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I.

Einleitung
In der vorliegenden Arbeit widme ich mich vor allem der Analyse von
ausgewählten Liedern des Minnesangs.
In den ersten Kapiteln beschäftige ich mich mit der Darstellung der
deutschen Kultur und Gesellschaft im Hochmittelalter, mit dem
Begriff „Minnesang“ und seinen einzelnen Entwicklungsphasen. In
das zweite Kapitel habe ich auch den Einfluss des Minnesangs in
Böhmen eingeschlossen. Weiter dann stelle ich die Hauptrollen und
Begriffe des Minnesangs dar, die mich während der Zeit meiner Arbeit
begleiten, und auch das Leben und Werk der Autoren (Der von
Kürenberg, Friedrich von Hausen, Heinrich von Morungen, Walther
von der Vogelweide, Neidhart von Reuental und Wenzel II), die ich
für meine Interpretationen gewählt habe.
Den Hauptteil meiner Arbeit bilden die eigenen Analysen von
ausgewählten Minneliedern oder ihrer Teile. Als Einleitung in meinen
Interpretationen erwähne ich auch die wichtigen Grundbausteine, die
man in der Struktur der Lieder finden kann. In dem zweiten und
wichtigsten Kapitel des Hauptteils bemühe ich mich, die Grundmotive
und Themen des deutschen Minnesangs und auch des Minnesangs in
Böhmen (Wenzel II.) darzustellen. Jedes Unterkapitel behandelt ein
Thema: Sehnende Dame und werbender Ritter, Erotische Spannung,
Symbole und Metaphern, Gesellschaft und Mutter-Tochter Dialog,
Geheimnis der Liebe, Leid der Minne, Vollkommenheit der Dame,
Krezzugsmotiv, Motiv der Natur, Niedere Minne, Dörperliche Minne,
Tagelied. Die Minnelieder oder ihre Teile habe ich von sechs Autoren
gewählt, wobei jeder von ihnen eine Phase des Minnesangs darstellt.
Em Ende meiner Arbeit bemühe ich mich, die Motive von einzelnen
Autoren zusammenzufassen und einige Unterschiede hervorzuheben.

1
1. Kultur und Gesellschaft im Hochmittelalter
„Das Hochmittelalter ist die Blütezeit des Rittertums, des
Lehnswesens und des Minnesangs.“1
Neben dem Klerus (Repräsentant der geistigen Kultur) trat auch das
Rittertum mit seinem Idealen und Tugenden. Das Kloster, das als
Wahrzeichen des kulturellen Weltbildes diente, verlor an Wichtigkeit und
wurde hinsichtlich seiner repräsentativen Aufgabe durch die imposanten
Burgen der Ritter abgelöst. Den kulturellen Veränderungen entsprechend
vollzog sich ebenfalls ein Wandel innerhalb der mittelalterlichen Dichtung.
Behandelten die größenteils dem Klerus angehörigen Autoren zumeist
geistliche Themen oder Biographien adeliger Personen, so wandte man sich
jetzt verstärkt wetlichen Themen zu.2

2. Minnesang als eine Epoche der Liebeslyrik


Minnesang nennt man die schriftlich überlieferte, hoch ritualisierte
Form der gesungenen ritterlich-adligen Liebeslyrik, die der westeuropäische
Adel im hohen Mittelalter pflegte. Der Minnesang der südfranzösischen
Trobadors, später auch der nordfranzösische Minnesang der Trouvères hat
wesentlichen Einfluss auf die Anfänge des deutschen Minnesangs. Im
deutschsprachigen Raum kann man ab etwa 1150 von einem Minnesang auf
mittelhochdeutsch sprechen. Der Minnesang kann man in Phasen einteilen. 3

2.1 Frühphase (1150-1170)


Die erste Phase wird auch „donauländischer Minnesang“ genannt,
weil die meisten Vertreter dieser Phase aus der Donauregion stammten. Es
sind hier zu nennen: Meinloh von Sevelingen, Burggraf von Regensburg,
Dietmar von Aist sowie Der von Kürenberg. Es überwiegen einstrophige
Lieder, Langzeilenstrophen (teilweise mit eingeschobener reimloser
Kurzzeile sog. Stegstrophen), Halbreime (z.B. was-sach; hemede-edele),
Paareime (aabb...). Die Grundthemen sind Werbung um die Dame,
1
<http://de.wikipedia.org/wiki/Mittelalter> [26. Mai 2008]
2
<http:// www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/20467.html> [26. Mai 2008]
3
<http://de.wikipedia.org/wiki/Minnesang> [26. Mai 2008]

2
Sehnsucht nach Minneglück, Scheiden, Fremdsein und Verzicht. In frühen
Liedern führt der Werbende oft einen Dialog mit der Umworbenen. 4

2.2 Erste Hochphase, sog. Rheinischer Minnesang (1170-1200)


Den Kern bilden hier Dichter, die am Oberrhein ansässig waren. So
macht sich auch die geographische Nähe zu Frankreich durch bestimmte
formale und motivliche Einflüsse aus der Trobador und Trouvèrelyrik
bemerkbar, insbesondere bei Friedrich von Hausen, welcher als ein früher
Vertreter des rheinischen Minnesangs gilt. Weiter Autoren sind Bligger von
Steinnach, Bernger von Horheim sowie Rudolf von Fenis. Die meisten
dieser Dichter gehörten wahrscheinlich zum weiteren oder engeren Kreis des
Stauferhofes. Kennzeichen des rheinischen Minnesangs sind
Mehrsprophigkeit (die Einstrophigkeit tritt zurück) und Stollenstrophe. Die
Grundstruktur der Stollenstrophe ist eine prinzipielle Zweiteilung in
Aufgesang und Abgesang. Der Aufgesang besteht aus zwei metrisch
gleichgebauten Teilen. Der Abgesang ist dagegen metrisch davon in der
Regel unabhängig und frei kombinierbar.
Es überwiegt das Ideal der Hohen Minne. In den Liedern steht die Bitte um
Annahme eines Dienstes, den der Werbende (Ritter) der Umworbenen
(Dame) leisten möchte, im Mittelpunkt. Die Hohe Minne konstruiert so eine
totale Unterwerfung des Mannes. Die Dame wird aufgrund ihrer
vielbeschworenen guten Eigenschaften wie Schönheit, Klugheit, Güte zu
einer ethisch dominierenden Person. Sowohl der Ritter als auch die Dame
sind Teil der höfischen Gesellschaft.
Des Weiteren werden im rheinischen Minnesang Minne- und
Kreuzzugthematik kombiniert. Typische Gattungen sind die Hohe-Minne-
Klage sowie das Kreuzlied. In der Hohe-Minne-Klage steht die Werbung
und mit ihr die Erkenntnis über die Vergeblichkeit des Werbens im
Vordergrund. Emotionen und Wunschvorstellungen werden durch das
lyrische Ich kundgetan. Im Kreuzlied oder Kreuzugslied hingegen wird die
fiktionale Minnethematik mit einem realhistorischen Kreuzzugsmotiv

4
http://www.die-wander-voegel.de/Geschichte/M.html> [16. Mai 2008]

3
verbunden. Sie schließen sich der generellen Leidthematik des Minnesangs
an und sind zumeist gestaltet als Abschiedsklagen. Im Mittelpunkt steht der
Entscheidungskonflikt zwischen Minnedienst und Gottesdienst. 5

2.3 Zweite Hochphase (1190-1220)


Die dritte Phase wird repräsentiert durch Heinrich von Morungen,
Reinmar und Hartmann von Aue. Alle drei hatten ebenfalls Beziehungen
zum Stauferhof. In dieser Phase spaltet sich das mehr oder minder
einheitliche Erscheinungsbild des Minnesangs auf. Jeder Dichter bringt eine
unverwechselbare Individualität zutage durch sein einmaliges dichterisches
Potential. So ist ein Kennzeichen der zweiten Hochphase eine individuell
vielfältige Weiterentwicklung des im rheinischen Minnesang erreichten
Formstatus mit Stollenstrophe und reinem Reim (Vollreim) sowie inhaltlich
die Hohe Minne.6

2.4 Höhepunkt und Überwindung (1190-1230)


Die vierte Phase wird dominiert von dem bedeutensten deutschen
Lyriker des Mittelalters, Walther von der Vogelweide. Weitere Vertreter
sind der bedeutendste Epiker Wolfram von Eschenbach mit seinem kleinen
aber gewichtigen lyrischem Werk und wahrscheinlich Gottfried von
Straßburg. Auch diese Dichter hatten Beziehungen zum Stauferhof. Walter
von der Vogelweide vollendet den Hohen Minnesang und überwindet ihn
zugleich durch kritische Reflexion des Minnesangs und der Minne. Er
dichtete sowohl Hohen als auch Niederen Minnesang und schrieb
Umdichtungen von Liedern Reinmars, außerdem Naturlieder und
Minnesprüche. Naturlieder sind thematisch meist durch Jahreszeitenbezüge
bestimmt und werden oft metaphorisch für den Gemütszustand des lyrischen
Ichs eingesetzt. Minnesprüche sind einstrophige Spruchdichtungen mit
Minnethematik. Sein Werk kennzeichnet auch die Sangspruchlyrik. 7

5
http://www.die-wander-voegel.de/Geschichte/M.html> [16. Mai 2008]
6
http://www.die-wander-voegel.de/Geschichte/M.html> [16. Mai 2008]
7
http://www.die-wander-voegel.de/Geschichte/M.html> [16. Mai 2008]

4
2.5 Die Spätphasen (1210-1300)
Im Weiteren wird die Hohe Minne durch den originellen Dichter
Neidhart von Reuental parodiert. Er schuf den antihöfischen Minnesang
(sog. Gegensang) und karikiert die höfische Hohe Minne in seiner sog.
Dörperlyrik, in welcher die Liebesgeschichte in einfache, dörfliche
Umgebung getragen wird. Der Protagonist, ein Edelmann, wird nun von
Frauen niederen Standes umworben. Der edle Ritter wird zu einer tragisch-
komischen Figur. Neidharts Sprache und die offenere Darstellung des
Sexuellen verstärken den Widerspruch zum Hohen Minnesang. Nach
Neidhart gibt es keine wesentlichen Neuerungen mehr. Vielmehr beherrschen
die Dichter wie z.B. Tannhäuser, Friedrich von Sunburg, Heinrich von
Meissen... usw. die Vielzahl der in den früheren Phasen des Minnesangs
entwickelten formalen und poetischen Mittel.8

2.6 Beziehung des Prager Hofs zum Minnesang


Der erste, uns bekannte Minnesänger in Böhmen, bzw. in Prag, war
Reinmar von Zweter, der vom Jahr 1236 am Hof von Wenzel I. lebte.Der
König Wenzel I. unterstützte ihn, aber Reinmar von Zweter verließ in den
Jahren 1240-41 Böhmen und auf seine Stelle am Hof trat Sigehêrr und nach
kurzer Zeit auch Friedrich von Sunburg an. Die beiden blieben am Hof von
Przemysliden, auch während der Regierung des Königs Otakar II. Otakar II.
lud an seinen Hof dann noch zwei Epiker ein – Ulrich von dem Turlin und
Heinrich Clüzener. Der König achtete sehr auf den ritterlichen Kult und die
deutsche Kultur und so unterstützte er reichlich den Minnesang an seinem
Hof. Wenzel II. ging noch weiter. Er lud viel Minnesänger und Dichter ein
und vor allem war er höchst wahrscheinlich selbst der aktive Minnesänger.
Die Krönung des Königs Wenzel II. im Jahr 1297 wurde sogar zum
internationalen Sängerturnier. Aus der ganzen Reihe von Künstlern im
Dienste von Wenzel II. kann man vor allem Heinrich von Mîssen und Ulrich
von Etzenbach erwähnen. Am Hof von Karl IV. wirkten Mulich von Prâge
und Heinrich von Mugelîn. Ihre Dienste boten die beiden jedoch schon dem

8
http://www.die-wander-voegel.de/Geschichte/M.html> [16. Mai 2008]

