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INHALT

EINLEITUNG.................................................................................................4
KAPITEL I
Entlehnungen in der deutschen Sprache…………………………...9
1.1. Arten der Entlehnung………………………………………….9
1.2. Allgemeines zur Art und Form lexikalischer Entlehnungen…...11
KAPITEL II
Verbund zwischen der Sprachgeschichte und das politische Leben Deutschlands (am
Beispiel der Entlehnungen)……………………………………………….14
KAPITEL III
Lexikalische Entlehnungen in der Literatur als Wiederspiegelung der deutschen
Politik
3. 1. Politisierung der Literatur (1960er Jahre).....................................34
3. 2. Günter Grass.................................................................................34
3.3. Die Blechtrommel………………………………………………..38
3.4. Lexikalische Entlehnungen in der Literatur als Wiederspiegelung der
deutschen Politik…………………………………………………………….43
SCHLUSSFOLGERUNGEN........................................................................46
LITERATURVERZEICHNIS.......................................................................48

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EINLEITUNG
Unter dem Terminus Entlehnung versteht man in der einschlägigen Literatur
sowohl den Entlehnungsvorgang, das heißt die Übernahme fremde Sprachgutes,
als
auch das Resultat dieses Prozesses – das entlehnte Lexeme und feste
Wortkomplexe Objekte der Analyse. Zur Betrachtung verschiedener
Integrationsprozesse und funktionalkommunikativer Leistungen des entlehnten
Sprachgutes sind einige Grundbegriffe zu präzisieren. Das sind vor allem Arten
und Formen lexikalischen Entlehnung.
Nach der Art der Entlehnung sind zu unterscheiden:
1. Sach- und Wortentlehnung; 2. Wortentlehnung.
Im ersten Fall, das heißt bei der Sach- und Wortentlehnung, werden fremde
Formative übernommen, deren Sachverhalte in der betreffenden Sprache neue
oder unbekannt sind. Das Ergebnis einer solchen Entlehnung sind zum Beispiel: im
Deutschen genetisch lateinische Wörter, die von den germanischen Stämmen bei
ihrer ersten Berührung mit den Römern übernommen werden: Mauer(mürus),
Ziegel(tegula), Kalk(calx), Pforte(parta), Fenster(fenestra), Keller (cellarium)
u.v.a.m.
Oder Sach- und Wortentlehnungen aus der amerikanischen Variante der
englischen Sprache nach 1945: Motel-Hotel an großen Autostraßen, das besonders
für die Unterbringung von motorisierten Reisenden bestimmt ist, Camping – das
Leben der Freien, im Zelt oder Wohnwagen während der Ferien oder am
Wochenende.
Bei Wortentlehnungen werden fremde Formative übernommen, deren
Sachverhalte in der entlehnenden Sprache bereits durch eigene Wörter ausgedrückt
sind. Es handelt sich hier also primär um die Übernahme von Dubletten:
Pläsier(aus dem Franz., 16 Jh.) für “Vergnügen, Spaß”; Charme, Scharm(aus
dem Franz., 19 Jh.) für “Anmut”, “Liebzeit”, “Zauber”; Apartment(aus dem
Engl. und Amerik. nach 1945) für “Kleinwohnung”; Schwimmingpool (aus dem
Engl. und Amerik. nach 1945) für “luxieriös ausgestattetes Schwimmbad”.

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Mit der vorliegenden Arbeit soll beschrieben werden, welche Rolle die
Entlehnungen im Deutsch spielt. Wir werden nicht nur Entlehnungen forschen,
sondern auch die Geschichte der Entlehnungen in der schönen Literatur und
Politik. Die Hauptaufmerksamkeit konzentriert sich direkt auf die lexikalischen
Entlehnungen in der schönen Literatur, aber wir analysieren auch kurz die
politisierte Literatur und außerdem das Werk von Günter Grass „Blechtrommel“.
Das ist das Forschungsobjekt unserer Bakalavrarbeit. Der
Forschungsgegenstand sind die Besonderheiten der Entwicklung der
Entlehnungen.
Die Aktualität des erforschenden Problems hängt davon zusammen, dieses
Problem aktiv zu erforschen. Dieses Thema ist auch für uns zweifellos von großer
Bedeutung.
In dieser Arbeit beschäftigen wir uns mit allen Kategorien der Entlehnungen
und mit der Geschichte der Entwicklung von ihnen. Wir werden dabei einige
wichtige Bücher etwas näher betrachten und vergleichen, um besser das Thema
unserer Arbeit zu erforschen. So können wir das Ziel unserer Forschung
formulieren.
Die Hauptaufgaben, die wir hier zu lösen haben, sind folgende:
- die Ermittlung der Anfänge solcher Erscheinung als lexikalische
Entlehnungen;
- die Beschreibung der Besonderheiten der Entwicklung der
Entlehnungen in verschiedenen Zeiten;
- die Erforschung der verschiedenartigen Einflüsse auf den
Entwicklungsprozess der Entlehnungen;
- Analyse der Entlehnungen auf verschiedenen Entwicklungsetappen;
- Erklärung und Bestimmung der Rolle der Entlehnungen im heutigen
Deutsch;
- Erlernen und Analyse der wissenschaftlichen Literatur zur
Arbeit.
Insofern unsere Arbeit den Beschreibungscharakter trägt, ist dafür die

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deskriptive Methode grundlegend. Außerdem benuzten wir in unserer Forschung
die Methode des Erlernens der wissenschaftlichen und allgemeinphilosophischen
Methoden: Analyse, Synthese und Vergleich.
Als Stoff zur Forschung dienen Lehrwerken, Fachpublikationen und
Lehrbücher. Da wir in unserer Arbeit den Wandel der Entlehnungen in
verschiedenen Epochen zeigen wollen, waren für unsere Forschung die Materialien
und die Quelle, die sehr alt und die, die erst vor einegen Jahren erschienen, sehr
wichtig. Das bedeutet, dass wir in unserer Arbeit Erfahrungen der alten und neuen
Wissenschaftler analysieren.
Das Buch „Das Fremdwort im Deutschen“ von Eisenberg Peter möchte
einerseits wichtige Ergebnisse der Fremdwortforschung zum Deutschen
zusammenfassen und entwickeln, indem Phonologie, Orthographie, Flexion und
Wortbildung einschl. der Lehnwortbildung für die Gräkolatinismen, Gallizismen
und Anglizismen auf dem Hintergrund der Wortgrammatik des Kernwortschatzes
dargestellt werden. Auf diese Weise wird es möglich, semantische und vor allem
strukturelle Fremdheitsmerkmale zu identifizieren, so dass auch Einzelheiten von
Integrationsprozessen in Richtung Kernwortschatz zugänglich werden. Innerhalb
dieser Systematik kommt es darauf an, die Charakteristika der einzelnen
Großklassen von Fremdwörtern herauszustellen.
Die systematische Beschreibung macht den zweiten Hauptteil des Buches
aus. Im ersten Hauptteil werden ebenso ausführlich die Hauptthemen des
öffentlichen Fremdwortdiskurses und seine historischen Grundlagen abgehandelt.
Dazu gehört einmal die Geschichte der Entlehnungen aus den wichtigsten
Gebersprachen Englisch, Französisch, Italienisch, Lateinisch und Griechisch. Dazu
gehört weiter die Rolle des Deutschen als Nehmersprache. Spracheinstellungen,
Purismus, Verdeutschungs- und Eindeutschungsbemühungen mit ihren
Materialisierungen in Wörterbüchern kommen zur Sprache. Ein besonderes
Anliegen besteht in der Vermittlung beider Hauptteile: Ständiger Begleiter der
Darstellung bleibt die Frage, was in der Grammatik von Fremdwörtern aus ihrer
Geschichte und Funktionalität aufgehoben ist [9, S.5]. 

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Dieses Buch „Sprache, Politik, Zugehörigkeit“ vereint zwei der
einflußreichsten Theoretikerinnen des letzten Jahrzehnts. Im Streitgespräch
erkunden Gayatri Chakravorty Spivak - gebürtige Inderin und führende Vertreterin
der postcolonial studies - und die Philosophin und Feministin Judith Butler
gemeinsam Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Staates in Zeiten der
Globalisierung. In dem Maß, in dem der Staat im Inneren pluraler wurde, wurden
auch seine äußeren Grenzen zunehmend durchlässig. Die Begriffe "Staat" und
"Nation" erscheinen nicht länger als von Natur aus deckungsgleich. In einer Welt
kultureller, wirtschaftlicher, kriegerischer und klimatischer Verwerfungen, Krisen
und Katastrophen, in einer Welt, die durch Migration, wechselnde Zugehörigkeiten
und sich wandelnde Bindungen geprägt ist, werden Staaten immer mehr zu
Provisorien und ihre Bewohner zunehmend "staatenloser". Das leidenschaftliche
und engagierte Gespräch spannt einen Bogen vom Palästina-Problem zum Denken
des Staates in der Aufklärung und der zeitgenössischen Philosophie; von einer
kritischen Diskussion der Thesen Hannah Arendts und Giorgio Agambens zu der
scheinbaren Detailfrage, ob die amerikanische Nationalhymne - wie schon einmal -
auch mit spanischem Text gesungen werden sollte [16, S.4].
Die vorliegende Bakalavrarbeit hat sowohl theoretische als auch praktische
Bedeutung. Die theoretische Bedeutung der Forschung besteht darin, dass wir
versucht haben die Besonderheiten der Entwicklung der Entlehnungen in der
schönen Literatur und die Haupttendenzen ihren Existenz indem politischem Leben
Deutschlands zu systematisieren und zu analysieren. Die praktische Bedeutung
besteht darin, dass der Lehrer und die Studenten der philologischen Fakultät diesen
Stoff benutzen können. Er kann die Kenntnisse der Studenten in der deutschen
Lexikologie und in der Geschichte und Literatur der deutschen Sprache vertiefen
und erweitern. Die Materialien können im Fremdsprachenunterricht beim Erlernen
einzelner Themen, wie “Lexikalische Entlehnungen im Deutschen ”, “Sprache und

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Politik ”, “Literatur und Politik ” usw, in der außerschulischen Arbeit und im
Zirkel ausgenutzt werden.
Entsprechend den Aufgaben haben wir folgende Struktur der Bakalavrarbeit
gewählt: Einleitung, 3 Kapitel, Schlussfolgerungen und Literaturverzeichnis.
In der Einleitung sind Aktualität des Themas, Ziele und Aufgaben der
Arbeit bestimmt, Methoden der Forschung genannt, praktische und theoretische
Bedeutung der Arbeit beleuchtet.
Im 1. Kapitel ist die Entwicklung der Entlehnungen dargestellt. Die
Hauptaufmerksamkeit konzentriert sich auf den Begriffe „Entlehnung“ und
„lexikalische Entlehnung“ und ihre Rolle im Deutsch. Wir versuchen alle dazu
gehörende Begriffe zu analysieren, auch mit der Beispiele bekannt zu machen.
Beschrieben wird auch die Geschichte dieser Erscheinungen.
Im 2. Kapitel handelt es sich um die Geschichte der lexikalischen
Entlehnungen. Es wird die Geschichte dargestellt. Die Hauptaufmerksamkeit
konzentriert sich auf die lexikalischen Entlehnungen und Fremdwörter. Natürlich
wird die Rolle der Entlehnungen im heutigen Deutsch gezeigt.
Das 3. Kapitel zeigt uns die Entwicklung der politisierten Literatur am
Beispiel des Romans von Günter Grass „Die Blechtrommel“.
In Schlussbemerkungen sind die Schlussfolgerungen unserer Bakalavrarbeit
angeführt, die wir auf Grund unserer Forschungen gezogen haben.
Das Literaturverzeichnis enthält die Liste der Literatur, die wir im Laufe
der Forschung studiert und analysiert haben.

