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Wahrend Piet Mondrian im Mai 1920 seine Die innere Sicht

Werke für eine Ausstellung vorbereitete,


schrieb er seinem Malerkollegen Theo van Ist es nicht ironisch, dass nach einem Künst­
Doesburg und dessen Frau Nelly: ,,Es wird ler, der sich so intensiv mit der Variabilitat
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mir natürlich besonders wertvoll sein zu der Farbwahrnehmung unter verschiedenen
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horen, was Ihr von meinem Werk haltet. Lichtverhaltnissen beschaftigte, ein Gerat
Does hat schon vie] davon gesehen, doch benannt wurde, mit dessen Hilfe das Phano­
durch die Ausführung ist alles noch ganz men der Farbkonstanz - der trotz wechseln­
andcrs geworden. Vielleicht wird es ihm der Beleuchtung gleichbleibenden Farbwahr­
auch gar nicht so auffallen, weil er jetzt die nchmung - nachgewiesen werden kann? In
Erinnerung daran hat und weil er vieles im den frühen 1960er Jahren entwickelte Edwin
schmeichelnden Abendlicht gesehen hat." H. Land, der Mitbegründer der Polaroid Cor­
Mondrian wies die Empfanger darauf hin, poration, den ersten ,,Mondrian" - cine aus
dass die Wirkung seiner Malerei von der ,,in viele Rechtecke verschiedener Grof?.e
Beleuchtung abhange: ,,Ais ich das Neue geschnittenen grauen Papieren" zusammen­
neben dem Altcn gesehen habe, fiel das Alte gesetzte Schautafel (Abb. 1). 2 Damit wolltc er
(was die Farbe anbelangt) deutlich ab. Vor seine Retinex-Theorie testen, der zufolge die
allem das Grof?.e braucht viel Licht, nun ja, Farbwahrnehmung auf einer neuronalen
das wird Does beim Rangen wohl sehen."1 Aktivitat zwischen der Retina, der Netzhaut,
Mondrians anhaltendes Interesse an und dem Cortex, der Hirnrinde, beruht. Bald
Farbwerten und ihrcm Wandel in ver­ schon folgten Farb-,,Mondriane", und heute
schiedenen Umgebungen war das Ergebnis ist ein ,,Mondrian" in der naturwissenschaft­
seiner intensiven Beobachtung von Verhalt­ lichen Forschung ein gelaufiger Begriff für
nissen zwischen einzelnen Farben und zwi­ eine Anordnung farbiger Flecken zur experi­
schen Gemalde, Beleuchtung und Ausstel­ mentellen Untersuchung der Farbwahrneh­
lungsraum. Darübcr hinaus wurde ihm die mung.3
Unbestandigkeit und Veranderlichkeit der Was anfanglich ein Kontrollmechanismus
Farbwahrnehmung zur Analogie für das war - mit Hilfe des ,,Mondrians" sollten Fak­
situationsabhangige Verhaltnis von Subjekt toren wie Wiedererkennen in Erinnerung und
und Objekt -Ausdruck für ein Gespür, das er Wissen ausgeschlossen werden -, wurde in
mit Begriffcn wie Bewusstsein, Psyche oder jüngerer Zeit zur Untersuchung der Wahr­
Geist in Verbindung brachte. Mit diesen nehmung abstrakter Kunst angewendet. Der
Begriffen lasst sich Mondrians Abstraktion Neurologe Semir Zeki sieht einen ,,Unter­
neu verstehen. schied zwischen der Betrachtung farbiger

Farbe und Erinnerung bei Mondrian


Michael White
abstrakter und naturalistischer Szenen, und eine Photokopie als ,,Original" eines Mondri­
abstrakte Szenen scheinen tatsachlich frühe an-Gemaldes, in den 1990er Jahren eine digi­
visuelle Bereiche anzusprechen, ohne auf tale Prasentation auf dem Computerbild-
Bereiche einzuwirken, die nur aktiviert wer­ schirm. Was die ,,empirischen" Forscher in
den, wenn wir naturalistische Szenen be­ Mondrians Werk sehen und was ihn in ihren
trachten". Darin erkannte Zeki ,,eine wichtige Augen zu einem ,,paradigmatischen Künstler
neurologische Rechtfertigung der Bemühun­ für empirische À.sthetik" werden lieB, 9 ist <las,
gen Mondrians und anderer, die konstanten was sie sehen wollen: eine Reihe allgemein­
Elemente aller Formen und Farben auf die gültiger asthetischer Prinzipien. Sie vernach­
Leinwand zu bringen". 4 Nur nahm der Neuro­ lassigen die gemalte Oberflache ebenso wie
loge einen ,,Mondrian" für einen Mondrian. ihre Prasentationsform, die zu Mondrians
Seine Versuchspersonen betrachteten das eine, wichtigsten Anliegen zahlte.
