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Die “gegenständliche Ungegenständlichkeit” von Raum und Zeit


Hegels Auseinandersetzung mit Kants transzendentalen Ästhetik
Daniel Brauer (Universität Buenos Aires)
Im § 82 von Sein und Zeit1Martin Heidegger präsentiert eine originelle Deutung von
Hegels Auffassung von Zeit (und Raum) im Rahmen seiner Kritik des von ihm gennanten
„vulgären Zeitverständnisses“, das bei Hegel in der „radikalste und zu wenig beachtete(n)
begriffliche(n) Ausformung“ stattfinden würde. Der Paragraph besteht aus zwei Teilen. In
der Sektion „a)“ wird Hegels Begriff der Zeit und von Raum analysiert, in der Sektion „b)“
wird das Verhältnis zwischen Geist und Zeit behandelt.
Mit recht behauptet Heidegger2, daβ der Ort, in der Hegel sich mit diesen Themen befasst,
ein wichtiger Hinweis für seine Anschauung darstellt. Es handelt sich um seine Philosophie
der Natur – das zweite Band der Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften,
deren erste Abteilung in der Version der dritten Auflage von 1830 den Titel „Die
Mechanik“ trägt. Am Anfang in Kapitel a werden die Begriffe „Raum und Zeit“ erörtet.
Die Haupthese Heideggers hier ist, daβ Hegels Konzeption von Zeit und Raum direkt ihre
Quelle in der aristotelischen Physik hat. Mehr noch Hegel wäre nicht nur durch diese
„ontologie der Natur“ inspiriert, sondern in einem dialektischen Argot einfach
paraphrasiert3. Wir können in diesem Zusammenhang uns nicht im Einzelnen mit
Heideggers Deutung von Hegels Zeit- und Raumbegriff auseinandersetzen4.
Ohne den Einfluβ und zum Teil Rehabilitierung der Naturauffassung von Aristoteles bei
Hegel zu unterschätzen ist hier folgendes für unser Thema anzumerken.
Erstens: welche Tradition wird von Heidegger gemeint? Bei Aristoteles finden wir keine
Gegenüberstellung von Raum und Zeit sondern von Ort, Leere und Zeit5. Zweitens: die
Bewegungslehre von Aristoteles beschränkt sich nicht auf den Ortswechsel. Drittens: Raum
und Zeit sind bei Aristoteles nicht Bestandteile der Bewegung, Viertens, stehen bei
Aristoteles Raum und Zeit nicht auf dem gleichen Niveau, sonden die Zeit wird bekanntlich
als ein Epiphenomen der Bewegung, nämlich als ihre gezählte Zahl nach dem Früheren und
Späteren gedacht. Viertens ist der Begriff eines allgemeinen absoluten Raums oder Zeit der
aristotelischen Phsysik völlig fremd.
Der Kontext in dem Hegels Philosophie von Raum und Zeit zu vertehen ist, ist nicht die
griechische Ontologie, sondern die Physik Newtons –mit dem er sich schon in seiner

1
Martin Heidegger, Sein und Zeit, Frankfurt am Main (1927) 1977, S. 565 ff..
2
A. a. O. S. 566
3
A. a. O., siehe die lange Anmerkung 14, S. 570f..
4
Siehe hierzu: Daniel Brauer, Dialektik der Zeit. Untersuchungen zu Hegels Metaphysick der
Weltgeschichte, Frommann-Holzboog, Suttgart 1982, Zweiter Teil, Kap. 1, S. 135 ff..
5
Aristoteles, Physik, Buch IV.
2

Dissertation von 1801 auseinandersetzte - und ihre Verwandlung in Kants traszendentalen