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KAPITEL I. ENTLEHNUNGEN IN DER DEUTSCHEN SPRACHE

Entlehnungen sind, ganz allgemein erklärt, Wörter, die „ausgeliehen“


wurden, die also ursprünglich kein Bestandteil der Sprache waren, in der sie sich
zum gegenwärtigen Zeitpunkt befinden. Somit sind sie sachlich dem Fachgebiet
der Lexikologie zuzuordnen, das sich mit dem Aufbau des Wortschatzes
beschäftigt. In diesem Rahmen umfaßt der Bereich der Entlehnungen natürlich
auch mehrere Fachbegriffe, die vorneweg unterschieden werden sollten; dazu
zählen die Termini Entlehnung, Lehnwort sowie Fremdwort.
Unter dem Begriff Entlehnungen versteht man Wörter und Wendungen, die
aus einer anderen Sprache in die eigene übernommen werden. Zustande kommt
diese Entwicklung durch den mehr oder weniger intensiven Kontakt zweier (oder
mehrerer) Sprachen und der damit verbundenen Kulturen. Zumeist beeinflussen
sich beide Sprachen gegenseitig, wobei jedoch die Annahme allgemein dorthin
geht, daß die prestigehöhere Sprache auf die prestigeniedrigere größere
Einwirkungen hat. Diese Annahme wird im großen und ganzen wohl auch
zutreffen, als vorherrschender Faktor für die Richtung, in die entlehnt wird, dürfte
jedoch die Ursache der Entlehnungen gelten.
1.1. Arten der Entlehnung
Die Entlehnung bezeichnet die Übernahme eines sprachlichen Ausdrucks
aus einer fremden Sprache in die Muttersprache. Die Entlehnung beruht auf
Sprachkontakt, die Ursachen dafür können politischen, kulturellen,
wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Ursprungs sein. In der Vergangenheit
stand die Entlehnung mit der Sache - vor allem zur Zeit der römischen Besatzung –
im Vordergrund. Hier wurde lateinischem Wortgut ganzer Sachbereiche in die
deutsche Sprache übernommen. Zur Zeit der Christianisierung gelangte besonders
lateinischem und griechischem Wortgut in den deutschen Wortschatz des
Klosterwesens, also zu den Bildungsträgern dieser Zeit. In literarischen Werken
fand sich Wortgut für das es kein deutscher Äquivalent gab, durch
Lehnübersetzungen und Bedeutungsentlehnungen mussten diese Lücken

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geschlossen werden. Seit der Renaissance gelten Griechisch und Latein als
Sprachen der Wissenschaft, sie bilden bis heute den Kern der Bildung von
Fachwörtern, denn heutige Fachwörter sind zumeist nicht in ihrer Ganzheit
entlehnt, sondern mit Wortbildungsmorphemen und griechische/lateinische
Basismorphemen auf dem Weg der Lehnbildung entstanden.
Die Entlehnung bezeichnet nicht nur die Übernahme fremden Wortguts,
sondern auch die Übernahme von Elementen, Merkmalen und Regeln aus anderen
Sprachen. Dabei werden verschiedene Transferenztypen unterschieden. Die
morphematische (Transferenz von gebundenen Morphemen), die phonologische
(Transferenz eines Phonems oder Phons), die prosodische (Transferenz von
Nachdruck oder Intonation), die syntaktische (Transferenz einer syntaktischen
Regel), die graphematische (Transferenz von Graphemen), die lexikalische bzw.
äußere Entlehnung und die semantische bzw. innere Entlehnung.
Die Entlehnung ist möglich zwischen zwei Sprachen oder innerhalb einer
Sprache. Besondere Formen der Entlehnungen sind Doppelentlehnungen,
Rückentlehnungen, die direkte Entlehnung und die indirekte Entlehnung.
Entlehntes Wortgut kann in einer von der Ausgangssprache zu
unterscheidenden lexikalisch-semantischen Variante auftreten. Zumeist wird gleich
zu Beginn der Entlehnung die Lautung abgewandelt und dem deutschen
Sprachsystem angepasst. Diese Lautsubstitution kann sich auf zwei Wegen
vollziehen, zum einen wird ein fremdes Phonem durch ein ähnlich klingendes
deutsches Phonem ersetzt, zum anderen wird dem Schriftbild entsprechend ersetzt
[6, S.34].

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1.2. Allgemeines zur Art und Form lexikalischer Entlehnungen
Unter dem Terminus Entlehnung versteht man in der einschlägigen Literatur
sowohl den Entlehnungsvorgang, das heißt die Übernahme fremde Sprachgutes,
als
auch das Resultat dieses Prozesses – das entlehnte Lexeme und feste
Wortkomplexe Objekte der Analyse. Zur Betrachtung verschiedener
Integrationsprozesse und funktionalkommunikativer Leistungen des entlehnten
Sprachgutes sind einige Grundbegriffe zu präzisieren. Das sind vor allem Arten
und Formen lexikalischen Entlehnung.
Nach der Art der Entlehnung sind zu unterscheiden:
1. Sach- und Wortentlehnung; 2. Wortentlehnung.
Im ersten Fall, das heißt bei der Sach- und Wortentlehnung, werden fremde
Formative übernommen, deren Sachverhalte in der betreffenden Sprache neue
oder unbekannt sind. Das Ergebnis einer solchen Entlehnung sind zum Beispiel: im
Deutschen genetisch lateinische Wörter, die von den germanischen Stämmen bei
ihrer ersten Berührung mit den Römern übernommen werden: Mauer(mürus),
Ziegel(tegula), Kalk(calx), Pforte(parta), Fenster(fenestra), Keller (cellarium)
u.v.a.m.
Oder Sach- und Wortentlehnungen aus der amerikanischen Variante der

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englischen Sprache nach 1945: Motel-Hotel an großen Autostraßen, das besonders
für die Unterbringung von motorisierten Reisenden bestimmt ist, Camping – das
Leben der Freien, im Zelt oder Wohnwagen während der Ferien oder am
Wochenende.
Bei Wortentlehnungen werden fremde Formative übernommen, deren
Sachverhalte in der entlehnenden Sprache bereits durch eigene Wörter ausgedrückt
sind. Es handelt sich hier also primär um die Übernahme von Dubletten:
Pläsier(aus dem Franz., 16 Jh.) für “Vergnügen, Spaß”; Charme, Scharm(aus
dem Franz., 19 Jh.) für “Anmut”, “Liebzeit”, “Zauber”; Apartment(aus dem
Engl. und Amerik. nach 1945) für “Kleinwohnung”; Schwimmingpool (aus dem
Engl. und Amerik. nach 1945) für “luxieriös ausgestattetes Schwimmbad” [18,
S.40-41].
Nach der Entlehnungsform sind zu unterscheiden:
1. Fremdwortübernahme. Bei dieser Entlehnung werden fremde formative
in die entlehnende Sprache übernommen. Das Ergebnis sind Fremdwörter von
Typ: Datsche – Landhaus, Bungalow – einstökkiges Sommerhaus, Designer –
Formgestalter für Gebrauchsgüter. Der parallele Terminus dafür ist formale
Entlehnung.
2. Lehnprägung. Dieser Entlehnungsvorgang besteht in der Nachbildung des
fremden Inhalts mit Mitteln der einigen Sprache. Bei genauer Analyse kann man
hier einige Unterarten unterscheiden, von denen vor allem zu nennen sind:
Lehnübersetzung, Lehnübertragung, Teilentlehnung. Als Lehnübersetzung
bezeichnet man die Glied-für-Glied-Übersetzung. Solche Lehnbildungen aus dem
Russischen sind in der deutschen Gegenwartsprache häufig: Wandzeitung aus
stengazeta. Es betrifft vor allem Wortgut aus dem politischen Wortschatz.
Lehnübertragung ist die freiere Bildung nach fremdem Vorbild. Hier wird nicht
Glied für Glied übersetzt, sondern mit einheimischem lexikalischem Material wird
das fremde Wort nachgebildet, zum Beispiel: patria-Vaterland, отличник-
Bestarbeiter.

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Lehnbedeutung. Diese Form der Übernahme liegt vor, wenn einem
einheimischen Wort nach dem Vorbild einer fremden Sprache zusätzliche Sememe
zugeordnet werden. Die Voraussetzung für diese Übernahme ist die Äquivalenz
von Sememen des deutschen und des fremden Wortes. So hat zum Beispiel: das
Wort Akademiker im Deutschen (DDR) neben der herkömmlichen Bedeutung
”Person mit (abgeschlossener) Hochschulbildung” eine aus dem Russischen
entlehnte Neubedeutung “Akademiemitglied eines sozialistischen Landes
außerhalb der DDR”. Eine Lehnbedeutung aus dem Russischen ist
“Arbeitskollektiv” in der semantischen Struktur des Wortes Brigade; - Mitglied
einer sozialistischen Kinderorganisation in der semantischen Struktur von Pioner.
In all diesen Fällen ist auch das vorherige Semen erhalten geblieben, die
Lehnbedeutungen sind als neue Sememe aufgenommen worden. Dass sie dabei die
Beschränkungen (Pioner, Brigade) 10 in den Hintergrund gedrängt haben, erklärt
sich aus der Bedeutsamkeit der Denotate in unserer Gesellschaft.
Lehnbedeutungen können aber auch eine Umbildung von Sememen zur
Folge haben. Sememe übernehmen zusätzliche Seme, oft konnotativen Charakters.
So übernahm vorchristliches Wortgut unter dem Einfluss des Christentums
Bedeutungselemente der lateinischen Äquivalente. Von diesen Formen der
Übernahme sind die Bezeichnungsexotismen zu unterschieden. Sie werden zur
Benennung fremder Gegebenheiten, Einrichtungen genutzt: Kopeke, Dollar, Cent,
Prawda, Kreml, Wallstreet, Pravo [10, S.56].

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KAPITEL II. VERBUND ZWISCHEN DER SPRACHGESCHICHTE
UND DAS POLITISCHE LEBEN DEUTSCHLANDS (AM BEISPIEL DER
ENTLEHNUNGEN)
In der Erforschung der deutschen Sprachgeschichte ist der Entlehnung von
Wörtern und Wortinhalten aus anderen Sprachen immer eine besondere
Aufmerksamkeit gewidmet worden, weil die Entstehung und Entwicklung einer
europäischen Kultursprache zum großen Teil auf zwischensprachlichen
Beziehungen beruht. In der Deutschen Wortgeschichte von Fr. Maurer und Fr.
Stroh finden sich für jede Epoche Abschnitte über Lehnbeziehungen, von den
ältesten römischen Lehnwörtern bis zum angloamerikanischen Einfluß unserer
Zeit. In der Sprachpflege und Sprachkritik haben diese Fremdspracheinflüsse
ebenfalls eine große Rolle gespielt. Aber da sprach man nicht von Lehnwörtern,
sondern von Fremdwörtern, obwohl man weithin dasselbe meinte. Eine Klärung
dieser terminologischen Verwirrung ist in Deutschland bis heute nicht möglich
gewesen, weil in einem Land, in dem jahrhundertelang in der Sprachpflege der
Kampf gegen fremdsprachliche Einflüsse im Vordergrund gestanden hat und mit
Gesinnungsbildung verknüpft war, der politische Affekt die sachliche Diskussion
behindert hat. Seit über 30 Jahren ist in Deutschland die Sprachreinigung kein
öffentliches Anliegen mehr. Die gelegentlichen späteren sehr zurückhaltenden und

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vorsichtig abwägenden Meinungsäußerungen haben keine grundsätzliche Klärung
gebracht. Ohne die Frage nach den Ursachen dieser Stille nach dem Sturm ist aber
die methodologische Besinnung nicht möglich, die die Sprachpflege ebenso wie
die Sprachwissenschaft heute nötig hat. Der sprachwissenschaftlichen Erörterung
der Fremdwort/Lehnwortfrage soll daher ein historischer Überblick vorangestellt
werden, der mit der gebotenen Offenheit die Entwicklung des öffentlichen
Kampfes gegen Fremdwörter, besonders in seiner letzten Phase, in Erinnerung
rufen soll.
Die von ihren Gegnern Purismus genannte Sprachreinigungsbewegung hat
sich in Deutschland - wie in anderen Ländern - immer im Zusammenhang mit einer
politischen Aktivierung des Nationalgefühls zu Höhepunkten gesteigert: nach dem
Dreißigjährigen Krieg, nach dem Niedergang der Napoleonischen Herrschaft, nach
der Reichsgründung von 1871 und beim Ausbruch des l. Weltkrieges. In
Deutschland wurde dieser Kampf gegen den fremdsprachlichen Einfluss besonders
heftig geführt, da die sprachsoziologische Entwicklung des Deutschen vom
Mittelalter her bis ins 18. Jahrhundert von der kulturellen Vorherrschaft des
Lateins und des Französischen belastet war. Im 19. Jahrhundert kam in
Deutschland zur nationalen Motivierung der Sprachreinigung noch ein
kleinbürgerlich-demokratisches Unbehagen am akademischen Fremdwortstil
hinzu, in dem man Bildungsprivilegien vermutete. Der 1885 gegründete
Allgemeine Deutsche Sprachverein begann seine Arbeit in diesem zweifachen
Sinne mit der Fremdwortverdeutschung. Er hat in der Zeit um die
Jahrhundertwende viel praktische Arbeit geleistet und beachtliche Erfolge gehabt
in der Verdeutschung vieler Fremdwörter im Sachwortschatz des öffentlichen
Lebens.
Vor dem Hintergrund dieser praktischen Verdeutschungsarbeit steigerte sich
damals die kulturpolitische Polemik der Puristen und Antipuristen. Zunächst stieß
die Fremdwortjagd auf den heftigen Widerstand vieler bedeutender Schriftsteller
und Gelehrter. Die Universitätsgermanistik war damals geteilter Meinung über den
Sprachverein und seine Aktivität. Sprachwissenschaftler wie Friedrich Kluge und

