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Wissenschaft für alle!?


5.–7. Dezember 2016 | Stadthalle Bielefeld

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Sehr geehrte Damen und Herren,

mehr als 50 Sessions, Vorträge, Projektvorstellungen und interaktive Formate und


550 Teilnehmerinnen und Teilnehmer – das war das 9. Forum Wissenschaftskommu­
nikation in Bielefeld.
Mit »Wissenschaft für alle!?« standen drei Tage lang Fragen rund um Strategien
zur Vermittlung von Wissenschaft in die Gesellschaft und zur Einbindung der Bürger
in Debatten und in die Forschung selbst im Mittelpunkt. Wen erreicht die Wissenschaft
heute eigentlich? Wen muss sie erreichen? Kann Citizen Science weitere Teile der
­Gesellschaft in Forschungsprojekte einbinden? Und wie können wir »Fake news« und
wachsender Skepsis gegenüber Fakten und Experten entgegenwirken und diejenigen
ansprechen, die bisher kein Interesse an Wissenschaft zeigen?
Zwölf Autorinnen und Autoren fassen die vielfältigen Beiträge, Debatten und Visio­
nen in dieser Dokumentation zusammen und machen Lust auf mehr. Gut so, denn auch
2017 findet das Forum Wissenschaftskommunikation statt: vom 27. bis 29. November
Wissenschaft im Dialog (WiD) möchte bei Menschen aller in Braunschweig und dann bereits zum 10. Mal. Dazu lade ich Sie herzlich ein. Jetzt
Altersgruppen und jedes Bildungsstandes Interesse an For­ ­wünsche ich aber erstmal: eine i­nteressante Lektüre!
schungsthemen wecken und stärken. Dafür organisiert WiD
deutschlandweit Diskussionen, Schulprojekte, Ausstellungen
und Wettbewerbe rund um Forschung und Wissenschaft. Ziel Ihr
dabei ist, dass sich möglichst viele Menschen auch mit kon­
troversen Themen der Forschung auseinandersetzen und an
aktuellen Diskussionen beteiligen. Die gemeinnützige Organi­
sation wurde 1999 auf Initiative des Stifterverbandes für die
Deutsche Wissenschaft von deutschen Wissenschaftsorga­
Markus Weißkopf
nisationen gegründet. Als Partner kamen Stiftungen hinzu. Geschäftsführer
Maßgeblich unterstützt wird WiD vom Bundesministerium für Wissenschaft im Dialog
Bildung und Forschung. www.wissenschaft-im-dialog.de
Inhalt
6 Deutschland 2030 – Roadmaps in die Zukunft 25 Keine Kommunikation für die Tonne! – Wie ­ 47 Empirische Sozialforschung in der 68 Gamification in der Wissenschaftskommunikation
Zurück in die Z
­ ukunft projektbezogene Wissenschaftskommunikation ­öffentlichen Wahrnehmung
Gamifiziert: Vom
Deutschlands
ihre Zielgruppe erreichen kann
Zeit für eine ­k urze Wissen­­s chafts­
Wissenschaftler Umfrage?
als Kommunikatoren? kom­m unikator zum
8 Keynote von Andreas Zick: Reden g ­ egen
­Spiele­e ntwickler
die Gewalt! Was kann Kommunikation in 52 Partizipative Gesundheitsforschung
­radikalen Zeiten überhaupt leisten? 27 Engaging new communities in s­ cience als Weg zu mehr Bürgerbeteiligung in
71 Scicamp: Das Barcamp zum ­Forum
»Reden hilft through folk dance and the arts den Gesundheitswissenschaften
­Wissenschaftskommunikation
gegen Gewalt« Tanz der Elemente Gemeinsam mit Gemeinsam ­p lanen,
­Z ielgruppen forschen ­g estalten
10 »Wenn ich mal groß bin, werde ich 29 Keynote von Melanie Smallman: C­ ommunicating
Wissen­schaftler« – Über Chancengleichheit Science in ›post-truth‹ Europe
54 Keine schwarze Kunst – Produktions­ und ­diskutieren
und Inklusion
Ehrlichkeit statt abläufe für Wissenschaftsfilme
Hallo ­a kademische platter Parolen Schritt für Schritt 73 Ändert Citizen Science das Verhältnis zwischen
Wissenschaft und Gesellschaft? – ­Reflektionen
Welt! zum Wissen­s chaftsfilm zum Boom der Bürgerforschung
34 Gefühlte Wissenschaft?
Wie viel
13 Wissenschaft für alle – Die Algorithmen
Kopf oder Bauch – 57 Frei und ungebunden? – Wissenschafts­
hinter der Technik begreifbar machen Bürger­b eteiligung
Die Zukunft mit oder Kopf und Bauch? kommunikation außerhalb der Institutionen
soll es sein?
Drei Mal verständ­liche
­Robotern ­g estalten 37 Das Informationsportal Wissenschaft to go, 76 Wissenschaft in 30 Sekunden – Aber wie?
15 »It Takes Two to Tango« –
wissenschaftskommunikation.de
ist online. Was steckt drin? ­
bitte! Kurz und gut
Internationales Forschungsmarketing und Warum überhaupt und für wen?
59 Wissenschaft und Zivilgesellschaft – und zuckersüSS
­universitäre Öffentlichkeitsarbeit
Forschung – Wie passt das zusammen?
Mit guten ­Ideen Formate – 79 Gemeinsam sind wir mutig – proaktive
um die Welt Koopera­t ion braucht Kommunikation schwieriger Themen
Fortbildung! neue Strukturen
18 »Erzähl schon!« – Storytelling als
Wie spricht man
Kommunikationsmethode 40 »Schreib doch mal ’nen Antrag!« – 62 Wortwerkstatt über Tier­v ersuche?
Finanzierungsmöglichkeiten
Gute Geschichten – für Wissenschaftskommunikation Glückliche Sätze: 82 Virtuelle Realität und die Vermittlung von Kulturerbe
gute Kommunikation? Viele Wege ­f ühren einfach, kurz, leben- Hier passiert Zukunft!
20 Zwischen Lobbyismus und guter B­ eratung: nach Rom dig und strukturiert
Wenn Wissenschaft politisch wird 84 »Ihr grinst uns an mit euren aufgeweichten
42 »MOOCst Du schon?« – Mit einfachen 64 Der blaue Faden - Konzept, Planung und ­Umsetzung ­ hrasen!« – Umgang mit Glaubenskriegern und
P
Wissenschaft und Mitteln zum eigenen offenen Online-Kurs zentraler Mottos bei Wissenschaftsevents Verschwörungstheoretikern in den sozialen Medien
­Politik – mehr Trans­ Sofa statt Hörsaal Motto oder nicht Motto?! Von der
parenz, mehr Dialog Kommunikation
45 Nikolaussession: Von den Wünschen, 66 Was heißt Citizen Science und ­Dialog mit »Truthern«
22 Mehr als bunte Inszenierung?! – Zur s­ trategischen den guten und den schlechten ­Taten in den Geisteswissenschaften?
Dimension von Science Events in der
­wissensbasierten Stadt- und Regionalentwicklung
der Wissenschaftskommunikation Von ­b loggenden
Science Events – Rute oder Schokolade? Geisteswissen­
demnächst auch in schaftlern und
meiner Stadt? ­Museen der Zukunft
Das 9. Forum Wissenschaftskommunikation war  Was? Wann ? Wo? – Das Programmheft bot einen Überblick
vom 5. bis 7. Dezember 2016 in der Stadthalle Bielefeld zu Gast …  über alle Veranstaltungen der drei Konferenztage. 

… dort begrüßte Markus Weißkopf am ersten Konferenztag  Neue Projekte und alte Bekannte: In den Pausen konnten sich die Teilnehmer
die rund 550 Teilnehmerinnen und Teilnehmer.  an den Infoständen der zahlreichen Aussteller informieren.
Deutschland 2030 – Roadmaps in die Zukunft 

Zukunftsszenarien werden
an die Pinnwand geheftet.

Zurück
sion gesellschaftsrelevanter Themen ist tung der Medien eine hohe Bedeutung bei.

in die Zukunft damit auf eine Art und Weise möglich, bei
der Probleme gewissermaßen schon an
Die Politik sei unfähig, die Wogen zu glät­
ten und würde damit Rechtspopulisten
der Wurzel gepackt werden. Um den Teil­ den Weg in den Bundestag ebnen, bis die­

Deutschlands nehmern diese Vorgehensweise näherzu­


bringen, zoomen die Referenten in einen
se schließlich die Regierung stellen. Wäh­
rend die Bevölkerung in kulturelle Paral­
thematischen Teilbereich hinein und wäh­ lelgesellschaften zerfällt und Migranten
Brexit-Votum, Schuldenkrisen, Terroran­ kutiert wird«, sagt Beate Schulz-Montag. len als Fallbeispiel Zuwanderung und In­ ausgrenzt, würde sich die Vorherrschaft
schläge und die Erstarkung radikaler Par­ »Und: Wir steuern nur auf Sicht, es gibt tegration. rechter Parteien auf die EU ausweiten. Die
teien – Europa befindet sich im Umbruch. keinen Kompass für ein langfristiges po­ Anwesenden rechnen mit einem Schei­
Auf einmal ist anscheinend alles möglich. litisches Handeln.« Kommunikatoren reisen tern rechter Hetze und Politik, das Land
Vielleicht ist es deshalb notwendig, einen Das Projekt soll politisch unabhängig in die Zukunft wäre aber inzwischen so zerrüttet, dass
Schritt zurückzutreten und sich Deutsch­ bleiben, damit sich ein Freiraum für den Die Experten stellen zwei gegensätzliche eine Regierungsneubildung nicht möglich
land als Ganzes anzuschauen: Mit wel­ Zukunftsdiskurs außerhalb der tages­ hypothetische Szenarien des Jahres wäre. Schwindende Ressourcen und eine
chen Krisenherden haben wir es gegen­ politischen Agenda entfalten kann. Die 2030 zur Diskussion: Auf der einen ­Seite hohe Arbeitslosigkeit infolge einer Welt­
wärtig zu tun? Wo soll es mit Deutschland Bürgerinnen und Bürger spielen dabei ­zeichnen sie das Bild eines segregierten wirtschaftskrise zögen schließlich einen
langfristig hingehen? Welche Handlungs­ eine wichtige Rolle: D2030 ist ein Open- und zersplitterten Deutschland mit einer Bürgerkrieg und den Zerfall Deutschlands
alternativen haben wir und wo müsste Source-Projekt. Zu jeder Zeit wird auf verschärften Sicherheitskultur und einer nach sich.
man weiterdenken? Transparenz geachtet, und die Ergebnisse strengeren Reglementierung von Einwan­ Auch im Positivszenario spielen Rechts­
sind frei zugänglich und nutzbar. Interes­ derung. Demgegenüber wäre eine Zukunft populismus und Terroranschläge eine
Freiraum für den Zukunftsdiskurs sierte können sich auch im Rahmen von denkbar, in der Integration auf organisato­ Rolle. Hier reagieren allerdings Öffent­
Diese Fragen treibt die im Septem­ Online-Umfragen und einer Zukunftskon­ rischer und menschlicher Ebene geglückt lichkeit und Politik anders und schnell. Die
ber 2016 gestartete Initiative D2030 um. ferenz einbringen. Pünktlich zur Bundes­ ist. Die Wissenschaftskommunikatoren Bevölkerung würde Offenheit, Toleranz
Durch interdisziplinäre Zusammenar­ tagswahl im September 2017 sollen die sind dazu aufgerufen, diese Szenarien ge­ und Solidarität praktizieren und sich po­
beit will eine Vielzahl von Organisatoren Ideen und Szenarien als Diskussions­ nauer auszuführen: Ausgestattet mit Ak­ litisch engagieren. Außerdem würden Ge­
und Unterstützern (um mit foresightlab, impulse kommuniziert werden. tions- und Ereigniskarten, Pfeilen und setze erlassen und Programme initiiert,
Z_punkt und facts and fiction nur einige »Gamechanger«-Markern, die entwick­ die eine Integration von Zuwanderern er­
Beteiligte zu nennen) in einem Dreischritt Roadmapping als Methode für die lungsbestimmende Faktoren kenntlich leichtern. Wichtig wären Bildungsmaß­
den Zukunftsdiskurs in Deutschland eta­ Wissenschaftskommunikation machen, können sie einen Zeitstrahl aus­ nahmen, durch die man schon in Schulen
blieren: Es gilt zunächst Trends, Heraus­ In der Zukunftsforschung wird die Road­ gestalten und damit ein Schaubild ent­ Toleranz vermittelt. Damit zusammen­
forderungen und Schlüsselfaktoren zu mapping-Methode verwendet, um den werfen, das eine mögliche Entwicklung hängend identifizieren die Teilnehmer
identifizieren. Auf dieser Basis lassen sich Weg in verschiedene Zukünfte auszuma­ bis 2030 skizziert. eine Föderalismusreform als »Game­
Zukunftsbilder entwerfen und Überlegun­ chen und Faktoren zu ermitteln, welche Im Negativszenario gehen die Teilneh­ changer«. Schnell sähe sich die Bevölke­
gen anstellen, wie das Land zukunftsfest die Entwicklung in eine bestimmte Rich­ merinnen und Teilnehmer davon aus, dass rung durch die positiven Effekte der Zu­
gemacht werden kann – und das am bes­ tung begünstigen oder behindern. Auch Selbstmordattentate zu Gewaltbereit­ wanderung bestätigt. Noch vor 2030 wäre
ten ganzheitlich. »Wir finden, dass Zukunft in der Wissenschaftskommunikation ist schaft und Ablehnung führen. Dabei mes­ Vielfalt auch in der Politik Programm:
in Deutschland bislang nur sektoral dis­ dieses Format anwendbar: Die Diskus­ 6 7 sen sie der reißerischen Berichterstat­ Eine Mehrparteien-Koalition könnte die
Keynote von Andreas Zick: Reden g ­ egen
die Gewalt! Was kann Kommunikation
in radikalen Zeiten überhaupt leisten?

Liefert wissenschaftliche Erklärungen


für wachsende rechtsextreme ­
Gewalt in der Gesellschaft: Der ­B ielefelder
­K onfliktforscher Andreas Zick.

in Politik und Medien Hochkonjunktur. Sie Nur Fakten könnten Populisten entlarven,
widmen sich der Entwicklung sowohl am zum Beispiel wenn diese versuchten,
politisch rechten Rand als auch inner­
­ über soziale Medien vermeintlich wissen­

»Reden hilft halb der Salafisten-Szene Deutschlands.


Sein Befund in Bielefeld klang ernst:
schaftliche Zusammenhänge zwischen
dem Frust der sozial Abgehängten und
»Wir stellen eine massive gesellschaft­ der Gewalt an Geflüchteten herzustellen.

gegen Gewalt« liche Zerrüttung und Beschädigung von


­Menschen fest.«
Dabei seien es gar nicht die sozial Be­
nachteiligten, die in den Bielefelder Studi­
en rechtspopulistische und fremdenfeind­
Wissenschaft hilft, liche Gedanken artikulierten, sondern
Bundesregierung stellen und den Rechts­ Wissenschaftskommunikation kann eine Populisten zu entlarven vielmehr die ganz normale bürgerliche
populismus verdrängen. politische Dimension besitzen. In jedem Die Bielefelder Forscher können belegen, Mitte, die nur in den seltensten Fällen
Die Teilnehmer bekamen in der Ses­ Fall trifft das auf Andreas Zick zu. Der Bie­ dass das Erstarken rechter Tendenzen überhaupt Auswirkungen von Zuwande­
sion einen Einblick in die Methode des lefelder Konfliktforscher ist immer dann in der deutschen Gesellschaft schon lan­ rung spüre, betonte Zick.
Roadmapping und das Vorgehen bei gefragt, wenn seine Gesprächspartner in ge vor dem Sommer 2015 begann. »Ver­
D2030. Karlheinz Steinmüller freute sich den Medien wissenschaftliche Belege und schwörungstheorien und Anti-Establish­ Mehr Training für Wissenschaftler
über die erarbeiteten Ergebnisse: »In der Erklärungen für wachsende rechtsextre­ ment-Proteste entwickeln sich nicht über Solchen Strategien müsse man frühzei­
Diskussion wurden Punkte angestoßen, me und menschenfeindliche Tendenzen Nacht«, so Zick. Politik und Gesellschaft tig begegnen. In der Nutzung der digi­
die wir bei D2030 noch nicht bedacht hat­ oder Gewalt in der deutschen Gesellschaft hätten es indes versäumt, dieser Entwick­ talen Räume sei die Gegenseite jedoch
ten und die wir in das Projekt einspeisen suchen. lung rechtzeitig entgegenzusteuern. Dies häufig versierter als die seriöse Wissen­
können.« In diesem Prozess definiert Zick seine sei ein großes Manko. »Äußerungen, die schaft. Im Internet werden auf professio­
Rolle als »Wissensbereitsteller«. Er prä­ Gewalt legitimieren, kann man wissen­ nellen Websites mit vermeintlichen Fak­
Olivia Kühne
sentiert Fakten und Analysen, deckt Zu­ schaftliche Fakten entgegenhalten«, so ten Kämpfer für den Dschihad rekrutiert,
Die Zukunftsforscherin Beate Schulz-Montag ist für
sammenhänge auf und warnt vor Ent­ der Sozialpsychologe. und auch sogenannte neurechte Intel­
das Ideenlaboratorium foresightlab tätig und Geschäfts­ wicklungen. »Reden hilft gegen Gewalt«, Damit diese Fakten ihre Verbreitung lektuelle und Gruppen, wie die »Identitä­
führerin der Initiative D2030. Dr. Karlheinz Steinmül- ist er überzeugt, Kommunikation wirke finden, nimmt die Kommunikation seiner re Bewegung«, verstünden es vorzüglich,
ler ist Wissenschaftlicher Direktor des Beratungsunter­
nehmens für strategische Zukunftsfragen Z_punkt. Jörg
präventiv. Doch um längerfristig und ver­ Forschung einen großen Raum in Zicks unter dem Mantel der Wissenschaftlich­
Krauthäuser, der Geschäftsführer der Kommunikations­ lässlicher wirksam zu sein, brauche sein Terminkalender ein: als Redner, Bera­ keit zu agieren. »Die andere Seite ist uns
agentur facts and fiction, führte in die Veranstaltung ein. Forschungsgebiet mehr Wissenschaftler ter der Politik und Gesprächspartner der da manches Mal voraus«, warnte Zick und
und Mittel, forderte Zick in seiner Keynote, Medien. »Wissenschaft ist wichtig in dem »Reden gegen die Gewalt«, Zicks ­A uftaktrede,
mit der das 9. Forum Wissenschaftskom­ Versuch, frühzeitig Vorurteile abzubau­ stieß beim Publikum auf großes Interesse.
munikation eröffnet wurde. »Ich würde en«, betonte er. Wenn Menschen verstün­
mir mehr Kollegen wünschen, die sich zu den, wie Populismus funktioniert, erlägen
Wort melden, und mehr strukturelle Hilfen sie ihm nicht so rasch. Bei wem sich
für den Wissenstransfer.« einmal Vorurteile verfestigt hätten,
Bereits Ende der 1980er Jahre warn­ der sei wiederum sehr viel leich­
te der Bielefelder vor der wachsenden ter mit pseudo-wissenschaftlichen
Ausländerfeindlichkeit in Deutschland, Behauptungen zu beeinflussen.
lange bevor die oftmals so genannte Also gilt es, möglichst früh anzu­
Flüchtlingskrise das Land vor neue He­ setzen: »Wer Integration fördern
rausforderungen stellte. Doch erst seit will, muss Vorurteile abbauen«,
zwei Jahren haben die Bielefelder S ­ tudien 8 9 so Zick.
»Wenn ich mal groß bin, werde ich
Wissen­schaftler« – Über Chancengleichheit »Wissenschaft für alle!?« –
und Inklusion ­Bettina Jorzik ­m oderierte die
Session über Chancen­g leichheit
in der akademischen Welt.

Hallo
forderte dazu auf, die Methoden dieser akademische – so arbeitet auch Friederike Menz bei
Gruppen zu analysieren und faktische Ge­ den »Studienpionieren«. Sie konzipierte
genwelten zu schaffen. Die Wissenschaft
müsse sich derzeit besonders laut zu Welt! eine Serie, bei welcher sie unterschied­
liche Hochschulmitarbeiter und ihre Le­
Wort melden, nicht nur, weil auch sie zu­ bensläufe vorstellte. Dabei wird schnell
nehmend angegriffen werde. Die Session be­ klar: Schwierige Ausgangssituationen
Was aber brauchen Wissenschaftler ginnt mit einer oder Hindernisse kennen viele. Eine gute
für diese Aufgabe? »Auf jeden Fall Trai­ spontanen Um­ Betreuung hilft aber über anfängliche
ning in strategischer und spontaner Wis­ frage: »Wer hat Schwierigkeiten hinweg. So bietet »Studi­
senschaftskommunikation«, so Andreas als Erster aus sei­ enpioniere« nicht nur Stipendien, sondern
Zick. Wenn ein Thema plötzlich aktueller ner Familie studiert?« auch intensive Begleitung durch Motiva­
Kommentierung und Einordnung bedürfe, Rund ein Drittel der Anwesen­ tionsgespräche, gemeinsame Seminare
müsse man ohne lange Bedenkzeit bereit- den meldet sich. Das ist unterdurch­ Als zweiter Gast ist Friederike Menz auf und Ausflüge mit anderen Studienpionie­
stehen. »Wissenschaftskommunikation ist schnittlich wenig, wie Moderatorin Bettina der Bühne. Sie leitet an der Hochschu­ ren.
ein immer schnellerer Markt«, so der For­ Jorzik vom Stifterverband weiß. Über alle le Ostwestfalen-Lippe (OWL) das Projekt Zudem besucht Menz gemeinsam mit
scher. Die Zeitabstände zwischen Befund Hochschularten hinweg machen die so­ »Studienpioniere«, das vom Stifterver­ Studierenden Schulen, interkulturelle
und medialer Aufmerksamkeit würden genannten »First-Generation Academics« band und der Stiftung Mercator gefördert Vereine oder Familienfeste, um dort über
immer kleiner. Daher müssten Forscher rund die Hälfte aller Studierenden aus. wird. Die Hochschule Ostwestfalen-Lippe ein Studium zu informieren. Besonders
gemeinsam mit Kommunikationsexperten Im Folgenden wird grundlegend über kann dank des Projekts 18 Deutschland­ hilfreich sind dabei die guten Kontakte zu
Strategien entwickeln und ihren Auftritt in Chancengleichheit in der akademischen stipendien vergeben, um Studierenden den lokalen Bildungsakteuren. Um eine
den Medien simulieren. »Ein solcher Kom­ Bildung diskutiert. Allem voran über aus nicht-akademischen Familien beim größere Reichweite zu erzielen, hat Menz
munikationsplan fehlt aber in der Regel«, Chancengleichheit bei Studienanfängern Studium und beim Start ins Berufsleben Ende 2015 eine Onlineplattform ins Leben
kritisierte Zick. aus Akademikerfamilien und aus Nicht- zu unterstützen. gerufen, auf welcher Studierende studi­
Doch sei er elementar wichtig: In Zei­ Akademikerfamilien. Wir befinden uns »ArbeiterKind.de« ist mittlerweile in 75 eninteressierte Schüler beraten.
ten gesellschaftlicher Verunsicherung auf Stufe eins auf dem Weg zum Wissen­ lokalen Gruppen organisiert. Die Ehren­
könne Wissenschaft Sicherheit schaffen. schaftler-Dasein. amtlichen, zumeist selbst Arbeiterkinder, First-Generation Academics stehen
Wissenschaft könne wachsender Hyste­ besuchen Schulen ab der 9. Klasse und vor einigen Hürden
rie und Radikalisierung Vernunft und Auf­ »Für Kinder aus Akademiker­ zeigen nicht zuletzt anhand ihrer eigenen »ArbeiterKinder« und »Studienpioniere«
klärung entgegensetzen. Nicht jeder wer­ familien ist ein Geschichte, dass ein Studium möglich ist. sind sehr erfolgreich, dennoch bleiben
de sich den Argumenten der Wissenschaft Studium selbst­verständlich« Dazu geht »ArbeiterKind.de« überall dort­ einige Schwierigkeiten. So ist bei beiden
öffnen. Aber wenn jene zuhörten, die noch Auf dem Podium sitzt Katja Urbatsch. Sie hin, wo die Zielgruppe ist. Also auch in Projekten eine gute Onlinekommunikati­
offen für Fakten sind und willig, ihre Mei­ stellt sich freimütig vor mit: »Ich bin auf brandenburgische Einkaufs­zentren. on unabdingbar. Die eigentliche Zielgrup­
nung zu überdenken, dann sei schon viel einem Dorf rund 20 Zugminuten von Bie­ Acht Jahre nach der Gründung las­ pe erreicht man so jedoch nur bedingt.
gewonnen. lefeld entfernt aufgewachsen. Dass Biele­ sen sich konkrete Ergebnisse sehen. Vie­ Wichtiger ist die direkte und persönliche
feld eine Uni hat, die man besuchen könn­ le Arbeiterkinder der Anfangszeit haben Ansprache, welche viele Kapazitäten bin­
Petra Krimphove
te – dieser Gedanke ist mir lange nicht bereits einen oder gar zwei Hochschul­ det. Menz freut sich deswegen, dass das
Prof. Dr. Andreas Zick ist Direktor des Instituts für in­
gekommen.« Urbatsch studierte in Ber­ abschlüsse in der Tasche. Die Ersten pro­ Thema durch das neue Projekt »Talent­
terdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung in Biele­ lin und war damit die Erste ihrer Familie, movieren oder haben auch das bereits ab­ scouting« auf die gesamte Region Ost­
feld. Der studierte Psychologe und Theologe ist Träger die einen Hochschulabschluss erlangte. geschlossen. In Marburg hat eine Alumna westfalen-Lippe ausgeweitet werden
des Communicator-Preises 2016 des Stifterverbandes
für die deutsche Wissenschaft und der Deutschen For­
2008 gründete sie – zunächst als kleine die Gruppe »Wie werde ich Professorin?« kann.
schungsgemeinschaft. Initiative und ehrenamtlich – die Plattform gegründet. Auch wenn sich weder Urbatsch noch
­»ArbeiterKind.de«. 10 11 Mit positiven Beispielen vorangehen Menz über mangelnde Unterstützung der
Wissenschaft für alle – Die Algorithmen
hinter der Technik begreifbar machen

Die Zukunft
Universitäten und Hochschulen beklagen Ende muss auch Urbatsch feststellen: So mit Robotern Interaktionstechnologien, die CITEC
können, sehen sie Verbesserungspoten­zial. ganz kommt man im Unikosmos als Ar­ den Namen geben. »Es geht darum,
Personen des Ausbildungswesens, die
von »Akademisierungswahn« sprechen,
beiterkind nicht an. Man bleibt immer ein
wenig zwischen den Stühlen, fühlt sich ­gestalten eine Zukunft mit den Maschinen zu ge­
stalten – also um aktive Auseinander­
lösen besonders bei denjenigen, für die weder in der akademischen Welt noch zu setzung statt Furcht«, erklärt Helge
ein Studium nicht normal ist, eine große Hause bei seiner Familie ganz dazugehö­ Billie mag jeder. Der freundliche Ava­ Ritter. Dafür müssten Betroffene früh ein­
Unsicherheit aus, so Urbatsch. Menz sieht rig. Auch wenn genau das eben auch eine tar hilft Seniorinnen und Senioren, ihre bezogen werden. Insbesondere Menschen
darüber hinaus die Lehrenden in der Ver­ Chance sein kann. Termine zu organisieren. Und er nimmt mit kognitiven Einschränkungen seien ge­
antwortung: Sie müssen besser auf die­ sich Zeit für Rückfragen und einen klei­ radezu »Seismografen für schlechte In­
Wiebke Hahn
se Zielgruppe eingehen und beispiels­ nen »Schnack«. So hilft er sinnvoll den teraktion«, ebenso wie Kinder mit ihrer
weise erklären, wie man eine Hausarbeit Bettina Jorzik leitet für den Stifterverband den Pro­
Pflegebedürftigen und entlastet gleich­ Unbefangenheit.
schreibt und sich auf ein Seminar vorbe­ grammbereich »Lehre und akademischer Nachwuchs«. zeitig das Personal. »Es bleibt mehr Zeit
reitet. Katja Urbatsch ist Gründerin und Geschäftsführerin von für die Menschen untereinander«, be­ Roboter als persönliche Assistenten
»ArbeiterKind«. Friederike Menz arbeitet an der Hoch­
Zudem müssten auch die persönlichen schule Ostwestfalen-Lippe und ist dort für die Projekt­
schreibt Jörg Heeren die Vorteile des am Ritter beschreibt das Ziel von CITEC: »Wir
Barrieren der First-Generation ­Academics leitung von »Studienpioniere« zuständig. Exzellenzcluster CITEC in Bielefeld entwi­ wollen Roboter entwickeln, die sich mit
Beachtung finden: Häufig gibt es finan­ ckelten virtuellen Helfers. Ein Video do­ einem Gegenüber unterhalten können,
ziel­
le Schwierigkeiten, manchmal kom­ kumentiert, wie gut Billie ankommt. Eine also wirklich in kognitive Interaktion tre­
men ein Migrationshintergrund oder Probandin beschreibt ihn als »netten ten.« Das Vorbild sei die natürliche Kog­
Sprachbarrieren hinzu. Wenn dann noch Kerl«, der »klug ausgestattet« ist. nition, so wie wir sie alle im Alltag intuitiv
die ­Anerkennung in der eigenen Familie Billie ist das Aushängeschild der Ko­ kennen. Als Anschauungsobjekte standen
ausbleibt, kann es für die Studienpionie­ operation KOMPASS. Das steht für »so­ auf der Bühne Nao, der kleine humanoi­
re emotional schwierig werden. All diese zial kooperative virtuelle Assistenten als de Roboter eines französischen Herstel­
Aspekte müssen Berücksichtigung finden, Tagesbegleiter für Menschen mit Unter­ lers, und Flobi, ein in Bielefeld entwickel­
wenn man diese Zielgruppe erreichen will. stützungsbedarf« und ist ein gemeinsa­ ter künstlicher Kopf, der die menschliche
mes Projekt von CITEC und den »v. Bo­ Mimik abbildet. Doch das Spektrum der
Arbeiterkinder delschwinghschen Stiftungen
zwischen zwei Welten Bethel«. Billie ist ein
Wissenschaftskommunikation kann Chan­ Paradebeispiel  für
cengleichheit insbesondere durch ad­ die Ent­wicklung
äquate Ansprache der Zielgruppe unter­ der ­sogenann­ten
stützen. Dabei muss Vielfalt sichtbarer k o g n i t i­v e n­
gemacht werden. Zudem gilt es, Sprach­
barrieren abzubauen. Speziell die Orte,
an denen sich die Zielgruppe aufhält, (on-
und offline) aufzusuchen, gehört für jeden
Über Roboter als persönliche Beglei­
guten Kommunikator zum Handwerks­ ter oder Helfer im Alter sprach Şenol
zeug. Keser mit Helge Ritter und Jörg Heeren.
Aber auch die First-Generation Acade­
mics können unterstützen: Sie bringen
Verständnis für diese unterschiedlichen
Welten mit und können daher wertvol­
le Übersetzungsarbeit leisten. Denn am 12 13
Um sie ging’s in der Diskussion auch: Flobi, der mit
­s einen Kameraaugen analysiert, worauf Menschen in
der Kommunikation mit Robotern achten. Und Nao,
ein humanoider Roboter, der gerne Fußball spielt.

