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Kleben

Kleben fängt vor dem Kleben an (Teil I)


26.09.2017 | Autor/ Redakteur: Prof. Dr. Christian Dietrich und Dr. Hartwig Lohse* / Ute
Drescher

Beim Kleben muss die gesamte Prozesskette betrachtet werden: von der Planung
über die zu verwendenden Materialien bis hin zu einer eventuellen Nacharbeit.
Teil 1: die DIN 2304-1 und der risikobasierte Ansatz.

Kleben ist aus der Konstruktion nicht


mehr wegzudenken. Die Applikationen
reichen von der Mikroelektronik mit
Klebsto mengen im Bereich von
wenigen Milligramm über medizinische
Anwendungen, die uns beispielsweise in
der Zahnmedizin alltäglich begegnen,
bis zu Anwendungen in der
Energietechnik, wo bei der Verklebung
der Rotorblätter für Windkraftanlagen
mehrere Hundert Kilogramm Klebsto
pro Teil benötigt werden. Auch der
moderne Automobilbau wäre ohne
Eine Hilfe zur gesamtheitlichen Qualitätssicherung beim Kleben nicht möglich. Insbesondere der
Kleben gibt die DIN 2304-1.
auf einer Kombination von
(Bild: ©milosluz - stock.adobe.com)
verschiedenen Werksto en beruhende
Leichtbau und somit das Erfüllen der der Anforderungen zur Verringerung der CO2-
Emissionen bei gleichzeitiger Beibehaltung des Sicherheits- und Komfortstandards
könnte ohne Klebsto e nicht realisiert werden.

„Können wir kleben oder muss es halten?“


Doch bei aller Vielfalt und o ensichtlichem Anwendungsnutzen begegnet den Autoren
dennoch häu g der Satz: „Können wir kleben oder muss es halten?“ – die Skepsis
gegenüber dieser Technologie ist o ensichtlich immer noch groß. Auch negative
Erfahrungen, wie z.B. der kürzlich in der konstruktionspraxis beschriebene Schadensfall
an einem geklebten E-Motor [2] mögen dabei eine Rolle spielen.

Die vom Naturwissenschaftlichen und Medizinischen Institut (NMI) der Universität


Tübingen erstellte Studie „Sicheres Kleben“ [1] o enbart einen weiteren Aspekt. Eine
Umfrage unter Klebsto herstellern, -anwendern und Anbietern klebtechnischer
Ausrüstung hat ergeben, dass die Vorteile der Klebtechnik zwar allgemein bekannt und
akzeptiert sind, aber auch, dass das Kleben häu g nicht durchgehend geplant und der
Klebprozess nicht überall sicher beherrscht wird. Fachleute schätzen, dass mindestens
90 % der Schadensfälle – die insgesamt aber selten sind – auf Anwendungsfehler und
nicht auf fehlerhafte Klebsto e zurückzuführen sind.

DIN 2304-1 Klebtechnik – Qualitätsanforderungen an Klebprozesse


Diese Einschätzung bestätigt eine kürzlich verö entliche Umfrage [4] der Isgatech
GmbH unter 120 Fachleuten der Klebtechnik. Das Ergebnis: Kleben funktioniert im
Wesentlichen, doch die Anwender sind noch vielfach auf der Suche nach der richtigen
Lösung. Diesen Missstand zu ändern, darin bestand die wesentliche Motivation für die
Erstellung der im März 2016 erschienenen DIN 2304-1 Klebtechnik –
Qualitätsanforderungen an Klebprozesse – Teil 1: Prozesskette Kleben [3], die den
aktuellen Stand der Technik für die fachgerechte Umsetzung klebtechnischer Prozesse
festlegt.

Da es an zuverlässigen Methoden zur zerstörungsfreien Prüfung von Klebeverbindungen


mangelt, stellt das Kleben gemäß ISO 9001:1994 [5] einen „speziellen Prozess“ dar.
Daraus resultieren besondere Anforderungen an die technische und organisatorische
Qualitätssicherung. Genau hier setzt die DIN 2304-1 an: Wenn Fehler zerstörungsfrei im
Rahmen einer Qualitätsprüfung nicht zu 100 % nachgewiesen werden können, müssen
sie vermieden werden! Die ISO 9001 sieht hierfür den „Umweg“ über eine technische und
organisatorische Qualitätssicherung vor.

