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Hirzel Verlag
Franz Steiner Verlag

Review
Author(s): Wernfried Hofmeister
Review by: Wernfried Hofmeister
Source: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur, Bd. 134, H. 4 (2005), pp. 507-
511
Published by: S. Hirzel Verlag
Stable URL: http://www.jstor.org/stable/23319304
Accessed: 16-10-2015 20:20 UTC

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Rezensionen 507

"Und schließlich wird der Leser einige Handschriften bzw. Zusätze zu älteren Handschrif

ten, die von Bischoff in seinen früheren Veröffentlichungen in das neunte Jahrhundert gesetzt
worden sind, im Katalog vermissen, nämlich (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) Clm 4602

[...], Clm 6223 [...], Clm 6246 [...], Clm 6315 [...], Clm 6382 [...], Clm 6413 [...], Clm 19415

[...]; Clm 22501 [...] sowie ein Fragment der katholischen Briefe im Erzbischöflichen Ordinari
atsarchiv. [...] Hinzu kommen weitere Handschriften und Fragmente (nicht nur in Münchener
Bibliotheken), die in den Notizen von Bischoff zunächst einmal provisorisch als möglicherweise
dem neunten Jahrhundert zugehörig bezeichnet werden und von denen sicherlich zumindest

einige nach einer neuerlichen Untersuchung Eingang in den Katalog gefunden hätten" (S. IXf.).

Es ist zwar bedauerlich, jedoch verständlich, daß die Kommission der Bayerischen
Akademie der Wissenschaften sich vorderhand darauf beschränkte, die von Bischoff
hinterlassene Beschreibungsserie in kaum veränderter Form zu publizieren, doch müß

te das Fehlende unbedingt als Anhang zu Band III nachgeliefert werden, so wie

dankenswerterweise die nach Erscheinen von Band I in Bischoffs Nachlaß aufgefun


denen rezenten Beschreibungen von Hss., die in der Computerfassung nur genannt,
aber nicht beschrieben worden waren, als Nachträge dem Katalog von Band II voran

gestellt wurden.
Der Benutzer von Bd. II wird sich also dessen bewußt bleiben, daß hier nicht die

gesamte bislang bekannte karolingische Überlieferung beschrieben wird, und daß die

vorgelegten Orts- und Zeitbestimmungen im einen oder anderen Fall nicht den letzten
Stand von Bischoffs Forschungen repräsentieren. Doch wird er ebenso den Katalog als
das schätzen, was er ist: die solide Basis für jede Arbeit am Handschriftengut des
9. Jh.s. Und er wird große Dankbarkeit empfinden für die 'Rettungstat', die die

Herausgabe des Katalogs bedeutet.

Prof. Dr. Konrad Vollmann, Rebdorferstr. 90c, D-85072 Eichstätt

Wolfgang Beck, Die Merseburger Zaubersprüche (Imagines Medii Aevi 16),


Wiesbaden 2003. Dr. Ludwig Reichert Verlag, XXXII, 454 S. mit Abb., ISBN
3-89500-300-X, EUR 64,

Summarisches von lange währender Gültigkeit verheißt der prägnante Titel in

Verbindung mit der gediegenen Aufmachung dieser ersten Monographie über die
beiden 'Merseburger Zaubersprüche'. Wie selbstverständlich stellt sich da die Frage
nach der Entsprechung zwischen der bibliophilen Gewandung und dem gebotenen
Inhalt: Halten - formuliert - die in Summe 500 was ihr
pointiert knapp Seiten,

goldgeprägter roter Ganzleineneinband verspricht? Auf die Grundsubstanz reduziert,


darf die vorgezogene Antwort durchaus positiv ausfallen, denn mit seiner (leicht
überarbeiteten) Dissertation bietet Wolfgang Beck den versprochenen kritischen For

schungsüberblick aus rund 160 Jahren intensiver Bemühungen unseres germanisti


schen Faches um die so rätselhaften Zaubersprüche, indem er Hundertschaften von
Detailstudien Revue passieren läßt, seien sie nun aus prominentester Feder wie jener
Jacob Grimms geflossen oder etwa aus der Schulfeder beflissener Pädagogen des

späteren 19. Jh.s; ergänzt um eigene Forschungsansätze, entwickelt der Autor damit
vor dem Auge der Leserschaft ein Kaleidoskop der bisherigen Fachmeinungen zur

