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VIII INTERVIEW S A M S TA G , 13.

N OV EMB E R 2 01 0

Bild: SN/VISUALIMPACT/RAINER EDER


Hoch
hinaus
Am Vormittag stieg David
Lama auf die Nockspitze
gleich über Götzens, wo er
wohnt. Im Vorjahr verlor er
dort einen Ski. „Es war ein
guter Ski“, sagt er. Darum war
er einige Male oben auf Suche
in den „echt hohen Latschen“.
So nüchtern, wie er von der
vergeblichen Suche erzählt,
berichtet er nachmittags von
anderen Abenteuern. Nun,
sie sind ja auch sein Alltag.

BERNHARD FLIEHER

D
avid Lama passt nicht zu den dass mich das nicht mehr erfüllt nach der SN: Und was ist mit der Möglichkeit des
Superlativen, mit denen er be- langen Zeit, die ich das schon mache. Ich Scheiterns?
schrieben wird: Wunderkind, erlebe da nichts mehr Neues. Beim alpi- Lama: Ja, die gibt es.
Jahrhunderttalent. Wenn ei- nen Klettern geht es um etwas anderes.
nem der 20-Jährige gegenüber- Da existieren auch andere Dinge als nur SN: Und davor haben Sie Angst?
sitzt, ist von Superlativen nichts zu die Idee, dass man eine Tour schaffen will. Lama: Angst . . . hmmm. Nein, Angst nicht.
hören. Nüchtern schildert er Kletter- Da geht es um ein Gesamterlebnis. Das be- Ich respektiere den Berg, habe Respekt
touren auf bis dahin unbestiegenen ginnt schon auf dem Weg, bevor man vor den Anforderungen, die sich stellen.
Routen. Große Abenteuer? Sie sind überhaupt am Einstieg steht. Wenn man
sein Job. Der Sohn einer Tirolerin und da vorher stundenlang durch den Dschun- SN: Anforderungen? Meinen Sie da die im-
eines Nepalesen gehört seit Volks- gel oder am Ende der Welt zelten muss, mer größeren Schwierigkeiten, die bewäl-
schultagen zu den besten Kletterern dann gehört das auch dazu. Solche Erleb- tigt werden müssen, um aufzufallen?
der Welt. Vor drei Jahren hat er die nisse werden mir immer wichtiger. Lama: Schwierigkeiten nehme ich ja in An-
Schule geschmissen, wurde Profi. Der griff, weil ich die Möglichkeit sehe, sie zu
Verkauf seiner Taten liegt ihm nicht. SN: Die Wettkämpfe finden ja weltweit überwinden. Man klettert heute schneller
„Redner bin ich keiner“, sagt er. statt. Da lässt sich nichts erleben? als früher. Das Material ist besser. Früher
Schreiber auch nicht – darum ent- Lama: Na ja, ich war etwa schon ein paar scheiterte man, weil man zu spät dran war
stand sein eben erschienenes Buch Mal in China. Da sitzt du im Hotel, das oder man zu langsam war. Heute komme
(„High – Genial unterwegs an Berg ausschaut wie alle anderen Hotels auf der ich so schnell voran, dass dort, wo früher
und Fels“, Knaus Verlag) gemein- Welt. Du schaust, dass du dich richtig und etwa durch die Wärme des Tages der Eis-
sam mit dem Journalisten Christian vorsichtig ernährst. Alles ist nur auf den schlag ein Problem war, ich längst vorbei
Seiler. Lama hat es in einem Ein- Wettkampf ausgerichtet. Von China – und bin, ehe es runterkracht. Es geht aber
kaufszentrum bei Innsbruck prä- auch ein paar anderen Ländern, in denen nicht immer nur um Schwierigkeiten. Je-
sentiert. „Draußen wäre fein“, sagt ich öfter war – kenne ich gar nichts. Ich der Kletterer probiert, an seine Grenzen
er während der Suche nach einem ahne aber, dass es da etwas gibt, das ich zu gehen. Aber große Erlebnisse findet