5
Karls Vater Johann von Luxemburg. In dem 15. Jahrhundert endete
Minnesang in Böhmen schon definitiv.9

3. Die wichtigsten Rollen und Begriffe des Minnesangs


3.1 Minne
„Unter „Minne“ versteht man die höfische Liebe des Mittelalters. Der
Minnedienst am Hofe war ein wichtiger Bestandteil der feudalen
Kultur und ein bedeutendes Motiv in der Dichtung dieser Zeit.“ 10 Für
jeden Ritter bedeutet die Minne zu seiner Dame eine Lebenserfüllung,
ein erotisches Motiv, eine magische Kraft, die die Minnenden anzieht
oder lockt. Im Verlauf des Minnesangs erschienen verschiedene
Modelle der Minne.
Die hohe Minne war eine vergeistigte Liebe und in ihr verpflichtete
sich der Ritter einer höfischen Dame, die für ihn unerreichbar war. In der
niederen Minne reflektierte der Minnesänger über eine ernstgemeinte
Beziehung. Die Stimmung ist heiter und der Schauplatz meist eine
Naturidylle. Die dörperliche Minne wurde von Neidhart von Reuental
eingeführt. Der Schauplatz war ein Dorf. Sie ist gekennzeichnet durch eine
Bauernthematik und die Verwendung parodistischer, scherzhafter und
ironischer Darstellungsmittel.11

3.2 Die Dame


Auf keinem anderen Gebiet der mittelalterlichen Kultur hat die Frau
eine so große Rolle gespielt wie in der Literatur – als durch die
Dichtung verehrte Dame. Die Troubadourdichtung war eine Kunst der
strengen Gesetze und konzentrierte sich auf eine bewunderte Dame.
Die Schönheit der Dame und ihre Anmut wurden besungen, meist
unter einem Decknamen, denn die Dame (frouwe) war verheiratet. Die

9
<http://myschwerk.webzdarma.cz/minnesang.html> [17. Mai 2008]
10
<http://zdfexpedition.zdf.de/ZDFde/inhalt/15/0,1872,2116175,00.html?dr=1> [20.
Mai 2008]
11
<http://digitale-schule-bayern.de/dsdaten/18/777.doc> [20. Mai 2008]

6
adelige Dame stellte nicht nur das Objekt der Sehnsucht dar, sondern
sie hatte eine wichtige Funktion als Verkörperung der Werte und
Ideale. Die Frau wird als die unerreichbare Herrin verehrt, als eine
Macht, von der das Glück des Sängers abhängt, die aber trotz allen
Huldigungen zu nichts verplichtet ist. Die Dame spielte in der
ritterlichen Welt meistens eine passive Rolle, aber in der Frühphase
des Minnesangs z.B. bei Kürenberg wird die Aktivität der Dame in der
Liebe zu ihrem Geliebten betont.

3.3 Der Minnende


Der Minnende ist (neben der Dame) der Hauptprotagonist der
Minnedichtung. Er wurde als ein Adeliger, vor allem als ein Ritter,
dargestellt, der um eine Dame wirbt. „Der Frauendienst war die
Lösung des Rittertums und der Minnesang hat seine Träger fast
ausschließlich unter den Ritterbürtigen. Einer Dame den Hof zu
machen, um ihre Gnade zu werben, sie selbstlos zu lieben und ihr stets
Treue zu schwören, galt als ritterliche Tugend.“12
Die Zentralwerte höfischer Tugenden waren Ehre (ere), Disziplin,
festliches ritterliches Gefühl (hôher muot) und meisterliche Waffenkunst,
unbedingte Treue (triuwe), Freigebigkeit, Reinheit (kiusche), Beständigkeit
(staete), Zuverläsigkeit (getriuwe), feine Bildung (vuoge), Frohgestimmtheit
(vreude) und weitere. Turnier- und Jagdsport waren höfische Spiele, bei
welchen ritterliche Eigenschaften bewiesen wurden. 13
„Der Ritter widmete seine Minnelieder nicht der Gattin, sondern einer
anderen Frau, nicht selten einer Verehelichten und nannte ihren
Namen in seinem Lied nicht.“14 Den Frauendienst begreift der
Minnende als Weg zu seiner Vervollkommnug.

12
<http://zdfexpedition.zdf.de/ZDFde/inhalt/15/0,1872,2116175,00.html?dr=1>
[20. Mai 2008]
13
<http://u0028844496.user.hostingagency.de/malexwiki/index.php/Ritterlichkeit>
[26. Mai 2008]
14
<http://www.jadu.de/mittelalter/minnesang/minnesang-txt.html> [20. Mai 2008]

7
4. Leben und Werk der ausgewählten Autoren
4.1 Der von Kürenberg
Der von Kürenberg ist der Vertreter des frühen, donauländischen
Minnesangs. Er lebte in der Mitte des 12.Jahrhunderts und war
wahrscheinlich ein niederösterreichischer Ritter aus der Gegend um Linz.
Seine frühmittelhochdeutschen Gedichte entstanden etwa zwischen 1150 und
1170. In der Manessischen Liederhandschrift sind fünfzehn Lieder von ihm
überliefert. Am bekanntesten ist sein „Falkenlied“. 15
In seinen weiteren Liedern wechselt er die Frauen- und
Männerstrophen, die aber keinen Dialog zwischen dem Ritter und der
Minne beinhalten.

4.2 Friedrich von Hausen (um 1150-1190)


Das Leben des Dichters Friedrich von Hausen lässt sich vom Jahre
1171, in dem er erstmals urkundlich erwähnt wird, bis zu seinem Tod auf der
Kreuzfahrt Friedrich „Barbarossas“ im Jahre 1190 anhand zahlreicher
Zeugnisse verfolgen. Er war der Hauptvertreter des rheinischen Minnesangs,
ein hochgestellter Ministeriale und Diplomat, der im Gefolge des Kaisers
durch Deutschland, Frankreich und Italien reitet und als Hofdichter Friedrich
Barbarossas entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung des deutschen
ritterlichen Liedes nimmt. […] Seine Lieder schrieb er unter dem Einfluss
der romanischen Minnelyrik. Bekannt sind seine Minnelieder mit dem
Kreuzzugmotiv. Von dem Liedgut Friedrichs von Hausen werden uns in
„Des Minnesangs Frühling“ 18 Lieder überliefert. 16

4.3 Heinrich von Morungen (um 1160-1220)


Heinrich von Morungen war ein bedeutender deutscher Minnesänger.
Aus Liedern Morungens lässt sich kaum etwas über seine Lebensumstände

15
<http://de.wikipedia.org/wiki/Der_von_K%C3%BCrenberg> [3.Juni 2008]
16
<http://www.udoklinger.de/Deutsch/Ritterdichtung/Seite020.html> [3. Juni 2008]

8
erschließen. Möglicherweise war er mit jenem „Hendricus de Morungen“
identisch, der urkundlich in Thüringen bezeugt ist. Dieser Hendricus gehörte
dem niederen Rittertum an und stammte vermutlich von der Burg Morungen
bei Sangerhausen. […] Um 1217 lebte er in dem Thomaskloster in Leipzig,
wo er als ein erster großer Musikant wirkte und wo er auch 1222 starb. Von
Morungen sind 35 Minnelieder mit 115 Strophen überliefert, davon allein
104 Strophen in der großen Sammlung des Codex Manesse. Morungen ist ein
sehr bildhafter Lyriker. Sonne, Mond, Abendstern, Gold, Edelstein, Spiegel
usw. setzt er oft zur vergleichenden Beschreibung der besungenen,
gepriesenen Dame ein. […] In Form und Inhalt sind die Gedichte von der
provenzalischen Trobadordichtung beeinflusst.17

4.4 Walther von der Vogelweide (1170-1230)


„Walther von der Vogelweide war ein Dichter mittelhochdeutscher
Sangsprüche und Minnelieder. Er gilt als der bedeutendste
deutschprachige Lyriker des Mittelalters. Sein Geburtsort ist bis
heute unklar.“18
Wahrscheinlich ist er auf einem Vogelweidhof in Niederösterreich
geboren. […] Er empfing seine dichterische Ausbildung in Österreich durch
Reinmar den Alten. Während der Regierung des Herzogs Leopold V. sang er
am Wiener Hof seine Natur- und Minnelieder. […] Walther von der
Vogelweide starb um 1230 und wurde wahrscheinlich in Würzburg
begraben.19
Er ist von der unverfälschten hohen Minne schon abgerückt und stellt
der hochgestellten Dame die fiktive Figur des beglückungsbereiten
jungen Mädchens gegenüber. „Von ihm sind cca 500 Strophen, 90
Lieder und 150 Sprüche überliefert.“20

17
<http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_von_Morungen> [3. Juni 2008]
18
<http://de.wikipedia.org/wiki/Walther_von_der_Vogelweide> [3. Juni 2008]
19
<http://gutenberg.spiegel.de/index.php?id=19&autorid=622&autor_vorname=+Wa
lther+von+der&autor_nachname=Vogelweide&cHash=b31bbae2c6> [3. Juni 2008]
20
<http://de.wikipedia.org/wiki/Walther_von_der_Vogelweide> [3. Juni 2008]

9
4.5 Neidhart von Reuental (um 1180 - nach 1236)
Neidhart von Reuental gehört zu den großen Neuern des Minnesangs.
Neidhart könnte zwischen 1180 und 1190 geboren sein. Während die
Zeitgenossen und Nachfahren ihn ausschließlich als „hern Nîthart“ kennen,
nennt er sich selbst in einer Liedgruppe nur nach seinem Wohnsitz
„Riuwental“. Dabei ist fraglich, ob eine wirkliche Ortsangabe dahintersteckt.
Im Übrigen sprechen alle Anzeichen für die Annahme bayericher Herkunft,
vielleicht aus dem Alpenvorland im Raume Salzburg. Um oder nach 1230
hat er seine Heimat verlassen und neue Gönnerschaft in Österreich bei
Friedrich dem Streitbaren gefunden, d.h. in einer für die damalige Lied-
Moderne besonders aufgeschlossenen Umgebung. In der Hälfte des 13.
Jahrhunderts dürfte er wahrscheinlich nicht mehr gelebt haben. Neue Wege
ist Neidhart vor allem in Bezug auf dem Inhalt gegangen, in dem er entgegen
aller höfischen Tradition Bilder aus bäuerlichen Freizeitvergnügungen,
zumal aus dem dörflichen Tanzleben, in den Mittelpunkt seiner Lieder
gestellt und den Trägerinnen seiner Frauenrollen bäuerlichen Stand
zugewiesen hat.21

4.6 Wenzel II. (1271 – 1305)


„Wenzel II. war König von Böhmen, Herzog in Krakau, als Wenzel I.
König von Polen, aus der Dynastie der Przemysliden.“22 Ich wählte
diesen König aber vor allem darum aus, weil er die Kunst des
Minnesangs pflegte und sich wahrscheinlich selbst als Minnesänger
betätigte.
In der böhmischen politischen Geschichte spielte Wenzel II. eine
wichtige Rolle. […] Seine Lieder verfasste er in deutscher Sprache und drei
Lieder, vowon eines ein Tagelied ist, befinden sich im Codex Manesse. 23

21
Reuental, Neidhart von. Lieder. Auswahl mit den Melodien zu neun Liedern,
Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Übersetzt und herausgegeben von Helmut
Lomnitzer. Ditzingen: Reclam Universal-Bibliothek, 1998
22
<http://de.wikipedia.org/wiki/Wenzel_II._%28B%C3%B6hmen%29>
[3. Juni 2008]
23
Vanický, Jaroslav : Minnesang, středověký rytířský zpěv 12.-15.stol. Historické
črty a výběr skladeb. Praha : SNKLHU, 1958. – 1.vyd.

10
II. Analysen der Texte von ausgewählten Autoren
1. Struktur des Minneliedes
Jedes klassische hohe Minnelied hat seine festgelegten Motive, die so
genannten Grundbausteine. Nach diesen Bausteinen kann man solche
Lieder gut analysieren und verstehen.

Die wichtigen Grundbausteine des hohen Minnesliedes sind:


1. Frauenpreis
2. Darlegung der Leistung des Minnenden
3. Lohnforderung
4. Klage über Nichterfüllung
5. Reflexion über die Gründe der Nichterfüllung
6. Reflexion über die Konsequenzen

2. Hauptmotive
2.1 Sehnende Dame, werbender Ritter
Der von Kürenberg :
I.
1. „Ich stand spät in der Nacht für mich allein an einer Zinne.
Da hörte ich einen Ritter wunderbar singen
in der Weise des Kürenbergers, mitten aus einer Schar von Leuten
heraus.
Er muss mir die Länder räumen, oder ich muss ihn für mich haben.“

2. Nun schaffe mir schnell mein Pferd und meine Rüstung herbei.
Denn ich muss vor einer Dame die Länder räumen.
Die will mich dazu zwingen, dass ich sie liebe.