Systeme, mit denen CI­ vorbildliches Bereitstellen der Daten im »It Takes Two to Tango« – Internationales
TEC arbeitet, geht weit da­ Sinne von Open Science bis hin zu Expe­ Forschungsmarketing und universitäre
Öffentlichkeitsarbeit
rüber hinaus: Persönliche rimentierangeboten »aus der Ferne«. Die
Assistenten für das Fitness­ Algorithmen aus dem Veranstaltungsti­
training, Laufroboter oder der
Autonomous Mini Robot (AMi­
tel sind laut Ritter hingegen oft wenig an­
schaulich: »Die Software legt nieder, was Mit guten
Ro), der in Schülerlaboren wie die Maschine kann. Aber meist ist es wie
dem Teutolab zum Einsatz kommt.

Entscheidungen statt Furcht


beim Buchdruck: Man will lesen. Nicht
unbedingt verstehen, wie die Bleilettern Ideen um die
funktionieren.« Er dämpft zudem die Be­
»Wir versuchen, mit verschiedenen
Formaten früh den Spaß und das Ver­
geisterung für all die Nebenbei-Aktivitäten
ein wenig: »Die Forschung darf unter die­ Welt
ständnis für die Maschinen zu fördern«, wieder Neues«, ist er überzeugt. sen Aktionen, die viel Zeit kosten, nicht lei­
sagt Heeren und fügt hinzu: »Die Nachfra­ Ritter spricht auch Haftungsfragen an: den.« Was will internationales Forschungs­
ge ist riesig.« Hochschullehrer Ritter ver­ Wer bezahlt, wenn ein selbstlernendes marketing erreichen? Wie kann es gelin­
Cornelia Lossau
weist darauf, dass »wir natürlich im Sin­ System Fehler macht oder Schaden an­ gen? Und wie können Hochschulen – ganz
ne von MINT auch Studierende gewinnen richtet? »Wenn die intelligente Wohnung Prof. Dr. Helge Ritter und Jörg Heeren arbeiten als
praktisch – Projekte anstoßen und finan­
wollen«. Die Informatik sei ein tolles Fach: bei Demenzkranken entscheiden darf, leitender Wissenschaftler bzw. Referent für Wissen­ zieren? Gernot Gad und Dagmar Bankamp
»Ein Job ist quasi sicher und es ist auch dass sie die Tür lieber zusperrt, müssen schaftskommunikation am Exzellenzcluster Kognitive In­ von der Deutschen Forschungsgemein­
teraktionstechnologie (CITEC) der Universität Bielefeld an
noch interessant!« Wie vielfältig die Arbeit wir über Patientenverfügungen ganz neu der Interaktion künstlicher Systeme mit dem Menschen.
schaft (DFG) haben zahlreiche Akteure
ist, zeigt schon der Exzellenzcluster CI­ nachdenken«, ergänzt Heeren. Ritter plä­ Şenol Keser ist freier Journalist und Vorsitzender von eingeladen, um in einer Fishbowl-Diskus­
TEC: Hier arbeiten Informatik, Psychologie diert für »Offline-Roboter«, denn wo ein Move – Moderationsverein Bielefeld e.V. sion genau das zu diskutieren.
und Sportwissenschaft, Linguistik, Biolo­ Netz ist, ist auch ein Hacker. Er schlägt Zunächst stellen sie das Verbundprojekt
gie und Mathematik Hand in Hand. zudem einen Daten-TÜV vor, der Roboter »Internationales Forschungsmarke­ting«
Bei aller Begeisterung weist Ritter regelmäßig zertifizieren könnte. vor, dessen Ziel es ist, die Sichtbarkeit
auch auf offene Fragen hin: »Für eine Zu­ des Forschungsstandorts Deutschland in
kunft mit Robotern müssen wir gesell­ Gute PR für Roboter der Welt zu erhöhen und gleichzeitig die
schaftliche Modelle finden, die uns als Das Ziel der Öffentlichkeitsarbeit von CI­ klügsten Köpfe an deutsche Hochschu­
Menschen nicht überfordern und die un­ TEC ist es, Bürger so mit der Roboter­ len und außeruniversitäre Forschungs­
sere Datenautonomie wahren.« Er glaubt, technik vertraut zu machen, dass sie für einrichtungen zu holen. Die vier Verbund­
dass ein »persönlicher Butler« für zu sich entscheiden können, ob sie sich ei­ partner des 2010 vom BMBF initiierten
Hause in zehn bis zwanzig Jahren Realität nen persönlichen Assistenten wie Nao Projekts konzentrieren sich dabei auf je­
sein kann und auch nicht teurer sein wird oder Flobi vorstellen können. »Das ist et­ weils eigene Schwerpunkte. So kümmert
als heute ein Auto. »Das brauchen wir mit was völlig anderes als das Schreiben von sich die Alexander von Humboldt-Stiftung
Blick aufs autonome Fahren dann ohnehin Pressemitteilungen«, sagt Heeren und um die internationalen Forscher-Alumni
nicht mehr.« Und schon heute seien Autos führt die Aktivitäten der Bielefelder auf: deutscher Hochschulen, die Fraunhofer-
ohne den Einsatz von Industrierobotern verschiedene Laborformate, Tage der Gesellschaft hat die Industrie im Blick und
nicht mehr bezahlbar. »Natürlich müssen ­Offenen Tür, Auftritte auf dem Bielefel­ vernetzt Forscherinnen und Forscher mit
wir auch über Arbeitsplätze reden. Durch der Science Festival GENIALE und Aus­ kleinen und mittelständischen Unterneh­
Roboter werden welche wegfallen – viel­ stellungen wie die aktuelle »Ich digi Du«. men, der DAAD übernimmt die internatio­
leicht sogar in der Hochschullehre – aber Außerdem die Zusammenarbeit mit Fir­ nale Öffentlichkeitsarbeit und die Betreu­
überall, wo etwas wegfällt, entsteht auch men, Schulen, Kinos und Museen sowie 14 15 ung des zentralen Informationsportals
www.research-in-germany.org. Die DFG Delegationen aus Wissenschaftlern und tionen ebenso viele Standorte auf vier träge, die vom Rektorat ohne Absprache
schließlich vertritt den Verbund auf inter­ Vertretern des Rektorats reisen dazu an Kontinenten. Bettina Trübs Fazit: Insge­ mit den Forschern oder von einer einzel­
nationalen Fachtagungen und ist Organi­ Partnereinrichtungen, veranstalten dort samt hat sich die Kommunikation zwi­ nen Fakultät gestellt werden, funktionie­
satorin des Ideenwettbewerbs »Internati­ Workshops und Plenardiskussionen, in­ schen den Abteilungen, der Zentralen ren oft nicht. Außerdem sollte die Idee zur
onales Forschungsmarketing«. formieren über Forschungs- und Förder­ Verwaltung und den Fakultäten deutlich Gesamtstrategie der Hochschule passen,
Mit diesem Wettbewerb, der 2014 zum möglichkeiten in Tübingen und Deutsch­ verbessert. Man wisse jetzt genauer, wo­ damit sie nachhaltig und langfristig wir­
ersten Mal ausgeschrieben wurde, möch­ land allgemein und unterzeichnen ran die jeweils anderen Einrichtungen ar­ ken kann.
te die DFG erfolgversprechende Konzep­ idealerweise gleich Kooperationsverein­ beiteten und könne die nötigen Abstim­ Moderator Gernot Gad hatte wohl
te fördern, »die darauf ausgerichtet sind, barungen. mungsprozesse effizienter organisieren. recht, als er eingangs meinte, dass der Ti­
hochqualifizierte Wissenschaftlerinnen »Wie viele andere große Universitä­ Was hingegen nicht so gut funktio­ tel der Diskussion »It Takes Two to Tango«
und Wissenschaftler für Forschungsauf­ ten hatten auch wir das Problem, dass niert habe, war der Plan, an allen Stand­ womöglich untertrieben sei. Für interna­
enthalte in Deutschland zu gewinnen oder ­viele verschiedene Einrichtungen am sel­ orten das gleiche Programm durchzufüh­ tionales Hochschulmarketing brauche es
Kooperationen mit herausragenden Insti­ ben Thema gearbeitet haben«, ergänzt ihr ren, gesteht Trüb ein. »Wir haben nicht »weit mehr als zwei Tanzpartner«.
tutionen anzukurbeln«, erklärt Dagmar Kolle­ge Volker Kurz, der an der ­Planung bedacht, dass die Standorte und Partner Norbert Käthler vom Stadtmarke­
Bankamp. des Projekts beteiligt war. Für die Bewer­ sehr heterogen waren und unterschied­ ting Karlsruhe weist auf die Bedeutung
bung zum Ideenwettbewerb sei es ge­ liche Anforderungen an uns hatten.« Ins­ von Kooperationen zwischen Städten
Ausgezeichnetes Projekt: lungen, die verschiedenen Akteure zu gesamt sei das Projekt aber sehr erfolg­ und Hochschulen hin. Hochschulen sind
»Tübingen Research World Tour« einer intensiven und engen Kooperati­ reich, sodass auch 2017 weitere Standorte wichtig für das Image und die Wirtschaft
Wie so ein preiswürdiges Projekt ausse­ on zusammen­ zuführen. Vom Internatio­ angesteuert werden. der Städte, daher hat auch das Stadt­
hen kann, zeigt Bettina Trüb: Sie hat die nal Office über die Forschungsförderung marketing großes Interesse daran, die
»Tübingen Research World Tour« koor­ und Hochschulkommunikation bis zu »Vom Tango zur Polonaise« Hochschulen beim Internationalen For­
diniert, eines der Gewinnerprojekte von den ­ Fakultätsverwaltungen haben alle Petra Berkner vom BMBF erklärt die schungsmarketing zu unterstützen.
2014. Das Projekt will die Beziehungen zu Betei­ligten sehr konstruktiv zusammen­ Grundlage des Verbundprojekts »Inter­ Bereits im Frühjahr 2017 wird die DFG
ausgewählten Partnern der Universität gearbeitet. Um das Projekt nachhaltig zu nationales Forschungsmarketing«: Be­ die Ausschreibung für den nächsten Ide­
Tübingen intensivieren, Tübingen als For­ verankern, wurde eine neue Stabsstelle reits 2008 hat die Bundesregierung eine enwettbewerb starten. Bewerbungen sei­
schungsstandort international sichtbarer für »Internationale Forschungskooperati­ Strategie zur Internationalisierung von en sehr willkommen. Die Initiatoren freu­
machen und die Forschenden der Univer­ onen und Forschungsstrategien« gegrün­ Wissenschaft und Forschung vorgelegt. en sich auf weitere spannende Projekte.
sität bei der Kooperation mit internationa­ det, die die Gesamtkoordination für die Wichtige Punkte dieser Strategie sind es,
Artur Krutsch
len Wissenschaftlern unterstützen. World Tour übernahm. Werbung für den Forschungsstandort
Nachdem die »Tübingen Research Deutschland zu machen sowie die besten Dr. Gernot Gad ist Programmdirektor für Internatio­
In der Fishbowl diskutierten die ­Teilnehmenden World Tour« den Ideenwettbewerb gewon­ Wissenschaftlerinnen und Wissenschaft­ nale Zusammenarbeit bei der Deutschen Forschungsge­
über internationales Forschungsmarketing.
nen hatte, bereisten 2015 sechs Delega­ ler für Deutschland (zurück) zu gewinnen. meinschaft. Dagmar Bankamp ist dort Referentin. Dr.
­Bettina Trüb ist stellvertretende Leiterin der neu ge­
Deshalb unterstützt das BMBF zahlreiche gründeten Stabsstelle Internationale Forschungskoope­
Projekte und Initiativen, die sich das zum rationen und Forschungsstrategien an der Eberhard
Ziel gesetzt haben. Karls Universität Tübingen. Ihr Kollege Volker Kurz ist
in der dortigen Hochschulkommunikation für die zentra­
Susann Morgner war Jurymitglied len Marketingaktivitäten der Universität verantwortlich.
beim Ideenwettbewerb 2014. »Wenn Sie Petra Berkner arbeitet beim Bundesministerium für
sich entscheiden, an dem Wettbewerb ­Bildung und Forschung. Susann Morgner ist Geschäfts­
führerin der Kommunikationsagentur congressa und
teilzunehmen«, rät die Wissenschafts­ war Jurymitglied des Ideenwettbewerbs 2014. Norbert
kommunikatorin, »sollten Sie darauf ach­ ­Käthler leitet das Stadtmarketing Karlsruhe.
ten, dass die Partnerschaften innerhalb
17 der Hochschule auf Augenhöhe sind.« An­
»Erzähl schon!« – Storytelling als
Kommunikationsmethode
Taugt Storytelling als Methode für die ­W issenschaftskommunikation?
Das ­s tellten (von links) Bernd Holtwick, Michael ­Milewski, Jörg Fecke
und Livia Rüger zur Diskussion.

etwas anders verstanden wissen wollen: Auch könne man sich als Ausstellungs­
Auf die klassischen W-Fragen, die durch macher nicht darauf verlassen, dass Be­
eine Pressemitteilung in der Regel be­ sucher alles lesen oder hören, was ange­
antwortet werden, könne man nicht ein­ boten wird. Hintere Ausstellungsbereiche
fach verzichten, meint eine Kollegin. Gute müssten auch ohne die vorderen begreif­
Pressemitteilungen könne man von hinten bar sein. Und Holtwick nennt einen weite­

Gute Geschichten – kürzen, eine gute Geschichte nicht. Und


Stefanie Seltmann vom Deutschen Krebs­
ren Aspekt, der das Storytelling in einer
Ausstellung erschwert: »Die Besucher in­
forschungsinstitut sagt, sie würde die teragieren miteinander und erzählen sich

gute Kommunikation? Glaubwürdigkeit ihres Instituts aufs Spiel


setzen, wenn sie in Pressemitteilungen
gegenseitig eigene Geschichten«, sagt er.
Diese durchbrechen die eigentlich erzähl­
mit Mitteln des Storytellings arbeitete: te Geschichte der Ausstellung vielleicht
Wie lassen sich Geschichten für die Kom­ ten ticken. Außerdem empfiehlt er: »Ver­ »Wir sind keine Journalisten, wir sind ein und werfen den Besucher raus aus der
munikation nutzen? Ist Storytelling ein deutlichen Sie Hürden und überraschende Forschungsinstitut. Deshalb können wir Story.
passender Ansatz, um Daten und Fak­ Wendungen – widerstehen Sie jedoch der niemanden berichten lassen, wie er sich So kämpft zumindest mit einigen Tü­
ten aus der Wissenschaft unter die Leute Versuchung, Übertreibungen oder gar Fik­ fühlt, wenn er eine E-Zigarette geraucht cken, wer in Ausstellungen mit Storytel­
zu bringen? Dies haben vier Dortmunder tionales einzubauen.« Wichtig sei immer, hat.« Anstatt die Methode des Storytel­ ling arbeitet. Einen guten Rahmen gibt
Wissenschaftskommunikatoren in ihrem dass die Story bis zum Ende trägt. lings in einer Pressemitteilung zu nutzen, eine solche Geschichte dennoch ab. Die
Workshop »›Erzähl schon!‹ – Storytelling Doch funktioniert das mit dem Ge­ könnte sie sich eher vorstellen, einer Lo­ Frage, ob die Methode auch in anderen
als Kommunikationsmethode« zur Dis­ schichtenerzählen auch in der klassi­ kalzeitung ein »Storyangebot« zu schi­ Bereichen der Wissenschaftskommunika­
kussion gestellt. schen Pressearbeit? Jörg Fecke meint, cken. Man dürfe das aber auf keinen Fall tion taugt, war deshalb naheliegend. Mit
»Im Vergleich zu abstrakter Information dass es sogar nötig ist. Der freie Fernseh­ als »Pressemitteilung« bezeichnen. »ja« kann sie aber nur bedingt beantwor­
haben Geschichten den Vorteil, dass sie journalist empfängt tagtäglich zig Pres­ Nicht ohne Tücken ist auch das Sto­ tet werden.
verständlicher sind, stärker im G
­ edächtnis semitteilungen und glaubt, dass Storytel­ rytelling in Ausstellungen. Zwar arbei­
Dorothee Menhart
bleiben und Sinn und Identität stiften kön­ ling dafür sorgen kann, dass die eigene ten heute viele mit diesem Stilmittel, und
nen«, sagt Livia Rüger einführend. Sie ar­ Pressemitteilung nicht gleich im Papier­ narrative Ansätze gehören für Museums­ Dr. Bernd Holtwick ist Leiter Ausstellungen bei der
beitet als Redakteurin an der TU Dortmund korb landet. Journalisten müssten sich experten längst zum A & O der Ausstel­ DASA der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeits­
und ist sicher: »­Geschichten wecken Emo­ menschlich und emotional angesprochen lungskonzeption. Aber einfach ist das medizin. Jörg Fecke arbeitet als freier Fernsehjourna­
list und PR-Berater. Michael Milewski ist Online-Re­
tionen und aktivieren Ge­hirn­­regionen.« fühlen von einer Mitteilung. Gerade für Lo­ nicht. Eine gute Geschichte hat schließ­ dakteur an der Fachhochschule Dortmund. Livia Rüger
Das hätten neurologische Unter­suchungen kaljournalisten, die unter enormem Zeit­ lich einen klaren Aufbau – doch wie sich arbeitet als Redakteurin an der Technischen Universität
gezeigt. Klassische Erzähl­muster, wie bei­ druck stünden, seien fertig ausformulier­ Besucher in einer Ausstellung bewegen, Dortmund.

spielsweise die Helden­ reise, seien gut te Geschichten attraktiv. Es werde nicht das hat man nicht im Griff. Selbst wenn
geeignet, um trockene Fakten zu einer mehr gegengecheckt und nachrecher­ die Richtung klar ist: Der eine geht zuerst
­Geschichte zu ­machen. chiert. Und auch, wenn das den Journalis­ zu diesem, der andere zu jenem Objekt.
Michael Milewski, Online-Redakteur an ten in ihm schmerze: »Man muss ein ferti­ »Da ist es schwierig, linear und stringent
der Fachhochschule Dortmund, schreibt ges Mahl bereiten«, glaubt Fecke. zu erzählen«, sagt Bernd Holtwick, der die
Texte über die Hochschule und ihre Wis­ Das sorgt für einiges Unbehagen un­ DASA-Ausstellung der Bundesanstalt für
senschaftler – Storytelling sei da oftmals ter den teilnehmenden PR-Fachleuten, Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin mitent­
ein probates Mittel. Um lebendig zu er­ die zu guten Teilen selbst einmal Journa­ wickelt hat. Es gehöre zum Wesen von
zählen, versucht er bei der Recherche listen waren und sowohl ihr jetziges Be­ Ausstellungen, dass sie eine fragmentier­
herauszufinden, wie seine Protagonis­ rufsbild wie auch das des Journalisten 18 19 te Erzählung böten.
Zwischen Lobbyismus und guter ­Beratung:
Wenn Wissenschaft politisch wird

die auf alle Fragen sofort Antworten fin­ men für sich zu vereinnahmen, berichtet
det, bin ich besonders kritisch«, berich­ Lohse. Als Politiker sei es deshalb be­
tet Gehring aus dem Politikalltag. »Gute sonders wichtig, so Gehring, die Auftrag­
Politikberatung bedeutet für mich, dass geber von Studien einordnen zu können.
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaft­ Parteien seien aber auch lernfähige Or­
ler einen Ratschlag geben, der mehrere ganisationen. Dies zeige beispielhaft die
Handlungsoptionen bereithält. Dies ist der Klima(folgen)-Forschung: Die hartnäcki­
große Unterschied zum Lobbyismus.« Die ge Vermittlung fundierter Daten und Fak­

Wissenschaft und Politik Abgeordneten im Bundestag könnten auf


eine sehr gute interne Beratung zurück­
ten sowie die erfolgreiche internationa­
le ­Vernetzung der Klima-Wissenschaften
greifen. Dafür gibt es den wissenschaft­ habe dazu beigetragen, dass der Klima­

– mehr Transparenz, mehr  lichen Dienst des Bundestags sowie das


Büro für Technikfolgenabschätzung.
wandel heute von keiner politischen Par­
tei mehr ignoriert oder in Abrede gestellt
Für den Vizepräsidenten der Leopol­ werden könne.

Dialog Wie beeinflussen sich Politik und Wissenschaft? –


Darüber diskutierten die Referenten in der Session
dina, Martin Lohse, ist das Entscheiden­
de beim Thema Politikberatung der Dialog Wissenschaftsfreiheit sichern
zwischen Wissenschaft, Politik und Ge­ Dabei habe man als Geldgeber oftmals
»Zwischen L­ obbyismus und guter ­B eratung:
Welche Rolle soll Wissenschaft in Poli­ Wenn ­W issenschaft politisch wird.« sellschaft. Politik- und Gesellschaftsbera­ eher eine kontrollierende und beratende
tik und Gesellschaft spielen? Und wie viel tung greife als Begriff zu kurz. Schließlich Funktion inne, erklärt Gehring. Schließ­
Einfluss darf Politik auf Wissenschaft aus­ um glaubwürdig zu bleiben. Von Bedeu­ sei die Politik die Expertin für die Überset­ lich habe Politik die Aufgabe, strukturel­
üben? Diesen Fragen widmet sich das Po­ tung für die Podiumsteilnehmer ist auch zung des Wissens in Handlungen. le Rahmenbedingungen für Wissenschaft
dium zum Thema »Zwischen Lobbyismus das Thema »Entschleunigung«. Wissen­ Doch welches übergeordnete Inter­ zu schaffen. Auch auf inhaltlicher Ebene
und guter Beratung: Wenn Wissenschaft schaftlerinnen und Wissenschaftler benö­ esse hat die Wissenschaft überhaupt an finde ein Austausch statt. Lohse erläutert,
politisch wird«. tigen Zeit, um Forschung zu betreiben und der Beratung der Politik und am Dialog dass die Politik oftmals Themenfelder
Drei Voraussetzungen nennt Martin Erkenntnisse seriös auszuwerten und zu mit den Bürgerinnen und Bürgern? »Ist es vorgebe, dies sei jedoch stark organisati­
Lohse zu Beginn für die wissenschaftli­ vermitteln. Gerold Leppa beschreibt die nicht ein Widerspruch für Wissenschaft, onsabhängig. In Universitäten werde dies
che Politikberatung: Freiheit von Eigen­ schnelle Medienwelt als Herausforderung auch das Nicht-Wissen transparent zu anders gehandhabt als in außeruniversi­
interessen, Dialog mit gebildeten Bürge­ und Problem der Wissenschaftskommuni­ machen?«, fragt der Moderator. »Wissen­ tären Forschungseinrichtungen.
rinnen und Bürgern sowie Transparenz kation. Als Wirtschaftsdezernent der Stadt schaftler zu sein, heißt einen Beruf des Die eigentliche Frage ist für Gehring
hinsichtlich der Unsicherheit von wissen­ Braunschweig sei ihm zudem der direk­ Zweifelns gewählt zu haben«, entgegnet aber, wie die Wissenschaftsfreiheit gesi­
schaftlichen Aussagen. Dem stimmt der te Weg zu den Bürgerinnen und Bürgern Martin Lohse. Dabei sei es Aufgabe eines chert werden könne. Dies geschehe vor
Bundestagsabgeordnete Kai Gehring zu – wichtig. »Was wir brauchen, ist Gesell­ jeden Forschenden, nicht nur Lehre und allem über die Zusage von Mitteln im Be­
gerade Transparenz sei im Austausch mit schaftsberatung«, betont der Dezernent. Forschung zu betreiben, sondern seine reich Bildung und Forschung. Die Politik
Interessenvertretern unabdingbar für die Erkenntnisse mit der Öffentlichkeit zu tei­ setze zwar inhaltliche Schwerpunkte, re­
Wissenschaftsberatung. Zudem fordert Unsicherheiten erklären, len und mit ihr in einen Dialog zu treten. agiere dabei aber wie in einem Kreislauf­
er: »Politikberatung braucht auch Selbst­ ­Handlungsoptionen aufzeigen Diesen Auftrag habe die Leopoldina expli­ system immer auf die Forderungen der
kritik.« Viele Wirtschaftsexperten hätten Die Kernkompetenz der Wissenschaft zit von der Politik bekommen. Wissenschaft.
beispielsweise bei der Einführung des ist Forschung. Dabei müsse stets erklärt Die Experten auf dem Podium machen Unterschätzt werden dürfe auch nicht,
Mindestlohns eine Apokalypse des Wirt­ werden, mit welcher Sicherheit, aber be­ deutlich, dass es bei der Beratung auch dass Wissenschaft über Öffentlichkeit ei­
schaftsmarktes prophezeit. Eine Reflexion sonders auch, mit welcher Unsicher­ zu Konflikten kommt: Dies geschehe bei­ nen Kurswechsel in der Politik erreichen
der eigenen Aussagen sei auch von Seiten heit wissenschaftliche Aussagen zutref­ spielsweise, wenn einzelne Interessen­ könne, erklärt Martin Lohse. Dies bestätigt
der Wissenschaft zwingend notwendig, fen, erklärt Leppa. »Bei Politikberatung, 20 21 gruppen versuchen würden, Stellungnah­ Gerold Leppa. Manchmal gerate die Poli­
Mehr als bunte Inszenierung?! – Zur ­strategischen
Dimension von Science Events in der wissensbasier-
ten Stadt- und Regionalentwicklung

Eine der Fragen, die hier verhandelt w


­ urden:
Wie nachhaltig sind Science Events für Stadt,

Science Events
Gesellschaft und Wissenschaft?

tik in Zugzwang, wenn wissenschaftliche es bisher nur wenige Anreizsysteme für


Forschungsergebnisse in der Öffentlich­
keit publik werden. Wissenschaftskom­ – demnächst Wissenschaftler gebe, um aktiver zu kom­
munizieren. Sie fordert: »Kommunikation
munikation spiele hier eine wichtige Rolle. muss Teil der Wissenschaft werden. Als
Gerade auf kommunaler Ebene, wo Politik
stärker zur Wertediskussion werde, kom­ auch in meiner Hochschule muss ich mich mit der Welt
da draußen in Beziehung setzen.«
me oft die Frage auf, »was sind Fakten ger wird.«  Bei dem Bielefelder Science
und was Interpretation?«. Bei diesem Dia­
log müsse die Wissenschaftskommunika­ Stadt? ­Festival GENIALE stehen daher ein inter­
aktiver Ansatz und die Einbindung ver­
»Klauen Sie die Ideen von anderen!«
Doch wie gelingt es, dass Science Events
tion helfen, denn nur über den Dialog mit schiedenster Plätze und Akteure der Stadt mehr sind als »bunte Inszenierung«? Eine
Bürgerinnen und Bürgern sowie Trans­ Standortmarketing, Wissenschaftskom­ im Mittelpunkt. Durch den klaren Bezug enge Zusammenarbeit von Hochschulen,
parenz bei der Forschung könne im Zwei­ munikation und Bürgerinteressen verbin­ zum Standort kann eine wechselseitige Stadtmarketing und Stadtverwaltung sind
fel Misstrauen abgebaut und ­ Vertrauen den und dabei das große Ganze im Blick Identifikation – nämlich der Menschen mit in puncto Nachhaltigkeit und Reichwei­
in wissenschaftliche Beratung gewonnen behalten – das ist eine der großen Her­ der Forschung wie auch der Bielefelder te von Veranstaltungen nicht nur in Bo­
werden. ausforderungen der Öffentlichkeitsarbeit. Wissenschaft mit ihrer Stadt – entstehen. chum der Schlüssel zum Erfolg. Am Bei­
Das gilt in besonderem Maße für die Ko­ spiel der GENIALE zeigt Gesa Fischer, wie
Ariane Trautvetter Wissenschaftler im Trainingslager
ordination von Science Events. Gleich zu Großevents auch einen nachhaltigen Wert
Kai Gehring ist seit 2005 für Bündnis 90/Die Grünen
Beginn der Session sagt Moderatorin Iris Auch Annette Klinkert hat mit der »Wis­ nach innen haben können: Das gemeinsa­
Mitglied des Deutschen Bundestages. Prof. Dr. Martin Klaßen: »Wir sind alle überzeugte Wis­ sensNacht Ruhr« nicht nur die Bürger­ me Projekt GENIALE gab den Anlass dafür,
Lohse ist Humanmediziner, Pharmakologe und Toxikolo­ senschaftsvermittlerinnen und wollen schaft, sondern auch Wissenschaftle­ dass sich alle beteiligten Akteure und In­
ge und Vizepräsident der Nationalen Akademie der Wis­
senschaften Leopoldina. Seit April 2016 ist er Vorstands­
unsere Erfahrungen mit Ihnen teilen und rinnen und Wissenschaftler im Blick. In stitutionen vernetzten. Diese neu entstan­
vorsitzender des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare voneinander lernen, um noch besser zu speziellen Trainings lernen sie, wie sie ihre dene Struktur bildet die Grundlage für ein
Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft. Gerold Leppa werden.« Die Begeisterung für Wissen­ Themen einer breiten Öffentlichkeit zu­ lebendiges und vertrauensvolles Wissen­
ist Wirtschaftsdezernent der Stadt Braunschweig. Dr.
Jan-Martin Wiarda arbeitet als freier Wissenschafts-
schaftskommunikation spürt man bei den gänglich machen. Interdisziplinäre Work­ schaftsnetzwerk in der Stadt. Für die Pla­
und Bildungsjournalist. drei Referentinnen, die alle im Bereich der shops fördern darüber hinaus den wech­ nung und Umsetzung von Science Events
strategischen Wissenschaftskommunika­ selseitigen Ideenaustausch. So können hat Klinkert einen Tipp: »Klauen Sie die
tion sowie des wissensbasierten Stadt- Science Events nicht nur für die Gesell­ Ideen von anderen und lassen Sie sich in­
und Regionalmarketings tätig sind. Dass schaft, sondern auch für die Wissenschaft spirieren!« Ein Blick jenseits der eigenen
die Positionierung als Wissenschaftsstadt von nachhaltigem Nutzen sein. Auf eine Region lohne sich. Welche Veranstaltun­
mancherorts keine leichte Aufgabe ist, be­ Rückfrage aus dem Publikum bestätigt gen gibt es in anderen Städten? Wie sieht
richtet Johanna Löwen. Die Gesellschaft Klinkert, dass es trotz vieler neuer Forma­ es im Ausland aus? Und wie lassen sich
einbinden und Wissenschaft im Stadt­ te immer ein Problem mit der Akzeptanz diese Modelle auf den eigenen Standort
bild sichtbar und erfahrbar machen – das und Umsetzung von dialogorientierter übertragen? Netzwerke bilden, auch in­
sei das ganz große Potenzial von Science Kommunikation in der Wissenschaft gebe. ternationale, sei von großer Wichtigkeit,
Events. Sie würde häufig als Nebensächlich­ betont Klinkert, die seit September 2016
Gesa Fischer sieht das ähnlich: »Un­ keit abgetan und es sei schwer, Forscher Direktorin der European Science Events
sere Markenbefragung hat ergeben, für Kommunikation als Teil ihrer wis­ Association ist. Ein eindeutiges Profil und
dass der Faktor Wissenschaft in Biele­ senschaftlichen Arbeit zu begeistern. klar definierte Ziele trügen wesentlich
feld für die Bevölkerung immer wichti­ 22 23 ­Klinkert gibt aber auch zu bedenken, dass zum Erfolg von Science Events bei.
Keine Kommunikation für die Tonne! – Wie ­
projektbezogene Wissenschaftskommunikation
ihre Zielgruppe erreichen kann
Wünscht sich Leitkriterien, Anreize und
­R essourcen für die Wissenschaftskommunika­t ion:
die Forscherin Julia Gantenberg.

