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Schwerpunkt

2 Schwerpunkt: Heinrich von Kleist

Verbindliche Lektüre:
Heinrich von Kleist: Mutterliebe
Heinrich von Kleist: Anekdote aus dem letzten Preußischen Kriege
Heinrich von Kleist: Das Erdbeben von Chili
Heinrich von Kleist: Die Marquise von O…
Heinrich von Kleist: Brief an Ulrike von Kleist (Berlin, den 5. Februar 1801)
Heinrich von Kleist: Brief an Wilhelmine von Zenge (Paris, den 10. Oktober 1801)
Heinrich von Kleist: Über das Marionettentheater

Verbindliche Unterrichtsaspekte:
0 Der Einzelne und die Gemeinschaft
1 Rationalität und Irrationalität im Handlungszusammenhang
2 Strukturmerkmale epischer Texte (Anekdote, Novelle)
3 Kleists Leben als Gegenstand seiner Briefe
4 Kleists Kunst- und Geschichtsauffassung

Inhalt seiner Werke

Mutterliebe (1811)
Die Anekdote Mutterliebe von Heinrich von Kleist aus dem Jahre 1811, handelt von
einer Mutter, die aus Rache einen tollwütigen Hund tötet.
Ein tollwütiger Hund, der zuvor schon viele Menschen angefallen hat, greift zwei
Kinder an. Kurz darauf erscheint deren Mutter, die das Unglück sieht und den
Entschluss fasst, den Hund zu töten. Sie schafft es ihn zu erwürgen, auch wenn
dieser sie stark verletzt.  Kurz nach der Beerdigung ihrer, an der Tollwut gestorbenen,
Kinder, stirbt sie selbst ebenfalls an der Krankheit.
 Beleuchtet dunkle und zerstörerische Seite von Mutterliebe, dargestellt durch
eine Frau, die im Kampf gegen einen tollwütigen Hund schier
übermenschliche Kräfte entwickelt und diesen aus Provokation, Aggressivität
und Rache für den Tod ihrer Kinder schließlich umbringt.
 Themen: Französische Revolution, Themen wie Tod, Liebe und Brutalität ,
Allegorie auf Vaterlandsliebe
 Aktualität: Man kann den Text durchaus auf die heutige Zeit beziehen, denn es
gibt es auch heutzutage genügend Hundebesitzer, die eventuell nicht ernst
genug mit der Hundehaltung umgehen.
Kleist Hebel
Plot, Zeit, Ort à auktorialer Erzähler
Dramatisch, kurz, komprimiertà Ende wird vorweggenommen
Spannung Text ist dreimal so lang wie Kleists Textà
Ende: Tod der Familie ausführlich erzählend, beschreibend,
Berliner Abendblätter anschaulich, detailliert
»Frau steht allein vor einer Sieg der Familie über den Wolf
unüberwindbaren Aufgabe, Böse siegt Rheinländischer Hausfreund
über das Gute, Hoffnung auf ein (Kirchenzeitung)
harmonisches Ganzes erfüllt sich nicht »eine unüberwindbare Aufgabe wird
gemeinsam mit der Familie gelöst, das
Gute siegt über das Böse, christliche
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Ordnung der Welt (gerechtigkeit)

Anekdote aus dem letzten Preußischen Krieg (1810)


In der "Anekdote aus dem letzten Preußischen Kriege" schreibt Heinrich von Kleist
über ein Ereignis das sich kurz nach der Schlacht bei Hohenlohe zugetragen hat. Es
ist die Rede von einem Reiter der preußischen Armee, der in ein Wirtshaus gelangt
und nach etwas zu trinken verlangt. Der Wirt schenkt ihm 3 Schnäpse ein, woraufhin
der Reiter nach feuer verlangt, um sich eine Pfeife anzuzünden. Während er seine
Pfeife raucht, tauchen drei Feinde am Stadttor auf. Der Reiter stürzt
mit seinem Pferd allein auf die drei Feinde zu und schlägt sie vom Sattel.

 'Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege' wurde zur Zeit der Schlacht
Napoléons gegen Preußen bei Jena und Auersted 1805 geschrieben
(Niederlage Preußens → Napoleon herrscht über Preußen → Franzosenhass
→ deutsche Nationalbewegung entsteht)
 Kleists Patriotismus wird hier deutlich à Geschichtsauffassung
 Kleists Hass gegen Napoleon/ Franzosen
 Appell: Beförderung der Nationalsache, Enttäuschung über die mangelnde
Kampfbereitschaft, den mangelnden Patriotismus der preußischen Soldaten
im Kampf gegen Napoleon, wenn alle sich so wie der Soldat in der Anekdote
verhalten würden, hätte man Napoleon besiegen können
 außerdem könnte man meinen, dass Kleist zum Handeln aufrufen will, nämlich
gegen die Franzosen zu kämpfen (Kleist wurde von Franzosen als Spion
festgenommenà Hass, Kampfgeist aufleben lassen
hasst Napoleon, weil er sein Vaterland angegriffen und besetzt hat
àPatriotismus)
 Stilmittel: auktorialer Ich Erzähler à Authentizität (Augenzeuge, wörtliche
Rede), Spannungsaufbau durch Angst des Wirtes gegenüber der Ruhe des
Husaren, Lesefluss ergibt sich automatisch, Pointeà Kampf endet erfolgreich
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Das Erdbeben von Chili (1807)
Ein junger Spanier, Jeronimo Rugera, der in Santiago, der Hauptstadt Chilis, als
Lehrer im Hause eines Edelmanns angestellt ist, hat zu dessen Tochter Donna
Josephe eine tiefe Neigung gefasst und ist daher entlassen worden. Die Tochter, die
diese Neigung erwidert, wird vom Vater in ein Kloster gebracht. Die Liebenden
setzen jedoch in den Gärten des Klosters ihre Beziehungen insgeheim fort, und
Donna Josephe wird am Fronleichnamsfest von Mutterwehen überrascht. Wegen
dieser Schändung des Klosters werden beide gefangen gesetzt und Donna Josephe
zum Tode verurteilt. In der Stunde ihrer Hinrichtung will der verzweifelnde Jeronimo
sich gerade im Gefängnis erhängen, als ein furchtbares Erdbeben über die Stadt
hereinbricht und er sich aus dem zusammenbrechenden Gefängnis in die Freiheit
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retten kann. Durch Trümmer und brennende Straßen eilt er auf einen Hügel
außerhalb der Stadt, und nach langem Suchen findet er Josephe mit ihrem Knaben,
den sie aus dem brennenden Kloster unter Lebensgefahr hat bergen können. Am
nächsten Morgen tritt von Geretteten, die nicht weit von ihnen ihr Lager
aufgeschlagen haben, ein ihnen bekannter junger Mann, Don Fernando, mit der Bitte
an Donna Josephe heran, seinem kleinen Kinde, dessen Mutter schwer verletzt ist,
ihre Brust zu reichen. Sie gewährt die Bitte gern, und die Familien setzen sich
zusammen. Die Katastrophe hat die Gemüter versöhnt, alle Standesunterschiede
scheinen aufgehoben, man hilft sich gegenseitig. Der größte Teil der Gesellschaft
begibt sich dann zu einer Dankmesse, und Jeronimo und Josephe schließen sich an.
In seiner Predigt aber kommt der Geistliche plötzlich auf die Sittenverderbnis in der
Stadt zu sprechen sowie auf den Klosterskandal (à Hetzpredigt). Die rasch
fanatisierte Menge erkennt Jeronimo und Josephe, und es kommt vor der Kirche zu
wilden Kämpfen, bei denen Don Fernando Wunder an Tapferkeit verrichtet. Jeronimo
und Josephe verlieren ihr Leben (à Lynchmorde), doch wird ihr Knabe gerettet, und
Don Fernando, dessen Kind getötet worden ist, nimmt ihn als Pflegesohn an.