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Otto Behaghel haben ihn unterstützt; Literaturwissenschaftler wie Erich Schmidt
und Gustav Roethe haben ihn leidenschaftlich bekämpft. Gegen das akademische
Welsch im allgemeinen und Roethe im besonderen ist in der Zeit vor und während
des l. Weltkrieges der Publizist Eduard Engel zu Felde gezogen. Schon bei ihm
zeigt sich ein militant-chauvinistischer Purismus, der in der Tonart selbst von den
nationalsozialistischen Sprachreinigern nicht mehr überboten werden konnte.
Engel ereiferte sich über die “grenzenlose ausländernde Sprachsudelei”, über die
“sprachliche Entvolkung Deutschlands”, über das “Krebsgeschwür am Leibe
deutscher Sprache, deutschen Volkstums, deutscher Ehre”, über die “Schändung
der schönsten Sprache der Welt”. Er bezeichnete den Fremdwortgebrauch als
“geistigen Landesverrat” und forderte: “Nur ein deutschsprechendes deutsches
Volk kann Herrenvolk werden und bleiben.” [4, S.76]
Auf diese Periode des chauvinistischen Sprachpurismus der
Wilhelminischen Zeit folgte nach dem l. Weltkrieg eine Ernüchterung. Die
Verteidiger des Fremdwortes kamen wieder zu Wort mit dem Argument,
Wortentlehnungen seien nützlich und notwendig für internationale
Kulturbeziehungen und Völkerverständigung. In der Zeitschrift des Sprachvereins,
der Muttersprache, aber stieg die Fieberkurve des Purismus im Laufe der
zwanziger Jahre allmählich wieder an. Ihren Höhepunkt erreichte sie erst nach
1933.
Die Aufrufe zur allgemeinen Sprachreinigung, die der Vorstand des
Sprachvereins im Jahre 1933 in der Muttersprache und in der Tagespresse ergehen
ließ, waren in der Tonart zunächst noch recht maßvoll, verglichen mit jenen
chauvinistischen Formulierungen Eduard Engels aus der Zeit des l. Weltkrieges.
Der Vorsitzer, Richard Jahnke, und einige Beiträger der Zeitschrift brachten sogar
den Mut auf, auch den fremdwortreichen Redestil der obersten Naziführer und vor
allem Hitlers zu kritisieren. Man richtete aus “heißer Vaterlandsliebe” Bitten an
den “Führer” und die Partei, Fremdwörter wie Propaganda, Organisation, Garant,
avisieren, Konzen'trationslager, Sterilisation usw. zu vermeiden. Man hoffte mit
dieser Sprachkritik dazu beitragen zu können, “daß die Gedanken unserer Führer

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dem Volke immer klarer erkennbar warden”. Daß der Gebrauch bestimmter
Fremdwörter in politischer Agitation oft absichtlich dazu dient, die Gedanken der
Herrschenden gerade nicht für alle erkennbar zu machen, davon ahnten die
deutschtümelnden Sprachreiniger offenbar nichts. Man war in der Illusion
befangen, den Nationalsozialismus mit dieser Fremdwortkritik fördern zu können,
weil man in der rechtsradikalen Diktatur nichts anderes als die Erfüllung
romantischer Deutschtumsträume sah.
Die politisch naive Sprachkritik dieser Vereinsmitglieder wurde in den
Jahren 1934 und 1935 allmählich zurückgedrängt, nicht zuletzt durch die recht
sophistischen Erklärungen der beiden akademischen Philologen unter den
Vorstandsmitgliedern, in denen der Fremdwortgebrauch des 'Führers' und der
Partei entschuldigt wurde. Der Berliner Germanist Arthur Hübner gestand Hitler
den “genialen Gedanken” zu, mit dem Gegner in dessen eigener Sprache zu reden,
nämlich in der “entdeutschten und verausländerten Sprache des marxistischen und
demokratischen Parlamentarismus”; und der Gießener Germanist Alfred Götze
wollte den Fremdwortgebrauch “unserer vaterländischen Bewegung” von der
Sprachreinigung ausgenommen wissen, da er “wohlerwogener staatsmännischer
Absicht” entspringe.
Nach dieser Ausklammerung der obersten Naziführer und der Partei kam der
Purismus des Sprachvereins zu aktivistischer Wirkung in der Öffentlichkeit, vor
allem nach der Wahl des neuen Vorsitzers Rudolf Buttmann, der sich als alter
Nationalsozialist darum bemühte, “den Deutschen Sprachverein in dieser
Kampffront an der richtigen Stelle einzuschalten”. Der Sprachverein wurde zur
“SA unserer Muttersprache”, wie es ein Autor der Muttersprache einmal
ausdrückte. Man wandte sich mit Denkschriften, Empfehlungen und Aufrufen an
die Behörden des Reiches und der Länder und an die Presse: Die Schriftstücke der
Ämter und Gerichte sollten künftig nur noch in einer “volksnahen”,
fremdwortfreien Sprache abgefasst werden; Vortragende im Rundfunk, die zu viele
Fremdwörter gebrauchen sollten “belehrt” und widrigenfalls “nicht mehr
zugelassen warden” deutsche Waren sollten nur noch mit deutschen

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Bezeichnungen patentiert und angeboten werden; Undeutsche Ladenschilder und
fremdsprachlicht Bezeichnungen auf Speisekarten hätten zu verschwinden;
Gasthofnamen und die Platzbezeichnungen in Theatern sollten verdeutscht werden.
Sportvereine, die “nicht deutsch sprechen wollen”, dürften keine Förderung
erhalten. Für all das und noch mehr forderte der Sprachverein Verordnungen und
bot dafür unentgeltlich sprach- und sachkundige Helfer an. Das Echo bei den
angesprochenen Stellen kam schnell und war positiv. Von den Nazigrößen haben
sich Göring, Frick und Darre offenbar persönlich für diese amtliche Verdeutscherei
eingesetzt. Aber von Hitler, Goebbels und Himmler verlautete zu dieser Frage
zunächst nichts.
Auch auf einer höheren Ebene, der akademischen, wurde in den Jahren nach
1933 in der Muttersprache eine Sprachreinigungskampagne geführt. In
hochtönenden Aufrufen wandten sich Alfred Götze und der Gießener Soziologe
(Gruppgeistwissenschaftler) Hans L. Stoltenberg an die deutschen
Hochschullehrer. Die 'Entwelschung' der deutschen Wissenschaftssprache, die
Eduard Engel so leidenschaftlich gefordert hatte, glaubten sie jetzt verwirklichen
zu können. Sie hatten aber keinen nennenswerten Erfolg damit [11, S.14-15].
Der deutsche Sprachpurismus hat dann noch eine höchste, letzte Stufe
erreicht: die antisemitische, und zwar erst seit dem Jahre 1936. Bis dahin wollte
man die Fremdwörter aus der deutschen Sprache entfernen, weil man darin
Überreste einstiger Fremdherrschaft über die Deutschen zu sehen glaubte oder ein
Zeichen unwürdiger Unterwerfung der Deutschen selbst. Dieser Kampf um
deutsche Art und deutsches Wesen richtete sich gegen die alte kulturelle
Übermacht des Lateins, des Griechischen und des Französischen. Das waren Ziele
und Motive, die sich noch kaum von dem unterschieden, was die deutschen
Puristen seit der Alamodezeit des 17. und 18. Jahrhunderts getan hatten. Nun kam
aber seit Anfang 1936 - also bald nach dem Inkrafttreten der 'Nürnberger Gesetze' -
ein neuer Gesichtspunkt hinzu: die rassistische Motivierung aus dem
Antisemitismus.

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Der erste, der diesen neuen Ton in die Spalten der Sprachvereinszeitschrift
hineingebracht hat, war der Germanist Alfred Götze. Ausgehend von der
Etymologie des Wortes keß, eines von Berlin ausgehenden Modewortes der
zwanziger Jahre, das aus der Gaunersprache und weiterhin aus dem Jiddischen
stammt, beklagt er sich über den Gebrauch von Wörtern jiddischer Herkunft:
“Gottlob haben wir wieder gelernt, daß wir Germanen sind. Wie verträgt sich
damit die Pflege einer im jüdischen Verbrechertum wurzelnden Unsitte? Auch auf
die Herkunft von Wörtern wie berappen, beschummeln, Kittchen, Kohldampf,
mies, mogeln, pleite, Schlamassel, Schmu, Schmus, schofel, Stuß und ihresgleichen
sollte sich der Deutsche nachgerade besinnen. Es ist seiner nicht würdig, seinen
Wortschatz aus dem Ghetto zu beziehen und aus der Kaschemme zu ergänzen.” -
Götze wollte diese Wörter nicht etwa bekämpfen, weil sie gegenwärtig einen
niedrigen Stilwert haben und niedere Dinge bezeichnen, sondern weil sie jüdischer
und gaunerischer Herkunft seien.
Damit hat ein deutscher Sprachgelehrter als erster die Forderung nach
Sprachreinigung auf Wörter ausgedehnt, die im Bewusstsein des philologisch nicht
vorgebildeten Teils der Sprachgemeinschaft zwar als unfeine Wörter der
Umgangssprache empfunden wurden, aber nicht als Fremdwörter oder jüdische
Wörter. Die Deutschen jüdischer Abkunft haben seit der Judenemanzipation um
1800 kaum mehr Jiddisch gesprochen, und die meisten dieser (z. T. sogar
irrtümlich) aus dem Jiddischen hergeleiteten Wörter waren seit dem 18. oder 19.
Jahrhundert in der Umgangssprache aller Deutschen geläufig. Der
methodologische Irrtum eines Philologen, man brauche zur Beurteilung des
gegenwärtigen Zustandes einer Sprache nur die Etymologie anzuwenden, d. h. die
Frage nach der Herkunft der Wörter, ohne Rücksicht auf ihren gegenwärtigen
stilistischen und sprachsoziologischen Gebrauchswert, hat hier eine politische
Wirkung gehabt, die uns noch heute Anlaß geben sollte, in der Methodik
gegenwartbezogener Sprachbetrachtung äußerste Vorsicht walten zu lassen.
Götzes etymologischer Beitrag blieb in der Sprachvereinszeitschrift nicht
ohne Folgen. Einige Autoren der Muttersprache versuchten, ihm mit ähnlichen

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Beiträgen nachzueifern. Dies artete bald - großenteils wohl unabhängig von Götzes
Anstoß - in eine allgemeine rassistische Motivierung der ganzen Sprachreinigung
aus. Ebenfalls im Jahrgang 1936 führte Walther Linden (Herausgeber der
Zeitschrift für Deutschkunde und Verfasser mehrerer Veröffentlichungen
antisemitischer Literaturgeschichte) den fremdwortreichen “geistigen Jargon” der
Zeit zwischen 1919 und 1933 auf jüdische und westeuropäische Einflüsse zurück,
die die deutsche Sprache “zersetzt” hätten. Und auf der Pfingsttagung des
Sprachvereins im Jahre 1937 in Stuttgart hielt der Erlanger Sprechkundeprofessor
Ewald Geissler den Hauptvortrag Sprachpflege als Rassenpflicht, der dann als
“Flugschrift Nr. L” des Deutschen Sprachvereins wie ein Vereinsmanifest
kostenlos angeboten wurde. Darin versuchte er jene Zersetzungs-These am
Fremdwortgebrauch moderner deutscher Schriftsteller jüdischer Abstammung wie
Th. Mann, Feuchtwanger, Werfel, Kerr, St. Zweig u. a. nachzuweisen und forderte
eine Aufnordung der deutschen Sprache durch den Kampf gegen jenes Deutsch,
das geheimes Jüdisch war.
Inzwischen hatte sich die blamable Krise des Sprachvereins schon
angekündigt: Die Verknüpfung von Sprachreinigung und Antisemitismus war in
der Muttersprache schon vor Geisslers Vortrag unwillkürlich ad absurdum geführt
worden durch einen Beitrag eines Vereinsmitgliedes, in dem mit Entsetzen
festgestellt wurde, daß jener große Vorkämpfer der NS-Puristen, Eduard Engel, ein
Jude war. Engel habe zu Unrecht die Fremdwortfrage “zum Maßstab
vaterländischer Gesinnung” und der “Deutschheit” hochgespielt. Jetzt auf einmal
wurde nicht mehr der Fremdwortgebrauch, sondern die Fremdwortjagd der
Puristen selbst als jüdische Angelegenheit aufgefasst. Dieser groteske Umfall eines
einzelnen Vereinsmitgliedes war nur ein Symptom für die nahende Krise des
Vereins. Der Sprachverein muss sich in den Jahren von 1933 bis 1937 eher
unbeliebt gemacht haben. Der Propagandaminister Goebbels hat auf der Berliner
Festsitzung der Reichskulturkammer am l. Mai 1937 die Sprachreiniger öffentlich
gerügt. Daraufhin sah sich der Vorsitzer des Vereins in der Eröffnungsansprache
der Stuttgarter Pfingsttagung zu einem Fußfall gezwungen. Er erklärte, der Kampf

