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Stefan Zweig - Die Welt von gestern (1942, posthum)

[Zweig bekommt den Besuch der Nazis in seiner Villa in Salzburg]


Am nächsten Morgen, ich lag noch im Bett, klopfte es an die Tür; unser braver alter Diener, der
mich sonst nie weckte, wenn ich nicht ausdrücklich eine Stunde bestimmt hatte, erschien mit
bestürztem Gesicht. Ich möchte hinunterkommen, es seien Herren von der Polizei da und
wünschten mich zu sprechen. Ich war etwas verwundert, nahm den Schlafrock und ging in das
untere Stockwerk. Dort standen vier Polizisten in Zivil und eröffneten mir, sie hätten Auftrag, das
Haus zu durchsuchen; ich solle sofort alles abliefern, was an Waffen des Republikanischen
Schutzbundes im Hause verborgen sei. […]
Die vier Detektive gingen durch das Haus, öffneten einige Kästen, klopften an ein paar Wände,
aber es war mir sofort klar an der lässigen Art, wie sie es taten, dass diese Nachschau pro forma
geschah und keiner von ihnen ernstlich an ein Waffendepot in diesem Hause glaubte. Nach einer
halben Stunde erklärten sie die Untersuchung für beendet und verschwanden. […]
Mein Haus gefiel mir nicht mehr seit jenem amtlichen Besuch, und ein bestimmtes Gefühl sagte
mir, dass solche Episoden nur schüchternes Vorspiel viel weiterreichender Eingriffe waren. Am
selben Abend begann ich meine wichtigsten Papiere zu packen, entschlossen, nun immer im
Ausland zu leben, und diese Loslösung bedeutete mehr als eine von Haus und Land, denn meine
Familie hing an diesem Haus als ihrer Heimat, sie liebte das Land. Mir aber war persönliche
Freiheit die wichtigste Sache auf Erden. Ohne irgendjemanden meiner Freunde und Bekannten
von meiner Absicht zu verständigen, reiste ich zwei Tage später nach London zurück; mein erstes
dort war, der Behörde in Salzburg die Mitteilung zu machen, dass ich meinen Wohnsitz definitiv
aufgegeben hätte. Es war der erste Schritt, der mich von meiner Heimat loslöste. Aber ich wusste,
seit jenen Tagen in Wien, dass Österreich verloren war – freilich ahnte ich noch nicht, wieviel ich
damit verlor.
***
[Zweig in London als Flüchtling]
Der Fall Österreichs brachte in meiner privaten Existenz eine Veränderung mit sich, die ich zuerst
als eine gänzlich belanglose und bloß formelle ansah; ich verlor damit meinen österreichischen
Pass und musste von den englischen Behörden ein weißes Ersatzpapier, einen Staatenlosenpass
erbitten. […]
Ebenso verstand ich erst in der Minute, da ich nach längerem Warten auf der Bittstellerbank des
Vorraums in die englische Amtsstube eingelassen wurde, was dieser Umtausch meines Passes
gegen ein Fremdenpapier bedeutete. Denn auf meinen österreichischen Pass hatte ich ein Anrecht
gehabt. Jeder österreichische Konsulatsbeamte oder Polizeioffizier war verpflichtet gewesen, ihn
mir als vollberechtigtem Bürger auszustellen. Das englische Fremdenpapier dagegen, das ich
erhielt, musste ich erbitten. Es war eine erbetene Gefälligkeit und eine Gefälligkeit überdies, die
mir jeden Augenblick entzogen werden konnte. Über Nacht war ich abermals eine Stufe
hinuntergeglitten. Gestern noch ausländischer Gast und gewissermaßen Gentleman, der hier sein
internationales Einkommen verausgabte und seine Steuern bezahlte, war ich Emigrant geworden,
ein ›Refugee‹. Ich war in eine mindere, wenn auch nicht unehrenhafte Kategorie hinabgedrückt.
