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Libanon macht

gute Erfahrungen
mit einer Berufs-
bildung nach deut-
schem Vorbild.
Das Duale System
zieht Kreise.
Aus einem anfangs
kleinen Projekt
mit vier Schulen
entwickelte sich
ein landesweites
Berufsbildungspro-
gramm.

Anne Schanz, Text |


Ursula Meissner, Fotos

Duales System zieht

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LIBANON

E s herrscht Sicherheitsstufe
eins. „Das wirft immer einen
Schatten auf unsere Arbeit“, sagt
gebunden. In Dekwaneh, Khya-
ra, Saida und Tripoli ließen sich
fast 200 Absolventen der Mittel-
Frank Killius, der Leiter des GTZ- schule zum Industriemechaniker
Berufsbildungsprogramms in oder zum Kraftfahrzeugmecha-
Beirut. Das GTZ-Team im libane- niker ausbilden.
sisch-deutschen Berufsbildungs- Weitere Schulen schlossen sich
projekt ist für den Krisen- und dem Dualen System an: in Naba-
Kriegsfall gewappnet. Ein Merk- tiye, Baalbeck, Deir Amar, Deir
blatt empfiehlt, Decken, Trink- Kamar und Zgharta. Das Aus-
wasser, Taschenlampe, Gasko- bildungsangebot wurde um
cher und Lebensmittel für 72 drei Fachrichtungen ergänzt:
Stunden bereit zu halten. Reisen Heizungs- und Sanitärtechnik,
im Land? Heute auf keinen Fall! Metallbau und Wartung sowie
Vorsicht ist geboten. Die Anschlä- Elektrotechnik. Die Fachrichtung
ge auf amerikanische Einrichtun- Holztechnik ist geplant. Zur Zeit
gen reißen nicht ab. Den Schnell- lernen mehr als 800 Auszubil-
imbiss McDonald´s hat es seit dende in 14 staatlichen Schulen
vergangenem Sommer schon und 360 angeschlossenen Be-
fünfmal getroffen. „Wir disponie- trieben. Fast 450 Absolventen
ren hier von einem aufs andere haben seit 1999 ihre Ausbildung
Vierteljahr“, sagt Frank Killius zum libanesischen Facharbeiter
mit Blick auf die aktuelle Sicher- erfolgreich abgeschlossen.
heitslage. Dennoch planen die
Qualifizierte Fachkräfte
GTZ-Mitarbeiter gemeinsam mit
dem libanesischen Partner ziel- Mit dem Schuljahr 1998/1999
bewusst ihre Aktivitäten und startete schließlich ein Sonder-
setzen auf verbesserte Rahmen- projekt zur Aus- und Fortbildung
bedingungen. von Werkstattlehrern und Aus-
Seit 1995 fördert die GTZ im bildern. Je nach Bedarf bildet
Libanon im Auftrag des BMZ die das Projekt Lehrkräfte im Liba-
duale Berufsausbildung. Ein liba- non und der Nahostregion fort.
nesisch-deutsches Regierungs- Im August 2001 wurde die Vor-
abkommen bietet die Grund- arbeiter- und Meisterfortbildung
lage dazu. Die deutsche Unter- eingeleitet. Zur Zeit besuchen
stützung ist auf zwölf Jahre 45 Handwerker und Industriear-
geplant: vier Phasen von jeweils beiter die Kurse in den Fachrich-
drei Jahren. Nach deutschem tungen Kfz-Mechanik, Metall-
Vorbild werden die Jugendlichen technik und Elektrotechnik. Die
drei Jahre lang sowohl in der GTZ-Mitarbeiter und ihre liba-
Schule als auch in Betrieben aus- nesischen Partner wollen diese
gebildet. In der ersten Projekt- wichtigen Sektoren des libanesi-

Kreise
phase von 1996 bis 1998 wurden schen Arbeitsmarktes mit besser
fünf Schulen in das Projekt ein- qualifizierten Fachkräften fördern.

