernen, das Wichtige
v o m Unwichtigen z u unterscheiden, denn letzten Endes
bedeutet Bruderstreit a m Ende der Tage i n einer Welt
voller antichristlicher Erhebung u n d christlicher Irrleh­
re Selbstzerfleischung. Ich stehe z u der Ö k u m e n e der
Evangelischen A l l i a n z .

g) Der Gott Israels und die Juden

Die E r w ä h l u n g Israels war oft die Ursache für Antise­


mitismus: »Ihr Juden, ihr meint, d a ß ihr besser seid«.
N e i n , nirgendwo steht, d a ß Gott dieses Volkes erwählte,
weil es besser ist. Sind w i r e r w ä h l t e n Christen besser? Si­
cherlich auch nicht. N e i n , Israel ist erwählt, weil Gott
dieses Volk e r w ä h l t hat. N i e m a n d darf Gottes Wahl oder
Gottes Gerechtigkeit i n Frage stellen, denn w i r sind nur
Menschen u n d E r der allmächtige Gott. Israel ist erwählt,
w e i l der H e r r i n besonderem M a ß e dieses Volk liebt,
auch w e n n sein Angebot der Liebe i n Jesus Christus al­
len V ö l k e r n gilt. Aber Israel ist erwählt, auch wegen der
Person Jesu Christi. A l l e wichtigen Aspekte des A l t e n
Testaments gelten nicht nur diesem Volk, sondern auch
Jesus, v o n Israels E r w ä h l u n g durch eine Person - durch
einen s i n d w i r verloren gegangen ( A d a m / E v a ) , u n d
durch einen w i r d dieses Angebot der Gnade wiederher­
gestellt (Jesus). A b r a h a m , Isaak u n d Jakob sind hier per­
sönliche Zwischenglieder z u dieser Aussage.
Israel wurde i n der Knechtschaft i n Ä g y p t e n erwählt,
u m durch den H e r r n befreit z u werden, u n d so ist Jesus
gekommen, u m uns v o n der Knechtschaft der S ü n d e n z u
befreien. Israel ging durch den Tod (das Schilfmeer), u m
am dritten Tage i m neuen Leben z u opfern, u n d so ging
Jesus Christus durch den Tod, u m a m dritten Tag diesen

21
Tod durch die Auferstehung z u entmächtigen. Israel be­
fand sich i n einer W ü s t e ohne Orientierung, ohne Essen
u n d Trinken, ohne geistige u n d geistliche Orientierung,
u n d so befinden w i r Christen uns, vor allem am Ende der
Tage i n einer geistigen u n d geistlichen W ü s t e , dieser ver­
dorbenen endzeitlichen Welt, u n d w i r bekommen O r i ­
entierung nur durch Gottes Wort, das Fleisch geworden
ist i n Jesus Christus. Israel kann das L a n d weder durch
Stärke noch durch eigene Schwäche einnehmen, sondern
nur durch die Herrschaft des Herrn. U n d so ist es auch
bei uns Christen: W i r k ö n n e n Gottes Reich nicht durch
unser Tun für uns i n A n s p r u c h nehmen, sondern C h r i ­
stus hat dieses Reich für uns geöffnet durch sein Kreuz
u n d seine Auferstehung. So läuft es durch die ganze Ge­
schichte Israels. A b e r Israel versagt immer wieder, am
Schilfmeer, bei der Landnahme, bei den Propheten, z u ­
letzt u n d zutiefst gegen ihren eigenen Herrn, Jesus C h r i ­
stus, den K ö n i g der Juden. U n d deswegen haben die
Kirchen entschieden, w i r sind an Israels Stelle, die riefen:
»Sein Blut komme ü b e r uns u n d unsere Kinder«. W i r
sind die Erben i n Christus, die einzigen E r w ä h l t e n . Aber
Paulus sagt uns deutlich i m R ö m e r 11, d a ß Gott seine Er­
w ä h l u n g Israels nicht bereuen kann. Es geht hier u m
Gottes Treue z u seinem erstgeliebten Volk. Gottes Bün­
de, ob mit N o a h , mit Israel oder i m N e u e n Bunde sind
nicht demokratische Kompromisse. N e i n , er gibt, u n d er
b ü r g t dafür. Z w a r kann er drohen, z w a r kann er richten,
aber jeder B u n d bleibt so ewig, w i e der H e r r selbst, oder
bis z u m Ende der Tage. Jesu Blut ist nicht das Blut der Ra­
che, wie die Juden u n d die Kirche meinten, sondern das
Blut der V e r s ö h n u n g , u n d dieses Blut w i r d ü b e r Israel
k o m m e n a m Ende der Tage, denn Israel ist der Feigen­
b a u m , der damals, w i e Jesus sagte, d ü r r war, keine
F r ü c h t e brachte, aber jetzt a m Ende der Tage b l ü h t der

22
Baum (Israel). A b e r w i e sieht die E r w ä h l u n g Israels aus
zwischen Golgatha u n d Auschwitz, als der Neue B u n d
ins Zentrum der E r w ä h l u n g u n d des Heilsplans Gottes
gerückt ist? Abelard beantwortet das schon i m 12. Jahr­
hundert: »Kein Volk hat so gelitten für seinen Gott wie
die J u d e n « . Einfach gesagt: Ohne ihr Wissen, Wollen
oder Verdienst hat Jesus Christus dieses Volk i n sein
Kreuzesleiden hineingezogen. Rembrandt, der g r o ß e
Schriftausleger, malte als reifer Maler s t ä n d i g leidende
Juden. In ihnen sah er auch das leidende Antlitz ihres ge­
kreuzigten Herrn. Ich wurde s t ä n d i g gefragt, was pas­
siert mit Juden, die nicht an Jesus glauben, zwischen
Golgatha u n d der Zeit, w e n n Jesus wiederkommt, u m
Israel z u taufen (Sacharja 12,10)? Zuerst: Der Weg z u m
H i m m e l r e i c h ist nur geöffnet durch den Glauben an
Christi Kreuzesblut, nicht durch das Gesetz. Selbstver­
ständlich werden Namensjuden wie Namenschristen ins
Gericht kommen. Was geschieht mit frommen Juden,
entweder orthodoxen Juden oder solchen wie M a r t i n
Buber, die an Gottes Verheißungen u n d Wege mit Israel
glauben? Jesus ging a m Karsamstag i n das Totenreich,
u m das Evangelium den H e i d e n z u predigen, welche vor
Zeiten gestorben sind. Ich glaube, wenn er das für die
Völker tat, welche damals eine Decke vor den A u g e n
hatten, d a ß er das auch für sein erstgeliebtes Volk, für ih­
re G l ä u b i g e n tun w i r d i m Gericht, nicht als Z w a n g , son­
dern als Angebot. W a r u m haben sich die frommen Juden
nach der Urgemeinde dem Evangelium fast total ver­
schlossen, w ä h r e n d nicht so fromme Juden w i e ich z u m
Beispiel der Weg z u m Evangelium geöffnet wurde. Jesus
sagte i n seinem ersten Missionbefehl, Matth. 10, d a ß die
J ü n g e r nicht z u den H e i d e n oder Samaritern gehen sol­
len, sondern allein z u den verlorenen Schafen des H a u ­
ses Israel. Sicherlich sind alle Menschen ohne Jesus ver-

23
loren, aber diese Aussage, meine ich, hat eine doppelte
Bedeutung. Sie bezieht sich auch auf die nicht gläubigen
Juden, die auch i m alten B u n d verloren sind. Gerade hier
unter nicht frommen Juden ist der fruchtbarste Weg der
Judenmission. Judenmission ist i n vieler Hinsicht die
schwerste Mission, wegen unserer Verfehlungen an die­
sem Volk. A l s ich j ü n g e r war, bedeutete ein Kreuz für
mich: Die Christen gehen nochmals gegen uns vor, denn
soviel Schreckliches haben w i r Juden unter d e m Kreuz
gelitten. W i r Christen m ü s s e n , w i e Paulus sagte, die Ju­
den durch unsere Liebe u n d unseren Lebenswandel ein­
laden, damit sie wie ich auch den Weg z u m Evangelium
finden k ö n n e n .

h) Irrwege des Glaubens

D u r c h die Jahrhunderte u n d Jahrtausende gab es immer


Irrwege des Glaubens, u n d Sekten jeder m ö g l i c h e n A r t
u n d Weise. Sogar das N e u e Testament w i m m e l t v o n
Aussagen ü b e r solche Irrwege. I m allgemeinen wollten
solche Menschen f r ö m m e r als die Frommen sein, ihren
Glauben zur Schau z u tragen oder eine besondere Er­
fahrung mit d e m H e r r n machen. Sie haben sich meistens
für besser gehalten als die anderen Christen, oder sogar
als die einzigen wahren Christen angesehen, oft, wenn
nicht immer, haben solche Sekten Spaltungen verur­
sacht. D a z u w u r d e n sie dann oft Verfolgungen u n d Ver­
achtung ausgesetzt. Ich glaube, d a ß es hinter jeder Irr­
lehre, hinter jeder Sekte eine besondere Tendenz gibt:
M a n w i l l ü b e r den H e r r n , ü b e r die Erkenntnis v o n i h m ,
ü b e r seinen Geist, ü b e r seine Heilswege selbst verfügen.

24
i) Gottes Beziehung zu mir

Wir sind der Auffassung, d a ß Glauben nicht v o n uns


kommt, sondern v o n i h m , dem lebendigen Gott. Das be­
deutet, d a ß er an uns wirkt, uns führt i n Leben u n d Leid.
Meistens merken w i r das erst nach den Tatsachen selbst.
Hier kann ich Gottes wunderbare u n d verborgene Wege
mit m i r bezeugen. Ich hatte es geschafft. Ich war ein ech­
ter Baseball-Amerikaner. Das letzte bißchen Geschmack
v o m j ü d i s c h e n Ghetto i n Osteuropa mit seinen Verfol­
gungen hatte ich e n d g ü l t i g hinter m i r gelassen. Wenn
jemand z u m i r gesagt h ä t t e mit 16 oder 18, d a ß ich ein
lutherischer Pfarrer i m Nachkriegsdeutschland werden
w ü r d e , hätte ich i h n für v e r r ü c k t erklärt. A b e r so ist es
gekommen, durch wundersame Wege, u n d wie meist, i n
der Bibel selbst, durch eine Frau. U n d wenn ich z u r ü c k ­
schaue auf mein Leben sehe ich, d a ß Gottes wundersame
Wege mit m i r i n Freude u n d i m Leiden viel früher be­
gonnen hatten. E r heißt Jahwe, der seiende, wirkende
Gott i n seinen heilsgeschichtlichen Wegen mit Israel, mit
seiner Gemeinde, aber auch mit jedem v o n uns, denn er
selbst fängt jedes wahre Gebet an, indem er i n uns das
Bedürfnis erweckt, mit i h m z u sprechen, i n Freuden wie
in Leiden. Gebet, nicht Geplapper, fängt immer er an,
u n d w i r antworten darauf.

j) Meine Beziehung zu Gott

E i n Leben i n der Nachfolge Jesu bedeutet immer wieder


neu i n Hingabe z u i h m auf seinen Ruf, auf sein Wort z u
antworten i n Hingabe z u i h m , seine Größe, seine Liebe,
seine Wege z u bezeugen. Jeder v o n uns ist ein verlorener
Mensch i n unserer Welt, mit unseren eigenen Wegen u n d
P l ä n e n , mit unseren Gaben. W i r leben w i e Jakob i m

25
Selbstbetrug, indem w i r versuchen, den Segen für uns z u
gewinnen, durch unsere Wege u n d i n unserem Sinne.
Der moderne M e n s c h nennt das Selbstfindung. A b e r
Selbstfindung ist Selbstbetrug, denn w i r finden uns z u
unserem s ü n d i g e n Selbst e n d g ü l t i g (ohne Gott) i m ewi­
gen Tod u n d Gericht. N i e m a n d k a n n seine Identität
selbst finden ohne Gott, denn w i r ä n d e r n uns (aus unse­
rer Sicht der Dinge) v o n Tag z u Tag, v o n Jahr z u Jahr. U m
w i r k l i c h e n d g ü l t i g z u wissen, wer w i r sind, brauchen
w i r jemanden, der total objektiv ist, der unsere Gedan­
ken u n d Gefühle v o m Mutterleibe bis z u unserem Tod
kennt, der uns mehr liebt, als w i r uns selbst lieben. Das
kann nur Gott sein. Ich finde m i c h selbst nur, i n d e m ich
i n Christus sterbe, u n d er durch m i c h lebt. Das bedeutet
nicht, d a ß ich ein Engel werde, denn der alte, s ü n d i g e
Mensch meldet sich immer wieder z u Wort. A l s der auf­
erstandene Jesus dem Petrus begegnete, war dieser i n
seinen alten Fischerberuf z u r ü c k g e k e h r t u n d erkannte
Jesus nicht mehr, konnte auch keinen Fang machen oh­
ne den Herrn. U n d so ist es mit jedem v o n uns. Verloren
sind w i r wie Jakob, wie Petrus i n uns selbst, aber geret­
tet i m H e r r n : »Ich lasse d i c h nicht, D u segnest m i c h
d e n n « . Meine Beziehung z u m H e r r n ist g e g r ü n d e t auf
seine Beziehung z u mir durch das Wort, i m Gebet. U n d
diese Beziehung z u m i r soll deutliche aktive Gestalt an­
nehmen. Ich b i n nicht nur da für m i c h selbst, sondern als
Gottes Bote für andere. Glaube vollzieht sich i m Tun aus
Gottes Kraft. Nächstenliebe - sagt uns Augustinus - ist
M i s s i o n , i n d e m w i r die Liebe Gottes, welche w i r i n C h r i ­
stus erfahren haben, weitergeben. A b e r d a z u g e h ö r t die
H i n w e n d u n g z u r ganzen Person meines N ä c h s t e n ,
d u r c h tägliche N ä c h s t e n l i e b e , Diakonie. » A b e r ohne
m i c h k ö n n t ihr nichts t u n « , sagt Jesus. N ä c h s t e n l i e b e
k o m m t aus der Gottesliebe, wie die erste Tafel M o s e die

26
Grundlage ist für die zweite Tafel. Es gibt wenige M e n ­
schen, die w i r v o n Natur aus lieben. Aber w e i l Christi
Angebot der Liebe für alle Menschen gilt, g r ü n d e n w i r
uns immer tiefer i n die Kraft seiner Liebe, so d a ß w i r die­
se Liebe unserem N ä c h s t e n bezeugen k ö n n e n .

k) Schlußfolgerung

Bonhoeffer hat z u Recht gesagt, d a ß unser Glaube auf


Geheimnisse g e g r ü n d e t ist: das Geheimnis v o n Gottes
Liebe, seiner M e n s c h w e r d u n g , das Geheimnis seines
Kreuzesangebots des Heils für alle Menschen aller Zei­
ten, das Geheimnis seiner leiblichen Auferstehung. A u c h
das A b e n d m a h l ist ein Geheimnis, das w i r Menschen
nicht i n unsere Kategorien hineinbringen k ö n n e n . Denn:
»So viel der H i m m e l h ö h e r ist als die Erde, so viel h ö h e r
sind meine Gedanken u n d Wege als eure Gedanken u n d
Wege«, spricht der Herr. N i e m a n d w e i ß , ob unser U n i ­
versum ü b e r h a u p t ein Ende hat. Wir k ö n n e n nur staunen
ü b e r die so g r o ß e Entfernung der Sonnensysteme. W i r
k ö n n e n nur staunen ü b e r die Liebe, die wahre G r u n d ­
lage des Lebens. W i r k ö n n e n nur staunen ü b e r Gottes
Erfüllung des A l t e n Testaments i n Jesus Christus. W i r
k ö n n e n nur staunen ü b e r Gottes Wege mit Israel bis z u
seiner Landnahme am Ende der Tage, ü b e r schreckli­
ches Leiden wie Hesekiel geschaut hat 2500 Jahre i m vor­
aus. Glaube bedeutet, Gottes wundersames Wirken i n
der Welt u n d für die Welt u n d bei m i r persönlich anzu­
nehmen. Glaube bedeutet täglich »Dein Wille geschehe«
z u beten, täglich z u dem, der uns mehr liebt als w i r uns
selbst lieben, u n d der viel besser w e i ß , was gut für uns
ist, als w i r es wissen.

27
IL Die Liebe

» N u r ein N a r r w i r d uns sagen, was Liebe ist« heißt es i n


einem amerikanischen Sprichwort, u n d deswegen w i r d
dieses Kapitel wahrscheinlich das k ü r z e s t e i n diesem
Buch, auch wenn das Thema Liebe v o n sehr g r o ß e r Be­
deutung für jeden v o n uns ist.

a) Kinder-Eltern-Liebe

Die Liebe, die K i n d e r für ihre Eltern empfinden u n d die


Liebe v o n Eltern für ihre Kinder, gleicht i n vieler H i n ­
sicht d e m Liebesverhältnis zwischen d e m H e r r n u n d
den G l ä u b i g e n beider B ü n d e . Denn Kinder-Eltern- u n d
Eltern-Kinder-Liebe ist wie Gottes Liebe z u uns u n d u n ­
sere z u i h m Liebe zwischen ungleichen Partnern. E l ­
ternliebe z u ihren K i n d e r n besteht aus Schutz u n d Für­
sorge, u n d gibt O r d n u n g u n d Richtung i m Leben. U n d
so ist auch unsere Beziehung z u dem H e r r n ungleich. Ich
kann m i c h sehr gut erinnern, wie ich meine Mutter als
K i n d liebte. Ich war das j ü n g s t e K i n d , der einzige Sohn,
u n d bis ich zwölf wurde ein unproblematisches K i n d .
Deswegen haben meine Eltern m i c h besonders geliebt.
Eine Liebe, die m i r sehr zugute kam, als ich s p ä t e r mei­
nes Vaters Kanzlei nicht ü b e r n a h m , als ich stattdessen
Historiker wurde, als ich s p ä t e r Christ wurde, nachdem
ich 16 Jahre nach Ausschwitz eine Deutsche, oder besser
gesagt eine Bayerin heiratete u n d darauf Pfarrer wurde.
Meine Mutter war für mich w i e die Sonne, voller Licht
u n d W ä r m e , freudevoll, selbstlos gebend. Sie bot mir
Geborgenheit, Zuflucht u n d Schutz. Ich w a r ein sehr
ängstliches K i n d , u n d deswegen war sie vor allem eine