Idealismus. Ohne die Rezeption und Auseinandersetzung mit Kants Theorie von Raum und
Zeit in seiner Ästhetik und Antinomielehre wären Hegels Gedanken darüber nicht zu
denken. Natürlich spielt auch hier das Projekt Schellings einer Rehabilitierung der
Philosophie der Natur eine bedeutende Rolle. Aber diese hat mit der griechichen
Auffassung der Natur kaum etwas gemeinsam und kann wiederum auch nicht ohne Kants
Wirkung verstanden werden.
Man kann die Spuren von Hegels Aufnahme und Diskussion von Kants aprioristischen
Raum- und Zeitlehre in den veschiedenen Skizzen seiner Gedankengänge in seinem
Vokabulär leicht erkennen. Denn auch, wenn die vorherschende Meinung unter den
Hegelforscher ist6, daβ Hegels Naturphilosophie schon in Jena vollständig entstanden ist
und in seiner Berliner Zeit einfach übernommen wurde, kann man verschieden Etapen
unterscheiden in denen man wichtige Perspektivenwechselungen feststellen kann.
Kants Beiträge zu einer Philosophie des Raumes und vor allem der Zeit beschränken sich
bekanntlich nicht auf der transzendentalen Ästhetik, wie – wie wir sehen werden – Hegel
selbst erkannt hat und auch nicht auf der Kritik der reinen Vernunft, aber im Kontext
dieser Ausfuhrungen werden wir uns haupsächlich auf sie beziehen, da sie das im Zentrum
von Hegels Kritik steht. Dabei unterscheiden wir zwei Themenbereiche, die eng
miteinander verbunden sind. Kants Überlegungen zum Struktur und Dimentionen von
Raum und Zeit von seiner epistemologischen Erörterungen über dieselben, diese betreffen
auf der einen Seite ihre Apriorität als „reine Anschaunsformen“ (was Kant in seiner
„metaphysischen Erörterung“ exponiert), auf der anderen Seite ihre Transzendalität als
Grundlage für synthetische Urteile a priori und insofern ihr Zusammenhang mit Geometrie
und Arithmetik (was kant unter dem Titel einer : „transzendentalen Erörterung“ behandelt).
Bevor wir aber Hegels Argumente untersuchen, ist vorerst aber anzumerken, daβ beide
traszendentalen „Deduktionen“ bei Kant nicht gleich überzeugend sind. Denn, wenn es
einsichtig ist, daβ die Geometrie irgendwie auf dem Begriff des Raumes angewiesen ist,

6
Z. B.: Michael John Petry, Der Jenaer Hegel und die Mathematik, in: Klaus Vieweg, Hrsg.:
Hegels Jenaer Naturphilosophie, Wilhelm Fink Verlag, München 1998, p. 253-265 und
Paul Ziche, Arithmetik und Geometrie. Historische und systematische Bemerkungen zu
Hegels Verhältnis zur Mathematik.’ In: Hegels Jenaer Naturphilosophie. Hg. v. K. Vieweg.
München: Fink 1998. (jena-sophia. Abt. II. Bd. 1). S. 267-280.
3