45 akzente 2/2003
„Die Verhältnisse sind schwie- sprache. Zwei Deutschstunden In der ETSA müssen aber auch bis hier sehen, wie moderne
riger geworden, aber wir geben pro Woche sind Pflicht. Lehrer und Werkstattleiter regel- Sanitärtechnik funktioniert. Die
die Hoffnung nicht auf“, sagt Sein Freund Hassan Wehbi will mäßig die Schulbank drücken, Übungswerkstatt ist noch ganz
Killius. Rund 40 Prozent der Ju- erst mal seine Lehre abschließen. damit sie auf dem aktuellen neu und modern. Der Bewerber-
gendlichen gehen ins Ausland. Als Automechaniker wird er Stand bleiben. Klaus Kaletsch ist andrang an der Schule ist so
Siebzehn Jahre Bürgerkrieg zei- im Libanon wohl kaum arbeits- einer der Kollegen, die in der groß, dass gerade ein Anbau
gen noch immer Wirkung. Aus los werden, denn nirgendwo Lehrerfortbildung eingesetzt errichtet wird.
einem kleinen Projekt mit vier sonst auf der Welt gibt es eine so sind. Als Kurzzeitexperte der GTZ In Kora, nicht weit von der
Schulen ist trotz der widrigen hohe Fahrzeugdichte: auf 1000 bringt er ETSA-Lehrkräfte auf Schule, ist die Kosmetikfirma von
Umstände ein flächendeckendes Einwohner kommen 700 Autos. den neuesten Stand der Elektro- ZETRA Industries angesiedelt.
Berufsbildungsprogramm ge- Besonders beliebt sind deutsche technik. Der Familienbetrieb hat etwa
worden. Zu den ersten Stätten Fabrikate. Mercedes- und BMW- 100 feste Angestellte und über-
Schule für Vater und Sohn
der dualen Ausbildung gehört Modelle jedes Baujahrs bestim- nimmt regelmäßig Absolventen
die École Technique Supérieure men das Straßenbild. Als Auto- Nordwestlich von Beirut liegt des Dualen Systems. „Die GTZ
Amilieh (ETSA) im Süden Beiruts. mechaniker kann Hassan später die technische Schule Tripoli. hat wirklich das beste Ausbil-
Die ETSA gibt es schon seit 1964. 300 bis 400 Euro pro Monat ver- Hier werden nach Dualem Sys- dungsprogramm“, sagt Salim
Bei einem Bombenangriff im dienen. Nicht schlecht, vor allem tem drei Ausbildungsgänge an- J. Zeenni, einer der Besitzer und
Jahr 1982 wurde sie zu 80 Pro- angesichts der Arbeitslosenquote geboten: Industriemechanik, fügt hinzu: „Wir haben ansons-
zent zerstört und erst 1995 wie- von rund 40 Prozent. Abbass Heizungs- und Sanitärtechnik ten große Probleme, die richti-
der aufgebaut. Auf 25 000 Qua- Ghanem, ebenfalls 18 Jahre alt sowie Elektrotechnik. Der 19-jäh- gen Leute für unseren Betrieb
dratmetern Nutzungsfläche gibt und im zweiten Lehrjahr, träumt rige Mohammad Raschab lernt zu finden, denn sie sind einfach
es rund 20 Werkstätten. Vor der davon, sich selbständig zu ma- hier Industriemechaniker. Wenn nicht gut genug ausgebildet.“
Einführung des Dualen Systems chen. In vier Jahren will er die er nicht in der Schule oder im Die Kosmetikfirma exportiert
wurde hier nach französischer Meisterprüfung ablegen und Ausbildungsbetrieb ist, hilft er ihre Produkte hauptsächlich nach
Lehrmethode unterrichtet: mit sein eigener Chef sein. seinem Vater in der Aluminium- Europa. Innerhalb von drei Jahren
mehr Theorie und weniger Praxis. Bis es soweit ist, muss Abbass, werkstatt, die der Familie gehört. beschäftigte der Betrieb fünf
Die Absolventen hatten gerin- wie alle anderen Jugendlichen Dass der Sohn einen ähnlichen Industriemechaniker, die das Du-
gere Chancen auf dem Arbeits- im zweiten Lehrjahr, zwei Tage Beruf ergreifen will wie der Va- ale Ausbildungssystem durch-
markt, weil sie deshalb viel zu in der Woche die Schulbank drü- ter, ist im Libanon nicht selten. laufen hatten.
wenig praktische Fähigkeiten cken. An drei Tagen setzt er im Manchmal kommen sogar die Der 22-jährige Hillal Naschabi
hatten. Betrieb die gelernte Theorie in Väter zur Schule, um noch etwas ist einer von ihnen. Seit andert-
die Berufspraxis um. Die Azubis dazuzulernen. Besonders häufig halb Jahren ist er nun schon bei
Hoch gesteckte Ziele
an der ETSA sind hoch moti- kommt das vor im Heizungs- ZETRA Industries. Hillal hatte den
Achmed Hazzima, 18 Jahre alt, viert. Das zeigt die relativ niedri- und Sanitärbereich. „Oft haben Betrieb während seiner Ausbil-
macht an der ETSA eine Ausbil- ge Durchfallquote von etwa 15 die Väter einen Installationsbe- dung an der Technischen Schule
dung zum Kfz-Mechaniker. Er ist Prozent. trieb aufgebaut, ohne eine rich- in Tripoli kennen gelernt. Der
im zweiten Lehrjahr und hat Viele Lehrer haben eine Tech- tige Ausbildung zu besitzen. Um junge Mann überzeugte die Fir-
hoch gesteckte Ziele. Nach dem nikerausbildung in Deutschland zeitgemäße Technik zu beherr- menleitung schon während seiner
Abschluss will er nach Deutsch- gemacht. Zum Beispiel: Hassan schen, drücken sie hier zusam- Lehrzeit, und so bekam er an-
land, um Elektrotechnik zu stu- Baidoun, Ausbilder für Kälte- und men mit ihren Söhnen die Schul- schließend eine feste Stelle. Die
dieren. An die deutsche Sprache Klimatechnik. Er schwärmt heute bank“, sagt Toufik Assoun, der Maschinen zur Herstellung seiner
ist er gewöhnt, denn Deutsch noch von der deutschen Lehr- Leiter der Lehrwerkstatt. Durch Produkte bezieht Salim J. Zeenni
ist an der ETSA auch Unterrichts- zeit im hessischen Groß-Gerau. gläserne Rohre können die Azu- oft aus Europa, bevorzugt aus