28
sehr liebende u n d s c h ü t z e n d e Mutter. Ich lernte von ihr,
was Liebe bedeutet, sowohl die gebende Liebe, als auch
die empfangende Liebe.
Aber das war keine Liebe zwischen z w e i ebenbürtigen
Menschen, auch w e n n ich mich i n meiner späteren B i l ­
dung sicherlich nicht mehr untergeordnet gefühlt habe.
Eine Mutter bleibt immer Mutter. Aber die Liebe, die ich
v o n ihr empfangen habe, empfinde ich starke Ähnlich­
keit z u meiner jetzigen Liebe z u m Herrn. M i t der Zeit
merkte ich jedoch, d a ß meine Mutter alles andere als un­
fehlbar ist, d a ß sie auch Ä n g s t e u n d Grenzen hat, einfach
gesagt, d a ß sie nur ein Mensch wie jeder andere ist. U n d
deshalb empfehle ich jeder Mutter u n d auch jedem Va­
ter, so früh w i e möglich ihren K i n d e r n z u zeigen, d a ß sie
selbst sehr begrenzt u n d fehlbar sind, auch d a ß sie selbst
unter d e m Schutz u n d der Geborgenheit des allmächti­
gen u n d liebenden H e r r n stehen. Gehen sie einfach auf
ihre Knie, so d a ß das K i n d es sehen kann u n d beten sie
mit ihm. D i e Liebe v o n Eltern z u K i n d e r n soll nicht eine
bindende sein, i n d e m das K i n d i n seinen eigenen Wegen
behindert w i r d . A l s Teenager wollte ich w i e die meisten
meinen eigenen Weg gehen, i n Bezug auf Beruf, Freund­
schaft u n d Lebensziele, u n d diese so tiefe Liebe z u mei­
nen Eltern, vor allem z u meiner Mutter, entwickelte sich
z u einer Phase der Rebellion, einer notwendigen L ö s u n g
dieses Macht- u n d Schutzverhältnisses, u m selbst reif z u
werden. Das bedeutet nicht, d a ß die Liebe erlischt, son­
dern d a ß manche Aspekte dieser Liebe aufhören, die Lie­
be mit anderer Intensität weitergeführt w i r d , u n d zwar
als eine vor allem historische Beziehung: D u hast mich
geboren, d u hast mich i n Liebe erzogen, u n d dafür ist
meine Liebe z u d i r eine Liebe aus Dank, nicht mehr we­
gen der s c h ü t z e n d e n u n d bergenden Beziehung z u mir.
Zuerst m ü s s e n K i n d e r sich v o n ihren Eltern emanzipie-

29
ren, u n d mit der Zeit - das w e i ß ich w o h l als Vater - m ü s ­
sen die Eltern das gleiche tun.

b) Liebe und Freundschaft

In der Zeit zwischen meinem 13. u n d meinem 23. Le­


bensjahr haben meine Eltern keine wesentliche Rolle i n
meinem Leben gespielt, u n d ich kann m i r gut vorstel­
len, d a ß mein Werdegang i n diesem Sinne nicht so un­
g e w ö h n l i c h war. Zuerst m u ß t e ich meinen eigenen Weg
finden. U n d die Werte meiner Eltern waren sicherlich
nicht meine Werte. M i c h fesselten damals wie heute gei­
stige u n d geistliche Themen, w ä h r e n d meine Eltern eher
konventionelle Werte hatten, i n Bezug auf Wohlstand
u n d Freizeitgestaltung. U n d u m dieses V a k u u m z u fül­
len, brauchte ich Freunde, Menschen, denen ich mich
nahe fühlte, Menschen, v o n denen ich lernen konnte,
Menschen, mit denen ich viel gemeinsam hatte. A b e r
Freundschaft ist nicht Liebe, u n d w e i l ich so eine inten­
sive Liebe v o n meinen Eltern erfahren hatte, war diese
Zeit eine schwere Zeit für mich. A u c h meine Intensität,
die A r t u n d Weise, w i e ich m i c h vertiefte i n M u s i k , L y ­
rik, R o m a n , Kunst u n d dann Wissenschaft führte z u ei­
nem inneren V a k u u m . D e n n mit welchem gleichaltrigen
Freund konnte ich mit 14 ü b e r Beethovens s p ä t e Quar­
tette reden, oder mit 15 oder 16 die Probleme der Ge­
staltung der modernen L y r i k besprechen. Meine Freun­
de durch a l l die Jahre waren Menschen, die i n Bezie­
h u n g z u d e m einen oder anderen Gebiet wichtig waren.
Unsere Freunde, denn seit der Ehe schließt m a n nicht
mehr Freundschaften für sich, sondern Freundschaften
für uns, sind so verschieden, d a ß viele v o n ihnen w e n i g
miteinander gemeinsam haben w ü r d e n . Wer eine gute
Ehe hat, w i l l meistens Freunde haben, die auch so eine

30
gute Ehe haben. A b e r jetzt ü b e r s p r i n g e ich das wichtig­
ste.

c) Die Liebe in der Ehe

Wenn man m i c h fragen w ü r d e , w a r u m ich Rosemarie so


liebe, k ö n n t e ich dieses oder jenes nennen; w e i l sie weib­
lich u n d innerlich empfangend ist, w e i l sie oft eine Ruhe
ausstrahlt; w e i l sie m i c h liebt (und das ist sicherlich nicht
der unwichtigste Grund); w e i l sie sehr schön ist (und Se­
xualität sollte man niemals unterschätzen). Die Tiefe der
geschlechtlichen Beziehung w ä c h s t mit der Tiefe der gei­
stigen u n d seelischen Beziehung, denn Leib, Geist u n d
Seele sind eins (eine Beziehung nur aus Lust m u ß mit der
Zeit zur Lustlosigkeit führen), auch w e i l Rosemarie mich
i n meinem Wesen am tiefsten versteht. A b e r solche
G r ü n d e , u n d ich k ö n n t e viele andere nennen, erklären
nicht, was Liebe ist, denn die Liebe ist viel, viel mehr als
alles, was w i r e r k l ä r e n k ö n n e n . E i n Freund v o n m i r
machte (dummerweise) eine Liste v o n allen Eigenschaf­
ten, welche seine z u k ü n f t i g e Frau haben m u ß . Er fand
sie, u n d drei Jahre s p ä t e r waren sie geschieden. Liebe ist
mehr als alle ihre Teile. Die Liebe ist weder machbar
durch unseren Willen, noch erklärbar durch unseren Ver­
stand. D i e Liebe ist das Grundgeheimnis des Lebens w i e
Geburt u n d Tod. D i e Liebe ist Gott selbst, Jesus Christus,
ob w i r das erkennen oder nicht. Im allgemeinen w i r d ge­
sagt, d a ß Christen andere Christen heiraten sollen, denn
Christen wissen, woher ihre Liebe u n d damit ihre Ver­
gebung k o m m t , denn sie haben das Wesentliche ge­
meinsam i n ihrem Glauben. A b e r ich war nicht gläubig,
als ich Rosemarie kennenlernte. Ja, für jede Regel gibt es
die Ausnahme, denn unser Gott ist nicht ein gesetzlicher
Gott.

31
à) Wie die Liebe mein Leben und meine Persönlichkeit geän-
dert hat

Bis ich Rosemarie kennenlernte, war mein Leben nichts


anderes als ein Versuch, mich i n allen m ö g l i c h e n Berei­
chen z u vertiefen, m i c h schöpferisch z u entfalten. Es
ging letzten Endes u m mich selbst. Ich hatte Freunde. Ich
war fähig, mich i n die Anliegen eines anderen hineinzu­
versetzen, sogar mit gutem Rat z u helfen, aber da ging
es auch u m mich, meine soziale, psychologische Vertie­
fung. A l s i c h Rosemarie kennenlernte u n d z u lieben
begann, merkte ich, d a ß eine andere Person, ihr Wohler­
gehen i n jedem Sinn des Wortes m i r genauso wichtig
geworden war wie meine eigene. U n d dieses Erlebnis,
diese Liebe, durch die ich auch meinen Egoismus über­
w i n d e n konnte, so wie der Glaube meinen P h a r i s ä i s m u s
ü b e r w i n d e n kann, führten z u Ä n d e r u n g e n i n meiner A r t
z u denken, wahrzunehmen, z u leben.
In meiner Familie war es gang u n d gäbe, d a ß meine
Schwestern eine h ö h e r e A u s b i l d u n g g e n i e ß e n sollten,
aber nicht, d a ß sie einen Beruf a u s ü b e n sollten. So sagte
ich z u Rosemarie: »Wir wollen alles teilen, i n Konzerte
u n d Theater gehen, i n Kunstmuseen, miteinander lesen,
aber w a r u m m u ß t d u einen Beruf a u s ü b e n ? « A b e r Rose­
marie wollte immer Lehrerin werden. Ihr Vater war i m
K r i e g gefallen, u n d deswegen m u ß t e ihre Mutter arbei­
ten. Ich m u ß t e i n diesem Punkt einen K o m p r o m i ß ma­
chen, u m Rosemaries willen, w i e sie s p ä t e r einen K o m ­
p r o m i ß gemacht hat, u n d mein jetziges »zigeunerhaftes«
Leben teilt. Ehe bedeutet K o m p r o m i ß , oder wie Manfred
Siebald das so treffend a u s d r ü c k t e : Ehe bedeutet eins z u
zweit. D a r ü b e r hinaus habe i c h v o n Rosemarie gelernt,
geselliger z u werden, auch seelsorgerlich auf andere
mehr einzugehen. Ich b i n v o n meinem Naturell her, als

32
Dichter u n d Künstler, kein geselliger Mensch. F ü r mich
wie für Tolstoi sind die wesentlichen Momente des Le­
bens, w e n n man betet u n d glaubt, w e n n man liebt u n d
geliebt w i r d u n d die Liebe z u großer Kunst. Das ist i m ­
mer noch das Zentrum meines Lebens, aber Rosemarie
hat i n m i r die soziale Dimension vertieft. Ehe als K o m ­
p r o m i ß : Ich wollte w i e meine Eltern eine sehr tiefe u n d
persönliche Ehe, die vielleicht die Freiheit des Partners
beeinträchtigen konnte. Rosemarie wollte eine gute Ehe­
gattin, Mutter u n d Lehrerin sein, u n d diese Kombination
war nicht ganz das, was ich haben wollte. Hier machte
ich einen K o m p r o m i ß , w i e Rosemarie jetzt für m i c h
einen K o m p r o m i ß macht, u n d unsere Ehe ist jetzt noch
tiefer, noch enger, noch erfüllter. O b w o h l ich mit z w e i äl­
teren Schwestern i n der »Frauenschule« erzogen worden
war, hat meine Liebe z u Rosemarie m i r ein viel größeres
Verständnis für das Weibliche gebracht, so d a ß meine Ly­
rik, wie Kritiker sagten, z u m Wesen der Erkenntnis des
Weiblichen durchdringt. Liebe bedeutet w i e Glaube
auch, mich selbst z u finden, i n der Aufgabe der eigenen
Person mehr u n d mehr für das Wir.

33
III. Beruf und Berufung

Ich kann m i c h nicht erinnern, ob ich als K i n d besondere


Berufsvorstellungen hatte. Es gibt ein B i l d v o n mir mit
vier Jahren, auf dem ich eine Pilotenuniform anhabe -
das war w ä h r e n d des Zweiten Weltkriegs, u n d damals
sang ich ganz laut ein L i e d ü b e r einen amerikanischen
Kriegshelden i m K a m p f gegen Japan. W ä h r e n d der
ganzen Kindheit war Sport der einzige Inhalt meines Le­
bens, u n d ich wollte sicherlich ein b e r ü h m t e r Sportler
werden, oder wie meine Lehrer es a u s d r ü c k t e n : »Jaffin
kann jeden für Sport begeistern, mit seiner auf diesem
Gebiet so umfassenden Kenntnis, mit seiner so lauten
Stimme. E r w i r d ein b e r ü h m t e r Sportreporter.«
M i t 13, nach meiner Bar M i z w a , ä n d e r t e sich mein Leben
ganz u n d gar. Ich begann russische Romane z u lesen,
klassische M u s i k ernsthaft z u h ö r e n u n d z u dichten.
Meine Zukunft schien mir damals i n dieser Richtung z u
liegen.

a) Historiker

A n der Universität begeisterte mich v o r allem Geschich­


te. Sogar i n der Highschool w a r dies mein bestes u n d
liebstes Fach. Zuerst war es amerikanische Geschichte,
die m i c h fesselte u n d wie für viele Amerikaner beson­
ders der Bürgerkrieg zwischen den N o r d - u n d Südstaa­
ten 1861 bis 1865. Wie bei den Baseball- u n d Fußball­
spielern, kannte ich jeden g r o ß e n Kriegshelden, u n d vor
allem die der Verlierer, der S ü d s t a a t e n . Ich w a r immer
für die » U n d e r d o g s « , die nicht so gut anerkannten, ob i n
diesem Fach oder s p ä t e r i n meiner Beziehung z u den

34
K ü n s t e n jeder A r t . Vielleicht spiegelt sich hier ein tiefes
Gefühl, das bis heute anhält, d a ß meine Lyrik, trotz aller
Buchproduktionen u n d kritischer Anerkennung, nicht
so geschätzt w i r d oder bekannt ist, wie ich es m i r w ü n ­
schen w ü r d e . W a r u m aber hat mich Geschichte so faszi­
niert? Zuerst u n d vor allem war es eine tiefe poetische
Sehnsucht nach der »verlorenen Zeit«, ein Gefühl für die
Vergänglichkeit aller Dinge, ein inneres Wissen, damals
wie heute: »Ja, D a v i d , d u wirst auch sterben müssen.«
Die Einstellung z u diesem Fach aber ä n d e r t e sich, als ich
die Entscheidung traf, Historiker z u werden. H i e r m u ß ­
te ich meinen Willen u n d meine Werte durchsetzen ge­
gen den starken Willen u n d die Vorstellungen meines
Vaters. Hatte er nicht eine renommierte Anwaltskanzlei
g e g r ü n d e t u n d aufgebaut? War ich nicht sein logischer
Nachfolger? Geschichte w a r gut u n d schön, aber U n i ­
versitätsprofessoren verdienen i n A m e r i k a viel weniger
als erfolgreiche Juristen w i e mein Vater einer war. Ich
kann m i c h gut an diesen Nachmittag i n O n k e l Irvings
Garten erinnern; O n k e l Irving war auch Jurist u n d ein
kluger Partner i n der Firma meines Vaters. Stundenlang
versuchte er m i c h z u ü b e r r e d e n , d a ß durch Jura alle
möglichen T ü r e n geöffnet werden, u n d nicht nur die, die
zur Firma meines Vaters führen w ü r d e n - aber verge­
bens. Ich begann Geschichte z u studieren, u n d zwar mit
dem Schwerpunkt e u r o p ä i s c h e Geschichte, welche als
anspruchsvoll angesehen wurde, u n d mehr u n d mehr
mit dem A k z e n t auf Geistes- u n d Kulturgeschichte. Ich
legte mein Geschichtsstudium zweigleisig an - techni­
sche Geschichte i n England als Fachgebiet, vor allem 16.
u n d 17. Jahrhundert sowie Verfassungsgeschichte bei
meinem z u k ü n f t i g e n Doktorvater H a r o l d H u l m e u n d
Geistes- u n d Kulturgeschichte. Ich habe mich nicht i m ­
mer sehr beliebt gemacht unter meinen Mitstudenten.

35
Bei einem Kurs ü b e r die griechische Tragödie habe ich i m
Dialog mit meinem Professor - eine (wie er sagte) neue
Auslegung eines Werks v o n Sophokles erarbeitet. U n d
ich kann m i c h gut erinnern, wie w ä h r e n d eines Kurses
ü b e r Kultur- u n d Geistesgeschichte des s p ä t e n 19. u n d
frühen 20. Jahrhunderts mein Professor - er war kein
großer Kenner der Malerei - ü b e r meinen Lieblingsma­
ler G a u g u i n sprach. Ich sprang sofort auf u n d wider­
sprach i h m mit einem kurzen Referat, u n d er sagte:
» H ö r e n Sie, was H e r r Jaffin z u diesem Thema z u bieten
hat.« Dieser Professor rächte sich aber bei meiner Dok­
t o r p r ü f u n g . E r prüfte m i c h ü b e r die Balkankrise des spä­
ten 19. u n d frühen 20. Jahrhunderts, dieses Gebiet war
immer sehr problemreich, nicht nur heute.
Ich kann mich erinnern, d a ß ich einmal z u meinem
Schwager Lee sagte: »Ich w i l l die Zeit eines bestimmten
Königs, hier Heinrichs des Siebten v o n England, besser
als jeder andere kennenlernen. Das w i r d meine Lebens­
arbeit.« U n d Lee antwortete z u Recht i n seiner gewohn­
ten Art: »Unsinn, David.«
Endlich aber fand ich m i c h zurecht i n diesem meinem
Fach mit meiner Doktorarbeit ü b e r die Entwicklung un­
seres historischen B e w u ß t s e i n s ü b e r die Zeit Jakobs I.
(1603 bis 1624) bei Historikern v o m 17. bis Ende des 19.
Jahrhunderts. H i e r war die richtige M i s c h u n g v o n Gei­
stes- u n d Politikgeschichte für mich. Dieses Thema fas­
zinierte mich, u n d meine 600 Seiten Doktorarbeit hatte
ich i n z w e i Jahren fertiggestellt - wie immer, w e n n ich
sehr schnell arbeite, geht es am besten. Der Gastprofes­
sor M a n u e l v o n Brandeis; der diese Schrift las, sagte z u
meinem Doktorvater: »Ich habe nie so eine originelle
Doktorarbeit gesehen, aber ich kann seiner These nicht
z u s t i m m e n . « Sie k ö n n e n sich gut vorstellen, d a ß die Ver­
teidigung meiner Schrift sehr spannend war. Ja, fertig

36
mit meinem Studium, auf dem Weg, Professor z u wer­
den, mit sehr guten Noten u n d Referenzen ausgerüstet -
aber nein, Geschichte wurde nicht mein Weg, u n d das
habe ich mindestens z w e i Jahre vor der Verteidigung
meiner Doktorarbeit g e w u ß t . Professor Salomone hatte
mich u n d ein oder z w e i andere seiner Studenten einge­
laden z u einem Vortrag, den er i n Anwesenheit des itali­
enischen Botschafters hielt. Brillant war er, w i e immer.
Aber nachher sagte er: »Dieses Thema werde ich viel­
leicht nächstesmal total anders auslegen.« Er meinte letz­
ten Endes, was Pilatus sagte: »Was ist Wahrheit?« M a n
kann es so oder so sehen. Das nennen w i r Relativismus.
So etwas hat nichts mit Wahrheit z u tun, sondern meint,
die Wahrheit ist letztlich relativ, a b h ä n g i g v o n dem, der
sie sieht u n d wie er sie sieht. Sicherlich kann man Bis­
marck, z u m Beispiel, aus evangelischer oder katholi­
scher Sicht sehen; aus konservativ-preußischer oder so­
zialdemokratischer oder liberaler Sicht; aus norddeut­
scher oder s ü d d e u t s c h e r Sicht, oder eine Kombination
von diesen. M a n kann dieses oder jenes betonen, so d a ß
Bismarck Hunderte v o n Bismarcks sein k ö n n t e . A b e r
dieser Relativismus stößt m i c h ab. Es m u ß Wahrheit ge­
ben, u n d deswegen sagte ich z u Professor H u l m e nach
der Verteidigung meiner Doktorarbeit: »Ich werde m i c h
nie mehr wissenschaftlich betätigen. Hier ist die Wahr­
heit nicht z u finden.«

b) Pfarrer

Wenn jemand mir, als ich 16 oder 18 Jahre alt war, gesagt
hätte: »David, d u wirst lutherischer Pfarrer i n Deutsch­
land«, hätte ich gedacht, d a ß er v o n Sinnen sei. Was, ich,
der Baseball-Amerikaner, was, ich, der angehende Poet
u n d Intellektuelle jüdisch-amerikanischer P r ä g u n g , ich

