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Abenteurer Gottes

Dave und Neta Jackson

Hudson Taylor
Entführt nach China

Christliche
Literatur-Verbreitung e.V.
Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld
Dave und Neta Jackson sind als Ehepaar ein Team,
das zahlreiche Bücher über Ehe und Familie, Kirche,
Beziehungen und andere Themen geschrieben und
mitgeschrieben hat. Zu ihren Büchern für Kinder
zählen die »Abenteurer Gottes«-Serie und »Glau-
benshelden«. Die Jacksons sind in Evanston, Illinois,
USA, zu Hause.

1. Auflage 2006

Originaltitel: Shanghaied to China


© 1993 by Dave und Neta Jackson
Originalverlag: Bethany House Publishers
© der deutschen Ausgabe 1996 by Zapf & Hofmann, Landstuhl
2006 by CLV · Christliche Literatur-Verbreitung
Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld
Internet: www.clv.de
Übersetzung: Susanne Zapf
Umschlag: OTTENDESIGN.de, Gummersbach
Satz: CLV
Druck und Bindung: Ebner & Spiegel, Ulm

ISBN-10: 3-89397-552-7
ISBN-13: 978-3-89397-552-5
Alle Erwachsenen in diesem Buch haben wirklich ge-
lebt, und ihre Erlebnisse sind so passiert. Englische
Erzählungen erwähnen jedoch nur den Kapitän,
nicht aber die Mitglieder der Schiffsmannschaft von
der Dumfries. Aus diesem Grund haben wir uns Na-
men für den ersten Maat und den schwarzen Stewart
ausgedacht. Für dieses Buch ist außerdem die Rei-
henfolge einiger Ereignisse anders erzählt, und die
Zeit in China wurde auf ein Jahr zusammengedrängt,
obwohl die Erlebnisse Hudson Taylors eigentlich in
den ersten zweieinhalb Jahren in diesem Land ge-
schahen.
Hudson Taylors Heiratsantrag an Maria Dyer ge-
schah im Großen und Ganzen so, wie es in der Ge-
schichte beschrieben wird, wenn auch an einem an-
deren Ort, nämlich in Ningbo, einer Stadt südlich
von Shanghai.
Neil Thompson und Yang Namu sowie ihre Bezie-
hungen zu Hudson Taylor und anderen Menschen in
diesem Buch sind frei erfunden, obwohl es wahr ist,
dass ein Diener Taylors ihn während einer Reise ins
Landesinnere bestohlen hat.
Inhalt

Ein Schlag auf den Kopf 9


Licht über Holyhead 19
Hoch über dem Meer 30
Über Bord 44
»Keine Angst, wir erschießen dich nur!« 57
Das Wrack der »Dumfries« 69
Eingebundene Füße und Kanonen 80
Das Grab des lebendigen Toten 91
Betrogen 103
Der weite Weg zurück 112
Tornados 122
Überfahrt auf der »Geelong« 134
Mehr über Hudson Taylor 141
Ein Schlag auf den Kopf

I ch erwachte in einem merkwürdigen Bett, und


dann fiel es mir wieder ein: Es war der 19. Septem-
ber 1853, und ich war in Liverpool, in England. Doch
ich erinnerte mich auch wieder traurig daran, dass
Großvater Thompson krank im Bett lag und mich
nicht mit hinunter an die Docks nehmen konnte.
Nur meine Großmutter hatte mich am Abend zuvor
am Bahnhof abgeholt. Nachdem sie mich umarmt
hatte, erklärte sie: »Ich weiß, Neil, dass du nur des-
halb gekommen bist, um morgen die Schiffe zu se-
hen, aber du wirst warten müssen, bis es Opa wieder
besser geht.«
»Ist schon in Ordnung. Ich kann warten«, versicherte
ich ihr, aber am Morgen war ich nicht mehr so gedul-
dig.
Mein Großvater war Kapitän auf einem großen Schiff
gewesen, und da er die meiste Zeit draußen auf dem
Meer verbracht hatte, hatte ich ihn erst ein einziges
Mal gesehen. Aber jetzt hatte er seinen Beruf aufge-
geben und mich eingeladen, eine Weile bei ihm und
Großmutter zu bleiben. »Ich werde dir die Schiffe im
Hafen zeigen und dir jeden Kapitän vorstellen«,
hatte er mir in seinem Brief versprochen.
Ich stand auf und blickte durch das kleine, runde
Fenster. Es sah aus wie das Bullauge eines Schiffes.
Vieles im Haus meiner Großeltern stammte von
Schiffen oder aus dem Meer. Vor der Haustür hing
eine auf Hochglanz polierte Messinglaterne. Eine

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große Muschel und ein Fernrohr lagen auf dem Ka-
minsims, und eine Weltkarte hing an der Wand. Die
Deckenbalken in den Zimmern waren dunkel und
niedrig, und der Handlauf an der schmalen Treppe
nach oben, wo ich schlief, war nichts anderes als ein
dickes Schiffstau. Ich liebte alles. Eines Tages würde
ich auch zur See fahren.
Der Morgen war hell, aber neblig. Von meinem Fens-
ter aus schienen die Dächer der Nachbarhäuser in
einem silbrigen Dunst zu schweben. Bald würde die
Sonne durchkommen.
Warum soll ich auf Großvater warten?, dachte ich. Das
Wasser kann nicht so weit weg sein. Ich kann doch sogar
schon den Tang und das salzige Wasser riechen. Ich wette,
ich finde die Docks auch allein.
In null Komma nichts war ich aus dem Haus geschli-
chen, ohne die Großmutter zu stören, und ging zum
Hafen hinunter. Ich hatte nie gedacht, dass es so viele
Schiffe geben könnte. Ich ging an ungefähr dreißig
vorbei – an kleinen und großen –, und da waren im-
mer noch Masten, so weit ich den Mersey River hin-
unterblicken konnte, an dem der Hafen von Liver-
pool gebaut war.
Das war toll! Ich konnte nicht warten, bis es Großva-
ter besser ging und er mich auf ein Schiff mitnahm,
damit ich den Kapitän kennenlernen konnte.
Ich hielt neben einem kleinen Schoner an. Der Name
Dumfries stand auf der Seite. Das Schiff schien bereit
zum Auslaufen zu sein, sodass ich mich auf ein Fass
setzte, um zuzusehen. Bald kam die Sonne durch den
Nebel, und einige Menschen liefen den Steg hinun-

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ter. Als sie auf dem Kai standen, drehten sie sich um
und winkten einem Mann zu. Er war jung, ungefähr
zwanzig, und stand an der Reling. Ich fragte mich,
wohin er wohl fahren würde … der Glückliche.
Plötzlich schrie ein Offizier – ich wusste das, weil er
so schick angezogen war: »Wo ist der Kabinenjunge?
Es ist Zeit zum Ablegen,
und er ist nirgends zu
finden!« Der Mann
kam an die Reling
und sah den Kai
hinauf und hinun-
ter, dann rief er
zwei Seeleuten
zu, die dabei
waren, die
dicken Taue zu
lösen: »He, ihr!
Wir brauchen
noch einen
Kabinenjungen.« Er wies
mit dem Kopf auf das Dock
und sagte: »Kümmert euch
darum.«
»Ay, ay, Sir!«
Hinter mir stand eine
Frau auf den Docks,
die in ihr
Taschen-
tuch
schluchzte.
Der Passagier

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an Deck rief herunter: »Mutter, weine nicht. Bitte
weine nicht. Ich werde zurück sein, noch bevor du es
erwartest.«
Mir tat diese Frau leid, als mich plötzlich starke Arme
von hinten packten und von dem Fass herunterzogen.
Zwei Seeleute schleppten mich zum Schiff. Für meine
zwölf Jahre war ich recht groß, und ich zappelte und
strampelte so sehr ich konnte, aber es hatte keinen
Wert. Ich konnte mich aus ihrem starken Griff nicht
befreien. Als ich merkte, wie wir den Steg zum Schiff
hinaufliefen, begann ich, um Hilfe zu rufen.
»He, was machen Sie mit diesem Jungen?«, schrie je-
mand, aber in dem Moment traf mich etwas auf dem
Kopf, und es wurde dunkel um mich herum.

***
Als ich aufwachte – zum zweiten Mal an diesem
schicksalhaften Montag –, lag ich nicht in dem beque-
men Gästebett meiner Großmutter. Hier war es klein,
dunkel und feucht, nicht viel größer als ein Kohlen-
loch. Mein Hinterkopf tat weh, und ich merkte, wie
ich vor- und zurückschwankte. Ich brauchte nicht
lange, um herauszufinden, dass ich an Bord der
Dumfries war, auf dem offenen Meer.
»Lasst mich hier heraus!«, schrie ich. Wieder und
wieder rief ich um Hilfe, es war zwecklos. Ich ver-
suchte, nicht in Panik zu geraten, aber ich hatte To-
desangst. Warum hatte man mich geschnappt und an
Bord gebracht? Ich weiß, ich hätte auf Großvater
warten sollen, aber ich hatte doch nichts Böses getan
– ich hatte nur auf einem Fass gesessen und alles be-
obachtet.

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Dann erinnerte ich mich an den Offizier, der herum-
geschrien hatte, dass der Kabinenjunge fehlte, und
der zwei Seeleute beauftragt hatte, sich darum zu
kümmern – und er hatte in meine Richtung genickt!
Ich hatte wirklich Angst, denn ich wollte nicht Kabi-
nenjunge werden, nicht jetzt, und vor allem nicht auf
diese Weise!
Ich begann, gegen die Wand zu treten. Vielleicht
fand ich eine lose Planke oder eine Tür, die ich auftre-
ten konnte. Immer wieder trat ich dagegen und
schrie aus vollem Hals.
Schließlich öffnete jemand die Tür der kleinen Zelle,
und ich starrte in das Gesicht eines Afrikaners. »Nun,
was haben wir denn hier?«, sagte er. »Einen blinden
Passagier, he?«
Inzwischen war ich wütend. »Ich bin kein blinder
Passagier! Ich wurde auf dieses Schiff getragen. Ich
sollte eigentlich in Liverpool sein.«
»Ha! Was für eine Geschichte«, grummelte der See-
mann. »Ich sage, du bist ein blinder Passagier. Raus
hier. Ich bringe dich zum Kapitän. Wir werden se-
hen, was er sagt.«
Mein Mut sank. Wenn der Offizier, den ich gesehen
hatte, der Kapitän war, war für mich alles gelaufen.
Aber zumindest war ich nicht mehr eingeschlossen,
deshalb folgte ich meinem »Retter«. An Deck waren
alle damit beschäftigt, die Segel zu setzen und andere
Dinge wegzuräumen. Der Offizier, der meine Gefan-
gennahme angeordnet hatte, gab schreiend Befehle.
Aber ich war erleichtert, als ich sah, dass das Festland
noch nicht weit entfernt war. Vielleicht kann ich ihn
überreden, mich an Land abzusetzen, dachte ich.

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Der Seemann ging jedoch an dem Offizier vorbei und
nahm mich einige Stufen mit hinauf zur Komman-
dobrücke, wo der Steuermann das große Rad hielt.
Neben ihm stand ein gewaltiger, muskulöser Mann.
Ich dachte, er wäre ein weiterer Seemann, denn er
war mit dem üblichen dunkelblauen Overall, einem
Pullover und einer kleinen Schirmmütze auf dem
Kopf bekleidet. Er stand da, die Arme verschränkt,
und starrte auf die See hinaus, während er eine kleine
Pfeife paffte.

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»Käpt’n«, sagte der Seemann, der mich im Schlepp-
tau hatte, »ich habe diesen blinden Passagier im Vor-
schiff gefunden. Was sollen wir mit ihm machen?«
Ich war erstaunt. Das war der Kapitän? Zum ersten
Mal nahm der Mann mit der Pfeife Notiz von uns.
Sein Gesicht war hager und faltig, es sah aus, als
wäre es aus braunem Elfenbein geschnitzt. Seine Au-
gen waren strahlend blau und funkelten unter bu-
schigen weißen Augenbrauen. Er sah eigentlich nicht
bösartig aus, aber er war sicher energisch. »Was ist
das, Jeffries? Ein blinder Passagier? Warum um Him-
mels willen willst du dich als blinder Passagier auf
einem Teefrachter nach China verstecken, Junge?«
»Ich habe mich nicht versteckt«, protestierte ich. »Ich
saß nur am Kai und schaute den Schiffen zu. Einige
Ihrer Seeleute haben mich gepackt und einfach auf
das Schiff getragen. Sie haben mir einen Schlag auf
den Kopf gegeben und mich unter Deck eingeschlos-
sen.«
Der Kapitän zuckte zusammen. »Mr. Henson«, rief er
den geschniegelten Offizier. »Wissen Sie etwas von
diesem Jungen?«
»Ja, Sir«, sagte Henson, als er auf die Kommando-
brücke stolperte, die Messingknöpfe auf seiner Jacke
leuchteten. »Das ist unser neuer Kabinenjunge.«
»Haben Sie ihn unterschreiben lassen?«
»Nein, ich habe die Formalitäten noch nicht erledi-
gen können, aber ich werde es so bald wie möglich
nachholen.«
»Henson, haben Sie dieses Kind angeheuert? Ich will
eine klare Antwort.«

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»Ja, Sir. Das habe ich getan. Unser Kabinenjunge ist
nicht wieder aufgetaucht, als es Zeit war auszulau-
fen, und dieser junge Kerl saß einfach auf dem Kai
und suchte einen Job.«
»Henson, das ist das letzte Mal, dass Sie irgendjeman-
den auf mein Schiff anheuern. Verstanden? Sie müs-
sen noch einiges lernen. Wenn Sie mein erster Maat
bleiben wollen, sollten Sie es schnell lernen.«
»Ay, ay, Sir«, sagte Henson mit einem Grinsen und
stolperte wieder davon.
Ich begann, mir Sorgen zu machen. »Können Sie
mich nach Liverpool zurückschicken?«, fragte ich
den Kapitän.
Der Kapitän schüttelte den Kopf. »Ich wüsste nicht
wie, Junge. Dort hinten fährt unser Lotsenboot. Da-
mit hätte ich dich zurückschicken können, aber jetzt
ist es zu spät.«
Ich blickte nach Liverpool zurück, wohin der Kapitän
mit dem Stummel seiner Pfeife zeigte, und sah ein
kleines Boot, das in der Ferne verschwand.
Jetzt war ich wirklich beunruhigt. »Können Sie es
nicht zurückrufen?«
»Nein. Außerdem ist der Lotse ein viel beschäftigter
Mann; er kann nicht einfach als Fähre hin- und her-
fahren.«
»Aber mein Großvater ist ein Kapitän! Ich bin sicher,
er regelt das mit dem Lotsen.«
»Ein Kapitän auf einem Schiff? Wie heißt er?«
»Kapitän Thompson.«
»George Thompson?«

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»Ja, Sir. Er kennt jeden. Er wird es für Sie schon re-
geln, wenn Sie mich nur wieder an Land bringen.«
»Ich bin sicher, das würde er ...« Die Stimme des Ka-
pitäns wurde leiser, als er nochmals auf das Meer
blickte.
Ich blickte mich ängstlich um. »Wie wäre es, wenn
Sie mich mit dem Beiboot an Land bringen würden?
Es ist nicht weit. Ich werde – werde dann bis Liver-
pool zurücklaufen.«
Der Kapitän runzelte die Stirn. »Junge, es gibt keine
Möglichkeit. Es tut mir leid, dass du auf diese Weise
angeheuert worden bist, aber ob du es willst oder
nicht, es bleibt dir nichts anderes übrig, als auf dieser
Reise unser Kabinenjunge zu sein. Mein Rat ist: Mach
das Beste daraus. Dein Großvater wird stolz auf dich
sein, dass du zur See fährst.« Damit drehte er sich zu
dem Steuermann um und sagte: »Ein bisschen weiter
Steuerbord. Wir brauchen die Sea Witch nicht unbe-
dingt zu rammen.«
Ich drehte mich um und sah einen schnittigen Scho-
ner, die Segel waren aufgebläht wie weiße Ballons. Er
fuhr in die entgegengesetzte Richtung. Dahinter
türmten sich dicke Gewitterwolken in den blauen
Himmel. Es war ein schönes Bild, aber ich hatte jetzt
keinen Sinn für hübsche Dinge.
»Kapitän, bitte!«, rief ich verzweifelt. »Können Sie
das Schiff nicht anhalten und mich damit zurück
nach Liverpool schicken?«
Die Furchen auf der Stirn des Kapitäns wurden noch
tiefer, als er die Gewitterfront betrachtete. »Da braut
sich was zusammen«, sagte er mehr zu sich selbst,

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»es wäre besser, wir wären dann schon aus der Iri-
schen See draußen. Es würde einige Stunden dauern,
dich da hinüberzubringen … wir haben dafür keine
Zeit. Aber eines werde ich für dich tun.« Er lehnte
sich über die Reling des Schiffes und griff nach einer
Flüstertüte aus Messing. Er setzte sie an die Lippen
und schrie: »Ahoi, Sea Witch!«
Einen Augenblick später kam der Kapitän der Sea
Witch mit einer ähnlichen Flüstertüte an die Reling
seines Schiffes. Die beiden Schiffe waren ungefähr
auf gleicher Höhe, als er rief: »Ahoi, Kapitän Morris!
Was können wir für Sie tun?«
»Sagen Sie Kapitän Thompson in Liverpool, dass ich
seinen Enkel als Kabinenjungen an Bord genommen
habe und dass alles in Ordnung ist.«
»Wird gemacht, Kapitän. Gute Reise«, kam die Ant-
wort, und die Mannschaft winkte freundlich, als die
beiden schlanken Schiffe in einer Entfernung von
nicht mehr als fünfzig Metern aneinander vorbeifuh-
ren.
»So, junger Mann, jetzt wird sich dein Großvater
keine Sorgen um dich machen.«
Sollte ich dankbar sein? Meine letzte Chance, wieder
nach Hause zu kommen, segelte gerade zurück nach
Liverpool. Ich schluckte hart. Ich war auf dem Weg
nach China, ohne dass mich jemand gefragt hätte, ob
ich da überhaupt hinwollte.

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Licht über Holyhead

K apitän Morris nahm nicht weiter Notiz von mir,


steckte seine Pfeife wieder in den Mund und
drehte sich zum Steuermann um.
Ich kämpfte die Tränen nieder und ging in den hinte-
ren Teil des Schiffes, wo ich den weißen Rauch der
Schornsteine von Liverpool beobachtete. Große Trau-
rigkeit überkam mich. Doch in dem Moment blies der
Wind besonders stark, und die Dumfries legte sich
stark auf die Seite. Ich drehte mich gerade noch recht-
zeitig um, um zu sehen, wie die Reling des Haupt-
decks ins Wasser schlug. Das riss mich aus meinem
Heimweh, und ich hielt mich an der Takelage fest,
denn ich befürchtete, dass das Schiff kentern würde.
Der Kapitän, der nun vor mir stand, versuchte erst gar
nicht, sich irgendwo festzuhalten, sondern bewegte
sich mit dem Rollen des Schiffes und hielt damit das
Gleichgewicht. Bald richtete sich das Schiff wieder
auf, und der Kapitän rief nach seinem ersten Maat.
»Mr. Henson! Setzen Sie die Bramsegel und raffen Sie
die Rahen. Und setzen Sie auch das Besansegel. Ich
will so weit wie möglich kommen, bevor wir völlig in
den Sturm hineingeraten. Und übrigens, Mr. Hen-
son«, sagte der Kapitän, als der erste Maat die Trep-
pen zur Kommandobrücke heraufkam, »ich warne
Sie. Wenn Sie sich mit mir nicht anlegen wollen, rate
ich Ihnen, immer so viele Segel zu setzen, wie das
Schiff tragen kann, und immer darauf zu achten, dass
alles korrekt vertäut ist. Zeit ist Geld, Mr. Henson. Zeit

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ist Geld. Ich habe es einmal in siebenundachtzig Ta-
gen nach Hongkong geschafft, und ich will nach
Shanghai nicht länger brauchen. Verstanden?«
»Ay, ay, Sir!«, schnappte Henson mit hochrotem Ge-
sicht, drehte sich um und begann, der Mannschaft
Befehle zuzurufen.
Zu dieser Zeit wusste ich noch nicht, was all diese Se-
gelkommandos zu bedeuten hatten, aber augenblick-
lich kletterten die Seeleute in die Takelage und zogen
an verschiedenen Seilen. Ich war froh, als ich das sah,
denn ich dachte, das Schiff würde sich jetzt aufrich-
ten und gerade segeln, sodass man wieder sicher an
Deck laufen konnte. Stattdessen, als die Matrosen die
Bramsegel öffneten – das sind die Segel ganz oben
am Mast – und die anderen Segel richteten, kippte
das Schiff wieder so weit zur Seite, dass die Leeseite
fast im Wasser hing.
Als der Kapitän sich umblickte und mich sah, wie ich
mich mit aller Kraft festklammerte, grinste er breit
und schmunzelte: »Was ist los, Junge? Auf diese
Weise wirst du nie ein guter Seemann. Geh doch
nach vorne und such den Koch. Sag ihm, du bist der
neue Kabinenjunge und suchst etwas zu tun.«
Ich stand nur da und klammerte mich weiter fest.
»Los, Junge.« Als ihm dann einfiel, dass ich nicht
wusste, wo ich den Koch finden würde, deutete er
auf das Deckhaus hinter dem Mast. »Dort ist die
Kombüse.«
»In Ordnung«, brachte ich hervor, als ich versuchte,
mich auf dem schiefen Deck zu bewegen.
»Nicht ›in Ordnung‹. Es heißt ›ay, ay, Sir!‹«

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»Okay, Kapitän.«
»Sir!«, donnerte er.
»Ay, ay, Sir«, stotterte ich endlich vor lauter Angst,
ins Wasser zu fallen. Eigentlich war das Deck gar
nicht so schief; zu Hause hatte ich auf Hausdächern
gespielt, die sehr viel steiler waren, aber das Deck be-
wegte sich ständig mit den Wellen, sodass das Lau-
fen wirklich schwierig war.
Als ich erst einmal von der Kommandobrücke herun-
tergelangt war, ging ich auf der hohen Seite des
Decks – der Luvseite –, als eine riesige Welle an die
Schiffseite schlug und mir das salzige Wasser ins Ge-
sicht spritzte. Ich dachte daran, wie wunderbar mir
der Geruch des Meeres an diesem Morgen vom Gäs-
tezimmer meiner Großeltern aus vorgekommen war.
Seitdem hatte sich einiges verändert.
Die See rollte wirklich zu diesem Zeitpunkt. Das
Wasser war so dunkel wie Blei mit einzelnen
Schaumkronen auf den Wellenrücken. Die Wolken
hatten sich aufgetürmt zu einem riesigen Gebirge, sie
hingen sehr tief, und man gewann den Eindruck,
dass sie bis ins Meer hineinragten.
Die Dumfries hatte drei hohe Masten. An den ersten
beiden waren jeweils vier quadratische Segel gesetzt;
drei Klüversegel flatterten vor dem Fockmast. Der
Mast hinten auf dem Schiff hatte einen langen Baum,
wie ich später lernte, den Besanbaum, und die Gaffel-
segel. Zwischen den Masten waren verschiedene
Stagsegel. Es war ein handliches Schiff von ungefähr
36 Metern Länge, auch wenn es nicht so breit oder
schnell war wie manche der neueren Schiffe.

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Schließlich erreichte ich die Kombüse, die war so
klein, dass ich mir kaum vorstellen konnte, wie je-
mand darin das Essen für fünfzig Mann zubereiten
sollte. Aber dort stand der Koch, ein kleiner, unter-
setzter Mann in einem schmutzigen Hemd, der einen
riesigen Topf auf einen großen, gusseisernen Herd
stemmte.
»Sir«, sagte ich, »der Kapitän schickt mich.«
»›Sir‹, bin ich das?«, fragte der Koch, ohne sich um-
zudrehen. »Seit wann bin ich zum Offizier befördert
worden? Und wer bist du?«
»Ich bin Neil Thompson, und ich gehöre nicht hier-
her.«
»Dann raus hier«, grummelte er.
»Ich meine«, korrigierte ich mich, »ich gehöre eigent-
lich nicht auf dieses Schiff, aber da ich nun mal hier
bin, soll ich der Kabinenjunge sein.«
Er blinzelte mich an. »In diesem Fall solltest du bes-
ser arbeiten. Da steht ein Sack Kartoffeln. Hier ist ein
Messer. Fang an zu schälen.«
Ich fand einen Hocker, auf den ich mich setzen
konnte, und fing an. Ich hatte nicht gewusst, dass
Kartoffelnschälen so schwer ist! Doch bis ich fertig
war, sprach der Koch kein Wort mehr mit mir.
Das vordere Deckhaus enthielt die Kombüse und die
Stauräume der Mannschaft. Es hatte Luken an den
Seiten, genau wie das Fenster in meinem Schlafzim-
mer bei meinen Großeltern. Aber draußen wurde es
so dunkel, dass der Koch zwei Laternen anzündete,
die von den Balken über uns herabhingen. Ihr Licht
ließ die Schatten in dem kleinen Raum tanzen, was

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mich zusammen mit dem ständigen Knacken und
Stöhnen der Planken daran erinnerte, dass das Wet-
ter draußen nicht unbedingt ruhiger wurde.
Manchmal schlug eine Welle gegen die Bullaugen,
und meine Gedanken schossen hin und her zwischen
dem Wunsch, dass der Sturm so stark werde, dass
der Kapitän gezwungen wäre, nach Liverpool zu-
rückzukehren, und der Angst, dass das Schiff sinken
könnte.
Als ich mit den Kartoffeln fertig war, sagte der Koch:
»Leg die Schalen in diesen Eimer und wirf sie über
Bord. Wenn du zurückkommst, kannst du anfangen,
die Töpfe dort zu schrubben.«
Als ich nach draußen an Deck kam, hörte ich jeman-
den schreien: »Da kommt sie!« Ich hatte keine Ah-
nung, wer ›sie‹ war, aber in dem dämmrigen Licht
sah ich den ersten Maat, Henson, der sich wie ein
Verrückter an der Takelage festkrallte und dann so-
gar hektisch zu klettern begann, bis er einige Meter
über dem Deck hing.
Dann sah ich ›sie‹: Eine große Welle, gurgelnd und
schäumend, schwappte hoch über die Reling, und
ich stand direkt darunter.
»Halt dich fest, Junge, oder du gehst über Bord!«,
schrie Henson. Ich hätte in die Wanten springen sol-
len, aber da ich neu auf See war, wusste ich noch
nicht, was zu tun war. Bevor ich noch einen Schritt
machen konnte, warf mich die Wasserwand um und
spülte mich über das Deck. Völlig unter Wasser ge-
taucht, war ich sicher, dass ich in das schäumende
Meer gefallen war, bis ich gegen etwas stieß. Dann

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wurde ich wie eine Kugel hin- und hergerollt. Ich
nehme an, es war die Reling auf der Leeseite, und ich
versuchte verzweifelt, nach etwas zu greifen, jedoch
ohne Erfolg.
Dann plötzlich, fast so schnell, wie die Flut gekom-
men war, war sie wieder verschwunden, und ich
konnte wieder atmen.

