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ROBERT KOCH INSTITUT

Statistisches Bundesamt

Die hohe Betroffenheit von Frauen und Kindern, aber


auch von Männern durch Gewalt im privaten und
öffentlichen Raum ist mit erheblichen gesundheitlichen
Folgen verbunden, die in der ärztlichen Diagnostik und
gesundheitlichen Prävention zunehmend Beachtung
finden sollten. Das Erkennen von Gewalt als Ursache
physischer und psychischer Beeinträchtigungen kann
zum Abbau von Über-, Unter- oder/und Fehlversorgung Heft 42
der Betroffenen beitragen. Institutionen des Gesund-
heitswesens haben daher als häufig erste und einzige Gesundheitliche Folgen von Gewalt
Anlaufstelle beim Vorliegen von akuten Verletzungen und
gesundheitlichen Folgen von Gewalt eine Schlüsselrolle
unter besonderer Berücksichtigung
bei der Intervention und Prävention weiterer Gewalt. von häuslicher Gewalt gegen Frauen
In dem vorliegenden Themenheft werden – unter
besonderer Berücksichtigung von häuslicher Gewalt
gegen Frauen – Ergebnisse der nationalen und inter-
nationalen Forschung zu gesundheitlichen Folgen von
Gewalt präsentiert und Handlungsanleitungen sowie
Best-Practice-Ansätze für den Umgang mit Gewalt-
betroffenen vorgestellt.

© Robert Koch-Institut
ISBN 978-3-89606-190-4
ISSN 1437-5478

Das Robert Koch-Institut ist ein Bundesinstitut


im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit Gesundheitsberichterstattung des Bundes
Gesundheitsberichterstattung des Bundes
Heft 42

Gesundheitliche Folgen von Gewalt


unter besonderer Berücksichtigung
von häuslicher Gewalt gegen Frauen

Autorinnen: Claudia Hornberg, Monika Schröttle, Sabine Bohne, Nadia Khelaifat


und Andrea Pauli
unter Mitarbeit von Kerstin Horch

Herausgeber: Robert Koch-Institut, Berlin 2008


Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42 3

Gesundheitsberichterstattung des Bundes

Die Gesundheitsberichterstattung des Bundes gebündelt und gemeinsam herausgegeben


(GBE) liefert daten- und indikatorengestützte werden. Die fortlaufende Erscheinungsweise
Beschreibungen und Analysen zu allen Bereichen gewährleistet Aktualität. Die Autorinnen und
des Gesundheitswesens. Autoren sind ausgewiesene Expertinnen und
Experten aus dem jeweiligen Bereich.
www.rki.de
Rahmenbedingungen
des Gesundheitswesens
▶ Informationssystem der Gesundheitsbericht-
erstattung des Bundes
Gesundheitliche Lage ▶ Das Informationssystem der Gesundheits-
berichterstattung des Bundes liefert als
Online-Datenbank schnell, kompakt und
transparent gesundheitsrelevante Informa-
Gesundheits- Gesundheits- tionen zu allen Themenfeldern der Gesund-
verhalten und probleme, heitsberichterstattung. Die Informationen
-gefährdungen Krankheiten werden in Form von individuell gestaltbaren
Tabellen, übersichtlichen Grafiken, verständ-
lichen Texten und präzisen Definitionen
bereitgestellt und können heruntergeladen
Leistungen und Inanspruchnahme
werden. Das System wird ständig ausgebaut.
Derzeit sind aktuelle Informationen aus
über 100 Datenquellen abrufbar. Zusätzlich
können über dieses System die GBE-The-
Ressourcen der Ausgaben,
Gesundheits- Kosten und menhefte sowie weitere GBE-Publikationen
versorgung Finanzierung abgerufen werden.
www.gbe-bund.de

Als dynamisches und in ständiger Aktualisierung ▶ Schwerpunktberichte


begriffenes System bietet die Gesundheitsbericht- ▶ In den Schwerpunktberichten werden spe-
erstattung des Bundes die Informationen zu den zielle Themen der Gesundheit und des Ge-
Themenfeldern in Form sich ergänzender und sundheitssystems detailliert und umfassend
aufeinander beziehender Produkte an: beschrieben.
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▶ Themenhefte der Gesundheitsberichterstattung
des Bundes Die Aussagen der Gesundheitsberichterstattung
▶ In den Themenheften werden spezifische des Bundes beziehen sich auf die nationale,
Informationen zum Gesundheitszustand bundesweite Ebene und haben eine Referenz-
der Bevölkerung und zum Gesundheitssys- funktion für die Gesundheitsberichterstattung
tem handlungsorientiert und übersichtlich der Länder. Auf diese Weise stellt die GBE des
präsentiert. Jedes Themenheft lässt sich Bundes eine fachliche Grundlage für politische
einem der GBE-Themenfelder zuordnen; Entscheidungen bereit und bietet allen Interes-
der innere Aufbau folgt ebenfalls der Struktur sierten eine datengestützte Informationsgrund-
der Themenfelder. Somit bieten die Themen- lage. Darüber hinaus dient sie der Erfolgskon-
felder der GBE sowohl den Rahmen als auch trolle durchgeführter Maßnahmen und trägt zur
die Gliederung für die Einzelhefte. Inhalt- Entwicklung und Evaluierung von Gesundheits-
lich zusammengehörende Themen können zielen bei.
4 Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42

Der Leser- und Nutzerkreis der GBE-Produkte


ist breit gefächert: Angesprochen sind Gesund-
heitspolitikerinnen und -politiker, Expertinnen
und Experten in wissenschaftlichen Forschungs-
einrichtungen und die Fachöffentlichkeit. Zur
Zielgruppe gehören auch Bürgerinnen und Bür-
ger, Patientinnen und Patienten, Verbrauche-
rinnen und Verbraucher und ihre jeweiligen Ver-
bände.

Das vorliegende Heft 42 der Gesundheits-


berichterstattung des Bundes »Gesundheitliche
Folgen von Gewalt« lässt sich folgendermaßen in
das Gesamtspektrum der Themenfelder einord-
nen:

Rahmenbedingungen
des Gesundheitswesens

Gesundheitliche Lage

Gesundheits- Gesundheits-
Gesundheitliche Folgen
probleme, verhalten und
von Gewalt
Krankheiten -gefährdungen

Leistungen und Inanspruchnahme

Ressourcen der Ausgaben,


Gesundheits- Kosten und
versorgung Finanzierung
Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42 5

Inhaltsverzeichnis
1 Gewalterfahrungen – Relevanz der Problematik für das Gesundheitswesen . . 7
2 Ausmaß und gesundheitliche Folgen von Gewalt . . . . . . . . . . . . . . . 8
2.1 Gewaltbetroffenheit von Frauen, Männern und Kindern –
Ergebnisse nationaler und internationaler Gewaltprävalenzstudien . . . . . 8
2.1.1 Forschungssituation und Gewaltbegriffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
2.1.2 Ausmaß und Formen der Gewalt gegen Frauen . . . . . . . . . . . . . . . . 9
2.1.3 Ausmaß und Formen der Gewalt gegen Kinder . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
2.1.4 Ausmaß und Formen der Gewalt gegen Männer . . . . . . . . . . . . . . . . 12
2.2 Gesundheitliche Auswirkungen von Gewalt –
Ergebnisse der internationalen und bundesdeutschen Forschung . . . . . . 13
2.2.1 Verletzungsfolgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
2.2.2 Somatische und psychosomatische Folgebeschwerden . . . . . . . . . . . . 15
2.2.3 Psychische Folgeprobleme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
2.2.4 Gesundheitsgefährdende Überlebens- und Bewältigungsstrategien . . . . . 18
2.2.5 Auswirkungen auf die reproduktive Gesundheit . . . . . . . . . . . . . . . . 19
2.3 Besonders vulnerable Personengruppen und risikoreiche
Lebenssituationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
2.3.1 Gewalt im Kontext von Migration und Flucht . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
2.3.2 Gewalt gegen Menschen mit Behinderungen . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
3 Gesundheitsökonomische und gesellschaftliche Folgekosten von Gewalt . . .24
4 Versorgungsbedarf und Anforderungen an Berufsgruppen im Gesund-
heitswesen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
4.1 Die Schlüsselposition des Gesundheitswesens bei Prävention und
Intervention von Gewalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
4.2 Grundlegende Anforderungen an Fachkräfte im Gesundheitswesen
im Umgang mit Gewalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
4.3 Barrieren seitens der Behandelnden und der Betroffenen . . . . . . . . . . . 28
4.4 Über-, Unter- und Fehlversorgung als Folge des Nicht-Erkennens
von Gewalt als Ursache gesundheitlicher Folgen . . . . . . . . . . . . . . . . 29
4.5 Die Rolle von Gesundheitsfachkräfte im Umgang mit Gewaltopfern
(Erkennen von Gewalt – »red flags«) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
5 Präventions- und Interventionsmöglichkeiten des Gesundheitswesens . . . . 31
5.1 Beseitigung von Kommunikationsbarrieren im Rahmen der Anamnese . . . 31
5.2 Bereitstellung und Verbreitung von qualifiziertem Informationsmaterial . . . 33
5.3 Aus-, Fort- und Weiterbildung aller Berufsgruppen des Gesundheitswesens . . .33
5.4 Leitlinien für die Behandlung von und den Umgang mit Gewaltopfern . . . . 34
6 Beispiele guter Praxis für Prävention und Intervention . . . . . . . . . . . . 35
6.1 Das S.I.G.N.A.L.-Interventionsprogramm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
6.2 Medizinisches Kompetenzzentrum für Gewaltopfer in Hamburg . . . . . . . 36
6.3 Das Netzwerk Gesine . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37
6.4 Kooperation zwischen Hebammen und gynäkologischen Fachärztinnen
und Fachärzten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37
7 Fazit – Forschungs- und Handlungsfelder für die gesundheitliche
Versorgung von Gewaltopfern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
8 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44
9 Glossar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53
10 Links und weiterführende Informationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
6 Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42
Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42 7

Gesundheitliche Folgen von Gewalt


1 Gewalterfahrungen – Relevanz der
Problematik für das Gesundheitswesen

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisati- gegangen, dass mindestens jede fünfte Frau im
on (WHO) gilt Gewalt, insbesondere häusliche Laufe ihres Lebens geschlechtsbezogene Gewalt
Gewalt, als eines der weltweit größten Gesund- mit Folgen für ihre Gesundheit erfahren hat [4, 5].
heitsrisiken für Frauen und Kinder [1], was bis vor Auch internationale Studien aus dem angloame-
wenigen Jahren in Deutschland noch kaum im rikanischen Raum, Europa und anderen Ländern
öffentlichen Bewusstsein verankert war. Daten verweisen darauf, dass das Spektrum traumati-
zur Häufigkeit und Ausprägung häuslicher Ge- scher Folgen und gesundheitlicher Beeinträchti-
walt waren lange Zeit nicht oder nur vereinzelt gungen durch Gewalt erheblich ist [1, 6, 7, 8, 9, 10,
verfügbar und auch im Gesundheitswesen blieb 11, 12, 13, 14].
die Gewaltproblematik als Ursache von Gesund- Ursachen von Gewalt und Zusammenhänge
heitsstörungen bis in die 1990er-Jahre hinein zwischen Gewalt und Geschlechterverhältnissen
weitgehend unberücksichtigt. Während der Welt- wurden bislang vorwiegend im Hinblick auf Män-
gesundheitsversammlung im Jahr 1996 wurde ner als Gewaltausübende und Frauen und Kinder
erstmals eine Resolution verabschiedet, durch die als Gewaltbetroffene thematisiert. Eine in den
Gewaltprävention zu einer prioritären Aufgabe letzten Jahren zu beobachtende Erweiterung der
des öffentlichen Gesundheitswesens erklärt wur- Perspektive in Forschung und Praxis zeigt, dass
de (Resolution WHO 49.25, [2]). Sie stellte heraus, Gewalt im sozialen Nahraum und in engen sozia-
dass Gewalt ernsthafte kurz-, mittel- und langfris- len Beziehungen auch andere Opfergruppen und
tige gesundheitliche und psychosoziale Folgen Täter-Opfer-Kontexte umfasst. Hierzu zählen z. B.
für die Betroffenen hat, die eine besondere He- Kinder als Augenzeugen von Gewalt zwischen den
rausforderung für Gesundheitsdienste und Ge- Eltern, Gewalt gegen alte Menschen und pflegebe-
sundheitsberufe darstellen. Neben den individu- dürftige Familienmitglieder sowie Gewalt gegen
ellen und sozialen Folgen verursacht Gewalt auch Menschen mit Behinderungen und solche mit
erhebliche gesamtgesellschaftliche Kosten. Die Migrationshintergrund. Gesundheitliche Auswir-
Mitgliedsstaaten wurden aufgefordert, das Aus- kungen von Gewalt gegen männliche Jugendliche
maß des Problems in ihren eigenen Ländern zu und erwachsene Männer in unterschiedlichen
analysieren, zu dokumentieren und Präventions- sozialen Kontexten stellen ein weitgehend vernach-
und Interventionsmaßnahmen gegen Gewalt zu lässigtes Forschungsgebiet dar. Die Ergebnisse der
unterstützen bzw. einzuleiten. nicht repräsentativen deutschen Pilotstudie »Ge-
Die repräsentative Prävalenzstudie des Bundes- walt gegen Männer« [15] lassen jedoch erkennen,
ministeriums für Familie, Senioren, Frauen und dass Jungen und Männer insgesamt einem be-
Jugend (BMFSFJ) »Lebenssituation, Sicherheit trächtlichen Risiko körperlicher, psychischer und
und Gesundheit von Frauen in Deutschland« stellt sexualisierter Gewaltübergriffe unter anderem im
erstmals die Datenlage zu Ausmaß und Folgen öffentlichen Raum und in institutionellen Settings
von Gewalt in Deutschland dar [3]. Nach den Er- (z. B. Schule, Arbeitsplatz, Haftanstalt etc.), aber
gebnissen dieser Untersuchung war bundesweit auch in Partnerschaftsbeziehungen, ausgesetzt
etwa jede vierte Frau in ihrem Erwachsenenleben sind. Die Forschungslage zu Männern als Opfer
Gewaltübergriffen durch Partner ausgesetzt. Jede von Gewalt, insbesondere im sozialen Nahraum,
zweite bis dritte in Deutschland lebende Frau war ist jedoch bislang noch kaum entwickelt. Der
darüber hinaus im Laufe ihres Lebens mit sexuel- Kenntnisstand über Ausmaß, Ursachen und Aus-
ler und/oder körperlicher Gewalt in unterschied- prägungen von Gewalt sowie über Behandlungs-
lichen (häuslichen und außerhäuslichen) Lebens- und Unterstützungsbedarf männlicher Gewaltop-
zusammenhängen konfrontiert worden [3]. Nach fer ist in Deutschland entsprechend gering (vgl.
bundesdeutschen Schätzungen wird davon aus- [16, 17]). Aus diesem Grund liegt der Schwerpunkt
8 Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42

des vorliegenden Themenheftes auf Frauen und Sie wird aktuell unterstützt durch die seit eini-
Kindern als Betroffenengruppen. gen Jahren intensivierten Aktivitäten der Weltge-
Die Bedeutung der Gewaltproblematik für die sundheitsorganisation (WHO) im Bereich Gewalt,
Gesundheitsforschung und -praxis resultiert aus gesundheitliche Folgen und Prävention (www.
dem Ausmaß und den komplexen und weitrei- who.int/violence_injury_prevention/violence/
chenden gesundheitlichen Folgen von Gewalt. 1 en/). Darüber hinaus haben in Deutschland zahl-
Über die direkten Verletzungsfolgen von Gewalt reiche Praxisprojekte, (Vernetzungs-)Initiativen
hinaus, sind kurz- und langfristige psychosoma- sowie Aktivitäten der Bundes- und Landesminis-
tische und psychische Gesundheitsbeeinträchti- terien und der Bundesärztekammer dazu beigetra-
gungen von besonderer Relevanz. Hinzu kommt, gen, Gewalt, gesundheitliche Folgen von Gewalt
dass die Betroffenheit durch Gewalt das Gesund- und Gewaltprävention als zentrale Schwerpunkte
heitsverhalten negativ beeinflussen kann, etwa im Gesundheitssystem zu implementieren, wie
durch gesundheitsgefährdende Verhaltensweisen den weiteren Ausführungen im vorliegenden
wie Alkohol-, Tabak-, Drogen- und Medikamenten- Themenheft sowie den entsprechenden Links im
konsum [3, 11, 12, 18, 19, 20, 21, 22, 23, 24, 25]. Anhang zu entnehmen ist.
Aufgrund der hohen quantitativen und quali-
tativen Bedeutung unterschiedlicher Gewaltfor-
men für die Gesundheit von Frauen, Männern 2 Ausmaß und gesundheitliche Folgen
und Kindern, sind differenzierte Kenntnisse von Gewalt
über Zusammenhänge zwischen Gewaltbetrof-
fenheit und potenziellen Gesundheitsfolgen 2.1 Gewaltbetroffenheit von Frauen, Männern
unverzichtbarer Bestandteil für die in der Ge- und Kindern – Ergebnisse nationaler und
sundheitsversorgung tätigen Berufsgruppen. internationaler Gewaltprävalenzstudien
Vorliegende Analysen verweisen hier auf einen
bislang unzureichenden Kenntnisstand im ge- 2.1.1 Forschungssituation und Gewaltbegriffe
samten System der medizinischen Versorgung,
der infolge des Nichterkennens von Gewalt als Erstmals thematisiert durch die Frauenbewe-
Ursache gesundheitlicher Probleme zur Über-, gung der 1970er-Jahre, dauerte es nahezu weitere
Unter- und Fehlversorgung beitragen kann. Fach- 20 Jahre bis sexualisierte und speziell häusliche
liches Wissen über Symptome und Gesundheits- Gewalt gegen Frauen und Kinder in den 1990er-
beeinträchtigungen als Folge von Gewalt sowie Jahren auf nationaler und internationaler Ebene
fachliche Expertise zur Identifizierung besonders (z. B. durch die Weltgesundheitsorganisation) als
vulnerabler Bevölkerungsgruppen sind zentrale gesellschaftliches Problem wahrgenommen wur-
Voraussetzungen, um Gewalt als Ursache von de. Die Frage des Ausmaßes häuslicher Gewalt
Gesundheitsproblemen zu erkennen, anzuspre- wurde seither auch auf europäischer Ebene durch
chen, dokumentieren und entsprechende Unter- zahlreiche Gewaltprävalenzstudien untersucht
stützung/Hilfe leisten zu können. Institutionen (vgl. im Überblick: [11]). Polizeiliche Kriminalstatis-
des Gesundheitswesens als häufig erste Anlauf- tiken können lediglich die strafrechtlich bekannt
stelle beim Vorliegen von akuten Verletzungen werdenden Delikte und somit nur einen Teil des
und gesundheitlichen Störungen (vgl. [3]) ver- Umfangs der häuslichen Gewalt, das sog. »Hell-
fügen in diesem Handlungsfeld über ein hohes feld« häuslicher Gewalt abbilden. Demgegenüber
Interventionspotenzial, das es auch im Hinblick liegt das Potenzial von Gewaltprävalenzstudien
auf die präventive Verhinderung weiterer Gewalt auf der Basis repräsentativer Bevölkerungsstich-
zu nutzen und auszubauen gilt. Die Vermittlung proben darin, das tatsächliche Ausmaß von Gewalt
von Fachinformationen, die Bereitstellung von im sozialen Nahraum und damit auch das nicht
Handlungsanleitungen und die Verbreitung von aktenkundige »Dunkelfeld« besser erfassen zu
Best-Practice-Ansätzen für den Umgang mit und
1 Diese wurden zum einen in bevölkerungsbasierten reprä-
die Behandlung von Gewaltbetroffenen ist dem- sentativen Gewaltprävalenzstudien erfasst, zum anderen
zufolge unverzichtbar und eine weiterhin zu för- im Rahmen von Studien in Institutionen der gesundheitli-
dernde Aufgabe. chen Versorgung (vgl. im Überblick: [1, 11, 18]).
Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42 9

können. Eine besondere Schwierigkeit besteht – im Kontext von Gewalt sehr stark differieren und
trotz eines differenzierten Befragungsinstrumen- unterschiedliche Gewaltphänomene beleuchten,
tariums, verfeinerter Methoden des Feldzugangs wird der verwendete Gewaltbegriff abhängig von
und der Interviewführung – nach wie vor darin, der zugrunde liegenden Forschungsfrage ent-
die Schwere von Gewaltübergriffen zu klassifizie- sprechend weit oder eng gefasst. Eine universelle,
ren und die mittelbaren und unmittelbaren ge- allgemeingültige Definition von Gewalt ist daher
sundheitlichen Folgen von Gewalt festzustellen. nicht möglich und würde auch der Komplexität
Eine präzisere Erfassung der kurz- und langfristi- des Begriffs nicht gerecht werden [31].
gen gesundheitlichen Folgen von Gewalt erfordert Die Gewaltforschung unterscheidet in der Regel
weitere Befragungsstudien, die zum einen auf re- zwischen psychischer Gewalt, körperlicher Gewalt
präsentativen Bevölkerungsstichproben basieren und sexualisierter Gewalt. Bei Gewalt gegen Kin-
und objektive wie subjektive Gesundheitsdaten der und pflegebedürftige Personen ist zudem der
einbeziehen; in diesem Kontext erscheinen Befra- Begriff der Vernachlässigung relevant. Psychische
gungsmodule zu Gewalt in Gesundheitssurveys Gewalt kann je nach Kontext sehr unterschiedliche
besonders relevant. Zum anderen können Befra- Dimensionen umfassen. In jüngster Zeit haben
gungen in verschiedenen Sektoren der gesund- Phänomene wie Stalking, Mobbing am Arbeits-
heitlichen Versorgung fachbereichsspezifische platz und Bullying in Schule und Ausbildung [32]
Aussagen über bestehende Gewaltausmaße, Fol- an Bedeutung gewonnen. Während sich die Wahr-
gen und Bedarfslagen ermöglichen. nehmung von Gewalt gegen Frauen lange Zeit auf
In Gewaltprävalenzstudien werden, um einer sexuelle Belästigung, sexualisierte Gewalt und
Untererfassung von Gewalt entgegenzuwirken, körperliche Gewalt im häuslichen Kontext kon-
kaum explizite Fragen zu erlebter »Gewalt«, son- zentrierte, hat sich die Perspektive mittlerweile auf
dern in der Regel konkrete handlungsbezogene andere Gewaltformen und -kontexte ausgeweitet.
Fragen (z. B. »wurden Sie geschlagen?«) gestellt. Zunehmend Beachtung finden z. B. mit Blick auf
Viele Handlungen, insbesondere in engsten sozi- die erheblichen psychischen und gesundheitlichen
alen Beziehungen, werden von den Betroffenen Folgen systematische psychische Misshandlungen
nicht als »Gewalt« wahrgenommen und bezeich- in Form emotionaler Gewalt (z. B. Demütigungen,
net (vgl. [11, 23, 26]). Darüber hinaus sind bei der psychisch-verbale Drohungen, Einschüchterung)
Untersuchung von Gewalterfahrungen sensible durch Beziehungspartner sowie durch bekannte
Feldzugänge und Erhebungsmethoden erforder- Personen in Ausbildung und Arbeitswelt [3, 5].
lich, da die Gefahr von Retraumatisierung und Re- Darüber hinaus wird Stalking seit 2002 im Kon-
viktimisierung der Befragten besteht [23, 27, 28]. text des Gewaltschutzgesetzes unter straf- und
Es ist zudem davon auszugehen, dass Betroffe- zivilrechtlichen Gesichtspunkten als bedeutsame
ne unter dem Eindruck schwerer Gewalt- und Gewaltform berücksichtigt, um Opfer z. B. vor
Kontrollsituationen, z. B. in Paar- und Familien- wiederholten Nachstellungen schützen zu können
beziehungen, nur schwer für ein Interview zu (vgl. [33]).
gewinnen sind und Gewaltereignisse gegenüber
Dritten nur zögerlich offenlegen. Auch repräsen-
tative bevölkerungsbasierte Viktimisierungs- und 2.1.2 Ausmaß und Formen der Gewalt gegen
Gewaltprävalenzstudien bilden insofern lediglich Frauen
untere Grenzwerte ab und können nie das gesam-
te Dunkelfeld von Gewalt aufdecken [29, 30].2 Zur Feststellung des Ausmaßes von Gewalt gegen
Die kontextabhängige, individuelle Wahrneh- Frauen liegen inzwischen zahlreiche nationale
mung und Bewertung von »Gewalt« und die feh- und internationale Studien vor (vgl. im Überblick:
lende Schärfe des Gewaltbegriffs konfrontieren [11, 21]). Die WHO erstellte eine erste internationale
die empirische Forschung grundsätzlich mit der Gewaltprävalenzstudie, die überwiegend außer-
Schwierigkeit, »Gewalt« als solche einzugrenzen
und zu operationalisieren und damit eine Ver-
2 Vgl. zu einem Überblick bisheriger europäischer Gewalt-
gleichbarkeit der generierten Daten zu gewährleis- prävalenzstudien und ihrer Methodik, sowie zur Vergleich-
ten (vgl. [11, 23, 26]). Da Forschungsfragestellungen barkeit der Daten im Überblick: [11, 26]
10 Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42

Abbildung 1
Ausmaß von Gewalt gegen Frauen in verschiedenen (außereuropäischen)
Ländern nach den Ergebnissen der WHO-Multy-Country-Studie
Quelle: [21]

