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Der Telepath

von Olaf Blunk

basierend auf der Novelle


"Traumatisiert - Ohne jede Erinnerung"
von Jochen Kreutzer

Olaf Blunk, Rollnerstr. 134, 90408 Nürnberg


Tel.: 0179/6158794, E-Mail: olaf.blunk@gmx.net
Website: calibrate.hpage.de
1.

1 DIE STADT WÜRZBURG, AUSSEN, TAG 1

Luftaufnahme: vereinzelte, asymetrisch zueinander stehende


Häuser, braune Erde, kaum Bewegung.

2 PRAXISGEBÄUDE, AUSSEN, TAG 2

Weißes Schild mit Ärztenamen vor Hauseingang,


dazwischen Pflanzen, Autogehupe in weiter Ferne. Die
milchige Sonne sticht aus weißen Wolken.

3 PSYCHOLOGISCHE PRAXIS, INNEN, TAG 3

Kamerafahrt: großer Raum, Holzschreibtisch, Drehstuhl, und


schwarze Couch in der Mitte, befremdlich wirkende Gemälde
an den Wänden, rötliche Pflanzen an den von weißen
Jalousien verdeckten Fenstern, Ventilator an der Decke.

DOKTOR BRAUN schaut mit hinter den Rücken verschränkten


Armen durch einen Jalousienspalt aus dem Fenster.

Er hat einen Vollbart, eine dicke Hornbrille und strahlt


Autorität und Lebenskraft aus. Er trägt eine dunkelbraune
Cordhose, über die ein kariertes Flanellhemd locker
gestülpt ist.

Eine massive, dunkelbraune, angelehnte Eichentür ist zu


sehen, es klopft an ihr.

Der Psychiater wird aus seinen Gedanken gerissen und


wendet sich vom Fenster ab.

Er öffnet die Tür und bittet THOMAS FÜRST herein. Dann


macht er eine Geste in Richtung des Holzstuhles gegenüber
seines Schreibtisches.

DOKTOR BRAUN
Nehmen Sie doch Platz.
2.

Thomas Fürst steuert den ihm zugewiesenen Stuhl an. Er


trägt eine hellgraue Leinenhose, einen braunen
Wollpullover und dunkle Lederschuhe.

Er nimmt etwas verunsichert Platz und blickt sich in dem


ihm befremdlich vorkommenden Praxiszimmer um, konzentriert
sich dann wieder auf sich selbst.

Doktor Braun beugt sich über den Schreibtisch und


schüttelt distanziert die Hand seines Patienten.

DOKTOR BRAUN
Gestatten, Doktor Braun. Sie sind
Herr Fürst, nehme ich an?

THOMAS
Ja, genau.

Der Psychiater nimmt Platz und blättert in einer Akte.

Beide sind aus einiger Entfernung zu sehen. Thomas räkelt


sich unbehaglich auf dem Stuhl, während der Doktor
teilnahmslos in der Akte blättert. Bis auf das Rascheln der
Blätter und entferntem Autolärm ist nur das Surren einer
Lüftung zu vernehmen.

Die zerstreuten Haare des Psychiaters sind von hinten zu


sehen, Thomas Gesicht ist dahinter zu sehen.

DOKTOR BRAUN
Sie sind Thomas Fürst, ledig, 35
Jahre alt und wohnen in Würzburg.
Ist das richtig?

THOMAS
Kann sein.

Der Psychiater legt verwirrt die Akte zur Seite und nimmt
eine aufrechte Haltung ein.

DOKTOR BRAUN
Was meinen Sie mit kann sein? Ja
oder nein?
3.

THOMAS
Vielleicht bin ich es, vielleicht
auch nicht. Hören Sie, ich kann
mich seit dem Unfall einfach an
nichts mehr erinnern.

Das Gesicht des Psychiaters, das Ruhe ausstrahlt, ist zu


sehen. Er macht sich kurz Notizen. Es kehrt Stille ein,
nur kurz unterbrochen durch das Surren eines Staubsaugers
im Flur.

DOKTOR BRAUN
Erzählen sie mir doch vom Unfall.

Nahaufnahme: Thomas Oberkörper. Er scheint innere Qualen


zu leiden, windet sich unruhig hin und her. Dann blickt er
zu Boden, während seine Finger unruhig kreisen.

Ein von Autoscheinwerfern dürftig ausgeleuchteter Wald


erscheint. Dann das Geräusch eines Unfalls.

Das Behandlungszimmer ist von oben zu sehen, der


Ventilator rotiert über den beiden Gesprächspartnern.

Es klopft an der Tür. Eine Frau mit hochgesteckten Haaren


und Nickelbrille betritt das Zimmer und überreicht dem
Psychiater ein mehrseitiges Dokument. Doktor Braun schaut
kurz auf und nickt.

DOKTOR BRAUN
Danke, Jasmin.

Doktor Braun schaut interessiert auf Thomas, der


mitgenommen aussieht. Er wechselt ständig den Blick
zwischen Thomas und dem Dokument.

DOKTOR BRAUN
Ich habe hier den Polizeibericht.
Wollen wir gemeinsam in ihn
hineinschauen?
4.

Thomas nickt desinteressiert, scheint immer noch


zweigeteilt, entspannt sich schliesslich und läßt sich in
den Stuhl zurückfallen.

THOMAS
Von mir aus.

Doktor Braun blättert kurz eine Seite vor und zurück,


schaut dann wieder auf.

DOKTOR BRAUN
Sie haben nachts auf einer
Landstraße eine junge Frau
angefahren. Laut Polizeibericht
fuhren sie nicht mit überhöhter
Geschwindigkeit. Die Frau ist tot
und...

THOMAS
Nein, ist sie nicht.

Doktor Braun schaut erstaunt auf.

DOKTOR BRAUN:
Wie meinen sie das?

Rückblende.

4 LANDSTRASSE, AUSSEN, NACHT 4

Eine verregnete Landstraße bei Nacht. Ein schwarzer Wagen


fährt vorbei. Eine junge Frau in einem weißen Nachthemd im
Scheinwerferlicht. Hupen, Reifenquietschen, ein lauter
Schrei.

5 PSYCHOLGISCHE PRAXIS, INNEN, TAG 5

Thomas ist auf dem Stuhl von oben zu sehen. Er legt die
Hände in den Schoss.
5.

6 WALD, AUSSEN, NACHT 6

Die FRAU steht mit blutüberströmten, geisterhaft weiß


leuchtendem Kleid hinter einem umgestürzten Baumstamm.

FRAU (durch Echos verfremdete Stimme)


Komm!

Die Kamera zoomt heraus, bis Thomas zu sehen ist, der


unschlüssig vor ihr steht.

7 PSYCHOLOGISCHE PRAXIS, INNEN, TAG 7

Ein goldener Brieföffner knallt auf den massiven


Eichenschreibtisch neben einen offenen Briefumschlag.
Doktor Braun verschränkt seine Arme und lehnt sich in
seinem Stuhl zurück.

THOMAS
Sie verstehen das nicht. Dieses
Mädchen will, dass ich über diesen
Baumstamm steige und ihr folge.
Früher oder später werde ich das
müssen.

DOKTOR BRAUN
Das Mädchen ist tot, Thomas. Hier
steht es schwarz auf weiß. Wie
soll sie das also tun?

Thomas lässt sich enttäuscht in den Sessel zurückfallen,


macht kurz eine Gebärde, als ob er aufstehen wollte, zieht
dann doch zurück. Schließlich bricht er zusammen.

THOMAS
Ich bin am Ende, Doktor. Meinen
Namen können sie bald von einer
Wand kratzen.
6.

Doktor Braun zeigt sich von Thomas Vorstellung gerührt und


versucht angestrengt, nicht den Überblick zu verlieren.

DOKTOR BRAUN
Legen sie sich auf die Couch dort
und schließen sie die Augen. Ich
werde sehen, was ich für sie tun
kann.

Thomas liegt auf der Couch mit geschlossenen Augen und


übereinander gekreuzten Beinen. Der Psychiater sitzt bei
ihm und hat die Hand auf seine Stirn gelegt. Beide sind
von schräg oben zu sehen.

8 WALD, AUSSEN, NACHT 8

Von Nebelschwaden umgebene Sträucher. Ein


wolkenverhangener Mond. Ein Stapel Holz vor einer
Holzhütte.

DOKTOR BRAUN (aus weiter Ferne hallend)


Sagen sie mir, was sie sehen.

THOMAS (ebenfalls aus weiter Ferne hallend)


Nicht viel.

Ein Wecker klingelt, das Bild löst sich auf.

9 PSYCHOLGISCHE PRAXIS, INNEN, TAG 9

Beide sind aus einiger Entfernung zu sehen, die Stimme des


Doktors ertönt.
7.

DOKTOR BRAUN
Unsere Sitzung ist für heute
leider zu Ende. Ich gebe Ihnen
einen Rat: der Unfall, die tote
Frau, der Gedächtnisverlust -
das ist einfach alles zuviel für
sie. Suchen sie ihre Familie auf
und sprechen sie mit ihr. Erwarten
sie bloss keine Antworten, das
Reden wird sie lediglich von dem
Druck befreien, der auf ihnen
lastet.

Thomas nickt müde, erhebt sich dann desorientiert aus


seiner liegenden Position und schüttelt abwesend die Hand
des Doktors.

10 PARKPLATZ, AUSSEN, TAG 10

Großaufnahme: eine Packung Marlboro Menthol, Autoschlüssel


und ein Feuerzeug, die auf einem Steinwall liegen. Dann
ist Thomas zu sehen, der auf einer niedrigen, einen
Parkplatz umgebenden Mauer sitzt und eine Zigarette
raucht. Er beobachtet eine Frau, die einen Mann umarmt,
wonach beide in ein Auto steigen.

Thomas zögert kurz, dann kramt er ein Handy aus seiner


Jackentasche, atmet tief durch und wählt eine Nummer.

THOMAS:
"Hallo, Mama. Ich bins."

11 LANDHAUS, INNEN, TAG 11

Thomas Mutter MARLON steht besorgt mit einem Telefonhörer


in der Hand. Ihr ist anzusehen, dass sie der Anruf
überrascht, doch ihre mütterlichen Instinkte überwiegen.
Sie schaut in Richtung einer Kuckucksuhr, dann
konzentriert sie sich wieder auf das Gespräch.
8.

MARLON
Thomas?! Ich hab ja schon ewig
nichts mehr von dir gehört! Wie
geht es dir?

12 PARKPLATZ, AUSSEN, TAG 12

Thomas ist peinlich berührt, ein kurzes Schweigen tritt


ein. Schließlich reißt er sich zusammen.

THOMAS
Nicht gut. Hast du Zeit? Kann ich
vorbeikommen?

13 LANDHAUS, INNEN, TAG 13

MARLON
Ja, natürlich. Schau vorbei, wann
immer du willst.

14 PARKPLATZ, AUSSEN, TAG 14

Thomas setzt sich erleichtert mit dem Handy am Ohr in


Bewegung.

THOMAS
Ich muss noch zu mir nach Hause ein
paar Sachen holen. Ist es in
Ordnung, wenn ich heute bei dir
übernachte?

Thomas schließt sein Auto auf und steigt ein.

MARLON (Stimme)
Natürlich, bleib solange du willst.
Du bist hier immer willkommen.

Thomas nickt kurz, dann legt er auf und setzt sich ans
Lenkrad.
9.

15 APPARTMENT WOHNZIMMER, INNEN, NACHT 15

Kamerafahrt: Fotoalben liegen aufgeschlagen zusammen mit


vereinzelten Fotos, einem vollen Aschenbecher und einer
leeren Pizzaschachtel auf einem Tisch.

Die Kamera schwenkt auf Thomas, der auf einer Couch


schläft. Im Hintergrund schlagen Regentropfen gegen das
Fenster. Das Klatschen der Regentropfen wird lauter und
lauter, bis man einen Regenguss hört.

Anfang des Traums.

16 WALD, AUSSEN, NACHT 16

Es regnet in Strömen.

Autokamera (fährt heran): Die blutüberströmte, junge Frau


hebt in Zeitlupe ihre Hand. Taubstumme Stille.

17 WALDHÜTTE, AUSSEN, NACHT 17

Großaufnahme der Waldhütte, die während der Hypnose nur


von weitem zu sehen war.

FRAU (verzerrte, weit entfernte Stimme):


Nein, tu es nicht!

Es blitzt und donnert, die Hütte wird ungleichmässig


beleuchtet.

18 WALD, AUSSEN, NACHT 18

Nebelschwaden ziehen rückwärts durch den nassen Wald.

