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ERNST BEHLER

NIETZSCHES SPRACHTHEQRIE UND DER


AUSSAGECHARAKTER SEINER SCHRIFTEN

Wolfgang Müller-Lauter als Zeichen der Freundschaft und Dankbarkeit


für unsere langjährige Zusammenarbeit an den Nietzsche-Studien

Die erste Kenntnisnahme von Nietzsches Sprachtheorie und deren Bedeu-


tung für den kommunikativen Charakter seiner eigenen Schriften erfolgte zu
einem sehr frühen Zeitpunkt, bereits im Jahre 1890, als Nietzsches Stern als
Autor gerade aufzugehen begann, aber noch lange bevor die große Nietzschere-
zeption zu Anfang unseres Jahrhunderts einsetzte. Damals bemerkte der öster-
reichische Schriftsteller Fritz Mauthner, selbst ein bedeutender Sprachtheoreti-
ker, daß Nietzsches Philosophieren einen unmittelbaren sprachphilosophischen
Ansatz hatte. Mauthner führt dies mit dem Gedanken aus, daß, wenn Nietzsche,
zum Beispiel in Zur Genealogie der Moral> „die Begriffe ,gutc und ,böse' in ihrer
alten Bedeutung nicht mehr gelten läßt," er hauptsächlich Sprachphilosophie
treibt.1 Sprachtheorie und Erkenntniskritik bilden für Mauthner-eine Einheit,
insofern er die Sprache als Werkzeug der Erkenntnis auffaßt. Unter diesem
Gesichtspunkt ist es nicht verwunderlich, daß Nietzsche für ihn eine beträchtli-
che Entdeckung wurde und daß er Nietzsches sprachtheoretische Aussagen bis
in die Nachlaßschriften hinein verfolgte.2 Im Aphorismus 11 des ersten Bandes
von Menschliches, All^umenschliches fand er einen Text, von dem er sagte, daß er
„fast einen meiner Grundgedanken ausspricht" (S. 367). Es handelt sich dabei
um eine von Nietzsches grundsätzlichen Reflexionen über den Erkenntniswert

1
In einer Rezension des von Ola Hansson verfaßten Buches Friedrich Nietzsche. Seine Persönlichkeit
und sein System (1890): Fritz Mauthner, „Ola Hanssöns Schriften - I," Deutschland, Wochenschrift
für Kunst, Utteratur, Wissenschaft und sociales Leben Nr. 46 (16. August 1890), S. 753-755.
2
Kurz danach veröffentlichte Mauthner einen Aufsatz „Friedrich Nietzsche" in Die Nation. Wo-
chenschrift für Politik, Volkswissenschaft und Literatur \\ (1893/94), Nr. 39. In seinem sprachwissen-
schaftlichen Hauptwerk Beiträge ty einer Kritik der Sprache, 3 Bde., Stuttgart und Berlin 1901/02,
wird Nietzsche im ersten Band eine beachtliche Stelle eingeräumt. Seitenangaben zu diesem
Band nach der zweiten Auflage von 1906 direkt im Text. Mauthrfer erwähnt Nietzsche auch in
seinen Erinnerungen L Prager Jugendjahre (München 1918) und in einer Selbstdarstellung: Die Philo-
sophie in Selbstdarstellungen, Leipzig 1922,21924, Bd. 3, S. 123-145. Nietzsches Nachlaß wird von
ihm nach der wieder zurückgezogenen „Großoktav-Ausgabe" von Fritz Koegel zitiert. Zu dieser
Beziehung insgesamt siehe Elizabeth Bredeck, „Fritz Mauthners Nachlese zu Nietzsches
Sprachkritik", NietqcheJtudien 13 (1984), S. 587-599.
Nietzsches Sprachtheorie und der Aussagecharakter seiner Schriften 65
l
der Sprache und ihre Tauglichkeit für die Wissenschaft. Indem der Mensch, so
entwickelt Nietzsche diesen Gedanken, auf Grund einer langen Gewohnheit
seine sprachlichen Bezeichnungen der Dinge als „aetern^e veritates" nahm, ge-
langte er zu der Annahme, „wirklich in der Sprache die Erkenntnis der Welt zu
haben" und „das höchste Wissen über die Dinge" in seinen Worten zu besitzen.
Allmählich „dämmert" es aber den Menschen, so fährt Nietzsche fort, „daß sie
einen ungeheuren Irrthum in ihrem Glauben an die Sprache propagiert haben".
Dies erfolgt jedoch „glücklicherweise" zu spät, wie Nietzsche in einem ironi-
schen Nachgedanken vermerkt. Denn nun lassen sich die Entwicklungen der
Vernunft, der Logik und der Mathematik nicht mehr rückgängig machen, die aus
dem Glauben an die Kraft der Sprache hervorgegangen sind (KSA 2, S. 30 f.).
Für Mauthner hat Nietzsche in diesem Aphorismus seinen sprachkritischen
Ansatz „wieder einmal nicht zu Ende gedacht" (S. 367). Anstatt die Kritik am
wissenschaftlichen Wert der Sprache bis in ihre letzten Konsequenzen zu verfol-
gen, hat er nur einen neuen „Wortfetischismus" aufgestellt, vor allem, wenn es
um seine eigenen Gedanken geht: „Sein Mißtrauen gegen die Sprache ist unbe-
grenzt; aber nur solange es nicht seine Sprache ist" (S. 366). Weil er sich „von
seiner eigenen Dichtersprache zu sehr verlocken ließ", hat er es zu keiner wirkli-
chen „Sprachkritik" gebracht. Dasselbe zeigt sich nach Mauthner in Nietzsches
Kritik der Moral. Nachdem er die Bezeichnungen für gut und böse der alten
„Moraltrompeter" umgeworfen hatte, stellte er neue auf und wurde damit ein
„Unmoraltrompeter", also doch „Moralist" (S. 369). Mauthner kommt dabei im-
mer wieder zu der Einsicht, „wie nahe Nietzsche der Forderung einer Sprachkri-
tik stand", wie ihn aber gleichzeitig „sein Übermenschentum wieder von der
sprachkritischen Resignation entfernte" (S. 371).
Die Richtigkeit von Mauthners Kritik an Nietzsche soll hier nicht untersucht
werden, wo er hauptsächlich herangezogen wird, um auf die sehr frühe Kennt-
nisnahme von Nietzsches sprachkritischem Denken aufmerksam zu machen. Es
scheint aber, daß Mauthner mit seinen kritischen Bemerkungen über Nietzsches
„Wortaberglauben" (S. 369) etwas zum Ausdruck bringt, das in der vorliegenden
Untersuchung auf positivere Weise als der rhetorische Aussagecharakter von
Nietzsches Schriften gesehen wird und keineswegs in einem Gegensatz oder
Widerspruch zu seiner Sprachkritik steht, sondern unmittelbar und konsequent
aus dieser hervorgeht. Nach diesem kurzen Aufblitzen bei Mauthner trat das
Thema der Sprache in der Beschäftigung mit Nietzsche fast völlig zurück. Wenn
es darum ging, den Aussagecharakter, den Mitteilungswert und die Kommunika-
tionsbedeutung seiner Schriften, vor allem im Hinblick auf ihre inneren Wider-
sprüche, zu bestimmen, bediente man sich nicht sprach theoretischer, sondern
erkenntnistheoretischer, epistemologischer Modelle, vor allem der von Nietzsche
selbst entwickelten Theorie des Perspektivismus, eines ständigen Standort- und
Perspektivenwechsels. Karl Jaspers, der diesen kognitiven Perspektivismus Nietz-
66 Ernst Hehler

schcs wohl am eindringlichsten untersucht hat, spricht von einer „Totaldialek-


tik", die Nietzsches Schriften durchpulst, die jede in sich abgeschlossene Form
der Ratdonalität in den Prozeß einer unendlichen Reflexion, eines ständigen In-
Frage-Stellens aufnimmt und jede noch so apodiktische Feststellung durch neue
Möglichkeiten wieder in Zweifel zieht.3
Im Unterschied zu diesem Verständnis Nietzsches, das in der ersten Hälfte
unseres Jahrhunderts vorherrschend war, hat sich in unserer Zeit das Interesse
ganz entschieden seiner Sprachtheorie wieder zugewandt.4 Erkenntniskritische
und erkenntnistheoretische Hypothesen sind durch sprachtheoretische Untersu-
chungen ergänzt worden. Sprachkritische Überlegungen werden herangezogen,
um die Vieldeutigkeit von Nietzsches Aussagen zu erklären. Von entscheiden-
dem Einfluß war dabei die Entdeckung, welch große Bedeutung die Rhetorik
für die Ausübung von Nietzsches philosophischem Diskurs hatte. Der entschei-
dende Anstoß dazu kam zweifellos von Philippe Lacoue-Labarthe und Jean-Luc
Nancy, die sich auf die frühen Rhetorik-Vorlesungen Nietzsches und die sich
damit verbindenden sprachphilosophischen Reflexionen konzentrierten.5 Dieser
neue Ansatz der Nietzsche-Forschung, der durch die von Paul de Man vollzo-
gene Zuwendung zu den Tropen und rhetorischen Figuren in Nietzsches Text
energisch fortgesetzt wurde,6 hat inzwischen solch vielfältigen Ausdruck gefun-
den, daß sich die Resultate nur noch schwer überblicken lassen. Sie zeigen sich
in Einzeluntersuchungen über Nietzsches sprachtheoretisches Denken und sei-
nen Stil,7 Quellenforschungen zu seinen Vorlesungen über Rhetorik,8 Überset-