Was kostet ein Science Event? Projekte sind eine gute Möglichkeit, um
Auch die Wissenschaft muss sich einbrin­ eine Stadt oder Region als Wissenschafts­
gen. »Die Forschung muss raus aus dem standort zu stärken und die Wissenschaft
Elfenbeinturm. Sie muss näher ran an die
Bürgerinnen und Bürger. Gesellschaft,
in der Stadt sichtbar zu machen. Innova­
tive Ideen und die aktive Einbindung von Wissenschaftler
Hochschulen und Wirtschaft müssen sich Hochschulen, Stadtverwaltungen und an­
vernetzten und nicht nur parallel neben­
einander existieren und agieren«, sagt Jo­
deren kulturellen Institutionen sind dabei
ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg. als Kommunikatoren?
hanna Löwen. Diese Zusammenarbeit för­
Franziska Schultheis
dert das Netzwerk UniverCity Bochum. Es »Der provokante Titel scheint zu funktio­ Julia Gantenberg weiß davon zu berich­
bringt Hochschulen, die städtische Ver­ Gesa Fischer arbeitet für das Wissenschaftsbüro der
nieren«, so Moderatorin Beatrice L ­ ugger ten, dass Wissenschaftskommunikati­
waltung, das Stadtmarketing, Museen und Bielefeld Marketing GmbH. Dr. Annette Klinkert ist mit Blick auf den bis auf den letzten Stuhl on nicht trivial ist und Wissenschaftler
weitere Partner zusammen. »Das Thema Geschäftsführerin der city2science GmbH für Wissen­ besetzten Raum, in dem gleich die Fish­ oft nicht genau wissen, wie Kommunika­
schaftskommunikation und Strategieberatung. Johanna
Wissenschaft ist in den Städten angekom­ Löwen arbeitet für das Netzwerk UniverCity Bochum. Das
bowl-Diskussion zum Thema »Keine Kom­ tion mit der Öffentlichkeit funktionieren
men«, so Löwen. »Und es gibt auch eine Projektbüro ist bei der Bochum Marketing GmbH angesie­ munikation für die Tonne!« ­ stattfinden kann. Mit ihrer Doktorarbeit hat sie eine
positive Entwicklung auf Seiten der Hoch­ delt. Dr. Iris Klaßen leitet das Wissenschaftsmanage­ wird. Hier sollen Fragen beantwortet wer­ umfassende Analyse zur Umsetzung von
ment der Stadt Lübeck.
schulen. Viele Wissenschaftler erkennen, den wie: Wie kann projektbezogene Wis­ Wissenschaftskommunikation in drei von
dass Kommunikation für ihre Forschungs­ senschaftskommunikation ihre Zielgrup­ der Deutschen Forschungsgemeinschaft
vorhaben unerlässlich ist.« Das gilt auch pen erreichen? Wie können Fördergelder (DFG) geförderten Sonderforschungsbe­
in finanzieller Hinsicht: »Es ist heute ein effektiv genutzt werden? Wie kann die reichen (SFB) an der Universität Bremen
wichtiges Kriterium für die Vergabe von Verantwortung, Forschung auch nach au­ vorgelegt und dabei festgestellt, dass vie­
Fördermitteln, ob und wie Forschungsfra­ ßen zu tragen, besser umgesetzt w ­ erden? les nach dem Prinzip »Versuch und Irr­
gen gemeinsam mit der Gesellschaft ent­ Wenn Gelder für Forschungsprojek­ tum« abläuft.
wickelt werden«, sagt Klinkert. Sie berich­ te bereitgestellt werden, ist klar, dass die
tet, dass Wissenschaftler Science Events Geldgeber daran interessiert sind, dass Zwischen Kreativität
immer mehr schätzten. Auch weil es für die Forschung auch der Öffentlichkeit zu­ und Orientierungslosigkeit
sie eine Art Testfeld für die eigene Kom­ gänglich gemacht wird – ganz nach dem Die von der DFG durchaus gewollte Hand­
munikationsstrategie sei. Bei den Städte­ Motto »Tue Gutes und rede darüber«. Wie lungsfreiheit führe oft zu einer großen
vertretern im Publikum kommt die Frage in den einzelnen Projekten die Öffentlich­ Orientierungslosigkeit, so Gantenberg.
auf: Was kostet ein Science Event eigent­ keitsarbeit konkret aussehen soll, darü­ Sie beschreibt das Problem der Wissen­
lich? Konkrete Zahlen nennt Gesa Fischer: ber entscheiden meist die Projektleiter. schaftler, die im Spannungsfeld zwischen
200 000 bis 300 000 Euro müsse man Grundlegend müssen diese sich überle­ Forschung und Kommunikation stehen
für ein Science Event in der Größenord­ gen, ob sie einen Experten mit ins Boot und sagt: »Hier würden Leitkriterien und
nung der GENIALE einplanen. »Aber nicht holen oder externe Fachleute mit der Rückmeldung seitens der DFG helfen.«
das Budget alleine macht ein Event erfolg­ Kommunikation nach außen beauftragen. Was die Wissenschaftler ihrer Meinung
reich«, betont Fischer. Annette Klinkert Dass der dritte Weg, die Öffentlichkeits­ nach vermissen, sind Anreize, Ressourcen
sieht das genauso: »Es geht auch deutlich arbeit von Seiten der Wissenschaftlerin­ und eine ausreichende Honorierung.
kleiner als die GENIALE oder die Wissens­ nen und Wissenschaftler selbst zu über­ Wolfgang Reichel, der sich als Wissen­
Nacht Ruhr. Wichtig sind die guten Ideen.« nehmen, einige Schwierigkeiten aufwirft, schaftler auch für die Öffentlichkeitsarbeit
Fazit: Lange Nächte der Wissenschaft, wird noch vielfach Thema sein in dieser engagiert, gibt Ähnliches zu bedenken.
Science Festivals oder Citizen-Science- 24 25 Runde. Obgleich er und sein Team sehr motiviert
Engaging new communities in ­science
through folk dance and the arts

Tanz der
Elemente
sind, mit Social Media und einem Blog ar­ aufbereiteten Information darin zu sehen Anregungen für die Arbeit geben. Ab­ So etwas vermag wahrscheinlich nur die
beiten, gibt er zu: »Wir sind Amateure. Wir ist, dass die Forschenden so auch Wissen­ schließend sagt Rateike: »Damit Förder­ Musik. Eben noch lauschten die 25 Work­
haben noch deutlich Luft nach oben.« Da­ schaftlern anderer Disziplinen ihre Pro­ angebote auch greifen können, brauchen shop-Teilnehmer konzentriert auf ihren
mit die Wissenschaftskommunikation des jekte verständlich machen können. Sie wir eine stärkere Verankerung der Wis­ ordentlich aufgereihten Stühlen dem aus
SFB eben keine Kommunikation für die werden ermutigt, ihre Projekte so zu kom­ senschaftskommunikation in der wissen­ Schottland angereisten Referenten Le­
Tonne ist, hat sich das Projekt unter an­ munizieren, dass auch fachfremde Kolle­ schaftlichen Ausbildung.« wis Hou. Eine halbe Stunde später sind
derem Unterstützung über eine Koopera­ gen sie verstehen – ein Grundstein für in­ Wolfgang Reichel verweist auf Nach­ die Möbel an die Wände gerückt und Hou
tion mit der Hochschule für Gestaltung in terdisziplinäre Zusammenarbeit. wuchswissenschaftler, welche die Öffent­ spielt in der Mitte des Raumes auf sei­
Karlsruhe gesucht. lichkeitsarbeit mit anderen Augen sehen. ner Geige zum Tanz auf. Zuvor Unbekann­
Das macht deutlich: Die von der DFG Formatbeschreibungen gibt’s auf Sie wüssten um den Nutzen und die Wich­ te halten sich an den Händen, drehen sich
gewährte Handlungsfreiheit kann durch­ wissenschaftskommunikation.de tigkeit der Wissenschaftskommunikation. lachend im Kreis, schwingen ihre Arme
aus zu großer Kreativität führen. Den Vorschlag, Wissenschaftlern von Julia Gantenbergs Fazit: Entwicklung fin­ im Takt und folgen mit Begeisterung Hous
Jutta Rateike stellt heraus, dass die Seiten der DFG einen Werkzeugkasten det statt! Es wird besser! Schrittanweisungen. Am Ende und nach
DFG ihre Förderung von Wissenschafts­ für die Öffentlichkeitsarbeit an die Hand einer Zugabe verabschiedet eine ent­
Christiane Claus
kommunikation nicht als Forderung ver­ zu geben, sieht Jutta Rateike eher kri­ spannt lachende Gruppe den jungen Edin­
steht, sondern als Angebot für die Wis­ tisch. Die DFG habe sich bewusst gegen Julia Gantenberg ist wissenschaftliche Mitarbeite­
burgher mit lautem Klatschen und Be­
senschaftler. Gäbe es eine konkrete Werkzeugkästen oder Best-Practice-Bei­ rin an der Universität Bremen und promoviert dort im geisterungspfiffen.
Forderung, so wären Kriterien und Anlei­ spiele entschieden, auch um zu verhin­ Fachgebiet Kommunikations- und Medienwissenschaft. Schön, doch das hat doch nichts mit
­B eatrice Lugger ist wissenschaftliche Direktorin am
tungen durchaus sinnvoll und wichtig. Das dern, dass Wissenschaftler diese als Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation
Wissenschaft zu tun! Und ob, denn der
Angebot der Förderung solle den Wissen­ Vorgaben verstehen und sich zu stark (NaWik). Dr. Jutta Rateike ist stellvertretende Leite­ von Hou angeleitete Tanz ist sozusa­
schaftlern aber die Möglichkeit geben, die daran orientieren. Darüber, dass Infor­ rin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen gen choreographierte Wissenschaft. Der
­Forschungsgemeinschaft (DFG). Prof. Dr. Wolfgang
Wissenschaftskommunikation individuell mationen durchaus gut zu beschaffen Reichel ist Professor für Mathematik am Karlsruher Ins­
Neurowissenschaftler ist Gründer ei­
und passgenau für Themen und Kommu­ sind, sind sich letztendlich dann alle einig titut für Technologie (KIT). ner Folk-Band und Wissenschaftskom­
nikationskonzepte in ihr Forschungspro­ und verweisen auf die noch junge Seite­ munikator. Und er hat eine geniale Me­
jekt zu integrieren. www.wissenschaftskommunikation.de, thode ent­ wickelt, alles miteinander zu
auf der unter anderem eine Vielzahl kon­ verbinden: im sogenannten »Science
Kein Werkzeugkasten für kreter Formate vorgestellt wird.
Lewis Hou (mit Geige) vereint mit
seinem »Science-Ceilidh«
die Wissenschaftskommunikation Aus der Runde der Diskutanten kommt schottischen Volkstanz und
Mit der Frage, wie Wissenschaftler moti­ das Argument, dass sich für Wissen­ ­W issenschaftskommunikation.
Da wurde der Seminarraum
viert werden können, bei der Kommunika­ schaftler die Perspektive auf die eigene ­k urzerhand zur Tanzfläche.
tion mitzuwirken, öffnet Beatrice Lugger Arbeit positiv verändern kann, wenn sie
die Fishbowl-Diskussion. Wolfgang Rei­ Feedback und Wertschätzung aus der Öf­
chel verweist sofort auf den Nutzen, den fentlichkeit bekommen. Wolfgang Reichel
Wissenschaftler davon haben, wenn sie unterstreicht den Nutzen, den die Wissen­
gute Wissenschaftskommunikation be­ schaftler besonders von der Kommunika­
treiben können. Besonders die jüngeren tion mit der fachlichen Öffentlichkeit und
Wissenschaftler fänden über Facebook der damit verbundenen Wahrnehmung
die Möglichkeit, ihre Forschungsarbeit in der innerwissenschaftlichen Commu­
der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, nity haben. Aber auch der Austausch mit
aber auch Freunden und Familie. Das mo­ einem Laienpublikum sei durchaus von
tiviert. Jutta Rateike ergänzt, dass ein wei­ Nutzen, wie die Diskussion zeigt: Nicht­
terer Vorteil in der für die Öffentlichkeit fachleute können ebenfalls hilfreiche 26 27
Keynote von Melanie Smallman:
»Die Lücke zwischen der Welt, wie Experten Communicating Science in ›post-truth‹ Europe
sie beschreiben und wie Menschen sie
erleben, wächst«, sagt Melanie Smallman.

­ eilidh«, den er im Workshop vorstellt.


C sich alle mit Vornamen und kurzen Jobbe­
­Seine Idee basiert auf dem schottischen schreibungen vor. Viele sind in ihrer Frei­
Ceilidh-Tanz, den in seiner Heimat je­
­ zeit künstlerisch aktiv, spielen ein Instru­
des Kind kennt. Hou nutzt ihn, um Men­ ment, singen, schauspielern, zeichnen. Sie
schen aller Altersgruppen und Schichten wissen um die Kraft der Kreativität und
an die Wissenschaft heranzuführen. War­
um auch nicht. Auf der Insel, in der Wis­
sind neugierig, wie sich Tanz und Wissen­
schaftskommunikation verbinden lassen. Ehrlichkeit
senschaft gerne versucht, auf Tuchfüh­
lung mit der Bevölkerung zu gehen. Dort,
wo Forscher im Pub beim Bier ihre Arbeit
Die Kraft der Kreativität
Natürlich weiß Lewis Hou, dass sich kom­ statt
erklären und jeder noch so kleine Ort ein plizierte Wissenschaft nicht allein tanzend
»Science Festival« zu haben scheint, liegt
es nahe, auch andere vermeintlich volks­
vermitteln lässt. Aber der Ceilidh kann
jene neugierig machen, die sonst nicht platter
tümliche Kulturgüter mit der Wissen­ wissenschaftsaffin sind. Wer sich einmal
schaft zu verbinden.

Speed Dating mit Musik


voller Spaß als weißes Blutkörperchen
mit roten Blutkörperchen im Kreis drehte, Parolen
möchte vielleicht hinterher doch wissen, sondern sie für die Kraft der Kreativität in Das postfaktische Zeitalter ist auch in
Ceilidh-Tanzen macht nicht nur Spaß, es worum es da eigentlich ging. der Wissenschaftskommunikation zu be­ England angebrochen. Daran ließ Melanie
ist zudem sehr einfach – so dass jede und In Schottland geht Hou mit weiteren geistern. Das ist ihm in Bielefeld in jedem Smallman in ihrer Keynote keinen Zwei­
jeder mitmachen kann, egal welchen Al­ musizierenden Wissenschaftlern in Schu­ Fall gelungen. fel und präsentierte Belege: Da behaup­
ters und welcher Vorbildung. Mit ganzen len, tritt aber auch auf Science- und Folk- tet ein prominenter Abgeordneter der
Petra Krimphove
vier Grundschritten lässt sich der Wis­ Festivals auf und besucht traditionelle europafeindlichen UKIP-Partei, die Son­
senschafts-Ceilidh tanzen: Aus dem »Flie­ Ceilidh-Tanzveranstaltungen. Dort vermit­ Der Schotte Lewis Hou ist Musiker und Neurowissen­
ne und nicht der Mond bestimme Ebbe
genden Schotten« werden »Fliegende telt die Band nicht nur die Tanzschritte schaftler. Mit seinem Science-Ceilidh, der Tanz, Musik und und Flut, und der ehemalige Bildungsmi­
Photonen«, in die sich die Teilnehmer in ihrer Wissenschafts-Ceilidhs, sondern Wissenschaft vereint, hat er eine neue Methode der Wis­ nister Michael Gove tönt, die Briten seien
senschaftskommunikation entwickelt, die er auf der gan­
Windeseile verwandeln. Ein Schritt nach ­erläutert jeweils auch zielgruppengerecht zen Welt präsentiert.
der Experten und ihrer Studien überdrüs­
vorne, einer nach hinten, und schon ver­ deren wissenschaftliche Hintergründe. sig. Auch der Durchschnittsbürger wird
binden sich die Zellen mit ihren Nachbarn Diese Fakten finden sich mit Videos und zunehmend skeptischer gegenüber For­
und drehen sich im Kreis. Laut erklingen Tanzanleitungen auf der Website des Pro­ schungsergebnissen und Statistiken. Das
Hous Anweisungen: »ein bisschen mehr jekts. habe durchaus einen Grund, so Small­
Gefühl«, »die Frauen nach vorne«, »und Das schottische Curriculum fördert man: »Die Lücke zwischen der Welt, wie
jetzt die Männer« schallt es durch den ausdrücklich fächerübergreifendes Ler­ Experten sie beschreiben und wie Men­
Raum. Immer im Kontakt mit dem Nach­ nen sowie die Anwendung künstlerischer schen sie erleben, wächst.« So steigt laut
barn, die Partner wechselnd, was da­ Ansätze und Methoden bei der Vermitt­ Statistik Englands Bruttoinlandsprodukt
für sorgt, mit immer neuen Menschen in lung der Naturwissenschaften. An diese pro Kopf seit Jahren. Doch in den Porte­
Kontakt zu kommen. So hat der Wissen­ Offenheit knüpft Hou an. Wichtig ist ihm monnaies vieler Bürger findet sich nicht
schafts-Ceilidh auch einen sehr sozialen dabei die Nachhaltigkeit des Projekts. Er mehr Geld als früher, ihre Einkommen
Aspekt. Fast wie Speed-Dating mit Musik. würde es am liebsten in das Bildungssys­ stagnieren. Also glauben sie den offiziel­
Dass der Workshop auf Englisch und tem integrieren. len Zahlen und Fakten nicht mehr.
mit einem lässigen Moderator vonstatten Hous Botschaft an dem Abend ist dann Melanie Smallman machte keinen Hehl
geht, lockert die Atmosphäre von Beginn auch nicht, den deutschen Kollegen das aus ihrem Entsetzen über diese wissen­
an auf. In der Präsentationsrunde stellen Tanzen von Formeln ans Herz zu legen – 28 29 schaftsfeindlichen Entwicklungen. Die
Britin begleitet und entwickelt seit fast 30
Zuge der BSE-Krise, die die Insel ab den Auch als Reaktion auf das BSE-Kommuni­ len, führe mehr Wissen durchaus auch zu
Jahren im Auftrag von Politik und Organi­
80er-Jahren in Schock versetzte, wurde kationsdesaster legte das Britische Ober­ einer kritischeren Einstellung, so die Bri­
sationen strategische Wissenschaftskom­ das Vertrauen der Bürger in Politik und haus im Jahr 2000 einen Bericht vor, tin. Das müsse man akzeptieren.
munikation. Ihr Credo: Wissenschaft mussWissenschaft nachhaltig erschüttert Aus der dazu aufrief, Wissenschaft bürger­ Seit der BSE-Krise hat sich in ­puncto
wieder an die Lebens- und Erfahrungs­ dieser Zeit stammt ein berühmtes Foto, näher zu kommunizieren. Die Meinung Wissenschaftskommunikation viel getan
welten der Menschen andocken, denn: Die auf dem der damalige britische Land­ der ­Öffentlichkeit müsse gehört und ernst im Vereinigten Königreich, wie sie an ei­
Bürger lehnen nicht die Werte der Wis­ wirtschaftsminister John Gummer in ei­ genommen werden, forderten die Verfas­ ner Reihe von Initiativen belegte. Eine der
senschaft ab, sondern fühlen sich ausge­nen Hamburger beißt, um aller Welt zu ser. So erhöhe sich die Chance, dass po­ wichtigsten Schritte sei die Gründung von
schlossen vom technologischen und ge­ beweisen, dass britisches Rindfleisch si­ litische Entscheidungen letztendlich ak­ ScienceWise gewesen, dem nationalen
sellschaftlichen Fortschritt. cher sei. Seine Tochter hält auf dem Bild zeptiert würden. Smallman unterstrich Zentrum für den Dialog zwischen Öffent­
Wissenschaftsskepsis sei also nicht einen bereits angebissenen Hamburger in diesen Punkt: Es sei wichtig, Fehler zuzu­ lichkeit und Wissenschaftlern. Dieser Di­
nur ein Kommunikations-, sondern auch der Hand. »Schauen Sie mal auf den Biss­ geben, sie zu korrigieren und transparent alog sei in diesen Zeiten nötiger denn je.
ein Teilhabeproblem. Die Skeptiker las­ abdruck in dem Brötchen«, so Smallman. und ehrlich zu kommunizieren. Denn, so Smallman: »Dass die Wissen­
sen sich entsprechend nicht allein durch»Der stammt von einem Erwachsenen schaft unsere Welt verändert, ist ein Fak­
Fakten überzeugen. Sie müssen vielmehr und ist viel zu groß für das Mädchen.« Das Dialog auf Augenhöhe tum. Wie sie es tut, darüber müssen wir
wieder in gesellschaftliche Debatten inte­
Kind hatte sich geweigert abzubeißen. Sie plädierte für einen Dialog auf Augen­ reden – alle miteinander.«
griert und ernstgenommen werden. »Wir Es ist zugleich das Bild einer völlig höhe, der nicht nur Fakten liefert, son­
Petra Krimphove
müssen sicherstellen, dass die gesamte misslungenen Kommunikationsstrategie. dern auf Bedenken und Fragen eingeht.
Gesellschaft von den Vorteilen des wis­ »Damals bestand ein reales Gesundheits­ Dies impliziere, auch technik- und wis­ Melanie Smallman ist Direktorin von »Think-Lab«, ei­
senschaftlichen und technologischen risiko«, erinnert Smallman. Doch man senschaftskritischen Meinungen Gehör zu ner Beratungsagentur für Wissenschafts- und Umweltpo­
Fortschritts profitiert«, so Smallman. versuchte, die Ängs­ schenken und sie zu respektieren. Denn litik sowie Forscherin und Dozentin am »Department of
Science and Technology Studies« am University College
te der Menschen mit sonst spiele man genau auf jener Klavi­ London. Die Britin arbeitet seit 1989 in der Wissenschafts­
Täuschung im BSE-Skandal platten Parolen und Smallmans Vortrag atur, die derzeit viele Menschen auf die kommunikation und war unter anderem für die Öffent­
Zugleich dürfe Kommunikation nicht ver­ Bildern wegzukom­ traf den Nerv der Seite von elite- und wissenschaftsfeindli­ lichkeitsarbeit nationaler Organisationen verantwortlich.
Teilnehmenden.
suchen, das Gegenüber zu täuschen. Im munizieren. chen Populisten treibe. Deren Argument,
dass »die da oben« sich eh nicht darum
scheren, was die Bevölkerung denkt, dürfe
man keine Nahrung geben.
Doch Smallman dämpfte Erwartun­
gen: »Mehr Informationen bringen Men­
schen nicht unbedingt dazu, Wissenschaft
zu lieben.« Es könne auch das Gegenteil
geschehen: In der Debatte um die Stamm­
zellforschung bauten Informationen nicht
die Gegenwehr ab, sondern führten dazu,
dass Menschen sich eine dezidierte Mei­
nung bildeten. Vor allem, wenn ethische
31 Fragen bei der Bewertung eine Rolle spie­
 Cornelia Delius vom Verkehrsverein Bielefeld und Martin Knabenreich von  
Bielefeld Marketing begrüßten die Gäste in der  »Alten Hechlei«. Dort ließen die ­Teilnehmer  
den ersten Konferenztag mit guter Musik und guten Gesprächen ausklingen.  

 Alle auf einer Bühne versammelt:   


Die Gewinner des Webvideo-Wettbewerbs bei der Preisverleihung von »Fast Forward Science«   
am zweiten Abend des 9. Forum Wissenschaftskommunikation.  
Gefühlte Wissenschaft?

Kopf oder
Bauch –
oder Kopf Elisabeth Hoffmann hatte als Leiterin der davon, »dass wir da noch nicht gut genug tät«, sagte Weingart. Emotionen hätten da
Stabsstelle Kommunikation an der Uni­ sind«. Wie weitgehend aber Wissenschaft erstmal nichts zu suchen.

und Bauch? versität Braunschweig ein Schlüsseler­


lebnis, das sie vor zwei Jahren schon auf
emotional sein dürfe oder solle, das sei
tatsächlich eine sehr schwierige Frage.
Wenn aber das Vertrauen in die Wis­
senschaft als Institution nicht mehr vor­
die Dringlichkeit dieser Fragen brach­ Das Dilemma ist klar: Die normativ ver­ handen ist und Menschen heute seltener
Gegen Stimmungsmache von Populisten te. Damals war weit außerhalb der Stadt fasste Wissenschaft hat klare Regeln. For­ unterscheiden können zwischen einer
dringt man mit Fakten und klugen Argu­ eine von Studenten der Universität Braun­ scher versuchen, ihre persönliche Betrof­ wissenschaftlichen Erkenntnis und einer
menten nur bedingt durch, das bestätigt schweig gebaute Rakete im Kinderzim­ fenheit deshalb gerade nicht in ihre Arbeit Information, die halt im Netz steht – muss
sich gerade jeden Tag aufs Neue. Mal är­ mer eines Wohnhauses eingeschlagen. einfließen zu lassen. Das gebietet ihnen sich dann nicht etwas Grundlegendes än­
gert das, mal ist es gefährlich. Doch dür­ Anstatt sofort mit dem Unipräsidenten ihr Selbstverständnis. Der Soziologe Pe­ dern in der Wissenschaftskommunikati­
fen deshalb wissenschaftliche Argumente zur betroffenen Familie zu fahren und um ter Weingart erinnert daran, wie die mo­ on? Um beispielsweise Kampagnen von
mit Gefühlen aufgeladen werden? Sollen Entschuldigung zu bitten, hatte ihre Abtei­ derne Wissenschaft entstanden ist, näm­ Impfgegnern etwas entgegenzuhalten?
Fakten emotionalisiert werden, damit sie lung Fakten, Fakten, Fakten gesammelt, lich im England der Religionskriege des »Wir müssen die wissenschaftlichen
besser gehört werden? Oder sind Authen­ um für Fragen der Presse gewappnet zu 17. Jahrhunderts: »Damals wurde über Werte, die Methoden und Herangehens­
tizität und Emotionalisierung ein Wider­ sein. Was für eine Rakete war das, was Begriffe so gestritten, dass darüber Krie­ weisen der Wissenschaft stärker he­
spruch zur Objektivität, die Wissenschaft ist schief gelaufen beim Start, wie oft ist ge geführt wurden«, sagt Weingart. Seit­ rausstellen«, ist Elisabeth Hoffmann
ausmacht? Darüber wurde in der Session es in der Vergangenheit schon gut gegan­ her bedeute Wissenschaft das Prüfen von überzeugt. »Damit der Wert von wissen­
»Gefühlte Wissenschaft« verhandelt. Die gen? Haben die Studenten die Rakete im Beobachtungen und die kollektive Ver­ schaftlicher Erkenntnis erkannt wird.«
Einschätzungen waren gespalten. Rahmen eines Uni-Seminars oder als pri­ ständigung darüber – und zwar durch die Monika Taddicken, die an der Technischen
Wir leben im Zeitalter der Emotiona­ vater Verein gestartet? Hoffmann wusste Auseinandersetzung mit Kolleginnen und Universität Braunschweig über Online-
lisierung, Aufklärung allein reicht nicht sehr viel, als sie sich am Nachmittag bei Kollegen, deren Urteil man sich als Wis­ Commu­nities forscht, ergänzt: »Wenn wir
mehr. Wachsende Teile der Bevölkerung der Familie meldete, um die Sache zu er­ senschaftler immer wieder auszusetzen transparent machen, wie wissenschaftli­
verlieren das Vertrauen in Institutionen klären. Doch erst, als sie am Telefon die­ habe. »Wissenschaft muss mit Argumen­ che Erkenntnis generiert wird, wird klar,
wie die Wissenschaft. Gerüchte verbrei­ ses empörte »Endlich melden Sie sich ten überzeugen, mit Evidenzen arbeiten was die Wissenschaft als Evidenz ver­
ten sich in sozialen Medien meist schnel­ …!« hörte, begriff sie, dass statt Fakten zu – das ist die Grundlage für ihre Objektivi­ steht und dass das etwas anderes ist als
ler als Fakten. sammeln wichtiger gewesen wäre, zual­ das, was woanders als Wahrheit darge­
Mit mahnenden Sätzen wie diesen lererst den Betroffenen zu sagen: »Unser stellt wird.«
führt Moderator Volker Stollorz ins The­ Mitgefühl gilt …«, »Wir sind betroffen …«. Dürfen wir Fakten mit Gefühlen aufladen, damit sie
ma ein, um schließlich zu fragen: Hilft es In den folgenden Tagen kochten die ­b esser gehört werden? Darüber ver­h andelten (von links):
­Elisabeth Hoffmann, Volker Stollorz, Peter Weingart und
in solchen Zeiten, weiterhin sachbezo­ Emotionen hoch. In den Medien kursier­ Monika Taddicken.
gen zu argumentieren? Sollte die Wissen­ te ein Foto: Oben an der Lampe des Kin­
schaft in Kampagnen gezielt Gefühle ein­ derzimmers baumelte ein Kuschelbär. Die
setzen, um Aufklärung zu erreichen? Darf Wissenschaft stand da als kalt und herz­
Wissenschaft werblich argumentieren? los. Auf dem Modell-Flugplatz, den die
Und auch: Müssen wir uns nicht zunächst Studierenden nutzten, gab es Transparen­
darauf konzentrieren, besser zu verste­ te, die einen sofortigen Stopp der Flugver­
hen, wo und wie sich Einstellungen von suche forderten. Elisabeth Hoffmann hat
Impfgegnern, Klimaleugnern, Kreationis­ damals viel gelernt. »Wir Wissenschafts­
ten entwickeln, um auf den grassierenden kommunikatoren müssen diese emoti­
Populismus schließlich richtig reagieren onale Fremdsprache zumindest verste­
zu können? hen«, weiß sie heute und ist überzeugt 34
Das Informationsportal
wissenschaftskommunikation.de
ist online. Was steckt drin? ­
Warum überhaupt und für wen?

