Sie sind auf Seite 1von 1

Zivilrecht | FamR Röthel, JURA (JK), 2019, S.

678, § 1592 BGB

Keine entsprechende Anwendung von § 1592 Nr. 1 BGB auf die Ehefrau der Mutter

https://doi.org/10.1515/jura-2019-2165 setzgeber wäre bei einer Interessenabwägung, bei der er sich von den gleichen
Grundsätzen hätte leiten lassen wie bei dem Erlass der herangezogenen Gesetzes-
Leitsätze: a) Die Ehefrau der ein Kind gebärenden Frau wird weder in direkter vorschrift, zu dem gleichen Abwägungsergebnis gekommen.
noch in entsprechender Anwendung des § 1592 Nr. 1 BGB Mit-Elternteil des Kindes. 1. Planwidrige Regelungslücke? Nach Auffassung des BGH weist das Gesetz
b) Die darin liegende unterschiedliche Behandlung von verschieden- und schon keine planwidrige Regelungslücke zu der Frage einer Mit-Elternschaft von
gleichgeschlechtlichen Ehepaaren trifft nicht auf verfassungs- oder konventions- gleichgeschlechtlichen Ehepaaren auf: »Zwar ist richtig, dass der Gesetzgeber mit
rechtliche Bedenken. BGH, Beschl. v. 10. 10. 2018, XII ZB 231/18. der ›Ehe für alle‹ bestehende Diskriminierungen von gleichgeschlechtlichen Le-
benspartnern und von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Identität in allen gesell-
Sachverhalt: Am 3. 11. 2017 bringt M das Kind K zur Welt. M und ihre Partnerin P schaftlichen Bereichen beenden und hierzu rechtliche Regelungen, die gleich-
leben seit Mai 2014 in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft, die sie am geschlechtliche Lebenspartnerschaften schlechter stellen, beseitigen wollte (BT-
12. 10. 2017 in eine Ehe umgewandelt haben. K wurde aufgrund gemeinsamen Drucks. 18/6665 S. 11). Dies lässt aber nicht den Schluss zu, er habe es versehent-
Entschlusses von M und P durch Befruchtung mit Spendersamen einer Samenbank lich verabsäumt, die bestehende Differenzierung im Abstammungsrecht aufzuhe-
gezeugt. Im Geburtenregister wurde M als Mutter eingetragen; die Eintragung eines ben... Hinzu kommt, dass der Gesetzgeber bislang von einer Reform des Abstam-
weiteren Elternteils erfolgte nicht. mungsrechts bewusst Abstand genommen hat... Dies wird zusätzlich durch den
P hat beim Standesamt beantragt, den Geburtseintrag dahingehend zu be- inzwischen vorliegenden Entwurf eines Gesetzes ... belegt, mit dem ausdrücklich
richtigen, dass sie als weitere Mutter aufgeführt werde, weil das Kind in ihrer Ehe dem Umstand begegnet werden soll, dass die Vorschrift des § 1592 Nr. 1 BGB ›noch
mit M geboren und sie daher gemäß § 1592 Nr. 1 BGB ebenfalls Elternteil des K sei. nicht auf die Ehefrau der Mutter erweitert‹ sei...«
Das Standesamt hat es abgelehnt, diese Eintragung vorzunehmen und das OLG hat 2. Vergleichbarkeit der Interessenlage? Daneben fehlt es nach Auffassung
den Antrag schließlich zurückgewiesen. Dagegen wendet sich P im Wege der des BGH auch an der erforderlichen Vergleichbarkeit der gleichgeschlechtlichen
Rechtsbeschwerde. Hat die Beschwerde der P in der Sache Erfolg? Ehe zweier Frauen mit der von § 1592 Nr. 1 BGB geregelten Elternschaft des mit der
Mutter verheirateten Mannes: »Die Vaterschaft kraft Ehe beruht mithin darauf,
Probleme: Als Elternteil ist vom Standesbeamten einzutragen, wer nach materiel- dass diese rechtliche Eltern-Kind-Zuordnung auch die tatsächliche Abstammung
lem Recht gemäß §§ 1591, 1592 BGB Mutter bzw. Vater eines Kindes ist. regelmäßig abbildet... Diese ... Vermutung ist für die mit der Kindesmutter ver-
I. Elternstellung der P gemäß § 1591 BGB? Mutter eines Kindes ist nach heiratete Frau dagegen keinesfalls begründet... Angesichts dessen ist auch unklar,
§ 1591 BGB die Frau, die das Kind geboren hat. Dies ist hier M und nicht ihre ob der Gesetzgeber für die Abstammung von Kindern, die bei bestehender Ehe von
Ehefrau P. Die Begründung einer weiteren Mutterstellung kennt das deutsche zwei Frauen geboren werden, zu dem § 1592 Nr. 1 BGB zugrunde liegenden Abwä-
Recht derzeit nicht. Mit der Fassung des § 1591 BGB hat der Gesetzgeber andere gungsergebnis gelangt wäre... Schließlich ist eine der Beantwortung durch den
mögliche Formen der abstammungsrechtlichen Mutter-Kind-Zuordnung, ins- Gesetzgeber vorbehaltene ... Frage, wie die Rechtsposition des leiblichen Vaters zu
besondere die Mutterschaft einer Eizellenspenderin oder einer (bloßen) Wunsch- berücksichtigen ist, wenn kein Anwendungsfall des § 1600 d Abs. 4 BGB vorliegt.«