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508 Rezensionen

Genese und Deutung dieser literarischen Kleinode, vom Sprachkundlichen über das

(pangermanisch) Mythologische bis hin zum Veterinärmedizinischen reichend. Nicht


unerhebliche Trübungen kann man demgegenüber in verschiedenen Einzelheiten der

Materialdarbietung erkennen, wie ein genauerer Blick auf die methodische oder argu
mentationstechnische Durchführung zeigt. Zudem wird die Studie von einigen forma
len Mängeln belastet, unter die sich neben interpunktionstechnischen Störungen auch
andere orthographische sowie ein paar stilistische Probleme einreihen. Die Dokumen

tierung letztgenannter Schwächen sei in eine Fußnote1 verbannt, auf einige inhaltliche
Unzukömmlichkeiten gilt es im Zuge der nun folgenden schlaglichtartigen Bespre
chung der Arbeit etwas deutlicher aufmerksam zu machen.
Nach einer umfänglicheren "Einleitung" (S. XV-XXXII) mit vorwiegend arbeits
technischen Darlegungen und rezeptioneilen Hinweisen wird "Das Wortmaterial" der

'Merseburger Zaubersprüche' durchbesprochen (S. 1-207). Es folgen an weiteren Groß

kapiteln "Aspekte der Grammatik" (S. 208-215), die auch Dialektologisches einschlie

ßen, Erörterungen zu "Handschrift und [...] Text" (S. 216-251), "Der Kontext" (S. 252

275) mit Vergleichen ähnlicher Texte, aber auch bildhafter Überlieferungen, sodann

Ausführungen über "Vortrag und Stil" (S. 276-290) und Gedanken über "Religions
geschichtliche Probleme" (S. 291-344), wo u.a. neben allgemeiner "Mythographie"
(nochmals) Überlieferungstechnisches explizit angesprochen wird (vgl. vor allem
S. 29lf. und 304-307); den vorletzten Großabschnitt bilden Überlegungen zur "Ge

brauchssituation" (S. 345-376), ehe drei weitere Seiten (S. 377-379) eine streng proto
kollarische Zusammenfassung des Geleisteten bieten (und daher nicht als "Schlußbe

trachtung", sondern treffender als "Zusammenfassung" zu benennen gewesen wären).


Was an diesem Aufbau schwerlich zu gefallen vermag, ist die unvermittelte Arbeit

am Wortbestand, noch ehe auf die Umstände der Überlieferung eingegangen wurde,

1 Falsch gesetzte oder fehlende Beistriche (gemäß der gewählten 'alten Orthographie') treten
insgesamt an die zweihundertmal auf und erschweren die Lektüre auf unnötige Weise; man
vergleiche etwa den auf S. 53 beginnenden und auf S. 54 endenden fünfzeiligen Satz, der nicht
weniger als fünf Interpunktionsfehler enthält. - Aus dem weiteren Bereich der Orthographie
fallen mehrere falsche Worttrennungen auf, wobei einerseits vor allem Eigennamen in Kapi
tälchen Opfer - manchmal unfreiwillig komischer - 'Verzerrungen' wurden (vgl. "Ko- egel",
S. 6, "Ro- ethes", S. 33, "Eiss- chen", S. 36 0der"KR0- es", S. 36 etc.) sowie andererseits jene
"st"-Trennungen, welche zwar nach neuer, nicht aber nach alter Rechtschreibung als korrekt
gelten (vgl. "Ers- te", S. 25 und 27, "Chris- tianisierung", S. 235 oder "his- toriola", S. 365);
zu den 'Sonderfällen' ist "übe- rein" (S. 24) zu rechnen. - Weitere orthographische Fehllei

stungen fallen in das Gebiet der Getrennt- und Zusammenschreibung, wo auch gemäß neuer