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europäische Länder einbezog. Folgende Ausmaße Auf der Basis der bislang ersten deutschen Re-
der Gewaltbetroffenheit wurden in der Studie für präsentativuntersuchung zu Gewalt gegen Frauen
einzelne Länder festgestellt (siehe Abbildung 1). [3] ist davon auszugehen, dass etwa jede vierte Frau
Die Gewaltprävalenzen in europäischen Län- in ihrem Erwachsenenleben mindestens einmal
dern wurden in einer sekundäranalytisch verglei- körperliche und/oder sexuelle Übergriffe durch
chenden Studie des Forschungsnetzwerks CAHRV einen Beziehungspartner erlebt hat. Werden auch
ausgewertet (vgl. [26]). Der Studie nach hat etwa Gewaltübergriffe durch andere Täter/innen im öf-
jede dritte bis fünfte Frau in den untersuchten fentlichen, halböffentlichen und privaten Bereich
Ländern Deutschland, Schweden, Frankreich, einbezogen, beträgt der Anteil der betroffenen
Finnland und Litauen im Verlauf ihres Lebens Frauen, die seit dem 16. Lebensjahr körperliche
körperliche Gewalt durch einen aktuellen und/ Übergriffe wie Wegschubsen, Ohrfeigen bis hin zu
oder früheren Partner erfahren und 6 – 12 % waren Tritten, Faustschlägen und Waffengewalt erlebt ha-
nach eigenen Angaben von sexueller Gewalt durch ben, 37 %. Etwa zwei Drittel der Betroffenen gaben
aktuelle/frühere Partner betroffen. Außerhalb von mittlere bis schwere Formen körperlicher Gewalt
Partnerschaften hatten 9 – 23 % körperliche und an, die mit Verletzungsfolgen, Angst vor ernsthaf-
8 – 19 % sexuelle Gewalt erlebt [26]. ter/lebensgefährlicher Verletzung, Waffeneinsatz
Zur Einschätzung der Prävalenz von Gewalt oder/und wiederholten Gewaltsituationen einher-
gegen Frauen, Männer und Kinder in Deutsch- gingen. Sexuelle Gewalterfahrungen seit dem 16.
land liegen mehrere sozialwissenschaftliche und Lebensjahr im Sinne strafrechtlich relevanter sexu-
kriminologische Untersuchungen vor (vgl. im eller Übergriffe, wie z. B. Vergewaltigung, versuch-
Überblick: [30, 34, 35, 36, 37]), deren Ergebnisse im te Vergewaltigung und sexuelle Nötigung, wurden
Folgenden kurz zusammengefasst werden. von 13 % der Befragten angegeben; dies entspricht
Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42 11

Abbildung 2
Prävalenzen zu Gewalt gegen Frauen seit dem 16. Lebensjahr im Überblick
Quelle: [3]

Körperliche Gewalt

Sexuelle Gewalt

Sexuelle Belästigung

Psychische Gewalt
Körperliche/sexuelle Gewalt
durch aktuelle/frühere Partner
Nachstellungen/Stalking

            

Fallbasis sind in den ersten vier Kategorien alle befragten Frauen (N = 10.264); bei den
Angaben zu Gewalt in Paarbeziehungen dagegen nur Frauen, die aktuell oder früher in
einer Paarbeziehung gelebt haben (N = 9.746); bei den Angaben zu Nachstellungen/Stal-
king alle Frauen, die den schriftlichen Zusatzfragebogen ausgefüllt haben (N = 9.640).
Alle Prävalenzdaten wurden auf der Basis eines gewichteten Datensatzes ermittelt.

jeder siebten in Deutschland lebenden Frau. Unter und relevante Risikofaktoren in unterschiedlichen
Einbeziehung weiterer sexualisierter Gewaltfor- Betroffenengruppen, die im Rahmen von Inter-
men, wie z. B. schwererer Formen sexueller Belästi- vention und Prävention besonderer Aufmerksam-
gung und ungewollter sexueller Handlungen, steigt keit bedürfen.
der Anteil der Betroffenen sexueller Gewalt auf bis
zu ein Drittel (34 %) an. 58 % der Befragten gaben
unterschiedliche Formen sexueller Belästigung 2.1.3 Ausmaß und Formen der Gewalt gegen
im öffentlichen und privaten Raum sowie in Ar- Kinder
beitskontexten an. 42 % der Frauen waren darüber
hinaus psychischer Gewalt im Erwachsenenleben Gewalt gegen Kinder findet überwiegend in der
ausgesetzt, die von Einschüchterungen, aggressi- Familie statt. Sie wird in der Fachdiskussion un-
vem Anschreien, Verleumdungen, Drohungen und ter den Begriffen »elterliche körperliche Gewalt«,
Demütigungen bis hin zu Psychoterror reichte (vgl. »Kindesmisshandlung«, »sexueller Missbrauch«,
Abbildung 2). »Kindesvernachlässigung« und »seelische oder
Die Vorstellung, Gewalt gegen Frauen komme emotionale Misshandlung« thematisiert (vgl. zur
nur in prekären sozialen Lagen vor, muss aufgrund Begriffsbestimmung [34]). Darüber hinaus sind
der bisherigen Forschungslage relativiert werden. psychische und physische Gewalt von und zwi-
Ebenso lässt sich kein einfacher Bildungs- und schen Kindern und Jugendlichen im Kontext von
Schichtzusammenhang in der Gewaltausübung Schule und Peer-Groups (Stichwort: Bullying) von
und Gewaltbetroffenheit bei häuslicher Gewalt Bedeutung. Kinder und Jugendliche treten dabei
feststellen [3]. Zu den Hauptrisikofaktoren für die sowohl als Opfer als auch als Gewaltausübende
Entstehung von Gewalt bzw. für größere Gewalt- in Erscheinung [39, 40]. Einheitliche Definitionen
betroffenheit gehören frühere Gewalterfahrungen für die unterschiedlichen Formen von Gewalt ge-
in Kindheit und Jugend. Die Gewaltbelastungen gen Kinder existieren weder auf nationaler noch
liegen hier um ein Vielfaches höher (vgl. [3]). auf internationaler Ebene (vgl. [11, 34, 41]).
Eine noch laufende sekundäranalytische Aus- In bundesdeutschen Dunkelfeldstudien aus
wertung der Daten im Auftrag des BMFSFJ lässt den 1990er-Jahren, in denen Schülerinnen und
weitere Erkenntnisse über unterschiedliche Ge- Schüler sowie Erwachsene zu körperlicher Gewalt
waltmuster und Schwere von Gewalt in Partner- im Rahmen der elterlichen Erziehung befragt
beziehungen erwarten. Sie wird ferner Aufschluss wurden (vgl. u. a. [42, 43], im Überblick: [34]),
geben über spezifische Gefährdungspotenziale wurde das Ausmaß körperlicher Gewalthandlun-
12 Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42

gen gegenüber Kindern und Jugendlichen durch der betroffenen Kinder liegt die Relevanz der in-
Eltern/Erziehungsberechtigte mit 70 – 80 % direkten Gewalterfahrung in der prägenden Ein-
angegeben. Etwa 10 – 15 % der Befragten hatten flussnahme auf den weiteren Entwicklungs- und
schwerere Formen erlebt, die der körperlichen Sozialisationsprozess (z. B. Leistungseinbruch in
Kindesmisshandlung zuzurechnen waren (z. B. der Schule, Ängstlichkeit, Entwicklungsverzöge-
Faustschläge, Tritte, Würgen, Verprügeln, Ver- rungen). Untersuchungen verweisen zudem auf
brühungen, Einsatz von Waffen und Gegenstän- geschlechtsspezifische Auswirkungen, die für
den zur körperlichen Züchtigung, vgl. [34, 44]). Mädchen das Risiko erhöhen im Erwachsenen-
Insgesamt ist seit einiger Zeit ein Rückgang in alter selbst Opfer von Partnergewalt zu werden
der Anwendung körperlicher Gewalt als elter- [3, 49]. Jungen, die väterliche Gewalt gegenüber
lichem Erziehungsmittel zu verzeichnen. Dies der Mutter lange Zeit miterleben mussten, tragen
ist für den Bereich der Kindesmisshandlung als ein erhöhtes Risiko, frühere Gewalterfahrungen
schwerer Form elterlicher Gewalt nicht in ver- als spätere Täter in Familie, Partnerschaft und
gleichbarer Weise festzustellen [43, 45]. anderen Lebensbereichen weiterzugeben [47, 50];
Das Ausmaß von Kindesvernachlässigung in aber auch ein erhöhtes Risiko von Viktimisierun-
Deutschland ist angesichts der bestehenden Dun- gen im späteren Lebensverlauf ist hier möglich.
kelfelder sowie aufgrund der schwierigen Operati- Die beschriebenen Formen von Gewalt gegen-
onalisierung und methodischen Erhebung des Tat- über Kindern treten zumeist nicht isoliert auf. Die
bestandes »Kindesvernachlässigung« nur schwer Mehrheit der betroffenen Kinder ist unterschied-
zu bestimmen. Der Deutsche Kinderschutzbund lichen Formen und Kombinationen von Gewalt
bezifferte im Jahr 2002 die Zahl der von erheb- ausgesetzt [34].
licher Vernachlässigung betroffenen Kinder auf Im Rahmen des aktuellen Kinder- und Jugend-
mindestens 50.000. Nach oben hin bewegen sich gesundheitssurveys wurden erstmals in Deutsch-
die Dunkelfeldschätzungen in der Spannbreite land Kinder und Jugendliche von 11 – 17 Jahren re-
zwischen 250.000 und 500.000 Kindern und präsentativ zu Gewalt- und Gesundheitsaspekten
einer Prävalenz von 5 – 10 % [34]. befragt [39]. Etwa jedes zehnte Kind hat demnach
Einer Zusammenfassung von Studienergeb- in den letzten 12 Monaten vor der Befragung nach
nissen seit den 1980er-Jahren zufolge liegt in eigenen Angaben »Gewalt«3 erlebt; mehr als die
Deutschland die geschlechtsspezifische Betrof- Hälfte der Betroffenen hat zudem selbst Gewalt
fenheit von Mädchen durch sexuellen Missbrauch ausgeübt [37]. Die Auswertungen zu den gesund-
bei etwa 10 – 18 %, während für Jungen ein Anteil heitlichen Folgen der Gewalt waren zum Zeitpunkt
von 5 – 7 % angenommen wird. Interpretationen der Fertigstellung des vorliegenden Themenheftes
dieser Daten bedürfen der Berücksichtigung der noch nicht verfügbar.
heterogenen definitorischen Bestimmungen von
»sexuellem Missbrauch« sowie der Berücksich-
tigung großer Dunkelfelder (vgl. [34, 46, 47]). 2.1.4 Ausmaß und Formen der Gewalt gegen
Im Kontext sexuellen Missbrauchs wurde in der Männer
Vergangenheit deutlich, dass Gewalt gegen Kin-
der sich nicht nur auf die Eltern-Kind-Beziehung Zum Verbreitungsgrad und zur Schwere von
und auf erwachsene Täter beschränkt, sondern Gewalt gegen Männer, sowohl im öffentlichen
dass Gewalthandlungen häufig auf Gleichaltrige Raum als auch im sozialen Nahraum, existieren
bzw. kindliche/jugendliche Täter zurückgehen.
Weitgehend unbeachtet blieb lange Zeit die
3 In der Studie wird direkt nach dem Erleben und Ausüben
Rolle von Kindern, die als Zeugen und Mitbetrof-
von »Gewalt« gefragt und nicht nach konkreten (objektivier-
fene von Gewalt zwischen den Eltern geschädigt baren) Handlungen. Damit wurde ausschließlich die sub-
werden. Untersuchungsergebnissen zufolge war jektive Komponente von Gewalt erfasst. Handlungen, die in
in Deutschland etwa jede bzw. jeder siebte bis der Familie und im sozialen Nahraum häufig subjektiv nicht
als »Gewalt« eingestuft werden, sind nicht berücksichtigt,
vierte Befragte von dieser mittelbaren Form be-
was insgesamt zu einer Untererfassung dieser Gewalthand-
troffen (vgl. [3, 29, 47, 48]). Neben der persönli- lungen beigetragen haben dürfte. Vgl. zu den methodischen
chen körperlichen und psychischen Gefährdung Standards der Gewaltprävalenzforschung: [23]
Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42 13

bislang in Deutschland noch keine verlässlichen sind Frauen zusätzlich in mittleren Altersgrup-
repräsentativen Daten, die unterschiedliche For- pen in hohem Maße von körperlicher und sexu-
men von Gewalt differenziert erfassen. Krimino- eller Gewalt betroffen. Bedeutsame Unterschiede
logische Viktimisierungsstudien, Jugendgewalt- liegen darin, dass bei Frauen häufiger schwerere
studien und eine erste Pilotstudie des BMFSFJ Formen von Partnergewalt sowie sexuelle Gewalt
zu Gewalt gegen Männer [38] legen nahe, dass vorliegen, wohingegen Männer und männliche
die Viktimisierung durch Gewalt eine geschlech- Jugendliche vergleichsweise häufiger körperliche
terübergreifende Problematik darstellt, die auch Gewalt im öffentlichen Raum erfahren. Psychi-
Männer in unterschiedlichen Lebensphasen und scher Gewalt sind beide Geschlechter in hohem
-kontexten betrifft [51]. Kriminologische Studien Maße ausgesetzt, wobei geschlechtervergleichen-
aus den frühen 1990er-Jahren verweisen darauf, de Aussagen noch weitere vertiefende Studien
dass Männer in Deutschland etwa gleich häufig für unterschiedliche Lebensbereiche erfordern.
und zum Teil sogar häufiger als Frauen Opfer von
Gewalt in unterschiedlichen Lebenskontexten
werden [52, 53]. Insbesondere jüngere Männer 2.2 Gesundheitliche Auswirkungen von Gewalt –
und männliche Jugendliche gehören einerseits Ergebnisse der internationalen und bundes-
zu der am häufigsten von Gewalt betroffenen deutschen Forschung
Opfergruppe in Öffentlichkeit und Freizeit und
treten andererseits gehäuft als Gewaltausüben- In zahlreichen nationalen und internationalen
de in Erscheinung. Bedeutsame Gewaltkontexte Untersuchungen wurde ein Zusammenhang zwi-
sind öffentliche Räume (z. B. Schule, Ausbildung, schen Gewalterfahrungen in der Kindheit und/
Arbeitsplatz, Wehrdienst, Freizeiteinrichtungen, oder im Erwachsenenleben und mittelbaren sowie
Sportvereine) sowie Freundes- und näherer Be- unmittelbaren gesundheitlichen und psychischen
kanntenkreis (Jugendclique, Peer-Group). Nach Folgen festgestellt (vgl. [6, 18, 19, 54, 55]; vgl. auch
den Ergebnissen der evaluativen, das Problem- [5, 7, 11, 37, 49, 56]). Insbesondere frühe Gewalt in
feld zunächst erkundenden, aufgrund der ge- der Kindheit und kumulierte Gewalterfahrun-
ringen Fallzahlen aber nicht repräsentativen gen im Lebensverlauf können den psychischen
Pilotstudie des BMFSFJ zu Gewalterfahrungen und physischen Gesundheitszustand nachhaltig
von Männern [15] äußerten 40 % der Befragten, prägen (ebd., sowie [14, 24, 54, 57, 58, 59, 60]). In
in ihrem Erwachsenenleben körperlicher Ge- der Darstellung von Gewaltfolgen wird zwischen
walt, 5 % sexuellen Gewaltübergriffen und 58 % kurz-, mittel- und langfristigen Beeinträchtigun-
psychischer Gewalt ausgesetzt gewesen zu sein. gen unterschieden. Unmittelbare Auswirkungen
Die Ergebnisse deuten auf vergleichbar hohe Ge- resultieren zunächst aus den akuten Verletzungs-
waltbetroffenheiten von Männern und Frauen bei folgen sowie aus den direkten psychischen und
körperlicher Gewalt hin, während Männer von psychosozialen Folgeproblemen von Gewalt, die
sexueller Gewalt seltener und von psychischer z. B. Angst- und Bedrohungsgefühle, psychischen
Gewalt, vorwiegend im Arbeitskontext, häufiger Stress, Leistungs- und Konzentrationsschwierig-
betroffen waren. Etwa jeder vierte befragte Mann keiten, erhöhten Alkohol- und Medikamenten-
der Pilotstudie gab darüber hinaus an, körperli- konsum umfassen. Darüber hinaus sind in der
chen Übergriffen in Paarbeziehungen ausgesetzt Forschung somatische, psychosomatische und
gewesen zu sein, die allerdings in Häufigkeit und psychische Symptomatiken als mittel- und lang-
Schwere deutliche Unterschiede zu der von Frau- fristige Gesundheitsfolgen körperlicher, sexuel-
en erlebten höheren Gewaltintensität in Paarbe- ler und psychischer Gewalt beschrieben (vgl. zur
ziehungen aufweisen (vgl. [15, 29, 30]). methodischen Erfassung von Gesundheitsfolgen
Zusammenfassend kann festgestellt werden, im Rahmen der Gewaltprävalenz- und Gesund-
dass beide Geschlechter erheblich von Gewalt in heitsforschung [11, 23, 29]). Die folgende Übersicht
der Kindheit und im Erwachsenenleben betrof- zeigt entsprechend dieser Systematisierung eine
fen sind. Während bei Männern körperliche Ge- Zusammenstellung der gesundheitlichen Folgen
walt in Kindheit und Jugend sowie im jüngeren von Gewalt gegen Frauen und Mädchen (Abbil-
Erwachsenenalter eine besondere Rolle spielt, dung 3).
14 Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42

Abbildung 3
Systematisierung gesundheitlicher Folgen von Gewalt
Quelle: [131]

Gesundheitliche Folgen von Gewalt gegen Frauen und Mädchen

nicht-tödliche Folgen tödliche Folgen

Körperliche Folgen (Psycho-)somatische Folgen Psychische Folgen


▶ Verletzungen ▶ chronische Schmerzsyndrome ▶ Posttraumatische Belastungs-
▶ funktionelle Beeinträchti- ▶ Reizdarmsyndrom störungen
gungen ▶ Magen-Darm-Störungen ▶ Depression, Ängste, Schlaf-
▶ dauerhafte Behinderungen ▶ Harnwegsinfektionen störungen, Panikattacken
▶ Atemwegsbeschwerden ▶ Essstörungen
▶ Verlust von Selbstachtung
▶ tödliche
und Selbstwertgefühl
Verletzungen
▶ Suizidalität
▶ Tötung
Gesundheitsgefährdende Folgen für die reproduktive ▶ Mord
(Überlebens-)Strategien als Gesundheit ▶ Suizid
Folgen
▶ Eileiter- u. Eierstockentzün-
▶ Rauchen dungen
▶ Alkohol- und Drogengebrauch ▶ sexuell übertragbare Krank-
▶ risikoreiches Sexualverhalten heiten
▶ selbstverletzendes Verhalten ▶ ungewollte Schwangerschaften
▶ Schwangerschaftskomplika-
tionen
▶ Fehlgeburten/niedriges
Geburtsgewicht

Da nicht allein die realen Gewaltereignisse, ▶ Die Befragung von Gewaltbetroffenen nach
sondern auch die individuelle Bewertung und den direkten Verletzungsfolgen, psychischen
Verarbeitung dieser Erfahrungen Einfluss auf die und psychosozialen Beeinträchtigungen infol-
physische und psychische Gesundheit nehmen, ge von konkreten Gewaltereignissen oder Ge-
sind die komplexen multifaktoriellen Ursachen- waltsituationen.
und Wirkungszusammenhänge von Gesundheits- ▶ Der Vergleich des aktuellen Gesundheitszu-
folgen in ihrem Zusammenspiel mit Gewalt empi- standes von Betroffenen und Nichtbetroffenen
risch nur schwer zu erfassen. Darüber hinaus sind im Hinblick auf aktuelle körperliche und psy-
auch die möglichen Wechselwirkungen zwischen chische Beschwerden, Gesundheitsverhalten
gesundheitlicher Beeinträchtigung, erhöhter Vul- und Aspekte der medizinischen Versorgung.
nerabilität und Gewaltbetroffenheit sowie sozia-
len Folgeproblemen von Gewalt (z. B. Isolation, Über beide Zugänge konnten in der Vergan-
Armut) bislang noch nicht ausreichend wissen- genheit Hinweise auf vielfältige gesundheitli-
schaftlich untersucht. Die vorliegenden empirisch che Gewaltfolgen gefunden werden (vgl. u. a.
gesicherten Befunde beziehen sich im Wesentli- [3, 5, 6, 11, 18, 23, 54]).
chen auf die gesundheitlichen Folgen von Gewalt
bei Frauen respektive Mädchen, die im Rahmen
von Prävalenzstudien in der Regel über zwei me-
thodische Zugänge generiert wurden:
Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42 15

2.2.1 Verletzungsfolgen nissen bisheriger nationaler und internationaler


Studien nach deutlich geringer [15, 29, 30, 62, 63].
Nach den Ergebnissen der bundesdeutschen Allerdings deutet sich in kriminologischen, sozio-
Gewaltprävalenzstudie [3] trugen etwa die Hälfte logischen und Jugendstudien an, dass insbeson-
(55 %) der Opfer körperlicher und gut zwei Fünftel dere jüngere Männer und männliche Jugendliche
(44 %) der Opfer sexueller Gewalt nach eigenen im öffentlichen Raum, aber auch in Schule, Aus-
Angaben Verletzungen unterschiedlichen Aus- bildung, Wehrdienst und in der Freizeit vielfach
maßes davon. Insgesamt hat etwa jede fünfte in gleichgeschlechtlichen Gewaltübergriffen mit er-
Deutschland lebende Frau im Alter von 16 bis 85 heblichen körperlichen Verletzungsfolgen ausge-
Jahren in ihrem Erwachsenenleben mindestens setzt sind (vgl. [15, 52, 64]).
einmal körperliche Verletzungen infolge von Für Deutschland existieren bislang unter an-
Gewalt erlitten. Die angegebenen Verletzungen derem aufgrund der hohen Dunkelfelder keine
umfassten Hämatome, Verstauchungen, Kno- repräsentativen quantitativen Angaben über das
chenbrüche, Kopf- und Gesichtsverletzungen bis Ausmaß körperlicher Verletzungen infolge von
hin zu Verletzungen im Genitalbereich. Bei etwa Kindesmisshandlung [56]. Verletzungsfolgen
einem Drittel der Frauen mit Verletzungsfolgen durch elterliche Gewalt gegen Kinder, Kindes-
waren diese so schwer, dass medizinische Hilfe misshandlung und sexuellen Missbrauch werden
in Anspruch genommen wurde. In den Fällen, in insbesondere in der kinderärztlichen Praxis, in
denen der Partner oder Ex-Partner als Täter be- Unfallambulanzen, in der Kinder- und Jugend-
nannt wurde, berichteten die Frauen vergleichs- hilfe sowie in Erziehungs- und Betreuungsinsti-
weise häufiger (zu 64 %) als bei anderen bekann- tutionen (Kindergärten/Schulen) sichtbar. In den
ten oder unbekannten Tätern Verletzungsfolgen. Jugendhilfesystemen verschiedener Länder wurde
Die Ergebnisse decken sich mit den Befunden bei etwa 40 – 60 % der bekannt gewordenen Fälle
anderer europäischer Studien, wonach mindes- körperlicher Misshandlung Verletzungsfolgen be-
tens 60 – 70 % der von körperlicher und/oder richtet; 4 – 6 % der Fälle waren so schwer, dass eine
sexueller Partnergewalt betroffenen Frauen mit medizinische Behandlung erfolgte [56]. Am häu-
unmittelbaren körperlichen Verletzungen und figsten wurden Hämatome und Kratzer genannt,
Beeinträchtigungen konfrontiert waren. Zudem darüber hinaus spielten schwerere Verletzungen
handelte es sich bei Partnergewalt häufiger um wie Platzwunden, Knochenbrüche, Verbrennun-
mehrfache Gewaltübergriffe und seltener um ein- gen/Verbrühungen, Schütteltraumen und inne-
malige Handlungen (vgl. auch die sekundäranaly- re Blutungen eine Rolle [56]. Da gewaltbedingte
tisch vergleichenden Auswertungen in [26]). Verletzungen und Todesfälle bei Kindern im me-
Die Mehrzahl der Frauen mit Verletzungsfol- dizinischen Sektor, aber auch im Bereich der Kin-
gen durch körperliche und/oder sexuelle Gewalt der- und Jugendhilfe oft nicht (frühzeitig) erkannt
seitens eines (Ex-)Partners berichteten in der deut- werden, sind Informationen und Fortbildungen
schen Gewaltprävalenzstudie über Hämatome/ zur Diagnostik und Bewertung von Anzeichen für
Prellungen (89 %), gefolgt von Schmerzen am Kör- Kindesmisshandlung unabdingbar [65, 66].
per (26 %), offenen Wunden (20 %), Unterleibs-
schmerzen (18 %), Verstauchungen/Zerrungen
(18 %), Kopf- (18 %) und vaginalen Verletzungen 2.2.2 Somatische und psychosomatische Folge-
(10 %), Gehirnerschütterungen (10 %), Frakturen beschwerden
am Körper (5 %), Fehlgeburten (4 %) und inneren
Verletzungen (3 %) [3]. Befragungen von Patientin- Somatische und psychosomatische Folgen von
nen in Notfallambulanzen identifizierten demge- Gewalt sind in ihren konkreten multifaktoriellen
genüber erwartungsgemäß einen noch höheren Wirkungszusammenhängen empirisch schwer
Anteil schwerer Verletzungsfolgen wie Kopfver- erfassbar. Über Wechselwirkungen und kumu-
letzungen und Knochenbrüche [29, 61]. lative Prozesse, z. B. bedingt durch verschiede-
Das Ausmaß und die Qualität von Verletzun- ne Gewaltformen, Folgeprobleme von Gewalt
gen, die Männer als Gewaltbetroffene in (heterose- und andere Einflussfaktoren, liegt bislang noch
xuellen) Paarbeziehungen erleben, ist den Ergeb- wenig systematisches Wissen vor. Verfügbare
16 Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42

