Sie sind auf Seite 1von 43

Europäische Wohlfahrtsstaaten im Vergleich

Prof. Dr. Klaus Schubert

Gewerkschaften im Umbauprozess des


deutschen Wohlfahrtsstaates

Hartz IV und die Agenda 2010

Vorgelegt von Steffen Siekmeier


Matrikelnummer 444675
30.09.2018
Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung ..................................................................................................................................1
1.1 Fragestellung ......................................................................................................................1
1.2 Theoretischer Hintergrund .................................................................................................2
1.2.1 Grundlagen der Sozialstaatstheorien ..........................................................................2
1.2.2 Machtressourcenansatz ..............................................................................................4
1.2.3 Neue Ideen des Machtressourcenansatzes .................................................................7
1.2.4 Ideen aus der Verbändeforschung ..............................................................................9
1.2.5 Methodik und Vorgehensweise .................................................................................11
2. Gewerkschaften im deutschen Wohlfahrtsstaat ....................................................................12
2.1 Gewerkschaften und der Auf- und Ausbau des deutschen Wohlfahrtsstaates ................12
2.1.1 Funktion von Gewerkschaften und das deutsche Modell ..........................................12
2.1.2 Die „goldenen“ Gewerkschaftsjahre: Wohlfahrtsstaatliche Expansion .....................14
2.2 Vom Ausbau zum Umbau des deutschen Wohlfahrtsstaates: Gewerkschaften unter
Druck ......................................................................................................................................17
3. Umbau des Sozialstaats: Die Rolle der Gewerkschaften im Zuge der Arbeitsmarktreformen
seit Anfang der 2000er ...............................................................................................................18
3.1 Hartz-Kommission und Agenda 2010 ...............................................................................18
3.2 Die Gewerkschaften und die Agenda 2010 ......................................................................20
3.2.1 Organisationskraft .....................................................................................................21
3.2.2 Institutionelle Einbettung in den Entscheidungsprozess ...........................................22
3.2.3 Sozialpolitische Positionierung, interne Geschlossenheit und Konfliktfähigkeit........25
3.2.4 Verhältnis zur SPD .....................................................................................................28
3.2.5 Außerparlamentarische Präsenz................................................................................31
4. Bewertung der Analyseergebnisse .........................................................................................32
5. Ausblick ..................................................................................................................................36
6. Literaturverzeichnis ................................................................................................................37
1.Einleitung

1.1 Fragestellung
„Ohne den Beitrag der Gewerkschaften wären Staat und Gesellschaft nicht das, was sie
heute sind; hätten wir nicht jenes Maß an sozialer Gerechtigkeit, wirtschaftlicher
Stabilität und sozialem Frieden, auf das wir alle gemeinsam stolz sein können“ (Kohl
1974: 622). Die von Helmut Kohl getroffene Aussage überrascht, da seine Partei
traditionell nicht zu den engsten Verbündeten von Gewerkschaften gehört.
Andererseits kann auch die CDU auf eine Reihe von Sozialpolitiker/innen
zurückblicken, die in der Vergangenheit gewirkt haben. Gewerkschaften gehörten in
den ordnungspolitischen Vorstellungen Kohls zu den tragenden Säulen der
Wirtschafts- und Sozialpolitik der noch jungen Bundesrepublik. Sie können auf eine
lange, ereignisreiche Historie zurückblicken, in der sie gerade nach 1945 sehr
erfolgreich als sozialpolitischer Akteur agierten. Kohls Aussage wurde zu einem
Zeitpunkt getroffen, in der Gewerkschaften über eine erhebliche Machtfülle verfügten.
Spätestens seit den 90er Jahren müssen sie sich allerdings mit einer veränderten
Arbeitswelt arrangieren. Wie viele andere Wohlfahrtsstaaten hatte auch der deutsche
Sozialstaat mit zunehmenden Problemen zu kämpfen. Um diesen Herausforderungen
zu begegnen, wurden teils sehr weitreichende Reformen durchgeführt, die, je nach
Lesart, zu einem Um- oder Rückbau des Sozialstaats führten. In der folgenden Arbeit
sollen diese beiden Aspekte, Wohlfahrtsstaat und Gewerkschaften,
zusammengebracht werden. Das Forschungsinteresse der Arbeit liegt in der Rolle, die
die Gewerkschaften beim Umbau des deutschen Wohlfahrtsstaat gespielt haben. Um
die Komplexität zu verringern, werden in diesem Fall die Arbeitsmarktreformen
untersucht. Zur weiteren Vereinfachung soll es vor allem um das so genannte Hartz IV
Gesetz und dessen Zustandekommen gehen, da es eines der kontroversesten
Reformgesetze darstellt. Allerdings ist der Gesetzgebungsprozess nicht immer trennbar
von weiteren Reformmaßnahmen und muss im Zusammenhang mit Gerhard Schröders
Reformpaket Agenda 2010 betrachtet werden, weswegen auch dieser Aspekt mit in
die Analyse mit eingeflossen ist. Die Untersuchung der Gestaltungsrolle der
Gewerkschaften wird durch ein theoretisches Grundkonzept untermauert, auf
welchem die Analysekriterien basieren. Zudem muss ein kurzer Überblick über das

1
historische Verhältnis von Gewerkschaften und deutschem Wohlfahrtsstaat nach 1945
gegeben werden, um eine gewisse Vergleichbarkeit zu erreichen.

1.2 Theoretischer Hintergrund


Gewerkschaften können auf eine über 100-jährige Geschichte zurückblicken und sind,
trotz aller widrigen Umstände in den letzten Jahrzehnten, in Westeuropa
dementsprechend gesellschaftlich verankert. In diesem Zusammenhang gilt es zu
klären, wie sich der Machtanspruch von Gewerkschaften zusammensetzt. Den
theoretischen Hintergrund für die vorliegende Arbeit bilden sowohl Elemente aus den
klassischen Sozialstaatstheorien als auch punktuelle Überlegungen aus dem Bereich
der Verbändeforschung. Die theoretischen Überlegungen beeinflussen sich
wechselseitig und sind damit nicht statisch.