und er zog Rückschlüsse auf das andere. 5 In der Ausstellung des ,,Hollandsche Kuns­
Psychologen am University College Lon­ tenaarskring" im Stedelijk Museum in Amster­
don (UCL) haben 1993 eine Studie durchge­ dam 1917, in der die Komposition in Linie erst­
führt, die ergab, dass Mondrians Gemalde mals gezeigt wurde, hingen daneben zwei klei­
,,keine willkürlichen Linienkonfigurationen nere Bilder, Komposition in Farbe A und Kom­
sind, sondern optimale asthetische Konfigu­ position in Farbe B (Abb. 2-4). In dieser unge­
rationen" darstellen. Die Versuchspersonen wohnlichen Anordnung, die mit einem Tripty­
konnten sie von ahnlichen Kompositionen chon verglichen wurde, setzte Mondrian Farbe
unterscheiden und gaben ihnen den Vorzug. 6 gegen Nichtfarbe. In einem Brief an seinen
Als in einem früheren Experiment, in den Künstlerfreund Theo van Doesburg auBerte er
1960er Jahren, die Versuchspersonen aufge­ Bedenken über die Auswirkungen, die die Pra­
fordert worden waren, zwischen Mondrians sentation der Gemalde im Museum auf ihre
Gemalde Komposition in Linie von 1916/17 Farbwerte hatte: ,,Auch was das Blau betrifft,
(Abb. 3) und einer ahnlichen, nach dem hast Du recht, obwohl das Licht im Suasso [Ste­
Zufallsprinzip von einem Computer generier­ delijk Museum] die Farbwertc zu verandern
ten Komposition zu wahlen, hatten sich die scheint. In meinem - zu kleinen - Atelier wirk­
meisten für die Computerversion entschie­ te alles anders. Es ist auch eine technische Fra­
den.7 Das UCL-Team kritisierte die Bedingun­ ge: Mein Werk müsste dort entstehen, wo es
De- :!.londrian. gen dieses Experiments: Die Computer-Kom­ gezeigt wird, unmittelbar auf diesen Ort bezo­
�H.Land: position habe sich vom Original in Form und gen. "10 Auf der Ausstellung des ,,Hollandsche
GroEe der Bildelemente unterschieden. 8 Bei Kunstenaarskring" im Jahr zuvor hatte Mon­
dem Experiment in den 1960er Jahren diente drian sein Werk an ,,eine weniger beleuchtete
Stelle" gehangt, wodurch die Wirkung der leuchtung als gleich interpretiert wird. Darau;;:
Farben offenbar gesteigert wurde, wie zwei folgt jedoch nicht notwendigerweise, das:.­
Besprechungen hervorhoben. 11 Mondrians Ziel, der Farbe Konstanz zu verle1-
In dieser Zeit arbeitete er an seiner hen, indem er sie ,,rein, flachig und abgeschlos­
Abhandlung ,,De Nieuwe Beelding in de schil­ sen" (,,zuiver, vlak en afgesloten'') einsetzte.
derkunst" (Die Neue Gestaltung in der Male­ der Absicht des Physiologen entspricht, de..­
rei), die 1917/18 in der Zeitschrift De Stijl zeigen will, warum wir die Farben sehen, dit:"
erschien. Darin formulierte er die theoreti­ wir sehen.
schen Grundlagen einer abstrakten Kunst. In ,,De Nieuwe Beelding in de schilder­
Ausführlich erorterte er die Farbe und die kunst" widmete Mondrian sich ,,dem reinen
Frage, wie sich diese bestimmen lasse (,,tot bildnerischen Sehen" (,,het zuiver beeldend.
bepaaldheid gesteld"). Sie solle nicht einfach zien''), <las er auch als ,,<las verinnerlichte bild­
nur als Lokalfarbe, sondern als visuelles Fak­ nerische Sehen" (,,het verinnerlijkte, bee�­
tum mit eigener Identitiit wahrgenommen dend zien'') bezeichnete. Den Übergang vom
werden. Die Farbe sei launisch und widersetze Impressionismus zum Neoimpressionismfü
sich <lem Wunsch des Künstlers, sie zu etwas und Divisionismus stellte er als einen Proze_::­
Bestimmtem zu machen. Daher riet Mondri­ ,,der Loslosung von der ,gewohnlichen' Seh­
an: ,,Wahrend die Neue Gestaltung jedc Tech­ weise" dar: ,,Es war, als verlagere sich das
nik scheinbar aufgegeben hat, ist doch gerade Sehen immer mehr nach innen. "14 Das scheim
sie von so groEer Bedeutung geworden, dass Zekis Konzept der ,,inneren Sicht" und seiner
die Farben am Ort selbst, wo das Bild betrach­ Behauptung nahezukommen, dass die Farbe
tet werden soli, gefunden werden müssen: ,,<lem Gehirn zugehort und nicht der AuEen­
Erst dann kann die Wirkung der Farben wie welt, auch wenn sie von der physikalischen
auch die der Beziehungen richtig sein."12 Realitat in dieser Wclt abhiingig ist". 15 In ZekL
Mondrians Auseinandersetzung mit der Konzeption spielt allerdings die.für Mondrian
Relativitat der Farbe in der Wahrnehmung so wichtige Erinnerung keine Rolle.
2 1 Ausstellung des unterscheidet sich vom physiologischen For­
,,Hollandsche Kunslt:­ schungsinteresse an der Farbkonstanz. Ihn Erinnerung und Verinnerlichung
naarskring" im
Stedelijk Museum
beschiiftigte, dass das Blau im Stedelijk
Amsterdam mit Piel Museum ganz anders erschien als in seinem Zwei Werke, die Mondrian unmittelbar vor
Mondrians Komposi­ Atelier. Wie Physiologen gezeigt haben, seiner Abreise nach Paris im Sommer 1919
lion in Linie, Komposi­
bewirkt die funktionale Spezialisierung der vollendete (Abb. 5), 16 kommentierte er in sei­
tion in 1-'arbe A und
Komposition in Farbe B, Rezeptorzellen im Gehirn, dass die Farbe ner Korrespondenz. An Theo van Doesburg
1917 eines Objekts trotz Ânderungen in der Be- schrieb er: ,,Ich arbeite zurzeit an einem Bild.