Die DIN 2304-1 – eine Hilfe zur gesamtheitlichen Qualitätssicherung


Die schon mehrfach erwähnte DIN 2304-1 ist aus der DVS-Richtlinie 3310 und der schon
seit 2006 durch das Eisenbahnbundesamt für alle Klebungen im Schienenfahrzeugbau
als Stand der Technik festgelegten Normenreihe DIN 6701 hervorgegangen. Sie
konkretisiert die Anforderungen für alle Klebungen entlang der gesamten Prozesskette
für eine qualitätsgerechte Ausführung, die schon mit der DIN EN ISO 9001 sehr allgemein
an alle sog. „spezielle Prozesse“ gestellt werden. Sie konkretisiert für alle Klebungen mit
der Hauptfunktion einer Lastübertragung unabhängig

von den Verformungs- und Festigkeitseigenschaften des Klebsto s

vom Verfestigungsmechanismus des Klebsto s

von der Branche, in der, bzw. für die der geklebte Werksto verbund
gefertigt wird.

Die Norm richtet sich also in erster Linie an die Anwender von Klebsto en. Sie gilt jedoch
nicht für solche Klebungen, die bereits durch andere anerkannte und bewährte
Regelwerke, Normen, Standards oder Zulassungen geregelt sind.

Der DIN 2304-1 liegt ein risikobasierter Ansatz zugrunde


Der DIN 2304-1 liegt der schon in der ISO 9001 geforderte risikobasierte Ansatz
zugrunde: Am Anfang der Planung eines klebtechnischen Prozesses steht die Einstufung
der Klebverbindung in eine der vier Sicherheitsklassen S1 – S4. Die Einstufung im Sinne
der Norm erfolgt, in der Regel durch den Bauteilverantwortlichen allein unter
Berücksichtigung der Auswirkungen eines Versagens der Kraftübertragungsfunktion.
Anderweitige aus anderen Regelwerken resultierende Anforderungen, wie z.B. eine
eventuelle Lebensmitteltauglichkeit, bestimmte Brandschutzeigenschaften oder
Kompatibilität mit Arbeits- und Umweltvorschriften werden für die Klassi zierung
innerhalb dieser Norm nicht berücksichtigt.

Die Kriterien für die Einstufung in eine der vier Sicherheitsklassen, so wie sie in der DIN
2304-1 festgelegt sind, sind in der Tabelle 1 wiedergeben. Die Einstufung in eine
Sicherheitsklasse muss unter sorgfältiger Abwägung der

Schwere der Störung

Wahrscheinlichkeit des Auftretens

Möglichkeit eines (rechtzeitigen) Erkennens des Fehlers


mit einem gewissen Maß an Fingerspitzengefühl und gesundem Menschverstand
erfolgen.

Am Ergebnis der Sicherheitsbewertung orientiert sich sinnvollerweise auch der Aufwand


für den Klebprozess, je höher das Risiko desto umfassender die Anforderungen aus der
DIN 2304-1. Kommt die Sicherheitsklasse S1 bis S3 zur Anwendung, so de niert die Norm
die für die jeweiligen Abschnitte der Prozesskette zu erfüllenden Mindestanforderungen.
Ergibt die nachvollziehbar begründete und dokumentierte Einstufung die
Sicherheitsklasse S4, sind keine weiteren, aus der DIN 2304-1 resultierenden
Anforderungen zu erfüllen.