Studien belegen jedoch signifikante statistische Eine sekundäranalytische Auswertung der deut-
Zusammenhänge zwischen Gewalterfahrungen schen Repräsentativstudie zu Gewalt gegen Frau-
und körperlichen Symptomatiken. Gewalterfah- en [5] belegt einen hoch signifikanten Zusammen-
rungen bedeuten demnach einen hohen psy- hang zwischen der Betroffenheit durch Gewalt im
chosozialen Belastungsfaktor, der eng mit dem Lebensverlauf und der gesundheitlichen Situation
erlittenen Gewaltausmaß assoziiert ist, über die der Befragten. Frauen, die seit dem 16. Lebensjahr
Beendigung der Gewaltsituation hinaus bestehen körperlichen Übergriffen, sexueller oder psychi-
bleibt und zudem psychosomatische Beschwer- scher Gewalt ausgesetzt waren, bewerteten den
den (mit)verursachen kann. eigenen Gesundheitszustand im Vergleich zu
Internationale Forschungsergebnisse verwei- Nicht-Betroffenen durchweg negativer. Sie äußer-
sen auf Verbindungen zwischen Gewalterfahrun- ten zudem deutlich mehr körperliche und psychi-
gen in der Kindheit und im Erwachsenenleben mit sche Beschwerden (z. B. Kopf- und Bauchschmer-
verschiedenen Schmerzsyndromen, gastrointesti- zen, Magen-/Darmprobleme, Zittern, Nervosität,
nalen Symptomen, Herz-Kreislaufbeschwerden, Schwindel, Atemprobleme, Blutdruckschwankun-
gynäkologischen und zerebralen Beschwerden gen, Unterleibsschmerzen und andere gynäkolo-
sowie Hauterkrankungen [3, 7, 9, 12, 13, 14, 21, 24, gische Beschwerden). Eine bedeutsame Zunahme
54, 55, 60, 67, 68, 69, 70, 71, 72]. Die Wahrschein- der gesundheitlichen Belastungen wurde vor dem
lichkeit eines gynäkologischen Leidens war einer Hintergrund kumulativer Gewalterfahrungen im
großen repräsentativen US-Erhebung zufolge bei Lebensverlauf (z. B. Missbrauch in der Kindheit,
misshandelten Frauen erheblich höher als in der spätere Partnergewalt) sichtbar. Vergleichbare,
Kontrollgruppe [72]. Gynäkologische Probleme ursächlich mit Gewalterfahrungen in Verbindung
bildeten den am deutlichsten und ausgeprägtes- stehende somatische Beschwerden und Schmerz-
ten Unterschied in der somatischen Gesundheit syndrome wurden in einer Patientinnenbefragung
zwischen misshandelten und nicht misshandelten des Berliner S.I.G.N.A.L.-Begleitprojektes (Kapitel
Frauen [18]. 6.1) beobachtet [29, 61]. Darüber hinaus wurden in

Tabelle 1
Gewalterfahrungen von Frauen und aktuelle Gesundheit anhand der Anzahl
von psychischen und körperlichen Beschwerden in den letzten 12 Monaten
Quelle: [3]

Mehr als 11 körperliche Beschwerden Mehr als 7 psychische Beschwerden


in den letzten 12 Monaten in den letzten 12 Monaten
Körperliche Gewalt seit 16. Lebensjahr erlebt?
ja 46,4 % 63,1 %
nein 24,3 % 35,9 %
Sexuelle Gewalt seit 16. Lebensjahr erlebt?
ja 54,7 % 71,8 %
nein 29,4 % 42,3 %
Körperliche oder sexuelle Gewalt durch (Ex-)Partner?
ja 48,2 % 65,2 %
nein 28,0 % 40,2 %
Sexuelle Belästigung erlebt?
ja 40,7 % 58,0 %
nein 20,8 % 28,7 %
Psychische Gewalt erlebt?
ja 45,8 % 64,8 %
nein 22,9 % 32,3 %
Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42 17

Patientinnenbefragungen signifikante Korrelatio- (11 – 26 %) benannt. Hinweise auf Essstörungen


nen zwischen körperlicher Gewalt und funktionel- fanden sich bei 7 – 9 % der betroffenen Frauen,
len Herzbeschwerden sowie Asthma aufgezeigt Selbstmordgedanken führten 6 – 9 % an.
(vgl. [73]). Signifikante Zusammenhänge waren darü-
In Tabelle 1, die auf den Daten der bundesdeut- ber hinaus zwischen aktuellen psychischen Be-
schen Prävalenzstudie beruht, wird sichtbar, dass schwerden und unterschiedlichen Formen von
alle Formen von Gewalt mit deutlich erhöhten ge- Gewalt in der Kindheit und im Erwachsenenle-
sundheitlichen und psychischen Belastungen der ben festzustellen. Besonders auffällig war eine
Frauen assoziiert sind. deutlich erhöhte Betroffenheit durch Stress- und
Belastungssymptome (Nervosität, Anspannung
und Reizbarkeit), Gedächtnisstörungen und
2.2.3 Psychische Folgeprobleme Konzentrationsschwierigkeiten, Schwäche, Mü-
digkeit und Schlafprobleme sowie Antriebslosig-
In der internationalen Forschung sind zahlreiche keit, Depressionen, Angstanfälle/Panikattacken,
psychische Beschwerden und Symptomatiken Selbstmordgedanken und Selbstwertprobleme [5].
beschrieben, die mit Gewalterfahrungen in der Gesundheitliche Beeinträchtigungen und psychi-
Kindheit und im Erwachsenenleben assoziiert sche Beschwerden können auf akute Gewaltsitu-
sind. Dazu gehören bei Gewalt gegen Frauen ins- ationen, aber ebenso auf frühere Gewalterfahrun-
besondere Depressionen, Stresssymptome, Angst- gen zurückgehen. In der Studie zeigten sich hohe
störungen, Posttraumatische Belastungsstörun- psychische Belastungswerte bei Betroffenen, die
gen (PTBS), Essstörungen und Suizidalität [1, 3, sowohl in Kindheit und Erwachsenenalter neben
7, 8, 9, 12, 18, 55, 57, 59, 60, 68, 72, 74, 75, 76, 77, 78]. körperlicher Gewalt zusätzlich von sexueller und/
Bei Gewalt gegenüber Kindern wurden darüber oder psychischer Gewalt betroffen waren [5]. Diese
hinaus Beeinträchtigungen in der kognitiven und Ergebnisse verdeutlichen die Relevanz kumulati-
emotionalen Entwicklung festgestellt [34, 41, 47, 79, ver Gewalterfahrungen unterschiedlicher Intensi-
80, 81, 82, 83, 84, 85]. tät und bestätigen Zusammenhänge zwischen der
Bereits in den 1970er-Jahren wurde der Begriff Schwere bzw. Häufigkeit der erlebten Gewalt und
des »Vergewaltigungstraumasyndroms« [86] ge- dem Ausmaß psychischer Beschwerden. In Über-
prägt, das Reaktionen wie Schlaflosigkeit, Übel- einstimmung mit weiteren Befunden nationaler
keit, Schreckhaftigkeit und Albträume sowie Zu- und internationaler Studien zu den psychischen
stände von Empfindungslosigkeit und Erstarrung Folgen von Kindesmisshandlung und Kindesver-
infolge sexualisierter Gewalt beschreibt. Auch nachlässigung zeigt sich eine enge Verbindung
hier gilt es, zwischen kurz- und längerfristigen, von Gewalterfahrungen in der Kindheit (und im
zum Teil verzögert auftretenden Stress- und Be- Erwachsenenleben) mit Störungen des Sozialver-
lastungssymptomen zu differenzieren. Das breite haltens, depressiven Erkrankungen, posttraumati-
Spektrum der möglichen psychischen und psy- schen Belastungsstörungen und allgemein hoher
chosozialen Folgen von Gewalt reflektieren in psychiatrischer Auffälligkeit (vgl. im Überblick:
Übereinstimmung mit anderen europäischen Un- [56, 85]). Dies unterstreicht die Bedeutung zeitna-
tersuchungen [11, 26] die Ergebnisse der deutschen her Interventionen, um sekundären Traumatisie-
Gewaltprävalenzstudie [3]. Im Zusammenhang rungen entgegenzuwirken und neben der Behand-
mit der erlebten psychischen, physischen und se- lung der körperlichen Gesundheitsbeschwerden
xuellen Gewalt wurden von den Betroffenen als eine individuelle Bearbeitung der psychischen
unmittelbare Folgen verschiedener Gewaltformen Auswirkungen zu ermöglichen.
Niedergeschlagenheit/Depressionen (36 – 46 %), Weitere Untersuchungen sollten darauf ausge-
Schlafstörungen/Alpträume (27 – 33 %), dauern- richtet sein, die Verbindungen zwischen diesen
des Grübeln (50 – 69 %), vermindertes Selbst- unterschiedlichen psychischen, somatischen und
wertgefühl (36 – 55 %), erhöhte Ängste (18 – 24 %), psychosomatischen (Folge-)Beschwerden und ver-
Probleme im Umgang mit Männern bzw. Schwie- schiedenen Ausprägungen von Gewalt sowie ihre
rigkeiten in sozialen Beziehungen (13 – 34 %) so- Wechselwirkungen mit anderen gesundheitsbe-
wie Antriebslosigkeit/Konzentrationsschwäche lastenden und -fördernden Bedingungen genauer
18 Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42

zu erfassen. Auf dieser Basis könnten weiterge- mindestens zehn Zigaretten täglich. In der Studie
hende Anhaltspunkte für Prävention sowie medi- wurde darüber hinaus der Konsum von Alkohol,
zinische (und psychotherapeutische) Diagnostik Drogen oder psychotropen Medikamenten von vie-
und Behandlung abgeleitet werden. len betroffenen Frauen als ein Versuch benannt,
die psychischen Belastungen zu bewältigen.
Gewaltbetroffene Frauen nahmen darüber
2.2.4 Gesundheitsgefährdende Überlebens- und hinaus deutlich seltener außerhäusliche sportli-
Bewältigungsstrategien che Aktivitäten wahr als Nicht-Betroffene. Sie wa-
ren, wenn sie Gewalt in der Kindheit und/oder im
Gesundheitsgefährdende Überlebens- und Bewäl- Erwachsenenleben erlebt hatten, stärker sozial iso-
tigungsstrategien nach Gewalterfahrungen um- liert und benannten häufiger Defizite und Proble-
fassen u. a. die Einnahme von Alkohol, Drogen me in ihren sozialen Beziehungen [5], wobei letz-
und psychotropen Medikamenten [1, 3, 18, 29, 175]. teres sowohl eine Ursache als auch eine Folge von
Als die Gesundheit beeinträchtigende Verhaltens- (fortgesetzter) Gewalt sein kann. So werden Opfer
weisen sind zudem hoher Tabakkonsum, einge- von häuslicher Gewalt häufig durch gewalttätige
schränkte körperliche und außerhäusliche Aktivi- Partner in ihren Außenkontakten kontrolliert und
tät, soziale Isolation, selbstverletzendes Verhalten von diesen isoliert. Die sekundäranalytischen Aus-
(z. B. Hautritzen) sowie häufige Partnerwechsel wertungen der Studie zeigen zudem, dass soziale
in Verbindung mit ungeschütztem Geschlechts- Isolation stark assoziiert ist mit einem schlechte-
verkehr bekannt (ebd.). Nach den Analysen der ren Gesundheitszustand der Befragten.
deutschen Gewaltprävalenzstudie [3] konsumier-
ten Betroffene von Gewalt signifikant häufiger
und mehr Tabak und Alkohol, wobei vor allem
der erhöhte Tabakkonsum auffällt (vgl. Tabelle 2).
Gewaltbetroffene Frauen rauchten im Vergleich
zu Nicht-Betroffenen zwei- bis dreimal häufiger

Tabelle 2
Gewalterfahrungen von Frauen und aktueller täglicher Alkohol-/Tabakkonsum
Quelle: [3]

Alkoholkonsum Tabakkonsum mehr


täglich/fast täglich als 10 Zigaretten täglich
Körperliche Gewalt seit 16. Lebensjahr erlebt?
ja 8,9 % 25,0 %
nein 6,0 % 10,8 %
Sexuelle Gewalt seit 16. Lebensjahr erlebt?
ja 9,5 % 27,5 %
nein 6,7 % 14,3 %
Körperliche oder sexuelle Gewalt durch (Ex-)Partner?
ja 9,2 % 29,3 %
nein 6,7 % 11,8 %
Sexuelle Belästigung erlebt?
ja 7,8 % 19,1 %
nein 6,0 % 11,7 %
Psychische Gewalt erlebt?
ja 8,1 % 22,1 %
nein 6,3 % 11,6 %
Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42 19

2.2.5 Auswirkungen auf die reproduktive des Zusammenhangs von Schwangerschaft/Ge-


Gesundheit burt der Kinder und dem Auftreten von Gewalt in
Paarbeziehungen hin.
Schwangerschaft und Mutterschaft bedeu- Psychische Belastungen zurückliegender und
ten nicht nur für die Frau einen bedeutsamen aktueller Gewalterfahrungen können ebenso wie
Lebenseinschnitt. Sie stellen auch die Paarbezie- akute gewaltbedingte Verletzungsfolgen bedeut-
hung vor neue Herausforderungen und machen same Komplikationen im Schwangerschafts- und
diverse Anpassungsleistungen notwendig. Dass Geburtsverlauf verursachen.
es sich hierbei für Frauen um eine besonders In der bundesdeutschen Gewaltprävalenzstu-
gefährdete und vulnerable Lebens- bzw. Um- die gaben gewaltbetroffene Frauen signifikant
bruchphase handelt, zeigt die Häufigkeit mit der häufiger als nicht betroffene Frauen Unterleibs-
Gewalt in Paarbeziehungen erstmals im Kontext bzw. gynäkologische Beschwerden an. Komplika-
von Schwangerschaft und Geburt des ersten tionen bei Schwangerschaft und Geburt wurden
Kindes auftritt [3, 87]. Nach einer Sonderauswer- von ihnen durchschnittlich um etwa 50 % und
tung der bundesdeutschen Gewaltprävalenzstu- Unterleibsoperationen um etwa 20 % häufiger
die [3] berichteten 23 % der Frauen, die hierzu genannt (vgl. Tabelle 3).
Angaben in Bezug auf Gewalt in der letzten ge- Aus Patientinnenbefragungen im Gesundheits-
waltbelasteten Paarbeziehung gemacht haben sektor geht hervor, dass Fehl- und Frühgeburten,
(N=784), die Gewalt sei erstmals im Kontext von Schwangerschaftsabbrüche und Zyklusstörungen
Schwangerschaft und/oder Geburt des/der Kin- von gewaltbetroffenen Frauen vergleichsweise
der aufgetreten. Auch wenn es sich hier wegen häufiger und teilweise auch als direkte Gewaltfol-
der hohen Ausfallsquoten und Selektivitäten ge angegeben wurden [29, 61, 73]. Durch Gewalt
in der Beantwortung der Frage nicht um einen verursachte Schwangerschaftskomplikationen
verallgemeinerbaren Befund handelt, deuten die sind auch durch internationale Forschungsergeb-
Ergebnisse auf eine erhebliche Größenordnung nisse belegt [1, 88].

Tabelle 3
Gewalterfahrungen von Frauen und reproduktive Gesundheit anhand von Unterleibsoperationen und
Komplikationen bei Schwangerschaft und Geburt
Quelle: [3]

Komplikationen bei Unterleibsoperationen


Schwangerschaft/Geburt
Körperliche Gewalt seit 16. Lebensjahr erlebt?
ja 27,0 % 28,5 %
nein 19,0 % 23,8 %
Sexuelle Gewalt seit 16. Lebensjahr erlebt?
ja 31,4 % 33,1 %
nein 20,7 % 24,5 %
Körperliche oder sexuelle Gewalt durch (Ex-)Partner?
ja 29,8 % 30,9 %
nein 20,9 % 25,3 %
Sexuelle Belästigung erlebt?
ja 25,1 % 26,9 %
nein 17,5 % 23,6 %
Psychische Gewalt erlebt?
ja 26,7 % 27,2 %
nein 18,6 % 24,3 %
20 Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42

Gewaltbetroffene Frauen nehmen präventive ▶ Gewaltbetroffene und Gewaltausübende in


Maßnahmen wie Schwangerschaftsvorsorgeunter- einer engen sozialen und/oder emotionalen
suchungen anteilsmäßig in geringerem Umfang Beziehung bzw. in einem Abhängigkeitsver-
und zu einem späteren Zeitpunkt in Anspruch. Dies hältnis zueinander stehen (z. B. Familien- und
kann mit negativen Auswirkungen für das un-/neu- Paarbeziehungen). Eine Beendigung der Ge-
geborene Kind, mit Früh- und Fehlgeburten, sowie waltsituation ist unter diesen Voraussetzungen
einem geringeren Geburtsgewicht korrelieren. Des deutlich erschwert. Zudem können Versuche
Weiteren ist ein Zusammenhang zwischen häus- der Gegenwehr und Flucht, z. B. aufgrund
licher Gewalt und postnatalen Depressionen sowie von psychischen und/oder körperlichen Ein-
Schwangerschaftsdepressionen und Posttraumati- schränkungen bei Behinderung und Pflegebe-
schen Belastungsstörungen belegt [89]. dürftigkeit oder situativen Gegebenheiten (z. B.
finanzielle Abhängigkeit, Verlust der Aufent-
haltsbewilligung), stark limitiert sein.
2.3 Besonders vulnerable Personengruppen und
risikoreiche Lebenssituationen Eine vertiefende Darstellung dieser weiter zu
differenzierenden vulnerablen Betroffenengrup-
Mit Blick auf erhöhte Gewaltbetroffenheiten sind pen in ihren spezifischen Lebenssituationen kann
Frauen und Kinder im Kontext häuslicher Gewalt, im Rahmen des vorliegenden Themenheftes nicht
Frauen und Kinder in Bezug auf sexualisierte Ge- geleistet werden. An dieser Stelle soll daher exem-
walt, sowie Jungen und männliche Jugendliche plarisch die besondere Vulnerabilität von Frauen
mit Blick auf Peer-Group-Gewalt und Gewalt im mit Behinderungen und von Frauen mit Migra-
öffentlichen Raum als besonders vulnerable Bevöl- tionshintergrund aufgegriffen werden, um die
kerungsgruppen einzustufen. Häusliche Gewalt oben beschriebenen Aspekte zu verdeutlichen.
gegenüber Frauen kommt in allen sozialen Schich-
ten vor und auch die häufig vermutete soziale Auf-
fälligkeit der Täter bzw. der Familien in denen Ge- 2.3.1 Gewalt im Kontext von Migration und
walt ausgeübt wird, ist nur selten zu beobachten. Flucht
Dennoch gibt es komplexe Problemkonstellatio-
nen, besondere Lebenssituationen und Umbruch- Frauen und Männer mit Migrationshintergrund
phasen im Lebenslauf, welche die Vulnerabilität repräsentieren eine sehr heterogene Personen-
für Gewalterfahrungen potenziell erhöhen und die gruppe. Sie umfasst unabhängig von der Staats-
Beendigung von (fortgesetzter) Gewalt erschweren angehörigkeit ausländische Arbeitnehmer und
können. Hierzu zählen z. B. Schwangerschaft und Arbeitnehmerinnen sowohl der ersten als auch
Mutterschaft, Behinderung, Krankheit, hohes Alter, der Folgegenerationen, Spätaussiedler und Spät-
ungesicherter Aufenthalts- oder Minoritätenstatus, aussiedlerinnen und andere Eingebürgerte, Kin-
Integration in traditionell patriarchalisch struktu- der aus binationalen Beziehungen, Asylbewerber
rierte Familienverbände, sozioökonomische Man- und Asylbewerberinnen, (Kriegs-)Flüchtlinge,
gellagen, die mit benachteiligenden Lebens- und Ausländer/-innen ohne legalen Aufenthaltsstatus.
Arbeitsverhältnissen zusammenhängen, sowie die Menschen mit Migrationshintergrund unterschei-
Einbindung in Institutionen, die mit spezifischen den sich nicht nur hinsichtlich ihres Aufenthalts-
Abhängigkeiten einhergehen (z. B. Haftanstalt, status und z. B. daraus resultierender rechtlicher
Bundeswehr/Militär, Pflege- und Betreuungsein- Ansprüche auf gesundheitliche Versorgung
richtungen). Das mögliche Spektrum und Ausmaß [90, 91], sondern auch im Hinblick auf Aspekte
der gesundheitlichen Auswirkungen von Gewalt der Lebenssituation und sozialen Lage.
sind neben der Schwere der Übergriffe wesentlich Während Ergebnisse zum Zusammenhang
davon beeinflusst, ob: zwischen Migration und Gesundheit aus nati-
onalen und internationalen Studien vorliegen
▶ Gewalt systematisch und/oder kumulativ über (vgl. [90, 92, 93, 94]), wurde die Verbindung von
einen längeren Zeitraum hinweg ausgeübt (häuslicher) Gewalt, Migration und Gesundheit
wird; bislang nur in wenigen Studien aufgegriffen
Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42 21

und systematisch untersucht. Bisherige Studien religiöse Gruppen einzugrenzendes Problem.


verweisen auf einen Zusammenhang zwischen Die vielfach unterstellte und teilweise auch reale
Migrationshintergrund und Gesundheit einer- Legitimierung von Gewalt gegen Frauen in be-
seits (vgl. auch [5, 90, 92, 94]) sowie zwischen stimmten Kultur- und Religionszusammenhän-
Migrationshintergrund und Gewalt andererseits gen (z. B. bei islamischgläubigen Bevölkerungs-
[5, 11, 95, 96]. Nach den Ergebnissen der deutschen gruppen) kann die höhere Gewaltbetroffenheit
Prävalenzstudie waren Frauen mit türkischem von Migrantinnen nur unzureichend erklären. Es
Migrationshintergrund im Vergleich zu osteuro- ist vielmehr anzunehmen, dass kumulative Be-
päischen Migrantinnen und deutschen Frauen lastungen durch Minoritätenstatus, ungesicherten
(ohne Migrationshintergrund) in höherem Maße Aufenthaltsstatus, mangelnde Integration, finan-
schwerer körperlicher und/oder sexueller Gewalt zielle Probleme, Arbeitslosigkeit, beengte Wohn-
mit Verletzungsfolgen in der Partnerschaft ausge- verhältnisse, hohe Wohndichte, Statusverlust/
setzt [3, 5]. Im öffentlichen Raum erfuhren beide Statusinkonsistenz der Männer sowie fehlende
Migrantinnengruppen deutlich häufiger als Nicht- soziale Netze Gewalt begünstigende Risikofak-
Migrantinnen psychische Gewalt und Diskrimi- toren darstellen [96, 99, 101, 102, 103, 104]. Die im
nierung [5]. Eine nichtrepräsentative Befragung deutschen Aufenthaltsgesetz verankerte Kopplung
von Asylbewerberinnen4 in der genannten Studie des Aufenthaltsstatus weiblicher Migrantinnen an
von Schröttle und Müller [3] kam darüber hinaus das Bleiberecht der Ehemänner5 kann gewaltbe-
zu dem Ergebnis, dass diese im Vergleich zu an- lastende Abhängigkeitsverhältnisse und poten-
deren Befragungsgruppen am massivsten von Ge- ziellen Machtmissbrauch prinzipiell begünstigen
walt in unterschiedlichen Lebensbereichen betrof- [105, 106]. Bestehende finanzielle/materielle Ab-
fen waren. Die Gewaltbetroffenheit konzentrierte hängigkeiten erschweren die Herauslösung aus
sich bei diesen nicht auf Ehe und Partnerschaft, gewaltbelasteten Beziehungen zusätzlich (vgl.
sondern schloss darüber hinausgehend vielfältige [99, 107, 108]). Dies gilt vor allem für illegal ein-
psychische, körperliche und sexualisierte Über- gereiste bzw. eingeschleuste Migrantinnen und
griffe durch unbekannte Personen im öffentlichen Frauen ohne eigenständigen Aufenthaltsstatus.
Raum, durch Mitbewohner und -bewohnerinnen Im Kontext von Zwangsprostitution und auch
in Wohn- und Übergangsheimen sowie durch Mit- Zwangsverheiratung sind sie als besonders ge-
arbeiter und Mitarbeiterinnen und Betreuungs- waltgefährdete Gruppe anzunehmen.
personen in Ämtern, Schulen, Behörden und
Hilfseinrichtungen ein [3]. Bei Asylbewerbern und
Asylbewerberinnen ist zudem insgesamt häufiger 4 In der Teilpopulationen-Befragung von Schröttle und
Müller ([3]) umfasst der hier übernommene Begriff von
von vorhergehenden gewaltbelasteten Erfahrun- »Asylbewerber/innen« im Gegensatz zu der rechtlichen
gen und Traumatisierungen im Kontext von Krieg, Definition alle Frauen, »(…) die Asyl beantragt haben, als
Verfolgung und Flucht in den Herkunftsländern Asylberechtigte anerkannt worden sind oder über eine (vor-
auszugehen, so dass die Prävalenz Posttrauma- läufige) Aufenthaltsbefugnis bzw. Bleiberecht verfügen«.
Dies schließt auch Flüchtlingsfrauen mit ein, »(…) die den
tischer Belastungsstörung entsprechend hoch ist Schutz von Sonderregelungen genießen, weil ihnen (u. a.
[97, 98]. Da in Deutschland nur wenige adäquate nach Ablehnung des Asylantrages) eine Rückkehr in ihr
Hilfemöglichkeiten bestehen, um die in extremen Land, z. B. aufgrund von Bürgerkrieg, religiöser Verfolgung
Abhängigkeitssituationen lebenden asylsuchen- oder lebensbedrohlicher Diskriminierung nicht zugemutet
werden kann« ([3] Teilpopulationen – Erhebung bei Flücht-
den Frauen, Männer und Kinder vor weiterer bzw. lingsfrauen S. 4).
erneuter Gewalt und Retraumatisierung zu schüt- 5 Nach dem deutschen Aufenthaltsgesetz (AufentG § 31,
zen, ist die Situation der Betroffenen als beson- Abs. 2) droht Frauen, die nicht seit über zwei Jahren mit
ders problematisch einzuschätzen. Eine weitere ihrem Ehemann rechtmäßig in Deutschland leben, bei
Trennung die Abschiebung. Ausnahmen erlaubt das Auf-
durch körperliche und sexuelle Gewalt besonders enthaltsgesetz nur in Fällen von besonderer Härte. Nach
gefährdete Gruppe stellen Migrantinnen dar, die der geltenden Regelung kann körperliche, sexuelle oder
als Prostituierte arbeiten und keinen legalen Auf- psychische Gewalt in der Ehe eine besondere Härte begrün-
enthaltstitel in Deutschland haben [99, 100]. den. Dies bleibt aber grundsätzlich eine Frage der Einzel-
fallbetrachtung und hat sich nach Aussagen von Frauen-
Häusliche Gewalt ist jedoch kein migrations- häusern und Beratungsstellen in der Rechtspraxis noch
spezifisches oder auf bestimmte ethnische und nicht generell durchgesetzt (Stand: Herbst/Winter 2007).
22 Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42

