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Das Lernen ist eine Dauerbaustelle

Andreas Müller

The „road to success“, sagen die


Amerikaner, „is always under con-
struction“. Das will heißen: Das Ler-
nen – die Straße zum Erfolg eben –
ist eine Dauerbaustelle, ein perma-
nenter Entwicklungsprozess. Oder
um es mit Peter Sloterdijk zu formu-
lieren: „Man muss respektieren,
dass wir es immer mit Menschen zu
tun haben, die jeweils in ihrer Weise
fertig sind. Bis hierher vollkommen
und ohne wirklichen Mangel. Der
nächste Zustand kann nur aus den
Eigenleistungen dessen, was schon
fertig ist, aufgebaut werden“
(Sloterdijk 2002).

E
in faszinierender Gedanke: Jeder Abb. 1
Mensch ist nicht nur einzigartig, er
ist auch vollkommen, so wie er ist. Entwickeln ist dynamisch und schließt den man begrüßen oder bedauern, nur ignorie-
Und er entwickelt sich immer von dort aus Wunsch und den Willen zum Lernen mit ren darf man ihn nicht. Das gilt auch und
weiter, wo er gerade ist. Und, das macht ein. gerade für die Schule. Lehrpersonen, die
die Sache noch attraktiver: Er hat die Mög- „Learning to be able“ sagt man jenseits das Lernen ihrer Schülerinnen und Schüler
lichkeit, diese Entwicklung zu beeinflus- des großen Teiches: Sich in die Lage verset- verbessern wollen, sind damit Menschen,
sen. Wie heißt es so schön: Man soll die zen, den sich wandelnden Herausforderun- die nicht nur im System, sondern auch am
Dinge nehmen, wie sie kommen. Aber man gen der Zukunft gewachsen zu sein. Kurz: System arbeiten – und die das gemeinsam
kann rechtzeitig dafür sorgen, dass sie so selbstwirksam sein, an sich und seine Fä- tun. Das ist der Geist des Unternehmens:
kommen, wie man sie nehmen möchte. Pe- higkeiten glauben. Oder noch kürzer: „Fit zusammen eine Aufgabe bewältigen, zu-
ter Sloterdijk bringt es auf den Punkt: „Ler- for Life“ (Müller 2002). sammen etwas unternehmen (anstatt es zu
nen ist die Vorfreude auf sich selbst.“ unterlassen) ist der Weg, der Menschen zu-
Ausgangspunkt ist mithin ein Lernen, sammenführt. Daraus entwickelt sich ein
das sich als selbstreferenzieller Konstruk- Das Institut Beatenberg „Commitment“, jenes Powerpotenzial, das
tionsprozess versteht. Das heißt: Lernende Das Institut Beatenberg hat sich auf die die Zusammenarbeit im Hinblick auf die in-
sind aktiv Gestaltende. Sie lernen selbst Fahne geschrieben, eine Stätte des Lernens dividuelle und institutionelle Selbsterneue-
und ständig; sie sind Unternehmer ihrer zu sein, ein Ort, der allen Beteiligten opti- rung wertvoll werden lässt. Zusammenar-
selbst. Lernen versteht sich gleichsam als male Voraussetzungen bietet, fit zu werden beit besteht aus zwei Wörtern „zusammen“
ein lustvolles Entdecken eigener Stärken für ihr Leben. Das Institut liegt im gleich- und „Arbeit“. Zusammenarbeit hat daher
zum Nutzen einer erfolgreichen Lebensge- namigen Ort auf einer Sonnenterrasse des nichts mit teamesoterischer Selbstfin-
staltung. Erfolg steht hier als Synonym für Berner Oberlandes mit unvergleichlichem dungsfolklore gemeinsam. Nein, Zu-
Selbstwirksamkeit, für dieses tiefe Gefühl, Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau. Diese sammenarbeit versteht sich als Ausein-
sich und die Dinge „im Griff“ zu haben. guten Aussichten sollen auf das Lernen andersetzungs- und damit als Lernprozess.
Und Erfolg steht für den Aufbau von Kom- übertragen werden. Seit Jahren setzt die Das verlangt nach der persönlichen Be-
petenzen. „Kompetenzen“ sind eine sprach- Schule deshalb auf die Karte Innovation. reitschaft, die eigene Arbeit zur Diskussion
liche Partnerschaft mit „entwickeln“ einge- Diesen permanenten Anpassungsbedarf zu stellen. Die Lehrpersonen – Coaches
gangen – nicht „vermittelt bekommen“. (fit = well; adapted = gut angepasst) kann vielmehr – des Instituts Beatenberg sind