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Ich stand zitternd auf und sah, dass ich die volle
Länge des Mittschiffs entlanggerollt war, bis ich von
den Stufen zur Kommandobrücke aufgehalten
wurde. Von oben schrie mir der Kapitän zu: »Halt
deinen Eimer fest, wir haben nur diesen einen!«
Ich wollte meinen Ohren nicht trauen. Ich war bei-
nahe über Bord gegangen, und alles, was er dafür
übrighatte, war: »Halt deinen Eimer fest«? In den
nächsten Tagen jedoch lernte ich, dass es nichts Un-
gewöhnliches ist, bei Sturm umgeworfen zu werden.
Und wenn man sicher wieder aufstehen konnte,
machte man sich keine Gedanken mehr darum.
Ich nahm den Eimer, der immer noch auf dem Deck
herumrollte, und lief so schnell zur Kombüse, wie ich
auf dem glitschigen Deck konnte. Als ich die Tür hin-
ter mir zuschlug, drehte sich der Koch um und sagte:
»Wenn du weiter hier rumstehst und wie große Wä-
sche tropfst, kannst du dich auch in diesen Topf aus-
wringen und anfangen, ihn sauber zu machen.«
Lange nach Einbruch der Dunkelheit, als der Sturm
noch immer heulte, hatte die Mannschaft ihr Essen
gegessen. Sie kamen immer schichtweise. In der Zwi-
schenzeit war ich mit den Suppentöpfen fertig und so
müde, dass ich mir einen warmen, trockenen Fleck
neben dem Ofen suchte und mich zum Schlafen zu-
sammenrollte.

***
Trotz des Rollens des Schiffes muss ich die ganze
Nacht geschlafen haben, denn ich wachte erst auf, als
mich jemand am nächsten Morgen mit festen Boots-
schuhen anstieß und das Dämmerlicht durch die

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Bullaugen fiel. Es war wieder der schwarze Matrose.
»Wach, Thompson?«, fragte er. Dann, ohne auf eine
Antwort zu warten, sagte er: »Steh auf und komm
mit mir. Wasser dringt durch die Hauptluke in den
Laderaum.«
Er führte mich durch einen kleinen, niedrigen Gang,
dessen Stufen zu dem nächsten Deck führten. Dort
zündete er eine dicke Kerze an und sah mir in die Au-
gen. »Ich heiße Jeffries; ich bin der Schiffssteward«,
sagte er, dann ging er weiter, bis wir an eine Stelle ka-
men, wo ein kleiner Wasserfall durch die Deckluke
hereinströmte und im Laderaum unter uns ver-
schwand.
»Halt mal«, sagte der Steward und drückte mir die
Kerze in die Hand. Er kletterte eine Leiter hoch und
verschloss die Luke richtig. Sofort wurde der Was-
serfall dünner, bis es schließlich nur noch ein Tröp-
feln war.
»Du wirst mit mir in meiner Kabine achtern unterge-
bracht und die meiste Zeit für mich arbeiten«,
grunzte Jeffries. »Aber jetzt werden alle Hände oben
an Deck gebraucht. Als Erstes sehen wir besser zu,
dass du Ölzeug überziehen kannst.«
Er holte mir einen Regenmantel, der geölt worden
war, um ihn wasserdicht zu machen, dann gingen
wir wieder an Deck. »Du kannst bei den Pumpen hel-
fen«, rief er mir gegen den Wind zu. »Das kannst du
auch, ohne dass du es vorher gelernt hast.«
Draußen war es fast unmöglich zu atmen, denn hef-
tige Böen schienen die Luft aus den Lungen zu bla-
sen. Ich folgte Jeffries zu zwei großen Rädern am Fuß

26
des Großmastes. An jedem Rad war ein großer Griff,
und zwei Matrosen hingen daran. Ich half dem einen
Matrosen, Jeffries dem anderen.
Zuerst schien es gar nicht so schwer, die Räder zu be-
wegen, und ich war froh, dass ich etwas hatte, woran
ich mich bei diesem Sturm festhalten konnte. Aber es
dauerte nicht lange, und ich begann zu keuchen.
Manchmal donnerten die Wellen über das Deck und
überfluteten es mit Meerwasser, aber ich hielt durch.
All die anderen Matrosen arbeiteten genauso hart,
um die Befehle des ersten Maats auszuführen, aber es
war schwierig, irgendetwas zu verstehen, was sie ge-
gen den pfeifenden Wind schrien. Alle paar Minuten
rief er: »Fertig machen zur Wende!«, und die Männer
rannten zu den verschiedenen Tauen.
Dann drehte sich das Schiff in den Wind, während
die Matrosen sich bemühten, wieder die Segel zu
richten. Wenn die Segel sich dann wieder mit Wind
zu füllen begannen, legte sich das Schiff zur anderen
Seite, und der Maat rief: »Loslassen und rüberholen!«
Hin und her kreuzten wir gegen den Wind den
ganzen Morgen lang, und ich sah, dass die Matrosen
erschöpft waren. Einmal rief mir Jeffries gegen den
Wind zu: »Ich glaube nicht, dass wir vorwärtskom-
men.«
Nur noch ein Segel war pro Mast gesetzt zusammen
mit den Sturmsegeln und den beiden Stagsegeln. Der
Wind war während der Nacht so stark geworden,
dass alle anderen Segel eingeholt worden waren, da-
mit die Masten nicht brachen. Schließlich ertönte ein
neuer Befehl: »Klarmachen zum Beidrehen!« Dann

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einen Augenblick später: »Backbord! Hart Backbord!
Toppsegel reffen!«
Ein Dutzend Männer kletterten in die Takelung, um
die Segel einzuholen.
»Was machen sie?«, schrie ich Jeffries ins Ohr, denn
ich hatte Angst, die Männer würden auf das Deck
oder in das schäumende Meer fallen.
»Sie holen die Segel ein, denn wir kommen nicht
voran. Vielleicht können wir hier eine Weile warten.
Zumindest haben die Matrosen dadurch eine kleine
Pause.«
Der Anker wurde geworfen, und das Schiff schoss in
den Wind. Es wurde von den Wellen ganz anders als
vorher geschaukelt. Innerhalb eines Augenblicks war
ich seekrank. Ich musste mich übergeben, bevor ich
die Reling erreicht hatte, aber als eine Welle das Deck
überspülte, war sofort alles wieder weg. Danach
konnte ich nur noch würgen, denn ich hatte ja seit
dem Abend zuvor nichts mehr gegessen.
Ich machte den Fehler, auf das Meer zu schauen, und
sah eine riesige grüne Welle mit milchweißem
Schaum sich so hoch auftürmen, dass sie den Blick
auf die See dahinter verbarg. Sie wurde höher und
höher, dünner und dünner, bis sich der Kamm zu
kräuseln begann, bis sie schließlich donnernd über
das Schiff brach und die Matrosen in alle Richtungen
spülte. Auch Jeffries hatte sie gesehen, und wir beide
hörten auf zu pumpen und hielten uns an den Pum-
penrädern fest, damit wir nicht weggespült wurden.
Als das Wasser von Deck wieder abgelaufen war,
stand plötzlich der Passagier neben mir an dem Pum-

28
penrad, den ich am Tag zuvor an der Reling gesehen
hatte. Der junge Mann hielt sich mit der einen Hand
am Rad fest und reichte mir die andere. »Ich bin
Hudson Taylor«, schrie er. Sein blondes Haar klebte
vom peitschenden Regen nass an seiner Stirn.
»Neil Thompson«, japste ich gegen den Sturm.
In diesem Moment hob sich das Schiff auf einer Welle
ungefähr so hoch wie die, die uns überspült hatte,
und ich sah ein Licht nicht weit entfernt auf der Back-
bordseite. Es leuchtete klar am dunklen Horizont, wo
See und Himmel zusammenstießen. »Seht! Ein Licht!
Ein Licht!«, schrie ich. Es war mir ein sehr willkom-
mener Anblick; für mich bedeutete es Hilfe, vielleicht
sogar Wärme und Schutz vor dem Sturm. Aber ein
Blick in Richtung dieses Lichts, und Jeffries’ Gesicht
wurde panisch.
»Land in Sicht!«, ging der Ruf über das Deck. Ich sah,
wie der Kapitän das Licht genau durch sein Fernglas
betrachtete, dann donnerte er: »Lassen Sie einige Se-
gel setzen, Mr. Henson! Das ist Holyhead, und wir
werden sonst sicher auf die Felsen auflaufen.« Der
Lichtstrahl von Holyhead, der eigentlich so tröstlich
gewesen war, wurde plötzlich angsteinflößend.
»Wenn von euch Landratten einer beten kann, dann
soll er es jetzt tun!«, schrie Jeffries Mr. Taylor und mir
zu, seine Augen vor Angst geweitet.

29
Hoch über dem Meer

Z u meiner Überraschung begann Hudson Taylor


sofort zu beten, während er das Pumpenrad
drehte. »Vater«, betete er laut, »hab Erbarmen mit
uns! Du siehst uns hier in Gefahr. Bewahre uns da-
vor, auf diese Felsen geschleudert zu werden ...«
Auch Jeffries murmelte panisch etwas vor sich hin.
Ab und zu verstand man »Herr!« oder »Rette uns!«
Ich wusste nicht, was ich tun sollte, daher versuchte
ich, das Vaterunser aufzusagen. Ich war nicht oft in
der Kirche gewesen – obwohl meine Mutter immer
gesagt hatte, wie nötig es wäre –, deswegen konnte
ich mich nicht an alles erinnern. Aber als ich zu mei-
nem Amen kam, beteten und kurbelten, kurbelten
und beteten Jeffries und Hudson Taylor immer noch.
Ich war erstaunt, denn sie sprachen keine auswendig
gelernten Gebete, das Einzige, was ich den Pfarrer in
unserer Kirche hatte sagen hören. Sie sprachen mit
Gott, als würde er direkt neben ihnen stehen.
Schließlich hörte Hudson Taylor auf und beugte sich
zu dem Steward hinüber. »Ich glaube wirklich nicht,
dass wir uns Sorgen machen müssen«, schrie er. Er
lächelte sanft, seine Augen leuchteten über seiner
langen, geraden Nase und dem ersten Flaum eines
rotlockigen Bartes.
»Was meinen Sie damit?«, fragte Jeffries immer noch
panisch.
»Gott hat mich dazu berufen, als Missionar nach
China zu fahren«, schrie Taylor gegen den Wind,

30
»und er hat mich auf dieses Boot geschickt. Deswe-
gen bin ich sicher, dass wir unbeschadet ankommen
werden.«
»Kapitän Morris wäre erfreut, wenn er das hören
würde«, erwiderte Jeffries, ein Lächeln zeigte sich auf
seinem ängstlichen Gesicht.
In der Zwischenzeit waren so viele Segel gesetzt, wie
die Dumfries in einem solchen Sturm aushalten
konnte. Das Schiff kreuzte wieder vor und zurück
und versuchte, so viel Wegstrecke zurückzulegen
wie möglich. Nach ungefähr zehn Minuten auf Steu-
erbordkurs gab Henson den Befehl zur Wende, und
wir fuhren zehn Minuten Backbordkurs. Die Matro-
sen hatten kaum Zeit, Atem zu schöpfen, nachdem
sie die Segel in die richtige Position gebracht hatten,
denn schon mussten sie erneut ein Manöver fahren.
Aber als ich zu dem Licht zurückblickte, hatten wir
kein Stück zurückgelegt. Im Gegenteil: Ich konnte
das Licht sehr viel deutlicher sehen, es kam von
einem Leuchtturm, der an einer felsigen Landspitze
stand.
Den ganzen Nachmittag kämpften wir gegen den
Wind. Mal schien das Licht von Holyhead weit weg
und undeutlich zu sein, dann wieder war es einige
Minuten später deutlich und hell, und uns war klar,
dass nur der Nebel und der Regen es so verschwom-
men hatten erscheinen lassen.
Wir drei standen weiter an den Pumpen, arbeiteten
so fest wir konnten und gönnten uns nur kurze Pau-
sen, wenn wir zu erschöpft waren. Als wir uns ein-
mal ausruhten, kam Kapitän Morris vorbei. Ich
dachte, er würde schimpfen, weil wir nicht pumpten,

31
aber stattdessen sagte er: »Mr. Taylor! Ich danke Ih-
nen, dass Sie auch mit Hand anlegen. Wir brauchen
jede Hilfe in einem solchen Sturm wie diesem.«
»Ich freue mich, dass ich helfen kann«, sagte der Pas-
sagier. »Aber ich mache mir eigentlich keine großen
Sorgen.« Dann erzählte er dem Kapitän, dass Gott
wollte, dass er nach China ging.
»Das ist zumindest ein Trost«, sagte der Kapitän.
»Aber vergessen Sie nicht, was passiert ist, als der
Apostel Paulus mit dem Schiff nach Rom fahren
wollte.«
»Was meinen Sie?«
»Wenn ich die Geschichte in der Bibel richtig in Erin-
nerung habe, ist das Schiff in Malta aufgelaufen, auch
wenn alle überlebten. Ehrlich gesagt, würde ich lie-
ber mein Schiff retten.« Der Kapitän tippte sich an die

32
Mütze. »Ich danke Ihnen für Ihre Gebete und für Ihre
Hilfe an den Pumpen.«
Der Sturm tobte weiter, doch als der Abend herein-
brach, kamen einige kleine Sonnenstrahlen am west-
lichen Himmel durch. Dieses Leuchten gab jedem
neue Hoffnung, aber es zeigte auch deutlicher, wie
schlimm der Sturm war. Plötzlich bekamen der Him-
mel, die See und die Wolken ein ganz anderes Ausse-
hen. Am westlichen Horizont leuchteten helle Son-
nenstrahlen und ließen das Wasser schillernd grün
aufblitzen.
Ich blickte zurück zum Leuchtturm und bemerkte
zum ersten Mal, wie felsig die Küste war. Es gab kei-
nen Strand, nur hohe, schwarze Felsen, an die die
Wellen schlugen, und das Wasser schäumte und
spritzte bis zum Leuchtturm hinauf.
Einen Augenblick lang schien die Sonne auf den
Leuchtturm, der dort wie ein einsamer weißer Pfeiler
vor den düsteren Wolken stand. Auf dem Dach
blinkte das Warnlicht. Für mich stand es außer Zwei-
fel: Wenn wir gegen diese steilen Felsen getrieben
würden, würde das Schiff zerbrechen. Mr. Taylor
mochte sagen, was er wollte, aber ich konnte mir sehr
gut vorstellen, dass keiner von uns einen solchen
Schiffbruch überleben würde.
Mit jedem Schlag beim Kreuzen trieben uns Wind
und Wellen näher an diese schreckliche Küste. Die
Sonne ging unter, und plötzlich wurde der Himmel
golden, dann orange und dann rot.
Jeffries sah sich das Farbenspiel mit einem erleichter-
ten Gesichtsausdruck an: »Abendrot – Wetter gut,

33
Morgenrot – Seemanns Tod«, murmelte er das alte
Seemanns-Sprichwort vor sich hin. »Wenn wir
durchhalten können, wird dieser Sturm uns nichts
mehr anhaben. Dieser Sturm war mit Sicherheit stark
genug für drei.«
Die wütende See sah schrecklich aus. Wir waren auf
Backbordkurs und kamen immer näher an Holyhead
heran, als der erste Maat schließlich den Befehl gab:
»Fertig machen zur Wende!«
»Nein, Mr. Henson!«, schrie Kapitän Morris von der
Kommandobrücke. »Weiter geradeaus!«
»Kapitän«, protestierte der erste Maat, »wenn wir
noch näher heranfahren, werden wir von der Strö-
mung erfasst und direkt auf die Felsen geschleu-
dert.«
»Ich weiß, Henson. Geradeaus, Jungs. Weiter gerade-
aus.«
»Aber Kapitän …«
»Mr. Henson, ich will nicht, dass meine Befehle in
Frage gestellt werden. Schlucken Sie das, oder treten
Sie ab!« Der Kapitän drehte sich wieder zu dem Steu-
ermann herum. »Zwei Grad Backbord, Seemann.«
Das Schiff reagierte sofort auf die Kursänderung und
nahm ein bisschen mehr Wind auf, aber weiter nach
Backbord zu drehen, bedeutete, weiter auf die felsige
Landspitze zuzufahren. Jeffries, Mr. Taylor und ich
hörten auf, die Pumpen zu kurbeln, und beteten nur
noch um unser liebes Leben.
»Er versucht, daran vorbeizufahren«, sagte der Ste-
ward mit zusammengebissenen Zähnen. »Ich denke
nicht, dass wir es schaffen.«

34
Dann konnte auch ich erkennen, was der Kapitän
vorhatte. Statt zu wenden und von der Spitze weg
weiter Steuerbordkurs zu segeln, um so weiter von
der Küste wegzukommen – was den ganzen Tag
nicht funktioniert hatte –, wollte er versuchen, direkt
an der Spitze vorbeizufahren.
Die Spitze kam näher und näher. Selbst gegen den
Wind konnten wir die Wellen hören, die gegen die
Felsen schlugen, und sahen, wie die Gischt auf-
spritzte.
»Halten Sie jetzt geradeaus. Das ist unsere einzige
Chance, Jungs«, ermutigte der Kapitän die Mann-
schaft. »Noch ein Grad Backbord, Steuermann.«
Oh nein, dachte ich. Nicht noch näher! Wir waren nicht
mehr als zwei Schiffslängen von den Felsen entfernt
und wurden immer noch von den gewaltigen Wellen
herumgeschleudert. Aber dann erkannte auch ich,
dass wir noch eine Chance haben könnten. Das Schiff
kam auf gleiche Höhe mit dem Leuchtturm und lang-
sam, ganz langsam fuhr es daran vorbei. Dann waren
wir auf gleicher Höhe mit den äußersten Felsen und
fuhren auch an ihnen vorbei.
Plötzlich kam ein lautes Jauchzen von der Mann-
schaft: »Wir haben es geschafft! Wir haben es ge-
schafft!« Und dann war auch das Heck des Schoners
an Holyhead vorbeigefahren.
Kurz hinter der Landspitze änderten sich der Wind
und die Strömung etwas; und Kapitän Morris befahl
dem Steuermann, den Kurs auf einige Grad Steuer-
bord zu korrigieren. Endlich kamen wir ein gutes
Stück von der Küste weg und segelten nach Süd-
westen.

35
»Ich sehe Sie dann in meiner Kabine, Mr. Henson,
wenn es Ihnen nichts ausmacht«, grollte der Kapitän
und überließ die Kontrolle über das Schiff seinem
zweiten Maat.
Bedrückt folgte der erste Maat dem Kapitän unter
Deck. Ich fragte mich, warum er so unglücklich aus-
sah. Wir waren alle heil aus dem Sturm herausge-
kommen – einschließlich Mr. Henson. Sollte er da
nicht fröhlicher aussehen? Natürlich, Kapitän Morris
hatte gezeigt, dass er tüchtiger und mutiger war als
der erste Maat. Deswegen ist er schließlich auch der Ka-
pitän, dachte ich.
»Für einen stolzen Mann wie den ersten Maat ist es
hart, vor der versammelten Mannschaft so abgekan-
zelt zu werden«, flüsterte mir Hudson Taylor ins
Ohr. Es war, als hätte er meine Gedanken gelesen.

***
In den folgenden Wochen lernte ich, was der »nor-
male« Tagesablauf an Bord war. Wir hatten guten
Wind und angenehmes Wetter mit nur gelegentli-
chen Regengüssen – nicht zu vergleichen mit dem
Sturm, den wir im Irischen Kanal hatten erleben
müssen.
Als Kabinenjunge bestand meine Pflicht darin, dem
Steward zu helfen, den ich mochte, und dem Koch,
der ein griesgrämiger alter Mann war. Ich bekam
eine »Koje« (ein schmales Bett) in der Kabine des Ste-
wards, die unterhalb der Kommandobrücke zusam-
men mit den Kabinen der anderen Offiziere, des Ka-
pitäns und des Passagiers lag. Ich musste das Bade-
zimmer der Offiziere sauber machen, jeden Tag die

36
Betten vom Kapitän und von Mr. Taylor machen und
mit Mr. Jeffries zusammen den Abwasch erledigen,
wenn die Offiziere und Mr. Taylor gegessen hatten.
Hudson Taylor war der einzige Passagier an Bord. Er
war kein besonders komplizierter Mann, daher
brauchte er mich nicht sehr oft zu seinen Diensten.
In der Kombüse bekam ich immer die langweiligen
Dinge zu tun – Kartoffeln schälen und immer wieder
Töpfe schrubben. Es schien immer irgendeinen
schmutzigen, verkrusteten Topf zu geben.
Selbst wenn die regelmäßigen Arbeiten erledigt wa-
ren, gab es immer irgendetwas zu tun, beispielsweise
mussten auch die Messinglaternen poliert oder die
Stiefel des Kapitäns geputzt werden. »Faule Hände
sind Werkzeuge des Teufels«, warnte mich Jeffries
dutzendmal. »Auf See ist es gut, wenn jeder beschäf-
tigt ist.« Ich sah jedoch, dass es nicht nur um mich
ging. Die Maate sorgten dafür, dass die Matrosen im-
mer etwas zu tun hatten. Wenn der Wind gleich-
mäßig war und die Matrosen nicht ständig gebraucht
wurden, um die Segel zu ordnen, mussten sie das
Deck schrubben oder in die Takelage klettern, um
Taue einzuteeren oder zu reparieren. Jeder, der beim
Nichtstun erwischt wurde, wurde sofort von dem
ersten und dem zweiten Maat mit Tritten und
Flüchen zurück an die Arbeit gescheucht.
Auch schien es, als würden ständig Glocken läuten.
Ich lernte bald, dass der 24-Stunden-Tag auf See in
sechs Teile zu je vier Stunden aufgeteilt war. Wäh-
rend jedes Abschnitts läutete die Glocke alle halbe
Stunde – einmal nach der ersten halben Stunde, zwei-
mal nach der zweiten halben Stunde und so weiter,

37
bis das Ende des Abschnitts mit acht Glockenschlä-
gen zu hören war. Der Abschnitt von vier Uhr nach-
mittags bis acht Uhr abends war zweigeteilt (der
erste »Plattfuß« und der zweite »Plattfuß«), damit je-
der in dieser Zeit zu Abend essen konnte.
Die Mannschaft war auch in zwei Gruppen auf-
geteilt. Eine Gruppe war die Backbordwache, die
unter dem ersten Maat stand, und unter dem zwei-
ten Maat arbeitete die Steuerbordwache. Wenn das
Wetter gut war, übernahmen die Wachen abwech-
selnd das Schiff – vier Stunden die eine Wache, vier
Stunden die andere, außer am Nachmittag und
Abend, wenn jede Wache einen Plattfuß mitzuma-
chen hatte. Dann hatte jede Wache sechs Stunden
am Stück zu tun.
Wenn das Wetter schlecht war, ertönte der Ruf: »Alle
Mann an Deck!«, und jeder half mit, bis der Sturm
vorüber war oder bis die Segel gerefft (halb einge-
rollt) waren, sodass man sicher durch den Sturm
kam. Wenn ich die Matrosen hoch über Deck hängen
sah, wie sie sich in der Takelung festhielten, um ein
Segel während eines starken Winds zu reffen, wurde
ich nervös. Ich erwartete immer, dass einer ab-
rutschte und in seinen sicheren Tod stürzte.
Dann sagte eines Tages Kapitän Morris zu mir:
»Thompson, wie wäre es, wenn du heute im Boots-
mannsstuhl hochgehst, um die Taue einzuteeren?
Jede Landratte kann Töpfe schrubben und Messing
polieren. Dein Großvater würde mich ordentlich zu-
sammenstauchen, wenn ich dich bis nach China mit-
nehmen würde, ohne dir etwas beizubringen. Jef-
fries, setzen Sie ihn drauf.«

38
Mein Mund wurde trocken. Der Bootsmannsstuhl
sah aus wie meine Kinderschaukel zu Hause – außer
dass das Seil an einer Rolle bis in die Spitze der Take-
lung ging. Ich blickte an den Masten hinauf. Auch
wenn das Wetter mit dem leichten Wind und der ru-
higen See gut war, schwankten die Masten hin und
her. Ich war so erschrocken, dass ich kaum darauf
achtete, wie Jeffries mir ein altes Hemd voller Teer-
schmiere überzog. Dann gab er mir einen kleinen
Teereimer mit einer harten Bürste darin.
»Wenn du oben bist, binde diese Sicherungsleine am
Want fest, an dem du gerade arbeitest«, sagte der Ste-
ward und band mir ein langes, dickes Seil um den
Bauch. »Es verhindert, dass du zu sehr hin- und her-
schaukelst, und du hast beide Hände frei. Und was
immer du auch tust, lass keinen Tropfen Teer nach
unten fallen, oder du wirst die Nacht damit zubrin-
gen, ihn wegzulecken.«
Bevor ich überhaupt wusste, wie mir geschah, hing
ich auch schon hoch über dem Deck. »Nicht nach un-
ten sehen!«, schrie Jeffries. Ich hing dort mehr tot als
lebendig, während mich die Matrosen immer höher
zogen. Als ich fast oben am Mast war, begann Jef-
fries, mir Befehle zuzurufen. »Fang mit dem hinters-
ten Seil zu deiner Rechten an … Nein, das nicht. Das
ist schon geteert. Das hinten.«
Ich klammerte mich mit beiden Händen an die Seile
meines Bootsmannsstuhls und hatte eigentlich nicht
die Absicht, sie loszulassen, um das Seil der Takelage
zu ergreifen, von dem er sprach. Aber meine Hände
schmerzten, und ich drehte mich in meiner Schaukel
durch den Wind langsam um mich selbst. Ich musste

39
dem irgendwie ein Ende bereiten. Endlich streckte
ich einen Fuß aus und fasste beinahe das Seil, das ich
teeren sollte. Als ich beim Drehen das nächste Mal
vorbeikam, benutzte ich beide Füße und erwischte
es. Ich zog mich an die Wanten und hing dort mit den
Beinen um das Seil. »Genau so!«, ermutigte mich Jef-
fries. Es hörte sich an, als wäre er einen Kilometer
entfernt, und der Wind schien hier oben sehr viel
stärker zu sein. »Jetzt binde die Sicherungsleine fest.
Dann kannst du anfangen.«
Wenn er dachte, ich würde jetzt loslassen, war er ver-
rückt. Aber nachdem ich zehn Minuten oder länger

40
dort gehangen hatte, war mir klar, dass der einzige
Weg nach unten darin bestand, zu arbeiten. Ich muss-
te etwas tun. Aber zwei Glockenschläge ertönten, be-
vor ich die Sicherungsleine befestigt hatte. Endlich
fühlte ich mich sicher genug, dass ich eine Hand los-
lassen konnte und nach der kleinen Bürste im Teerei-
mer griff, der an der Schaukel angebracht war.
Ich nahm ein wenig Teer auf die Bürste und
schmierte ihn an das Seilstück über meiner Hand.
Dann rieb ich ihn ein, damit das Seil gegen Regen
und Wetter geschützt war. Bald hatte ich einen hal-
ben Meter geschafft – so weit ich eben aus dieser Po-
sition kam.
»Können wir weitergehen?«, fragte Jeffries, bevor ich
die Möglichkeit hatte zu verschnaufen.
»Ja.« Er ließ mich weiter hinunter, bis ich sagte:
»Stopp!«
Als die Glocke dreimal schlug, war ich wieder fertig
mit dem Teilstück. Dann machte ich den Fehler, nach
unten zu sehen. Vom Deck aus war es mir so erschie-
nen, als wäre das Schiff fast gerade, aber hier oben
aus der Takelung merkte ich, dass es so schräg lag,
dass ich direkt über dem Meer hing. Ich ließ die Bürs-
te in den Eimer fallen, und ein wenig Teer spritzte
heraus, als ich nach einem Halt suchte.
»He, was zum ...?«, schrie jemand von unten, dann
hörte ich Fluchen und Schreien. »Arbeite ich seit neu-
estem in einem Hühnerstall? Muss ich aufpassen,
weil irgendwelche dummen Hühner über meinem
Kopf brüten?« Ich sah wieder nach unten. Irgendwie
hatte der Wind den Teer so erfasst, dass er auf der
Glatze des Segelmachers gelandet war.