37
soll christlicher Pfarrer i m Nach-Auschwitz-Deutsch­
land werden? Niemals, h ä t t e ich geantwortet. D a r ü b e r
hinaus ist Pfarrer ein ganz u n d gar sozialer Beruf. M a n
ist s t ä n d i g mit den Problemen anderer konfrontiert. M a n
hat wenig Zeit, ü b e r sich selbst nachzudenken. M a n m u ß
s t ä n d i g auf Draht sein. U n d ich, Poet v o n Natur u n d Ge­
sinnung. U n d ich, so innerlich beschäftigt mit dem, was
ich empfinde i n der inneren Welt der poetischen, musi­
kalischen Wirklichkeit. Ich habe immer mit Tolstoi ge­
sagt u n d gemeint, d a ß die tiefste menschliche W i r k ­
lichkeit nicht d e m sozialen u n d politischen, dem
mitmenschlichen Bereich a n g e h ö r t , sondern dem inner­
lichen, poetischen, reflektiven. F ü r m i c h war u n d ist i m ­
mer noch nicht was geschieht das zentrale i m Leben,
sondern die Vorahnung, der Nachklang, die persönliche
Bearbeitung. F ü r m i c h hat Wirklichkeit mit Gefühlen,
Nachdenken, Reflektieren z u tun, u n d nicht mit ä u ß e r e n
Tatsachen. Die Trauung selbst war u n d ist für m i c h nicht
das Zentrale, sondern die Liebe als Grundlage dafür,
u n d dann das Leben i n der Ehe aus der Tiefe dieser Lie­
be. U n d so war nicht meine Taufe für m i c h v o n zentraler
Bedeutung, sondern meine innere Bekehrung z u Jesus
Christus, u n d dann das Leben i n der Nachfolge. U n d so
einer w i e ich sollte Pfarrer werden?
Ich b i n nicht Christ geworden, w e i l ich ins H i m m e l ­
reich kommen wollte - dieses Thema spielte damals für
m i c h ü b e r h a u p t keine Rolle (aber jetzt, da ich älter wer­
de, da mehr als die Hälfte meines Lebens hinter m i r liegt,
w i r d das Thema der Zukunft immer wichtiger für mich).
N e i n , ich fand i n Jesus Christus die Wahrheit selbst, den
M a ß s t a b für alle Dinge durch sein Wort. Ich fand i n i h m
das Zentrum u n d das Wesen j ü d i s c h e n Leidens. Ich fand
i n u n d durch i h n den Sinn der Geschichte. Ich fand i n
i h m meinen Weg, meine Wirklichkeit, mein Leben. M e i -

38
ne Bekehrung war keine Damaskuserfahrung, sondern
trotz meiner Intensität u n d meines Temperaments ging
es Schritt für Schritt. Zuerst war Jesus für mich das INRI
- Jesus v o n Nazareth, K ö n i g der Juden. D a n n sah ich
deutlich, d a ß Israels E r w ä h l u n g nicht nur sich selbst galt,
sondern auch der Welt u n d d a ß es biblisch gesehen nur
einen Messias gibt. D a n n wurde Jesus für mich der H e i ­
den Heiland - das z u bekennen i m Angesicht des A n t i ­
semitismus der Kirche war ein sehr großer Schritt. Aber
der Weg d a z u war die Erkenntnis, d a ß die Kirchen ge­
nauso versagt haben an i h m w i e auch mein Volk. U n d
dann war der Weg frei z u dem Bekenntnis: »Ich glaube
an die Heilige Christliche Kirche«, u n d damit der Weg
z u m Dienst i n seiner Kirche.
Z u d e m war ich i n Deutschland nach meiner Promoti­
on z u m Dr. phil. mit einer u n g e l ö s t e n Frage konfrontiert.
Sollte ich versuchen, hier i n Deutschland meine Lauf­
bahn als Historiker fortzusetzen, oder gab es möglicher­
weise einen anderen Weg für mich? Ich unterrichtete an
der amerikanischen U n i v e r s i t ä t M a r y l a n d hier i n
Deutschland, vor allem Offiziere. A b e r dies war keine
volle Stelle. Sollte ich versuchen, an einer deutschen U n i ­
versität eine Stelle z u bekommen? M e i n Professor für po­
litische Philosophie, Flanz, ein nichtjüdischer gebürtiger
Österreicher, hatte nach meiner D o k t o r p r ü f u n g z u m i r
gesagt: » G e h e n Sie, wenn Sie wollen, nach Deutschland,
zeigen Sie, was Sie wissen, u n d sie werden bald Profes­
sor w e r d e n . « So sagte er, aber was sollte ich tun? Mitten
i n diesen Ü b e r l e g u n g e n k a m der Telefonanruf meiner
Tante N i c k i , d a ß ihr Sohn, mein C o u s i n u n d guter
Freund Moss Andrew, an Rauschgift gestorben war. Das
war Gottes Zeichen. Ich ging z u Pfarrer Wendler, mei­
nem Geistlichen, u n d sagte: Ich w i l l Pfarrer werden, i n
dieser Welt brauchen w i r nicht Geschichtsprofessoren,

39
sondern Geistliche, die aus der Kraft u n d F ü h r u n g C h r i ­
sti leben. Ich bekam nach meiner Taufe ein Sonder­
stipendium v o n der w ü r t t e m b e r g i s c h e n Landeskirche.
Jetzt war der Weg frei z u einem sozialen Beruf für einen
ganz u n d gar individualistischen Poeten.
M e i n Weg, Pfarrer z u werden, war s t ä n d i g begleitet
v o n Konfrontation. Ich sah sehr deutlich durch Gottes
Wort, d a ß die schlimmsten Feinde Jesu die Priester w a ­
ren. Ich sah sehr deutlich durch die g r o ß a r t i g e n frühen
Schriften M a r t i n Luthers, d a ß sein Weg auch begleitet
war v o n Konfrontation mit den Priestern seiner Zeit, die
durch die Tradition für viele den Weg einer biblischen,
christus-zentrierten Theologie verbaut haben. U n d ich
erlebte n u n selbst die gleiche Konfrontation, auch wenn
meine Professoren i n T ü b i n g e n eher g e m ä ß i g t waren i n
der A n w e n d u n g der historisch-kritischen Methode.
Oder anders, i m Rückblick besser gesagt: Der Weg z u
diesen zentralen R e f o r m a t i o n s g r u n d s ä t z e n , die das Zen­
trum meines eigenen Glauben sind, - allein Jesus C h r i ­
stus, allein die Heilige Schrift, allein durch Gnade aus
Glauben - , dieser Weg war s t ä n d i g i n der ein oder ande­
ren A r t u n d Weise blockiert. In der katholischen Traditi­
on wie durch den Talmud durch die Tradition u n d eine
»traditionelle Schriftauslegung«; i n der modernen Theo­
logie durch eine noch gefährlichere Versuchung, n ä m l i c h
durch den »Zeitgeist« u n d die »kritische M e t h o d e « ü b e r
Gottes Wort verfügen z u wollen. Luthers Weg z u m re­
formatorischen Durchbruch i n seinen theologischen
Auslegungen ist heute so aktuell wie eh u n d je, aber heu­
te vor dem Hintergrund der sogenannten aufgeklärten
Theologie seit d e m 18. Jahrhundert. D i e Schrift w i r d
nicht direkt wahrgenommen, sondern wie z u Luthers
Zeit w i r d der Zugang z u ihr erschwert durch Vorüberle­
gungen u n d Vorurteile, welche diese Schrift, welche

40
Christus selbst relativieren. Ja, mein Weg als Theologe
war v o n Anfang an als wahrer lutherischer Theologe
v o n Konfrontation g e p r ä g t . Aber wie kann ein Dichter,
ein Poet mit tiefer innerer Empfindung auch ein aktiver,
engagierter Pfarrer u n d Seelsorger sein? Die A n t w o r t
liegt i n meinem Verständnis v o n Christus u n d seinem
Wort, daß das Zentrum der Welt nicht unser Empfinden, un-
sere Wahrnehmung ist, sondern Christus, sein Wort und sein
Heil. H i e r m ü s s e n Prioritäten gesetzt werden. Diener
Gottes z u sein wurde für m i c h z u m Zentrum meines We­
sens, nicht poetisches Empfinden oder historische Wis­
senschaft. Weder Kunst noch Wissenschaft k ö n n e n die
zentralen Fragen des Lebens beantworten. N u r Christus
u n d Christus allein kann hier Antworten bieten! Deswe­
gen m u ß t e ich m i c h als Diener Gottes ganz u n d gar i n
seinen Dienst stellen, nicht i n meinen eigenen. Das war
der Schlüssel z u m Vollzug meiner Bekehrung. Der Herr
hat auch diesen Weg erleichtert durch meine lange Stu­
dienzeit, welche m i r sehr zugute k a m i m Pfarramt. Ich
konnte viel schneller arbeiten als die meisten meiner K o l ­
legen, was Predigt, Andacht u n d Bibelabende anbelangt.
Z u d e m ist der Pfarrerberuf so vielseitig, d a ß jeder Pfar­
rer seine eigenen Prioritäten setzen m u ß . Die Prioritäten,
die w i r setzen, sollten immer i n Beziehung stehen a) z u
der Frage, wie u n d w o w i r a m meisten u n d a m besten
Menschen mit dem Evangelium erreichen k ö n n e n u n d
b) z u unseren Gaben u n d Schwächen. D i e Akzente, wel­
che ich immer gesetzt habe, waren V e r k ü n d i g u n g u n d
Seelsorge. Finanzen u n d Verwaltungsarbeit waren nie
meine Sache, aber dafür hatte ich i n M a l m s h e i m ausge­
zeichnete Mitarbeiter.
Was ist das Fazit meiner Jahre als Seelsorger?
1. E i n Pfarrer sollte nie sagen, was die gesellschaftliche
Konvention i n einem bestimmten Zusammenhang vor-

41
schreibt, das Richtige i m menschlichen Sinne. Wir sollten
uns immer v o n d e m Gebet leiten lassen: »Herr, gib mir
die richtigen Worte zur richtigen Zeit.« Soviel kann ver­
baut werden, auch u n d gerade v o n eifernden Christen,
die mit der T ü r e ins Haus fallen. Der Weg z u m Glauben
ist meistens ein Reifungsprozeß, nicht ein plötzlicher
Ruf: »Jetzt m u ß t d u d i c h bekehren.« G e d u l d ist eine zen­
trale christliche Gabe u n d nirgends so wichtig wie i n der
Seelsorge. W i r beten u m die richtigen Worte zur richti­
gen Zeit. M a n c h m a l zwingt uns der H e r r vielleicht z u
unbequemen Aussagen, menschlich gesehen harten
Aussagen, wenn es u m das H e i l u n d Wohl eines anderen
i m Sinne Jesu geht. Luther ist hier unser leuchtendes Bei­
spiel i n seinem Harren auf Christus u n d sein Wort statt
einer mitmenschlichen Geschliffenheit.
2. Das Evangelium ist nicht i n erster Linie eine A n ­
weisung, wie man leben soll oder eine Schulung i n der
Jüngerschaft. Das alles hat (am Rande) seinen Platz.
Evangelium bedeutet, Christi K r e u z aufleuchten z u las­
sen, u n d zwar i n Bezug z u unserer Verlorenheit. W i r
alle, ohne Ausnahme, leben s t ä n d i g unseren eigenen
Weg, unsere eigenen Gedanken, i n unserem eigenen Sin­
ne. W i r brauchen s t ä n d i g den R u f z u r ü c k z u m Kreuz,
w e g v o n uns selbst, i n die befreiende Buße, z u r ü c k z u m
Ort der Vergebung u n d Erneuerung.
3. Gebet sollte nicht zur F o r m werden, denn als F o r m
ist es nicht mehr Gebet. Es gilt, dem Wort Gottes R a u m
z u geben, einem Wort, welches uns richtet u n d aufrich­
tet. E r soll uns immer mehr i n die K n i e zwingen, uns er­
leuchten u n d erneuern. F o r m hat nur Sinn, w e n n diese
F o r m den Inhalt durchleuchten läßt, aber nie als Forma­
lismus.
4. W i r sind als Christen v o n uns aus nicht besser als die
Welt. Leiden ist vor allem Leiden an uns selbst, an unse-

42
rer Unvollkommenheit. Wer wirklich Christ ist, weiß,
ich bin mein schlimmster Feind, Christus ist mein bester
Freund.
5. Der einzige Weg, unsere Selbstbestimmung, unse­
ren Versuch, ü b e r den H e r r n z u verfügen durch Traditi­
on, durch Zeitgeist u n d kritischen Geist, durch erstarrte
gesetzliche Frömmigkeit, durch unsere eigenen Gefühle
u n d gruppendynamischen Prozesse z u ü b e r w i n d e n , ist:
Laß Christus walten, i h n u n d i h n allein. E r ist groß, u n d
w i r sind klein. Aber groß sind w i r i n seinen Augen, wenn
w i r i h m z u F ü ß e n bekennen: »Er m u ß wachsen, ich aber
m u ß abnehmen.«

c) Als Vortragsredner

Der Mensch ist i n sich ein B ü n d e l v o n W i d e r s p r ü c h e n ,


ich merke das s t ä n d i g i n meiner Beziehung z u anderen.
Meine Schwester, z u m Beispiel, hat immer Gesell­
schaftsromane gelesen, Romane, i n denen die Subtilität
menschlicher G e s p r ä c h e u n d ihre gesellschaftliche Be­
deutung i n den Mittelpunkt gestellt werden, z u m Bei­
spiel die Romane v o n Jane Austen u n d die v o n Henry
James. A b e r der gleiche Mensch ist absolut unfähig, sich
selbst i n die Feinheit gesellschaftlicher Unterhaltung ein­
zufügen. Sie w i r d sofort emotional. Sie m u ß alles, was sie
denkt u n d fühlt, sofort sagen. Vielleicht ist es so, d a ß
Menschen bestimmte Pole i n ihrem Charakter haben,
entgegengesetzte Merkmale ihres Wesens, welche z u ­
sammen doch eine Einheit darstellen.
Ich, z u m Beispiel. Ich habe immer behauptet, d a ß das
Wesen meiner Persönlichkeit die innere Welt der E m p ­
findung ist, ob durch Gottes Wort, i n meiner Lyrik, i m
H ö r e n g r o ß e r M u s i k oder der Wahrnehmung großer
Kunst. A b e r genau das Gegenteil findet sich i n einem an-

43
deren Teil meiner Persönlichkeit. Ich w i l l etwas vermit­
teln. Ich w i l l alle Mittel, welche mir z u r Verfügung ste­
hen, einsetzen, u m andere Menschen z u erreichen mit
dem, was ich denke, empfinde. Z u behaupten, d a ß ich i m
Grunde genommen kein sozialer Mensch sei, entspricht
dann nicht der Wahrheit, denn das Wesen eines sozialen
Menschen ist gerade das: die Vermittlung dessen, was er
w i r k l i c h z u sagen hat. Ich habe hier vielleicht eine Affi­
nität mit einem meiner Lieblingsdichter, Joseph Roth.
Seine Stärke liegt i n der Empfindung der inneren Welt,
der Einsamkeit, dem innigen Verhältnis v o n Personen z u
ihrer Umgebung, vor allem der nicht menschlichen U m ­
gebung. In diesem Sinne ist er verwandt mit Adalbert
Stifter, dem großen poetischen Romancier der deutschen
Sprache. U n d gerade dieser Joseph Roth konnte reden
wie kein anderer. E r sammelte s t ä n d i g Menschen u m
sich, u m sie brillant z u unterhalten ü b e r alle möglichen
Themen bis tief in die Nacht. U n d gerade der innige, poe­
tische Joseph Roth war zugleich einer der tiefsten Beob­
achter der politischen u n d sozialen Szene seiner so be­
wegten Zeit, der 20er u n d 30er Jahre.
Ich b i n kein Joseph Roth, aber trotzdem haben w i r viel
gemeinsam, vor allem diesen scheinbaren inneren W i ­
derspruch v o m i n sich gekehrten Dichter, der aber u m
jeden Preis vermitteln w i l l .
Reden w a r immer mein Metier. U n d so wurde v o n mir
i n einem Sport- u n d F i t n e ß - S o m m e r c a m p , als ich noch
nicht die g r o ß e Wende (Bar M i z w a ) i n meinem Leben er­
reicht hatte, überliefert: »Als w i r einschliefen, redete Jaf­
fin, u n d als w i r aufwachten, redete Jaffin, u n d niemand
w e i ß , ob er dazwischen* aufgehört hat.« Damals wollte
ich vor allem meine M e i n u n g ü b e r Sportler u n d ihre L e i ­
stungen ä u ß e r n . Aber nach meiner g r o ß e n Wende v o m
Baseball-Amerikaner z u m Poeten hatte ich etwas total

44
anderes z u vermitteln, i n meiner Lyrik u n d später dann
als ü b e r z e u g t e r , bekehrter Christ den Inhalt meines
Glaubens.
Diese Vermittlung lief zuerst ü b e r G e s p r ä c h e , aber
dann auch ü b e r Predigten u n d Vorträge. Zwischen Pre­
digten u n d biblischen Vorträgen gibt es leichte Unter­
schiede. Meine Predigten sind ä u ß e r s t knapp, reduziert
auf das Wesentliche, ohne H u m o r ; es sind grundsätzli­
che Predigten, auch w e n n Beispiele hier u n d da vor­
kommen. Oft wurden sie Wochen oder gar Monate vor­
her geschrieben u n d v o n meiner Sekretärin vervielfältigt
für die Gemeindemitglieder, die sich i n dieser Thematik
vertiefen wollten.
Aber meine Vorträge sind ganz anders. Eine Predigt
dauert 15 oder 20 M i n u t e n , ein Vortrag aber 45 oder 60
Minuten. Es w ä r e für meine Z u h ö r e r sehr schwierig, die­
se lange Zeit ernst u n d konzentriert durchzuhalten. Des­
wegen werden meine Vorträge ständig durch Anekdoten
aus meinem Leben oder lustigen Einfällen aufgelockert.
Nichts ist schlimmer als gekünstelter H u m o r , wenn man
merkt, d a ß der Redner h u m o r v o l l sein, Witze erzählen
w i l l - das kann sehr peinlich wirken. Aber bei mir w i e bei
vielen Juden ist der H u m o r ein Teil meines Naturells.
Wir k ö n n e n einfach nicht s t ä n d i g ernst bleiben. W i r m ü s ­
sen lachen, Selbstironie durchleuchtet unsere ganze Per­
son u n d w i r k t der Tendenz entgegen, sich selbst z u ernst
z u nehmen.
M a n c h m a l frage ich mich, ob ich w i r k l i c h vermittelt
habe, was ich vermitteln wollte. Z u m Beispiel k a m ich
einmal z u einer Hochzeit, nicht weit w e g v o n meiner
Malmsheimer Gemeinde. Dort hatte ich vielleicht z w e i
Jahre z u v o r einen Vortrag gehalten. A l s ich i n die Sakri­
stei kam, sagte die Mesnerin z u mir: »Wir kennen Sie. Sie
haben vor z w e i Jahren einen Vortrag gehalten.« Ich frag-

45
te: »Was war mein Thema?« U n d sie antwortete ohne
lange nachzudenken: »Sie haben ü b e r ihren Dackel ge­
sprochen.«
Reden vor einem P u b l i k u m macht vielen Menschen
Angst, u n d offen gesagt, ohne innere Aufregung geht es
auch bei mir nicht ab.
Jeder, auch der erfahrenste Redner erlebt diese innere
Spannung vor jedem Dienst. Warum? Weil w i r vermit­
teln wollen, weil w i r unsere ganze Person einsetzen, da­
mit unser P u b l i k u m erreicht w i r d mit dem, was w i r z u
sagen haben, u n d dies ohne z u langweilen. Diese innere
Erregung gibt jedem guten Redner die Kraft, das z u sa­
gen, was er vermitteln w i l l . U n d ich glaube, hier haben
w i r die Beziehung zwischen dem inneren, empfindsa­
men Menschen u n d d e m aktiv Vermittelnden. - W i r
m ü s s e n i n der Tiefe i n uns selbst suchen, u m dann aus
dieser Tiefe z u anderen z u sprechen. Das läßt sich auch
auf unseren Glauben ü b e r t r a g e n : N u r wenn w i r uns ver­
tiefen i n die Heilige Schrift oder ins Gebet, nur dann be­
kommen w i r die Kraft z u missionarischem Christsein.
Diese beiden Dinge g e h ö r e n ganz eng zusammen. Denn
nur w e n n w i r »stille z u Gott w e r d e n « , nur dann gibt er
uns die Kraft, aus seiner Stille durch das Wort z u ver­
mitteln.