Rechtschreibung nicht immer das Richtige getroffen wäre (vgl. "die selbe", S. 5, "der selben",
S. 14, "fallen gelassen", S. 20, "nicht zurecht kam", S. 31, "zusammen stand", S. 33, oder
"zurück gesetzt", S. 230). - An sonstigen Störungen seien noch genannt "mit einen Schreib
fehler" (S. 36, FN 243), "Die Deutung von heraduoder als einziger, präziser Ortsangabe"
(S. 50), "Possesivpronomens" (S. 136) oder die hartnäckige Kleinschreibung von satzeröff
nendem "von" in Kapitälchen (vgl. S. 15, 37, 39,44 etc.); bloß als reine Tippfehler treten z.B.
"abdverbiellen" (S. 35) sowie "begenet" (S. 52) auf, und fast schon üblich geworden ist
mittlerweile der "Adaptionsprozeß" (S. 243 statt "Adaptationsprozess"), jedoch weniger die
- In das Reich oder einfach
pluralischen "sagas" (S. 58 statt "sögur"). umgangssprachlicher
inadäquater Ausdrucksweisen führen schließlich die Wendung "als bloße Nuancen" (S. 5 statt
"bloß als Nuancen") und tiefer noch der (am Beginn eines neuen Absatzes stehende) Satz
"Immerhin [!?] hat der Matronenkult keine Parallele zur römischen Religion der Kaiserzeit."
(S. 23) sowie die schon in sich widersprüchliche Aussage "Lediglich eine menschliche Sphä
re, vielleicht noch eine übermenschliche, darf für das Wort idis angesetzt werden." (S. 29).

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Rezensionen 509

denn einerlei, ob der Handschriftenbefund nun tatsächlich Probleme aufwirft oder

nicht, verlangt schon die innere Logik einer philologischen Texterschließung die

überlieferungsanalytische Sicherung des Wortbestandes, bevor dieser dann näher zur

Diskussion steht. Zu weit hergeholt mutet da Becks Rechtfertigung für seine bewußte

Abweichung vom methodischen Usus an, wenn er Jacob Grimms Totenrede auf Lach

mann bemüht mit dem Diktum: "Man kann alle philologen, die es zu etwas gebracht
haben, in solche theilen, welche die worte um der Sachen, oder die sache um der worte

willen betreiben" (S. XVIII): Für die eigene Arbeit gleich von beidem Gebrauch zu

und zwar in genau dieser - zuerst die hernach die


machen, Reihenfolge Wortanalyse,
allgemeine 'Textgeschichte' zur Kenntnis bringend -, überzeugt wohl kaum.
Damit ist schon ein weiteres Manko berührt, nämlich jenes der Textkonstituierung.
Zwar zeugt es von ambitioniertem Bemühen, wenn Beck versucht, den Text in Form

eines (aufeinanderfolgenden) Parallelabdrucks mit angefügter Übersetzung neu zu

erschließen (vgl. S. 1 und 90 dazu den weiteren Abdruck auf S. 222 im Handschriften

Unterkapitel "IV. 1.8. Teil V"), aber die Umsetzung bar eines textkritischen Apparats
oder der Beigabe anderer Hinweise auf problematische Buchstabenlesungen entwertet

dieses Unternehmen erheblich, wenngleich manches davon dann in den 'Sachkapiteln'


nachgereicht wird. Insbesondere unbefriedigend wirkt im Detail die "diplomatische
Wiedergabe" beider Zaubersprüche: Ohne eigene Auszeichnung bleiben hier die lan

gen s-Graphien, ferner all jene Buchstaben, welche nur mehr undeutlich lesbar sind

immerhin - aber nicht immer nachvollziehbar2 - auf S. 222 sowie


(was geboten wird),
die von Beck anhand seiner Autopsie des Trägercodex in Naumburg entdeckten
rötlichen Farbabweichungen einzelner Buchstaben (vgl. S. 222). Letzteres muß hier

unüberprüft bleiben, weil Beck seinem Buch leider keine 'Krone' aufsetzen konnte in