1.2.1 Grundlagen der Sozialstaatstheorien

Im Folgenden soll in aller Kürze der theoretische Rahmen abgesteckt werden, bevor
ein detaillierter Blick auf eine spezifische Herangehensweise geworfen wird. Thema
dieser Arbeit sind sozial- und wohlfahrtspolitische Veränderungen aus der Perspektive
von Gewerkschaften in der Bundesrepublik Deutschland. Sozial- und Wohlfahrtspolitik
ist ein breites Bearbeitungsfeld mit vielfältigen Untersuchungsansätzen. Seit
Etablierung der modernen Wohlfahrtsstaaten nach dem Ende des zweiten Weltkrieges
haben sich eine Reihe von Erklärungsansätzen für sozialpolitische Entscheidungen
entwickelt. Die Entstehung ist im Zusammenhang mit der politikwissenschaftlichen
Teildisziplin der Politikfeldanalyse zu betrachten, welche sich vor allem für Inhalte von
Politik (Policies) interessiert (vgl. Reiter 2017: 4). Hier ist das „materiell-inhaltliche
Ergebnis (Output) (ebd.: 4)“ von Bedeutung. Insbesondere die Veränderungen von
Sozial- und Wirtschaftspolitik im Zuge der Ölkrisen förderte das Interesse der
Forschung an den sich wandelnden politischen Entscheidungen. Gerade im Bereich der
europäischen Wohlfahrtsstaaten ist dieser Wandel im Verlauf des Ab- und Umbaus
vieler Wohlfahrtsstaaten ein dauerhafter Untersuchungsgegenstand (vgl. ebd.: 4). In
diesem Zusammenhang muss der von Paul Pierson entworfene Begriff des
retrenchment erwähnt werden, mit welchem er die umfassenden sozialstaatlichen
Kürzungen und zunehmende Austeritätspolitik in vielen industriell geprägten

2
demokratischen Systemen beschreibt. Dies ist gerade von besonderer Bedeutung, als
dass der Wohlfahrtsstaat für viele moderne Demokratien ein wesentliches Merkmal
darstellt, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung (vgl. Pierson 2001: 1). In
abgeschwächter Form verwendet Pierson für einige Staaten, deren sozialstaatliche
Ersatzleistungen ursprünglich besonders hoch waren, den Begriff Rekalibrierung
(recalibration) des Wohlfahrtsstaates. Statt eines kompromisslosen Abbaus
sozialstaatlicher Elemente wird hier eher eine Anpassung an wirtschafts- und
sozialpolitische Entwicklungen vorgenommen (vgl. Pierson 2011: 19). Die
unbestrittenen Veränderungen im Bereich der Sozialpolitik in den Wohlfahrtsstaaten
der westlichen Demokratien haben dazu geführt, dass sich dieser Wandel zum
vordergründigen Analyserahmen im Bereich der Policy-Forschung entwickelt hat.
Allerdings bleibt häufig auch in der Forschung umstritten, welcher Vorgang das
spezifische Charakteristika des Wandels darstellt (vgl. Reiter 2017: 5). Auch wird durch
die Idee einer Anpassung anstatt eines konsequenten Rückbaus des Sozialstaates
deutlich, dass sich der Wandel in den verschiedenen Ländern nicht immer ähnlich
vollzogen hat, sondern teils erhebliche Unterschiede zu nennen sind. Während zum
Beispiel im Bereich der Rentenpolitik in Frankreich erst sehr viel später Reformen
durchgeführt wurden, nahm die Politik in der Bundesrepublik schon seit den 90er
Jahren teils erhebliche Eingriffe in das Rentensystem vor (vgl. Veil 2001: 161-170).

Sozialpolitik ist vielschichtig und gliedert sich in verschiedene Sub-Politikfelder, die


eine differenzierte Analyse erfordern. Wie eingangs erwähnt, ist für die Fragestellung
dieser Arbeit vor allem die Arbeitsmarktpolitik von Interesse, da dies eines der Felder
ist, auf dem sich die Gewerkschaften als Akteure häufig bewegen. In der
sozialpolitischen Forschung gibt es eine Reihe von anerkannten Ansätzen. Hier wären
der sozioökonomische (1) und der Machtressourcenansatz (2) genauso zu nennen wie
die Parteidifferenzhypothese (3), die politisch-institutionalistischen Ansätze (4), die
Hypothese der Pfadabhängigkeit und des Politikerbes (5), sowie die
Internationalisierungs- und Europäisierungshypothese (6). Die Ansätze unterscheiden
sich sowohl in ihrer Herangehensweise als auch in ihrer zeitlichen Entstehung und
beinhalten daher einen unterschiedlichen Fokus innerhalb der Ursachenforschung.

3
Zweifelsohne ist keine der Überlegungen frei von Kritik. Im Folgenden sollen einige, für
diese Arbeit relevante, theoretische Aspekte erläutert werden.

1.2.2 Machtressourcenansatz

Die Machtressourcentheorie ist für die Fragestellung der vorliegenden Arbeit aus dem
Grund interessant, da sie sich hauptsächlich mit gesellschaftlichen Gruppen und deren
konträren politischen Gestaltungsvorstellungen befasst. Ihr zufolge wird der Inhalt von
Politik durch die spezifische Machtverteilung innerhalb einer Gesellschaft von Gruppen
mit unterschiedlichen Interessen bestimmt. Demzufolge spielen die Organisationskraft
und die Fähigkeit, in langwierige Konflikte eintreten zu können, eine besondere Rolle
für diese Gruppen. Für die Bemessung der jeweiligen Stärke einer Gruppe stehen sechs
Kriterien bereit: Organisationskraft (1), Konfliktfähigkeit (2), Kampfkraft (3), in erster
Linie bezogen auf die Mobilisierung von Mitgliedern, die außerparlamentarische und
parlamentarische Präsenz (4), das Vorhandensein einer Regierungsbeteiligung von
eigenen oder nahe stehenden Parteien (5) sowie dem Dekommodifizierungsgrad (6).
Dieser bemisst die Reichweite der sozialstaatlichen Maßnahmen, die unabhängig von
Marktmechanismen gewährt werden. Als stilbildend für die Entwicklung der Theorie
sind Walter Korpi und Gøsta Esping-Andersen zu nennen (vgl. Ostheimer/Schmidt
2007: 40).