das Verhältnis zwischen Zeit und Zahl zumindest diskutabel ist und basiert auf eine Theorie
der elementaren arithmetischen Operationen, die problematisch ist7.
In der Entwicklung des hegelschen Denkens kann man eine Reihe von Ansätzen zu einer
philosophie der Mathematik erkennen, die aber skizzenhaft geblieben sind. Hegel hat sich
bekanntlich intensiv mit der Mathematik seiner Zeit beschäftigt, wie schon seine von J.
Hoffmeister veröffentlichen Geometrische Studien von 1801 zeugen8. Im selben Jahr
schreibt er in seiner Dissertation, daβ „die Geometrie als Teil der Mathematik von der Zeit
abstrahiert, die Arithmetik aber vom Raum, und wenn jene das Ganze der Geometrie allein
aus dem Prinzip des Raumes, diese das Ganze der Arithmetik allein aus dem Prinzip der
Zeit konstituiert.“9 In dieser gegen Newtons Aufassung der Naturgesetze konzipierten
Schrift scheint Hegel sich hier noch in Bezug auf Mathemaitk im Rahmen des kantschen
Schemas zu bewegen.
Eine kritische Auseinandersetug mit Kants Philosophie überhaupt und insbesondere mit
seiner Betractungen über Raum und Zeit befindet sich ein Jahr später in Glauben und
Wissen10, wobei Hegel nicht sosehr die „transzendentalen Erörterung dieser Formen“
würdigt, die er als verfehlt betrachtet, sondern die Rolle der „ursprünglichen synthetischen
Einheit der Apperzeption“, die „erst bei der Deduktion der Kategorien zum Vorschein
kommt und auch als Prinzip der figürlichen Synthesis oder der Formen der Anschauung
erkannt und Raum und Zeit selbst als synthetische Einheiten und die produktive
Einbildungskraft, Spontaneintwickeltät und absolute synthetische Tätigkeit als Prinzip der
Sinnlichkeit begriffen wird, welche vorher nur als Rezeptivität charakterisiert worden
war.“11 Auch wenn in diesem Text Hegel zwei Formen der „Anschauung“ unterscheidet,
wird die „Identität“ der Raum mit dem Sein, die der Zeit mit der Form des Denkens
identifiziert12.

7
Für einen Überblick über die gegenwärtige Diskution um Kants Verständnis der Mathematik siehe den
Aufsatz von Lisa Shabel: Kant´s Philosophy of Mathematics in der Standford Encyclopedia of Philosophy:
http://plato.stanford.edu/entries/kant-mathematics/
8
Dokumente zu Hegels Entwicklung. Hg. von J. Hoffmeister. Stuttgart 1936, S. 288ff.
9
Von Petry zitiert, a. a. O., S. 268. http://www.hegel.net/en/v2133healan.htm
10Glauben und Wissen oder Reflexionsphilosophie der Subjektivität in der Vollständigkeit ihrer
Formen als Kantische, Jacobische und Fichtesche Philosophie, in: Werke 2, ed. Moldenhauer-
Michel, S. 301ff..
11
Idem, S. 304f..
12„Insofern aber die Anschauung eine sinnliche, d. h. der Gegensatz nicht wie in der intellektuellen
Anschauung aufgehoben ist, sondern in der empirischen Anschauung als einer solchen hervortreten muß, so
besteht er auch in dieser Form des Versenktseins, und so treten die Gegensätze als zwei Formen des
Anschauens auseinander, die eine als Identität des Denkens, die andere als Identität des Seins, als
Anschauung der Zeit und des Raums.“, S. 305f..
4

In den sogennanten Jenaer Realphilosophie von 1804-513 finden wir die ersten Entwürfe zu
einer Naturphilosophie, die die Grundlage für die zukünftigen Enzyklopädiefassungen
darstellt. Anspielungen an Kants Kosmologischen Überlegungen kann man im Laufe der
Vorlesungen leicht erkennen, auch wenn Kant nicht direkt gennant wird14. Im Unterschied
zu der späteren Enzyklopädie geht hier Hegel in seinen Ausführungen nicht vom Begriff
des Raumes sondern vom Begriff der Zeit aus. Beide werden allerdings bereits als
unzertrennliche Aspekte oder „Momente“ des Phänomens der Bewegung behandelt. Schon
in dieser Vorlesungen wird die Zeit als der „negative“ Faktor oder als „das Negative“, das
in einer dynamischen Beziehung und Kontratierung mit dem Raum, der den „positiven“
Faktor darstellt, präsentiert.
Da wir uns mit Hegels Theorie von Raum und Zeit nur in Zusammenhang mit seiner Kant
kritischen Aneignung befassen, ist es in diesem Kontekt von Interesse, daβ Hegel hier
sowohl die Zeit als den Raum als etwas „Ideelles“ charakterisiert15. Aber dieses Wort hat
dort eine andere Bedeutung als in Kants transzendetalen Idealismus. Es handelt sich um
eine sozusagen objektive Idealität, die – wie wir sehen werden- nicht erst durch das die
Natur betrachtenden Subjekt entsteht.