20
des Vereins gelte “gar nicht in erster Linie, wie es irrtümlich immer wieder heißt,
dem Gebrauch von Fremdwörtern”. Er distanzierte sich von der “haltlosen
Verdeutscherei und Sprachschöpferei” und von der “Beurteilung vaterländischer
Gesinnung nach dem Fremdwörtergebrauch”. Von da an wurden die
Fremdwortpolemiken in der Muttersprache immer maßvoller und seltener. Man
wagte es bald auch, das “beschränkte Lebensrecht” des Fremdwortes zu
verteidigen; und im Krieg, als viele europäische Länder von deutschen Truppen
besetzt waren, besann man sich auf die “übervölkischen Aufgaben unserer
Sprache”. - Offiziell abgeblasen wurde die deutsche Fremdwortjagd schließlich
durch einen Erlass Hitlers vom 19. November 1940.
Dies war das Ende der deutschen Sprachreinigung, ein Ende durch Verbot
von selten der politischen Macht, der sie ja eigentlich hatte dienen wollen. Die
weitere Geschichte des Sprachvereins brauchen wir hier nicht zu verfolgen. Die
nach 1945 neugegründete Gesellschaft für deutsche Sprache und die heutige
Zeitschrift “Muttersprache” haben sich im Wesentlichen andere Ziele gesetzt, vor
allem im Bereich der Sprachprobleme des technischen Zeitalters. Wohl aber haben
wir heute nach den Ursachen für die soeben skizzierte Euphorie und Agonie des
deutschen Sprachpurismus zu fragen. Diese Ursachen kamen nicht von außerhalb,
sie können nicht aus politischem Zwang erklärt werden, sondern liegen an den
Wurzeln dieser kulturpolitischen Bewegung in ideologischen und
methodologischen Irrtümern der Sprachbetrachtung. Wir wollen uns deshalb hier
nicht mit der politischen Seite dieser Vorgänge beschäftigen, nicht mit dem
Verhältnis zwischen Nationalismus und Nationalsozialismus, zwischen
Untertanengeist und Mitläufertum, zwischen irrationaler Ideologie und rationaler
Praxis der Diktatur, obwohl dies alles in den äußeren Erscheinungsformen dieser
Entwicklung eine große Rolle gespielt hat. Daß die deutschtümelnden
Sprachkritiker - von den Wissenschaftlern bis zu den Freizeitphilologen unter den
Vereinsmitgliedern - damals der Verführung zur Sprachhysterie erlegen sind,
erklärt sich zum großen Teil aus der allgemeinen Methoden-Geschichte der
Sprachbetrachtung in Deutschland.

21
Der tragische Irrtum der Fremdwortjäger hat seine Ursache nicht zuletzt
darin, daß sie ein wirklichkeitsfernes Verhältnis zur Sprache hatten, während die
politischen Praktiker unter den Nationalsozialisten, die von der Sprachreinigung
nichts hielten, sehr wohl wussten, daß Sprache an Geltungen in der Gegenwart
gebunden ist und sich nur unter diesem Gesichtspunkt bewerten oder gar
manipulieren lässt. Die etymologisierenden Schwärmer des Sprachvereins dachten
nicht an das sprachstilistische und sprachsoziologische Hier und Jetzt der Wörter.
Für den irrationalen Nationalismus ist Sprache “kein Verständigungsmittel,
sondern ein nationales Idol, dem man möglichst ostentative Ehrenbezeugungen
erweisen soll und das man “mit der Forderung einer Echtheit belastet, die mit
menschlichen Zwecken nichts zu tun hat”. Viele Sprachreiniger glaubten - ähnlich
wie noch heute viele Sprachkritiker - die Sprache vor dem Sprachgebrauch der
Sprachgemeinschaft schützen zu müssen, als ob die Sprache ein mythisches Wesen
sei, dem die Sprecher zu dienen hätten. Die Sprache gehört vielmehr der
Sprachgemeinschaft und dient ihr als Verständigungs- und Ausdrucksmittel.
Vor allem waren die Sprachreiniger gewohnt, die Wörter des gegenwärtigen
Sprachgebrauchs nach ihrer Herkunft zu werten. Diese Gewohnheit erklärt sich
nicht allein aus einer nationalistischen Antipathie gegen fremde Sprachen, nicht
aus einer nur laienhaften Sprachauffassung; denn die wirklichen Laien - die
normalen, über die Sprache nicht nachdenkenden Sprachteilhaber - wissen im
Sprachverkehr nichts von Herleitungen und Etymologien. Da die meisten dieser
Sprachfreunde mehr oder weniger -mindestens während ihrer
Gymnasialschulbildung - durch die Schule der traditionellen Philologie gegangen
sind, handelt es sich bei der puristischen Sprachwertung um popularisierte und
pervertierte Wissenschaft, also um eine kultursoziologische Erscheinung, die etwas
mit der deutschen Bildungs- und Wissenschaftsgeschichte des vorausgegangenen
Jahrhunderts zu tun hat.
In diesem Zusammenhang muss auch danach gefragt werden, warum sich -
wie wir sahen - auch einige wenige Fachwissenschaftler und
Universitätsprofessoren an dem sprachpuristischen Rausch der ersten Nazijahre

22
maßgebend beteiligten, anstatt ihm mit dem Gewicht ihrer fachlichen Kompetenz
von vornherein Einhalt zu gebieten oder - wie die große Mehrheit der
Hochschulgermanisten - wenigstens zu schweigen. Dieses Verhalten kann man
nicht allein aus persönlichen politischen Haltungen oder aus einer Wirkung des
'Zeitgeistes' erklären. Es geht hier auch nicht um Personen und ihre Schicksale,
über die wir nicht zu richten haben. Was uns aber heute noch angeht, sind die
theoretischen und methodologischen Voraussetzungen für die Handlungen und
Entscheidungen des Wissenschaftlers, denn die Geschichte einer jeden
Wissenschaft ist in erster Linie eine Theorien- und Methodengeschichte, und
vulgärwissenschaftliche Aktivität nährt sich meist von der Methodik der
Wissenschaft, die durch sie pervertiert wird.
Die Wissenschaft von deutscher Sprache ist als Teil der Indogermanistik zu
Ende des 19. Jahrhunderts eine große, für die Sprachforschung der Welt
vorbildliche Wissenschaft gewesen, besonders durch die Leipziger Schule der sog.
“Junggrammatiker”. Von ihren Methoden und Ergebnissen, vor allem auf den
Gebieten der Phonetik, der historischen Laut- und Formenlehre, der Etymologie,
der Erforschung vor- und frühgeschichtlicher Sprachverwandtschaften und der
philologischen Textkritik, zehrt die Sprachwissenschaft noch heute; und sie wird
ihnen weiterhin verpflichtet bleiben müssen, allerdings nicht in der einseitigen
Weise, wie weithin in der deutschen Germanistik das kanonisierte Erbe der
historisch-philologischen Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts gehütet worden
ist. Schon in der Zeit der Junggrammatiker wurde einigen Sprachforschern
deutlich, daß die ausschließlich diachronisch-ableitende, die Einzelelemente
isolierende Sprachbetrachtung aufgrund schriftlicher Texte aus längst vergangenen
Zeiten noch nicht die ganze Sprachwissenschaft sein konnte. Man fand neue
methodische Wege vor allem in der romanistischen und germanistischen
Sprachgeographie, wo man darauf achten lernte, daß es bei der Untersuchung des
Zustandes einer lebenden gesprochenen Sprache vielmehr auf soziologische und
strukturelle Beziehungen ankommt.

23
Deutschland ist das Land der Fremdwörterbücher, nicht etwa weil es im
Deutschen mehr “Fremdwörter” gäbe als in anderen modernen Kultursprachen,
sondern weil man lange Zeit vieles von dem in die “Fremdwörterbücher” verbannt
hat, was in anderen Ländern als “Lehnwörter” in normalen Wörterbüchern oder
zusammen mit anderen “difficult words” in Spezialwörterbüchern des Fach- und
Bildungswortschatzes gebucht wird. Während die Lexikographen der
Aufklärungszeit darin nicht so zurückhaltend waren, hat man in Deutschland nach
dem Übergang von der synchronisch-normativen zur diachronisch-historischen
Sprachwissenschaft im 19. Jahrhundert den meisten erst in den vorangegangenen
zwei Jahrhunderten entlehnten Wörtern den Status des “Lehnwortes” und damit
den Platz in einem deutschen Wörterbuch aberkannt. Der sprachliche Begriff
'deutsch' wurde einseitig diachronisch aufgefasst.
Das einseitig diachronische Denken hat etwas mit Historismus und
Konservatismus zu tun. Es gibt Parallelen in anderen Bereichen. Man hat in
Deutschland auch im sozialen und politischen Leben zu viel nach der Herkunft
gefragt und die Gegenwart aus der Vergangenheit gedeutet. So wie es irrig und
gefährlich ist, eine Gesellschaftsstruktur nach der Herkunft der Einzelpersonen und
ihrer Vorfahren zu bestimmen, so ist es sprachwissenschaftlich falsch und nutzlos,
die Wortschatzstruktur einer lebenden Sprache nach der Herkunft der Einzelwörter
zu gliedern. Der ganze Sprachpurismus beruht auf dem methodologischen Irrtum
der Vermischung von Diachronie und Synchronie. Die Gegenüberstellung von
Fremdwörtern und Lehnwörtern einerseits und Erbwörtern andererseits hat ihren
Sinn in der diachronischen Sprachbetrachtung, deren Berechtigung keineswegs in
Frage gestellt werden darf. Diachronisch ist auch nicht identisch mit historisch;
auch innerhalb der historischen Sprachforschung ist zwischen Sprachwandel
(Diachronie) und Sprachzustand (Synchronie) zu unterscheiden. Es ist für die
Erforschung der deutschen Sprach- und Kulturgeschichte notwendig, zu wissen,
aus welchen Fremdsprachen, zu welcher Zeit, in welchem Umfang, in welchen
Sachgebieten, mit welchen kulturellen Wirkungen Wörter in die deutsche Sprache
entlehnt worden sind. Aber Sprachgeschichte und gegenwartbezogene

24
Sprachbetrachtung sind etwas Verschiedenes. Bei der synchronischen
Sprachbetrachtung, die nach dem gegenwärtigen Zustand und inneren Gefüge einer
Sprache fragt, spielen die Kategorien Fremdwort und Lehnwort nur eine ganz
untergeordnete Rolle, wie schon de Saussure erkannt hat. Hier gelten andere
Gruppierungen, nämlich semantische, stilistische und vor allem
sprachsoziologische.
Die herkömmliche Definition des Unterschiedes zwischen Fremdwort und
Lehnwort nach dem formalgrammatischen Prinzip der graphischen, phonetischen
und flexivischen Angleichung ist unbefriedigend: Danach wären z. B. allgemein
gebräuchliche Wörter wie Lexikon und Atlas wegen ihrer besonderen Pluralbildung
Fremdwörter und seltene Fachwörter wie Enzyklopädie oder Foliant wegen ihrer
normalen deutschen Pluralbildung Lehnwörter. Das Fremdwort/Lehnwortproblem
kann mit solchen äußerlichen Kriterien des Wortkörpers nicht gelöst werden. Es
kommt im gegenwärtigen Zustand einer Sprache vielmehr darauf an, von wem ein
Wort benutzt wird, gegenüber welchem anderen Sprachteilhaber, in welcher
Sprech- oder Schreibsituation, mit welchem Sachbezug, in welchem Kontext, mit
welcher Stilfärbung und vor allem mit welcher Bedeutung im Verhältnis zu den
Bedeutungen der anderen Wörter des Wortfeldes, in dem das entlehnte Wort
seinen Platz gefunden hat [16, S.126].
Lehnwörter im synchronischen Sinne sind dagegen alle Wörter
fremdsprachlicher Herkunft, die mindestens in einer größeren Gruppe von
Sprachteilhabern zum üblichen Wortschatz gehören. Sie lassen sich synchronisch
in verschiedene sprachsoziologische Kategorien des heutigen deutschen
Wortschatzes einordnen. In eine erste Kategorie gehören Wörter, die nur von
akademisch Gebildeten verwendet und auch oft nur von solchen verstanden oder
richtig verstanden werden, z. B. formell, formal, formulieren, uniform, konform,
nonkonformistisch. Das sind übliche Wörter des Bildungswortschatzes,
sprachsoziologisch an ein gewisses Maß akademischer Bildung gebunden, aber
nicht an bestimmte Fachbereiche. Vielen von denen, die nicht zu dieser
fremdsprachgebildeten Gruppe von Sprachteilhabern gehören, sind sie genauso