11
Sie wird meine Minne immer entbehren müssen.24

Das Lied besteht aus zwei Strophen. Die erste Strophe stellt einen
Monolog einer Dame dar, in der zweiten Strophe geht es um einen
Monolog eines Ritters. Hier finden wir also zwei wichtigste
Protagonisten des Minnesangs – die Dame und den Minnenden (den
Ritter). Der Anfang der ersten Strophe zeigt uns die charakteristische
Situation für Minnesang: Eine Dame steht an einer Zinne und hört zu,
wie ein Ritter wunderbar singt. Hier kann man das Motiv der
Einsamkeit finden – sie hört dem Singen des Ritters zu, aber sie ist
allein. Das Singen des Ritters können wir zu den höfischen Attributen
oder Sitten einordnen. In der Strophe gibt es einen klaren Hinweis auf
Kürenberg – er nennt sich wohl selbst als Beispiel für einen schönen
Gesang. Dadurch wird damals seine Popularität betont. Am Ende der
ersten Strophe will die Dame einen Kontakt mit dem Ritter anknüpfen.
Falls er sich darauf nicht einlässt, wird er dann – nach der Drohung der
Frau - das Land verlassen müssen. Hier ist die mächtige Position der
Dame betont.
Diese zwei Strophen zeigen klar, dass es in diesem Lied zu einem
Rollenaustausch kam. Die Dame zeigt Interesse an dem Ritter, aber
der Ritter (in der zweiten Strophe) flüchtet lieber, um dem Druck der
Dame nicht unterliegen zu müssen. Hier wurden seine
charakteristischen Attribute erwähnt – sein Pferd und seine Rüstung,
die seine Ritterlichkeit und Kampfbereitschaft akzentuieren.
In diesem Lied sind die Grundbausteine noch nicht entwickelt.

III.

24
Kraus, Carl von (Hrsg.). Des Minnesangs Frühling, (nach Karl Lachmann, Moritz
Haupt und Friedrich Vogt neu bearbeitet). 32. Auflage. Leipzig: Hirzel, 1959, s. 11.

12
„Immer wenn ich alleine in meinem Hemd dastehe
und an dich, edler Ritter, denke,
so erblüht meine Farbe wie die Rose am Dorn
und in mein Herz ziehen manch sehnsüchtig-traurige Gedanken.“25

Diese Strophe des Liedes schildert die Gefühle der Dame, die sehr
einsam und getrennt von ihrem Ritter ist. Durch das Symbol der Rose
werden die erotischen Gedanken der Dame ausgedrückt, aber wir
können dieses Symbol auch als einen Ausdruck der Schönheit der
Dame halten. In der letzten Zeile bekennt die Dame, dass ihr Herz nur
ihrem Ritter gehört – die Liebe bedeutet für sie die Lebenserfüllung.
Die Grundbausteine kommen hier nicht vor. Vielleicht nur der
Ausdruck „edler Ritter“ kann als eine Andeutung des Preises gelten.
Dieser bezieht sich aber nicht auf die Frau, wie es im Minnesang
gewöhnlich ist, sondern auf den Ritter

VI.
Du wunderschöne Frau, nun zieh doch mit mir.
Glück und Leid, die teile ich mit dir.
Solange ich dies Leben habe, bist du mir von Herzen lieb.
Nur wenn du einen niederen Mann liebst, gestatte ich dir das nicht.26

In der Strophe des Liedes betont der Ritter seine Beziehung zu seiner
Dame. Er singt über ihre Schönheit – „wunderschöne Frau“. Das
können wir als Frauenpreis begreifen. Der Ritter erklärt ihr seine Liebe
und Treue. Glück und Leid will er mit der Dame teilen. Er ist bereit,

25
Kraus, Carl von (Hrsg.). Des Minnesangs Frühling, (nach Karl Lachmann, Moritz
Haupt und Friedrich Vogt neu bearbeitet). 32. Auflage. Leipzig: Hirzel, 1959, s. 11.
26
Kraus, Carl von (Hrsg.). Des Minnesangs Frühling, (nach Karl Lachmann, Moritz
Haupt und Friedrich Vogt neu bearbeitet). 32. Auflage. Leipzig: Hirzel, 1959, s. 13.

13
ihr zu dienen - das kann die Darlegung der Leistung des Minnenden
sein. Die Dame bedeutet für den Ritter die Erfüllung seines Lebens,
wie es vor allem in der dritten Zeile deutlich ist.

Friedrich von Hausen:


Ich bin mit Recht traurig (Strophe 3)
Mein Herz soll ihre Klause sein,
solange ich das Leben habe.
Dagegen wird es von allen andern Frauen
darin kein Gedränge geben,
wie leicht sie mich auch vergessen mag.
Nun möge es sich zeigen,
ob rechte Beständigkeit etwas auszurichten vermag.
Die will ich ihr gegenüber immer bewahren.
Sie wird mir von ihrer Vollkommenheit auferlegt. 27

Die dritte Strophe kann man als Ausdruck für Darlegung der Leistung
des Ritters begreifen. Sein Herz soll „ihre Klause sein“ und er soll die
Dame sein ganzes Leben dienen. Der Satz „solange ich das Leben
habe“ weist auf die Beharrlichkeit des Minnenden in der Liebe zu
seiner Dame hin. Der Ritter betont seine Beständigkeit in der Liebe zur
Dame und stellt sich auch die Frage, ob diese seine Beständigkeit
etwas ausrichtet. Dies kann man als Darlegung der Leistung und
Lohnforderung begreifen. Der Wunsch des Ritters ist, seiner geliebten
Frau treu zu sein. Die Vollkommenheit der Minnedame führt den
Ritter auf den Weg des Strebens nach eigener Vollkommenheit.

Walther von der Vogelweide:


27
Kraus, Carl von (Hrsg.). Des Minnesangs Frühling, (nach Karl Lachmann, Moritz
Haupt und Friedrich Vogt neu bearbeitet). 32. Auflage. Leipzig: Hirzel, 1959

14
Die Zerrissene
1. O wie freut, wie quält mich bitter
wilde Sehnsucht nach dem einen Mann
ich liebe einen jungen Ritter
dem ich nicht mehr lang verweigern kann
was er sich von mir erbat und tu ichs nicht
dann fürcht ich, wird mir nimmer wieder Rat.

2. Öfter fühlt ich mich so kräftig


und dann fiel mir die Entscheidung leicht
bittet er auch noch so heftig
hätte er bei mir doch nichts erreicht
dann erschrecke ich und frag
was hilft mir das? Die Festigkeit hält nicht einen langen Tag.

3. Wollt er mich besser meiden


aber er versucht mich immerzu
deshalb muß ich Ängste leiden
daß ich ihm schon bald den Willen tu
manchmal hätte ich große Lust
müßste ich mich ihm nicht weigern, meiner Ehre wohl bewust.

4. Und ich tu in Tausen Sorgen


davon mir noch hier das Herz zerbricht
quälst am Abend und am Morgen
leider ihm den heißen Willen nicht
soll ich auch nur einen Tag
länger warten, ist ein Kummer, den ich schwer im Herzen trag.

15
5. Da nun auch die Besten sagen
daß er doch verstünde, recht zu leben
konnte ich mir endlich wagen
ihm im Herzen einen Raum zu geben
den noch keiner je betrat
sie haben nun ihr Spiel verloren – er allein setzt alle matt.28

Das Lied besteht aus fünf Strophen und schon seine Überschrift deutet
den Inhalt des Liedes an. Das ganze Lied ist im Zeichen des Monologs
einer verliebten Dame. Schon in der ersten Strophe deckt die Dame
ihre Sehnsucht nach einem jungen Ritter auf. In dem Ausdruck „wilde
Sehnsucht“ ist ein erotischer Gedanke der Dame versteckt. Der Ritter
bedeutet für sie etwas Unwiderstehliches und sie hat Angst, dass ihre
edle Ehre ihm und seinen Bitten bald unterliegt. Die zweite Strophe
setzt dann in Befürchtungen der unentschiedenen Dame fort. Einige
Tage fühlt sie sich sehr mächtig und sie ist mit seiner ablehnenden
Stellung zum Ritter sicher. Der Ritter wirbt aber um sie so heftig, dass
ihre Festigkeit und ihr Willen in Bedrohung gerieten. In der dritten
Strophe wünscht sich die Dame, dass der Ritter sie lieber meidet, weil
sie in seiner Gegenwart Angst von ihren Taten hat. Sie schildert ihren
inneren Widerspruch. Einerseits hat sie Angst, dass sie ihre Ehre
verliert, anderseits möchte sie ihm erhören. In der vierten Strophe
spricht die Dame über den Kummer in ihrem zerbrochenen Herz und
darüber, wie schwer ist, dem immer werbenden Singen ihres Ritters zu
widerstehen. In der letzten Strophe erwähnt die Dame auch Ratschläge
von anderen Menschen – „die Besten“. Vielleicht sind das ihre

28
Vogelweide, Walther von der. Gedichte - Frau Welt. Ich hab von dir getrunken.
Herausgegeben und übertragen von Hubert Witt. Berlin: Rütten&Loening, 1980,
s. 13.

16
Freunde. Die Dame denkt über die Möglichkeit nach, ihren Raum im
Herzen dem Ritter zu geben.
Das Lied ist im Kontrast der inneren Gedanken der Dame ausgebaut.
Die Dame will ihre Ehre bewahren, aber gleichzeitig ist sie unter dem
Einfluss der wilden Leidenschaft. In dem ganzen Lied ist auch die
Leistung des Minnenden deutlich, weil die Dame ständig das Werben
des Ritters erwähnt.

2.2 Erotische Spannung


Der von Kürenberg :
II.
Wahrlich, ich stand abends spät vor deinem Bett.
Da wagte ich dich, Herrin, nicht zu wecken.
„ Dafür soll Gott dir immer feind sein!
Ich war doch wirklich kein wilder Eber“, so sagte die Frau29.

In diesem Lied handelt sich um einen Dialog zwischen der Dame und
dem Ritter. In den ersten zwei Zeilen bekennt sich der Ritter, dass er
die Dame in der Nacht besucht hat. Er wagte sie nicht zu wecken. Die
Antwort der Dame findet man in den nächsten zwei Zeilen. Sie wird
zornig und überhäuft ihn mit groben Worten - „Dafür soll Gott dir
immer feind sein! Ich war doch wirklich kein wilder Eber.“ Ihr
Ausdruck „wilder Eber“ wird hier sehr emotional gesagt und bezeugt
ihren Zorn über das Verhalten des Ritters. Sie bezeichnet sich nicht
selbst mit diesem Ausdruck, der wilde Eber bedeutet für sie etwas wie
Unverschämtheit. Die Intimität der Situation in den ersten zwei Zeilen
kommt deutlich vor Augen und steigert die erotische Spannung – die

29
Kraus, Carl von (Hrsg.). Des Minnesangs Frühling, (nach Karl Lachmann, Moritz
Haupt und Friedrich Vogt neu bearbeitet). 32. Auflage. Leipzig: Hirzel, 1959, s. 11.

17
Dame im Bett, das Schlafzimmer, die Nacht und der Ritter in der Nähe
der Dame.

Heinrich von Morungen:


Von den Elfen wird so mancher Mann bezaubert (Strophe 2)
Sie gebietet und ist in meinem Herzen
Herrin und höher als ich selber.
Ach, warum könnte ich nicht soviel Macht über sie haben,
dass sie in Ergebenheit bei mir wäre,
und zwar drei ganze Tage und manche Nacht!
Dann nähme ich nicht so leicht ab an Leib und Kraft.
Nun bleibt sie zu meinem Schmerz von mir völlig unberührt.30

In dieser Strophe eines Liedes von Heinrich von Morungen geht es um


Monolog des Minnenden. Am Anfang der Strophe bezeichnet er die
Dame als seine Herrin, die seinem Herzen mächtig herrscht. Der Ritter
drückt seinen mutigen, erotischen Gedanken aus, dass er größere
Macht über der Dame haben möchte, um ihren schönen Körper und
Geist Tags und Nachts besitzen zu können. Am Ende der Strophe ist es
aber ganz klar, dass es nur um Gedanken geht, weil die
Unerreichbarkeit der Dame für den Minnenden nur Schmerz und
Trauer in seiner Seele bedeutet. Die heimliche Liebe innerhalb der
Gesellschaft, Sehnsucht und erotische Gedanken verstärken die
Exklusivität dieses Liedes.

2.3 Symbole, Metaphern der Minnelieder


30
Tervooren, Helmut (Hrsg.). Heinrich von Morungen. Lieder. Text, Übersetzung,
Kommentar von Helmut Tervooren. Stuttgart, 1992

18
Der von Kürenberg:
IV.
1. „Ich zog mir einen Falken länger als ein Jahr.
Als ich ihn gezähmt hatte, wie ich ihn haben wollte,
und ich ihm sein Gefieder mit goldenen Bändern umwunden hatte,
hob er sich hoch in die Lüfte und flog in andere Länder.