Glück und Unglück:


 Verhältnis zu Gott: Jeronimo wechselt zwischen Dank und Ablehnung im
Gebet à Gott erhört sein flehen zunächst, letztendlich ändert sich aber nichtsà
Tod als Religionskritik, Teodizee -Frage
 Unglück startet und endet im Kloster

Glück Unglück
Liebe zwischen Josephe und Entsendung Josephes in ein Kloster
Jeronimo
Wiederaufnahme und Erfüllung der Josephes Verurteilung zum Tode
Liebesbeziehung nach der Geburt des Kindes,
Jeronimos Verurteilung zu einer
Kerkerhaft, Gebet zur Mutter Gottes
Erbeben bewahrt beide vor dem Tod, Jeronimo erinnert sich an Josephe,
Dank an Gott bereut sein Dankesgebet, Gott
erscheint ihm fürchterlich
Jeronimo findet Josephe im Tal, ruft Josephes Bericht über die Zerstörung
Mutter Gottes an in der Stadt (ihr Vaterhaus)
Josephes Bericht über die Rettung Berichte über Vorgänge während des
ihres Kindes, Idylle Erdbebens
Gefühl alle Menschen seien eine Die Predigt des Chorherrn löst
Familie Massaker aus
Philipp wird von Don Fernando und
Donna Elvire als Pflegesohn
angenommen
»passt zu Kleists Weltbild

Personenkonstellation:
 Jeronimo Rugera: hat mütterliche Verwandte in Spanien, ist angeklagt wegen
einem Verbrechenà verliert seinen Lebensmut und führt eine Beziehung mit

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Donna Josephe Astero, Hauslehrer des Vaters (von Donna Josephe Asteron)
von Don Henrico Ateron kommt aus dem Bürgertum
 Donna Josephe Asteron: hat Freundin in La Conception, führt eine Beziehung
mit Jeronimo Rugera, hat einen Sohn Philipp, lebte im Adel
 Philipp: seine Pflegeeltern sind die verheirateten Eheleute Don Fernando
Ormez (à kämpft gegen Standartgesellschaft und ist für eine fortschrittliche
Moral) und Donna Elvire Ormez mit dem eigenen Sohn Juan
 Meister Pedrillo: tötet Donna Josephe Asteron und Juan, ist Anführer des
Mobs (animalistischer Leute), Verfechter der etablierten Ortnungà führt zur
Lynch-Justiz
 Don Alonzo Onoregia: tröstet Donna Josephe Asterons Vater nach dem Mord
sowie er auch den Leichnahm Juans in seine Wohnung bringt
»Frage nach Sinn seiner Existenz (Erdbeben), Kriese als Assoziation zum
Erdbeben, zu seinem Ich, gibt es Gott trotz allem Leid und Unglück

Die Marquise von O…(1808)


Die Marquise von O..., eine verwitwete Dame, gibt durch ein Zeitungsinserat
bekannt, dass sie ohne ihr Wissen in andere Umstände gekommen und aus
Familienrücksichten entschlossen sei, den Vater des Kindes zu heiraten. Obwohl sich
die Marquise keines Fehlers bewußt ist, wird sie von ihren Eltern verstoßen. Sie zieht
sich mit ihren Kindern auf ihren Landsitz zurück. Da sie Angst davor hat, dass ihr
ungeborenes Kind in der bürgerlichen Gesellschaft nicht akzeptiert werden würde,
wendet sie sich mit ihrer Anzeige an die Öffentlichkeit.
Als sich in der nächsten Ausgabe der Zeitung eine Antwort, die den Besuch des
gesuchten Unbekannten ankündigt, befindet, erkennen die Eltern, dass sie ihrer
Tochter Unrecht getan haben, und holen sie zurück. Die Marquise und ihre Eltern
sind sich einig darüber, dass sie um des Kindes willen den zu erwartenden Mann
heiraten solle, sofern es die soziale Stellung des Mannes erlaube. Als zum
angegebenen Zeitpunkt der Graf F..., ein russischer Offizier, ins Zimmer tritt, grenzt
die Überraschung der Marquise und ihrer Eltern an Bestürzung und totale
Verwirrung. Der Graf von F... hatte die Marquise einige Monate zuvor bei einem
kriegerischen Übergriff aus den Händen „viehischer Mordknechte“ gerettet, und ihr
dann später Heiratsanträge gemacht.
Die Marquise ist außer sich, als sie sieht, wer sie geschwängert hat, sie nennt denn
Grafen einen Teufel, und sie versichert mehrmals, dass sie ihn nicht heiraten könne.
Ihr Vater ist jedoch der Ansicht, dass sie ihr Wort halten müsse, und deshalb trifft er
die nötigen Vorbereitungen für die Hochzeit. In einem Heiratsvertrag muß der Graf
auf alle Rechte eines Gemahls verzichten. Nach der Trauung zieht sich der Graf
sogleich zurück.
Erst zur Taufe des Kindes wird er zum ersten mal wieder eingeladen. Da der Graf die
Marquise und sein Kind großzügig beschenkt, kommt es zu häufigeren Einladungen,
und schließlich zu einem neuen Heiratsantrag des Grafen, der von der Marquise
auch angenommen wird. Auf die Frage, warum die Marquise den Grafen damals
gleich einem Teufel verabscheut habe, antwortete die Marquise, auf ihre Rettung
durch den Grafen anspielend, „(...) er würde ihr damals nicht wie ein Teufel
erschienen sein, wenn er ihr nicht, bei seiner ersten Erscheinung, wie ein Engel
vorgekommen wäre.“