25
'fremde' Wörter wie viele aus altdeutschen Bestandteilen geprägte Wörter der
Gebildetensprache, z. B. Gattung, Gefüge, Gepräge, Gesittung, Wesenheit,
Unfehlbarkeit, Gegebenheit. Der 'fremdwortarme' Stil eines Heidegger ist für
philosophisch nicht Vorgebildete durchaus nicht leichter verständlich als der von
Puristen kritisierte Fremdwortstil eines Jaspers. Der akademische
Bildungswortschatz ist einem großen Teil der Sprachgemeinschaft nicht allein
deshalb so fremd, weil er so viele Fremdwörter enthält, sondern weil er eine für
den weniger gebildeten Sprachteilhaber viel zu große Zahl von Wortstämmen und
Wortbildungsmitteln benutzt, die weit über die Grenzen der Gemeinsprache
hinausgeht. Im Englischen spricht man von difficult words.
Eine zweite Kategorie von Lehnwörtern gehört synchronisch zum
Fachwortschatz bestimmter Berufe und Sachgebiete. Was eine Formation in der
Landschaft ist, weiß nur der geologisch gebildete, was Formalismus ist, nur der
Kunst- und Literaturverständige, was ein Format ist, nur der Akustiker, was eine
Formerei ist, nur der Fachmann der Gießereitechnik, was ein Formsieg ist, nur der
Fußballkundige. Auch viele deutsch gebildete Wörter der Fachsprachen sind dem
Nichtfachmann fremd (z. B. Lautverschiebung, Verhältniswort,
Umstandsergänzung, Lehnbildung). Lexikalische Fremdheit ist eine
sprachsoziologische Erscheinung, die nicht auf Wörter fremdsprachlicher Herkunft
beschränkt ist.
Schließlich bleibt noch die Kategorie der Lehnwörter, die allen mit den
wichtigen Dingen des öffentlichen Lebens hinreichend vertrauten Sprachteilhabern
nicht nur bekannt sind, sondern auch zu ihrem aktiven Wortschatz gehören, also
dem Gemeinwortschatz zugerechnet werden können, z. B. Formular, Formel,
Format, formlos, unförmig, formen, Uniform, Reform, Information. Das Alter der
Entlehnung spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Eine erst in den letzten
Jahrzehnten über den Sportjargon aus dem Englischen neuentlehnte Wendung wie
in Form sein kann heute bereits als gemeinsprachlich angesehen werden, während
damit zusammenhängende Weiterbildungen wie formmäßig. Formverlust,
Formsteg, Formtraining noch auf die Fachsprache der Sportler und Sportfreunde

26
beschränkt sind. Viele der jüngsten Entlehnungen aus dem Englischen, wie
Manager, Babysitter, Hobby, Party, fair, Playboy, Sex, sind heute schon Wörter
der Gemeinsprache, während andere, wie Feature, Live-Sendung, Foul, Computer,
Disengagement, Ghostwriter, noch auf Fachsprachen oder, wie handicap,
Understatement, gentleman, image, noch auf die Gebildetensprache beschränkt
sind.
Eine genauere Scheidung zwischen solchen (und weiteren) soziologisch-
stilistischen Kategorien von Lehnwörtern wird erst nach umfangreichen
statistischen Untersuchungen möglich sein. Es werden auch dann noch weite
Bereiche mit fließenden Übergängen übrigbleiben, wie überall in der sich ständig
wandelnden Sprache. Es darf aber für die große Masse der eindeutigen Fälle
grundsätzlich gelten, daß das Lehnwortproblem in erster Linie eine
gruppensprachliche Erscheinung ist. Wir leben heute zwar im Zeitalter der
genormten und vereinheitlichten Sprache; wir sind durch die orthographische,
phonetische und morphologische Normierung und durch die klassisch-
literatursprachliche Stilnorm gewohnt, die Vielfalt des Sprachgebrauchs nach der
Alternative 'richtig'/'falsch' oder 'gut'/ 'schlecht' zu bewerten und die deutsche
Sprache als eine Einheit zu sehen. Diese grobe Vereinfachung des modernen
Sprachlebens täuscht darüber hinweg, daß es besonders im Wortschatz auch heute
noch sprachsoziologische und stilistische Unterschiede innerhalb der deutschen
Sprache gibt: die Gruppenbildungen des Zeitalters der beruflichen Spezialisierung,
der institutionalisierten Bildungswege und der Interessenunterschiede.
Die Aufgaben des abstrakten Denkens und der Begriffsdifferenzierung
können längst nicht mehr mit dem Gemeinwortschatz allein bewältigt werden.
Wissenschaftler und andere Fachleute haben seit Jahrhunderten an ihren
Terminologien gearbeitet und dabei fremde Sprachen zu Hilfe genommen. So ist es
heute nicht verwunderlich, wenn nicht jeder Sprachteilhaber im Wortschatz aller
sprachsoziologischen Gruppen und aller Stilarten zu Hause sein kann. Aber
seitdem jeder auf bequeme Weise durch die modernen Massen-
kommunikationsmittel mit dem Sprachgebrauch so vieler und so verschiedener

27
Fach- und Sachgebiete in tägliche Berührung kommt und seitdem das öffentliche
Leben weitgehend verschriftlicht, also das Gesprächspartner-Verhältnis in vielen
öffentlichen Kommunikationssituationen auf das stumme Gegenüber von
Schreiber und Leser reduziert worden ist, scheint das Verhältnis zwischen
Gemeinsprache, Bildungssprache und Fachsprachen problematisch geworden zu
sein: Der Leser, Fernsehzuschauer und Rundfunkhörer kann nicht zurückfragen
wie der Gesprächsund Verhandlungspartner.
Wenn die Sprachreiniger seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eine
unabsehbare neue Welle von sog. Fremdwörtern die deutsche Sprache überfluten
sahen, so haben sie mit dem Kriterium der fremdsprachlichen Herkunft der Wörter
nur ein äußerliches Symptom für die umfassende sprachsoziologische
Umschichtung erkannt, für die Übersättigung des Gemeinwortschatzes durch den
sich unübersehbar vermehrenden Bildungs- und Fachwortschatz. Wahrscheinlich
hat heute bei vielen mit sprachlichen Reizen überfütterten normalen
Sprachteilhabern der halbverstandene passive Wortschatz ein zu starkes
Übergewicht über den aktiven. Hier liegen die Gefahren der modernen
Wortschatzentwicklung, nicht so sehr in der Entlehnung von Wörtern und
Wortbildungsmitteln aus fremden Sprachen.
Die Sprachreiniger waren der Meinung, auch die vielen neuen Wörter der
Bildungssprache und der Fachsprachen könnten doch ebenso gut (oder für die
Verständlichkeit noch besser) aus dem Stoff des Erbwortschatzes gebildet werden.
Nach diesem Prinzip würde aber alles Neue immer nur vom alten Bestand
abgeleitet. Es entstünden dadurch noch mehr umständliche Ableitungen und
mehrgliedrige Zusammensetzungen, und die alten Wortstämme würden dadurch
und durch übertragenen Gebrauch mit immer neuen Bedeutungen überlastet. Man
denke nur an die Polysemie des Wortes und Wortstammes Geschlecht ('Familie',
'Dynastie', 'Generation', 'Spezies', 'Genus', 'Sexus'). Was müßten wir mit unseren
Wörtern Gesellschaft, Verein, Gruppe, Gemeinschaft, Gemeinde alles anstellen,
wenn wir Lehnwörter wie sozial, Soziologie, Sozialismus, Kommunismus,
kommunal, Partei, Zirkel, Club, Team, Party nicht hätten! Keine moderne

28
Kultursprache kann sich bei der Weiterentwicklung ihres Wortschatzes mit dem
traditionellen Vorrat an Grundwortstämmen begnügen.
Es ist immer wieder behauptet worden, Wörter und Wortstämme aus
anderen Sprachen seien semantisch grundsätzlich weniger leistungsfähig als solche
aus dem alten Erbwortschatz, weil sie innerhalb der deutschen Sprache
etymologisch isoliert seien. Für die synchronische Betrachtung der
Sprachstruktur .handelt es sich hier um den Unterschied zwischen
innersprachlicher Motiviertheit und Unmotiviertheit der Wörter. Gewiss wirkt sich
die diachronische Tatsache der Entlehnung auch synchronisch auf die semantische
Wortstruktur aus. Viele Lehnwörter bleiben unmotiviert, d. h. sie stehen innerhalb
des Deutschen in keiner Wortbildungsbeziehung, sind nicht 'ableitbar': z. B.
Problem, Balkon, Hobby. Sobald aber Lehnwörter und vor allem Lehnwortstämme
wortbildungsmäßig produktiv werden, erhalten ihre Ableitungen auch innerhalb
des deutschen Wortschatzes eine Motivierung, wobei sich aber die
sprachsoziologischen Unterschiede stark auswirken. Für viele Sprachteilhaber sind
z. B. Lehnwortbildungen wie Auto(mobil), Autogramm und Automat unmotivierte
Wörter; sie lernen und beherrschen sie wie alle anderen unmotivierten Wörter der
deutschen Sprache. Für den, der am akademischen Bildungswortschatz oder am
Fachwortschatz bestimmter Berufe und Sachgebiete teilhat, sind sie dagegen voll
oder teilweise motiviert. Nicht so sehr, weil er Griechisch gelernt hat - das haben
nicht alle Gebildeten und Fachleute -, sondern weil in seinem in bestimmter
Richtung erweiterten Sprachbesitz noch eine Reihe weiterer Wörter mit dem
gleichen ersten Bestandteil danebensteht: z. B. Autobiographie, autochton,
Autodidakt, Autograph, Autokratie, Autonomie, Autopsie, Autotypie usw., Wörter,
für deren zweite Bestandteile er ebenfalls in vielen Fällen semantische
Querverbindungen innerhalb des eigenen Wortschatzes findet und zu denen er
selbst bei Bedarf nach bestimmten Wortbildungsmustern weitere ähnliche
Fachtermini bilden kann. Das Element auto ist für solche Sprachteilhaber ein
kleinstes Sinnelement, ein Lexem ihres Wortschatzes, nicht weil sie es

29
diachronisch vom Griechischen ableiten können, sondern weil dieses Element in
ihrem Wortschatz strukturell gruppenbildend wirkt.
Das gilt auch für Lehnwortstämme, die in der Gemeinsprache
gruppenbildend geworden sind. Das aus dem Latein entlehnte Präfix re- z. B. ist
für den normalen Sprachteilhaber unmotiviert, ist kein Lexem, sondern nur eine
Phonemfolge ohne Sinn, z. B. in Wörtern wie Restaurant, Reklame, Religion,
Revolution, Revolver, Respekt, Referat, referieren, Register, registrieren. Diese
Wörter sind unmotivierte, unteilbare Lexeme der deutschen Gemeinsprache.
Anders verhält es sich bei Wörtern wie Reproduktion, Rekonstruktion,
Remilitarisierung und den dazugehörigen Verben. Hier ist das re- auch für den des
Lateins Unkundigen ein motivierendes Element seines Wortschatzes, weil das re-
in diesen Wörtern überall die gleiche Bedeutung ('wieder, zurück') hat und weil der
zweite Bestandteil dieser Wörter jeweils auch sonst in seinem Wortschatz in
gleicher Bedeutung vorkommt, nämlich in: Produktion, produzieren, Produkt,
produktiv;Konstruktion, konstruieren; Organisation, organisieren;
Militarisierung, militarisieren, militärisch, Militär. Beide Bestandteile dieser re-
Wörter sind Lexeme der deutschen Gemeinsprache. Von solchen voll motivierten
Wörtern her wirkt das re- auch da motivierend, wo es zwar die gleiche Bedeutung
hat, aber der zweite Bestandteil nicht motiviert ist: z. B. reparieren, restaurieren,
renovieren, revidieren, reklamieren, rehabilitieren. Das sind teilmotivierte Wörter
der deutschen Sprache des öffentlichen Lebens. Die semantischen
Strukturbeziehungen sind also bei den unmotivierten Wörtern Restaurant und
Reklame anders als bei den teilmotivierten Wörtern restaurieren und reklamieren.
Mit nur diachronischer Sprachbetrachtung, mit der bloßen Ableitung aus
Fremdsprachen, würde man diese strukturelle Integration vieler
Lehnwortbildungen im heutigen Deutsch nicht erkennen.
Ebenso ist es bei den Lehnsuffixen. Der Anglist und Sprachwissenschaftler
Hans Marchand, der das beste Handbuch der englischen Wortbildungslehre
geschrieben hat, weist in einem grundlegenden Aufsatz zur Methodik der
Wortbildungslehre mit Recht darauf hin, daß die vorwiegend diachronische