41
Der wütende Mann zog sein Messer aus der Tasche
und hielt es an das Seil, an dem der Bootsmannsstuhl
hing. »Ich schneide das durch, Freundchen, dann
landest du bei den Haien«, schrie er zornig.
Ich hatte wirklich Angst, obwohl ich nicht glaubte,
dass er es ernsthaft tun wollte, bis ich sah, wie Mr.
Taylor über das Deck rannte. Er griff den Segelma-
cher am Arm und stand zwischen dem Messer des
wütenden Mannes und dem Seil. Dann sagte er
etwas zu dem Seemann, was ich nicht verstand.
»Gut, gut«, sagte der Segelmacher. »Aber wenn das
noch einmal passiert, dann geht er baden. Haben Sie
mich verstanden?«
Der Mann stampfte fluchend weiter. »Ich habe dir
doch gesagt, du sollst vorsichtig mit dem Teer sein«,
rief Jeffries grinsend herauf.
Als der Steward mich endlich ganz auf das Deck her-
unterließ, kam Mr. Taylor zu mir und klopfte mir auf
den Rücken. »Mutig, mutig, mein Junge«, sagte er,
und seine graublauen Augen funkelten. Ich wollte
ihm dafür danken, dass er mir zu Hilfe gekommen
war, aber meine Zunge schien in meinem Hals fest-
zustecken. Ich fühlte mich überhaupt nicht mutig.
Während der nächsten Tage schickte mich der Ka-
pitän immer wieder in dem Bootsmannsstuhl nach
oben, bis ich schließlich meine Angst dort oben ver-
lor und problemlos zwischen Himmel und Meer hän-
gen konnte. Es fing sogar an, mir zu gefallen, dort
oben hin- und herzuschaukeln.
Dann nahm das Schiff Kurs auf das Kap der Guten
Hoffnung, um an Afrika vorbeizusegeln. Von dort

42
oben aus der Takelage konnte ich meilenweit sehen,
während wir Tag für Tag weitersegelten, und ich war
der Erste, der zwei andere Schiffe am Horizont er-
blickte. Aber was ich am meisten genoss, waren die
Delfine, die um unser Schiff herumtobten. Sie leis-
teten uns eine Weile Gesellschaft, dann verschwan-
den sie einige Stunden oder Tage, um plötzlich wie-
der aufzutauchen. Einige der Seeleute sagten, dass es
unterschiedliche Delfinschwärme seien, aber ich bin
sicher, dass ich einige von ihnen wiedererkannt habe.
Es war ein tröstlicher Gedanke, dass dieselben Del-
fine immer wiederkehrten, um uns den Weg zu
zeigen.

43
Über Bord

A ls wir das Kap der Guten Hoffnung im Süden


Afrikas umrundet hatten, segelten wir weiter
durch den südlichen Teil des Indischen Ozeans. Wir
segelten ungefähr 120 Meilen an Australien vorbei,
doch im Februar, als wir durch die Inseln von Indo-
nesien fuhren, gab es Tage, an denen wir kaum vor-
wärtskamen. Die Segel hingen schlaff herunter oder
flatterten nur ab und zu ein wenig, ohne uns weiter
voranzubringen, und wir trieben einfach auf dem
heißen und bleifarbenen Meer.
Glücklicherweise wehte nachts meistens eine schwa-
che Brise, die uns wenigstens ein Stückchen weiter-
brachte, aber eine südwestliche Strömung trieb uns
während der windstillen Tage wieder zurück.
Während dieser Zeit verbrachten wir viele langwei-
lige Stunden an Deck (man kann nicht jeden Tag die
ganze Zeit das Deck schrubben), sodass ich den
Schiffspassagier besser kennen lernte.
Hudson Taylor hatte um die Erlaubnis gebeten, am
Sonntagmorgen einen Gottesdienst abhalten zu dür-
fen. Kapitän Morris, Jeffries, der afrikanische Ste-
ward, und der Schiffszimmermann waren sofort
Feuer und Flamme für diese Gottesdienste und wa-
ren immer dabei, wenn das Wetter es erlaubte.
Ich nahm auch an diesen Gottesdiensten teil, weil ich
Hudson Taylor, Jeffries und den Kapitän mochte.
Aber nur sehr wenige der anderen machten mit.
Wenn sie zufällig an Deck waren, standen sie manch-

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mal nur so herum und hörten aus lauter Langeweile
zu. Aber wenn sie schliefen, Schach oder etwas ande-
res spielten, ließen sie sich durch nichts unterbre-
chen, schon gar nicht vom »Kirchgang«, selbst wenn
Jeffries oder Taylor sie eingeladen hatten.
Das überraschte mich. Ich hatte gelernt, dass Eng-
land ein christliches Land war, daher dachte ich, dass
die meisten der englischen Seeleute Christen waren.
Aber nachdem ich mit ihnen so eng auf dem Schiff
zusammengelebt hatte, lernte ich nach und nach die
Unterschiede verstehen. Einige machten sich natür-
lich lustig über den Glauben an Gott. Das hatte ich er-
wartet, und es erstaunte mich nicht. Aber die meisten
kümmerten sich überhaupt nicht um den Glauben –
obwohl sie getauft waren. Einige waren kirchlich
verheiratet, und die
meisten würden
sich wohl kirch-
lich beerdigen
lassen. Sie nann-
ten sich Christen,
aber sie hatten
nicht wirklich
den Wunsch, »ihr
Kreuz auf sich zu
nehmen und Jesus
nachzufolgen«, wie
Mr. Taylor es
ausdrückte.
Das gab mir zu
denken. Wenn
ich ehrlich sein

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sollte, war ich auch genau solch ein Christ. Ich fühlte
mich irgendwie schuldig, daher ging ich hoffnungs-
voll zu jedem Gottesdienst, den Mr. Taylor an Deck
hielt.
Eines Tages predigte Hudson Taylor über das dritte
Gebot: »Du sollst den Namen des Herrn, deines Got-
tes, nicht missbrauchen.« Ich hatte nie darüber nach-
gedacht, was es hieß, den Namen Gottes zu miss-
brauchen. Die Matrosen der Dumfries waren ein
fluchender und schimpfender Haufen, und ich
wusste, dass man einiges von dem, was sie sagten,
eigentlich nicht sagen durfte. Aber Mr. Taylor er-
klärte, dass »O Gott« oder der kurze Hilferuf »Jesus
Christus« kurze Gebete sein konnten, wenn man sie
wirklich ernst meinte. Aber wenn man eigentlich gar
nicht mit Gott sprechen wollte, dann missbrauchte
man seinen Namen.
Als ich darüber nachdachte, merkte ich, dass die See-
leute, wenn sie diese Worte benutzten, nicht Gott an-
redeten, sondern nur seinen Namen benutzten, um
Überraschung, Ekel oder Ärger auszudrücken. Zum
ersten Mal verstand ich dieses Gebot und beschloss,
besser auf das zu achten, was ich sagte. Ich wusste
nicht genau, was es bedeutete, ein Christ wie Mr.
Taylor und Kapitän Morris zu sein, aber es gab kei-
nen Grund, Gott gegenüber ungezogen zu sein.
Schließlich könnte ich ihn eines Tages vielleicht doch
wirklich brauchen!
An einem stillen, heißen Sonntagmorgen hatten uns
die Strömungen gefährlich nah an die Nordküste von
Neuguinea getrieben. Während Mr. Taylors Gottes-
dienst bemerkte ich, dass Kapitän Morris besorgt

46
aussah und des Öfteren unseren kleinen Kreis ver-
ließ, um über die Reling zu blicken. Auch Mr. Taylor
bemerkte es, und nach dem Schlussgebet fragte er:
»Was gibt es für ein Problem, Kapitän? Sie sehen be-
unruhigt aus.«
»Das bin ich auch, Mr. Taylor. Die Strömung ist hier
sehr stark, und nicht weit von hier ist eine Riffkette.
Ohne ein bisschen Wind werden wir bald auflaufen,
und die scharfen Korallenriffe können genauso
Löcher in die Seiten des Schiffes reißen wie die Felsen
von Holyhead.«
Der Kapitän drehte sich um und rief nach einem
Mann, der mit einem Fernglas in die Takelage klet-
tern sollte, um nach dem Riff Ausschau zu halten.
Eine weitere Stunde verging, ohne dass sich ein Lüft-
chen regte, dann rief der Mann von oben: »Dort sind
sie! Ungefähr eine Viertelmeile von hier!«
Alle rannten an die Reling, um selbst nachzusehen,
aber wir konnten nichts erkennen. Etwa zehn Minu-
ten später fragte Kapitän Morris, ob wir uns immer
noch dem Riff näherten.
»Keine Frage, Sir. Inzwischen müsste es auch von
Deck aus zu sehen sein.«
Ich schaute in die Richtung, in die der Mann zeigte,
und glaubte, einen hellen grünen Streifen im Wasser
zu sehen, wo die Wellen seichter wurden.
»Mr. Henson«, sagte der Kapitän zu seinem ersten
Maat, »lassen Sie ein Beiboot zu Wasser, und setzen
Sie alle hinein, die rudern können. Vielleicht können
wir die Dumfries von der schwierigen Stelle weg-
ziehen.«

47
Das Beiboot mit zwei Mann an jedem Ruder zog uns
eine Stunde lang. Vielleicht kamen wir dadurch dem
Riff nicht so schnell näher, aber selbst ich sah, dass
wir immer noch darauf zutrieben. Die Linie im Was-
ser war jetzt ganz klar – und nicht mehr als hundert
Meter weg.
Plötzlich sah ich an der grünen Linie entlang einen
grauen Schatten. Ich blinzelte, denn ich dachte,
meine Augen hätten mir einen Streich gespielt, aber
in diesem Augenblick sagte der Mann in der Take-
lung: »Haie! Haie!«

Die Aussicht, eventuell in ruhigem Gewässer auf ein


Riff aufzulaufen, schien die Mannschaft nicht allzu
sehr zu beunruhigen, aber die Tatsache, dass es hier
Haie gab, änderte alles. Panik breitete sich auf dem
Schiff aus. Einige der Männer begannen, die Ret-
tungsboote loszubinden. »Solange ich nicht den Be-
fehl gebe, das Schiff zu verlassen, bleiben diese
Boote, wo sie sind«, brüllte der Kapitän. »Wenn ihr
sie noch einmal berührt, geht ihr unter Deck.«

48
Ich starrte auf die grauen Umrisse. Die Haie waren
fünf bis sieben Meter lang. Manchmal zeigte sich eine
dreieckige Flosse über der Wasseroberfläche, und
jedes Mal lief mir dabei ein Schauer über den Rücken.
Kapitän Morris rief das Beiboot zurück und drehte
sich zu Hudson Taylor um. »Wir brauchen das Bei-
boot und die Rettungsboote, wenn wir uns alle retten
wollen. Wir haben alles getan, was man tun kann.
Jetzt können wir nur noch abwarten. Ich hoffe, dass
Sie auf irgendeine Weise immer noch China errei-
chen.«
»Nein, wir haben noch nicht alles probiert«, sagte
Mr. Taylor.
»Nein?« Der Kapitän hob seine buschigen Augen-
brauen. »Und was könnten wir noch vergessen ha-
ben?«
»Hier an Bord gibt es mindestens vier Leute, die
Christen sind«, sagte Mr. Taylor ruhig. »Lasst uns je-
der in seine Kabine gehen und Gott darum bitten,
dass er uns eine Brise schickt. Er kann es genauso gut
jetzt wie bei Sonnenuntergang tun.«
Der Kapitän rieb sich das Kinn. »Einverstanden«,
sagte er und ging, um den Steward und den Zimmer-
mann zu suchen. Ich wollte nicht außen vor stehen,
aber ihre Handlungsweise zeigte mir sehr deutlich,
was mir schon seit einigen Tagen durch den Kopf
ging: Ich hatte mich nicht entschieden, kein Christ zu
sein, aber ich hatte mich auch genauso wenig ent-
schieden, Christus nachzufolgen.
Der erste Maat zuckte mit den Schultern, als er sah,
wie der Kapitän und die anderen unter Deck ver-

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schwanden. Dann drehte er sich um und starrte auf
die Haie im Wasser. Ich zählte drei, die am Korallen-
riff immer hin- und herschwammen, als ob sie genau
wüssten, dass wir ihr nächstes Essen sein würden.
Hin und her, hin und her ...
Plötzlich hörten wir Hudson Taylors Stimme hinter
uns. »Mr. Henson, ich denke, Sie lassen besser einige
Segel mehr setzen, damit wir den Wind optimal nut-
zen.«
»Wozu sollte das gut sein?«, schnarrte der erste Maat.
»Weil wir gebetet haben, und ich bin sicher, dass Gott
sofort einen Wind schicken wird. Aber wir müssen
darauf vorbereitet sein.«
Henson blickte skeptisch in die Segel. Auch ich sah
hinauf und bemerkte, wie die Toppsegel – die Royal-
segel, wie sie sie nannten – zu flattern begannen.
»Sehen Sie? Es kommt Wind auf!«, sagte Mr. Taylor.
»Sehen Sie sich die Royalsegel an!«
»Das ist doch nur ein kleines Lüftchen«, meinte der
erste Maat abfällig. »Das haben wir doch selbst an
den ruhigsten Tagen ein paarmal.«
»Lüftchen oder nicht«, schrie Taylor, »lassen Sie die
Segel herunter, oder wir laufen auf das Riff auf.«
Der Maat war sehr überrascht, aber er gab den Be-
fehl. Sobald die Segel gesetzt waren, wurden sie vom
Wind gebläht. Mit einem sehnlichst erwarteten Knar-
ren in den Wanten hörte die Dumfries auf zurückzu-
fallen und begann, sich vorwärts zu bewegen.
»Gott sei Dank!«, rief Kapitän Morris, als er aus sei-
ner Kabine an Deck rannte. Zu unser aller Überra-
schung hielt die Brise an, bis wir an den Palau-Inseln

50
vorbeigefahren waren und das gefährliche Riff weit
hinter uns gelassen hatten.

***
Am Mittwoch, dem 1. März 1854, gingen wir schließ-
lich im Hafen von Shanghai in China vor Anker. Ich
sehnte mich danach, endlich wieder einmal festen
Boden unter den Füßen zu haben. Fünfeinhalb Mo-
nate waren wir auf See gewesen.
Mr. Taylor erschien mit seinen verschiedenen Ta-
schen und Kisten an Deck, blickte aufgeregt um sich
auf den Hafen, auf dem es vor Menschen nur so wim-
melte. Er hielt einen Augenblick inne, um der gesam-
ten Mannschaft die Hand zu schütteln und allen für
die Reise zu danken. Ich wusste, dass einige ihn für
etwas verrückt hielten, aber die meisten von ihnen
hatten Respekt vor dem ungewöhnlichen Missionar.
Als Taylor zu mir kam, witzelte ich: »Sagen Sie nicht
Lebewohl, wir sehen uns noch in Shanghai!«
Aber ich hatte nicht mit dem Kapitän gerechnet, der
das Ganze sehr ernst nahm. »Tut mir leid, Thomp-
son«, unterbrach Kapitän Morris. »Shanghai ist eine
schlimme Stadt – kein Ort für einen jungen Mann wie
dich, dass er dort spazieren gehen könnte. Du musst
an Bord des Schiffes bleiben. Hier gibt es für dich jede
Menge zu tun.« Dann drehte er sich um und ging, um
Hudson Taylor dabei zu helfen, die Strickleiter in das
Beiboot herabzulassen, das ihn an Land bringen
sollte.
Ärger stieg in mir auf. Ich war gewaltsam für drei-
undzwanzig Wochen auf See angeheuert worden,
und ich sehnte mich danach, endlich einmal wieder

51
an Land gehen zu können. Ich wusste, dass keiner
dem Kapitän widersprechen durfte, aber ich konnte
nicht anders. Als das Beiboot von der Dumfries weg-
fuhr, zog ich den Kapitän am Ärmel. »Ich bin gekid-
nappt und gegen meinen Willen auf dieses Schiff ge-
bracht worden!«, protestierte ich. »Sie könnten mir
zumindest die Freiheit lassen, wenn wir jetzt im Ha-
fen sind.«
Kapitän Morris’ Augen wurden schmal, und sein Ge-
sicht wurde ernst. »Ich sagte: Du bleibst an Bord, und
das habe ich auch so gemeint.« Damit drehte er sich
um und ging weg.
Ich wollte meinen Ohren nicht trauen. Nicht an Land
gehen? Wieder fühlte ich mich wie ein Strafgefange-
ner.
Vor Anker im Hafen von Shanghai zu liegen, der
nicht mehr als eine große Ausbuchtung in dem
schmutzigen Fluss Huangpu war, war schlimmer,
als auf See zu sein. Das eintönige Leben an Bord
– manchmal fast ganz allein außer der Schiffswache
von zwei oder drei Matrosen – ließ das Heimweh
mehr denn je in mir erwachen.
Jeffries und der Koch taten ihr Möglichstes, um mich
zu beschäftigen, aber ich hatte viel zu viel Zeit, diese
exotische Welt außerhalb meiner Reichweite zu be-
trachten. Dutzende anderer Schiffe gingen vor Anker
– selbst einige britische Kriegsschiffe –, und zwischen
den großen Schonern tummelten sich ständig die chi-
nesischen Dschunken. Sie versuchten, heißen Reis
und Gemüse, merkwürdig aussehendes Obst und
Stoffballen an die ausländischen Seeleute zu verkau-
fen. Ich beobachtete, wie Kähne seitlich an den

52
großen Schiffen anlegten, um Tee und andere Waren
aufzuladen, die dann in England oder Amerika ver-
kauft werden sollten.
Endlose Tage gingen vorüber, aber kein Kahn legte
an der Dumfries an. »Wo ist unsere Teeladung?«,
fragte ich Jeffries eines Abends, als er zurück an Bord
kam.
»Wir bekommen wahrscheinlich gar keinen Tee«,
sagte er und zuckte mit den Schultern.
»Warum nicht?«
»In Shanghai fängt ein Krieg an.«
»Ein Krieg? Gegen wen? Ich habe nicht gesehen, dass
die britischen Kriegsschiffe irgendetwas tun.«
Jeffries blickte unwillig drein. »Es ist kein solcher
Krieg. Es ist eine chinesische Sache. Ein Haufen Re-
bellen, sie heißen ›die Roten Turbane‹, versuchen,
den chinesischen Teil der Stadt in ihre Gewalt zu
bringen. Sie sind nicht an den Siedlungen der Eu-
ropäer interessiert, sonst würdest du sehen, wie die
britischen Soldaten gegen sie vorgehen würden.«
»Aber was hat das mit unserem Tee zu tun?«
»Ich nehme an, die Kämpfe betreffen die chinesi-
schen Handelswege, sodass Teepflanzer nicht so viel
Tee den Fluss hinunterschicken können. Je weniger
Tee, desto höher die Preise für das, was verfügbar ist,
und momentan ist der Preis so hoch, dass die Schiff-
fahrtsgesellschaft kein Geld damit verdienen würde.
Deshalb sitzen wir hier fest. Vielleicht ist es in einigen
Tagen besser.«
In meiner Enttäuschung und Wut hätte ich am liebs-
ten auf irgendetwas eingeprügelt. Das war nicht fair!

53
Ich wollte nach Hause, aber jetzt saßen wir in China
fest, und ich hatte nicht einmal die Erlaubnis, das
Schiff zu verlassen. Weiter gingen die Tage dahin,
und es gab immer noch keinen Tee.
Dann eines Morgens sagte mir Jeffries, dass wir am
nächsten Tag das Schiff beladen würden – aber es
würde kein Tee sein. »Die Dumfries gehört Aiken &
Company«, sagte er, »und sie haben hier in Shanghai
Büros. Der Mann dort hat für uns organisiert, dass
wir eine Ladung Seide und andere Waren nach San
Francisco bringen. Ich nehme an, die Kalifornier ha-
ben sich eine goldene Nase mit ihrem Goldrausch
verdient und wollen sich jetzt standesgemäß klei-
den.« Er rümpfte bedeutsam die Nase. »Wenn wir in
einem halben Jahr wieder nach Shanghai kommen,
ist der Teepreis vielleicht so weit gefallen, dass Aiken
Gewinne machen kann. Wer weiß? Aber so geht es
nun einmal im Schifffahrtsgeschäft.«
Mir brach der kalte Schweiß aus. Drei Monate nach
Amerika und drei Monate wieder zurück nach
China! Dann, wenn alles gut ging, wieder fünf oder
sechs Monate zurück nach England. Und es konnte
auch noch länger dauern! Ich konnte nicht warten.
Das wären ja zwei Jahre! Ich wäre dann vierzehn, be-
vor ich wieder nach Hause kam. Mein Leben lag
nicht mehr in meinen Händen, bloß weil ein unge-
duldiger erster Maat nicht fähig gewesen war, seinen
Kabinenjungen beim Auslaufen seines Schiffes zu
finden.
Als ich darüber nachdachte, wurde ich auch wütend
auf den Kapitän. Er hatte mich nicht zurück nach Li-
verpool gebracht, als ich gewaltsam angeheuert wor-

54
den war; er hatte auch nicht lange genug angehalten,
um mich auf die Sea Witch zu bringen.
Der Gedanke an die Sea Witch brachte mich auf eine
Idee. Der Hafen war voll von anderen Schiffen. Eines
von ihnen würde doch bestimmt nach England fah-
ren. Wenn ich nun das Schiff wechseln würde und auf
einem anderen Schoner mitfahren konnte?, dachte ich.

55
Aber ich hatte kein Geld, um eine Überfahrt zu be-
zahlen. Ich könnte mich ja auch auf einem anderen Schiff
anheuern lassen. Es könnte klappen, aber es war ge-
fährlich. Ich hatte viele Horrorgeschichten gehört
von gemeinen Kapitänen, die ihre Mannschaften auf
See prügelten. Ich musste zugeben, dass das Leben
an Bord der Dumfries nicht allzu schlecht gewesen
war.
Aber zwei Jahre? Ich konnte nicht so lange warten!
Ich beschloss, es zu probieren und bei der ersten Ge-
legenheit das Schiff zu wechseln.
Sie bot sich eines Tages nach den drei Glockenschlä-
gen der ersten Wache. Der Einzige, der noch mit mir
an Bord war, ging in die Kombüse, um sich etwas zu
essen zu holen. Ich stand an der Steuerbordreling, als
eine chinesische Dschunke ganz nah an uns vorbeise-
gelte, sodass ich hätte hinüberspringen können.
Stattdessen kletterte ich über die Reling und wartete,
bis sie vorbeigesegelt war, dann sprang ich ins Was-
ser. Mit einigen wenigen Schwimmzügen hatte ich
die Dschunke erreicht und hielt mich an dem Seil
fest, das im schmutzigen Wasser hing.
Ich hängte mich daran und wurde von der Dumfries
weggeschleppt in die Innenstadt von Shanghai ...
und in eine sehr ungewisse Zukunft.