d) Als Autor

Spät, sehr s p ä t lernte ich lesen u n d schreiben, ich las nur


den Sportteil der N e w York Times u n d John R. Tunis
Sportbücher. A l s ich z u meiner Bar M i z w a ein Buch na­
mens »Shakespeare's E n g l a n d « bekam, war ich entsetzt
darüber. Ich wollte z u meiner Bar M i z w a doch eine A u s ­
r ü s t u n g als Sportfischer, eigentlich ein m e r k w ü r d i g e r
Wunsch v o n einem, der niemals richtiger Fischer war

46
(nur i n der Theorie, aber nicht i n der Praxis). In den Auf­
sätzen i n der H i g h School w a r ich so mit dem Inhalt be­
schäftigt, d a ß meine Grammatik, die nie meine Stärke
war, sehr z u w ü n s c h e n ü b r i g ließ. Schreiben war für
mich eigentlich nicht natürlich, da ich immer viel gere­
det habe, u n d ich meine Gedanken dadurch viel besser
a u s d r ü c k e n konnte. Sicherlich war die Schule mitschul­
dig an meiner Unfähigkeit, meine Gedanken z u Papier
z u bringen, denn Aufsätze w u r d e n auch nach bestimm­
ten formalen Kriterien beurteilt, u n d gerade diese Krite­
rien standen einer » n a t ü r l i c h e n A u s d r u c k s w e i s e « i m
Wege. Ich war ein Redner, der noch nicht gelernt hatte,
d a ß schreiben genauso »natürlich« sein konnte, wie re­
den.
Lassen w i r die L y r i k beiseite, denn ihr g e h ö r t ein be­
sonderes u n d sehr wichtiges Kapitel i n diesem Buch.
M e i n Prosastil entwickelte sich sicherlich nicht w ä h r e n d
meiner Studienzeit, da wissenschaftliche Arbeit eine ei­
gene Sprache, einen eigenen Wortschatz u n d eigene
Wege hat. Aber w ä h r e n d meines Studiums lernte ich z u ­
mindest, meine Gedanken z u Papier z u bringen, auch
wenn diese Gedanken meistens nicht meine eigenen wa­
ren, u n d der Stil alles andere als korrekt war. Aber mit
Vollendung meiner sehr umfangreichen Doktorarbeit,
bekam ich große Freude an einem vollendeten Werk. E i n
Buch begann damals für m i c h so etwas wie ein kleines
K i n d z u werden. Etwas, was man i n die H a n d nehmen
kann, v o n allen Seiten, etwas, mit einer eigenen A n z i e ­
hungskraft, etwas, w o v o n ich sagen konnte: D u gehörst
mir, d u bist mein. Vielleicht spielte auch etwas anderes
mit, n ä m l i c h der Versuch, gegen die Vergänglichkeit z u
k ä m p f e n , i n der Hoffnung, d a ß das, was geschrieben
w i r d , bleiben w i r d , selbständig w i r d , u n a b h ä n g i g von
m i r selbst. Ja, alle Kunst, auch die literarische, ist ein

47
K a m p f gegen die Vergänglichkeit, u n d diese Vergäng­
lichkeit ist die Grunddimension menschlichen Lebens.
Meine ersten Predigten i n M a l m s h e i m erweckten Inter­
esse nicht nur an dem gesprochenen Wort, sondern auch
an biblischer Vertiefung. Ich packte, als Jude, als Histo­
riker, als jemand, der die Vielschichtigkeit v o n Gottes
Wort i m gesamten biblischen Rahmen i n den M i t t e l ­
punkt stellt, so viel i n jede Predigt, d a ß i n der Gemeinde
bald der Wunsch laut wurde, diese Predigt nachzulesen.
Ich glaube, diese schriftliche Fixierung meiner Predigten
war der natürliche Weg z u meinen ersten Büchern i n
deutscher Sprache. Traugott Thoma, Prediger der Lie­
benzeller M i s s i o n u n d ein eifriger A u t o r u n d Heraus­
geber v o n Büchern, war unser Prediger a m Ort. Ich sah
seine Bücher u n d fragte i h n eines Tages, vielleicht nach­
dem ich ein Jahr i n Malsheim war:
» K a n n der Verlag der Liebenzeller M i s s i o n auch
Bücher v o n m i r verlegen?« U n d ich gab i h m eine G r u p ­
pe v o n ca. 15 Predigten mit dem Titel »INRI«. Sie wur­
den gedruckt u n d gut verkauft. Z w e i weitere Predigt­
b ä n d e folgten, u n d gleichzeitig fing ich an, Vorträge z u
halten. M e i n viertes Buch »Die Heiligkeit Gottes i n Jesus
Christus« war meine erste Sammlung v o n Vorträgen i n
schriftlicher Form. Dekan Tlach beurteilte dieses Buch
sehr positiv u n d schrieb eine gute Einleitung dazu. Von
da an erschienen P r e d i g t b ä n d e u n d besonders Vortrags­
b ä n d e mindestens jährlich.

48
IV. Musik, Nahrung für die Seele

Ich habe als K i n d sehr gern i n meinem lauten Sopran


schmalzige Lieder gesungen, z u m Beispiel »Santa L u ­
cia«, oder später robuste m ä n n l i c h e G e s ä n g e v o n sehr
m ä ß i g e r Qualität. Begeistert war ich mit 10 oder 11 v o n
der Hitparade, u n d dann v o n Musicals, besonders den
sentimentalen wie »Brigadoon«. Meine erste Entwick­
lung i n Richtung Qualität begann nach meiner Bar M i -
zwa-Wende mit d e m tragischen M u s i c a l »Lost i n the
Stars« v o n K u r t Weill ü b e r die Lage der Schwarzen i n
Südafrika. Es dauerte nicht lange, bis ich mir die kleine
Sammlung klassischer Meister meines Vaters, vor allem
aus dem 19. Jahrhundert - Beethoven, Mendelssohn,
Tschaikowsky - z u eigen machte. Ja, ich hörte sehr i n ­
tensiv, bis ich glaubte, d a ß ich verstehe, was dieser K o m ­
ponist wollte. M u s i k ist eine abstrakte Kunst, welche
Ton, K l a n g i n Zeit u n d R a u m schafft. Verstehen kann hier
bedeuten, entweder technisch, i m formalen Sinne, was
der Komponist geschaffen hat, oder innerlich durch Ge­
fühle u n d Verstand, oder optimal durch beide Metho­
den. Bei m i r entwickelte sich das M u s i k v e r s t ä n d n i s ,
indem meine ganze Person beteiligt war, Gefühle wie
Gedanken.

Renaissance-Musik

E i n wichtiger Schritt war für mich der Kauf v o n drei


Platten der frühen »Vor-Bach-Musik«. Gerade die reli­
giösen Werke zogen mich sehr an, u n d zwar v o n G u i l ­
laume de Machaut bis Heinrich Schütz. H i e r s p ü r t e ich
eine tiefe innerliche Welt, ohne z u merken, d a ß ich selbst

49
bereits tief religiös g e p r ä g t war. In dieser Zeit ist das
Streben nach Reinheit vorherrschend. Die große frühe
Renaissance, die flämische Schule v o n Dufay, Ockge-
hem, Isaak u n d vor allem Josquin des Prés bleiben bis
heute sehr wichtig für mich, wie ihre malenden, geogra­
phischen Zeitgenossen V a n Eyck, Van der Weyden,
M e m l i n g , Gerard D a v i d . A b e r diese frühe Renaissance­
komponisten leiden, empfinde ich, trotz ihrer tiefen Re­
ligiosität u n d trotz ihres Strebens nach linearer/poly-
phoner Reinheit, z u m Teil an viel z u komplizierten kon­
trapunktischen Methoden. Oft s p ü r t man ihre Methode
stärker als den Inhalt. A b e r mit den g r o ß e n Meistern der
Hochrenaissance, Palestrina, Byrd, Vittoria, auch Orlan­
do d i Lasso ist diese Problematik ü b e r w u n d e n . H i e r sind
Polyphonie u n d Homophonie z u s a m m e n g e f ü g t i n eine
vollkommene Einheit. U n d hier ist der größte religiöse
Tiefgang der Renaissance erreicht. Diese sogenannte
»goldene Zeit« der M u s i k kann sich sicherlich messen
mit jeder anderen großen Epoche, ob Hochbarock, Wie­
ner Klassik oder den f r ü h e n romantischen Meistern.
Vielleicht aber fehlt bei diesen g r o ß e n Meistern der Re­
naissance die I n d i v i d u a l i t ä t . Wenn m a n m i c h fragen
w ü r d e , welche Messe das w ä r e v o n Palestrina - ich ken­
ne vielleicht 20 - w ü r d e ich es sehr schwierig finden, z u
antworten.

Englische geistliche Musik

Es gibt einen g r o ß e n Reichtum an englischer geistlicher


M u s i k . Ich denke hier an die frühere Zeit, vor allem an
Dunstable, Tavener u n d Tallis. A b e r dann, u n d vor allen
an den g r o ß e n W i l l i a m Byrd, die ü b e r r a g e n d e Gestalt
englischer Kirchenmusik. Gibbons hat wunderbare ang­
likanische L o b g e s ä n g e geschrieben u n d vergessen w i r

50
nicht D o w l a n d s unvergleichliche Lautenmusik, u n d
Henry Purcell der k r ö n e n d e A b s c h l u ß der großen Epo­
che englischer M u s i k ü b e r h a u p t , Purcells früher Genie­
streich, seine Fantasien für Gambe, g e h ö r t z u der aller­
g r ö ß t e n barocken Instrumentalmusik. Manche seiner
» A n t h e m s « haben eine wahre u n d tiefe evangelische
Aussage. U n d vergessen w i r nicht seine hervorragende
Trauermusik auf den Tod der Königin M a r y u n d seinen
»Dido u n d Aeneas«.

Die erste Blüte deutscher evangelischer Kirchenmusik


Lechner/Schein/Schütz

E i n früher Gipfel der geistlichen M u s i k bildet das evan­


gelische Trio Leonhard Lechner, Johann Hermann Schein
u n d vor allem Heinrich Schütz. Lechner war ein Schüler
des katholischen Orlando d i Lasso (In der M u s i k sollte
man die Konfession nicht ü b e r b e w e r t e n : Schütz, der In­
begriff der evangelischen Komponisten, beauftragt i m
Sterben einen Schüler Todesmusik für i h n i m Stil v o n Pa-
lestrina z u komponieren, den katholischen Meister der
Gegenreformation). Lechner beeindruckt durch eine
Komprimiertheit, die i n manchen seiner C h o r s ä t z e fast
W e b e r n k ü r z e erreicht, n ä m l i c h nur Sekunden, nicht M i ­
nuten. Lechner ist auch tief, innerlich, vor allem i n seiner
Johannes-Passion. Schein, ein Zeitgenosse v o n Schütz,
hat i n seinem »Israel-Brünnlein« ein Meisterwerk hin­
terlassen, welches durchaus das N i v e a u der M u s i k v o n
Heinrich Schütz i n den zwanziger Jahren des 17. Jahr­
hunderts erreicht. A b e r i n Heinrich Schütz haben w i r ei­
nen Komponisten v o m h ö c h s t e n Format, sowohl i n Be­
z u g auf Tiefgang u n d Formgestaltung, als auch vor allem
i n u n g e s c h m ü c k t e r W o r t v e r k ü n d u n g . Schütz ist der In­
begriff eines evangelischen Komponisten. D a z u ist er ein

51
wunderbares Beispiel für die Lebensphasen u n d die
Schaffenszeit eines g r o ß e n Meisters. Seine frühen Werke
wie die unvergleichlichen Madrigale op. 1 u n d die noch
Venezianischen Psalmen Davids op. 2 sind Geniestrei­
che. A b e r Schütz erlebt i n den zwanziger Jahren seine
Sturm u n d Drang-Phase mit viel Chromatik u n d tiefer
innerer Spannung. Seine C h o r m u s i k erreicht ihren
H ö h e p u n k t i n den g r o ß e n 29 Motetten, die er i n seiner
reifen Lebensphase Ende des Dreißigjährigen Krieges,
komponierte. A b e r dann am Ende seines langen Lebens
komponierte Schütz drei Passionen, die i n schlichter E i n ­
fachheit (Worttheologie) nicht ihresgleichen haben. Den
letzten Satz der Johannespassion » O hilf Christe, Gottes
Sohn« hat kein Komponist, weder Bach noch H a y d n
übertroffen i n Tiefgang, i n echter F r ö m m i g k e i t .
E i n wahres Entdeckungsfeld für die, welche M u s i k
suchen, nicht Virtuosität, sondern Innerlichkeit, K o m ­
primiertheit u n d F o r m b e w u ß t s e i n , ist die Tastenmusik
des 17. Jahrhunderts, vor allem Sweelinck (auch ein M e i ­
ster des Psalmenvertonung), Froberger u n d der H a m ­
burger Weckmann.

CorelU/Bach/Händel

Wenn w i r bei w i r k l i c h g r o ß e n u n d u n t e r s c h ä t z t e n K o m ­
ponisten, die wenig z u h ö r e n sind, bleiben, m ü s s e n w i r
k u r z ü b e r Archangelo Corelli sprechen, den g r o ß e n
Formgestalter, den H a y d n des Hochbarock. Coreliis
sechs Opern (72 Werke i m Ganzen) sind wie die Haydns
viel mehr als nur formgestalterisch, sondern sie weisen
eine g r o ß e Reinheit i n F o r m u n d Inhalt auf. H i e r ist der
G r ü n d e r u n d edle Vollender des italienischen Barock.
Ich brauche nicht viel ü b e r Bach u n d H ä n d e l z u schrei­
ben, denn ihre G r ö ß e ist wohlbekannt. Wenige zweifeln

52
daran, d a ß Bachs »h-Moll-Messe« z u der größten M u s i k
gehört, die je geschrieben wurde. Wenige bezweifeln
auch die durchgehende u n d tiefe Q u a l i t ä t seiner
Choräle, die ähnliche Werke, sogar v o n Schütz u n d M e n ­
delssohn, i n den Schatten stellen. Wenige zweifeln an
Bachs P r o d u k t i v i t ä t u n d umfassender, gestalterischer
Kunst, einer Produktivität, die vielleicht nur mit Orlan­
do d i Lasso u n d H a y d n z u vergleichen ist. Wenige zwei­
feln am strahlenden Glanz u n d Ήefgang v o n Werken wie
dem Weihnachtsoratorium, den Passionen u n d manchen
Kantaten. Wenige zweifeln an seiner ü b e r r a g e n d e n Be­
deutung für die Orgelmusik. Aber Bach ist z u einer A r t
evangelischem Heiligen geworden, u n d wehe dem M e n ­
schen, der die L ä n g e vieler seiner ritornellen A r i e n i n
Frage stellt, u n d wehe dem Menschen, vor allem dem
evangelischen Pfarrer, der die alte Kritik ü b e r Motorik
u n d Mathematik i n Bachs M u s i k noch einmal äußert.
M a n kann sicher sein, d a ß er i n Kreisen seiner Verehrer
wenig G e h ö r finden w i r d .

A u c h Georg Friedrich H ä n d e l ist n a t ü r l i c h einer der


wirklich g r o ß e n Komponisten, vor allem i n seinem Mes­
sias, d e m ersten Teil v o n »Israel i n Ä g y p t e n « u n d dem
Utrechter u n d Dettinger Te D e u m . H ä n d e l ist wie Bach
u n d Zelenka ein großer Kontrapunktiker. Seine A r i e n
haben eine Freiheit, die oft beeindruckt. E r kann auf al­
len Registern spielen, ü b e r das majestätische, welches
seine Stärke ist, bis z u dem lyrischen u n d sogar dunklen,
wie i n seiner Vertonung der neunten Plage i n »Israel i n
Ä g y p t e n « - » U n d Dunkelheit kam ü b e r das Land«. H ä n ­
deis Problematik ist für manche das opernhafte (er war
Opernkomponist am A n f a n g seiner Laufbahn) u n d sei­
ne N e i g u n g , manchmal i n die Richtung des P o m p ö s e n
z u steuern. Sein Einfluß auf Beethovens s p ä t e Werke ist

53
unbestritten. Das Jahr 1714 ist ein zentrales D a t u m i n der
Geschichte der a b e n d l ä n d i s c h e n M u s i k , denn i n diesem
Jahr wurden Gluck, C a r l Philip Emanuel Bach u n d H o -
milius geboren, ein Trio v o n sehr interessanten K o m p o ­
nisten, die w i r als Frühklassik bezeichnen. Christoph
Willibald Gluck ist zweifellos ein großer Meister i n sei­
ner Opernreform, u n d seine » O r p h e u s « u n d »Iphigenie«
g e h ö r e n unter anderen z u dieser Reform. Gluck hat auch
einen g r o ß e n Einfluß auf den H a y d n der Sturm u n d
Drang-Zeit (1768 -1774) u n d auf den vergessenen Sturm
u n d Drang-Meister der 80er Jahre des 18. Jahrhunderts,
Josef M a r t i n Kraus, dem »Sturm u n d Drang«-Bindeglied
zwischen Gluck u n d Beethoven. C a r l P h i l i p Emanuel
Bach ist eine faszinierende Gestalt, i n seiner eigenwilli­
gen u n d z u m Teil tiefsinnigen Hammerklaviermusik,
auch i n manchen Sinfonien u n d Konzerten. E r ist ein
wahres Original, wie es Gesualdo ein Jahrhundert früher
war. U n d vergessen w i r nicht, d a ß gerade diese M u s i k
v o n Bach Wegweisung für keinen anderen als Joseph
H a y d n war, vor allem für den jungen H a y d n , aber auch
den Sturm u n d Drang-Haydn. Ü b e r H o m i l i u s k ö n n e n
w i r erst mehr sagen, w e n n seine Kantaten u n d andere
geistliche Werke gedruckt u n d bekannt werden. Die M o ­
tetten, die w i r kennen, weisen eine individuelle Reinheit
auf; i n ihrer Eigenwilligkeit erinnern sie m i c h an den
s p ä t e r e n M a x Reger.

Haydn und Mozart

Wie der g r o ß e Dichter T. S. Eliot feststellt, ist jeder krea­


tive Künstler i n seiner K r i t i k anderer Künstler an seine
eigene A r t wahrzunehmen gebunden, u n d z w a r nicht
nur i n der Kunstform seines Schaffens. N a c h dem Urteil
vieler Kritiker ist meine L y r i k auf das Wesentliche k o m -

54
primieri. M a n kann vieleicht sagen, d a ß ich i n meinem
Kunstempfinden ein Klassiker bin, u n d das bestimmt
auch mein sehr subjektives Urteilsvermögen. Wenn w i r
ü b e r die g r ö ß t e n Komponisten der modernen Zeit Bach,
H ä n d e l , H a y d n , Mozart, Beethoven, Schubert urteilen,
sind w i r alle sehr subjektiv, nach unserem Naturell und
unseren E m p f i n d u n g s m ö g l i c h k e i t e n . Jemand, der die
Komprimiertheit i n den Mittelpunkt stellt, der alles auf
das Wesentliche beziehen w i l l , m u ß sich hingezogen
fühlen z u Heinrich Schütz und z u Joseph H a y d n und
Mozart.