Die mögliche Potenzierung von Gewalterfah- en, [109]). Menschen mit Behinderungen bilden
rungen und gesundheitlichen Belastungen vor keine einheitliche Gruppe, sondern leben in sehr
bzw. während des Migrationsprozesses durch zu- unterschiedlichen Situationen und sind in unter-
sätzliche strukturelle gesellschaftliche Benachtei- schiedlichem Maße in ihrem täglichen Leben auf-
ligungen, Gewaltübergriffe im häuslichen Umfeld grund von Behinderungen und chronischen Er-
und im öffentlichen Raum des Einwanderungslan- krankungen eingeschränkt. Viele Betroffene sind
des wurde bislang kaum differenziert untersucht. besonders gefährdet, Gewalt zu erfahren, da ihr
Besonderer Berücksichtigung bedarf in diesem Leben, abhängig von den vorliegenden Beeinträch-
Kontext die Gruppe der alternden Migrantinnen tigungen und funktionellen Einschränkungen, in
der so genannten ersten Einwanderungsgene- diversen Bereichen fremdbestimmt ist. Dies gilt
ration, die in erhöhtem Maße gesundheitlichen vor allem bei institutioneller Unterbringung und
und psychischen Belastungen ausgesetzt sind [5]. intensiver Abhängigkeit von Pflegeleistungen. Ge-
Mangelnde Sensibilität für potenzielle Gewalt- wie walt gegen Menschen mit Behinderungen findet
auch Diskriminierungserfahrungen im Lebens- vielfach verdeckt im familiären Nahbereich, in
lauf von (hochaltrigen) Migrantinnen, z. B. im Einrichtungen der Behindertenhilfe [110] sowie im
gesamten Bereich der medizinischen, psychia- Rahmen der Pflege alter Menschen statt. Die be-
trischen und psychosozialen Versorgung oder in stehenden Abhängigkeitsverhältnisse gegenüber
Altenpflegeeinrichtungen kann unter Umständen potenziellen Tätern und Täterinnen sind hier in
zu Retraumatisierungen und diversen gesund- der Regel sehr eng.
heitlichen und psychischen Folgebeschwerden Repräsentative Studien, die Gewaltprävalen-
beitragen. Im Hinblick auf eine bedarfsgerechte zen und Gesundheitsfolgen von Gewalt bei Frau-
Unterstützung und Gesundheitsversorgung der en, Männern und Kindern mit verschiedenen
Betroffenen gilt es diesen Aspekten in Forschung Behinderungen erfassen, liegen auf nationaler
und Praxis künftig mehr Bedeutung beizumes- Ebene nicht und auf internationaler Ebene nur
sen. Einer Sonderauswertung der deutschen vereinzelt vor. Sie sind aufgrund ihres unter-
Gewaltprävalenzstudie zufolge ist die zum Teil schiedlichen methodischen Vorgehens kaum
schlechtere gesundheitliche Situation türkischer miteinander vergleichbar.7 Die Studien verweisen
Migrantinnen nicht vorwiegend auf deren erhöhte
Gewaltbetroffenheit zurückzuführen, sondern vor 6 Es existieren verschiedene Definitionen von Behinderung.
allem im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Nach § 2 des Sozialgesetzbuches IX (1) sind Menschen be-
Diskriminierungen, schwierigen sozialen Lagen hindert, »wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähig-
sowie mangelhafter beruflicher und sozialer Ein- keit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlich-
keit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter
bindung zu sehen. Die Gewaltbetroffenheit, die typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am
unabhängig vom ethnischen Hintergrund der Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist« [174]. Die Defi-
Befragten einen deutlich negativen Einfluss auf nition der Weltgesundheitsorganisation von Behinderung
die gesundheitliche Situation von Frauen haben unterscheidet drei Begrifflichkeiten. Demnach kann ein
dauerhafter gesundheitlicher Schaden ursächlich infolge
kann, stellt hier lediglich einen zusätzlichen Belas- einer Erkrankung, einer angeborenen Schädigung oder
tungsfaktor unter einer Vielzahl problematischer eines Unfalls entstehen. Dieser Schaden führt zu einer
Lebensbedingungen dar [5]. funktionalen Beeinträchtigung der Fähigkeiten und Aktivi-
täten des Betroffenen. Die soziale Beeinträchtigung (han-
dicap) ist Folge des Schadens und äußert sich in persön-
lichen, familiären und gesellschaftlichen Konsequenzen.
2.3.2 Gewalt gegen Menschen mit Behinde- Die Kausalität der Behinderung wird heute von der Schä-
rungen6 digung (engl. impairment) über die Einschränkung der
Fähigkeiten (engl. disability) zur Beeinträchtigung (engl.
handicap) interpretiert (vgl. zur Definition von Behinde-
Gewalt im Kontext von Behinderung war lange rung auch RKI, GBE-Glossar, Stichworte »Behinderung«
ein tabuisiertes Thema, das in seiner individu- und »ICIDH«).
ellen und gesamtgesellschaftlichen Relevanz 7 Ein Vergleich der Studien ist problematisch, da sich die
erst in jüngster Zeit öffentlich wahrgenommen Fragestellungen, die Gewaltdefinitionen, die Stichproben
sowie die untersuchten Zeiträume der Gewalterfahrungen
wird (vgl. auch Aktionsplan II der Bundesregie- und nicht zuletzt die Einschlusskriterien von Menschen
rung zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frau- mit Behinderungen unterscheiden.
Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42 23

allgemein auf eine erhöhte Gewaltbetroffenheit men höher zu sein scheint als in anderen Bevölke-
von Menschen mit Behinderungen, insbesondere rungsgruppen. In diesem Zusammenhang ist zu
im Bereich der psychischen Diskriminierung und berücksichtigen, dass körperliche und psychische
psychischen Gewalt sowie der sexuellen Gewalt Behinderungen und Krankheiten auch eine Folge
[111, 112, 113, 114, 115, 116]. Der Alltag von Frauen und früherer Gewalterfahrungen (z. B. in der Kindheit)
Männern mit Behinderungen ist nicht selten von sein können [112].
diskriminierenden und stigmatisierenden Erfah- Obwohl bislang, auch wegen der hohen Dun-
rungen geprägt. Eine aktuelle britische Studie der kelfelder, keine umfassenden Statistiken über
Women‘s Aid Federation of England verweist auf sexuelle Gewalt gegenüber Frauen, Männern
die besonders hoch belastete und von extremen und Kindern mit Behinderungen vorliegen, ist
Abhängigkeiten geprägte Situation vieler Frauen aufgrund der Forschungslage von einem hohen
mit Behinderungen, die besonders gravierende Ausmaß an sexualisierter Gewalt, vor allem in
Formen und Ausprägungen psychischer, physi- Institutionen, auszugehen [112, 113, 117]. Ausmaße
scher und sexueller Gewalt im häuslichen und und Folgen von sexualisierter Gewalt gegenüber
Pflegekontext begünstigen und eine Hilfesuche Menschen mit geistigen Behinderungen8 wurden
und Beendigung der Situation in hohem Maße in den letzten Jahren verstärkt fokussiert. Ein vom
erschweren. Die umfangreiche Studie, in der Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen
sowohl gewaltbetroffene Frauen als auch unter- und Jugend (BMFSFJ) gefördertes Forschungs-
schiedliche Berufsgruppen der psychosozialen projekt (2001 – 2004) zum Umgang mit sexueller
Unterstützungssysteme befragt wurden, enthält Selbstbestimmung und sexueller Gewalt in Wohn-
zahlreiche Empfehlungen zur Gewaltprävention einrichtungen für junge Menschen mit geistiger
und zur Verbesserung der Unterstützung gewalt- Behinderung hat gezeigt, dass mangelnder Selbst-
betroffener Frauen mit Behinderungen [176]. In wert und eingeschränkte Selbstbehauptungsfä-
einer deutschen Studie zur Lebenssituation von higkeiten das Risiko erhöhen, Opfer sexualisier-
Frauen mit Behinderung [112] gaben zwei Drittel ter Gewalt zu werden. So scheitert eine Abwehr
der Frauen mit Körper- und Sinnesbehinderungen von sexualisierten Übergriffen der Bewohner und
an, diskriminierende Erfahrungen gemacht zu ha- Bewohnerinnen häufig im Ansatz daran, dass
ben. Diese implizieren eine besondere Form psy- sie Grenzüberschreitungen und Übergriffe nicht
chischer Gewalt, deren mögliche Auswirkungen als solche wahrzunehmen vermochten [177]. Den
auf die körperliche und psychische Gesundheit Ergebnissen einer bundesweiten Befragung [118]
bislang noch nicht systematisch in die Gewalt- und zufolge, waren 50 % der befragten Mitarbeiter und
Gesundheitsforschung einbezogen wurden. Nach Mitarbeiterinnen in verschiedenen Institutionen
den Ergebnissen der bundesdeutschen Gewaltprä- der Behindertenhilfe Fälle sexualisierter Gewalt
valenzstudie [3] wiesen Frauen mit chronischen innerhalb der eigenen Einrichtungen bekannt.
Erkrankungen und körperlichen Behinderungen Mädchen und Frauen mit geistigen Behinderun-
gegenüber Nicht-Betroffenen eine deutlich erhöh- gen wurden laut dieser Studie drei- bis viermal so
te Gewaltbelastung auf: 50 % hatten körperliche häufig sexuell missbraucht wie Jungen und Män-
Übergriffe seit dem 16. Lebensjahr erlebt, 21 % se- ner mit entsprechenden Behinderungen. Aus an-
xuelle Gewalt und 56 % psychische Gewalt in un-
8 Vom Begriff der geistigen Behinderungen wird in letzter
terschiedlichen Lebensbereichen (unveröffentlich- Zeit zunehmend abgewichen, da er von Behinderteniniti-
te Sonderauswertungen, 2007). Wenngleich die ativen sowie von Teilen der Forschung und Politik als (zu)
geringen Fallzahlen einen statistisch signifikanten wenig differenziert, an Defiziten orientiert und zum Teil als
Nachweis der Unterschiede nicht erlauben und in diskriminierend eingestuft wird (vgl. 119; vgl. auch 115, 118],
Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland e.V.,
der Studie zudem relevante Gruppen von Frauen http://www.people1.de/). Da die alternativ empfohlenen
mit Behinderungen aufgrund der Methodik und bzw. neuerdings verwendeten Begriffe „Lernbehinderung“
Zugänge nicht erreicht werden konnten, geben die und »Lernschwierigkeiten« in der bisherigen Forschung
Ergebnisse dennoch erste Hinweise darauf, dass anders gefasst und definiert wurden, bedient sich die vor-
liegende Expertise dennoch der in älteren Studien verwen-
auch in Deutschland die Gewaltbetroffenheit von deten Begrifflichkeit der geistigen Behinderung, um die
Frauen mit Behinderungen und chronischen Er- Inhalte der referierten Studienergebnisse nicht zu verzer-
krankungen in Bezug auf alle erlebten Gewaltfor- ren.
24 Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42

deren Studien liegen zudem Hinweise vor, dass und Kindern mit Behinderungen systematisch
Mädchen und Frauen mit geistigen Behinderun- erfassen [120]. Eine bundesweite Studie, die auf
gen in der Tendenz schwerere Formen von sexua- eine differenzierte Erhebung von Gewaltprävalen-
lisierter Gewalt (z. B. Vergewaltigung) erlebten als zen, gesundheitlichen Gewaltfolgen sowie Inter-
geistig behinderte Jungen und Männer [117]. Poten- ventions- und Unterstützungsbedarfe bei behin-
zielle Täter kommen vor allem bei sexualisierter derten Frauen fokussiert, ist für die kommenden
Gewalt vielfach aus dem unmittelbaren Umfeld Jahre von Seiten des BMFSFJ geplant (vgl. [109]).
von Familienangehörigen, Assistenz- und Fach-
kräften in betreuenden Einrichtungen, aber auch
aus den Reihen von Mitbewohnern [112, 117]. Die 3 Gesundheitsökonomische und gesell-
Aufdeckung und Beendigung von Gewaltüber- schaftliche Folgekosten von Gewalt
griffen kann unter diesen Umständen deutlich
erschwert sein. Nationale und internationale Studien weisen dar-
Auf (sexualisierte) Gewalt scheinen Menschen auf hin, dass Gewalt neben den individuellen und
mit Behinderungen mit ähnlichen gesundheitli- sozialen Folgen erhebliche gesamtgesellschaft-
chen Folgen wie nicht behinderte Menschen zu liche Kosten verursacht [122, 123] im Überblick
reagieren [117]. Beobachtet wurden traumatische [29, 106]. Diese Folgekosten betreffen u. a. den so-
Stressreaktionen [112], Depressionen, Angststörun- zialen Bereich (z. B. Kinder- und Jugendhilfe, Un-
gen, psychische Erkrankungen und Verhaltensauf- terstützungseinrichtungen für Gewaltbetroffene),
fälligkeiten [120, 121]. Indikatoren für Gewalterfah- die Justiz (z. B. Strafverfolgung), den gesamten
rungen bei Betroffenen mit (Lern-)Behinderungen Bereich der Erwerbsarbeit (z. B. Arbeitsunfähig-
können Auto- und Fremdaggressionen, Essstörun- keit, Frühberentung [124], sowie schwerpunktmä-
gen sowie unspezifische Verhaltensauffälligkeiten ßig das System der Gesundheitsversorgung.9 Im
sein [113]. Anhaltspunkte für geschlechtsspezifi- medizinischen Sektor (z. B. Notfallambulanzen,
sche Unterschiede liegen bei Frauen und Män- allgemeinmedizinische und fachärztliche Praxen,
nern mit Lern- bzw. geistigen Behinderungen vor: Krankenhäuser) fallen vorwiegend Kosten für die
Während autoaggressive Verhaltensweisen häufi- medizinische Erstversorgung bei akuten Verlet-
ger bei Frauen auftreten, äußern Männer tenden- zungen, für die Behandlung psychosomatischer
ziell stärker Aggressionen in extrovertierter Form Beschwerden, sexuell übertragbarer Krankhei-
[116]. Beim Vorliegen einer Behinderung werden ten sowie für die psychologische Beratung und
solche Symptome von professioneller Seite nicht therapeutische Behandlung (Psychotherapie/
selten als behinderungsspezifisch (fehl)interpre- Psychiatrie) an. Darüber hinaus sind Ausgaben
tiert, so dass der Gewalthintergrund unentdeckt für Medikamente, wiederholte ambulante und
bleibt [4]. Erschwerend kommt hinzu, dass Frau- stationäre Rehabilitationsmaßnahmen sowie für
en und Männer mit umfänglichen kognitiven, langfristige Versorgungserfordernisse (z. B. auf-
sozialen, emotionalen Einschränkungen oft nur grund von Schwangerschaftskomplikationen und
unzureichend über mögliche, z. B. im Rahmen Geburtsschäden) zu berücksichtigen (vgl. zur Be-
der Pflege grenzwertige, sexualisierte Gewaltüber- stimmung und Systematisierung der Kosten von
griffe aufgeklärt sind. Mangelndes Wissen über Gewalt im Gesundheitswesen auch das Manual
Sexualität sowie fehlende bewusste Erfahrungen der WHO [125], sowie [29, 106]).
im Umgang mit dem eigenen Körper und der Länder wie Finnland und die Schweiz bezif-
eigenen Sexualität stellen zentrale Barrieren dar, fern die jährlichen nationalen Folgekosten im
um erfahrene Gewalt als solche explizit wahrneh- Gesundheitswesen, die auf Gewalt gegen Frau-
men und benennen zu können. Zudem wird die en zurückgehen, auf 50 bis über 260 Millionen
Glaubwürdigkeit der Betroffenen, aufgrund der Euro [106, 122, 126]. Werden weitere Kostenstellen,
Behinderung häufig in Zweifel gezogen [116, 117]. z. B. für Polizei, Gericht, Strafvollzug, Sozialhilfe,
Bislang liegen jedoch kaum Studien vor, die die
gesundheitlichen Folgen, insbesondere die psychi-
9 Siehe dazu im Überblick die von Hagemann-White [106] für
schen Folgen unterschiedlicher Formen von Ge- den Council of Europe erstellte Stocktaking Study, den von
walt und Diskriminierung bei Frauen, Männern der WHO vorgelegten Bericht von Waters [127] sowie [29]
Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42 25

Opferhilfe, Unterbringung in Zufluchtseinrich- Für Deutschland existieren bislang noch keine


tungen sowie für Arbeitsausfälle und Leistungs- vergleichbaren nationalen Daten zu den Folgekos-
beeinträchtigungen berücksichtigt, ergeben sich ten von Gewalt. Ausgehend von vergleichbaren
weitaus höhere gesamtgesellschaftliche Folgekos- Gewaltausmaßen [26] muss auch in Deutschland
ten, die auf nationaler Ebene Milliardenbeträge mit erheblichen ökonomischen Dimensionen der
aufweisen (vgl. [29, 106]). In einer Kostenstudie Gewaltproblematik gerechnet werden. Wenn in
zu den Folgen von häuslicher Gewalt für England Übereinstimmung mit der finnischen Studie da-
und Wales wurde eine jährliche Summe von 34 von ausgegangen wird, dass ein erheblicher Teil
Milliarden Euro angegeben, von denen knapp der Gesamtkosten auf den Gesundheitssektor ent-
zwei Milliarden Euro allein auf den Gesundheits- fallen, dann stellt die Bekämpfung und Prävention
sektor entfallen [123]. Werden die in den Studien von Gewalt auch einen nicht zu unterschätzenden
ermittelten Kosten in Relation zur jeweiligen ökonomischen Faktor für das Gesundheitswesen
Landesbevölkerung gesetzt, fallen, bezogen auf dar. Eine frühzeitige Unterstützung von Betrof-
Gewalt gegen Frauen, jährliche Kosten zwischen fenen und der Ausbau von Maßnahmen zur Prä-
neun und 555 Euro pro Einwohner und Einwoh- vention von Gewalt sind insofern eine humanitäre
nerin an [29, 106]. Zu internationalen Studien zu und soziale, zugleich aber auch ökonomische Not-
den ökonomischen Kosten von Gewalt siehe im wendigkeit. Sie können langfristig dazu beitragen,
Überblick Tabelle 4. die erheblichen individuellen und gesamtgesell-
schaftlichen Folgen und Folgekosten von Gewalt
zu verringern.
Tabelle 4
Internationale Studien zu den sozioökonomischen Kosten von Gewalt
Quelle: [130], zitiert nach: [29]

Land/Studie Summe in € pro Jahr* Kostenart/Bereiche


England/Wales Häusliche Gewalt 33,1 Mrd. € direkte und indirekte Kosten: Polizei, Gericht,
(Walby 2004 [123]) (körperl., sex., psych.) Strafvollzug, Gesundheitsversorgung, Sozialhilfe,
zwischen aktuellen Opferhilfe und Zufluchtseinrichtungen, Verlust
Partnern, Frauen wie von Produktivität, Lohn, humane und emotionale
Männer Auswirkungen
inkl. 2 Mrd. € direkte Kosten: Gesundheitssektor
USA inkl. 3,4 Mrd. € direkte Kosten: Gesundheitssektor
(NCIPC 2003 [128]) inkl. 1,5 Mrd. € indirekte Kosten: Verlust von Produktivität, Lohn etc.
Andalusien/Spanien Gewalt gegen Frauen 2,4 Mrd. € direkte und indirekte Kosten: Gesundheitssektor,
(Institute for Women Opferhilfe und Zufluchtseinrichtungen, Polizei,
of Andalusia 2003 Gericht, Strafvollzug, Verlust von Produktivität,
[129]) Lohn, individuelle emotionale Belastungen
Finnland Gewalt gegen Frauen, 50 Mio. € direkte Kosten: Polizei, Gericht, Strafvollzug,
(Piispa, insbes. durch den Gesundheitsversorgung, Sozialhilfe, Opferhilfe und
Heiskanen 2001 (Ex-)Partner Zufluchtseinrichtungen
[122]) inkl. 6,80 Mio. € direkte Kosten: Gesundheitssektor gesamt
davon 2,57 Mio. € ▶ ambulante Versorgung
0,77 Mio. € ▶ stationäre Versorgung
exkl. 3,50 Mio. € ▶ Medikation
61 – 112 Mio. € indirekte Kosten: Verlust von Produktivität, Lohn etc.
Schweiz Gewalt gegen Frauen 260 Mio. € direkte Kosten: Polizei, Gericht, Strafvollzug,
(Godenzi, (körperl., sex., psych.) Gesundheitsversorgung, Sozialhilfe, Opferhilfe und
Yodanis 1998 [178]) durch (Ex-)Partner Zufluchtseinrichtungen
Niederlande Gewalt gegen Frauen 151 Mio. € direkte und indirekte Kosten: medizinische und
(Korf et al. 1997 (angedrohte oder psychosoziale Versorgung, polizeiliche und gericht-
[179]) ausgeübte körperl. liche Strafverfolgung, Verlust von Arbeitsprodukti-
(u. psych.) Gewalt vität, Aufwand für Frühverrentung etc.
durch den (Ex-)Partner
* aufgrund der Währungsumrechnung handelt es sich um ungefähre Beträge
26 Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42

4 Versorgungsbedarf und Anforde- zialisierte Beratungs- und Unterstützungseinrich-


rungen an Berufsgruppen im tungen erhöht. Da lediglich ein Bruchteil sexuel-
Gesundheitswesen ler Übergriffe sowie häuslicher Gewalt polizeilich
zur Anzeige gebracht und amtlich bekannt wird,
In den folgenden Abschnitten werden der Ver- ist die Wahrscheinlichkeit, dass Gewaltfolgen im
sorgungsbedarf, die Rolle der beteiligten Berufs- Rahmen routinemäßiger ärztlicher Untersuchun-
gruppen im Gesundheitswesen sowie Interven- gen wahrgenommen werden, um ein Vielfaches
tionsmaßnahmen und Beispiele guter Praxis größer [3], denn:
thematisiert. Der Fokus liegt auf häuslicher und
sexualisierter Gewalt. Dabei fließen wesentliche ▶ Einrichtungen der gesundheitlichen Versor-
Ergebnisse ein, die auf eine Expertise zum Versor- gung werden von allen Bevölkerungsgruppen
gungsbedarf und zu Anforderungen an Professi- unabhängig von sozialer Lage, Geschlecht und
onelle des Gesundheitswesens10 zurückgehen [4], Alter aufgesucht;
sowie auf der wissenschaftlichen Begleitung des ▶ der medizinische Auftrag schließt die Klärung
S.I.G.N.A.L.-Interventionsprogramms [131] und von Ursachen und Einflussfaktoren für Verlet-
auf internationalen Studien basieren, die im Euro- zungen, Beschwerden und Erkrankungen ein,
päischen Netzwerk CAHRV11 zusammengetragen was die Berücksichtigung sozialer Faktoren als
und bearbeitet wurden. Ursachen gesundheitlicher Beschwerden bein-
haltet;
▶ Fachkräfte in der Gesundheitsversorgung un-
4.1 Die Schlüsselposition des Gesundheitswesens terliegen grundsätzlich der Schweigepflicht12
bei Prävention und Intervention von Gewalt und genießen ein hohes Maß an Vertrauen in
der Bevölkerung. Sie werden von Patientinnen
Nach erfolgreicher Etablierung spezialisierter häufig als Ansprechpartner/innen in unter-
Schutz- und Hilfeprojekte für gewaltbetroffe- schiedlichen Problemsituationen hinzugezo-
ne Mädchen und Frauen hat sich die öffentliche gen [3, 134, 173].
Diskussion in der Bundesrepublik vorrangig der
Frage gewidmet, wie die Aufgaben der sozialen Ergebnisse verschiedener nationaler und inter-
Dienste, des Kinderschutzes, der Polizei und der nationaler Studien verdeutlichen die Schlüsselpo-
Justiz im Kontext »Gewalt« besser und effektiver sition des Gesundheitswesens beim Erkennen
wahrzunehmen sind. Mit dem ersten Aktionsplan von Gewaltfolgen und bei der Weitervermittlung
zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen hat die z. B. zu spezialisierten Unterstützungseinrich-
Bundesregierung im Jahr 1999 ein Gesamtkon- tungen. Die institutionellen Voraussetzungen
zept verabschiedet, dessen Umsetzung bis zum und das Interesse langwierige, kostenintensive
Jahr 2004 unter anderem die Unterstützung von
Interventionsprojekten gegen häusliche Gewalt
10 Unter dem Begriff »Professionelle des Gesundheitswe-
beinhaltete. Es wurden Modelle der Kooperation sens« bzw. »Gesundheitsfachkräfte« werden hier und im
zwischen Institutionen und in den Kommunen Folgenden alle Berufsgruppen des Gesundheitssektors
entwickelt sowie Ansätze zur früheren und effekti- erfasst.
11 Die Coordination Action on Human Rights Violations
veren Intervention mit dem Ziel der Gewaltverrin-
(CAHRV) ist ein EU-Forschungsnetzwerk, in dem sich
gerung erfolgreich erprobt (vgl. [132, 133]). Die In- über 100 Forscherinnen und Forscher hinsichtlich natio-
tegration von gesundheitsbezogenen Fragen und naler und internationaler Forschungsergebnisse zu inter-
die Aktivierung des Gesundheitswesens erfolgten personaler Gewalt, Intervention und Prävention vernetzt
haben, siehe auch www.cahrv.uni-osnabrueck.de.
in Deutschland erst mit erheblicher zeitlicher Ver-
12 Die ärztliche Schweigepflicht ist Grundlage eines ver-
zögerung. Im Ausland etablierte Programme zur trauensvollen Arzt-Patientenverhältnisses. Auch die
Sensibilisierung von Ärzten und Ärztinnen sowie Mitarbeiter der Ärztinnen und Ärzte unterliegen dieser
Pflegekräften für Gewalt als Gesundheitsrisiko be- Verpflichtung zum Schweigen. Die Entbindung von
Schweigepflicht kann aber durch die Patientin oder durch
legen eindrücklich die hohe Erreichbarkeit der be-
den Patienten erfolgen. Das Brechen der Schweigepflicht
troffenen Frauen durch das Gesundheitssystem, ist nur unter den Voraussetzungen des § 34 StGB (recht-
die zudem die Chancen einer Vermittlung an spe- fertigender Notstand) erlaubt.
Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42 27

Behandlungen zu vermeiden, prädestinieren das 4.2 Grundlegende Anforderungen an Fachkräfte