Vater Mutter
Glaubt seiner Tochter nicht Sie möchte die Tochter nicht ganz

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Sorgt sich um den Ruf seiner Familie aufgeben, hat Gefühle für die Tochter
Sorgt sich um seinen Status Beeinflusst durch den Mann, ordnet sich
(Kommandant) ihm unter, lässt die Tochter gehen
Konsequent à keine Kommunikation
Familienoberhauptà hat das Sagen,
Bestimmer
»Ständegesellschaft gibt die Normen vor, die Familie fühlt sich gesellschaftlichen
Konventionen verpflichtet à es darf keinen Tabubruch geben, Versuch die Familie zu
schützen durch Distanz zur Tochter à Einschränkung der individuellen Freiheit:
 Graf von F.: edler, guter Mann à befreit die Marquise, Gentlemen, Held (hat
viele Orden bekommen), Lob von dem Kommandanten für sein vorbildliches
Verhalten, ist für die Marquise ein Engel, erkundigt sich nach ihrem Wohl, ist
ein Mann von seinen Trieben geleitet (kein Schuldbekenntnis, verwirrte Rede),
findet nicht den Mut, den Fall aufzudecken
»kultivierter Mann ß abivalenter Charakter à Brutalität
 Der gewaltigste Gedankenstrich der dt. Literatur
Die Marquise ist bewusstlos –
o Steht syntaktisch unbegründet, zeigt aber an, dass hier etwas
unaussprechliches passiert, Leerstelleà Leser muss selbst
entschlüsseln, was passiert, steht an der wichtigsten Stelle der Novelle
o Die schamhafte Verschweigung verwirrt den Leserà Vergewaltigung der
bewusstlosen Marquise durch den Graphen von F
 Personen und Ortsnamen abgekürzt, steigert die Glaubwürdigkeit gibt ein
wenig Orientationsvermögen
 Provokation des Lesers zum Weiterlesen durch die Fragen, wie die Marquise
schwanger werden kann und wer der Täter ist.--> „dass“ Sätze in Exposition
»analytisches Verhaltenà Fall wird im Nachhinein aufgeklärt
Identitätskriese der Marquise:

Der Heiratsantrag des Graphen:


o Syntax: viele „dass“ Sätze à Beschreibung der Situation, Zeitnot,
Fakten, Leser kann gut nachvollziehen, leiten zum Heiratsantrag
Hypotaktischer Satzbauà vieler Ereignisse müssen verarbeitet werden
o Interpunktion: zeigt indirekte Rede an, direkte Rede wird nicht durch
Anführungszeichen gekennzeichnet à Grenzen verschwimmen
Indirekte Redesätze schließen mit Fragezeichen ab à irritierend,
fehlerhafte Zeichensetzung wegen rhythmischer und inhaltlicher
Gründe
Antrag nebenbei in einem Nebensatz erwähnt à „ob sie ihn heiraten
wolle“ günstigste Gelegenheit, nachdem die Marquise von ihrer
bessernden Gesundheit erzählt

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Gedankenstrich (264) Abschluss der Rede des Graphen à deutet den


Schock der Sprachlosigkeit der Familie an, die unerhörte Bitte zu
verarbeiten
o Wortwahl: metaphorische Sprache, Superlative à Zeitnot, verlangen
nach der Marquise à sie muss ja sagen
Wortspielà „durch die Umstände gezwungen“ Figuren machen
unwissentlich Anspielungen auf die Schwangerschaft, Andeutungen
über Gesundheitszustand
Nominalstilà amtssprachlicher Charakter, Seriosität, Komprimiertheit
Körpersprache à verrät das Innere der Figuren, Körper reagiert
wahrhaftig
o Erzähltechnik: Er/Sie Erzähler, auktoriales Erzählverhalten
(Hintergründe/Zusammenhänge), neutraler Erzähler, um distanzierte
Darstellung bemüht, Außensicht (Leser muss sich selbst ein Urteil
bilden), Erzählbericht, Präteritumà indirekte Rede, selten direkte Rede
an Schlüsselstellen, Anführungszeichen fehlenà distanziert, sachlich,
der Leser muss sich selbst seine Meinung bilden, man ist am
Geschehen beteiligt, muss dennoch Zusammenhänge durchdenken
o Zeitgestaltung: zeitdeckend, wie Textbuchà realistisch
o
Weibliche Emanzipation der Marquise:
pro contra
ominöse Schwangerschaft nach dem Tod des Mannes mit
Zeitungsinserat den Kindern zurück zu den Eltern
der russische Graf und
Problem öffentlich bekannt machen dort wohnen
Verstoß durch Familie wieder der Macht des Vaters
Verlust von Schutz und Unterstützung unterstellt
familiär und sozial immer mehr im Abseits kann dadurch nicht mehr selber
Vater kündigt ihr das Vater-Tochter-Verhältnis über eigenes Vermögen
räumliche Distanzierung der Marquise/ bestimmen
Rückkehr zum Landsitz wird in die Rolle der gehorsamen
Gewinn an Selbstbehauptung und Individualität Tochter gezwungen
durch Mitnahme ihrer ist gezwungen die Rolle als
Kinder gegen den Willen ihrer Eltern liebende Ehefrau aufzugeben
dies ist ein hinwegsetzen über den Befehl des
Vaters
das starke Gefühl der Mütterlichkeit führt zur
Verteidigung ihrer einzigen
Aufgabe: der als Mutter

Brief an Ulrike von Kleist (5. Februar 1801)


Gesamtschau der Person Kleists:
 multiple innere Zerrissenheit
 hat Schwierigkeiten sich zu öffnenà Sprachkriese (Sprache kann das Innere
eines Menschen nicht ausdrücken)
 hat Schwierigkeiten sich für einen Lebensweg zu entscheiden

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 muss in der Öffentlichkeit eine Rolle spielen, Außenseiteràer ist


isoliertàMinderwertigkeitsgefühle, Selbstzweifel (technische Deputation)
»tiefe Unzufriedenheit mit sich selbst und mit seiner Umwelt à Identitätskriese und
Wirklichkeitskriese
Seine innere Zerrissenheit wird sprachlich deutlich durch: wiederholte Fragenà
Unsicherheit, durch ein hartes Achà zum einen um Mitleid zu bekommen und zum
anderen eine Klage um Zeit für Gedanken zu finden, Gedankenstriche -(-)à
Pausen machen, Ordnung der Gedanken, emphatische Unausgesprochenheit

Facetten seiner Persönlichkeit:


 K=Kontakt zu Menschen à er kann sich anderen Menschen nicht richtig
Mitteilen (versucht es bei Ulrike), was zu Missverständnissen führt, hat kein
Vertrauen in andere Menschen, aus Angst falsch verstanden zu werden,
fühlt sich untergeordnet und hat Angst zu wiedersprechen, fühlt sich unter
Menschen nicht wohl, er muss in der Öffentlichkeit eine Rolle spielen, er
hat eine Sprachbehinderung (Stottern)
 L=Lebensplanà Kleist kann sich nicht für einen Lebensplan entscheiden,
da er von der Wichtigkeit jeder Wissenschaft überzeugt ist und er alle
Wissenschaften gleich gut beherrschen möchte außerdem will er sein
Studium schnell beenden, um sich dann anderen Dingen widmen zu
können, sein Leben besteht aus Selbstzweifel
 E=Erkenntniskrieseà Kant-Kriese, die dafür sorgte, dass all seine
bisherigen Erkenntnisse zerstört wurden, Zweifel am Wahrheitsbegriff, an
der Erkenntnisfähigkeit des Menschen sowie seines persönlichen
Lebensplans entstand, Folge: Abwendung von den Wissenschaften,
insbesondere deren Spezialisierung
 I=Identitätà entschuldigt sich oft, dass er seine Gefühle nicht ausdrücken
kann, ist unsicher, da er nicht weiß was richtig oder falsch ist und er nichts
Falsches riskieren will, er ist ein Einzelgänger (vertraut nur sich selbst, aus
Angst falsch verstanden zu werden), will sich keinesfalls öffnen
(Ausgelassenheit lässt die Fassade bröckeln, will seine wahre Identität
nicht zeigen), durch Einschränkung auch eingeschränkt im Handeln, er hat
keinen Halt mehr (Säule = Wissenschaften fällt weg), Zwiespalt zwischen
Ansehen und Ausleben seiner Neigung »verschlossen, unsicher, haltlos,
zerbrechlich, nachdenklich
 S=Spracheà Sprache taugt nicht dazu, sich verständlich auszudrücken , da
sie nicht ausdrücken kann, was man sagen will oder fühlt (kann das Innere
eines Menschen nicht zum Ausdruck bringen), der Empfänger kann auf
keine Weise das verstehen was Sender ausdrückt (das kann nur das
eigene „Ich“, da man weiß, was in einem vorgeht, es aber den anderen
nicht richtig mitteilen kann)
 T=Technische Deputationà fühlt sich ungerecht behandelt, traut aber nicht
zu wiedersprechen (wehrlos gegenüber höheren Befehlen, Verstärkung
des Minderwertigkeitsgefühls), er zieht sich zurück, leistet nur im Stillen
Widerstand, wird in einen inneren Konflikt geleitet, da er sich grundsätzlich
persönlich angegriffen und in der Opferrolle sieht (labile Persönlichkeit)

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Brief an Wilhelmine von Zenge (10. Oktober 1801)


Wird er letztendlich sein Glück finden?:
 Problem aus finanziellen Gründen ein Amt annehmen zu müssen, will keine
Bücher schreiben zum Verkauf, da es seine privaten Schätze sind
 Ekel vor Wissenschaftenà Primat des Handelns vor dem Wissen
 Problem mit seiner Stellung in der Gesellschaft, zwei Erwartungshaltungen
treffen aufeinander
 Unglückliche Position in der Welt
 Suche nach dem Glück, überreden Willhelmines, ihm auch aufs Land zu
folgen= Häuschen in der Schweiz, eigenes Feld, Kinder, zurückgezogen
lebenà kompletter Gegenentwurf zu seinem bisherigen Leben, aber voller
Vorfreude und Glücksgefühle (Bauernexistenz Abkehr von der
Gelehrtenexistenz)
Gedanken von Kleist
 Vorstellungen vom Glückàdas Glück des einen darf nicht zum Leid des
anderen sein, kann nur glücklich sein, wenn er (anderen) gutes tut, was ist
gut?, andere beglücken ist das reinste Glück, Natur ist dem Menschen ein
gewisses Maß von Glück schuldig, er hält sich in seinem Sinne für ein
„verunglücktes“ Genie, Herabwürdigung des „einfältigen Glücks“ (bloße
Träumerei), jeder muss sein eigenes Glück finden, es gibt keinen allgemeinen
Konsens (Kleist wäre glücklich, wenn auch Wilhelmine von Zenge glücklich
ist), sein persönliches Glück ist ein „grünes Häuschen“ und die Fähigkeit, sich
über alle Urteile hinwegsetzten zu können
 Haltungen zur Wissenschaftà Vergleich wissender und handelnder Mensch:
Wo bleibt der Zweck, er hat sich von den Wissenschaften abgewandt, sie
aufgegeben, Wissenschaft hat nur einen Wert, wenn sie praktisch anwendbar
ist und zum Handeln vorbereitet (Korrektur seiner früheren Auffassung)
 Erwartungen der Gesellschaftàfühlt sich gefangen in gesellschaftlichen
Zwängen, will sich zurück ziehen, Erwartungen der Gesellschaft entsprechen
nicht den seinigen, er kann Erwartungen nicht erfüllen, Handlungen sind nicht
entscheidend, Erwartung: er ist ein Theoretiker
 Laufbahn als Zivilbeamter (Haltung zu einem Amt)à er braucht ein Amt um
Geld zu verdienen, durch Ablehnung mehrerer Ämter ist keine Laufbahn als
Zivilbeamter ohne Erniedrigung mehr möglich, würde es aber in Kauf nehmen,
wenn es ihm was brächte
 Ein Leben als Dicherà denkt, dass die Menschheit die Dichtkunst nicht
versteht und nicht würdigen kann, er will kein Geld mit der Dichtung verdienen
 Auswege/Wege ins Glückà er weiß nicht wo er das Glück suchen kann,
andere zu beglücken, ist der Weg zu seinem Glück, jeder hat seine eigene Art
glücklich zu sein, man kann nur beglücken, wenn man selbst glücklich ist
 Verhältnis zu Wilhelmine: Verlobte, Kleist selten in ihrer Nähe, intensiver
Briefkontakt; Auflösung des Verlöbnisses 1802; Wilhelmine lehnt Schweiz-
Pläne ab und heiratet 1803 einen anderen Mann

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Über das Marionettentheater (…)