Café, in dem wir reden können. gern entdecken möchte. In dieser Hin- man nicht nur im Extremen.
sicht üben Wettkämpfe im Moment kei-
SN: Kein Tag ohne Berg, oder? nen Reiz mehr auf mich aus, und drum SN: Gefahr und Angst spielen keine Rolle?
Lama: Na ja, raus muss ich auf jeden lass ich das im kommenden Jahr. Lama: Angst ist ein Ausdruck, den nur die
Fall. Ich bin ein Outdoortyp. verwenden, die von unten raufschauen.
SN: Sie haben ja viele andere Expeditionen
SN: In Ihrem Buch steht: „Was fad ist, ist gemacht, gehören zu den wenigen, die in SN: Es wird also beim Zuschauen etwas
zäh.“ Was ist denn nicht fad? der Halle und auf dem Berg erfolgreich sind. verspürt, das sie gar nicht kennen?
Lama: Klettern zum Beispiel. Was bedeutet Ihnen denn Klettern? Lama: So ähnlich. Das passiert, weil viele
Lama: Es ist für mich eine Lebenseinstel- nicht genau wissen, was ich da tue.
SN: Dieses „fad“ bezieht sich ja aber auf lung. Und ich hab das Glück, dass ich da-
das Klettern – nämlich auf das Training. raus meinen Beruf machen konnte. SN: Und Sie wissen es immer genau?
Lama: Ja, es gibt diese Momente, in denen Lama: Schon, sonst tät’ ich ja nicht versu-
ich sozusagen gezwungen bin, etwas tun SN: Es gibt den im Bezug aufs Bergsteigen chen, eine Tour zu klettern.
zu müssen – zum Beispiel trainieren. immer wieder gern verwendeten Spruch:
„Der Weg ist das Ziel“. Beschreibt der, wor- SN: Das klingt sehr selbstsicher. Gibt es nie
SN: Ist nicht jede Tour auch ein Training? um es Ihnen geht, wenn Sie klettern? Momente der Unsicherheit?
Lama: Für Wettkämpfe nicht. Da hilft mir Lama: Für einen Bergsteiger ist der Gipfel Lama: Doch. Sicher gibt es Zweifel. Es wird
das alpine Klettern nichts. Die Sportklet- das Ziel. Heutzutage muss man sich als Al- immer wieder kritische und gefährliche
terei hat ein extrem hohes Niveau er- pinist allerdings einen schweren Weg auf Situationen geben. Die Kunst liegt halt da-
reicht. Da hat sich ein Spezialistentum den Gipfel suchen, weil es Erstbesteigun- rin, diese Gefahren möglichst weit zu mi-
entwickelt. Nur wer viel Zeit in der Halle gen ja kaum noch gibt. Für Kletterer ist nimieren.
hängt, wer unglaublichen Aufwand ins einzig der Weg interessant, die Herausfor-
Training steckt, hat eine Chance, an der derung, diesen einen Weg, den man sich SN: Woher kommen denn Lust am und Ta-
Spitze dabei sein zu können – und wenn durch eine Wand ausgesucht hat, auch zu lent fürs Klettern?
ich beim Weltcup antrete, will ich schon schaffen. Ich verbinde beides. Es zieht Lama: Ich denke, dass ich da schon ein
eine Chance haben, erfolgreich zu sein. mich immer mehr zum Alpinen hin. Für paar Sachen geerbt habe. Da existiert ge-
Das geht nur mit viel Training. mich zählt mittlerweile beides: Weg und wiss ein Grundtalent, aber ich hab mir das
Ziel. Das erfüllt mich schon mit Befriedi- meiste schon erarbeitet. Und ich hab halt
SN: Und das freut Sie jetzt nicht mehr? gung, wenn man ankommt und weiß, dass schon früh anfangen können und bald
Lama: Beim Sportklettern ging es mir im- man was geschafft hat, das noch keinem auch mit Trainer gearbeitet und bin nicht
mer rein um die Leistung und ich merke, gelungen ist. allein und ahnungslos herumgestiegen.