ERGÄN ZE N DES ZUM THEMA

Kontroverses Thema – Kleben in der Industrie


Ende 2016 wurde ein Beitrag von Delo mit dem Titel „ E-Motoren klebt man heute “ veröffentlicht
(siehe Sonderheft Nachhaltige Konstruktion 2016). Dieser Artikel wurde vom damaligen
Entwicklungsleiter bei Trumpf gelesen. Der Werkzeugmaschinenhersteller ist der Meinung, dass
Kleben in einigen Fällen eben nicht ausreicht und bat um die Möglichkeit einer Reaktion. Diese
wurde nach einem Besuch unserer Redaktion bei Trumpf und einer schlüssigen Darlegung der
Sachverhältnisse auch gewährt. So entstand in Absprache der Artikel „ Verklebung: ungenügend “
in dem der Werkzeugmaschinenbauer seine Probleme mit geklebten Schrittmotoren der Firma
Schneider Electric darstellte (siehe Ausgabe 1/2017). Dort wurden u.a. Probleme wie lose Rotoren,
geringes Losbrechmoment an neuen Motoren und nach sieben Jahren noch nicht ausgehärteter
Klebstoff beschrieben. Aber auch Lösungsansätze wie eine nachträglich aufgebrachte
Längsriffelung der Welle wurden gebracht. Obwohl der in den Schrittmotoren benutzte Klebstoff
nicht vom Industrieklebstoffexperten Delo stammt, erklärte sich der Hersteller solidarisch und
wollte diese doch schwerwiegenden Mängel nicht unkommentiert lassen. Zusammen mit unserer
Redaktion wurde die Idee eines „Klebstoff-Roundtables“ geboren, der die Probleme, Grenzen, aber
auch die Möglichkeiten des Klebens aufzeigt. Der Roundtable kann in voller Länge in unserer
Mediathek auf konstruktionspraxis.de angesehen werden: www.kurzlink.de/Roundtable-Kleben

Quali kation des klebtechnischen Personals


Ohne Frage kommt der Quali kation des klebtechnischen Personals, anlog des ebenfalls
„speziellen Prozesses“ Schweißen, eine hohe Bedeutung zu. Dieser Umstand spiegelt sich
auch in den aus der DIN 2304-1 resultierenden Anforderungen wider. Die Norm
unterscheidet zwischen ausführendem und Aufsichtspersonal (KAP,
Klebaufsichtspersonal) und setzt voraus, dass beides in angemessenem Umfang und je
nach Sicherheitsklasse vorhanden ist. Dem KAP, als zentraler Ansprechstelle für alle
qualitätsbeein ussenden Faktoren entlang der Prozesskette, d.h. von der Planung über
Bescha ung und Fertigung bis hin zu einer eventuellen Nacharbeit, kommt eine
besondere Bedeutung zu. Als Maßstab für die Quali kationen gelten die Inhalte der
einschlägigen Richtlinien des Deutschen Verbandes für Schweißtechnik und verwandte
Verfahren (DVS), bzw. der European Welding Foundation (EWF). (ud)

[1] Studie Sicheres Kleben, Naturwissenschaftlichen und Medizinischen Institut (NMI) der
Universität Tübingen, 2015

[2] Werner Erlenmeier, Walter Thiel, Verklebung ungenügend, Konstruktionspraxis 1.2017

[3] DIN 2304-1, Klebtechnik – Qualitätsanforderungen an Klebprozesse – Teil 1: Prozesskette


Kleben, DIN Deutsches Institut für Normung e.V., Beuth Verlag, Berlin, 2016

[4] Dicht, 1.2017, Leserumfrage zu o enen Themen in der Klebtechnik

[5] DIN EN ISO 9001:1994, Qualitätsmanagementsysteme – Modell zur


Qualitätssicherung/QM-Darlegung in Design/Entwicklung, Produktion, Montage und Wartung,
DIN Deutsches Institut für Normung e.V., Beuth Verlag, Berlin, 1994

[6] DIN EN ISO 9001:2015, Qualitätsmanagementsysteme – Anforderungen, DIN Deutsches


Institut für Normung e.V., Beuth Verlag, Berlin, 2015

* *Prof. Dr. Christian Dietrich ist Klebfachingenieur (EAE) Fachgebiet Fertigungstechnik, Kunststofftechnik
und Klebtechnik Fakultät Produktionstechnik und Produktionswirtschaft an der Hochschule Ulm und Dr.
Hartwig Lohse ist Inhaber der Klebtechnik Dr. Hartwig Lohse e.K. in Breitenberg

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