30
Anordnung des Materials in Handbüchern zur deutschen Wortbildungslehre “die
Behandlung von Wörtern mit aus Fremdsprachen stammenden Bestandteilen
systematisch vernachlässigt, in der Annahme, nur Morpheme germanischen
Ursprungs hätten einen legitimen Anspruch auf einen Platz in der deutschen
Wortbildungslehre”. So zählt Walter Henzen in seiner Deutschen Wortbildung nur
auf einer halben Seite unter der Überschrift “Personalbezeichnungen mittels
fremder Suffixe” einige Wörter auf -ist, -ant, -aster, -ian, -ikus auf, ohne zu
unterscheiden, welche verschiedenartige synchronische Wortbildungsstruktur sie
innerhalb des heutigen deutschen Wortschatzes haben. Bei den Wörtern auf -ant z.
B. gibt es eine Reihe, bei denen dieses -ant innerhalb des Deutschen unmotiviert,
also kein Lexem der deutschen Sprache ist: Bacchant, Pedant, Sergeant, Leutnant,
Adjutant. Diese Wörter sind im Deutschen genauso unmotivierte Lexeme wie
Gigant, Garant, Trabant, Elefant, Restaurant, Diamant, bei denen das -ant anderer
Herkunft ist. Die Bestandteile dieser Wörter spielen im deutschen
Wortbildungssystem keine Rolle. Anders ist es bei folgenden -ant-Wörtern, die
andere Wörter aus dem gleichen Wortstamm im Deutschen neben sich haben, bei
denen also das Suffix -ant ein deutsches Lexem ist, weil es hier in Opposition zu
anderen Suffixen steht:
Gratulant neben gratulieren, Gratulation,
Emigrant neben emigrieren, Emigration,
Demonstrant neben demonstrieren, Demonstration,
Repräsentant neben repräsentieren, Repräsentation,
Spekulant neben spekulieren, Spekulation,
Intrigant neben intrigieren, Intrige,
Musikant neben musizieren, Musik.
Hier, wie in noch vielen anderen Fällen, bestehen - genauso wie bei jedem
noch produktiven Suffix altdeutscher Herkunft - die Wortbildungsproportionen,
auf die schon Hermann Paul hingewiesen hat und die in der heutigen
Strukturlinguistik als die produktiven Wortbildungsmuster erforscht werden. Alle
diese -ant-Ableitungen sind nach dem Wortbildungsmuster "X + /ieren/ —> X

31
+ /ant/" gebildet und haben die gleiche Bedeutungsstruktur 'Täter der Handlung X',
während ein scheinbar ebenso gebildetes Wort wie Intendant nicht auf dieses
deutsche Wortbildungsmuster bezogen ist, denn der Intendant ist nicht einer, der
intendiert, was sich natürlich diachronisch daraus erklärt, daß die Wörter Intendant
und intendieren unabhängig voneinander und zu verschiedenen Zeiten ins
Deutsche entlehnt worden sind und deshalb, synchronisch gesehen, zwei
beziehungslose Lexeme des deutschen Bildungswortschatzes darstellen [9, S.30-
33].
Die Unterscheidung der Lehnwörter und Lehnwortbildungen nach ihrer
Motiviertheit und Unmotiviertheit innerhalb der heutigen deutschen
Wortschatzstruktur bedeutet nun durchaus nicht ihre Gruppierung in semantisch
leistungsfähige und weniger leistungsfähige Wörter. Es ist ein Irrtum, zu glauben,
unmotivierte Wörter hätten eine weniger klare Bedeutung als motivierte. Tausende
von Wörtern altdeutscher Herkunft sind unmotiviert (z. B. Tisch, Lied, Angst), aber
ihre semantische Leistung und ihre Stellung innerhalb der deutschen
Wortschatzstruktur wird dadurch keineswegs beeinträchtigt. Viele Wörter sind
auch falsch, irreführend oder unbefriedigend motiviert: Der Purzelbaum ist kein
'Baum', der Fahrstuhl kein 'Stuhl' (gemeint ist hier der Lift in einem Haus), der
Bierdeckel kein 'Deckel', der Aschenbecher kein 'Becher', und der Personenzug ist
in seinem Wortfeld neben Eilzug, Schnellzug, D-Zug nicht ein 'Zug, der Personen
befördert', sondern einer, der langsamer fährt und auf allen Stationen hält. Solche
Pseudomotivierung muß den semantischen Wert dieser Wörter nicht stören. Man
kann auch nicht behaupten, daß unmotivierte Lehnwörter wie Trottoirund Auto für
den normalen Sprachteilhaber semantisch weniger deutlich wären als die aus
altdeutschem Wortschatz ableitbaren und durch heutige Wortstämme motivierten
Wörter Bürgersteig und Kraftwagen. Und wenn sich wegen wortbildungsmäßiger
Behinderung ein Komplementärverhältnis wie das zwischen Anschrift und dem
Verb adressieren oder zwischen Kernwaffen und dem Adjektiv nuklear/atomar
herausgebildet hat, dann kann man nicht mehr sagen, daß adressieren und

32
nuklear/atomar einen minderen Kommunikationswert hätten als die möglichen
Ableitungen beanschriften, kernwaffenmäßig.
Die synchronische Ableitbarkeit von Wörtern ist nach de Saussure nur eine
“relative Motiviertheit des sprachlichen Zeichens”, die immer nur bei einem Teil
des Wortschatzes vorhanden sein muß, also nicht eine notwendige Bedingung des
Zeichencharakters ist. Sie ist nur eine “Einschränkung der Beliebigkeit”, die “zum
Wesen des sprachlichen Zeichens gehört”. Wir lernen und beherrschen die
Bedeutungen der meisten Wörter nicht so sehr nach den Eselsbrücken der
Ableitbarkeit, sondern nach den durch Sprachverkehr erfahrenen Begriffen, die im
Sprachbesitz der Sprachgemeinschaft oder der Sprechergruppen durch
stillschweigende Übereinkunft mit den Wortkörpern im sprachlichen Zeichen
verbunden sind. Und diese erfahrenen Begriffe sind gefestigt durch die strukturelle
Beziehung jedes Wortes zu seinen Wortfeldnachbarn und zu seinen üblichen
Kontextpartnern.
Die Beziehungen der Wörter zu ihrem pragmatischen und sozialen Kontext
sind der entscheidende Gesichtspunkt, unter dem die Rolle der Lehnwörter in der
Sprache und im Sprachgebrauch betrachtet werden muss und unter dem auch heute
noch - jenseits puristischer Sprachideologie - eine 'Fremdwortkritik' möglich und
notwendig ist. Es kommt sehr darauf an, ob Fachwörter und gelehrte Wörter in
einem Kontext verwendet werden, der ihre Bedeutung auf den sprachüblichen Sinn
hin bestimmt, und ob sie gegenüber Gesprächspartnern oder einem Publikum
verwendet werden, die aufgrund ihrer sprachsoziologischen Voraussetzungen diese
Bedeutungsbestimmung nachvollziehen können. Wo das nicht der Fall ist, wo mit
Undefinierten Wörtern aus gruppengebundenen Wortschatzbereichen eitler,
leichtsinniger oder böswilliger Missbrauch getrieben wird, wo sich ein Sprecher
solcher Wörter nur bedient, um Anderen mit Wortklängen zu imponieren, sie zu
täuschen oder zu verführen, da haben Sprachkritik und Spracherziehung ihre
wichtige Aufgabe. Eine sprachpragmatisch und soziologisch differenziertere
Stillehre haben wir im Zeitalter der Massenkommunikation weitaus nötiger als den

33
sinnlosen kulturpessimistischen Kampf gegen den Fach- und Bildungswortschatz
an sich.

KAPITEL III. LEXIKALISCHE ENTLEHNUNGEN IN DER


LITERATUR ALS WIEDERSPIEGELUNG DER DEUTSCHEN POLITIK

3.1. Politisierung der Literatur (1960er Jahre)

Die BRD war in den 60er Jahren von vielen innenpolitischen Krisen
betroffen, z.B. der Studentenrevolten bis hin zur wirtschaftlichen Stagnation. Die
sozialen Probleme der Gegenwart konnten nicht mehr außer Acht gelassen werden.
So kam es, dass die Trennung von Politik und Literatur in den 50er Jahren
aufgehoben wurde und in den 60er Jahren eine zunehmende Politisierung einsetzte.
Die politische Literatur der 60er Jahre hatte ein formal auffallendes Kennzeichen:
den Dokumentarismus. Authentische Dokumente wurden in der Literatur neu
verarbeitet. Dies wurde durch Montage von Zeitungsartikeln, Interviews,
Protokollen und anderen Dokumentarten erreicht. Zu den wichtigsten Vertretern
des Dokumentarischen Theaters gehörten Peter Weiss, Rolf Hochhuth und Heinar
Kipphardt (In der Sache J. Robert Oppenheimer, 1964). Der Roman in den 60er
Jahren wurde bestimmt von Autoren wie Böll, Martin Walser und vor allem
Günter Grass (Die Blechtrommel, 1959; Katz und Maus, 1961; Hundejahre, 1963).

34
Ende der 60er Jahre kam in literarischen Diskussionen immer wieder die Frage auf,
worin der Sinn der Literatur bestehe. Die Verbindung von Politik und Literatur
hatte nicht den gewünschten Erfolg der Autoren erreicht.
3.2. Günter Grass
Günter Grass wurde am 16. Oktober 1927 als Sohn eines kleinen
Ladenbesitzers und seiner Frau Helene Grass, welche genauer gesagt eigentlich
selber den Laden, ein Kolonialwarengeschäft, führte, in der freien Stadt Danzig
geboren. Sein Vater hatte zuvor in einer Papierfabrik gearbeitet und war dort
arbeitslos geworden.
Günter Grass ist Sohn einer gemischt nationalen Ehe. Sein Vater war
Deutscher, seine Mutter Kaschubin. Bei den Kaschuben handelt es sich um eine
kleine slawische Volksgruppe, welche im Danziger Raum lebt und alle
Wanderungsbewegungen überstanden hat.
Diese neben den Deutschen und Polen dritte Nationalität spielt eine große
Rolle in Grass’ Werk, soweit es sich auf Danzig bezieht. Grass sagte selbst einmal
in einem Interview „diese beiden Elemente [also die deutsche und die
kaschubische Nationalität] rivalisieren in mir“.
Günter Grass wuchs in relativ kleinbürgerlichen Verhältnissen in dem
Danziger Vorort Langfuhr auf. Dort besuchte Günter Grass zunächst die
Volksschule und dann das Gymnasium Conradium. Schon in seiner Schulzeit war
Grass Mitglied einer Buchgemeinschaft und ging es öfteren mit der Mutter ins
Theater. Mit 10 Jahren wurde Grass Mitglied des Jungvolkes, mit 14 wurde er in
die Hitlerjugend eingegliedert und mit 15 war er Luftwaffenhelfer. Das Kriegsende
erlebte Günter Grass nicht mehr in Danzig. Denn noch 1944 zog man ihn, den 17
jährigen Jungen, als Soldat, genauer gesagt als Panzerschütze, in den 2. Weltkrieg
ein.
Günter Grass war zwar nie ein richtiger Hitler - Anhänger oder ein
fanatischer Nationalsozialist, doch so absolut dagegen schien er allerdings
seinerzeit auch noch nicht gewesen zu sein. Denn er machte seine „Karriere“
während der NS - Zeit nicht widerwillig und seine politische Einsicht wuchs erst

35
nach dem Krieg, wenn auch erste Ansätze schon vorher vorhanden gewesen sein
müssen. So laß er neben Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ während der
Kriegsjahre auch Remarques streng verbotenes „Im Westen nichts Neues“,
welches in einem Bücherschrank seines Onkels Verbot und Verbrennung überlebt
hatte.
Günter Grass wurde 1945 an der Ostfront bei Cottbus verwundet und
gelangte von dort in ein Lazarett nach Marienbad in Böhmen. Somit geriet er hier
in amerikanische Kriegsgefangenschaft. In einem bayerischen Gefangenenlager
begann für Günter Grass die Bewältigung der Vergangenheit.
Aus Bayern ließ sich Günter Grass 1946 in ein britisches Gefangenenlager,
das Munsterlager in der Lüneburger Heide, verlegen. Aufgrund einer
Schulterverletzung wurde er vor einer längeren Kriegsgefangenschaft als
Bergarbeiter in Großbritannien bewahrt. Nach seiner Entlassung ging er mit einem
Mitgefangenen nach Köln zu dessen Mutter, da er von seinen Eltern noch keine
Nachricht erhalten hatte. Dort stieg er erst einmal auf Vermittlung der Mutter
seines Mitgefangenen in kleinere Schwarzmarktgeschäfte ein. Er war seinerzeit
unentschlossen ob er wieder aufs Gymnasium gehen sollte um das Abitur zu
machen. An die von ihm angestrebte Ausbildung als Bildhauer war in dieser Zeit,
welche vom täglichen Kampf gegen den Hunger bestimmt war, nicht zu denken.
Nach einem kurzfristigen Aufenthalt im Saargebiet ging Günter Grass nach
Göttingen, wo er nun doch noch sein Abitur nachholen wollte. Doch er fühlte sich
dort nicht sehr wohl und verließ die Schule bald wieder. Er wurde dann
Bergarbeiter in einem Kalibergwerk bei Hannover. Nachdem er dort schon fast ein
knappes Jahr gearbeitet hatte erhielt er endlich eine erste Nachricht von seinen
Eltern. Diese waren aus Danzig geflüchtet, hatten sich dann kurze Zeit in der
sowjetischen Besatzungszone aufgehalten und waren dann bei einem Bauern im
Rheinland untergekommen. Günter Grass zog zu seinen Eltern und seiner 16
jährigen Schwester ins Rheinland. In den Jahren 1946 bis 1949 machte er eine
Steinmetz- und Steinbildhauerlehre.