2. Später sah ich den Falken im schönen Schwunge fliegen.


Er trug an seinem Fuß seidene Fesseln,
und sein Gefieder war ganz rotgolden.
Gott führe die zusammen, die einander herzlich lieben wollen!“31

Das Lied besteht aus zwei emotionsgeladenen Strophen. Die Dame


spricht hier über ihren Ritter, aber nicht direkt. Sie verwendet für ihn
eine dem adeligen Milieu eigene Metapher – den Falken. Die Dame
pflegt den Falken, sie umwindet ihm sein Gefieder mit goldenen
Bändern, aber er entfliegt in andere Länder. Diese Situation begreift
man als eine weitere Metapher. Die übertriebene Pflege der verliebten
Dame, die goldenen Bänder können hier als Fesseln dienen und das
alles kann dazu führen, dass der Geliebte die Dame verließ. In der
zweiten Strophe manifestiert der Falke in der Höhe seine
Unerreichbarkeit. Die Dame hofft aber immer auf Liebe ihres Ritters
und bittet Gott um Hilfe.
Wie in den vorigen Liedern des Kürenbergs ist es auch hier die Dame,
die aktiver ist. Wir stellen hier also den „Männerpreis“ fest.

VIII.

31
Kraus, Carl von (Hrsg.). Des Minnesangs Frühling, (nach Karl Lachmann, Moritz
Haupt und Friedrich Vogt neu bearbeitet). 32. Auflage. Leipzig: Hirzel, 1959,s. 13.

19
Weiber und Jagdvögel, die werden leicht zahm.
Wenn man sie richtig lockt, dann fliegen sie auf den Mann.
Genauso hat ein schöner Ritter eine edle Dame umworben.
Wenn ich daran denke, dann fühle ich mich stolz und glücklich.32

In diesem Lied weist der Ritter auf einen interessanten Gedanken hin.
Der Satz des Minnenden „wenn ich daran denke…“ deutet an, dass
dieser Gedanke, der in den ersten drei Zeilen ausgedrückt wird, nicht
direkt von dem Ritter, sondern von einem unbekannten Autor
(Dichter) stammt. Der Autor vergleicht die Weiber – die Damen – mit
Jagdvögeln. Das können wir als Unerreichbarkeit der Dame begreifen,
die die hohe Position in der adeligen Gesellschaft hat, weil die
Jagdvögel, die zu hoch fliegen, auch unerreichbar sind. In der dritten
Zeile können wir die Andeutung des Frauenpreises - „edle Dame“ -
bemerken. Aus dem ganzen Text des Liedes kommt hervor, dass der
Ritter/der Minnende Freude und „Hôhen Muot“ empfindet, wenn er
um seine Dame werben kann.

Heinrich von Morungen:


Von den Elfen wird so mancher Mann bezaubert (Strophe 3)
Der helle Glanz ihrer Augen entflammt mich
wie das Feuer den dürren Zunder,
und ihr Fernsein bringt mein Herz zum Erlöschen
wie das Wasser die heiße Glut;
und ihre hochgestimmte Freude,
ihre Schömheit, ihr Ansehen und das Wunderbare,
das man von ihrer Vollkommenheit sagt,

32
Kraus, Carl von (Hrsg.). Des Minnesangs Frühling, (nach Karl Lachmann, Moritz
Haupt und Friedrich Vogt neu bearbeitet). 32. Auflage. Leipzig: Hirzel, 1959, s. 15.

20
das wird mir zum Unheil – oder vielleicht auch zum Glück.33

Heinrich von Morungen ist durch seinen kunstvollen Bilderreichtum


bekannt und in dieser Strophe ist das ganz deutlich. Jeder Satz verbirgt
in sich eine Menge von schönen Ausdrücken und Metaphern, die
Phantasie des Menschen fördern. In dem ersten Satz vergleicht der
Minnende sein Verlieben durch den Glanz der Augen seiner Dame zu
dem dürren Zunder, der das wilde Feuer mächtig anzündet. Als
Kontrast zum ersten Satz kommt dann der zweite Satz, in dem der
Ritter den Abstand der Dame erwähnt. Seine heiße Liebesbegeisterung
wird durch „kalte Wasser“ gelöscht. Dann kommt die Aufzählung der
guten, edlen Eigenschaften seiner Herrin. Der Minnende spricht
begeistert über die Schönheit und Vollkommenheit der Dame.
Entweder wird er durch die Gunst der Dame froh und glücklich, oder
die unerreichbare Vollkommenheit seiner ausgewählten Dame führt
ihn ins Verderben.
Die ganze Strophe ist nicht nur Frauenpreis, sondern der Minnende
spricht über seine Gefühle zu der Dame. Am Ende kann man auch
Klage des Minnenden finden.

In weiteren Liedern Morungens zeigen sich auch Farben:


Ach, warum hänge ich der törichten Hoffnung nach (Strophe 1)
Ach, warum hänge ich der törichten Hoffnung nach,
die mich doch so tief in diese Bedrängnis geführt hat.
Ich schied von ihr, ganz ohne Freuden, weil sie mir weder Ermutigung
noch Hilfe gewährte.
Und dennoch: Ihr Antlitz färbte sich lilienweiß und rosenrot
und die Geliebte saß in ihrer Schönheit vor mir,
33
Tervooren, Helmut (Hrsg.). Heinrich von Morungen. Lieder. Text, Übersetzung,
Kommentar von Helmut Tervooren. Stuttgart, 1992

21
leuchtend wie der Mond: Für die Augen war es höchstes Glück,
für das Herz indessen der Tod.34

Die Strophe besteht aus dem Monolog eines verliebten Minnenden. Er


lebte wegen seiner Minne zu einer Dame in tiefer Bedrängnis. Er hat
keine Freunde, ist von der Dame getrennt und sie selbst gibt ihm keine
Hilfe oder Chance auf Liebe. Der Ritter besingt trotzdem ihre
strahlende Schönheit, die wie der Vollmond in der dunklen Nacht
leuchtet, und ihre feinen Wangen, die wie reine, weiße Lilie und
gleichzeitig wie rote Rose erblühen. Die Farben vor allem dieser zwei
Blumen bedeuteten im mittelalterlichen Minnesang die Reinheit und
Makellosigkeit der Dame einerseits, aber auch erotische Ausstrahlung
und Spannung anderseits. Diese lezten Sätze, die voll von
verschiedenen, kunstvollen Metaphern und Farben sind, kann man als
typische Morungens-Passage bezeichnen. Minne ist bei Morungen ein
bezaubertes Starren auf wunderbare, edle Dame. Darauf weist auch der
letzte Satz hin – „Für Augen war es höchstes Glück, für das Herz
indessen der Tod.“

2.4 Gesellschaft, Mutter-Tochter Dialog


Der von Kürenberg:
V.
„Es dringt mir aus dem Herzen, dass ich weine.
Ich und mein Liebster, wir sollen voneinader scheiden.
Das machen die Verleumder. Gott schicke ihnen Leid!
Wer uns zwei wieder zusammenführte, wie glücklich wäre ich
darüber!“35

34
Tervooren, Helmut (Hrsg.). Heinrich von Morungen. Lieder. Text, Übersetzung,
Kommentar von Helmut Tervooren. Stuttgart, 1992

22
In dieser Strophe des Liedes schildert die Dame ihre hoffnungslose
Trauer. Sie begreift ihre Liebe zum Ritter als Lebenserfüllung. Falls
sie ihre Liebe verlieren würde, würde auch ihr Leben den Sinn
verlieren. Sie beschuldigt dafür andere Leute – die Verleumder. Jetzt
können wir bemerken, dass es nicht nur die Dame und der Ritter als
die einzigen Protagonisten im Minnesang auftreten, sondern auch
andere Protagonisten aus der äußeren Welt, aus der adeligen
Gesellschaft. Die Welt der Hauptprotagonisten - die adelige
Gesellschaft - spielt also auch eine große Rolle in Minneliedern. In der
letzten Zeile der Strophe drückt die Dame ihre Hoffnung auf eine Hilfe
von Außen aus.
Der Geliebte spielt in diesem Lied die passive Rolle. Gegeneinander
stehen in dem Lied die positiven (wahrscheinlich die Menschen, die
die Liebe des Liebespaares retten können) und negativen Kräfte
(Verleumder – „lügenaere“).

Neidhart von Reuental:


Eine Alte sprang los
1. Eine Alte sprang los,
wie ein Zicklein hoch empor: sie wollte Blumen bringen.
„Tochter, reich mir mein Feiertagskleid!
Ich muss an eines jungen Ritters Hand,
der nach Reuental benannt ist.
Traranunretun traraunriruntundeie.“

2. „Mutter, haltet nur euere Sinne beisammen!


Der Ritter denkt nicht dran, treu in der Liebe zu sein.“
„Tochter, lass mich ungeschoren!
35
Kraus, Carl von (Hrsg.). Des Minnesangs Frühling, (nach Karl Lachmann, Moritz
Haupt und Friedrich Vogt neu bearbeitet). 32. Auflage. Leipzig: Hirzel, 1959, s. 13.

23
Ich weiß wohl, was er mir beteuert hat.
Vor Sehnsucht nach seiner Liebe sterbe ich.
Traranunretun traraunriruntundeie.“

3. Froh rief sie da einer andern Alten zu:


„Liebe Freundin, los, auf mit mir! Wir werden gewiß Glück haben.
Wir wollen beide nach Blume gehen.
Warum sollte ich hier bleiben,
da sich so viele Gefährtinnen habe?
Traranunretun traraunriruntundeie.“36

Dieses Lied von Reuental wird sehr ironisch ausgebaut. Es besteht aus
drei Strophen, in denen drei Gestalten – eine Tochter, seine Mutter und
eine Freundin von Mutter – auftreten. In den ersten zwei Strophen
spielt sich der Dialog zwischen Mutter und Tochter ab. Die erste
Strophe spielt im Zeichen der Fröhlichkeit der Mutter. Sie bereitet sich
vor, die Blumen zu pflücken, und springt dabei wie ein Zicklein.
Dieser Vergleich ist im Fall der Mutter sehr ironisch, weil sie schon
kein junges Mädchen ist. Sie ist schon alt für solches verliebte
Benehmen. Die Tochter wird in der zweiten Strophe ganz anders
dargestellt. Sie, im Unterschied zu ihrer Mutter, benimmt sich sehr
vernünftig und sie zähmt die Begeisterung der Mutter. Sie bemüht
sich, ihre Mutter auf den rechten Weg zu bringen, aber die Mutter
glaubt grenzenlos an die Liebe von dem Ritter Reuental und hört ihre
Tochter nicht. In der dritten und letzten Strophe wendet sich die
Mutter immer gut gelaunt an ihre Freundin und will mit ihr zusammen

36
Reuental, Neidhart von. Lieder. Auswahl mit den Melodien zu neun Liedern,
Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Übersetzt und herausgegeben von Helmut
Lomnitzer. Ditzingen: Reclam Universal-Bibliothek, 1998, s. 9.

24
Blumen pflücken gehen. In den letzten Sätzen des Liedes spricht die
Mutter fröhlich über ihr Lebensglück und ihre Liebe.
In dem ganzen Lied findet man keine rechten Bausteine des
Minneliedes. Am Ende jeder Strophe wiederholt sich die unsinnige
Verbindung von verschiedenen Silben und das kann man als Refrain
des Liedes begreifen. Auch die Blumen, die hier als Zeichen der Liebe
dargestellt werden, sind der wichtige Teil des Liedes. Das ganze Lied
wirkt sehr ironisch und parodiert so wahrscheinlich die klassische
Minne des frühen Minnesangs.

2.5 Geheimnis der Liebe


Der von Kürenberg:
VII.
Der Dunkelstern, der verbirgt sich.
Genauso sollst du es tun, schöne Herrin: wenn du mich siehst,
so laß du deine Augen hin zu einem andern Mann schweifen.
Dann weiß doch niemand, wie es um uns beide steht37

Schon die erste Zeile sagt uns, wie emotionell und gleichzeitig
interessant der Dichter das Lied schrieb. Der Ritter gibt der Dame
einen Rat, wie sie ihre Liebe geheim halten soll. „Der Dunkelstern, der
verbirgt sich“ – begreift man wahrscheinlich als Metapher. Der Stern
bedeutet etwas Wunderbares, Strahlendes. Die Dunkelheit bedeutet
etwas Geheimnisvolles und im Kontext zu dem Stern können wir die
ganze Metapher als heimliche Hoffnung auf Liebe interpretieren.
Dieses Thema ist für Minnesang sehr aktuell. Der Ritter benennt die
Frau als eine „schöne Herrin“ und dies kann ein kleiner Hinweis auf

37
Kraus, Carl von (Hrsg.). Des Minnesangs Frühling, (nach Karl Lachmann, Moritz
Haupt und Friedrich Vogt neu bearbeitet). 32. Auflage. Leipzig: Hirzel, 1959, s. 13.