56
»Keine Angst, wir erschießen
dich nur!«

D ie chinesische Dschunke, die mich durch das


schlammige Wasser des Hafens von Shanghai
zog, legte natürlich nicht im europäischen Teil der
Stadt an, sondern im chinesischen. Ich ließ mich ein
Stückchen von dem Heck des kleinen Bootes mit sei-
nen rotbraunen, wie Fächer aussehenden Segeln
wegtreiben und schwamm an das verschmutzte
Ufer, wo einige Läden auf Pfählen über den Fluss ge-
baut worden waren.
Als ich aus dem Wasser kam, tropfnass und stinkend,
muss ich wie ein Monster ausgesehen haben, das von
einem anderen Stern kommt. Ich bahnte mir meinen
Weg durch die Geschäfte und lief in eine enge, kur-
vige Straße. Dann wandte ich mich nach Norden, da
ich hoffte, den europäischen Teil der Stadt zu finden.
Die Straße war voller Menschen; zu meiner Überra-
schung nahmen sie kaum Notiz von mir, aber ich be-
obachtete sie genau. Alles war hier so anders!
Lange schwarze geflochtene Schwänze hingen den
Menschen den Rücken hinunter. Alle trugen lange,
lockere Hemden über Flatterhosen. Manche zogen
zweirädrige Karren, die mit hoch aufgetürmten Wa-
ren beladen waren, während andere eine Latte auf
den Schultern trugen, bei der an jeder Seite Eimer
mit Nahrungsmitteln oder Wasser hingen.
Nach einer Weile bemerkte ich etwas Ungewöhn-
liches. In all diesem Treiben gab es überhaupt keine

57
Frauen auf den Straßen. Dann sah ich eine Frau und
ein Mädchen in meinem Alter an einer Art Markt-
stand. Aber das Erste, was mir auffiel, waren ihre
winzigen, schlurfenden Schritte beim Gehen. Ich
blieb stehen, um zu sehen, warum. Sie hatten beide
Babyfüße, winzig kleine Füße in schwarzen Schuhen.
Es war das Merkwürdigste, das ich jemals gesehen
hatte. Wahrscheinlich irgendeine Krankheit, dachte ich.
Die Geschäfte und Gebäude schienen nicht sehr sta-
bil. Sie bestanden zum größten Teil aus Bambusstrei-
fen, die ineinander verwoben waren; andere wieder
waren mit farbigem Papier bedeckt, sodass das Licht
von drinnen nach draußen schien.
Ich drückte mich weiter durch die Menge und lief an
Häusern vorbei, die fester waren. Sie hatten ziegelge-
deckte Dächer, bei denen sich die Ecken nach oben
bogen. Als ich sie mir in dem Dämmerlicht des
Abends näher betrachtete, sah ich, dass an jeder nach
oben gebogenen Ecke ein geschnitzter Drache saß,
wodurch sie furchterregend aussahen.
Und dann sah ich eine weitere Frau, die dieselben
kleinen, schlurfenden Schritte machte. Auch ihre
Füße waren sehr klein. Das ist doch komisch, dachte ich.
Exotische Gerüche und helle, gezupfte Musik dran-
gen durch die Luft, als das Abendessen über den
Kohlefeuern zubereitet wurde. Ich merkte, dass ich
hungrig war, aber ich eilte weiter, um den europäi-
schen Teil der Stadt zu finden.
Je weiter nördlich ich ging, desto verlassener wurden
die Straßen. Die wenigen Menschen, die ich sah, lie-
fen von Haus zu Haus, nachdem sie die Straße ent-

58
langgesehen und in den dunkler werdenden Himmel
geblickt hatten. Nervös lief ich schneller. Als ich an
einer Steinmauer vorbeikam, ergriffen mich zwei
starke Männer und zogen mich in eine schmale
Gasse. Sie drückten mich an die Wand und began-
nen, mich auf Chinesisch anzuschreien. Ich schüttelte
den Kopf und rief: »Ich verstehe euch nicht! Ich ver-
stehe euch nicht.« Ich versuchte, mich loszureißen
und zu fliehen, aber sie warfen mich so hart gegen
die Mauer, dass ich kaum noch atmen konnte.
Von irgendwoher kam noch ein Mann. Er trug eine
Militäruniform mit einem eigenartigen Schwert, das
an seiner Seite hing. Mit einem Wink bedeutete er
den beiden anderen, zur Seite zu gehen. Ich atmete
erleichtert auf, als er vor mir stand, die Hände an die
Hüften haltend. »Du Spion!«, sagte er, und sein
Spitzbart zitterte.

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»Nein, nein. Ich bin nur ein Matrose, ein britischer
Seemann, ein Kabinenjunge.«
»Du Spion!«, sagte er wieder auf Englisch. Das war
keine Frage. Nein, es war das Urteil eines Richters.
»Du bist ein Spion der Roten Turbane.« Mit einer stil-
len Geste befahl er den beiden Männern, mich wieder
zu ergreifen.
»Nein, warten Sie! Ich bin ein Kabinenjunge, ich sage
es Ihnen doch – auf dem Schoner Dumfries. Sie liegt
im Hafen vor Anker. Ich kann sie Ihnen zeigen.« Die
Männer griffen mich bei den Armen und schleppten
mich hinter dem Offizier her. »Sie haben mich nicht
verstanden, wie soll ich denn ein Spion sein?«
»Ah! Du gestehen. Du sagen, ich ein Spion sein. Du
gestehen. Gut. Wir dich nur erschießen. Nicht
quälen«, sagte der Offizier über die Schulter.
»Nein, nein, nein!«, protestierte ich und versuchte,
mich loszureißen. Er hatte mich falsch verstanden.
Aber je fester ich zog, desto fester hielten mich die
Männer und desto schneller liefen wir.
Dann plötzlich hörte man ein pfeifendes Geräusch,
gefolgt von einer unglaublich lauten Explosion in
dem Haus neben uns. Die Wucht riss uns alle zu Bo-
den. Noch ganz benommen blickte ich mich um und
sah, dass der Mann zwischen mir und dem explodie-
renden Haus von den herumfliegenden Trümmern
ernsthaft verletzt worden war. Sein Körper hatte
mich geschützt.
Ein weiteres Pfeifen über unseren Köpfen, und die
Straße hinter uns explodierte. Dann hörte ich ir-
gendwo vor uns Schüsse.

60
In diesem Aufruhr merkte ich plötzlich, dass mich
niemand mehr festhielt. Ich sprang auf die Füße und
rannte den Weg zurück, den wir gekommen waren.
Ich bog um die erste Ecke und dann wieder um eine,
aber dort standen genau vor mir einige Soldaten um
eine Kanone, die mitten auf der Straße aufgebaut
worden war. Ein furchtbarer Knall ertönte, als die
Kanone direkt über meinen Kopf abgefeuert wurde.
Der Krach ließ meine Ohren zufallen. Ich taumelte
einige Schritte zurück, dann drehte ich mich um und
rannte in die andere Richtung.
Ich rannte und rannte, bis ich an eine andere Straße
kam, wo die Menschen unbekümmert herumliefen.
Ich konnte immer noch das Donnern der Kanonen
und das Tat-tat-tat der Gewehrfeuer in der Ferne
hören. Aber ich hatte mich verirrt. Ganz ruhig, bleib
ganz ruhig, beschwor ich mich selbst. Ich nahm an,
dass die Schießerei nicht vom Hafen und auch nicht
aus dem Norden kam, denn dort war der europäi-
sche Sektor. Also waren diese Kämpfe entweder im
Westen oder im Süden. Ich schätzte, im Westen. Des-
halb ging ich in die Richtung, von der ich annahm,
dass es Norden war.
Die Straßen in dem chinesischen Teil von Shanghai
waren eng und unübersichtlich, deswegen musste
ich sehr vorsichtig sein, auch wenn ich das Gewehr-
feuer einmal nicht hörte. Nach zwei oder drei Bie-
gungen war ich mir wieder nicht mehr sicher, in wel-
cher Richtung Norden lag.
Schließlich kam ich an eine Brücke, die über einen
Kanal oder Fluss führte. Auf der anderen Seite war
offenbar der europäische Teil der Stadt. Ich war ge-

61
nauso überrascht von dem Anblick, wie ich es gewe-
sen war, als ich im chinesischen Teil umherlief. Ich
hatte nur einige Holzhäuser erwartet, die dort als
eine Art Regierungssitz oder Außenposten gebaut
worden waren. Stattdessen bekam ich stattliche
Steinhäuser mit wundervollen Gärten, zwei Kirchen
und einige große Regierungsgebäude, die zwei bis
drei Stockwerke hoch waren, zu sehen.
Es war dunkel, aber die Lichter von den Häusern und
den Straßenlaternen warfen ein warmes Licht auf die
umherlaufenden Menschen. Es gab nur sehr wenige
Pferdekutschen auf den Straßen, aber die Menschen
bewegten sich fast so schnell – wenn nicht sogar
schneller – in eigenartigen Sänften vorwärts, die von
Kulis getragen wurden.
Seeleute, viele von ihnen laut und wahrscheinlich an-
getrunken, torkelten in kleinen Gruppen von Kneipe
zu Kneipe.
Es tat gut, in dieser fast schon vertrauten Umgebung
zu sein, aber mir wurde bewusst, dass ich keinen
Platz zum Schlafen hatte und kein Geld, um mir
etwas zu essen zu kaufen. Die Regierungsgebäude
und die Zweigstellen der verschiedenen Schifffahrts-
linien waren alle geschlossen, es gab also keine Mög-
lichkeit, noch an diesem Abend eine Stelle auf einem
Schiff nach England zurück zu finden.
Ich sah gerade in ein Lokal hinein und dachte dar-
über nach, wie ich mir etwas zu essen organisieren
konnte, als ich hinter mir Stimmen hörte. »He, da ist
ja unser Kabinenjunge, Thompson«, sagte einer.
Ich drehte mich um. Die Matrosen waren von der
Dumfries, und mitten unter ihnen war Henson, der

62
erste Maat. »Was tust du hier?«, forderte er mich her-
aus. »Ich dachte, der Kapitän hätte dir befohlen, an
Bord zu bleiben.«
Ich wartete nicht ab; ich drehte mich um und rannte
los.
»Ihm nach, Jungs! Er hat das Schiff verlassen.«
Ich rannte drei Blocks weit, die Seeleute dicht auf den
Fersen. Zwar konnte ich mich zwischen den Sänften
schneller durchschlängeln als sie, aber ich wusste
nicht, wie weit ich noch laufen konnte. Dann bog ich
in eine schmale Gasse ein; ein Karren, der hoch mit
Heu beladen war, fuhr langsam vor mir her, und es
gab so gut wie keine Möglichkeit, daran vorbeizu-
kommen. Ich wollte schon zurückrennen, da kam
mir eine Idee. Ich sprang hinten auf den Karren und
zog mich hoch. Schnell vergrub ich mich in dem Heu
und wartete ab.
»Wo ist er hin?«, fragte einer der Seeleute, als sie nur
noch um Armeslänge von mir entfernt waren. Der
Wagen schaukelte langsam weiter über die Pflaster-
steine.
»Hast du ihn gesehen?«, fragte ein anderer.
»Nein. Aber er muss hier irgendwo sein.« Das war
Henson. »Du da, such du zwischen den Häusern.
Dann sieh nach, ob er nicht zurück in diese Kneipe
um die Ecke gegangen ist. Und du«, sagte er zu
einem anderen Matrosen, »lauf vor und sieh nach, ob
du ihn nicht finden kannst.«
Langsam brachte mich der Karren in Sicherheit.
Dann hielt er plötzlich an. O nein, dachte ich. Jetzt
werden sie mich sicher kriegen. Fahr weiter, bitte fahr wei-
ter. Aber der Karren stand still.

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»Da drin ist er nicht«, sagte einer der Matrosen, als
sie sich wieder hinter dem Karren versammelten.
Auch die anderen erstatteten Bericht.
»Leute, geht aus dem Weg«, sagte Henson. »Der
Mann will Heu in seiner Scheune abladen. Aber sieh
du zuerst in der Scheune nach, Barclay.«
Ich hörte, wie der Fahrer des Karrens eine Heugabel
aus dem vorderen Teil des Wagens nahm. Dann
hörte ich, wie sie direkt neben mir ins Heu gestoßen
wurde. Mein Herz hörte fast auf zu schlagen. Entwe-
der ich wurde von der Heugabel aufgespießt, oder
aber ich lieferte mich der Mannschaft der Dumfries
aus.
Ich wollte schon aufgeben, als Henson sagte: »Wenn
wir dieses Kind schnappen, werden wir es in der Ta-
kelage aufhängen. Niemand flieht von einem Schiff
und lebt weiter, um davon zu erzählen.«
»Was meinst du damit? Wir sind doch nicht die
Flotte Ihrer Majestät«, sagte eine andere Stimme.
»Von Bord zu fliehen ist kein Kapitalverbrechen. Die
Kerle tun das doch alle.«
»Nicht wenn ich erster Maat bin. Kommt, gehen wir.
Wir werden ihn schon noch kriegen.«
Uff. Die Heugabel drang direkt neben meinem Kopf
ins Heu. Zwei der Spitzen liefen rechts und links an
meiner Hand vorbei und nahmen das Heu weg. Jetzt
konnte ich über mir die Sterne sehen. Aber ich blieb
immer noch still liegen.
Dann hörte ich, wie die Seeleute durch die Gasse
zurückgingen und sich miteinander unterhielten. Da
sie in die andere Richtung blickten, krabbelte ich aus

64
dem Heu und ließ mich über die Seitenwand des
Karrens fallen, bevor der Fahrer zurückkam, um eine
weitere Gabel voll aufzuspießen.

***
Da ich die Mannschaft der Dumfries mehr fürchtete
als die königliche chinesische Armee, beschloss ich,
in den chinesischen Teil zurückzukehren. Ich hielt
vorsichtig Ausschau nach den Soldaten. Aber es
kümmerte sich keiner um mich, so wie Henson es im
europäischen Teil getan hatte. Eigentlich hatte sich
zuvor auch niemand an mir gestört, erst als ich dem
Kampf zu nah gekommen war.
In dieser Nacht schlief ich auf den kalten Stufen eines
buddhistischen Tempels mit einem Buddha, der sich
riesengroß über mir erhob. Am nächsten Morgen war
ich steif, fror und war so hungrig, dass ich glaubte,
dem Hungertod nahe zu sein. Einige Menschen ka-
men in den Tempel und brachten Schüsseln mit Reis
und Gemüse zu dem Standbild des Buddha. Wieder
war eine Frau mit schlurfenden Schritten dabei. Ich
begann, mich zu fragen, warum alle chinesischen
Frauen so kleine Babyfüße hatten.
Als die Gläubigen gegangen waren, untersuchte ich
das Essen, das sie dagelassen hatten. Vielleicht könnte
ich ein bisschen davon essen, dachte ich. Aber es waren
immer irgendwelche Menschen da, und mir wurde
klar, dass sie es ihrem Gott opferten.
Ich versuchte zu betteln. Viele nahmen mich gar
nicht zur Kenntnis, aber einige lachten und wollten,
dass ich ihnen noch mehr vorspielte. Vielleicht dach-

65
ten sie, ich wäre ein Clown. Aber niemand gab mir
etwas zu essen.
Am Nachmittag ging ich zum Wasser hinunter, wo
ich die Dumfries im Hafen liegen sah. Ein Kahn hatte
an der Seite angelegt und belud sie mit Waren. Das
Schiff würde bald auslaufen. Ich dachte darüber
nach, wieder mitzusegeln, vielleicht konnte das briti-
sche Konsulat etwas erreichen. Die Behörden wür-
den mich sicher davor schützen, gehängt zu werden,
außerdem glaubte ich nicht, dass Kapitän Morris es
zulassen würde. Aber ich wollte auf keinen Fall zu-
sätzliche sechs oder acht Monate auf See verbringen,
während die Dumfries nach San Francisco und zu-
rück segelte.
Nein, beschloss ich, ich werde warten, bis sie losgefahren
sind. Dann gehe ich zurück in den europäischen Teil und
suche mir einen Job auf einem anderen Schiff, das nach
England zurückfährt. Aber was für einen Hunger ich
hatte.
Und dann, während ich noch in den Hafen starrte,
sagte eine junge Stimme: »Du englisch?« Ich drehte
mich um und sah ein lächelndes chinesisches
Mädchen in meinem Alter. Mir fiel ihr Lächeln auf,
denn die meisten Chinesen schienen nicht besonders
viel zu lächeln.
»Ja, ich bin Engländer.« Ich war dankbar, jemanden
zu finden – irgendjemanden –, der mich nicht be-
drohte, mich jagte oder sich über mich lustig machte.
»Wie heißt du?«
»Ich englisch.«
»Was?«

66
»Du – ich – englisch.«
So ging es eine Weile hin
und her, bis ich heraus-
gefunden hatte, dass sie
bei mir Englisch lernen
wollte. Das brachte
mich auf eine Idee. Mit
vielen Schwierigkeiten
gab ich ihr zu verstehen,
dass ich ihr Englisch
beibringen würde,
wenn sie mir dafür
etwas zu essen organi-
sierte.
Das Mädchen schien sich zu freuen und eilte davon.
Sie winkte mir zu, ihr zu folgen. Das Erste, was mir
an ihr auffiel, war, dass sie nicht so winzige Füße
hatte wie alle anderen chinesischen Frauen. Ich deu-
tete auf ihre Füße und zeigte mit meinen Händen,
dass sie lang waren. Zuerst wurde sie blass, dann
lächelte sie und sagte: »Englisch«, und nickte mit
dem Kopf.
Indem wir auf uns selbst deuteten und unsere Na-
men sagten, fand ich heraus, dass sie Namu hieß. Wir
brauchten nicht weit zu gehen, bis wir an ein großes
Grundstück, das von einer Mauer umgeben war, ka-
men. Wenn sie dort zu Hause ist, dachte ich, kommt sie
aus einer wichtigen Familie. Sie nahm mich mit an ein
Tor auf der Rückseite und gab mir mit Hilfe von Be-
wegungen, einer Flut chinesischer Wörter und eini-
gen englischen Brocken dazwischen zu verstehen,
dass ich hier warten sollte.

67
Ich wartete und wartete und war fast schon über-
zeugt davon, dass sie mich vergessen oder es sich an-
ders überlegt hatte, als eine Einheit chinesischer Sol-
daten die Straße entlangkam. Ich drehte ihnen den
Rücken zu und hoffte, dass sie mich nicht bemerkten,
aber als sie auf gleicher Höhe mit mir waren, befahl
der Offizier ihnen, stehen zu bleiben. Ich hörte, wie
seine Schritte auf mich zukamen. Er nahm mich bei
der Schulter und sagte etwas auf Chinesisch. Ich
blickte nach rechts und links, ob es vielleicht eine
Möglichkeit gab zu entkommen, aber ich sah nur
Uniformen in beiden Richtungen. Dann, als schon al-
les verloren schien, öffnete sich quietschend das Tor
in der Mauer, und Namu stand lächelnd da.
Sie verbeugte sich und sagte: »Neil«, und winkte mir,
dass ich hereinkommen sollte.
Ich drehte mich um und sah den Offizier an. Zu mei-
ner Überraschung verbeugte er sich vor Namu und
ging zurück zu seinen Soldaten. Mir fiel ein Stein
vom Herzen, als sie wegmarschierten.

68
Das Wrack der »Dumfries«

N amu führte mich durch einen Garten zu einer


kleinen Bambushütte, die früher als Stall ge-
nutzt worden war. Sie bedeutete mir, mich hinzuset-
zen, und gestikulierte dann, begleitet von einem
Schwall chinesischen Singsangs, dass sie ins Haus ge-
hen und mir etwas zu essen holen wollte.
Als sie zurückkam, schlang ich den Reis, den Fisch
und das Gemüse, das sie mir gebracht hatte, herun-
ter. Dankbar begann ich sofort mit dem Englischun-
terricht. Natürlich war es für mich gleichzeitig ein
Unterricht in Chinesisch.
»Reis«, sagte ich und zeigte auf den letzten Bissen in
dem hölzernen Schüsselchen.
»Ra-is«, erwiderte sie und nickte mit dem Kopf. Aber
einen Augenblick später, als ich die Schüssel voll-
ständig geleert hatte, merkte ich, dass sie es falsch
verstanden hatte, denn sie deutete auf die leere
Schüssel und sagte wieder: »Ra-is.«
Solche Verwechslungen passierten an diesem ersten
Nachmittag recht häufig, aber bald gelang es uns, uns
besser zu verständigen. Ich fand heraus, dass Namus
Nachname Yang war, die Chinesen setzen jedoch im
Gegensatz zu den Europäern den Nachnamen vor den
Vornamen, sodass ihr vollständiger Name also Yang
Namu lautete. Sie war ein wirklich nettes Mädchen.
Ich war ihr sehr dankbar, als sie mich in dieser Nacht
in der Bambushütte schlafen ließ und mir zeigte, wie
ich die Tür in der Mauer öffnen konnte.

69
Am nächsten Morgen rannte ich hinunter zum Hafen.
Die Dumfries lag noch im Morgennebel still im Was-
ser, und ich konnte Arbeiter erkennen, die Ballen von
einem Kahn, der seitlich an dem Schoner vertäut war,
an Deck brachten. Enttäuscht dachte ich, dass ich im
europäischen Sektor noch immer nicht sicher war.
Ich ging zurück zu der Bambushütte in Namus Garten
und war überrascht, als ich sie weinend vorfand. Aber
sie wurde sofort wieder fröhlich, als sie mich sah. Sie
hatte wohl geglaubt, dass ich verschwunden war. Den
ganzen Tag lang arbeiteten wir, bis mir so langweilig
war, dass ich mich selbst daran erinnern musste, dass
ich für mein Essen arbeitete. Als ich daran dachte,
fand ich, es sei keine allzu schwere Aufgabe.
Am nächsten Morgen war die Dumfries verschwun-
den, und ich rannte so schnell ich konnte zum briti-
schen Konsulat. Ich hielt mich dicht am Ufer, um kei-
nem chinesischen Soldaten zu begegnen. Ich be-
schloss, zuerst zu sagen, dass man mich gewaltsam
angeheuert hatte. Vielleicht würden sie mich dann
als Passagier zurückfahren lassen und die Kosten
Aiken & Company auferlegen, weil sie dafür verant-
wortlich waren.
Wie schmutzig und übel riechend ich war, wurde mir
bewusst, als ein Mann, der mich in das wunder-
schöne Regierungsbüro führte, die Nase rümpfte.
Wenige Minuten später erklärte ich einem Beamten
mit einer weißen Perücke mein Anliegen. Er saß hin-
ter einem hohen Pult, über Akten gebeugt.
»Wir kümmern uns nicht um Beschwerden, die mit
Schiffsmannschaften zu tun haben«, sagte er, ohne
von seinen Akten aufzusehen.

70
»Aber man hat mich gewaltsam mitgenommen!«,
protestierte ich.
»Geht mich nichts an.«
»Aber wie soll ich nach Hause kommen?«
»Keine Ahnung.« Endlich sah er mich an, seine Au-
genbrauen formten einen hohen Bogen um seine Au-
gen, deren Lider fast geschlossen waren, sodass er
einen sehr gelangweilten Eindruck machte. »Es sieht
so aus, als hättest du ein Problem«, sagte er durch
seine dünne Nase, »aber das ist nicht mein Problem,
also geh jetzt und hör auf, diesen Geruch hier zu ver-
breiten.«
Ich versuchte es anders. »Kann ich vielleicht auf einem
Schiff anheuern, das nach England zurückfährt?«
»Wer weiß?«, sagte er und beugte sich wieder über
seine Papiere.

71
Ich fragte ihn, wo ich mich erkundigen könne, aber er
lehnte es ab, weiter mit mir zu sprechen, daher ging
ich. Auf dem Weg nach draußen fragte ich den Ange-
stellten, wo ich bei einer Schiffsmannschaft anheuern
konnte. Er meinte, ich könne es bei den Schiffsagen-
turen versuchen oder einfach Offiziere einer Mann-
schaft fragen, wenn sie auf Landgang waren.
Der Gedanke, direkt mit Schiffsoffizieren zu spre-
chen, war mir nicht geheuer. Und wenn sie mich wieder
entführten und nicht nach England zurückfuhren? Dann
fiel mir ein, dass ja auch die Agenturen mich aus-
tricksen und mich auf ein falsches Schiff schicken
konnten, wenn es ihnen an Leuten fehlte. Daher be-
schloss ich, egal mit wem ich sprechen sollte, dass
meine erste Frage lauten würde: »Haben Sie ein
Schiff, das in den nächsten Tagen direkt nach Eng-
land fährt?« Wenn die Antwort »Nein« war, würde
ich niemandem erzählen, dass ich als Mannschafts-
mitglied anheuern wollte.
In der Nähe des Hafens fand ich eine Reihe von
Schifffahrtsbüros. Dort waren Fleming & Company
aus London, Turnbull aus Glasgow, Clyde & Austra-
lian Shipping Company, Brocklebank aus Liverpool
und viele andere. Ich sprach bei allen vor, jedoch
ohne Erfolg. Dann kam ich zu Aiken & Company aus
Liverpool – dem Eigner der Dumfries.
»Tja«, sagte der Beamte und kratzte sich das bärtige
Kinn, als er auf seinem Plan nachsah. »Das nächste
läuft wahrscheinlich in fünf Wochen aus, aber du
hättest dich gestern melden sollen. Die Dumfries ist
gerade heute Morgen ausgelaufen.«
»Die Dumfries?«, schluckte ich. »Aber ich denke, sie

72
sollte mit einer Ladung Seide nach San Francisco fah-
ren.«
»Wo hast du das gehört?« Der Beamte beugte sich
vor und beäugte mich kritisch. Dann entspannte er
sich und fuhr in normalem Ton fort: »Du meine Güte,
wie Nachrichten umgehen. Leider sind die Gerüchte
nicht immer auf dem neuesten Stand.«
»Was meinen Sie damit?«
Der Beamte erhob sich aus seinem Stuhl und ging
zum Fenster. »Es stimmt; wir haben Probleme damit,
Tee zu einem vernünftigen Preis zu bekommen, des-
wegen wollten wir sie mit Seide nach Amerika
schicken. Aber in der letzten Minute konnten wir mit
einigen Teepflanzern verhandeln, die irgendwie an
den Roten Turbanen vorbeigekommen waren. Des-
halb ist sie also heute Morgen nach Liverpool
zurückgesegelt.«
»W-was?«, stammelte ich. Ich konnte es nicht glau-
ben. Die Dumfries war auf dem Weg nach England –
und ich saß hier fest.
»Ich sagte: Sie ist heute Morgen nach Liverpool
zurückgesegelt.« Dann wirbelte er herum, als wollte
er auf mich losspringen. »Woher weißt du von dieser
Seidenladung?«, fragte er. »Solche Geschäftsdetails
sollen eigentlich geheim bleiben.«
Ohne nachzudenken, sagte ich: »Jeffries hat es mir
gesagt.«
»Jeffries, ist das der schwarze Steward? He ... ich
weiß, wer du bist«, rief er. »Du bist der Kabinenjunge
von der Dumfries, der vom Schiff abgehauen ist,
stimmt’s?«

73
Ich nickte sprachlos.
»So, dass du eines weißt, junger Mann.« Inzwischen
brüllte der Beamte regelrecht. »Niemand haut von
einem Schiff der Aiken ab. Ich werde dich so an-
schwärzen, dass du nie wieder auf einem Schiff in
Shanghai anheuern kannst. Jetzt raus hier.«
Außerhalb des Büros sank ich auf die Pflastersteine,
am Boden zerstört. Was hatte ich getan? Ich war von
dem Schiff abgehauen, das mich nach England hätte
zurückbringen können. Es war dumm von mir, es so
eilig gehabt zu haben. Aber woher hätte ich es wissen
sollen? Ich hatte doch nur geglaubt, was man mir ge-
sagt hatte. Jetzt saß ich schon wieder in der Patsche.
Ja, eigentlich war nichts richtig gelaufen, seit ich
meine Großeltern in Liverpool besucht hatte.
Ich wusste nicht, wo ich hingehen sollte, deswegen
trottete ich am Nachmittag wieder zu der kleinen
Bambushütte im chinesischen Teil der Stadt zurück.
Namu war nicht da, und darüber war ich ganz froh,
denn ich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten.
Ich glaube, jeder hätte geweint, wenn er ganz allein
am anderen Ende der Welt festgesessen hätte.