Der Erzähler gibt sein Zwiegespräch mit einem wegen seiner Anmut bewunderten
Tänzer wieder, den er mehrere Male beim Besuch eines Marionettentheaters
gesehen hat. Der Angesprochene schildert ihm, wie sehr er die „natürliche Grazie“
der Bewegungen der Puppen bewundert und welche Lehre er für sich daraus zieht:
dass es eine natürliche Anmut gebe, die sich in völliger Abwesenheit von
Bewusstsein manifestiere. Der Erzähler gibt seinerseits ein Beispiel – ein ihm
bekannter Knabe habe in einem Augenblick dem Dornauszieher, geglichen, aber
unter der Kontrolle seines Verstandes die Bewegung in ihrer Schönheit nicht mehr
nachahmen können. Der Tänzer schildert daraufhin ein weiteres Beispiel eines
Bären, der Fechtstöße (unbewusst) pariert und auf (bewusste) Finten nicht eingeht.
Im Gespräch wird ausgehend von diesen drei Beispielen die These aufgestellt, dass
entweder völlige Abwesenheit von Bewusstsein (wie der „Gliedermann“ des
Marionettentheaters) oder aber, das Gegenteil, ein vollständiges Bewusstsein über
(wie ein Gott) das gewünschte „natürliche“ Verhalten erzeugt. Vollendete Anmut und
Natürlichkeit besitzt demnach jemand, der sich entweder völlig unbefangen und
unbewusst wie ein Kind verhält oder aber sein Verhalten durch totale rationale
Kontrolle steuert.
„[…] so findet sich auch, wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches
gegangen ist, die Grazie wieder ein; so, dass sie, zu gleicher Zeit, in demjenigen
menschlichen Körperbau am reinsten erscheint, der entweder gar keins, oder ein
unendliches Bewusstsein hat, d. h. in dem Gliedermann, oder in dem Gott.“
Der Erzähler zieht daraus die Schlussfolgerung: „Mithin […] müssten wir wieder vom
Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen?“
Aufbau:
 Einleitung (1-20)à Erzähler fragt Herrn C., warum Marionetten ihm viel
Vergnügen bereiten, da er ihn beim Theater gesehen hat, Treffpunkt:
öffentlicher Garten
 Hauptteilà a) Mechanismus der Marionette (21-60): Die Linie, die der
Schwerpunkt beschreibt ist nichts anderes als der Weg des Tänzers, b)
Marionette besser als Mensch (61-169): ziert sich nicht, schwerelos,
Anmut/Grazie, c) Jüngling/Dornauszieher (durch sein bewusstes Handeln,
verliert er seine Unschuld 170-204), fechtender Bär (Bär denkt nicht nach,
handelt aus Instinkt 204-234)
 Schluss (235-Ende) à Erkenntnis, dass der Erzähler Herrn C verstanden hat
 keine theoretische Abhandlung, sondern Dialog zwischen einem Ich-Erzähler
als Besucher eines Marionettentheaters und einem weiteren Besucher;
 Zusammenhang mit seinem Leben à Kampf sich selbst zu verstehen, Werk ist
der Versuch, sich selbst zu erklären bei dem Text, bei sich selbst
angekommen (3. Stufe)
 Ziel: Streben nach Vollkommenheit
Problem: Verlust der Vollkommenheit nach Vertreibung aus dem Paradies

→ Erlangung von Bewusstsein

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Menschliche Existenz: nicht im Einklang mit eigenem Schwerpunkt →


eigenem Dasein
Wiedererlangung der Vollkommenheit auf 2 Wegen:
1. Wiedererlangung der Unschuld
→ Rückkehr ins Paradies nach Verlust der eigenen
Erkenntnisfähigkeit
2. Werden wie Gott → vollkommenes Bewusstsein haben!

UTOPIE:
Der Mensch ist nicht im Einklang mit sich selbst, sondern fühlt sich eher zerrissen, er
ist der höheren Macht, die die Welt lenkt, ausgeliefert. Er erkennt nicht die
Gesetzmäßigkeiten in der Wirklichkeit. Die Utopie menschlicher Humanität ( als Bild
der Familie) erscheint in der Novelle nur als Episode.
Trotz des tragischen Endes der Utopieträger (z.B. Jeronimo und Josephe) lebt die
Utopie im
Kind weiter, das überlebt und sich als Adoptivkind in guten Händen befindet.
Dass die Utopie an der Wirklichkeit (Restauration der hierarchischen Verhältnisse)
scheitert,
wird deutlich durch:
a) den Handlungsverlauf (tragisches Ende der Hauptfiguren)
b) sprachliche Relativierungen ("als ob"- Sätze, "es schien")
c) durch die Schwäche der Menschlichkeit in Zeiten des Bösen

Der erste und der letzte Satz in Heinrich von Kleists Werken
Erster Satz
Das Erdbeben von 1.Teil: viele Informationenà Ort, Zeit, Umstände, Paradox
Chili 2.Tei: weckt Interesse (wenig Dramatik), viele Fragen
Auktorialer Erzählerà kann in die Zukunft blicken, wirft Fragen
auf, Zeitraffung, Rückblende
Marquise von O… Hypotaktischer Satznau, viele Informationen, auktorialer
Erzähler, keine Wertung des Geschehen, neutrale/distanzierte
Außenansichtà dass Sätze
Exposition: Ort, Person, Zeitungsannonceà spektakuläre
Aktion

Entwicklungsstadien der Menschheit


1. Stufe 2. Stufe 3. Stufe
Marionettentheater Marionette ist ohne Jüngling, Gehtender Bär,
Erkenntnis, Adam Sündenfall, volle Erkenntnis,
und Eva (Paradies Erkenntnis erlangt volles
ohne Sünde) Bewusstsein über Bewusstsein, freies
unbewusstes, das, was man tut à Leben
freies Leben Reflexion führt zur
Verzweiflung
Die Marquise Marquise lebt in Konfrontation mit Nicht ganz erreicht,
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ihrer Familie, der da sie wieder


unbewusste Schwangerschaft heiratet (aus
Empfängnis (Hebamme, Arzt, praktischen
Eltern), Ohnmacht Gründen), sondern
(Körpersprache), 2.
sie erreicht nur
Heirat kurz die Stufe des
Bewusstseins à
Selbstfindung,
Entscheidung die
Kinder
mitzunehmen
Das Erbeben in - Vor dem Erdbeben, Während des
Chili Ständeordnung, Erdbebens auf
Gewalt dem Landm
Rückfall: nach harmonisches
Rückkehr in die Miteinander aller
Stadt Stände (Idylle)
Allgemein Paradies ohne Reflexion volles
Zweifel Bewusstsein; freies
Leben

Heinrich von Kleist - das Leben

 Kindheit und Ausbildung (1777-1788)à *18.10.1777 in Frankfurt (Oder), ab


1781 Unterricht beim Hauslehrer (hugenottische Erziehung), 1788 Besuch
einer Privatschule und eines Gymnasiums
 Militär (1792-1799)à 1792 Aufnahme in die preußische Armee, 1793 mehrere
Beförderungen im Militärwesen, 1799 Abschied vom Militär und
Immatrikulation an der Philosophischen Fakultät(schwule Züge?! da viele
Männerfreundschaften)
 Lebenswandel (1800-1802)à Verlobung mit seiner Schülerin Wilhelmine von
Zenge, 1801 „Kant-Kriese“: stellt seine Lebensziele in Frage, da
philosophische Ansichten verstört und sucht nach einer neuen Orientierung in
Kunst, 1802 Fertigstellung 1. Drama „Familie v. Schroffenstein“, 1802 Lösung
der Verlobung mit Wilhelmine von Zenge
 Lebenskriese (1803-1807)à 1803 Reise mit Freund in die Schweiz,
Fertigstellung eines Werkes, jedoch Verzweiflung darüber, seine Vorstellung
nicht realisieren zu können, also Vernichtung des Werkes, Selbstmörderische
Absichten, 1804 gesundheitliche Kriese sowie Suche nach „sinnvollen“
Aktivitäten, 1805 Arbeit im Finanzministerium, 1806 Fertigstellung weiterer
Werke, 1806 Hoffnung auf Existenz als freier Schriftsteller, 1807 Verhaftung
wegen Verdacht auf Spionage