36
Ab dem Wintersemester 1949 studierte Grass an der Kunstakademie in
Düsseldorf und lebte dort bescheiden in einem Caritasheim. 1951 unternahm
Grass eine Reise nach Italien und 1952 gelangt er das erste Mal nach Paris. Diesen
Reisen sollten dann in den darauffolgenden Jahren viele, meist beruflich
begründete, in alle Teile der Welt folgen. So unternahm Grass beispielsweise 1955
eine Reise nach Spanien, 1957 und 1959 reiste er nach Polen und in den Jahren
1961 und 1962 zu Vorträgen nach Skandinavien und England.
Im Jahre 1952 verlegte Günter Grass seinen Wohnsitz aus dem
„Wirtschaftswunder - Düsseldorf“ nach Berlin (West), wo die Auswirkungen des
Krieges deutlicher sichtbar blieben, und wurde dort Schüler des Bildhauers Karl
Hartung.
1954 starb Grass’ Mutter im Alter von 56 Jahren. Im selben Jahr heiratete
Günter Grass seine erste Frau Anna Margaretha Schwarz, welcher der Roman
„Die Blechtrommel“ gewidmet ist.
Erste Anerkennung als Schriftsteller erhielt Günter Grass bei einem
Lyrikerwettbewerb des Stuttgarter Rundfunks bei welchem er im Jahre 1955 den
Hauptpreis für das Gedicht „Lilien aus dem Schlaf“ gewann. Sein erster
Lyrikband „Die Vorzüge der Windhühner“ erschien 1955 / 1956. Dramatische
Werke, welche in den Jahren entstanden als Günter Grass durch ein Stipendium
eines Verlages über Wasser gehalten wurde, fanden zwar teilweise gute Kritiken
jedoch keinen Intendanten.
Von 1956 lebte Günter Grass mit seiner Familie in Paris. Hier begann er mit
seiner Arbeit an der Blechtrommel.
Als Günter Grass 1958 auf einer Tagung der „Gruppe 47“, einer
Vereinigung deutscher Schriftsteller, Teile seines derzeit noch unfertigen Romans
„Die Blechtrommel“ vorlas wurde ihm der mit 3000 DM dotierte Literaturpreis
verliehen. Das Manuskript des Romans beendete Günter Grass im Frühjahr 1959.
Der Roman wurde noch im Herbst des selben Jahres veröffentlicht. Er wurde zu
einem großen Welterfolg, der Günter Grass auch von materiellen Sorgen befreite.

37
Nach dem weltweiten Erfolg der „Blechtrommel“ war der Weg auch für
Grass’ dramatische Arbeiten geebnet. Nach kleineren Stücken, wie „Hochwasser“
(Uraufführung 1957 in Frankfurt / M.), „Onkel, Onkel“ (Uraufführung 1958 in
Köln), „Noch zehn Minuten bis Buffalo“ (Uraufführung 1959 in Bochum) und
„Goldmäulchen“ wurden 1961 „Die bösen Köche“ als ein abendfüllendes Stück
im Werkstatt - Theater des Schillertheaters Berlin aufgeführt.
Im Jahre 1963 veröffentlichte Grass’ dann den Roman „Hundejahre“,
welcher seinerzeit in der Kritik auch für erhebliche Diskussionen sorgte.
Gemeinsam mit der „Blechtrommel“ und der Novelle „Katz und Maus“ bilden die
„Hundejahre“ Grass’ sogenannte „Danziger Trilogie“.
In Berlin, wo Grass Mitarbeiter des „Spandauer Volksblatts“ war, versuchte
er gemeinsam mit Wolfgang Neuss und Uwe Johnson einen Durchbruch durch die
Uniformität der Berliner Presse zu erkämpfen. Dieser gesellschaftspolitischen
Aktion folgten sowohl
Proteste gegen die Unterdrückung der Freiheit in der DDR als auch Proteste
gegen die Politik der Bundesrepublik.
Günter Grass’ bisher letztes bedeutendes Werk war „Ein weites Feld“,
welches 1995 erschienen ist und von der Kritik sehr gemischten Gefühlen
aufgefaßt wurde.
Günter Grass, welcher auch heute noch in Berlin lebt, ist einer der großen
literarischen Vertreter der Nachkriegsliteratur [11, S.4-7].
3.3. Die Blechtrommel
Grass’ Roman „Die Blechtrommel“ handelt von dem seit Beginn seines
vierten Lebensjahres an bis zu seinem 22. Lebensjahr zwergwüchsigen Oskar
Matzerath. Dieser 1924 in Danzig geborene Junge stürzt sich an seinem 3.
Geburtstag in den Keller hinunter um nicht weiter wachsen zu müssen.
Es wird in diesem Roman die Lebensgeschichte des Jungen unter den
Einflüssen des Nationalsozialismus und des 2. Weltkrieges beschrieben. Es folgt
die Nachkriegszeit , wo Oskar im Endeffekt in einer Irrenanstalt landet.

38
Der Roman „Die Blechtrommel“ ist aufgebaut aus drei Büchern. Das erste
Buch beschreibt die Zeit vor dem 2. Weltkrieg, das zweite Buch die Zeit während
des 2. Weltkrieges und das dritte Buch die Zeit nach dem 2. Weltkrieg in
Westdeutschland. Jedes dieser Bücher ist dann noch einmal untergliedert in
kleinere mit Überschriften benannte Kapitel.
Zu beachten ist beim Aufbau dieses Werkes des weiteren der chronologische
Ablauf der Erzählhandlungen. Oskar Matzerath wurde 1924 geboren und hat 1927
willentlich sein Wachstum eingestellt. Im Nachkriegsdeutschland hat ihn eine
Irrenanstalt aufgenommen, in welcher er im Verlauf zweier Jahre, 1952 bis 1954,
seine Autobiographie schreibt. Demgemäß unterscheidet man zwei Romanebenen,
die Erzählzeit, welche die genannten beiden Jahre umspannt und die Zeit von der
erzählt wird, nämlich die Jahre 1899 bis 1954. Davon zusätzlich ist noch die
eigentliche Erzählebene zu unterscheiden.
Zur Erzählform des Buches sei noch zu bemerken, daß Oskar von sich
sowohl in der ersten als auch in der dritten Person erzählt. Die Übergänge sind
fließend und ein Wechsel findet manchmal innerhalb des selben Satzes statt. Bei
der Person Oskar Matzerath, handelt es sich um einen Ich - Erzähler mit
auktorialen Zügen. Nachzuweisen ist dies unter anderem wo Oskar berichtet:
„Niemand hätte vom Strand aus sehen können, wie Greff das Fahrrad ablegte [...]
Fragen sie mich bitte nicht, woher ich das weiß, Oskar wußte damals so ziemlich
alles [...]“
Der Roman „Die Blechtrommel“ besitzt einen großen zeithistorischen
Gehalt, welcher „mithin schon äußerlich an der formalen und chronologischen
Gliederung des Werkes sichtbar wird. Denn der Krieg als Geschichtsperiode bildet
nach Aufbau und Thematik dieses Werkes genau die Romanmitte. Die
„Blechtrommel“ ist zwar auch ein politisches und geschichtliches Buch, doch in
erster Hinsicht ist und bleibt es die Wiedergabe von Oskar Matzeraths Lebenslauf
in welchem sich die Geschehnisse seiner Zeit widerspiegeln.
Günter Grass enthält sich in seinem Werk auch einer direkten Beschreibung
der Kriegsereignisse und der politischen Vorgänge. Er läßt die Geschehnisse

39
Gestalt gewinnen indem er sie in Bezug auf die Romanfiguren widerspiegelt. So ist
Oskar beispielsweise mit Aufmärschen oder Versammlungen der
Nationalsozialisten beziehungsweise Hitlerjugend mit seiner Trommel zugegen
oder es ist in Bezug auf die Störtebeckerbande von BdM - Führerinnen die Rede.
Günter Grass umgeht es in diesem Roman auch eine ständige Anprangerung
des Nationalsozialismus und des Krieges vorzunehmen. Er kritisiert zwar die Zeit
der Nationalsozialisten, jedoch findet sich in diesem Werk keine Spur von Haß auf
das Regime.
Grass zeigt alle Situationen aus des zumindest in dieser Hinsicht ganz
normalem Kleinbürgers Oskar Matzerath. Es mag sein, daß Günter Grass diesen
Roman auch geschrieben hat um dem Verdrängungsprozeß der Geschehnisse des
zweiten Weltkrieges mit seinen Mitteln entgegenzuwirken. Denn auch sein
Romanheld Oskar Matzerath gibt zu, daß er versucht bestimmte Geschehnisse, wie
zum Beispiel den Mord an Jan Bronski, weitestgehend aus seinen Gedanken zu
verdrängen beziehungsweise wie er selber bezeichnend sagt „auszuradieren“.
Die ersten Kriegsereignisse kurz vor dem eigentlichen Ausbruch des 2.
Weltkrieges in Danzig werden aus der Sicht Oskars, welcher mit seinem „Onkel“
und mutmaßlichen Vater in die Polnische Post gekommen ist, dargestellt. Diese
wird von der Heimwehr angegriffen und eingenommen.
Weitere Kriegsereignisse werden in Form von Sondermeldungen, welche
Oskar im Radio hört, dargestellt. Die Siegesmeldungen, welche in Danzig aus den
Lautsprechern klingen, werden durch Oskars Trommeln begleitet und fließen somit
in die Romanhandlung ein. Die Ereignisse in Stalingrad und der Niedergang
Rommels in Nordafrika werden in Verbindung mit Ereignissen in Oskars Familie
dargestellt. So heißt es, in Bezug auf Stalingrad, daß Oskar sich „aber weniger um
die sechste Armee...“, als, „vielmehr um Maria[s]...“ Grippe sorgte. Der Ende
Rommels Afrikakorps wird mit dem Ende von Kurtchens Keuchhusten
verglichen.
Aktiv am Kriegsgeschehen nimmt Oskar während seiner Zeit in Bebras
Fronttheater teil, wo er mit einer Propagandakompanie nach Frankreich geht.

40
Oskar Matzerath erlebt den Westwall, den Atlantikwall und die Invasion der
Alliierten. Das Leid und der Tod hierbei werden am Beispiel des Tods Roswithas
erwähnt. Es folgen Bombenangriffe und schließlich erlebt Oskar die Zerstörung
seiner Heimatstadt Danzig. Er sieht den Brand und die Vernichtung der Stadt
allerdings nur weil er auf dem Dachboden seine Trommel , seinen Rasputin und
Goethe und einen Falter von Roswitha gelagert hat, welche er unbedingt in
Sicherheit bringen will. Auch anhand dieses Beispiels werden Leid und Zerstörung
gezeigt.
Das Ende der Nationalsozialistischen Partei (Deutschlands) wird am
Ersticken des Vaters Matzerath an seinem Parteiabzeichen dargestellt, welches
Oskar ihm beim Eindringen der Russen mit geöffneter Anstecknadel zugesteckt
hat. Gleichzeitig wird er auch noch von einem russischen bzw. sowjetischen
Soldaten erschossen.
Etwas ausführlicher wird die Vertreibung der Deutschen aus Danzig und den
anderen Ostgebieten am Beispiel der Matzeraths dargestellt. Es folgt dann die
Darstellung der Schwierigkeiten, welchen diese Leute gegenüberstanden und wie
sie versuchen mußten in der neuen Heimat Fuß zu fassen.
Weitere Fakten, welche allerdings nicht jedem Leser im ersten Moment
auffallen dürften, die einen historischen Bezug besitzen findet man in den
einzelnen Textabschnitten wieder. So deutet beispielsweise Oskars permanentes
Trommeln sicherlich auf die die gesamte Zeitsituation beherrschende Aggressivität
hin. Das Trommeln signalisiert das kriegerische Tun und die militärische
Disziplinierung die seinerzeit herrschten. Es stellt einen Kontakt zu den
zerstörerischen Strebungen der nationalsozialistischen Zeit her. Ähnliches läßt sich
von Oskars Fähigkeit mit seiner Stimme Glas zu zerschreien feststellen. Ab Ende
1932, aus Anlaß des Zerschreiens der Scheiben im Foyer des Danziger
Stadttheater, wird Oskar, welcher „bislang nur aus zwingenden Gründen geschrien
hatte“ an diesem Punkt „zu einem Schreier ohne Grund und Zwang“. Im
historischen Bezug gesehen, bedeutet dies wohl, daß mit der nahe bevorstehenden
Machtergreifung der Nationalsozialisten die Aggressionen wieder zunehmen.