das die Rekonstruktion des Sternenhimmels lich nicht durch <las Eine <las Erinnerungsbild
ist, aber ich tue das, ohne mich auf etwas in des Anderen real werden? Ist die Fahigkeit, zu
der Natur Vorhandenes zu stützen. Wenn sehen und das Schone in der Vorstellung zu
jemand sagt, man müsse von einer gegebenen fassen, nicht immer in uns?"21
Natur ausgehen, so kann er genauso recht Wenn Mondrian von Erinnerung spricht,
haben wie jemand, der behauptet, man sollte benutzt er das Wort ,,herinnering". Er spricht
<las nicht. " 17 nicht von einem guten Gedachtnis (,,geheu­
Diese Bemerkung steht mit der dritten gen") oder einem Gedenken (,,gedachtenis"),
Szene von Mondrians Text ,,Natuurlijke en sondern von etwas, das der ,,beelding" ver­
abstracte realiteit" (Natürliche und abstrakte wandt ist, etwas Prozessualem, einem Akt der
Realitat) in Verbindung, der 1919/20 in De Verinnerlichung. Es geht um eine Erfahrung,
St�jl erschien. Darin diskutieren drei Miinner in die das andere, das Objekt der Erinnerung,
über abstrakte Malerei, wahrend sie unter eingeflochten ist. Mondrian setzt die Form
dem nachtlichen Rimmel auf <lem Weg zum der Erinnerung, die er beschreibt, dabci mit
Atelier von Z sind, dem ,,abstrakt-realisti­ einem visuellen Phanomen gleich, dem des
schen Maler", dem literarischen Alter Ego ,,nabeeld", des Nachbildes.
Mondrians.18 In der letzten Szene des Ge­
sprachs, in der es um Erinnerung geht, erklart Goethe und die Erinnerung an Farbe
Z, dass der Künstler ,,die Gegebenheiten der
Natur nicht mehr [braucht], um zum Aus­ Mondrian hat sich mit seinen beiden Kompo­
druck des Schonen zu gelangen". 19 Hier sitionen in hellen und dunklen Farben auf
bedient sich Z einer sokratischen Technik, um Goethe bezogen, mit dessen Farbenlehre er
seine Gesprachspartner einer Definition von sich seit 1908 beschaftigt hatte und dessen
Kunst zustimmen zu lassen: ,,In der Tat, die Ideen ihm auch von Rudolf Steiner, Gerard
Kunst ist fast immer Ausdruck von Erinne­ Bolland und Mathieu Schoenmaekers ver­
;,..._-.c-=:., Otterlo rung."20 Darauf folgt eine Erorterung der Rea­ mittelt worden waren.22 Mondrian knüpfte an
" -a;-;an litat von Erinnerungsbildern: ,,Was soeben Goethes Polaritatsbegriff an und visualisierte
=.-::Trust noch real war, ist es auch jetzt noch, und Sie <las Konzept der zwei Elementarfarben Gelb
existieren in diesem Augenblick nicht minder und Blau, die um Rot als eine dritte ,,erweitert"
als vorhin: Wird etwa das Band zwischen werden konnen. Betrachtliche Teile der Far-
Ihnen und den Dingen zerschnitten, weil Sie benlehre Goethes sind fast wortlich in den
sie nicht mehr sehen oder weil Sie jetzt etwas Schriften des niederlandischen Philosophen

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anderes sehen? Ist weiter eine beliebige Sache Bolland zu finden, dessen an Hegel geschulte
nicht ebenso real wie eine andere, kann folg- Dialektik Mondrian beeinflusst hat. 23 In der

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Nachfolge Goethes begriff Bolland die Farbe Farben, die nicht einfach durch die Aufnal1me
als komplementaren Gegensatz zum Licht, als von - in früheren Zeiten ,,in das Reich der
etwas, das, anders ais das Licht in seiner Allge­ schadlichen Gespenster" verbannten - Licht­
meinheit und Unteilbarkeit, der Wahrneh­ eindrücken erfüllt werden kann, sondern
mung bedarf. Nach diesem Konzept nimmt durch die Aktivitat der Netzhaut, die sich
jedoch die Farbe Licht an und kann es sogar ,,durch eine Sukzession von Schwingungen,
hervorbringen, so wie das Licht Farbe braucht, gegen den gewaltsamen au:15ern Eindruck
um erscheinen zu kônnen. Diese dialektische nach und nach wieder herstellt". 27
Wechselwirkung von Licht und Farbe verband Von dieser restaurativen Kraft des Nach­
Mondrian mit Erinnerung, da ,,reine" oder bildes gelangte Goethe in seiner Farbtheorie
,,primare" Farbe in Analogie zur Erinnerung zur Natur der Erinnerung und der Môglich­
Licht aufgenommen habe und es in seinen keit, das Nachbild mit Hilfe der Vorstellungs­
,,ursprünglichen, innersten und universellsten kraft zu rekonstruieren. 28 In seiner Rezension
Zustand" nach augen bringe.24 von Jan Purkinjes Beitragen zur Kenntnis des
Goethe leitete seine Farbenlehre mit den Sehens in subjektiver Hinsicht bezeichnete
,,physiologischen Farben" ein und beschrieb Goethe die Schulung des Sehens, um das
Nachbilder sowie Farben im Auge, die bis Nachbild langere Zeit bewahren zu kônnen,
dahin ,,als Tauschung und Gebrechen be­ ais ,,Vorbildung des Gedachtnisses und der
trachtet" worden waren, wahrend sie für ihn Einbildungskraft". 29 lm Anschluss daran be­
,,die notwendigen Bedingungen des Sehens" richtete er von seiner Fahigkeit, zwei chroma­
waren. 25 Mondrians Malerei spiegelt die Be­ tische Bilder zu ,,denken", eine Blume und