Ausschlaggebend ist dabei der Grundkonflikt zwischen Kapital und Arbeit


beziehungsweise zwischen Arbeitgebern und Lohnabhängigen, ein Gedanke, der auf
den Verhältnissen in einer modernen Industriegesellschaft fußt (vgl. Reuter 2017: 16).
Korpi betont, dass die Machtressourcenverteilung nicht statisch ist, sondern in
zeitlichen Phasen und zwischen den Ländern variieren kann (vgl. Korpi 1998: viii). In
dieser Hinsicht sind Gewerkschaften, als ein Zusammenschluss von Menschen mit
gebündelten sozialpolitischen Interessen, eine der zentralen Machtressourcen auf der
Seite der Lohnabhängigen. Hinzu kommen Parteien aus dem linken Spektrum. Die
Machtressourcen der Arbeitnehmer sind ausgeprägt, wenn die Gewerkschaften
organisatorisch gefestigt sind und eine hohe Mobilisierungsfähigkeit haben, wenn sie
eng mit sozialdemokratischen Parteien zusammenarbeiten und diese zudem über viele
Kabinettssitze innerhalb des jeweiligen Landes verfügen (vgl. Ostheimer/Schmidt 2007:
40-42). Gewerkschaften sind ein wichtiger Bestandteil und Entscheidungsträger beim
4
Zustandekommen von politischen Inhalten und deren Wirkungen auf die gesamte
Gesellschaft. Denn je größer die Macht der Lohnabhängigen, desto geringer ist die
soziale Ungleichheit innerhalb eines Staates. Starke Gewerkschaften bedeuten einen
breit ausgebauten Wohlfahrtsstaat (vgl. Jeanrond 2016: 29). Auch Gøsta Esping-
Andersen vertritt die Machtressourcentheorie und sieht in den differenzierten
Machtverteilungen in den unterschiedlichen Ländern den Grund für eine stark
divergierende Etablierung von Wohlfahrtsstaatstypen. Als entscheidend führt er den
oben erwähnten Dekommodifizierungsgrad an (vgl. ebd.: 42). Esping-Andersen
beschreibt diesen wie folgt: „De-commodification occurs when a service is rendered as
a matter of right, and when a person can maintain a livelihood without reliance on the
market” (Esping-Andersen 1990: 21-22). Bei einer hohen Dekommodifikation ist die
Abhängigkeit der Arbeiter/innen vom Marktgeschehen gleichzeitig eher gering, da
sozialstaatliche Leistungen als vom Markt unabhängige Leistungen auf der Grundlage
von individuellen Rechten bereit gestellt werden und die jeweilige Person seinen
Lebensunterhalt auch abseits einer Marktabhängigkeit bestreiten kann. Andersherum,
so Esping-Andersen, erscheint es schwer, einen Lohnabhängigen für gemeinsame,
solidarische Aktionen zu gewinnen, wenn er einer starken Marktabhängigkeit
unterliegt und bei Verlust seines Arbeitsplatzes keine ausreichenden Kompensationen
zu erwarten hat. Dementsprechend sind die Arbeitgeber/innen generell gegen eine
allzu hohe Dekommodifizierung (vgl. ebd.: 22). Wegweisend war in diesem
Zusammenhang auch die Festlegung von unterschiedlichen Wohlfahrtsstaatstypen,
welche Esping-Andersen vornahm. Er unterscheidet zwischen liberalen, konservativ-
korporatistischen und sozialdemokratischen Regimetypen. Während in einem liberalen
Wohlfahrtsregime der Staat sich gegenüber dem Markt passiv verhält, nur geringe
Sozialleistungen vorherrschen und eine private Vorsorge von entscheidender
Bedeutung ist, ist der konservativ-korporatistische Wohlfahrtsstaat vor allem auf eine
Statussicherung bedacht. Durch Sozialleistungen soll auch bei temporärem Verlust der
Arbeit der Erhalt des sozialen und gesellschaftlichen Status gesichert sein. Hierzu
zählen die kontinentalen Staaten wie Deutschland oder Frankreich, während vor allem
die anglo-amerikanischen Staaten dem liberalen Wohlfahrtsstaattypus zugerechnet
werden. Das sozialdemokratische Modell ist in erster Linie in Skandinavien zu finden.
Dieser ist stark universalistisch geprägt, Sozialleistungen sollen möglichst viele

5
Menschen erfassen (vgl. ebd.: 26-28). Bei der Entstehung der unterschiedlichen
Regime spielen wiederum Machtressourcen der gesellschaftlichen Interessensgruppen
und deren Durchsetzungskraft eine gewichtige Rolle.