Ein quietschendes Bremsen ist zu hören, dann ein Schrei


und ein lauter Aufprall.
10.

19 LANDSTRASSE, AUSSEN, NACHT 19

Ein schwarzer Wagen steckt schief in einem Straßengraben.

Nahaufnahme eines blinkenden, Abbiegelichts. Es blinkt und


klickt gleichmässig.

Ende des Traums.

20 LANDHAUS, AUSSEN, NACHT 20

Ein Landhaus mit riesigem Garten, umgeben von


verwittertem Holzzäunen.

Ein dunkelblauer Wagen fährt ins Bild und hält


schließlich.

Thomas steigt aus dem Auto, schultert eine grüne


Sporttasche, atmet kurz durch und marschiert dann auf die
Eingangstür zu.

Marlon öffnet vorsichtig die Tür, dann umarmen sich die


beiden herzlich.

21 LANDHAUS ESSENSZIMMER, INNEN, NACHT 21

Kamera von schräg oben: Thomas sitzt an einem schlichten,


hölzernen Esstisch, kurz darauf serviert Marlon ihm ein
opulentes Abendessen.

Großaufnahme: Marlon setzt sich an den Tisch, vor ihr ein


volles Wasserglas. Sie mustert ihr Gegenüber mit fragendem
Blick.

MARLON
Und du kannst dich wirklich an
nichts mehr erinnern?
11.

Thomas ist von hinten zu sehen, wie er kurz mit den


Achseln zuckt, dann weiterisst.

MARLON
Und der Psychiater, zu dem du
gehst. Hilft dir das wirklich?

THOMAS (mit vollem Mund)


Mmmh, ja.

Das Ticken einer großen Standuhr im Flur hallt durch die


eintretende, geisterhafte Stille.

MARLON
Weißt du...seit dem Tod deines
Vaters ist es hier einsam geworden.
Ich freu mich wirklich, dass du da
bist. Du kannst hier solange
bleiben, wie du willst.

Thomas nickt kurz, blickt dann zur Seite.

THOMAS (mit vollem Mund)


Ich hab jede Menge Fotoalben
dabei. Ich dachte, wir blättern
einfach mal darin und du erzählst
mir, wer die Leute sind, was so
alles passiert ist und so.

Thomas macht eine entwaffnende, hilflose Geste.

THOMAS
Ich kann mich wirklich an nichts
erinnern.

22 LANDHAUS WOHNZIMMER, INNEN, NACHT 22

Marlon und Thomas, die auf einer Couch sitzen und


Fotoalben wälzen, sind von weitem zu sehen. Dann
durchbricht plötzlich das Telefon die Stille.
12.

Marlon steht erst entgeistert auf, dann schreitet sie


zielstrebig auf das Telefon zu, das auf einem kleinen
Tischchen in der Nähe des Eingangsflures steht.

Thomas blickt sich kurz um, dann steht er langsam auf und
geht die Treppen hoch.

23 LANDHAUS SCHLAFZIMMER, INNEN, NACHT 23

Thomas ist von hinten zu sehen, wie er mit verschränkten


Armen das Schlafzimmer mustert.

Marlon schreitet in das Zimmer.

MARLON
Willst du in deinem alten
Kinderzimmer schlafen? Nur zu, ich
hab hier alles so gelassen, wie es
war.

Thomas nickt müde, dann dehnt und streckt er


sich.

THOMAS
Danke, Mama. Ich muss morgen früh
wieder zum Arzt. Danach komm ich
wahrscheinlich wieder.

24 LANDHAUS BADEZIMMER, INNEN, NACHT 24

Langsamer Zoom auf die Duschkabine, hinter der sich der


duschende Thomas abzeichnet.

Nahaufnahme: Über Thomas Gesicht läuft heißes Wasser,


während er die Augen geschlossen hält.

Kurzer Kameraschwenk über die Kleidung, die auf einem


Stuhl und über den kompletten Boden verteilt sind.
13.

Nahaufnahme: einzelne Wassertropfen sammeln sich auf dem


Duschvorhang.

Plötzlich erscheint der Schatten eines Frauenkopfes hinter


dem Duschvorhang. Dumpfer, grollender Bass.

Thomas stürzt schreiend aus der Dusche, reibt sich schnell


die Augen, stützt sich dann atemlos auf dem Waschbecken
ab.

Es klopft laut an der Tür.

MARLON (Stimme, besorgt)


Alles in Ordnung?

Thomas atmet tief durch, dann nickt er schnell.

THOMAS
Ja, ja, alles ok. Ich hab mir nur
den Fuss verstaucht.

25 PSYCHOLOGISCHE PRAXIS, INNEN, TAG 25

Die Praxis ist wie in einem Puppenhaus von oben zu sehen.


Die Kamera zoomt langsam näher, als es an der angelehnten
Tür klopft, Doktor Braun sich erhebt und Thomas
hereinbittet.

Schneller, sich drehender Zoom durch den rotierenden


Ventilator auf Thomas, der mit geschlossenen Augen auf der
schwarzen Couch liegt.

26 SCHULE KLASSENZIMMER, INNEN, TAG 26

Egoperspektive eines kleinen Jungen, der in dem


Klassenzimmer an vor ihm sitzenden Schülern vorbei auf die
Tafel starrt. Die Sicht verschwimmt.
14.

27 SCHULHOF, AUSSEN, TAG 27

Kinder, die Murmeln spielen und einen Tennisball an die


Wand werfen und drüberhüpfen, sind zu sehen. Lautes
Geschrei, das mit Echos und Hall verfremdet wird, mischt
sich mit einer Stimme aus dem Off.

STIMME
Vertrauen sollte man stets in
Ehren tragen. Tut man es nicht,
kann es das Bündnis zerschlagen.
Vertrauen sollte man stets
behüten. Tut man es nicht, wird
Freundschaft ermüden.

28 PSYCHOLOGISCHE PRAXIS, INNEN, TAG 28

Thomas erhebt sich langsam auf der Couch und wechselt in


eine sitzende Postion. Er legt die Hände in den Schoss und
lässt den Kopf baumeln, dann schaut er schließlich auf.

THOMAS
Es war diesmal kein Traum, Doktor.

Thomas atmet tief durch und seufzt, starrt


gedankenverloren aus dem Fenster. Dann schaut er
misstrauisch zu Doktor Braun.

THOMAS
Sie meinen also, dass ich Ihnen
vertrauen sollte?

DOKTOR BRAUN
Nein, Sie müssen mir vertrauen.
Ansonsten laufen Sie Gefahr, von
mir höchstpersönlich in eine
Nervenheilanstalt eingewiesen zu
werden.
15.

29 PSYCHOLOGISCHE PRAXIS BEHANDLUNGSZIMMER, INNEN, TAG 29

Langsamer Zoom von schräg oben auf Thomas, an dessen Kopf


zahlreiche Saugnäpfe angebracht sind, von denen Kabel an
ein EEG-Gerät gehen.

Großaufnahme von Thomas Armen, die mit Lederriemen an


einen Stuhl gefesselt sind, seine Hände zittern leicht.

SCHWESTER STEFFI, blond und adrett, tupft mit einem Tuch


verlaufenes Gel von Thomas Stirn.

SCHWESTER STEFFI
Keine Angst, das wird nicht
wehtun.

30 LANDSTRASSE, AUSSEN, NACHT 30

Die junge Frau ist im Scheinwerferlicht eines auf sie


zurasenden Wagen zu sehen. Sie wird von dem Auto gerammt,
das Glass der Frontscheibe zersplittert, Blut spritzt.

Die blutverschmierte, junge Frau ist im Vordergrund zu


sehen, während in einiger Entfernung ein Wagen im Graben
liegt.

31 PSYCHOLOGISCHE PRAXIS BEHANDLUNGSZIMMER, INNEN, TAG 31

Schwester Steffi sitzt mit verschränkten Beinen auf einem


Stuhl und macht sich entspannt Notizen.

Großaufnahme des EKG-Druckers hinter ihr, der große


Ausschläge anzeigt.

Schwester Steffi schließt die grauen Jalousien des


Behandlungszimmers, als es draßen dunkel wird.

Doktor Braun betritt routiniert das Behandlungszimmer.


16.

DOKTOR BRAUN
Und, wie geht es unserem
Patienten?

SCHWESTER STEFFI
Ganz gut, soweit...

Schwester Steffi dreht sich beiläufig zu Thomas um,


erstarrt dann vor Schreck.

SCHWESTER STEFFI
Oh, mein Gott!

Doktor Braun und Schwester Steffi rennen auf den im


Vordergrund zu sehenden Thomas zu, der bewusstlos im EEG-
Stuhl liegt.

Nahaufnahme seiner gefesselten Hand, die schlaff vom Stuhl


hängt, Überblende auf eine sich in Zeitlupe drehende
Ambulanzsirene, während man durch Echo und Hall verzerrte
Geräusche von Krankenhausgängen hört.

32 KRANKENHAUS GANG, INNEN, NACHT 32

Überblende auf Sanitäter, die ein leeres Rollbett durch


einen mäßig ausgeleuchteten Korridor eines Krankenhauses
schieben.

33 KRANKENHAUS ZIMMER, INNEN, NACHT 33

Marlon sitzt besorgt an Thomas Krankenbett. Thomas starrt


aus blutunterlaufenen, müden Augen ins Leere.

THOMAS
Dann wurde es dunkel...
17.

34 UNIVERSITÄT HÖRSAAL, INNEN, TAG 34

Zeitraffer-Überblende von Studenten und Professoren, die


kommen und gehen.

35 UNIVERSITÄT HAUPTKORRIDOR, INNEN, NACHT 35

Eine Reinigungskraft schiebt eine Scheuersaugmaschine


durch den verwaisten, schwach ausgeleuchteten
Hauptkorridor der Universität.

36 UNIVERSITÄT BIBLIOTHEK, INNEN, NACHT 36

Thomas schläft mit dem Kopf auf verschränkten Armen an


einem Tisch, auf den Bücher und Zettel verteilt sind. Eine
Glühbirne flackert ungleichmäßig über seinem Kopf.

37 WERKSTATTGELÄNDE AUTOFIT, AUSSEN, TAG 37

Ein großes, verwaistes Gelände mit Autowracks und


Schlaglöchern ist zu sehen, in dessen Mitte steht ein
Wellblechbau. Ein abgeblättertes, gelbes Schild mit der
Aufschrift "Autofit" ziert das Dach des Vorbaus.

Das Taxi, in dem Thomas gefahren wird, manövriert langsam


durch die Autowracks und bleibt vor dem Bau stehen.

38 WERKSTATTBÜRO AUTOFIT, INNEN, TAG 38

Thomas betritt etwas ungelenk das Werkstattsbüro. ROLF


SCHROTT, ein muskulöser, stämmiger Mittvierziger sitzt mit
einem blauen, verschmierten Overall bekleidet an seinem
Schreibtisch.

Er schaut grimmig und desinteressiert hoch, dann schärft


sich sein Blick mit einem Mal und er ist plötzlich
hochkonzentriert.
18.

ROLF
Thomas! Komm rein!

Thomas geht zögerlich auf den Stuhl gegenüber des


Schreibtisches zu, schnappt ihn sich desorientiert.

THOMAS
N´abend, Rolf.

ROLF
Manchmal denk ich in diesem Kaff
hier kennt jeder einfach jeden.
Setz dich, setz dich. Die Polizei
war übrigens gestern hier.

THOMAS
Was?!

Thomas atmet laut aus, Schweigen tritt ein. Er schaut sich


im Büro um, ihm ist unbehaglich zumute.

THOMAS
Ich würde Würzburg nicht unbedingt
als Kaff bezeichnen.

Wieder Schweigen, während Thomas abwesend ein Pin-up-


Poster, das an einem Spind hängt, mustert. Rolf räuspert
sich, dann starrt er Thomas unvermittelt an.

ROLF
Erklär mir mal das mit dem Blut in
deinem Kofferraum.

THOMAS
Mit dem was?!

Rolf steht auf und umkreist langsam den Stuhl, auf dem
Thomas sitzt, während er auf ihn einredet.

ROLF
Wielange kennen wir uns jetzt
schon? Naja, egal.
19.

Rolf hält kurz inne, seufzt, dann geht er weiter um ihn


herum.

ROLF
Die Polizei hat mir vorgestern
dein Auto gebracht. Es war Blut
im Kofferraum, aber der
Kofferraumdeckel war
unversehrt...

Thomas steht energiegeladen vom Stuhl auf, die beiden


stehen sich gegenüber.

THOMAS
Moment, wart mal...