H a y d n w a r u n d ist mein Komponist seit meinem 16. Le­


bensjahr, als mein Freund E d M u r r a y m i r seine Quartet­
te O p 76, no. 5 u n d 6 z u m Geburtstag schenkte. H a y d n
u n d Mozart sind i n vieler Hinsicht sehr ähnlich, aber i n
ihren G r u n d z ü g e n gegensätzlich. Mozarts G r ö ß e liegt -
a u ß e r i n der Oper, einer F o r m , die mich nie interessiert
hat - i n seiner gewinnenden M e l o d i k u n d seiner so fei­
nen Harmonik. Mozart ist ein Poet der Kontraste u n d
sein g r o ß e s u n d breites Genie erreicht vielleicht seine
vollkommenste F o r m i n den Klavierkonzerten. N i e ­
mand bezweifelt, d a ß der gleiche Mozart abstrakte Wer­
ke schreiben konnte w i e etwa seine Streichquintette
oder die ü b e r w ä l t i g e n d e Messe i n c-Moll. Aber das Zen­
trum seiner Empfindsamkeit liegt i n seinen Klavierkon­
zerten u n d vor allem i n den innigen, einfachen, tiefen,
langsamen Sätzen.
H a y d n dagegen ist der größte Formgestalter i n der
Geschichte der M u s i k , der Vater des Streichquartetts,
mehr oder weniger, Vater der Sinfonie, Vater und Meister
der Wiener Klassik. Haydns Stärke liegt i n seiner m ä n n ­
lichen, aber nicht ü b e r t r i e b e n m ä n n l i c h gestalteten
Form, abstrakt i n seinen Sinfonien, Streichquartetten

55
u n d seinen Messen. H a y d n ist ein sehr intelligenter
Komponist, bei dem w i r viele Ü b e r r a s c h u n g e n erleben.
Er ist zugleich spontan u n d formgestalterisch, tiefsinnig
u n d humorvoll. Wer Haydns ganzes Πu v r e kennt, erlebt
eine Vielseitigkeit, welche v o n keinem anderen K o m p o ­
nisten übertroffen wurde. M o z a r t ehrte i h n i n diesem
Sinne. H a y d n hat meine Lyrik durch Jahrzehnte beglei­
tet. Ich verdanke i h m das F o r m v e r s t ä n d n i s , das die K r i ­
tiker an meiner Lyrik schätzen. H a y d n war u n d blieb ein
tief religiöser Komponist. E r betete immer, bevor er
schrieb, u n d unterschrieb alle seine Meisterwerke mit
»In N o m i n e Domini« - »Im N a m e n Gottes«. H a y d n ist
neben meiner Frau Rosemarie mein bester Freund, ein
Begleiter durchs Leben.

Beethoven und das 19. Jahrhundert

Beethoven ist wie Bach, Mozart u n d Wagner z u einer A r t


Kultfigur geworden. Aber niemand zweifelt an seiner
G r ö ß e . E r war ein Gigant i n der Geschichte der abend­
l ä n d i s c h e n M u s i k . A b e r manche - w i e H a y d n u n d
Goethe - haben sich ihr Leben lang gefragt, ob seine h i m ­
m e l s t ü r m e n d e A r t , seine napoleonischen Kraftaus­
b r ü c h e w i r k l i c h der beste Weg für die M u s i k war. »Jun­
ger M a n n , d u gehst z u weit!« meinte H a y d n sogar ü b e r
op 1 no 3, u n d Goethe weigerte sich, z u r U r a u f f ü h r u n g
v o n Beethovens Missa Solemnis z u erscheinen, die i h m ,
Goethe, gewidmet war. Beethovens G r ö ß e für mich u n d
für jeden »Klassiker« liegt i n der Tiefe vieler seiner
langsamen Sätze. Trotz seines ü b e r s c h ä u m e n d e n Tem­
peraments beinhaltet Beethovens Œ u v r e doch auch i m ­
mer wieder große Juwelen, w i e das 4. Klavierkonzert.
Schubert ist sicherlich der g r ö ß t e lyrische Komponist.
Wer ist nicht wahrhaftig hingerissen v o n seinen besten

56
Liedern u n d Kammermusikwerken, die ihre höchsten
Gipfel erreichen i n der »Winterreise« u n d i n seinem
Streichquintett. A b e r Schubert fiel es schwer, seine Wer­
ke z u beenden. Schubert war der liebevollste aller K o m ­
ponisten, der lyrischste, der so viel große M u s i k am En­
de seines kurzen Lebens schrieb. Aber Schubert ist z u
jung gestorben, u m seine Formgestaltung, vor allem sei­
ne kontrapunktische Kunst, die so wichtig in der geistli­
chen Chormusik ist, z u vertiefen.
Die frühe Romantik ist eine erfrischende Zeit. Wer
liebt nicht die wunderbaren Liederzyklen v o n Robert
Schumann wie auch seine frühen Klavierwerke? Aber i n
der christlichen M u s i k v o n Mendelssohn ist ihr geistli­
cher H ö h e p u n k t z u finden, i n seinen Oratorien »Paulus«
u n d »Elias«, i n seinen wunderbaren Psalmvertonungen.
A u c h manche seiner Instrumentalmusik ist auf dieser
H ö h e wie das bekannte Violinkonzert, seine italienische
Symphonie, das d-Moll-Klaviertrio, seine Sommer­
n a c h t s o u v e r t ü r e u n d sein wunderbares Oktett. Brahms
u n d Bruckner sind beide g r o ß e Symphoniker u n d haben
beide g r o ß e geistliche M u s i k geschrieben - Bruckner,
w e n n er nicht p o m p ö s , beethovenartig w i r d - ich liebe
seine 2. Messe i n e - M o l l u n d viele seiner a capella-
Werke. D i e Motetten v o n Brahms sind erstklassig, eben­
so sein Schwanengesang: D i e »Vier ernsten Gesänge«.
Sein Requiem g e h ö r t z u den großen geistlichen Werken
des 19. Jahrhunderts. Ich liebe vor allem den frühen,
romantischen Brahms, z.B. das 1. Sextett op. 18, das
1. Klavierkonzert, das 1. Klaviertrio, die 1. Symphonie
(1. Satz).
A n t o n i n Dvorak u n d M a x Reger haben beide bedeu­
tungsvolle Werke geschrieben, auch religóse Werke,
auch w e n n Dvoraks Stärke mehr i n seiner K a m m e r m u ­
sik u n d den Symphonien liegt. In der modernen M u s i k

57
ist Jean Sibelius ohne Zweifel ein g r o ß e r symphonischer
Komponist mit wahrem innerlichen u n d dunklen Tief­
gang. F ü r m i c h sind die Werke Leos Janaceks, auch sei­
ne geistlichen Werke, v o n Bedeutung. U n d vergessen
w i r H u g o Distler nicht, der uns mehrere erstklassige re­
ligiöse Werke gegeben hat. Vielleicht w e i l meine Lyrik
einmal mit A n t o n Weberns so kurzen u n d p r ä g n a n t e n
Werken verglichen wurde, ist dieser Avantgarde-Kom­
ponist ein besonderer Liebling v o n mir.

Musik als Entdeckungsfeld

Die M u s i k war für m i c h immer eine Welt, die es z u ent­


decken galt. Ich h ö r t e bestimmte Werke, bis ich sie, i n
meinem Sinne, verstand, u n d dann h ö r t e ich etwas an­
deres v o m gleichen Komponisten. Wenn ich ü b e r das Ra­
dio oder i n einem Konzert ein Werk eines Komponisten
h ö r t e , das m i c h beeindruckte, dann vertiefte ich m i c h i n
die Werke dieses Komponisten, u n d dieser P r o z e ß der
musikalischen Entdeckung p r ä g t e meine Beziehung z u
dieser Kunst mein ganzes Leben lang.

Carl Nielsen

Ich w a r 15 oder 16 Jahre alt, als ich i n einem Konzert das


d ä n i s c h e Staatsorchester die 4. Sinfonie v o n C a r l Nielsen
spielen h ö r t e . Diese M u s i k war eine Offenbarung für
mich. Nielsen ist ein g r o ß e r Kontrapunktiker. Seine M e ­
lodik u n d H a r m o n i k ist weder romantisch noch modern,
sondern ganz u n d gar seine eigene. Ich konnte nicht war­
ten, bis ich nach Hause kam, u m alle seine sechs Sinfo­
nien kennenzulernen. Nielsen ist zweifellos einer der
g r o ß e n sinfonischen Meister unseres Jahrhunderts, mit
d e m i m gleichen Jahr geborenen u n d auch skandinavi-

58
sehen Sibelius i m gleichen A t e m z u g z u nennen. Leider
ist die Nielsen-Renaissance, die 1950 auf den Edinburgh-
Festspielen begann u n d A m e r i k a wie England eroberte,
etwas abgeklungen.

Franz Berwald

Im Laufe der Zeit, machte ich weitere Entdeckungen,


aber wie Nielsen sind mindestens z w e i v o n ihnen K o m ­
ponisten v o n w i r k l i c h g r o ß e m Format. Franz Berwald,
der eigenwillige Schwede, ein Zeitgenosse v o n Schubert,
aber ein musikalischer Zeitgenosse v o n Mendelssohn
u n d Schumann, g e h ö r t sicherlich dem gleichen N i v e a u
an wie die frühromantischen Meister. Berwald ist wie
Nielsen ein Meister der F o r m i n der Zeit, welche die
Form meistens i n den Hintergrund stellt. Seine M u s i k ist
pulsierend, gespannt, lyrisch, hat Humor, was sich sel­
ten i n der M u s i k findet, verbindet die deutsche F o r m mit
französischem Inhalt, eine einmalige Mischung, u n d da­
z u ist Berwald sowohl ein g r o ß e r Sinfoniker als auch
Komponist der Kammermusik. A l s Berwald i n den spä­
ten 60er Jahren z u m ersten M a l i n N e w York z u hören
war, schrieb der M u s i k k r i t i k e r der N e w York Times:
»Hier ist einer der g r o ß e n romantischen Komponisten,
u n d bis jetzt war er uns total u n b e k a n n t . « Berwald lohnt
alle M ü h e , die man braucht, u m seine z u m Teil unro­
mantische A r t wahrzunehmen. Wie Nielsen, droht er
nochmals i n Vergessenheit z u geraten.

Jan Dismas Zelenka

M i c h hat die Wiederentdeckung der g r o ß e n geistlichen


M u s i k des Judenchristen Mendelssohn-Bartholdy durch
den Dirigenten Frieder Bernius sehr interessiert. Der Ver-

59
lag, der diese M u s i k druckte, druckte auch einen Ba­
rockkomponisten, der mir bis dahin unbekannt war: Jan
Dismas Zelenka. Wie immer auf der Suche nach neuen
Entdeckungen, kaufte ich seine Missa D e i Patris, diri­
giert v o n Wolfram Wehnert, dem Uraufführer der M u s i k
Zelenkas. Zuerst blieb m i r diese M u s i k mit ihrer ei­
g e n t ü m l i c h e n M i s c h u n g aus b ö h m i s c h e r Volksmusik,
langen Orchesterritornellen, mit ihren sehr schwierigen,
»vertrackten R h y t h m e n « fast fremd, bis ich eines som­
merlichen Nachmittags die Doppelfuge Crucifixus die­
ses Werkes hörte. Ich traute meinen Ohren nicht. Ich
schrieb sofort meinem alten Freund E d Murray, Profes­
sor für M u s i k an der Cornell University: »Zelenka ist
einer der ganz Großen«. U n d dieses Urteil hat sich be­
stätigt u n d vertieft durch eine breite Kenntnis seiner so
originalen M u s i k . Dies ist ein Meister, den man i m glei­
chen A t e m z u g mit Bach, H ä n d e l u n d Corelli nennen
kann.

60
V. Malerei und die Gestaltung
der Wirklichkeit

Es gibt diese Geschichte v o n Bernard v o n Clairvaux, wie


er eines Tages mit einem Freund den Genfer See entlang
spazieren ging, tief i n Gedanken u n d i n eifrigem Ge­
spräch. Abends, als sie an ihrem Ziel ankamen, fragte
sein Freund: »Wie fandest d u den See?« Bernard ant­
wortete: »Welchen See?« So tief war er i n Gedanken, i n
innere Wahrnehmung, versunken gewesen, d a ß er nicht
i n der Lage gewesen war, das wahrzunehmen, was u m
i h n herum war. Ähnliches hätte ü b e r mich gesagt wer­
den k ö n n e n , bis ich anfing, Kunstgeschichte z u studie­
ren. M e i n Naturell ist v o n inneren Gefühlen u n d Stim­
mungen g e p r ä g t , v o n s t ä n d i g e m Nachdenken, aber
nicht v o n Beobachtung. Im allgemeinen sagt man, mit
gewissem Recht, d a ß es Augenmenschen u n d Ohren­
menschen gibt. Ich g e h ö r e sicherlich z u den Ohren­
menschen.
Aber dann lernte ich an der Universität Michigan u n d
an der N e w York University unter vielen A u g e n der Pro­
fessoren richtig z u sehen, oder anders gesagt, mit der
Zeit z u sehen, wie ich sehe. Das ist ein Problem der Stu­
dienzeit, ein allgemeines Problem für jeden, der selbst
schöpferisch ist. W i r lernen z u sehen, z u hören, z u den­
ken wie die anderen sehen, denken, h ö r e n , die wieder­
u m sehen, denken u n d h ö r e n , wie sie gelehrt wurden z u
sehen, denken u n d hören. Damit werden ganze Tradi­
tionen v o n Empfindung entwickelt, u n d diese Traditio­
nen k ö n n e n sehr einseitig werden, durch den p r ä g e n d e n
Einfluß starker Persönlichkeiten. Ich b i n ü b e r z e u g t , d a ß
z u m Beispiel die traditionelle, allgemeine Art, Malerei z u
betrachten, v o n humanistisch orientierten Kunsthistori-

61
kern vor allem am Ende des 19. Jahrhunderts u n d i n der
ersten Hälfte unseres Jahrhunderts g e p r ä g t ist. Ihr Inter­
esse, ihre existenzielle Beziehung zur Kunst war nicht re­
ligiös oder lyrisch orientiert, sondern ging v o n d e m
Standpunkt aus, d a ß der M e n s c h M a ß s t a b aller Dinge
sei, d a ß die malerische Eroberung eine tiefe Kenntnis
des eigenen K ö r p e r s u n d seine Umgebung (Perspektive)
zentral sei für die E n t w i c k l u n g der Kunst. D i e soge­
nannte Hochrenaissance - Raphael, da Vinci u n d M i ­
chelangelos frühe Werke - werden als die K r ö n u n g einer
ganzen historischen Entwicklung gesehen. In der M u s i k
gab es u n d gibt es noch diese Auffassung, d a ß Mozart
u n d H a y d n letzten Endes nur Vorläufer v o n L u d w i g van
Beethoven sind. Beethoven schuf neue Formen, drama­
tischen Inhalt, richtige L ä n g e - seine Eroica-Symphonie
ist doppelt so lang w i e die Symphonien H a y d n s oder
Mozarts, u n d äußerlich dreifach so dramatisch. Aber wie
Haydns M u s i k , so kann m a n auch Kunstgeschichte mit
anderen A u g e n u n d anderen Werten betrachten als mit
humanistischen.
Ich lernte durch mein Studium neu z u sehen, u n d ich
m u ß sagen, d a ß dieses neu sehen lernen sowohl sehr po­
sitiv als auch sehr negativ für m i c h war. Ich lernte h u ­
manistische Werte u n d Beobachtungsart, u n d das hat
mir geholfen, die Maltechniken, die historische Ent­
w i c k l u n g i n der Kunst besser wahrzunehmen. Aber ich
lernte durch die A u g e n v o n anderen u n d vielleicht ohne
ihr Wissen, dadurch Werte, Beobachtungsweisen, die sie
b e w u ß t oder u n b e w u ß t v e r k ö r p e r t e n . Velazquez, R u ­
bens, Tizian, großartige weltliche Maler, lernte ich rich­
tig z u schätzen, u n d das w a r nicht schlecht, aber das re­
ligiöse Anliegen so vieler g r o ß e r Maler blieb weitgehend
im Dunkeln.

62
Kunst als Verkündigung

Es gab z u allen Zeiten (sogar i m Mittelalter) beide Ten­


denzen i n der Malerei, z u m einen die menschliche Be­
obachtungsart u n d -weise i n den Mittelpunkt z u stellen,
u n d / o d e r z u m andern die V e r k ü n d i g u n g . Selbstver­
ständlich ist religiöse V e r k ü n d i g u n g nicht i n sich etwas
gutes, w e n n die Mittel dazu schlecht, minderwertig sind.
Es gibt g e n ü g e n d kitschige christliche Kunst, deshalb
m ö c h t e ich auf einige große Maler, die auch tiefe C h r i ­
sten waren, hinweisen, die fähig waren, ihr christliches
Empfinden z u vermitteln.

Ikonenkunst/Byzanz

Die Ikonenmalerei, welche die Kunst Ost- u n d Südost­


europas lange Zeit, vor allem i m Mittelalter, g e p r ä g t hat,
ist i n sich nur religiöse Kunst. Hier w i r d versucht, Glau­
ben durch das B i l d z u vermitteln. A u c h diese Kunst
wurde beeinflußt v o n Entwicklungen der Darstellungs­
weise i m Westeuropa bis z u r Hochrenaissance, aber ihr
Z i e l blieb immer das gleiche, die Vermittlung v o n reli­
g i ö s e m Empfinden, eine Vertiefung bis i n die Stille des
Gebets, eine Darstellung biblischen Heilsgeschehens,
aber persönlich gestaltet u n d empfunden. Das größte
Problem solcher Kunst war die Erstarrung i n Formen,
die mit der Zeit z u Formeln geworden waren. Aber i n
ihrer besten Gestaltung, vor allem i m s p ä t e n Mittelalter,
erleben w i r eine tiefe religiöse Kunst, i n der die Stille z u
uns spricht; die religiöse Stille, ein tiefes Gebetsleben, die
Stille, i n der w i r Gottes Wort, sein Heilsgeschehen wahr­
nehmen, aufnehmen. Heute reden viele gläubige C h r i ­
sten ü b e r »stille Zeit«, Stille für Gottes Wort. Solche
Kunst ist auf ihrem H ö h e p u n k t nichts anderes. Es gibt

63
Darstellungen v o n Jesus, die uns seine Macht, seine
Herrlichkeit direkt vermitteln. Sie zeigen zugleich seine
unbegrenzte Hoheit u n d seine H i n w e n d u n g z u uns, oft
durch Augen, die uns total i n ihrem Bann halten. U m die­
se Majestät so z u gestalten, wie auch i n der geistlich ver­
wandten religiösen Mosaikkunst, i n Monreale, i n Vene­
dig u n d anderswo braucht der Künstler nicht nur einen
tiefen Glauben u n d Glaubensvorbereitung, sondern
auch die künstlerischen Mittel dazu. F o r m u n d Inhalt
sind dann eins.