Außerdem musste jedes ausländische Visum auf diesem weißen Blatt Papier von nun an besonders
erbeten werden, denn man war misstrauisch in allen Ländern gegen die ›Sorte‹ Mensch, zu der ich
plötzlich gehörte, gegen den Rechtlosen, den Vaterlandslosen, den man nicht notfalls abschieben
und zurückspedieren konnte in seine Heimat wie die andern, wenn er lästig wurde und zu lange
blieb. Und ich musste immer an das Wort denken, das mir vor Jahren ein exilierter Russe gesagt:
»Früher hatte der Mensch nur einen Körper und eine Seele. Heute braucht er noch einen Pass
dazu, sonst wird er nicht wie ein Mensch behandelt.« […]
Vor 1914 hatte die Erde allen Menschen gehört. Jeder ging, wohin er wollte und blieb, solange er
wollte. Es gab keine Erlaubnisse, keine Verstattungen, und ich ergötze mich immer wieder neu an
dem Staunen junger Menschen, sobald ich ihnen erzähle, dass ich vor 1914 nach Indien und
Amerika reiste, ohne einen Pass zu besitzen oder überhaupt je gesehen zu haben. Man stieg ein
und stieg aus, ohne zu fragen und gefragt zu werden, man hatte nicht ein einziges von den
hundert Papieren auszufüllen, die heute abgefordert werden. […]
Erst nach dem Kriege begann die Weltverstörung durch den Nationalsozialismus, und als erstes
sichtbares Phänomen zeitigte diese geistige Epidemie unseres Jahrhunderts die Xenophobie: den
Fremdenhass oder zumindest die Fremdenangst. Überall verteidigte man sich gegen den
Ausländer, überall schaltete man ihn aus. All die Erniedrigungen, die man früher ausschließlich für
Verbrecher erfunden hatte, wurden jetzt vor und während einer Reise jedem Reisenden auferlegt.
Man musste sich fotografieren lassen von rechts und links, im Profil und en face, das Haar so kurz
geschnitten, dass man das Ohr sehen konnte, man musste Fingerabdrücke geben, erst nur den
Daumen, dann alle zehn Finger, musste überdies Zeugnisse, Gesundheitszeugnisse, Impfzeugnisse,
polizeiliche Führungszeugnisse, Empfehlungen vorweisen, musste Einladungen präsentieren
können und Adressen von Verwandten, musste moralische und finanzielle Garantien beibringen,
Formulare ausfüllen und unterschreiben in dreifacher, vierfacher Ausfertigung, und wenn nur
eines aus diesem Schock Blätter fehlte, war man verloren. […]
Eine kleine Beamtin bei einem Konsulat zu kennen, die einem das Warten abkürzte, war im letzten
Jahrzehnt lebenswichtiger als die Freundschaft eines Toscanini oder eines Rolland. Ständig sollte
man fühlen, mit freigeborener Seele, dass man Objekt und nicht Subjekt, nichts unser Recht und
alles nur behördliche Gnade war. Ständig wurde man vernommen, registriert, nummeriert,
perlustriert, gestempelt, und noch heute empfinde ich als unbelehrbarer Mensch einer freieren
Zeit und Bürger einer geträumten Weltrepublik jeden dieser Stempel in meinem Pass wie eine
Brandmarkung, jede dieser Fragen und Durchsuchungen wie eine Erniedrigung. […]
Jede Form von Emigration verursacht an sich schon unvermeidlicherweise eine Art von
Gleichgewichtsstörung. Man verliert – auch dies muss erlebt sein, um verstanden zu werden – von
seiner geraden Haltung, wenn man nicht die eigene Erde unter sich hat, man wird unsicherer,
gegen sich selbst misstrauischer. Und ich zögere nicht zu bekennen, dass seit dem Tage, da ich mit
eigentlich fremden Papieren oder Pässen leben musste, ich mich nie mehr ganz als mit mir
zusammengehörig empfand. Etwas von der natürlichen Identität mit meinem ursprünglichen und
eigentlichen Ich blieb für immer zerstört.