schaftigung mit dieser Farbtheorie. 26 Indem eine ,,bunt gemalte Scheibe". In beiden Fallen
er die flüchtigen und verganglichen Empfin­ waren die Bilder in standigei:- Bewegung; aus
dungen im Auge an den Beginn seiner Farben­ dem Inneren der Blume entfalteten sich unab­
lehre stellte, gab Goethe der Dauer eine zentra­ lassig neue Blumen, wahrend die Buntglas­
le Bedeutung. Wenn er den Wechsel beschreibt scheibe ,,aus der Mitte gegen die Peripherie
5 I Piet Mondrian: zwischen der Dunkelheit, die das lang konzen­ sich ahnlich einem Kaleidoskop immerfort
Komposition mit triert schauende Auge ermüdet, und der plôtz­ veranderte". Goethe kam zu <lem Schluss:
Gitter 8: Schachbrett­
lwmposition mit
lichen Helligkeit, die es blendet, spürt er dem ,,Hier ist die Erscheinung des Nachbildes,
dunklen Farben, 1919, Übergang vom einen Zustand zum anderen Gedachtnis, produktive Einbildungskraft, Be­
Gemecntemuscum nach. Der Flüchtigkeit der Farbe kann Goethe griff und Idee alles auf einmal im Spiel und
DenHaag
zufolge zwar nicht Einhalt geboten werden, manifestiert sich in der eignen Lebendigkeit
©Mondrian/
Holtzman Trust, doch gleichzeitig spricht er von der ,,Forde­ des Organs mit vollkommener Freiheit ohne
Kat.43 rung der Dauer" im Nachbeben der gesehenen Vorsatz und Leitung."3o
Es ist vcrlockend, diese Darstellung mit der von Orange und Blau in Komposition mit
Mondrians Beschreibung ,,des Geistes der Gitter 8: Schachbrettlwmposition mit dunklen
neuen Zeit" in Verbindung zu bringen, ,,wel­ Farben (Abb. 5, Kat. 43). Die Wirkung einer
cher, je bewuBter er wird, sich auch desto Farbe auf eine andere, das Problem der Wan­
mehr imstande zeigt, die verschiedenen delbarkeit der Farbe, tritt in der Modulation
Momente der Betrachtung in einen einzigen der Trennlinien zwischen den Farbfeldern
Moment, in eine ununterbrochene Betrach­ hervor. lm Neoplastizismus setzt sich keines
tung zu überführen", 31 die gegeben wird, wah­ dieser Merkmale fort. Yve-Alain Bois geht so
rend die Figuren seines Trialogs den Sternen­ weit zu sagen, dass Mondrian, als er diesen
himmel betrachten. Schritt tat, ,,den Gegensatz zwischen Farbe
Solche Verbindungen zwischen Wahrneh­ und Licht aus seiner Malerei entfernte",:i3
mung und Gedachtnis sind auch in einer wei­ genau den Gegensatz, aus <lem Goethes Theo­
teren Inspirationsquelle Mondrians in dieser rie sich entwickelt hatte und auf den alle dar­
Zeit zu finden, in Mathieu Schoenmaekers aus hervorgegangenen sich stützten. Für Bois
Darstellung der Farbwahrnehmung als einer ist der Neoplastizismus eine Form der
wesentlich zeitlichen Erfahrung, die auf ,,den abstrakten Kunst, eine Kunst, die nicht mehr
Wechsel von Tag und Nacht, das Helle und <las an die Strukturen der Darstellung gebunden
Dunkle in allerprimitivster Anschaulichkeit" ist, nicht einmal in <lem eingeschrankten Sinn
zurückgeht. Die Anziehungskraft der Farbe der Reproduktion retinaler Effekte. Die Auf­
auf den Menschen geht aus der ,,Freude des hebung dieses Gegensatzes ist eines seiner
sich wendendcn Lebens" hervor, ,,<las sich Kernargumente. Was aber bedeutet <las für
,wiederholt', <las verschwindet, um wieder zu das Parallelkonzept, das Konzept der Erinne­
erscheinen, immer dasselbe Leben und <loch rung? Hier soll ein alternatives Paradigma zum
ilnmer anders".:32 Hegelianismus, von <lem Mondrian durch­
Die sich standig andernde Wiederholung, drungen war, vorgestellt werden.
die diese Konzepte der Farbwahrnehmung
beschreiben, manifestiert sich in Mondrians Farbassoziation und Psychoanalyse
Malerei in dieser Zeit in seinen modularen
Strukturen und Rastern, in denen ein Muster Mondrians Trialog war nicht der erste seiner
suggeriert und gleichzeitig geleugnet wird. Art. Es gibt einen anderen, wenige J ahre zuvor
Die Farbkomplementaritat, die an umfassen­ verfassten und ebenfalls von Goethe ausge­
dere Konzepte der Fortdauer der Farbe henden Text, in <lem drei Figuren eine ,,<lem
geknüpft war, tritt immer noch deutlich in Vergehen geweihte" Landschaft durchqueren,
Erscheinung, zum Beispiel in dem Miteinan- und auch hier wird <las Phanomen der Veran-
derung thematisiert. Sigmund Freuds Essay ,,auf die Einmengung eines starken affektiven
,,Verganglichkeit", 1915 für den Berliner Goe­ Moments, welches ihr Urteil trübte, und glaub­
thebund geschrieben, wurde 1916 in einem te dies auch spater gefunden zu haben".35 Es
Sammelband mit dcm Tite! Das Land Goethes ist die Erinnerung an das Gesprach, intensi­
veroffentlicht. Freud erzahlt darin von einem viert durch die Geschehnisse des Krieges, die
,,Spaziergang durch eine blühende Sommer­ Anstog zu Freuds spateren Studien über Trau­
landschaft",34 den er mit einem Freund und er und die Bedeutung unangenehmer Erfah­
einem Dichter unternahm. Der Dichter konn­ rungen in der psychischen Entwicklung geben
te sich der Schonheit der Natur nicht erfreu­ sollte.