ROLF (die Stimme erhebend)


Womit warten? Mit dem was
offensichtlich ist?

In Thomas Verstand rastet unwillkürlich etwas ein, er


starrt sein Gegenüber wuterfüllt an.

THOMAS
Willst du mir einen Mord anhängen,
oder seh ich das falsch?

Rolf nimmt aufreizend gelassen wieder in seinem Bürostuhl


Platz. Er kramt eine Pfeife aus einer
Schreibtischschublade und zündet sie gemächlich an, dann
vertreibt er die Rauchwolken.

Thomas steht mit verschränkten Armen vor dem Stuhl, auf


dem er gesessen hat, aus seinen Augen blitzt Verachtung.
20.

ROLF
Ich will dir gar nichts anhängen.
Die Polizei hat mir den Wagen
gebracht, ich hab den Motor, die
Haube und die Frontscheibe
repariert. Dann hab ich das Blut
aus dem verschlossenen Kofferraum
gewaschen. Mehr sag ich nicht.

THOMAS
Gib mir Schlüssel, Papiere und die
Rechnung. Und sei froh, wenn ich
dich nicht wegen Verleumdung
verklage.

Großaufnahme der BMW-Autoschlüssel, die auf dem


Schreibtisch liegen und von Thomas Hand energisch über den
Tisch gezogen werden.

39 WERKSTATTGELÄNDE AUTOFIT, AUSSEN, NACHT 39

Frontalansicht der BMW-Kühlerhaube. Der Motor startet und


die Scheinwerfer gehen an.

40 LANDHAUS, AUSSEN, NACHT 40

Thomas steigt aus dem Wagen, kramt dann einen Blumenstrauß


vom Hintersitz.

41 LANDHAUS WOHNZIMMER, INNEN, NACHT 41

Marlon und ihre Freundin Heike sitzen am Wohnzimmertisch,


auf dem Kaffee und Kuchen stehen, als Thomas mit dem
Blumenstrauß in der Hand eintritt.
21.

42 LANDHAUS, AUSSEN, NACHT 42

Ein starker Wind fegt durch die angrenzenden Büsche und


Bäume, Gewitterwolken sind im Anmarsch.

43 LANDHAUS SCHLAFZIMMER, INNEN, NACHT 43

Thomas wälzt sich unruhig im Bett hin und her, während


Blitze das dunkle Zimmer ungleichmäßig beleuchten.

44 LANDSTRASSE, AUSSEN, NACHT 44

Die junge Frau liegt im Vordergrund in einer Blutlache,


dahinter der Wagen, der schräg im Graben liegt.

Thomas steigt aus dem Wagen aus und geht langsam torkelnd
auf sie zu. Plötzlich hebt sie ihre Hand. Dumpfer Bass.

Die junge Frau steigt, ein blutverschmiertes, weißes


Nachthemd tragend, über einen querliegenden Baumstamm, von
ihrem herunterhängenden Arm tropft Blut. Dann hebt sie die
Hand und bedeutet Thomas, dass er ihr folgen soll.

45 WALDWEG, AUSSEN, NACHT 45

Thomas, der von hinten zu sehen ist, folgt ihr zögerlich


auf einem Waldweg. Die junge Frau bleibt vor einem
Bachlauf stehen, hebt ihr kleid bis an die Knie und
überquert ihn, während ihr Blut den Bach rot färbt. Sie
verschwindet im dichten Nebel.

Thomas hält vor dem Bach inne, steigt schließlich hinein.


Mit jedem seiner Schritte wird der Bach tiefer und
verwandelt sich in einen reißenden, strudelnden Strom, der
ihn verschlingt.
22.

46 LANDHAUS, AUSSEN, TAG 46

Zwei Polizisten mit angespannter Körperhaltung stehen vor


dem Landhaus. Marlon öffnet ängstlich die Tür.

WERNER SCHMIDT
Guten Tag, Kriminalpolizei. Mein
Name ist Schmidt und das ist
Kommissar Spitz. Dürfen wir
eintreten?

MARLON (verwirrt)
Ja, natürlich.

47 LANDHAUS WOHNZIMMER, INNEN, TAG 47

Marlon und die Polizisten, die Kaffeetassen halten,


schauen überrascht auf, als Thomas vor ihnen erscheint.

48 GEFÄNGNISZELLE, INNEN, TAG 48

Thomas sitzt mit überkreuzten Beinen auf dem Bett in


seiner Zelle. Er starrt ins Nichts, legt sich schließlich
frierend auf die Seite.

49 GEFÄNGNISGANG, INNEN, TAG 49

Ein Gefängniswärter geht einen Zellengang entlang, während


er mit einem Gummiknüppel die Gitterstäbe der Zellen
entlangrattert.

50 PSYCHOLOGISCHE PRAXIS BEHANDLUNGSZIMMER, INNEN, TAG 50

Thomas sitzt auf einem Holzstuhl in der Mitte des


Behandlungszimmers, in dem er beim EEG in Ohnmacht
gefallen war. Um ihn herum stehen Doktor Braun und zwei
weitere Ärzte, sowie ein Praktikant.
23.

Doktor Braun hält ihm ein Streichholz vor das Gesicht und
schwenkt es hin und her. Thomas starrt erst misstrauisch
darauf, dann folgt er den Bewegungen.

Doktor Braun schaut zu einem der Ärzte, der sich Notizen


auf einem Schreibblock macht.

DOKTOR BRAUN
Nervus Opticus links 55-65 Grad
zur Seite, 40-50 Grad nach oben.
50-60 Grad nach unten.

Doktor Braun legt das Streichholz beiseite und baut sich


vor Thomas auf.

DOKTOR BRAUN
Ich darf Sie nun bitten, mein
Augenrollen nachzuahmen.

Großaufnahme von Doktor Brauns Gesicht, wie er wie leicht


verrückt mit den Augen rollt. Thomas ist zunächst
verunsichert, dann rollt er ebenfalls langsam mit den
Augen.

DOKTOR BRAUN
M. obliquus inferior, rectus
medialis, superior und inferior.
Suboptimales Augenrollen links.

Der Praktikant öffnet das Fenster, ein zarter Windhauch


weht durch das Behandlungszimmer.

51 WOHNBLOCK ZIMMER, INNEN, NACHT 51

Thomas und CARLA, eine alte Jugendfreundin, sitzen in dem


von Teelichtern beleuchteten, verrauchten Wohnzimmer auf
einer rosa Couch, eine Glassbong steht zwischen ihnen auf
dem Boden.
24.

Auf dem Couchtisch herrscht wildes Durcheinander, während


"House Of The Rising Sun" von Jimi Hendrix aus den Boxen
tönt.

CARLA (grinsend)
Also, du warst wirklich gestern im
Gefängnis und heute beim
Psychiater?

THOMAS
Und morgen bin ich wahrscheinlich
in der Klapse.

Schweigen setzt ein, durchbrochen durch das Klingeln von


Carlas Handy, das nicht beantwortet wird.

THOMAS
Willst du nicht rangehen?

Carla schüttelt den Kopf.

CARLA
Wann legst du dir eigentlich mal
ne Freundin zu?

THOMAS
Wenns sie im Dutzend günstiger
gibt.

Thomas atmet tief durch, dann steckt er ein in


Aluminumfolie gewickeltes Bällchen ein.

THOMAS
Zünd ne Kerze für mich an, ich
machs nämlich nicht mehr lange.

Thomas steht auf und legt einen 50-Euro-Schein auf den


Tisch, dann geht er zur Tür.
25.

52 PARKHAUS DACH, AUSSEN, NACHT 52

Thomas lehnt gedankenverloren mit einer Zigarette in der


Hand auf der hüfthohen Betonmauer auf dem Dach eines
Parkhauses. Zoom out von oben von Thomas weg, die Stadt
bei Nacht mit ihren vielen Lichtern rückt in den
Vordergrund.

53 LEICHENSCHAUHAUS EMPFANGSHALLE, INNEN, TAG 53

Eine gläserne Türfront bei Gegenlicht zu Mittag. Thomas


Silhoutte ist zu sehen, wie er den Eingangsbereich eines
Leichenschauhauses betritt.

Eine stark bebrillte, dunkelhaarige DAME schaut missmutig


von ihrem PC zu Thomas hoch, der sich an das Empfangspult
stellt.

DAME (distanziert)
Wie kann ich Ihnen behilflich
sein?

THOMAS
Ich suche Marie Fischer. Sie wurde
vor ein paar Tagen hier
eingeliefert.

Die Dame holt gelangweilt ein Formular aus einer


Schreibtischschublade.

DAME
Sind Sie Familienangehöriger oder
Verwandter? Bitte füllen Sie in
jedem Fall das Formular aus.
26.

54 LEICHENSCHAUHAUS SAAL, INNEN, TAG 54

Ein BEDIENSTETER des Leichenschauhauses führt Thomas zu


einem der Leichenboxen. Er geht gelangweilt Namen auf
einer Liste auf einem Klemmbrett durch, während Thomas den
Saal abwesend mustert.

BEDIENSTETER
Marie Fischer, verstorben vor
einer Woche durch einen
Autounfall?

Thomas nickt kurz, woraufhin der Bedienstete eine


Leichenbox herausschiebt und die die Leiche bedeckende
Plane hochhebt.

THOMAS
Könnte ich für einen Augenblick
allein mit ihr sein?

Der Bedienstete nickt desinteressiert und wendet sich von


Thomas ab. Das blasse Gesicht der Frau seiner Alpträume
erscheint, es strahlt im Neonlicht unscheinbare
Leblosigkeit aus.

55 LANDHAUS KÜCHE, INNEN, TAG 55

Thomas und Marlon sitzen am Esstisch in einer geräumigen


Küche, Schweinebraten, Rotkohl, Knödel und eine Flasche
Rotwein stehen auf dem Tisch.

MARLON
Und du meinst wirklich, dass Rolf
dir das anhängen will?

THOMAS
Er ist der einzige, der Zugang zu
meinem Wagen hatte.

Marlon tupft sich mit einer Serviette ab, ihr Gesicht


liegt halb im Schatten.
27.

MARLON
Na, ihr beide habt euch ja seit
der Schule noch nie wirklich
verstanden...

THOMAS
Das ist es nicht. Es war etwas an
seiner Art, seinem Verhalten, das
mich stutzig gemacht hat.
Irgendeine eine merkwürdige Art
von Motivation...

Aus Marlon bricht etwas heraus, was sie anscheinend tief


in sich eingeschlossen hatte.

MARLON (mit zitternder Stimme)


Warum hat dich die Polizei
mitgenommen?! Was geht hier bloß
vor?

THOMAS (nüchtern)
Sie haben Blut im Kofferraum
gefunden, nur das der
Kofferraumdeckel selbst nach dem
Unfall fest verschlossen war.

MARLON
Ja, und?!

Die beiden werden ein Klingeln an der Tür unterbrochen.


Marlon steht auf, während Thomas sich zurücklehnt und eine
Zigarette anzündet.

MARLON (Stimme)
Ja, nein, wir brauchen so etwas
nicht. Ja, auf Wiedersehen.

Marlon fischt mit einer Suppenkelle ein paar Zwiebeln und


Karotten aus dem Ofen, legt sie auf Thomas Teller und
setzt sich zu ihm.
28.

THOMAS
Die Frau gilt seit mehreren
Monaten als vermisst. Ich gelte
durch meine Amnesie und meine
psychiatrische Behandlung als
potentiell geistesgestört. Jetzt
haben Sie Blut in meinem
Kofferraum gefunden. Nach dem
kleinen Polizei-Einmaleins habe
ich den Unfall nur inszeniert und
hatte sie schon vorher
entführt und getötet...

MARLON
Oh, mein Gott!

THOMAS
Nur dass die Polizei immer noch im
Trüben fischt, sonst wäre ich
längst in U-Haft. Anscheinend
passt vieles nicht zusammen.

MARLON
Warum hast du ihnen das von Rolf
nicht erzählt?!

THOMAS
Weil ich meine eigenen
Nachforschungen anstelle. Die
Polizei will Beweise, keine wilden
Theorien, und genau die werde ich
ihnen liefern.
29.

MARLON
Lass dich bloss nicht von denen
unterkriegen. Erinnerst du dich
noch an den alten
Gewächshausschuppen, in dem Opa
eine Zeit lang gehaust hat? Man
kann wirklich drin wohnen, es gibt
dort Heizung und warmes Wasser und
sogar ein Bett. Falls du mal
untertauchen musst. Wart, ich such
dir den Schlüssel raus.

Thomas macht eine kurze Bewegung, so als ob das


Unvermeidliche soundso nicht aufzuhalten ist, während
Marlon aufsteht und die Küche verlässt.