16 Schule: lernende Organisation?


deshalb angestellt auf der Basis eines Prä- Coaches – oder Sparringpartner. „Lernspar- sprechende individuelle Verbindlichkeiten
senzmodells. Mit anderen Worten: Sie ver- ring“ versteht sich als zentrales Element ein. Dabei stützen sie sich auf ein einfa-
bringen ihre Arbeitszeit in der Schule. Sie im ganzen auf Nachhaltigkeit ausgerichte- ches, aber wirkungsvolles Tool namens
bereiten vor und nach, führen Gespräche ten System modernen schulischen Lernens. Lay-out. Dieses Lay-out dient der differen-
mit Schülern, Eltern, Kollegen. Und sie bil- Gemeint ist die Hilfe zur Selbsthilfe. Eine zierten Planung. Und es dient ebenso der
den sich weiter: „Teacher as learner“. Jeden solche individuelle Kompetenzförderung systematischen Reflexion. Denn die ange-
Freitagnachmittag und während zwei Fe- basiert nicht zuletzt auf einer anregenden strebte Selbststeuerung verlangt nach ei-
rienwochen pro Jahr stehen Workshops auf Interaktion. ner Auseinandersetzung mit dem eigenen
dem Programm. Insgesamt umfasst diese So wurden aus Klassen Lernteams. In Arbeitsverhalten.
zeitliche Investition fünf volle Arbeitswo- diesen Lernteams arbeiten die Schülerin- Das Lay-out dient aber auch der Erfolgs-
chen pro Jahr. Einziges Thema der Work- nen und Schüler. Einzeln oder in Gruppen. bilanz: Immer am Ende der Woche formu-
shops ist es, die eigene Arbeit – auch im Sie tauschen sich aus, untereinander oder lieren die Lernenden mindestens drei Situ-
Licht der modernen Forschung – zu reflek- mit dem Coach. Sie organisieren und prä- ationen, in denen sie sich erfolgreich ge-
tieren und Überlegungen im Hinblick auf sentieren, sie schreiben und zeichnen. Sie fühlt haben. Im Verlaufe eines Schuljahres
Verbesserungen und Entwicklungen anzu- arbeiten eben. Und sie lernen dabei, die kommen auf diese Weise über hundert per-
stellen. Wichtig in diesem Zusammenhang Vielfalt an Sozialformen und Methoden lö- sönliche Erfolgsmeldungen und intern at-
ist: Mindestens zwei Mal jährlich sind die sungsorientiert zu nutzen. Eine so genann- tribuierte Selbstbestätigungen zusammen:
Schulkinder aufgerufen, die Leistung der te Flüsterkultur ermöglicht nicht nur ein Ich kann etwas! Ich habe etwas gelernt!
Lehrpersonen einer differenzierten Beurtei- kooperatives Arbeitsverhalten, sie führt Das ist nicht nur ein bedeutender emotio-
lung zu unterziehen. Die entsprechenden auch zu einem ganz speziellen inspirieren- naler Faktor, das ist auch von erheblicher
Informationen liefern wichtige Hinweise den Klima in Arbeitsräumen, die nicht nur lernstrategischer Bedeutung, denn Erfolg
für den Prozess der Selbsterneuerung. so heißen, sondern auch so benutzt und be- führt zu Erfolg. Erfolg ist das beglückende
lebt werden (siehe Abb. 1). Gefühl, etwas bewirkt zu haben (vgl. Müller
2001). „Replay the memory and you replay
Lehrkräfte als Sparringpartner the feeling. Replay the feeling and you’ve
Zusammenarbeit ist als leitendes Prinzip In eigener Regie created a resourceful state of mind“ (Rose
eines stimulierenden Lernumfeldes auch Einen großen Teil der Arbeitszeit gestalten 1999) oder wie es Annemarie Laskowski
ein Stichwort, das die Beziehung zu und die Lernenden in eigener Regie. Sie setzen (2000) formuliert: „Menschen, die Erfolg
unter den Schülerinnen und Schülern um- sich zu diesem Zweck mit ihrem Coach zu- ihren Fähigkeiten zuschreiben, empfinden
schreibt. Beispiel: Aus Lehrkräften wurden sammen bzw. auseinander und gehen ent- nach ihrer Selbstbewertung starke positive