en, weil er sich ihrer Verganglichkeit bewusst Hier ist nicht der Ort, die Beziehung zwi­
war - für Freud der Ausgangspunkt für eine schen Freuds Erinnerungsverstandnis und
Betrachtung über Verlust und Trauer. Gegen seiner Affekttheorie eingehend darzustellen.
Ende des Essays enthüllt Freud, dass die von Sie sind eng miteinander verwoben und
ihm beschriebene Szene im Sommer des Jah­ durchliefen eine ausgedehnte Entwicklung;
res 1913, ein Jahr vor Beginn des Ersten Welt­ von einem auf psychischen Energiestromen
kriegs, stattgefunden habe, was <lem Text eine beruhenden Geistmodell ging er zum Konzept
zusatzliche Scharfe verleiht und Freud die der Triebe über, das hernt von Reflexsystemen
Gelegenheit gab, <lem düsteren Ausblick des und der Abfuhr übermafügcr Spannung zum
Dichters die optimistische Vorhersage ent­ Lebens- und Selbsterhaltungstrieb.36 Wenn
gegenzustellen, dass die Trauer über die Ver­ hier Freud erortert wird, dann nicht, um zu
luste des Krieges irgendwann überwunden behaupten, er sei für Mondrian eine bislang
sein werde. unentdeckte Inspirationsquelle gewesen, auch
Freud beschaftigte sich in diesem Essay wenn dieser über die Psychoanalysé besser
mit dem Problem der Erinnerung, mit seiner informiert gewesen sein dürfte, als gemeinhin
Erinnerung an ein Gesprach, das in seiner bekannt ist - in den Niederlanden wurde sie in
Rekonstruktion einen mahnenden Eindruck den Kreisen diskutiert, von denen bereits die
macht; im Rückblick scheint der Pessimismus Rede war.37
des Dichters berechtigt gewesen zu sein und Ein Beispiel dafür ist die Rezension der
dem vorausschauenden Charakter von Freuds niederlandischen Übersetzung von Freuds
eigener Wahrnehrnung der Zeitumstande zu Psychopathologie des Alltagslebens, die der
entsprechen, auch wenn die Grundhaltung Psychiater und Theosoph Albertus Johan
eine andere ist. Darüber hinaus schliegt Freud Resink 1916 in der Zeitung De Amsterdammer
aus der Weigerung des Freundes und des veroffentlichte.38 Resink ging auf die kurz
Dichters, seiner Argumentation zu folgen, zuvor erschienenen Erinnerungen Theo van
Doesburgs an Tra.urne und andere Aspekte diesem Fallbeispiel, Semmelweis, lê:ist Farbas­
der, wie er es nannte, ,,Psychologie der Kunst" soziationen aus, doch Starcke gibt der Farbe
(,,psychologie van de kunst") ein, bevor er aus­ nicht einfach nur eine wê:irtliche - expressive
führte, dass der Übersetzer von Freuds Buch, oder symbolische - Bedeutung; er begreift sie
der hollandische Psychoanalytiker Johan als etwas, das zwischen dem manifesten und
Starcke, ,,scharfer sieht als das normale Denk­ dem latenten Inhalt des Akts des Sich-nicht­
vermogen".39 Das führt in das Reich der ,,inne­ erinnern-Kê:innens agiert, das die Oberfla­
ren Sicht" zurück, wie Mondrian es in ,,De chenerscheinungen am oberen Rand des Dia­
Nieuwe Beelding in de schilderkunst" erê:irter­ gramms mit den ins Bewusstsein aufsteigenden
te. Aus dem Blick der Psychoanalyse auf Far­ affektiven Zustanden im unteren Teil ver­
be, Gedachtnis und Affekt ergibt sich eine für bindet.