Form eines neuen (Farb-)Faksimiles, obwohl er um das besondere, ja einzigartige


Dilemma unserer unzulänglichen Abbildungen der 'Merseburger Zaubersprüche' weiß

(vgl. S. 116f.); so kann natürlich weder seine Schwarzweiß-Wiedergabe einer Ablich

tung des Originals aus dem Jahre 1912 noch der uns seit ein paar Jahren frei zugängli
che elektronische Farbdruck (http:lltitus.uni-frankfurt.de/texteletcslgerm/ahd/mersebg/
merse.htm) die interessante Beobachtung zu abweichenden Tintenfärbungen bestäti

gen; fast unvermeidlich rankt sich damit ab sofort eine weitere 'Glaubensfrage' um die

diesbezüglich ohnedies schon stark belasteten 'Merseburger Zaubersprüche'. Ein Wort


noch zu Becks neuen Übersetzungen: Sie spiegeln treulich das Ergebnis seiner kriti
schen Aufarbeitung der bisherigen Wortdeutungen wider und damit auch so manche

Aporie oder Mehrwegigkeit des Verstehens. Hiermit hat man zu leben und kann es
sicher auch, weil der Blick auf die denkbaren Übertragungs-Varianten meist ausrei
chend frei bleibt. Schwerer leben kann die Philologie demgegenüber mit der allzu

apodiktisch geratenen Formulierung: "Die Analyse [...] ergibt, daß [...] nur die Über

setzung 'Einige fesselten einen/den Gefangenen' zulässig ist." Solche und ähnliche

'Radikalismen', wie sie bei Beck auch außerhalb von Übersetzungsfragen zu beobach
ten sind,3 wird man schlicht als entbehrlich empfinden.

2 Im Gegensatz zum Herausgeber würde ich das doch gut sichtbare so vor selidi in Zeile 10 (des
neuerlichen Textabdrucks auf S. 222) keinesfalls zu den unsicheren Lesungen zählen.
3 Zu ihnen sind im weiteren Sinne noch folgende unpassende, z.T. untergriffige oder schlicht
mißglückte Formulierungen zu rechnen: "Man behalf sich mit der (sicherlich gerechtfertigten)
Ausrede [!?], die Überlieferung sei hier offensichtlich gestört" (S. 34). Auf Wehrlis Forschun
gen gemünzt, liest man: "Diese Sichtweise kommt einer geschickt getarnten [!?] Kapitulation

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510 Rezensionen

Ohne nun den Eindruck erwecken zu wollen, Becks Buch befinde sich durchwegs in einer

formulierungstechnischen Schräglage, was schon angesichts seiner vielen treffenden Darstel

lungen sicher nicht der Fall ist, muß noch auf einige Probleme seiner Argumentationstechnik
hingewiesen werden, schon, um zu deren Entschärfung im Rahmen einer allfälligen Überarbei

tung für eine Neuauflage beizutragen. Im vorletzten Absatz auf S. 21 wird dargelegt, daß die

Forschung für die Deutung der rätselhaften idisi auch Vers I, 5, 6 in Otfrids 'Evangelienbuch'
herangezogen hat. Der darauffolgende Absatz scheint dies zu ignorieren, wenn er dies nicht

zusammenfaßt, sondern nochmals wie eine neue Information einführt: "Die ahd. poetischen
Denkmäler liefern für idis zwei Belege. Zum einen den Ersten Merseburger Zauberspruch, zum
andern Otfrids Evangelienbuch." Wie in einigen anderen Fällen fehlt hier bloß ein kleiner