Der oben beschriebene Fokus des Machtressourcenansatzes auf den Gegensatz von
Lohnabhängigen und Arbeitgeber/innen ist jedoch nicht kritiklos. Überhaupt ist die
klassische Machtressourcentheorie zugegebenermaßen auf einen sehr traditionellen,
klassensoziologischen Konflikt zentriert, der heutzutage möglicherweise an Bedeutung
verloren hat. Reuter führt hier zum Beispiel den rückgängigen gewerkschaftlichen
Organisationsgrad oder die nachlassende Tarifbindung an. Diese Faktoren seien jedoch
essentiell für die Erklärungskraft des Ansatzes in bestimmten Bereichen (vgl. Reuter
2017: 17). Gerade bezüglich der Fragestellung dieser Arbeit erscheint es in diesem
Zusammenhang jedoch umso interessanter, zumindest Elemente der
Machtressourcentheorie mit aufzunehmen. Außerdem sei die Theorie eher ein
Erklärungsansatz für den Ausbau des Sozialstaats, weniger für dessen Um- oder Abbau.
Neuere Entwicklungen fänden hier kaum einen Platz. So würden beispielsweise
outsider, Arbeitslose oder nicht gewerkschaftlich organisierte Lohnabhängige,
vernachlässigt. Und während Entscheidungen im Bereich der Arbeitsmarkt- und
Rentenpolitik relativ gut erklärt werden könne, würden andere Bereiche des
Sozialstaates, wie zum Beispiel Familien- oder Gesundheitspolitik, zusätzlich
anderweitige Erklärungsmuster erfordern (vgl. ebd.: 17). Zumindest in einigen Ländern
erscheint mittlerweile zudem die enge Verzahnung von sozialdemokratischen Parteien
und Gewerkschaften fragwürdig. Auch eine veränderte Zielvorstellung der
Gewerkschaften, weg von einem kontinuierlichen Ausbau des Wohlfahrtsstaates, muss
überprüft werden (vgl. Ostheimer/Schmidt 2007: 48). Pierson betont dagegen die
Kontinuität im Bereich der Sozialleistungen. Trotz Umwälzungen und einer
Austeritätspolitik seien diese in den meisten Wohlfahrtsstaaten in den vergangenen
drei Jahrzenten recht stabil geblieben. Diese Entwicklung wiederspreche dem
Machtressourcenansatz und den historischen Erfahrungen und erfordere daher neue
Forschungsmuster (vgl. Pierson 2011: 5-28). Manfred G. Schmidt betrachtet die
Erklärungskraft des Machtressourcenansatzes als nicht ausreichend. Zum einen
müssten institutionelle Gegebenheiten beachtet werden, zum Beispiel die Wirkungen

6
eines stark ausgeprägten Föderalismus mit zusätzlichen Vetospielern auf policy
Entscheidungen. Zum anderen dürfe das teils enge Verhältnis zwischen Staat und
Verbänden nicht vernachlässigt werden. Dies sei beispielsweise der Fall, wenn die
jeweilige Regierung den Gewerkschaften in ihren Forderungen entgegenkommt, wofür
diese sich mit einer Kooperation in einem anderen Politikfeld revanchieren (vgl.
Schmidt 2005: 226-227). Es erscheint daher unter Umständen sinnvoller, mehrere
Variablen mit einzubeziehen (vgl. Ostheimer/Schmidt 2007: 47).

Der Machtressourcenansatz ist aus dem Forschungsinteresse an der Entstehung der


demokratisch geprägten Wohlfahrtsregime nach Ende des zweiten Weltkrieges
hervorgegangen. Sein recht starres Konstrukt lässt ihn in vielerlei Hinsicht veraltet
erscheinen. Allerdings bietet er gerade in der Gewerkschaftsforschung noch immer
eine Möglichkeit, die Rolle von Gewerkschaften bei der Mitgestaltung von Sozialpolitik
zu analysieren. Neue Studien und Werke, die sich inhaltlich mit Gewerkschaften
auseinandersetzen, greifen verstärkt auf die Machtressourcentheorie zurück (vgl.
Jeanrond 2016: 31). Der Machtbegriff bzw. das Machtverständnis, auf dem
gewerkschaftliche Politik und Arbeit basiert, ist weiterhin essentiell, um die Rolle von
Gewerkschaften auch in Zeiten des Um- oder Abbaus von Wohlfahrtssystemen zu
erklären. Im Folgenden soll daher noch einmal intensiver auf diesen Machtbegriff
eingegangen werden.

1.2.3 Neue Ideen des Machtressourcenansatzes

In der jüngeren Gewerkschaftsforschung ist der Machtressourcenansatz weiterhin eine


maßgebliche theoretische Grundlage, allerdings in einer spezifischen Variante. Diese
geht auf Erik O. Wright zurück und versteht „[…] Macht als Kapazität von Individuen
und Organisationen […], Klasseninteressen zu realisieren, wobei diese Kapazität auch
die Fähigkeit einschließt, den Interessen der anderen Klasse entgegentreten zu
können“ (Urban 2010: 444). Hierfür müsse zwischen struktureller- (1), Organisations-
(2) und institutioneller Macht (3) unterschieden werden (vgl. ebd.: 2). Dörre und
Schmalz fassen diese Unterscheidung als die drei Quellen von Lohnabhängigenmacht
zusammen. Diese Arbeitermacht ist nicht nur der industriellen Arbeiterschaft
vorbehalten, sie schließt auch Angestellte, prekär Beschäftigte oder Arbeitslose mit ein
und will so der Pluralität von globalen Arbeiterbewegungen gerecht werden (vgl.
7
Dörre/Schmalz 2013: 17). Strukturelle Macht (1) ergibt sich aus der Rolle des
Lohnabhängigen im jeweiligen ökonomischen System, sowohl im Bereich des
Arbeitsmarktes als auch im Produktionsprozess. Eine Zusammenfassung in
Arbeitsmarktmacht und Produktionsmacht erscheint sinnvoll. Organisationsmacht (2)
ist dagegen das Resultat des kollektiven Zusammenschlusses der Lohnabhängigen, um
ihre Interessen zu bündeln. Die neu geschaffene Organisation versucht die Interessen
der Arbeiter/innen in den institutionellen Bereichen der Produktion, des Marktes und
der Politik zu wahren. Innerhalb der Produktionssphäre sind ganz konkret die
Betriebsräte gemeint, während im Bereich des Marktes und der Politik die
Gewerkschaften und Parteien die Interessenvertretung übernehmen (vgl. Urban 2010:
444). Strukturelle Macht kann sich sehr spontan entfalten, zum Beispiel in Form von
Arbeiterunruhen. Die Organisationsmacht ist dagegen auf Betriebsräte,
Gewerkschaften oder auch Parteien angewiesen. Allerdings sind die Überlegungen in
der dargelegten Form vor allem für die Entwicklung von Arbeiterbewegungen in
Schwellenländern der südlichen Hemisphäre und den USA geeignet. Der so genannte
Jenaer Machtressourcenansatz fügt dem Analyseraster für Arbeiter- und
Gewerkschaftsbewegungen der nördlichen OECD Staaten eine dritte Quelle von
Lohnabhängigenmacht hinzu. Dies ist die institutionelle Macht (3) (vgl. Dörre/Schmalz
2013: 16-19). Institutionelle Macht ist das Ergebnis der erfolgreichen Bemühungen der
Gewerkschaften, den Arbeiter/innen Mitbestimmung und Schutz zu erkämpfen. Dies
hat auch direkte Auswirkungen auf die Gewerkschaften selbst. Durch die institutionelle
Verankerung war es Gewerkschaften fortan möglich, erzielte Kompromisse auch
langfristig zu gewährleisten. Kurzfristige Verschiebungen in den gesellschaftlichen
Kräfteverhältnissen gegenüber anderen Akteuren oder ökonomische
Krisenerscheinungen sind so eine geringere Bedrohung für bestehende Abkommen.
Dörre weist darauf hin, dass Gewerkschaften dadurch weiterhin in der Lage sind, trotz
abnehmender Organisationsmacht, institutionalisierte Machtressourcen zu nutzen.
Voraussetzung hierfür sei allerdings die weiterhin bestehende Anerkennung als
Repräsentationsmacht seitens des Staates und wirtschaftlichen Vertretern (vgl. Dörre
2010: 876-883).