Gesundheitswesen für die Wahrnehmung prä- im Gesundheitswesen im Umgang mit
ventiver Aufgaben und die kompetente Interven- Gewalt
tion zur Bewältigung von Gewaltauswirkungen
im Rahmen der medizinischen Behandlung [4]. Eine grundsätzliche Anforderung an alle Einrich-
Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegekräfte und An- tungen und Berufsgruppen des Gesundheitswe-
gehörige anderer Gesundheitsfachberufe sind oft sens besteht darin Anzeichen für Gewalt, unab-
die ersten, die mit den Folgen häuslicher Gewalt hängig von der Herkunft und der Lebensweise der
konfrontiert werden und bleiben vielfach auch die Betroffenen, ernst zu nehmen und Unterstützung
einzigen Ansprechpartner für gewaltbetroffene anzubieten, die der individuellen Lebensrealität
Frauen. Sowohl die deutsche repräsentative Stu- entspricht. Es gilt Barrieren abzubauen, die ge-
die zu Gewalt an Frauen wie auch die im Rahmen waltbetroffene Frauen in oft schwierigen Lebensla-
der S.I.G.N.A.L. Begleitforschung durchgeführte gen hindern, Hilfe zu suchen und in Anspruch zu
Patientinnenumfrage ergaben, dass sich Frauen nehmen (siehe auch Kapitel 4.3 und [4]). Unabhän-
bei ihrer Suche nach Hilfe im professionellen Sys- gig von der Hilfeform muss die von Gewalt betrof-
tem am ehesten an eine Einrichtung im Gesund- fene Frau in ihrer existentiellen Krise, mit ihren
heitswesen wenden. Ärzte und Ärztinnen wurden individuellen Bedürfnissen im Mittelpunkt der
als erste Ansprechpersonen benannt, Frauenbe- Hilfeleistung stehen. Der professionelle Kontakt
ratungs- und Zufluchtseinrichtungen standen an sollte durch eine geschlechter- und kultursensible
zweiter und die Polizei an dritter Stelle [3]. Die Haltung geprägt sein, die neben den Belastungen
S.I.G.N.A.L. Patientinnenbefragung zeigte eben- auch die vorhandenen Gesundheitsressourcen
falls, dass 67 % der Befragten im Fall von Gewalt berücksichtigt.
Ärztinnen und Ärzte als erste Ansprechpersonen Zunehmend setzt sich der Anspruch durch,
betrachteten [131]. dass die gesundheitliche Versorgung auf unter-
Mit dem Beschluss des zweiten Aktionsplans schiedliche Lebensphasen und Lebenslagen aus-
zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen im Jahr gerichtet sein muss, um vorhandene Rahmenbe-
2007 reagierte die Bundesregierung in Deutsch- dingungen (z. B. Alter, soziale Benachteiligung),
land auf die drängenden Fragestellungen und die ein erhöhtes Gewaltrisiko mit sich bringen
Herausforderungen, die aus den Ergebnissen der können, nicht zu übersehen. Hier sind insbeson-
vorliegenden wissenschaftlichen Studien und aus dere Frauen und Mädchen mit Behinderungen
Erfahrungen der Praxis resultieren. Demnach ist und chronischen Erkrankungen sowie weitere
die optimale medizinische Versorgung der betrof- vulnerable Bevölkerungsgruppen (z. B. pflegebe-
fenen Frauen und die Erleichterung des Zugangs dürftige Frauen im hohen Alter, werdende Mütter)
zu den Angeboten des Gesundheitssystems ein zu berücksichtigen. Körperliche und geistige Be-
wichtiges Anliegen der Bundesregierung. Insbe- einträchtigungen bedeuten je nach Schweregrad
sondere der Schlüsselrolle der ärztlichen Berufs- mehr oder weniger Abhängigkeit von Unterstüt-
gruppe wird mit dem Aktionsplan bezogen auf die zung innerhalb der Familie, von ambulanten Be-
Inanspruchnahme institutioneller Hilfen in und treuungskräften oder von Einrichtungen. Mit dem
nach Gewaltsituationen Rechnung getragen. Wur- Grad der Abhängigkeit und dem Angewiesensein
de durch den ersten Aktionsplan die wissenschaft- auf Hilfe durch Dritte erhöht sich die Vulnera-
liche Begleitung des Interventionsprogramms bilität für Gewalt und gleichzeitig die Zugangs-
im Bereich des Krankenhauses (S.I.G.N.A.L.) schwelle zu Unterstützung z. B. in der Gesund-
gefördert, soll nun die komplexe Bedeutung der heitsversorgung. Experten und Expertinnen in
Ärzteschaft zur Verbesserung der Situation ge- Beratungsstellen gelangen zu der Einschätzung,
waltbetroffener Frauen in einem neuem Projekt dass Gewaltauswirkungen bei behinderten Frau-
aufgegriffen werden, welches den Bereich der nie- en und Mädchen in der Mehrzahl der Fälle nicht
dergelassenen Ärztinnen und Ärzte betrifft. erkannt und wahrgenommen werden. Der Fokus
von Behandelnden richtet sich vielfach nahezu
ausschließlich auf behinderungsspezifische Defi-
zite. So wird z. B. auffälliges Verhalten häufig als
28 Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42

Ausdruck der Behinderung gedeutet. Aufgrund ten angehören oder Frauen, die in relativer Armut
von eingeschränkten sprachlichen Ausdrucks- leben, nehmen Angebote der Gesundheitsversor-
und Artikulationsmöglichkeiten, Ängsten oder gung insgesamt seltener und zögerlicher in An-
aber aufgrund der Anwesenheit weiterer Perso- spruch und sind weniger bereit Gewalterfahrun-
nen, wie z. B. potenzieller Täter und Täterinnen im gen mitzuteilen [136]. Im ärztlichen Kontakt mit
Kreis der Betreuungskräfte oder der Familie, ist es Migrantinnen kommen erschwerend kulturelle
Betroffenen häufig nicht möglich Gewalterfahrun- Verständigungs- und Kommunikationsschwie-
gen selbst anzusprechen. Im Widerspruch zu ei- rigkeiten hinzu. Vielen Behandelnden fehlt es an
nem anzunehmenden hohen Ausmaß sexualisier- interkulturellen Kompetenzen [137]. Die Zahl der
ter Gewalterfahrungen bei Frauen mit »geistigen qualifizierten Dolmetscher und Dolmetscherin-
Behinderungen«, ist die psychosoziale und medi- nen im Gesundheitswesen, die zur Unterstützung
zinische Versorgung dieser Bevölkerungsgruppe des Behandlungsprozesses hinzugezogen werden
als äußerst unzureichend zu bewerten [113]. Ambu- können, ist in Deutschland insgesamt als unzurei-
lante Versorgungsangebote (z. B. gynäkologische chend einzuschätzen.
Praxen) sind in der Regel nicht auf Mädchen und
Frauen mit einer körperlichen und/oder geistigen
Behinderung eingestellt [4]. Barrieren bestehen 4.3 Barrieren seitens der Behandelnden und der
sowohl in der Erreichbarkeit, im Zugang als auch Betroffenen
in der Ausstattung der Praxen. Hinzu kommen
vielfach mangelnde Erfahrung und fehlende Fach- Barrieren seitens der Fachkräfte im Gesundheits-
kompetenz im Umgang mit behinderten Frauen wesen
seitens der behandelnden Ärzte und Ärztinnen.
Die Bundesregierung reagiert mit dem zweiten Als größtes Hindernis werden von den im Ge-
Aktionsplan zur Bekämpfung von Gewalt gegen sundheitswesen arbeitenden Professionen die
Frauen auf dieses Defizit. Zum Schutz von Frauen unzureichende Qualifikation im Erkennen von
mit Behinderungen und chronischen Erkrankun- Gewaltfolgen und im adäquaten Umgang mit der
gen vor gewaltsamen Übergriffen werden Projek- Problematik identifiziert [4, 131]. Die Mehrzahl der
te gefördert, mit dem Ziel, betroffene Frauen zu praktizierenden Ärzte, Ärztinnen und Pflegekräf-
stärken, Pflegepersonal und Betreuungskräfte zu te fühlt sich nicht ausreichend vorbereitet und
sensibilisieren und eine entsprechende Selbsthil- kompetent, die Folgen körperlicher, sexualisierter
feorganisation als politische Interessenvertretung und häuslicher Gewalt zu diagnostizieren. Vielen
behinderter Frauen zu unterstützen. Auch inter- Behandelnden fehlt es zudem an Informationen
nationale Studien und Praxisleitlinien zum Um- über kommunale und regionale Hilfeangebote,
gang mit den Folgen von Gewalt im Gesundheits- wie z. B. Frauenhäuser, Frauenberatungsstellen,
system formulieren das Erfordernis, differenziert psychosoziale Beratungsstellen, Interventions-
auf die unterschiedlichen und insbesondere auf stellen und andere Einrichtungen für spezifische
benachteiligte Lebenslagen von Frauen einzuge- Zielgruppen wie Migrantinnen, behinderte Frau-
hen. Entsprechend betont z. B. das »Ressource en und Mädchen (vgl. [4, 131, 138, 139]). Befürch-
Manual« des britischen Gesundheitsministeriums tungen vor möglichen Überforderungen erklären
die besondere Verantwortung der Gesundheits- sich u. a. aus den engen Zeitvorgaben für den
versorgung für vulnerable Bevölkerungsgruppen einzelnen Patientinnenkontakt, die nicht mehr
und ihr erhöhtes Risiko, Opfer sexuellen oder einzuhalten sind, wenn eine Frau Gewalterfahrun-
körperlichen Missbrauchs zu werden. Dies gilt in gen anspricht (»Opening Pandora’s box«, [140]).13
Deutschland neben Frauen mit Behinderungen Des Weiteren sind stereotype Bilder von der »ge-
u. a. für bestimmte Gruppen von Migrantinnen schlagenen Frau« nach wie vor weit verbreitetet
sowie für wohnungslose Frauen und Prostituierte. und können eine differenzierte Wahrnehmung
Sie sind einerseits in erhöhtem Maße dem Risiko
ausgesetzt Gewalt zu erfahren und andererseits 13 Dieser Ausdruck beschreibt die Angst, dass durch Fragen
nach Gewalterfahrung evtl. eine »Lawine« in Gang gesetzt
in vielen Bereichen unzureichend medizinisch wird, auf die Behandelnde nicht vorbereitet sind und mit
betreut [135]. Frauen, die ethnischen Minderhei- denen sie ggf. nicht umgehen können [144].
Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42 29

einschränken. Grundsätzlich bemängeln Profes- Überdiagnostik und Überversorgung


sionelle ihrerseits das Fehlen institutioneller Vor-
gaben und Richtlinien, die Handlungssicherheit In der gynäkologischen Versorgung werden mög-
im Umgang mit Gewaltbetroffenen vermitteln liche Zusammenhänge zwischen Unterleibs-
können [141]. beschwerden und Gewalterfahrungen vielfach
nicht in Betracht gezogen, so dass eine adäquate
Behandlung nicht selten unterbleibt [142]. Dieses
Barrieren seitens der Betroffenen Defizit betrifft auch Patientinnen mit sexuellen
Gewalterlebnissen in der Kindheit, bei denen kör-
Es gibt verschiedene Barrieren, die die Betroffenen perliche Reaktionen und Symptome seltener vor
daran hindern aus eigener Initiative über Gewalt- dem Hintergrund traumatisierender Gewalterfah-
erfahrungen mit Behandelnden im Gesundheits- rungen wahrgenommen und dementsprechend
wesen zu sprechen. Frauen schweigen oft aus nicht in die Behandlung einbezogen werden
Angst und Scham sowie aus dem Gefühl heraus, [131, 142, 143]. Gesundheitsfachkräfte in Rehabilita-
für die erlittene Gewalt mitverantwortlich zu sein. tionseinrichtungen und psychosomatischen Klini-
Insgesamt führt andauernde Gewalt zu einer er- ken gehen davon aus, dass bei einem großen Anteil
heblichen Schwächung des Selbstwertgefühls und von Patientinnen mit wiederholten Unterleibsope-
Selbstvertrauens. Betroffene sind darüber hinaus rationen (sog. »gynäkologischen Operationskarrie-
vielfach besorgt, dass die Polizei und andere Insti- ren«) Gewalterfahrungen vorliegen [135].
tutionen ohne ihr Einverständnis informiert wer-
den könnten. Frauen berichten über Ängste vor
erneuten Gewalttaten des Mannes (z. B. in Form Chronifizierungen
von Racheakten), wenn die Gewalt »öffentlich«
bzw. amtlich wird. Als potenzielle Barrieren wer- Das Nichterkennen von Gewalt als Ursache von
den auch strukturelle Gegebenheiten innerhalb Beschwerden und eine ausbleibende oder inad-
des Gesundheitswesens, z. B. lange Wartezeiten äquate Behandlung kann eine Chronifizierung
und ein sehr rigider Zeitrahmen für die Behand- der Symptome zur Folge haben sowie dauerhafte
lung, empfunden [4, 131]. Behinderung und Beeinträchtigung (z. B. durch
nicht versorgte Knochenbrüche und Verletzun-
gen) bedingen [131].
4.4 Über-, Unter- und Fehlversorgung als Folge
des Nicht-Erkennens von Gewalt als Ursache
gesundheitlicher Folgen Fehldiagnosen/Fehlbehandlung

Die Versorgungssituation gewaltbetroffener Frau- Die Nichtberücksichtigung möglicher Gewalt-


en ist oftmals von Medikalisierung, Ausblendung betroffenheit in der Behandlung physischer und
und Verdrängung der Problematik geprägt. Die psychischer Verletzungen kann in der Praxis zu
Nichtberücksichtigung der Ursachen von Be- Fehldiagnosen und folglich zur Fehlmedikati-
schwerden von Seiten der Gesundheitsfachberufe on führen, die unter Umständen gravierende
kann eine erhöhte Inanspruchnahme gesundheit- gesundheitsschädigende Auswirkungen für die
licher Versorgungsleistungen zur Folge haben. Betroffenen hat. Dies gilt im Besonderen für die
Betroffene Frauen suchen z. B. häufiger gesund- Verordnung psychotroper Medikamente (z. B. Be-
heitliche Versorgungseinrichtungen auf, weisen ruhigungs- und Schlafmittel, Psychopharmaka,
höhere Operationsraten und stationäre Aufenthal- Stimulanzien) an Patientinnen, die über Angst-
te auf und nehmen verstärkt psychosomatische und Panikattacken, Schlafstörungen, Nervosität,
Behandlungsangebote in Anspruch [1, 135, 142]. depressive Zustände, Antriebslosigkeit etc. berich-
ten, ohne dass die zugrunde liegenden Ursachen
hinreichend bekannt sind [145]. Beobachtet wurde,
dass eine geschlechtsspezifische Verschreibungs-
praxis von psychotropen Medikamenten dazu bei-
30 Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42

tragen kann, dass Frauen zerstörende Lebensver- gegnen, ist nicht nur für deren aktuelles Befinden
hältnisse (z. B. in einer Misshandlungsbeziehung) entscheidend, sondern zentrale Voraussetzung,
weiter ertragen [134, 143]. Symptome können infol- ob weitergehende Hilfe akzeptiert und somit ein
ge der Medikation abgeschwächt oder verschleiert Prozess initiiert wird, der längerfristig zu Verän-
werden, so dass eine ursachenadäquate Behand- derung und Stabilisierung beitragen kann [146].
lung nicht möglich ist. Erfolgt eine Verschreibung Die wichtigsten Aufgaben von Fachkräften im
von Psychopharmaka, ohne ausreichende ärztli- Gesundheitswesen sind:
che Kontrolle und Begleitung, droht eine physi-
sche und/oder psychische Substanzabhängigkeit ▶ wahrzunehmen, dass häusliche Gewalt vorlie-
der betroffenen Frauen [146]. gen könnte;
Die französische und die deutsche Repräsenta- ▶ einen geschützten Raum anzubieten, in dem
tiverhebung zu Gewalt gegen Frauen stellten un- sich die Frau sicher und aufgehoben fühlen
abhängig voneinander fest, dass Frauen, die in den und Vertrauen entwickeln kann;
letzen zwölf Monaten sowohl körperliche als auch ▶ Frauen mit Verständnis zu begegnen und mit
sexuelle Gewalt erlebt hatten, signifikant häufi- geeigneten Interventionen zu ihrer Stabilisie-
ger Beruhigungsmittel oder hypnotisch wirkende rung beizutragen;
Mittel konsumierten als Frauen ohne Gewalter- ▶ so weit wie möglich, Wissen über Rechte zu
fahrung [3, 147]. Dies deutet auch auf eine erhöhte vermitteln und Frauen auf Angebote speziali-
Suchtgefährdung hin. sierter Stellen hinzuweisen.
Dennoch kann eine sorgfältige und ursa-
chenadäquate Verordnung von psychotropen Gesundheitseinrichtungen, wie z. B. Kli-
Medikamenten für gewaltbetroffene Frauen ent- niken, niedergelassene Praxen und Gesund-
lastend wirken (z. B. bei Depressionen) und vor heitszentren können eine wichtige Schnittstelle
allem zur kurzfristigen Behandlung indiziert sein. zwischen gewaltbetroffenen Frauen und spezifi-
Jegliche Medikation sollte jedoch in Absprache mit schen Hilfeeinrichtungen darstellen. Vorausset-
der Patientin, unter Berücksichtigung der aktu- zung ist ein aktives Zuhören und Fragen nach
ellen Lebenssituation und unter engmaschiger Gewalterfahrung(en) im Behandlungskontext,
Kontrolle und Begleitung erfolgen [145]. dass ein sensibles Vorgehen sowie Kenntnisse
über regionale Hilfestrukturen erfordert. Des Wei-
teren ist eine gerichtsverwertbare Dokumentation
4.5 Die Rolle von Gesundheitsfachkräften im von akuten und zurückliegenden Verletzungen
Umgang mit Gewaltopfern (Erkennen von bzw. Verletzungsspuren und weiteren Beschwer-
Gewalt – »red flags«) den eine wichtige Voraussetzung für betroffene
Frauen, um rechtliche Schritte einleiten zu kön-
Innerhalb einer nicht auf Gewalt spezialisierten nen. Die Dokumentation ist nicht allein für den
Einrichtung, wie z. B. in einem Krankenhaus Fall einer strafrechtlichen Verfolgung bedeutsam,
oder einer niedergelassenen Praxis, definiert sich sondern auch für viele andere rechtsförmige Vor-
die Rolle der Behandelnden primär durch den gänge, wie z. B. Trennungs- oder Scheidungsver-
Auftrag der entsprechenden Institution und der fahren, Besuchs-, Umgangs- und Sorgerechtsrege-
Profession. Demnach wäre der Anspruch der Ge- lungen, aufenthaltsrechtliche Verfahren sowie für
sundheitsfachkräfte die problematische Lebens- Schutzanordnungen [4].
situation gewaltbetroffener Patientinnen »lösen«
oder die Situation häuslicher Gewalt »klären« zu
wollen nicht nur unrealistisch, sondern auch an- Erkennen von häuslicher Gewalt – »Red Flags«
gesichts fehlender Fachkompetenz eine nicht leist-
bare Überforderung [146]. Dennoch ist die Tatsa- Wesentlich für die adäquate Behandlung gewaltbe-
che, die erste Anlaufstelle für Gewaltbetroffene zu troffener Frauen ist das Erkennen und Wahrneh-
sein von zentraler Bedeutung. Mit welcher (Wert-) men von Indikatoren, die auf mögliche Gewalt-
Haltung und Einstellung die Professionellen im erfahrungen als Ursache von Beschwerden und
Gesundheitswesen gewaltbetroffenen Frauen be- Krankheitssymptomen verweisen.
Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42 31

Wie die Darstellung der potenziellen Gewalt- 5 Präventions- und Interventionsmög-


auswirkungen zu Beginn des Themenheftes zeigt, lichkeiten des Gesundheitswesens
sind die kurz-, mittel- und langfristigen gesund-
heitlichen Folgen und Beschwerden vielfältig. Sie In den letzten Jahren konnten in Deutschland
sind abhängig von situativen Bedingungen, von Projekte und Interventionsprogramme zur Be-
den Formen der Gewaltausübung, von der Gewalt- kämpfung und Prävention von Gewalt und deren
intensität sowie von individuellen Bewertungs-, negativen Folgen initiiert werden. Maßgeblich
Wahrnehmungs- und Verarbeitungsprozessen. dazu beigetragen hat der erste nationale Aktions-
Auf der Basis von Erfahrungen im Gesundheits- plan der Bundesregierung zur Bekämpfung von
bereich wurden wichtige Indikatoren, so genannte Gewalt gegen Frauen. Damit wurde ein Gesamt-
»Red Flags«, als Warnzeichen für häusliche Gewalt konzept auf den Weg gebracht, das die Förderung
formuliert. Das gleichzeitige Auftreten mehrerer der Primärprävention und interinstitutionellen
dieser Indikatoren erfordert verstärkte Aufmerk- Kooperation im Blick hat und eine Vernetzung von
samkeit und weist auf eine hohe Wahrscheinlich- Maßnahmen über alle staatlichen und institutio-
keit von Gewalterfahrungen hin. Als so genannte nellen Ebenen hinweg vorsieht. Diese Entwick-
»Red Flags« gelten (vgl. [4], aus dem englischen lung wird mit dem Aktionsplan II aufgegriffen
übersetzt nach [148]): und weitergeführt. Besonderer Handlungsbedarf
wird zunehmend auch im Bereich der medizini-
▶ chronische Beschwerden, die keine offensicht- schen Versorgung gesehen.
liche physische Ursachen haben; Verschiedene Maßnahmen zur Optimierung
▶ Verletzungen, die nicht mit der Erklärung, wie der gesundheitlichen Versorgung gewaltbetroffe-
sie entstanden sind, übereinstimmen; ner Frauen wurden in den vergangenen Jahren
▶ verschiedene Verletzungen in unterschied- bereits entwickelt. Sie sind bislang aber nur teil-
lichen Heilungsstadien; weise und punktuell in die Praxis umgesetzt wor-
▶ ein Partner, der übermäßig aufmerksam ist, den (vgl. z. B. [4, 131, 149, 150]).14
kontrolliert und sich weigert von der Seite der
Frau zu weichen;
▶ physische Verletzungen während der Schwan- 5.1 Beseitigung von Kommunikationsbarrieren
gerschaft; im Rahmen der Anamnese
▶ später Beginn der Schwangerschaftsvorsorge;
▶ häufige Fehlgeburten; Erfahrungsberichte und Untersuchungen zeigen,
▶ häufige Suizidversuche und -gedanken; dass viele betroffene Frauen nicht von sich aus
▶ Verzögerungen zwischen Zeitpunkt der Verlet- über erlittene Gewalt sprechen bzw. dazu tendie-
zung und Aufsuchen der Behandlung; ren, diese zu verheimlichen. Sie geben oft falsche
▶ chronische reizbare Darmstörungen; Erklärungen für die Ursachen ihrer Verletzungen
▶ chronische Beckenschmerzen. oder Krankheitssymptome an, wobei Angst und
Scham wesentliche Faktoren sind. Sie befürchten,
Darüber hinaus kann auch das Auftreten der dass Behandelnde Zweifel an ihrer Glaubwürdig-
weiter oben beschriebenen Symptomatiken ein keit haben könnten, und es fällt ihnen schwer, Ver-
Anzeichen von aktueller oder zurückliegender trauen aufzubauen. Ängste vor Eskalationen bei
Gewaltbetroffenheit sein und sollte bei Diagnos- Offenlegung der Gewalt oder im Falle einer Tren-
tik und Behandlung entsprechend berücksichtigt nung stellen für die Betroffenen zentrale Hinder-
werden. nisse dar, die Problematik selber anzusprechen.
Diese Angst ist nicht unbegründet, da die meisten
Tötungsdelikte im Rahmen von häuslicher Gewalt
im Trennungsprozess oder kurz danach zu ver-
zeichnen sind [146]. Ein weiterer Grund, warum