Wir können hier Hegels Erörterungen über Raum und Zeit und ihre Abweichungen von
anderen Versionen in diesen Jenaer Vorlesungen nicht im Einzelnen verfolgen.. Im
Allgemeinen lässt sich vorerst sagen, daβ sowohl für Kant wie für Hegel- wenn auch aus
verschiedenen Gründen - beide Begriffe, Raum und Zeit, trotz ihrer Parallelisierung, nicht
auf dem gleichen Niveau stehen - wobei der Begriff der Zeit eine umfassendere Bedeutung
erhält. Bei Kant wird der Begriff der Zeit – auch wenn es eine Eigenschaft des
transzendentalen Subjekts ist- vor allem als ein chonometrisches Phänomen und nicht auch
als ein spezifisches über die Natur hinausgehendes Attribut des „Geistes“ wie bei Hegel
gedacht.

Die asymetrische Rolle, die der Begriff der Zeit gegenüber dem des Raumes als Grundlage
der Mathematik spielt und die in den Jenaer Vorlesungen angedeutet wurde, kommt in der
Phänomenologie des Geistes (1807) voll zum Ausdruck:

„Die immanente, sogenannte reine Mathematik stellt auch nicht die Zeit als Zeit dem
Räume gegenüber, als den zweiten Stoff ihrer Betrachtung. Die angewandte handelt wohl
von ihr, wie von der Bewegung, auch sonst anderen wirklichen Dingen; sie nimmt aber die

13
Jenenser Logik, Metaphysik und Naturphilosophie, Hrsg. Georg Lasson, Hamburg (1923) 1967, S. 187ff..
14
Z. B. auf S. 2, wo von der “Konstruktion aus entgegengesetzten Tätigkeiten, die sich Idealismus nennt...“
die Rede ist.
15
S. 203.
5

synthetischen, d. h. Sätze ihrer Verhältnisse, die durch ihren Begriff bestimmt sind, aus der
Erfahrung auf und wendet nur auf diese Voraussetzungen ihre Formeln an.“16

In diesem Text wird eindeutig die „reine Mathematik“ von der „angewandten“ getrennt.
Die erste erhält ihre Prinzipien nicht aus der Erfahrung, sondern aus ihrem „Begriff“. Hegel
scheint hier für eine rein analytische Auffassung der Mathematik zu plädieren. Eine These,
die er später im ersten Teil der Wissenschaft der Logik (1812/1816), in der Lehre von „der
Gröβe“17 zu begründen versucht. Die angewandte Mathematik dagegen, wird in der Logik
als eine „Mathematik der Natur“ konzipiert, die Hegel mit einer „Wissenschaft der Maβe“
identifiziert18.

Wichtig für das Verständnis dieser Texte ist, daβ Hegel in der Phänomenlogie explizit –
im Unterschied zu Kant - mit dem Paradigma der mathematischen Methode als höchtste
Wissenschaftlichkeit völlig gebrochen hat. Die Mathematik wird hier wie später in der
Logik als eine untergeordnete Wissenschaft gesehen, die erst im spekulativen Denken der
Philosophie ihre Begründung findet19.

Während die Operationen der „reine Mathematik“ von jeglicher in der reinen Zeit nach
Kant vorfindlichen Bedingungen getrennt werden, wird die Zeit selbst bei Hegel
merkwürdigerweise mit dem Begriff selbst identifiziert:

„Was die Zeit betrifft, von der man meinen sollte, daß sie, zum Gegenstücke gegen den
Raum, den Stoff des andern Teils der reinen Mathematik ausmachen würde, so ist sie der
daseiende Begriff selbst.“20

Dabei denkt Hegel offenkundigt nicht an eine rein physische oder chonometrischen Zeit.
Diese entstehe vielmehr aus einem rein quantitativen Standpunkt, der das Wesen der Zeit
verstellt und zu einem Phänomen reduziert, das für den Betrachter Sinn erhält, aber der
Natur äusserlich bleibt21.