56 LANDHAUS DACHZIMMER, INNEN, NACHT 56

Kamerafahrt über geöffnete Fotoalben, ausgedrückte Joints


in einem Aschenbecher und einer offenen Flasche Rotwein
in dem von Dachschrägen verwinkelten Dachzimmer.

Thomas liegt zusammengekauert in eine Wolldecke gewickelt


auf einer braunen Couch.

Großaufnahme seiner geschlossenen Augen, die sich schnell


hin- und herbewegen.

57 LANDSTRASSE, AUSSEN, NACHT 57

Großaufnahme eines blinkenden und klickenden


Abbiegelichts.

58 WALDWEG, AUSSEN, NACHT 58

Marie schreitet in ihrem weißen Nachthemd den von


Nebelschwaden gesäumten Waldweg entlang, dreht sich nach
Thomas um, wie um ihm zu sagen, dass er ihr folgen soll.
Thomas folgt unschlüssig in einiger Entfernung.
30.

59 BACHUFER, AUSSEN, NACHT 59

Marie wendet sich ein weiteres Mal unmerklich auf der


anderen Seite des Bachufers zu Thomas um, dann lässt sie
ihr Kleid fallen.

60 WALD, AUSSEN, NACHT 60

Sie läuft nackt durch immer dichter werdendes Gebüsch,


während Äste und Zweige ihre Haut aufritzen und Blut aus
ihren sich häufenden Wunden tritt.

Thomas versucht hinterher zu kommen, verfängt sich aber


immer mehr im Gestrüpp, bis er in ihm gefangen ist.

Marie tritt nackt und blutverschmiert auf eine surreal,


stark weißlich beschienene Lichtung. Ein kurzer, sanfter
Lichtblitz, dann ist ihre Silhoutte von einem weißlichen
Schimmern umgeben.

61 LANDHAUS ESSZIMMER, INNEN, TAG 61

Marlon ist dabei den Frühstückstisch zu decken, als Thomas


verschlafen ins Esszimmer tritt.

MARLON (aufgeregt)
Die Polizei hat angerufen, sie
haben Rolf verhaftet. Du sollst
auf das Revier kommen, sobald du
kannst.

Thomas starrt sie mit offenem Mund an.

THOMAS
Du hast ihnen doch nicht von
meiner Theorie erzählt?!

Marlon schaut betreten zur Seite, antwortet nicht.


31.

THOMAS
Egal, ich bin schon unterwegs.

62 POLIZEIREVIER PARKPLATZ, AUSSEN, TAG 62

Thomas lehnt an seinem Wagen, während er eine Zigarette


raucht und den Wokenkratzer, in dem das Polizeirevier
untergebracht ist, hochstarrt.

63 POLIZEIREVIER, INNEN, TAG 63

Werner Schmidt und ein weißhaariger Polizist mustern links


und rechts von einem Schreibtisch stehend Thomas, der auf
einem Stuhl Platz genommen hat.

WERNER SCHMIDT
Kommen wir gleich zur Sache. Sie
beschuldigen Rolf Schrott, den
Mord an Marie Fischer begangen zu
haben?

THOMAS
Das tue ich nicht. Aber er ist der
einzige, der Zugang zu meinem
Wagen hatte. Und das nicht nur
einmal, da mein BMW ein
Liebhaberwagen aus den 80ern ist.
Ich habe ihn in letzter Zeit
mehrere Male bei seiner Firma zur
Reparatur gegeben.

WERNER SCHMIDT
Können Sie das beweisen? Haben Sie
die Rechnungen aufgehoben?

THOMAS
Bestimmt, da ich ihn als
Dienstwagen von der Steuer
absetzen kann.
32.

THOMAS
Warum haben Sie Rolf verhaftet?
Eine bloße Anschuldigung reicht
dafür bestimmt nicht aus.

WERNER SCHMIDT
Wir haben unsere Gründe. Mehr
können wir dazu leider nicht
sagen.

Kommissar Schmidt blickt kurz zu seinem Kollegen, der


abwesend nickt.

WERNER SCHMIDT
Nur soviel: das Blut in Ihrem
Kofferraum ist älter als das vom
Tag Ihres Unfalls. In ein paar
Tagen werden wir wissen, ob es
ebenfalls Marie Fischers Blut ist.

64 GASTHAUS ZUM EISERNEN LÖWEN, AUSSEN, TAG 64

Ein ländlich gelegenes Gasthaus mit einem Parkplatz davor


ist in der Dämmerung zu sehen.

65 GASTHAUS ZUM EISERNEN LÖWEN, INNEN, TAG 65

Thomas sitzt an einem Tisch mit Marlon, auf dem Lamm mit
Bohnen, Hummer mit Blattspinat und Weißwein steht.

Ein KELLNER kommt zum Tisch.

KELLNER
Darfs noch etwas sein?

MARLON (abwinkend)
Nein, danke.

Thomas schaut verträumt zur Seite, während Marlon das


Essen geniesst.
33.

Eine attraktive Blondine an der Bartheke schaut zu Thomas


herüber, ihr Blick drückt Interesse aus.

Großaufnahme von Thomas Gesicht, der von Ihrem Blick


überrascht zu sein scheint.

MARLON
Heut abend gehts zum Glück nicht
um Unfälle, Mord und diesen ganzen
Wahnsinn.

Thomas nickt Marlon kurz zu, starrt dann weiterhin


verblüfft die Frau an, die ihm zulächelt. Sie kommt ihm
merkwürdig vertraut vor.

MARLON
Was schaust du denn ständig zur
Bar?

THOMAS
Die junge Frau dort starrt mich
an, seit wir hier angekommen sind.

Marlon blickt überrascht zur Bar, die Blondine ist jedoch


verschwunden.

MARLON
Ich sehe keine Frau.

Thomas blickt verdutzt zur Bartheke.

THOMAS
Komisch, sie muss wohl grade
gegangen sein.

Der Kellner geht am Tisch der beiden mit leerem Tablett


unterm Arm vorbei.

THOMAS
Entschuldigen Sie, wissen Sie wer
die junge, blonde Frau ist, die
eben gerade noch an der Bar sass?
34.

KELLNER
Ich kann mich ehrlich gesagt nicht
erinnern, dass wir heute überhaupt
schon Damenbesuch hatten.

MARLON
Alles In Ordnung, Thomas?

THOMAS (verwirrt)
Ja, ich muss mich wohl getäuscht
haben.

66 BÜROKOMPLEX, AUSSEN, TAG 66

Luftaufnahme eine silbergrauen, weitverzweigten


Bürokomplexes mit Parkplätzen.

67 ARCHITEKTURBÜRO EMPFANGSHALLE, INNEN, TAG 67

Eine Lifttür geht auf und Thomas, der mit einem Anzug und
bequemen Schuhen bekleidet ist und eine Projektmappe unter
dem Arm trägt, verlässt ihn.

Er schlendert in der weiträumigen Empfangshalle zu dem


Schreibtisch seiner SEKRETÄRIN.

SEKRETÄRIN
Morgen, Herr Fürst. Sie machen
sich ja wirklich rar. Alles in
Ordnung?

THOMAS
Ja, nein. Mein Leben ist das
reinste Chaos...

SEKRETÄRIN
Der Unfall muss sie sehr belasten.
Kann ich was für Sie tun?
35.

THOMAS
Ja, suchen Sie den besten
Privatdetektiv, den es in der
Stadt gibt. Geld spielt keine
Rolle.

Die Sekretärin starrt ihn perplex an.

SEKRETÄRIN
Einen Privatdetektiv? Ok, ich
guck, was ich finden kann...

Thomas schreitet weiter zu seinem persönlichen Büroabteil,


während die Sekretärin hinter ihm herruft.

SEKRETÄRIN
Es ist eine Unmenge Arbeit
liegengeblieben, was soll...

THOMAS (kurz angebunden)


Halten Sie die Meute einfach hin.

68 ARCHITEKTURBÜRO, INNEN, TAG 68

Thomas betritt sein Büroabteil und wendet sich einem


Schrank mit Aktenordnern zu.

Großaufnahme mehrerer offener, übereinandergestapelter


Aktenordner und ausgebreiteter Zettel auf einem großen
Schreibtisch.

Zoom auf den Stempel "Autofit" auf einer


Autoreparaturrechnung.

69 KNEIPE, INNEN, NACHT 69

Eine mäßig gefüllte, langgezogene Bartheke ist zu sehen,


an dem im Vordergrund GERHARD MAIHAUS zu sehen ist. Er
rührt mit dem Löffel in einer Kaffeetasse, hebt dann den
Blick, als Thomas die Kneipe betritt.
36.

Als Thomas auf Gerhard Maihaus zugeht, steht er auf und


sucht einen Tisch in der hinteren Ecke des Lokals auf,
während er Thomas mit einem kurzen Nicken bedeutet, ihm zu
folgen.

Thomas folgt ihm, während Maihaus sich umschaut, um sich


zu vergewissern, dass niemand Thomas gefolgt ist.

Thomas streckt ihm die Hand entgegen, Maihaus macht jedoch


keinerlei Anstalten, ihn zu begrüßen.

THOMAS
Herr Maihaus, nehme ich an...

GERHARD MAIHAUS
Lassen wir die Formalitäten,
setzen Sie sich. Kommen wir gleich
zur Sache: Sie kennen mich nicht
und ich bin niemals hiergewesen.

THOMAS (seufzend)
Wie passend, ich habe zur Zeit
viel mit Geistern zu tun.

GERHARD MAIHAUS
Das wichtigte zuerst: Sie brauchen
Polizeinformationen, ich werde
also Beamten schmieren müssen, und
das ist teuer. Sehr teuer, sogar.

THOMAS
Geld spielt keine Rolle.

Thomas kramt aus seiner Jackentasche ein Foto und reicht


es Maihaus.

Großaufnahme eines Schwarz-Weiß-Fotos, das Maihaus in der


Hand hält. Marie Fischer ist beim Angeln zu sehen ist. Sie
trägt eine kurze Hose und ein Achselshirt und lächelt in
die Kamera, während sie auf einem Klappstuhl an einem See
sitzt.
37.

THOMAS
Diese Frau jagt mich in meinen
Alpträumen. Finden Sie einfach
alles über sie heraus, was sie
können.

GERHARD MAIHAUS
Das ist das Unfallopfer, oder?

THOMAS
Die Polizei geht mittlerweile von
Mord aus.

GERHARD MAIHAUS
Wegen dem Blut im Kofferraum?

THOMAS
Genau.

Thomas greift in seine Manteltasche und holt ein


gefaltetes Dokument heraus. Er entfaltet es und legt es
auf den Tisch.

THOMAS
Ich habe den Inhaber dieser Firma
im Verdacht. Wir sind alte
Schulfreunde und wahrscheinlich
bald Feinde auf Lebenszeit.

GERHARD MAIHAUS
Autofit? Das ist auf dem Land,
oder?

Thomas nickt, während er sich leicht paranoid nach hinten


umschaut.

GERHARD MAIHAUS
Sie wissen schon, dass das in die
Tausende gehen wird, oder?

Thomas nickt kurz, während er abwesend wegguckt.


38.

THOMAS
Passt, passt. Tun Sie mir einen
Gefallen, schauen Sie sich auf
dem Autofit-Gelände um.

Thomas schaut Maihaus unvermittelt in die Augen.

THOMAS
Hören Sie, man will mir einen Mord
unterjubeln, es eilt deshalb
einfach. Schauen Sie sich bei
Autofit nachts mal um, und suchen
Sie nach Sachen, die Ihnen
verdächtig vorkommen. Finden Sie
alles über das Unfall- ,
beziehungsweise Mordofer heraus.
Und teilen Sie mir die Ergebnisse
der Laboruntersuchung so schnell
es geht mit.

Maihaus blickt ihn etwas erstaunt an, da er ihn für einen


Bürofuzzi mit wenig Mumm gehalten hatte. Er nickt mehr zu
sich selbst, während er die auf dem Tisch ausgebreiteten
Sachen einsteckt.

THOMAS
Und noch was: wenn es sich um Mord
handelt, haben wir es mit einem
verdammt abgefeimten Killer zu
tun. Jemand, der vielleicht die
Psyche anderer manipuliert, in
jedem Fall sehr geschickt vorgeht.

Beide stehen auf, stehen sich kurz am Tisch


gegenüber.

THOMAS
Gehen Sie also vorsichtig vor.

Maihaus nickt kurz, dann geht er an Thomas vorbei, ohne


ihn anzuschauen.
39.