Forschung –
Sollen Wissenschaftler
über E­ motionen reden, wenn
sie Tierversuche machen?
sagen: »Für mich ist das auch alles nicht
so einfach, aber …«? – Können Wissen­
um gefährliche Einstellungen von Men­
schen – zum Beispiel in Online-Communi­ Formate –
schaftler gewissermaßen als nützliches ties – zu ändern?
»Müssten Wissenschaftler nicht auch Un­
sicherheiten häufiger zugeben?«, fragt
Tool der Wissenschaftskommunikation ins
Spiel gebracht werden? Soll Wissenschaft
Monika Taddicken meint, wir müssten
zunächst besser verstehen, wie überhaupt Fortbildung!
Volker Stollorz. »Müsste nicht ein Wissen­ auf diese Weise emotionalisiert werden, die Menschen zu ihren Einstellungen ge­
schaftler, der Tierversuche macht, ganz damit sie besser rüberkommt? langten. Das erweise sich allerdings als Die Wissenschaftskommunikations-Com­
klar sagen: ›Ich mache das auch nicht Peter Weingart zweifelt: »Authentizi­ schwierig. Ein einfacher Zusammenhang munity wächst und wächst. Eine Platt­
gern, es ist für mich emotional hoch be­ tät und Emotionalisierung stehen im Wi­ zwischen Mediennutzung und Einstellun­ form, die über Trends, Entwicklungen und
lastend, aber ich mache es in diesem spe­ derspruch zur Objektivität.« Er empfiehlt gen sei nicht erkennbar. Taddicken ver­ aktuelle Themen auf dem Laufenden hält,
ziellen Fall aus diesem und jenem Grund zurückhaltend, aber bestimmt zu argu­ mutet eher, dass »das Grundgerüst, das war daher überfällig. Jetzt gibt es sie:
…‹« – Solches Reden über Emotionen kön­ mentieren. »Man sollte aber nicht in ei­ die Menschen von zuhause mitbekom­ wissenschaftskommunikation.de – das
­
ne doch ein Hebel sein, um in der Öffent­ ner Weise kämpfen wie der Klimaforscher men, eine große Rolle spielt« und bei­ Online-Portal für die Wissenschaftskom­
lichkeit für die Forschung zu w
­ erben. Stefan Rahmstorf. Das wird schnell als spielsweise das Umweltbewusstsein in munikation!
Monika Taddicken ist nicht sicher, ob ­interessengeleitet empfunden.« der eigenen Familie die spätere Einstel­ Das neue Projekt feierte am 5. Dezem­
das eine gute Idee ist: Wie finden Men­ Elisabeth Hoffmann bringt noch einen lung zum Klimawandel beeinflusst. ber 2016 seinen Start und will nun über
schen das, wenn Wissenschaftler sagen, weiteren Aspekt ein: Sie hat in vielen Dis­ aktuelle Trends und Themen, Fortbil­
dass es für sie schwierig ist? Dazu wisse kussionen miterlebt, wie Leute einfach Frühe Prägungen sind entscheidend dungsmöglichkeiten, Leitlinien, Förderun­
man noch zu wenig. Dampf ablassen und ihre Meinung kund­ Auch Peter Weingart geht davon aus, dass gen und Stellenangebote informieren. Da
Elisabeth Hoffmann kann dieser Idee tun wollten. »Vielleicht müssen wir Emo­ frühe Prägungen ganz entscheidend sind: aber Optimierung erwünscht und Perfek­
mehr abgewinnen und erinnert sich an tionen manchmal auch aktiv abbauen«, Die Schule sei der wichtigste Ort, um das tion angestrebt ist, stellte sich das sechs­
eine hoch emotional geführte Debatte sagt sie. In der Regel nähmen Wissen­ Fundament zu legen für die Fähigkeit zur köpfige Projektteam auf dem Forum der
über Dual Use im Braunschweiger Haus schaftler bei Diskussionsveranstaltungen Einordnung von Informationen. Und auch, Kritik. Der Rahmen: ein World-Café.
der Wissenschaft. Die Universität forscht Fragen auf und beantworteten sie. »Aber um »Neugierde und das wissenschaftli­ Lob und Kritik werden auf Papiertisch­
in einigen Projekten für das Militär. Bei wir fragen nie zurück. Wir hören nicht che Argumentieren zu lernen«. Wissen­ decken und Kärtchen geschrieben und am
der Diskussion gab es kritische Stimmen, richtig zu. Wir wollen nicht wissen, wie die schaft, ist er überzeugt, muss vor allem Ende in einer Feedback-Runde vorgestellt.
die Fetzen flogen. Doch als der Vizeprä­ Menschen zu bestimmten Einstellungen ihre Motive offenlegen. Sagen, was sie Dort gibt es viel zu sagen. Zunächst aber
sident der Universität, ein Mikrobiologe, und Ideen gekommen sind«, sagt Hoff­ antreibt. Das mache sie interessant und stellt das Projektteam das Online-Portal
sagte, er habe auch Kinder, mache sich mann. Die Wissenschaft müsse besser glaubwürdig. vor.
auch Gedanken, da habe die Diskussion hinhören, versuchen, Augenhöhe herzu­
Dorothee Menhart Alles unter einem Dach
eine Wendung genommen. »Da haben die stellen – und erst dann die Sachargumen­
Leute gesagt, wenn er auch Kinder hat, te bringen, die natürlich immer geliefert Dr. Elisabeth Hoffmann leitet die Stabsstelle Presse Auf der Plattform informieren die Rubri­
sich auch Gedanken macht, dann können werden müssten. und Kommunikation der Technischen Universität Braun­ ken Journal, Forschung, Formate, Arbeits­
wir ihm wohl vertrauen.« Sie vereinfache, Volker Stollorz bringt die Cultural Cog­ schweig. Volker Stollorz ist Redaktionsleiter und Ge­ welt und HowTo über Themen rund um die
schäftsführer des Science Media Center Germany (SMC).
sagt Hoffmann. Aber sie ist sicher: »Sol­ nition Theory ins Spiel: Danach kann man Prof. Dr. Monika Taddicken ist Professorin für Kommu­ Wissenschaftskommunikation.
che Shortcuts müssen wir auf dem Plan mit korrekten Fakten schlicht nichts mehr nikations- und Medienwissenschaften an der Technischen Unter dem Punkt »Journal« bietet die
haben.« ausrichten, wenn falsche Tatsachenbe­ Universität Braunschweig. Prof. Dr. Peter Weingart ist Plattform Artikel zu aktuellen Trends und
Professor emeritus für Soziologie und war zuletzt Direk­
Ist das eine mögliche Lösung? Wenn’s hauptungen, zum Beispiel von Impfgeg­ tor des Instituts für Wissenschafts- und Technikforschung Themen. Und weil Forschung zum The­
kritisch wird – wie bei fehlgeleiteten Ra­ nern, erst einmal symbolische Bedeutung an der Universität Bielefeld. ma Wissenschaftskommunikation immer
keten, Impfungen, Dual Use oder Tierver­ für die eigene Identität erlangt haben. wichtiger wird, bereitet das Online-Por­
suchen – nehme man einen authentisch Doch wenn bloßes Wissen nicht reicht – tal ausgewählte Ergebnisse und Debatten
wirkenden Wissenschaftler und lasse ihn welche Möglichkeiten bleiben denn dann, 36 37 auf.
Das Team von wissenschaftskommunikation.de
Die Formate-Rubrik zeigt, welche Kanä­ vom Bundesministerium für Bildung und lem wichtig, mich darüber zu vernetzen!«,
le und Formate für die Wissenschafts­ Forschung finanziert werde. Kritisch wird meint der Nächste. Es gibt viel positives
kommunikation genutzt werden können: reich Forschung näher. Am Tisch wird die Rubrik Stellensuche betrachtet. Vorge­ Feedback für das Online-Portal.
Bürgerkonferenz, Science Slam und Ju­ an Tablets, Notebooks und Smartphones schlagen wird eine Unterteilung zwischen
Eva Götting
nior Science Café und viele andere wer­ schon fleißig gescrollt und geklickt. Das Geistes- und Naturwissenschaften und
den hier in Steckbriefen vorgestellt. Teil ansprechende moderne Layout kommt die Möglichkeit, nach Stellen zu suchen, Prof. Dr. Annette Leßmöllmann leitet die Abtei­
der Formatbeschreibung sind Zielgruppe, gut an, aber der Menüpunkt Kontakt wird die explizit Wissenschaftskommunikato­ lung Wissenschaftskommunikation am Karlsruher In­
Vorbereitungen, Kosten und Hinweise auf vermisst. Teilweise wird die Seite noch ren ansprechen. stitut für Technologie (KIT). Christian Humm arbeitet
in der Abteilung Wissenschaftskommunikation des KIT
weiterführende Informationen. nicht auf allen Geräten gleichermaßen gut und ist Redakteur von wissenschaftskommunikation.de.
Fortbildung, Stellenangebote, Jobprofi­ angezeigt. Daran arbeitet das Webteam Das war erst der Startschuss Beatrice Lugger ist Wissenschaftliche Direktorin am
le und Projektförderung dürfen im Online- der jungen Seite noch. In der allgemeinen Feedbackrunde ha­ Nationalen Institut für ­ Wissenschaftskommunikation
(NaWik). Ulrike Brandt-Bohne arbeitet neben ­ ihrer
Portal nicht fehlen: Auf der Seite gibt es Am World-Café-Tisch zum Thema For­ ben die Teilnehmenden viele Anre­ Tätigkeit am NaWik als Wissenschaftsjournalis­
außerdem Interviews mit Wissenschafts­ mate kommen Fragen zur Finanzierung gungen parat: Buchtipps, Preise und tin. Thorsten Witt und Esther Kähler arbeiten bei
kommunikatoren, die dem Leser das Be­ auf. Die Kosten eines Formats können je Dienstleister der Wissenschaftskommu­ ­Wissenschaft im Dialog und sind dort für das Onlineportal
wissenschaftskommunikation.de verantwortlich.
rufsfeld durch persönliche Geschichten nach Aufwand stark variieren, daher lässt nikation, Best-Practice-Beispiele und vie­
näherbringen. sich diese Frage nicht pauschal beant­ les mehr. Das World Café steckt ­voller
Außerdem stellt das Portal Förderer worten. Auch crossmediale Strategien Ideen! Interessiert hört das Team von
von Wissenschaftskommunikationspro­ sollten berücksichtigt werden, findet eine wissenschaftskommunikation.de zu. Eine
jekten vor. Samt ihren Schwerpunkten, Teilnehmerin. Ein Format stehe ja nicht Evaluierung der Formate wird gewünscht,
Voraussetzungen und Fristen. allein, sondern sei häufig in eine größe­ um zu erfahren, welche Kommunikations­
Das »HowTo« informiert schließlich re Kampagne eingebunden. Zeitplanung kanäle die tauglichsten sind. »Qualitätssi­
über gelungene Interaktionen zwischen und Risiken einzubeziehen, sei auch wich­ cherung ist natürlich der Wunsch, der hin­
den verschiedenen in der Branche tätigen tig. »Danke, gute Hinweise!«, sagt Esther ter der ganzen Sache steckt und die wir
Akteuren und präsentiert Leitlinien zur Kähler und macht sich Notizen. gerne möglich machen wollen«, sagt Be­
guten Wissenschaftskommunikation. Die Diskussionsrunde zu » ­ Arbeitswelt atrice Lugger.
und HowTo« wird von Ulrike Brandt-Boh­ Am Ende die große Frage, die dem
Scrollen, Swipen, Klicken – ne und Beatrice Lugger moderiert. Die Team unter den Nägeln brennt: Sehen Sie
Das World Café ist eröffnet! Teilnehmer an diesem Tisch freuen sich einen Nutzwert für sich in der Seite? Ja,
Was halten die Teilnehmenden des World darüber, dass die Seite kostenfrei ist. er könne es sich gut vorstellen, die Seite
Cafés von der neuen Online-Plattform? – Dies sei keine Selbstverständlichkeit, so zu nutzen, sagt ein Teilnehmer. Ein ande­
Annette Leßmöllmann und Christian Thorsten Witt. Das Portal sei frei nutzbar, rer findet, für ihn als Berufseinsteiger sei
Humm bringen den Teilnehmern den Be­ weil es von der Klaus Tschira Stiftung und 38 39 das Portal sehr wichtig. »Mir ist es vor al­
»Schreib doch mal ’nen Antrag!« –
Finanzierungsmöglichkeiten
für Wissenschaftskommunikation
Wie finanziere ich mein Projekt? Praktische
Tipps gab’s in der von Isabell Harder moderierten
Session »Schreib doch mal ’nen Antrag«.

Viele Wege
Sascha Foerster nicht. Er ist so begeistert das Ansprechen von Journalisten nicht für Wissenschaftskommunikation (Na­

führen von seinen Erfahrungen mit dieser Art


der Finanzierung, dass er diese Begeiste­
scheuen. Insgesamt gilt: Die Kommunika­
tion sollte transparent und persönlich sein
Wik). Die Laufzeit beträgt drei Jahre und
die Stiftung stellt unter anderem Geld für
rung schnell auf die Teilnehmer übertra­ und vor allem regelmäßig stattfinden. Den zwei Stellen am KIT zur Verfügung. Das

nach Rom gen kann. Mit dem Vorurteil, man richte


beim Crowdfunding einfach eine Internet­
realistischen Blick für diese Art der Pro­
jektfinanzierung verliert Foerster bei al­
Profil der Klaus Tschira Stiftung ist auf die
Förderung von Naturwissenschaften, Ma­
seite ein und dann regne es Geld, räumt ler Euphorie aber nicht: Crowdfunding sei thematik, Informatik und Wissenschafts­
Im World Café »Schreib doch mal ’nen er direkt auf. Natürlich ist Crowdfunding zwar verwaltungsarm, aber doch zeitauf­ kommunikation ausgerichtet. Das ist laut
Antrag« geht es um verschiedene Fi­ Arbeit. Der Schlüssel dabei ist die Kom­ wändig. Man brauche Ausdauer und auf Niemann ein erster wichtiger Schritt bei
nanzierungsmöglichkeiten für Wissen­ munikation: Man muss Sichtbarkeit er­ jeden Fall Beratung in steuerlichen und fi­ der Antragstellung: zu recherchieren,
schaftskommunikation. Das Interesse der reichen, Vertrauen aufbauen und dann die nanziellen Fragen. welche Stiftungen ein passendes thema­
Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist groß. Handlung, nämlich die Geldanweisung, tisches Profil haben. Der nächste Schritt
Viele hoffen auf neue Ideen für die Finan­ auslösen. Welche Stiftung passt zum Projekt? sollte dann unbedingt eine erste persön­
zierung ihrer Projekte oder auf konkrete Er verweist auf die Crowdfunding- Philipp Neumann, Leiter der Nachwuchs­ liche Kontaktaufnahme sein. Wer seinen
Tipps bei den zu stellenden Anträgen. Ge­ Website »Sciencestarter«, die hilfreich ist gruppe »Science In Presentations« am Antrag einfach losschickt, dem rechnet
nau das sollen sie hier auch bekommen. bei der konkreten Umsetzung eines sol­ Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Niemann grundsätzlich nicht die besten
Moderatorin Isabell Harder kündigt an, chen Projekts. Dahinter steht das Team stellt sein Wissen über Finanzierungs­ Chancen aus.
dass es keinesfalls nur um Metadebatten von Wissenschaft im Dialog, das die Star­ möglichkeiten durch Stiftungen den Nach der Vorstellungsrunde öffnen die
gehen soll, sondern ganz praxisnah wird. ter bei der Planung und Kommunikation World-Café-Besuchern zur Verfügung. Experten ihre runden Tische und die in­
Die drei Experten, die mit ihr die Session berät und unterstützt. Für die Teilnehmer, Sein Projekt, in dem For­ teressierten Teilnehmer steigen sofort in
bestreiten, geben ebenfalls ihre Praxiser­ die jetzt bereits merklich ins Überlegen men des Präsentierens konkrete Diskussionen ein. Philipp Nie­
fahrungen gerne weiter. Bei seiner kur­ geraten, ob Crowdfunding nicht auch für durch Wissenschaft­ mann setzt seine praktischen Tipps wei­
zen Vorstellung schränkt Malte Behlau sie ein möglicher Finanzierungsweg sein lerinnen und Wis­ ter fort und gibt zu bedenken, dass Stif­
aber gleich ein: »Ich werde keine Sum­ könnte, hat Sascha Foerster noch ­weitere senschaftler für ein tungen bei sehr langen Projektlaufzeiten
men nennen, das ist bei uns top secret.« konkrete Tipps parat. Er rät, alle mögli­ breites Publikum oft skeptisch sind. Strategisch günstiger:
Als Projektkoordinator eines von der DFG chen Kanäle zu nutzen, um mit potenziel­ erforscht wer­ überschaubare Laufzeiten ansetzen und
geförderten Sonderforschungsbereichs len Spendern in Kontakt zu treten. Dabei den, wird von der dann geeignete Nachfinanzierungsmög­
an der Universität Bremen stellt er sich sind Blogs und soziale Medien hilfreich, Klaus Tschira lichkeiten suchen. Auf die Frage, wie kon­
seit Anfang 2015 der Herausforderung, ein aber nicht ausreichend. Man solle zusätz­ Stiftung geför­ kret das Projekt schon ausgearbeitet sein
in den Ingenieurswissenschaften angesie­ lich alle jemals kontaktierten E-Mail-Ad­ dert. Koope­ sollte, meint er: Wer einen Entwicklungs­
deltes Projekt der Öffentlichkeit näherzu­ ressen aus dem eigenen Adressbuch rationspart­ spielraum offen lässt, signalisiert, dass er
bringen. kramen und auch ner ist das an konstruktiver Kritik interessiert ist.
Nationa­
Mit Crowdfunding zum Ziel le Ins­ »Think big! Irgendwo gibt es das
Der zweite Referent in der Runde, Sa­ titut Geld!«
scha Foerster, beginnt seine Vorstellung Crowdfunding fordert ganz andere Strate­
mit einer kleinen Umfrage unter den Teil­ gien. Sascha Foerster rät, für sich selbst
nehmern. Wer hat schon mal von Crowd­ zu spiegeln: Wofür wäre ich bereit, Geld
funding gehört? Wer hat Crowdfunding zu geben? Wofür sind die potenziel­
schon mal ausprobiert? Auf die erste Fra­ len Geldgeber begeisterungsfähig? Wie
ge melden sich fast alle Teilnehmer, auf bringt man sie zum Mitfiebern? Ganz
die zweite kein einziger. Das überrascht wichtig sei auch, so Foerster, zum Ab­
»MOOCst Du schon?« – Mit einfachen
Mitteln zum eigenen offenen Online-Kurs
Hier wird an einem MOOC gebastelt –
einem offenen Onlinekurs.

schluss zu zeigen, wofür ihr Geld ausge­ sessments ist, dass offene Fragestellun­
geben wurde, welche Ergebnisse das Pro­ gen möglich sind. Die Aufgabe der Nut­
jekt gebracht hat. zer kann beispielsweise darin bestehen,
Am Tisch von Malte Behlau, an dem es einen Aufsatz zu schreiben, eine ­Website
um die Förderung durch die Deutsche For­ zu ­designen oder ein Modell anzuferti­
schungsgemeinschaft geht, werden eben­ gen. Das Quiz Recap wiederum ist ideal
falls sehr konkrete Fragen thematisiert. als Prüfungsvorbereitung. Anhand der Er­
Behlau verweist darauf, dass die DFG viel gebnisse ermittelt das Programm die Vi­
Wert darauf legt, dass die Wissenschaftler deos, die der Teilnehmer vor der Prüfung
selbst zur Wissenschaftskommunikation nochmals anschauen sollte. Am Ende ei­
angeleitet werden. Die DFG stelle keine nes MOOCs steht das Final Exam und die
Fördergelder für das Einkaufen externer Teilnehmer können sich bei Erfolg über
PR-Agenturen zur Verfügung.
Isabell Harder hat inzwischen mit eini­ Sofa statt ein Zeugnis freuen.

Und plötzlich MOOCen alle


gen Teilnehmern eine lange Liste weiterer
Finanzierungsmöglichkeiten erstellt. Die­
se reicht von EU-Förderung über Stadt­ Hörsaal grammierung. In ihrem Workshop zeigen
Die Workshop-Teilnehmer haben sich
an fünf Tischen gruppiert, auf denen je­
marketing und Rotary Club zu den Lan­ sie Einstiegsmöglichkeiten in die Welt der weils ein Oberthema bereitsteht. Inner­
desministerien und zeigt, dass es viele Hochschulen und Institute haben um­ MOOCs und lassen die Teilnehmenden ei­ halb dieses Themas suchen die Gruppen
Wege gibt, an Fördermittel zu kommen. Es fangreiches Wissen, das sie weitergeben gene MOOC-Konzepte entwickeln. zunächst eine Fragestellung, um die sich
ist nur etwas Kreativität gefragt. Frei nach möchten. Aber nicht jede und jeder hat Bei openHPI dauern die Kurse zwei bis ihre MOOCs drehen sollen. »Was könnte
dem Motto: »Think big! Irgendwo gibt es die Zeit oder die Möglichkeit, sich einzu­ sechs Wochen und jede MOOC-Woche be­ die Menschen interessieren und wie ver­
das Geld!« schreiben und Universitäten zu besuchen. ginnt meist mit kurzen Video-Vorlesun­ mittelt man es in sechs Wochen?«, fragt
Wie kommen die Wissensdurstigen dieser gen. Darauf folgen praktische Hands-on- sich eine Gruppe. »Muss man als Organi­
Christiane Claus
Welt und die Hochschulen zusammen? Formate, Diskussionen in Online-Foren sator eigentlich Experte zum Thema sei­
Malte Behlau ist Projektkoordinator von mikromal, ei­
MOOCs sind da eine tolle Möglichkeit, sind sowie eine wöchentliche Hausaufgabe. nes MOOCs sein?«, eine andere. Ziel ist es,
nem Projekt für Öffentlichkeitsarbeit und Nachwuchsför­ Frank Wittmann, Stefanie Schweiger und Neben Videos nutzen MOOCs alle Darstel­ einen echten Wert zu schaffen, sodass je­
derung, im Sonderforschungsbereich 747 an der Universi­ Jan Renz überzeugt. MOOC steht für Mas­ lungsformen, die das Web zu bieten hat: mand bereit ist, sich sechs Wochen inten­
tät Bremen und dort für die Wissenschaftskommunikation
zuständig. Sascha Foerster hat ein eigenes wissen­
sive Open Online Course. Massive, weil die Podcasts, PDF-Dateien, Animationen, in­ siv damit zu beschäftigen.
schaftliches Projekt über Crowdfunding realisiert und ist Teilnehmerzahlen sehr hoch sind, nach teraktive Tests und vieles mehr. »Alles, Schnell sind fünf Themen gefunden:
selbstständiger Social-Media-Berater. Isabell Harder oben theoretisch offen. Open, weil es für was man zwischendurch, auf einer Bus­ Der Klimaschutz-Tisch will einen Online-
leitet den Bereich Wissenschaftskommunikation des Pro­
jektträgers DESY (Deutsches Elektronen-Synchrotron).
MOOCs keine Zugangsvoraussetzungen fahrt oder während der Mittagspause, an­ Kurs für Schulkinder anbieten, der Wissen
Dr. Philipp Niemann ist Nachwuchsgruppenleiter am gibt und sie meist kostenlos sind. Online, schauen oder anhören kann. Länger als um den Carbon Footprint, den persönli­
Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und vertritt dort weil MOOCs webbasiert und interaktiv zehn Minuten sollte ein Videoclip aber chen CO2-Fußabdruck, vermitteln soll. Die
derzeit eine Professur für Wissenschaftskommunikation
in digitalen Medien.
sind. Und Courses, weil es sich um einen nicht sein. Niemand schaut sich 90-minü­ Gruppe mit dem Thema »Digitalisierung«
abgeschlossenen und in sich stimmigen tige Vorlesungen an«, betonen die Profis hat sich auf einen MOOC mit dem Arbeits­
Kurs handelt. Wie ein MOOC in der Pra­ von openHPI. titel »Digital GLAM – wie Digitalisierung
xis funktioniert, wissen Stefanie Schwei­ Genauso vielfältig seien die Quizfor­ in Kultur- und Gedächtnisstätten funkti­
ger und Jan Renz genau. Bei openHPI, der mate, erklärt Jan Renz, »da gibt es mehr oniert« geeinigt. Jede Gruppe konzipiert
MOOC-Plattform des Hasso-Plattner-Ins­ als Multiple-Choice-Tests.« Beim Peer As­ mithilfe eines bereitgestellten Leitfadens
tituts, entwickeln und betreuen sie Online- sessment zum Beispiel bewerten Nutzer ihren MOOC und stellt sich währenddes­
Kurse zu Themen rund um IT und Pro­ 42 43 andere Nutzer. Der Vorteil des Peer As­ sen ganz unterschiedliche Fragen.
Nikolaussession: Von den Wünschen, den guten und
den schlechten Taten der Wissenschaftskommunikation

Die Nikoläuse ließen das Publikum über die größten


­S ünden der Wissenschaftskommunikation abstimmen.

Soll unser MOOC eine Weiterbildung Anschließend stellt die Digitalisie­rungs-


für professionelle Mitarbeiter in GLAMs Gruppe einen MOOC vor, der ein sehr
(»Galleries, Libraries, Archives, Muse­ ­konkretes Ziel hat: Die Teilnehmer sol­
ums«) sein oder können auch Ehren­ len am Ende des Kurses in der Lage
amtliche und Studierende mitmachen?
Wie macht man einen MOOC über Klima­
sein, ein digitales Projekt an ihren Ins­
titutionen auf die Beine zu stellen. Dazu Rute oder
schutz für Schüler zwischen 8 und 10 Jah­ soll der MOOC praktisch und interdiszi­
ren interessant? Und können auch gan­
ze Klassen an einem solchen Online-Kurs
plinär sein, und sich vor allem an Prakti­
ker richten, die nicht unbedingt ein wis­ Schokolade?
teilnehmen? senschaftliches Vorwissen haben. Inhalte
Alle Gruppen machen sich Gedanken sind digitale Formate und Techniken, Li­ Das Weihnachtsgefühl war perfekt: Klin­ nen Lizenzen (cc-by), vielen Formaten und
über Lehrmaterialen und Lerninhalte, zenzierung und Urheberrecht. Die Nut­ gelnde Glöckchen, ein paar Tannenzweige leichtem Zugang auch zu vertieften Infor­
Bewertung und Personal und stellen an­ zer des MOOCs sollen gemeinsam Check­ und gleich vier Nikoläuse auf dem Podi­ mationen.«
schließend ihre Ergebnisse vor. listen entwickeln, die sie auch nach dem um. »Ho, ho, ho!«, die Bescherung konn­ »Gibt es Evidenz für die Wünsche der
Kurs verwenden können. Die Online-Foren te beginnen! Die Nikoläuse hatten allerlei Wissen­schaftskommunikation?«, fragte
MOOCs für Laien und Profis der MOOCs ­sollen als Plattform zur Ver­ best und worst practice aus der Wissen­ Philipp Schrögel in die Runde. Viel gebe
Die Klimaschutz-Gruppe stellt »Carbi« netzung und zum Austausch dienen. In schaftskommunikation im Gepäck. »Wir es nicht, doch er wurde fündig: Eine 2016
vor, eine animierte Figur, die die Schüle­ den Videos kommen Experten zu Wort und wollen Impulse setzen und zum Nachden­ veröffentlichte Studie der British Science
rinnen und Schüler durch den MOOC führt stellen Best-Practice-Beispiele vor. Auch ken anregen«, gab Philipp Schrögel die Association (»A Changing Sector: Whe­
und mithilfe von Animationen und Video­ die Profis von openHPI haben die Erfah­ Richtung des Workshops vor und belohn­ re is Science Communication Now?«). Die
clips Wissen vermittelt. Was ist ein Carbon rung gemacht, dass praktische MOOCs mit te jede Beteiligung aus dem Publikum mit Ergebnisse waren: Wissenschaftskom­
Footprint und warum ist es wichtig, ihn Hands-on-Modulen gut ankommen. Damit Schokolade. munikation adressiert viele Zielgruppen
zu kennen? Welche Auswirkungen hat er sich bei den Teilnehmenden keine Frust­ (Schrögel: »Ach wirklich?«). Drei Viertel
und was kann ich tun, um ihn zu verklei­ ration einstellt, geben sie aber auch den Besser ohne monströse Metaphern aller Anlaufstellen sitzen in London (»Ber­
nern? Sammeln die Schüler genug Punk­ Hinweis, den Zeitaufwand stets offen zu Zum Auftakt stellte Jens Kube einige For­ lin, ick hör Dir trapsen.«). Es gibt keine
te, die »Carbons« heißen sollen, erhalten kommunizieren. mulierungen aus der Berichterstattung klaren Ausbildungswege und die Akteu­
sie zum Schluss den Klimaführerschein. Es brauche weder teure Studios noch vor, die völlig neue wissenschaftliche Dis­ re wollen die Sicht der Welt auf die Wis­
Lehrerinnen und Lehrer sollen aktiv ein­ professionelle Moderatoren für einen gu­ ziplinen nahelegen: Astrogynäkologie, senschaft verändern – notfalls auch ohne
bezogen werden und dienen als Multipli­ ten MOOC, fassen Stefanie Schweiger und -pädiatrie und -tokologie (Geburtshilfe), Geld. Und schließlich: Wissenschaftskom­
katoren. Jan Renz zusammen, ein durchdachtes Astrokardiologie und Astrogigantologie. munikatoren in Großbritannien sind nicht
Jan Renz und Stefanie Schweiger lo­ Konzept, authentische Experten und eine Da sind Sterne schwanger oder werden repräsentativ für die Bevölkerung (»Und
ben den Gamification-Ansatz und berich­ aktive Community seien viel wichtiger. vorgeburtlichen Untersuchungen unterzo­ hier?«).
ten von eigenen Erfahrungen mit Online- gen. Danach toben die Jungsterne in ga­
Artur Krutsch Von Leitlinien und Not-to-do-Tipps
Kursen für Kinder und Jugendliche. Sie laktischen Kinderstuben. Gängig auch: Die
waren überrascht, dass auch viele Er­ Moderator Frank Wittmann ist Online-Redakteur beim
Herzen von Galaxien oder immer wieder Lars Fischer warf einen Blick in die »fer­
wachsene an diesen MOOCs teilgenom­ Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik. Bei »Monster«. »Darf man solche Metaphern ne Vergangenheit«: »Die Älteren unter
men und den Jüngeren in den Foren ge­ openHPI, der MOOC-Plattform des Hasso-Plattner-Insti­ benutzen?«, lautete die erste Frage ans Euch werden sich erinnern. 2014 war der
tuts, ist Stefanie Schweiger Referentin für Kommuni­
holfen haben. Auch wenn sie bei openHPI kation und Relationship Management und Jan Renz Wis­
Publikum. Das stimmte per Handzeichen heiße Sommer der Wissenschaftskom­
damit nicht gerechnet hatten, freuten sie senschaftlicher Mitarbeiter. ab: Rund zwei Drittel bevorzugten die wis­ munikation – das sogenannte WÖM-Pa­
sich über diese Entwicklung und raten senschaftliche Nomenklatur. Ein prak­ pier erschien.« Wissenschaft, Öffentlich­
deshalb den Teilnehmern, diesen Aspekt tischer Hinweis von Kube: »Die ESO hat keit, Medien – so lautet in voller Schönheit
bei der Planung im Auge zu behalten. 44 45 eine richtig gute Bilddatenbank mit offe­ der Dreiklang, zu dem Leopoldina, aca­
Empirische Sozialforschung in der
öffentlichen Wahrnehmung