Siena/Florenz/Venedig

Es gab mindestens drei g r o ß e Schulen der altitalieni­


schen Kunst der Gotik u n d Renaissance, die v o n Siena,
Florenz u n d Venedig. Jede dieser Schulen zeigt, beide
Tendenzen, die humanistische u n d die christliche. Be­
ginnen w i r dort, w o es angefangen hat, i n Siena, die
Stadt der b e r ü h m t e n Katharina. Es ist eine zutiefst christ­
lich g e p r ä g t e Stadt. Ihr Kunstmuseum birgt eine Fülle
v o n religiösen Meisterwerken v o n Duccio, U g o l i n o ,
Simone M a r t i n i , den L o r e n z e t t i - B r ü d e r n u n d L i p p o
M e m m i . Es war fast leer, als ich es vor Jahren besuchte,
aber zweitrangige Florentiner Sammlungen w i e die i m
Palazzo Pitti waren ü b e r v o l l - warum? Weil Florenz,
trotz g r o ß e r christlicher Maler w i e Giotto, Massacio, Fra
Angelico, eine tiefe humanistische P r ä g u n g behält, u n d
zwar findet sich diese P r ä g u n g auch i n den Werken fast
aller dieser »christlichen Maler«. Z u r ü c k z u Siena. U g o -
linos Kreuzigung u n d seine Darstellung der trauernden
M a r i a enthalten tiefes, schmerzhaftes, subtiles u n d i n ­
neres Nachempfinden des Passionsgeschehens, aber lei­
der steht er wie Duccio i m Schatten der Florentiner M e i ­
ster. Wer geht schon nach Venedig, u m die Werke G i o -

64
vanni Bellinis z u sehen? E r steht immer i m Schatten sei­
nes g r o ß e n Schülers Tizian, oder des »romantischen«
Giorgione, oder des äußerlich dramatischen Tintoretto.
Aber Giovanni Bellinis Kunst enthält die tiefste Verkün­
digung verbunden mit einer großartigen Beherrschung
seiner malerischen Fähigkeiten. D ü r e r hat diesen großen
Meister kennengelernt als Bellini schon sehr alt war, aber
er fand i h n immer noch unübertroffen. Bellinis frühere
Kunst bis z u r Mitte der 70er Jahre des 15. Jahrhunderts
war sehr christlich geprägt, aber eher pathetisch: äußer­
liche Darstellung v o n Jesu L e i d e n u n d der Heilsge­
schichte. D a n n fing Bellini an, i n zweifacher Weise tiefer
z u werden: 1. Begann er i n die Stille des Gebets einzu­
dringen i n seinen u n v e r g e ß l i c h e n Darstellungen v o n
Jesus u n d seiner Mutter.
D a r ü b e r hinaus entwickelte er 2. einen so feinen, poe­
tischen Sinn für Farbe, für Landschaft, für die Einheit
v o n Person u n d Umgebung. Bellini war der erste wirk­
liche Hochrenaissancemaler, wie manche Kunsthistori­
ker sagen, mit seiner u n ü b e r t r o f f e n e n Einheit v o n
Mensch u n d Landschaft, seiner tiefen Poesie, seinen
leuchtenden Farben, die z u d e m klassische Klarheit aus­
strahlen; aber Bellini war u n d blieb zutiefst ein religiöser
Maler, der i n immer neuer A r t das Heilsgeschehen i n
Christus darstellte. In einer seiner tiefsten Darstellungen
v o n Jesus auf dem Schoß seiner Mutter, sieht das Jesus­
k i n d fast aus, als ob es tot w ä r e : geboren u m z u sterben.

Die flämische und die deutsche Schule

Die sogenannte nördliche Renaissance findet ihren A n ­


fang u n d ihre Vollendung i n Jan van Eyck (frühes 15.
Jahrhundert). Die nördliche Renaissance gestaltet ihre
Bilder v o m Detail ausgehend z u m Ganzen hin, u m da-

65
mit eine Einheit z u schaffen. Die italienische Renaissance
tut das Gegenteil. Sie arbeitet v o n einer abstrakt geome­
trischen Kunstvorstellung u n d fügt die Details i n diese
Gesamtauffassung ein. Jan v a n Eycks Meisterwerk i n
Saint-Bavo i n Gent beinhaltet eine tiefe, sehr vielsagen­
de V e r k ü n d i g u n g aus der Offenbarung des Johannes.
A b e r die wichtigsten u n d zentralen christlichen Maler
dieser Epoche sind Rogier v a n der Weyden u n d Hans
M e m l i n g . Ich persönlich schätze Van der Weyden als ei­
nen der g r ö ß t e n christlichen Maler. Die Plastizität seiner
Formen, die lyrische Gestaltung seiner Kompositionen
u n d die A r t u n d Weise, wie die Falten des Kleides die Ge­
fühle der Menschen a u s d r ü c k e n , zeigen die H a n d eines
g r o ß e n Meisters. D a z u ist Rogier v a n der Weyden ein
tiefgläubiger Christ, der sowohl biblisches Geschehen
als auch christliche F r ö m m i g k e i t u n d Symbolik gestaltet.
A m Ende dieses Jahrhunderts steht Gerard D a v i d , der
zur flämischen Kunst wie L i p p o M e m m i zur Kunst i n
Siena steht, er stellt n ä m l i c h ihre letzte Blüte u n d den
A u s g a n g dar. Davids beste Bilder weisen eine g r o ß e E i n ­
heit der Komposition u n d eine Innerlichkeit der Aussage
auf. Pieter Bruegel der Ältere erweist sich, wie sein Vor­
läufer Hieronymus Bosch, als ein großartiger Einzelgän­
ger zwischen der christlichen Renaissance des 15. Jahr­
hunderts u n d der weltlichen Renaissance i m Flandern
des 17. Jahrhunderts (Rubens, v a n D y c k u n d Jordaens).
Bruegel ist ein großartiger Prediger der menschlichen
S c h w ä c h e n u n d U n z u l ä n g l i c h k e i t e n ( Turmbau v o n Ba­
bel, Schlaraffenland). Bruegels V e r k ü n d i g u n g ist zentral
biblisch, indem er n ä m l i c h das Heilsgeschehen fast i m ­
mer a m Rande seiner Bilder darstellt, u m z u zeigen, d a ß
der Mensch letzten Endes mit allem anderen beschäftigt
ist als mit seinem eigenen H e i l .
Die deutsche Schule erreicht ihre erste Blütezeit i n der

66
so lieblichen V e r k ü n d i g u n g Stefan Lochners v o n Köln.
Die ü b e r r a g e n d e Gestalt deutscher religiöser Kunst u n d
einer der g r ö ß t e n religiösen Maler aller Zeiten aber ist
Matthias genannt G r ü n e w a l d . Sein Isenheimer Altar ist
durch eine direkte u n d realistische A u s p r ä g u n g religiö­
ser Gestaltung u n d ein fast überirdisches Verständnis
des Geheimnisses v o n Jesu Auferstehung charakteri­
siert. G r ü n e w a l d s Benutzung der Farben zeigt die H a n d
eines erstklassigen Meisters. Immer wieder neu s p ü r e n
w i r die N ä h e u n d Echtheit des religiösen Geschehens.
Lukas Cranach der Ältere, Luthers Freund u n d Maler,
ist mit Altdorf er G r ü n d e r der sogenannten Donauschule,
der ersten Landschaftsschule der Malerei. Cranachs un-
bezweif elte Stärke liegt i n der poetischen, schimmernden
Gestaltung des deutschen Waldes u n d der Freiheit, mit
der er Farben, besonders von Haaren, malt. Cranach m u ß ,
anders als Bellini u n d Raphael, u m die Einheit seiner Dar­
stellungen k ä m p f e n . Das gelingt i h m am besten i n der
Zeit v o n Luthers g r o ß e n reformatorischen Schriften
w ä h r e n d der 20er Jahre des 16. Jahrhunderts.
Albrecht D ü r e r ist mit Recht b e r ü h m t , erstens, w e i l er
sich die vollendete Darstellungskunst der italienischen
Renaissance z u eigen gemacht hat; vor allem i n seinen
b e r ü h m t e n 4 Aposteln. Zweitens war D ü r e r mit Rem­
brandt der größte graphische Künstler; beide waren z u ­
tiefst reformatorisch geprägt. Drittens ist D ü r e r einer der
g r ö ß t e n Porträtmaler. Viertens ist D ü r e r wie der strenge
Poussin ein Meister der Wasserfarben, u n d zwar i n nicht
so strenger, sondern poetischer Gestaltung.

Die holländische Schule des 17. Jahrhunderts

Das 17. Jahrhundert ist i n H o l l a n d eine wahre Quelle


großer M a l e r i n fast jeder Gattung. Franz Hals, der erste

67
dieser g r o ß e n Maler, zeigt einen so spontanen u n d erfri­
schenden Pinselstrich, d a ß seine Methode sogar die er­
sten modernen M a l e r i n A m e r i k a i m 20. Jahrhundert
beeinflußt hat. Rembrandt ist sicherlich nicht nur der
zentrale Maler dieser Zeit, sondern viele w ü r d e n sagen,
der wichtigste christliche M a l e r aller Zeiten. M i t seiner
Hell-dunkel-Methode weist er auf die Dunkelheit der
menschlichen S ü n d e hin u n d das helle Licht Jesu, das
diese Dunkelheit erleuchtet. Rembrandt ist der größte
psychologische M a l e r i n seiner Darstellung biblischer
Szenen. Seine reifen Werke bezeugen wie die Kunst G r ü ­
newalds die Geheimnisse v o n Gottes Wegen. A l l e seine
Darstellungen, auch nicht a u s d r ü c k l i c h religiöse, haben
eine tiefe religiöse Aussage. Seine b e r ü h m t e n Selbstbild­
nisse bezeugen sehr selten eine V e r s c h ö n e r u n g seines
Gesichts, sondern sie offenbaren seine innerliche, geist­
liche Welt u n d entblößen zugleich sein eigenes Ausse­
hen. Das Licht, welches hier immer durchschimmert,
w i l l die Gnade Gottes an i h m als verlorenen Menschen
bezeichnen.
Es gibt nicht nur bei Rembrandt religiöse Kunst, die
keine religiösen Szenen darstellt. Ich denke hier auch an
Pieter de H o o c h u n d an Jakob v a n Ruisdael. De H o o c h
malte mit dem g r o ß e n Jan Vermeer z u r gleichen Zeit i n
Delft. Ihre Darstellungen zeigen oft eine Frau i n ihrem
Zimmer. Bei Vermeer, d e m g r o ß e n psychologischen
weltlichen Maler sieht man das Gesicht dieser Frau fast
nie frontal, sondern ein k ü h l e s Licht beleuchtet die Ge­
g e n s t ä n d e ihre Z i m m e r s i n einem abgeschlossenen
Raum. H i e r ist Porträtmalerei auf ihrem h ö c h s t e n u n d
subtilsten N i v e a u . Denn durch die Darstellung der Ge­
g e n s t ä n d e ihres Zimmers zeigt uns Vermeer die innere
Welt u n d damit das wahre Gesicht dieser Frau. Peter de
Hooch, ein gleichwertiger Meister i n seinen besten Wer-

68
ken, behandelt die gleiche Szene aus einer total anderen
Perspektive:
R a u m ist bei i h m fast immer unbegrenzt, u n d das
Licht sättigt i n einer geheimnisvollen A r t die ganze Sze­
ne. D a z u atmen seine besten Bilder eine tiefe, innere Stil­
le, u n d zwar die Stille, welche w i r Christen i m Gebet
erfahren. De Hoochs Religiosität zeigt sich auch i n dem
unendlichen R a u m w i e das G o l d i n früher christlicher
Kunst als H i n w e n d u n g z u Gottes unendlichem Reich
u n d durch das Licht, welches wie bei Rembrandt i n be-
z u g z u » d e m Licht« der Welt z u sehen ist. Jakob van
Ruisdael, sicherlich einer der größten Landschaftsmaler,
bringt eine tiefe u n d dunkle Stimmung i n seine Bilder.
Wer seine Kunst gut kennt, bemerkt fast immer an der
Seite einen a b g e s ä g t e n Baum, fast stellvertretend für sei­
ne Unterschrift. Ich denke sofort an die großartige Ver­
k ü n d i g u n g unseres Todespsalms 39: »Herr, lehre mich
bedenken, d a ß ich sterben m u ß , auf d a ß ich klug werde«.
Im Zusammenhang mit den Errungenschaften der
holländischen Kunst des 17. Jahrhunderts u n d ihrer tie­
fen religiösen Aussage wollen w i r hier Frankreichs größ­
ten religiösen Maler, George de la Tour, nennen. Erst 1913
w u r d e n die Werke dieses französischen pietistischen
Bauernmalers wiederentdeckt. E r ist ein Zeitgenosse
Rembrandts. Diese g r o ß e Kunst des 17. Jahrhunderts, ob
weltlich oder christlich, speist sich letzten Endes aus der
gleichen Quelle, n ä m l i c h aus Caravaggio, dem G r ü n d e r
einer realistischen Kunst u m 1600. Niemals i n der Ge­
schichte der Kunst hat jemand so nah, so realistisch u n d
so treffend das biblische Geschehen dargestellt wie C a -
ravaggios. Bei seinem »Zweifelnden T h o m a s « kann man
Jesu Leib fast mitfühlen. Caravaggios » L i c h t / D u n k e l « -
Kontraste finden aber i n de la Tours Kunst vollständig
andere christliche Aussagen. Seine reifen Bilder sind fast

69
immer g e p r ä g t v o n Gebetsstimmung, v o n Licht u n d
Dunkel wie bei Rembrandt. A b e r durch ein Licht, das
meistens überschattet w i r d v o n einer H a n d (hier ist ein
weiterer Hinweis auf die stille, verhaltene Welt des Ge­
bets) oder dieses Licht kommt wie manchmal i n der re­
ligiösen Kunst des 17. Jahrhunderts direkt aus Jesus
selbst, als d e m Licht der Welt.

Gauguin, van Gogh, Klee und Chagall: religiöse Erneuerung


und religiöser Ausklang

Van Gogh, der gescheiterte Prediger u n d tief gesinnte


Christ malte das Thema des S ä m a n n s - das grundlegen­
de Gleichnis Jesu - mehr als jeder andere Maler. Dieses
Gleichnis zeigt Gottes W i r k u n g i n der Gemeinde, aber
auch die verschiedenartige A b l e h n u n g durch die mei­
sten Menschen. Van Goghs Bilder bezeugen die g l ü h e n ­
de Schöpferkraft des H e r r n , v o n dem sternenerfüllten
Kosmos bis z u den b l ü h e n d e n Feldern dieser Erde. G a u -
guins Kunst bezeugt eine tiefe Innigkeit u n d damit die
H a n d eines g r o ß e n religiösen Malers, auch w e n n er i m
s t ä n d i g e n Aufstand gegen die katholische Kirche seiner
Zeit war. G a u g u i n suchte i n seiner künstlerischen u n d
letzten Endes unbiblischen A r t ein Paradies jenseits der
Zivilisation, auf entfernten, v o n u r s p r ü n g l i c h e n M e n ­
schen bevölkerten Inseln. A u c h i n seiner frühen bretoni­
schen Phase fühlte sich G a u g u i n zutiefst hingezogen z u
der F r ö m m i g k e i t der einfachen Bauersfrauen. Z w e i
großartige religiöse Darstellungen stammen aus dieser
Zeit: Jakobs K a m p f mit dem Engel u n d das gelbe Kreuz.
Gauguins G r ö ß e aber beginnt w i r k l i c h mit seinem ersten
Inselaufenthalt auf Martinique. In den Landschaften, die
er i n dieser Arbeit malte, s p ü r e n w i r das tiefe Geheimnis
v o n Gottes Gegenwart. D i e Gegenwart des Schöpfer-

70
herrn i n den tropischen U r w ä l d e r n . Gauguin bezeugt:
Ich w i l l nicht nur das, was Gott geschaffen hat malen,
sondern mich selbst i n das Geheimnis des Schöpfungs­
prozesses hineinmalen. D i e letzten Bilder dieses einma­
ligen, modernen Meisters seit 1895, sind trotz seines to­
tal verkehrten Lebensstils Beweise einer unvergleichlich
tiefen Einfühlung i n die Stille des Geheimnises der Welt
Gottes. Unter den modernen M a l e r n hat vielleicht nur
Caspar D a v i d Friedrich, ein b e w u ß t e r lutherisch-christ­
licher Maler, diese Tiefe erreicht.

P a u l Klee ist für meinen Geschmack der größte, tiefste


u n d originalste Maler unseres Jahrhunderts. Klees Schaf­
fen zeigt 1. eine einmalige kindliche Fähigkeit, sich i n die
mitgefühlte und erlebte Welt der Kinder hineinzuver­
setzen u n d diese z u vermitteln. 2. D a z u weist Klees
künstlerisches Schaffen eine sehr große Spanne auf, die
auch tiefen H u m o r einschließt.

3. Klee bezeugt, auch wenn er kein bekennender Christ


war, s t ä n d i g i n seinen Schriften, u n d letzten Endes indi­
rekt in seinen G e m ä l d e n , d a ß seine Kunst nicht v o n i h m
allein stammt, sondern v o n Gott inspiriert ist.

Marc Chagall, v o n jüdisch-chassidischer Herkunft, ist


sicherlich der zentrale biblische Maler unseres Jahrhun­
derts - aber damit ist nicht viel gesagt. Chagalls Größe
sind seine leuchtende Farbgestaltung u n d seine oft über­
raschende Darstellungsweise. So malte er einmal wie
A d a m aus der Rippe Evas gestaltet w i r d , eine U m k e h ­
rung der biblischen Aussage. Vielleicht, u m die Macht
dieses » s t ä r k e r e n Geschlechts« z u betonen. Chagall
bringt ein fast christliches Zeugnis i n seiner Darstellung
des Schilfmeer-Wunders, indem Jesus, der gekreuzigte,

71
Israel mit durch das Meer zur Befreiung zieht u n d i n sei­
ner w e i ß e n K r e u z i g u n g 1938, i n d e m der gekreuzigte
Jesus als »Judenkönig« seine s c h ü t z e n d e n H ä n d e ü b e r
ein i n Flammen stehendes jüdisches Dorf hält. Aber trotz
seines christologischen Tiefgangs u n d seines Mitgefühls
für alttestamentarische Gestalten wie Jeremía bleibt Cha­
galls Kunst für mich z u stark i m Sinnlichen verhaftet, u m
die tiefsten Dimensionen des biblisch religiösen Gesche­
hens z u durchleuchten. Vielleicht ist i n diesem Sinne
mein (jetzt toter Freund) Mordecai A r d o n als tiefsinniger
jüdischer Maler noch bedeutender.

72
VI. Lyrik - die innere Stimme

Meine Schwester Lois erweckte mein Interesse an Lyrik.