25
Frauenpreis sein. Die Dame bedeutet für den Minnenden das Höchste,
was er erreichen kann.

2.6 Leid der Minne


Friedrich von Hausen:
Ich bin mit Recht traurig
1. Ich bin mit Recht traurig;
denn sie sagte in meiner Gegenwart,
ich könnte Aeneas heißen
und dürfte wiederum ganz sicher sein,
dass sie niemals meine Dido würde.
Wie sprach sie da?
Wenn sie mir auch fernbleibt,
so hat sie mir doch das Herz
geraubt vor allen anderen Frauen.38

Die erste Strophe fängt schon mit trauriger Stimmung des Minnenden
an. Diese ist ganz klar im ersten Satz zu sehen – „Ich bin mit Recht
traurig“. Danach kommt sofort die Erklärung, warum der Minnende so
traurig ist. Es geht wahrscheinlich um die Situation, in deren der Ritter
seine geliebte Dame besucht hat, um ihr seine Liebe zu erklären. Die
Dame hat ihm aber gesagt, dass sie seine Frau niemals wird. Sie hat
ihn abgelehnt und davon stammen die freudlosen Gefühle des Ritters.
Es ist auch bemerkenswert, dass sich Friedrich von Hausen auch an
antike Helden, an das Liebespaar Aeneas und Dido stützt. „Aeneas und
Dido“ ist übrigens auch der Name einer Oper von dem bekanntesten
englischen barocken Komponisten Henry Purcell.

38
Kraus, Carl von (Hrsg.). Des Minnesangs Frühling, (nach Karl Lachmann, Moritz
Haupt und Friedrich Vogt neu bearbeitet). 32. Auflage. Leipzig: Hirzel, 1959

26
Trotz der Ablehnung der Dame gehört das Herz des Ritters nur ihr.
Nur sie soll der Minnende vor allen anderen Frauen vorziehen. Das
kann man als Bezeichnung der Macht und Kraft der Dame über dem
Ritter begreifen. Obwohl der Frauenpreis in diesen Sätzen nicht direkt
ausgedrückt ist, obwohl es keine Wörter, die die Dame loben würden,
hier gibt, ist es offensichtlich, dass diese Frau für den Ritter die
schönste und die einzige ist. Es kann sich auch um die Darlegung der
Leistung handeln – das Herz des Ritters gehört nur der einzigen Dame.
Die Dame stellte im Minnesang das Wichtigste in dem Leben des
Minnenden dar. Sie ist die Erfüllung und das Glück seines Lebens aber
sie bringt auch Leid. Ihre negative Einstellung zu ihm treibt ihn bis zur
Verzweiflung:

2. Mit Gedanken bringe ich die Zeit hin,


so gut ich kann,
und muss nun lernen, was ich nie kannte:
in Trauer und Kummer zu leben.
Daran war ich bisher nicht gewöhnt.
Durch alle Frauen
glaubte ich niemals
in so kummervoller Not zu kommen,
wie jetzt durch die eine. 39

Wegen der Liebe der Dame verzichtet der Minnende auf alles, er muss
„in Trauer und Kummer leben“. Vielleicht versteckt sich hinter diesen
Wörtern die Lohnforderung (der Ritter bekommt keinen Lohn), die
aber undirekt erwähnt ist, und auch die Klage über der Not des Ritters.
Der zweite Teil der Strophe weist auf die Einzigartigkeit der Dame
39
Kraus, Carl von (Hrsg.). Des Minnesangs Frühling, (nach Karl Lachmann, Moritz
Haupt und Friedrich Vogt neu bearbeitet). 32. Auflage. Leipzig: Hirzel, 1959

27
hin, weil der Minnende hier auch andere Frauen erwähnt, die aber
keinen Einfluss auf sein Leben hatten.

Heinrich von Morungen:


Ach, wie lange soll ich noch um diese Frau kämpfen
1. Ach, wie lange soll ich noch um diese Frau kämpfen,
zu der ich noch kein Wort gesprochen habe.
Wie soll ich bei ihr Erfolg haben?
Seht, das setzt mich in Erstaunen,
denn noch nie ist es bisher vorgekommen,
dass ein Mann sich so unsinnig benimmt,
wie ich es ständig tue, weil ich sie von Herzen liebe,
es ihr früher aber nie gestand, gedient habe ich ihr seither immerzu.

2. Ich weiß recht gut, dass sie lacht,


wenn ich vor ihr stehe und nicht weiß,
wer ich bin.
Ich bin sofort benommen, ihre Schönheit verwirrt mir allzusehr den
Verstand. Gott weiß genau, dass sie noch kein Wort von mir vernahm;
so gut ich es vermochte und wie es ihr gebührte.

3. O weh, was rede ich so töricht?


Dass ich nicht geredet habe wie ein Mann, dem das Glück hold ist.
Ich hingegen schweige wie ein Stummer,
der von seiner Qual nicht sprechen und das, was er sagen möchte, nur
mit der Hand andeuten kann.
Genauso zeige ich ihr mein wundes Herz, falle von ihr nieder
und neige mein Haupt ihr auf den Fuß.40
40
Tervooren, Helmut (Hrsg.).Heinrich von Morungen. Lieder. Text, Übersetzung,
Kommentar von Helmut Tervooren. Stuttgart, 1992

28
Das Lied von Heinrich von Morungen besteht aus drei Strophen und
wird durch große Bildlichkeit (vor allem in Gebärden des Minnenden)
gekennzeichnet.
Die erste Strophe beginnt mit dem Seufzer des Ritters und deutet die
Darlegung der Leistung des Ritters an. Der Minnende fragt sich selbst,
wann seine ausgewählte Dame ihn endlich merkt. Man kann sagen,
dass sich es hier auch um Lohnforderung handelt. Die Belohnung
konnte für den Ritter auch z.B. das Lächeln oder der durchdringende
Blick der Dame sein. Die Minne ist hier als eine mächtige Kraft
dargestellt, die aus den üblichen Menschen die verliebten Narren
macht. Der Minnende selbst wundert sich in diesem Lied über die
Unsinnigkeit seines Benehmens, aber er kann mit dieser Situation
nichts machen. Er weiß, dass er durch seine Liebe geblendet ist,
trotzdem will er der Dame immer weiter treu dienen. Die ganze zweite
Strophe ist die Fortsetzung der Klage des Ritters über seine
Nichterhörung. Er ist traurig darüber, dass er seine Dame schon traf
und dass die Dame ihn trotzdem nicht kennt. „Ihre Schönheit verwirrt
mir allzusehr den Verstand.“ – Diesen Satz kann man für den Kern des
ganzen Liedes halten. Die Schönheit der Dame und die Minne des
Minnenden zu ihr ist so groß und mächtig, dass jeder Mann seinen
Verstand verliert. Einerseits geht es um die Klage des Ritters,
anderseits stellt dieser Satz auch den Frauenpreis dar. Am Ende dieser
Strophe kann man auch das Motiv des Dienstes finden, weil der
Minnende sein Singen zur Dame erwähnt. In der dritten Strophe ärgert
sich der Minnende über sich selbst, weil er immer in der Gegenwart
seiner Dame schweigt. Sein Benehmen vergleicht er zum Leben eines
Stummen, der seine Gefühle, seine Trauer im Herz nur mit den
Händen andeuten kann. Es handelt sich um eine metaphorische
Umschreibung der Unterwerfung des Mannes vor der Dame.

29
Das ganze Lied basiert auf Kontrasten. Einerseits leidet der Ritter an
den Mangel von Aufmerksamkeit der Dame, drückt seine Trauer
wegen der unerfüllten Liebe aus und er weiß sehr gut, dass er sich
unsinnig benimmt, anderseits kann er damit nichts machen und will
seiner Dame immer treu sein, dienen und in der Hoffnung auf Liebe
seine Lieder singen. Die typischen Zeichen des Minnesangs -
Darlegung des Dienstes und unerfüllte Minne – sind in diesem Lied
hoch entwickelt.

2.7 Vollkommenheit der Dame


Heinrich von Morungen:
Sie ist eine Frau, von der bekann ist …
1. Sie ist eine Frau, von der bekannt ist, dass sie sich in jeder
Beziehung auszeichnet, voll Anmut in ihren Gebärden, heiter und
zugleich zurückhaltend, so dass ihr Preis in ganzem Reich erschallt.
Wie der Mond in der Nacht umfängt, ebenso ist die schöne von
Vollkommenheit umstrahlt. Deshalb sagt man von ihr: Sie ist die
Krone aller Frauen.

2. Ebendieser Preis, in dem ich meiner Herrin die Krone


zugesprochen und sie, ohne Ausnahme zu machen, hoch über alle
anderen Frauen gestellt habe, erregt bei vielen Frauen Ärgernis. Aber
wirklich: sie ist so gänzlich frei von jedem Makel, schlank, wie eine
Frau sein soll, sehr stolz und heiter. Darum muss ich in ihrem Dienste
bleiben, wenn sie, die mir die liebste von allen Frauen ist, es so
befiehlt.

3. Gott möge sie mir recht lange gesund erhalten: Seit ich sie zu
meiner Herrin erwählte, verhielt sie sich noch stets, wie es sich für
Frauen geziemt. Ihr gebührt der Preis! Sie ist bezaubernd – leuchtend

30
rot ist ihr Mund, ihre Zähne gleichmäßig und strahlend – ihr Ruf ist
weithin gedrungen. Ihretwegen gab ich alle meine Unbeständigkeit
auf, als man sie rühmte, sie sei makellos, klug, freundlich und voller
Anmut. Darum besinge ich sie noch heute.

4. Ihre vollkommene Lauterkeit gleicht der Sonne, die dunklen Wolken


hellen Glanz verleiht, wenn im Frühling ihr Licht klar erstrahlt.
Darum wird mir beständige Freude in reichem Maße zuteil: Ihr Ruhm
überstrahlt selbst die besten – ob Frau, ob Herrin -, die man in
deutschen Landen nennt. Fern und nah – sie ist die Berühmteste!41

Das Lied besteht aus vier Strophen, in denen der Ritter seine
ausgewählte Frau besingt und ihre vollkommenen Eigenschaften
hervorhebt. Am Anfang der ersten Strophe wird die Frau als edle
Dame mit erlesenem Verhalten geschildert und sie ist durch ihren so
außergewöhnlichen Charakter in der Gesellschaft berühmt. Die
Strophe setzt mit dem Vergleich des in der Nacht leuchtenden Mondes
fort, zu dem die Schönheit und Vollkommenheit der Dame verglichen
wird. Das Herz dieser Aussage ist der letzte Satz – „Sie ist die Krone
aller Frauen.“ Ihre Vollkommenheit erhebt die Dame über die anderen
Frauen. Der Minnende erweitert diesen Gedanken dann in der zweiten
Strophe, wo er den Neid der anderen Frauen erwähnt und so die
Schönheit der Dame bestätigt. Den Ruhm der Dame vervielfacht noch
die Aufzählung ihrer guten Eigenschaften. Am Ende dieser Strophe
wird der Dienst des werbenden Mannes zu ihrer geliebten Dame
erwähnt. In der dritten Strophe wünscht sich der Ritter vom Gott das
lange Leben für seine Dame. Er beschreibt weiter ihre Schönheit – den
roten Mund kann man auch als erotische Metapher begreifen. Die
41
Tervooren, Helmut (Hrsg.). Heinrich von Morungen. Lieder. Text, Übersetzung,
Kommentar von Helmut Tervooren. Stuttgart, 1992

31
Makellosigkeit, Freundlichkeit und weitere positiven Eigenschaften
der Dame sind hier betont und das alles beeinflusst das Leben der
Minnenden und führt ihn auf den Weg der eigenen Vollkommenheit.
Die letzte Strophe beginnt mit der Metapher des Himmels. Die
Lauterkeit der Dame vergleicht der Minnende mit dem Glanz der
Sonne im Frühling und wieder erwähnt er die Berühmtheit der Dame.
Das ganze Lied wird vor allem durch Frauenpreis gekennzeichnet. In
jeder Strophe kann man die große Menge von positiven Eigenschaften
und Metaphern finden, die sehr bildlich zur Vorstellung der
Vollkommenheit der Dame beitragen. Heinrich von Morungen ist
genau für seine große Bildlichkeit in seinen Liedern berühmt. In der
ersten und letzten Strophe gibt es Kontraste – Mond und Sonne, die
entgegesetzte Welte darstellen. Der Mond repräsentiert die dunkle
Welt in der Nacht, wo alles geheimnisvoll scheint. Die Sonne stellt
strahlende Macht des Tages dar, sie ruft Freude hervor. Diese
Kontraste wecken Phantasie der Gesellschaft und preisen die Dame.
Auch z.B. in der ersten Strophe gibt es einen Kontrast – „heiter und
zugleich zurückhaltend“, der das ideale Maß des Verhaltens der Dame
in der Gesellschaft darstellt und damit spricht er dieser Dame einen
imaginären Thron der Vollkommenheit zu. Außer dem Frauenpreis
gibt es im Text des Liedes auch die Darlegung der Leistung des
Minnenden. In der zweiten Strophe ist die Leistung durch den Satz –
„Darum muss ich in ihrem Dienste bleiben, wenn sie, die mir die
liebste von allen Frauen ist, es so befiehlt.“- ausgedrückt. Der
Minnende verspricht der Dame, dass er ihr weiter treu dienen wird.
Und in der dritten Strophe ist die Darlegung der Leistung zu finden –
„Darum besinge ich sie noch heute.“ Die Dame spielt also in diesem
Lied die Hauptrolle, was es das typische Merkmal des Minnesangs ist.