8
Zusammenfassend beschreibt der oben dargelegte Ansatz die spezifische
Herausbildung von Gewerkschaften als eine besondere Art von organisierter
Arbeitermacht. Dabei will die Theorie die Pluralität der Lohnabhängigen aufgreifen und
versucht sich daher weg von einer rein industriellen Arbeiterschaft als Kernklientel zu
bewegen. Vielmehr wird Arbeitermacht als Sammelbezeichnung für verschiedene
Lohnabhängigengruppen unterschiedlichen Geschlechts verstanden. Diese hätten
weiterhin das Interesse „[…] Asymmetrien in den Austauschbeziehungen von Kapital
und Arbeit auch durch kollektive Mobilisierungen besonderer Machtressourcen zu
korrigieren“, (Brinkmann et al. 2008: 24). Gewerkschaftsmacht ist hiernach eine
spezielle Art der breitgefächerten Arbeitermacht und gründet sich auf dem kollektiven
Zusammenschluss unterschiedlicher Lohnabhängigengruppen, um eine gemeinsame
Ziel- oder Wertevorstellung zu erreichen. In „[…] wohlfahrtsstaatlich regulierten
Kapitalismen […]“ (ebd.: 28) vollzog sich ein Wandel weg von struktureller- und
Organisationsmacht hin zu einer institutionalisierten Macht, die Gewerkschaften zu
einem Bestandteil des sozialen Sicherungssystem machte (vgl. ebd.: 28). In der
vorliegenden Arbeit wird strukturelle Macht zwar berücksichtigt, allerdings nicht
explizit als Kategorie mit aufgenommen, da es sich hier um ein sehr allgemeines
Spezifikum von Lohnabhängigen handelt. Zwar bedeutet die Schwäche der
Lohnabhängigen auch eine Schwächung der Gewerkschaften, diese wirken aber in
ihrer etablierten Form eher über Organisationskraft und institutionelle
Machtressourcen.

1.2.4 Ideen aus der Verbändeforschung

Die Einbindung von Gewerkschaften in einen institutionalisierten Rahmen ist im


vorherigen Kapitel bereits als Machressource von Gewerkschaftsmacht identifiziert
worden. Der klassische Machtressourcenansatz erhielt unter anderem wegen des
Fehlens von institutionellen Eckpfeilern Kritik, wie zum Beispiel die Rolle und Wirkung
von Föderalismus oder korporatistischen Beziehungen (Schulze 2012: 32). Im
Folgenden sollen einige Ideen, insbesondere zum Korporatismus, dargelegt werden,
um die grundlegende Rolle und Macht von Gewerkschaften weiter zu vertiefen.

Entgegen beispielsweise einem pluralistischen Forschungsansatz gehen wir in unserem


Fall davon aus, dass die unterschiedlichen Akteure nicht nebeneinander konkurrieren,
9
sondern miteinander kooperieren. Gewerkschaften verfügen in Deutschland,
zumindest nach der theoretischen Grundlage dieser Arbeit, längst über eine
institutionalisierte Machtressource und sind daher in die sozialstaatlichen Strukturen
eingebunden. Sie stehen sozusagen in Austauschbeziehungen mit Arbeitgebern und
dem Staat (vgl. Jeanrond 2016: 24). Ausgangspunkt war ganz konkret die
Politikgestaltung und Kompromissbereitschaft von Staat, Gewerkschaften und
Unternehmerverbänden, die die makroökonomischen Probleme wie Arbeitslosigkeit
oder Inflation im Laufe der 1970er Jahre zu beseitigen versuchten. Staat und Regierung
finden sich im Korporatismus in wechselseitigen organisatorischen Beziehungen mit
breiten, zentralisierten Verbänden. Der Korporatismus geht daher insofern über den
Pluralismus hinaus, als dass die Verbände nicht nur von außen Einfluss nehmen
können, sondern regelmäßig konsultiert und an politischen Entscheidungen
maßgeblich beteiligt werden. Letztlich ist auch eine Interessensregulierung Ziel dieses
Modells, da durch die Inkorporation von starken Verbänden deren Störpotential
entschärft wird. Allerdings, so gibt Czada zu bedenken, kann eine Institutionalisierung
von Verbänden nicht immer mit Korporatismus gleichgesetzt werden. Korporatistische
Politik bedeute neben der Institutionalisierung eine freiwillige und gleichberechtigte
Einbettung der Verbände. Und dies nicht nur bei der Festlegung von politischen
Richtlinien, sondern auch bei dessen Umsetzung (vgl. Czada 1995: 365-366).