Die Nikoläuse hatten zahlreiche ­B eispiele


aus der ­W issenschaftskommunikation im
Gepäck – gute und schlechte.
Zeit für
Beiwerk und zu kleinster Auf­
lösung bei nur einem Format,
Die Wünsche und Sorgen des Publikums
hatten die Nikoläuse zuvor mit Fragebö­ eine kurze
zu maximalem »Hä?-Effekt« gen erfasst. Im »Goldenen Buch« stan­
bei minimaler Vorbereitung oder
auch zum Verzicht auf Bildunter­
den unter anderem die Plattform »Tier­
versuche verstehen« und der Wunsch Umfrage?
tech und die Union der Akademien eine schriften. »Der erste Eindruck zählt«, nach neuen Formaten wie Kunst, Tanz
Arbeitsgruppe einsetzten – wieder ein­ schloss Beckers seine bissige Analyse, oder Comedy. Die Rute gab’s für »Story­ Die Teilnehmerzahlen bei Umfragen ge­
mal frei von Expertise aus der Wissen­ »vermitteln Sie unbedingt: ›Weitergehen, telling als die wahrscheinlich längste alte hen zurück, Datenerhebungen finden we­
schaftskommunikation und auch vom hier gibt es nichts zu sehen!‹« Form in neuen Schläuchen« und die The­ nig Akzeptanz und Wertschätzung – wie
Blick auf das Internet. »Raus kam, dass se »Wo Bürger zum Messgerät werden, kann Wissenschaftskommunikation hel­
Wissenschaftskommunikation dem Qua­ Lob und Tadel, Wünsche und Sorgen ist das noch lange nicht Citizen Science«. fen, dem entgegenzuwirken?
litätsjournalismus zuarbeitet«, schilderte »Was zu sehen« gab es von Jens Kube: Die Rute bekam auch der Bund der Steu­ Stefan Bender stellt den Rat der Sozi­
Fischer und illustrierte das mit einem Ar­ den Zeichentrickfilm der ESA zum Ab­ erzahler, der sich – zusammen mit Mario al- und Wirtschaftswissenschaften vor:
tikel in einem Qualitätsmedium zur Angst schied von der Raumsonde Rosetta. Für Barth – auf den Wissenschaftscomic der ein Beirat der Bundesregierung, der sich
der Katzen vor Gurken. Doch es geht wei­ alle, die den Namen des Missionsziels, Helmholtz-Gemeinschaft als »Verschwen­ um die strategische Weiterentwicklung
ter. Fischers Slogan zur Neuauflage 2016: den Kometen Tschurjumow-Gerasimen­ dung« eingeschossen hat. Verschwendete der Forschungsdateninfrastruktur küm­
»WÖM 2 – jetzt erst recht!« Diesmal mit ko, richtig aussprechen konnten, gab es Zeit war zumindest die Nikolaus-Session mert. Neben Politikberatung sorgt er auch
Internet. Als durchaus erfreuliche Ergeb­ Schokolade. Ein weiteres Meinungsbild, nicht. für den Zugang zu qualitativ hochwerti­
nisse der Aktivitäten bezeichnete Fischer diesmal zu emotionalen Darstellungen gen Daten und akkreditiert Forschungs­
Cornelia Lossau
die Leitlinien zur Wissenschafts-PR und oder auch zu »selbst twitternden« Raum­ datenzentren. Aktuell arbeitet der Rat an
den Siggener Aufruf: »Die Checkliste ist fahrzeugen, ergab, dass drei Viertel der Alle vier Nikoläuse sind außerhalb der Weihnachtszeit in
einer Stellungnahme zu den großen Sur­
hilfreich, sie sollte eigentlich auch für den Anwesenden diesen Ansatz befürworten. der Wissenschaftskommunikation tätig. Mike Beckers veys (Umfragen) Deutschlands. Dabei un­
Wissenschaftsjournalismus gelten.« Sein Ein Teilnehmer berichtete vom »Philae ist Redakteur bei Spektrum der Wissenschaft, Lars tersucht er ca. 100 große Umfragen aus
­Fischer bringt sich bei den Scilogs und in vielen anderen
Weihnachtswunsch: »Eine zusätzliche und Rosetta-Spielen« im Kinderzimmer wissenschaftskommunikativen Kontexten ein. Dr. Jens
der Sozial- und Wirtschaftsforschung, die
große Checkbox in der Liste mit ›Seid Ihr nach dem Film. Kube betreibt die Agentur für Wissenschaftskommu­ alle ein bis drei Jahre durchgeführt wer­
sicher, dass Ihr kein besseres Bild gefun­ nikation und der Moderationsweihnachtsmann Philipp den – von A wie »Absolventen Panel für
Schrögel ist am KIT, Institut für Germanistik, in der Ab­
den habt?‹« teilung Wissenschaftskommunikation tätig.
Studierende« bis Z wie »Zeitbudgeterhe­
Bilder waren auch das Thema von bung der statistischen Ämter«. Bender
Mike Beckers: Er präsentierte zu­ verrät, was sich an den Rahmenbedingun­
nächst etliche negative Bei­ gen der Surveys verbessern sollte: die Fi­
spiele. Das Publikum stimm­ nanzierung, die Wertschätzung durch die
te über die Sieger in den Wissenschaft und die Sicherung der Qua­
drei Kategorien »kompli­ litätsstandards.
ziert«, »künstlerisch ab­
strakt« und »lustlos« ab, Daten sind das neue Öl
bevor es an zwölf Not-to- »Daten sind das neue Öl«, erklärt Bender.
do-Tipps ging. Diese raten Und Öl muss verarbeitet werden, damit es
zur Verschleierung durch brauchbar ist. Ebenso wie Daten: Erst die
Verarbeitung führt zu Aussagen. »Deswe­
Wortmeldungen aus dem gen ist das Raffinieren, also das Erstel­
Publikum belohnte Nikolaus
Philipp Schrögel mit len von Erzeugnissen, ein sehr gutes Bild
Schokolade. 46 47 für das Arbeiten mit Daten.« Doch Bender
fragt auch, ob die aus den Daten gewon­ um gebeten wurde, an den Befragungen Diese Kompetenz sollten die Wissen­ Wissenschaft geführt werden und auch
nenen Aussagen für das Publikum und die teil, 2014 hingegen nur noch jeder Dritte.« schaftler einem breiten Publikum und po­ dort zu Lösungen kommen. Die breite
Politik verwertbar sind. Er warnt vor Da­ Was kann dagegen unternommen wer­ litischen Entscheidern zugänglich ma­ Kommunikation mit Geldgebern und Öf­
tenpannen ähnlich wie Ölkatastrophen: den? Befragte im Vorfeld besser über die chen. fentlichkeit scheint noch nicht stattzu­
vor Verletzung von Persönlichkeitsrech­ Umfrage informieren, gezielte Fortbildun­ Doch das sei noch ausbaufähig. Rasner finden. Bender weiß: Sperrige Themen in
ten oder Vertrauensverlust. gen der Interviewer, Anreize setzen, fi­ sieht das Hauptproblem darin, dass hier­ die Presse zu bringen, ist schwierig. »Wer
nanziell oder durch den Zugang zu den zulande in der Forschung die Kommuni­ liest das freiwillig?« Wie also können
Ein Problem der empirischen Umfrageergebnissen – es gibt viele Ide­ kation nach außen selten ein Thema sei. solche abstrakten Themen publikums­
­
­Sozialforschung: sinkende en. Wie kann die Sozialforschung – gerade In den USA hingegen sei die Kommunika­ wirksam kommuniziert werden? Wein­
Teilnahme an Umfragen im Hinblick darauf, den Befragten die Er­ tion von Forschungsergebnissen in den hardt testet derzeit die Nutzung von Fa­
Sozialforschung dient dazu, Informatio­ gebnisse zur Verfügung zu stellen – ihre universitären Curricula verankert und ihr cebook und Twitter, um die Inhalte seiner
nen über die Gesellschaft zu sammeln. Erkenntnisse der Gesellschaft zurück­ werde ein höherer Stellenwert beigemes­ Studie an die Öffentlichkeit zu bringen.
Michael Weinhardt erklärt, dass für Sur­ spielen? »Sozialforscher sind Laien in der sen.
Esther Kähler
veys hoher Qualität die Teilnehmenden Wissensvermittlung. Sind sie überhaupt
zufällig ausgewählt werden. Das passiert zuständig dafür und kann man Nachfra­ Die Diskussion ist eröffnet
Björn Schwentker ist freier Datenjournalist und mo­
idealerweise mit Hilfe des Melderegisters gen nach solchen Ergebnissen stimulie­ »Was ist das Ziel Ihrer Kommunikati­ derierte die Session. Stefan Bender ist stellvertreten­
und deutschlandweit. Bei den Umfragen ren?«, fragt Weinhardt abschließend. on, Herr Weinhardt?« Schwentker eröff­ der Vorsitzender des Rates für Sozial- und Wirtschafts­
daten. Dr. Michael Weinhardt ist Surveymanager des
spielt Datenschutz eine wichtige Rolle. Ei­ net die Diskussion. Die Wahrnehmung European Social Survey und Dr. Anika Rasner arbeitet
nerseits ist er für die empirische Sozial­ Was erwartet die Politik von und Bedeutung sozialwissenschaftlicher im Bundeskanzleramt im Bereich Datenkommunikation.
forschung eine Herausforderung, da sie ­empirischer Sozialforschung? Daten insgesamt zu stärken, das sei sei­
möglichst viele Informationen gewinnen Können Sozialwissenschaften eine rele­ ne Absicht, so Weinhardt. Er möchte zu­
möchte, andererseits schafft er Vertrau­ vante Rolle in der Politikberatung spie­ dem zeigen, dass Daten aus Befragungen
en, sodass die Teilnehmenden bereit sind, len? Anika Rasner bejaht und sagt weiter: bei politischen Entscheidungen eine Rolle
ihre Daten preiszugeben. Dennoch nimmt »Daten haben das Potenzial, zu besser spielen. Kurzum: Sozialforschung sei rele­
nicht jeder an Umfragen teil und die Teil­ informierten Entscheidungen beizutra­ vant, ihre Förderung sinnvoll und es brau­
nehmerzahlen sinken. Das zeigt Wein­ gen.« Doch Sozialforschung könne nicht che Geld, um Studien mit hoher Qualität
hardt anhand zweier großer Surveys: nur komplexe, statistische Methoden ana­ umzusetzen.
»2002 nahm noch jeder Zweite, der dar­ lysieren, sondern auch M­ öglichkeiten und Um die Politik zu erreichen, rät Rasner:
­Grenzen empirischer »Weniger ist mehr. Man muss nicht zwin­
Befunde aufzeigen. gend komplexe statistische Methoden mit
vielen Annahmen an die Politik kommu­
nizieren. Häufig geht es um klare Frage­
stellungen und klar darauf zugeschnitte­
ne Botschaften, die aus Daten abgeleitet
werden.«
Björn ­Schwentker »Die Evidenz wirkt nicht mehr, weil sie
machte sich mit keiner glaubt«, sagt Schwentker. »Sind
­s einen Gästen
auf die Suche nach wir zu sehr darauf versessen, die Evidenz
­I deen für eine ­ an sich zu kommunizieren? Sollte die Me­
höhere Akzeptanz thodik mehr thematisiert werden? Das
von sozialwissen­
schaftlichen scheint wenig zu passieren.« Diese Dis­
Umfragen. 49 kussion muss laut Rasner innerhalb der
In den Pausen klappte das Kennenlernen  
auch ohne Hupe und Stoppuhr ganz gut.  

 Hier geht es ums Netzwerken: Organisiertes Kennenlernen beim »Speed-Dating«. 


Ertönt die Hupe, wechseln die Gesprächspartner. 
Partizipative Gesundheitsforschung als Weg zu mehr
Bürgerbeteiligung in den Gesundheitswissenschaften

Michael T. Wright über die


­K ernmerkmale partizipativer
­G esundheitsforschung und
die Frage, inwieweit ­Forscher
Laien in ihre Arbeit ­e inbeziehen
können und sollen.

merin vom DESY, in dem Grundlagenfor­ sen können. Alle entscheiden gemeinsam
schung in der Teilchenphysik betrieben über Methoden und Prozesse und auch
wird, skeptisch. Oder im Helmholtz-Zen­ darüber, wie mit den Forschungsergeb­

Gemeinsam mit trum für Infektionsforschung? Kreativität


und ein offener Geist waren gefragt, als
nissen umgegangen wird. Der Wissen­
schaftler, so erläuterte der Referent, habe
sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine moderierende, nicht eine bestim­

Zielgruppen forschen in Gruppen Fragen wie diesen zuwand­


ten. Vielleicht, so ein Vorschlag, gehe es
mende Rolle.

In den USA bereits etabliert


ja nicht immer darum, die Laien direkt in
Dass Wissenschaftlerinnen und Wissen­ In der Sozial- und Gesundheitsforschung die Versuche einzubinden, sondern mit Auch in einem partizipativen Format kön­
schaftler sich dem Dialog mit der Gesell­ sei dabei die Partizipation jener, über die Bezugsgruppen im Vorfeld zu diskutie­ nen die Idee und Initiative von einer ein­
schaft über ihre Forschung öffnen müssen, geforscht wird, naheliegender und ein­ ren, über was aus welchen Gründen ge­ zelnen Person ausgehen. »Es ist in Ord­
ist mittlerweile fast zum Gemeinplatz ge­ facher als in den Naturwissenschaften. forscht wird. In der Infektionsforschung nung, eine Studie zu initiieren«, so Wright.
worden. Auch die Beteiligung von Bürgern Wright zeigte ein Musik-Video, das ein könne dies bedeuten, mit Gruppen, die »Aber sie soll so gestaltet werden, dass
an wissenschaftlichen Citizen-Science- junger Berliner Rapper unter wissen­ von den Forschungsergebnissen betrof­ sie allen gehört.« Dabei erfordere Partizi­
Projekten ist bereits Alltag. Doch was der schaftlicher Begleitung des Berliner Ge­ fen sind, gemeinsam die Forschungszie­ pation durchaus Übung und Vorbereitung
Gesundheitswissenschaftler Michael T. sundheitswissenschaftlers Reinhard le und deren Relevanz zu diskutieren. »Wir auf beiden Seiten. Wenn dann ein »Wir«
Wright von der Katholischen Hochschu­ Burtscher gemeinsam mit geistig behin­ könnten erst einmal fragen: Was braucht entstehe, sei dies ein Zeichen, dass Parti­
le für Sozialwesen Berlin in seiner Sessi­ derten Jugendlichen einer Lichtenberger ihr denn eigentlich, bevor wir anfangen zu zipation gelungen sei. Dabei räumte er ein,
on vorstellte, ging einen deutlichen Schritt Einrichtung produziert hatte. Dessen Bot­ forschen«, so ein Vorschlag. dass ausgeprägte Hierarchien das Modell
weiter: Partizipative Forschungsprojekte, schaft: Achte auf Deine Gesundheit, er­ Am Anfang steht das Umdenken: Man erschweren. In der Gesundheitsforschung
in denen nicht-wissenschaftliche Partner nähre Dich gesund und bewege Dich. sei ja nicht mit partizipativen Modellen sei dies in Ämtern, Kliniken und Schulen
gemeinsam mit Forschern arbeiten und Die Jugendlichen waren in diesem groß geworden, sondern müsse sie erst zu beobachten. Am besten funktioniere
vielleicht sogar mehr und mehr das Pro­ Projekt nicht nur die Zielgruppe, sondern lernen, brachte es eine Teilnehmerin auf die partizipative Forschung in Gruppen,
jekt übernehmen. Da blickten viele Teil­ auch Mitproduzenten. Sie schrieben am den Punkt. Diese kooperative Form der die ein gemeinsames Ziel verfolgten und
nehmer anfangs durchaus skeptisch. Skript mit, stellten als Schauspieler unge­ Forschung erfordert neue Prozessstruk­ in denen bereits eine Kultur des Austau­
Die »Koproduktion von Wissen«, wie es sunde und gesunde Lebensweisen in ih­ turen. Insofern drehten sich viele Fragen sches existiere.
der gebürtige Amerikaner nannte, sei kei­ rem Alltag dar und verinnerlichten so auf des Workshops um Grundfragen des Vor­ Wright erzählte aus seiner praktischen
ne Methode, sondern das Grundprinzip quasi spielerischem Weg die Botschaft: gehens und der Zusammenarbeit. Wie Erfahrung in der Gesundheitsforschung
der Partizipativen Forschung. Nur über die »Achte auf Deinen Körper und auf Deinen werden partizipative Forschungsprojekte von Projekten, ihren Erfolgen und Schwie­
eigene Arbeit zu sprechen und sie zu Geist.« Das Ergebnis wurzelte in der Er­ gemanagt, wer hat den Hut auf, wer be­ rigkeiten. Dieses Feld eigne sich beson­
erklären, das genüge diesem Kriteri­ fahrung der Beteiligten, band diese in die treut den Prozess? All das muss im Vor­ ders gut für den Ansatz, da die Menschen,
um nicht. Wer sich auf partizipative For­ Umsetzung ein und erzielte so eine ziel­ feld geklärt werden, so Michael Wright. über die geforscht wird, zugleich jene
schung einlässt, müsse Kontrolle abge­ gruppengerechte Ansprache. Mehr Parti­ Ein Grundmerkmal der partizipativen For­ sind, die von den Ergebnissen profitieren
ben können – was nicht bedeute, keinen zipation ist kaum möglich. schung sei deren Lokalität, der unmittel­ sollen. Insofern sei es sinnvoll, sie von Be­
Einfluss mehr auf das Projekt zu nehmen. bare Bezug zur Lebenswirklichkeit an ginn an aktiv in den Prozess einzubinden.
»Ich beteilige andere, aber das Projekt ge­ Partizipation am einem bestimmten Ort und zu einer be­ Als Beispiel nannte er das Projekt PaKo­
hört mir noch mit«, bekräftigte Wright. Es ­Teilchen­beschleuniger? stimmten Zeit. Mi, das in Hamburg, Berlin, Dortmund und
gehe darum, Partner von der Methoden­ Wie aber kann eine solche ­Partizipation Eines der wichtigsten Prinzipien ist Osnabrück Migranten, Aidshilfen, Gesund­
findung bis zur Auswertung der Projekte beispielsweise in der Grundlagenfor­ eher psychologischer Natur: Alle Betei­ heitsämter und andere Interessierte in die
gleichberechtigt zu beteiligen. schung aussehen, fragte eine Teilneh­ 52 53 ligten müssen kooperieren und loslas­ Forschung einbezog, um neue Wege in der
Keine schwarze Kunst –
Produktionsabläufe für Wissenschaftsfilme

Schritt für
HIV-Prävention zu finden, die Migranten duktion ein Konzept für die visuelle Um­ »Wann wird das Material gesichtet? – Bei
besser erreichen.
In den USA ist das Konzept der partizi­ Schritt setzung der Inhalte zu haben. Zu diesem
Schritt gehören viele Aspekte: das Schrei­
der Postproduktion oder noch während
der Produktion?«, fragt ein Teilnehmer.
pativen Forschung bereits verbreiteter als ben des Drehbuchs, die Erstellung und Hier rät die Regisseurin, dies bereits bei
in Deutschland. In seiner Heimat komme
es durchaus vor, so Wright, dass Bürger zum Wissen­ Besprechung von Zeit-, Kosten-, Dreh- und
Beleuchtungsplänen, die Recherche und
der Produktion zu machen, denn wenn et­
was fehle oder eine Einstellung fehlerhaft
mit dem Vorschlag für ein Forschungs­ Auswahl von Drehorten, das Casting der sei, könne diese ohne großen organisato­
projekt an Wissenschaftler herantreten.
Er nannte Bürgerinitiativen, die Wissen­ schaftsfilm Protagonisten und die Auswahl von Ar­
chivmaterialien. Außerdem müssen Dreh­
rischen Aufwand wiederholt werden.

Postproduktion – Auf zum


schaftler beauftragen, um beispielsweise genehmigungen eingeholt oder die Reisen
eine auffällige Häufung von Erkrankungen Dass Wissenschaftsfilme keine Hexerei zu Drehorten geplant werden. Spätestens letzten Feinschliff
in einer Gemeinde gemeinsam mit den sind und auch nichts mit schwarzer Magie zu diesem Zeitpunkt soll auch der »Ver­ Während der Postproduktion werden die
Bewohnern zu untersuchen. zu tun haben, lernten die Teilnehmerinnen wertungsplan« für den Film stehen. Die Aufnahmen zu einem sogenannten Roh­
In Deutschland, so ein Einwand der und Teilnehmer in der interaktiven Ses­ Auftraggeber müssen sich also im Klaren schnitt zusammengefügt. Dabei werden
Teilnehmer, gebe es noch wenig Anerken­ sion zu Produktionsabläufen bei Wissen­ darüber sein, über welche Plattformen die Reihenfolge der Szenen und Einstel­
nung für diese Art der Forschung. Doch schaftsfilmen. Die beiden Referentinnen und Kanäle der Film an die ausgewählte lungen sowie die Grundstruktur der Ge­
der Ansatz, Forschungsfragen gemein­ Sibylle Grunze und Kerstin Hoppenhaus Zielgruppe transportiert werden soll. schichte festgelegt. Der Auftraggeber
sam mit Bürgern zu entwickeln und Ziel­ sind spezialisiert auf die Konzeption und In der Produktionsphase erfolgen hat in der Postproduktion noch die Mög­
gruppen in Fragestellungen einzubezie­ die Herstellung von Filmen, vor allem im schließlich die Dreharbeiten mit den Bild- lichkeit, Korrekturen vorzunehmen und
hen, sei durchaus sinnvoll. In jedem Fall Bereich Wissenschaft. Sie führten die Teil­ und Tonaufnahmen. Es werden Interviews zum Beispiel die Bauchbinden, also die
helfe allein die Vorbereitung partizipati­ nehmerinnen und Teilnehmer Schritt für geführt oder Aufnahmen vor Ort gemacht, Einblendungen am Filmrand, zu über­
ver Forschungsprojekte, die eigene Rolle Schritt in die Kunst des Filmemachens je nachdem, was der Drehplan vorgibt. prüfen. Nachdem der Rohschnitt abge­
im Forschungsprozess kritisch zu reflek­ ein. ­Dafür wird ein Filmteam benötigt: Fach­ nommen ist, erfolgt im Feinschnitt die
tieren. Ein Beispielfilm verdeutlichte zu Be­ leute für Regie, Aufnahme- und Produkti­ Fertigstellung des Films. Hier erfolgt
ginn einige wichtige Schritte der Film­ onsleitung, Tontechnik, Kamera und Mas­
Petra Krimphove Die Kunst des Filmemachens entdeckten
produktion: Grafiken und Animationen ke. Auch das entsprechende Equipment die Teilnehmenden im World Café von
Dr. Michael T. Wright ist Professor für Methoden empi­
für den Film erstellen, die Zielgruppe de­ muss vor Ort sein. Kerstin Hoppenhaus und Sibylle Grunze.
rischer Sozialforschung an der Katholischen Hochschule finieren, Drehgenehmigungen einholen,
für Sozialwesen Berlin. Sein Fokus liegt auf dem Thema Kosten kalkulieren, Schauspieler casten,
Partizipative Gesundheitsforschung.
Bild- und Tonaufnahmen machen, Dreh­
buch schreiben, Beleuchtung einsetzen,
Reisen planen, Requisiten finden oder Ar­
chivbestände durchforsten. Aufgabe der
Sessionteilnehmer war es zunächst, die­
se Produktionsschritte in die drei Katego­
rien Vorproduktion, Produktion und Post­
produktion einzuordnen.
Die Vorproduktion beschreibt alle tech­
nischen und organisatorischen To-dos der
Filmproduktion und geht den eigentlichen
Dreharbeiten voraus. Wesentlich sei hier,
so Sibylle Grunze, am Ende der Vorpro­ 54
Frei und ungebunden? –
Wissenschaftskommunikation außerhalb
der Institutionen

auch die digitale Nachbearbeitung der Bil­ soll der Film haben? Gibt es besondere
der, zum Beispiel die Farbkorrektur, so­ Wünsche und Anforderungen? Damit sei
wie das Vertonen und Unterlegen der Bil­ die Filmproduktion auch kein Hexenwerk
der mit Musik, Animationen, Effekten und
Grafiken. Zum Abschluss werden Film­
mehr.
Ariane Trautvetter
Drei Mal verständ­liche
dateien erstellt. Zudem müssen noch die
Nutzungsrechte der verwendeten Musik
geklärt werden und, wenn notwendig, von

Kerstin Hoppenhaus ist Wissenschaftsjournalistin und
Wissenschaft to go,
den Filmemachern und Auftraggebern bei Regisseurin. Sibylle Grunze ist Produzentin und Kame­
der GEMA gemeldet werden. Ist ein Ver­
kauf des Films geplant, müssen auch Re­
rafrau. Gemeinsam leiten sie die Produktionsfirma »Hop­
penhaus & Grunze Medien«. bitte! Drei Wissenschaftskommunikatoren »aus
gelungen der FSK (Freiwillige Selbstkont­ der freien Wildbahn«: Jule Specht, ­Annika
rolle der Filmwirtschaft) beachtet werden. Wissenschaftskommunikatoren von ­Brockschmidt und Mirko Drotschmann,
Hochschulen, Museen, Wissenschafts­ hier mit ­M oderator Michael Sonnabend (rechts).
Ziel und Zielgruppe organisationen oder Stiftungen kennen ren, publizieren und auf Konferenzen vor­
sollten wohlüberlegt sein die Tücken des Berufs: endlose Abstim­ tragen – so funktioniert ja die echte Welt
Als Auftraggeber sei man vor allem stark mungsschleifen, sinnfreie Anweisungen nicht. In der echten Welt hat man eine
im Bereich der Vor- und Postprodukti­ von »oben« und Kollegen, die viel besser Frage und sucht eine Antwort darauf.« Vor
on eingebunden, da in der Vorproduktion zu wissen glauben, wie man richtig kom­ diesem Hintergrund entschied sie, sich
der Inhalt des Films und das Konzept er­ muniziert. Glücklich hingegen, wer abseits Fragen aus ihrem eigenen Leben auf psy­
stellt und besprochen werden müssen, so von Institutionen Wissenschaft kommu­ chologischer Basis zu nähern und darü­
Kerstin Hoppenhaus. Zudem unterstützen nizieren kann? Das ist die Frage. Michael ber zu schreiben. Als Kolumne publiziert
die Auftraggeber bei der Organisation und Sonnabend hat drei »Exemplare aus der sie daher inzwischen persönliche Texte
auch bei Absprachen mit Interviewpart­ freien Wildbahn« zur Session eingeladen. beim »Psychologie Heute«-Blog.
nern. Bei der Postproduktion wird der Auf­ Mit welchen Formaten treten freie Kom­ Annika Brockschmidt ist Studentin und
traggeber vor allem beim Rohschnitt ein­ munikatoren an die Öffentlichkeit heran? damit frisch gebackene Wissenschaftlerin
gebunden. Für einen fünfminütigen Film Und wie frei und ungebunden sind sie da­ – und mit ihrem Podcast »Science Pie«
rechnen die Referentinnen mit einer Pro­ bei? bereits passionierte Wissenschaftskom­
duktionszeit von vier bis fünf Monaten. munikatorin. Mit einem Freund produziert
Dies sei jedoch auch stark abhängig von Kreatives Kommunizieren sie 15-minütige Podcasts und versucht
den Voraussetzungen, so Sibylle Grunze. Dass sich in ihrem Umfeld viele Menschen dabei, die Kluft zwischen Geistes- und
Sollen beispielsweise Aufnahmen im Aus­ für Psychologie interessieren, motivier­ Natur­wissenschaften zu überbrücken. Die
land gemacht werden, müssten zunächst te die Persönlichkeitspsychologin Jule beiden vertreten je eines der beiden Lager
oftmals zeitintensive Fragen wie Einrei­ Specht dazu, ihrem Fach mit dem Blog – sie studiert Geschichte und Germanistik
sebedingungen und Drehgenehmigungen »jule schreibt.« eine Plattform zu bieten. und er ist Physiker – und können mit ih­
geklärt werden. Ursprünglich sollten aktuelle psychologi­ rem »Unwissen« über das jeweils andere
Als Tipp geben die Referentinnen, eine sche Studien so übersetzt werden, dass Fach auch aus der Perspektive des Laien
möglichst präzise Ausschreibung bei der auch ein Laie sie verstehen kann und Un­ die Verständlichkeit der Inhalte einord­
Auftragsvergabe zu formulieren. Hier soll­ wissen geklärt wird. Specht stellt aller­ nen. Die beiden greifen abwechselnd The­
ten Fragen geklärt sein wie: Was sind Ziel dings fest, dass sie bei diesem Vorgehen men aus den Disziplinen auf oder behan­
und Zielgruppe des Filmes? Wie viel Bud­ noch viel zu sehr in wissenschaftlichen deln gezielt Fragen, die eine Expertise aus
get steht zur Verfügung? Welche Länge 56 57 Dimensionen dachte: »Studien durchfüh­ beiden Fachbereichen erfordert.
Wissenschaft und Zivilgesellschaft –
Wie passt das zusammen?