3
Karl Jaspers, Nietzsche. Einführung in das Verständnis seines Philosophieren*, Berlin 31950. Ebenfalls
Walter Kaufmann, „Nietzsche's Method", in Walter Kaufmann, Nietzsche. Pbilosopher, Psychologist,
Antichrist, 4. Aufl. Princeton 1974, S. 72^-96. Dt, Übers, von Jörg Salaquarda, Darmstadt 1982,
S. 84-112.
4
In den Nietzsche-Studien zeichnet sich diese Hinwendung bereits im ersten Band mit den Beiträ-
gen von Josef Simon, „Grammatik und Wahrheit" und Karl Schlechta, „Nietzsche über den
Glauben an die Grammatik" ab: Nietzsche-Studien l (1972). S. 1-26 und 353-358.
5
Philippe Lacoue-Labarthe und Jean-Luc Nancy, „Friedrich Nietzsche. Rhetoriqüe et langage.
Textes traduits, presentes et annotes," Poetique 5 (1971), S. 99-142; Philippe Lacoue-Labarthe,
„Le detour (Nietzsche et la rhetorique)," Poetique 5 (1.971), S. 53-76.
6
Paul de Man, „Nietzsche's Theory of Rhetoric," Symposium: A Quarterly Journal in Modern Foreign
Literatures (1974), 33-51; und Paul de Man, „Rhetoric of Tropes (Nietzsche)," in: Paul de Man,
Allegories of Reading. Figural Language in Rousseau, Nietzsche, Rilke, and Proust, New Haven
1979.
7
Martin Stingelin, „Nietzsches Wortspiel als Reflexion auf poet(olog)isches Verfahren", Niet^sche-
Studien 17 (1988), 336-349; Hans-Martin Gauger, „Nietzsches Stil am Beispiel ,Ecce homo',"
Nietzsche Studien 13 (1984), S. 332-355 (jetzt in Hans-Martin Gauger, Der Autor und sein Stil. Zwölf
Essays, Stuttgart 1989, S. 81-110).
8
Anthonie Meijers und Martin Stingelin, „Konkordanz zu den wörtlichen Abschriften und Über-
nahmen von Beispielen und Zitaten aus Gustav Gerber: Die Sprache als Kunst (Bromberg 1871)
in Nietzsches Rhetorik-Vorlesung und in ,Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne',
Niei^sche-Studien 17 (1988), S. 350-368; Anthonie Meijers, „Gustav Gerber und Friedrich Nietz-
sche. Zum historischen Hintergrund der spraehphilosophischen Auffassungen des frühen Nietz-
sche," Nietzsche-Studien 17 (1988), S. 369-390. Glenn Most und Thomas Fries, „Die Quellen von
Nietzsches Sprachtheorie und der Aussagecharakter seiner Schriften 67
li
Zungen seiner diesbezüglichen Schriften,9 Tagungen,10 Sonderausgaben von
Zeitschriften11 und vor allem in dem Erscheinen der kritischen Edition seiner
Basler Vorlesungen über das klassische Altertum innerhalb der Colli-Montinari
Ausgabe.12 Hier soll versucht werden, auf der Grundlage dieser vielfältigen Ar-
beiten Nietzsches Sprachtheorie im Zusammenhang herauszuarbeiten und im
Anschluß daran eine Antwort auf die Frage zu geben, welche Konsequenzen
diese Sprachtheorie für Nietzsches Stil, den Mitteilungswert seiner Texte, den
Aussagecharakter seiner Schriften hat.

Es scheint von Wichtigkeit für die Gedankenwelt Nietzsches zu sein, daß


mit ihr von Anfang an sprachtheoretische und sprachkritische Überlegungen
vorhanden gewesen sind. Dabei sind vor allem seine frühen Schriften, nicht nur
Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Mujik von 1872, sondern ebenfalls die
diesem Text vorausliegenden Vorlesungen über lateinische Grammatik von 1869/70
und die ihm nachfolgenden Vorlesungen über die Darstellung der antiken Rhetorik
von 1872/73 von Wichtigkeit, wie auch zahlreiche unveröffentlichte Fragmente
aus dieser Zeit und schließlich die kleine Schrift Über Wahrheit und Lüge im äußer-
moralischen Sinne von 1873. In dieser kurzen Zeitspanne von 1869 bis 1873, von
gerade vier Jahren, durchläuft Nietzsche, was das Thema der menschlichen Spra-
che anbetrifft, die wichtigsten Systeme der neueren deutschen Philosophie, die
von Kant, Herder, Schelling, Schopenhauer und Eduard von Hartmann, um nur
die wichtigsten beim Namen ihrer Autoren zu nennen. Der Denkprozeß, der
hier zum Ausdruck kommt, läßt sich als unablässige Selbstkritik sprachphiloso-
phischen Denkens, als Versuch zur Überwindung aller metaphysischen Bindun-
gen beim Verständnis der Sprache bezeichnen. Als Resultat dieses Denkprozes-

Nietzsches Rhetorik-Vorlesungen", Centauren-Geburten. Wissenschaft, Kunst und Philosophie


beim jungen Nietzsche. Herausgegeben von Tilman Borsche, Federico Gerratana (f), Aldo
Venturelli, Berlin 1994, S. 17-46; James I. Porter, „Nietzsche's Rhetoric: Theory and Strategy,"
Pbihsophy and Rhetoric 27 (1994), S. 218-244; Ernst Behler, „Nietzsche's Study of Greek Rheto-
ric," Research In Phenomenology 25 (1995), S. 3-26.
9
Siehe Anmerkung 5 und Friedrich Nietzsche on Rhetoric and Language. Herausgegeben und übersetzt
von Sander L. Gilman, Carole Blair and David J. Parent, Oxford 1989. Siehe hierzu Anton Bierl
und William Calder III, „Friedrich Nietzsche: Abriß der Geschichte der Beredsamkeit. - A
New Edition, J^iet^sche-Studien 21 (1992), S. 363-389.
10
Nietzsche oder JDie Sprache ist Rhetorik^ herausgegeben von Josef Kopperschmidt und Helmut
Schanze München 1994.
11
Philosophy and Rhetoric 27/3, 1994: Sonderheft: Nietzsche and Rhetoric; The Personalist Forum 10/2,
1994, Sonderheft: Vif o and Nietzsche (mit Konzentration auf die Sprachtheorie und Rhetorik).
12
Vor allem die Bände II/2 mit den Vorlesungen über lateinische Grammatik (Berlin 1993) und
II/4 mit den Vorlesungen über Rhetorik (Berlin 1995).
68 Ernst Behler

ses ergibt sich die These des Menschlichen, Allzumenschlichen, mit der Nietz-
sches Zurückweisung der Metaphysik auf kompakte Weise zum Ausdruck
kommt
Im Verlauf dieses Prozesses greift Nietzsche traditionelle Modelle zur Erklä-
rung der Sprache wie Instinkt und Übereinkunft auf und läßt diese wieder fallen.
Das Besondere seines sprachtheoretischen Denkens besteht aber nicht so sehr
in diesen einzelnen Positionen, sondern in einer durchgängigen Fundamentake-
flexion über die Sprache, bei der das Problem des Ausdrucks und der Mitteilung
auf grundsätzliche Weise in Frage gestellt wird. Um gedankliche Ordnung in
diese Sprachreflexionen des frühen Nietzsche zu bringen, sollen sie hier in ihrer
Entwicklung nach den hauptsächlichen Texten dargestellt werden, wobei aber
in der Erinnerung behalten werden muß, daß es sich dabei um einen Zeitraum
von nur vier Jahren handelt. Die erste Phase besteht in den Vorlesungen über
lateinische Grammatik aus dem WS 1869/70; die zweite in der Schrift Die Geburt
der Tragödie aus dem Geiste der Musik von 1872; die dritte in den Vorlesungen über
Rhetorik aus dem WS 1872/73; und die vierte schließlich in der zusammenfassen-
den Darstellung der frühen Sprachtheorie Nietzsches in der Schrift Über Wahrheit
und Lüge im außermoralischen Sinne von 1873. Es scheint, als hätte Nietzsche die
Sprachtheorie als die grundlegendste Aufgabe philosophischen Nachdenkens an
den Anfang seiner gedanklichen Tätigkeit gestellt. Das Thema der Sprache wird
nie wieder aus seinen Texten verschwinden, hat aber nie wieder die grundsätzli-
che Bedeutung erlangt, die es in diesen frühen Texten von 1869 bis 1873 besitzt
1. Vorlesungen über die lateinische Grammatik aus dem WS 1869/70.13 Die erste
Äußerung Nietzsches über die Sprache besteht in einem mehrseitigen Fragment
mit dem Titel Vom Ursprung der Sprache von 1869, das in früheren Ausgaben,
z. B. der Musarion-Ausgabe, gesondert ediert wurde, nun aber in seine Vorlesun-
gen über lateinische Grammatik eingegliedert ist.14 Dieser frühe Text zeigt unter
anderem, wie genau Nietzsche sich mit den verschiedenen Theorien über den
Ursprung der Sprache vertraut gemacht hat. Was bei dieser Frage nach dem
Ursprung der Sprache nach Nietzsche am leichtesten zu bestimmen istj besteht
darin, „wie 'der Ursprung der Sprache nicht zu denken ist" (II/2, S. 185). Sie ist
»weder das bewußte Werk einzelner noch einer Mehrheit^ weil nämlich jedes bewußte
Denken erst mit Hilfe der Sprache möglich ist. Sprache und Bewußtsein sind
koexistent Eine im Bewußtsein bestehende sprachfreie Zone gibt es nicht. Die

13
Siehe hierzu meine ausführlichere Darstellung dieser Thematik in „Die Sprachtheorie des frühen
Nietzsche," Kentauren-Geburten'. Wissenschaft und Kunst beim frühen Niet%sche> hg. von Tilman Bor-
sche, Federico Garretana (f), Aldo VentureUi (MTNF 27, Berlin 1994), S. 99-111.
14
Friedrich Nietzsche, Vorlesungsaufigichnungen (SS 1869--WS 1869/70), hg. von Fritz Bornmann
und Mario Capitella (Nietzsches Werke. Kritische Gesamtausgabe, Begründet von Giorgjo Colli und
Mazzino Montinari. Zweite Abteilung. Zweiter Band, Berlin 1993), S. 185^310. Im folgenden
II/2 mit Seitenangaben im Text.
Nietzsches Sprachtheorie und der Aussagecharakter seiner Schriften 69