70 PSYCHOLOGISCHE PRAXIS, INNEN, TAG 70

Großaufnahme einer Mischung aus Fledermaus und


Schmetterling, die auf eine Leiwand projiziert wird.

Doktor Braun sitzt mit einer verkabelten Fernbedienung im


abgedunkelten Praxiszimmer in seinem Drehstuhl am
Schreibtisch, während Thomas auf einem Holzstuhl in der
Mitte des Raumes sitzt.

DOKTOR BRAUN
Was sehen Sie?

THOMAS
Ich sehe eine Raupe.

DOKTOR BRAUN
Interessante Sichtweise.

Doktor Braun schüttelt leicht den Kopf, während er sich


etwas notiert.

DOKTOR BRAUN (leicht flüsternd)


Umranden Sie mal Ihre Raupe.

Thomas schnappt sich einen Edding, der auf dem


Projektortisch liegt. Er steht kurz unschlüssig vor der
Plastikfolie mit der Zeichnung, dann dreht er die
Zeichnung um und umrandet die Flügel rot.

Das nächste Bild wird an die Wand projizert, während der


Projektor klickt. Ein graues Fell ist zu sehen.

DOKTOR BRAUN (räuspernd)


Bild Nummer zwei. Was erkennen
Sie?

THOMAS (genervt)
Einen toten Wolf, was sonst?
40.

Doktor Braun macht desinteressiert ein Häkchen auf einer


Tabelle. Es klopt an der Tür, Schwester Steffi lugt
zwischen den Türspalt hervor.

DOKTOR BRAUN (ungehalten)


Nicht jetzt!

Ein Bild, auf dem zwei rosa Tiere zu sehen sind, wird an
die Wand geworfen.

Großaufnahme von Thomas, der durch das Bild ins Leere


starrt.

DOKTOR BRAUN
Nur zu! Was sehen Sie?

Thomas kann sich nicht konzentrieren, ihm wird kurz


schwindlig, dann massiert er mit hängendem Kopf seine
Schläfen.

Doktor Braun steht enerviert auf, wirft die Fernbedienung


neben den Projektor.

Großaufnahme seiner Hand, die den Lichtschalter betätigt.


Er steht dann mit verschränkten Armen seitlich von Thomas.

DOKTOR BRAUN
So kommen wir keinen Schritt
weiter.

Großaufnahme der Hand des Doktors, die eine graue


Visitenkarte in Thomas Hand drückt.

Thomas schaut überrascht zu ihm auf.

DOKTOR BRAUN
Sie scheinen sehr empfänglich für
tiefe Bewusstseinszustände zu
sein. Vielleicht ist das der
richtige Mann für Sie.
41.

Thomas schaut auf die Karte. Großaufnahme der Karte, es


ist ein Bild des planeterischen Sanduhrnebels sowie ein
ägyptischer Name in Goldschrift zu sehen.

THOMAS
Hypnose? Und was sag ich der
Polizei?

DOKTOR BRAUN (in verschwörerischem Ton)


Lassen Sie das meine Sorge sein.

71 ASYLANTENHEIM, AUSSEN, NACHT 71

Ein Taxi hält in einer heruntergekommenen Gegend vor einem


Asylantenheim, es regnet in Strömen.

Thomas steigt mit Regenschirm aus dem Taxi, das


davonbraust. Er faltet eine Stadtkarte auf und versucht
sich zu orientieren.

Eine Stimme aus dem Nichts ertönt, lässt ihn


zusammenfahren. AMUN SAFAR, ein gut ausehender,
gepflegter, Autorität ausstrahlender Mittvierziger, winkt
von einem Balkon im zweiten Stock eines gegenüberliegenden
Altbaus.

AMUN SAFAR
Hierher!

Thomas dreht sich verwirrt um, dann faltet er schnell den


Stadtplan zusammen und schaut nach vorbeifahrenden Autos.

72 ALTBAU FLUR, INNEN, NACHT 72

Ein endlos wirkender Flur, der klinisch weiß beleuchtet


ist und nach hinten hin immer dunkler wird ist zu sehen.
Thomas, der den Regenschirm zusammenklappt, betritt ihn.

Amun Safar öffnet die Tür und begrüßt Thomas


reserviert am Eingang seiner Praxis.
42.

73 ALTBAU WOHNZIMMER, INNEN, NACHT 73

Kamerafahrt durch eine luxuriös, orientalisch


ausgestattete große Altbauwohnung, die vor einer
antrazitgrauen Falkenstatue auf einem Sekretär endet.

74 ALTBAU PRAXISRAUM, INNEN, NACHT 74

Thomas liegt nur mit Unterhose bekleidet auf einer


schwarzen Lederliege, deren Kopfteil hochgeklappt ist.
Er hat eine schwarze Augenbinde, wie es sie in Flugzeugen
gibt, an.

AMUN SAFAR
Sie haben jetzt eine Augenbinde
um, wie es sie in Flugzeugen gibt.
Und das nicht umsonst, denn Sie
werden eine Reise machen. Also,
schnallen Sie sich schon mal an.

Amun Safar macht das Licht im Behandlungszimmer aus, das


nur durch grüne, blaue und rote Nachtlichter in Steckdosen
beleuchtet wird.

AMUN SAFAR
Eine Reise kann nicht ohne ein
Ziel beginnen. Was ist Ihr Ziel?

Thomas seufzt, etwas in ihm, wogegen er sich die ganze


Zeit gewehrt hat, scheint nachzugeben.

THOMAS
Frei von Angst zu sein, glaube
ich.

AMUN SAFAR
Materieller, bitte.
43.

THOMAS (leicht verwirrt)


Eine Frau, ein Kind, glücklich
sein. Das was, glaube ich, jeder
will.

AMUN SAFAR
Hmmm. Und was werden Sie nach dem
Tod davon haben?

THOMAS
Nach dem Tod? Wie meinen Sie das?

AMUN SAFAR
Ich meine gesehen zu haben, dass
Sie nicht mehr lange zu leben
haben. Aber das ist jetzt nicht
wichtig. Also, was werden Sie nach
dem Tod davon haben?

Thomas will die Augenbinde entfernen, doch Amun Safar


hindert ihn mit einer raschen, sanften Handbewegung daran.
Ein Blitz erhellt den gespenstisch wirkenden Raum voller
Ampullen und modernster Geräte, kurz darauf gefolgt von
einem Donnerschlag.

THOMAS
Na, nichts wahrscheinlich.

AMUN SAFAR
Was ist also das Ziel?

Thomas überlegt kurz, seuzt dann.

THOMAS
Den Tag zu überleben, nehme ich
an.

Amun Safar nickt abwesend, befestigt einen Saugnapf, der


mit einem goldenen Kabel zu einem großen, antiken Kompass
führt, an Thomas Arm.
44.

AMUN SAFAR
Und was ist der Ausgangspunkt der
Reise?

THOMAS
Die Couch?

AMUN SAFAR
Nein, ich. Das war jetzt zu
materiell. Es geht immer um
Menschen, egal wieviele
Entfernungen und Gegenstände
dazwischen sind.

Amun Safar schaut beiläufig auf seine goldene Rolex, dann


seuzt er leise. Im Hintergrund hört man leise das Piepen
eines Telefons.

AMUN SAFAR
Also gut, ich werde Sie jetzt
hypnotisieren, auch wenn ich
weiß, dass das was Sie sehen
werden, Ihnen nicht gefallen wird.

75 APPARTMENT BADEZIMMER, INNEN, NACHT 75

Thomas liegt in einer Badewanne mit Schaum, an dem kleinen


Badezimmerfenster, es blitzt ab und an, ohne zu donnern.
Man hört das leise Glucksen des Badewassers, das ab und an
durch den Abfluss fließt.

Thomas greift nach der Seife, die ihm aus den Händen ins
Badewasser flutscht. Er will zunächst danach greifen,
lehnt sich dann aber doch zurück, um sich zu entspannen.

Thomas greift nach einer Zigarette, die auf dem


Aschenbecher am Badewannenrand liegt, nimmt einen Zug,
drückt sie dann aus.
45.

Er rafft sich dann doch dazu auf, nach der Seife zu


tasten, findet etwas zwischen seinen Füßen. Als er genauer
hinschaut, taucht ein blasser Frauenkopf zwischen seinen
Beinen auf, ein blutiger, abgetrennter Arm kommt auf Höhe
seiner Hüfte aus dem Wasser, das sich blutrot färbt und zu
sprudeln anfängt.

Thomas ist wie starr vor Schreck, kann aber nicht


schreien, während ein abgetrenntes Bein hinter seinem
Rücken an die Wasseroberfläche drängt.

76 PENTHOUSE, SCHLAFZIMMER, NACHT 76

Ein läutendes Telefon ist im Vordergrund zu sehen, während


Doktor Braun im Hintergrund schläft.

Doktor Braun reisst sich zusammen, um aufzustehen und ans


Telefon zu gehen.

DOKTOR BRAUN (verschlafen)


Ja, hallo?

THOMAS (schreiend)
Wohin zum Teufel haben Sie mich
geschickt?!

DOKTOR BRAUN
Thomas?! Was meinen Sie damit?

77 APPARTMENT WOHNZIMMER, INNEN,NACHT 77

Thomas hält mit nassen Haaren zitternd den Telefonhörer in


der Hand.

THOMAS
Dieser Meditationsguru. Was zur
Hölle hat er mit mir gemacht?
46.

DOKTOR BRAUN
Er hat sie hypnotisiert, was
sonst? Was haben Sie denn während
der Hypnose gesehen?

THOMAS
Ich...

Thomas fällt fast der Telefonhörer aus der Hand, während


vor seinem inneren Auge kurz viele zusammenhanglose Bilder
erscheinen, die der Zuschauer nicht sieht.

DOKTOR BRAUN
Hören Sie, Thomas. Kommen Sie zu
mir in die Praxis und wir reden
darüber.

Ein Tuten ist am anderen Ende der Leitung zu hören,


während Doktor Braun verdutzt den Hörer hält.

78 AUTOFIT WERKSTATTGELÄNDE, AUSSEN, NACHT 78

Langsame Kamerafahrt durch das das vom Mondlicht


beschienene, mit unzähligen Autowracks bestückte
Werkstattgelände.

Ein Schatten zeichnet sich auf einem der Autowracks ab,


dann erleuchtet eine Taschenlampe das Wageninnere.

Großaufnahme von Gerhard Maihaus, der die Taschenlampe auf


Kopfhöhe hin- und herschwenkt.

79 AUTOFIT WERKSTATTBÜRO, INNEN, NACHT 79

Die Eingangstür ist von innen zu sehen, an der sich jemand


mit einem Dietrich zu schaffen macht.

Gerhard Maihaus steht hinter dem Büroschreibtisch und


öffnet mit einem Taschenmesser eine der Schubladen,
Schweißperlen stehen auf seiner Stirn.
47.

Großaufnahme eines geöffneten Aktenordners, auf dem eine


Rechnung mit einem Handscanner eingelesen wird.

Während Gerhard Maihaus gebückt sich auf die Rechnung


konzentriert, steht plötzlich hinter ihm jemand mit einem
blauen Overall, der nur bis auf Höhe der Schultern zu
erkennen ist.

Großaufnahme einer Hand, die mit einem l-förmig gebogenen


Rohrstück ausholt.

80 ARCHITEKTURBÜRO EMPFANGSHALLE,INNEN, TAG 80

Thomas stürmt in die Empfangshalle seines Büros und in


sein Abteil, während seine Sekretärin erschrocken
auffährt.

SEKRETÄRIN
Herr Fürst...

THOMAS (außer Atem)


Keine Zeit, Sophie!

81 ARCHITEKTURBÜRO,INNEN, TAG 81

Thomas eilt zu seinem Schreibtisch, schließt die unterste


Schublade auf, holt eine Metallkassette hervor, kniet vor
ihr nieder, kramt einen Schlüssel aus seiner Hosentasche
und schließt sie auf.

Großaufnahme eines Kuverts, das Thomas schräg hält und aus


dem dem ein Bankschlüssel fällt.

Die Sekretärin erscheint mit einem Briefumschlag im


Torbogen und schaut ihn verdutzt an.

SEKRETÄRIN
Herr Fürst!

Thomas schaut entnervt auf.


48.

THOMAS
Ja, was denn?

SEKRETÄRIN
Ich habe dieses Kuvert auf dem
Fensterbrett gefunden! Ist von
Herrn Maihaus!

Thomas steht erstaunt auf, schnappt den Brief aus der Hand
der Sekretärin, die verschüchtert im Torbogen lehnt.

THOMAS (im Vorbeigehen)


Bis denn.