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Deutschland. Der Jungunterneh- an der Schule groß geschrieben. gut und effektiv.“ Der Betrieb,
mer kauft keine neuen, sondern Solche Integration ist bei 18 der Bohnen, Marmelade und an-
gebrauchte, ausrangierte Geräte. staatlich anerkannten Konfessio- dere Konservenprodukte in die
Nach betrieblichen Bedürfnissen nen im Libanon auch bitter nö- ganze Welt exportiert, hat rund
baut er sie um. Seine Mechani- tig, sagt GTZ-Mitarbeiterin Hana 100 Angestellte. In Hochzeiten
ker müssen in der Lage sein, in- Nasser aus eigener Erfahrung. ist Arbeit für doppelt so viele da.
dividuelle Lösungen für den An der JLSS wird Religion in Ganz im Süden, in Bint Jbeil,
Betrieb umzusetzen. „Deshalb gemischten Klassen unterrichtet. direkt an der israelischen Gren-
bildet ZETRA Industries nach „Bis jetzt haben wir hier keiner- ze, können Jugendliche erst seit
den positiven Erfahrungen mit lei konfessionelle Probleme“, vergangenem Jahr eine Ausbil-
der Erstausbildung der Jugend- betont Reverend Riad Kassis, der dung nach dem Dualen System
lichen inzwischen auch erwach- Schulleiter. Every Naim, 17 Jahre machen. Vorher war die Gegend
sene Mitarbeiter weiter“, ergänzt alt und Azubi für Industrieme- zu unsicher. Auch jetzt noch ist
GTZ-Mitarbeiter Wolfgang J. chanik, kann das nur bestätigen: die Schule bewacht. Bis zum
Saier. Hier wird die fehlende „Christen und Muslime leben Mai 2000 hatten die Israelis hier
spezielle Qualifizierung für den und arbeiten hier zusammen, eine Sicherheitszone eingerich-
Betrieb nachgeholt. das ist ganz normal, da gibt es tet. Immer wieder gab es bluti-
keine Probleme.“ Im Libanon gen Streit zwischen Israelis und
Der Stolz der Religiöse Integration
Schule ist eine sind 60 Prozent der Einwohner der libanesischen Hizbollah.
hauseigene Durch verschneite Berge führt muslimischen und 40 Prozent Die Hauptstraßen sind gesäumt
Bäckerei mit der Weg zur Johann-Ludwig- christlichen Glaubens. von Bildern getöteter Hizbollah-
Lehrwerkstatt.
Schneller Schule (JLSS), in Khir- In einer nahegelegenen Kon- Kämpfer, vom Volk als Wider-
Sie soll mit deut-
scher Hilfe er- bit Kanafar, östlich von Beirut. servenfabrik treffen wir Khaled standskämpfer und Märtyrer
weitert werden. Die JLSS kümmert sich beson- Baalbacki. Er macht eine Ausbil- verehrt.
„Wir sind es gewohnt, mit
der Gefahr umzugehen“, sagt
Schulleiter Ghassan Bazzi. In
diesem Teil Libanons ist spürbar:
Auch nach 13 Jahren ist der
Frieden noch nicht sicher.