14 Siehe auch handlungsorientierte Leitfäden und Linkliste


im Anhang
32 Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42

betroffene Frauen schweigen, liegt häufig in der men können oder dürfen. Sie werden begleitet
Schwierigkeit, die erlittene Gewalt in Worte zu fas- und unterliegen entsprechend der Kontrolle der/
sen. Da Erinnerungen zudem eine Retraumatisie- des Begleitenden. Bei Migrantinnen mit einge-
rung zur Folge haben können, werden sie vielfach schränkten oder fehlenden Deutschkenntnissen
verdrängt [145]. werden Familienangehörige oftmals als Überset-
Auf Seiten der Behandelnden im Gesundheits- zer und Übersetzerinnen eingesetzt. Dies ist bei
wesen sind direkte Fragen nach Gewalt eher sel- Gewaltbetroffenen höchst problematisch. Nicht-
ten, sei es aus der Hoffnung heraus, dass die be- deutschsprachige Patientinnen sollten unbedingt
troffene Frau Vertrauen fasst und die Problematik die Möglichkeit haben, sich mit Hilfe einer profes-
selber anspricht oder aus der Befürchtung heraus, sionellen Sprachmittlerin geschützt mitteilen zu
über die medizinische Versorgung hinaus ohne- können [4, 173]. Darüber hinaus gibt es Hinweise,
hin nicht weiterhelfen zu können. Erfahrungs- dass aus kulturellen und religiösen Gründen das
berichte und internationale Untersuchungen Sprechen über sexuelle Gewalt bei Migrantinnen
verdeutlichen übereinstimmend, dass betroffene mitunter noch stärker tabuisiert ist als bei deut-
Frauen in der Regel den Wunsch hegen, unmittel- schen Frauen [3].
bar auf die Gewaltfrage angesprochen zu werden Wenn Frauen mit Behinderungen von Gewalt
(vgl. [131, 134, 151, 152]). Sie empfinden es als eine betroffen sind, sind Täter häufig Personen zu
Entlastung, wenn die Ursache ihrer Verletzungen denen ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis
und Beschwerden und damit die erlittene Gewalt besteht und die ihre Hilflosigkeit und/oder Ein-
als solche benannt wird, unabhängig davon, ob es schränkungen, z. B. in der Selbstbestimmung,
sich um sichtbare Verletzungen (z. B. Frakturen ausnutzen. Auch hier gilt, dass Frauen nicht im
und Hämatome) oder um verborgene Sympto- Beisein der Begleitperson nach Gewalterfahrun-
me (z. B. Angstattacken, chronische Schmerzen, gen gefragt werden sollten. Frauen mit körper-
Schlaflosigkeit) handelt. In der Begleitforschung lichen Einschränkungen (z. B. in der Hörleistung)
zum S.I.G.N.A.L.-Interventionsprojekt befürwor- sollten sich in einem geschützten Rahmen mit
teten 80 % der befragten Frauen eine Routinebe- einer gebärdendolmetschenden Person verstän-
fragung über Gewalt im Kontext medizinischer digen können [173]. Zu Recht wird von Interessen-
Behandlung, wobei die Zustimmung bei gewalt- vertreterinnen kritisiert, dass gehörlose Frauen
betroffenen Frauen sogar bei 86 % lag [131]. In der und Mädchen oftmals nicht über die Möglichkei-
Frauenklinik Maternité, Stadtspital Zürich, hat ten der für sie kostenlosen Bereitstellung von Ge-
sich die Einführung des routinemäßigen Fragens bärdensprachdolmetscher/innen informiert seien
im Rahmen der Anamnese als geeignet erwiesen, bzw. Gesundheitseinrichtungen dieses Angebot
die Problematik häuslicher Gewalt zu enttabui- nur selten aus eigener Initiative organisieren und
sieren und betroffenen Frauen adäquate Unter- hinzuziehen würden.15 Gerade der Umgang mit
stützung anzubieten [146]. Ob es sich empfiehlt, gewaltbetroffenen Frauen mit geistigen Behinde-
Patientinnen grundsätzlich nach Gewalt zu fra- rungen und Lernbehinderungen stellt besonde-
gen oder nur angesichts bestimmter Beschwerden re Anforderungen an Gesundheitsexperten und
und Symptome, wird von Experten und Expertin- -expertinnen, die jedoch in der Regel kaum über
nen unterschiedlich eingeschätzt. Voraussetzung behinderungsspezifische Behandlungserfahrun-
ist in jedem Fall, dass Gesundheitsfachkräfte gen und Fachkenntnisse verfügen.
gut informiert sind und sensibel vorgehen. In
internationalen Studien wurde festgestellt, dass
routinemäßige Befragungen (sog. Screenings)
Fortbildungsangebote und Trainingsmaterialien
erfordern, um Kompetenzbarrieren und persön-
liche Widerstände seitens der Behandelnden zu
überwinden (vgl. [18, 21, 153, 154, 155]).
Andere Kommunikationsbarrieren entstehen
auch dadurch, dass Betroffene in manchen Fällen 15 Weitere Informationen zu behinderten Frauen z. B. Inter-
nicht alleine zur ärztlichen Untersuchung kom- essensvertretung »Weibernetz e. V.«, www.weibernetz.de
Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42 33

5.2 Bereitstellung und Verbreitung von qualifi- sundheitlichen Versorgung haben und deshalb
ziertem Informationsmaterial zusätzlich über andere Wege außerhalb des Ge-
sundheitswesens angesprochen werden müssen.
Für Fachkräfte im Gesundheitswesen ist die
Kenntnis kommunaler und regionaler Hilfeange-
bote, Netzwerke und Einrichtungen für spezifi- 5.3 Aus-, Fort- und Weiterbildung aller Berufs-
sche Zielgruppen zentrale Voraussetzung in der gruppen des Gesundheitswesens
Realisierung eines unterstützenden Umgangs
mit gewaltbetroffenen Frauen. Frauen, die über Prävention von und Intervention gegen Gewalt
kein soziales Unterstützungsnetz verfügen und sollten als eine interdisziplinäre Aufgabe begrif-
z. B. durch den gewalttätigen Partner sozial isoliert fen werden, an der alle Berufsgruppen des Ge-
werden, haben kaum Zugang zu relevanten Infor- sundheitswesens beteiligt sind. In Aus-, Fort- und
mationen über ihre Rechte und über Hilfsmög- Weiterbildung ist die Bedeutung der Gesundheits-
lichkeiten. Dies gilt ebenso für behinderte Frauen, versorgung für die Intervention und Prävention
die z. B. in betreuten Wohngemeinschaften leben. bei Gewalt zu vermitteln und die verschiedenen
Umso wichtiger ist es, dass Einrichtungen im Ge- Professionen sind für die Thematik zu sensibili-
sundheitswesen Wissen verfügbar machen und sieren. Die Bund-Länder-Arbeitsgruppe »Häusli-
Informationen über grundlegende Rechte und che Gewalt« hat hierzu Standards und Empfeh-
Angebote bereitstellen, die Betroffene darin un- lungen für die Aus- und Fortbildung erarbeitet,
terstützen können erforderliche Schritte aus dem in denen wichtige inhaltliche und methodische
Gewaltkreislauf heraus zu unternehmen. Diese In- Hinweise, Empfehlungen für Organisation und
formationen können in Form von »Notfallkarten« Rahmenbedingungen sowie berufsspezifische
mit wichtigen Adressen, kurzen Informationsbro- Aspekte formuliert werden [156].
schüren oder Merkblättern in den Wartezimmern In allen Fortbildungskonzepten sollten Ein-
niedergelassener Praxen, in Krankenhäusern, in heiten zur Sensibilisierung für die Situation von
Geburtshäusern, in zentralen Anlaufstellen im Migrantinnen, behinderten Frauen und Mädchen
Stadtteil (z. B. Frauen- und Müttertreffpunkte) etc. sowie anderen Minderheiten und vulnerablen
ausgelegt werden (die Notfallkarten vorzugsweise Bevölkerungsgruppen integriert und die spezi-
auch in Waschräumen, Toiletten und Umkleide- fischen Anforderungen an Beratung und Inter-
kabinen). Betroffenen Frauen wird so ermöglicht, vention vermittelt werden. Empfohlen wird, die
zu einem selbst gewählten Zeitpunkt Kontakt zu Fortbildungen von einem interdisziplinären Team
spezialisierten Beratungseinrichtungen aufzuneh- durchführen zu lassen, wobei eine Trainerin aus
men. Auch ausgehängte Plakate können signali- der jeweiligen Berufsgruppe und eine aus einer
sieren, dass Kenntnis und Erfahrung im Umgang Frauenunterstützungseinrichtung rekrutiert wer-
mit der Gewaltproblematik besteht [4, 131]. Viele den sollten.
Beratungs- und Hilfsangebote verfügen mittler- Auf dem 110. Deutschen Ärztetag appellierten
weile über mehrsprachige Informationsmateri- die Delegierten an die Ärzteschaft, insbesondere
alien, so dass auch Migrantinnen berücksichtigt an die betroffenen Fachgruppen (z. B. Pädiatrie,
werden. Dies ist aber nur dann sinnvoll, wenn die Allgemeinmedizin und hausärztliche Versorgung,
Einrichtungen Beratungsangebote in den jewei- Öffentlicher Gesundheitsdienst, Chirurgie und
ligen Sprachen vorhalten. Letztlich können auch Gynäkologie), im Rahmen ihrer Betreuung von
mit ausgelegten Informationsmaterialien ledig- Familien, Kindern und Notfallopfern auf Zeichen
lich bestimmte Zielgruppen erreicht werden. Für häuslicher Gewaltanwendung zu achten und be-
Betroffene mit mangelnder Schulbildung oder mit troffene Personen und Familien adäquat kurativ
Lernschwächen sowie für behinderte Frauen mit und präventiv zu betreuen. Entsprechend sollte
Sinnesbeeinträchtigungen (z. B. Sehschwächen) das Thema »häusliche Gewalt« regelmäßig in der
sind schriftliche Informationsmedien nur bedingt medizinischen Ausbildung behandelt, als Fortbil-
geeignet. Zu berücksichtigen bleibt zudem, dass dungsmodul in die 80-Stunden-Blöcke zur psy-
Migrantinnen und Frauen mit Behinderungen chosomatischen Grundversorgung aufgenommen
oftmals einen eingeschränkten Zugang zur ge- und in praxisrelevanten Veranstaltungen angebo-
34 Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42

ten werden (Entschließungen des 110. Ärztetages Für die Dokumentation der Verletzungen bei
2007). häuslicher und sexualisierter Gewalt werden An-
An den auf das S.I.G.N.A.L.-Interventionspro- leitungen und Dokumentationsbögen angeboten
jekt basierenden »Train-the-Trainer«-Seminaren16 und rechtsmedizinische Aspekte erörtert. Des
zu Gewalt gegen Frauen und Gesundheit betei- Weiteren sind die rechtlichen Rahmenbedingun-
ligen sich aus dem Gesundheitssektor vor allem gen wie z. B. Schweige- und Meldepflicht, Gewalt-
Pflegekräfte, Therapeutinnen und Therapeuten, schutz- und Polizeigesetz, sowie Opferentschädi-
Hebammen, Physiotherapeutinnen und -thera- gungsgesetz aufgeführt. Alle Leitfäden enthalten
peuten, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Ge- Kontaktadressen, entweder von regionalen Unter-
sundheitszentren, aber auch Ärztinnen und Ärzte. stützungseinrichtungen oder aber von landeswei-
Die »Train-the-Trainer«-Seminare zielen auf die ten Dachverbänden der Frauenunterstützungsein-
Fortbildung von Fachkräften zum Thema Präven- richtungen.
tion und Intervention in der Gesundheitsversor- Bislang liegen kaum Erfahrungswerte vor, in-
gung gegen häusliche Gewalt. Die Teilnehmenden wiefern die Leitfäden in der Praxis erfolgreich an-
werden in den Seminaren dazu qualifiziert, Schu- gewendet werden. Da Unsicherheiten im Umgang
lungen für Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von mit der Gewaltproblematik im Gesundheitswesen
Krankenhäusern durchzuführen und sich an der noch weit verbreitet sind, schätzen Experten und
Einführung von Interventionsprogrammen gegen Expertinnen im Hinblick auf die Implementie-
häusliche Gewalt in der ambulanten und stationä- rung schriftlicher Leitlinien den Bedarf begleiten-
ren Versorgung zu beteiligen. der Schulungen unterschiedlich ein. In jedem Fall
Im Ausland kommt zunehmend den Pflege- ist davon auszugehen, dass Leitlinien zur Aufklä-
kräften eine bedeutende Rolle in der Intervention rung, Wissensvermittlung und Handlungssicher-
und auch Dokumentation zu. Hierfür werden sie heit beitragen können.
in Aus- und Weiterbildung geschult. Das Konzept Ein einstimmiger Beschluss der 16. Konferenz
»forensic nursing« hat sich in Deutschland aller- der Gleichstellungs- und Frauenministerinnen,
dings noch nicht durchgesetzt. -minister, -senatorinnen und -senatoren der Län-
der 2006 war dementsprechend die Aufforderung,
eine Untersuchung in Auftrag zu geben, die die
5.4 Leitlinien für die Behandlung von und den unterschiedlichen Maßnahmen und Methoden
Umgang mit Gewaltopfern für eine adäquate gesundheitliche Versorgung
der von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen und
In verschiedenen Bundesländern wurden von Kinder vergleicht 18. In die Evaluation einbezogen
interdisziplinären Arbeitsgruppen Leitfäden und werden sollen Materialien und Methoden zur Sen-
Empfehlungen für den adäquaten Umgang mit sibilisierung und Fortbildung der Beschäftigten
gewaltbetroffenen Frauen für Ärztinnen und des Gesundheitswesens im Hinblick auf Qualität
Ärzte erstellt und verbreitet 17. Sie thematisieren sowie Akzeptanz bei den Zielgruppen, sowie Er-
das Ausmaß von Gewalt, gesundheitliche Folgen, fahrungen mit Strategien einer berufs- und insti-
das Erkennen von (z. B. körperlichen, seelischen, tutionsübergreifenden örtlichen Zusammenarbeit
psychosomatischen) Indikatoren für Gewalt, sen- zur Verbesserung der gesundheitlichen Versor-
sible Gesprächsführung, gerichtsverwertbare Do- gung in diesem Bereich.
kumentation der Verletzungen sowie die Rolle der Weitere sinnvolle Maßnahmen und Umset-
Behandelnden in der Weitervermittlung an spe- zungsmöglichkeiten, die in der Expertise für die
zifische Unterstützungseinrichtungen. Darüber
hinaus werden Empfehlungen für sensible und
16 www.signal-intervention.de/inhalt/trainer.pdf
respektvolle Behandlungsschritte gegeben, um 17 Siehe handlungsorientierte Leitfäden im Anhang, vgl.
negative Gefühle und Ängste betroffener Frauen auch [157]
nicht zu verstärken. Grundkenntnisse über Post- 18 16. Konferenz der Gleichstellungs- und Frauenministerin-
nen, -minister, -senatorinnen und -senatoren der Länder
traumatische Belastungsstörungen werden ver-
– Hauptkonferenz am 18./19. Mai 2006 in Hamburg, Top
mittelt und Materialien für die Dokumentation 6.5: Evaluierung der Gewaltprävention im Gesundheits-
psychischer Folgen bereitgestellt. wesen
Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42 35

Enquêtekommission »Zukunft einer frauenge- S Sprechen Sie die Patientin an, signalisieren Sie ihre
rechten Gesundheitsversorgung in Nordrhein- Bereitschaft. Frauen öffnen sich, wenn sie spüren,
Westfalen« [4] identifiziert und dort auch detail- dass ihre Situation verstanden wird.
liert beschrieben wurden, sind: I Interview mit konkreten einfachen Fragen. Hören
Sie zu, ohne zu urteilen. Den meisten Frauen fällt es
schwer, über Gewalterlebnisse zu sprechen.
▶ Verbesserung der psychotherapeutischen Ver-
sorgung; G Gründliche Untersuchung alter und neuer Verlet-
▶ Aufbau von Kooperationsnetzen und Verbund- zungen. Verletzungen in unterschiedlichen Hei-
lungsstadien können Hinweise auf häusliche Ge-
projekten; walt sein.
▶ Entwicklung und Festlegung von Qualitäts-
N Notieren und dokumentieren Sie alle Befunde und
standards; Angaben, so dass sie gerichtsverwertbar sind.
▶ Übernehmen von Ergebnissen und Erfahrun-
A Abklären des aktuellen Schutzbedürfnisses. Schutz
gen guter Praxis (Good Practice Modelle); und Sicherheit für die Patientin sind Grundlage und
▶ Stärkung der Rechte von Patient/innen. Ziel jeder Intervention.
L Leitfaden mit Notrufnummern und Unterstützungs-
angeboten anbieten. Frauen werden zu einem für sie
6 Beispiele guter Praxis für Prävention richtigen Zeitpunkt von ihnen Gebrauch machen.
und Intervention
In Deutschland wurden in den letzten Jahren ver- Für die Umsetzung des Programms und die
stärkt Initiativen und Projekte zur Einbindung Integration in den Alltag der medizinischen und
des Gesundheitswesens in Intervention und Prä- pflegerischen Versorgung wurden Fortbildungs-
vention bei häuslicher und sexualisierter Gewalt konzepte für pflegerische und ärztliche Mitarbeiter
auf regionaler Ebene erprobt und »Good-Practice- und Mitarbeiterinnen entwickelt und durchgeführt
Konzepte« aus dem Ausland übernommen. Im sowie gerichtsverwertbare Dokumentationsbögen
Rahmen dieses Themenheftes können lediglich und Informationsmaterialien für betroffene Pati-
einige exemplarische Beispiele guter Praxis auf- entinnen bereitgestellt. Neben internen Kooperati-
gegriffen werden. onsstrukturen zur Sicherstellung einer adäquaten
Unterstützung und Versorgung gewaltbetroffener
Patientinnen bei stationärer Aufnahme wurden
6.1 Das S.I.G.N.A.L.-Interventionsprogramm externe Kontakte mit Unterstützungs- und Hil-
feeinrichtungen aufgebaut sowie kontinuierliche
Als erstes Projekt in Deutschland, das häusli- in- und externe Öffentlichkeitsarbeit geleistet. In
che Gewalt gegen Frauen innerhalb eines Kran- der dreijährigen Modellphase erfolgte eine beglei-
kenhauses fokussierte, wurde im Jahr 1999 das tende Evaluation zur Überprüfung und Weiterent-
S.I.G.N.A.L.-Interventionsprogramm (www. wicklung des Projektes.
signal-intervention.de/) am Berliner Universi- Die Beschäftigten des Klinikums betrachten
tätsklinikum Benjamin Franklin (CBF)19 in der S.I.G.N.A.L. als notwendiges und sinnvolles Pro-
Ersten Hilfe/Notaufnahme implementiert. Das gramm, um die Versorgung gewaltbetroffener
S.I.G.N.A.L-Projekt wurde als Kooperationsmo- Patientinnen zu verbessern. Im Rahmen des Pro-
dell konzipiert, an dem klinikinterne Mitarbeiter jekts konnten entsprechende Versorgungsstan-
und Mitarbeiterinnen und externe Fachkräfte aus dards und Handlungskompetenzen entwickelt
Frauenberatungs- und Frauenzufluchtseinrich- und vermittelt werden. Anfängliche Befürchtun-
tungen beteiligt waren20. gen seitens des Personals, das S.I.G.N.A.L.-Projekt
Inhaltlich orientierte sich das Projekt an inter- könnte mit zusätzlichen zeitlichen und inhaltli-
nationalen Interventionsprojekten. Die zentralen
Handlungsschritte und -ziele des Interventions- 19 Charité Campus Benjamin Franklin
20 Ausführlich ist das S.I.G.N.A.L.-Projekt in dem Hand-
programms werden durch das S.I.G.N.A.L.-Akro-
buch und der Begleitforschung dargestellt [131]. Die
nym beschrieben. wissenschaftliche Begleitung wurde für drei Jahre vom
BMFSFJ gefördert.
36 Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42

chen Belastungen verbunden sein, wurden im 6.2 Medizinisches Kompetenzzentrum für


Verlauf des Projekts weitgehend zerstreut. Dabei Gewaltopfer in Hamburg
erwiesen sich klare Regelungen von Verantwort-
lichkeiten sowie die Formulierung von Hand- In Hamburg wird seit 1998 eine klinisch-rechts-
lungsmöglichkeiten und -grenzen vor allem für medizinische Untersuchung von verletzten Ge-
die Pflegekräfte als bedeutsame Richtlinien [29]. waltopfern im Institut für Rechtsmedizin des
Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf
(www.uke.uni-hamburg.de/institute/rechtsme-
Erkenntnisse aus der nationalen und internatio- dizin/) als niedrigschwelliges Angebot durchge-
nalen Evaluationsforschung21 führt. Alle Opfer von Gewalt werden auf eigenen
Wunsch, unabhängig von einer Anzeige bei der
Nationale und internationale Evaluationsergeb- Polizei, kostenlos untersucht. Im Rahmen der
nisse zeigen, dass Initiativen und Projekte, die Sofort-Hilfe werden Verletzungen dokumentiert,
auf eine Praxisveränderung in Institutionen des Spuren gesichert und rechtsmedizinische, ge-
Gesundheitsbereichs zielen, die Unterstützung richtsverwertbare Gutachten erstellt. Der Aspekt
seitens der Führungsebene benötigen. Eine klare der Psychotraumatisierung konnte durch ein am
Verbindlichkeit der verantwortlichen Führungs- Institut für Rechtsmedizin bestehendes Angebot
personen – Krankenhausvorstand und professi- psychologischer Krisenintervention aufgefangen
onelle Verbände – verleihen den notwendigen werden [160]. Des Weiteren wird schnelle profes-
Veränderungen die essentielle Glaubwürdigkeit. sionelle Hilfe für Kinder, die Zeugen und/oder
Projekte und Initiativen ohne Unterstützung sei- selbst Opfer von Gewalt wurden, angeboten. Die
tens der Leitungsebene stützen sich hauptsächlich Hamburger Initiative hat das Ziel, den Versor-
auf das Engagement einzelner Professioneller. gungsbedarf bei Gewaltopfern zu erkennen, das
Eine nachhaltige Implementierung ist unter die- Angebot des rechtlichen Opferschutzes zu opti-
sen Umständen kaum möglich [131, 158, 159]. mieren und die Rechtsmedizin als integrierendes
Als ein effizienter Ansatz für institutionelle und vernetzendes Element im existierenden regi-
Interventions- und Präventionsmaßnahmen bei onalen Hilfesystem zu etablieren.
Gewaltbetroffenen in Krankenhäusern hat sich die Ein ähnlich differenziertes Modell existiert seit
Gründung einer interdisziplinären, abteilungs- 1987 am Institut für Rechtsmedizin der Univer-
übergreifenden Steuerungsgruppe bewährt, an sität Bern. In den letzten Jahren hat die klinische
der externe Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus Rechtsmedizin in Deutschland wie auch in ande-
der Anti-Gewalt-Arbeit beteiligt sind, um eine or- ren europäischen Ländern weitere Praxismodelle
ganisatorische Politik hinsichtlich neuer Interven- zur Versorgung von Gewaltbetroffenen etabliert
tionspraktiken bei Opfern von Gewalt zu entwi- und der multizentrische Austausch zu Praxis- und
ckeln. Externe Experten und Expertinnen können Forschungsfragen wurde intensiviert. Sowohl die
nicht nur das fachliche Wissen zur Gewaltthema- Deutsche als auch die Schweizerische Gesell-
tik, das Wissen um Unterstützungsbedarfe be- schaften für Rechtsmedizin haben Arbeitskreise
troffener Frauen, sondern auch Kenntnisse regi- zur klinischen Rechtsmedizin konstituiert. Diese
onaler Unterstützungsmöglichkeiten einbringen. verfolgen das Ziel, die Qualitätsentwicklung der
Die klinikinternen Fachberufe verfügen ihrerseits eigenen Praxis, die systematische Kooperation in-
über die pflegerischen und ärztlichen Fachkom- nerhalb des Gesundheitswesens und mit weiteren
petenzen sowie über die internen Kenntnisse der Organisationen vor Ort wie auch die Forschung zu
institutionellen Arbeitsabläufe [131, 158]. Gewaltfolgen nach abgestimmten Kriterien über-
regional voranzubringen. In Betracht gezogen
21 In dem im Rahmen des EU-Projektes »Coordination wird die Erarbeitung von formell verbindlichen
Action on Human Rights Violations« CAHRV erstell- Richtlinien.22
ten Bericht »Agencies and evaluation of good practice:
domestic violence, rape and sexual assult« [158] wurden
internationale Evaluationsergebnisse zusammengetragen 22 Zwischenergebnis einer pan-europäischen Bestandsauf-
und weitere Empfehlungen für den Gesundheitssektor nahme der klinisch-rechtsmedizinischen Praxis, (vgl.
formuliert. Siehe: www.cahrv.uni-osnabrueck.de [162])
Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42 37