Im ersten Kapitel der Phenomenologie, die „sinnliche Gewissheit“22 befasst sich Hegel
wiederum mit Raum und Zeit unter der Figur von substantiviertem „hier“ und „jetzt“. Man
hat oft in der Hegel Literatur auf eine gewisse Entsprechung mit dem Anfang der Kritik
der reinen Vernunft hingewiesen. Aber, erstens werden hier nicht reine Zeit und reiner

16
Phänomenologie des Geistes, W. 3, S. 45.
17
Wissenschaft der Logik, Werke 5, (ed. Moldenhauer- Michel) Bd. I, S. 209ff.
18
Ebd. S. 406
19 Ebd. S. 16, vgl.: Phen., a. a. O., S. 40f.
20
Ebd. S. 45f..
21
Für eine Interpretation dieses Texts und der Bedeutung der Zeit in Hegels Philosophie überhaupt verweise
ich auf das in der Anmerkung 4 erwähnte Buch.
22
S. 82 ff.
6

Raum sondern einen bestimmten Raum und eine bestimmte Zeit Ziel der Untersuchung.
Zweitens, erweisen sie sich beide als abhängig von deiktischen Ausdrücken und nicht als
Naturphänomene und drittens, kommen hier nicht die Universalität eines gegründeten
Wissens sondern die Enzelheit eines angeblichen Erkennens in Frage.

Der Begriff der Zeit taucht am Ende der Phänomenologie wieder und zwar in einem so
berühmten wie rätzelhaften Diktum:
Die Zeit ist der Begriff selbst, der da ist und als leere Anschauung sich dem Bewußtsein vorstellt; deswegen
erscheint der Geist notwendig in der Zeit, und er erscheint so lange in der Zeit, als er nicht seinen reinen
Begriff erfaßt, d. h. nicht die Zeit tilgt. Sie ist das äußere angeschaute, vom Selbst nicht erfaßte reine Selbst, der
nur angeschaute Begriff; indem dieser sich selbst erfaßt, hebt er seine Zeitform auf, begreift das Anschauen
und ist begriffenes und begreifendes Anschauen.23

Der Begriff der Zeit, die hier Hegel vor Augen hat, hat mit Kants transzendentalen Ästhetik
schon nichts mehr zu tun, wohl aber mit einer Reinterpretación von Kants trasnzendentalem
Aperzeption und produktiven Einbildungskraft, als Medium der Entfaltung des „Gestes“
und seiner sukzesiven Selbtstauffassungen mit denen er seine zeitliche empische Gestalt
zur logischen Form erhebt.

In der sogennanten Nürnberg Propädeutik finden wir eine frühere Fassung der in der
veröffentlichen Enzyklopädie erschienenen Paragraphen über Raum und Zei, die in
mancher Hinsichten übersichtlicher ist. Hier werden sie im ersten Abschnitt einer
„Philosophie der Natur“ unter dem später verschwundenen Titel „Mathematik“ behandelt.
Man spürt hier die Nähe und zugleich Abstand mit dem Ansatz Kants:

„Raum und Zeit sind die daseienden Abstraktionen, oder reine Form, reine Anschauung der
Natur, - der Raum der daseiende Gedanke der allgemeinen gleichgültigen Verschiedenheit
überhaupt, die Zeit der daseiende Gedanke der negativen Einheit oder des reinen
Werdens.“24

Wir können aus diesem Zitat eine Reihe von Schlüssen ziehen. Erstens, wird die reine
„Anschauung“ mit „reiner Abstraktion“, d. h. nicht mit etwas passives, sondern mit einer
Tätigkeit gleichgesetzt. Zweitens, werden diese „Abstraktionen“ nicht als Denkleistungen
eines Subjekts sondern als etwas Daseiendes charakterisiert. Drittens werden Raum und
Zeit nicht gleichbewertet, der erste wird als „positiv“, die zweite als „negativ“ bezeichnet,
d. h. sie gehören zusammen als Aspekte eines dialektischem Komplexes, zu einer hier
erwähnten „Einheit“, die wie weiter aus diesem Text und seiner späteren Fassungen in der
Enzyklopädie erfahren, auf Bewegung und Materie hinweist.

