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TEST Schlafmittel: Pillenposse


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 9/2016 vom 25.08.2016 ⋅ Seiten 100-105 ⋅ ! Lesedauer ca. 8 Min.

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Der Griff zu rezeptfreien Schlafmitteln ist in ruhelosen Nächten verlockend. Doch unser Test von 18
pflanzlichen und sieben chemischen Präparaten zeigt: Ihre Wirkung ist mehr als fraglich.

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Foto: Baronb/Shutterstock

Der Automat brummt, langsam füllt der braune Faden die Tasse der Kollegin. Unter ihren Augen
dunkle Schatten der vergangenen Nacht: „Wenn ich nicht einschlafe, dann schlafe ich nicht ein“,
erzählt die 34-Jährige müde in der Verlagsküche. Sie liege dann über Stunden wach und sei am
nächsten Tag matt und kaum noch zu gebrauchen. „Es gibt Abende, da merke ich schon an mei-
ner Nervosität vorm Zu-Bett-Gehen: Heute wird’s richtig schwer.“ Etwa einmal in der Woche klappe
es einfach nicht. Sie sei ein sensibler Schläfer. In psychisch belastenden Zeiten bekomme sie oft
über Wochen kein Auge zu. In der Verzweiflung habe sie auch Tabletten vom Hausarzt probiert:
„Das harte Zeug knipst einen richtig weg und man schläft auch durch.“ Erholend sei dies aber
nicht gewesen. Wenn es gar nicht geht, schlucke sie mittlerweile rezeptfreie Doxylamin-Pillen: „Die
machen mich wenigstens müde.“

Mehr als jeden zweiten Deutschen quälen gelegentlich solche Ein- und Durchschlafprobleme. Das
ergibt eine Studie des Robert-Koch- Instituts von 2013, an der 7.988 Erwachsene teilnahmen. An
behandlungsbedürftigen Schlafstörungen litten davon 5,7 Prozent; hochgerechnet immerhin 4,6
Millionen Bundesbürger. Fast vier Prozent der befragten Männer und doppelt so viele Frauen er-
klärten zudem, mindestens einmal im Monat zu verschriebenen oder rezeptfreien Schlafmitteln zu
greifen.

233 Millionen Euro setzte die Industrie 2015 mit rezeptfreien Schlafmitteln um

Die Pharmaindustrie verdient gut an ihnen. 233 Millionen Euro setzten Apotheken, Drogerien und
Supermärkte mit rezeptfreien Präparaten um, errechneten die Marktforscher von Ims Health für
das Jahr 2015. Das Gros mit 169 Millionen Euro machen davon pflanzliche Produkte aus.
Gängigster Wirkstoff: Baldrian. Ganze 91 Mittel basierend auf der Heilpflanze sind derzeit als
Medikament gegen Schlafstörungen zugelassen, erklärte uns das Bundesinstitut für Arzneimittel
und Medizinprodukte (BfArM). Erstmals sei Baldrian in dieser Form 1993 bundesweit verkauft
worden. Die Wirksamkeit müssen und mussten Hersteller dafür in vielen Fällen nicht mit eigenen
wissenschaftlichen Studien untermauern. Für gängige Rezepturen genügt es heute etwa, auf die
positive Einschätzung der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) zu verweisen. Demnach be-
legt die Studienlage der vergangenen zehn Jahre für bestimmte Baldrianwurzel-
Arzneizubereitungen zwar keine objektive Wirksamkeit, aber einen gut bewährten, praktischen
Nutzen. Daher sei davon auszugehen, dass sie den Schlaf bei leichten Schlafstörungen verbes-
sern. Die Forschung zu weiteren Baldrianprodukten sei unzureichend. Ihr über 30-jähriger traditio-
neller Einsatz bezeuge jedoch, dass sie sicher und nützlich seien, so die EMA.

Auch mit chemischen Schlaftabletten macht die Branche Kasse. Der Umsatz mit den sogenann-
ten Antihistaminika betrug im vergangenen Jahr etwa 64 Millionen Euro. Ihre Wirkstoffe
Doxylamin und Diphenhydramin vermarktete die Industrie ursprünglich als Allergiemittel. Ab 1978
wurden sie wegen ihrer müde machenden Nebenwirkung erstmals auch als Arzneien gegen Ein-
und Durchschlafstörungen verkauft, so das BfArM. Ganze 291 Präparate diesen Typs seien derzeit
zugelassen. Hoggar Night von Stada, das erste und älteste, ist Ims Health zufolge sogar heute
noch das umsatzstärkste. Die Zulassungshürde war damals niedriger: Erst seit 1992 müssen
Hersteller in der EU für Schlafmittel Wirksamkeitsbeweise vorlegen, die aktuellen internationalen
Wissenschaftsstandards entsprechen. Allerdings gilt das heute laut BfArM nicht zwangsläufig.
Denn für die alten Pillen sind die Patente abgelaufen. Ahmt ein Hersteller etwa eine Schlaftablette
aus den Siebzigern baugleich nach, genügt es unter anderem, auf deren Jahrzehnte alte
Prüfunterlagen zu verweisen.

Der Griff zu den rezeptfreien Helferlein ist umstritten. „Man sollte zunächst niedrigschwellig begin-
nen und verschiedene rezeptfreie Mittel ausprobieren, bevor man bei Schlafproblemen
Verschreibungspflichtiges einnimmt“, meint etwa Professor Ingo Fietze, Leiter des
Schlafmedizinischen Zentrums der Berliner Charité. Baldrian und die Antihistaminika seien grund-
sätzlich Substanzen, die in den Schlafstoffwechsel eingreifen und das Potenzial besitzen zu hel-
fen. Anders sieht das Professor Dieter Riemann vom Universitätsklinikum Freiburg: „Gehen Sie
besser zum Arzt, als ins Blaue hinein eine Selbstmedikation zu starten. Hinter anhaltenden
Schlafproblemen kann alles Mögliche stecken“, erklärt der Schlafexperte. Die Einnahme von re-
zeptfreien Mitteln, deren Wirkung unklar sei, könne das Erkennen und die Therapie ernsthafter
Erkankungen über Monate verschleppen.
Doch wann sprechen Mediziner überhaupt von behandlungsbedürftigen Schlafstörungen? „Jeder
schläft mal schlecht in fremden Betten, jeder hat mal Stress, jeder hat mal einen Todesfall in der
Familie“, erläutert Fietze. Spätestens wenn solche akuten Auslöser verschwunden seien und die
Schlafprobleme andauern, sollten die Alarmglocken klingeln.

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