Annahme einer Entwicklung der menschlichen Sprache aus der tierischen Laut-
sprache hilft auch nicht, da in dem „wunderbaren tiefsinnigen Organismus"
der menschlichen Sprache bereits die „tiefsten philosophischen Erkenntnisse"
vorbereitet liegen. Nietzsche verweist auf Kant, der gesagt hat: „ein großer Teil,
vielleicht der größte Teil von dem Geschäfte der Vernunft besteht in Zergliede-
rungen der Begriffe, die er schon in sich vorfindet" (S. 185). Die Rätselhaftigkeit
der Sprache und die Tatsache, daß ihre „Entstehung aus der Natur der Dinge
nicht zu erweisen" ist, zeigt sich für Nietzsche auch in der Geschichte der
Sprachtheorien bei Indern, Griechen, bis auf die neueste Zeit. Schon die Grie-
chen stellten sich die Frage, ob die Sprache durch willkürlichen Vertrag ( )
oder durch die Natur ( ) entstanden sei. Diese alten Positionen werden in
der Neuzeit nur wiederholt. Eine andere Frage besteht darin, „ob die Sprache
bloß durch menschliche Geisteskraft habe entstehen können, oder ob sie eine
unmittelbare Gabe Gottes sei" (II/2, S. 186). Das Alte Testament ist die einzige
Religionsurkunde, die Auskunft über den Ursprung der Sprache gibt. Hier reden
Gott und Mensch dieselbe Sprache, z. B. bei der Namensgebung der Tiere. Dies
setzt aber „eine Sprache vor der Sprache" bereits voraus. Und über diesen Ur-
sprung der Sprache schweigen die Völker: „Sie können sich Welt, Götter und
Menschen nicht ohne dieselbe denken" (II/2, S. 187).
An dieser Frage scheitern auch die modernen Sprachtheorien. Für Rousseau
war es unmöglich „daß Sprachen durch rein menschliches Mittel entstehen"
konnten, wogegen De Brosses an der „rein menschlichen Entstehung" festhält.
Die Berliner Akademie der Wissenschaften stellte ungefähr hundert Jahre vor
Nietzsches Vorlesungen eine Preisfrage über den Ursprung der Sprache, bei der
Herder den Preis erhielt. Von Herder stammt die wichtige Erkenntnis, daß der
Mensch „zur Sprache geboren" ist, die sich in der eindrucksvollen Feststellung
bekundet: „So ist die Genesis der Sprache ein so inneres Drängnis, wie der
Drang des Embryo's zur Geburt beim Moment seiner Reife." Aber auch Herder
hält wie seine Vorgänger an einer Entstehung der Sprache aus tierischen Lauten
fest (ebd.).
Erst mit Kant bahnte sich eine neue Ansicht an. Nietzsche bezieht sich
dabei auf Kants Kritik der Urteilskraft, in welcher der Gedanke einer „Teleologie
der Natur", einer inneren Zweckmäßigkeit in den Hervorbringungen der Natur
entwickelt ist - eine Zweckmäßigkeit, die ohne planendes oder wissendes Be-
wußtsein tätig ist und sich im Nesterbauen der Vögel, den Bahnen der Gestirne
oder den Formationen der Kristalle äußert. Wie Nietzsche es formuliert, hob
Kant die „wunderbare Antinomie" hervor, „daß etwas zweckmäßig sei ohne
Bewußtsein". Nietzsche kommentiert: „Dies das Wesen des Instinktes" ( /2,
S. 188). Er betrachtet dann die Sprache als ein „Erzeugnis des Instinktes" des
Menschen, als instinktive Leistung unserer Gattung wie das Bauen von Waben
bei den Bienen oder von Staaten bei den Ameisen. Die Sprache ist dem Men-
70 Ernst Behlcr

sehen von der Natur auf instinktive, unbewußte, nicht intendierte, aber dennoch
höchst zweckmäßige Weise beigegeben. Alle Ursprungshypothesen können da-
mit entfallen, da ja die Sprache nach dieser Ansicht mit dem Menschen koexi-
stent ist (II/2, S. 186). Zum Abschluß seiner kurzen Darlegung über den In-
stinktcharakter der Sprache bestätigt Nietzsche seinen Gedanken mit einem Zi-
tat aus Schelling, der in der Einleitung in die Philosophie der Mythologie geschrieben
hatte:
Da sich ohne Sprache nicht nur kein philosophisches, sondern überhaupt kein
menschliches Bewußtsein denken läßt, so konnte der Grund der Sprache nicht
mit Bewußtsein gelegt werden; und dennoch, je tiefer wir in sie eindringen,
desto bestimmter entdeckt sich, daß ihre Tiefe die des bewußtvollsten Erzeug-
nisses noch bei weitem übertrifft. Es ist mit der Sprache, wie mit den organi-
schen Wesen; wir glauben diese blindlings entstehen zu sehen und können die
unergründliche Absichtlichkeit ihrer Bildung bis ins Einzelnste nicht in Abrede
ziehen (S. 188).15
Als wichtigstes Resultat dieser frühen Beschäftigung mit der Sprache ver-
dient festgehalten zu werden, daß Nietzsche die Sprache als Instinkt, als eine
dem Menschen im Unterschied zu allen anderen Lebewesen beigegebene Aus-
stattung zur Lebenserhaltung verstanden hat. An dieser grundsätzlichen Ein-
schätzung der Sprache wird sich in seinen späteren Äußerungen zu diesem Phä-
nomen wenig ändern, selbst wenn die Bezeichnung Instinkt zurücktritt und
durch andere wie künstlerischer Trieb, Atavismus usw. ersetzt wird. Jedoch ver-
binden sich mit der Bezeichnung Instinkt zwei grundsätzlich verschiedene Be-
wertungen des Aussagecharakters und Mitteilungswertes der Sprache. Der In-
stinkt kann einmal als eine Fähigkeit verstanden werden, die tiefer in das Wesen
der Dinge blickt als dies die Vernunft vermag und die auf ihrer höchsten Stufe
als das unbewußte Schaffen der Kunst erscheint. Dies wird Nietzsches Position
zur Zeit der Niederschrift von Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik
sein. Andererseits kann der Instinkt als eine begrenzende, uns an die Naturform
des Menschen bindende Kraft verstanden werden, die uns keine darüber hinaus-
gehende Ansicht erlaubt. Diese Stellungnahme tritt in den folgenden Schriften
zunehmend hervor. Der vielleicht überraschendste Effekt dieser frühen Äuße-
rung über die Sprache aus den Vorlesungen über die lateinische Grammatik besteht
sicher darin, daß Nietzsche über das Rätsel der Sprache sagt: „Die richtige Er-
kenntnis ist erst seit Kant geläufig" und sich dabei auf die „Teleologie der Natur"
aus der Kritik der Urteilskraft bezieht, d. h. auf die „wunderbare Antinomie" -
„daß etwas zweckmäßig sei ohne ein Bewußtsein" (II/2, S. 188). Der unmittel-
bare Anlaß für diesen Theorieentwurf hat zweifellos in Nietzsches Vorarbeiten
für seine geplante Dissertation über Kant bestanden, die sich tatsächlich auf

15
Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Sämtliche Werke, hg. von Karl Friedrich August Schelling,
Stuttgart 1856-1861,-Bd. (Zweite Abteilung, Bd. 2) 1857, S. 52.
Nietzsches Sprachtheorie und der Aussagecharakter seiner Schriften 71

den Gedanken der „Teleologie" und einer „inneren Zweckmäßigkeit" konzen-


trieren.16 i
2. Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, 1872. In dieser Schrift
akzentuiert Nietzsche den künsderischen Charakter der Sprache, was sich eben-
falls mit Kant verbinden läßt, insofern Kant die ideologische Konzeption, „daß
etwas zweckmäßig sei ohne Bewußtsein", nicht nur auf die Natur, sondern eben-
falls auf die Kunst bezogen hatte. In den Fragmenten aus der Zeit der Entste-
hung dieser Schrift sieht Nietzsche die Musik als eine Kunst an, „in der das
Walten des Instinktes übergewaltig ist" (KSA 7, 2[14]). Mit der Musik erhebt
sich für den frühen Nietzsche der Gipfelpunkt des künstlerischen Ausdrucks,
eine Sprache über der Sprache, eine Sprache, die einer viel mächtigeren Verdeut-
lichung fähig ist als Wort- und Schriftsprache (KSA 7, 2[10]). Der Musik gelingt
etwas, das der normalen Sprache des Menschen nie gelingen wird, nämlich un-
mittelbarer Ausdruck des Absoluten zu sein. Die Sprachtheorie, die der Schrift
Die Geburt der Tragödie zugrundeliegt, spricht der Sprache einen absoluten meta-
physischen Repräsentationswert oder eine absolute Repräsentationsfähigkeit zu,
insofern die Sprache es vermag, den letzten Grund der Dinge, das „Ur-Eine",
auf direkte Weise zum Ausdruck zu bringen. Das geschieht freilich nicht in der
gewöhnlichen Sprache des Menschen, sondern in der Musik. In der Sektion 16
dieses Textes zitiert Nietzsche die berühmte Stelle aus Schopenhauer, nach der
die Musik sich dadurch von allen anderen Künsten unterscheidet, daß sie nicht
„Abbild der Erscheinung, sondern unmittelbar Abbild des Willens selbst sei und
also zu allem Physischen der Welt das Metaphysische, zu aller Erscheinung das
Ding an sich darstelle" (KSA l, S. 104). Hier erfolgt durch Nietzsche eine My-
thisierung der Musik als SuperSprache, noch über und vor der Poesie.
Wenn man jedoch die unveröffentlichten Fragmente aus dem Umkreis der
Geburt der Tragödie in Betracht zieht, dann zeigt sich, daß diese absolute Repräsen-
tationsfunktion der Sprache in der Musik zu wanken und sich aufzulösen beginnt
und jene nicht-repräsentative, rhetorische Konzeption der Sprache vorherr-
schend wird, die in Über Wahrheit und Lüge ihren vollständigen Ausdruck^findet.
Auf dieses Scheitern der absoluten Sprachkonzeption des frühen Nietzsche soll
hier kurz eingegangen werden, weil es von Wichtigkeit zu sein scheint, daß
dieser Zusammenbruch nicht erst mit dem Studium der Rhetorik erfolgte, son-
dern bereits im Kontext der Geburt der Tragödie ursprünglich angelegt ist. In der
Schrift Die Geburt der Tragödie treten die Schwierigkeiten, den Übergang vom Ur-
Einen in die Sphäre der Repräsentation - also der Kunst, Musik und damit
Sprache — zu erklären, nicht in Erscheinung, weil Nietzsche diese Schwierigkei-