Eines Tages, als ich immer noch Baseballamerikaner war,
forderte sie mich auf: »David, versuche deiner Phantasie
freien Lauf z u lassen«. Ich schloß meine A u g e n u n d ir­
gendein sehr bekanntes u n d traditionelles Bild k a m mir
i n den Sinn, wie etwa eine s c h ö n e Frau i n einem Schloß
u n d ein Ritter, der ihr z u Hilfe kommt. Meine Schwester
sah sehr traurig aus, u n d sie meinte: »Ach dieser Base­
ballamerikaner, nichts Wesentliches taucht i n i h m auf.«
Aber mit meiner Bar M i z w a mit 13 fing alles mögliche an
i n m i r aufzutauchen. Ich h ö r t e klassische M u s i k , las, so
gut ich konnte, russische Romane u n d fing an, Schritt für
Schritt, z u schreiben. Zuerst kamen Bilder, u n d zwar
nicht abgegriffene, sondern persönliche, individuelle.
Ich sammelte solche poetischen Bilder. U n d dann, mit
der Zeit kamen Ideen dazu, u n d mit 16 fing ich an, Lyrik
z u schreiben, d. h. Gedichte, i n denen Gedanken u n d Bil­
der (auch M u s i k ) z u s a m m e n p a ß t e n . M e i n erster Einfluß
k a m v o n meiner Schwester u n d indirekt ihren Lieb­
lingsdichtern - i n diesem Sinne spielt K h a l i l Gibran eine
bedeutungsvolle Rolle. Sein Buch »Der Prophet« erin­
nert i n seinen Bildern, i n seinen Aussagen, i n seiner Sug-
gestivität manchmal fast an biblische Texte. Aber mit 16
k a m die Wende für mich. Ich hörte Wallace Stevens i m
Y M H A i n N e w York lesen, u n d seine besten Gedichte,
wie 13 Ways of Looking at a Blackbird, The Idea of Order at
Key West, 2 Letters (Poems Posthumous), Peter Quince at the
Clavier, sagten, oder schienen z u sagen, was ich sagen
wollte; diese Gedichte öffneten ganze Welten i n mir. Ste­
vens, hat i n seinen besten Gedichten eine wunderbare

73
originale Bildersprache, eine innere u n d bewegte M u s i ­
kalität. A u ß e r d e m hatte dieser Dichter einen erstklassi­
gen Kopf. K u r z nach dieser Lesung schickte ich i h m ei­
nige meiner Gedichte, u n d was er zurückschrieb, blieb
zentral für mich, für mein ganzes Leben. Der Brief ist lei­
der verloren gegangen, aber der Inhalt war: »... ich k ö n n ­
te Ihnen Komplimente geben, aber wichtiger ist: Sie soll­
ten lernen, ihr eigener härtester Kritiker z u w e r d e n . «
Sehr viele meiner Gedichte habe ich weggeworfen, u n d
andere habe ich auf ihren wesentlichen K e r n reduziert.
Das zentrale M e r k m a l meiner L y r i k ist sicherlich K o m ­
primiertheit; ich m ö c h t e möglichst alles auf das Wesent­
liche reduzieren. W ä h r e n d ich mich formal am klassi­
schen Ideal orientierte, w a r der Inhalt meiner L y r i k
immer geheimnisvoll. Ich schrieb nicht ü b e r etwas, son­
dern Seinsgedichte, innere Epiphanien, w i e Yeats solche
Gedichte nannte.
M e i n e L y r i k durchlief verschiedene Phasen, auch
w e n n die Komprimiertheit, der Versuch, B i l d , M u s i k
u n d Gedanken einheitlich a u s z u d r ü c k e n , i m m e r das
Zentrum blieb. V o n meinen ersten Gedichten bis 1958,
bis z u meinem 21. Lebensjahr, blieb nur eine Gruppe v o n
Gedichten, mit denen ich an der Universität Michigan ei­
nen H o p w o o d Preis gewonnen hatte. Wenige v o n diesen
Gedichten habe ich s p ä t e r i n meinen Büchern veröffent­
licht, aber Teile v o n verschiedenen i n neuen Z u s a m ­
m e n h ä n g e n . Diese Gedichte erstrebten Einfachheit, Klar­
heit i n einer dunklen Zeit i n meinem Leben. Bei mir, u n d
ich glaube bei vielen K ü n s t l e r n , strebt die Kunst i n die
entgegengesetzte Richtung v o n ihren derzeitigen Erleb­
nissen. So suchte ich i n der dunklen, schweren Zeit mei­
nes Lebens Klarheit, Reinheit a u s z u d r ü c k e n , u n d i n den
s c h ö n s t e n Jahren, i n meiner jungen u n d glücklichen Ehe,
schrieb ich dunkle, expressionistische Gedichte, die Ge-

74
fühle vor allem dieser dunklen Jahre a u s d r ü c k t e n . M e i n
erstes Buch »Conf ormed to Stone« u n d mein drittes Buch
»In The Glass of Winter« bezeugen diese dunkle expres­
sionistische Phase i n einer Zeit, als ich u . a. N e l l y Sachs
u n d Paul Celan las. Sicherlich spielt i n meinem Bewußt­
sein als Jude das Dritte Reich auch eine gewisse Rolle.
Meine reifen Gedichte habe ich 1966 angefangen z u
schreiben, nachdem meine Doktorarbeit u n d Doktor­
p r ü f u n g vorbei waren, u n d diese zentrale Phase i n mei­
ner Lyrik, i n der die meisten meiner Bücher entstanden,
dauerte bis ca. 1980. D a n n h ö r t e ich fast ein Jahrzehnt
lang auf, Lyrik z u schreiben. Meine Gemeinde, meine
theologischen Bücher waren i n dieser Zeitspanne i m
Zentrum meiner Tätigkeit. Allerdings war diese Pause
verhängnisvoll für die Rezeption meiner Lyrik. Bis 1980
war ich i n England u n d A m e r i k a als Lyriker ziemlich be­
kannt. Aber meine z w e i Verlage h ö r t e n i n dieser Zeit auf,
u n d als ich 1989/90 nochmals anfing, Lyrik z u schreiben,
hatte ich mit wenigen Ausnahmen weder Verlage noch
Zeitschriften zur Verfügung. A u ß e r einer kleinen Zeit­
schrift, die meiner Lyrik eine N u m m e r widmete, gibt es
bis jetzt k a u m M ö g l i c h k e i t e n , meine Gedichte z u
drucken. Ich hoffe, d a ß sich mit der Zeit i n dieser Rich­
tung etwas Neues ergeben w i r d , denn Lyrik war u n d ist
das Zentrum meiner schöpferischen Tätigkeit. Ich hoffe
u n d glaube auch, d a ß meine poetische Begabung genug
zur Geltung kommt i n meinen deutschen Gebeten.

Der poetische Prozeß

Ich werde oft gefragt: Wie schreiben sie eigentlich? Wie


kommt das Gedicht zustande? Ich spreche hier natürlich
nur für mich selbst, denn jeder wahre Dichter wie jeder
Mensch ist anders. Es beginnt immer mit einer Intensität

75
des Bewußtseins. Ich fange an, die Dinge u m mich her
genauer, tiefer z u bemerken. Alles was ich dann sehe,
w i r d z u m Gleichnis. E i n Beispiel: Ich sah i m Spätherbst
am Fenster Beeren v o n 2 Farben, rot u n d w e i ß , u n d so­
fort k a m der Gedanke an Kreuzesblut (rot), welches z u m
gereinigten K l e i d (weiß) i n seinem Reich führen w i r d .
Meine Gedichte haben wie die Bilder v o n Vermeer u n d
de H o o c h sehr viel mit den G e g e n s t ä n d e n i n meinem
Z i m m e r z u tun, oder besser gesagt, mit der Stille, welche
diese G e g e n s t ä n d e u m h ü l l t . Zentrale Begriffe, die i n der
L y r i k durch die Jahrhunderte benutzt werden, k o m m e n
auch i n meiner Lyrik vor, aber i n total anderen Z u s a m ­
m e n h ä n g e n . Meine Lyrik ist wie meine ganze Person i n
allem, was ich tue u n d denke, ein K a m p f gegen das K l i ­
schee, gegen die A r t u n d Weise, wie man gelernt hat z u
sehen u n d sich a u s z u d r ü c k e n . E i n Kritiker hat m i c h ei­
nen neuen metaphysischen Dichter genannt. E i n anderer
sah mich als einen originalen Erneuerer der englischen
Sprache. E i n anderer betonte, d a ß meine Lyrik nach ei­
nem inneren, vollkommenen Paradies sucht, aber einer
eigenen Welt, die i n sich selbst geschlossen ist. Meine B i l ­
der, ihre Z u s a m m e n h ä n g e dringen, hoffe ich, i n die ge­
heimnisvolle Welt der Schöpfung ein, w i e G a u g u i n u n d
Klee es i n ihrer Malerei versuchten. Ich b i n nie zufrieden
mit einem Gedicht, bis alles, w i r k l i c h alles reduziert ist
auf das Wesentliche, so d a ß die Pausen zwischen den
W ö r t e r n auch sprechen, wie die Stille zwischen den Tö­
nen i n Joseph H a y d n s langsamen Sätzen. A l l e meine Ge­
dichte spiegeln die geheimnisvolle Gegenwart Gottes,
wie die G e m ä l d e Caspar D a v i d Friedrichs oder die Ge­
dichte meines deutschen Lieblingsdichters Eichendorff.
Weil i c h Lyriker bin, ist das lyrische (wie natürlich auch
das christliche) zentral für m i c h auch i n anderen K ü n ­
sten. G u a r d i u n d Corot g e h ö r e n z u den poetischen M a -

76
lern, u n d die beiden g e h ö r e n z u meinen Lieblings­
malern. M e i n Geschmack i m Roman ist nicht g e p r ä g t
v o n sozialer u n d politischer Relevanz, sondern ebenso
v o m Poetischen, i n diesem Sinne v o n der inneren Bezie­
hung zwischen Menschen u n d ihrer nichtmenschlichen
Umgebung. Turgenjew, Adalbert Stifter, Willa Cather,
Joseph Roth, Thomas Hardy, Herman Melville u n d vor
allem Leo Tolstoi sprechen m i c h i n diesem Sinne beson­
ders an.

77
VIL Menschenkenntnis -
moderne Psychologie - die Bibel

Es war i n den 70er Jahren. Ich war unterwegs i n England,


u m aus meinem neuesten Lyrikband Lesungen z u hal­
ten. A m Ende dieses Abends k a m ein M a n n z u mir, stell­
te sich als Professor der Psychologie an der Universität
Nottingham vor u n d sagte folgendes: »Sie sind Dichter.
Sie verstehen die Menschen besser als w i r Psychologen.
Wie soll ich meine Studenten ausbilden?« Er hatte recht:
Dichter sind immer die besten Menschenkenner gewe­
sen. So stellt E. M . Forster i n seinem bekannten Buch
ü b e r den Roman fest: »Tolstois >Krieg u n d Frieden< ist
ein W ö r t e r b u c h des Lebens.« So ist auch unter Shake­
speare-Kennern bekannt, d a ß jeder Charakter i n Shake­
speares Dramen, so unwichtig er sein mag, eine Persön­
lichkeit ist. Große Dichter haben ü b e r das abnorme Ver­
halten der Menschen auch längst v o r den Psychologen
geforscht. W i r denken hier z.B. an Dostojewski u n d Kaf­
ka. Diese u n d andere haben die Tiefenpsychologen un­
serer Zeit beinflußt. Deshalb antwortete ich diesem Pro­
fessor:
1. U m wahre Menschenkenntnis z u sammeln, sollte
man selbst lernen, andere Menschen z u beobachten.
2. U m diese Fähigkeit z u vertiefen, sollten Studenten
der Psychologie die g r o ß e n Werke der Weltliteratur ken­
nenlernen.
3. D a psychologische Kenntnisse zeitgebunden sind,
sollte man sich mit Geschichte befassen u n d auch mit ge­
schichtlichem Denken.
4. U m z u lernen, d a ß psychologisches Verhalten etwas
anderes ist unter Arbeitern als unter Aristokraten z. B.
sollte man etwas soziologisch geschult werden.

78
5. Eine wahre Quelle psychologischer Kenntnisse ist
die Porträt- u n d Selbstporträt-Malerei.

Sigmund Freud und die moderne Psychologie

N i e m a n d w i r d bezweifeln, d a ß Sigmund Freuds Psy­


choanalyse die einflußreichste Psychologie unseres Jahr­
hunderts war. Freuds Werk w i r d sicherlich dauernde Be­
deutung i n z w e i Bereichen haben:
1. A l s eines der faszinierendsten autobiographischen
Zeugnisse vergleichbar dem v o n A u g u s t i n u n d Rous­
seau. Das ist zugleich die entscheidende Schwäche:
Freuds Ansatz ist sehr begrenzt, weil er seine eigene Per­
son als zentrale Quelle der Erkenntnis z u Grunde legte,
u m andere Menschen besser z u verstehen. Nein, Gott hat
jeden v o n uns anders geschaffen, u n d wahre Psycholo­
gie m u ß v o n dem Ausgangspunkt ausgehen, d a ß jeder
Mensch anders ist als ich.
2. Freuds Werk w i r d immer für Historiker u n d Sozio­
logen eine wahre Quelle für das Verhalten der jüdischen
Mittel- u n d Oberschicht i m untergehenden österreichi­
schen Kaiserreich sein. D e n n Freuds Patienten waren
vor allem Juden aus dieser Schicht, u n d zwar i n einer ex­
trem dekadenten u n d untergehenden Gesellschaft, die
sich i m dichterischen Werk v o n Schnitzler, Hoffmanns-
thal u n d Joseph Roth spiegelt.
Freud hat weder die Sexualität u n d ihre Bedeutung
entdeckt noch das U n t e r b e w u ß t s e i n , noch die L i b i d o
(siehe Bergsons élan vital) oder das bereits talmudische
Verständnis, d a ß geistliche u n d fleischliche Potenz u n d
Versuchungen eng miteinander z u s a m m e n h ä n g e n . Aber
Freuds System spiegelt erstens das typische Verhalten
seiner Zeit, welches w i r Positivismus nennen; nämlich
wie bei K a r l M a r x die These, d a ß das menschliche Ver-

79
halten wie die Naturwissenschaft strengen Gesetzen un­
terworfen ist. W i r wissen aber jetzt, durch das Werk v o n
Werner Heisenberg u.a., d a ß sogar naturwissenschaftli­
che Beobachtungsweisen nicht völlig objektiv sind. Jeder
Psychologe ist selbst ein sehr begrenztes u n d subjektives
Produkt seiner Zeit, seiner Erziehung u n d vor allem sei­
ner Vererbung. Unsere Sicht v o n anderen w i r d deswe­
gen immer subjektiv sein. U n d das wissen w i r Histori­
ker zumindest seit der Zeit v o n Croce u n d Dilthey.
Zweitens hat Freud i n gewisser Weise das umfas­
sendste totalitäre System des 20. Jahrhunderts ent­
wickelt. Denn sein fast göttlicher Therapeut hat absolu­
te Vollmacht ü b e r seine Patienten, sogar bis i n ihre Träu­
me u n d Sprachfehler hinein. Die Versuchung der Macht
ist hier nicht v o n der H a n d z u weisen. Die Psychologie
Adlers u n d vor allem Viktor Frankls erscheint m i r posi­
tiver, w e i l A d l e r auf soziale Relevanz wertlegt u n d
Frankl die Sinnfrage i n den Mittelpunkt stellt.
Gute Psychologie sollte folgendes enthalten:
1. E i n Wissen, d a ß jeder Mensch, jede Zeit, jede Klas­
se u n d sogar jedes Volk eine andere Psychologie hat. Das
bedeutet, d a ß es keine allgemein menschliche N a t u r gibt
oder geben kann.
2. In dieser Bescheidenheit sollte man versuchen, nicht
W u n d e n der Vergangenheit aufzureißen, welche viel­
leicht nicht z u schließen sind. Freud selbst war - i n der
Nachuntersuchung seiner »erfolgreichen Therapie«
(1937) erschrocken, als er feststellen m u ß t e , d a ß viele sei­
ner Patienten i n Nervenanstalten waren. Seine Schluß­
folgerung war: Ich habe es u n m ö g l i c h gemacht, für die­
se Patienten neurotisch z u bleiben u n d sie waren leider
unfähig, normal z u werden. In diesem Sinne sind Adlers
u n d Frankls Ansatz viel besser, positiv, g e g e n w ä r t i g u n d
zukunftsbezogen.

80
3. Eine gute Psychologie sollte gegenwarts- u n d z u -
kunftsbezogen u n d sehr praktisch orientiert sein. Die
positiven Eigenschaften des Patienten sollten s t ä n d i g
gefördert werden. So rief mich z.B. ein Glaubensbruder
an u n d sagte: »Herr Pfarrer, ich merke, d a ß ich manch­
m a l z u v i e l trinke«. E i n Alarmzeichen, das ernst ge­
nommen werden m u ß . E i n Aspekt der Hilfe k ö n n t e die
Frage sein: »Was tun Sie i n Ihrer Gemeinde i m Sinne
Jesu? Wie k ö n n e n Sie anderen mehr helfen?« Es ist eine
uralte menschliche Weisheit, d a ß , w e n n w i r mit den
Problemen anderer konfrontiert werden u n d helfen,
d a ß dann unsere eigenen Probleme mehr u n d mehr i n
den Hintergrund treten. D a z u ist es eine uralte christli­
che Erkenntnis, d a ß es drei Machtbereiche i n dieser Welt
gibt:
a) A m niedrigsten stehen wir.
b) Ü b e r uns u n d i n uns sind die stärkeren satanischen
Kräfte des Bösen.
c) Aber ü b e r diesen M ä c h t e n herrscht der allmächtige
Gott.
Deswegen wollen w i r lernen v o n solch klassischen
Werken w i e Kleists »Michael Kohlhaas« u n d Melvilles
»Moby Dick«, d a ß , wer frontal gegen das Böse kämpft,
der w i r d selbst v o m Bösen vereinnahmt werden. N e i n ,
w i r m ü s s e n auf Christus bauen i m Gebet, durch sein
Wort, durch Buße, i n Liebeswerken; nur dann w i r d das
Böse ü b e r w u n d e n .
4. Wahre Psychologie g r ü n d e t sich nicht nur auf eine
Objektivität, die letzten Endes unerreichbar ist; w i r
k ö n n e n anderen nur helfen, w e n n w i r uns für diese
Menschen m i t f ü h l e n d engagieren. M a n kann das mit
Begriffen w i e Empathie u n d E i n f ü h l u n g s v e r m ö g e n be­
schreiben. Ich kenne Menschen, denen sogar durch
falsche psychologische A n s ä t z e geholfen worden ist,

81
w e i l ihr Therapeut w i r k l i c h mitfühlend u n d engagiert
für diese Person war.

Die Bibel und Psychotherapie

1. Das Z i e l jeder christlichen Psychologie sollte sein, d a ß


w i r immer mehr v o n Christus u n d seinem Wort a b h ä n ­
gig werden u n d immer weniger v o n unseren Psycho­
therapeuten.
2. Der Ansatz jeder christlichen Psychologie m u ß
heißen: »Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich ha­
be dich bei deinem N a m e n gerufen, d u bist mein«. Das
bedeutet, d a ß Jesus eine tiefe u n d persönliche Beziehung
z u jedem v o n uns haben w i l l . Jeder Mensch ist anders,
nicht i n psychologischen Kategorien abzustempeln, u n d
wie die Bibel uns lehrt, kann nur Gott allein i n unser
H e r z , unser Wesen sehen. Sogar der Prophet Samuel
konnte das nicht u n d ein Prophet ist sicherlich mehr, i n
diesem Sinne, als ein Psychotherapeut.
3. D i e Bibel soll unsere wichtigste, aber nicht aus­
schließliche Quelle für menschliches Verhalten sein.
Denn es war sicherlich nicht die Zielsetzung der Bibel, je­
den möglichen Menschen u n d jedes Verhalten darzu­
stellen. Vor allem, w e n n w i r wissen, d a ß menschliches
Verhalten sich mit der Zeit g e ä n d e r t hat, auch mit neuen
Macht- u n d Gesellschaftskonstellationen u n d d a ß jeder
in sich eine einmalige Persönlichkeit ist. Die Bibel aber
lehrt uns, d a ß Menschen neu werden k ö n n e n durch un­
seren H e r r n u n d Erlöser Jesus Christus, u n d das bedeu­
tet, alle Menschen aller Zeiten. U n d deswegen soll ein
guter christlicher Therapeut s t ä n d i g selbst für seine Pa­
tienten beten, die Patienten selbst z u m beten führen u n d
i n diesem Sinne begleiten.