***
Wie sie es mir versprochen hatte, brachte Namu mir
jeden Tag zu essen, und ich brachte ihr Englisch bei.
Und jeden Tag in den kommenden Wochen ging ich
hinunter zum Hafen und machte meine Runde bei
den Schifffahrtsagenturen. Aber das Teeproblem war
sehr ernst. Der chinesische Bürgerkrieg hatte die
Preise nach oben getrieben, und für eine Weile lag
der gesamte Teehandel brach. Die Dumfries war der

74
letzte Schoner gewesen, der mit einer gewinnbrin-
genden Ladung losgesegelt war.
Die anderen Schiffe lagen im Hafen vor Anker und
warteten, oder sie wurden mit anderen Waren nach
Australien, Amerika oder sogar nach Japan geschickt
in der Hoffnung, Ladungen zu finden, die den Eig-
nern mehr Geld einbrachten.
»Wenn wir eine Zeit lang keinen Tee nach England
liefern«, sagte einer der Beamten, »wird der Tee viel-
leicht so rar, dass die Preise erhöht werden, bis un-
sere Kosten gedeckt werden können, und dann kön-
nen wir wieder welchen laden lassen. Aber wer weiß,
wann das sein wird.«
Dann sagte eines Tages der Mann von Clyde and Aus-
tralian Shipping Company: »Nun, die Geelong muss je-
den Tag hier eintreffen, und ich schätze, dass sie am
neunten Mai nach London zurückfahren wird.«
»Meinen Sie, sie brauchen noch Leute? Gibt es eine
Möglichkeit, dort anzuheuern?«
»Nur Kapitän Bowers kann dir darauf eine Antwort
geben, aber du siehst sehr jung aus. Hast du über-
haupt Erfahrung?«
»Natürlich, ich war Kabinenjunge auf der Dumfries,
aber ich habe auch andere Dinge gelernt, während
wir auf See waren.«
»Auf der Dumfries?« Der Mann schüttelte den Kopf.
»Bist du etwa der Junge, der vom Schiff abgehauen
ist? Vergiss es. Solche Leute können wir nicht ge-
brauchen.«
So erfuhr ich, was es heißt, überall angeschwärzt zu
werden. Der Mann von Aiken war zu allen anderen

75
gegangen und hatte ihnen von mir erzählt, damit ich
keine Arbeit fand.
Ich war verzweifelt. Musste ich etwa für immer in
China bleiben?
Als ich niedergeschla-
gen in den chinesischen
Teil Shanghais zurück-
marschierte, fiel mir
plötzlich ein Mann
auf. Ich glaubte, an
ihm etwas Bekanntes
zu erkennen. Er trug
die normale chine-
sische Kleidung
und hatte einen
langen schwarzen
geflochtenen Zopf
über den Rücken
hängen, aber sein
Gang erinnerte mich an
jemanden, den ich kannte.
Aber an wen bloß?
Ich lief schneller, um ihn
einzuholen. Als ich näher
kam, drehte sich der Mann
um, um jemanden zu grüßen,
und ich sah, dass er eine
hellere Haut hatte als die
meisten Chinesen. Und
dann sah ich seine Augen.
Sie waren graublau und
schienen zu lachen.

76
Ich kannte diesen Mann! Es war Hudson Taylor, der
junge Missionar, der auf der Dumfries von England
hierhergesegelt war und sich jetzt wie ein Chinese
kleidete.
»Mr. Taylor, warum sind Sie so angezogen?«, stieß
ich hervor.
Hudson Taylor wandte sich mir überrascht zu.
»Wenn das nicht Neil Thompson ist«, sagte er mit
einem breiten Lächeln. »Gefällt es dir?«, fragte er und
verbeugte sich wie ein Chinese, der jemanden be-
grüßt.
»Aber, wie kommt es, dass Sie einen langen schwar-
zen Zopf haben?«
Taylor legte die Finger an die Lippen und grinste.
»Pst. Das war nicht schwer. Ich habe meine Haare ge-
färbt und will sie wachsen lassen. In der Zwischen-
zeit benutze ich diesen falschen Zopf.« Und er beugte
sich nach vorn, um mir zu zeigen, wie der falsche
Zopf an seinem eigenen Haar befestigt war.
»Aber warum?«
Der junge Mann forderte mich auf, mit ihm zu gehen.
»Ich bin hierhergekommen, um den Chinesen von
Jesus zu erzählen – nicht von englischen Kleidern
und Gebräuchen. Ich will nicht, dass die Chinesen
das Evangelium ablehnen, weil sie das Christentum
mit der Art der Weißen verbinden.«
»Aber Sie können den Chinesen doch nichts vorma-
chen, wenn sie Sie erst einmal genau angesehen ha-
ben«, warf ich ein.
»Ich versuche nicht, irgendjemanden glauben zu ma-
chen, ich wäre ein Chinese, aber Fremde werden in

77
China gehasst in diesen Tagen. Warum also sollte ich
mich weigern, die chinesische Lebensweise anzuneh-
men, auch wenn mein früheres Leben angenehmer
war? Solange jemand sich unauffällig kleidet, ist die
Kleiderfrage kein moralisches Thema.«
»Aber ich habe einige andere Missionare gesehen,
und sie tragen immer noch europäische Kleidung.«
»Das stimmt. Und weißt du, wo sie leben?«, fragte er
mich. Ohne mir Zeit für eine Antwort zu lassen, fuhr
er fort: »Sie leben im europäischen Sektor und haben
kaum Kontakt mit den Chinesen.«
»Und wo leben Sie?«
»Dort hinten, die Straße hinunter, nicht weit von der
nächsten Brücke über den Kanal.« Plötzlich hielt Tay-
lor inne und sah mich neugierig an. »Aber jetzt haben
wir genug von mir gesprochen. Sag mir, wie du hier-
herkommst, Neil. Ich fürchtete schon, du wärst er-
trunken.«
»Ich bin nicht ertrunken. Ich bin nur abgehauen ...
und habe so mein Leben ruiniert«, sagte ich und
blickte zu Boden.
»Was willst du damit sagen?«
Hudson Taylor hatte mich meine Probleme fast ver-
gessen lassen, aber jetzt kamen sie mit aller Macht
zurück in mein Bewusstsein. »Ich dachte, die Dum-
fries würde nach San Francisco segeln, und da wollte
ich nicht hin, denn das hätte eineinhalb Jahre gedau-
ert, bis ich wieder in England gewesen wäre. Ich will
bald nach Hause. Aber dann ist die Dumfries doch
nach England zurückgefahren ... und jetzt will mich
niemand mehr anheuern, weil ich abgehauen bin ...

78
und ich habe nicht genug Geld für eine Überfahrt.«
Ich seufzte. »Es war ein Fehler!«
»Aber du lebst!«, rief Taylor. »Und Gott kann selbst
unsere schlimmsten Fehler wiedergutmachen.«
»Natürlich lebe ich. Warum denn nicht?«, fragte ich
düster.
»Ich meine, du bist nicht mit dem Schiff untergegan-
gen.«
»Mit dem Schiff untergegangen? Was soll das
heißen?«
»Hast du das nicht gehört?«, fragte er. »Die Dumfries
ist gesunken!«
»Gesunken?« In meinem Kopf drehte sich alles.
»Ja, sie sank in der Nähe der Pescadoresinseln im
Chinesischen Meer.«
»Gesunken ... und die Mannschaft?«
Taylor schüttelte den Kopf. »Man weiß noch nichts.
Die Nachricht kam von einem anderen Schiff, das das
Wrack gesehen hat, und es gab kein Lebenszeichen.
Das genau ist der Grund, warum ich so überrascht
war, dich hier zu sehen ... Du lebst! Du glaubst viel-
leicht, dass du einen großen Fehler gemacht hast,
aber ich glaube, Neil Thompson, dass Gott die ganze
Zeit auf dich aufgepasst hat.«
Ich war sprachlos. Die Dumfries war gesunken, und
mich hätte es um ein Haar auch erwischt, wenn ich
nicht diesen »Fehler« gemacht hätte und abgehauen
wäre ...

79
Eingebundene Füße und Kanonen

H udson Taylor lud mich ein, zu ihm nach Hause


zu kommen, und ich folgte ihm dankbar. Selbst
in seinen chinesischen Kleidern erinnerte er mich an
zu Hause, deshalb wollte ich gerne bei ihm bleiben. Er
wohnte nicht weit von dem Nordtor der Altstadt, und
als die Sonne unterging, konnte ich die Kanonen und
die Gewehrfeuer hören, da der Kampf zwischen den
Rebellen und der kaiserlichen Armee wieder begann.
Taylors »Zuhause« bestand aus zwei gemieteten
Zimmern im zweiten Stock eines gemauerten Hauses
mit einer Treppe an der Außenseite und einem fla-
chen Dach. »Deine Kleider sehen reichlich mitge-
nommen aus«, bemerkte Taylor, als er die Lampe an-
zündete. »Was hältst du davon, wenn ich dir etwas
anderes gebe? Es macht dir doch nichts aus, chinesi-
sche Kleider zu tragen?«
Natürlich nicht, und es verhinderte vielleicht sogar,
dass die kaiserlichen Truppen mich auf der Straße
anhielten. Taylor erzählte mir, dass einige Europäer
die Rebellen, die Roten Turbane, unterstützten –
wenn man also in europäischer Kleidung im chinesi-
schen Sektor herumlief, machte man sich verdächtig.
Aber als ich Taylors chinesische Sachen anprobierte,
kam ich mir in den Flatterhosen und den Riemensan-
dalen doch recht komisch vor.
»Du kannst bei mir bleiben, während wir versuchen,
einen Weg zu finden, um dich nach Hause zurückzu-
bringen«, bot Taylor mir an.

80
Wieder nahm ich gerne an. Ich war Namu natürlich
dankbar, dass sie mich aufgenommen hatte, und wir
waren langsam auch fähig, uns zu verständigen – ein
bisschen Englisch, ein bisschen Chinesisch – aber ich
entdeckte, wie sehr mir der tägliche Kontakt mit
einem englisch sprechenden Menschen fehlte.
In dieser Nacht war der Kampf näher als je zuvor,
und ich konnte kaum schlafen. Die Menschen schrien
und riefen, Gongs wurden geschlagen und Hörner
geblasen, Gewehrfeuer und Kanonen waren die
ganze Nacht lang zu hören.
Am nächsten Morgen, nachdem wir eine Schüssel
mit kaltem Reis gegessen hatten, sagte Hudson Tay-
lor: »Komm mit. Nach dem Kampf gestern denke ich,
dass es heute für mich viel zu tun gibt.« Dann nahm
er eine schwarze Tasche und ging in Richtung Tür.
»Haben Sie auch beschlossen, wie die Chinesen zu
essen?«, fragte ich, als wir aus dem Haus gingen.
»Warum nicht?«
»Weil ich die englische Küche vermisse«, sagte ich.
»Nachdem ich fünf Monate auf dem Schiff gewesen
bin und dann wochenlang auf der Straße gelebt habe,
hoffte ich, etwas Normales zu essen zu finden.«
»Hm. Mal sehen, was sich tun lässt.«
Selbst in seinem Alter – ich erfuhr schließlich, dass er
zweiundzwanzig war – war Hudson Taylor schon
medizinisch ausgebildet (auch wenn er nicht den
Doktorgrad erreicht hatte), und seine Arbeit an die-
sem Morgen bestand darin, verwundeten Menschen
zu helfen. Wir brauchten nicht weit zu gehen. Ich
wollte meinen Augen angesichts all dieser Zer-

81
störung nicht trauen. Trümmer und zerbrochene
Schilder mit bunten chinesischen Schriftzeichen la-
gen auf den Straßen. Weinende Kinder liefen in den
rauchenden Ruinen umher.
Taylor behandelte eine Frau, die ernsthafte Verbren-
nungen am Kopf hatte, dann einen Mann, der einen
Schuss durch die Schulter erlitten hatte. Schließlich
fand er ein kleines Mädchen, deren Füße schlimm
verletzt waren. »Wahrscheinlich die Explosion einer
Rakete«, murmelte er. »Könntest du mir einige sau-
bere Binden aus der Tasche geben, Neil?«
Nachdem er eine Weile schweigend versucht hatte,
die kleinen, blutigen Füße zu säubern, schüttelte er
den Kopf. »Von ihren Füßen ist wirklich sehr wenig
übrig geblieben. Der einzige Trost ist, dass sie wahr-
scheinlich nicht das Elend ertragen muss, dass ihre
Füße eingebunden werden.«
»Dass ihre Füße was?«, fragte ich.
»Dass ihre Füße eingebunden werden.« Das kleine
Mädchen wimmerte erbärmlich, als Taylor eine Salbe
auf die offenen Wunden strich und sie vorsichtig ver-
band. »Mit diesen furchtbaren Wunden werden ihre
Eltern ihr hoffentlich nicht die Füße einbinden ...
wenn sie noch Eltern hat.«
»Warum sollten sie ihre Füße einbinden?«
»Das ist eine Sitte. Sie binden die Füße kleiner
Mädchen so fest ein, dass sie nicht wachsen. Für ein
Kind ist das sehr schmerzhaft – sie werden regelrecht
verkrüppelt.«
»Aber warum?«

82
»Ich weiß es nicht. Manche sagen, die Chinesen hiel-
ten kleine Füße für schön. Manche meinen auch, dass
das die Art der Chinesen ist, ihre Frauen im Haus zu
halten. Du hast wahrscheinlich schon gesehen, wie
die chinesischen Frauen auf winzigen Füßen umher-
schlurfen. Sie können nicht sehr weit und auch nicht
schnell gehen, selbst wenn sie es wollten ... es ist eine
schreckliche Sitte.«
»Ha«, warf ich ein. »Ich dachte, Sie gehören zu den
Leuten, die die chinesischen Bräuche verteidigen.«
Hudson Taylor schloss seine schwarze Tasche und
stand auf. »Nicht alle, Neil. Es gibt viele traurige und
schlimme Dinge in diesem Land, die das Evangelium
von Jesus Christus hoffentlich verändert. Was Essen
und Kleidung anbetrifft – nun, ich meine bloß, dass
es dumm ist, auf diese Sitten der Weißen zu bestehen,
wenn die chinesischen demselben Zweck dienen.
Aber das Evangelium richtet uns alle – ob es darum
geht, die Füße kleiner Chinesenmädchen einzubin-
den, oder darum, dass die Weißen die schwarzen
Menschen zu Sklaven gemacht haben. Glücklicher-
weise ist die Sklaverei in England jetzt gesetzlich ver-
boten, aber in Amerika geht es immer noch weiter. Es
ist eine große Sünde, Neil. Eine sehr große Sünde.«
***
In den nächsten drei Tagen begleitete ich Hudson
Taylor, wenn er sich um die Verwundeten küm-
merte. Dann beruhigte sich die Lage etwas, und wir
konnten ausruhen. Ich besuchte Namu und erzählte
ihr, dass ich jetzt bei einem Freund wohnte, aber
wann immer es möglich war, zu ihr kommen wollte,
um ihr Unterricht zu geben.

83
Als ich an diesem Abend zu Hudson Taylor kam,
legte der Missionar gerade gekochte Kartoffeln, Käse
und Fleisch auf meinen Teller. Ich war entzückt.
»Mmm, wo haben Sie das gute Essen her?«, fragte ich
und biss herzhaft in das Fleisch. Aber Taylor antwor-
tete nicht. Er saß nur am Tisch, aß nichts und blickte
nachdenklich auf seinen Teller.
»Was ist los?«, fragte ich.
»Was? Oh, nichts, wirklich ...« Der junge Missionar
nahm seine Gabel und stocherte in seinem Essen
herum. Ich biss in den Käse und wartete. Wenn
Mr. Taylor keinen Hunger hatte, würde er vielleicht
mir seinen Teil überlassen.
Schließlich seufzte er. »Ich bin in den europäischen
Teil gegangen, und da habe ich auch das Essen ge-
funden.« Er schob ein Stück Kartoffel in den Mund
und kaute gedankenverloren. »Ich habe mich hier in
dem chinesischen Teil niedergelassen, weil ich dort
am meisten tun kann«, sagte er, als ob er sich selbst
überzeugen wollte. »Aber es ist wirklich einsam hier.
Im europäischen Sektor sind zumindest andere Men-
schen von zu Hause ... die gewohnte Sprache, eine
vertraute Lebensweise.«
Ich nickte. Ich wusste, was er mit Einsamsein meinte.
Ich genoss die Gesellschaft des jungen Mannes,
aber ... England war so weit weg, wie eine Traum-
welt, von der ich nur gelesen hatte. Mir war nicht be-
wusst gewesen, dass er genauso empfand. Zumin-
dest hoffte ich, bald wieder zurückfahren zu können,
aber Mr. Taylor war hierhergekommen, um zu blei-
ben. Vielleicht sogar für Jahre.

84
»Vielleicht sollten Sie heiraten«, sagte ich in dem Ver-
such, ihm zu helfen. »Eine Frau wäre eine gute Ge-
sellschaft.«
Er stach seine Gabel in eine Kartoffel – dann begann
er zu lachen. »Bist du mir etwa heute gefolgt, du
Schlitzohr?«, fragte er lachend. Dann beugte er sich
vor; seine Augen wurden heller, und er fing an, auf-
geregt zu erzählen. »Im europäischen Sektor gibt es
eine Mädchenschule, die von einer ältlichen Frau,
einer Miss Ann Aldersey, geleitet wird. Als ich in
Shanghai ankam, bin ich zuerst zu allen anderen Mis-
sionaren hier gegangen, um mich vorzustellen, und
ich lernte eine junge Lehrerin kennen – sie heißt Ma-
ria, Miss Maria Dyer.« Er hielt inne und blickte ge-
dankenverloren in den Raum, als ob er vergessen
hatte, dass ich auch noch dasaß.
»Und Sie mögen sie?«, fragte ich.
»Nun ...« Hudson Taylor sah mich verlegen an. »Ich
kenne sie kaum, aber sie schien mich nicht abzuleh-
nen mit meiner chinesischen Kleidung. Sie ist erst
neunzehn, aber sie spricht ausgezeichnet Chine-
sisch.«
»Wie hat sie das gelernt?«
»Ihre Eltern waren hier Missionare, sie ist also in
China aufgewachsen. Als sie gestorben waren, ging
sie als Lehrerin zu Miss Alderseys Mädchenschule.
Miss Aldersey kann mich jedoch nicht leiden. Ich
habe immer wieder versucht, Maria zu besuchen –
auch heute habe ich es wieder versucht, aber Miss
Aldersey führt ihre Schule mit eiserner Hand. ›Ich
will nicht, dass sich eine meiner respektablen Lehre-

85
rinnen mit jemandem wie Sie trifft‹, verkündete sie
mir heute. ›Es wäre der Skandal!‹«
Ich lachte, als er diese ältliche Dame nachmachte.
»Aber trotzdem geben Sie nicht auf, nicht wahr?«
Er grinste. »Wahrscheinlich nicht. Marias gesetz-
licher Vormund ist ihr Onkel in England. Aber Miss
Aldersey regelt alles, soweit es Maria hier in China
betrifft.«
Ich sah auf Taylors Teller. Irgendwie hatte er es
während seiner Ausführungen geschafft, den Teller
leer zu essen. Ich musste die Hoffnung wohl aufge-
ben, noch etwas abzubekommen.
Hudson Taylor stand abrupt auf und nahm die
schmutzigen Teller, als ob er den schönen Traum von
Maria verscheuchen wollte. »Aber der Hauptgrund,
warum ich in China bin, ist, den Chinesen das Evan-
gelium zu bringen, nicht mir eine Frau zu suchen.
Morgen gehe ich mit einem der anderen Missionare,
der besser Chinesisch spricht als ich, und wir werden
den Schiffern auf dem Fluss von Jesus erzählen.
Willst du mitkommen?«
»Klar!«, sagte ich.
***
Am nächsten Morgen mieteten wir eine kleine
Dschunke mit einem Seemann und fuhren hinaus auf
den Fluss. Als ich die Schiffe im Hafen sah, bekam ich
wieder Heimweh. Wie sollte ich nur nach Hause
kommen?
Wir verbrachten den ganzen Tag damit, durch den
Hafen und ein Stück flussaufwärts zu segeln. Wir
hielten an, wo immer sich zwei oder drei Dschun-

86
ken befanden, und Hudson Taylor und der andere
Missionar versuchten zu predigen. Die meisten
standen an Deck ihrer Schiffe und hörten höflich zu,
aber ich weiß nicht, ob sie sich wirklich dafür inter-
essierten.
Da wir einige Monate auf See gewesen waren, waren
Hudson Taylor und ich von der Sonne gebräunt, aber
der andere Missionar war feuerrot, als wir am Ende
des Tages zurückfuhren. Es war fast dunkel, und wir
fuhren an großen Dschunken der kaiserlichen Armee
vorbei. Plötzlich ertönten laute Gongschläge, und die
Männer auf den Schiffen schrien uns etwas zu.
Unser Seemann war erschreckt und rief etwas auf
Chinesisch zurück. »Sie glauben, wir sind Freunde
der Rebellen, und drohen, unser Schiff zu versen-
ken«, übersetzte der andere Missionar.
»Sagen Sie ihnen, dass das nicht stimmt«, befahl Tay-
lor dem Schiffer.
»Das hat er versucht«, sagte der Missionar, »aber sie
glauben ihm nicht.«
Plötzlich begann Hudson Taylor, aus voller Kehle ein
Lied anzustimmen. Im Dämmerlicht konnte ich se-
hen, dass der andere Missionar Taylor ein Zeichen
gab, dass er aufhören sollte. Als es nichts brachte,
überlegte er es sich wohl anders und stimmte in das
Lied mit ein. Ich merkte, dass sie versuchten zu zei-
gen, dass sie wirklich Fremde und keine Rebellen
waren. Es war das erste Mal, dass ich sah, dass
Hudson Taylor froh war, sagen zu können, dass er
Europäer und kein Chinese war. Sobald ich verstan-
den hatte, worum es ging, versuchte auch ich mitzu-
singen.

87
Wir haben uns sicher eher wie eine Herde Kühe an-
gehört, die verzweifelt muhten, weil sie gemolken

88
werden müssen, als wie ein Kirchenchor, aber sie
schossen nicht, und so fuhren wir langsam an ihnen
vorbei. Als klar war, dass die kaiserlichen Truppen
uns nicht versenken würden, waren wir überglück-
lich.
Doch an diesem Abend begannen die Straßenkämpfe
wieder. Diesmal war es sehr nah. »Hier«, sagte Tay-
lor, als eine Rakete über unsere Köpfe hinwegflog.
»Blas das am besten auf und behalte es direkt neben
dir. Wir werden es vielleicht brauchen.«
Es war ein Schwimmgürtel, ein fester Ballon in einer
Leinentasche, die an einem Gürtel befestigt war.
»Wenn sie die Brücke zumachen oder sogar in die
Luft sprengen, müssen wir eventuell in den europäi-
schen Sektor durch den Kanal schwimmen«, erklärte
Taylor.
Als die Kämpfe näher kamen, stellten die Rebellen
eine Kanone am Ende unserer Straße auf. An diesem
Abend war der Krach furchtbar; wir wachten einmal
auf und sahen einen hellen Schein durch unser Fens-
ter. Feuer breitete sich unter den Holzhäusern aus, es
war nur noch wenige Häuser entfernt. Durch den
scharfen Wind ging es noch schneller. Wir kletterten
auf das Flachdach unseres Hauses, um besser zu se-
hen. »Wir dürfen von diesem Feuer nicht erfasst wer-
den«, sagte Taylor besorgt.
Er zog mich hinunter, sodass wir auf dem Dach la-
gen, denn es flogen immer wieder Trümmer umher.
Dann hörte ich mitten in all dem Lärm, wie Hudson
Taylor mit lauter Stimme zu beten begann. Als er be-
tete, wurde der Wind schwächer und hörte schließ-
lich ganz auf, und ein sanfter Regen begann zu fallen.

89
In diesem Augenblick traf eine Kanonenkugel das
Dach des Hauses gegenüber von uns. »Lass uns wie-
der hineingehen«, sagte er, »versuchen wir, ein biss-
chen zu schlafen.«
»Schlafen?«, fragte ich fassungslos.
»Gott hat unser Gebet wegen des Feuers erhört, des-
wegen denke ich, wir können ihm vertrauen, dass er
uns auch für den Rest der Nacht beschützen wird.«
Irgendwie stand das Haus am nächsten Morgen im-
mer noch. Als die Sonne aufging, beruhigten sich die
Straßenkämpfe, und wir wagten einen Gang durch
die Nachbarschaft. Die Straßen lagen in Trümmern.
Manche Häuser waren nur noch Ruinen. Aber die
große Neuigkeit war, dass die Rebellen unseren
Stadtteil eingenommen und die kaiserlichen Trup-
pen zurückgedrängt hatten. Wir befanden uns jetzt
in einem von Rebellen kontrollierten Gebiet.
Plötzlich wurde mir klar, was diese Situation für
mich bedeutete. Ich konnte nicht länger frei in den
europäischen Teil oder an den Hafen gelangen, wo
ich mich nach Schiffen, die nach England fuhren, um-
sehen konnte. Es gab ein weiteres Hindernis für
mich, nach Hause zu kommen.