16
Siehe Friedrich Nietzsche, „Zur Teleologie," in: Friedrich Niet2sche, Historisch-Kritische Gtsamt-
ausgabe. Werke (nach fünf Bänden abgebrochen), hg. von Hans-Joachim Mette, München 1933-
1940 (Fotomechanischer Nachdruck, München 1994), Bd. 3, S. 371-394.
72 Ernst Bchlcr

ten schriftsteDerisch überspielt bzw. mit Schopenhauerzitaten zudeckt. In den


unveröffentlichten Fragmenten zeigt sich dagegen mit aller Deutlichkeit, daß er
sich der grundlegenden Schwierigkeit, den Übergang vom Sein in die Sprache,
vom Ureinen in die Repräsentation zu erklären, voll bewußt gewesen ist und
in selbstkritischer Arbeit seine versuchten Lösungen als bloße metaphysische
Konstruktionen erkannte und diese dann konsequent zugunsten der Einsicht
fallen ließ, daß alles Sprache ist und es darüber hinaus keine privilegierte Sprache
gibt, die Zugang zum Sein als solchen hat.
Besonders aufschlußreich ist hier ein langes Fragment vom Frühjahr 1871
Über das Verhältnis von Sprache und Musik, in dem Nietzsche sich seiner eigenen
Axiomatik bewußt wird. Nach dieser Sprachtheorie ergibt sich nämlich eine
bestimmte Hierarchie unter den Spracharten, die sich danach richtet, wie natür-
lich, wie instinktiv, wie unbewußt diese sind. Die Schriftsprache ist hiernach
künstlich und tot. Die Wortsprache ist tönend, hat Intervalle, Rhythmen, Tempi.
Aber die größte Masse des Gefühls kann sie nicht in Worte fassen, denn jedes
Wort „deutet eben nur hin" - es ist in Nietzsches Sprache „die Oberfläche der
bewegten See, während sie in der Tiefe stürmt (KSA 7, 2[10]). Hier beginnt der
Bereich der Musik als Sphäre absoluten Ausdrucks. Nietzsche weist wiederholt
auf die „unendlich mangelhafte Symbolik" der Sprache im Vergleich mit der
Musik hin (KSA 7, 3[l 5] und bezeichnet es als ein „unnatürliches, ja unmögli-
ches Unterfangen", „Musik zu einem Gedichte zu machen, d. h. ein Gedicht
durch Musik illustrieren zu wollen, wohl gar mit der ausgesprochenen Absicht,
die begrifflichen Vorstellungen des Gedichtes durch die Musik zu symbolisieren
und damit der Musik zu einer Begriffssprache zu verhelfen" (KSA 7, 7[l 27],
S. 185).
Das gefade erwähnte lange Fragment Über das Verhältnis von Sprache und Musik
ist hier besonders aufschlußreich, indem es zeigt, in welch bedenkliche Positio-
nen Nietzsche getrieben wird, um seine Theorie zu behaupten. Er stellt fest,
daß „an der ewigen Bedeutsamkeit der Musik gemessen", die Sprache lediglich
ein „Gleichnis" ist und ebenso wie die Mimik zur „Gebärdensymbolik des Men-
schen" gehört und unter die Kategorie einer „leiblichen Symbolik" fallt. Die
Musik ist demgegenüber die „allgemeine, bilderlose Sprache des Herzens"
(KSA 7, 12[1], S. 359). En Gedicht durch Musik darstellen zu wollen und eine
begriffliche Sprache an die Stelle der Musik zu stellen, ist demnach absurd. Auf
dem Höhepunkt der Musik, 2. B, in Beethovens letzten Quartetten, die „jede
Anschaulichkeit", überhaupt das gesammte Reich der empirischen Realität völlig
beschämen", erscheint „Angesichts des höchsten, wirklich sich offenbarenden
Gottes" sogar das Symbol „als eine beleidigende Äußerlichkeit" (KSA 7, S. 366).
Wenn sich ein Übergang von der Musik in das Wort herstellt, wie £um Beispiel
im Lied, der lyrischen Poesie der Alten oder im letzten Satz von Beethovens
Neunter Sytnphonie^ ist das Ziel nicht eine adäquate Entsprechung von Ton und
Nietzsches Sprachtheorie und der Aussagecharakter seiner Schriften 73
i l

Wort, „sondern eine aus ganz ändern Sphären kommende Musikerregung wählt
sich jenen Liedertext als einen gleichnisartigen Ausdruck ihrer selbst" (KSA 7,
S. 366). Um diese Annahme zu beweisen, wagt Nietzsche die Feststellung, daß
das Verständnis des Textes bei der Vokalmusik unerheblich sei. Schillers „An die
Freude" ist dem ^dithyrambischen Welterlösungsjubel" von Beethovens Musik
„gänzlich incongruent". Das Gedicht wirkt „wie ein blasses Mondlicht", das
„von jenem Flammenmeere überflutet wird" (ebd.). Die Dichtungen der „gro-
ßen antiken Lyriker" konnten unmöglich „der umherstehenden lauschenden
Volksmenge mit ihrer Bilder- und Gedankenwelt" deutlich werden (KSA 7,
S. 368 f.). Ebenso unbekümmert um das Wort singt das Volk das Volkslied für
sich (KSA 7, S. 369). Als Nietzsche bei der Entwicklung dieses Gedankens von
der absoluten Überlegenheit des Tons über das Wort schließlich zum Thema
der Oper kam, brach er diesen Gedankengang ab, ohne je wieder zu ihm zurück-
zukehren (KSA 7, S. 369). Er widerruft seine Argumentation nicht und widerlegt
sie auch nicht, sondern diese zerrinnt wie von selbst. Er muß sich auch der
Tatsache bewußt geworden sein, daß die Musik nach seiner Theorie ursprüngli-
cher, instinktiver, unbewußter, naturhafter als alle anderen Ausdrucksarten sein
müßte, in Wirklichkeit aber nur die kunstvollsten Ausdrucks formen der Musik
(Beethoven und Wagner) vor seinen kritischen Maßstäben Bestand haben.
Das volle Ausmaß von Nietzsches Reflexionen aus dieser Zeit, die vor allem
in dem Notizheft von „Sommer 1872-Anfang 1873" zum Ausdruck kommen,
läßt sich hier nicht wiedergeben.17 Das entscheidende Resultat besteht jedenfalls
in einer wachsenden Skepsis, der sich in dem Begriff des Anthropomorphismus
verdichtet, und nun die Philosophie wie die Kunst gleicherweise betrifft und
auch keine Form der Kunst, z. B. die Musik, mehr davon ausnimmt. In einem
dieser Fragmente sagt Nietzsche: „Der Proceß aller Religion und Philosophie
und Wissenschaft gegenüber der Welt: er beginnt mit den gröbsten Anthropo-
morphismen und hört nie auf sich verfeinern" (KSA 7, 19 [l 15]). Kurz danach
sagt er: „Der Mensch kennt die Welt in dem Grade, als er sich kennt: d. fi/ihre
Tiefe entschleiert sich ihm in dem Grade, als er über sich und seine Kompliziert-
heit erstaunt" (KSA 7, 19[118]. Von nun an wird in bezug auf das „Urwerden
der Dinge" auch „mit dem Wort ^Instinkt* nichts mehr erklärt. „Absolute Skep-
sis" ist das Resultat, denn wir „kennen nicht das wahre Wesen einer einzigen
Kausalität' (ebd.). Nietzsche sagt: „Zu erweisen ist weder die metaphysische, noch
die ethische, noch die ästhetische Bedeutung des Daseins" (KSA 7, 19[123]).
Wir nähern uns jenem Zustand „moralistischer Skepsis", den Nietzsche in der
riickblickenden Vorrede zum zweiten Band von Menschliches, All^umenschliches be-
schrieben hat (KSA 2, S. 370). In diesem Zustand, so führt Nietzsche dort aus,

17
Siehe hierzu meinen Aufsatz „Nietzsche's Study of Greek Rhetoric," Research in Phenomeno/ogy
25 (1995), S. 12-14.
74 Ernst Behler

glaubte er „bereits ,an gar nichts mehr*, wie das Volk sagt, auch an Schopenhauer
nicht", und er fugt hinzu: „eben in jener Zeit entstand ein geheim gehaltenes
Schriftstück ,über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne" (KSA2,
S. 370).
3. Die Vorlesungen über die Darstellung der antiken Rhetorik, WS 1872/73.
Diese Vorlesungen entsprechen in ihren der Sprachtheorie gewidmeten Sektio-
nen Nietzsches philosophischen Ansichten aus dieser Zeit. Insgesamt bringen
sie einen Überblick über die systematische Struktur der Rhetorik als einer Diszi-
plin, wie sie von den Griechen und Römern entwickelt worden war.18 Obwohl
Nietzsche sich auf alte Rhetoriker und Theoretiker dieser Disziplin wie Anaxi-
menes, Aristoteles, Quintilian und Cicero bezieht, besteht sein Ziel nicht darin,
die historische Entwicklung der Rhetorik bei den Alten zu zeigen. Dies geschieht
in einem kurzen Anhang an diese Vorlesungen, „Anhang. Abriß der Geschichte
der Beredsamkeit" (II/4, S. 503-520) und in den Notizen für eine andere Vorle-
sungsreihe Geschichte der griechischen Beredsamkeit, die für das Sommersemester
1974 geplant war, aber nicht zustandekam. In bezug auf die Reihenfolge dieser
beiden Vorlesungsreihen hat in der Nietzsche-Forschung einige Verwirrung be-
standen, insofern der erste Herausgeber dieser Texte in der Oktav-Ausgabe,
Otto Crusius, die Vorlesungsreihe Geschichte der griechischen Beredsamkeit vor die
Darstellung der antiken Rhetorik einreihte, woraus sich dann die falsche Folgerung
ergab, daß die Geschichte der griechischen Beredsamkeit im Wintersemester 1872/73
tatsächlich gehalten wurdej die Darstellung der antiken Rhetorik aber nicht zustan-
dekam.19 Aus inneren wie äußeren Kriterien geht aber unzweifelhaft hervor, daß
die Darstellung der antiken Rhetonk im Wintersemester 1872/73 gehalten wurde,
die Geschichte der griechischen Beredsamkeit dagegen im Sommersemester 1874 wegen
mangelnder Beteiligung der Studenten ausfallen mußte. Es ist deshalb bedauer-
lich, daß die Herausgeber dieser Vorlesungstexte innerhalb der Colli-Montinari
Ausgabe den Fehler von Crusius wiederholten und diese Vorlesungen nun wie-
der in der falschen Reihenfolge und mit falschen Daten ediert sind ( /4, S. 363,
413).
Die Vorlesung über die Darstellung der antiken Rhetonk aus dem Winterseme-
ster 1872/73, um die es hier hauptsächlich geht, ist eine Exposition der klassi-
schen Rhetorik und folgt dabei Handbüchern zu diesem Gegenstand von Volk-
mann, Spengel und Blass.20 Der eigenständigste Teil dieser Vorlesungen ist „§ 3.