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Grundschule 12/2002 17
Gefühle der Zufriedenheit und des Stolzes
und entwickeln positive Erwartungen für
ihr zukünftiges Leistungsverhalten“.
Ein wichtiges Prinzip heißt demnach:
sich den Erfolg organisieren. Dazu gehört
auch, dass die Schülerinnen und Schüler in
den Lernteams sich wöchentlich ihre „Tops
of the Week“ präsentieren. Sie stellen ei-
nander vor, was sie an wichtigen Erkennt-
nissen gewonnen und wie sie das geschafft
haben.
Da die Straße zum Erfolg sich bekannt-
lich als Dauerbaustelle präsentiert, steht
neben jedem Arbeitsplatz eine „Baustelle“.
Diese Baustelle bildet die symbolträchtige
„Hardware“ für das Referenzieren. Das
Prinzip hinter dem Referenzieren ist es, in-
dividuelle Leistungen mit einem Referenz-
wert in Beziehung zu bringen. Diesen Refe-
renzwert und damit die inhaltliche Basis
bilden so genannte Kompetenzraster. Sie
werden an der Baustelle befestigt (siehe
Abb. 2).
Die Kompetenzraster definieren die In-
halte und die Qualitätsmerkmale der ver-
schiedenen Fachgebiete in Form präziser
Can-do-Statements. In der Vertikalen der
Raster sind jene Kriterien aufgeführt, die
das Fachgebiet inhaltlich bestimmen. In Abb. 3
der Horizontalen werden zu jedem dieser
Kriterien vier bis sechs Niveaustufen defi- besprechen die Schülerinnen und Schüler Die Aktivitätsschwerpunkte werden hin zu
niert. ihre Arbeiten mit ihrem Coach und schla- Lernenden verlagert. Sie übernehmen die
Die Kompetenzraster verstehen sich als gen vor, wo diese Arbeit in den jeweiligen Hauptverantwortung für ihre Leistungen
integrale Arbeits-, Selbstführungs- und Kompetenzrastern einzuordnen sei. Farbi- und deren Qualität, gefordert und gefördert
Evaluationsinstrumente. Die Arbeiten der ge Klebepunkte machen deutlich, welchen von ihren „Coaches“. Die Baustellen als
Lernenden finden ihren Niederschlag – Kriterien und Qualitätsmerkmalen eine transparente Informationsplattform unter-
oder eben ihre Referenz – in den Rubriken Leistung entspricht. Durch die farbigen stützen die Kooperationsmöglichkeiten un-
des Kompetenzrasters. Zu diesem Zweck Punkte entsteht mit der Zeit ein individuel- ter den Lernenden. Es entwickelt sich eine
les Kompetenzprofil im jeweiligen Fachbe- Learning Community, ein förderliches und
reich (siehe Abb. 3). partnerschaftliches Umfeld, wo Beteiligung
Die entstehenden Profile spiegeln die und Sinnstiftung das Lernen zur Baustelle
Qualität und Quantität der Leistungen in des Erfolges machen. ●
den betreffenden Gebieten. Sie zeigen di-
rekt und unmittelbar, was eine Schülerin
oder ein Schüler an Leistungen erbracht
hat (Performanz). Damit wird eine Referen-
zierung zweiten Grades möglich: der Ver-
gleich des eigenen Stärken-Schwächen-Pro-
fils mit den Anforderungsprofilen weiter-
führender Ausbildungen und/oder persön-
lichen Ansprüchen. Die sich aus diesem
Vergleich ergebenden und auf einen Blick
sichtbaren Differenzen zeigen den Hand-
lungsbedarf. Entsprechend lassen sich Ak-
zente setzen und Programme gestalten, die
der individuellen Situation und den Bedürf-
nissen Rechnung tragen. Das Lernen wird
damit zu einer wirklich persönlichen Ange- Literatur ————————————————————————
legenheit. Laskowski, Annemarie: Was den Menschen antreibt. Ent-
stehung und Beeinflussung des Selbstkonzeptes. Frank-
Referenzieren versteht sich als lösungs- furt/Main 2000
und entwicklungsorientierte Form der Müller, Andreas: Nachhaltiges Lernen. Oder: Was Schule
Leistungsbeurteilung. Jeder farbige Punkt mit Abnehmen zu tun hat. Beatenberg 1999
auf den Kompetenzrastern trägt eine Num- Müller, Andreas: Lernen steckt an. Bern 2001
Müller, Andreas: Wenn nicht ich, ...? Und weitere unbe-
mer. Diese findet sich wieder auf den Ar- queme Fragen zum Lernen in Schule und Beruf. Bern
beiten, die in ein Lernportfolio abgelegt 2002
worden sind. Damit sind alle Punkte jeder- Rose, Colin: Master it faster. How to learn faster, make
zeit identifizierbar. Und das Portfolio sei- good decisions and think creatively. Aylesbury 1999
Sloterdijk, Peter: Lernen ist Vorfreude auf sich selbst.
nerseits wird seiner Funktion als direkte Peter Sloterdijk im Gespräch mit Reinhard Kahl über den
Leistungsvorlage gerecht (vgl. Müller Abschied vom Ernstfall und die Entprofessionalisierung
Abb. 2 2002). der Schule. unveröffentlichtes Manuskript 2002

18 Schule: lernende Organisation?