'logischer Operator', im konkreten Fall z.B. die Ergänzung von "also" vor "zwei", um Verwir

rung zu vermeiden.4 An einer noch stärkeren Sinnverknappung leidet einige Zeilen weiter
dieser Satz: "Ohne der Untersuchung vorzugreifen, überliefert der Erste Merseburger Zauber

spruch die idisi auch in einer dezidiert helfenden Funktion" (S. 22). Natürlich hat sich hier - in
befreiendem zu den grammatikalischen - Wolfgang Beck den Zauber
Widerspruch Bezügen
spruch keineswegs als personifiziertes Agens seiner Untersuchung vorgestellt, sondern bloß
nach "vorzugreifen" auf eine sprachlogisch notwendige Einfügung der Art "stelle ich fest,
daß [...]" vergessen. Auf andere Art sorgt Becks (allzu) emphatische Erörterung der Frage, ob
die 'Merseburger Zaubersprüche' über eine mündliche oder schriftliche Quelle ihren Weg auf
das Pergament gefunden haben, für Verwirrung: Zwar macht der Autor über weite Strecken
kein Hehl aus seiner klaren Bevorzugung der 'Schriftlichkeitsthese' bei gleichzeitig starker

Bezweifelung der 'Mündlichkeitsthese', hält dazu aber an verschiedenen Stellen durchaus

Widersprüchliches fest: "mit Sicherheit von einer schriftlichen Vorlage abgeschrieben" (S. 230),
"
"mit großer Wahrscheinlichkeit von einer Vorlage abgeschrieben" (S. 238), kann nicht mit
Sicherheit entschieden werden, ob die Niederschrift die Abschrift einer schriftlichen Vorlage
darstellt, oder ob sie aus mündlicher Tradition, mithin aus dem Gedächtnis, erfolgte" (S. 308).

diverser ließe sich nun noch - evidenter


Bezüglich Deutungsansätze jenseits sprach
licher - anmerken. Wie man
Vermittlungsprobleme einiges skeptisch nachfragend
nämlich bei ähnlich intensivem Bemühen um die 'Merseburger Zaubersprüche' ange
sichts der oft unentscheidbaren Problemstellungen auch zu konträren Ergebnissen
gelangen kann, hat die fast zeitgleich erschienene 'Parallelstudie' von Eichner und
Nedoma klargemacht.5 Da sich die Ergebnisse beider Herangehensweisen an die 'Merse

vor den philologischen Problemen gleich. Sie ist aber, solange keine wirklich akzeptable
Lösung gefunden werden kann, leider ein gangbarer Weg [!?]" (S. 38). Unnötig richterhaft
wirkt auch: "Die nämliche Konjektur [zu heradu nidar aus heraduoder] gab 60 Jahre später
Kroes als eigene Entdeckung aus, daß sie eigentlich von Koegel stammte, will er erst nach
Abschluß seines
Manuskripts bemerkt haben." In dieses unschöne Bild einer anmaßend
wirkenden Rechthaberei passen auch andere Ausdrücke, durch die einzelne Forschungsmei

nungen (welche in der Tat nicht immer glückten, aber doch bis heute von sachlichem Engage
ment zeugen), als 'erledigt', 'haltlos' oder 'nicht ernstzunehmend' abqualifiziert werden:
Beck verleiht damit seiner Doktorarbeit einen schulmeisterlichen Grundton, den wohl viele als
reichlichdeplaziert empfinden werden.
4 Eine ganz ähnliche Verwirrung stiftet abermals das Fehlen eines den Sinn wiederaufnehmen
den Wortes wie "also" auf S. 58, und zwar in der letzten Zeile nach "Faßt man Indem es
dort fehlt, mutet das Folgende wie die
Referierung einer Gegenposition an, obwohl es
anscheinend nur als eine Bekräftigung des zuvor Ausgeführten verstanden sein will.
5 Vgl. H. Eichner und R. Nedoma, Die Merseburger Zaubersprüche: Philologische und sprach
wissenschaftliche Probleme aus heutiger Sicht, in: Die Sprache 42 (2000/01) 1-195. Diese fast