Aufschlussreich ist auch die Beschreibung des Raumes als „gleichgültige Verschiedenheit“
und die Bezeichnung der Zeit als „dasiende Gedanke“ des „reines Werdens“. Sowohl hier

23
S. 584.
24
Werke 4, § 99, S. 34.
7

wie in der späteren Fassungen fängt die Naturphilosophie mit beiden Formen des
„Aussersichseins“, eine Seinsweise, die Hegel unter der Kategorie des Quantitativen
subsumiert. Die Philosophie der Natur beginnt also im Unterschied mit der Logik nicht mit
der Qualität sondern mit quantitativen Begriffsbestimmungen. Aber dies entspricht nicht
Hegels Erläuterung der Zeit als daseiendes „reines Werdens“. So kann man hier eine
Asymetrie feststellen, nicht nur zwischen den Anfang von Hegels Logik und der
Naturphilosophie25, sondern auch zwischen seiner Behandlung von Raum und Zeit.

Während Hegel die Prinzipien der Arithmetik aus rein logisch-ontologischen Kategorien der
Quantität abzuleiten versucht, bleibt für ihn in der Geometrie eine Bindung an Raum, die
unüberwindlich zu sein schein. So ist es nur konsequent, daβ die erste von Hegel – im
Unterschied zu Kant - als eine analytische, die zweite als eine synthetische Wissenschaft
konzipiert wird26. Wenn auch in der Fassung der Enzyklopädie (§256)27 von 1830 diese
Behauptung gemildert wird, da wiederum bestimmte Definitionen und Theoreme der
Geometrie als analytisch verstanden werden. So z. B. gegen Kant die Definition der
geraden Linie als die Kürzeste28. Zu erwähnen ist auch hier, daβ Hegel trotz seiner
Vorbehalte gegen die methodische Verfahrensweise der Geometrie das Pytagoreischen
Theorem als ein „Bild der Idee“29 würdigt.

In Bezug auf den Raum unterscheidet Hegel gemäβ der euklidischen Geometrie drei
„Dimensionen“, oder „Richtungen“, die ihm trotz ihrer Triplizität kaum geignet erscheinen
für eine dialektische Beschreibung, da sie gegeneinander „gleichgültig“ sind und nur vom
Standpunkt des Betrachters Sinn gewinnen. Origineller und gleichzeitig schwieriger ist
dagegen seine dialektische Ausarbeitung des Verhältinisses von Kontinuität und
Diskretion, die schon in den Jenaer Vorlesungen in einer anderen Variante auftaucht und
vor allem auf das Verhältnis von Punkt, Linie und Oberfläche angewandt wird30. Die
„negative“ Funktion des Punkes wird erst durch die ursprüngliche Zusammengehörigkeit
von Raum und Zeit veständlich, die Hegel postuliert. Da der Punkt nicht nur als
Eigenschaft des Raumes, er wird zugleich als seine „Negation“ gedacht, d.h. als Resultat
einer tätigen Unterscheidung, die nur zeitlich zu denken ist.