18
Friedrich Nietzsche, Vorlesungsaufzeichnungen (WS 1871/72-WS 1874/75), hg. von Fritz
Bornmann und Mario CapiteUa (Nietzsches Werke. Kritische Gesamtausgabe. Begründet von Giorgio
Colli und Mazzino Montinari. Zweite Abteilung. Vierter Band, Berlin 1995). Im folgenden U/
4 mit Seitenangaben direkt im Text.
19
Friedrich Nietzsche, Philologica. Unveröffentlichtes %ur Literaturgeschichte, Rhetorik und Rhythmik, hg.
von Otto Crusius (Nietzsches Werke, Band XVIII, Leipzig 1912).
20
Glenn Most und Thomas Fries, „Die Quellen von Nietzsches Rhetorik-Vorlesungen," ,Cetitau-
ren-Geburten'. Wissenschaß, Kunst und Philosophie beim jungen Nietzsche (Berlin 1994), S. 17-46. Es
Nietzsches Sprachtheorie und der Aussagecharakter seiner Schritten 75
ii
Verhältniß des Rhetorischen zur Sprache" (II/4, S. 425-428), wobei es sich um
einen Gegenstand handelt, der nicht zur alten Rhetorik gehört, sondern einen
modernen Gesichtspunkt von „Sprachkritik" zum Ausdruck bringt. Aber auch
hier ist Nietzsche nicht eigenständig, sondern folgt in großem Maße der Schrift
von Gustav Gerber, Die Sprache als Kunst, die ihm die Gesichtspunkte der bedeu-
tendsten Sprachtheoretiker seit Herder wie auch Gerbers eigene Theorie der
Tropen vermittelte. Es finden sich eigentlich nur wenige Stellen in Nietzsches
Text, die sich nicht auf die genannten Quellen zurückführen lassen. Er beginnt
diesen Paragraphen mit Reflexionen über die herabsetzende Bedeutung, welche
die Bezeichnungen Rhetorik und rhetorisch im modernen Zeitalter angenom-
men haben, wo sie eine unnatürliche, absichtliche Gesinnung zum Ausdruck
bringen (II/4, S. 425). Aus der modernen Perspektive erscheint sogar „die ganze
antike Litteratur etwas künstlich und rhetorisch, zumal die römische". Das liegt
aber für Nietzsche hauptsächlich daran, „daß die eigentliche Prosa des
Alterthums durchaus Widerhall der lauten Rede ist und an deren Gesetzen sich
gebildet hat: während unsere Prosa immer mehr aus dem Schreiben zu erklären
ist, unsere Stilistik sich als eine durch Lesen zu percipirende giebt." Lesen und
Schreiben verlangen aber „eine ganz andre Darstellungsform", und die alte Lite-
ratur wendet sich vornehmlich an das Ohr, „um es zu bestechen". Die Griechen
kannten „wirkliche Poesie ohne Vermittlung des Buches", wogegen wir „viel
blasser und abstrakter" sind ( /4, S. 425).
Nietzsche geht dann einen Schritt weiter und behauptet, daß das, was man
„als Mittel bewußter Kunst rhetorisch* nennt", bereits „als Mittel unbewußter
Kunst in der Sprache und deren Werden tätig" war, „ja daß die Rhetorik eine
Fortbildung der in der Sprache gelegenen Kunstmittel ist, im hellen Lichte des* Verstan-
des" (ebd.). Es ist unnütz, an eine „unrhetorische ,Natürlichkeit* der Sprache"
appellieren zu wollen, denn „die Sprache selbst ist das Resultat von lauter rheto-
rischen Künsten". Aristoteles hatte die Rhetorik jene Kraft genannt, „an jedem
Dinge das heraus zu finden und geltend zu machen was wirkt und Eindruck
macht". Das ist aber bereits für Nietzsche „das Wesen der Sprache". Sprache
und Rhetorik beziehen sich nicht „auf das Wahre, auf das Wesen der Dinge".
Die Sprache „will nicht belehren, sondern eine subjektive Erregung und An-
nahme auf andere übertragen". Derjenige, der die Sprache verwendet, „faßt
nicht Dinge oder Vorgänge auf, sondern Reize: er giebt nicht Empfindungen
weder, sondern sogar nur Abbildungen von Empfindungen" (II/4, S. 426). Die
Empfindung wird nämlich durch einen Nervenreiz hervorgerufen und nimmt
folglich „das Ding nicht selbst auf4. Dieses in der Empfindung Aufgenommene

handelt sich dabei um Richard Volkmann, Die Rhetorik der Griechen und Römer in systematischer
Übersieht dargestellt (Berlin 1872); Leonhard Spengel, Synagoge technon sive ariium scriptores ab initiis
usqueadediiosAristotelisderbetoricaül^s^^\ig2n 1828); Friedrich Blass, Die griechische Beredsamkeit
in dem Zeitraum von Alexander bis Augustus. 3 Bände (Berlin 1865).
76 Ernst Bchlcr

wird dann durch ein Bild dargestellt, das schlie lich in einem Ton Ausdruck
findet. Bild und Laut sind aber bereits etwas Fremdes, das mit dem urspr ngli-
chen Reiz nicht mehr direkt verbunden ist. Nietzsche sagt: „nicht die Dinge
treten ins Bewu tsein, sondern die Art, wie wir zu ihnen stehen, das πιθανόν.
Das volle Wesen wird nie erfa t" (ebd.).
Bis zu diesem Punkt hat Nietzsche freien Gebrauch von Gerbers Die Sprache
als Kunst gemacht.21 Der folgende Satz klingt wie eine zusammenfassende Fest-
stellung und stammt von ihm selbst: „Das ist der erste Gesichtspunkt: die Spra-
che ist Rhetorik, denn sie will nur eine δόξα, keine επιστήμη bertragen." Der
zweite Gesichtspunkt betrifft die Tropen, die „uneigentlichen Bezeichnungen".
Alle W rter sind „an sich und von Anfang an in Bezug auf ihre Bedeutung
Tropen", was unmittelbar aus dem Vorhergehenden folgt. W rter stellen nicht
den „wahren Vorgang", sondern ein „verklingendes Tonbild" hin. Unsere Spra-
che dr ckt nie „etwas vollst ndig aus, sondern hebt nur ein ihr hervorstechend
scheinendes Merkmal hervor". Auf diese Weise sagen wir „Segel" statt „Schiff*,
„Welle" statt „Meer", δράκων (Schlange) f r das „gl nzend blickende" oder „ser-
pens" f r die „kriechende*4. Dies ist die rhetorische Form der Synekdoche („ein
Mitumfassen", das Verstehen von einem durch das andere). Die n chste tropi-
sche Form ist die der Metapher^ die keine neuen W rter schafft, sondern bereits
existierenden eine neue Bedeutung verleiht. Auf diese Weise sprechen wir von
der „Koppe" des Berges, von der γλώσσα (Zunge) als dem „Mundst ck der
Fl te" und von μαστός (Brust) als dem H gel. Die Metapher ist auch bei der
„Bezeichnung des Geschlechtes" wirksam, da das Geschlecht „im grammati-
schen Sinn" ein „Luxus der Sprache und reine Metapher" ist (ZI/4, S. 427).
Dann gibt es bei der Metapher noch die „ bertragung vom Raum auf die Zeit",
wie zum Beispiel bei der Bezeichnung „zu Hause", die Erfahrenheit, sichere
Kenntnis bedeutet. Die dritte tropische Form endlich ist die Metonymie^ die auf
„Vertauschungen von Ursach und Wirkung" beruht. Wir verwenden sie, wenn
wir „Schwei " anstelle von „Arbeit", „Zunge" statt „Sprache" s gen oder wenn
wir den Trank als „bitter", den Stein als „hart" und die Bl tter als '„gr n" be-
zeichnen: Bitter, hart und gr n sind keine objektiven Eigenschaften, sondern
subjektive Empfindungen. Dies gesamte Argument, einschlie lich der Beispiele,
ist wieder von Gerber bernommen.22 Dieser Abschnitt aus dem dritten Para-
graphen schlie t wieder mit einer zusammenfassenden Feststellung: „In summa:
die Tropen treten nicht darin und wann an die W rter heran, sondern sind deren
eigenste Natur. Von einer ,eigentlichen Bedeutung', die nur in speziellen F llen
bertragen w rde, kann gar nicht die Rede sein" (Π/4, S. 427). In diesem Fall ^

21
Siehe die in Anmerkung 8 genannte Arbeit von Anthonie Meijers und Martin Stingelin, „Kon-
kordanz", S. 352-353.
22
Anthonie Meijers und Martin Stingelin, „Konkordanz", S. 354^-355.
Nietzsches Sprächtheorie und der Aussagecharakter seiner Schriften 77
i
ist aber auch die zusammenfassende Antwort aus Gerbers Text paraphrasiert
worden.23
Endlich gibt es zwischen der „regelrechten Rede und den sogenannten rhe-
torischen Figuren" ebensowenig einen Unterschied wie zwischen Wörtern und
Tropen, Im Grunde ist alles, „was man gewöhnlich Rede nennt", Figuration.
Die Sprache wird von „einzelnen Sprachkünsdern" geschaffen, dann aber trifft
der „Geschmack der Vielen" die Auswahl: „Eine Figur, welche keine Abnehmer
findet, wird Fehler" (II/4, S. 427). Die „Freude an Gleichklängen" ist ein weite-
rer bedeutender Faktor bei der rhetorischen Formation der Sprache, obwohl es
immer Meinungsverschiedenheiten geben wird. Luther tadelte neue Wörter wie
„beherzigen" und „ersprießlich", aber sie sind dennoch „durchgedrungen",
ebenso wie „furchdos" seit Simon Dach und „empfindsam" seit der Überset-
zung von Sternes (Yoriks) Sentimental Journey von 1794 (II/4, S. 428). Nietzsche
weist selbst darauf hin, daß dies gesamte Argument, einschließlich der Beispiele,
von Gustav Gerber übernommen ist.24
Trotz dieser erheblichen Anleihen bei anderen Schriftstellern läßt sich eine
für Nietzsche typische Argumentationslinie in diesen Vorlesungen feststellen -
eine Argumentation, die völlig mit dem in den unveröffentlichten Fragmenten
aus dieser Zeit enthaltenen Gedankengang in Übereinstimmung steht und die-
sem eine neue Komponente hinzufugt. Dieser Gedankenprozeß hatte seinen
Schlüsselbegriff im Anthropomorphismus gehabt. Der Begriff der Sprache, der
im dritten Paragraphen von Darstellung der antiken Rhetorik vermittelt wird, ist
ebenfalls eine anthropomorphe Konzeption der Sprache, die uns in die mensch-
liche Welt der Kommunikation einschließt und nicht durch „objektive" Kenntnis
transzendiert und objektiviert werden kann. Der entscheidende Satz in diesem
Abschnitt besteht in dem, welcher die Sprache auf die Funktion begrenzt, sub-
jektive Empfindungen anderen mitzuteilen. Obgleich diese Feststellung auf Ger-
ber zurückverfolgt werden kann, wird sie von nun an ein Leitprinzip in Nietz-
sches eigenem philosophischen Diskurs. Man stellt aber gleichzeitig bei ihm ein
Zögern fest, Entdeckungen, die auf der beschränkten Basis der antiken Rhetorik
gemacht wurden, auf das gesamte Gebiet der Sprache auszudehnen. Ein Satz
wie dieser: „Eigentlich ist alles Figuration, was man gewöhnlich Rede nennt",
klingt jedenfalls nicht besonders überzeugend, da er mit zu vielen Einschränkun-
gen („eigentlich", „gewöhnlich'*) verbunden ist. In diesem Paragraphen ist eine
Spannung bemerkbar, die aus dem begrenzten Gebiet der antiken Rhetorik und
dem weiten Feld der Sprache im allgemeinen herrührt Diese Spannung wird
erst mit der Schrift Über Wahrheit und Läge überwunden. Aber es besteht kein