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Deutsch eN: 2. Schwerpunkt

 Versuch eines Neuanfangs (1807-1809)à 13.Juli 1807 Freilassung aus Haft,


1808 Fertigstellung eines weiteren Werkes sie Herausgabe Journal Phöbus,
1809 Einstellung des Phöbus
 Henriette Vogel (1810-1811)à 1810 Zuspitzung der finanziellen Lage
Herausgabe „Berliner Abendblätter“, Bekanntschaft mit Henriette Vogel
(Unterleibskrebs), sie verbindet eine Seelenfreundschaft, 20.11.1811 Vogel
und Kleist fahren an den Wannensee,
 21.11.1811 Tod von Vogel und Kleist (Selbstmord)

Kleists-Lebenssituationen Werke
-viele unterschiedliche Situationen -kurzer Zeitraum der Entstehung der
-unruhiges Leben (Zick Zack verlauf)à Werkeà besonders in letzter
Berlin häufig „Anlaufstation“ Lebensphase viele Werke
-nach seiner Gefangenschaft war er -während einer Zeitphase (1809) viele
nicht mehr in Frankreich pol. Werke geschrieben
-langer Zeitraum zwischen Entstehung
und Veröffentlichung der Werke
-Kant-Kriese 1801 als Auslöser fürs
Schreiben

Kleists Sprache
Konzentration auf das Wesentlichste (vgl. kurze Erzählzeit – lange erzählte Zeit)
Metaphern aus religiösem, schauspielerischen Bereich
Parenthesen/Hypotaxen: kunstvolle Gerüste aus Haupt- und Nebensätzen →
Genauigkeit, Differenziertheit, Schnelligkeit/ hohes Erzähltempo, allerdings auch
Zerbrechlichkeit
Unzuverlässiger Erzähler: „als ob“, „es traf sich“, Konjunktive, indirekte Rede,
scheinbare Sachlichkeit +Neutralität
Paradoxienà Rolle des Zufalls meist zentral
Kontrastierungen, Zuspitzungen zu Extremen
Naturalistische Darstellungsweise der Personen in ihrer Milieusprache
Kleists Personen müssen immer reagieren → Fremdbestimmung

Kleists Weltbild
Beeinflusst beinahe alle Werke Kleists, am wichtigsten: Das Marionettentheater als
Versuch der theoretischen Formulierung
Vor 1801: Privatreligion: nur das erlernte Wissen lebt nach dem Tode weiter, Mensch
als eigener Herr → Lebensplan um selber seine Zukunft zu bestimmen, Streben
nach Vollkommenheit durch Wissen, Wahrheitsfindung, …
Nach 1801 Kant-Krise, Identitätskrise (Zukunftsplanung), Sprachskepsis:
 Fehlende Erkenntnisfähigkeit der Menschen
 Menschen als blinde Herdentiere, die anderen oder Regeln
nachfolgen
 Rückkehr zu inneren Werten der idealisierte Weg

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Deutsch eN: 2. Schwerpunkt

 Kritik an starren Gesellschaftsformen, Institutionen (Kritik an Kirche,


nicht an Gott)
→ Schaffen Ungerechtigkeit, sind gegen Humanität, können
keine Richtigkeit beanspruchen, verantwortlich für
Doppelmoral der Bürger, verhindern eigenständiges Denken
der Bürger
 Kleists Identitätssuche scheitertàein Leben lang ein Suchender, Gescheiterter,
Isolierter, innerlich Zerrissener
 persönliches Scheitern mit einer rationalen Lebensplanung; Dominanz
 der Mensch kann keine allgemeingültige Wahrheit erkennen, ganz im
Gegensatz zu den Gedanken der Aufklärung. (Dasselbe impliziert ja auch
Dürrenmatt)

Der Einzelne und die Gemeinschaft

Kleist hat distanziertes Verhältnis zur Gemeinschaft, Schwester einzige Mensch ist,
der ihn wirklich kennt und liebt und dass er nicht sonderlich viele Freunde und
Vertraute hat.
Kleist kritisiert Egoismus der gelehrten, die Oberflächlichkeit und die Tatsache, dass
die Menschen sich immer verstellen und nicht sie selbst sind. à Brief an seine
Schwester Ulrike von Kleist
Kleist sieht sich nicht in der Lage, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Er kritisiert
die gebildete Elite, die permanent lernt, aber nicht handelt. à Brief an Wilhelmine von
Zenge
Mechanik, die ebenmäßig, beweglich und anmutig ist, als sinnvoller und besser als
den echten Tanz und die Realität ansieht. In seinen Ausführungen zum
Marionettentheater deutet Kleist auch sein Bild von der menschlichen Entwicklung
an. à Marionettentheater
Kritik an Kriegsführung Aufbau einer Utopie, Mensch als Held, wagemutig und
emotional handelt. à Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege
Vorstellung der Gesellschaft, Gesellschaftskritik, der Einzelne als Ausgestoßener und
Opfer der Gesellschaft, Einzelne als Teil der Gesellschaftà Hauptthemen in das
Erdbeben in Chili
 Viele Figuren suchen nach Identität und Glück, scheitern aber
 Wahrheit oft nicht deutlich erkennbar
 Gemeinschaft: Regeln, Sitten-, Moralvorstellungen (viel Ständepositionen) →
allerdings von Menschen aufgestellt → Regeln sind fehlerhaft → Folge:
Inhumanität, Grausamkeit (auch Idyllen sind instabil „als ob“)
 Der Einzelne: eigtl. als Einzelner gut, christlich, menschlich verhält sich in
Gemeinschaft wie Herdentier, fehlendes kritisches Denken/Individualität
 Theodizeefrage häufig diskutiert: Gibt es Gott, wenn es Zerstörung und
Unglück gibt?
 mögliche Konstellationen (unabhängig von Kleist): der Einzelne als Teil oder
als Repräsentant der Gemeinschaft / einer sozialen Gruppe, der Held, der

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Deutsch eN: 2. Schwerpunkt

Bösewicht, der Hoffnungsträger, der Außenseiter, das Opfer der Gesellschaft,


etc..
 Kleists Ideal
- der Mensch soll sein: tugendhaft, tolerant, wahrhaftig, offenherzig,
gerecht
- aber: er ist es nicht, sondern machtorientiert, dünkelhaft, engstirnig,
grausam