Walther von der Vogelweide:

32
Minne-freuden (erste Strophen)
Ein neuer Sommer, neue Zeit
Hoffnung und liebe Illusion
erfreuen mich im Widerstreit
denn ich erwarte süßen Lohn
doch eins hat mich noch mehr vergnügt
als der vertraute Vogelchor
wo man den Wert der Frauen wiegt
geht sie in Ehren draus hervor

Die edle Dame, dich ich mein


gibt mir noch größre Hoffnung ein
denn ihre Schönheit wird gekrönt
durch Liebe, die noch mehr verschönt.

Ich weiß es wohl, erst Liebe macht


die schöne Frau ganz liebenswert
gibt sie auf ihre Tugend Acht
wird sie mit höchstem Recht verehrt
Liebe bringt Schönheit mehr gewinn
als je ein Edelstein dem Gold
und kommt hinzu der Rechte sinn
hat je ein Mann noch mehr gewollt?42

Dieses Gedicht von Walther von Vogelweide hat viele Strophen, aber
ich wählte nur die ersten Strophen, weil sie am besten zum Motiv der
Vollkommenheit der Dame passen.

42
Schweikle, Günther (Hrsg.). Walther von der Vogelweide. Werke.
Band 2 – Liedlyrik. Stuttgart, 1998, s. 29.

33
Das Lied beginnt mit einem schönen Gedanken an Einzug des
Sommers, an eine neue Zeit, die eine neue liebe Hoffnung und
Phantasie mitbringt. Schon die Überschrift deutet an, dass die
Sommerzeit vor allem der lustige Freund der Minne ist. Auch für
einen Ritter, der sich in diesem Lied wegen der Liebe quält, bedeutet
Sommer einen kleinen Trost. In der ersten Strophe gibt es einen
Hinweis auf die Lohnforderung des Minnenden – „denn ich erwarte
süßen Lohn“, die aber nicht erhört wurde. Der Ritter bittet seine
ausgewählte Dame um eine größere Hoffnung auf ihre Liebe. Er
argumentiert damit, dass vor allem die Liebe die Schönheit der Dame
hervorheben kann. Die verliebte Dame ist also die schönste Frau mit
den besten Eigenschaften und sie ist für den Minnenden das Höchste,
was er in seinem Leben erreichen kann. Durch die Minne wird die
Frau schön. Walther wendet sich so indirekt an die Dame, um sie zu
einer Geste der Minne zu bewegen.

2.8 Kreuzzugsmotiv
Friedrich von Hausen:
Erlebte ich noch die frohe Zeit
1. Erlebte ich noch die frohe Zeit,
dass ich das Land sollte schauen,
in dem all meine Freude liegt
nun schon lange bei einer schönen Dame,
dann sähen mich
weder Mann noch Frau nie mehr
trauern noch betrübt sein.
Mich deuchte dann gar manches gut,
womit seit je mein Sinn beschwert war.

2. Ich wähnte ihr einst sehr fern zu sein,

34
wo ich ihr nun sehr nahe wäre.
Jetzt erst hat mein Herz
durch die Trennung große Beschwer.
Es offenbart wohl seine Treue.
Wäre ich irgendwo in der Nähe des Rheins,
so erhielte ich vielleicht eine andere Nachricht,
die ich jedoch leider nie vernahm,
seit ich über die Berge gekommen bin.

3. Ich sage ihr nun seit sehr langer Zeit


wie sehr sie mein Herz bedrängt.
So ungläubig ist ihre Feindseligkeit,
dass sie ihr Misstrauen dahin bringt,
dass sie einen solchen Trotz zeigt,
wie ihn von rechts wegen eine edle Frau
niemals richtig aufkommen lässt,
so dass die den unbelohnt lässt,
der sie vor aller Welt hochhält.

4. Niemand soll mir das bestreiten,


dass sie mich nicht könnte (schon) vor einem Jahr
wohl aus Sorgen erlöst haben,
wenn es der Schönen Wille gewesen wäre.
Dazu verhalf mir eine liebe Einbildung:
wann immer meine Augen anstelle des Leids,
sie allein will es nicht glauben,
dass sie mein Auge gerne sieht.43

43
Kraus, Carl von (Hrsg.). Des Minnesangs Frühling, (nach Karl Lachmann, Moritz
Haupt und Friedrich Vogt neu bearbeitet). 32. Auflage. Leipzig: Hirzel, 1959

35
Dieses Gedicht von Friedrich von Hausen kann man als typisches
Fernelied bezeichnen. Es besteht aus vier relativ langen Strophen, die
den Monolog des Ritters darstellen.
In der ersten Strophe erinnert der Ritter an seine Heimat und an die
Zeit, wann er noch froh und glücklich war. Er erwähnt auch das, dass
er sich in eine wunderschöne Frau verliebt hat und dass er in ihrer
Gegenwart nie traurig ist. Sie bringt Freude und Glück in sein Leben
und darum ist für ihn so schwer, seine ritterliche Aufgabe zu erfüllen
und sein Land, wo er sein Herz verloren hat, zu verlassen. Diese
Strophe und vor allem ihr Ende kann man als Klage des Ritters über
die Ferne von seiner Minne begreifen. Die zweite Strophe ist sehr
emotional geladen und traurig. Das verliebte Herz des Ritters ist sehr
betrübt durch die Trennung von seiner Dame. Das Grundwort dieser
Strophe ist die grenzenslose Treue, die Darlegung der Leistung des
Ritters darstellt. In der zweiten Hälfte der Strophe findet man einen
Klageaspekt – der Ritter hat keine Nachricht von seiner Dame, weil er
schon sehr fern ist. Unter dem Begriff „über die Berge“ verbergen sich
wahrscheinlich die Alpen. Die dritte Strophe des Liedes ist im Zeichen
der traurigen Klage des Ritters und im Kontrast zwischen Minne des
Ritters und Feindseligkeit der Dame gebaut. Der Ritter sagt der Dame,
dass er nur ihretwegen so betrübt ist, dass ihre Feindseligkeit, ihr
Misstrauen und Trotz ihm auf dem Weg nur Schmerz bringen. Die
Dame ist hier als die unerreichbare und edle Frau dargestellt, die für
den Ritter das Wertvollste auf der Welt und seine Lebenserfüllung
bedeutet. Dies ist sehr typisch für Minnesang. Außer der Klage wird
im Text auch Lohnforderung ausgedrückt – „...so dass die den
unbelohnt lässt,...“ In der letzten Strophe dieses Liedes spricht der
Ritter über die Passivität der Dame zu ihm. Er argumentiert damit,
dass sie wenigstens einmal, schon vor einem Jahr, ihm ihre
Aufmerksamkeit andeuten konnte. Für den Ritter bedeutet schon eine

36
liebe Einbildung, ein Anblick seiner Dame die große Freude. Die
Strophe endet wieder traurig mit der Klage des Ritters wegen dem
Misstrauen der Dame.
Hausens Fernelied stellt einen typischen inneren Monolog des
Liebenden dar.

2.9 Motiv der Natur


Walther von der Vogelweide:
Blütenzeit
1. Der Reif, er tat den kleinen Vögeln weh
sie konnten nicht mehr singen
nun hör ich sie so wonnevoll wie je
seit alle Knospen springen

da sah ich Blumen streiten mit dem Klee


ob sie höher stünden
meiner Dame ging ich es verkünden.

2. Des Winters Kälte und viel andre Not


wußten hart zu drücken
ich glaubte, nie mehr könnt ich Blumen rot
auf grüner Heide pflücken

doch möcht es manchen Schaden, wär ich rot


die nach Freuden drängen
und nach frohen Tänzen und Gesängen.

3. Und hätt ich diesen Wonnetag versäumt


dann besser ungeboren
noch einmal hätt sich alles aufgebäumt

37
und wär fortan verloren

all meine Freud, erlebt und oft erträumt


mag der Herr euch segnen
wünscht mir nun, es soll mir Freuden regnen.44

Das Gedicht besteht aus drei Strophen und schon aus der Überschrift
kann man den Inhalt des Liedes erahnen. Die erste Strophe kann man
als Beginn einer neuen schönen Zeit begreifen. Die Vögel singen
wonnevoll und fröhlich, überall wachsen die Knospen, Blumen und
der Minnende hat so große Freude, dass er diese seine Gefühle seiner
Dame verkünden geht. Der Autor benutzt im Text wunderbare
Wendungen für die schönste Jahreszeit – den Frühling. Z.B. Der Satz
„da sah ich Blumen streiten mit dem Klee, ob sie höher stünden“ ist
sehr gut kunstvoll ausgebaut und weckt im Menschen Phantasie. Als
Kontrast zur ersten Strophe wirkt im Lied die zweite Strophe, wo der
Autor den Winter als Gegenteil zum Frühling benutzte. Die Synonyma
für Winter, wie Kälte oder Not, rufen eine pesimistische Stimmung
und Gefühle des Minnenden hervor. Er möchte ständig in der
wunderbaren Zeit des Frühlings leben, die Blumen auf Heide pflücken
und fröhlich tanzen. In der dritten, letzten Strophe schildert der
Minnende seine Angst davor, dass er solchen Wonnetag versäumt.
Dies ist für ihn ein unglaublicher Gedanke. Er will, dass ihn die Dame
erhört.
Das Lied baut auf dem Kontrast zweier Jahreszeiten. Einerseits der
fröhliche, sorgenlose Frühling, der die Liebe zu einer Dame darstellt,
anderseits der kalte, harte Winter, der nur schwere, melancholische
Gedanken und Gefühle im Menschen hervorruft. Die Natur wird im
44
Schweikle, Günther (Hrsg). Walther von der Vogelweide. Werke.
Band 2 – Liedlyrik. Stuttgart, 1998, s. 47

38
Text des Liedes in der festen Verbindung zum Lebensglück
geschildert.

Neidhart von Reuental:


In Berg und Tal
1. In Berg und Tal
erhebt sich wieder der Vöglein Gesang,
wie ehedem
grünt jetzt der Klee.
Entweiche, Winter, du tust weh!

2. Die Bäume, die vom Reif bedeckt waren,


haben nun alle ihr grünes Reis
voll von Vögeln.
Das tut gut. Davon erhebt der Mai den Zoll.

3. Eine Alte rang mit dem Tod


Tag und Nacht.
Die hopste seitdem
wie ein Widder umher
und stieß alle Jungen um.45

Das Lied von Neidhart von Reuental besteht aus drei Strophen, die
Motivik der Natur und Jahreszeiten hinweisen. Die ersten zwei
Strophen beginnen sehr fröhlich und glücklich. Die Naturelemente wie
z.B. grüner Klee oder Gesang der Vögel öffnen im Lied das Tor des

45
Reuental, Neidhart von. Lieder. Auswahl mit den Melodien zu neun Liedern,
Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Übersetzt und herausgegeben von Helmut
Lomnitzer. Ditzingen: Reclam Universal-Bibliothek, 1998, s. 11.

39
Frühlings. Der Frühling ist die mächtige Kraft, die alles auf der Welt
zum Leben weckt. Die Blumen und Bäumen blühen, Vögel singen
fröhlich und es erwacht auch die Liebe unter Menschen. Der Frühling
tut also alles gut. Den Kontrast zum Frühling bildet im Lied der in der
letzten Strophe verborgene Winter, in dem eine Alte mit dem Tod
kämft. Der Vergleich des Winters mit einem „Widder, der alle Jungen
umstieß“ wirkt ein bisschen ironisch. Im Gedicht gibt es keine
Grundbausteine der typischen Minnelieder, deshalb gehört Reuental
schon zu der späten Phase des Minnesangs.