Koopera­tion
Mit seinem YouTube-Kanal »MrWissen­ Genau hier würden viele Institutionen Brockschmidt ist auf Kooperationen mit braucht neue
2Go« begann Mirko Drotschmann, um Ge­ die Formate falsch einschätzen. »Einige­ Institutionen oder Fachmagazinen ange­
schichtsnachhilfevideos zur Verfügung
zu stellen. Bald war der Lehrplan durch­
Wissenschaftsgesellschaften verfügen
über einen YouTube-Kanal, produzieren
wiesen, um ihre Reichweite zu erhöhen.
Denn in Deutschland sind Podcasts im­ Strukturen
gearbeitet und seine Viewer fragten nach dann aber professionelle Videos, die so mer noch ein Nischenmedium mit kleiner
weiteren Themen, so dass er heute in sei­ auch im Fernsehen laufen könnten, aber Community. Werbung wird von den Hörern Zivilgesellschaftliche Organisationen
nen Videos eine Fülle an politischen und nicht zu YouTube passen«, so Drotsch­ sehr kritisch betrachtet. Durch geschickte (ZGOs) haben sich zu wichtigen Stim­
gesellschaftlichen Themen behandelt. Da mann. Auch bei Podcasts gebe es erste Produktplatzierung und Werbeblocks las­ men in der politischen Debatte entwickelt
Drotschmann Journalist ist, weiß er sich Gehversuche, die jedoch noch nicht rich­ se sich bei YouTube zwar Geld verdienen. und werden als Experten in Meinungsbil­
schnell in Themen einzuarbeiten und gut tig auf das Medium zugeschnitten seien. Drotschmann findet allerdings, dass vor dungsprozessen geschätzt. Wie aber sieht
zu recherchieren. Am Ende der meis­ »Viele Unis haben inzwischen Podcast- allem Produktplatzierungen im journalis­ die Zusammenarbeit zwischen Wissen­
ten Videos stellt der YouTuber eine Fra­ Kanäle, auf denen dann aber eineinhalb­ tischen Umfeld nichts zu suchen haben, schaft und Zivilgesellschaft aus und wel­
ge in den Raum, um eine Diskussion in stündige Vorlesungen laufen. Würde man und so geht auch er mit öffentlichen Ins­ che neuen Chancen, aber auch Risiken er­
der Kommentarfunktion anzustoßen. Die das anders aufziehen, könnte man zei­ titutionen Kooperationen ein. Für alle drei geben sich aus dieser noch recht neuen
Klickzahlen sprechen für ihn: Mit seinem gen, dass es Wissenschaftler gibt, die bleibt ihre Form der Wissenschaftskom­ Annäherung?
Video über Donald Trump, das er kurz auch so reden können, dass man sie ver­ munikation also ein Balanceakt: ­Einerseits Der Diskussion dieser Fragen s­ chickte
nach der Wahl postete, erreichte Drotsch­ steht«, so die Einschätzung der Podcaste­ sind sie von der Zusammen­ arbeit mit Ricarda Ziegler von Wissenschaft im Dialog
mann schnell einen persönlichen Rekord rin ­Annika Brockschmidt. Letztlich ist das ­externen Partnern abhängig und müssen einige Fakten voraus: Wissenschaft und
von 800 000 Klicks. Medium also nur das, was man daraus sich finanziell absichern, andererseits soll Zivilgesellschaft haben traditionell unter­
macht. dabei die Einzigartigkeit des von ihnen be­ schiedliche Rollen und Aufgaben in der
Vom richtigen Umgang mit ­ Schließlich dürften alle drei Kanä­ triebenen Mediums nicht verloren gehen. Gesellschaft; beide genießen generell ein
Podcast und Co. le nicht zuletzt deswegen Abnehmer fin­ hohes Ansehen. Im Wissenschaftsbaro­
Drei Kommunikatoren, die drei unter­ den, weil sie digital und damit mobil sind: meter, das jährlich von Wissenschaft im
Olivia Kühne
schiedliche Formate bedienen – die viel­ »Nicht jeder hat Zeit, wissenschaftliche Dialog herausgegeben wird, äußerten zu­
leicht gar nicht für die Welt der instituti­ Texte zu lesen. Aber zur Arbeit fährt jeder Prof. Dr. Jule Specht ist Autorin des Blogs »jule
letzt allerdings 46 Prozent der Befragten,
onellen Wissenschaftskommunikation und da lässt sich ein Podcast sehr leicht schreibt.« und Kolumnistin beim »Psychologie Heute«- dass die Öffentlichkeit nur unzureichend
taugen? Die drei Experten sind sich einig, in den Alltag integrieren«, sagt Brock­ Blog. Sie ist Professorin an der Universität Lübeck. in Entscheidungen über Wissenschaft und
­A nnika Brockschmidt studiert Germanistik und pro­
dass Blog, Podcast und Co. viele Vorteile schmidt. duziert den Podcast »Science Pie«. Mirko Drotschmann
Forschung einbezogen werde. So ging es
mit sich bringen, die Wissenschaftsorga­ betreibt den YouTube-Kanal »MrWissen2Go« und ist frei­ in der Debatte sowohl um die Frage, wie
nisationen für sich nutzen könnten: Man Frei und ungebunden? er Journalist und Produzent (objektiv media). ­M ichael die Zivilgesellschaft stärker Einfluss auf
Sonnabend ist Leiter der Öffentlichkeitsarbeit beim
erreicht über diese Kanäle junge Leute Die drei Referenten genießen ihre redakti­ Stifter­verband.
forschungspolitische Weichenstellungen
und ein Publikum, das sich nicht zwingend onelle Freiheit, sind niemandem Rechen­ und Förderschwerpunkte nehmen kön­
in wissenschaftlichen Milieus bewegt. schaft schuldig und scheinen damit nur ne, als auch darum, wie sich eine konkrete
Grund dafür ist nicht zuletzt, dass Wissen­ die besten Seiten der Wissenschaftskom­ Zusammenarbeit zwischen Vertretern von
schaft hier auf eine persönliche, sympa­ munikation zu kennen. Doch sie wissen ZGOs und Forschern auf Projektebene ge­
thische und authentische Art und Weise auch zu berichten, dass sie nicht so frei stalten kann.
vermittelt wird. Menschen, die normaler­ und ungebunden sind, wie man meinen Es sei nicht eigentlicher Zweck ihrer
weise nichts mit dem Fach oder Wissen­ könnte. Specht ist sich bewusst, dass sie Organisation, sich in die Wissenschaft ein­
schaft per se zu tun haben, fänden so ei­ sich nur deshalb keine Gedanken über Er­ zubringen, betonte Steffi Ober vom Na­
nen leichteren Zugang zum Thema – und folg oder Misserfolg ihres Blogs machen turschutzbund Deutschland (NABU), der
beschäftigten sich dann auch gerne da­ muss, weil sie als Universitätsprofessorin hierzulande über 600 000 Mitglieder
mit. über ein festes Einkommen verfügt. 58 59 zählt. Doch das Interesse in diesem Punkt
Im World Café diskutierten die Teilnehmenden
darüber, wie eine Zusammenarbeit von Zivil­
gesellschaft und Wissenschaft aussehen kann.

sen, fehlt der Zivilgesellschaft bisher noch Transdisziplinäre Projekte stellen hohe
die entsprechend gebündelte Schlagkraft. Anforderungen an beide Seiten und brau­
Doch sie stellt sich auf: Auf der Plattform chen viel Flexibilität und Offenheit, so der
»Forschungswende«, deren Initiatorin und Hinweis von Seiten der Wissenschaft. Wo
Leiterin Steffi Ober ist, entwickeln die Mit­ zwei so unterschiedliche Seiten involviert
gliedsorganisationen aus der Perspekti­ seien, könnten sich Forschungsfragen än­
ve der Zivilgesellschaft Szenarien für eine dern, andere Projektpartner plötzlich re­
wachse: »Wir von ihnen favorisierte Forschungspolitik. levanter werden. Eventuell stelle sich
diskutieren gerade, das in die Satzung auch heraus, dass die Kooperation gar
aufzunehmen.« In den verschiedensten fördert werden, war unsere Arbeit quasi Was bringt es den Forschern? nicht funktioniert. In diesem Fall müsse
Bereichen engagieren sich NABU-Mitglie­ umsonst. Das ist ein großes Problem für »Partizipation braucht Zeit und Ressour­ auch ein Scheitern möglich sein. All die­
der außerdem bereits in Citizen-Science- uns«, unterstrich Steffi Ober. Die Organi­ cen in den Verbänden«, brachte Steffi se Punkte sind in den aktuellen Formaten
Projekten, wie in der Vogelkunde, wo sie sationen sollten sich daher gut überlegen, Ober das Problem auf den Punkt. Und sie der Forschungsförderung nicht vorgese­
sich an Zählungen beteiligen. wo es genüge, Wissenschaft und Politik zu braucht Managementexpertise, die vielen hen.
informieren und bei welchen Themen sie ZGOs in diesem Bereich noch fehlt. Die­ Noch mangelt es an Wissen und Erfah­
Beteiligung bindet Ressourcen tatsächlich eine Forschungskooperation se Erfahrung hat auch Andreas Marx vom rungen sowie an Personal und Ressour­
Die Motivation für wissenschaftliches eingehen wollten. Mitteldeutschen Klimabüro gemacht. Er cen für diese recht neue Vernetzung und
Arbeiten innerhalb der ZGOs wie dem riet dazu, Kooperationsprojekte mit der auch, so wurde angemerkt, an Anerken­
NABU unterscheide sich jedoch von je­ »Einen Nerv getroffen« Wissenschaft mit einer Findungsphase nung für diese Herausforderung. An der
ner der Forscher in Universitäten und For­ »Es tut sich einiges auf dem Gebiet«, un­ zu beginnen, in der beide Seiten sich zu­ Scharnierposition zwischen Wissenschaft
schungseinrichtungen: Während die ZGOs terstrich Moderatorin Susann Beetz. Im nächst über die Ziele und Methoden ver­ und Zivilgesellschaft könne sogar ein neu­
in erster Linie an Argumenten für ihre po­ Sommer legte unter anderem das BMBF ständigen. Dass aus diesen Koopera­tionen es Berufsfeld ähnlich den Wissenschafts­
litische Arbeit interessiert seien, gehe es ein Programm zur Förderung von bür­ keine Publikationen für die beteiligten kommunikatoren entstehen: eine Art
in der Wissenschaft oft um die für die Kar­ gerwissenschaftlichen Vorhaben auf. Um Forscher entstünden, sieht auch er als transdisziplinäres Projektmanagement.
riere elementaren Publikationen. Mittel bewerben konnten sich Projekte, motivationshemmendes Element für die Einfach mal für einige Wochen die Seiten
Eine Zusammenarbeit sei sinnvoll, da in denen Bürger oder zivilgesellschaftli­ Wissenschaftlerinnen und Wissenschaft­ wechseln, um die andere Perspektive zu
die Zivilgesellschaft wichtige Themen, che Organisationen mit Wissenschaftlern ler. Auf der anderen Seite könnte sich erleben. Dieser Vorschlag fand am Ende
Sichtweisen und Argumente in die For­ aus Universitäten oder außeruniversitä­ hier ein neues Beschäftigungsfeld für der Session viel Zustimmung. Denn wer
schung einspeisen könne, so der Konsens. ren Forschungseinrichtungen gemeinsam ­Forscher eröffnen, die nicht primär an ei­ grenzüberschreitend arbeiten will, sollte
Dazu müsse sie allerdings früher als der­ arbeiten. Die Resonanz auf die Ausschrei­ ner Wissenschaftskarriere interessiert beide Seite kennen.
zeit üblich in die Projekte eingebunden bung habe mit 300 eingereichten Pro­ seien.
Petra Krimphove
sein und nicht nur als Datensammler zu­ jektskizzen alle Erwartungen übertroffen, Aus wissenschaftlicher Sicht müsse
rate gezogen werden. Allerdings, gab merkte Christian Herbst vom BMBF in der man sich jedoch auch fragen, in welchen Dr. Andreas Marx leitet das Mitteldeutsche Klimabü­
Steffi Ober zu bedenken, bringe eine Ko­ Session an. Mit der Ausschreibung habe Feldern eine Kooperation mit der Zivilge­ ro am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung UFZ.
operation bereits in der Antragsphase für man offensichtlich einen Nerv getroffen. sellschaft überhaupt sinnvoll und zielfüh­ Dr. Steffi Ober ist Referentin für nachhaltige Forschung
und Innovation beim NABU sowie Leiterin der Plattform
die ohnehin personell knapp besetzten Auf forschungspolitischer Ebene ist rend sei. Forscher seien zum Teil durch­ Forschungswende, die sich für mehr Partizipation und
ZGOs einen erheblichen Aufwand mit sich. das große Ziel der Zivilgesellschaft, die aus ratlos, was die ZGOs denn tatsächlich Transparenz in der Forschungspolitik einsetzt. ­R icarda
Für Wissenschaftlerinnen und Wissen­ Kräfte und Kompetenzen der ZGOs bes­ zu ihrer Arbeit beitragen könnten. Ein Ri­ Ziegler ist bei Wissenschaft im Dialog als Assistentin
der Geschäftsführung tätig. Dr. Susann Beetz leitet die
schaftler ist die Erarbeitung von Anträgen ser zu bündeln. Das heißt: Während Wirt­ siko liege auch in der unterschiedlichen Stabsstelle Exzellenzcluster der Humboldt Universität zu
Teil ihres Arbeitsalltags, die ZGOs müs­ schaftsverbände routiniert zu jedem The­ Zielsetzung: Die Wissenschaft arbeitet er­ Berlin.
sen dafür wertvolle Ressourcen bereit­ ma ihre Expertise in die Forschungspolitik gebnissoffen, ZGOs vertreten hingegen
stellen. »Wenn die Projekte dann nicht ge­ einspeisen und sie damit auch beeinflus­ 60 61 eine politische Agenda.
Wortwerkstatt

das erste Blättchen vor, »einfach« for­ gar nicht klappt – dann müssen auf den
muliert, wer geläufige Begriffe verwen­ langen Satz unbedingt zwei kurze folgen.«
det. »Nahrungsmittelpräferenzen« zäh­ Das dritte Blättchen am Kleeblatt for­
len nicht dazu, die Beschreibung »was wir dert eine lebendige Schreibe: Verben statt
gern essen« hingegen schon. Zum Zwei­ Nomen, aktiv statt passiv, Beispiele und

Glückliche Sätze: ten: Fremd- und Fachwörter sind in der


Wissenschaftskommunikation natürlich
Metaphern. »Auch Übertreibungen hel­
fen«, ergänzt Maier. »Hoch wird zu haus­
nicht grundsätzlich tabu, oft aber ersetz­ hoch, glatt zu spiegelglatt.«

einfach, kurz, lebendig bar. Und viel Wichtiger noch: Verkompli­


zierungen braucht‘s nicht: Anstatt etwas
»Strukturieren« schließlich lässt sich
ein Text schon allein dadurch, dass man
»partiell zu modifizieren« soll es lieber immer mal einen Absatz macht«, sagen

und strukturiert »teilweise verändert« werden.


Übersetzen und Veranschaulichen –
die NaWik-Dozenten zum entsprechen­
den Hinweis auf dem vierten Kleeblatt-
das funktioniert auch bei Zahlen. Wingen Blättchen. Das klingt, wie vieles in dieser
bringt ein Beispiel: Wenn das Risiko für ir­ Wortwerkstatt, ein wenig banal. Aber wie
Kleeblätter bringen Glück, sagt man. Man­ einmal aufschreiben: Anderthalb Stunden gendetwas bei 0,0001 Prozent liegt, kann viele Texte sehen wir Tag für Tag, denen
che Kleeblätter können noch mehr: Das »Die meisten unse­ haben die Teilnehmer man von »eins zu einer Million« sprechen. ein logischer Aufbau, eine Gliederung und
der ­Wortwerkstatt an
Nationale Institut für Wissenschafts­ rer Nahrungspräferenzen, einem Satz gebastelt. Manchmal sei das Vereinfachen ganz ein­ ein Überblick fehlen? Harte Arbeit sei das
kommunikation (NaWik) hat eins entwi­ etwa die Sympathie für be­ fach. manchmal. Zumal Maier und Wingen in ih­
ckelt, das Wissenschaftlerinnen und Wis­ stimmte Gewürze, sind erlernt und nicht Das zweite Kleeblatt-Merkwort lau­ ren Seminaren und Workshops am NaWik
senschaftler beim Verfassen guter Texte angeboren, doch gibt es allgegenwärtige tet »kurz« – und das bezieht man in der nicht mit Kommunikationsprofis, sondern
hilft. Es ist ein Faltblatt in Form eines grü­ Gegenbeispiele, wie die Abneigung gegen Wortwerkstatt nicht nur auf Texte und vorwiegend mit Wissenschaftlerinnen
nen Kleeblatts, vierblättrig natürlich. Und Koriander, die von klugen Wissenschaft­ Sätze, sondern auch auf einzelne Wörter. und Wissenschaftlern arbeiten, die in ers­
es erinnert in hübscher Form an Vie­ lern erklärt wird mit einer häufigen Muta­ Die »Nahrungsmittelpräferenzen« aus ter Linie forschen und nur nebenbei kom­
les, was wir zwar längst wissen, das im tion eines bestimmten Geruchsrezeptors dem komplizierten Beispielsatz fliegen munizieren. Für diese Zielgruppe ist das
­Arbeitsalltag dann aber trotzdem unter­ in der Nase des Menschen.« ein weiteres Mal raus. Auch Wörter las­ Kleeblatt konzipiert worden. Hilfreich und
geht. Also gibt’s mit der Kleeblatt-Übung Das steckt natürlich einiges drin. »Wo sen sich kürzen, sperrige Begriffe können gut ist es aber auch für andere.
in der Wortwerkstatt von Klaus Wingen sehen Sie Verbesserungsbedarf?«, fra­ neu umschrieben werden. Das viel größe­
Dorothee Menhart
und Tobias Maier eine kleine Auffrischung, gen die Referenten. »Was würden Sie än­ re Problem seien aber Füllwörter, Klam­
die auch gestandenen Kommunikations­ dern?« Die Analyse ist klar: Ein Füllwort mern, Einschübe und Verschachtelungen, Dr. Tobias Maier und Klaus Wingen arbeiten als Do­
profis gut tut. wie »klug« muss weg und die »bestimm­ meint Wingen. Die machten Texte unnötig zenten am Nationalen Institut für Wissenschaftskommu­
Auf den vier Blättchen stehen die Merk­ ten« Geruchsrezeptoren und die »allge­ lang und unleserlich. Also erzählt er von nikation (NaWik). Maier ist Biologe und schreibt seit 2008
das Blog »WeiterGen« auf den ScienceBlogs, Wingen ist
wörter »einfach«, »kurz«, »lebendig« und genwärtigen« Gegenbeispiele sind genau­ der alten dpa-Regel, die in Deutschlands Diplompsychologe und Journalist.
»strukturiert« – so sollen Sätze sein. Der so überflüssig. Hier und da wäre ein Punkt größter Nachrichtenagentur einst aufge­
Beispielsatz, an dem in vier Arbeitsgrup­ hilfreich. Einige Arbeitsgruppen machen stellt wurde: Idealerweise hatte ein Satz
pen getüftelt wird, ist natürlich anders. aus dem einen Satz lieber drei. Der Begriff danach maximal 19 Wörter. »Ab 35 Wör­
Und das erste, was wir lernen, ist: Es gibt »Mutation« wird zur »genetischen Verän­ tern musste der dpa-Journalist nochmal
Sätze, an denen können 20, 30 Kommuni­ derung«. Und »Nahrungsmittelpräferen­ ran an den Text und ihn verbessern.« Ei­
katoren locker anderthalb Stunden her­ zen« werden schlicht und einfach zu dem, gentlich sei’s bei fast jedem Satz möglich,
ummäkeln. Anderthalb Stunden an einem »was wir gern essen«. noch etwas zu entrümpeln. Doch auch für
Satz. Damit das auch diejenigen glauben, Klaus Wingen nimmt das Kleeblatt zur den Fall der Fälle hat Wingen noch einen
die nicht dabei waren, müssen wir ihn hier Hand. »Einfach«, sagt er und knöpft sich 62 63 Tipp: »Wenn’s mit dem Kürzen einmal so
Der blaue Faden – Konzept, Planung und
Umsetzung zentraler Mottos bei Wissenschaftsevents

Das Motto dieser Runde scheint


klar: ­W issenschaftskommunikation
mit Freude und Leidenschaft.

ne auch Position beziehen. Auf die Fra­ heben. Stellt sich die Frage: Wie kommt
ge: »Darf ein Leitthema politisch sein?« man zu einem guten Motto? Koska setzt
antwortet sie mit einem deutlichen »Ja«. hier auf Workshops und Vernetzung al­
Frank betont, dass auch die Rolle der ler Beteiligten. Die Wissenschaftler mer­
Wissenschaftler durch eine klare gesell­ ken dabei schnell, dass es leichter ist,
schaftliche Haltung dialogorientierter die Besucher über ein Motto abzuholen.
wird. Über ein Leitthema wie »Zukunft In der anschließenden Diskussion berich­
Mensch – wie leben wir morgen?« kann ten auch die Teilnehmer über überwie­

Motto oder ein Event an gesellschaftlichen Diskursen


teilnehmen und so den Dialog zwischen
gend positive Erfahrungen mit Mottos.
Wenn unterschiedliche Disziplinen bei ei­
Wissenschaft und Gesellschaft fördern. nem Event mitwirken, ist allerdings Vor­

nicht Motto?! Ähnlich wie Saskia Frank erarbeitet auch


Janine Lehmann gemeinsam mit einer
sicht geboten: Die Wahl des Mottos darf
niemanden ausschließen und muss allen
Lenkungsrunde ein zentrales Motto für die Beteiligten Möglichkeiten bieten, sich ein­
Eines verbindet die Referentinnen auf der Zum Einstieg stellt Britta Eisenbarth die Lange Nacht der Wissenschaft in Magde­ zubringen. Dies kann auch über einen et­
Bühne: ihre Erfahrungen mit dem Groß­ Frage: »Braucht es für eine erfolgrei­ burg. Da bei ihrer Veranstaltung viele un­ was offeneren Slogan gelöst werden, wie
format »Lange Nacht«. Die Frage nach che Veranstaltung wirklich ein Motto?« terschiedliche Forschungseinrichtungen »Sei neugierig!«. Andererseits kann die
Konzept, Planung und Umsetzung zent­ Sie übergibt damit das Wort an Saskia und deren Interessen unter einen Hut ge­ Schwerpunktsetzung auch gewollt sein
raler Mottos bei solchen »Langen Näch­ Frank. Seit 2016 setzt diese gemeinsam bracht werden müssen, ist die genaue Ab­ und abwechselnd unterschiedlichen Dis­
ten« steht bei dieser Session im Mit­ mit den beteiligten Wissenschaftlern be­ stimmung eines Themas für sie beson­ ziplinen den Vorrang lassen. Bei neuen
telpunkt und soll am Beispiel z­weier wusst Leitthemen für die TU-Night Braun­ ders wichtig. Auch sie sieht in Mottos die Events besteht die Gefahr, dass man ih­
Wissenschafts­­events diskutiert werden. schweig. Ein zentrales Motto hatte die Möglichkeit, einer immer wiederkehren­ nen durch ein Motto die Chance nimmt,
Das ist zum einen die »TU-Night« der TU-Night bereits seit 2008. Worin besteht den Veranstaltung neue Impulse zu geben. sich als eigene Marke zu etablieren. Ab­
Technischen Universität Braunschweig, also der Unterschied? Frank sieht eine Dabei sind die Organisatoren von eher of­ schließender Konsens der Runde: In der
für die die Referentin Saskia Frank seit ganz besondere Tiefe und Dichte in ei­ fenen Themen, die zunächst an die Wis­ Wissenschaftskommunikation scheint die
2007 verantwortlich ist, und zum anderen nem Leitthema, wie dem aktuellen »Wis­ senschaftsjahre angelehnt waren, zu spe­ Arbeit mit einem konkreten Motto sehr gut
die »Lange Nacht der Wissenschaft« in senschaft – weltoffen«, im Vergleich zu zielleren Mottos übergegangen, die noch zu funktionieren, da sie die Wissenschaft
Magdeburg, die von Janine Lehmann ko­ Mottos wie beispielsweise »Wissen leuch­ enger mit der Stadt Magdeburg verknüpft für die Öffentlichkeit greifbar macht.
ordiniert und von Janine Koskas Agentur tet«, das Motto der TU Night 2013. Vorteile sind.
Christiane Claus
eingebrand betreut wird. Auch Britta Ei­ in der Verwendung von Mottos und Leit­
senbarth hat Erfahrungen mit einer ähn­ themen sieht Frank vor allem darin, dass Die Qual der Wahl – auf der Suche
Britta Eisenbarth ist Projektmanagerin am Haus der
lichen Großveranstaltung: Sie hat 2014/15 das bislang jährlich ähnliche Programm nach dem passenden Motto Wissenschaft in Braunschweig. Dr. Saskia Frank ar­
die »European Researchers‘ Night« in neuen Schwung bekommt und der Presse Janine Koska beleuchtet Mottos aus beitet in der Stabsstelle Presse und Kommunikation der
Technischen Universität Braunschweig als Projektleite­
Braunschweig konzipiert. Dass es seitens wieder als etwas Besonderes und Neues Sicht einer Marketingagentur. Sie gibt rin für Wissenschaftsevents. Janine Koska ist Inhaberin
der EU-Kommission akzeptiert ist, einen verkauft werden kann. Ein Motto erhöhe zu: »Ich stehe total auf Mottos!« Kos­ der Agentur eingebrand., die das Marketing für die Lange
deutschen Namen für die Nacht zu finden klar den Nachrichtenwert. ka sieht einen klaren Anknüpfungspunkt Nacht der Wissenschaft in Magdeburg umsetzt. ­J anine
Lehmann arbeitet für das Büro des Oberbürgermeisters
oder sie gar unter ein Motto zu stellen, das zum Storytelling und sagt, dass sich Ge­ Magdeburg im Team Wissenschaft und koordiniert die
hatte in der heißen Bewerbungsphase nie­ Macht ein Motto Sinn? schichten eben sehr gut unter einem be­ Lange Nacht der Wissenschaft in Magdeburg.
mand bedacht. Nach dieser Session sollte Was muss ein gutes Motto können? Sas­ stimmten Motto erzählen lassen. Sie sieht
so etwas nicht mehr passieren. Denn sol­ kia Frank listet auf: Interesse wecken, auch die Möglichkeit, mit einem gesell­
che Erfahrungen zu teilen und voneinan­ Emotionen hervorrufen, Dialoge för­ schaftsnahen Motto den Wissenschaft­
der zu lernen, ist das Ziel dieser S
­ ession. dern, Unterthemen ermöglichen und ger­ 64 65 ler aus seinem Elfenbeinturm herauszu­
Was heißt Citizen Science und
Dialog in den Geisteswissenschaften?

Über Möglichkeiten und ­G renzen


­p artizipativer Ausstellungsformate im
­M useum 2.0 spricht Insa Gülzow.

beit nach außen zu kommunizieren. Denn Wiencek beschreibt den Entstehungs­


Bloggen ist unter Geisteswissenschaft­ prozess von »Network Ecologies«: Für das
lern nicht selbstverständlich. »Viele von Projekt veröffentlichten Wissenschaftler
ihnen befürchten, dass das Bloggen ihrer auf einem Blog ihre Forschungsergebnis­
Reputation schadet. Da sind die Naturwis­ se und kommentierten diese gegensei­
senschaftler schon einen Schritt weiter«, tig. Daraus entwickelten sie Themen für
bemerkt eine Teilnehmerin. Die Bandbrei­ ein Symposium, das wiederum zu dem
te der Diskutanten am Tisch ist groß: von Buchprojekt und der Open-Access-Platt­
kompletten Blog-Neulingen bis zur erfah­ form führte. Die Querverbindungen und

Von bloggenden renen Bloggerin. Es herrscht Skepsis, ob


es mittels Blogs wirklich möglich ist, Le­
das komplexe Netzwerk, welche sich da­
raus ergeben haben, werden in dem digi­
serinnen und Lesern aktiv einzubinden. talen Format dargestellt. Jedoch beteiligt

Geisteswissen­schaftlern Naguschewski sieht trotzdem Potenzial:


»Der Blog ist auch eine Art virtueller Be­
sich an dieser »lebendigen Publikation«
nicht die breite Gesellschaft. Zielgruppe
such im ZfL.« So können die Leser erfah­ ist die Wissenschafts-Community. »Die

und Museen der Zukunft ren, was die aktuellen Forschungsfelder


des ZfL sind und lernen Gesichter aus der
Komplexität der Homepage wirkt sehr
einladend und animiert zum Mitmachen«,
Forschung kennen. Bevor die Diskussi­ sagt eine Teilnehmerin begeistert. Trotz­
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Cafés ein passendes Format für geistes­ on sich vertiefen kann, erklingt schon dasdem kritisiert auch sie den fehlenden
strömen in den Raum und verteilen sich wissenschaftliche Themen sind. Glöckchen. Schnell noch eine Idee auf das Citizen-­Science-Bezug. Die Frage, wel­
schnell an die Gruppentische. Der gro­ Poster notieren und weiter geht es zum chen N­ utzen die Gesellschaft aus diesem
ße Andrang freut die Moderatorin Stefa­ Der Blog als virtueller Besuch nächsten Thema. Projekt ziehen könnte, notiert Wiencek auf
nie Rentsch. Denn hier geht es jetzt um Referent Dirk Naguschewski hat ein gol­ dem Poster. Sie bleibt aber unbeantwortet
eine vermeintliche »Nische in der Wis­ denes Glöckchen mitgebracht. Er gibt das Lebendige Publikationen – das Glöckchen klingelt erneut. Darüber
senschaftskommunikation«: Es geht um Startsignal für die erste von drei Runden. Mit »Living Publications« spricht Florian beschwert sich eine Teilnehmerin scher­
Geisteswissenschaften. Wie können in Gemeinsam mit Susanne Hetzer beschäf­ Wiencek über ein Projekt, das bisher nur zend: »Oh nein, immer wenn es interes­
den Literatur- und Kulturwissenschaften, tigt er sich mit dem Thema »Blog-Praxis«. wenigen bekannt ist. Es geht um ein digi­ sant wird, ist Schluss.«
in der Musik und in Museen Dialoge mit Wie können Blogs in den Geisteswissen­ tales Format: das Buchprojekt »Network
Bürgerinnen und Bürgern aussehen? Und schaften für einen Dialog mit unterschied­ Ecologies«. Es ist öffentlich zugänglich, Das Museum als Vermittler
welche Formate sind dafür geeignet? Bei lichen Zielgruppen genutzt werden? Wel­ kann durch jeden beliebig erweitert wer­ ­zwischen Wissenschaft und
diesem World Café lernen die Teilnehmer che Modelle sind praktikabel? Wie können den und ist daher niemals abgeschlossen. ­Gesellschaft
Citizen-Science-Projekte aus verschiede­ Wissenschaftler zum Bloggen motiviert Zudem stellt er das »Archive of Digital Die letzte Runde des World Cafés beginnt,
nen Geisteswissenschaften kennen. Auf werden? Als Beispiel stellt Susanne Het­ Art« vor. Das Web-2.0-Online-Archiv von und alle verteilen sich noch einmal neu.
jedem der fünf Tische liegen Plakate, die zer den Blog des Zentrums für Litera­ Dokumentationen digitaler Kunstprojekte Insa Gülzow sammelt an ihrem Tisch un­
sich im Laufe des Nachmittags mit Ide­ tur- und Kulturforschung (ZfL) vor. In ei­ speist sich laufend aus Beiträgen ausge­ ter dem Titel »Museum 2.0« Ideen, wie
en, Wünschen und weiteren Fragen fül­ ner Blogrubrik porträtiert die Redaktion wählter Künstler und Wissenschaftler der man Citizen Science und partizipative
len werden. An einer Station diskutiert Re­ des ZfL Wissenschaftlerinnen und Wis­ Medienkunst-Community. Es bietet Raum Ausstellungsformate zusammenbringt.
ferentin Anne Tilkorn das Potenzial von senschaftler anhand eines Fragebogens. für Online-Ausstellungen von Archiv-Ma­ Das ursprüngliche Konzept des Museums
Podcasts als Mittel für mehr Bürgerbe­ An anderer Stelle bietet der Blog die Mög­ terial und gibt den Mitgliedern die Mög­ – sammeln, sortieren, präsentieren – hat
teiligung, zum Beispiel durch Bürgerinter­ lichkeit, Forschungsergebnisse zu ver­ lichkeit, sich über die Inhalte auszutau­ ausgedient. Da sind sich alle einig. »Es
views. An einem anderen Tisch geht Ste­ öffentlichen. Das soll Forschende dazu schen. Die Tischrunde ist skeptisch. Ist gibt ein Grundbedürfnis, selbst Dinge zu
fanie Rentsch der Frage nach, ob World ermuntern, sich einzubringen und ihre Ar­ 66 67 das wirklich Citizen Science? ordnen und zu analysieren«, sagt ein Teil­
Gamification in der Wissenschaftskommunikation