Natürlich gibt es auch an diesem Ansatz Kritik. Streeck sieht zum Beispiel eine
Auflösung des Korporatismus in Deutschland, vor allem aufgrund des Niedergangs der
Gewerkschaften „[…] aus der politischen und wirtschaftlichen Elite des Landes […]“,
(Streeck 2006: 149). Die Integration eben dieser Eliten sei jedoch eine maßgebliche
Stütze für das bisherige System der Bunderepublik gewesen. Daher erkennt er hier
einen vollständigen Bruch (vgl. ebd.: 149). Streeck betont, es sei nicht von der Hand zu
weisen, dass es im Zuge der Reformprozesse des deutschen Wohlfahrtsstaates zu einer
veränderten Akteurskonstellation gekommen sei. Allerdings bleibt zu klären, inwieweit
tatsächlich von einem systemverändernden Niedergang der Gewerkschaften
gesprochen werden kann oder lediglich von einer veränderten Akteurskonstellation
innerhalb des Korporatismus (vgl. Jeanrond 2016: 25). Für die vorliegende Arbeit ist
der korporatistische Ansatz prägend, da er grundlegend die Rolle von Gewerkschaften

10
zu erklären versucht. Ob und wie sich diese Rolle überholt hat, muss im weiteren
Verlauf überprüft werden.

1.2.5 Methodik und Vorgehensweise

Kurz soll hier auf die Vorgehensweise in der vorliegenden Arbeit eingegangen werden.
Zum einen muss festgehalten werden, dass für die in Kapitel 3 erfolgte Untersuchung
eine kombinierte Form des Machtressourcenansatzes verwendet wurde, die allerdings
auch Elemente aus neueren Überlegungen enthält, wie etwa Organisations- oder
institutionelle Machtressourcen. Auf Grundlage der Kriterien für eine starke
Lohnabhängigenmacht soll in diesem Fall die Stärke der Gewerkschaften und deren
Gestaltungpotential bemessen werden. Strukturelle Macht wurde nicht direkt
miteinbezogen, da es sich um eine unorganisierte, oft spontane Machtressource
handelt, die zwar eine Quelle der Lohnabhängigenmacht und damit auch indirekt der
Gewerkschaftsmacht darstellt, jedoch aufgrund der hohen Institutionalisierung der
deutschen Gewerkschaften bei der Frage nach Mitgestaltung der Umbau-Politik nicht
primär relevant sein muss. Beispielsweise wird der Streikaspekt hier nicht
berücksichtigt, da er bei der Hartz IV Reform keine Rolle gespielt hat. Auch wurden
nicht alle von Korpi definierten Punkte übernommen. Das theoretische Gerüst dient
vielmehr als Grundlage der fünf zu untersuchenden Kriterien, anhand derer die
Beteiligung der Gewerkschaften beim Umbauprozess untersucht werden soll. Diese
sind: Organisationskraft (1), institutionelle Einbettung in den Entscheidungsprozess,
wozu auch die innerparlamentarische Präsenz der Gewerkschaften zählt (2),
Konfliktfähigkeit und interne Geschlossenheit bezüglich sozialpolitischer
Positionierungen (3), außerparlamentarische Präsenz (4) und schließlich das Verhältnis
zu den Sozialdemokraten (5). ). Im Verlauf der Arbeit wird der Begriff Gewerkschaften
recht frei benutzt, hier geht es aber gerade bei der Analyse explizit um den Deutschen
Gewerkschaftsbund (DGB) und seine großen Einzelgewerkschaften. Zudem wird im
späteren Verlauf häufig die Rede von Schwarz-Gelb beziehungsweise Rot-Grün die
Rede sein, womit die Regierungskoalition aus CDU/CSU und FDP sowie SPD und
Bündnis90/Grüne gemeint sind.

Die Arbeit nutzt zwar einige Statistiken, basiert zum größten Teil jedoch auf Literatur
oder Dokumenten bzw. Quellen. Dabei konnten zum einen schriftliche Dokumente der
11
Gewerkschaften genutzt werden, zum anderen gibt es eine Bandbreite von
Fachliteratur, die sich mit Gewerkschaften, Wohlfahrtsstaat aber auch der Agenda
2010 und Hartz IV beschäftigt. Zu den Gewerkschaften sei beispielsweise auf die
Autoren Schroeder, Schulze, Hassel, Jeanrond, Trampusch und Dörre hingewiesen.
Ferner müssen im Bereich der Sozial- und Wohlfahrtsstaatsforschung Schmidt,
Ostheim, Pierson, Esping-Andersen und Korpi erwähnt werden. Zudem gibt es
interessante Werke zu den Reformen unter Rot-Grün von Egle, Zohlnhöfer oder
Butterwegge.

2. Gewerkschaften im deutschen Wohlfahrtsstaat


In diesem Kapitel geht es darum, in aller Kürze einige wichtige Eckpunkte der
gewerkschaftlichen Entwicklung und Bedeutung, vor allem im Bereich der
Arbeitsmarktpolitik, darzulegen. Die Reformen, die zu Beginn der 2000er Jahre die
bisherige Arbeitsmarktpolitik im deutschen Sozialstaat bedeutend veränderten, waren
auch eine Abkehr vom teils tripartistischen Verhältnis zwischen Gewerkschaften,
Arbeitgeber/innen und dem Staat. Strukturelle Veränderungen in ihrer Machtposition
und interne, organisatorische Verschiebungen mussten die Gewerkschaften allerdings
schon wesentlich seit den 1980er Jahren hinnehmen. Zu Beginn des neuen
Jahrtausends galt das deutsche Modell der Sozialpartnerschaften als überholt, in
diesem Zuge schien „das Ende der kollektiven Arbeitsbeziehungen“ (Schroeder 2014:
22) bevorzustehen. Denn der herbeigesehnte Wandel und Reformprozess werde
hierdurch nur gehemmt (vgl. ebd.: 22). Die Mitgliederzahlen der DGB-Gewerkschaften
waren nach einem kurzen Anstieg im Zuge der Wiedervereinigung Ende der 1990er
Jahre abgesunken (vgl. Streeck 1999). Kurzum, eine prägende gewerkschaftliche
Teilhabe innerhalb des deutschen Sozialstaats wurde mehr als angezweifelt, wobei
diesem ja ohnehin größere Umwälzungen bevorstanden.