6.3 Das Netzwerk »Gesine« 6.4 Kooperation zwischen Hebammen und


gynäkologischen Fachärztinnen und Fach-
Das Netzwerk »Gesine« (vgl. [161]) hat zur Ver- ärzten
besserung der Interventionen gegen Gewalt an
Frauen und Kindern praxisorientierte Umset- Da das Gesundheitswesen kein einheitliches,
zungsstrategien entwickelt und unterschiedliche hierarchisch gegliedertes System ist, sondern aus
Akteure des Gesundheitswesens und der psycho- zahlreichen unabhängigen Akteuren besteht, bie-
sozialen Versorgung gemeinsam mit Expertinnen tet es sich an, Kooperationsformen zu entwickeln,
und Experten aus spezifischen Unterstützungs- die auf ein bestimmtes Handlungsfeld oder einen
einrichtungen in ein Kooperationsmodell einge- bestimmten Gesundheitsbereich zielen.
bunden (www.gesine-net.info). Ziel ist es, praxis- Für dieses Vorgehen stellt die Zusammenarbeit
nahe und effektive Wege für eine gewaltsensible von Gynäkologinnen/Gynäkologen und Hebam-
Gesundheitsversorgung im Ennepe-Ruhr-Kreis men, die gegenwärtig an vielen Orten verstärkt er-
(NRW) anzubieten. Angesprochen sind z. B. Ärz- probt wird, ein hervorragendes Beispiel dar. Heb-
tinnen und Ärzte unterschiedlicher Fachrichtun- ammen bringen in diese Kooperation die Vorteile
gen, Kliniken, Pflegeberufe, Therapeutinnen und eines vertrauensbildenden Settings, Möglichkei-
Therapeuten, Beratungseinrichtungen, Hebam- ten einer Förderung der Eigenverantwortlichkeit
men und medizinische Assistenzberufe. Zentrale von Frauen sowie einer intensiven Familienbe-
Handlungsleitlinien des Netzwerkes sind die Nie- gleitung durch regelmäßige Hausbesuche ein. Die
derschwelligkeit der Angebote als oberstes Prin- Rahmenbedingungen und Potenziale der Hebam-
zip und die Verlässlichkeit, dass die vereinbarten mentätigkeit, akute Gewalterlebnisse oder -gefähr-
Standards eingehalten werden. Das Engagement dungen schwangerer Frauen wahrzunehmen und
für einen nach wie vor tabuisierten Themenbe- anzusprechen sind als besonders gut einzuschät-
reich bedarf zusätzlich einer »win-win-Situation« zen [163]. Hebammen können sexualisiert trauma-
für alle Beteiligten. Der Zugewinn an Sicherheit tisierte Frauen während der Schwangerschaft und
im Umgang mit dem Thema Gewalt, die Generie- Geburt umfassend begleiten und dazu beitragen,
rung plausibler Erklärungsansätze für Symptome die Entwicklung angstinduzierter, pathologischer
und schwer zu interpretierende Verhaltensweisen Störungen zu verhindern bzw. abzumildern [164].
sowie die Verlässlichkeit einer effektiven Weiter- Erfahrungen mit der Kooperation zwischen Gynä-
vermittlungspraxis bieten hierfür die Basis. Durch kologen und Gynäkologinnen sowie Hebammen
die Anbindung des Netzwerkes an die bestehende in der gemeinsamen Betreuung und Begleitung
kommunale Infrastruktur und die Mitarbeit am von Schwangeren zeigen, dass z. B. traumatisier-
sog. »Runden Tisch zur Bekämpfung von Gewalt ten Frauen durch die berufsspezifischen Rollen-
gegen Frauen« im Ennepe-Ruhr-Kreis besteht die verteilungen ein hohes Maß an Sicherheit und Sta-
Möglichkeit, relevante Berufsgruppen, wie z. B. bilität gewährt werden kann. Durch professionelle
Justiz, Polizei und Sozialverwaltungen, über die Kompetenz und psychosoziale Begleitung können
Angebote zu informieren. Eine Eingliederung wei- Zusammenhänge zwischen sexueller Gewalt und
terer Partner/innen in das derzeit etwa 50 Beteilig- möglicherweise auftretenden gesundheitlichen
te umfassende Netzwerk ist im Konzept möglich Problemen (z. B. Schwangerschaftskomplikati-
und vorgesehen, doch angesichts der knappen onen) frühzeitig erkannt und thematisiert bzw.
personellen Ressourcen für die Koordination und medizinisch behandelt werden. Dies kann unter
für die spezifische Beratung betroffener Frauen Umständen den Einsatz von Medikamenten oder
derzeit nicht umsetzbar. Rückmeldungen seitens eine stationäre Behandlung ersetzen [4].
der Netzwerkpartner/innen und der gewaltbetrof- Dieser für Deutschland neue Ansatz der inte-
fenen Frauen finden in konzeptioneller Hinsicht grierten medizinischen und psychosozialen Be-
Berücksichtigung und sollen somit zur Optimie- treuung von Schwangeren stützt sich auf Konzepte
rung der Netzwerkpraxis beitragen [161]. aus dem Ausland und ist medizinisch abgesichert
38 Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42

durch Forschungsergebnisse der Evidence-based regungen positiver Ansätze, z. B. in der Erprobung


medicine (EBM) [165]. neuer Präventions- und Interventionsmodelle in
Die 2001 gegründete interdisziplinäre Arbeits- einzelnen Bundesländern, sind verstärkt aufzu-
gruppe »Sexualisierte Gewalt gegen Frauen und greifen, um bestehende Defizite in der systema-
die Auswirkungen auf Schwangerschaft, Geburt tischen Implementierung gesundheitsbezogener
und Wochenbett« TARA23 besteht aus Fachfrauen Hilfen zu beseitigen und um die in Bezug auf die
unterschiedlicher Berufsgruppen wie Hebammen, Gewaltproblematik auf verschiedenen Ebenen des
Frauenärztinnen, Psychologinnen und (Sozial-) Gesundheitssystems bestehende Unter- und Fehl-
Pädagoginnen. Angesprochen werden zudem versorgung zu verringern.
Kinderkrankenschwestern, Kinderärztinnen und
Stillberaterinnen. Die Arbeitsgruppe arbeitet seit
2006 an Empfehlungen zur Begleitung gewalt- Forschungsbedarf
betroffener Frauen in Schwangerschaft, Geburt,
Wochenbett und Stillzeit. Es wird angeregt, das Im Vergleich zur Relevanz der Gewaltproble-
Thema Gewalt gegen Frauen in die Curricula der matik sind die vorhandenen Forschungs- und
Hebammenausbildung aufzunehmen. Datenlücken in Deutschland als beträchtlich
einzuschätzen. Bislang wurden lediglich ausge-
wählte Zusammenhänge zwischen Gewalt und
7 Fazit – Forschungs- und Handlungs- Gesundheit untersucht. Gesundheitsfolgen und
felder für die gesundheitliche Versor- Komorbiditäten (z. B. posttraumatische Belas-
gung von Gewaltopfern tungsstörung und Demenz) in spezifischen Ziel-
gruppen (z. B. ältere Frauen mit sexualisierten
Gewalterfahrungen) und daraus abzuleitender
Die im vorliegenden Themenheft dokumentierte Versorgungsbedarf wurden bislang weitgehend
Gewaltbetroffenheit vorrangig von Frauen, aber vernachlässigt. Vergleichbar wenig erforscht ist
auch von Männern und Kindern, unterstreicht die mögliche Potenzierung gesundheitlicher Fol-
die Relevanz des Gesundheitssektors als einen gen von Gewalt, die Rolle biografisch bedingter
niedrigschwelligen Präventions- und Interven- Risikofaktoren für Gewalterfahrungen und ge-
tionsbereich. Nachdem die Gewaltthematik, und sundheitliche Folgebeschwerden sowie die Frage
hier speziell häusliche Gewalt, in den zurücklie- nach geschlechtsspezifischen Unterschieden im
genden Jahren verstärkt in das Bewusstsein der Kontext sexueller und/oder häuslicher Gewalt.
Öffentlichkeit und der Fachöffentlichkeit, insbe- Hinzu kommt, dass die in der Tradition der Frau-
sondere in den psychosozialen Beratungsstellen, engesundheitsforschung stehende Untersuchung
der Strafverfolgung wie auch der Justiz gerückt ist, der gesundheitlichen Folgen von Gewalt bislang
beginnt nun zunehmend auch die Wahrnehmung vorwiegend Frauen und Mädchen als Gewaltop-
und Sensibilisierung für die Thematik innerhalb fer in den Blick nimmt. Demgegenüber werden
der Gesundheitsversorgung. Dabei kommt der Jungen und Männer, z. B. als Betroffene von sexu-
Ärzteschaft in Zusammenarbeit mit anderen Be- ellem Missbrauch und häuslicher wie außerhäus-
rufsgruppen eine Schlüsselrolle zu. Auf einem licher Gewalt, erst seit wenigen Jahren überhaupt
gemeinsamen Fachsymposium der Bundesärz- als eine relevante Opfergruppe wahrgenommen
tekammer und des Bundesministeriums für und als Zielgruppe gendersensibler Gesundheits-
Gesundheit »Gesundheitliche Folgen häuslicher forschung und -versorgung definiert [36]. Für die
Gewalt gegen Frauen« (2007) wurden bestehende (Weiter-)Entwicklung frauen- und männerge-
Aktivitäten erörtert und neue Impulse im Umgang rechter Versorgungskonzepte gilt es diese »black
mit der Thematik für Akteure im Gesundheits- box« zum Problemkomplex Gewalt sowohl über
wesen entwickelt. Komplexe Problemsituationen,
wie häusliche Gewalt, erfordern vielschichtige
23 TARA ist im Arbeitskreis Frauengesundheit (AKF e. V.)
Interventionen und verlangen nach integrierten und Bund Dt. Hebammen (BDH e. V.) angesiedelt. Nä-
Hilfen, innerhalb derer die Gesundheitsversor- here Informationen können folgender Internetadresse
gung einen zentralen Stellenwert einnimmt. An- entnommen werden: www.geburtskanal.de/TARA/
Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42 39

geschlechtsspezifische als auch über gendersen- sozialer Lage und Lebensbedingungen aufzeigen
sible Forschungsprojekte weiter zu erhellen. Eine kann, sind repräsentative, valide und kontinuier-
zentrale Grundlage hierfür sind einheitliche Da- lich erhobene Daten in Ergänzung zur amtlichen
tenerfassungssysteme, die konsistente Informati- Statistik, zu Prozessdaten, Beobachtungspraxen
onen bereitstellen. (Sentinels) und klinischen Studien erforderlich.
Darüber hinaus sind die gesundheitlichen Fol- Auf europäischer Ebene wird gegenwärtig
gen von Gewalt bei besonders vulnerablen Bevöl- in Anlehnung an die WHO und die Internatio-
kerungsgruppen (z. B. Migrantinnen und Migran- nal Classification of External Causes of Injuries
ten sowie Flüchtlinge, Obdachlose, Menschen mit (ICECI) ein so genanntes Verletzungssurveillance-
Behinderungen, Prostituierte) noch weitgehend system erarbeitet; im Rahmen der europäischen
unerforscht. Hier spielt neben physischer und und internationalen Gewaltprävalenzforschung
sexualisierter Gewalt auch die psychische Gewalt wird zudem ein standardisiertes Modul zur Er-
in Form von gesellschaftlichen und im sozialen fassung von (häuslicher) Gewalt gegen Frauen
Nahraum erfahrenen Diskriminierungen und entwickelt und diskutiert. Ein solches Modul in
Einschränkungen eine besondere Rolle. Versor- Ergänzung zu einem »Minimum Data Set for inju-
gungskonzepte, die kultursensibel und kompetent ry surveillance« (MDS-Is, siehe www.rivm.nl/who-
Unterstützung für diese Zielgruppen auch im Be- fic/ICECIeng.htm) könnte – in Abstimmung mit
reich der Gesundheitsversorgung bereitstellen, aktuellen internationalen Standardisierungs- und
sind bislang in Deutschland kaum entwickelt. Modulentwicklungen zur Erfassung von Gewalt
Schließlich fehlt es weiterhin an Instrumen- und deren Folgen im Rahmen der Gesundheits-
ten einer kontinuierlichen Wirksamkeitsanalyse und der Gewaltprävalenzforschung – auch für die
von Interventionen und Präventionsmaßnahmen deutsche Berichterstattung ein zentrales Instru-
in der Praxis, die es ermöglichen festzustellen, ment darstellen, um Daten über Gewaltausmaße,
ob die Maßnahmen tatsächlich zielgerichtet und -kontexte und Gesundheitsfolgen systematisch
erfolgreich implementiert werden können und wo und langfristig zu erfassen [21, 23, 167, 168].
gegebenenfalls Modifizierungen und Weiterent- Eine konsistente Datenbasis ist eine zentrale
wicklungen sinnvoll sind. Voraussetzung, potenzielle Risikogruppen und
gesundheitliche Folgen von Gewalt in der Gesund-
heitsversorgung erkennen und behandeln zu kön-
(Häusliche) Gewalt im Rahmen der Gesundheits- nen. Die Aufnahme von Gewaltviktimisierungen
berichterstattung in den Bundesgesundheitssurveys, die Durchfüh-
rung von Langzeitstudien, die Implementierung
Informationen zum Versorgungsbedarf von Ge- von Sentinels, Surveillance- und Dokumentations-
waltbetroffenen, die Entwicklung von gesund- systemen für gewaltbedingte Verletzungen sowie
heitsbezogenen Interventionen, ihre Implemen- die Verankerung von Routinebefragungen durch
tierung und Evaluation sind unmittelbar mit der Fachkräfte innerhalb der Gesundheitsversor-
Weiterentwicklung und Optimierung der aktuell gung stellen Möglichkeiten zur Verbesserung der
unzulänglichen Datenlage verknüpft. Verfügba- Datenlage dar [166].
re Routinedaten (z. B. Klinikentlassungsberichte,
Mortalitäts- und Kriminalstatistiken) geben ledig-
lich Auskunft zu ausgewählten Einzelaspekten, Präventionspotenziale in der gesundheitlichen
während Begleitumstände und Rahmenbedin- Versorgung von Gewaltopfern
gungen von Gewaltübergriffen (z. B. detaillierte
Informationen über Gewaltereignisse, Verlet- Der Weltgesundheitsbericht zu Gewalt und Ge-
zungsarten etc.) in der Regel nur schwer zu ge- sundheit [1] verdeutlicht ebenso wie die im Jahr
nerieren sind [166]. Für eine qualifizierte Gesund- 2005 durchgeführte »Multi-Country Study on
heitsberichterstattung, die bundesweite Aussagen Women’s Health and Domestic Violence against
zur Prävalenz häuslicher Gewalt erlaubt, differen- Women« der WHO [21], dass der Gesundheitssek-
zierte Aussagen zu gesundheitlichen Folgen von tor vielfältige Anknüpfungspunkte zur Veranke-
Gewalt ermöglicht sowie Zusammenhänge zu rung präventiver Interventionen in der gesund-
40 Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42

heitlichen Versorgung von Gewaltbetroffenen wird. Im Zentrum steht die häufig nur oberfläch-
bietet (vgl. [166]). Wie bereits ausgeführt werden lich diskutierte Frage nach den Ursachen von Ge-
auch in Deutschland mittlerweile zahlreiche walt gegen Frauen und Mädchen, die Frage nach
Modellprojekte mit institutionsspezifischen Hand- möglichen (z. B. verhaltensbezogenen) Belastungs-
lungskonzepten in verschiedenen Bundesländern faktoren auf der Täterseite, die das Risiko für häus-
erprobt. Nachdem erste Modellprojekte sich auf liche und sexuelle Gewalt erhöhen, sowie die Iden-
den Bereich der Krankenhäuser bezogen (siehe tifizierung möglicher Schutzfaktoren [169]. Ziel ist
S.I.G.N.A.L.), wird nun im Rahmen des zweiten es, potenzielle Belastungsfaktoren bereits in einem
Aktionsplanes der Bundesregierung zur Bekämp- sehr frühen Stadium zu identifizieren, um auf die-
fung von Gewalt gegen Frauen seit 2008 ein wei- sem Wege Gewalt gegen Frauen und Mädchen im
teres wissenschaftlich begleitetes Projekt zur Ein- Vorfeld zu vermeiden und die Opferzahlen insge-
bindung der niedergelassenen Ärzteschaft in die samt zu reduzieren. Zu verstärken sind nach den
Intervention (MIGG – Medizinische Intervention Vorschlägen der Expertengruppe z. B. die Täterprä-
gegen Gewalt) durch das BMFSFJ gefördert. Ein vention, um männliche Täterschaft zu verhindern,
Teil des Projektes wird von der Rechtsmedizin in sowie die Erhöhung der Sicherheit von Frauen und
Düsseldorf geleitet und somit auch der Stellen- Mädchen im öffentlichen Raum durch strukturel-
wert der Rechtsmedizin verdeutlicht, das zweite le Maßnahmen [169; vgl. auch 21]. Für diese Art
Teilprojekt ist ein Kooperationsprojekt von Gesine primärpräventiver Maßnahmen außerhalb des me-
und S.I.G.N.A.L. dizinischen Sektors, die sich sowohl eher unspezi-
Ein weiteres Projekt »SELBST – Selbstbe- fisch an die Gesamtbevölkerung als auch an defi-
wusstsein für behinderte Mädchen und Frauen nierte Zielgruppen richten können, hat sich in den
(§ 44 SGB IX)«, das auch die Erfordernisse an die Gesundheitswissenschaften die Terminologie der
Rehabilitationsleistung der Übung zur Stärkung »primordialen Prävention« [170] etabliert. Anknüp-
des Selbstbewusstseins im Rehabilitationssport fend an die WHO-Rahmenkonzeption zur Primär-
(Ergänzungsleistung zur medizinischen Rehabi- prävention häuslicher und sexueller Gewalt [169]
litation) im Fokus hat, ist im Aktionsplan II der sind primordiale Maßnahmen darauf ausgerichtet
Bundesregierung genannt. Die Übungen zur Stär- potenziellen Risikofaktoren, wie z. B. Alkohol- und
kung des Selbstbewusstseins sollen Schutz auch Drogenmissbrauch, die Gewaltverhalten Vorschub
im Sinne von Prävention leisten, indem sie den leisten können, vorzubeugen und gewaltbegünsti-
Mädchen und Frauen die Möglichkeit geben, ihr gende strukturelle Bedingungen der Lebens(um)
Recht auf (sexuelle) Selbstbestimmung wahrzu- welt (z. B. soziale Isolation, Ausgrenzung) zu modi-
nehmen und einzuüben. fizieren. Die Stärkung von emotionalen und sozia-
Aus der Präventionsperspektive ist bislang eine len Kompetenzen (z. B. Konfliktlösungsstrategien)
deutliche Dominanz von Maßnahmen und Ange- bereits bei Kindern und Jugendlichen und damit die
boten festzustellen, die auf Frauen mit bereits vor- Erweiterung gesundheitlicher Ressourcen und ge-
liegenden Gewalterfahrungen fokussieren. Sie sind sundheitsfördernder (Coping-)Faktoren sind in die-
damit im Wesentlichen auf Sekundärprävention sem Zusammenhang von besonderer Priorität und
im Sinne der Bereitstellung von Unterstützungs- somit wichtiger Bestandteil von Prävention, z. B. in
angeboten und der Reduzierung gesundheitlicher Kindergärten und Schulen sowie in Freizeiteinrich-
Folgewirkungen von Gewalt beschränkt. Nach Ein- tungen und Sportvereinen. Primordialpräventiver
schätzung einer WHO Expert/innengruppe [169] Bedarf besteht jedoch auch im Erwachsenenalter.
ist es nun in Erweiterung bisheriger Perspektiven Zielgruppengerecht aufbereitete Information und
sinnvoll, zusätzlich die Möglichkeiten und Chancen Aufklärung, z. B. auf der Gemeindeebene in Stadt-
einer vorsorgenden Verhinderung von häuslicher teileinrichtungen und als Teil der Öffentlichkeits-
und sexueller Gewalt gegen Frauen und Mädchen arbeit unter anderem von Fachgesellschaften und
zu prüfen, welche in den zurückliegenden Jahren Berufsverbänden, spielen eine große Rolle, um für
deutlich vernachlässigt wurde. Diese Situation hat die Gewaltproblematik zu sensibilisieren bzw. Ge-
die WHO im Jahr 2007 veranlasst, eine Experten- walt als ein zentrales Gesundheitsrisiko von Frauen
gruppe zu bilden, die in den kommenden Jahren und Mädchen in das öffentliche Bewusstsein zu
vorrangig Fragen primärer Prävention bearbeiten rücken [143].
Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42 41

Der in Deutschland etablierten Differenzierung (z. B. hinsichtlich Alter, Geschlecht, sozialer Her-
nach primärer, sekundärer und tertiärer Präven- kunft, Bildungsstand, Lebenssituation, sexueller
tion folgend, richtet sich auf der Interventions- Orientierung, kulturellem Hintergrund) und für
ebene der Primärprävention der Fokus darauf, vulnerable Lebenslagen sensibilisiert sein müssen
bestehende Gewaltverhältnisse aufzudecken, Op- (vgl. auch [171]). Nur so können präventive Ange-
fer von Gewalt in der Suche nach weitergehenden botsstrukturen mit einem expliziten Zielgrup-
geeigneten Hilfemöglichkeiten zu unterstützen pen- und Kontextbezug gesichert und Fehl- und
und durch die Dokumentation von Verletzungen Unterversorgung von gewaltbetroffenen Frauen,
Schutzmaßnahmen vor weiterer Gewalt einzu- Männern und Kindern im Gesundheitswesen
leiten bzw. Gewalt zu beenden. Darüber hinaus langfristig weiter abgebaut werden. Unabdingbare
gilt es die beteiligten und mittelbar betroffenen Voraussetzung sind eine sektorenübergreifende
Kinder und Jugendlichen in primärpräventiven Kooperation, eine Bündelung von Ressourcen und
Interventionen als eigenständige Zielgruppe von Aktivitäten sowie entsprechende Kenntnisse und
Prävention im Kontext häuslicher Gewalt zu be- Informationen bei allen Fachkräften, die in helfen-
rücksichtigen. Die Aufdeckung häuslicher Gewalt den Berufen tätig sind.
spielt daher im Hinblick auf den vorbeugenden
Gesundheitsschutz der Kinder und Jugendlichen
eine zentrale Rolle. Integration der Gewaltthematik in Aus-, Fort-
Der Bereich der Sekundärprävention umfasst und Weiterbildung
die Behandlung von gewaltinduzierten Verlet-
zungen und Beschwerden, die der Stabilisierung Das Erfordernis die Gewaltproblematik im Be-
des Gesundheitszustandes insgesamt dienen und wusstsein von Fachkräften im Gesundheitswesen
langfristige Traumatisierungsfolgen möglichst zu verankern, resultiert, wie die Ausführungen
verhindern sollen. Tertiärpräventive Maßnah- des Themenheftes gezeigt haben, aus den vielfäl-
men, die geeignet sind die Traumaverarbeitung tigen fachlichen Kontexten, die Professionelle in
und Traumabewältigung zu unterstützen, fallen Gesundheitsfachberufen mit Gewaltbetroffenen
vorwiegend in den Zuständigkeitsbereich ambu- konfrontieren. Um sowohl ärztliche als auch nicht-
lant und stationär tätiger Psychotherapeutinnen ärztliche Heil- und Hilfsberufe zu befähigen, ihre
und -therapeuten. Schutz vor erneuter Gewalter- Schlüsselrolle in der Vorbeugung von Gewaltüber-
fahrung, z. B. während ambulanter/stationärer griffen und in der Behandlung von Gewaltfolgen
Therapie oder auf geschlechtergemischten Sta- wahrzunehmen, ist es erforderlich, das Themen-
tionen in Alten- und Pflegeheimen, ist ebenfalls gebiet in den relevanten Ausbildungs- und Stu-
der Tertiärprävention zuzurechnen. Selbstbestim- diencurricula sowie in der Approbationsordnung
mung und Wahlmöglichkeiten im Hinblick auf für Ärzte und Ärztinnen strukturell zu verankern.
das Geschlecht des Behandelnden/Pflegenden so- Neben Medizinern und Medizinerinnen verschie-
wie bezüglich der Behandlungsmethode sind mit dener Fachrichtungen (z. B. Allgemeinmedizin,
Blick auf eine mögliche Retraumatisierung und Psychiatrie, Gynäkologie) und psychologischen
Trauma-Reaktivierung sowie angesichts potenziell Psychotherapeutinnen und -therapeuten, betrifft
gewaltbegünstigender Rahmenbedingungen, vor dies auch Arzthelferinnen und -helfer, die in haus-
allem in stationären Einrichtungsformen, ein und fachärztlichen Praxen in der Regel den ersten
deutlich zu stärkender Bereich tertiärer Präven- informellen Kontakt zu Betroffenen haben. Des
tion [4]. Weiteren sind Rettungssanitäter und -sanitäte-
Die Verschiedenartigkeit potenziell gewaltbe- rinnen angesprochen, die in Notfallsituationen
troffener und -gefährdeter Zielgruppen können (im Rettungs-/Notarztwagen) auf akut betroffene
im vorliegenden Themenheft der Gesundheitsbe- Gewaltopfer stoßen, Pflegekräfte, die Patientin-
richterstattung nur angedeutet und exemplarisch nen und Patienten in sehr intimen Pflegesitua-
dargestellt werden. Zusammenfassend lässt sich tionen, z. B. in ambulanten Pflegediensten oder
feststellen, dass präventive Interventionen – un- in stationären Einrichtungen der Altenpflege, in
abhängig von der Interventionsstufe und dem Institutionen der Akutversorgung und in Einrich-
Interventionsziel – für Spezifika der Zielgruppen tungen der Rehabilitation gegenüberstehen sowie
42 Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42

Hebammen in ihrer Funktion als Begleiterin von ation von Gewaltopfern wesentlich effektiver und
Familien/Frauen über einen längeren Zeitraum effizienter gestalten sowie Präventionspotenziale
(vgl. [172]). deutlich besser ausschöpfen. In der Vergangen-
Gewalt zu diagnostizieren, geschlechtsspezi- heit haben sich lokal organisierte Netzwerke unter
fischen Versorgungsbedarf zu erkennen, foren- interprofessioneller Beteiligung möglichst vieler
sisch wichtige Verletzungen juristisch verwertbar Berufsgruppen und Einrichtungen (z. B. Ärztin-
zu dokumentieren und Informationen über Hilfs- nen und Ärzte, Hebammen, Gesundheits- und
und Unterstützungsangebote zu geben, erfordert Jugendämter) als besonders gewinnbringend
umfangreiche fachliche Expertise, die auf einheit- erwiesen, um z. B. Gewalt begünstigende Belas-
lichen Standards und Leitlinien basiert. Für alle tungsfaktoren in Familien präventiv zu vermin-
Berufsgruppen gilt, dass fachspezifisches, medi- dern. Die seit einiger Zeit auch von politischer Sei-
zinisch-pflegerisches Wissen über Gewaltsymp- te intensivierten Auseinandersetzungen mit dem
tomatiken und Gesundheitsfolgen, Behandlungs- Thema Misshandlung oder/und Vernachlässi-
und Beratungskonzepte allein nicht ausreichend gung von Kindern und die in der Folge etablierten
ist. Darüber hinaus bedarf es des Erwerbs persön- familien- und kindzentrierten »Frühwarnsyste-
licher, selbstreflexiver und kommunikativer Kom- me« (z. B. Familienhebammen, Vorsorgeunter-
petenzen im Umgang mit der Gewaltthematik suchungen) stellen zentrale Anknüpfungspunkte
in unterschiedlichen Behandlungssettings und für eine Vernetzung dar.
Versorgungseinrichtungen [146]. Sie sind im Rah- Eine geschlechterangemessene, gewaltsensible
men der zu entwickelnden bzw. zu ergänzenden Gesundheitsversorgung bedarf, um nachhaltige
Curricula für Aus-, Fort- und Weiterbildung von Erfolge erzielen zu können, der Bereitstellung und
Gesundheitsfachberufen zu berücksichtigen [29]. Gewährleistung ausreichender finanzieller und
Ziel sollte sein, einheitliche, qualitätsgesicherte personeller Ressourcen, die eine strukturelle Ver-
Ausbildungsstandards zum Umgang mit Gewalt- ankerung und Implementierung von Modellpro-
betroffenen für die verschiedenen im Gesund- jekten und Präventionsansätzen in die ärztliche,
heitswesen tätigen Berufsgruppen sicherzustellen, pflegerische, therapeutische und geburtshilfliche
die zudem den Transfer fachwissenschaftlicher Er- Regelversorgung ermöglichen [29]. Angesichts
kenntnisse in die Praxis gewährleisten und dem ökonomischer Engpässe in vielen Kommunen und
Erfordernis interdisziplinärer Kooperation und finanzieller Einsparungen im Sozial- und Gesund-
Netzwerke Nachdruck verleihen. heitswesen ist davon auszugehen, dass die (auch
aus einer ethischen Verpflichtung heraus) erfor-
derliche Weiterentwicklung und Optimierung der
Kooperation und Vernetzung als Ressource und gesundheitlichen Versorgung bei Gewalt nur im
Synergien förderndes Qualitätsmerkmal Rahmen eines interdisziplinären und kooperati-
ven Handlungsansatzes gelingen kann. Die inter-
Während in Bereichen außerhalb des Gesund- ne und Institutionen übergreifende Vernetzung
heitswesens in den letzten Jahren zahlreiche Ko- mit anderen Berufsgruppen, Hilfeeinrichtungen
operationen und Netzwerke, z. B. zwischen Polizei und verantwortlichen Behörden kann wesentlich
und Justiz, Beratungseinrichtungen, Jugendhilfe zur Überwindung der bekannten Schnittstellen-
etc. entstanden sind [132, 133], fehlt es vielfach an problematik im Gesundheitssektor beitragen. Sie
einer systematischen Beteiligung des Gesund- ermöglicht neben einer Bündelung von Fachkom-
heitssektors an regionalen Kooperationen sowie petenzen die interprofessionelle, Ressourcen spa-
an interdisziplinären Kooperationen innerhalb rende Nutzung bereits vorhandener Instrumente
der Gesundheitsversorgung. Eine mit den unter- und Materialien (vgl. [132]).
schiedlichen Unterstützungseinrichtungen für
Betroffene von sexueller und häuslicher Gewalt
(z. B. Frauenberatungsstellen, Frauenhäusern und
-notrufen, sozialen Diensten etc.) abgestimmte
Vorgehensweise innerhalb des Gesundheitssek-
tors (z. B. Kliniken) könnte die Versorgungssitu-
Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42 43