nehmer, »da müssen wir ansetzen.« Aber schen dazu bewegen


gibt es auch Grenzen von Citizen Science?
»Ja«, meint die Runde. Einordnen, analy­ Gamifiziert: soll, lieber die Treppe
als die Rolltreppe zu
sieren, verdichten – das werden auch in nutzen – mit Erfolg. In
Zukunft die Aufgaben von Wissenschaft­
lerinnen und Wissenschaftlern sein. »Das Vom Wissen­­ der Wissenschaft wird
ein spielerischer Ansatz
Museum hat viel Potenzial, Citizens und zum Beispiel genutzt,
Science zusammenzubringen«, stellt Insa
Gülzow fest. Bürger und Wissenschaft, schafts­kom­ um große Datenmengen
zu analysieren: Im Online-
hier kann das Museum als Vermittler die­ Spiel »Eyewire« kartieren
nen. Ob das in einem Gebäude oder aber
in einem digitalen Raum stattfinden kann? munikator die Spieler Neuronen auf der
Netzhaut. Oder Spiele dienen
Das bleibt eine offene Frage, denn ein letz­ der Wissensvermittlung: Im
tes Mal läutet das Glöckchen. Die Poster
sind beschrieben und in einem Punkt sind zum Spiele­ Computer-Spiel » ­ Basel 1610«
wird ein historischer Stadtplan
sich alle Teilnehmer einig: Wissenschaft­ als Kulisse einer fesselnden Geschich­
ler sollten noch öfter ihre Forschung stär­
ker in die Gesellschaft bringen. Das gilt für entwickler Der Workshop »Gamification« weckte
den Entdeckerdrang und die
­S pielfreude der Teilnehmenden.
te zu neuem Leben erweckt und veran­
schaulicht so das Leben in Basel in der
die Geisteswissenschaften genauso wie frühen Neuzeit. Eine der großen Heraus­
für alle anderen. Geeignete Kommunika­ Ein Tisch voller bunter Bastelmateriali­ Konstruktionsspiele wie Lego, Rollenspie­ forderungen von Gamification-Techniken
tionsmodelle und Werkzeuge gibt es be­ en, mitreißende Musik im Hintergrund – le, Bewegungsspiele und Regelspiele wie sei es, so David Weigend, diese sinnvoll
reits. eindeutiger können die Signale fast nicht Brettspiele hinzu. Spielen ist so auch ein und innovativ einzusetzen und bestimm­
sein: Wer beim Workshop »Gamification in essentieller Bestandteil unserer Kultur. te Spielmechanismen nicht zu überreizen.
Franziska Schultheis
der Wissenschaftskommunikation« mit­ Sinngemäß stellte der Niederländer Jo­ Das führt direkt zu der zentralen Frage:
Dr. Insa Gülzow ist im Bereich Forschungskommuni­
macht, der wird Spaß haben. han Huizinga Ende der 1930er Jahre fest: Wie kann ich zu oder aus meinem Thema
kation und Öffentlichkeitsarbeit am Leibniz-Zentrum All­ Dabei ist das Ziel durchaus ambitio­ Durch das Spiel schaffen wir einen ma­ ein gutes Spiel entwickeln?
gemeine Sprachwissenschaft tätig. Susanne Hetzer niert: In anderthalb Stunden wollen Mo­ gischen Kreis, in dem vereinfachte, aber
arbeitet im Datenmanagement und in der Webseitenre­
nique Luckas und David Weigend die vier­ bindende Regeln gelten und Freiraum für Die Dramaturgie
daktion des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung
(ZfL). Dr. Dirk Naguschweski leitet die Presse- und zig Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Kreativität und Freude entsteht. der ­Spielentwicklung
­Öffentlichkeitsarbeit des ZfL und koordiniert dort die Ar­ die Spieleentwicklung einführen. Die nöti­ Spielerische Herangehensweisen, das Zwei Dinge braucht der Spieleentwickler:
beitsgruppe »Bloggen in den Geisteswissenschaften«.
Dr. Stefanie Rentsch ist Referentin für Presse- und
ge Erfahrung dafür bringen sie aus dem zeigen schon die Beispiele aus dem Ar­ Ein gutes Set an Spielelementen und ein
Öffentlichkeitsarbeit des Forum transregionale Studi­ Futurium Lab mit, einem mobilen Zu­ beitsalltag der beiden Workshop-Leiter, Verständnis dafür, dass Spiele zu entwi­
en in Berlin. Sie hat gemeinsam mit Dr. Anne Tilkorn­ kunftslabor. seien ideal zur Wissensvermittlung, weil ckeln vor allem ein aufwändiger Prozess
einen Pressestellenclub für geistes- und sozialwissen­
schaftliche Forschungseinrichtungen in Berlin gegründet.
sie komplexe Zusammenhänge erfahrbar ist – zwischen dem ersten Prototypen
Dr. Anne Tilkorn arbeitet in der Presse- und Öffentlich­
Wir sind Spieler! Alle! machen könnten. und dem fertigen Spiel können viele, viele
keitsarbeit des Exzellenzclusters »Bild Wissen Gestaltung Kleinkinder erkunden spielerisch ihre Das Prinzip der Gamification nutzt Testschleifen stehen.
– Ein interdisziplinäres Labor« der Humboldt-Universität
zu Berlin. Florian Wiencek ist wissenschaftlicher Mitar­ Umgebung: Was passiert, wenn ich den spieltypische Elemente in einem spiel­ Die Spielelemente sind die Grundaus­
beiter im Department für Bildwissenschaften an der Do­ Becher auf den Boden werfe? Passiert fremden Kontext. Ein fast schon klassi­ stattung des Spiels: Spiele ich mit Figu­
nau-Universität Krems. beim zweiten Mal etwas anderes? Und sches Beispiel dafür ist die Piano-Trep­ ren, mit dem Computer, setze ich meinen
beim dritten Mal? Unsere motorische und pe in einer Stockholmer U-Bahn-Station, Körper ein? Wie viele Spieler gibt es, spie­
kognitive Entwicklung ist geprägt von sol­ die durch die Umfunktionierung der Trep­ len diese in Teams gegeneinander, allei­
chen Funktionsspielen, später kommen 68 69 penstufen in ein riesiges Klavier die Men­ ne oder alle gegen das Spiel? Wie sieht
Scicamp: Das Barcamp zum
Forum Wissenschaftskommunikation

das Belohnungssystem aus, geht es ums Workshop-Teilnehmer mit viel Begeiste­


Punkte sammeln, um Spaß, um Geld? rung gezeigt. Vom Cookiecastle über den
Welche Prinzipien gelten: Zufall? Puzz­ Kitchen-King bis zum Inklusions-Life-Ac­
len? Konstruieren? Um zu verstehen, was tion-Game wurde aus einzelnen Ideen in
ein gutes Spiel ausmacht und wie Spie­ Teamarbeit ein Spiel entwickelt, als Proto­
le funktionieren, kann man ganz einfach typ designt und probegespielt. Und dabei
auch bestehende Spiele auseinanderpflü­
cken und eine Spielkomponente austau­
gleichzeitig unter Beweis gestellt, mit wie
viel Spaß auch Konferenzthemen erarbei­ Gemeinsam planen,
schen. tet werden können. »Das wird mein neu­ Die Aufwärmrunde
Die Dramaturgie eines Spiels baut
auf drei Phasen auf: Eröffnung, Erkun­
er Beruf!«, rief eine der Teilnehmerinnen
während der Teamarbeit. Die Freude am gestalten mit »Stein-Schere-­
Papier« kam bei allen
gut an und ­e rleichterte
dung und Schluss. In der Eröffnung geht Kreativsein war allen deutlich ins Gesicht das Kennenlernen.
es darum, mit einer guten Geschichte
in das Spiel einzusteigen und Aufgaben
geschrieben. Ob wohl im nächsten Jahr
vierzig neue Wissenschaftkommunikati­ und diskutieren
und Ziele zu verdeutlichen. Früher waren onsspiele gelauncht werden?
Spielanleitungen häufig seitenlang, heu­ Mit dem Spiel »Stein, Schere, Papier« be­ geistern, und den effektiven Einsatz von
Wiebke Rettberg
te wird, vor allem in Online-Spielen, oft ginnt das Scicamp, das Barcamp zum Fo­ Social Media gehen. Der Einfluss von Kör­
das Prinzip des Onboarding angewendet. Das Futurium will die Welt von morgen mit Ausstellun­
rum Wissenschaftskommunikation. Der persprache in der Kommunikation und
Das bedeutet, das Spiel wird während des gen und Veranstaltungen erfahrbar machen. Monique Ehrgeiz der rund 25 Teilnehmerinnen und das Verhältnis von Wissenschaft und Ge­
Spielens Schritt für Schritt erklärt, Aufga­ Luckas leitet die Öffentlichkeitsarbeit der Initiative, Teilnehmer ist sofort geweckt. Sie lau­ sellschaft stehen ebenso zur Debatte.
­D avid Weigend gestaltet und organisiert das Futurium
ben und Setting werden dem Fortschritt Lab sowie andere partizipative Formate.
fen durch den Raum und spielen, was das
der Spieler angepasst. Dieses Vorgehen Zeug hält. Das bringt den Kreislauf am Eine verständliche Erklärung
ist vor allem bei Wissensspielen wichtig, Morgen in Schwung und erleichtert das von der Wissenschaft fordern
weil sonst die Absprungrate relativ hoch Kennenlernen. Die anschließende Vorstel­ In der ersten Runde diskutiert eine Grup­
sein kann. In der zweiten Phase geht es lungsrunde ist nach dieser Aufwärmung pe diese Frage: Wie erreichen wir auch
um die Erkundung, die eigentliche Aufga­ nur noch pro forma. Jetzt kann es richtig diejenigen Teile der Gesellschaft, die sich
be des Spiels. Viele gute Spiele haben ein losgehen. nicht schon mit Themen der Wissenschaft
kreatives Moment, in dem die Spieler mit­ Beim Barcamp sind keine Themen vor­ beschäftigen? Science Events seien häu­
gestalten können. Wichtig ist es, die Ba­ gegeben, sondern die Teilnehmer selbst fig schon auf bestimmte Zielgruppen zu­
lance zwischen Langeweile und Heraus­ bestimmen Inhalt und Ablauf der Dis­ geschnitten, auch wenn Veranstalter dies
forderung zu halten, daher haben Spiele kussionen. Zu Beginn sammelt Modera­ vermeiden möchten, stellt eine Teilneh­
häufig verschiedene Levels und werden tor Yannick Haan Themenvorschläge. Die merin fest. »Wir beschäftigen uns häu­
mit der Zeit schwieriger. Am Schluss wird Gruppe stimmt über die Vorschläge ab fig nur mit der Kirsche und dem Sahne­
ausgewertet: Was wurde geschafft, wie ist und einigt sich auf drei Session-Slots à 40 häubchen, den großen Kuchen ignorieren
der eigene Fortschritt, welche »Batches« Minuten und neun Themen: Von Science wir.« Daher stellt sich die Frage: Wen wol­
und »Rewards«, welche Belohnungen Angels und der Frage, was Wissenschaft­ len wir überhaupt erreichen? Aber auch:
sind zu holen? ler motiviert, sich zu engagieren, über Wer möchte erreicht werden? »Wir soll­
die Umsetzung von Hackdays bis hin zur ten überlegen, ob es nur unser Anspruch
»Das wird mein neuer Beruf!« ­Frage nach Barrierefreiheit in der Wissen­ ist, dass sich jede und jeder für Wissen­
Wie die Entwicklung eines Spiels (zugege­ schaft. Außerdem soll es um Forscher als schaft interessiert. Vielleicht will ein Teil
benermaßen im Schnelldurchlauf) dann Kommunikatoren, die Schwierigkeit, Ju­ der Gesellschaft auch gar nicht erreicht
in der Praxis aussehen kann, haben die 70 71 gendliche für Forschungsthemen zu be­ werden«, sagt ein Teilnehmer. Die Wissen­
Ändert Citizen Science das Verhältnis zwischen
Wissenschaft und Gesellschaft? –
Reflektionen zum Boom der Bürgerforschung

Wie viel
schaft dürfe die Bevölkerung nicht beleh­ an den Menschen vorbei zu sprechen, da ­orscher ein Gewinn für die Wissen­
F
ren im Sinne von »ich erkläre dir jetzt mal
was, und du hörst zu«, ergänzt ein ande­
oft die Distanz zum eigenen Forschungs­
thema fehlt«, sagt eine Teilnehmerin.
schaftskommunikation sein.

Kommunikation und Körpersprache


Bürger­
rer. Deshalb müsse man die Menschen er­ Wenn jeder selbstständig kommunizie­
mutigen, häufiger nachzufragen und von
der Wissenschaft eine verständliche Er­
re und die Kommunikation keinen kla­
ren Regeln folge, könne es innerhalb ei­
Zum Ende des Scicamps wird es wieder
interaktiv. Im dritten Slot geht es um Hier­ beteiligung
klärung zu fordern. Dafür braucht es Pro­ nes Instituts zu Widersprüchen kommen. archien in der Kommunikation. Den Effekt
jekte, die langfristig ausgelegt sind und
die mit Geduld und Konstanz aufgebaut
Ein anderer Teilnehmer sieht genau dies
als Chance: »Kommunikation könnte indi­
von Körpersprache erfahren die Teilneh­
mer in einem Rollenspiel. In Zweiergrup­ soll es sein?
werden. Darüber, dass es an solchen Pro­ vidueller und damit lebendiger werden.« pen sollen sie mal wenig blinzeln oder
jekten bisher noch mangelt, sind sich die Wenn Forscher zukünftig vermehrt selbst viel, sich häufig an den eigenen Kopf und
Diskutanten einig. mit der Öffentlichkeit kommunizieren, ins Gesicht fassen oder nicht, fest und ru­ Wissenschaftliche Daten generieren, den
dann müssten ihnen dafür Werkzeuge an hig stehen oder den Körper in Bewegung Austausch zwischen Wissenschaft und
Twitternde Forscher die Hand gegeben werden – und zwar von halten. Schnell wird deutlich: Die Rollen Gesellschaft stärken, neues Lernen und
Welche Auswirkungen hat es auf die Ar­ Kommunikatoren. So ergäben sich neue wirken sich auf die Gesprächshierarchie ein größeres Verständnis für Wissen­
beit von Wissenschaftskommunikatoren, Aufgaben für die Presse- und Öffentlich­ aus. Wer viel blinzelt, unruhig steht und schaft fördern – das sind mit Abstand die
wenn Wissenschaftler zunehmend selbst keitsarbeit. Deshalb ist die Mehrheit der sich ins Gesicht fasst, wirkt schüchtern wichtigsten Ziele von Citizen-Science-Pro­
mit der Öffentlichkeit kommunizieren? Diskutanten positiv gestimmt: Die Kom­ und defensiv, wer sich gegenteilig ver­ jekten. Zumindest laut dem Ergebnis einer
Und können die das eigentlich? Diesen munikation wird bunter und authenti­ hält, wirkt dominant und souverän. »Es Umfrage unter Projektinitiatoren auf der
Fragen widmet sich eine Diskussionsrun­ scher: Wenn eine W­ issenschaftlerin direkt ist erstaunlich, wie schnell sich die Kör­ Website www.buergerschaffenwissen.de.
de im zweiten Slot. »Es besteht die Gefahr, aus dem Labor twittere, habe das eine perhaltung sowohl auf das eigene Ge­ Citizen Science ist also nicht nur eine Me­
ganz andere Wirkung, als wenn ein Tweet fühl als auch auf die Wahrnehmung des thode im Forschungsprozess, sondern hat
von einer Redaktion abgesetzt wird. Gegenübers auswirkt«, sagt ein Teilneh­ längst auch eine politische Dimension. Oft
Das Fazit der Teilnehmer fällt mer. Wer sich diesen großen Einfluss klar werden im selben Atemzug Schlagwor­
daher optimistisch aus: macht, kann diese Kommunikationsmit­ te wie Demokratisierung von Forschung,
Wenn es klare Regeln zur tel bewusst einsetzen, um unangenehme Steigerung ihrer gesellschaftlichen Re­
Umsetzung gibt und Situationen zu lösen oder dem eigenen levanz und der Wissenschaftsmündigkeit
die Kommunikatoren Standpunkt Nachdruck zu verleihen. Mit der Bevölkerung genannt.
mit ihrem Know- dieser Erkenntnis und den offenen Fragen
how eingebun­ und Denkanstößen der anderen Diskus­ Die großen Veränderungen
den werden, sionsrunden endet das Barcamp. Einige stehen uns noch bevor
dann kön­ Teilnehmer diskutieren in der Pause noch Wird Citizen Science diesen E­ rwartungen
nen twit­ weiter und vielleicht auch darüber hinaus. gerecht? Und wenn ja, wie verändert
ternde ­Citizen Science das Verhältnis zwischen
Franziska Schultheis
Wissenschaft und Gesellschaft? Das will
Yannick Haan arbeitet bei Wissenschaft im Dialog als
Moderatorin Katrin Vohland von ihren Po­
Projektmanager des Formats »Hack your City«. diumsgästen wissen und mit den Zuhöre­
rinnen und Zuhörern im Saal diskutieren.
Für Johannes Vogel, Generaldirektor
Nicht irritieren lassen! Wie Mimik und des Museum für Naturkunde Berlin, steht
Gestik ein Gespräch bestimmen, ­e rfuhren fest, dass die großen Veränderungen erst
die Teilnehmenden in Rollenspielen.
72 73 noch kommen werden – mit dem neuen
Von Citizen Science profitieren beide S
­ eiten:
­W issenschaft und Gesellschaft.

deute das für das BMBF, was bewege sich zeitig auch bestimmte Bürgerrechte um­
dort?, fragt Katrin Vohland. Die große Re­ fassen. Diese reichen von der Ebene der
sonanz auf die Förderrichtlinie habe in­ politischen Mitsprache als Staatsbürgerin
tern vor allem den abteilungsübergrei­ bis hin zur Funktion als Nutzer oder Mit­
fenden Austausch über die Projektskizzen macher, wie z. B. in Bürgerforschungspro­
angestoßen, so Christian Herbst. Langfris­ jekten. Citizen Science beinhalte derzeit
tig könne es darin münden, Citizen Sci­ keine Partizipation an Projektdesign, Pro­
ence auch in den Fachabteilungen mitzu­ grammen oder Politikformulierung und
denken. erreiche nur eine kleine Zielgruppe. Für
ihn ist Citizen Science momentan eher die
Welche Herausforderungen gibt es bessere Seite des »Public Understanding
Forschungsrahmenprogramm der Euro­ Kulturwandel jedoch nicht umzusetzen. auf praktischer Ebene? of Science«, da es um Kooperation statt
päischen Kommission und seinen Leitli­ Das Bundesministerium für Bildung Wie wichtig ehrenamtliches Engagement Information gehe. Ein noch ungenutztes
nien Open Innovation, Open Science, Open und Forschung beschäftige sich in der für die Experimentelle Archäologie ist, (politisches) Potenzial liege auf der Ebe­
to the World. In diesem Prozess kann Citi­ Grundsatz- und Strategieabteilung seit beschreibt die Archäologin und Muse­ ne der Mitwirkung am Projektdesign, wie
zen Science eine große Rolle einnehmen, drei Jahren intensiv mit dem Thema Ci­ umspädagogin Claudia Merthen in ihrem es in der Transformationsforschung prak­
weil der Ansatz schon jetzt für wissen­ tizen Science, so Christian Herbst. Geför­ Vortrag. Citizen Scientists arbeiten hier tiziert werde.
schaftliche Vielfalt stehe. Er trage dazu dert wurden in dieser Zeit die Entwick­ mit Wissenschaftlern an der Schnittstel­ In der anschließenden Diskussion wird
bei, dass neue Kooperationen zwischen lung einer Citizen-Science-Strategie für le zwischen Handwerk, Technik und vor­ betont, dass man den Ansatz nicht mit Er­
Wissenschaft und Zivilgesellschaft ent­ Deutschland und die Online-Plattform geschichtlichem Leben. Über dingliche wartungen überfrachten dürfe, es sei ein
stehen. Viele Projekte verfolgen zudem www.buergerschaffenwissen.de.  Citizen Rekonstruktion und Experimente wer­ Element von vielen, das der Öffnung der
mehrdimensionale Ziele wie Bildung und Science sei eine Art Werkzeugkasten im den neues Wissen und so auch Werte ge­ Wissenschaft dienen solle. Dabei sei Citi­
politisches Engagement, fasst Co-Refe­ Rahmen der Wissenschaftskommunika­ schaffen und erhalten. Der Austausch mit zen Science aber durchaus erfolgreich, so
rent David Ziegler zusammen. Eine Bar­ tion, aber auch im größeren Kontext von Wissenschaftlern sei für alle Teilnehmer schildern es mehrere aus dem Publikum,
riere für eine Weiterentwicklung sei je­ Partizipation und Teilhabe einzuordnen. wichtig, es sei aber auch schwierig, Aner­ denn in der Praxis sei die Lernkurve auf
doch, so Vogel, dass die Kommunikation Der Ansatz stehe für das Heranführen kennungsmechanismen zu etablieren. Pu­ beiden Seiten sehr groß.
mit der Öffentlichkeit nach wie vor nicht der Bürgerinnen und Bürger an wissen­ blizieren sei bereits über einige Organisa­
Wiebke Rettberg
als Teil und Aufgabe der Wissenschaft­ schaftliches Arbeiten und wissenschaftli­ tionen möglich. Kritisch diskutiert werde
ler anerkannt werde. Wenn Forschung in che Methoden. Er fördere ihre Mündigkeit häufig auch, dass die eigentlich originä­ Prof. Dr. Johannes Vogel ist Generaldirektor des Mu­
Zukunft vor allem an ihrer »Nützlichkeit« (oft mit dem Begriff der »Scientific Liter­ re Arbeit von Archäologen unbezahlt von seum für Naturkunde Berlin. Dr. Katrin Vohland leitet
für die Gesellschaft gemessen werde, ent­ acy« umschrieben) durch die besonders Freiwilligen gemacht werde. dort den Forschungsbereich Wissenschaftskommunika­
tion und Wissensforschung. David Ziegler betreut die
stehe dann nicht ein Zielkonflikt zwischen aktive Form, das Mitmachen. Das Ziel sei »Citizen Science hat derzeit wenig mit Citizen-Science-Plattform »Bürger schaffen Wissen« am
Forschungsfreiheit, Kreativität und dieser es, eine Kultur der Zusammenarbeit zwi­ der Demokratisierung von Wissenschaft Museum für Naturkunde Berlin. Christian Herbst arbei­
Forderung nach gesellschaftlicher Rele­ schen der institutionalisierten Wissen­ zu tun«, sagt Leonhard Hennen und ent­ tet im Bundesministerium für Bildung und Forschung im
Referat für strategische Vorausschau und Wissenschafts­
vanz?, fragt Katrin Vohland. Natürlich gelte schaft und den Bürgern zu entwickeln und kräftet damit die Wirkung von Citizen Sci­ kommunikation. Dr. Claudia Merthen ist freiberufli­
es, hier eine Balance zu finden. D
­ iese drei zu etablieren. Daher engagiere sich das ence auf gesellschaftspolitischer Ebene. che Archäologin und Museumspädagogin. Dr. Leonhard
Dinge würden sich aber nicht ausschlie­ Ministerium auch weiter im Bereich Citi­ Die wohlmeinendere Deutung sei, dass Ci­ Hennen forscht am Institut für Technikfolgenabschät­
zung und Systemanalyse (ITAS) des Karlsruher Institut
ßen, antwortet Johannes Vogel. Vor allem zen Science, mit dem neuen Fokus, Bür­ tizen Science einen Aspekt von Demokra­ für Technologie (KIT).
zum jetzigen Zeitpunkt sei ­Forschung in gerwissenschaften auf der Projektebene tisierung umfassen könne. Hennen sieht
Deutschland noch viel zu wenig an gesell­ methodisch zu stärken. Wenn Citizen-Sci­ vier Ebenen von »Scientific Citizenship«,
schaftlichem Nutzen ausgerichtet. Ohne ence Strukturen im Wissenschaftssystem auf denen Demokratisierung oder auch
Dialog zwischen den Akteuren sei dieser aufbrechen können und sollen, was be­ 74 75 Inklusion stattfinden kann und die gleich­
Wissenschaft in 30 Sekunden – Aber wie?

vor! Aktiv statt Passiv. Den Vorhang ein Sie versenden Texte, Videos oder Fotos,
wenig  lüpfen, die W-Fragen aber noch
­ die maximal zehn Sekunden sichtbar sind
nicht komplett klären. und sich dann auflösen. Oder sie erstel­
Geübt wird das in der Arbeitsgrup­ len öffentliche Snapchat-Stories, die nach
pe anhand von Ergebnissen einer fiktiven 24 Stunden wieder verschwinden. Dieses
Studie1 zum Fleischkonsum in Deutsch­ Format empfiehlt Flatten für die Wissen­
land, China und den USA. Die Ergebnisse schaftskommunikation. Nichts für tiefer
zeigen beispielsweise, dass Amerikaner gehende Geschichten sei das. Aber bes­

Kurz und gut im Schnitt fast 100 Kilo Fleisch pro Jahr
essen. Dass der chinesische Fleischver­
tens geeignet für aktuelle Nachrichten –
gerade auch, wenn Jugendliche die Ziel­
brauch pro Kopf sich in den vergangenen gruppe sind.

und zuckersüSS Ein Diagramm zum


­F leischkonsum – aus ­S marties,
Filz und Zuckermäulern.
25 Jahren mehr als verdreifacht hat. Und
dass Chinesen selbst dann, wenn Kampa­
Wenn nach spätestens 24 Stunden al­
les weg ist, stellt sich natürlich die Frage,
gnen der Regierung zur Reduzierung des ob der Aufwand lohnt. Doch Flatten meint,
Fleischkonsums nicht greifen, erst in zehn das schnelle Verschwinden habe seinen
Klar braucht‘s mehr als 30 Sekunden, gibt, sie zu ­halten, wenn man’s richtig an­ Jahren so viel Fleisch essen, wie die Deut­ eigenen Reiz und mehr als einmal schaue
um ein Forschungsergebnis so richtig zu packt: mit Infografiken, Texten, Snapchat- schen schon heute: rund 60 Kilo pro Per­ er einen Film ohnehin nicht an. Außerdem
erklären. Die Idee, den Hintergrund, die Videos. son und Jahr. Dazu gibt’s eine ganze Men­ kann man tricksen: Wer will, nutzt Snap­
möglichen Folgen. Aber nur 30 Sekunden ge Zahlen und Vergleichswerte zu Fleisch chat nur als Tool für die schnelle Aufnah­
nimmt sich selbst ein interessierter Rezi­ Zwei Jahre Arbeit und Emissionen, die zeigen, wie klima­ me, exportiert das Kurzvideo dann und
pient höchstens, um zu entscheiden: Lese in einer einzigen Headline schädlich der hohe Fleischkonsum ist. stellt es in anderen Sozialen Medien oder
ich weiter? Gucke ich weiter? Oder klicke Die Königsdisziplin der Kommunikati­ Die Text-Arbeitsgruppe erarbeitet schließ­ auf der Website ein.
ich weg – und bin raus? Deshalb sagen on sei der Text, sagt Nicola Wessinghage. lich die Headline »Von Reis zu Rindfleisch Dass bei so einer Handyaufnahme al­
Nicola Wessinghage, Marcus Flatten und Doch ob Pressemitteilung, Website-Tea­ – chinesisches Essverhalten heizt dem les wackelt und schuckelt, störe bei Snap­
Erik Tuckow zum Start ihres Workshops: ser, Magazinbeitrag – der Einstieg müsse Weltklima ein«. – Würden Sie, liebe Lese­ chat kaum jemanden. »Die Qualitätser­
Eine halbe Minute haben Kommunika­ sitzen. Und weil das leichter gesagt ist als rin, lieber Leser, draufklicken, wenn dieser wartung der User hängt stark vom Kanal
toren Zeit, für ihre Sache zu begeistern. getan, rückt Wessinghage zunächst ein­ Titel hier verlinkt wäre? Falls ja, so könnte ab«, sagt Flatten. Viel wichtiger als Qua­
Dann kommt die Entscheidung. Und: Mehr mal die Verhältnisse zurecht: »Wenn zwei man sagen: Headline gelungen. lität sei, dass mit dem bewegten Bild
als das Begeistern muss erstmal gar nicht Jahre an einer Studie gearbeitet wird, Sie »höchste Nähe« erzeugt werden könne.
sein. Doch weniger darf nicht sein. sich dann aber im besten Fall nur einen Snapchat: 30 Sekunden werden Oft gehe es um Stimmungen, Eindrücke,
Die drei wissen um das »gewisse Tag Zeit nehmen für die Pressemitteilung, zu 10 Sekunden Erlebnisse. Ein emotionales, verwackeltes
Spannungsverhältnis der Wissenschaft dann ist das häufig zu wenig.« Aus der Mit denselben Studienergebnissen zum Video gebe ein viel ehrlicheres Bild vom
zur Kürze«. Auch: Dass manchmal aus­ Verständlichkeitsforschung weiß sie, dass Fleischverbrauch arbeiten auch die Ar­ Hochschulcampus ab als ein aufwändig
holen muss, wer Kompliziertes verständ­ viele Leser lediglich die ersten drei und beitsgruppen, die sich mit Snapchat-Vi­ gedrehter Imagefilm. Doch Achtung: Vor
lich machen will. Aber das tollste For­ die letzten drei Wörter einer Überschrift deos bzw. Infografiken befassen. Marcus Veröffentlichung mehrfach korrigieren
schungsergebnis, der schönste Film oder wahrnehmen. »Das ist oftmals alles, was Flatten übernimmt den Video-Teil und könne man so etwas natürlich nicht – und
der beste Magazinbeitrag zu einer neu­ tatsächlich ankommt: Sechs Wörter aus nennt gleich den wichtigsten Vorteil der von verschiedenen Personen absegnen
en Studie – all das nutze nun mal nichts, zwei Jahren Arbeit. – Die müssen also superkurzen Snapchat-Videos: Sie sind lassen, wie eine Pressemitteilung, schon
wenn sich die Leser, Zuschauer oder gut sein!« An der Headline solle man des­ schnell erstellt und kosten nicht viel. mal gar nicht.
Journalisten schon nach ein paar Sät­ halb lange herumknobeln. Und ansons­ Viele Agenturen, Medienhäuser, Orga­ Die Workshop-Teilnehmer probieren
zen verabschieden. Die Kommunikations­ ten ein paar Basics beachten: Schlagwor­ nisationen und Unternehmen nutzen den das schnelle Medium am Beispiel der
profis glauben, dass es Mittel und Wege te sind hilfreich, Klischees nicht. Verben 76 77 Instant-Messaging-Dienst mittlerweile. Fleisch-Studie aus. Die Hilfsmittel sind:
Gemeinsam sind wir mutig – proaktive
Kommunikation schwieriger Themen