XXXXX

25

26
Ebd. § 105-106, S. 35.
27
Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (1830), Werke, Hrsg. Moldenhauer-
Michel, Frankfurt am Main 1970, Bd. 9, S. 45f..
28
A. a. O. S. 46.
29
Idem
30
8

Zurück zu Hegels Kritik an der trascendentalen Ästhetik Kants. Raum und Zeit sind nicht
für Hegel apriorische Formen der Anschuung, die räumliche und zeitliche Erfahrung erst
ermöglichen, umgekhert so gedacht sind sie das Ergebnis von“Abstraktionen“ oder
theoretische Konstruktionen, die Aspekte der Erfahrung isolieren und voraussetzen. Daher
haben für ihn partikuläre „Orte“ oder Zeitmomente ein grösseres ontologisches Gewicht.
Mehr noch, wenn sie zusammen mit dem, was sie erfüllt, gedacht werden. Im Zusatz zum
Paragraphen 25431 wird der Raum als „eine unsinnliche Sinnlichkeit und eine sinnliche
Unsinnlichkeit“ beschrieben, eine Definition, die auch für die Zeit im Sinne Hegels
geeignet wäre. Denn in der Tat man kann weder Raum noch Zeit für sich erfahren –wie
Kant selbst behauptet32, sondern nur bestimmte Räume und Augenblicke und insofern kann
man hier nicht wie Kant von einer „reiner Anschauung“ sprechen. Aber Hegel scheint sie
als Quasi- oder Protobegriffe zu betrachten, da er ihnen auf der einen Seite – wiederum im
Unterschied zu Kant - Allgemeinheit, auf der anderen Seite ihnen, wie der Natur überhaupt,
eine bedingte und nicht rein logisch Struktur, zuspricht. Sie sind zwar allgemein aber ihre
Notwendigkeit ist nicht anscheinend die des reinen Begriffs. „Ein allgemein Sinnliches“ 33
oder ein „aüserlich Allgemeines“34 nennt er sie im Kant-Kapitel seiner Vorlesungen über
Geschichte der Philosophie. So bleibt bei Hegel eine gewisse Ambivalenz in seiner
Reflexionen über beide Formen der Sinnlichkeit.

Wir finden im Teil „a)“ dieser Vorlesung über Kants Idealismus eine knappe, zum Teil
ironischen und zum Teil etwas einseitigen Darstellung und Kritik von Kants
transzendentalen Ästhetik. Sie enthalt drei der Haupteinwände Hegels gegen sie, die für uns
auch zum Schluβ als eine Zusammenfassung seiner Argumente dienen: 1) Gegen
die“metaphysiche Erörterung“: Raum und Zeit sind für Hegel nicht als „reine
Aunschauungen“ zu denken. So konzipiert wären sie „Abstraktionen“, d. h. sie wären das
Resultat von Unterscheidungen, die gewisse Denkleistungen voraussetzen und nicht passiv
gegeben sind. 2) Gegen die „transzendentalen Erörterung“ bestreit Hegel, daβ Raum und
Zeit eine Grundlage für „synthetische Urteile a priori“ der Mathematik bilden. In dieser
Vorlesung versucht er für ein rein analytisches Verstädnis derselben zu plädieren. 3) Ein
dritter Einwand, besteht darin Raum und Zeit nicht als Eigenschaften eines Subjekts, die an
die Dinge sozusagen von aussen herangetragen oder sie ausprägen würden, zu sehen,

31
S. 43.
32
Am Anfang der transzendentalen Ästhetik, Kritik der reinen Vernunft, Hrsg. Theodor Valentiner, Meiner,
Leipzig 1919, erster Abschnitt, § 2, S. 78.
33
S. 339.
34
S. 341.
9

sondern als objektive und konstitutive Merkmale der Natur und zwar – wie wir aus anderen
Texten wissen – im Grunde genommen der Bewegung eines materiellen Körpers.

Während Hegels Bemühungen um eine Philosophie des Raumes und der Geometrie nur in
Ansätzen bleibt, erreicht seine Theorie der Zeit eine Originalität, die sie sowohl von
Aristoteles wie von Kant entfernt. Für den ersten ist Zeit im Grunde genommen die
gemessene Grösse einer Bewegung, für den zweiten eine subjetive Form die Daten der
Erfahrung zu verarbeiten. Die Zeit wird in beiden Fällen in seiner chronometrischen
quantitativen Eigenschaften analysiert.