das Verstandnis von Mondrians abstraktem Freud hat zwar nie eine Farbtheorie entwi­
Werk hilfreiche Parallele. Eine umfassende ckelt, doch bezieht er sich in seinen Schriften
Erklarung oder einen Schlüssel zu einer darin immer wieder auf Farben. 40 Sie sind in der
vielleicht verborgenen Bedeutung liefert die Psychoanalyse eng mit Affekten und Erinne­
Psychoanalyse allerdings nicht. rungen verknüpft. Freud verstand sie, wie
Starcke hatte seine Übersetzung der Joachim Danckwardt sagt, ,,als verlasslichste
Psychopathologie desAlltagslebens um mehre­ Affektreprasentanz und damit als energeti­
re Beispiele aus eigener Erfahrung erganzt, sche Nachklange eindrucksvoller Erfahrung
und Resinks Analyse des Analytikers Starcke und ihrer Erlebnisaspekte".41 Das lasst an die
beruhte auf diesen Fallbeispielen. Wie Die ,,blühende Sommerlandschaft" denken, die
Traumdeutung enthielt auch Zur Psychopa­ Freud in seinem Essay ,,Verganglichkeit" mit
thologie des Alltagslebens zahlreiche Selbst­ einem ,,starken affektiven Moment" in Ver­
analysen. lm ersten Fallbeispiel berichtete bindung brachte. Wahrend in frühen psycho­
Freud von seinem Unvermê:igen, sich an den analytischen Darstellungen psychischer Re­
Namen des Künstlers Signorelli zu erinnern, flexc und Entladungen noch Goethes Spuren
und er zeichnete ein Diagramm, um die ver­ zu finden sind - man ist an die Beschreibun­
borgenen Vorgange in seiner Psyche offenzu­ gen des geblendeten Auges erinnert, das nach
legen. Auch Starcke führte zu einigen seiner dieser traumatischen Erfahrung sein Gleich­
Fallbeispiele Diagramme aus (Abb. 6). Auf gewicht wiederherstellt -, stützten sich spate­
eines dieser Diagramme griff Resink in seiner re psychoanalytische Modelle weniger auf
Besprechung zurück. Es beleuchtet die Bezie­ augere Reize als vielrnehr auf die Fahigkeit
hung zwischen Farbe und Affekt im Diskurs der Psyche, an die Wunscherfüllung geknüpf-
der Psychoanalyse. Der vergessene Narne in te Erinnerungen zu erzeugen. Die Goethes
Farbgedachtnis kennzeichnende Verknüp­ duellen und von subjektiven Eindrücken und
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fung mit der sich entfaltenden Zukunft wurde allein die stille Unbewegtheit des Universel­
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:­ durch andere Zeitlichkeitsvorstellungen er­ len ausdrückt. "42 Mondrian weist darauf hin,
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0 setzt, wie Freud sie in seiner Darstellung des dass ,,Intensivierung" hier nicht mit dem Aus­
Todestriebs beschrieben hat. druck oder der Vermittlung des emotionalen
Zustands des Künstlers verwechselt werden
Erkennen und Nichterkennen darf. Er bediente sich der Farbe nicht, um
Stimmungen sichtbar zu machen, und Farben
Als Mondrian den Schritt zur neoplastizisti­ sollten seiner Meinung nach generell keinen
schen Malerei tat, gab er die Erinnerungsar­ gegenstandlichen Inhalt haben. Das bedeutet
beit des Nachbildes scheinbar auf. Die Farbe jedoch keineswegs, dass Mondrians neoplasti­
stand nicht mehr in Beziehung zum Licht, zistische Gema.Ide ohne Empfindungen oder
sondern zunachst einmal zur ,,Nichtfarbe" Affekte sind.
(Schwarz, Weig und Grau) und damit auch zur Der Affekt, mit dem die Psychoanalyse sich
kornpositionellen Verteilung. Verwendete er vor allem befasst, ist der der Angst. War sie
eine bestimmte Farbe in einem Gema.Ide, anfanglich in Freuds Theorie ein Nebenpro­
brauchte sich der Künstler nicht mehr ver­ dukt psychischer Konflikte und etwas, von
pflichtet zu fühlen, auch die Komplementar­ dem man sich befreien musste, sa gestand er
farbe in Erwagung zu ziehen. Vom Wunsch ihr im Lauf der J ahre eine gro�ere Autonomie
nach Einheit und Wiederherstellung, den zu. Schliefüich sah er in diesem Affekt eine
Goethe dern Auge zugeschrieben batte, war Notwendigkeit für das Überleben des mensch­
keine Rede mehr; eine ,,neue Harmonie" batte lichen Organismus. Die Angst war für Freud
die Oberhand gewonnen, eine Harmonie, die nicht mehr nur Symptom einer Reaktion, sie
allerdings von einigen zeitgenossischen Beob­ wurde fur ihn zu einem generativen Mecha­
achtern als unbehaglich und beangstigend nismus, der, wie sein Pendant, die Erinne­
wahrgenommen wurde. Bei diesem Schritt rung, nicht einfach nur Augenreize reprodu-
zum Neoplastizismus batte Mondrian nicht ziert. In seinem Essay ,,Das Unheimliche" von
alles hinter sich gelassen. An seiner Idee der 1919 macht er die Quelle dieses Gefühls des
Farbintensivierung hielt er fest, er bezeichne- Unbehagens nicht mehr in der Angst aus. Sei­
tc sie weiterhin als ,,Exteriorisierung" und ne Forschungen zum Lustprinzip hatten ihn
verknüpfte sie mit der Idee des sich dem zu der Überzeugung gebracht, dass verdriingte
Bewussten nahernden Unbewussten, des im Wünsche Unbehagen hervorrufen. Es ging
Besonderen manifestierten Universellen: ,,das ihm um das Erkennen dieses Zusammen­
Prinzip ist, dass die Farbe frei ist vom Indivi- hangs. Zwar verstorten und verstoren Mon-
drians neoplastizistische Gema.Ide em1ge Erfahrung wird festgehalten; diese zeitliche
Menschen, doch Angst ist kein Affekt, der Erfahrung beruht jedoch nicht mehr auf einer
gemeinhin mit ihnen assoziiert wird. 4:� Freuds Auflosung in ein Ganzes, wie sie in idealer
Begriffe ,,Erkennen" und ,,Nichterkennen" Weise im Farbenkreis dargestellt wurde. Auch
lassen sich sich dagegen sehr wohl mit ihnen die Verknüpfung der Erinnerung mit der
in Verbindung bringen. Zukunft, wie sie Goethe durch die Schulung
Der Einsatz von Primarfarben in Mondri­ der Visualisierungskrafte unterstützte, be­
ans Neoplastizismus brachte das Ende für hielt der Neoplastizismus bei, jedoch ohne
die Veranderlichkeit und Flüchtigkeit der einen berechenbaren Rhythmus entstehen zu
Farbe, wie sie zuerst von Goethe beschrieben lassen. Der Affekt des Neoplastizismus ist
wurde. Das bedeutet jedoch nicht, dass die nicht die Angst, sondern die Erwartung, die
Farbe in seinen spateren Gemalden vollig mit der Erinnerung gleichfalls vertraut ist.