23
Anthonie Meijers und Martin Stingelin, „Konkordanz", S. 358.
24
Anthonie Meijers und Martin Stingelin, „Konkordanz", S. 359-361.
78 Ernst Bchler

Zweifel, daß Nietzsches Nachdenken über die Sprache entscheidende Impulse


von seiner Beschäftigung mit der Rhetorik erhalten hat.
4. Über Wahrheit und Uige im außermoraliscben Sinne, 1873. Nietzsche hat diese
Schrift im Sommer 1873 auf der Grundlage seiner Aufzeichnungen zur Rhetorik
diskutiert, aber nie veröffentlicht und für sie sogar die Bezeichnung „geheim
gehaltenes Schriftstück" verwandt (MA II, Vr 1). Der kurze Text nimmt sich im
Umkreis von Die Geburt der Tragödie wie ein kleines skeptisches Ungeheuer aus,
insofern in ihr grundsätzlich bestritten wird, daß wir irgendwelche sinnvollen
Aussagen über die Gegenstände unserer Erkenntnis machen können. Nietzsche
beginnt seine Darstellung mit einer fabelmäßigen Einkleidung und hebt an: „In
irgendeinem abgelegenen Winkel des in zahllösen Sonnensystemen flimmernd
ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das
Erkennen erfanden. Es war die hochmütigste und verlogenste Minute der ,Welt-
geschichte': aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Atemzügen der Natur
erstarrte das Gestirn, und die klugen Tiere mußten sterben" (WL l, KSA l,
S. 875).
In einer mit Metaphern überladenen Sprache arbeitet Nietzsche dann heraus,
„wie kläglich, wie schattenhaft und flüchtig, wie zwecklos und beliebig sich der
menschliche Intellekt innerhalb der Natur ausnimmt." Obwohl dieser „doch
gerade nur als Hilfsmittel den unglücklichsten, delikatesten, vergänglichsten We-
sen beigegeben ist", um sie eine Zeitlang im Dasein zu erhalten, bringt er immer
wieder die „schmeichelhafteste Werthschätzung" seiner selbst zuwege (KSA l,
S. 876). Nietzsche konzentriert sich damit auf die Frage, wie sich der menschli-
che Wahrheitstrieb unter derart schillernden Bedingungen hat entwickeln kön-
nen. Mit einer von eindrucksvollen Bildern durchwirkten Argumentationsweise
beschreibt er, wie das in „Illusionen und Traumbilder" eingetauchte Auge des
Menschen „nur auf der Oberfläche der Dinge" herumgleitet und sich damit
begnügt, „Reize zu empfangen und gleichsam ein tastendes Spiel auf dem Rük-
ken der Dinge zu spielen." Die Natur verschweigt dem Menschen das „Allermei-
ste" über sich selbst und seinen Körper und läßt ihn abseits von den Windungen
der Gedärme, dem raschen Fluß der Blutströme, den verwickelten Faserzitterun-
gen seines Körpers in ein „stolzes gauklerisches Bewußtsein" gebannt und ein-
geschlossen sein - und warf den Schlüssel weg. Aber wehe dem Menschen,
der „durch eine Spalte einmal aus dem Bewußtseinszimmer" heraussehen
möchte und dann nur wahrnimmt, „daß auf dem Erbarmungslosen, dem Gieri-
gen, dem Unersättlichen, dem Mörderischen der Mensch ruht, in der "Gleichgül-
tigkeit seines Nichtwissens und gleichsam auf dem Rücken eines Tigers in Träu-
men hängend." Woher also, fragt Nietzsche, „in aller Welt, bei dieser Konstella-
tion, der Trieb zur Wahrheit?" (KSA l, S. 877). Denn die Konventionen der
Sprache sind ja kaum „Erzeugnisse der Erkenntnis", keine „kongruenten Be-
zeichnungen der Dinge", nicht „adäquater Ausdruck" der Realität, sondern eher
Nietzsches Sprachtheorie und der Aussagecharakter seiner Schriften 79
1i
„Illusionen", „leere Hülsen". Nur die Konvention, nicht die Wahrheit ist beim
Ursprung der Sprache entscheidend gewesen. Berechtigterweise können wir gar
nicht sagen: „der Stein ist hart", da uns hart nur als eine vganz subjektive Rei-
zung" bekannt ist. Ebensowenig haben wir eine Basis, um die Dinge nach
Geschlechtern einzuteilen, den Baum als männlich, die Pflanze als weiblich zu
bezeichnen, oder von der Schlange zu reden, deren Bezeichnung als sich schlän-
geln ja auch dem Wurm zukommt (KSA l, S. 878). Stellte man die verschiedenen
Sprachen nebeneinander, so argumentiert Nietzsche, dann würde sich zeigen,
„daß es bei den Worten nie auf die Wahrheit, nie auf einen adäquaten Ausdruck
ankommt", weil es nämlich sonst nicht so viele Sprache geben würde. Das „Ding
an sich" ist dem Sprachbildner völlig gleichgültig. Dieser bezeichnet vielmehr
die „Relationen der Dinge zu den Menschen und nimmt zu deren Ausdruck die
kühnsten Metaphern zu Hülfe." Bei der Beschreibung dieses sprachbildneri-
schen Prozesses verwendet Nietzsche eine Übertragungstheorie, bei der man in
der Ausbildung der Sprache jedesmal in eine neue und andere Sprache übergeht.
Er sagt: „Ein Nervenreiz zuerst übertragen in ein Bild! erste Metapher. Das Bild
wieder nachgeformt in einen Laut! Zweite Metapher." Mit dem Verhältnis unse-
rer Sprache zu den Dingen steht es demnach nicht besonders gut. Nietzsche
sagt:
Wir glauben etwas von den Dingen selbst zu wissen, wenn wir von Bäumen,
Farben, Schnee und Blumen reden und besitzen doch nichts als Metaphern
der Dinge (KSA l, S. 879).
Jedenfalls geht es bei der Entstehung der Sprache nicht logisch zu. Das
ganze Material worin und womit der Mensch der Wahrheit, der Forscher, der
Philosoph arbeitet, stammt „wenn nicht aus Wölkenkuckucksheim, so doch je-
denfalls nicht aus dem Wesen der Dinge" (KSA l, S. 879). Das unzulängliche
Verhältnis zwischen dem Menschen und den Dingen zeigt sich für Nietzsche
noch besonders in der weiteren Übertragung des Wortes in einen Begriff. Dies
geschieht dadurch, daß das „einmalige, ganz und gar individualisierte Ufefleb-
nis", das zur Entstehung des Wortes geführt hatte, nun in einen Begriff transfor-
miert wird und „für zahllose, mehr oder weniger ähnliche, d. h. streng genom-
men niemals gleiche, also auf lauter ungleiche Fälle passen muß." Der Begriff
entsteht damit durch „Gleichsetzung des Nicht-Gleichen." Als gäbe es in der
Natur etwas unseren Begriffen wie „Blatt" oder „Ehrlichkeit" Entsprechendes!
Nur durch das „Übersehen des Individuellen" ergibt sich unsere Begriffswelt,
wogegen die Natur „keine Formen und Begriffe, also auch keine Gattungen
kennt" (KSA l, S. 880).
Hier wird wieder deutlich, daß es sich bei Nietzsches Sprachkritik um eine
Kritik der Sprache der Philosophie und des von der Philosophie in der Sprache
erhobenen Wahrheitsanspruches handelt, „Was ist also Wahrheit?" fragt er und
gibt darauf die häufig zitierte Antwort:
80 Ernst Bohlet
Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthrppomorphismen,
kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die poetisch und rhetorisch
gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauche
einem Volke fest, kanonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illu-
sionen, von denen man vergessen hat, daß sie welche sind, [...,} Münzen, die
ihr Bild verloren haben und nun als Metall, nicht mehr als Münzen in Betracht
kommen (KSA l, S. 880 f.).
Ein Forscher, der auf der Grundlage dieser Sprache operiert, erkennt eigent-
lich nur „die Metamorphose der Welt in den Menschen". Er handelt ähnlich wie
ein Astrolog, der „die Sterne im Dienste der Menschen und im Zusammenhange
mit ihrem Glück und Leid betrachtet". Er sieht „die ganze Welt als verknüpft
an den Menschen, als den unendlich gebrochenen Wiederklang eines Urklanges,
des Menschen, als das vervielfältigte Abbild eines Urbildes, des Menschen"
(KSA l, S. 883). Dieser Forscher glaubt, die Dinge „unmittelbar als reine Ob-
jekte" vor sich zu haben und vergißt die „originalen Anschauungsmetaphern als
Metaphern". Nur dadurch, „daß der Mensch sich als Subjekt, und zwar als
künstlerisch schaffendes Subjekt vergißt," kann Wissenschaftlichkeit im Sinne philo-
sophischer Wahrheit zustande kommen. Sobald der Mensch aber „einen Augen-
blick nur aus den Gefängniswänden dieses Glaubens heraus könnte", wäre es
mit diesem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit sowie mit seinem Selbstbewußt-
sein vorbei (KSA l, S. 883 f.).

II.