90
Das Grab des lebendigen Toten

A ls Hudson Taylor die Zerstörung um uns herum


sah, murmelte er: »Das ist schrecklich, wirklich
schrecklich. Menschen glauben immer, dass sie gute
Gründe haben, einen Krieg anzufangen, aber sie den-
ken nur selten an das furchtbare Leid der einfachen
Leute. So wie bei diesen armen Leuten hier auf den
Straßen.«
Wir halfen einem Mann, ein Feuer zu löschen, das
den letzten Rest seines Hauses zerstörte. Ich weiß
nicht, wozu es gut sein sollte; für diesen Mann gab
es nichts mehr, wo er hätte leben können, aber viel-
leicht konnte er einige Dinge aus den Trümmern
retten.
Als wir zu unserer Wohnung zurückgingen, sagte
Hudson Taylor: »Du weißt, Neil: Gott hat immer al-
les unter Kontrolle, und er kann selbst etwas Schlim-
mes wie dies hier nutzen, um daraus etwas Gutes zu
machen.«
»Ich kann daran nichts Gutes erkennen«, sagte ich
und schoss mit dem Fuß einige Steine aus dem Weg.
»Es macht das Problem nur noch größer: Ich kann
nicht ans Wasser hinunter, um nach einem Schiff
nach England zu suchen.«
»So solltest du nicht darüber denken, Neil. Gott wird
dir helfen, nach Hause zurückzukehren, wenn die
Zeit gekommen ist. Jetzt denke an eine andere Sache:
Die Menschen im Innern Chinas sind bereit, das
Evangelium zu hören.«

91
Wir stiegen die Stufen zur Wohnung hinauf und
stießen die Tür auf. »Was meinen Sie damit?«, fragte
ich schließlich, als Taylor eine Schüssel mit unserem
Frühstück auf den Tisch stellte. Ich zog eine Gri-
masse – kalter Reis.
»Der britische Vertrag mit der kaiserlichen chinesi-
schen Regierung besagt, dass Fremde nicht in das
Landesinnere Chinas gehen dürfen«, erklärte er und
löffelte voller Vorfreude seinen Reis. »Und obwohl
viele Händler es sowieso tun, sollen wir in den Küs-
tenstädten bleiben. Aber jetzt beherrschen die Rebel-
len das Land, und die kaiserliche Regierung hat
nichts mehr zu sagen, also können wir gehen, wohin
wir wollen.« Er grinste. »Ich denke, ich werde mor-
gen abreisen. Willst du mitkommen? Ich werde je-
manden brauchen, der mir mit meinem Gepäck und
den medizinischen Dingen hilft.«
Ich kaute langsam den kalten Reis. Es gab keinen
Grund, weiter in Shanghai zu bleiben. Kein Schiff
würde mich an Bord nehmen, ich konnte noch nicht
einmal zum Hafen gehen. Aber der Gedanke, weiter
von der Hafenstadt wegzugehen, beunruhigte mich
ein wenig. Wenn nun etwas passierte? Wenn ich
krank wurde? Wenn sich die Kämpfe plötzlich wan-
delten und wir dann in kaiserlichem Gebiet waren,
gefangen und ins Gefängnis geworfen wurden?
Als ich Taylor nach diesen Dingen fragte, winkte er
nur ab. »Einer der Punkte in dem Vertrag zwischen
der chinesischen und der britischen Regierung ist:
Wenn britische Bürger angeklagt werden, haben sie
das Recht, vor ein britisches Gericht gestellt zu wer-
den. Wenn wir also hinter ihren Linien gefangen

92
werden, müssen sie uns nach Shanghai zurückbrin-
gen. Außerdem werden wir in ein oder zwei Wochen
zurück sein.«
Diese Reise schien mir trotzdem nicht sicher, aber am
nächsten Morgen trottete ich hinter Hudson Taylor
die Straße entlang, mit einem großen Packen Vorrä-
ten auf dem Rücken. Auch er trug ein großes Paket.
Doch als die Sommersonne gegen Mittag hoch am
Himmel stand, fragte ich mich, warum ich dieser
Wanderung jemals zugestimmt hatte. Die Hitze war
schier unerträglich.
Am Nachmittag kamen wir an einen Kanal und be-
zahlten eine Überfahrt in einer Dschunke. Zwei Tage
lang segelten wir auf dem Kanal, der zwischen
schachbrettartig angelegten Reisfeldern verlief. Ab
und zu hielten wir bei kleinen Dörfern an, wo Hud-
son Taylor den Bauern und Fischern in seinem gebro-
chenen Chinesisch predigte. Diesmal hatten wir kei-
nen Dolmetscher.
Am Ende des zweiten Tages
verließen wir den Kanal und
nahmen den Weg zu einem
nahe gelegenen Hügel. Auf
der Kuppe stand eine
Pagode, in die wir
hineingingen. »Diese
Tempel sind ur-
sprünglich als Wach-
türme gebaut wor-
den«, erklärte er
mir, »aber
heutzutage

93
glauben die Chinesen, dass sie vor bösen Geistern
schützen.«
Von der Padoge aus hatten wir einen wunderschö-
nen Blick auf die Landschaft, die sich vor uns er-
streckte. Da waren Felder mit Weizen, Gerste, Erbsen
und Bohnen, alles war angelegt wie Gärten. Flüsse
schlängelten sich zwischen den Feldern dahin, ge-
säumt von Weidenbäumen. Um die verschiedenen
Bauernhäuser herum standen jede Menge Bäume.
Weit entfernt im Dunst sah man eine große, von einer
Mauer umgebene Stadt. Die goldenen Dächer ihrer
Tempel leuchteten.
»Das Landesinnere von China«, murmelte Hudson
Taylor. »Dorthin hat mich Gott berufen. Schau dir
das alles an, Neil. China erstreckt sich noch über
zweitausend Meilen weit nach Westen, und es gibt
niemanden, der diesen Millionen von Menschen
etwas von Jesus erzählt.«
Ich dachte schon beunruhigt, dass er diese zweitau-
send Meilen jetzt direkt angehen wollte, aber ich er-
innerte mich an sein Versprechen, dass wir inner-
halb von zwei Wochen wieder zurück in Shanghai
wären.
In dieser Nacht blieben wir in einem Gasthaus am
Rande der Straße auf halbem Weg in die Berge und
liefen am nächsten Tag zu der ummauerten Stadt, wo
Mr. Taylor predigen wollte. Doch mit jedem Schritt
wurde es mir unangenehmer, dass wir uns immer
weiter von Shanghai entfernten. Und wenn es ein
Schiff gibt, das mich nach England mitnehmen würde,
während ich weg bin?, dachte ich ängstlich. Die Heim-
fahrt zu verpassen, war alles, woran ich denken

94
konnte. Ich musste einfach einen Weg finden, wie ich
auf eines dieser Schiffe gelangen konnte.
Die gewundenen Straßen der Stadt waren eng und
voller Menschen, die unter den überhängenden Bal-
kons entlangeilten. Fahnen hingen über die Straßen,
und bunte Schilder zeigten, was in den Geschäften
verkauft wurde. Über jeder Tür hing ein Spiegel; und
es fiel uns so sehr auf, dass Mr. Taylor einen Händler
fragte, warum dies so war. »Damit sollen die bösen
Geister vertrieben werden; wenn sie ihr hässliches
Gesicht im Spiegel sehen, fliehen sie vor Angst«, er-
klärte er.
Als wir an einen Tempel mit dem üblichen geboge-
nen Dach und den geschnitzten Drachen an jeder
Ecke kamen, sagte Hudson Taylor: »Das ist ein guter
Platz zum Predigen. Die Menschen kommen aus reli-
giösen Gründen hierher, deswegen eignet sich dieser
Tempel hier.«
Wir luden unsere Packen ab, und ich half ihm, einige
Büchlein auf Chinesisch herauszusuchen, die wir de-
nen geben wollten, die sich dafür interessierten. Als
ich seine Sachen durchsah und die verschiedenen Bü-
cher und Medikamente betrachtete, kam mir ein Ge-
danke: Diese Medikamente sind viel Geld wert ... Geld, das
ich gut gebrauchen könnte, um eine Fahrkarte für ein Schiff
nach England zu kaufen. Und dann berührten meine
Finger einen kleinen Lederbeutel mit Münzen. Es gibt
hier noch mehr Schätze, schoss es mir durch den Kopf.
Ich versuchte, diese Gedanken zu verdrängen – Hud-
son Taylor war schließlich mein Freund –, aber die
Gedanken ließen mich nicht los. Wie sollte ich sonst
nach Hause kommen? Bei allen Schiffsagenturen war

95
ich angeschwärzt worden, weil ich unerlaubt das
Schiff verlassen hatte; niemand würde mich als Mit-
glied der Schiffsmannschaft anheuern. Als Passagier
eine Fahrkarte zu kaufen, war der einzige Weg! Aber
ich hatte kein Geld, es sei denn ...
Ich begann, Pläne zu schmieden. Zuerst musste ich
einen Zeitpunkt finden, wann ich die Vorräte und das
Geld nehmen konnte, ohne dass Hudson Taylor es so-
fort bemerkte. Dann musste ich einen Ort finden, wo
ich die Medikamente verkaufen konnte. Fast alles
Ausländische war den Chinesen wertvoll, aber ich
musste das Bestmögliche herausschlagen. Ich brauch-
te also jemanden, der den Wert der Medikamente
kannte. Und schließlich brauchte ich genug Vor-
sprung, um nach Shanghai zu kommen, bevor Taylor
Verdacht schöpfte und mich vielleicht sogar einholte.
Es war alles so unwahrscheinlich, dass ich es zuließ,
davon zu träumen, mir jedes Detail auszumalen, bis
es endlich gar nicht mehr so unmöglich – oder
schlecht – zu sein schien.
Hudson Taylor hatte recht, als er gesagt hatte, dass er
hier auf den Stufen vom Tempel die Menschen an-
sprechen konnte, denn sobald er anfing zu predigen,
versammelte sich eine kleine Menschenmenge um
ihn.
Normalerweise nahmen uns die Menschen in der
Menge nicht unbedingt wahr, weil wir chinesische
Kleidung trugen, aber sobald wir zu sprechen anfin-
gen, merkten sie, dass wir Europäer waren, und hör-
ten uns sehr genau zu.
Als Hudson Taylor fertig war, kamen vier buddhisti-
sche Mönche mit langen gelben Kleidern und rasier-

96
ten Köpfen aus dem Tempel und luden uns zu sich
ein. »Ehrwürdiger Lehrer«, sagte einer der Mönche,
»bitte kommen Sie in unseren Tempel und trinken
Sie Tee mit uns.«
Sie nahmen uns mit in das kühle, dunkle Innere des
Tempels. Dort saßen wir auf dicken Samtkissen und
tranken grünen Tee. Flackernde Öllampen waren das
einzige Licht, und der scharfe Geruch von Weih-
rauch durchzog die Luft. Mr. Taylor fragte viel über
das Mönchskloster und ob sie schon von Jesus Chris-
tus gehört hätten. Dem war so; Händler hatten aus
den Küstenstädten über die christliche Religion der
Weißen berichtet, aber sie wussten nicht, wer Jesus
Christus war.
Schließlich fragten sie: »Wollen Sie unseren Heiligen
sehen? Wir sind sehr froh, dass wir ihn haben. Er
zeigt uns den Weg.«
Natürlich waren wir neugierig und folgten den Mön-
chen, als sie uns durch den Garten zu einer Stein-
mauer führten. »Dort drinnen ist er«, sagte einer der
Priester und zeigte auf ein kleines Loch in der Mauer,
das nicht viel größer war als eine Menschenhand.
Zuerst blickten Hudson Taylor und ich durch das
Loch. Was ich in dem dämmrigen Licht sah, war der
Schatten eines Mannes, der in einer Ecke zusammen-
gekauert saß. Wir erfuhren, dass in diesem Raum we-
der eine Tür noch Fenster waren. Der Mann war in
einem Grab eingesperrt. Licht, Wasser und Essen ka-
men nur durch dieses winzige Loch in der Wand.
»Aber warum?«, fragte ich in meinem gebrochenen
Chinesisch. »Warum sollte sich jemand freiwillig
dort einsperren lassen?«

97
»Um frei von Sünde zu werden«, sagte der Mönch.
»Ist es ihm gelungen?«, fragte Taylor.
»Jahrelang hatte er keinen Kontakt zu anderen Men-
schen, er kann also nicht gegen jemanden gesündigt
haben«, erklärte der Mönch stolz.

98
»Er hat vielleicht nicht gegen Menschen gesündigt,
aber ist nicht die Sünde gegen Gott viel schlimmer?«,
fragte Taylor.
»Ja, das ist eigentlich wahr«, gaben die Mönche zu.
»Auch wenn er keinem Menschen Schaden zugefügt
hat, ist es also möglich, dass er in seinem Herzen ge-
gen Gott gesündigt hat?«
Die Mönche nickten. Das war möglich.
»Es gibt einen besseren Weg«, fuhr Taylor fort. »Gott
weiß, dass alle Menschen Dinge tun, die nicht richtig
sind. Er liebt uns und möchte uns gerne vergeben,
wie ein guter Vater. Aber Gott ist auch gerecht, er
kann nicht einfach die Augen zumachen und so tun,
als wäre alles in Ordnung. Deshalb ist sein Sohn Je-
sus in die Welt gekommen, er hat die Strafe für un-
sere Schuld auf sich genommen und ist für uns ge-
kreuzigt worden. Alle Menschen, die zu Jesus
gehören, sind jetzt frei von Schuld, und Gott hat ih-
nen alles vergeben. Wir sind in den Augen Gottes
ganz ohne Sünde. Wenn wir an Jesus glauben, dann
sind wir Heilige, weil uns alle unsere Fehler verge-
ben sind.«
Die Mönche verstanden das, denn ein Heiliger ohne
Fehler zu sein, war das Ziel ihrer Religion. Sie waren
sich einig, dass dies der einzige Weg ins Paradies
war.
Hudson Taylor gab den Mönchen Traktate und Aus-
züge aus dem Evangelium, und bevor wir den Tem-
pel mit dem großen Buddha verließen, versprachen
die Mönche, darüber nachzudenken, was er gesagt
hatte. Das gefiel Hudson Taylor sehr.

99
Als wir die Stufen hinuntergingen, musste ich immer
wieder an den Mann denken, der sich in ein Grab
hatte einsperren lassen, um der Sünde zu entkom-
men. Ich wusste, dass ich oft Schuld begangen hatte.
Sogar der Gedanke, Hudson Taylor zu bestehlen,
war Sünde, doch viele andere Menschen hatten ge-
nauso Schuld mir gegenüber ... man hatte mich zum
Beispiel gewaltsam auf das Schiff nach China ge-
bracht. Ich war verzweifelt; ich musste irgendwie
nach Hause, koste es, was es wolle! Aber eine Frage
beschäftigte mich immer wieder: War Sünde so
schlimm, dass sich ein Mann bei lebendigem Leib begraben
ließ, um ihr zu entkommen?

***
Wir übernachteten wieder in einem kleinen Gasthaus
und machten uns am nächsten Morgen auf den Weg
in die Stadt, um nach Plätzen Ausschau zu halten, wo
Hudson Taylor predigen konnte – ein Marktplatz, ein
öffentlicher Park, die Stufen eines anderen Tempels.
Wir verbrachten den ganzen Tag auf diese Weise,
und Taylor war langsam erschöpft, als eine merk-
würdige Gruppe von Menschen auf uns zukam. Zu-
erst kamen zwei Männer mit Gongs, dann kamen
Männer mit großen roten Hüten und Fahnen in der
Hand. Hinter ihnen lief ein Mann mit einem großen
Sonnenschirm über der größten und eigentümlichs-
ten Sänfte, die ich je gesehen hatte. Sie wurde von
vier Männern getragen.
Als sie die Sänfte absetzten – es war ein völlig ge-
schlossener Stuhl mit kleinen Vorhängen an den
Fenstern – stieg ein Mandarin aus (ein hoher Beamter

100
der kaiserlichen chinesischen Regierung). Der eher
kleine Mann trug eine lange Satinrobe, die mit Gold-
bändern eingefasst und mit funkelnden Steinen be-
setzt war.
Er verbeugte sich respektvoll und fragte, ob unsere
Reise gut verlaufen war. Dann betrachtete er einige
der Bücher von Hudson Taylor und meinte, dass es
sehr gute Bücher wären. Er machte uns noch weitere
Komplimente und unterhielt sich mit uns, dann sagte
er: »Ich freue mich, euch kennengelernt zu haben,
aber die ehrenwerten Reisenden müssen nicht mehr
weiterziehen.«
»Danke«, sagte Taylor, »aber wir haben noch viel vor
uns.«
»Ich würde nicht wollen, dass Ihnen unterwegs
etwas zustößt«, sagte der Mandarin. »Aber wenn Sie
weiterreisen, werden Sie feststellen, wie unange-
nehm die kaiserlichen Soldaten werden können.«
»Ich habe keine Angst«, sagte Hudson Taylor. »Die
kaiserlichen Truppen sind von den Rebellen ver-
drängt worden.«
»Davon weiß ich nichts«, sagte der Mandarin, »aber
hier ist die kaiserliche Armee nicht überwältigt wor-
den, und es liegt an Ihnen, ob Sie sich mit ihnen anle-
gen wollen.«
»Danke für Ihren Rat, aber wir müssen weiter.« Und
damit hob Hudson Taylor seine Tasche auf und ging
die Straße weiter.
Da ich nicht wusste, was ich tun sollte, folgte ich ihm,
aber als wir um die nächste Ecke gebogen waren,
standen einige Soldaten vor uns. Als sie uns erblick-

101
ten, gingen sie sofort auf Hudson Taylor zu und
packten ihn hart. »Ausländischer Hund!«, schrien sie
und zogen ihn weg.
Taylor ließ seine Tasche fallen und rief: »Neil, geh zu-
rück zu dem Gasthaus! Nimm all unser Gepäck und
warte auf mich, bis ich frei bin.« Und damit war er
verschwunden.
Es geschah alles so schnell, dass ich nicht wusste, was
ich davon halten sollte. Hatte der Mandarin recht be-
halten? War Taylor wirklich in Gefahr? Oder wollten
sie uns nur erschrecken?
Dann dachte ich daran, was Taylor mir über die
Rechte der britischen Bürger in China gesagt hatte.
Vielleicht würde alles gut gehen. Ich lief los, um seine
Tasche, die er hatte fallen lassen, aufzuheben. Aber
beide Taschen waren für mich zu schwer; sollte ich
eine einfach auf der Straße stehen lassen und sie spä-
ter holen? Dann bemerkte ich ein Geschäft am
Straßenrand, das wie ein Pfandhaus aussah, wo man
Dinge kaufen und verkaufen konnte.
Plötzlich wurde mir klar, dass ich meine Gelegenheit
hatte: Ich war allein mit allen Sachen. Soweit ich
wusste, konnte Taylor für einige Wochen – oder so-
gar Monate – ins Gefängnis geworfen werden. Man
konnte nicht von mir erwarten, dass ich auf ihn war-
tete. Vielleicht tat ich ihm ja auch etwas Gutes, wenn ich
so schnell wie möglich nach Shanghai zurückkehrte, um
von seiner Verhaftung zu berichten. Er braucht Hilfe, so
sagte ich mir selbst. Und hier gab es einen Laden, der
Bücher und medizinische Artikel kaufen würde. Die
Möglichkeit, genug Geld für die Überfahrt nach Eng-
land zu bekommen, war in Reichweite.

102
Betrogen!

O bwohl Hudson Taylors Bücher auf Englisch wa-


ren, war der Besitzer von dem Geschäft froh, sie
als Kuriosität kaufen zu können, und er war bereit,
für das Gepäck, die Kleider und einige andere Dinge
zu bezahlen. Aber er meinte, dass er keine Verwen-
dung für Taylors chinesische Hefte und Bibeln hatte.
Als er sich die medizinischen Artikel betrachtete, bot
er mir sehr viel weniger, als ich gehofft hatte. Meiner
Ansicht nach waren sie mehr wert.
»Ich hätte gern einen fairen Preis für sie«, sagte ich zu
dem großen Mann. Er sah noch jünger aus als Hud-
son Taylor.
»Aber ich kann sie nicht gebrauchen«, antwortete er.
»Ich würde einen Apotheker oder Arzt finden müs-
sen, der sie kauft. Wer weiß, wie viel sie dafür geben
würden.«
»Wo kann ich denn einen Apotheker finden?«, fragte
ich.

103
Der Mann zuckte mit den Schultern. »Vielleicht die
Straße hinunter«, und er malte mir das chinesische
Wort für »Apotheke« auf.
Es war fast dunkel, als ich ging, um einen besseren
Käufer zu finden. Ich hatte Angst, dass dieselben Sol-
daten, die Hudson Taylor verhaftet hatten, nach mir
Ausschau halten würden, deswegen blieb ich im
Schatten, so gut es ging.
Als ich an ein Geschäft mit dem Apothekenschild
kam, war alles dunkel. Die meisten chinesischen Ge-
schäftsbesitzer wohnen über oder hinter ihren klei-
nen Läden, aber so fest ich auch klopfte, es antwor-
tete niemand. Ich fragte einen vorbeilaufenden
Mann, wo noch eine Apotheke war. Anscheinend
war die einzige andere am anderen Ende der Stadt,
aber was sollte ich tun? Vielleicht sollte ich Taylors Sa-
chen nicht verkaufen, dachte ich. Aber ich habe bereits an-
gefangen, jetzt kann ich nicht mehr aufhören.
Ich versuchte, nach den komplizierten Erklärungen
den Weg zu finden, aber bald hatte ich mich hoff-
nungslos verlaufen. Ich fragte wieder nach dem Weg
und wurde erst die eine, dann die andere Straße hin-
untergeschickt, bis ich um eine Ecke bog, wie man es
mir gesagt hatte, und da sah ich das Schild … aber es
war das Schild der ersten Apotheke, wo mir niemand
geantwortet hatte.
Verzweifelt ging ich zu dem Pfandhaus zurück, um
schließlich den Preis zu akzeptieren, den der Mann
mir zuerst geboten hatte. Der Laden war dunkel, aber
nachdem ich eine Weile an die Tür geklopft hatte,
kam der Mann schließlich mit einer kleinen Lampe in
der Hand.

104
»Es tut mir leid«, sagte er, als ich ihm von meinem Er-
lebnis berichtet hatte. »Ich habe noch einmal über die
Medikamente nachgedacht, und ich glaube nicht,
dass ich irgendeine Verwendung dafür habe. Ich bin
kein Arzt. Woher soll ich wissen, wofür sie gut sind?
Ein Arzt oder Apotheker mag das wissen, aber ich
nicht. Was ist, wenn ich sie nicht verkaufen kann? Ich
kann sie nicht nehmen.«
»Aber sie sind in Ordnung, und ich muss sie verkau-
fen. Ich brauche Geld«, protestierte ich. »Sie haben
gesagt, Sie würden sie kaufen!«
»Das war vorhin. Jetzt ist jetzt. Ich habe meine Mei-
nung eben geändert.« Er zuckte mit den Schultern.
Ich drehte mich um und wollte schon weggehen.
»Aber ich werde dir etwas sagen«, rief er hinter mir
her. »Ich sehe, dass du ein guter Junge bist, deswegen
will ich dir helfen. Ich werde dir die Hälfte von dem
geben, was ich dir vorhin geboten habe.«
»Die Hälfte? Das ist Diebstahl. Das erste Angebot
war schon zu niedrig.«
»Ich wünschte, ich könnte dir mehr geben«, sagte er
mit einem bösartigen Funkeln in den Augen. »Aber
selbst das ist ein Risiko für mich.«
Ich überschlug schnell, wie viel Geld ich bekommen
würde. Mit dem, was er mir vorhin gegeben hatte,
Taylors kleiner Geldbörse und dem Geld für die Me-
dikamente würde ich ungefähr vierzig englische
Pfund haben oder zweihundert Dollar, wenn ich auf
ein amerikanisches Schiff kam. Es würde knapp wer-
den, aber ich dachte mir, dass es reichen würde, da-
her nahm ich an. Was sollte ich sonst auch tun?

105
Der Ladenbesitzer lächelte und bezahlte mich. Dann
verbeugte er sich tief, fast zu tief, dachte ich, als ob er
sich über mich lustig machte.
Ich ging zur Tür.
Endlich war ich auf dem Weg nach England.

***
Ich brauchte mehr als eine Stunde, um durch die
Stadt bis zum Osttor zu gelangen. Dort hielten mich
zwei grimmig aussehende Wächter an. »Wir
schließen das Tor bei Dunkelheit«, sagte der eine.
»Warum sollte jemand bei Nacht reisen wollen.
Läufst du vor irgendetwas weg?«
»Nein, überhaupt nicht«, log ich.
»Wo willst du hin?«
»Nach Shanghai.«
»Shanghai? Du bist verrückt. Es gibt Räuber auf der
Straße. Geh heim und warte bis morgen.«
»Aber ich muss jetzt gehen. Öffnen Sie bitte die
Tore.«
»Was? Es ist viel Arbeit, diese schweren Tore zu öff-
nen. Wir werden dafür bezahlt, dass wir sie einmal
morgens öffnen und abends wieder schließen. Wer
soll uns diese Extraarbeit bezahlen, wenn wir sie jetzt
aufmachen?«
Ich merkte, dass sie hinter Geld her waren, aber ich
hatte selbst so wenig, dass ich nicht bezahlen wollte.
»Gibt es keine kleine Tür in der Mauer, durch die Sie
mich hinauslassen können? Dann müssen Sie nicht
das ganze Tor öffnen.«

106
»Nun ja, aber wir können unseren Posten nicht ver-
lassen, um sie dir zu zeigen«, sagte der Kleinere von
den beiden.
»Hier«, sagte ich und hielt ihnen schließlich ein paar
Münzen hin.
»Oh, das ist es kaum wert. Was sollen wir tun, wenn
der Chef hier vorbeikommt? Wir werden in große
Schwierigkeiten kommen.«
Ich fügte noch zwei Münzen hinzu, sie lächelten und
nahmen sie an. »Okay, die Tür ist dort drüben«, sag-
ten sie und zeigten auf eine dunkle Nische, nicht wei-
ter als zwei Meter entfernt. »Du kannst sie selbst auf-
machen.« Sie brüllten vor Lachen, als ich durchging
und sie hinter mir schloss.
Es machte mich wütend, dass ich so ein Dummkopf
gewesen war, aber was hätte ich tun sollen? Zumin-
dest war ich jetzt aus der Stadt draußen, und in einer
so schönen, warmen Nacht konnte ich nicht lange
wütend bleiben.
Ich trottete die Straße entlang und fühlte mich sehr
wohl. Ohne die Pakete meinte ich, die ganze Nacht
wandern zu können, sodass ich bis zum Mittag des
nächsten Tages am Kanal wäre. Dann würde ich wie-
der etwas von meinem wertvollen Geld ausgeben
müssen, aber mit einer Dschunke zu fahren, war der
schnellste Weg nach Shanghai. Wenn ich versuchte,
den ganzen Weg zu laufen, würde ich länger brau-
chen, und ich musste für mehrere Tage Geld für Es-
sen und einen Platz zum Schlafen ausgeben. So
konnte ich auf der Dschunke schlafen und schneller
vorankommen.