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burger Zaubersprüche' jedoch trotz methodischer und terminologischer Unterschiede

des Zugriffs andererseits meist decken (womit die Plausibilität von Becks Analysen so

manche Bestätigung erfährt), darf ich hier auf weitere 'Feinevaluierungen' verzichten
und den Blick nur noch auf Becks beeindruckende Literaturliste lenken. Sie noch

ergänzen zu wollen, mag nachgerade kleinlich erscheinen, aber Wolfgang Becks


ausdrückliches Streben nach Vollständigkeit verdient die Nennung wenigstens eines
weiteren Beitrages (den übrigens auch Eichner und Nedoma noch nicht gekannt zu
haben scheinen): Gemeint ist Ari Hoptmans 1999 erschienene Abhandlung, die sich

zugleich als Forschungsbericht und als ein überblickshafter Deutungsbeitrag zum


'Zweiten Merseburger Zauberspruch' versteht.6
Allen hier vorgebrachten Einschränkungen zum Trotz scheint mir Wolfgang Becks
Werk in Summe eine freundliche und dankbare Aufnahme zu verdienen, indem man
über die vielen (vor allem sprachlich-stilistischen) Schwächen, die letztlich nicht allzu
substantiell sind (und schon durch eine etwas sorgfältigere Lektorierung zu vermeiden

gewesen wären), hinwegsieht. Auch die konzeptuellen oder editionstechnischen Män

gel schmälern den zentralen Wert als Forschungsbericht nicht wesentlich, befremden
allenfalls ein wenig. Zudem werden derlei Mankos teilweise aufgewogen durch über

zeugend vorgetragene Thesen, etwa durch jene, welche für Fulda als Aufzeichnungsort

argumentiert und von einer Transferierung des (um 990 fertiggestellten) Trägercodex
anläßlich der Wiedererrichtung des Bistums Merseburg im Jahr 1004 ausgeht, oder
durch die Festigung unseres Verständnisses des 'Ersten Merseburger Zauberspruchs'
in Richtung eines Spruchs "zur Fessellösung, der theoretisch auch Amulettfunktion
haben konnte" (S. 378), sowie des 'Zweiten Merseburger Zauberspruchs' als eines
zusätzlichen Heilmittels "bei Distorsionen bzw. Luxationen des Fesselgelenks oder
des Krongelenks eines Pferdes" (S. 378). Darüber hinaus halten wir mit Becks enga
gierter Zusammenschau ein Protokoll germanistischer Streitkultur in Händen, wie es
deutlicher an keinen anderen 'Texträtseln' als an jenen der 'Merseburger Zaubersprü
che' hätte entwickelt werden können - und der Autor ist mit seinem Buch nolens
volens bereits selbst zu einem Teil dieser unendlichen Fachgeschichte geworden.

Prof. Dr. Wernfried Hofmeister, Karl-Franzens-Universität Graz, Institut für Germanistik,


Universitätsplatz 3, A-8010 Graz
E-Mail: wernfried.hofmeister@uni-graz.at

200 Seiten starke Abhandlung bietet - unter expliziter Bezugnahme auf Becks Positionen - so
manch andere Textdeutung. So werden wesentliche Monographie in Neuansätze unserer
Zweifel gezogen, z.B. (für den 1. Spruch) Becks Auffassung von heraduoder als "Krieger
scharen", das als "hier, da dort" verstanden wird, oder (für den 2. Spruch) Becks semantische
Auflösung von birenkict als "eingerenkt", dem weiterhin die 'konventionellere' Deutung "von
Verrenkung betroffen" entgegengehalten wird, nicht ganz zu Unrecht, wie auch ich meine, da
Becks Annahme eines im Zauberspruch schon zu Beginn erzählten erfolgreichen Einrenkens
die weitere intensive Beschwörungshandlung ad absurdum führt - es sei denn, man denkt sich
das weitere Geschehen dieser Heilung gleichsam als 'nachgetragen'. Dafür wären dann aber
die (auf das vergebliche Bemühen der weiblichen Personen bezogenen) präteritalen Handlun
gen nach birenkict besser vorzeitig zu denken und entsprechend mit neuzeitlichem Plusquam
perfekt zu übersetzen ("Da hatten Sinhtgunt und Sünna [...] besungen"); Beck hält jedoch bei
seiner Übersetzung unbeirrt an den Präteritalformen fest (vgl. S. 90).
6 A. Hoptman, The Second Merseburg Charm: A Bibliographie Survey, in: Interdisciplinary
Journal for Germanic Linguistics and Semiotic Analysis 4,1 (1999) 84-154.

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