41
Desweiteren mag das Zerscherben von Glas auf die durch den Krieg
hervorgerufene Beschädigung von militärischen und zivilen Objekten hindeuten.
Auch stellt Grass zwischen der schrillen und zerstörerischen Stimme seiner
Hauptperson und den Kriegswaffen eine Verbindung her, indem er sie mit dem
„Nazi -Terminus ,Wunderwaffe’“ benennt.
Weiterhin ist interessant festzustellen das sich Oskar genau am 01.
September 1939 seine große Schuld eingesteht seine Mutter und seinen „Onkel
und Vater“ ins Grab gebracht zu haben. Dabei sind Parallelen von der
Individualperson Oskar zum gesamten deutschen Volk sichtbar, welches genau an
diesem Tage erkannt haben dürfte, wohin es Hitler und seine Partei mit seiner
Unterstützung gebracht hat.
Wichtig zu bemerken sei auch , daß Oskar genau zum Zeitpunkt der
deutschen Kapitulation und des Kriegsendes, nämlich im „Mai 1945“ sein
Wachstum wieder aufnimmt und somit versucht einem normalen Leben
entgegenzuwachsen.
Eine Quelle sieht in Oskar Matzerath auch eine direkte Verbindung zu der
Figur Adolf Hitlers. Denn auch Adolf Hitler stammte aus einem kleinbürgerlichen
Milieu und lehnte sich genauso wie Oskar Matzerath mit vehementen Protest
gegen die materielle Enge des Sozialmilieus und gegen die väterliche Autorität auf.
Weiterhin erinnern an Hitler, die öfters beschriebene Blauäugigkeit Oskars und
sein „weltumfassendes Halbwissen“.
Auch wurde Hitler vor allem in politischen Auseinandersetzungen während
der letzten Jahre der Weimarer Republik des öfteren als „Trommler“ tituliert und
dargestellt.
In dem Werk „Die Blechtrommel“ und in der Person Oskar Matzerath sind
aber auch viele Bezugspunkte zu Günter Grass eigener Biographie zu sehen. Es
spiegeln sich sogar einige Elemente aus Grass’ Biographie in Oskar Matzeraths
Lebenslauf wider.
Die Blechtrommel entstand in den Jahren 1956 bis 1959 in einem kleinem
Pavillon in einem Pariser Hinterhof, wo Günter Grass damals mit seiner Frau

42
Anna lebte. Seinen Ursprung hat der Blechtrommler in der Figur eines
Säulenheiligen gehabt. Diesen hatte Günter Grass im Jahre 1952, während einer
Reise durch Frankreich auf der er ununterbrochen schrieb, kreiert. Einer anderen
Quelle zufolge, wo Grass aus einem Interview zitiert wird, ist der Gedichtzyklus
„Der Säulenheilige“ allerdings schon während der Zeit von Grass’ Autostop -
Reisen in den Jahren 1950 / 51 entstanden.
Das Gedicht „Der Säulenheilige“, welches nur noch in Bruchstücken
erhalten ist und nie veröffentlicht wurde birgt die Keimzelle des Romans „Die
Blechtrommel“.
Das Gedicht wurde von Grass verworfen, aber die Figur des Säulenheiligen
und die entrückte Perspektive blieben interessant.
„Die Blechtrommel“, wie auch nach ihr noch die „Hundejahre“ und vor
kurzem gerade erst „Ein weites Feld“ wurde in der Literaturkritk sehr
unterschiedlich aufgefaßt.
Es gab als Reaktion auf dieses Werk „Schreie der Freude“ und „Hymnen“
auf der einen Seite, und Schreie des Entsetzens, der Empörung und der Entrüstung
auf der anderen Seite. Die unterschiedlichen Ansichten über das Werk gingen
mitten durch einen Literaturpreis, welchen man Günter Grass eigentlich für
anerkennen wollte hindurch. Eine unabhängige Jury erkannte Grass zum
Jahresende 1959 den Bremer Literaturpreis zu, der Bremer Senat, welcher formal
zustimmen mußte, verweigerte dies und erkannte ihm somit den Preis wieder ab.
Die Blechtrommel wurde jedoch trotz allem zu einem großen Erfolg und
zählt scchon heute zu den klassischen Werken der deutschen Nachkriegsliteratur
[11, S.200-215].
3.4. Lexikalische Entlehnungen in der Literatur als Wiederspiegelung
der deutschen Politik
Die umfassende theoretische Grundlegung einer neuen
sprachwissenschaftlichen Methodik, die der synchronisch-strukturellen Analyse
der Sprache als eines Zeichensystems einer Sprachgemeinschaft, gab in den Jahren
1906 bis 1911 der Genfer Linguist Ferdinand de Saussure in seinen Vorlesungen,

43
die im Jahre 1916 gedruckt wurden und die moderne Sprachwissenschaft, die
eigentliche “Linguistik”, begründeten. Während nun bereits in den zwanziger und
dreißiger Jahren de Saussures Lehren in den meisten anderen Ländern stark
gewirkt und die Erforschung der lebenden Sprachen sehr fruchtbar gefördert
haben, haben viele deutsche Germanisten von ihnen lange Zeit kaum Kenntnis
genommen. Die 1931 erschienene l. Auflage der deutschen Übersetzung de
Saussures war erst im Jahre 1966 vergriffen. In dem letzten umfassenden
Sammelwerk der traditionellen Germanistik, Deutsche Philologie im Aufriß, hat
Leo Weisgerber eine Sprachwissenschaftliche Methodenlehre geschrieben, in der
de Saussure nur einmal in einer Nebenbeibemerkung erwähnt ist.
Auf dem Gebiet der Lexikologie, mit der wir es ja beim Fremdwortproblem
zu tun haben, gab es in Deutschland vor dem letzten Krieg zwar bedeutende
Ansätze zu einer synchronisch-strukturellen Betrachtungsweise: Jost Triers
“Wortfeldtheorie”, Walter Porzigs “wesenhafte Bedeutungsbeziehungen”, Franz
Dornseiffs Eintreten für die Onomasiologie, Walter Mitzkas onomasiologische
Wortgeographie, Leo Weisgerbers “Begriffslehre” und Werner Betz' “innere
Lehnbeziehungen”. Diese Arbeiten haben sich aber meist erst nach dem Krieg
fruchtbar ausgewirkt. Im Mittelpunkt der deutschen Wortforschung standen in den
30er Jahren weithin nach wie vor die Geschichte der einzelnen Wörter und ihre
Etymologie.
Für diese beiden diachronisch-isolierenden Methoden der Lexikologie war
in den dreißiger Jahren Alfred Götze der anerkannte und hochverdiente
Fachgelehrte. Wenn nun Götze als Worthistoriker und Etymologe sich aufgerufen
fühlte, in der Zeitschrift des Sprachvereins zu der angeblich wieder aktuell
gewordenen Frage des Fremdwortschatzes Stellung zu nehmen, so konnte er dies
nur mit der ihm vertrauten diachronischen Fragestellung: Wo kommt das Wort
her? Da man aber beim Fremdwortproblem in der Sprachwissenschaft und
Sprachpflege nach Geltungsmerkmalen einer bestimmten Gruppe von Wörtern
innerhalb eines gegenwärtigen Sprachzustandes fragt, ist hier eine synchronische
Sprachbetrachtung gefordert mit der Frage: Wie verhalten sich die Wörter

44
fremdsprachiger Herkunft im Systemzusammenhang des Wortschatzes zu den
sinnbenachbarten Wörtern aus heimischem Sprachmaterial? Götze hat also - wie
viele andere - diese synchronische Frage mit rein diachronischen Peststellungen
beantwortet. Die diachronische Tatsache, daß gewisse umgangssprachliche Wörter
aus dem Jiddischen stammen, hat er unbewusst und unausgesprochen in die
synchronische Feststellung verwandelt, daß sie jüdische Wörter seien, woraus er
die rassistisch-sprachpflegerische Folgerung ableitete, daß sie aus der deutschen
Sprache entfernt werden müssten. Er hat die Geltung der Wörter nach ihrer
Vergangenheit beurteilt.
Dieses diachronische Prinzip der Wortwertung zeigt sich bei Götze auch
ganz allgemein in seiner Wörterbucharbeit. Wörter fremdsprachlicher Herkunft
oder im Deutschen aus fremdsprachlichen Bestandteilen gebildete Wörter hat er
nur sehr sparsam aufgenommen. Das von ihm herausgegebene Trübnersche
Deutsche Wörterbuch, mit dem er Jacob Grimms Plan eines mehrbändigen
Wörterbuchs als “Haus- und Handbuch aller Deutschen” verwirklichen wollte, hat
ein besonders “deutsches” Wörterbuch werden sollen, nicht nur hinsichtlich seiner
Quellenwahl. Aber es ist nur ein halbdeutsches Wörterbuch geworden, weil es
viele schon seit Generationen im alltäglichen Sprachverkehr geläufige Wörter
ausläßt, obwohl sie teilweise schon im 17. oder 16. Jahrhundert ins Deutsche
entlehnt worden sind. Das Trübnersche Wörterbuch ist zwar ein
Auswahlwörterbuch; es wählte die “sprachgeschichtlich anziehenden und
kulturgeschichtlich bedeutsamen Wortgeschichten” aus. Daß aber darin behandelte
Wörter wie Gadem, Ganerbe, Gauch, Gebresten, Gelichter, Ger, Gerechtsame,
Geschmeide, Gespans, Gevatter, Greif, greinen, Gundelrebe in einem
auswählenden “Hausbuch” sprach- und kulturgeschichtlich anziehender und
bedeutsamer sein sollen als die nicht behandelten Wörter Garantie, Garde,
Garnitur, Gendarm, Generation, Globus, Glosse, Grammatik, gratulieren, grotesk,
Gymnasium usw., hängt mit der musealen, wirklichkeitsfernen und
sprachpuristischen Haltung zusammen, die sich auch sonst in der deutschen
Lexikographie seit Grimms Deutschem Wörterbuch mehr oder weniger ausgewirkt

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hat. Viele der gängigsten und für die neuere deutsche Geschichte bedeutsamsten
Wörter des kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Sprachlebens im 19. und
20. Jahrhundert muss man in einem “Fremdwörterbuch” nachsuchen [16, S. 89-
92].

SCHLUSSFOLGERUNGEN
Die Beziehungen der Wörter zu ihrem pragmatischen und sozialen Kontext
sind der entscheidende Gesichtspunkt, unter dem die Rolle der Lehnwörter in der
Sprache und im Sprachgebrauch betrachtet werden muss und unter dem auch heute
noch - jenseits puristischer Sprachideologie - eine 'Fremdwortkritik' möglich und
notwendig ist. Es kommt sehr darauf an, ob Fachwörter und gelehrte Wörter in
einem Kontext verwendet werden, der ihre Bedeutung auf den sprachüblichen Sinn
hin bestimmt, und ob sie gegenüber Gesprächspartnern oder einem Publikum
verwendet werden, die aufgrund ihrer sprachsoziologischen Voraussetzungen diese
Bedeutungsbestimmung nachvollziehen können. Wo das nicht der Fall ist, wo mit
Undefinierten Wörtern aus gruppengebundenen Wortschatzbereichen eitler,
leichtsinniger oder böswilliger Missbrauch getrieben wird, wo sich ein Sprecher
solcher Wörter nur bedient, um Anderen mit Wortklängen zu imponieren, sie zu
täuschen oder zu verführen, da haben Sprachkritik und Spracherziehung ihre
wichtige Aufgabe. Eine sprachpragmatisch und soziologisch differenziertere
Stillehre haben wir im Zeitalter der Massenkommunikation weitaus nötiger als den

46
sinnlosen kulturpessimistischen Kampf gegen den Fach- und Bildungswortschatz
an sich.
Zusammenfassend kann man sagen, dass das Problem der Entlehnung
vielseitig ist.
Nach all dem Gesagten kann man feststellen, dass in der heutigen Welt
man kaum ohne Sprachkenntnisse auskommen kann. Das ist von dem
Informationsaustausch besonders wichtig. Deutsch ist keine Weltsprache, aber
es bleibt vor allem als Handelssprache in Europa wichtig. Die deutsche Sprache in
der Wissenschaft, im Geschäftsleben oder auf Reisen sehr wichtig ist. Ich weiß
auch, dass sie in vielen Ländern gesprochen wird.
Im Laufe der Arbeit habe ich folgende Aufgaben gelöst:
- die wissenschaftliche Literatur zum Thema der Untersuchung analysiert;
- Arten und Formen der lexikalischer Entlehnungen betracht;
- soziale und linguistische Ursachen der Entlehnung bestimmt;
- den Prozess der Entlehnung ausgesondert;
- die Einwirkung der puristischen Tätigkeit auf den Wortbestand des
Deutschen gezeigt.
Ich kann betonen, dass der Prozess der Entlehnung bis der heutzutage
existiert, das heißt das Problem der Entlehnung bleibt aktuell. In erster Linie ist
dadurch zu erklären, dass ein Land von anderen isoliert nicht existieren kann. Jedes
Volk braucht die Erfahrung von anderen zu übernehmen, um sich weiter zu
entwickeln. Darum ist es notwendig, Kontakte miteinander in verschiedenen
Bereichen (Technik, Landwirtschaft, Politik und natürlich Kultur) anzuknüpfen
und zu pflegen.
Im überwiegenden Maß sind die Entlehnungen aus Englischem verbreitet.
Das geht auf die Tatsache zurück, dass heutzutage die englische Sprache
eine internationale Sprache ist und folglich der stärkste Einfluss auf andere
Sprache hat.
Also, aus theoretischen und praktischen Belegen kann man behaupten, dass
das Ziel meiner Forschung erreicht ist.

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