82 BANK EINGANGSBEREICH, INNEN, TAG 82

Thomas eilt mit feinem Anzug und Schuhen in die Bank, und
geht an dessen voll besetzten Schaltern vorbei eine Treppe
hinunter.

83 BANK SCHLIESSFACHBEREICH, INNEN, TAG 83

Thomas öffnet eins der Schliessfächer, entnimmt ihm eine


Metallkassette und öffnet sie.

Großaufnahme der schräg gehaltenen, geöffneten Kassette,


aus der wertvoller Schmuck rutscht.

84 AUTOFIT WERKSTATT, INNEN, TAG 84

Langsame Kamerafahrt von einer blutigen Werkbank mit einer


Werkzeugwand dahinter zu mit durchsichtigen
Latexhandschuhen überzogenen Händen, die am Boden eine
blutige Plane zusammenrollen.

Die Kamerafahrt endet vor vier großen, schwarzen


Plastikkoffern, die vor einem Geländewagen mit geöffnetem
Kofferraum stehen.
49.

85 JUWELIERSHOP, INNEN, TAG 85

Ein JUWELIER mit am Auge angesteckter Lupe schaut


desinteressiert zu Thomas hoch.

JUWELIER
Dafür kann ich Ihnen nur 8500 Euro
anbieten.

Thomas nickt nur, während er sich umschaut. Er schiebt


seine Bankkarte über den Schalter.

THOMAS
Machen Sie alles klar.

86 LANDHAUS WOHNZIMMER, INNEN, TAG 86

Großaufnahme des Kuverts, dem Thomas mehrere Fotos und


einen gefalteten Brief entnimmt.

Marlon setzt sich mit einer Tasse Tee zu ihm, schaut ihn
besorgt an.

MARLON
Du bist ja ganz aufgewühlt.
Möchtest du wirklich nichts
trinken?

Thomas starrt entgeistert die Bilder an, weiß mit ihnen


nicht recht etwas anzufangen. Er faltet den Brief auf,
überfliegt ihn kurz, schaut dann hoch zu Marlon.

THOMAS
Weißt du, ob das Brecheisen noch
in der Garage ist?

MARLON (verwirrt)
Das Brecheisen? Ja, das müsste
noch da sein.
50.

Marlon steht schnell auf, zieht sich eine Jacke über ihr
Strickjäckchen.

MARLON
Warte, ich hols dir.

Großaufnahme mehrerer Fotos eines stillgelegten,


verwitterten Gasthofes, die geisterhaft wirken und auf dem
Wohnzimmertisch liegen. Thomas Hand greift nach einer
polizeilichen Vermisstenanzeige auf der Marie Fischer in
grobkörnigem Schwarz-Weiß zu sehen ist.

Thomas schnappt sich das Telefon auf der Anrichte und


wählt stehend eine Nummer.

AMUN SAFAR
Ja?

THOMAS (verunsichert)
Sie müssen mir unbedingt sagen,
was ich bei der Hypnose gesehen
habe.

AMUN SAFAR
Das wissen Sie ganz genau.

87 ALTBAU WOHNZIMMER, INNEN, TAG 87

Amun Safar sitzt im abgedunkelten Wohnzimmer in einem


großen, schwarzen Ledersessel, sein Gesicht liegt im
Schatten.

THOMAS
Hören Sie, ich kann mich wirklich
nicht erinnern.

AMUN SAFAR
Sie haben drei Frauen gesehen.
Dann haben Sie eine Tür gesehen.
Von dieser Tür geht ein
unwiderstehlicher Sog aus...
51.

Ein dumpfer Bass setzt ein.

88 LANDHAUS WOHNZIMMER, INNEN, TAG 88

Ein baumelnder, tutender Telefonhörer ist zu sehen.

89 PSYCHOLOGISCHE PRAXIS, INNEN, TAG 89

Thomas sitzt eingesunken im Stuhl gegenüber von Doktor


Braun, der konzentriert in Akten blättert, dann
hochschaut.

DOKTOR BRAUN
Ich und das Ärzteteam, das Sie
untersucht haben, haben den Test
ausgewertet. Wie soll ich sagen,
es ist nicht gerade zum besten um
Sie bestellt.

THOMAS
Sie meinen, dass Sie für mich
verrückt halten, oder?

Thomas schaut sich um, sein Blick fällt auf die


verschlossene Tür, die sonst immer einen Spalt offen war.

THOMAS
Warum ist die Tür verschlossen,
Doktor?

Doktor Braun schiebt die Akten beiseite und beugt sich


leicht vor.

DOKTOR BRAUN (teilnahmslos)


Ich...und auch meine Kollegen...
sind der Meinung, dass wir viel
mehr Zeit benötigen werden, um
Ihnen helfen zu können...
52.

THOMAS (erschrocken)
Was geht hier vor sich?!

Doktor Braun steht langsam auf.

DOKTOR BRAUN
Thomas, Sie lassen mir leider
keine andere Wahl als Sie in eine
geschlossene Anstalt einzuweisen.
Und das auf unbestimmte Zeit.

Doktor Braun schreitet langsam zu einem in der Wand


eingelassenen Telefon auf der anderen Seite des Raums,
während Thomas kerzengerade sitzt und sich hilfesuchend
umschaut.

DOKTOR BRAUN
Verstehen Sie, wir wollen nur das
Beste für Sie.

Thomas starrt auf den Schreibtisch, unter den Akten


schimmert der goldene Brieföffner.

Doktor Braun greift nach dem Telefonhörer, wählt eine


Nummer.

DOKTOR BRAUN (leicht flüsternd)


Die Psychiatrische
Institutsambulanz, Doktor
Pfeiffer, bitte...

Großaufnahme von Doktor Brauns Oberkörper, an dessen Hals


Thomas den goldenen Brieföffner hält.

Doktor Braun legt widerstrebend langsam wieder auf,


während Thomas ihn sauer anstarrt.

DOKTOR BRAUN (hypnotisch)


Thomas, tun Sie nichts
Unüberlegtes! Es gibt kein
Entkommen, wir sind Ihre einzige
Lösung...
53.

THOMAS
Sie sind nicht den Dreck unter
meinen Fingernägeln wert.

Thomas schneidet das Telefonkabel mit dem Brieföffner


durch, dann bugsiert er Doktor Braun zu seinem Stuhl.

THOMAS
Rücken Sie den Türschlüssel raus,
Doktor, und zwar schnell. Nochmal
frage ich nicht.

Doktor Braun fingert rasch den Türschlüssel aus einer


Schublade, den Thomas sich schnell schnappt.

Thomas schubst Doktor Braun zu einem Fenster, an dem die


Jalousien hochgezogen sind.

THOMAS
Sie schauen jetzt solange aus dem
Fenster, bis der nächste Patient
kommt. Oder ich komme nochmal
wieder!

DOKTOR BRAUN
Thomas, ich bitte Sie!

90 PSYCHOLOGISCHE PRAXIS FLUR, INNEN, TAG 90

Der langgezogene Flur ist von schräg unten zu sehen,


Thomas rennt durchs Bild und auf den Lift zu.

91 PSYCHOLOGISCHE PRAXIS ANMELDEZIMMER, INNEN, TAG 91

Doktor Braun stürmt in die Anmeldung und stemmt seine Arme


auf die Theke, während Schwester Jasmin erschrocken
zusammenzuckt.
54.

DOKTOR BRAUN (außer Atem)


Rufen Sie die Polizei, schnell!

92 PARKPLATZ, AUSSEN, TAG 92

Der Parkplatz ist von oben zu sehen, sich drehender Zoom


auf Thomas, der zu seinem Wagen rennt, einsteigt und
losbraust.

93 DETEKTIVBÜRO, INNEN, NACHT 93

Die Tür des Detektivbüros wird von einer Brechstange


unsanft geöffnet, Thomas tritt in den dunklen Raum, durch
dessen Jalousien spärlich Licht fällt.

Thomas schaut sich leicht desorientiert im Detektivbüro


um, stellt sich dann hinter den Schreibtisch am hinteren
Ende des Raums.

Sein Blick fällt auf die vom Mondlicht beschienene


Pinnwand, an der Fotos von drei Mädchen hängen, alles
Vermisstenanzeigen.

Großaufnahme von Marie Fischer, die auf einer anderen


Vermisstenanzeige als die, die im Kuvert war, zu sehen
ist.

Kameraschwenk auf weitere Bilder des verwitterten


Gasthofes, von dessen mit Brettern vernagelten Eingangstür
ein merkwürdiges Leuchten ausgeht.

Thomas ist von hinten zu sehen, wie er das Foto einer


jungen, blonden Frau von der Pinnwand nimmt, der Name
"Katharina Müller" steht darunter.

Großaufnahme des Fotos und Flashback zu der Blondine, die


Im Gasthof an der Bartheke sitzt.

Thomas lässt das Foto baumeln, stützt sich an der Wand


neben der Pinnwand ab.
55.

Großaufnahme von Vorhängen, die am Boden leicht im Wind


wehen.

Thomas wendet sich dem mittleren Foto zu, auf der eine
Frau mir dunklen, halblangen Locken zu sehen ist. Der Name
"Emily Stein" steht darunter. Flashback zu dem Kopf, der
zwischen Thomas Beinen aus der Badewanne auftaucht,
begleitet von dumpfen Grollen.

94 HOTELGEBÄUDE, AUSSEN, NACHT 94

Ein heruntergekommenes Hotel in der Bahnhofgegend mit


einem teilweise kaputten Neonschriftzug.

95 HOTELZIMMER, INNEN, NACHT 95

Thomas liegt angezogen mit überkreuzten Beinen auf dem


Hotelbett, geht schnell Bank- und Kreditkarten durch,
flippt sie nacheinander weg.

Großaufnahme seines Handys, dem er eine SIM-Karte entnimmt


und in einen Mülleimer wirft.

Thomas steckt eine neue SIM-Karte in sein Handy, dann


wählt er eine Nummer.

96 LANDHAUS WOHNZIMMER, INNEN, NACHT 96

Marlon nimmt im Nachthemd den Hörer ab.

THOMAS
Kannst du sprechen?

MARLON
Thomas! Ich hab mir schon solche
Sorgen gemacht? Wo bist du? Gehts
dir gut? Die Polizei war hier!
56.

THOMAS
Wenn Sies immer noch ist, leg
sofort auf. Sei morgen um 11 Uhr
in der Telefonzelle beim Gasthaus
"Zum eisernen Löwen" und warte
darauf, dass ich anrufe.

MARLON
Was?! Nein, sie sind zum Glück
weg.

97 HOTELZIMMER, INNEN, NACHT 97

Thomas lässt sich erleichtert im Bett nach hinten fallen,


lehnt mit dem Rücken an der Bettwand.

MARLON
Thomas, die Polizei hat Rolf
wieder gehen lassen. Sie haben
nicht genügend Beweise gegen ihn.

Thomas richtet sich im Bett wieder auf.

THOMAS
Was?! Ich war im Büro vom
Detektiv, von dem ich dir erzählt
habe. Rolf hat wegen mehrerer
Attacken auf Babysitter im
Jugendknast gesessen.

MARLON
Das ist ja furchtbar! Die Polizei
hat die Fotos der Mädchen und die
vom Gasthof mitgenommen. Ist das
schlimm?

THOMAS
Nein, nein, das passt perfekt. Hör
zu, mir bleibt nur noch wenig
Zeit. Ich liebe dich.
57.

98 LANDHAUS WOHNZIMMER, INNEN, NACHT 98

MARLON
Pass auf dich auf, mein Junge.

99 WALD, AUSSEN, NACHT 99

Ein großer Polizeieinsatzwagen und mehrere Polizeiautos


stehen an dem Eingang zu einem Wald in der Nähe einer
Landstraße.

100 POLIZEIEINSATZWAGEN, INNEN, NACHT 100

Werner Schmidt, Kommissar Spitz, Doktor Braun und ein


weiterer Polizist sitzen im Polizeieinsatzwagen. Werner
Schmidt nimmt einen großen Kopfhörer ab, blickt zu dem
Polizisten, der an ein paar Geräten rumschaltet, dann mit
dem Kopf schüttelt.

WERNER SCHMIDT
Verdammt!

Werner Schmidt schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch,
dreht sich dann zum Doktor um.

WERNER SCHMIDT
Was meinen Sie, Doktor? Wo wird er
sein?

Doktor Braun massiert seine Schläfen, renkt dann seinen


Nacken ein.

DOKTOR BRAUN
Könnte ich einen Kaffee bekommen?