invariabel wird. Weiterhin mischte er alle sei­ Die Farbkonstanz war Mondrians Antwort
ne Farben und trug sie schichtweise auf, um auf die Dinge, die er nicht kontrollieren konn­
ihre Dichte, Komplexitat und Leuchtkraft te: Kontext, Installation, Beleuchtung, unter­
sicherzustellen. Nie sind sie flach oder gerade­ schiedliche Umgebungen und individuelle
wegs aus der Tube aufgetragen - deutlich zu Begegnung - die Dinge, die die empirische
sehen im Gemalde Komposition mit Rot, Blau, Asthetik zu eliminieren versucht hat, um her­
Schwarz, Gelb und Grau (Abb. 7, Kat. 47) in den auszufinden, wie seine Gemalde wahrgenom­
schmalen roten und gelben Streifen, die aus men werden. Abgesehen von den Fallen, in
vielen verschiedenen Farbauftragen zu­ denen untersucht wird, wie in Mondrians
sammengesetzt sind. Die bis an die Rander Gemalden die Gewissheiten von Rot, Gelb und
des Bildes gedrangten Farbflachen, die sich Blau gegen die Ungewissheiten des Randes
über sie hinaus zu erstrecken scheinen, stellen und des Betrachterstandpunktes ausgespielt
die Frage nach dem Verhaltnis zwischen dem, werden, geben solche Studien kaum Auskunft
was wir sehen, und dem, was wir zu sehen darüber, was den Neoplastizismus von irgend­
glauben. Wie gelb ist dieses Gelb, und wo hort einer anderen Form der - abstrakten oder sonst
- Prè, .!>[ondrian: es auf? wie beschaffenen - Malerei unterscheidet.
Der Neoplastizismus vermittelt den Ein- Die Entdeckungen, dass das menschliche
druck, etwas darzustellen, was der Betrachter Subjekt pradisponiert ist, bestimmte Farben
�..remuseum schon einmal gesehen hat und dennoch zum zu sehen, dass die Farbwahrnehmung ver­
I-ia...,: ersten Mal sieht. An einer Verbindung zu Goe­ schiedene Bereiche des Gehirns in Anspruch
M ü<L-ian
=.:mTrust. thes Studium der im Akt der Visualisierung nimmt und dass die Wahrnehmung von Far­
":t"""-- ..;.- und Erinnerung herbeizitierten zeitlichen ben auf mehreren Ebenen in komplexen Sys-
ll)
in temen stattfindet, die der Erforschung der In einem Text aus dem Jahr 1930 über­
,;,
ll)
Wahrnehmung von ,,Mondrianen" zu verdan­ nahm Mondrian Schoenmaekers Analogie
ken sind, konnen einen Beitrag zum Verstand­ zwischen der Freude an der Farbe und der
nis des Neoplastizismus leisten. Doch konnen Gewissheit des Wechsels von Tag und Nacht.
sie noch nicht erklaren, warum Mondrians Mondrian identifizierte den Neoplastizismus
Gema.Ide den Betrachter so sehr fesseln. Bei mit der Morgendammerung und schrieb:
Goethe und Freud sind in den Andeutungen ,,Heute, in der Morgendammerung, lasst uns
zu den dynamischen Strukturen der Wahr­ schon im Geist des hellen Tages leben, der sich
nehmung und des Erkennens starkere An­ nahert." In einer Sprache, die einen Psycho­
klange an Mondrians eigene intuitive Vorstel­ analytiker beeindruckt hatte, führte er aus,
lungen über das zu finden, was die ,,innere um dahin zu kommen, müsse man den hellen
Sicht" ausmacht, sie kommen dem nahcr, was Tag Jieben. ,,Und um den hellen Tag zu lieben,
der Künstler sich vom idealen Betrachter muss man die Nacht geliebt haben, muss man
seiner Gema.Ide erhoffte: die Erfahrung zu die Dammerung gut gekannt haben und sie
machen, wie ihm etwas in den Blick kommt, immer noch lieben: Um das Tragische zu has­
das noch nicht ganz gegenwartig ist, das er sen, bedarf es eines langen Lebens. Dann ler­
jedoch auf geheimnisvolle Weise bereits nen wir, dass das natürliche Leben eine ewige
erfahren hat. Wiederholung von Nacht-Tag, Leben-Tod
Die naturwissenschaftlichen Forschungen (<las Tragische) und das menschliche Leben
zu Mondrian liegen auger Acht, dass die nur eine Entwicklung hin zu einem Gleichge­
Abstraktion für ihn eine zeitliche Dimension wicht dieser Dualitaten ist."44 Wenn der Neo­
besa:K Auch die kunsthistorische Mondrian­ plastizismus die sichtbare Welt hinter sich
Forschung ging haufig falschlich davon aus, lassen zu wollen scheint, dann nur durch die
dass Mondrian im Neoplastizismus abge­ Erinnerung an die sichtbare Welt.
schlossene Bilder zeige. Dass er sie so konzi­
pierte, dass sie sich nie auf einen Blick er­ Aus dem Englischen von
schlieEen, dass das Auge zwischen den Linien Wolfgang Himmelberg
und den sich aufeinander beziehenden Far­
ben wandern muss, zeigt dagegen, dass er
nicht der Ansicht war, seine Malerei habe,
metaphorisch gesprochen, schon die Helle des
Tages erreicht. Sie hat sich nicht vollstandig
von der gegenstandlichen Welt gelost und
tragt die Nacht noch in sich.