Wie
spricht man
Beim Steak hängt über der
Weingummi-Kuh eine riesige
über Tier­
CO2-Wolke aus Marshmallows –
besser steht der Obstsalat da.
Foto: Erik Tuckow versuche?
ein Farbdrucker, etwas Pappkarton, Stifte aus Zucker, Farbstoff und Co. Ganz ausge­ lich. Würden sie gemeinsam mit der Shitstorms, persönliche Angriffe oder so­
und Papier – plus natürlich das Handy mit zeichnetes Material für Infografiken. Headline und dem Snapchat-Video für gar Morddrohungen sind zwar sehr sel­
entsprechender App. Außerdem: 15 kreati­ Nach kurzer Zeit gibt’s viel zu s­ ehen eine kleine Kampagne genutzt – der ten. Aber Menschen, die Tierversuche
ve Köpfe – eine Ressource, die man ruhig zum Thema Fleisch und Emissionen: Fleischkonsum in Deutschland, China und machen oder darüber kommunizieren,
mal mit aufzählen darf. Eine Weingummie-Kuh, die CO2 pupst den USA würde sicherlich sinken. Und die stehen trotzdem vor großen Herausforde­
Wichtig bei Snapchat sei, dass es ei­ und über der deshalb eine riesige CO2-­ Kühe würden nicht mehr so viel pupsen. rungen. Welche Ansätze gibt es, um diese
nen Protagonisten gibt, der einleitend ein Wolke aus Marshmallows hängt. Zum Pro- zu meistern und Krisen zu verhindern?
Dorothee Menhart
paar Worte zur Studie sagt. Also wird zu­ Kopf-Fleischkonsum: Karten, die China, Einige Antworten liefert die klassi­
nächst getextet und der Einstieg gefilmt. Deutschland oder die USA umreißen und Erik Tuckow ist Freier Grafiker (Sichtagitation). Nicola
sche Krisenkommunikation, wie Medien­
Andere kümmern sich um Fotos von typi­ mit Marshmallows (Menschen) und Kno­ Wessinghage und Marcus Flatten leiten die Agentur wissenschaftler Christoph Klimmt aus­
schen Fleischgerichten aus China (Ente), chen (Fleisch) gefüllt sind. Andere bas­ Mann beißt Hund. führte. »Für die Wissenschaft ist diese
Deutschland (Eisbein) und USA (Burger), teln ein Diagramm zum Fleischkonsum ›Empörungsbewirtschaftung‹ ein unge­
die schnell und frei verfügbar im Netz zu mit Smarties. Tuckows Idee, Grafiken mit 1 Die in der Studie genannten Zahlen sind realen wöhnliches Setup«, sagte er und verwies
Studien von OECD, WWF und IFEU (Institut für Ener­
finden sind. Eine dritte Gruppe zeichnet Süßigkeiten zu bauen, ist natürlich um­ gie- und ­U mweltforschung Heidelberg) entlehnt. auf die gemeinhin eher defensiven Strate­
Linien und Kurven auf ein Blatt, die den werfend. Doch das alles sieht nicht nur gien der Wissenschaft. Er plädierte statt­
Pro-Kopf-Verbrauch in den drei Ländern zuckersüß aus, sondern ist auch ver­ dessen für das aktive »kommunikative
zeigen. Zusammen ergeben die Filmse­ ständlich, und zwar auf Anhieb. Vorbauen«. Hierfür eignen sich Ratschlä­
quenzen schließlich ein Video, das alles Das ist wohl die Kunst, die in der Info­ ge der Krisen-PR, denn auch zum Thema
andere als perfekt ist. Aber was hier in grafik steckt. Die Kombination aus Bild, Tierversuche kommen moralisch aufge­
aller Kürze bewerkstelligt wurde, beein­ Grafik und Text wird immer beliebter. Wo ladene Angriffe stets überraschend und
druckt dennoch. früher schlichte Balken gezeigt wurden, setzen die Akteure unter Rechtfertigungs­
wenn es beispielsweise um immer grö­ druck. Klimmt riet für den Krisenfall:
Süsskram taugt ganz ausgezeichnet ßere Mengen an Müll ging, werden heute »Analysieren Sie sorgfältig Sachlage und
zur Darstellung von Berge gezeigt. Das spricht an, emotiona­ Stakeholder. Benennen Sie einen zentra­
Mengen und Häufigkeiten lisiert, sieht gut aus. Auch komplexe Zu­ len Sprecher – reagieren Sie und vor al­
Der Grafiker Erik Tuckow war auf seinem sammenhänge lassen sich so präzise dar­ lem leugnen Sie nicht!«
Weg zum Forum Wissenschaftskommu­ stellen. »Wenn Infografiken gut gemacht
nikation noch schnell im Supermarkt bei sind, vereinfachen sie den Zugang zur In­ Aktive Vorbereitung auf die Krise
den Süßigkeiten. Smarties, Gummibär­ formation erheblich«, sagt Erik Tuckow. Noch wichtiger ist aus Klimmts Sicht aber
chen, Weingummifrüchte, weiß-braune Besonders tauglich seien sie für Verglei­ das, was schon vor einer akuten Krise zu
Kühe, Mini-Marshmallows, Knochen und che, vor allem bei Mengendarstellungen. tun ist: »Wer sich wappnet, hat im Fall ei­
offene Mäuler hat er mitgebracht – alles Die süßen Grafiken zeigen das anschau­ 78 79 nes Falles mehr Zeit und kann b ­esser
Einhellige Meinung auf der Bühne: Wer
­S hitstorms verhindern will, braucht ­m utige
Kommunikation und Transparenz.

r­eagieren.« Dazu gehört es, Argumen­ ­orscherinnen und Forscher glaubten,


F
tationslinien und Sprachregelungen für sie seien den Leuten in den Pressestellen
alle Beteiligten vorzudenken: »Bereiten egal. Für die Kommunikationsarbeit nann­
Sie mögliche Interviewpartner vor – wer te Klimmt Storytelling und den Fokus auf
nach einem Vorfall vor einer Kamera die Menschen als gute Methoden: »Die Fak­
Relevanz von Tierversuchen für die Pa­ ten aus der Wissenschaft sind gut aufbe­
tientensicherheit erklären muss, soll­ reitet – aber die Verpackung stimmt oft
te nicht ins Stottern kommen oder in der sehr persönlich ihre Gedanken und Gefüh­ gen, was das für einen selbst und das Fa­ nicht.« Diederich gab zu bedenken, wie
Wissenschaft übliche Begriffe wie ›Eu­ le zu ihrer Arbeit mit Tierversuchen. milienleben bedeutet. Man sollte nichts schnell emotionalisierte Meinungen in
thanasieren‹ verwenden.« Falls auf ei­ auf sich nehmen, was man nicht durch­ die Gesetzgebung fließen und damit den
nen Vorfall eine Untersuchung folgt, emp­ Verantwortung für Tiere halten kann. Und der psychische Druck Forschungsstandort gefährden können.
fiehlt Klimmt externe Experten, denn und Gesellschaft auf die Wissenschaftler ist sehr real.« Für Grund genug, offen und mutig auch über
Selbstüberprüfungen gefährden immer »Persönlich« ist auch das Stichwort für ihn hat die Arbeit bei Pro-Test aber auch schwierige Themen der Wissenschaft zu
die Glaubwürdigkeit. Es lohne sich »auch die Aktivitäten des Vereins »Pro-Test«, der »etwas sehr Befreiendes«. kommunizieren.
schon in Friedenszeiten«, ein Netzwerk von Wissenschaftlerinnen und Wissen­
Mutige Kommunikation im Cornelia Lossau
entsprechender Partner aufzubauen. schaftlern ins Leben gerufen wurde. »Ich
Dazu gehöre es, das Vertrauen aller Betei­ arbeite in der Hirnforschung und habe wie Gegenwind
Jens Rehländer moderierte die Diskussion. Er ist
ligten durch offene Kommunikation zu ge­ alle, die mit Tierversuchen zu tun haben, In der Diskussion berichtete Susanne Leiter Kommunikation bei der Volkswagenstiftung.
­
winnen – bei den Medien, aber vor allem eine persönliche Verantwortung«, sagte ­Diederich, dass persönliche Angriffe sich ­F lorian Dehmelt forscht und lehrt in Tübingen. Er ar­
beitet ehrenamtlich beim gemeinnützigen Verein Pro-Test
bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Mitgründer Florian Dehmelt. »Pro-Test« bei direkter Ansprache in Grenzen halten: Deutschland e.V. Dr. Susanne Diederich ist Leiterin
im eigenen Institut. Unabhängig davon, ob geht ähnlich vor wie »Tierversuche ver­ »Wir haben noch nie beobachtet, dass je­ der Kommunikation am Deutschen Primatenzentrum. Sie
diese selbst tierexperimentell arbeiten stehen«, aber die etwa 50 Mitglieder spre­ mand in den Fokus der Gegner geraten ist, stellte die Initiative »Tierversuche verstehen« vor. Für die
wissen­ schaftskommunikative Einordnung sorgte P ­ rof.
oder nicht. chen darüber hinaus auch einfach mal weil er oder sie transparent war.« Mutige Dr. Christoph Klimmt vom Institut für Journalistik und
Ein Beispiel für transparente Kommu­ Passanten an. »Unser Vorteil: Wir vertre­ Kommunikation ist aber tatsächlich eher Kommunikationsforschung der Hochschule für Musik,
nikation ist die im September 2016 gestar­ ten niemanden außer unser eigenes Ge­ die Ausnahme als die Regel. »Die wenigs­ Theater und Medien in Hannover.

tete Initiative »Tierversuche verstehen« wissen«, erzählte Dehmelt. Er schilderte, ten sagen Fremden gegenüber, dass sie
der Allianz der Wissenschaftsorganisati­ wie der Satz »Ich mache Tierversuche« Tierversuche machen«, berichtete Deh­
onen. Diese stellte Susanne Diederich für sofort volle Aufmerksamkeit erzielt. Es sei melt. Eher würden sie ihre Arbeit mit
den Mitinitiator Professor Stefan Treue ihm wichtig, den Angesprochenen zu ver­ ­»irgendwas in der Biologie« beschreiben.
vom Deutschen Primatenzentrum vor. Die mitteln, dass auch jemand, der Tierversu­ Klimmt plädierte dafür, die Meinungs­
Initiative betreibt die Webplattform ­­­www. che macht, nicht wolle, dass Tiere miss­ sphäre nicht den Gegnern zu überlassen.
tierversuche-verstehen.de, bespielt sozia­ handelt werden. Schließlich gebe es gute Gründe für Tier­
le Medien und stellt eine Expertendaten­ Neben der Kontaktpflege zu den Leu­ versuche. Diederich fügte hinzu: »Wir dür­
bank zur Verfügung, unter anderem für ten »auf der Straße«, Schülerinnen und fen uns über unrealistische Vorstellungen
Medien und Schulen. Zusätzlich organi­ Schülern, Studierenden und angehenden in der Bevölkerung nicht wundern – wir
siert sie Medientrainings und Informati­ Wissenschaftlern wendet sich »Pro-Test« haben ja nie gezeigt, was wir tun.«
onsveranstaltungen. »Besonders gut an­ an Journalisten. Außerdem beraten die Mit Blick auf die Wissenschafts­
genommen würden die Faktenchecks, die Pro-Test-Mitglieder Hochschulgremien kommunikation überbrachte Dehmelt
»Zehn Mythen«, das »Fragen Sie uns!« oder Landesärztekammern. Eine fordern­ den Anwesen­ den eine schlechte Nach­
und die Videoclips, sagte Diederich. In den de Tätigkeit, wie Dehmelt berichtete: »Man richt: »Ihr Ruf ist in den Institutionen
kurzen Filmen schildern Wissenschaftler muss sich vor einem Engagement überle­ 80 81 noch schlechter, als Sie denken!« ­Viele
Virtuelle Realität und die Vermittlung von Kulturerbe

Dank Virtual-Reality-Brille konnte das


Publikum durch altägyptische Gärten
wandeln.

che durch verschiedene Module Um die konkreten Möglichkeiten besser zu sich nicht mehr lange halten lassen. Vir­
entweder einen höheren Durch­ verstehen, muss zunächst zwischen Aug­ tuelle Realität ist bereits da.

Hier passiert satz zulässt, bessere Qualität lie­


fert oder Scans von bislang un­
mented Reality (AR) – der »Erweiterten
Realität« – und Virtual Reality unterschie­
Wer VR und AR bislang skeptisch ge­
genüberstand, den überzeugt die un­
geeigneten Materialien ermöglicht. den werden. Bei AR wird ein Bild oder Vi­ gewöhnliche Anwendung, die Christian

Zukunft! Die Erfassung eines Objekts kann so


vollautomatisch in rund zehn Minuten
deo über die eigentliche Ansicht gelegt. So
führt beispielsweise eine historische Per­
Loeben beschreibt. Er arbeitete zuletzt
an einer Ausstellung zu altägyptischen
­erfolgen. son durch ein Museum. Eine neue Art der Gärten, deren Gestaltung durch antike
Santos warnt aber: Die Massendigita­ Inszenierung entsteht. Zeichnungen und jüngere Ausgrabungen
Die Stimmung ist gleich zu Beginn freudig lisierung an sich ist nur ein Teil der He­ echter Gärten gut überliefert ist. In der
gespannt, denn es werden Virtual-Reality- rausforderung. Wenn zukünftig schnell VR-Spaziergang durch aktuellen Ausstellung in Hannover (bis
Brillen in Form kleiner Kartons (VR Card­ und unkompliziert digitalisiert wird, be­ altägyptische Gärten zum 16.7.2017) hat der Besucher mittels
boards) verteilt. Zusammen mit einem nötigt es einen entsprechenden Umgang VR hingegen erzeugt eine gänzlich künst­ AR und VR die Möglichkeit, durch einen
Wissenschaftler, der 3D-Scans automati­ mit Daten. Mehr denn je braucht Digitali­ liche Welt. Menschen aus einer anderen Garten aus dem 14. Jahrhundert v. Chr. zu
siert, einem Kunstwissenschaftler, der die sierung daher eine einheitliche Strategie. Stadt in einem virtuellen Raum zu treffen, spazieren.
Potenziale von Virtual und Augmented Re­ Hier wird vor allem auf browserbasierte ist zwar momentan nur im Studio mit gro­ Dafür wurde eine altägyptische Abbil­
ality aufzeigt, und einem Anwendungsbei­ Weblösungen gesetzt, damit Museen, die ßem Technikeinsatz möglich. Es sei ­jedoch dung des »Garten des Gottes Amun« im
spiel aus Rekonstruktion und Vermittlung von dieser Technologie maßgeblich profi­ nur eine Frage der Zeit, bis dies für quasi thebanischen Felsgrab von Sennefer vir­
von Kulturerbe, beschrieben durch einen tieren, 3D-Scans ohne zusätzliche Technik jeden erlebbar werde, so Simon. Die Gren­ tuell rekonstruiert. In Zusammenarbeit
Ägyptologen, blicken wir in die Zukunft. nutzen und mit Zusatzinformationen ver­ zen von VR probiert er mit Mitstreitern im mit dem Züricher Büro ZAAK und einem
Oder besser: ins Jetzt. sehen können. »Museum der Zeit – Know Time« (www. Botaniker entstand eine Imitation des
Die Vorteile von 3D-Scans für die Er­ know-time.de) aus, welches ausschließ­ Gartens, die sich eng an eine 1828 ange­
haltung von Kulturerbe liegen nicht nur Die Trennung zwischen realer und lich virtuell existiert. Sein Plädoyer: Die
in der originalgetreuen Nachbildung, virtueller Welt verschwimmt Trennung zwischen real und virtuell wird
Ganz real auf der Bühne: Ralf Schneider,
Pedro Santos, Holger Simon und
sondern auch in der Erfassung des Kon­ Virtual und Augmented Reality erschaf­ ­Christian Loeben klären über ­e rweiterte
servierungszustandes des Objektes, der fen neue Welten. Man kann in diese abtau­ und virtuelle Realitäten auf.

Materialeigenschaften und der Werkzeug­ chen und sie letztlich Wirklichkeit werden
verwendung. Diese Liste lässt sich laut lassen. Dieser Dreiklang aus Erfindung,
Pedro Santos nahezu beliebig fortsetzen. Immersion – also das Abtauchen in die
Der Nutzen von 3D-Scans für die Konser­ virtuelle Welt – und Realisierung ist nicht
vierung und Erforschung historischer Ob­ neu. Das Prinzip »Welten zu erschaffen«
jekte ist für ihn unbestritten. hat es schon immer gegeben. Es lässt
Im Gegensatz zu 2D-Scans, sind 3D- sich im Medium Buch wiederfinden, in der
Scans bei sich stark unterscheidenden Malerei und natürlich in der F­ otografie.
Objekten des Kulturerbes sehr aufwändig. Holger Simon wirft einen kulturwissen­
Insbesondere manuelle Bearbeitungs­ schaftlich-unternehmerischen Blick auf
schritte nehmen viel Zeit in Anspruch. 3D- Virtual Reality und betont die neuen Mög­
Scans werden daher fast ausschließlich lichkeiten. Meist benötige man nur ein
von Prestigeobjekten angefertigt. Deswe­ Smartphone und gegebenenfalls eine ent­
gen forscht Santos mit einem Team an sprechende VR-Brille, und schon k­ önne
einer multimodularen Scanstraße, wel­ man in neue Welten abtauchen. 82 83
»Ihr grinst uns an mit euren aufgeweichten Phrasen!« –
Umgang mit Glaubenskriegern und
Verschwörungstheoretikern in den sozialen Medien
Neben faktenbasierten Argumenten rät
Bernd Harder zu Humor und Freundlichkeit im
Umgang mit Verschwörungstheoretikern.

fertigte Zeichnung dieser über 3.400 Jah­ donym oder den Klarnamen? Auch Sig­
re alten und heute nicht mehr gut erhalte­ nalworte in Posts wie »Aufwachen!!!!!!!!!«,
nen Abbildung hält. Dabei handelt es sich
um eine wissenschaftliche Rekonstrukti­ Von der könnten Hinweise auf eine »Truther«-
Kommunikation geben.
on, die die Abstraktionsebene beibehält.
Die Museumsbesucher können einerseits
mittels Image Recognition, also Bildana­ Kommuni- Was hilft im Dialog?
Die »richtige« Strategie für den Dialog
lyse, und AR die moderne Rekonstruktion mit schwierigen Kommentatoren sei im­
anhand der eigentlichen Zeichnung erfah­
ren. Andererseits können sie mit einer VR- kation mit mer von der Kommunikationssituation
abhängig, betont Bernd Harder. Eine Mög­
Brille durch die 3D-Modellierung des alt­ lichkeit sei zum Beispiel das »Fragenstel­
ägyptischen Gartens spazieren. Die App
(»Garten des Sennefer«) ist frei zugäng­ »Truthern« Von Glaubenskriegern und
len.« So könnte ein »Chemtrail-Anhän­
ger« nach Beweisen und Quellen gefragt
lich und ermöglicht auch außerhalb des werden. Dieses Vorgehen sei vor allem
Museums Einblicke. »Ok, du glaubst, dass der Streifen da am
Wahrheitssuchern im Hinblick auf unentschlossene Mitleser
Die Diskussion verdeutlicht, dass ne­ Himmel dich vergiftet, dazu wurden doch »The concept of global warming was by überzeugend. Oftmals zeige sich im Ver­
ben all diesen Chancen noch Vieles zu klä­ Millionen von Piloten angestiftet. Alle hal­ and for the Chinese in order to make U.S. lauf jedoch, dass der Kommentator echte
ren ist. Wer hält die Rechte an 3D-Scans, ten dicht, nirgendwo Empörung, nur der manufacturing non-competitive«, twitter­ Quellen nicht akzeptiert. Basiswissen und
welche Möglichkeiten ergeben sich aus wirre Mann auf YouTube sagt: ›Das ist eine te Donald Trump im November 2012. Eine Fakten werden geleugnet oder er ist zum
Kombinationen von 3D-Scans und 3D- Verschwörung‹«. Aussage, die im US-Wahlkampf 2016 stark Dialog nicht bereit.
Druck und wofür können VR-Simulationen Mit dem »Dunning Kruger Blues« des aufgegriffen und diskutiert wurde. Wie Humor wird als weitere Strategie vor­
noch genutzt werden? Am Ende der Sessi­ Autors und Komikers Tommy Krappweis, kann mit solchen Aussagen in den sozia­ gestellt. Absurde Thesen könnten mit wit­
on hat man das Gefühl: Hier passiert Zu­ so genannt nach einem psychologischen len Medien am besten umgegangen wer­ zigen Vergleichen oder Übertreibungen
kunft! Effekt über die kognitive Verzerrung zur den? Harder empfiehlt, nicht nur zu ver­ demaskiert werden, meinen die Referen­
Einschätzung eigener Kompetenzen, ist neinen. Gegenargumente unterfüttert mit ten. Doch birgt diese Strategie die Ge­
Wiebke Hahn
die Session zum »Umgang mit Glaubens­ Beispielen zählten mehr, denn eine bloße fahr, dass das Gegenüber sich nicht ernst
Pedro Santos leitet die Abteilung »Digitalisierung von
kriegern und Verschwörungstheoretikern Verneinung schwäche den eigenen Ein­ genommen oder herabgesetzt fühlt. Im
Kulturerbe« am Fraunhofer-Institut für Graphische Da­ in den sozialen Medien« eröffnet. Bernd wand und rufe die ursprüngliche Falsch­ schlimmsten Fall würden humoristisch
tenverarbeitung. Prof. Dr. Holger Simon ist Gründer Harder von der Gesellschaft zur wissen­ meldung oder das schlechte Argument dargestellte Inhalte für bare Münze ge­
und geschäftsführender Gesellschafter der Pausanio
GmbH & Co. KG, einer Agentur für digitale Kulturkom­
schaftlichen Untersuchung von Parawis­ wieder in Erinnerung. nommen und kursierten fortan als Wahr­
munikation. Dr. Christian E. Loeben leitet die Ägypti­ senschaften macht gleich zu Beginn klar: Wichtig sei auch, zu überprüfen, wann heit im Netz, bemerkt ein Teilnehmer. Das
schen und Islamischen Sammlungen des Museum August Einen Königsweg in der Kommunikati­ sich eine längere Diskussion lohne. Aus Gelingen der Strategie ist also stark vom
Kestner in Hannover. Moderiert wurde die Session von
Dr. Ralf Schneider, der am Zentrum für Angewand­
on mit »Truthern« in den sozialen Medi­ eigenen Erfahrungen weiß Natalie Grams, Post abhängig.
te Kulturwissenschaft des KIT für Digitale Überlieferung en gibt es nicht. Als Truther (von engl. dass die Kommunikation mit »Glaubens­ Bernd Harder kommt nun auf das The­
und Lehre zuständig ist. truth: die Wahrheit) bezeichnen sich diver­ kriegern« sehr frustrierend sein kann. Da­ ma »Freundlich bleiben« zu sprechen.
se Gruppen und Einzelpersonen, die dar­ her sollte man eigene Ziele und Ressour­ Claudia Preis, die lange die Facebook-
an glauben, durch Regierungen, Behör­ cen kennen. Claudia Preis und Julia Offe Gruppe von Wissenschaft & Skeptizismus
den oder Massenmedien systematisch raten dazu, sich vorab über das Profil des betreute, rät zwar, einen freundlichen,
und gezielt fehlinformiert oder belogen zu Kommentators zu informieren: Postet und aber durchaus bestimmten Ton anzu­
werden. In der Forumssession sollen ver­ teilt das Profil oft Verschwörungstheori­ schlagen, vor allem wenn das Gegenüber
schiedene Tipps und Ratschläge zum Um­ en? Welcher sprachliche Ausdruck wird unsachlich wird. Hier feuere sie dann ver­
gang mit ihnen diskutiert werden. 84 85 verwendet? Handelt es sich um ein Pseu­ bal auch einmal zurück. Doch auch, wenn
Die Autorinnen und Autoren

es unsachlich wird, sei eines besonders Kommentare nicht erwünscht sind und Christiane Claus hat Germanistik und Cornelia Lossau ist Diplom-Meteorolo­
wichtig: Präsenz zeigen und Widerspruch gelöscht werden. Philosophie studiert und arbeitet im Re­ gin und Journalistin. Sie arbeitet für die
einlegen. Natalie Grams bestätigt dies Mit diesen Regeln könne es gelingen, ferat »Presse- und Öffentlichkeitsarbeit« Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Ber­
und berichtet, dass ihr im Dialog auch die Kommentare überzeugend zu beantwor­ der Berlin-Brandenburgischen Akademie liner Büro der Deutschen Forschungsge­
Methode des Storytelling geholfen habe. ten und Falschaussagen entgegenzuwir­ der Wissenschaften. meinschaft (DFG) mit den Schwerpunkten
Mit ihrer eigenen Geschichte zum The­ ken. Harte Arbeit sei das manchmal. Aber Internet und Multimedia.
ma könne sie Vertrauen aufbauen und als schließlich sei es schon ein Erfolg, nur ei­ Eva Götting ist Archäologin und Illust­
ehemals überzeugte Homöopathin ihre nen einzigen Mitleser oder Kommentator ratorin. Bei Wissenschaft im Dialog unter­ Dorothee Menhart ist Leiterin Presse-
Beweggründe für ihre Abkehr von der Ho­ zum Umdenken anzuregen und etwaige stützt sie die Online-Redaktion. und Öffentlichkeitsarbeit und Pressespre­
möopathie schildern. »Dunning-Kruger-Effekte« in Social-Me­ cherin von WiD. Zuvor hat sie das Wis­
dia-Foren einzudämmen. Wiebke Hahn ist bei WiD Projektmana­ senschaftsressort der Badischen Zeitung
Fakten versus Meinungsfreiheit gerin des Webvideo-Wettbewerbs »Fast geleitet, als Politikredakteurin, in der Wer­
Ariane Trautvetter
Immer wieder zeige sich, dass in Kom­ Forward Science«. Zuvor studierte sie in bung und im Agenturjournalismus gear­
mentaren kaum eine Unterscheidung zwi­ Bernd Harder ist Journalist, Buchautor und Chefblog­
Magdeburg, Istanbul und Hamburg un­ beitet.
schen Meinungen und Fakten erfolge, hat ger der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersu­ ter anderem Kultur- und Medienmanage­
Bernd Harder beobachtet. Auch darauf chung von Parawissenschaften e.V. (GWUP). Dr. Natalie ment. Wiebke Rettberg hat Kulturwissenschaf­
Grams ist Ärztin, Autorin und Teil des Informationsnetz­
müsse man reagieren, das sei gerade für werks Homöopathie. Zudem ist sie Mitglied des Wissen­
ten in Lüneburg studiert. Sie ist Projekt­
die Mitleser wichtig, bestätigt auch Julia schaftsrats der GWUP. Dr. Claudia Preis ist Kulturwis­ Esther Kähler hat Physik an der Techni­ managerin der Citizen-Science-Plattform
Offe. senschaftlerin und Vorstandsmitglied bei der GWUP. Sie schen Universität Berlin studiert. Bei WiD »Bürger schaffen Wissen« und Leiterin
ist bei »Wissenschaft & Skeptizismus« aktiv. Dr. Julia
Klarer muss in der Kommunikation Offe ist Pressesprecherin der GWUP sowie Vorstands­
ist sie Online-Redakteurin für das Portal der Online-Redaktion bei Wissenschaft im
wohl werden, welches die Wahrheitskrite­ mitglied. wissenschaftskommunikation.de. Dialog.
rien der Wissenschaft sind und was wis­
senschaftliche Studien und die wissen­ Olivia Kühne studiert Geschichtswissen­ Franziska Schultheis hat Kultur- und Li­
schaftliche Arbeit auszeichnen. schaften an der Humboldt-Universität zu teraturwissenschaften in Potsdam, Dub­
Eine Teilnehmerin hält die
Als weitere Methode nennt Bernd Har­ Ratschläge und S­ trategien Berlin. Sie ist studentische Mitarbeiterin lin und Hyderabad studiert. Bei WiD ist sie
der die eigene Interessenehrlichkeit. Ant­ auf ihrem Tablet fest. in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Volontärin in der Presse- und Öffentlich­
worte man beispielsweise für bei Wissenschaft im Dialog. keitsarbeit.
eine Institution, müsse dies
dem Gegenüber kommuni­ Dr. Petra Krimphove arbeitet von Berlin Ariane Trautvetter hat in Passau, Flo­
ziert werden. Botschaften aus als freie Journalistin. Sie hat in Müns­ renz und Berlin Medien und Kommunikati­
sollten zudem klar und ter, Freiburg und Amherst/Massachusetts on und politische Kommunikation studiert.
deutlich formuliert wer­ Amerikanistik, Germanistik und Soziolo­ Sie ist Mitarbeiterin Presse- und Öffent­
den. Außerdem sei es gie studiert. lichkeitsarbeit bei der Union der deut­
wichtig, die Diskussi­ schen Akademien der Wissenschaften.
onen zu moderieren Artur Krutsch hat Visuelle Kommunika­
und für die eigene tion und Literarisches Schreiben in Dort­
Seite »rote Linien« mund, Leipzig und Berlin studiert. Nach
zu formulieren. einem Volontariat in der Online-Redakti­
Social-Media-Re­ on von WiD arbeitet er dort als Projektma­
dakteure sollten nager von »Bürger schaffen Wissen« und
deutlich machen, »Sciencestarter«.
dass unsachliche 87
9
Programmbeirat Forum Wissenschaftskommunikation 2016:
Nadine Bühring
Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft

Dr. Christine Burtscheidt


Leibniz-Gemeinschaft Partner des 9. Forum Wissenschaftskommunikation:
Achim Englert
Phänomenta

Hella Grenzebach
Wissenschaft im Dialog

Dr. Susanne Kiewitz


Max-Planck-Gesellschaft Unterstützer des 9. Forum Wissenschaftskommunikation:
Gisela Lerch
Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften
Christian Mrotzek
Deutsches Elektronen-Synchrotron DESY

Dr. Jutta Rateike


Deutsche Forschungsgemeinschaft

Agnes Schulze
Klaus Tschira Stiftung

Janine Tychsen
Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren

Markus Weißkopf
Wissenschaft im Dialog

Impressum

Projektteam bei Wissenschaft im Dialog: Herausgeber: Redaktion: Gestaltung:


Wissenschaft im Dialog gGmbH Dorothee Menhart Burghardt & Tank GbR,
Hella Grenzebach (Leitung) Charlottenstraße 80 Franziska Schultheis Braunschweig
Jona Adler 10117 Berlin Olivia Kühne
Fotos:
Susanne Freimann Telefon 030. 20 62 295 – 0 Gesine Born, Berlin
Fax 030. 20 62 295 – 15

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Woher kommt der muffige
Geruch alter Bücher?
Wer schon einmal in einem Antiquariat Fasern sind wichtig für die Festigkeit und
stand, der weiß, worum es geht. Auch wer die Haltbarkeit des Papiers … In der in­
bei Oma und Opa regelmäßig die Bücher­ dustriellen Papierherstellung besteht
kisten im Keller durchforstet, kennt ihn: das Papier nicht nur aus natürlichen Fa­
den speziellen Geruch alter Bücher. Wo­ serstoffen. Bis zu 30 Prozent sind künst­
her kommt er und was hat das Ganze mit liche Füllstoffe. Der Geruch von Büchern
einem Komposthaufen zu tun? hängt eng mit der Beschaffenheit und der
Bücher bestehen hauptsächlich aus Pa­ Leimung des Papiers zusammen … Wenn
pier. Papier ist (eigentlich) ein natürli­ Bücher muffig riechen, ist das ein Zeichen
ches Produkt. Es besteht aus pflanzli­ einsetzender Verrottung …
chen Fasern, den Cellulosefasern. Diese

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