Werner Schmidt nickt zum Polizisten, der den Einsatzwagen


verlässt. Doktor Braun lehnt sich auf seinem Drehstuhl
zurück und verschränkt die Arme.
58.

DOKTOR BRAUN
Schwer zu sagen. Er folgt seinen
Träumen, ist unberechenbar.
Dennoch ist er im tiefsten Inneren
ein kühler, nüchterner Denker. Er
hat allerdings kaum Freunde und in
seinem Büro ist er auch selten
gewesen...

Werner Schmidt schaut genervt zu Kommissar Spitz.

WERNER SCHMIDT
Rolf war im Jugendknast. Wieso
wussten wir das nicht?

KOMMISSAR SPITZ
Verjährte Strafen gehen uns nichts
an.

DOKTOR BRAUN (ungehalten)


Nur damit ich weiß, wie ich das
Ganze einzuordnen habe. Wessen
Blut war den jetzt nun im
Kofferraum?

KOMMISSAR SPITZ
Das von Marie Fischer. Aber es ist
vier Wochen alt. Das passt hinten
und vorne nicht zusammen.

DOKTOR BRAUN (entnervt)


Also soll Thomas Sie ermordet
haben und es hinterher wie einen
Unfall aussehen lassen. Ist das
Ihre Theorie?!

WERNER SCHMIDT
Haben Sie eine bessere?
59.

DOKTOR BRAUN
Thomas mag geistig
unzurechnungsfähig und beizeiten
gemeingefährlich sein. Aber er ist
ganz sicher kein Killer.

Doktor Braun und Kommissar Spitz werden aus ihrem Disput


gerissen, es klopft. Eine weibliche POLIZISTIN öffnet die
Tür.

POLIZISTIN
Thomas hat in einem Hotel
eingecheckt, mit Karte bezahlt.
Babelfish Hotel, vor vier Stunden.

101 HOTEL, AUSSEN, NACHT 101

Zwei Polizeiautos und ein Einsatzwagen fahren mit


quietschenden Reifen vor dem Hotelgebäude vor, es regnet
in Strömen.

102 HOTELFLUR, INNEN, NACHT 102

Werner Schmidt und Kommissar Spitz, die mit gezogenen


Waffen an einer Hoteltür stehen, nicken einem jungen
Polizisten zu, der die Tür eintritt.

103 HOTELZIMMER, INNEN, NACHT 103

Werner Schmidt, Kommissar Spitz und weitere Polizisten


sichern mit an Waffen montierten Taschenlampen das leere,
dunkle Hotelzimmer.

104 HOTEL, AUSSEN, NACHT 104

Werner Schmidt beugt sich durch das geöffnete Autofenster


zu Doktor Braun.
60.

WERNER SCHMIDT (resignierend)


Er ist weg.

Doktor Braun nickt müde, steigt aus dem Wagen aus und
klappt seinen Mantelkragen hoch.

WERNER SCHMIDT
Wohin gehen Sie, Doktor?

Doktor Braun klappt seinen Regenschirm auf.

DOKTOR BRAUN (verbittert)


Mich erholen. Sie gestatten?

Doktor Braun wendet sich von der Szenerie ab, ist im


Begriff zu gehen.

WERNER SCHMIDT
Hey, wollen Sie uns nicht weiter
unterstützen?

DOKTOR BRAUN (sich umdrehend)


Fragen Sie Amun Safar, er hat
vielleicht die Antworten, nach
denen Sie suchen.

105 LANDSTRASSE, AUSSEN, NACHT 105

Autokamera, Zeitraffer: Ein Wagen fährt auf die


geisterhaft beleuchtete Marie Fischer, die ein
blutverschmiertes Nachthemd trägt, zu. Der Wagen bleibt
kurz vor ihr wie von Geisterhand stehen.

106 AUTO, INNEN, TAG 106

Thomas schreckt auf dem Beifahrersitz seines Wagens hoch.


Er hat eine hellbraune Wolldecke auf den Beinen, reibt
sich mit den Armen, weil er friert.
61.

Thomas fischt ein Tankstellensandwich vom Fahrersitz,


beisst kurz rein, schnappt sich dann ein Fernglas und
schaut durch.

Fernglasssicht: Der Gasthof, der auf den Detektivfotos zu


sehen war, sieht im fahlen Mittagslicht noch unheimlicher
aus.

107 POLIZEIREVIER, INNEN, TAG 107

Werner Schmidt schaut mit blutunterlaufenen Augen zu


Kommissar Spitz, der seine überkreuzten Beine auf den
Schreibtisch seines Kollegen lehnt.

Kommissar Spitz hält einen Zettel in der Hand, den er


beiseite legt, dafür sich eine SIM Karte in einer
Klarsichtfolie schnappt.

KOMMISSAR SPITZ
Das ist alles, was er uns
hinterlassen hat. Auch nicht mehr
Telefonnummern, als was die Liste
seiner Freunde und Bekannten
hergibt.

WERNER SCHMIDT (schulterzuckend)


Der Doktor hat was von einem Amun
Safar gefaselt. Vielleicht sollten
wir mal den aufsuchen.

108 ALTBAU, AUSSEN, TAG 108

Werner Schmidt steigt aus dem Polizeiauto, schaut


misstrauisch den Altbau hoch.

109 ALTBAU WOHNZIMMER, INNEN, TAG 109

Werner Schmidt nippt an einer orientalischen Teetasse,


während Amun Safar ihn konzentriert betrachtet.
62.

AMUN SAFAR
Sie verstehen nicht, warum ich
Ihnen nicht helfen kann. Thomas
ist entweder schon für immer
verschwunden oder bereits tot.

WERNER SCHMIDT (eingeschüchtert)


Das sagten Sie schon. Na gut,
nehmen wir an, das er schon tot
ist. Warum ist er tot und wie kann
ich ihn finden?

AMUN SAFAR
Verstehen Sie, Kommissar, es sind
Mächte die uns leiten. Für Thomas
ist eine dieser Mächte eine Tür,
eine Tür durch die er vielleicht
gehen muss.

Werner Schmidt stellt die Teetasse ab, schaut sich


vorsichtig in dem mit bizarren Statuen vollgestellten Raum
um.

WERNER SCHMIDT (kapitulierend)


Und wo finde ich diese Tür?

AMUN SAFAR (lächelnd)


Endlich eine vernünftige Frage.

110 GASTHOF KRONE VORNE, AUSSEN, TAG 110

Großaufnahme einer mit Brettern vernagelten Eingangstür


des Gasthofes begleitet von dumpfen Bass.

Thomas steht vor dem verwitterten Gasthof, dessen


zerbrochene Scheiben, abbröckelnder Putz und
heruntergefallene Ziegel unheilvoll wirken.

Thomas streckt sich, schaut sich kurz auf dem verlassen


wirkenden Platz vor dem Gasthof um.
63.

111 GASTHOF KRONE HINTEN, AUSSEN, TAG 111

Schräge Kamera von oben: Thomas erkundet die Rückseite des


Gasthofes.

Thomas schaut auf einen Stapel Paletten, die vor einem


Fenster aufgetürmt sind. Er atmet kurz durch, erklimmt
dann die Paletten und hält sich an einem Fenstersims fest.

Großaufnahme: der blecherne Fenstersims verbiegt sich,


Putz bröckelt von ihm, Thomas Hand läßt los.

Thomas schafft es beim Herunterfallen gerade noch sich von


den einstürzenden Paletten abzurollen, schüttelt dann die
schmerzende Hand und hält sie sich.

112 GASTHOF KRONE VORNE, AUSSEN, TAG 112

Großaufnahme der vernagelten Eingangstür, eine Brechstange


knallt in eine der Bretter und hebelt es aus.

113 GASTHOF KRONE FLUR, INNEN, TAG 113

Thomas betritt den Flur, in dem eine Schrankwand, eine


Holztruhe und eine schmale Sitzbank stehen, jeder seiner
knarzenden, langsamen Schritte wirbelt Staub auf.

Ein dumpfes Pochen ertönt, Thomas fährt zusammen. Das


Pochen ertönt erneut, Thomas versucht dessen Herkunftsort
auszumachen.

114 AUTO, AUSSEN, TAG 114

Ein Mann in einem blauen Overall ist unbewegt hinter


Thomas Auto von hinten zu sehen, die Kamera reicht bis zu
seinen Schultern. Die Einstellung ist von einem lauten
verstörenden Soundeffekt begleitet.
64.

115 POLIZEIREVIER, INNEN, TAG 115

Kommissar Spitz sitzt an seinem Schreibtisch, starrt


entgeistert auf Werner Schmidt, der eine schusssichere
Weste trägt und eine Pistole durchlädt.

KOMMISSAR SPITZ
Du glaubst doch nicht wirklich
diesem Meditationsheini, oder? Was
willst du bei diesem
gottverlassenen Gasthof?

Werner Schmidt steckt die Pistole ins Schulterholster,


schnappt sich ein Kuvert von seinem Schreibtisch und kippt
dessen Inhalt auf Kommissar Spitzs Schreibtisch aus.

WERNER SCHMIDT (schnaubend)


Der Gasthof, der Rolfs Eltern
gehört und von dem Maihaus nicht
umsonst Fotos gemacht hat. Der
übrigens verschwunden ist. Kannst
du eins und eins zusammenzählen?

116 GASTHOF KRONE, AUSSEN, TAG 116

Der Gasthof ist aus einiger Entfernung umrahmt von Bäumen


zu sehen, hinter ihm sieht man die einbrechende Dämmerung.

117 GASTHOF KRONE FLUR, INNEN, TAG 117

Thomas öffnet langsam eine Tür, hinter der eine Treppe


nach unten erscheint. Er fummelt in seiner Jackentasche,
holt eine Taschenlampe heraus und schaltet sie an.

Er geht langsam die Treppenstufen herunter, ein weiteres,


lauteres Pochen lässt ihn zusammenzucken, dann geht er
weiter.
65.

118 GASTHOF KRONE KELLERFLUR, INNEN, NACHT 118

Thomas findet sich im breiten, stockdunklen Kellerflur


wieder, strahlt mit der Taschenlampe hier und dorthin, um
sich zu orientieren, strahlt dann eine von der Decke
baumelnde Lampenschnur an.

Er zieht an der Lampenschnur, eine Glühbirne geht zu


seiner Überraschung flackernd an, surrt laut.

Totale des Flurs, von dem links und rechts Holztüren


weggehen, Thomas ist in einiger Entfernung zu sehen, wie
er die Taschenlampe in seine Jackentasche steckt.

Thomas fährt durch ein erneutes, lautes Pochen zusammen,


geht zu der Treppe zurück.

Er steht vor einem Hohlraum unter der Treppe, der im


Schatten liegt und mit Käfigstäben versehen ist.

Großaufnahme der Käfigstäbe, hinter denen leere


Wasserflaschen und Lebensmittelmüll zu sehen sind.

Thomas greift nach einer der Wasserflaschen, wird jedoch


von jemandem gebissen.

Während Thomas erschrocken zurückfährt, erscheint das


Gesicht einer jungen, Frau, das von Narben übersät ist.

Thomas hält sich die Hand, überlegt kurz, nickt ihr dann
kurz zu.

THOMAS
Warte, ich hol dich hier raus.

Thomas schaut sich im Flur um, entdeckt auf einem der


hüfthohen, staubigen Schränke einen Schlüssel. Er schnappt
ihn sich hastig und eilt damit zum Käfig zurück.
66.

Thomas schließt den Käfig auf, wird daraufhin von der Frau
überrummpelt, die ihn keifend anfällt und mit voller Wucht
seinen Hinterkopf gegen ein an der Wand montiertes Brett
schubst.

Während Thomas hinknallt, rennt die Frau zu einer


Anrichte, durchwühlt schnell dessen mit Besteck gefüllte,
obere Schublade, greift sich ein Messer und rennt zurück.

Thomas steht desorientiert auf, schafft es gerade noch die


Messerattacke der Frau abzuwehren, die von wilden Schreien
begleitet wird.

Er schleudert die schreiende Frau gegen die Wand, die


daraufhin benommen liegenbleibt.

119 GASTHOF KRONE KÜHLRAUM, INNEN, NACHT 119

Innenansicht einer Tür, durch die Thomas mit dem Rücken


taumelt. Er dreht sich um und versucht sich im halbdunklen
Raum zu orientieren, durch dessen kleines Kellerfenster
Mondlicht dringt.

An der Wand steht ein großer Gefrierschrank, vor dem ein


loses Stromkabel liegt.

Thomas stellt sich vor den Schrank, zögert kurz, öffnet


ihn dann.