1
,,'t Zal me natuurlijk dig von einem ande- Spectrum 4,10 der Ho!!. K. K. aus- rn Piet Mondrian: De
't meeste waard zijn ren einfarbigen (1967), S. 89-95. gestellt batte, an Nieuwe Beclding
te hooren hoe jelui Flecken umgeben, 8 Vgl. McManus/ eine wenigcr be- in de schilderkunst.
mijn wcrk vinden. undjcdcr Flcckcn Cheema/Stoker lcuchtete Stelle IV, in: DeStijll,4
Does heeft er al vccl besteht aus einem 1993, S. 90. gehangt, und jetzt (1918), S. 42.
van gezien maar Stück matten Pa- 9 McManus 2013, gefiillt es mir wieder 14 ,,het zich losmaken

toch is alles nog heel pier, das eine gleieh- S. 152 f. ausgezeichnct), van de ,normale' zie-
anders geworden bleibende Licht- 10
,,Wat het blauw Brief von Piet Mon- ning. Het was alsof
door de uitvoering. menge refiektiert. betreft heb je ook drian an Sa! Slijper, het gezichtszintuig
Misschien zal 't hem Vgl. Semir Zeki: gelijk hoewel 't undatiert [ca. April zich al mccr en mccr
ook nict zoo opval- A Vision of the Brain, licht in Suasso de 1916], zit. n. Joas- naar binnen ver-
!en omdat hij nu de Oxford 1993, S. 230. kleurwaarden ten/Welsh 1998 ll, plaatste", Piet Mon-
herinnering er van 4
Semir Zeki: fnner schijnt te verande- S. 253. Dort sind drian: De Nieuwe
heeft en veel met Vision. An Explora- ren. Op mijn - te auch die Bespre- Beelding in de schil-
avond licht zag <lat tion ofArt and the klein - atelier deed chungen im Nieuwe derkunst. X, in:
wel fiatteert. Ais Brain, Oxford 1999, 't anders. Het is Rotterdamsche Coa- DeStij/1,ll (1918),
ik bij de nieuwe de S.201. ook maar een tech- rantvom 22. Marz S. 128, 130.
oude zag vie! de r;
Ausführlicher und nische questie: 1916 und in De Nieu- 15
Zcki 1999 (wie
Jaatste (in ldeur) erg eloquenter dar- ik voel zoo, dat mijn we Amsterdammer Anm. 4), S. 186.
af. De groote moet gestellt hat diesen werk op de plaats vom 1. April 1916 6
1 Yve-Alain Bois hat

vooral veel licht Standpunkt Whit- en in verband met de zitiert. Siehe auch sie mit Blick auf
hebben, enfin, dat ney Davis in seinem plaats zelf moest Den Haag 1994, ihre Verbindung zu
ziet Does zeker wel Aufsatz ,,Neuro- gemaakt worden", S. 172. Goethes Farben-
met ophangen", visuality", in: Brief von Piet 12
,,Waar de nieuwe lehre analysiert. Er
Brief von Piet Mon- nonsite.org 2 (2011), Mondrian an Theo beelding alle tech- spricht in diesem
drian an Theo und http://nonsite.org/ van Doesburg, niek schijn t opgege- Zusammenhang von
Nelly van Doesburg, issues/issue-2/ 16. Mai 1917, Archief ven te hebben, is ,,Mondrians Ge-
16. Mai 1920, Archief neurovisuality Theo en Nelly van deze juistzoo van wohnheit, in Hell-
Theo en Nelly van (aufgerufen am Doesburg, Rijks- gewicht geworden, Dunkel-Bildpaaren
Doesburg, füjks- 20.8.2013). bureau voor Kunst- dat de kleuren op zu arbciten, als
bureau voor Kunst- 6 McManus/Cheema/ historischc Docu- de plaats zelve waar wolle er die getrenn-
historische Docu- Stoker 1993, S. 93. mentatie, Den Haag, de beelding aan- te Wirkung von
mentatie, Den Haag, Vgl. Noll 1966. Nr. 134. schouwt zal worden, Licht und Farbe er-
Nr. 137 (Hervor- Nolis Interesse dar- li
,,Ik heb dat laatste moeten gemaakt proben", Yve-Alain
hebung im Original). an, Letzteres zu stuk dat ik op de worden: dàn eerst Bois: The Icono-
" Edwin H. Land: The bestatigen, zeigt Holl. K. K. [Bolland- kan de werking clast, in: Den Haag
Retinex, in: Ameri- sich darin, dass er in sche Kunstenaars- der kleuren zoowcl 1994, S. 32lf.
can Scientist 52,2 einem spiiteren Auf- kring] had nu op een ais der vcrhoudin- 17
,,Ik ben nu bezig met
(1964), S. 250. satz auf dieses Expe- minder verlichte gen juist zijn", Piet een ding dat een
3 Der ,,Mondrian" riment zurückgriff, plaats gehangen en Mondrian: De Nieu- reconstructie van
gleicht keinen vgl. Michael Noll: nu bevalt 't me we Beelding in de een sterrenlucht is,
erkennbarcn Objck- The Digital Compu- wêer uitstekend" schilderkunst. 3, in: maar toch maak ik 't
ten, keiner seiner ter as a Creative (Ich habe das letzte DeStij/1,3 (1918), zonder natuurgege-
Flecken ist volistan- Medium, in: IEEE Hile!, das ich auf S. 31. ven. Een die zcgt