2.1 Gewerkschaften und der Auf- und Ausbau des deutschen


Wohlfahrtsstaates
2.1.1 Funktion von Gewerkschaften und das deutsche Modell

Gewerkschaften können in Deutschland auf eine lange Tradition zurückblicken. In ihrer


grundlegenden Funktion bezeichnet Lösche sie als

12
[…] autonome Verbände (Koalitionen) von Lohnabhängigen, die sich zur
Wahrnehmung und Durchsetzung ihrer Interessen sowohl im Betrieb wie
allgemein in Wirtschaft und Politik zusammengeschlossen haben. Sie sind mit
der Durchsetzung der kapitalistisch-industriellen Produktionsweise entstanden,
gelten als die ursprüngliche Form der Arbeiterbewegung und stellen bis heute
eine ihrer organisatorischen Säulen dar. (Lösche 1995: 220).

Dass eine Arbeiterbewegung mehr beinhalten kann, als die hiermit häufig assoziierten
Industriearbeiter, wurde bereits im vorherigen Kapitel erläutert. Der Theoretiker Franz
Neumann hat bereits in den 1930er Jahren drei zentrale Funktionen von
Gewerkschaften ausgemacht, die auch heutzutage noch über einen gewissen Einfluss
verfügen. Demnach seien Gewerkschaften zum einen Genossenschaften, die ihren
Mitgliedern Schutz und Hilfe versprechen würden. Zweitens seien sie offensive Akteure
auf dem Markt, deren Ziel es sei, möglichst viel Kontrolle über den Arbeitsmarkt zu
erlangen. Wichtigstes Mittel sei hier der Tarifvertrag, der den meist ungünstigen
Individualvertrag ersetzt. Und drittens müsse eine funktionierende Gewerkschaft auch
ein politischer Verband sein, der nicht nur auf dem Markt, sondern auch auf den Staat
und auf staatliche Mittel Einfluss gewinnen will (vgl. Esser 2014: 86-87). Diese drei
Funktionsformen haben, wenn auch mit einigen Verschiebungen, nichts an ihrer
grundsätzlichen Bedeutung verloren (vgl. ebd.: 88). Die deutschen Gewerkschaften
waren in ihrer bisherigen Rolle in allen drei Funktionsbereichen tätig. Dabei wurden
bei Tarifabschlüssen auch stets die jeweiligen Gegebenheiten in den unterschiedlichen
Branchen berücksichtigt. Technische Innovation und wirtschaftliche
Wettbewerbsfähigkeit der Industrie ist ein dauerhaftes Interesse der Gewerkschaften.
Die Rolle des politischen Verbandes konnte durch eine zunehmende
Institutionalisierung gefestigt werden, während eine inner-gewerkschaftliche, stabile
genossenschaftliche Struktur beibehalten wurde. Allerdings ist hier zu beachten, dass
der Fokus auf einem Kernklientel liegt (vgl. ebd.: 98-99).

Gewerkschaften in der Bundesrepublik Deutschland sind parteipolitisch unabhängige


Großorganisationen mit einem eher schwächeren Dachverband gegenüber mächtigen
Einzelgewerkschaften. Die Gewerkschaftslandschaft der Bundesrepublik wird
dominiert durch die Einzelgewerkschaften des DGB-Dachverbandes. Obwohl keiner
Partei zugehörig, herrscht traditionell eine enge Bindung zur SPD. Der 1955 gegründete

13
Christliche Gewerkschaftsbund (CGB) hat kaum noch Einfluss und wird in dieser Arbeit
daher nicht mit aufgenommen. Eine Besonderheit ist die vergleichsweise geringe
Streikhäufigkeit in Deutschland, auch aufgrund der lange Zeit hohen
Durchsetzungsfähigkeit der großen Einzelgewerkschaften. Heutzutage dominieren die
drei großen DGB-Gewerkschaften IG Metall, IG Chemie, Papier, Keramik und die
vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) die Gewerkschaftslandschaft. Die
Konzentration, bedingt durch finanzielle Probleme und Mitgliederrückgang, hat dazu
geführt, dass 75 Prozent der Mitglieder des Dachverbandes DGB einer der drei oben
genannten Organisationen angehören (vgl. Schroeder 2014: 28-30).

2.1.2 Die „goldenen“ Gewerkschaftsjahre: Wohlfahrtsstaatliche Expansion

Der DGB als Dachverband unterschiedlicher Branchengewerkschaften trat 1949 in


Erscheinung. Die Gewerkschaften konnten sich recht schnell in der jungen
Bundesrepublik etablieren, wobei ihr Organisationsgrad von Branche zu Branche
variierte. Zwar wuchsen die absoluten Mitgliederzahlen der DGB-Gewerkschaften von
5,4 Millionen (1950) auf 7,9 Millionen (1990), allerdings muss gleichzeitig auch ein
kontinuierlicher Anstieg der Beschäftigten beachtet werden. In den klassischen
Industrien, mit gut ausgebildeten Facharbeiter/innen als Kernbelegschaft, war der
Organisationsgrad generell hoch (vgl. Schönhoven 2014: 71). Eine Entwicklung, die, mit
Abstrichen, auch heutzutage noch ihre Gültigkeit besitzt. Interessanterweise konnten
oder wollten die Gewerkschaften in der Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs der
jungen Bundesrepublik einen Teil der neuen, aufstrebenden Arbeitnehmerschaft nicht
nachhaltig integrieren. Junge Arbeiternehmer und Frauen, die im großen Maße Zugang
zum Arbeitsmarkt erhielten, hatten eine geringere Bindung zu den eher traditionell
orientierten, durch Nationalsozialismus und Weltkrieg geprägten,
Gewerkschaftsführern (vgl. Lorenz 2013: 55-56).