Großaufnahme einer sich öffnenden Gefrierschranktür, die


den Blick auf vom grellen Mondlicht beleuchtete
Leichenteile freigibt.

Großaufnahme eines sich in einer Glasbox befindenden,


abgetrennten Frauenkopfes, der der von Emily Stein ist,
begleitet von dumpfen Bass.
67.

120 GASTHOF KRONE LAGERRAUM, INNEN, NACHT 120

Thomas taumelt in einen an den Kühlraum angrenzenden,


großen Laggerraum, in dem Holzfässer an einer Wand
gestapelt sind, und dessen Wände ansonsten mit
durchsichtiger Plastikfolie abgeklebt sind.

Egoperspektive, wackelnde Kamera: im Taschenlampenlicht


ist ein blutverschmiertes Bett mit Lederfesseln an den
Ecken zu sehen.

Kameraschwenk auf eine Videokamera mit Stativ neben dem


Bett.

Thomas steht fassungslos und zögernd vor der Kamera,


klappt schließlich den Bildschirm aus und drückt den Play-
Knopf.

121 GASTHOF KRONE, AUSSEN, NACHT 121

Ein Polizeiwagen hält vor dem Gasthof, Werner Schmidt


steigt aus.

122 GASTHOF KRONE LAGERRAUM, INNEN, NACHT 122

Großaufnahme des Videokamerabildschirms: die ans Bett


gefesselte, nackte KATHARINA MÜLLER, die sich verzweifelt
zu wehren versucht.

KATHARINA MÜLLER
Nein, bitte tu es nicht!

Der Videokamerabildschirm zeigt einen Kameraschwenk neben


das Bett, auf dem die mit Narben übersäte Frau zu sehen
ist, die Thomas angefallen hat. Sie ist an einen Stuhl
gefesselt, ihr Mund ist geknebelt.

Ein lauter Schrei schreckt Thomas auf, Katharina Müller


fällt ihn mit dem Messer an. Sie reißt ihn zu Boden,
während das Stativ umfällt.
68.

Die Frau sticht auf Thomas sitzend wie wild auf dessen
Brust ein.

Die Frau steht zitternd auf, lässt das Messer fallen und
rennt weinend aus dem Lagerraum.

Thomas versucht sich aufzuraffen, bleibt jedoch auf der


Seite liegen.

Er blickt auf die zu Boden gefallene Videokamera vor


seiner Nase, auf der die Aufnahme weiterläuft.

Langsamer Zoom auf den Videokamerabildschirm, auf dem der


geöffnete Käfig unter der Treppe zu sehen ist. Eine Frau
ist an einen Stuhl gefesselt, ihre Augen sind verbunden.

Ein Mann mit einem Mantel, dessen Kopf nicht zu sehen ist,
tritt ins Bild. Er schneidet die Fesseln der Frau durch,
die sich von der Augenbinde befreit und flieht.

Der Mann, der vor dem Stuhl kniet schaut der flüchtenden
Frau hinterher, Thomas Gesicht ist zu sehen. Der Film
endet, lautes, schwarz-weißes Flimmern setzt ein.

Schräge Totale von Thomas, der mit erschrockenem Gesicht


vor der Kamera liegt. Er rollt sich mit schmerzverzerrtem
Gesicht auf den Rücken, sein letzter Atemzug wirbelt Staub
im durchs Kellerfenster einfallende Mondlicht auf.

123 KRANKENHAUS ZIMMER, INNEN, TAG 123

Samantha Fuchs, die Frau, die Thomas erstochen hatte,


liegt ermattet in einem Krankenhausbett. Ihre Mutter hält
verzweifelt ihre Hand.
69.

124 KRANKENHAUS FLUR, INNEN, TAG 124

Samanthas Vater und Bruder schlafen in Decken gehüllt auf


Sitzen im Flur. Werner Schmidt mustert sie kurz, geht dann
an ihnen vorbei und öffnet die Tür zum
Krankenzimmer.

125 KRANKENHAUS ZIMMER, INNEN, TAG 125

Werner Schmidt tritt ins Krankenzimmer, nickt Samanthas


Mutter kurz zu, setzt sich dann auf einen Plastikstuhl am
Bett.

WERNER SCHMIDT
Könnten Sie mich kurz mit ihrer
Tochter alleinlassen?

Samanthas Mutter nickt nur kurz, geht dann wortlos an


Werner Schmidt vorbei.

WERNER SCHMIDT
Samantha, können Sie mich hören?

Großaufnahme von Samanthas Gesicht, dessen Augen leblos in


eine Ecke starren.

WERNER SCHMIDT
Samantha?

Werner Schmidt führt eine Hand vor ihr Gesicht, schnippt


mit den Fingern, Samantha reagiert jedoch nicht.

126 PRAXISGEBÄUDE, AUSSEN, TAG 126

Eine ähnliche Einstellung wie zu Beginn des Films, diesmal


ist es jedoch stark bewölkt.
70.

127 PSYCHOLOGISCHE PRAXIS, INNEN, TAG 127

Doktor Braun steht mit verschränkten Armen an seinen


Schreibtisch gelehnt vor Werner Schmidt, der genervt zu
sein scheint.

DOKTOR BRAUN
Samantha hat immer noch nicht
geredet. Wir haben wirklich alles
in unserer Macht stehende
versucht.

WERNER SCHMIDT
Haben Sie ihr Thomas und Rolfs
Foto gezeigt?

Doktor Braun schaut langsam nach unten, nickt bedächtig.

DOKTOR BRAUN
Ja, aber keine Reaktion.

Werner Schmidt schüttelt den Kopf, seufzt. Er nimmt seine


Polizeimütze ab, kratzt sich ratlos am Kopf.

DOKTOR BRAUN
Warum bringen Sie sie nicht zu
Amun Safar? Vielleicht findet er
den magischen Schlüssel zu ihrem
Herzen.

Werner Schmidt starrt den Doktor überrascht an.

128 ALTBAU PRAXISRAUM, INNEN, TAG 128

Samantha liegt mit einem schwarzen Nachthemd bekleidet,


barfuß mit Augenbinde auf der schwarzen Lederliege, Amun
Safar, der mit einer grauen Nadelstreifenweste über einem
weißen Hemd und einer dunkelgraue Cordhose bekleidet ist,
hält ihren Arm. Werner Schmidt, der ein beiges Hemd mit
Hosenträgern trägt, sitzt mit gefalteten Händen im Schoß
in einem Stuhl in der Ecke.
71.

AMUN SAFAR
Sie liegen nun, wo Thomas vor ein
paar Wochen lag. Thomas ist tot,
Sie nur halb am Leben.

Amun Safar steht auf, schließt die halb offenen Jalousien,


so dass nur die Nachtlichter den Raum spärlich beleuchten,
würdigt Werner Schmidt keines Blickes, der eingeschüchtert
zu sein scheint.

Amun Safar holt eine goldene Taschenuhr aus seiner


Hosentasche, setzt sich zu ihr und läßt den Deckel der
Taschenuhr hochflippen, ein leises Ticken ist zu hören.

AMUN SAFAR
Was Sie hören ist das Ticken
meiner Uhr. Meine Mutter hat sie
mir an ihrem Sterbebett geschenkt.
Ich wollte noch soviel von ihr
wissen...

Amun Safar bricht kurz ab, muss kurz schlucken.

AMUN SAFAR
...ich wollte noch vieles von ihr
wissen, doch alles was Sie für
mich hatte, war diese Uhr.

Großaufnahme von Samanthas Gesicht, unter der Augenbinde


bewegen sich ihre Augäpfel.

Großaufnahme von Amun Safars Gesicht, dessen falkenhafte


Gesichtszüge sich verdüstern.

AMUN SAFAR
Ihre Seele hat Schrecken erfahren,
doch der wahre Schrecken ist der
graue Alltag. Dieses Ticken wird
mich nun zeitlebens begleiten. Was
begleitet Sie?
72.

129 AUTOFIT WERKSTATTGELÄNDE, AUSSEN, TAG 129

Ein Sondereinsatzkommandoteam stürmt das in helles


Sonnenlicht getauchte Werkstattgelände.

130 AUTOFIT WERKSTATTBÜRO, INNEN, TAG 130

SEK-Beamte brechen die Tür zum mit Rollos abgedunkelten


Werkstattbüro auf, das verlassen ist und stürmen es.

Werner Schmidt, der mit schusssicherer Weste vor Rolfs


Bürotisch steht, startet dessen Laptop, während im
Hintergrund Beamte mit einem Bolzenschneider die Tür zur
Werkstatt aufbrechen.

131 AUTOFIT WERKSTATTGELÄNDE, AUSSEN, TAG 131

Werner Schmidt gesellt sich zu Kommissar Spitz, der mit


verschränkten Armen neben der aufgebrochenen Eingangstür
steht.

KOMMISSAR SPITZ
Der Vogel ist ausgeflogen, oder?

Werner Schmidt, der wegen der ihm ins Gesicht strahlenden


Sonne blinzelt, nickt, während er gedankenverloren ins
Leere starrt.

KOMMISSAR SPITZ
Wenn es stimmt, was der Guru
erzählt hat, ist Thomas völlig
umsonst gestorben.

WERNER SCHMIDT
Seine Zeit war abgelaufen, Walter.
Und unsere wird es auch irgendwann
sein.
73.

132 POLIZEIREVIER BÜRO, INNEN, TAG 132

Werner Schmidt sitzt allein in seinem und Kommissar Spitzs


Büro, an dessen Jalousien das Sonnenlicht anklopft, an
seinem Schreibtisch und tippt etwas in seinen Computer.

Ein bebrillter, hagerer POLIZIST reißt die Tür auf und


stürmt hinein.

POLIZIST
Chef, kommen Sie, das müssen Sie
sich ansehen!

Werner Schmidt steht langsam widerstrebend auf, zieht sich


eine karierte Sakkojacke über.

WERNER SCHMIDT (leicht schmunzelnd)


Was denn? Ist aus Andreas
Geburtstagstorte eine Stripperin
gesprungen?

133 POLIZEIREVIER KANTINE, INNEN, TAG 133

Die Kantine ist mit Girlanden geschmückt, in einer Ecke


steht ein Wagen mit einer mehrstöckigen Geburtstagstorte,
in die mit Gelatine "Happy Birthday, Andreas!" gesprüht
ist, Partytröten und Luftschlangen sind auf den Tischen
verteilt.

Eine Runde Polizisten hat sich im abgedunkelten Raum um


einen Laptop versammelt, dessen flackerndes Leuchten ihre
Gesichter erhellt, es herrscht angespanntes Schweigen.

Ein junger Polizist mit Hornbrille und blau-weiß


gestreiftem Hemd sitzt am Laptop, während alle anderen um
ihn leise murmelnd herumstehen.

Werner Schmidt stößt in die Menge, stellt sich neben


Kommissar Spitz, der düster dreinschaut, und starrt auf
den Bildschirm.
74.

Großaufnahme des Laptop-Bildschirms, auf dem eine E-Mail


angezeigt wird. Die Kamera fährt Zeile für Zeile der
Nachricht nach unten:

Hallo Rolf,

wie geht es dir mit deinem ‚HOBBY‘?

Mach die Werkstatt dicht und komm rüber nach Panama.


Dein neuer Personalausweis wartet hier!
Die Mädchen und ich, wir freuen uns auf dich!

Dein Seelenfreund

Unter der Nachricht ist ein Foto zu sehen, auf dem ein gut
aussehender Mann in einem Anzug zu sehen ist, der eine
Frau im linken Arm und ein junges Mädchen im rechten Arm
hält. Ein weißer Terrassentisch mit Plastikstühlen und ein
schwarzes Coupe stehen im Hintergrund.

KOMMISSAR SPITZ
Dieser gottverdammte Schweinehund!
Und jetzt wissen wir auch, wo wir
ihn finden können!

Werner Schmidt winkt müde ab, wendet sich von der Gruppe
ab. Er dreht sich nochmal zu Kommissar Spitz um.

WERNER SCHMIDT
Spar dir die Mühe, Walter. Dort
wirst du außer einer Leiche nichts
finden.

KOMMISSAR SPITZ (aufbrausend)


Hat dir das der Guru gesteckt,
ja?!
75.

134 PANAMA STRAND, AUSSEN, TAG 134

Kommissar Spitz ist von hinten vor einer Strandpromenade


mit weißem Sand, weißen Plastikliegestühlen und Palmen zur
rechten und azurblauem Wasser zur linken zu sehen, der
Himmel ist bewölkt. Er trägt ein blau-rotes Hawaiihemd und
beige Shorts, hält ein Fernglas in der rechten Hand.

Abspann.