107
Der Mond ging auf, und der friedliche Garten vom
Tag zuvor verwandelte sich in eine geheimnisvolle,
silbern glänzende Landschaft. Hier und da konnte
ich den schwachen Schimmer eines Lichtes in einem
Bauernhaus sehen. Aber statt mich dadurch sicherer
zu fühlen, erinnerten mich die Lichter nur daran,
wie weit ich von zu Hause weg war. Ich war ein
Fremder in einem fremden Land, und ich hatte mei-
nen einzigen Freund verraten, ihn in dieser ummau-
erten Stadt, wahrscheinlich im Gefängnis, zurück-
gelassen.
Aber Hilfe zu holen, ist das Beste, was ich für ihn tun
kann, sagte ich mir.
Doch eigentlich, meldete sich mein Gewissen, tust du
es nur für dich selbst, du hast alles, was er dabeihatte, ge-
stohlen. Wie soll er nach Hause kommen? Ich fühlte mich
immer unwohler, aber ich konnte nicht mehr umkeh-
ren, oder vielleicht doch?
Plötzlich bemerkte ich, dass mir in einer kurzen Ent-
fernung ein Schatten folgte. Vielleicht ist es Taylor,
dachte ich. Vielleicht ist er freigelassen worden und hat
herausbekommen, dass ich die Stadt verlassen habe. Dieser
Gedanke ließ mich vor Angst erschauern. Er wusste,
dass ich nur an mich selbst gedacht hatte. Auf der an-
deren Seite war der Gedanke, dass er in meiner Nähe
war, aber auch sehr tröstlich. Ich konnte ihm so alles
sagen und ihn um Entschuldigung bitten.
Aber ich war mir nicht sicher, dass es Taylor war.
Wahrscheinlicher war, dass es ein anderer Reisender
war, der zufällig in dieselbe Richtung ging. Ich fragte
mich, ob die Torwachen ihn auch hatten bezahlen lassen.

108
Ich lief schneller, denn ich wollte nicht unbedingt,
dass ein Fremder mit mir wanderte – es wären zu
viele Fragen gestellt worden.
Aber der Schatten folgte mir genauso schnell.
Ich begann zu rennen.
Auch der Schatten rannte.
Ich rannte noch schneller, und der Schatten begann
mich einzuholen.
Wir rannten durch offenes Land, nichts als Reisfelder
zu beiden Seiten der Straße. Es gab nichts, wo man
sich hätte verstecken können.
Schließlich hatte mein Verfolger mich erreicht und
befahl mir, stehen zu bleiben. Es war nicht Hudson
Taylors Stimme.
Ich war so erschöpft vom Laufen, dass ich nicht wei-
terkonnte, deshalb blieb ich stehen und drehte mich
zu dem Mann um.
Der Mann schnaufte genauso angestrengt wie ich,
aber er trug einen dicken Stock. Wir standen einan-
der gegenüber und beäugten uns, nach Atem rin-
gend. Schließlich sagte er: »Jetzt kannst du mir das
Geld geben, Junge.« Ich bemerkte, dass es der Laden-
besitzer war, dem ich Hudson Taylors Sachen ver-
kauft hatte.
»Warum?«, fragte ich.
»Gib mir nur das Geld, dann lass ich dich in Ruhe.«
Ich dachte nicht daran, ihm auch nur einen Cent zu
geben. Ich drehte mich um und rannte wieder los. Er
lief hinter mir her. Ich dachte immer, dass ich ein
guter Läufer sei, aber gegen einen Mann, der älter
und größer war als ich, konnte ich nichts ausrichten.

109
Ich konnte ihn nicht austricksen, indem ich im Zick-
zack lief; er rannte in demselben Tempo mitten auf
der Straße nur ein paar Schritte hinter mir. Und ich
konnte hören, dass er mich wieder einholte.
Sein Atem kam immer näher. Ich konnte hören, wie
er immer mehr japste und schließlich sogar über
einen Stein oder eine Wurzel stolperte. Er fluchte
laut, aber auch ich stolperte und fiel beinahe hin.

110
Ich hielt immer noch Ausschau nach etwas an der
Seite, wo ich mich hätte verstecken können – irgend-
etwas, wodurch ich in eine bessere Position kam.
Und dann sah ich das silberne Mondlicht, das sich im
Wasser spiegelte – der Kanal! Ich konnte schwim-
men. Vielleicht konnte er nicht schwimmen, und ich
konnte ihn so abhängen.
Ich verließ die Straße und hoffte, dass ich in der Dun-
kelheit nicht in ein Loch treten würde. Er war fast bei
mir. Es waren nur noch dreißig Schritte bis zum Ka-
nal, noch zwanzig. Er hatte mich fast eingeholt.
Und dann – wumm! – fiel ich hin. Er hatte seinen
Stock zwischen meine Beine geworfen und mich zu
Fall gebracht.
Der wenige Atem, den ich noch hatte, blieb mir bei-
nahe weg, sodass ich fast ohnmächtig wurde. Ich
blickte zur Seite und bemerkte, wie er mit seinem er-
hobenen Stock über mir stand.
»Das Geld«, japste er, »oder du wirst den hier zu
spüren bekommen!«
Er meinte es offensichtlich ernst.
Ich zog die kleine dicke Börse aus der Tasche und gab
sie ihm. Einen Augenblick später war er in der Nacht
verschwunden.
Ich lag nur da, wo ich hingefallen war, und weinte bis
zum Morgen. Die ganze Sache war zu einer Katastro-
phe geworden, und ich war ganz allein schuld. Ich
war ein Dieb, und dann war ich bestohlen worden.
Ich hatte jemanden betrogen und war nun selbst be-
trogen worden.

111
Der weite Weg zurück

A ls die Sonne schließlich über den Hügeln auf-


ging, stand ich auf und ging zum Kanal hinun-
ter, um mir das Gesicht zu waschen. Ich hatte keine
Ahnung, wohin ich gehen oder was ich tun sollte, wie
ich überhaupt zurück nach Shanghai und schließlich
auf ein Schiff nach England gelangen sollte. Aber als
ich darüber nachdachte, wurde mir klar, dass ich
hätte tun sollen, was Hudson Taylor mir gesagt hatte:
Ich hätte zu dem Gasthaus zurückgehen und auf ihn
warten sollen.
Aber jetzt war alles zu spät. Ich hatte alles vermas-
selt. Es gab kein Zurück. Und ich konnte nicht ein-
fach mitten im Niemandsland bleiben. Schließlich
ging ich die Straße nach Shanghai weiter. Ohne Geld
und ohne Hoffnung schien mir der Weg doppelt so
schwer, und ich musste mich selbst dazu zwingen,
einen Fuß vor den anderen zu setzen, um über die
Berge zu wandern. Ich bemerkte kaum die Pagode,
die wir besucht hatten.
Als ich auf der anderen Seite der Berge ankam, hatte
ich auch kein Geld, um mit einer Dschunke zu fah-
ren, deswegen lief ich den Pfad neben dem Kanal ent-
lang. Abends fand ich eine dunkle Ecke oder einen
Busch, wo ich schlafen konnte. So ging ich tagelang
auf der Straße nach Shanghai. Meine Füße waren
voller Blasen und geschwollen, und ich fühlte mich
halb verhungert. Das Einzige, was ich unterwegs aß,
waren einige Pfirsiche, die ich mir einfach vom Baum

112
pflückte, und ein halb verfaulter Fisch, den ich am
Kanalufer fand.
Eines Morgens wachte ich unter einem Baum auf, wo
ich eingeschlafen war, und fühlte mich sehr krank.
Vielleicht war es der Fisch oder das Wasser, das ich
getrunken hatte, vielleicht war es aber auch Malaria.
Ich weiß es nicht, ich hatte jedenfalls furchtbar Fie-
ber. Ich rappelte mich hoch, denn ich war entschlos-
sen weiterzulaufen, weil es hier keine Hilfe für mich
gab.
Ich habe keine Ahnung, wie lange ich in der heißen
Sonne marschiert war, aber als ich einen Ochsenwa-
gen anhielt, um den Fahrer zu fragen, wie weit es
nach Shanghai war, sagte er: »Das ist ein sehr weiter
Weg, wenn du weiter in diese Richtung läufst. Die
Straße nach Shanghai ist hinter dir.«
Ich kann nicht sagen, ob ich von der Straße abgebo-
gen oder wegen des Fiebers in die falsche Richtung
gelaufen war.
Er sah, wie verwirrt ich war und dass ich mich nicht
wohlfühlte. »Möchtest du mit mir fahren? Ich nehme
dich mit, bis du wieder auf dem richtigen Weg bist.«
Ich verbeugte mich dankbar und kletterte auf den
Karren. Nach einigen Stunden hielt er an und zeigte
mir eine Straße, die ich entlanggehen sollte. Ich
dankte ihm und wandte mich zum Gehen. Er rief
mich zurück: »Hier, ich denke, du kannst ihn besser
brauchen als ich«, und gab mir seinen großen, run-
den Bambushut.
Der Hut war an diesem Tag mein Lebensretter, als
ich in der heißen Sonne weiterwanderte.

113
Später an diesem Nachmittag kam ich an immer
mehr Häusern vorbei, bis ich bemerkte, dass es wohl
die Außenbezirke von Shanghai waren. Ich ver-
suchte, schneller zu gehen, ich sehnte mich nach
etwas zu essen und nach meinem Bett in Taylors
Wohnung.
Ich beschloss, meine Sachen am nächsten Tag zu neh-
men und zu gehen. Ich wollte nicht dort sein, wenn
er heimkam, denn er würde mich sicher wegen Dieb-
stahls verhaften lassen.
Der Abendhimmel schimmerte noch rosa, als ich in
Taylors Straße einbog. Mein ganzer Körper schmerz-
te, und es flimmerte vor meinen Augen. Ich lief wie
im Traum, und dann war ich plötzlich da … ich
dachte es zumindest. Aber es war nichts mehr da, gar
nichts mehr – nur ein Steinhaufen und Trümmer.
Ich blickte mich um. Vielleicht war ich in meiner Ver-
wirrung in die falsche Straße eingebogen. Nein. Das
Nordtor zur Altstadt und die Brücke über den Kanal,
die in den europäischen Sektor führte, waren in der
Nähe. Ich musste richtig gelaufen sein. Es war nur so,
dass Taylors Haus in die Luft gesprengt worden war.
Ein Stück weiter unten auf der Straße sah ich eine
Truppe kaiserlicher Soldaten, die drei Gefangene an
ihren Zöpfen zogen. »Nein, nein, nein«, schrie einer.
»Tötet mich nicht.«
»Was ist passiert?«, fragte ich einen kleinen Jungen,
der vorbeirannte.
»Sie werden ihnen die Köpfe abschlagen.«
»Aber warum?«, rief ich ihm nach.
»Das sind Rebellen!«

114
So war das also. Die kaiserlichen Soldaten hatten die
Stadt zurückerobert. Als ich mich umsah, konnte ich
erkennen, dass die Zerstörungen sehr groß waren. Es
war nicht nur Taylors Haus, das nicht mehr dastand.
Die meisten Gebäude lagen in Trümmern, und die
Wände, die noch standen, hatten Löcher oder waren
verbrannt. Nur vereinzelt stand ein Haus oder ein
Geschäft, das verschont geblieben war.
Erschöpft setzte ich mich hin. Ich muss eingeschlafen
sein, denn es war vollständig dunkel, als jemand
– oder etwas – mich umdrehte. Ein hungriger Hund
zog an meiner Schulter und knurrte leise. Plötzlich
kam mir der Gedanke, dass er mich fressen wollte.
Ich hatte davon gehört, dass wilde Straßenhunde
manchmal die Körper von Menschen anfraßen, die in
Kämpfen getötet worden waren, bevor man sie am
nächsten Morgen beerdigen konnte.
Ich sprang auf und schrie den Hund an. Er rannte
jaulend davon, den Schwanz eingeklemmt.
Am nächsten Morgen ging ich durch ehemals ver-
traute Straßen, die mir jetzt völlig fremd waren. Hun-
derte von Obdachlosen waren auf dem Weg. Einige
waren verwundet, andere schienen nicht verletzt zu
sein, aber sie liefen ziellos mit starrem Blick umher.
Es kam mir in den Sinn, dass ich wahrscheinlich ähn-
lich aussah, auch wenn die Ursache dafür mein eige-
nes Handeln und nicht der Krieg war.
Ich hatte keine Ahnung, was ich als Nächstes tun
sollte, aber schließlich beschloss ich, zu Namu zu ge-
hen. Ich hoffte, dass ihr Haus noch stand und sie
mich wieder aufnehmen würde. Doch als ich dort an-
kam, schwanden meine Hoffnungen. Das Tor in der

115
hinteren Mauer stand offen, und viele Menschen lie-
fen herum. Ich blickte durch das Tor und sah eine Art
Krankenhaus in Namus Garten. An der Mauer ent-
lang waren einfache Zelte errichtet, um Schatten für
die Verwundeten zu spenden.
Und dann sah ich zu meiner großen Erleichterung
Namu. Sie kümmerte sich um die Verletzten. Ich ging
langsam hinüber zu der Stelle, wo sie einer alten Frau
half, etwas Wasser aus einem Blechbecher zu trinken.
»Namu?«, sprach ich sie an.
Sie drehte sich um und rannte auf mich zu. »Neil! Ich
glaubte, du tot. Mr. Taylors Haus …« Sie schlug in
die Hände. »… nicht mehr da. Ich dachte, du tot.«

116
Ich erzählte ihr, dass wir auf eine Reise gegangen wa-
ren und dass ich zwar krank war, es mir aber sonst
gut ging.
»Du essen?«, fragte sie.
Es war nur einfacher Reis – nicht einmal Gemüse gab
es dazu – aber zum ersten Mal war ich für diese
weiße, klebrige Masse dankbar.
Während der nächsten Tage wohnte ich bei Namu
und half ihr, die Verwundeten und Heimatlosen zu
pflegen. Ich bekam etwas zu essen und einen Platz
zum Schlafen dafür. Ich schlief in einer Ecke der Gar-
tenmauer unter einem der Zelte, wie alle anderen
auch. Es gab eine Reihe von Menschen, die sich um
die Verletzten kümmerten. Einige wohnten dort, an-
dere kamen jeden Tag – sie wohnten wahrscheinlich
noch bei sich zu Hause –, aber niemand fragte mich
je, wer ich war oder warum ich dort war.

***
Zwei Wochen später war der Garten fast leer. Viele
der Verletzten waren gestorben. Andere hatten sich
erholt und waren wieder gegangen, und wieder an-
dere, die schlimmer verletzt gewesen waren, waren
woanders hingebracht worden, wo man sich besser
um sie kümmern konnte.
Auch mir ging es besser. Das Fieber war weg, und ich
war wieder zu Kräften gekommen, aber mein Gewis-
sen plagte mich stärker denn je. Nachdem Hudson
Taylors Wohnung zerstört worden war, hatte ich
nicht einmal mehr europäische Kleidung, um zum
Hafen zu gehen und einen Job auf einem Schiff zu
finden. Ich war zwar stolz darauf, dass ich die chine-

117
sische Sprache mittlerweile recht gut beherrschte,
aber ich sah aus und benahm mich wahrscheinlich
auch schon wie ein Chinese. Es war nicht sehr aus-
sichtsreich, dass mich ein Schiffskapitän anheuern
würde.
Dann brachte Namu mir eines Tages einen Brief.
»Dieser Brief kam hier an mich adressiert an, aber er
ist auf Englisch. Kannst du ihn mir vorlesen?«

118
Ich öffnete den Brief neugierig und bemerkte sofort,
dass er von Hudson Taylor unterschrieben und an
mich gerichtet war.

Lieber Neil Thompson,


wenn dich dieser Brief erreicht, habe ich über deinen Ver-
bleib wohl richtig vermutet.
Ich freue mich, dir mitteilen zu können, dass ich, nachdem
ich von dem Mandarin nur einen Tag festgehalten worden
war, ohne eine Bestrafung freigelassen wurde. Wie du dir
jedoch vorstellen kannst, war ich nicht gerade glücklich,
als ich entdeckte, dass du alle meine Sachen verkauft und
die Stadt verlassen hattest.
Ich weiß wirklich nicht, warum du mich verlassen hast, ge-
schweige denn, warum du mich bestohlen hast. War dir
nicht klar, dass ich kein Geld hatte, um nach Shanghai
zurückzukehren? Ich hatte nicht einmal genug Geld, um
auf einer Dschunke mitzufahren oder um mir Essen kaufen
zu können, wenn ich zu Fuß gelaufen wäre. Glücklicher-
weise hat Gott für mich gesorgt und mir die Gelegenheit
geboten, mit einem Postboot nach Shanghai zu fahren. Es
ging schneller, als ich je gedacht hätte. Und der Schiffer
hat nichts dafür verlangt.
Ich könnte dich verhaften lassen, und ich war oft versucht,
genau das zu tun. Christus sagt uns jedoch, dass wir
Schlechtes mit Gutem vergelten sollen, deswegen werde
ich dir kein Haar krümmen. Ich verstehe nicht, warum du
all das getan hast, aber ich vergebe dir.
Mein Haus ist zerstört worden in der Nacht, bevor ich an-
kam …

119
Ich verstand plötzlich, dass Hudson Taylor dadurch,
dass er auf einem schnellen Postboot gereist war,
einige Tage vor mir in Shanghai angekommen war.
Vielleicht sorgte Gott wirklich für ihn. Ich las weiter.

… und weil in dem chinesischen Teil so viele Häuser zer-


stört sind, lebe ich zurzeit im englischen Sektor. Ich habe
eine kleine Wohnung, aber es ist immer genug Platz für
dich, wenn du zu mir kommen willst.
Ich vergebe dir, Neil. Bitte nimm das an. Ich möchte dich
gerne wiedersehen.
Liebe Grüße
J. Hudson Taylor

Ich wollte meinen Augen nicht trauen.


Zuerst dachte ich, die ganze Sache ist ein Trick. Tay-
lor würde mich verhaften lassen, wenn ich erst ein-
mal auftauchte. Aber dann wurde mir klar: Wenn er
wusste, wo ich war, hätte er mich genauso gut bei
Namu verhaften lassen können. Vielleicht war es
doch keine Falle.
Ich faltete den Brief zusammen und steckte ihn in
meine Tasche.
»Brief lesen?«, sagte Namu.
Ich versuchte, ihr zu erklären, dass der Brief eigent-
lich an mich gerichtet gewesen sei. Sie konnte es nicht
verstehen, bis ich ihr sagte, der Brief wäre von
Mr. Taylor. Da erkannte sie, dass er wirklich für mich
gewesen sein musste.
Meine Hoffnung wuchs. Endlich hatte ich wieder
einen Ort, wo ich hingehen konnte. Hudson Taylor

120
hatte geschrieben, dass ich jederzeit zu ihm kommen
und bei ihm wohnen konnte. Aber der Tag verging,
der nächste auch, und ich war immer noch nicht zu
ihm gegangen oder hatte seinen Brief beantwortet.
Ich wollte es tun, aber ich konnte einfach nicht.
An diesem Abend waren die Fliegen und der Anblick
des zertrampelten Gartens besonders unangenehm
für mich. Warum gehe ich nicht hin? Was ist mit mir
los?, fragte ich mich. Es machte keinen Sinn, weiter
zu bleiben. Mir war elend zumute, und ich wurde ei-
gentlich nicht mehr gebraucht. Ich dachte ange-
strengt nach, um herauszufinden, warum ich so zö-
gerte, und schließlich kam mir das Wort »schuldig«
in den Sinn. Ich fühlte mich zu schuldig, um Hudson
Taylor ins Gesicht sehen zu können.
Ich dachte an den Mann in dem Grab und verstand,
wie jemand die Sehnsucht verspüren konnte, einfach
zu verschwinden, wenn er etwas Falsches getan
hatte. Aber auch wenn das genau das war, was ich
am liebsten getan hätte, wusste ich doch, dass es
nichts bringen würde, mich in einer Ecke zu ver-
kriechen.
Ich hob den Brief von Taylor auf und las ihn immer
wieder. Hudson Taylor hat gesagt, er verzeiht mir,
warum kann ich das nicht so empfinden?, fragte ich
mich. Vielleicht deshalb, weil ich etwas so Gemeines
getan hatte. Es war zu schlimm, als dass man es ver-
geben könnte.

121
Tornados

E ines Tages schlug mir Namu vor, dass ich Geld


verdienen könnte, indem ich Sänften herbeirief.
»Nicht viel Geld, aber die Europäer bezahlen … be-
zahlen Trinkgelder – so heißt das, glaube ich – nur
dafür, dass man ihnen eine Sänfte holt.«
»Was meinst du?«, fragte ich.
»Jemand braucht eine Sänfte. Du gehst sie holen. Sie
bezahlen dich.«
»Sie bezahlen mich?«
»Ja, ja. Ich habe das schon gesehen. Komm, ich zeige
es dir.«
Sie nahm mich an der Hand und begann, die staubige
Straße hinunterzurennen, bis wir an die Brücke zum
europäischen Sektor kamen. Ich war fast außer Atem,
als sie um eine Ecke bog und plötzlich stehen blieb.
»Dort« – sie zeigte auf einen kleinen chinesischen
Jungen, der neben der Tür eines der Regierungsge-
bäude stand. »Er ist ein Läufer.«
Er sah mir mehr wie ein Bettler aus, und das sagte ich
Namu auch.
»Schau dir Neil an«, sagte sie und lachte.
Ich blickte an mir herunter und betrachtete meine
Kleider. Es waren dieselben, die ich seit Wochen an-
hatte. Sie waren schmutzig und an manchen Stellen
zerrissen. »Ich glaube, du hast recht«, sagte ich. »Ich
sehe wahrscheinlich auch wie ein Bettler aus.«
Ich zögerte immer noch. »Und wenn mich jemand er-

122
kennt?« Ich dachte daran, dass ich Hudson Taylor
bestohlen hatte. In seinem Brief stand zwar, dass er
mir verziehen hatte, aber wenn er nun seine Meinung
geändert hatte? Oder wenn er jemandem anders da-
von erzählt hatte, und diese Person hatte beschlos-
sen, mich verhaften zu lassen? Täglicher Kontakt mit
Engländern erschien mir sehr gefährlich.
Aber Namu versicherte mir, dass die Europäer nicht
besonders achtsam waren. »Chinesen bemerken,
dass du kein Chinese bist, aber Engländer? Sie sehen
uns an, ohne uns wirklich wahrzunehmen. Es ist
nicht gerade großartig, aber für dich ist es gut. Nie-
mand wird dich bemerken.«
In diesem Augenblick kam ein großer, übergewichti-
ger Engländer aus dem Gebäude, und der Junge
rannte die Straße hinunter, um ihm eine Sänfte zu ru-
fen. Und genau wie Namu gesagt hatte, als er eine

123
mit zurückbrachte, gab ihm der Mann eine Münze,
bevor er sich setzte.
An diesem Tag versuchte ich, obwohl es schwer war,
Menschen zu finden, die eine Sänfte suchten und die
noch niemanden hatten, der vor ihrer Tür saß und
wartete. Ich hatte jedoch immer noch einen Vorteil:
Ich verstand Englisch – obwohl ich versuchte, gebro-
chen zu sprechen, damit man glaubte, dass ich ein
Chinese wäre.
Als die Europäer mitbekommen hatten, dass ich Eng-
lisch verstand, sagten sie mir öfter: »Ich brauche in
einer Stunde eine Sänfte« oder: »Morgen früh drei
Sänften bitte!« Auf diese Weise bekam ich einiges zu
tun.
Zuerst gab dieser Job mir die Hoffnung, dass ich ge-
nug Geld zusammensparen könnte, um meine Über-
fahrt nach England auf einem Schiff zu bezahlen.
Aber als ich begriff, dass selbst die besten Tage nicht
mehr als eine kleine Handvoll Pennys einbrachte,
war ich wieder der Verzweiflung nahe. Ich würde ein
bis zwei Jahre brauchen, bis ich genug Geld gespart
hatte, und in der Zwischenzeit musste ich auch Geld
für Essen ausgeben.
Durch diese Arbeit jedoch lernte ich den euro-
päischen Teil Shanghais gut kennen, und ich er-
kannte bald auch viele Menschen wieder. Ich fand
sogar die Mädchenschule von Miss Aldersey und
wusste außerdem bald, wer Miss Maria Dyer war,
die junge Lehrerin, die Hudson Taylor so gut gefiel.
Da ich mit den Wohnungen und Büros der Missio-
nare vertraut wurde, entdeckte ich auch, wo Hudson
Taylor lebte. Er wohnte bei einer Missionarsfamilie

124
namens Jones. Ich versuchte natürlich, so weit wie
möglich von seinem Haus wegzubleiben, um ihm
nicht über den Weg zu laufen. Namu hatte recht: Die
Engländer achteten nicht auf Chinesen. Sie sahen re-
gelrecht durch mich hindurch, als ob ich nicht da
wäre. Wie Namu sagte, war es nicht gerade schmei-
chelhaft, gewiss war es sogar fast menschenverach-
tend.
Aber ich wusste, dass Hudson Taylor anders war –
und das machte mir Angst. Er kümmerte sich um
Chinesen als individuelle Menschen, sie waren für
ihn nicht nur die »gelbe Masse«. Wenn er mir ins Ge-
sicht sah, würde er mich sofort wiedererkennen. Des-
wegen blieb ich von dem Haus weg, wo er jetzt
wohnte … obwohl ich manchmal dort stand und aus
sicherer Entfernung hinüberstarrte. Ich fragte mich
immer wieder, ob er mir wirklich verziehen hatte –
seine Freundschaft fehlte mir sehr.
Dann formte sich eines Tages durch merkwürdige
Umstände ein Plan in meinem Kopf. Ich rief eine
Sänfte für eine Missionarin. Obwohl es früh am Mor-
gen war, hatte sie Kleider an, als ob sie zu einer
Abendveranstaltung gehen wollte. Gerade bevor sie
einstieg, sagte sie zu mir: »Ich gehe zu Pfarrer Jones
und seiner Frau zum Tee und zum Frauengebetstref-
fen. Ich werde eine Sänfte brauchen, die mich unge-
fähr um zwei Uhr dort abholt, wenn es vorbei ist.«
»Ja, Madam. Werden viele Damen dort sein?«
»Ich erwarte eigentlich alle«, sagte sie abwesend, als
sie einstieg und weggetragen wurde.
Ich folgte ihr und schmiedete Pläne, wie ich später
am Tag einige Sänften organisieren konnte. In der