2.10 Niedere Minne


Walther von der Vogelweide:
Herzliebe kleine Herrin
1. Herzliebe kleine Herrin,
Gott schenke dir heute und allzeit Gutes!
Könnte ich noch inniger an Dich denken,
dazu wäre ich gerne bereit.
Was kann ich nun mehr sagen,
als dass dir niemand mehr zugetan ist. Ach, dadurch
ist mir sehr weh ums Herz!

2. Sie verübelt mir, dass ich


mein Lied so „nieder“ adressiere.
Dass sie nicht begreifen,
was Minne ist, dafür sollen sie verwünscht sein!
Die hat Liebesglück nie getroffen haben,
die mit Blick auf Besitz und Schönheit minnen. Ach, wie minnen die!

3. Ich ertrage es, wie ich es immer ertragen habe


und weiterhin ertragen will.

40
Du bist schön und hast genug,
was können sie mir darüber auch sagen!
Was sie auch reden, ich bin Dir gut
und nehme dein gläsernes Ringlein wie das Gold einer Königin.

4. Bei der Schönheit ist oft Missgunst,


nach der Schönheit sollte niemand zu sehr streben.
Liebe ist dem Herzen wohltuender,
die Schönheit ist der Liebe nachgeordnet.
Liebe macht die Frauen schön,
das kann die Schönheit nicht bewirken, sie macht niemals liebenswert.

5. Hast du Treue und Beständigkeit,


so bin ich darüber ohne Angst,
dass mir jemals Herzleid
durch dich willentlich zugefügt wird.
Hast du aber beides nicht,
dann kannst du niemals mein Werden.
Ach, was dann, wenn das geschähe!46

Dieses Lied beschäftigt sich mit einem neuen Phänomen im


Minnesang – mit der niederen Minne. Das Lied besteht aus fünf
Strophen und seinen Inhalt bildet der Monolog eines Minnenden.
Die erste Strophe kann man als Frauenpreis begreifen. Die
Bezeichnung „herzliebe kleine Herrin“ von dem Minnenden weist
darauf, dass es wahrscheinlich nicht um adelige, hochgestellte Frau
geht, sondern dass das Herz des Minnenden einem jungen Mädchen
gehört. Der Minnende wünscht seiner Dame nur Glück und ihre
46
Schweikle, Günther (Hrsg.). Walther von der Vogelweide. Werke.
Band 2 – Liedlyrik. Stuttgart, 1998

41
Unerreichbarkeit tut seinem Herzen weh. In der zweiten Strophe
wendet sich der Minnende an die Gesellschaft (an das Publikum), die
ihm verübelt, dass er keiner hochgestellten Dame sein Singen schenkt,
sondern einem Mädchen aus niederem Stand. Der Minnende
argumentiert damit, dass die Liebe nicht durch Besitz oder Schönheit
gemessen werden kann. In der dritten Strophe ist der Minnende bereit,
immer der Dame zu dienen und der letzte Satz bestätigt den Gedanken,
dass die Dame nicht reich ist, weil sie statt des Goldes ein gläsernes
Ringlein trägt. In der vierten Strophe erklärt der Minnende seine
Stellung zur Schönheit und Liebe und vor allem der letzte Satz drückt
seine Meinung sehr genau. Nur falls sich der Schönheit des
„Mädchens“ auch Treue und Beständigkeit anschließen, kann dann
solche Frau den Anforderungen des Sängers gerecht werden.

2.11 Dörperliche Lieder


Neidhart von Reuental:
Winterlieder
1. „Sing los, goldenes Huhn, ich geb dir Weizen!“
Sogleich wurde ich froh,
als sie das sprach, um deren Huld ich singe.
So freut sich der Tor über ein süßes Versprechen
das ganze Jahr hindurch.
Würde es Wahrheit,
hätte niemandes Herz je so froh geschlagen
wie dann das meine.
Kann sie mit ihrem Frohsinn meine Leiden
denn wenden? Wahrlich, mein Kummer ist beklagenswert.

2. Horch hin! Ich höre Tanz in der Stube.


Ihr Burschen, vorwärts mit euch!

42
Da ist ein ganzer Schwarm Dorfmädchen.
Einen Ridewanz sah man da zünftig tanzen.
Zwei Geiger spielten auf.
Wenn sie pausierten
(das machte den übermütigen Bauernburschen das größte
Vergnügen),
seht, dann wurde der Reihe nach zum Tanz vorgesungen.
Durch die Fenster dröhnte der Lärm.
Adelmann
Tanzte nur mit zwei blutjungen Mädchen auf einmal.

3. Räumt die Schemel und Stühle aus!


Lass die Tische forttragen!
Heute wollen wir bis zum Umfallen tanzen.
Reißt die Türen auf, dann ist es luftig,
so dass der Wind den Mädchen
kühlend durch ihre Mieder wehen kann.
Wenn die Vortänzer dann mit ihrem Lied zu Ende sind,
seid ihr alle aufgefordert, mit uns zu treten
wieder ein höfisches Tänzchen nach der Geige.

4. Ihre alle: Gozbrecht, Willebold, Gumprecht und Eppe,


Willebrecht, des Meiers Knecht,
Werenbold und auch der junge Tuoze,
Megenbold, des Meiers Sohn, und Reppe,
Irenwart, Sieghar, Giselher, Friedger und Uoze.
Das ist ein erzdummer Bauer.
Das ganze Jahr ist er hinter den Dirnen her
(seid dessen versichert!)
und ist ihnen doch völig egal.

43
5. Habt ihr je einen Bauern so keck gesehen,
wie er es ist? Weiß Gott!
Er ist beim Reigen stets der erste.
Einen neuen Gurt, zwei Hände breit,
hat sein Schwert. Überaus vornehm
dünkt er sich wegen seines neuen Wamses.
Das ist aus vierundzwanzigerlei Flicken zusammengemustert.
Die Ärmel reichen ihm bis auf die Hand.
Solch Gewand findet man gewöhnlich an Tölpels Halse.

6. Den Bauernnarren verrät sein ganzer Putz,


der er trägt.Ich hörte,
er freie um Engelbolds Tochter Ava.
Diese Rechnung hat er ohne den Wirt gemacht.
Sie ist ein Weib, deren Leib
selbst einem Grafen zur Minne ziemte.
Deshalb lasse er sich darin heimlich belehren!
Verfüg er sich doch woanders hin!
Den Erfolg seines Werbens
könnte er bis nach Mainz im Auge tragen.

7. So schön ist sein Wams nicht geschnitten


und seine Kehle nicht so hell,
daß er sie unbedingt mit seiner Person belästigen müßte.
Diesen Sommer hat er sie geradezu gekaut
ganz wie Brot. Schamrot
wurde ich, wenn sie beisamen saßen.
Wird sie mein, der ich mit Freuden diene,
steht ihr mein Gut zur Wahl,

44
ja Reuental wird ihr Besitz: das ist mein Hoch-Siena.47

Dieses Lied gehört nicht zur traditionellen Minnelyrik. Neidharts


Gestalten sind nicht ein Ritter und eine edle Dame, sondern junge
Mädchen und Bauern, vor allem die Dorfbewohner. Das Lied besteht
aus sieben Strophen, es ist also ziemlich lang.
Die erste Strophe wird im Zeichen der Liebe eines Mannes zu einem
Mädchen gebaut. Aus der letzten Strophe dieses Liedes ist es klar, dass
dieser Mann selbst Reuental ist. Schon aus dem ersten Satz ist es
deutlich, dass sich die Handlung im Dorf abspielt und dass es hier
nicht um eine edle, adelige Dame geht, sondern um ein junges
Mädchen, das wahrscheinlich aus dem niederen, bäuerlichen Stand
kommt. Reuental vergleicht sich mit dem Tor, dem ein süßes
Versprechen von einer Frau Freude macht. Er ist in das Mädchen
verliebt. Immer wenn er es sieht, ist sein Herz sehr froh. Er wünscht
sich, dass sein Mädchen ihn aus seinem Kummer herausführt. Die
zweite und dritte Strophe spielen sich in einer dörflichen Stube ab.
Reuental beschreibt die wilde Atmosphäre und bäuerliche Burschen
und Mädchen. In der Stube dröhnt der Lärm, es spielen hier zwei
Geiger, alle Jungen, Mädchen tanzen mit den Alten zusammen, alle
singen fröhlich und unterhalten sich übermütig. In der dritten Strophe
setzt die wilde Laune der Tänzer fort. In der Stube herrscht die
Unverschämtheit der Bauernburschen und keine Moral, ein Adelmann
tanzt mit zwei Mädchen zusammen, der Wind weht aus dem
geöffneten Fenster durch die Mieder der Mädchen. In der vierten
Strophe spricht Reuental zu allen Bauernburschen, nennt alle ihren

47
Reuental, Neidhart von. Lieder. Auswahl mit den Melodien zu neun Liedern,
Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Übersetzt und herausgegeben von Helmut
Lomnitzer. Ditzingen: Reclam Universal-Bibliothek, 1998, s. 23.

45
Namen und Stände – „Willebrecht, des Meiers Knecht“ - und schildert
ihre dummen Eigenschaften und ihr wildes Benehmen. In der nächsten
Strophe setzt er in der ironischen Beschreibung eines Bauerns fort. Der
Bauer ist stolz auf sein neues Wams, das aber aus vielen Flicken
genäht ist. Reuental vergleicht den Bauern mit einem Narren, der sich
über seine Kleidung freut und Interesse für eine schöne Tochter eines
anderen Bauern hat (Reuentals Geliebte). Der Leib dieses Mädchens
ist aber so wunderbar, dass seine Schönheit und Vollkommenheit
sogar einen Grafen zur Liebe bringen musste. In dem nächsten Satz –
„Deshalb lasse er sich darin heimlich belehren!“ – verbirgt sich
vielleicht das heimliche Treffen der beiden Rivalen, die
zusammenstießen. Und so musste der geschlagene Bauer ein anderes
Mädchen suchen. Diese Situation ist für den Minnesang nicht üblich,
weil in den frühen Phasen des Minnesangs nur ein Minnender war, der
um seine Frau warb und trotz ihrer Unerreichbarkeit ihr weiter diente.
In diesem späten Minnesang hat der „Minnende“ meistens einen
Gegner, mit dem er kämpft. Aus der letzten Strophe begreift man also,
dass Reuental selbst zur Sagenfigur dieses Liedes und zugleich auch
zum Gegner des bäuerlichen Mannes wurde. Aus dem Text geht
hervor, dass Reuental trotz seiner Liebesbemühung sein ausgewähles
Mädchen nicht haben kann. In den letzten Sätzen kann man einen
Hinweis auf die Darlegung der Leistung finden. Reuental dient seinem
Mädchen mit Freude und er ist bereit, seinen Besitz und auch sich
allein für das geliebte Mädchen aufzugeben.

2.12 Tagelied
Wenzel II.
Ez taget unmâzen schône
1. „Ez taget unmâzen schône,
diu naht muoz abe ir thrône,

46
den sî dze Kriechen hielt mit ganzer frône:
der tac wil in besitzen nuo.
Der trîbet abe ir vesten
die naht mit sîner glesten.
Dest wâr, sie mac niht langer dâ geresten,
wan es îst zît und niht ze fruo
daz man ein scheiden werbe,“
sus sanc der wahter, „ê daz sich geverbe
der tac mit sîner roete.
Wol ûf, wol ûf, ich gan iu niht ze blîben bî der noete.
Ich fürhte daz der minne ir teil verderbe.“

2. Daz hôrte in tougener schouwe


ein êren rîche frouwe
und ouch ir minnen dieb, der durch ein ouwe
was ritterlîchen dar bekommen.
Sie sprach „friumt mîner wunnen,
der wahter wil niht gunnen
uns liebes, wan er wolte sîn bespunnen
mit miete, daz hân ich vernomen:
ez ist dem tage unnâhen.“
Diu frouwe stuont ûf und begunde gâhen
hin zuo dem wahter eine.
Si sprach „nim, wahter, silber golt und edel rîch gesteine,
lâ mich den zarten lieben umbevâhen.“

3. Er sprach „ich bin gemietet:


gêt wider unde nietet
iuch fröiden, wan ich wolt daz ir berietet
mich: daz habt ir ûf ende brâht.