Die Lektüre von Über Wahrheit und Lüge soll hier abgebrochen werden, weil
die Sprachkritik Nietzsches in den bislang behandelten Sektionen dieses Textes
zur Genüge zum Ausdruck gekommen ist. Sie besteht im wesentlichen darin,
daß unsere Sprache zwar ein wunderbares zwischenmenschliches Mitteilungsor-
gan ist, aber ungeeignet zur Philosophie und Wissenschaft, das heißt zur Mittei-
lung objektiver Sachverhalte. An dieser Stelle erhebt sich natürlich .sofort die an
Nietzsche.gerichtete Frage, aufweiche Weise sich denn in dieser Sprache Gedan-
ken mitteilen lassen, und zwar nicht nur in einem allgemeinen, sondern vor
allem in einem auf Nietzsche selbst bezogenen Sinne. Denn nachdem ihm die
Untauglichkeit unserer Sprache för die Erkenntnis und Mitteilung von objekti-
ven Sachverhalten aufgegangen war, hörte er nicht auf zu sprechen und zu
schreiben, sondern artikulierte einen Gedanken nach dem anderen und schrieb
ein Buch nach dem anderen. Eigentlich hätte Nietzsche auf der Basis dieser
Sprachtheorie einen Text wie Über Wahrheit und Lüge gar nicht schreiben dürfen.
Wenn er in dieser Schrift über die Transformierung eines Nervenreizes in einen
Laut, eines Lautes in ein Wort, eines Wortes in einen Begriff berichtet, macht
er durchaus objektive Sachaussagen, sogar auf der Grundlage einer vorausset-
Nietzsches Sprachtheorie und der Aussagecharakter seiner Schriften 81
l i
zungsreichen Ursprungstheorie. Nach den Aussagen dieser Schrift können wir
aus unserem engen Bewußtseinsstübchen nicht hinausblicken, weil die Natur,
nachdem sie uns darin eingesperrt hatte, den Schlüssel weggeworfen hat. Aber
Nietzsche selbst bückt sehr wohl aus diesem Stübchen heraus und erzählt uns,
daß da draußen das Erbarmungslose, das Gierige, das Unersättliche, das Mörde-
rische herrscht und wir in unserem Nichtwissen auf dem Rücken eines Tigers
hängen. Die Sprachkritik soll den Glauben an die gegenständliche Welt außer-
halb unseres Bewußtseins eliminieren. Nietzsche verwendet diese gegenständli-
che Welt aber gleichzeitig als Kriterium für das Versagen unserer Sprache. Er
erhärtet damit das, was er widerlegen will. Nietzsche soll damit nicht in Wider-
sprüche verstrickt werden, da er sich dieser Konsequenzen seines Schreibens
ja durchaus bewußt gewesen sein kann und diese möglicherweise sogar selbst
beabsichtigt hat. Vielmehr zielen diese kritischen Beobachtungen auf die grund-
sätzlichere Frage hin, nach welchen Regeln, nach welcher Ordnung er seinen
Diskurs organisiert hat, welcher Aussagewert seinen Schriften zukommt und wie
diese von uns zu interpretieren sind.
Darauf ist zunächst zu antworten, daß die Sprachtheorie Nietzsches, die in
der Schrift Über Wahrheit und Lüge entwickelt ist, in ihrer Bedeutung für sein
weiteres Denken und unser Verständnis von ihm gar nicht überschätzt werden
kann. Die sprachkritischen Analysen in diesem Text hatten zu der Überzeugung
geführt, daß die Sprache keine Entscheidbarkeit in bezug auf die Natur der
Dinge erlaubt und wir uns mit ihr in der Welt des Menschen befinden. Diese
sprachkritischen Überlegungen werden nun von Nietzsche in einen umfassende-
ren metaphysikkritischen Diskurs umgeformt. Eine dieser Transformationen fin-
det sich in Aphorismus 39 aus Menschliches, All^umenschliches, wo es heißt:
Zuerst nennt man einzelne Handlungen gut oder böse ohne alle Rücksicht auf
deren Motive, sondern allein der nützlichen oder schädlichen Folgen wegen.
Bald aber vergißt man die Herkunft dieser Bezeichnungen und wähnt, daß den
Handlungen an sich, ohne Rücksicht auf deren Folgen, die Eigenschaft ',gut*
oder ,böse* innewohne: mit demselben Irrthume, nach welchem die Sprache
den Stein selber als hart, den Baum selber als grün bezeichnet - also dadurch,
daß man, was Wirkung ist, als Ursache faßt (KSA 2, S. 62).
Hier ist der Bezug zur frühen Sprachkritik durch die Wahl der Beispiele
(harter Stein, grüner Baum) noch unmittelbar sichtbar, die beide von Gerber
stammen. Der Aphorismus 121 aus Die Fröhliche Wissenschaß bringt einen ähn-
lichen Gedanken zum Ausdruck, bei dem aber der Bezug zur frühen Sprachkri-
tik nicht mehr direkt erkennbar ist. Er lautet:
Wir haben uns eine Welt zurecht gemacht, in der wir leben können — mit der
Annahme von Körpern, Linien, Flächen, Ursachen und Wirkungen, Bewegung
und Ruhe, Gestalt und Inhalt ohne diese Glaubensartikel hielte es jetzt Keiner
aus zu leben! Aber damit sind sie noch nichts Bewiesenes. Das Leben ist kein
82 Ernst Bchlcr

Argument; unter den Bedingungen des Lebens könnte der Irrthum sein
(KSA3, S. 477 f.).
Diese Transformation der frühen Sprachkritik auf größere Bereiche drückt sich
auch darin aus, daß Nietzsche diese auf mit der Sprache eng verwandte Gebiete
wie Bewußtsein, Vernunft, Mitteilungsfahigkeit und Grammatik bezieht.
Der Aphorismus 354 aus Die fröhliche Wissenschaft ist in diesem Zusammen-
hang besonders aufschlußreich. Er trägt den Titel „Vom ,Genius der Gattung*"
(KSA 3, S. 590-93), bezieht sich also in dieser Schopenhauerischen Formulie-
rung auf das innerste Prinzip des Menschen (für„Schopenhauer der Geschlechts-
trieb), das bei Nietzsche, jedenfalls in diesem Text, als Kommunikationstrieb, als
Wille zur Mitteilung bezeichnet werden kann. Nietzsche beginnt sein Argument
damit, daß es weite Bereiche menschlicher Aktivitäten gibt, die nie ins Bewußt-
sein treten und sich ohne jenen Spiegelungs-Effekt vollziehen, selbst in unserem
„denkenden, fühlenden und wollenden Leben". Damit kommen wir unvermeid-
lich zu der Frage: „Wo%u überhaupt Bewußtsein, wenn es in der Hauptsache
überflüssig ist?" Nietzsche beantwortet sie hier mit der >yMittheilungs-Fahigkeif\ ge-
nauer mit der ^jMittheilungs-Bedürftigkeif des Menschen, wobei er zu der Vermu-
tung weitergeht, „daß Bewußtsein überhaupt sich nur unter dem Druck des Mittheilungs-
Bedürfnisses entwickelt haf-\ Als das „gefahrdetste Thier" benötigte der Mensch
„Hülfe, Schutz, er brauchte Seines-Gleichen, er mußte seine Noth ausdrücken,
sich verständlich zu machen wissen - und zu dem Allen hatte er zuerst ,Bewußt-
sein* nöthig". Dieser bewußte Teil unserer Tätigkeiten ist also nur der „kleinst
Theil", vielleicht sogar „der oberflächlichste, schlechteste Theil", aber er ist
gleichzeitig jener Teil unserer Tätigkeiten, der „/# Worten, das heißt in Mittheilungs-
%eichen" geschieht. Die Entwicklung der Sprache und des Bewußtseins „gehen
Hand in Hand". Nietzsche sagt: „Der Zeichen-erfindende Mensch ist zugleich
der immer schärfer seiner selbst bewußte Mensch; erst als sociales Thier lernte
der Mensch seiner selbst bewußt werden, - er thut es noch, er thut es immer
mehr." Der Rest dieses Aphorismus ist dem Gedanken gewidmet, daß die Welt,
die wir kraft des Bewußtseins und der Sprache gewinnen .„nur eine Oberflächen-
und Zeichenwelt ist, eine verallgemeinerte, eine vergemeinerte Welt" (KSA 3,
S. 593), was hier nicht weiter verfolgt werden soll, da das grundlegende Schema,
nach dem Nietzsche verfahrt, nämlich die Überträgung seines sprachkritischen
Ansatzes auf damit zusammenhängende Gebiete, hier des Bewußtseins, zur Ge-
nüge zum Ausdruck gekommen zu sein scheint.
Von ähnlichem Gewicht ist das Thema der Grammatik bei Nietzsche. Dabei
ist die Grammatik nicht in einem technischen, linguistischen Sinne zu verstehen,
sondern als „unbewußte Herrschaft und Führung durch gleichartige grammati-
sche Funktionen" bei Völkern gleichen Sprachstamms, als „Atavismus", wie
Nietzsche in Aphorismus 20 von Jenseits von Gut und Böse ausführt, ja als physiolo-
gische Vorbedingung in unserer Weltbegegnung: „der Bann bestimmter gramma-
Nietzsches Sprachtheorie und der Aussagecharakter seiner Schriften 83
4
tischer Funktionen ist im lernen Grunde der Bann physiologischer Werturtheile
und Rasse-Bedingungen" (KSA 5, S. 34 f.). In der Vorrede zu dieser Schrift hatte
er die „Verführung von Seiten der Grammatik" als möglichen Grund für das
Entstehen philosophischer Systeme in Betracht gezogen (KSA 5, S. 11 f.). Im
Aphorismus 34 derselben Schrift betont er mehr den gewordenen, zufälligen
perspektivischen Charakter der Grammatik und verhöhnt ihr Mißverstehen als
unmittelbare Gewißheit. Dort setzt er die „Gläubigkeit an die Grammatik" mit
dem Glauben an „Gouvernanten" gleich und fragt: „aber wäre es nicht an der
Zeit, daß die Philosophie dem Gouvernanten-Glauben absagte?" (KSA 5, S. 52—
54).
Diese Gedanken finden ihre Entsprechung in den unveröffentlichten Frag-
menten. Hier wird die Sprache dafür verantwortlich gemacht, daß wir „Dishar-
monien und Probleme in die Dinge" hineinlesen, „weil wir nur in der sprachli-
chen Form denken" und aufhören würden zu denken, „wenn wir es nicht in dem
sprachlichen Zwange thun wollen." Diese Reflexionen fuhren Nietzsche zu der
häufig zitierten Aussage: »Das vernünftige Denken ist ein Interpretiren nach einem
Schema, welches wir nicht abwerfen können" (KSA 12, 5 [22]). Wie Nietzsche Sprache,
Grammatik und Vernunft im Einklang denkt, zeigt sich in einem Parforceritt in
der Vernunftkritik aus der Götsyndämmerung („Die ,VernunfY in der Philosophie",
Aph. 5). Hier heißt es über die Sprache, daß wir mit der Frage nach ihrer Entste-
hung „in die Zeit der rudimentärsten Form von Psychologie" hineingekommen
und in ein „grobes Fetischwesen" hineingeraten, wenn wir uns „die Grundvor-
aussetzungen der Sprach-Metaphysik, auf deutsch: der Vernunft^ zum Bewußtsein
bringen." Nietzsche kommt dort zu dem Schluß: „Die ,VernunfV in der Sprache:
oh was für eine alte betrügerische Weibsperson! Ich furchte, wir werden Gott
nicht los, weil wir noch an die Grammatik glauben ..." (KSA 6, S. 78). Der
Denkansatz bei der Sprachtheorie fuhrt demnach weit und tief in Nietzsches
Gedankenwelt hinein, ja irgendwie hängt die Gesamtheit seiner Schriften mit
diesem Thema zusammen.
Vom Gesichtspunkt der Konstitution des Menschen aus ist die Sprache die
grundlegendste Bedingung für jeden Kontakt mit der Welt, allererste „Bedin-
gung der Möglichkeit" in Kantischer Terminologie, oder „psychologische Noth-
wendigkeit" in Nietzsches eigenem Vokabular (KSA 11, 34[89]). Psychologische
Notwendigkeit bedeutet für ihn, „daß wir in vielen geistigen Dingen nicht mehr
anders können"\ womit sich der irrige Glaube verbindet, daß es sich dabei um
absolute Gewißheiten handelt. Nietzsche dagegen will zu der Einsicht führen,
daß diese Ansichten geworden" sind und die Annahme, »unser Raum, unsere Zeit,
unser Causalitäts-Instinkt sei etwas, das auch abgesehn vom Menschen Sinn
habe", eine bloße „Kinderei" (ebd.). Ein Meisterstück dieser selbstkritischen
Analyse ist der Aphorismus 16 aus dem ersten Band von Menschliches) Allyu-
menschliches. Wenn die Philosophen vom Leben, der Erfahrung, der „Welt der
84 Ernst Behler