Evaluation und Qualitätssicherung von Maßnah- Leitlinien sowie in der systematischen Anwen-
men und Projekten dung von Handlungsleitfäden? [166]. Auch über
die Zweckmäßigkeit und die Verbreitungswege
Evaluationsstudien, die eine Bewertung von der verfügbaren Materialien zum Umgang mit
Implementierungsprozessen ermöglichen und Patientinnen und Patienten, die von (häuslicher)
institutionenspezifische Handlungskonzepte zur Gewalt betroffen sind, ist kaum etwas bekannt.
Verbesserung der Gesundheitsversorgung von Beispielsweise wäre zu prüfen, ob diese Materi-
Gewaltopfern auf ihre Wirksamkeit überprüfen, alien ohne begleitende Fortbildungsmaßnahme
stehen bislang noch weitgehend aus [29]. Lediglich in der Praxis zum Einsatz kommen bzw. ob und
aus der Begleitforschung des S.I.G.N.A.L.-Projek- inwieweit die Materialien bereits Eingang in Aus-
tes liegen entsprechend fundierte Ergebnisse vor, bildungscurricula von Gesundheitsfachberufen
die die Wirksamkeit der Projektmaßnahmen be- gefunden haben [29].
stätigen. Angesichts mangelnder Evaluation von Die Vielzahl der noch offenen Fragen sowie die
Interventionsprogrammen bleibt eine Vielzahl aufgezeigten Versorgungs- und Präventionsbe-
von Fragen offen, z. B.: Wie sind die Wirkun- darfe verdeutlichen die Relevanz weiterer quan-
gen eines routinemäßigen Gewaltscreenings im titativer und qualitativer wissenschaftlicher Ana-
Rahmen der Anamnese einzuschätzen? Welche lysen der Problematik sexueller, psychischer und
Potenziale zur Verbesserung der Gesundheitsver- physischer Gewalt an Frauen und Mädchen, Män-
sorgung liegen in der Umsetzung vorhandener nern und Jungen.
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violence-articles.asp?itemid=1722&itemTitle=Ma
king+the+link %3A+disabled+women+and+dom
estic+violence&section=000100010022000800
01&sectionTitle=Articles %3A+disabled+women
Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42 53

9 Glossar

Akkulturation Prozess der Anpassung von Immigranten und Immigrantinnen an die Kultur des Einwanderungs-
landes
Anamnese Krankengeschichte; im Arzt-Patienten-Gespräch ermittelte Vorgeschichte in Bezug auf vorliegende
Symptome und Beschwerden
Behandlungssetting der äußere Rahmen, in den eine Behandlung eingebettet ist (z.B. ambulante, stationäre, teilstatio-
näre Behandlung) sowie die Methoden und Techniken, die innerhalb der Behandlung zur Anwen-
dung kommen
Best-Practice- in der Praxis erfolgreich erprobte und wissenschaftlich evaluierte, innovative Lösungen oder Ver-
Ansätze fahrensweisen; Best-Practice-Ansätze entsprechen definierten Bewertungskriterien, die sie als vor-
bildlich und nachahmenswert für eine flächendeckenden Verbreitung bzw. Übertragung auf andere
Einrichtungen und Orte qualifizieren.
Bullying in Abgrenzung zum Begriff des Mobbing: Körperliche Gewalt oder/und Gewaltandrohung unter
Kindern und Jugendlichen
Copingfaktoren Mittel zur Bewältigung einer schwierigen Lebenssituation; hier: körperliche, psychische und sozi-
ale Fähigkeiten einer Person zur Bewältigung von Krankheit bzw. zum Umgang mit beeinträchtigter
Gesundheit (z. B. bei körperlichen Leiden oder nach traumatisierenden Erfahrungen)
Dunkelfeldstudien Untersuchungen zu unbekannt (im Dunkel) gebliebenen Straftaten; Dunkelfeldstudien zu Gewalt
befassen sich mit Gewalthandlungen, die anhand von offiziellen Statistiken wie den polizeilichen
Kriminalstatistiken der Bundeskriminalämter nicht erfasst werden, weil sie nicht zur Anzeige gelangt
sind (angezeigte Fälle = sog. Hellfeld). Zumeist werden für Dunkelfeldstudien repräsentative Bevöl-
kerungsbefragungen durchgeführt, die spezielle Methoden anwenden, um eine Gewaltbetroffenheit
der Befragten, insbesondere auch in sensiblen Bereichen, etwa der sexuellen Gewalt und/oder der
Gewalt in Familien- und Paarbeziehungen, bestmöglich erfassen zu können.
Evidence-based evidenzbasierte Medizin; Methode zur Verbesserung von Behandlung und Pflege mittels Abwägung
medicine (EBM) von Nutzen und Risiken auf der Basis statistisch nachgewiesener Wirksamkeit; zentrale Aufgabe der
EBM: Entwicklung von Leitlinien für die fachgerechte Bewertung und Behandlung von Gesundheits-
störungen
Forensik im Dienste der Rechtspflege stehende Wissenschaften zur Identifizierung und Analyse krimineller
Handlungen (Beispiel: forensische Medizin = Rechtsmedizin)
Gendersensibilität Geschlechtersensibilität; die systematische Wahrnehmung und Berücksichtigung unterschiedlicher
Lebenssituationen und -bedingungen von Frauen und Männern (im Gesundheitswesen: z.B. Blick für
geschlechterspezifisch unterschiedliche Krankheitsbilder oder Gespür für unterschiedliche Ansprü-
che an die ärztlich-medizinische Versorgung)
Gewaltprävalenz- Studien zur Häufigkeit des Vorkommens interpersoneller Gewalt; Grundlage für die Formulierung
studien von Anforderungen an Intervention, Unterstützung und Prävention
Gewaltschutzgesetz »Gesetz zur Verbesserung des zivilgerichtlichen Schutzes bei Gewalttaten und Nachstellungen
sowie zur Erleichterung der Überlassung der Ehewohnung bei Trennung« (GewSchG); inkraftgetre-
ten am 1. Januar 2002
Gewaltscreening aktive Suche zur Identifikation von Gewaltgeschädigten; hier: routinemäßige Fragen nach körper-
lichen und/oder sexuellen Gewaltübergriffen im ambulanten und stationären Bereich
Good Practice lokale Maßnahmen und Interventionen (z. B. im Bereich Prävention), die bestimmten Qualitäts-
kriterien entsprechen und deren Wirksamkeit belegt ist; als gelungene Modelle für die Übertragung
auf vergleichbare Kontexte bzw. Fragestellungen geeignete Maßnahmen
Häusliche Gewalt gewalttätige Übergriffe innerhalb einer partnerschaftlichen Beziehung oder zwischen erwachsenen
Personen, die in einem Angehörigenverhältnis zueinander stehen und/oder in einem Haushalt
zusammen leben (z. B. Gewalt gegenüber Ehepartnern, zu pflegenden Angehörigen etc.); auch
unabhängig vom Ort des Geschehens
»komorbiden Stö- hier: psychische und/oder körperliche Begleiterkrankungen infolge von Gewalterfahrungen, die
rungen« neben einer anderen primären Störung entstehen können (z. B. Medikamenten-, Alkohol- oder Dro-
genmissbrauch bzw. -sucht in Zusammenhang mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung)
54 Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42

Migrantinnen und Migrantinnen und Migranten bezeichnen Individuen oder Bevölkerungsgruppen, die selbst oder
Migranten/ deren Eltern/Großeltern einen geographisch definierten Raum (bzw. ein Land), in dem sie zuvor
ansässig waren, dauerhaft oder für einen längeren Zeitraum verlassen, um ihren Lebensmittelpunkt
in ein anderes Land/eine andere Region zu verlegen. Sie umfassen sehr heterogene Gruppen, z. B.
ausländische Studierende, Arbeitsmigrant/innen, Saisonarbeiter/innen, Flüchtlinge und Spätaus-
siedler. Migrantinnen und Migranten sind unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit Personen mit
einem Migrationshintergrund, d. h. z. B. auch solche der 2. und 3. Einwanderungsgeneration, die in
Deutschland geboren wurden und die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, deren Eltern/Eltern-
teile oder Großeltern aber in einem anderen Land geboren und aufgewachsen sind.
Migrationshinter- Einwanderer; Personen oder Bevölkerungsgruppen, die selbst oder deren Eltern/Großeltern einen
grund geographisch definierten Raum (bzw. ein Land), in dem sie zuvor ansässig waren, dauerhaft oder
für einen längeren Zeitraum verlassen, um ihren Lebensmittelpunkt in ein anderes Land/eine andere
Region zu verlegen; (z. B. ausländische Studierende, Saisonarbeiter, Flüchtlinge, Spätaussiedler)
Minoritätenstatus Gesellschaftliche Stellung von Personen aus Bevölkerungsgsgruppen, die sich im Vergleich zur
Bevölkerungsmehrheit eines Landes in einer zahlenmäßigen Minderheit befinden und sich aufgrund
von ethnischer Herkunft, sozialen und kulturellen Unterschieden von der Bevölkerungsmehrheit ab-
heben
Mobbing subtil angewandte psychische Gewaltform: systematische verbale Äußerungen und/oder Verhaltens-
weisen, die von andauernder Schikane im Alltag bis hin zum gezielten Psychoterror reichen können
und explizit gegen eine bestimmte Person gerichtet sind
Peer-Group Gruppe von Gleichaltrigen bzw. Gruppe von Gleichgestellten; hier: Bezugsgruppe von Kindern und
Jugendlichen im Rahmen des Sozialisationsprozesses außerhalb des Elternhauses
Posttraumatische auch: Psychotraumatisches Belastungssyndrom (PTBS); psychische und/oder psychosomatische
Belastungsstörung Symptome (z. B. Alpträume, Depressionen, Suchtverhalten, Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen)
infolge einer traumatischen Erfahrung
Prävalenz Häufigkeit; Bestand an Erkrankten in der Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt bzw. innerhalb
eines bestimmten Zeitraums; hier: Gewaltprävalenz als Prozentsatz derer, die in einem bestimmten
Referenzzeitraum (1 Jahr, 5 Jahre, Erwachsenenalter, Kindheit, Lebenszeit) Gewaltbetroffene waren
primordiale Präven- Gesundheitsförderung, durch Verringerung gesundheitlicher Risikofaktoren
tion
psychotrope Medika- Medikamente, die auf die Psyche einwirken
mente
Repräsentativität Qualitätskriterium für die Bewertung statistischer Forschungsergebnisse; Eine Studie ist repräsenta-
tiv, wenn die Ergebnisse verallgemeinerbar sind und auf einer Untersuchungsgruppe beruhen, die in
ihrer Struktur und Zusammensetzung die Bevölkerung oder die Gruppe, zu der Aussagen getroffen
werden sollen, widerspiegelt
Retraumatisierung Wiedererinnern eines bereits erlebten Traumas oder die erneute Konfrontation mit einer trauma-
tischen Erfahrung (z. B. im Kontext von Begutachtungen, Gerichtsprozessen, polizeilichen Befra-
gungen)
Sentinel epidemiologische Erhebung, bei der (auf freiwilliger Basis) von ärztlichen Beobachtungspraxen oder
Beobachtungsgesundheitsämtern bestimmte Krankheitsfälle oder andere relevante Daten regelmä-
ßig an eine Auswertungsstelle gemeldet werden; im Kontext Gesundheit und Gewalt: ein Informati-
onsinstrument, um kontinuierlich oder in einem bestimmten zeitlichen Rhythmus relevante Daten
zur gesundheitlichen Versorgung von Gewaltopfern zu ermitteln
Setting Lebensbereich, in dem Menschen den größten Teil ihrer Zeit verbringen (z. B. Arbeitsplatz, Schule,
Wohnort etc.)
Stalking Nachstellen; Beabsichtigtes und anhaltendes Verfolgen, Belästigen, Terrorisieren einer Person über
einen längeren Zeitraum
Surveillance Überwachung; hier: kontinuierliche Erfassung von Erkrankungen und Todesfällen durch systema-
tische und kontrollierte Datenerhebungen und Datenauswertungen
Trauma-Reaktivie- erneutes Auftreten psychischer oder psychosomatischer Symptome aufgrund einer früheren trau-
rung matischen Erfahrung (z. B. Vergewaltigung im Jugendlichenalter) nach längerer Zeit der Symptom-
freiheit; betroffen sind häufig ältere, kriegstraumatisierte Frauen sowie Flüchtlinge und Einwanderer
aus Kriegsregionen
Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42 55

Trauma Verletzung; einmaliges oder langandauerndes, außergewöhnliches und extrem belastendes Ereignis,
das für Betroffene mit Gefühlen von Bedrohung, Angst und Hilflosigkeit assoziiert ist und sowohl
körperliche als auch seelische Verletzungen verursachen kann
Validität Gütekriterium; Statistisch erhobene Daten sind valide, wenn sie dem Kriterium der Zuverlässigkeit
und Richtigkeit entsprechen
»Vergewaltigungs- Begriff aus den 1970er-Jahren mit Bezug auf die traumatischen Auswirkungen einer Vergewaltigung;
traumasyndrom« Seit den 1980er-Jahren wird auch im Kontext der Beschreibung der Folgen von sexueller Gewalt der
Begriff Posttraumatisches Belastungssyndrom verwendet.
Verletzungssurveil- System zur Verbesserung der Informations- und Datenlage zu Gewalt gegen Frauen und Männer in
lancesystem Europa (z. B. hinsichtlich Alter, Geschlecht, Ort des Geschehens, Art der Verletzung) mittels syste-
matischer und kontinuierlicher Datenerhebungen
Viktimisierung Prozess, durch den Menschen aufgrund von Gewalterfahrungen in eine Opferrolle geraten
Vulnerable Perso- aufgrund ihrer körperlichen und/oder seelischen Konstitution (z.B. Behinderung, psychische Stö-
nengruppen rung, Schwangerschaft, hohes Alter) oder/und aufgrund ihrer besonderen sozialen Situation (z. B.
obdachlose Frauen) verletzlichere (vulnerable) Personenkreise
56 Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42

10 Links und weiterführende Informationen und Arbeitshilfen für Ärztinnen


Informationen und Ärzte zu häusliche Gewalt. Herausgege-
ben vom Arbeitskreis Häusliche Gewalt. Be-
Arbeitshilfen und Praxisleitfäden zum Umgang zug: Niedersächsisches Ministerium für Sozia-
mit häuslicher Gewalt im Gesundheitswesen les, Frauen, Familie und Gesundheit
Email: ursula.jess@ms.niedersachsen.de
Bundesmodellprojekt zur medizinischen Inter- www.aekn.de/web_aekn/home.nsf/ContentView
vention gegen Gewalt (MIGG) mit weiteren /60832249640854C2C1256FB70035FBCD/$F
Links ile/Broschuere_2004.pdf
www.MIGG-Frauen.de (im Aufbau)
Befunderhebung, Spurensicherung und Versor-
GESINE -Intervention bei Häuslicher Gewalt. In- gung bei Verdacht auf sexualisierte Gewalt
formationen und Sicherheitshinweise für Pati- www.frauennotruf-frankfurt.de/AErztliche-
entinnen, Informationen und Arbeitshilfen für Dokumentation.40.0.html
medizinische Berufe (Materialien, Forschungs-
ergebnisse, Fachtagsdokumentationen) Arbeits- und Planungshilfe »Häusliche Gewalt
www.gesine-net.info und Gesundheit«. Hrsg. v. Landesinstitut für
den öffentlichen Gesundheitsdienst NRW
S.I.G.N.A.L-Interventionsprojekt. Handbuch für (lögd) 2005
die Praxis www.loegd.nrw.de/1pdf_dokumente/2_ge-
www.bmfsfj.de/bmfsfj/generator/Redaktion- sundheitspolitik_gesundheitsmanagement/
BMFSFJ/Abteilung4/Pdf-Anlagen/signal-han gendergesundheit/planungshilfe-c11-haeusli-
dbuch,property=pdf,bereich=,sprache=de,rwb che-gewalt-12-8.pdf
=true.pdf
Praxisrelevante Arbeitsmaterialien und Leitfäden
Informationen für Ärztinnen und Ärzte. »Wenn sowie Dokumentationsbogen für Professio-
Patientinnen von Gewalt betroffen sind« nelle des Gesundheitswesens(u.a. »Diagnose:
www.big-interventionszentrale.de/veroeffentli- Gewalt« – Leitfaden für den Umgang mit Pati-
chungen/broschueren/pdfs/patientinnen.pdf entinnen, die von Häuslicher Gewalt betroffen
sind) mit Med-Doc-Card (Karte im Kittelta-
Dokumentationsbogen bei häuslicher Gewalt – schenformat, enthält wesentliche Punkte zur
körperlicher Misshandlung. Hintergrundinfor- Dokumentation gut handhabbar zusammen-
mationen und Handreichung für die ärztliche gefasst), Frauengesundheit NRW
Praxis www.frauengesundheit-nrw.de/ges_them/ge-
www.frauennotrufe-hessen.de/formulare/in- walt.htm
dex.htm
Mehr als das Herz gebrochen – Plakat für Arzt-
Leitfaden »Häusliche Gewalt«. Hinweise zu Diag- praxen und medizinische Einrichtungen als
nostik, Dokumentation und Fallmanagement. »Türöffner« für das Patientinnengespräch und
Herausgegeben von der Ärztekammer Ham- Patientinneninformation zu den gesundheitli-
burg in Kooperation mit der HIGAG, dem chen Folgen von Gewalt
UKE, der Techniker Krankenkasse und der www.gesine-net.info/images/pdf/gesine-plaka-
Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg tera.pdf
www.aerztekammer-hamburg.de/diekammer/ www.gesine-net.info/images/pdf/mehr-als-
ausschuesse/leitfaden_haeuslichegewalt06. das-herzera.pdf
pdf
Gewalt macht Frauen krank! – eine mehrsprachige
Notfallkarte für Patientinnen
www.gesine-net.info/images/pdf/mini-folder-
1era.pdf
Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42 57

»Männliche Gewalt macht Frauen krank« und Weitere Informationen zu rechtsmedizinischen


Kurzleitfaden Januar 2008. RIGG – Rheinland- Aspekten, zum Umgang mit Kindesmiss-
Pfälzisches Interventionsprojekt gegen Gewalt handlung/-vernachlässigung, zu Unterstüt-
in engen sozialen Beziehungen, zungseinrichtungen zu Gewalt gegen Frauen
www.rigg-rlp.de/downloads.html und Gewalt gegen Kinder, Aktionsplänen der
Bundesregierung sowie zu nationalen/interna-
Anit Violence Awareness. Eine Seite mit umfassen- tionalen Publikationen/Resolutionen (u. a. der
den Informationen zu Gewalt gegen Frauen für WHO und der EU) im Internet unter:
Betroffene und Multiplikatoren in zahlreichen www.rki.de/DE/Content/GBE/Gesundheitsbe-
Sprachen. richterstattung/Themenhefte/gewalt__links.
www.gewaltschutz.info/ html

Frauengesundheit NRW. Ausführliche Informati-


onsseite mit Materialien und Informationen zu
Gewalt gegen Frauen und Kinder (Forschungs-
ergebnisse, Politische Dokumente und Grund-
lagen, modellhafte Projekte im Gesundheitswe-
sen; Informationsmaterial für Ärzte/Ärztinnen
und Professionelle im Gesundheitswesen,
handlungsorientierte Praxisleitfäden, Fortbil-
dung, Vernetzung, Aktivitäten und Projekte)
www.frauengesundheit-nrw.de/ges_them/ma-
terial_gew.htm
58 Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42
Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 42 59

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek


Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen Nationalbibliografie.

Herausgeber
Robert Koch-Institut
Nordufer 20
13353 Berlin

Redaktion
Robert Koch-Institut
Gesundheitsberichterstattung
Dr. Kerstin Horch, Dr. Thomas Ziese
General-Pape-Straße 62
12101 Berlin

Autoren
Prof. Dr. Claudia Hornberg, Dr. Monika Schröttle
Nadia Khelaifat, Andrea Pauli
Universität Bielefeld (Fakultät für Gesundheits-
wissenschaften und Interdisziplinäres Zentrum
für Frauen- und Geschlechterforschung)
Dipl.-Päd. Sabine Bohne
Adressen Universität Osnabrück, FB Kultur- und Erziehungs-
Robert Koch-Institut wissenschaften – Pädagogische Frauenforschung
Gesundheitsberichterstattung
Postfach 650261 Abonnentenservice
13302 Berlin Die Hefte »Gesundheitsberichterstattung des
Tel.: 030-18754-3400 Bundes« können im Abonnement oder als
Fax: 030-18754-3513 einzelne Hefte kostenlos bezogen werden.
E-Mail: gbe@rki.de
www.rki.de/gbe Grafik/Satz
Gisela Winter
Statistisches Bundesamt, Zweigstelle Bonn Robert Koch-Institut
Informations- und Dokumentationszentrum
Gesundheitsdaten Druck
Graurheindorfer Straße 198 Mercedes-Druck, Berlin
53117 Bonn
Tel.: 030-18644-8121 ISBN
Fax: 030-18644-8996 978-3-89606-190-4
E-Mail: gbe-bund@destatis.de ISSN
www.gbe-bund.de 1437-5478
Die politische und finanzielle Verantwortung für
die Gesundheitsberichterstattung des Bundes liegt
beim Bundesministerium für Gesundheit.

Gesundheitsberichterstattung des Bundes

Robert Koch-Institut in Zusammenarbeit


mit dem Statistischen Bundesamt

Heft 42
Oktober 2008

Gesundheitliche Folgen von Gewalt

Berlin: Robert Koch-Institut


ISBN 978-3-89606-190-4
ISSN 1437-5478
ROBERT KOCH INSTITUT
Statistisches Bundesamt

Die hohe Betroffenheit von Frauen und Kindern, aber


auch von Männern durch Gewalt im privaten und
öffentlichen Raum ist mit erheblichen gesundheitlichen
Folgen verbunden, die in der ärztlichen Diagnostik und
gesundheitlichen Prävention zunehmend Beachtung
finden sollten. Das Erkennen von Gewalt als Ursache
physischer und psychischer Beeinträchtigungen kann
zum Abbau von Über-, Unter- oder/und Fehlversorgung Heft 42
der Betroffenen beitragen. Institutionen des Gesund-
heitswesens haben daher als häufig erste und einzige Gesundheitliche Folgen von Gewalt
Anlaufstelle beim Vorliegen von akuten Verletzungen und
gesundheitlichen Folgen von Gewalt eine Schlüsselrolle
unter besonderer Berücksichtigung
bei der Intervention und Prävention weiterer Gewalt. von häuslicher Gewalt gegen Frauen
In dem vorliegenden Themenheft werden – unter
besonderer Berücksichtigung von häuslicher Gewalt
gegen Frauen – Ergebnisse der nationalen und inter-
nationalen Forschung zu gesundheitlichen Folgen von
Gewalt präsentiert und Handlungsanleitungen sowie
Best-Practice-Ansätze für den Umgang mit Gewalt-
betroffenen vorgestellt.

© Robert Koch-Institut
ISBN 978-3-89606-190-4
ISSN 1437-5478

Das Robert Koch-Institut ist ein Bundesinstitut


im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit Gesundheitsberichterstattung des Bundes
The high incidence of domestic and public
violence affecting women and children, but also
men causes considerable health consequences,
and more attention should be paid to this issue
in medical diagnostics and preventive medicine.
Recognizing violence as the cause of physical and
psychological problems can help overcome the
provision of too much, too little and/or the wrong
care for victims. Public health institutions are
often the first and only places where people go to
seek help for acute injuries and health problems
resulting from violence; they therefore play a key
role in intervention and the prevention of further
violence. This booklet presents the results of
national and international research on the health
consequences of violence, paying particular atten-
tion to domestic violence against women. It also
suggests guidelines and best-practice approaches
to assisting the victims of violence.
Gesundheitsberichterstattung des Bundes
Themenheft 42 – Gesundheitliche Folgen von Gewalt
Ergänzende Wertetabellen zu den Abbildungen
Stand: Oktober 2008

Abbildung 1, Seite 10
Ausmaß von Gewalt gegen Frauen in verschiedenen (außereuropäischen)
Ländern nach den Ergebnissen der WHO-Multy-Country-Studie
Quelle: [21]

Land/Region schon physische schon sexuelle schon sexuelle oder


Gewalt erfahren Gewalt erfahren physische Gewalt
(oder beides) erfahren
Peru, Provinz 61 % 47 % 69 %
Äthiopien, Provinz 49 % 59 % 71 %
Peru, Stadt 49 % 23 % 51 %
Vereinigte Republik Tansania, Provinz 47 % 31 % 56 %
Bangladesh, Provinz 42 % 50 % 62 %
Samoa 41 % 20 % 46 %
Bangladesh, Stadt 40 % 37 % 53 %
Thailand, Provinz 34 % 29 % 47 %
Brasilien, Provinz 34 % 14 % 37 %
Vereinigte Republik Tansania, Stadt 33 % 23 % 41 %
Namibia, Stadt 31 % 16 % 36 %
Brasilien, Stadt 27 % 10 % 29 %
Thailand. Stadt 23 % 30 % 41 %
Serbien und Montenegro, Stadt 23 % 6% 24 %
Japan, Stadt 13 % 6% 15 %

Abbildung 2, Seite 11
Prävalenzen zu Gewalt gegen Frauen seit dem
16. Lebensjahr im Überblick
Quelle: [3]

Gewaltart Anteil
Körperliche Gewalt 37 %
Sexuelle Gewalt 13 %
Sexuelle Belästigung 58 %
Psychische Gewalt 42 %
Körperliche/sexuelle Gewalt 25 %
durch aktuelle/frühere Partner
Nachstellungen/Stalking 20 %