47
Ich warne iuch, swenne ez zîtet,
daz er mit fröiden rîtet.
Swenn ich iu sage, sô hüet daz ir iht bîtet,
ir lât in dar er habe gedâht.“
Si wart sâ unbevangen,
erkuste ir rôten munt, ir klâren wangen.
Daz was der minne lêhen.
Lîp unde lust die liezen sich dô wênic ieman flêhen.
Dâ daz ergienc, dâ ist ouch mê ergangen.48

Dieses Lied von Wenzel II. bildet den dritten Teil von „Drei
Minneliedern von Wenzel von Böhmen“. Das Lied kann man als das
sog. Tageslied bezeichnen. Das Tagelied hat im Minnesang eine
Sonderstellung, weil sich es durch Inhalt von klassischen Minneliedern
unterscheidet.
Dieses Lied besteht aus drei Strophen und schildert sehr emotional die
Trennung einer Dame von ihrem Ritter. Die erste Strophe beginnt sehr
idyllisch mit der Morgendämmerung. Die ersten Sätze basieren auf
dem Kontrast zwischen dem Tag und der Nacht. Während der Tag hier
als belebende Macht, die alles Schlechtes zerstört, dargestellt wird,
wird die zurücktretende Nacht als schwere Dunkelheit geschildert.
Dann kommt ein Wächter, der seine Herrin durch seinen Gesang auf
einem hohen Turm weckt. Er warnt die beiden Geliebten, dass es
schon Morgen ist und dass ihre heimliche Liebe von anderen
Menschen aufgedeckt werden kann. In der zweiten Strophe sind schon
die Dame und ihr Ritter auf. Die Dame will ihre Minne bewahren und
so mit der Zustimmung des Ritters geht sie aus ihrer Kammer hinaus.
Mit Gold, Edelsteinen und stiller Bitte besticht sie den Wächter. In der
48
Kraus, Carl von. Deutsche Liederdichter des 13. Jahrhunderts. Herausgegeben von
Carl von Kraus. Band 1 Text. 2 Aufl./ durchges.von Gisela Kornrumpf. Tübingen:
Niemeyer, 1978, s. 586-587.

48
dritten und letzten Strophe des Liedes nimmt der Wächter
Bestechungsgeld an und verspricht der Herrin, um sie und ihren Ritter
rechtzeitig zu wecken und ihre Liebe zu verheimlichen. Am Ende der
Strophe geht die Dame zu ihrem Ritter zurück und die beiden
Geliebten widmen sich weiter ihrer Liebe, die ihr Leben so glücklich
und vollkommen macht.

III. ZUSAMMENFASSUNG
Jede Phase und jeder Autor dieser hochmittelalterlichen, literarischen
Kunst sind außergewöhnlich. Der Minnesang selbst und vor allem der
Charakter jedes Autors beeinflussten den Inhalt einzelner Minnelieder.
Aus den angeführten Liedern oder aus ihren Teilen kann man also
verschiedene Informationen über den Verlauf des Minnesangs bei
einzelnen Autoren gewinnen.

1. Erste Liebesmotive bei Kürenberg


Der von Kürenberg als Vertreter der ersten, frühen Phase schließt in
seinen Minneliedern sehr viele für Minnesang typische Motive ein.
Der Minnende wird im Text als ein treu dienender Ritter dargestellt. Er
wirbt mit seiner ritterlichen Rüstung um seine ausgewählte Dame.
Trotz dem klassischen Bild des Minnenden als eines werbenden
Ritters spricht Kürenberg eine größere Aktivität der Dame zu. Die
Dame wird als eine nach der Liebe eines Ritters sehnende adelige Frau
dargestellt. Die Liebesqual erlebt in den Liedern von Kürenberg
meistens also die Dame. Weitere Motive wie z.B. erotische Spannung,
Geheimnis der Liebe und auch verschiedene Symbole wie der Falke,
die Rose oder die rote und goldene Farbe kann man in den
Minneliedern von Kürenberg auch oft finden. In einem Lied erwähnt
Kürenberg außer den zwei Hauptgestalten auch die adelige
Gesellschaft, die der Minne als Verleumder schadet.

49
2. Liebesqual bei Hausen
Auf die Lieder von Friedrich von Hausen hatte den Einfluss sein
eigenes Leben. Er nahm sich an einer Kreuzfahrt Friedrich
„Barbarossas“ teil und deshalb kann man in seinen Minneliedern auch
ein Kreuzzugsmotiv finden. Der Ritter muss seine ritterliche Aufgabe
erfüllen und seine geliebte Dame verlassen. In seinen Liedern erinnert
der Minnende an seine Heimat und an seine Minne zur schönen,
vollkommenen Dame. Die meisten Minnelieder von Hausen variieren
also die Klage über die unerfüllte Liebe des Ritters. Die Dame wird
bei Hausen als eine edle, wunderbare, vollkommene und vor allem
unerreichbare Frau dargestellt. Damit hängt auch ein Grundbaustein in
der Struktur des Minneliedes zusammen - die Darlegung der Leistung
des Minnenden.

3. Die Bildlichkeit Morungens


Heinrich von Morungen ist durch seine kunstvolle Bildlichkeit in
Minneliedern bekannt. Jeder Satz umfasst eine Menge von schönen
Ausdrücken, die Phantasie des Menschen fördern. Darum bilden das
Herz jedes Liedes Symbole, Metaphern und erotische Spannung, Leid
der Minne und vor allem Vollkommenheit der Dame. Das Motiv einer
wunderbaren, vollkommenen Dame der edlen Eigenschaften
wiederholt sich fast in allen Minneliedern Morungens. Die
Exklusivität des Textes widerspiegelt sich in der Anwendung von
verschiedenen Metaphern, Symbolen und Farben. Die Dame wird bei
Morungen als magische, schöne und mächtige Kraft dargestellt und
der Minnende ist von ihr so bezaubert, dass er sogar kein Wort zur
Dame sagen kann. Die Schönheit der Dame vergleicht Morungen zur
strahlenden Sonne und Mond und bildet so phantasievolle Kontraste.
Der Minnende spielt also in den Liedern eine geringere Rolle.

50
4. Neue Definition der Minne bei Vogelweide
Für Walther von der Vogelweide sind vor allem die Naturlieder und
Minnelieder gekennzeichnet. Mit einigen seinen Liedern, die schon
von der unverfälschten hohen Minne abheben und Minne zu einem
jungen Mädchen aus niederem Stande bevorzugen, deutete
Vogelweide die Änderung des typischen Schemas des Minnesangs an.
Die Dame kann bei ihm als eine verliebte Frau dargestellt werden. In
dem von mir ausgewählten Lied tritt die Dame als eine nach Liebe
sehnende Frau, die aber unentschieden ist und an treue Liebe des
Minnenden nicht glaubt. In den nächsten interpretierten Minneliedern
kann man verschiedene Motive wie z.B. Leid der Minne,
Vollkommenheit der Dame oder Motiv der Natur finden. Walther von
der Vogelweide definiert neu die Schönheit und Vollkommenheit der
Dame durch die Minne. Die verliebte Dame ist die schönste Frau mit
besten Eigenschaften und sie ist für den Minnenden das Höchste, was
er in seinem Leben erreichen kann. Die Minne wird bei Vogelweide
also als Mittel zur rechten Schönheit der edlen Dame gebraucht. In
dem frühen Minnesang war das Motiv der Natur nicht so entwickelt,
wie jetzt in der späteren des Minnesangs. Die Jahreszeiten bedeuten
unter sich oft Kontraste, z.B. blühender Frühling oder fröhlicher
Sommer stehen in der Opposition zum kalten und harten Winter. Die
Farben, Blumen, Bäume und Vögel sind die üblichsten Naturelemente
der Natur- und Minnelieder.

5. Gesellschaftliche Beziehungen bei Reuental


Bei Neidhart von Reuental spielt die Natur auch eine große Rolle. Den
in diesem späten Minnesang häufig benutzten Kontrast „Frühling-
Winter“ findet man auch in Liedern von Reuental. Er vergleicht oft
den Frühling zur Jugend und den Winter zum Alter. Mit der Frage des

51
Alters beschäftigt er sich auch in der Beziehung von Mutter und
Tochter. In meinem ausgewählten Lied parodiert Reuental einen
Dialog zwischen Mutter und ihrer Tochter, wo die Mutter als ein
junges, verliebtes und sorgenloses Mädchen und die Tochter im
Gegenteil als eine vernünftige Frau dargestellt werden. Dieses Motiv
und diese parodistischen Tendenzen kennzeichnen nur späte Phase des
Minnesangs gekennzeichnet. Die Minnelieder beinhalten meistens
auch keine Grundbausteine des klassischen Minnesangs. Außer diesen
Motiven ist für Neidhart von Reuental das Motiv der „dörperlichen
Minne“ von großer Bedeutung. Die Handlung spielt sich meistens am
Dorf (im Winter in einer Stube) ab und die Protagonisten sind vor
allem die Bauernburschen. Auch die typische adelige Dame hat in
solchen Liedern keinen Platz. Sie wird durch ein bäuerliches und nicht
so reiches Mädchen ersetzt. Der Minnende bei Reuental ist meistens
ein Ritter, der oft unter dem Namen Reuental auftritt und der einen
bäuerlichen Rivalen in seiner Liebe hat. Solches Liebesdreieck
erscheint erst in dieser Spätphase des Minnesangs.

6. Phänomen des Tageliedes in Böhmen


Der Minnesang verbreitete sich auch auf dem königlichen Hof in
Böhmen. Die Ausnahme war nicht der Hof von Wenzel II, der
wahrscheinlich selbst als Minnesänger wirkte. Er ist durch seine drei
Liebeslieder bekannt und ich habe das dritte Lied, das man als das sog.
Tagelied bezeichnen kann, gewählt. Das Tagelied nimmt eine
Sonderstellung im klassischen Minnesang ein. Es schildert nämlich
nicht eine unerfüllte Liebe des Ritters oder der Dame, sondern das
Scheiden des Liebespaares am Morgen. In solchen Liedern tritt noch
ein Wächter auf, der die heimliche Minne der Liebenden (manchmal
für ein Bestechungsgeld) bewacht. Das Tagelied ist deshalb

52
außergewöhnlich, weil es gegenüber dem typischen Schema des
Minnesangs die erfüllte und glückliche Minne zulässt.

IV. LITERATURVERZEICHNIS:

Kraus, Carl von. Deutsche Liederdichter des 13. Jahrhunderts.


Herausgegeben von Carl von Kraus. Band 1 Text. 2 Aufl./
durchges.von Gisela Kornrumpf. Tübingen: Niemeyer, 1978

Kraus, Carl von (Hrsg.). Des Minnesangs Frühling, (nach Karl


Lachmann, Moritz Haupt und Friedrich Vogt neu bearbeitet). 32.
Auflage. Leipzig: Hirzel, 1959

Pokorný, Jindřich: Moravo, Čechy, radujte se! Němečtí a rakouští


básníci v českých zemích za posledních Přemyslovců. Ed. a překl.
Jindřich Pokorný, Václav Bok. Praha : Aula, 1998

Reuental, Neidhart von. Lieder. Auswahl mit den Melodien zu neun


Liedern, Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Übersetzt und
herausgegeben von Helmut Lomnitzer. Ditzingen: Reclam Universal-
Bibliothek, 1998

Schweikle, Günther (Hrsg.). Walther von der Vogelweide. Werke.


Band 2 – Liedlyrik. Stuttgart, 1998

Vanický, Jaroslav : Minnesang, středověký rytířský zpěv 12.-15.stol.


Historické črty a výběr skladeb. Praha : SNKLHU, 1958. – 1.vyd.

Vogelweide, Walther von der. Gedichte - Frau Welt. Ich hab von dir
getrunken. Herausgegeben und übertragen von Hubert Witt. Berlin:
Rütten&Loening, 1980

Tervooren, Helmut (Hrsg.). Heinrich von Morungen. Lieder. Text,


Übersetzung, Kommentar von Helmut Tervooren. Stuttgart, 1992

Internetquellen:
<http://de.wikipedia.org/wiki/Mittelalter> [26. Mai 2008]
<http://de.wikipedia.org/wiki/Minnesang> [26. Mai 2008]
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[26. Mai 2008]

53
<http://www.die-wander-voegel.de/Geschichte/M.html>
[16. Mai 2008]
<http://myschwerk.webzdarma.cz/minnesang.html> [17. Mai 2008]
<http://zdfexpedition.zdf.de/ZDFde/inhalt/15/0,1872,2116175,00.html
?dr=1> [20. Mai 2008]
<http://digitale-schule-bayern.de/dsdaten/18/777.doc> [20. Mai 2008]
<http://www.jadu.de/mittelalter/minnesang/minnesang-txt.html>
[20. Mai 2008]
<http://u0028844496.user.hostingagency.de/malexwiki/index.php/Ritt
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[3.Juni 2008]
<http://www.udoklinger.de/Deutsch/Ritterdichtung/Seite020.html>
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[3. Juni 2008]
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<http://de.wikipedia.org/wiki/Wenzel_II._%28B%C3%B6hmen%29> [3. Juni 2008]

54