Rationalität und Irrationalität im Handlungszusammenhang

Am Anfang seines Lebens war Kleist ein Mann der Wissenschaft, wollte einen
Lebensplan entwerfen und so ein mündiger Mensch seinàLeben von Rationalität
bestimmt.
In Kant-Krise wurde Kleists Glauben an die Rationalität erschüttert. Er erkannte, dass
Wissen nicht das Höchste sei und merkte auch an, dass wissende Menschen ihm
eklig erscheinen würden, wendete sich komplett gegen seiner Ansicht über die
Notwendigkeit der Rationalität.
Viele paradoxe Situationenàman soll nicht nachdenken bevor man handelt sondern
einfach aus der Situation heraus agieren soll, Kleists Werke handeln fast komplett
vom Zufall und stellt das rationale und irrationale Handeln der Personen immer
wieder in Frage bzw. diese Formen des Handelns beziehen sich auf den Zufall.
Rationalität = nach Vernunft und Verstand handeln, es gibt: wahr/falsch, Ursache und
Wirkung
Irrationalität = auf der Basis von Gefühlen und Intuitionen handeln
o Irrational bedeutet immer von Emotionen und Gefühlen gelenkt
(Epoche Romantik), Rational vom Verstand gelenkt (Epoche
Aufklärung)
 MarionettentheateràMarionette und Menschen im Gegensatz
Mensch handelt irrational : Er ist durch Gefühle und sein Bewusstsein
eingeschränkt. Marionette handelt rational: Sie hat keine Gedanken um eine
Handlung genau so zu wiederholen bzw. zu bewerten. Überlegenheit des
Unbewussten gegenüber der Reflexion Das Marionettentheater- Nur die, die
ein unendliches oder gar kein Bewusstsein haben, besitzen Grazie. Im
Marionettentheater lobt Kleist die Puppen, weil diese keine Vernunft besitzen
und deshalb so graziös sind. Der Ausgang aus dem Paradis hat uns
Menschen erst zu rational gesteuerten Personen gemacht, was Kleist negativ
beurteilt.
 Erdbeben von Chiliàinstinktsicheres Handeln in Extremsituationen,
Durchkreuzen menschlicher Planung durch höhere Gewalten: Die Gerichteten
werden gerettet, die Richter kommen um; das legitime Kind wird getötet, das
illegitime überlebt Irrational:Verhältnis zwischen Jeronimo und Josephe,
Rückkehr nach St. Jago(->Kirche)
Rational:Überlegung aus St. Jago zu fliehen, Flucht aus der Kirche,Donna
Elisabeth als "Stimme der Vernunft"(->sie warnt Don Fernando)

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 Marquise von O…à Verstoßung aus der Familie, Gespaltenheit der


Empfindungen: innerhalb ein und derselben Figur, „zugleich“ als Signalwort
Irrational: Vergewaltigung, Versöhnung mit der Familie nachWiderstand gegen
Vater,2. Hochzeit
Rational:Heiratsanträge des Grafens, Zeitungsannoce, 1. Hochzeit
 Mutterliebeà Kampf mit dem tollwütigen Hund aus Rache Irrational:Mutter will
ihre Kinder räche und verzichtet auf Flucht und eigene Rettung
 Der letzte preußische Kriegà Paradoxe Konstellationen: preußischer Reiter vs.
Gastwirt Irrational: Soldat tritt gegen Übermacht an
 1. seine Briefe (=sein Leben):
a)Brief an Ulrike von Kleist: Gedanken und Emotionen überwiegen
b)Brief an Wilhelmine von Zenge: philosophische Züge
c)Abschiedbriefe: Vorstellung vom Tod wirken nicht rational
=> Kleist wirkt in seinen Briefen und Schiledrungen überwiegend irrational
Endresultat:
-Kleists Handeln und die Handlungen der Protagonisten sind überwigend
irrational
-trotzdem sind aufklärerische/rationale Züge zu erkennen
 man bemerkt bei Kleists späteren Werken (nach 1801) immer, dass die
Personen Fehlentscheidungen oder Fehleinschätzungen treffenà sehen Welt
nur aus ihren Augen (vgl. Kant-Krise Kleists), baut seine Weltsicht mit ein.
wir können rationales Denken begreifen, entweder nicht greifen kann, weil wir
kein vollkommenes gottgleiches Bewusstsein haben und daher vom Zufall,
oder so gebeutelt werden, oder uns (-> Marionettentheater) von einem
vollkommenen Bewusstsein fernhält.
 Kleist war ein Mensch der Wege gesucht hat, glücklich zu werden, sie aber
wahrscheinlich auch selbst, nicht gefunden hat.
 Der Verstand hilft also nicht unbedingt, sein Leben super zu meistern, er ist
auch fehlerhaft. Ihm steht Kleists empfundene Wirklichkeit gegenüber:
geprägt von Irrationalität -> Zufälle, Ungerechtigkeiten, Paradoxien.
 Bei den Werken von Kleist gibt es einen Bruch zwischen der Rationalität und
der Irrationalität. Der Bruch entsteht, weil Kleist nicht an die Rationalität glaubt
und das bessere Leben in der Irrationalität vermutet (Kriese). Deswegen
verwendet Kleist in seinen Werken oft " als ob " oder " so dassàangebliche
Rationalität nur ein Schein ist.
Die Irrationalität wird durch die Zufall und Schicksal (z.B. Paradies nach dem
Erdbeben) in seinen Werken dargestellt.
Gewölbemetapher: Kleist bezieht die Metapher auf sich selbst und auf seine
Mitmenschenà er deutet negativ, dass alle Steine stürzen wollen, aber zusammen
gehalten werden, jeder normale Mensch sagt, dass die Steine sich stützen, aber er
denkt nicht zuerst an den Einsturzà paradoxe Vorstellung: Trost für Kleist, wenn er
von allen allein gelassen wird, fällt er dennoch nicht, Kleist gegen Gemeinschaft, da
sich alle Menschen nur zusammen halten um nicht zu stürzen, deprimierend
Kleist selber als „Opfer der Rationalität“:

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 Andauernde Selbstzweifel und Reflexion, „Lebensplan“ (→einstige


Verherrlichung des Rationalen wird ihn nicht losgelassen haben), immer
hoffnungslos auf der Suche nach Glück, nach dem Leben im Einklang mit
seinen Idealen → Selbstmord
 Dualität/Gleichzeitigkeit von Gegensätzen in seiner Person
 Selbstmord als einzige Form der Selbstverwirklichung, die ihm bleibt

Strukturmerkmale epischer Texte (Anekdote, Novelle)

Anekdote (Anékdota = „unveröffentlichte oder geheime Geschichte“)


 Epische Kurzform → gedrängte und zugespritzte Form
 Unterhaltungs- aber auch Belehrungszweck
 Zielt auf überraschende Wendung oder Pointe hin als Schluss- oder
Wendepunkt
o Wortpinte, Sachpointe oder Handlungspointe als paradoxe Fügung
bzw. Lösung einer paradoxen Situation, muss aber plausibel sein
 Dabei geht es um die hervorstechende Charaktereigenschaft eines
Menschen, eine merkwürdige Begebenheit, ein geschichtliches Ereignis oder
eine typische Erscheinung einer Epocheà Blitzartige Erhellung verborgener
Zusammenhänge
 Johann Peter Hebel ebenfalls bekannter Anekdotenschreiber
Kleist als Anekdotenschreiber:
 Kunstvoll erzählt → mit präzise herausgestellten Pointen
 Meist veröffentlicht in „Berliner Abendblättern“ → literaturinteressiertes
Publikum (Bildungsbürger)
 Zeigen Kleist als Patrioten (→ Mutterliebe, Franzosen-Billigkeit, …)
 Will patriotische Einstellung in Preußen stärken
» wählt Form der kunstvollen literarischen Unterhaltung, um die (politische)
Wirklichkeit zu spiegeln