mutter im Fall der Leihmutterschaft bewusst ausgeschlossen. Auch eine Mutter- 3. Verfassungs- oder konventionsrechtliche Bedenken? Eine andere Aus-
schaftsanerkennung vergleichbar der Vaterschaftsanerkennung (§ 1592 Nr. 2 BGB) legung ist nach Auffassung des BGH auch nicht im Hinblick auf Artt. 6, 3 I GG oder
sieht das geltende Recht nicht vor. Weitere Formen der Entstehung einer beider- Artt. 8, 14 EMRK geboten.
seits weiblichen Elternschaft kraft Abstammung, etwa die Mit- oder Co-Mutter- a) Indem nur M, nicht aber ihre Ehefrau P die Elternstellung erlangt, könnte
schaft bei konsentierter heterologer Insemination, sind im deutschen Recht eben- Art. 6 I GG verletzt sein. Art. 6 I GG schützt die Familie als tatsächliche Lebens- und
falls nicht vorgesehen. Erziehungsgemeinschaft von Eltern und Kindern unabhängig davon, ob die Kinder
II. Elternstellung der P gemäß §§ 1741 ff. BGB? P könnte die Elternstellung
  von den Eltern abstammen oder ob sie ehelich oder nichtehelich geboren wurden,
durch Annahme des K (hier im Wege der Sukzessivadoption gemäß § 1741 II 3 BGB) und gewährt ein Recht auf familiäres Zusammenleben und auf Umgang. Diese
erwerben. Das dazu nötige Verfahren ist jedoch nicht erfolgt. tatsächliche Lebens- und Erziehungsgemeinschaft wird aber durch die (Nicht-)
III. Elternstellung der P gemäß § 1592 Nr. 1 BGB? Mangels erfolgter An- Eintragung der P in das Geburtenregister als Mit-Elternteil des Kindes nicht be-
nahme als Kind (§§ 1741 ff. BGB) kommt daher allein eine Elternstellung der P
  rührt.
gemäß § 1592 Nr. 1 BGB in Betracht. Allerdings regelt die Vorschrift nach ihrem b) Näher liegt eine Verletzung des Elterngrundrechts aus Art. 6 II 1 GG. Doch
klaren Wortlaut allein die Vaterschaft und weist diese einem bestimmten »Mann« ist P nicht Trägerin des Elterngrundrechts. Dies sind nur die leiblichen oder recht-
zu. Für eine Auslegung gegen diesen Wortlaut, so der BGH, ist kein Raum: Die lichen Eltern eines Kindes. P will diesen Status erst erlangen, so dass sie vom Schutz
§§ 1591 ff. BGB haben die Eltern-Kind-Zuordnung zu einer Mutter und einem Vater
  dieses Grundrechts nicht erfasst ist. Auch die M ist dadurch, dass ihre Ehefrau keine
zum Gegenstand. Das Gesetz geht davon aus, dass ein Kind einen männlichen und rechtliche Elternstellung innehat, nicht in ihrem Elterngrundrecht betroffen.
einen weiblichen Elternteil hat und nimmt daraufhin eine Zuordnung des Kindes c) Dass die Ehefrau der Kindesmutter anders als ein Ehemann nicht allein
zu zwei Elternteilen unterschiedlichen Geschlechts vor. Indes soll § 1592 BGB nach aufgrund der bei Geburt bestehenden Ehe von Gesetzes wegen rechtlicher Eltern-
seinem Sinn und Zweck nicht die gleichgeschlechtliche Elternschaft normieren. teil des Kindes ist, stellt schließlich auch keine verfassungswidrige Ungleichbe-
Ein dahingehender gesetzgeberischer Wille lässt sich auch nicht aus dem Gesetz handlung i. S. von Art. 3 I GG dar. Vielmehr ist die Situation insoweit verschie-
zur Einführung des Rechts auf Eheschließung für Personen gleichen Geschlechts den, als die Ehefrau nicht leiblicher Elternteil des Kindes sein kann, während der
entnehmen, das § 1592 BGB unverändert gelassen hat. Weder dessen Gesetzestext Gesetzgeber dies für den Ehemann als Regelfall vermutet und darauf § 1592 Nr. 1
noch die gesetzgeberischen Materialien hierzu (vgl. BT-Drucks. 18/12989) befassen BGB gründet. Dieser Unterschied rechtfertigt die im Rahmen des Abstammungs-
sich mit Abstammungsfragen. rechts nach wie vor bestehende abweichende Behandlung gleich- und verschie-
IV. Elternstellung der P entsprechend § 1592 Nr. 1 BGB? Denkbar ist aber, dengeschlechtlicher Ehepaare und deren Kinder. Verfassungsrechtlich ist daher
P aufgrund ihrer Ehe mit der Mutter M entsprechend § 1592 Nr. 1 BGB als recht- nichts dagegen zu erinnern, dass die Ehefrau einer Kindesmutter zunächst auf die
lichen Elternteil anzusehen. Sukzessivadoption nach § 1741 II 3 BGB verwiesen bleibt, um in die rechtliche
Dazu müssten die Voraussetzungen für eine Analogie vorliegen. Dies erfor- Elternstellung zu gelangen.
dert eine planwidrige Regelungslücke; außerdem muss die Vergleichbarkeit der d) Aus den vorgenannten Gründen liegt auch kein Verstoß gegen Art. 8 EMRK
zur Beurteilung stehenden Sachverhalte gegeben sein, also der zu beurteilende (Achtung des Privat- und Familienlebens) und Art. 14 EMRK (Diskriminierungs-
Sachverhalt in rechtlicher Hinsicht so weit mit dem Tatbestand, den der Gesetz- verbot) vor.
Unauthenticated
geber geregelt hat, vergleichbar sein, dass angenommen werden kann, der Ge- V. Ergebnis. Die Beschwerde der P hat keinen Erfolg.
Download Date | 11/18/19 5:17 AM