Aber schon Hegels Definition der Zeit als „daseiendes Werden“ verweist in eine andere
Richtung, auf die qualitative Dialektik nämlich von Sein und Nichts des Anfangs seiner
Logik. Das Kapitel über „das Werden“ und sein Übergang in „das Dasein“ enthält somit
den Schlüssel für das Verständnis seiner Logik der Zeit35. Ich kann das Thema hier aus
Zeitgründen nicht weiter ausführen.

Nur noch eine Bemerkung: Kant sieht vor allem in der Zeit ein „Ordnungsschema“36. Um
eine nützliche Unterscheidung, die auf Mac Taggart37 zurückgeht, zu verwenden: er ist ein
Theoretiker der B-Reihe, (Früher, Zugleich, Später), während Hegel vor allem die A-Reihe
(vergangen, gegenwartig, zukünftig) vor Augen hat. Hegels Zeitbegriff sprengt den
Rahmen der Philosophie der Natur, in dem er behandelt wird und wird erst auf dem
Hintergrund seiner Philosophie der Geistes nachvollziehbar.

Zusammenfassung

Trotz der Deutung Heideggers nach der Hegels Auffassung von Raum und Zeit in direkter
Anlehnung an der Aristotelischen Physik entstanden ist, zeigen die Texte vielmehr, daβ
seine Überlegungen über die Struktur von Raum und Zeit seine Rezeption und zugleich
Auseinandersetzung mit Kants transzendentalen Ästhetik zum Hintergrund haben. Auch
wenn Hegel über die kantische – wie allerdings über die aristotelische- Theorie – hinaus
geht vor allem in seiner Zeitkonzeption, bleiben in mancher Hinsicht seine Gedanken über
Raum und Zeit von der Vorlage Kants bedingt und wären ohne sie nicht zu denken.

35
Für eine ausfürlichere Behandlung verweise ich auf in der Anmerkung 4 erwähnte Buch von mir.
36
Der Ausdruck stammt von Karen Gloy: Studien zur theoretischen Philosophie Kants, Würzburg 1990, S.
53.
37
John Ellis Mac Taggart, The Unreality of Time, ursprünglich erschienen in: Mind. A Quarterly Review of
Psychology and Philosophy 17 (1908): 456-473, auch im Internet zugänglich:
http://www.ditext.com/mctaggart/time.html
10

Michael John Petry, Der Jenaer Hegel und die Mathematik, in: Klaus Vieweg, Hrsg.: Hegels Jenaer Naturphilosophie,
Wilhelm Fink Verlag, München 1998, p. 253-265,
Hegels endgültiger Auffassug der Mathematik sei schon in der Jenaer Zeit konstituiert. (258) + 261+ 265

Hegels ganze Auffassung der mathematik is unerforscht S.261


Ver cita interesante de la PhG: W.9, 34 en la que ya sostiene lo contrario
Analogía con Frege, S.259, nota 22 die Mathematik als Teil der Logik
Hegel habe philosophie der Mathematik entwickelt 267
Rechazo del paradigma matemático, GW 4, 418f.
7+5= 12 es analítico: GW. 12, 206

Geometriche Studien, in: Dokumente zu Hegels Entwicklung, hrsg. Von Johannes Hoffmeister, Stuttgart-Bad-Cannstadt
1974, p.297
Vittorio Hösle, Hegels System, Bd.2, Philosophie der Natur und des Geistes, Meiner Verlag, Hamburg 1988, S.288ff.
Einteilung in der Heidelberger Enzyklopädie: # 196: Matemathik, Physik des Unorganischen, Physik des Organischen

Der Ort der Mathematik in Hegels System, S.291ff.