Novelle (lat. Novella = Neuigkeit)


 Real vorstellbares Ereignis in kürzerem bis mittlerem Umfang
 Zentraler Konflikt
 Straffe, meist einsträngige bzw. einlinige, zielgerichtete Handlung
 Thematische Konzentration (nur das, was zum Verständnis notwendig ist)
 Vorbild: klassisches Drama
o Geraffte Exposition
o Klar herausgearbeiteter Höhepunkt (Wendepunkt zum Unerwartetem)
o Im Höhepunkt werden Hintergründe von Ordnung und Sinn sichtbar
gemacht
 Vordergründige Chaos (→ verwirrend) wird geklärt, kann
eingeordnet werden und erhält einen Sinn
o Tendenz zur geschlossenen Form (Einhaltung von Zeit, Ort und
Handlung)
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 Anspruch auf Neuheit


 Leitmotive und Dingsymbole
 Meist Gegensatz zwischen Normalem + Anormalem, Gut + Böse, Glück +
Unglück
 Hohes Maß an Objektivität und zweischichtiges Erzählen à das Erzählte wird
durch den fiktiven Erzähler belehrend reflektiert, scheint Subjektivität dennoch
Objektiv
o Keine Einmischung des Erzählers (nur bei Marquise von O.)
o Blütezeit der Novelle im poetischen Realismus (1850-1890) und
kurz nach der Jahrhundertwende in der zweiten Hälfte des 20.
Jhdt. weicht die Novelle zunehmend der Kurzgeschichte
 Enstehung der Novelle im Rokoko als Novellensammlung
 In der Romantik: Vordergründig Einzelnovelle
 Kleist wandelte die Erscheinung der Novelle
Kleist als Novellenschreiber:
 Zeigt immer wieder die Unzuverlässigkeit traditioneller Werte auf
 Gibt dabei kein neues Wertmaß vor
 Mensch verliert dadurch den Bezug zu zeitgenössischen Werten und findet
somit eigenständig und nahezu sicher darauf:
 Schriftsteller der Romantik folgen Kleist mit psychologisierenden
Märchennovellen
o Vermischung von thematisch Unheimlichen, Wunderbaren und
Wirklichen
o

 Der pyramidale Aufbau des Dramas

1. Akt: Exposition à Zuschauer werden in Zeit, Ort & Atmosphäre eingeführt,


lernen wichtige Charaktere kennen, Vorgeschichte
2. Akt: Steigerung à Handlung erhält entscheidenden Anschub (z.B.
Interessenkonflikt, Intriken,…), Spannung steigt durch erregendes Moment
3. Akt: Höhepunkt à Entwicklung des Konflikts erreicht den Höhepunkt,
Protagonist steht vor einer Entscheidung, Wendepunkt zu Sieg oder
Niederlage
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4. Akt: Fallende Handlung à Spannung wird zum Ende noch einmal gesteigert,
Protagonist scheint doch noch gerettet zu werden, Entwicklung verzögert sich,
retandierendes Moment
5. Akt: Katastrophe à Lösung des Konflikts mit dem Untergang des Helden oder
Lösung, Versöhnung
Kleists Leben als Gegenstand seiner Briefe

Kleist als Briefeschreiber: 233 sind überliefert (von 1783-1811), sogar Briefe vom
Todestag
bis ca. 1800: aufklärerische Haltung, Bedeutung der Bildung und Erziehung
danach: vor allem Darstellung seines Inneren und seiner Lebenspläne; Bittschriften
(finanzielle Unterstützung)
(siehe Punkte zu Brief an Wilhelmine von Zenge und Ulrike von Kleist)

Kleists Kunst- und Geschichtsauffassung

 kein einheitliches Konzept


 keine Zuordnung zu einer Literaturrichtung
o gegen die Poetik der Klassik und ihrem Ideal des Harmonischen, des
Regelhaften, Allgemeingültigen
o gegen die Romantik und ihren Rückzug vor gesellschaftlichen Probleme,
das Kunstwerk muss vom Rezipienten aus gesehen werden und sein
Gemüt erregen
 Darstellung des Abweichenden, Außergewöhnlichen, Irritierenden
 Betonung der Form (Handlungsaufbau, Sprache); sie soll anspruchsvoll sein
 keine Literatur, um erfolgreich zu sein (keine Anpassung an den
Lesergeschmack), allerdings hoffte er (vergebens) auf Anerkennung durch
Goethe
»Aufgabe des Schriftstellers: auch im Alltäglichen das Interessante zu finden und zu
gestalten, Offenlegung gesellschaftlicher Missstände
 Geschichtsauffassung
 Kleists politische Erfahrungen
 Französische Revolution: Anspruch auf Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit
 Desillusionierung: Napoleons Fremdherrschaft, Kriege, u.a. gegen Preußen
 preußischer Widerstand gegen Napoleon, Franzosenhasser
 seine Geschichtsauffassung
 geprägt durch Aufklärung, z.B. Selbstständigkeit des Menschen (Lebensplan)
 aber Zweifel an der Umsetzbarkeit, z.B. persönliche Erfahrungen, z.B.
Erdbeben in Chili, z.B. Marionettentheater: durch Reflexionen/Vernunft verliert
der Mensch seinen ursprünglichen Zustand der Unschuld; Versuch, wieder
den Zustand der Unschuld (Paradies) zu erreichen (triadisch)
 andere Geschichtsauffassungen
 christliches Weltbild: triadisch: Paradies – Leben in Sünde – ewiges Leben

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 Geschichte als letztlich gesetzmäßige Entwicklung des Menschen zum


Höheren (z.B. Vervollkommnung des Menschen, Beherrschung der Natur)
 Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen (marxistisch)

Sonstiges

Drei psychische Instanzen (Theorie Sigmund Freuds)

 Es à angeboren, frühstes psychisches System, welches Sexualtrieb, Todes-


und Gewalttrieb beherrscht (unbewusster Teil der Seele) kann und muss in
Kultur unterdrückt werden
 Über ich à entsteht im Laufe der Entwicklung eines Kindes als Gegenport zum
es, führt zur Zensur der Triebe durch elterliche Normen à Verbote, moralische
Gesetzt und Tabus werden ausgesprochen, Gewissen entsteht
 Ich à bewusste Persönlichkeit, früher durch Realität vermittelt zwischens und
Über-Ich sowie Außenwelt (Konflikt), Das Ich muss sich oft anpassen, hat
keine Willensfreiheit, die Gefahr ist dabei ein neurotischer Konflikt, je nach,
wie der Kampf ausgeht, muss sich stetig den Forderungen der Realität
verändern und anpassen
»Die Macht des Über-Ich führt zur Auslebung des Es in Träumen, da Über-Ich
ausgeschaltet, Zensur des Über-Ich dient zum Schutz
Es abschwächen durch destruktive Wünsche in produktivem Gestalten
umzuwandeln

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