125
Nähe von Jones’ Haus blieb ich etwas zurück, denn
ich wollte nicht von Hudson Taylor gesehen werden,
wenn er da war. Wenige Minuten später bemerkte
ich die ernste Miss Aldersey und ihre jungen Lehre-
rinnen der Mädchenschule, die zu Fuß kamen. Miss
Maria Dyer war auch dabei.
Ich war nicht weit von der Haustür entfernt, als Mrs.
Jones herauskam, um die Damen zu begrüßen. In
dem allgemeinen Geplauder fragte Miss Aldersey:
»Ist Ihr Mann zu Hause?«
»Nein«, sagte Mrs. Jones. »Er und Hudson Taylor
predigen heute Morgen in der Jesus Hall. Aber sie
werden irgendwann heute Nachmittag zurück sein.«
Als sie den Namen Taylor hörte, wurde Miss Alder-
sey steif und ging erhobenen Hauptes hinter Mrs.
Jones ins Haus. Hudson Taylor hatte bestimmt recht
damit, dass sie ihn nicht mochte.
Als ich weiter wartete, kam mir eine Idee: Hudson
Taylor war vielleicht nicht mehr böse mit mir, wenn
ich ein Treffen zwischen ihm und der Frau, die er
liebte, einfädelte. Meine Gedanken rasten. Wenn ich
sie zusammenbringen konnte, würde ich Taylors
Wohlwollen wiedergewinnen.
Ich setzte mich unter einen Baum am Straßenrand
und dachte über alles nach. Vielleicht konnte ich orga-
nisieren, dass Miss Dyer von einer Sänfte abgeholt wurde,
die sie dorthin brachte, wo Hudson Taylor predigte,
dachte ich. Aber es gab keinen Grund, warum sie sich
in eine Sänfte setzen sollte, wenn sie keine gerufen
hatte und all die anderen Lehrerinnen zu Fuß gingen.
Und wenn ich ihr einen Brief schrieb und sie bat, ihn ir-
gendwo zu treffen, und dann mit Taylors Namen unter-

126
schrieb? Ich zog Taylors Brief aus der Tasche und ver-
suchte, mir vorzustellen, ob ich seine Schrift nachma-
chen könnte … wahrscheinlich wäre es nicht sehr
überzeugend. Außerdem war es unehrlich, und
wenn ich wieder auf die Seite des Guten wollte,
wusste ich, dass es so nicht ging.
Ich dachte alle Möglichkeiten durch, aber es wollte
mir kein guter Plan einfallen.
Aus dem Inneren des Hauses konnte ich jetzt hören,
wie die Frauen sangen, jemand spielte Klavier. Sie
hörten sich an wie ein Engelschor, und einen Augen-
blick lang dachte ich daran, wie ich neben meiner
Mutter in der Kirchenbank saß und die Musik über
uns hinwegbrauste. Plötzlich sehnte ich mich da-
nach, wieder in die Kirche gehen zu können … doch
ich schüttelte dieses Gefühl ab. Es war jetzt so un-
wirklich.
Im Laufe des Vormittags zogen dicke Wolken auf,
und der Himmel wurde tiefschwarz. Ein schlimmer
Sturm näherte sich von Südosten über den Fluss. Ich
konnte den Hafen von der Straße aus gerade noch se-
hen, und auf einem der neu angekommenen Schiffe
kletterten die Matrosen gerade in die Takelage. Aus
der Entfernung sahen die Männer aus wie Affen, die
auf den Masten fuchtelten und eifrig daran arbeite-
ten, die Segel einzuholen, die zum Trocknen draußen
geblieben waren.
Der Wind wurde heiß und feucht. Es herrschte eine
bleierne Stille, und dann sah ich auf der anderen Seite
des Flusses einen grauen Wirbel, der sich nach unten
bewegte. Er fuhr wie ein Elefantenrüssel herum, der
auf der Suche nach Erdnüssen war, und wann immer

127
der Wirbel den Boden berührte, wurde er in seiner
ganzen Länge schwarz.
Meine Augen wurden weit vor Angst. Ein Tornado!
Das Monster tanzte die Straßen entlang, saugte die
schmutzige Erde und den Unrat auf, dann lief es den
Hügel hinunter zum Fluss. Es war faszinierend, aber
auch beängstigend. An dieser Stelle war der Fluss
sehr breit, aber wenn der Tornado nun über den
Fluss kommen und in Shanghai wüten würde? Ich
blickte mich um nach Stellen, wo ich Schutz suchen
konnte. Das Einzige, was ich entdeckte, war eine
kleine Steinbrücke über einen Ententeich in einem
Park, der am Ende der Straße lag. Ich lief los in Rich-
tung Brücke und hielt meine Augen auf den Wirbel
gerichtet, der über den Fluss kam.
Auf dem Wasser wurde er zu einer silbrigen Fontäne,
die den Fluss aufsaugte wie vorher die Erde. Der

128
Trichter war immer noch ungefähr eine Meile ent-
fernt, aber ich konnte bereits das Heulen des Windes
hören – ein ächzendes, pfeifendes Geräusch, das im-
mer lauter wurde.
Ich begann auf die Brücke zuzurennen, als ich sah,
wie der Tornado direkt auf eine relativ große chinesi-
sche Dschunke zukam. Im einen Augenblick sah ich
sie noch, im nächsten war sie schon nicht mehr da.
Ich habe nicht wirklich gesehen, dass sie von dem
Wirbel erfasst wurde, aber in dem Moment, wo er auf
die Dschunke zugerast war, bekam ich eine Vorstel-
lung davon, wie riesig dieses Ding war. Ich glaube,
der Wirbel hätte sogar ein englisches Kriegsschiff er-
fassen können.
Ich nahm Deckung unter der Brücke, als der Wind
eine enorme Stärke annahm. Ich saß dort im
Schlamm mit einigen ängstlichen Enten, als mich ein
Gedanke durchfuhr: Was würde ich tun, wenn ein Tor-
nado kommen würde, während ich auf einem Schiff auf
dem Meer bin?

***
Augenzeugen berichteten später, dass der Wirbel die
Stadt verschont habe. Er hatte sich gedreht und war
mitten im Fluss umgekippt, wobei er noch Millionen
Liter Wasser aufgesogen hatte. Ich kann es mir gut
vorstellen, denn wenige Minuten nachdem ich unter
der Brücke Schutz gesucht hatte, begann es zu reg-
nen, wie ich es noch nie in meinem Leben erlebt
hatte. Es war ein schmutziger Regen, voller Matsch
und Gras und Ästen. Später sah ich tote Fische auf
den Straßen liegen, die wahrscheinlich mit dem

129
Flusswasser hochgesogen worden waren und dann
vom Himmel gefallen waren.
Es regnete so stark, dass innerhalb einer Viertel-
stunde der Ententeich so voll war, dass die kleine
Brücke, unter der ich Deckung genommen hatte, fast
überflutet war. Ich hatte Angst hinauszugehen, aber
es gab keine andere Möglichkeit; ich wäre ertrunken,
wenn ich geblieben wäre.
Auch wenn mein Bambushut – den ich unter meinem
Kinn festgebunden hatte – einiges von dem Regen
abhielt, kam das Wasser so stark herab, dass ich nach
Luft rang.
Dann, so schnell, wie er begonnen hatte, war der
Sturm auch wieder vorüber. Hinter den Wolken öff-
nete sich der Himmel, und heller Sonnenschein trat
hervor. Es war wie eine völlig neue Welt.
In gewisser Weise war das nicht einmal übertrieben.
Es war so viel Regen gefallen, dass die Straßen eher
Flüssen glichen; mir reichte das Wasser bis fast an die
Knie. Ich schlurfte durch die Straßen, erstaunt, wie
anders alles jetzt aussah.
Als ich zu dem Haus der Jones’ kam, standen die
Frauen alle im Vorraum zur Haustür, sie schnatter-
ten aufgeregt und zeigten auf das Wasser um sie
herum. Obwohl es noch nicht zwei Uhr war, bot ich
ihnen an, Sänften zu besorgen. Es gab für die Damen
in den hübschen Kleidern offensichtlich keinen ande-
ren Weg, nach Hause zu gelangen.
Sie nahmen mein Angebot dankbar an, und ich lief
los, um Sänften zu holen.

130
Jetzt endlich kam mir ein Plan in den Sinn, wie ich
Hudson Taylor und Miss Maria Dyer zusammen-
bringen konnte. Mrs. Jones hatte gesagt, dass ihr
Mann und Taylor am Nachmittag heimkommen
würden. Bei diesem Sturm war es nur wahrschein-
lich, dass sie nach Hause rannten. Ich gab also vor,
den älteren Damen den Vortritt zu lassen, und sorgte
dafür, dass Miss Aldersey eine Sänfte bekam, wäh-
rend Miss Maria auf der Veranda auf eine spätere
wartete.
Doch als alle anderen Damen weggetragen worden
waren, sagte ich den Kulis, dass man sie anderswo in
der Stadt bräuchte.
Die arme Maria Dyer blieb zurück und stand mit
Mrs. Jones wartend auf der Veranda.
Ich beobachtete die Situation aus sicherer Entfer-
nung. Bald kamen Reverend Jones und Mr. Taylor
nach Hause geschlurft. Selbst bei dem Abstand konn-
te ich sehen, wie Hudson Taylors Gesicht aufleuch-
tete. Ich wusste, das war die Gelegenheit, auf die er
schon lange gewartet hatte. Ich sah, wie die Jones’ die
beiden jungen Leute ins Wohnzimmer einluden. Ich
wartete eine Zeit lang draußen, es kam mir wie Stun-
den vor. Vielleicht war ja alles schiefgegangen, weil
Maria nicht wegging, aber ich war neugierig. Was
passierte dort drinnen?
Es war fast dunkel, als Hudson Taylor, Maria und die
Jones’ wieder auf die Veranda traten. Sie erzählten
und lachten so offen, dass ich wusste, dass alles gut
gelaufen war. Aber ich hatte keine Ahnung, wie gut,
bis Reverend Jones fragte: »Und welchen Termin
habt ihr für die Hochzeit festgesetzt?«

131
Hochzeit?
»Wir werden kein Datum festsetzen, bis ich nicht die
Erlaubnis von meinem Onkel in England habe«,
sagte Maria scheu.
»Aber anschließend«, sagte Taylor, »wirst du der
Erste sein, der es erfährt, mein Freund.« Dann um-
armte er Maria.
Ich fühlte mich unwohl und verlegen und kam hinter
dem Busch, wo ich mich versteckt hatte, hervor.
»Kann ich Sie ›Sänfte‹ rufen?«, fragte ich in meinem
gebrochenen Englisch.
»Du kannst mich Sänfte oder Tisch oder wie es dir
sonst gefällt rufen«, brüllte Hudson Taylor vor La-
chen. »Aber heute Abend bin ich eindeutig ein Mann,
und der glücklichste in ganz China außerdem.«
Dann lehnte er sich nach vorne und starrte in die
Dunkelheit, dann rief er: »Bist du das, Neil Thomp-
son?«
Ich schluckte. »Ja, Sir. Ich bin es.«
»Nun, komm her und lass mich dir meine Verlobte
vorstellen, Miss Maria Dyer.«
Ich öffnete das Gartentor und platschte durch den
Schlamm. Ich wollte sie eigentlich begrüßen, wie es
sich gehörte, aber ich war so erschrocken, dass man
mich entdeckt hatte, dass ich kaum wusste, was ich
sagen sollte. Dann hörte ich Taylor sagen: »Lauf los
und hol Miss Dyer eine Sänfte.«
Als ich den Weg hinunterrannte, hörte ich ihn hinter
mir herrufen: »Warst du es übrigens, der den Damen
die Sänften vorhin gerufen hat?«

132
»Ja, Sir.«
»Das passt«, sagte er. »Hör zu, ich will, dass du wie-
der hierher zurückkommst. Wir werden uns noch ein
wenig unterhalten.«
Oh nein, dachte ich. Jetzt bin ich dran.

133
Überfahrt auf der »Geelong«

E rst als Maria in ihrer Sänfte saß und auf dem Weg
zurück zu Miss Alderseys Mädchenschule war,
wandte sich Hudson Taylor mir zu. »Maria hat ge-
sagt, dass du ihr keine Sänfte heute Nachmittag rufen
wolltest, als all die anderen Damen aufbrachen.
Stimmt das?«
»Ich nehme an«, sagte ich.
»Ich verstehe«, sagte er, rieb sich das Kinn und sah
sehr nachdenklich aus.
Die Jones’ sagten »Gute Nacht« und gingen hinein.
Sie ließen uns allein auf der Straße stehen. Hudson
Taylor drehte sich wieder zu mir um und fragte:
»Fühlst du dich jetzt besser?«
»B-besser? Weswegen?«, stammelte ich und starrte
auf meine schlammbedeckten Füße und meine
schmutzige Hose. Mir war klar, dass es nichts brach-
te, den Dummen zu spielen, deshalb sagte ich leise:
»Sie meinen, weil ich mit Ihren Sachen weggelaufen
bin?«
»Genau. Geht es dir jetzt besser, wo du etwas Wun-
derbares für mich getan hast?«
Ich dachte darüber nach. Ich war glücklich darüber,
dass ich Mr. Taylor und Miss Dyer zusammenge-
bracht hatte … doch nein, besser fühlte ich mich des-
wegen nicht. Ich fühlte mich immer noch schrecklich
wegen der Sache, die ich getan hatte. »Nein«, gab ich
zu. »Es war schlimm, was ich getan habe.«

134
»Ja, das war es. Aber hast du meinen Brief nicht be-
kommen? Ich habe dir doch verziehen.«
Ich zuckte mit den Schultern, ich wusste nicht, was
ich sagen sollte. Ich hatte so oft darüber nachgedacht.
Geistesabwesend zog ich den Brief aus der Tasche,
den Hudson Taylor mir geschrieben hatte, aber ich
empfand nicht, dass mir vergeben worden war. Die
Schuld lastete immer noch auf mir wie ein großes Ge-
wicht und, um die Wahrheit zu sagen, ich fühlte
mich nicht besonders wohl, jetzt mit Taylor darüber
sprechen zu müssen.
Endlich sagte er: »Neil, es gibt einen Grund, warum
es dir nicht besser geht. Egal, wie lange du dich vor
mir versteckst oder versuchst, es ›aufzuarbeiten‹, in-
dem du lauter schöne Dinge für mich tust – wie du es
heute getan hast –: Du wirst nicht frei von Schuld
sein. Du hast für mich heute das Schönste auf der
Welt getan, aber es geht dir deswegen nicht besser,
stimmt’s?«
»Ja.«
»Es geht dir nicht besser, weil du die Vergebung
nicht angenommen hast.«
Zum ersten Mal wagte ich, ihm ins Gesicht zu sehen.
»Das verstehe ich nicht.«
»Das Einzige, was du tun musst«, meinte er, »ist, ehr-
lich deine Schuld zu bekennen und dann die Verge-
bung anzunehmen. Aber du musst sie von dir aus er-
greifen, sonst nützt sie dir nichts. Genauso ist es mit
Gott. Er bietet uns seine Rettung an – das weißt du,
du hast mich darüber predigen hören –, aber es
bringt uns nichts, wenn wir sie nicht annehmen.«

135
Er wandte sich zum Haus. »Komm mit in mein Zim-
mer, wir trinken einen Tee zusammen.« Wir gingen
hinein. Langsam begann ich zu begreifen, was er sa-
gen wollte.
Nachdem der heiße grüne Tee in die kleinen weißen
Tassen eingegossen war, sagte ich Hudson Taylor,
wie sehr es mir leidtat. Und dann, als ob er es zum
ersten Mal sagte, erklärte mir Taylor, dass er mir ver-
zieh. Was ihn anbetraf, war das, was in der ummau-
erten Stadt geschehen war, vorbei, gestorben und be-
graben.
»Danke«, flüsterte ich; Tränen standen in meinen Au-
gen, und endlich wurde ich diese große Last, die ich
im Inland Chinas auf mich geladen hatte, als ich seine
Sachen verkaufte, los. Es stimmte: Ich fühlte mich
frei!
Er verbrachte den Rest des Abends damit, mir zu er-
zählen, wie erfolglos er versucht hatte, Miss Maria
Dyer zu treffen. »Die grimmige Miss Aldersey war
fest entschlossen, uns auseinanderzubringen. Sie ließ
sogar Maria einen Brief schreiben, in dem sie sagte,
dass sie mich nie wiedersehen wollte. Dieser Brief
brach mir das Herz, aber je mehr ich darüber nach-
dachte, desto überzeugter wurde ich, dass irgendet-
was nicht stimmte.«
»Warum?«, fragte ich.
»Ich weiß nicht genau, aber die scharfen Worte schie-
nen nicht Marias Stil zu sein. So hätte sie sich nie aus-
gedrückt, selbst wenn sie mich wirklich nie wieder-
sehen wollte. Ich dachte immer wieder darüber nach,
und jedes Mal hörte es sich mehr an wie Miss Alder-
seys Art, Dinge zu sagen. Schließlich fasste ich den

136
Mut, Maria heimlich eine Nachricht zukommen zu
lassen, in der ich sie bat, sich mit mir zu treffen.
Sie entschied sich, nicht mit mir zusammenzutreffen,
aber eine ihrer Freundinnen sagte mir, dass sie es ur-
sprünglich wollte, aber Miss Aldersey zu gehorchen
versuchte. Dann sagte diese Freundin mir, dass Ma-
ria mich nur sehen wollte, wenn Gott es arrangierte,
und nicht, wenn sie oder ich es organisierten. Ich
nehme an, an dieser Stelle kamen du und der Tor-
nado ins Spiel«, sagte Taylor. Dann begann er zu la-
chen, und diesmal lachte ich mit. Wir lachten, bis uns
die Bäuche wehtaten.

***
Hudson Taylor bestand darauf, dass ich wieder bei
ihm wohnte, diesmal bei den Jones’. Ich verdiente
weiter mein Geld als Laufbursche für Sänften und für
alles andere, was ich finden konnte, aber an dem Ge-
danken, dass ich nie genug für eine Überfahrt zusam-
mensparen könnte, verzweifelte ich. Die einzige Er-
leichterung war, als ich mit Hudson Taylor darüber
sprach, wie sehr ich Heimweh hatte.
Er gab zu, auch oft Sehnsucht nach Hause zu haben.
Das überraschte mich. Ich hatte immer gedacht, dass
er, da er Missionar sein wollte und chinesische Klei-
dung trug, in China bleiben wollte.
»Ich will auch in China sein«, erklärte er mir. »Aber in
erster Linie, weil Gott mich hierhergeschickt hat. Das
bedeutet nicht, dass es nicht Zeiten gibt, wo ich lieber
in England wäre. Ich vermisse meine Familie sehr.«
»Aber Gott hat mich nicht dazu berufen, hier zu
sein«, warf ich ein. Ich wollte deutlich machen, dass

137
meine Situation eine völlig andere war als seine und
er wahrscheinlich gar nicht verstehen konnte, was in
mir vorging und wie traurig ich darüber war, von zu
Hause weg zu sein.
»Ja«, sagte Taylor. »Nun, es gibt oft Dinge, die wir
nicht verstehen. Aber wir können dafür beten, dass
du nach Hause kommst.«
Ich wusste, dass er es ernst meinte, als er am nächsten
Morgen darauf bestand, dass ich zusammen mit ihm
und den Jones’ betete, und alle beteten ganz speziell
für mich.
***
Am 1. März war es genau ein langes Jahr her, dass ich
nach China gekommen war. An diesem Tag platzte
Hudson Taylor in die Küche der Jones’ und verkün-
dete: »Neil! Ich habe ein Schiff gefunden, das dich
nach Hause bringt!«

138
»Ein Schiff? Wie?«, fragte ich und sprang auf.
»Ich habe einen Kapitän getroffen, Kapitän Bowers
heißt er, ein sehr netter Christ. Er möchte, dass ich
und ein anderer Missionar in den Süden nach Swa-
tow reisen. Das ist eine Hafenstadt nicht weit entfernt
von Hongkong. Er sagt, die Zustände dort seien un-
erträglich und die Menschen bräuchten das Evange-
lium. Er ist bereit, uns ohne Bezahlung dorthinzu-
bringen, wenn wir gehen wollen.«
»Und was ist mit mir? Es ist immer noch China.«
»Ja, aber er ist auf dem Rückweg nach England, und
es sieht so aus, als bräuchte Kapitän Bowers einen
Kabinenjungen auf der Geelong.«
Die Geelong … die Geelong … ich wusste, dass ich die-
sen ungewöhnlichen Namen schon einmal gehört
hatte, dann fiel es mir ein: Die Geelong war eines der
ersten Schiffe nach England, nachdem die Preise so
hoch gestiegen waren wegen des Krieges. Mein Herz
rutschte in die Hose.
»Was ist los?«, fragte Hudson Taylor. »Ich dachte, du
würdest dich freuen.«
»Sie werden mich nicht nehmen«, sagte ich. »Ich
wäre letztes Jahr beinahe auf der Geelong gefahren,
aber der Beamte der Schifffahrtsagentur hatte gehört,
dass ich von der Dumfries abgehauen war, und er
hatte beschlossen, mich überall anzuschwärzen.«
»Mach dir keine Sorgen«, lächelte Taylor. »Ich habe
ihm bereits die ganze Geschichte erzählt, und er ist
es, der entscheidet. Du hast den Job und eine Reise
nach Hause, wenn du willst. Wir segeln noch vor
Ende der Woche los.«

139
Die nächsten beiden Tage waren voller Vorbereitun-
gen. Ich half Hudson Taylor und seinem Freund, die
Sachen zusammenzupacken, die sie für eine kurze
Reise nach Swatow brauchen würden. Ich versuchte
so gut es ging zu helfen, besonders weil Taylor jede
freie Minute mit Maria verbrachte – trotz Miss Alder-
seys ständiger Einwände.
Am Abend vor unserer
Abreise besuchte Miss
Dyer Hudson Taylor
noch einmal bei den
Jones’. Hudson Taylor
verriet mir: »Wir sind jetzt
offiziell verlobt!«
In dieser Nacht schlief ich
kaum. Immer wieder
zogen die Ereignisse der
letzten eineinhalb Jahre
an mir vorüber. Ganz früh
am Morgen, als der Him-
mel im Osten gerade ein
wenig grau wurde, stand
ich auf und ging auf Zehen-
spitzen aus dem Zimmer.
Zum letzten Mal ging ich
durch die Straßen von
Shanghai als chinesischer
Junge.
Ich wollte Namu »Auf Wie-
dersehen« sagen. Ich fuhr
nach Hause!

140
Mehr über Hudson Taylor

James Hudson Taylor wurde 1832 in Barnsley, York-


shire, in England geboren. Alle Mitglieder seiner Fa-
milie waren Methodisten. Sogar John Wesley, der
Gründer der methodistischen Kirche, war einmal
Gast im Hause seiner Großeltern.
Als er noch klein war, wurde Hudson Taylor zu
Hause unterrichtet und erklärte schon bald im Alter
von ungefähr fünf Jahren, dass er Missionar in China
werden wollte, aber erst mit siebzehn Jahren war er
so weit, dass er sein Leben Jesus anvertraute.
Kurz darauf ging er auf ein College, um sich als Arzt
ausbilden zu lassen, denn er wollte als missionieren-
der Arzt nach China gehen. Während dieser Zeit tat
er außerdem sein Möglichstes, die chinesische Spra-
che zu lernen.
Am 19. September 1853 fuhr er auf einem Schiff nach
China, finanziell unterstützt von der Chinese Evan-
gelical Society. Seine Reise auf dem Schoner Dumfries
und alle Ereignisse während der ersten zweieinhalb
Jahre in China werden in diesem Buch beschrieben,
auch wenn der Junge, Neil Thompson, nur eine er-
fundene Figur ist.
Trotz der ständigen Einwände Miss Alderseys wur-
den Hudson Taylor und Maria Dyer am 20. Januar
1858 getraut – mit dem Segen von Marias Onkel und
Vormund Mr. Tarn aus England.
Man kann jedoch nicht außer Acht lassen, dass Hud-
son Taylor ein sehr ungewöhnlicher Missionar in die-

141
ser Zeit war und dass er sich damit die Ablehnung vie-
ler Menschen einhandelte. Er bestand nicht nur dar-
auf, chinesische Kleidung zu tragen, um von den Chi-
nesen besser akzeptiert zu werden, sondern auch dar-
auf, keine Schulden zu machen. Er war stark beein-
flusst von Georg Müller, einem Mann, der in seinem
Leben zehntausend Waisenkinder versorgte, ohne je-
manden um Geld zu bitten. Wie Müller glaubte auch
Hudson Taylor, dass ein Christ nie um Geld bitten,
sondern seine Bedürfnisse Gott anvertrauen solle.
Wegen der Unstimmigkeiten mit der Chinese Evan-
gelical Society zog Taylor sich bald zurück und führte
seine Missionsarbeit auf eigene Faust weiter. Gott
sorgte nicht nur für seine materiellen Bedürfnisse –
sein Dienst unter dem chinesischen Volk war von
vielen Bekehrungen gekrönt. 1860 jedoch, nachdem
er sich als Direktor des Londoner Missionskranken-
hauses in Ningbo in China so sehr in die Arbeit ge-
kniet hatte, wurde er sehr krank, sodass er und Maria
nach England zurückkehren mussten. Dort arbeitete
er an einer Übersetzung des Neuen Testaments in
den chinesischen Dialekt von Ningbo und warb für
neue Missionare in China.
Während dieser Zeit wurde sein Interesse am Inland
Chinas so stark – angespornt noch durch seine Erin-
nerungen an die Missionsreisen in diesem Land –
dass er die China-Inland-Mission gründete. 1866 segel-
ten Hudson und Maria Taylor mit einer Gruppe
neuer Missionare zurück nach China, um ihren
Dienst im Inneren des Landes aufzunehmen.
Zu Taylors großer Trauer starb Maria 1870 an Cho-
lera, kurz nachdem Taylors fünfter Sohn, noch ein

142
Säugling, an derselben Krankheit gestorben war.
Zwei Jahre später heiratete Taylor Miss Jennie E.
Faulding, die Leiterin einer Organisation in Hang-
zhou.
Unter der Leitung Taylors blühte die Missionsarbeit
im Inneren Chinas auf, und bis er sich 1901 zurück-
zog, zählte die China-Inland-Mission achthundert
Missionare – ungefähr die Hälfte aller Missionare in
China. Ein weiterer Fortschritt, den Taylor erzielte,
war, dass diese Missionare aus verschiedenen Kir-
chen und Gemeinden kamen, die sich alle dafür ein-
setzten, das Evangelium zu verbreiten.
James Hudson Taylor starb 1905 in Changsha.

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Dave und Neta Jackson

Heimatlos –
Taschenbuch Gladys Aylward

160 Seiten
Best.-Nr. 255.445

Die sechsjährige Mei-En schrie vor


Angst!
Die Zigeunerin, in deren Besitz sie sich
befand, wollte sie gerade an eine
fremde Frau verkaufen.
Die Zeiten waren hart in den Berg-
regionen von China.
Man schrieb das Jahr 1934, und Waisen
wurden oft für wenige Cent verkauft.
Aber Fremde wurden von den
Chinesen als »Teufel« betrachtet.
Daher war sich Mei-En sicher, dass die
kleine Frau in chinesischer Kleidung
sie offenbar zum Abendbrot verspei-
sen wollte!
Doch die neue Besitzerin von Mei-En
war die leidenschaftliche und ange-
sehene Missionarin Gladys Aylward.