82
VIII. Zeit, Vergänglichkeit, Ewigkeit

Die zentrale Dimension unseres menschlichen Lebens


ist die Zeit. Die Zeit bleibt nie stehen. M a n kann stille
stehen, aber da s p ü r t man den W i n d , die Wolken gehen
weiter. M a n kann seinen eigenen A t e m anhalten, aber
unser H e r z bewegt sich weiter. Leben ist Bewegung. Be­
wegung ist Zeit. U n d ein Grundproblem der Menschen
war immer, d a ß w i r glaubten, d a ß w i r die Zeit ausko­
sten k ö n n t e n . Aber das geht nicht. Die Zeit bewegt uns.
W i r werden immer älter. W i r k ö n n e n die Zeit nicht
z u r ü c k d r e h e n . U n d so leben w i r Menschen fast immer
mit der Sehnsucht nach einer anderen Zeit. Junge Leu­
te wollen immer älter werden u n d so gesehen werden.
Inmitten des Lebens i n unserer Ehe u n d Arbeit verfügt
die Zeit s t ä n d i g ü b e r uns, oft ohne d a ß w i r die Zeit da­
z u haben, das ü b e r h a u p t wahrzunehmen. Die meisten
älteren Menschen haben Sehnsucht nach ihren jüngeren
Jahren, wollen j ü n g e r sein. Aber was bedeutet diese Zeit
letzten Endes? Sie bedeutet Vergänglichkeit u n d Tod.
Diese Erkenntnis ist der Mittelpunkt meiner eigenen
Wahrnehmung. Das Zentrum meiner Berufe u n d Beru­
fung hat letzten Endes mit diesem Thema z u tun. Es ist
eine wohlbekannte Tatsache, d a ß ein zentrales Thema
der englischen Lyrik der Friedhof ist. Ja, w i r Dichter sind
uns zutiefst der Vergänglichkeit der Zeit b e w u ß t u n d i h ­
rer Zielsetzung für uns: Tod. Große Kunst jeder A r t be­
inhaltet eine Erkenntnis der Vergänglichkeit. Die Zeit
kommt u n d vergeht. Unsere Zeit kommt u n d vergeht.
U n d so erlebe ich z.B. jedes Jahr, wenn ich nach A m e r i ­
ka gehe, u m meine Eltern z u besuchen, den Ort, i n dem
ich meine Kindheit verbrachte, das Elternhaus, aber al-

83
le meine Freunde sind weggezogen. Die s c h ö n e n H ä u ­
ser sind die gleichen. Die B ä u m e auch, aber wesentlich
höher.
Aber dieser altbekannte Ort, dieser Ort meiner K i n d ­
heitserinnerungen, die so wichtig sind für unsere Wahr­
nehmung, für unsere innere Empfindung, ist m i r fremd
geworden. Die Menschen sind weggezogen. Diese Zeit
ist e n d g ü l t i g vorbei. U n d so ist der wahre Stoff unserer
Untersuchungen als Historiker nichts anderes als die
Vergänglichkeit, das, was war u n d was nicht mehr ist:
Menschen, Zeiten, Völker. U n d als Pfarrer ist die Ver­
gänglichkeit Mittelpunkt unserer Tätigkeit. W i r taufen,
w i r trauen, w i r beerdigen. W i r sind a m Puls des Lebens,
aber damit am Puls der Vergänglichkeit. U n d der Tod ist
letzten Endes der g r ö ß t e Verkündiger. »Herr lehre mich
bedenken, d a ß ich sterben m u ß , auf d a ß ich k l u g werde.«
Durch den Tod geliebter Menschen kommen mehr M e n ­
schen z u m Glauben an den lebendigen Gott Israels Jesus
Christus, als durch die Erkenntnis des Geheimnisses des
Lebens oder des Geheimnisses der Liebe, welche auch
beide Jesus Christus heißen.

Christliches Verständnis der Zeit

Ich habe einmal eine gute Beerdigung erlebt, i n dem der


Pfarrer sehr klar u n d deutlich v e r k ü n d i g t hat: Laßt uns
nicht gleich z u r Auferstehung ü b e r g e h e n , sondern uns
mit der Realität des Sterbens u n d des Todes auseinan­
dersetzen. Warum redet er so? Weil jeder Mensch, auch
jeder Christ, ob er das w e i ß oder nicht, sehr an diesem
Leben, an dieser unserer Welt h ä n g t . Ich m u ß offen u n d
ehrlich sagen, d a ß das Thema » A u f e r s t e h u n g z u m ewi­
gen Leben« für meinen Weg z u Jesus Christus ü b e r h a u p t
keine Bedeutung hatte. Ich fand i n Jesus die Wahrheit,

84
die Liebe, die Gerechtigkeit, den Sinn u n d das Z i e l jüdi­
schen Leidens.
Ja, ich merke nun: Jaffin, mehr als die Hälfte deines Le­
bens ist vorbei u n d i n so einer verwirrten Welt u n d auch
durch die Erkenntnis meiner eigenen Unzulänglichkeit
u n d trotz meiner sehr guten Ehe u n d meiner so aktiven
Berufung i m H e r r n erlebe ich manchmal Sehnsucht nach
einer besseren Zeit, einer besseren u n d gerechten Welt.
Damit lernen w i r Christen, nicht z u r ü c k z u s c h a u e n , son­
dern v o r w ä r t s z u blicken, z u Christus unserem gekreu­
zigten, e r l ö s e n d e n u n d auferstandenen H e r r n u n d z u
seinem Reich.
Ich stelle mir jetzt die Zeit meines Sterbens vor. Ich
m u ß schweigen u n d für einen Jaffin ist das das Schwie­
rigste, denn ich habe dem H e r r n nichts vorzubringen.
Keine Werke, kein Verdienst. Alles, was gut i n m i r war
u n d ist, kommt v o n i h m u n d das Schlechte, das ist der
verlorene Mensch, der A d a m , der Jakob i n m i r selbst.
U n d so heiße ich, D a v i d (der Liebling), Jakob (der Be­
trüger), denn ich lebe wie jeder mit Selbstbetrug, indem
ich immer wieder versuche, meinen Willen durchzuset­
zen, meine Wege z u gestalten. Aber z u Jakob gehört Is­
rael: »Ich lasse dich nicht, d u segnest mich d e n n « . U n d
ich bete, d a ß der H e r r m i r die Kraft geben w i r d , immer
wieder neu stille z u i h m z u werden i m Gebet, durch sein
Wort, es führt mich z u der Stille Gottes, z u seiner Zeitlo-
sigkeit u n d w i r d m i r die Kraft geben, m i r sein Reich, die
Zukunft, die zeitlose Zukunft als mein Z i e l immer wie­
der neu vor A u g e n z u halten.

85
IX. Nachwort

Zentrum meines Glaubens sind die reformatorischen


G r u n d s ä t z e von M a r t i n Luther formuliert:

»Allein Jesus Christus,


allein die Heilige Schrift,
allein aus Gnade durch Glauben.«

Aber wie Sie i n diesem Buch s p ü r e n , ist mein jüdischer


lutherischer Pietismus genauso schwierig i n eine Kate­
gorie z u bringen, wie diese fast einmalige Konfession.
Ich b i n ein fröhlicher Mensch, wegen meines Glaubens,
der mir Geborgenheit, F ü h r u n g u n d Weg i n die Zukunft
öffnet, u n d vor allem durch die S ü n d e n v e r g e b u n g . Ich
lebe aus Buße u n d deswegen aus Freude, weil ich weiß,
d a ß ich die ganze Last meiner S ü n d e n täglich ü b e r g e b e n
kann. U n d das alles führt m i c h z u einer bohrenden Ehr­
lichkeit mit mir selbst. Wer nicht so ehrlich sein kann,
den Balken zuerst aus den eigenen A u g e n z u entfernen,
der ist unseren gekreuzigten H e r r n u n d H e i l a n d nicht
wert. A b e r mein Christentum ist nicht eng. K u l t u r spielt,
wie dieses Buch bezeugt, eine sehr wichtige Rolle i n mei­
nem Leben, u n d w a r u m nicht, denn der H e r r hat alles
geschaffen, auch alle Gaben. Ich b i n freudevoll, w e i l ich
an meinen H e r r n u n d Erlöser glauben kann, w e i l er m i r
eine gute u n d auch schöne Frau gegeben hat, u n d w i r
sind zusammengewachsen i n Freuden wie i n N ö t e n . Ich
b i n ein fröhlicher Christ, w e i l der H e r r m i r viele Gaben
gegeben hat u n d die Kraft, sie i n seinem Sinne einzuset­
zen. Wer an den wahren Gott glaubt, wer liebt u n d ge­
liebt w i r d , wer viele Gaben u n d die Kraft, sie einzuset-

86
zen, hat, wer ein A u g e u n d ein O h r hat für das Schöne i n
der Natur u n d i n der Kunst, wer ü b e r sich selbst immer
wieder neu humorvoll lachen kann, der m u ß glücklich
sein, u n d so ende ich dieses Buch mit einem einfachen
Gebet: » H e r r Jesus Christus, ich danke dir dafür. Amen.«

87
X . Bibliographie

1. 18th and 19th Century Historical Interpretations of


the Reign of James I. of England, N e w York University,
Doctoral Dissertation, 1966 - Geschichte.

2. Conformed to Stone, Abelard - Schumann, N e w


York, 1968, London, 1970 - Lyrik.

3. Emptied Spaces, Abelard - Schumann, London, 1972


- Lyrik.

4. In The Glass of Winter, Abelard - Schumann, London,


1975-Lyrik.

5. A s One, Elizabeth Press, N e w Rochelle, N Y , 1975 - Ly­


rik.

6. The H a l f of a Circle, Elizabeth Press, N e w Rochelle,


NY, 1977-Lyrik.

7. Space Of, Elizabeth Press, N e w Rochelle, N Y , 1978 -


Lyrik.

8. Preceptions, Elizabeth Press, N e w Rochelle, N Y , 1979


-Lyrik.

9. INRI, Verlag der Liebenzeller Mission, Bad Lieben­


zell, 1980 - Predigten.

10. D i e Welt u n d der W e l t ü b e r w i n d er, Verlag der Lie­


benzeller Mission, Bad Liebenzell, 1981 - Predigten.

88
11. For The Finger's Want of Sound, Shearsman Interna­
tional Poetry Magazine, Plymouth, England, 1982 - L y ­
rik.

12. The Density for Color, Shearsman International Poe­


try M a g a z i ne, Plymouth, England, 1982 - Lyrik.

13. Selected Poems, English/Hebrew, Massada Pub­


lishers, G i v a t y i m , Israel, 1982 - Lyrik.

14. Der bringt v i e l Frucht, Verlag der Liebenzeller


Mission, Bad Liebenzell, 1983 - Predigten.

15. Die Heiligkeit Gottes i n Jesus Christus, Verlag der


Liebenzeller Mission, Bad Liebenzell, 1984 - Biblische
Vorträge.

16. Jesus, mein H e r r u n d Befreier, Verlag der Lieben­


zeller Mission, Bad Liebenzell, 1985 - Predigten.

17. Warum brauchen w i r das Alte Testament? Verlag der


Liebenzeller Mission, Bad Liebenzell, 1986 - Biblische
Vorträge.

18. Der auferstandene Christus als unser Seelsorger, Ver­


lag der Liebenzeller Mission, Bad Liebenzell, 1986 - Bib­
lische Vorträge. (Auch i n Griechisch übersetzt.)

19. Israel am Ende der Tage, Verlag der Liebenzeller M i s ­


sion, Bad Liebenzell, 1987 - Biblische Vorträge. (Auch i n
Portugiesisch übersetzt.)

20. Malmsheimer Predigten, Verlag der Liebenzeller


Mission, Bad Liebenzell, 1988 - Predigten.

89
21. Josua, Verlag der Liebenzeller Mission, Bad Lieben­
zell, 1989 - Biblische Vorträge.

22. Wastl, die Geschichte eines Pfarrdackels, Verlag Jo­


hannis, Lahr, 1989 - Humoristik.

23. Salomo, Israel a m Scheideweg, Verlag der Liebenzel­


ler Mission, Bad Liebenzell, 1989 - Biblische Vorträge.

24. A l l e Lande sind seiner Ehre v o l l , Verlag der Lieben­


zeller Mission, Bad Liebenzell, 1990 - Predigten.

25. Erinnerungen eines alternden Pfarrdackels, Verlag


Johannis, Lahr, 1990 - Humoristik.

26. Jüdische Feste - christliche Deutung, Verlag der Lie­


benzeller Mission, Bad Liebenzell, 1990 - Biblische Vor­
träge.

27. Die Geheimnisvolle Gegenwart Gottes (mit G e m ä l ­


den v o n Caspar D a v i d Friedrich), Verlag Johannis, Lahr,
1990 - Kunst als V e r k ü n d i g u n g .

28. Wastls Tips für Taps, Verlag Johannis, Lahr, 1991 -


Humoristik.

29. Seine Herrlichkeit erscheint ü b e r dir (mit G e m ä l d e n


alter Meister), Verlag Johannis, Lahr, 1991 - Kunst als
Verkündigung.

30. Meine A u g e n haben deinen Heiland gesehen (mit


G e m ä l d e n v o n Rembrandt), Verlag der Liebenzeller
M i s s i o n , Bad Liebenzell, 1991 - Kunst als V e r k ü n d i ­
gung.

90
31. Was erwartet uns, herausg. v o n D a v i d Jaffin, Verlag
der Liebenzeller M i s s i o n , Bad Liebenzell, 1991 - Bibli­
sche Vorträge.

32. Jesus, d u Sohn Davids, Verlag Johannis, Lahr, 1992 -


Psalmen-Auslegungen I.

33. Die g r o ß e n Richter, Verlag der Liebenzeller Mission,


Lahr, 1992 - Biblische Vorträge.

34. Die Urgeschichte der Menschheit - unsere Geschich­


te, Verlag der Liebenzeller Mission, Bad Liebenzell, 1992
- Biblische Vorträge.

35. In der Weite der Zeit, Verlag Johannis, Lahr, 1992 -


Gebete.

36. In deiner Stille gehalten, Verlag Johannis, Lahr, 1992


- Gebete.

37. Das Jesaja-Evangelium, Verlag der Liebenzeller M i s ­


sion, Lahr, 1992 - Biblische Vorträge.

38. Unerfüllte Sehnsucht (mit G e m ä l d e n von Van Gogh


u n d Gauguin), Verlag Johannis, Lahr, 1992 - Kunst als
Verkündigung.

39. Von unsichtbarer H a n d gezeichnet, Verlag Johannis,


Lahr, 1993-Gebete.

40. Gereift z u deiner Ernte, Verlag Johannis, Lahr, 1993 -


Gebete.

41. Solange die Sonne w ä h r t , b l ü h e sein Name, Verlag

91
Johannis, Lahr, 1993 - Psalmen - Auslegun­
gen II.

42. Der kleine Prophet i m g r o ß e n Wal, Verlag der Lie­


benzeller Mission, Lahr, 1993 - Biblische Vorträge.

43. So d a ß mein eigener Schatten bricht, Verlag Johannis,


Lahr, 1994 - Aphorismen.

44.14 N e w Poems, Shearsman International Poetry M a ­


gazine, Plymouth, England, 1994 - Lyrik.

45. Die Propheten, unsere Zeitgenossen, Verlag der Lie­


benzeller Mission, Lahr, 1994 - Biblische Vorträge.

46. Ü b e r sich selbst hinaus, E i c h h ö r n c h e n s p r ü n g e , Ver­


lag Johannis, Lahr, 1994 - Aphorismen.

47. Israels E r w ä h l u n g u n d endzeitliche Bedeutung, Ver­


lag der Liebenzeller Mission, Lahr, 1995 - Biblische Vor­
träge.

48. U n d geh i n ein L a n d , das ich dir zeigen werde, Ver­


lag Johannis, Lahr, 1995 - Autobiographie.

49. Schweigt Gott z u m Bösen? Verlag der Liebenzeller


Mission, Lahr, 1995 - Biblische Vorträge.

50. Die Verspeisung der 5000, Verlag Johannis, Lahr, 1995


- Humoristik.

51. A b r a h a m und die E r w ä h l u n g Israels, Verlag


der Liebenzeller Mission, Lahr, 1996 - Biblische Vorträ­
ge-

92
52. Sei nur stille z u Gott, meine Seele, Verlag Johannis,
Lahr, 1996 - Psalmen - Auslegungen III.

53. Jakob, der Gesegnete, Verlag der Liebenzeller M i s s i ­


on, Lahr, 1996 - Biblische Vorträge.

54. Gehüpft wie gesprungen, Verlag Johannis, Lahr, 1996


- Kinderbuch

55. Die Farben der Freude, Verlag Johannis, Lahr, 1996 -


Gebete

56. Israel, der Gottesstreiter, Verlag der Liebenzeller M i s ­


sion, Lahr, 1997 - Biblische Vorträge.

57. Harry, die Hausmaus, Verlag Johannis, Lahr, 1997 -


Kinderbuch

93
David Jeffin
D a v i d Jaffin
»... und geh in ein Land,
das ich dir zeigen werde«
». ..undgeh TELOS-Paperback 72 371
in ein Land, 104 Seiten
das ich dir
zeigen will« D M 14.80/öS 116.-/sFr 15.60
Autnhingraphixthf Anmerkungen

I S B N 3-501-01250-0

M i t diesem Buch, seiner autobiographischen Z w i ­


schenbilanz, erfüllt D a v i d Jaffin einen Wunsch vieler
Freunde u n d Liebhaber seiner biblischen Vorträge.

H u m o r v o l l , spannend u n d ungemein anregend schreibt


er ü b e r seinen kurvenreichen Lebensweg v o m K i n d
wohlhabender amerikanischer Eltern ü b e r den vielver­
sprechenden Historiker z u m »lutherisch-jüdischen Pie­
tisten« u n d s c h w ä b i s c h e n Gemeindepfarrer.

Verlag Johannis, 77922 Lahr


David Jaffin
ist evangelischer Pfarrer in Malmsheim (Württemberg). Er
wurde 1937 als Sohn aufgeklärter jüdischer Eltern in New
York geboren. Jaffin studierte an der New York University
Geschichte, Kunstgeschichte und Psychologie. 1996 wurde
er zum Doktor der Philosophie promoviert. Nach seiner
Hinwendung zu Jesus Christus wurde Dr. Jaffin 1971
getauft, anschließend studierte er evangelische Theologie.
Er hat mehrere Gedichtbände in englischer und zahlreiche
Predigt- und Vortragsbände sowie Runstbildbände in deut­
scher Sprache veröffentlicht.

»Mein Glaube, meine Welt« ist David Jaffins


Zusammenfassung der zentralen Fragen seines Lebens,
bedenkens- und lesenswert für alle, die an Grundfragen des
Glaubens interessiert sind und seine Gedankenstöße zu
Themen wie »Menschenkenntnis, moderne Psychologie und
die Bibel« oder »Zeit, Vergänglichkeit, Ewigkeit« aufnehmen
wollen.

ISBN 3-501-01322-1

Edition C 58196 (Nr. C 496)


9 "783 5 01"013 2 29 Preisgruppe 13

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