Erscheinungen" sprechen, so beginnt Nietzsche dort seinen Gedankengang,


pflegen sie sich gewöhnlich „wie vor ein Gemälde hinzustellen, das ein für alle
Mal entrollt ist und unveränderlich fest den selben Vorgang zeigt". Von diesem
vor uns stehenden Vorgang müsse mao dann einen Schluß auf das Ding an sich
machen als den „zureichenden Grund der Welt der Erscheinung". Strengere
Analytiker leugnen jeden Zusammenhang zwischen der unbedingten Welt des
Metaphysischen und der uns bekannten Welt der Erscheinungen und erlauben
nicht, daß von dieser ein Schluß auf das Ding an sich gemacht werden könne.
Beide Schulen haben aber nach Nietzsche „die Möglichkeit übersehen,
daß jenes Gemälde — Das, was jetzt uns Menschen Leben und Erfahrung heißt
- allmählich geworden ist, ja noch völlig im Werden ist und deshalb nicht als feste
Größe betrachtet werden soll, von welcher aus man einen Schluß über den
Urheber (den zureichenden Grund) machen oder auch nur ablehnen dürfte
(KSA 2, S. 36).
Diese Welt ist völlig unser Machwerk, selbst wenn wir es nicht mehr wissen:
Dadurch, daß wir seit Jahrtausenden mit moralischen, ästhetischen, religiösen
Ansprüchen, mit blinder Neigung, Leidenschaft oder Furcht in die Welt ge-
blickt und uns in den Unarten des unlogischen Denkens recht ausgeschwelgt
haben, ist diese Welt allmählich so wundersam bunt, schrecklich, bedeutungs-
tief, seelenvoll geworden, sie hat Farbe bekommen, — aber wir sind die Coloristen
gewesen: der menschliche Intellect hat die Erscheinung erscheinen lassen und
seine irrthümlichen Grundauffassungen in die Dinge hineingetragen (KSA 2,
S. 36 f.).
Damit rückt aber eine Wissenschaft in das Zentrum, welche vielleicht einmal
den „höchsten Triumph" im Prozeß der Wissenschaften feiern wird, nämlich
die Wissenschaft einer yJEntstehungsgeschichte des Menschen". Nietzsche versucht,
deren Resultat vorwegzunehmen und meint, daß dieses vielleicht auf folgenden
einzelnen Satz hinauslaufen möchte:
Das, was wir jetzt die Welt nennen, ist das Resultat einer Menge von Irrthü-
mern und Phantasien, welche in der gesammten Entwickelung der.organischen
Wesen allmählich entstanden, in einander verwachsen sind und uns jetzt als
aufgesammelter Schatz der ganzen Vergangenheit vererbt werden, - als Schatz:
denn der Werth unseres Menschenthums ruht darauf (KSA 2, S. 37),
Eine wesentliche Aufgabe der Philosophie Nietzsches, die sich unmittelbar
aus seiner Sprachtheorie ergibt, besteht deshalb in der Untergrabung des siche-
ren Ordnungssystems, in das wir die Welt gebracht haben, in dem Bemühen um
eine Auslöschung ihrer logischen Struktur, was sich mit einer Auflösung der vom
Bewußtsein gestifteten Prinzipien und des Glaubens aa die Wahrheit verbindet.
Obwohl Nietzsche uns in einem bereits zitierten Aphorismus versichert.hatte,
daß es dazu „glücklicherweise" zu spät sei und sich die „Entwicklungen der
Vernunft" nicht wieder „rückgängig machen" ließen (MA 11, KSA 2, S. 31), ist
dieser Aufgabe ein großer Teil seiner Schriften gewidmet. Mit dieser direkten
Nietzsches Sprachtheorie und der Aussagecharakter seiner Schriften 85
4 i
Kritik der Vernunft, der Logik, des Bewußtseins verbindet sich aber der indirekte
Nachweis, daß es noch rudimentäre Formen in unserem geistigen Haushalt gibt,
in denen die ursprünglich weit über die Vernunft und das Bewußtsein herausrei-
chende Weltbeziehung des Menschen erkennbar ist. Dabei handelt es sich um
mythologische, poetische und emotionale Erfahrungen, um Intuitionen, geniale
Einfalle, Instinktleistungen und alle solche Einsichten, welche die Vernunft im-
mer wieder blamieren. Mit besonderem Spürsinn hat Nietzsche diese Nachfor-
schung auf dem Gebiet der Träume vollzogen und im Traum einen Restbestand
von jener Weltbeziehung des Menschen zu finden geglaubt, den „die Menschheit
auch im Wachen viele Jahrtausende hindurch" durchlebte („Logik der Träume":
MA 13, KSA 2, S. 32-35).
Der Aphorismus 119 aus Morgenröfhe scheint hierfür besonders aufschluß-
reich zu sein. Er steht unter dem Titel Erleben und Erdichten und vergleicht unse-
ren wachen Zustand mit unserem träumenden. In beiden Fällen reagieren wir
auf Reize aus der äußeren Natur und übertragen diese in unsere menschliche
Welt Dies wird bei Träumen handgreiflicher, weil sich bei ihnen die Anreize
besser bestimmen lassen: „Bewegungen des Blutes und der Eingeweide" -
„Druck des Armes und der Decken" — „Töne der Turmglocken, der Wetter-
hähne, der Nachtschwärmer und andre Dinge der Art". Die „dichtende Ver-
nunft" stellt sich Ursachen für diese Reize vor, das ist im Traum und im bewuß-
ten Leben gleicherweise der Fall. Aber im wachen Zustand hat man nicht die
Freiheit der Interpretation wie im träumenden. Vielleicht, sagt Nietzsche, ist „all
unser sogenanntes Bewußtsein ein mehr oder weniger phantastischer Kommen-
tar über einen ungewußten, vielleicht unwißbaren, aber gefühlten Text" (KSA 3,
S. 113). Oder er fragt noch radikaler, immer noch im selben Aphorismus 119:
Was sind denn unsere Erlebnisse? Viel mehr das, was wir hineinlegen, als das,
was darin liegt! Oder muß es gar heißen: an sich liegt nichts drin? Erleben ist
ein Erdichten? (ebd.)
In diesem Sinne ist Nietzsche der in Über Wahrheit und Lüge vollzogenen
Einsicht treu geblieben, daß wir keine objektiven Erkenntnisse vollziehen kön-
nen, sondern immer nur unsere Eindrücke und Reaktionen registrieren. Dies
hat er in seinen Schriften getan, wo er auf extremste Weise, wie kein anderer
Schriftsteller es je gewagt hat, seine eigene Person, seine Krankheiten und
Glückszustände, die Orte der Niederschrift seiner Texte, seine eigenen Neu-
jahrswünsche und sogar seine kulinarischen Vorlieben zur Darstellung gebracht
hat. Was von ihm dargestellt wird, sind Ereignisse, die ihren Schatten vorauswer-
fen oder von denen noch Schatten ausgehen, nachdem sie längst vorüber sind;
Prozesse, die noch andauern und wahrscheinlich ewig andauern werden; Gedan-
ken, die sich im Moment ihrer Niederschrift verflüchtigen, und Akte der Selbst-
erkenntnis, die nicht gelingen, weil wir uns selbst zu fern sind. Jedenfalls keine
feststellbaren Tatsachen, sondern Mutmaßungen, die sich nicht beweisen lassen
86 Ernst Behler

und zu deren Mitteilung die Sprache der Wissenschaft und der traditionellen
Philosophie unangemessen ist. Denn diese Phänomene lassen sich nur in einer
Spräche mitteilen* die in Bildern andeutet und iß ihrem Ton zu überreden sucht,
— in der Sprache der Rhetorik. Diese Sprache der Rhetorik ist aber wesensmäßig
auf einen Zuhörer angewiesen, um dessen Zustimmung sie nicht nur mit allen
Mitteln der Redekunst wirbt, sondern dem sie auch mit den Figuren der Heraus-
forderung, des Schocks, der Beleidigung und der Verfluchung begegnet. Dies
scheint der Aussagecharakter von Nietzsches Schriften zu sein, der aus seiner
Sprachtheorie unmittelbar hervorgeht. /