Die Autorin ist Mitarbeiterin des


Südwestrundfunks in Mainz.

Kooperative Berufsausbildung
Die Lage: Auf dem libanesischen Arbeitsmarkt
herrscht Mangel an technischen Fachkräften,
die an Praxis und Bedarf ausgebildet sind.

Das Ziel: Ein kooperatives Berufsbildungs-


system für Abgänger der Mittelschulen.

Das Konzept: GTZ-Berater fördern die ein-


bezogenen Schulen und Berufszweige und
qualifizieren landesweit Fachkräfte gemäß der
Aktueller Lehrstoff: ders um Waisenkinder und um dung zum Industriemechaniker Anforderungen des dualen Systems.
In der ETSA Jugendliche aus verarmten und in der technischen Schule in
müssen auch Die Partner: Das Directorate General for
Lehrer und Werk-
zerrütteten Familien. In dem bei- Bekaa. Khaled ist gerne in der
spielhaften Projekt leben rund Fabrik und hofft, dass er später Vocational and Technical Education, staatliche
stattleiter regel-
mäßig die Schul- 170 christliche und muslimische übernommen wird. Als jüngster Bildungseinrichtungen und Organisationen
bank drücken, Schüler im Alter zwischen sechs Spross einer Familie mit acht der Wirtschaft.
damit sie auf dem
aktuellen Stand und 21 Jahren mit ihren Erzie- Personen wäre das ein toller Er-
Die Kosten: Das BMZ unterstützt die Techni-
bleiben. hern, deren Familien und weite- folg für ihn. Die Chancen stehen
sche Zusammenarbeit zur Einführung des
ren Mitarbeitern. Mit Unterstüt- nicht schlecht. Sein Chef, der
kooperativen Berufsbildungssystems im Liba-
zung der GTZ wurde hier das Produktmanager Khaled Aloula,
Duale System für Kraftfahrzeug- ist hoch zufrieden mit Khaled. non mit bisher rund neun Millionen Euro.
und Industriemechanik einge- Sein Kommentar: „Die Lehrlinge
führt. Religiöse Integration wird aus dem Projekt arbeiten sehr

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