Aus sozialstaatlicher Perspektive muss festgehalten werden, dass sich die Rolle der
Gewerkschaften mit zunehmendem Aufbau und Ausbau des deutschen
Wohlfahrtstaates deutlich verändert hat. Bedingt durch das enorme
Wirtschaftswachstum in den 1950er Jahren konnten auch verstärkt sozialstaatliche
Maßnahmen vorgenommen werden. Bereits in den 1960er Jahren erreicht daher auch
die alte Industriearbeiterschaft ein moderates Wohlstandsniveau, welches zur Folge
14
hatte, dass kollektive klassensoziologische Denkweisen nicht mehr der Realität
entsprachen. Das Bild des in die Enge getriebenen Proletariats hatte nur noch wenig
Gültigkeit. Prägende Persönlichkeiten wie Ludwig Erhard wollten Wohlstand in allen
Gesellschaftsschichten etablieren (vgl. Schönhoven 2014: 75). Gewerkschaftliche
Politik bedeutete in diesem Zusammenhang vor allem, den Arbeitnehmern eine
Teilhabe am allgemein aufkommenden Wohlstand zu sichern (vgl. Lorenz 2013: 54).
Der deutsche Wohlfahrtsstaat wurde bis in die 1970er Jahre kontinuierlich ausgebaut,
obwohl bereits 1966 eine Rezession auftrat. Um der Krise zu begegnen, schuf die
damalige Große Koalition erste Werkzeuge einer aktiven Arbeitsmarktpolitik, darunter
das Stabilitätsgesetz von 1967 und das Arbeitsförderungsgesetz von 1969 (vgl. Schulze
2012: 76). Letzteres sollte eine Abkehr von einer passiv-reaktiven zu einer eher
vorbeugenden Arbeitsmarkpolitik erwirken, in welcher der Staat einen größeren
Einfluss auf den Markt nehmen konnte. Das Ziel war ein hoher Beschäftigungsstand
mit gleichzeitigem Wirtschaftswachstum (vgl. Henneberger/Keller/Becker 2018). Die
Gewerkschaften stimmten beiden Gesetzen zu (vgl. Schulze 2012: 76). Als Reaktion auf
die wirtschaftliche Flaute schuf der damalige Wirtschaftsminister Karl Schiller (SPD)
dabei mit der Konzertierten Aktion ein erstes tripartistisches Instrument, welches von
1966 bis 1977 bestehen sollte. Schiller wollte bei regelmäßigen Zusammenkünften mit
Vertretern von Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden Interessensgegensätze
abschwächen und in wirtschaftlich zuträgliche Formen gießen. Vor allem ging es ihm
darum, etwaige ideologische Grabenkämpfe zu vermeiden und rational vernünftige
Entscheidungen zu treffen (vgl. Wolf 2000: 670-671). Die Konzertierte Aktion wird als
ein Höhepunkt gewerkschaftlicher Mitbestimmung betrachtet (vgl. Schulze 2012: 77).
Ein entscheidender Punkt für die Gewerkschaften war zudem der Regierungswechsel
1969, bei dem die bis dato regierende Große Koalition durch ein Bündnis von SPD und
FDP abgelöst wurde. Diese sozial-liberale Koalition nahm weitreichende
wohlfahrtsstaatliche Expansionen vor. Der Zeitraum stellte auch für die
Gewerkschaften einen Höhepunkt ihres Schaffens dar. Gewerkschaftliche Akteure,
sowohl innerhalb als auch außerhalb des Parlaments, trugen effektiv zu einer
sozialstaatlichen Expansion bei (vgl. Ostheim/Schmidt 2007: 166). Mehrere
hochrangige Gewerkschaftsfunktionäre, wie Georg Leber oder Walter Arendt nahmen,
unter der Ägide der SPD, Regierungsämter ein. Das Verhältnis von Gewerkschaften und

15
Sozialdemokraten war in dieser Phase besonders eng (vgl. Schulze 2012: 76-77). Die
Verbindung der beiden Akteure ist aus der Perspektive der Machtressourcentheorie
ein klares Indiz für eine starke Position der Lohnabhängigen in dieser Periode des
Sozialstaats. Die Gewerkschaften, als eine zentrale Machtressource der Arbeiter/innen,
verfügten dementsprechend über die nötigen Mittel, wie etwa einen hohen
Organisationsgrad oder eine starke parlamentarische Präsenz. Bemerkenswert ist die
starke Quote von SPD-Abgeordneten, die gleichzeitig auch Gewerkschaftsmitglieder
waren. Noch in der achten Wahlperiode der Bundesrepublik (1976-1980) gehörten
über 97 Prozent der SPD-Abgeordneten Gewerkschaften an, für die CDU/CSU lag
dieser Wert immerhin bei knapp 21 Prozent (vgl. Trampusch 2004: 187). Die
Arbeitsmarktpolitik stand dabei seit Ende der 1960er Jahre unter dem Einfluss von so
genannten Sozialpolitiker/innen. Diese verfügten meist über Erfahrungen in
Mitbestimmungs- und Gewerkschaftsarbeit. Die Folge waren Anpassungen im Sozial-
und Betriebsverfassungsrecht, welche eine aktive Mitbestimmung von Betriebsräten
weiter forcierten. Grundlage war die zuvor recht erfolgreiche Arbeit von Betriebsräten
und Unternehmen, die „[…] mit Hilfe des Sozial- und Arbeitsförderungsrechts
vorrübergehenden Arbeitsausfall, Rationalisierungen und Stilllegungen
sozialvertraglich abwickeln […]“, (Trampusch 2004: 183) konnten. Auch in den 1980er
Jahren sieht Trampusch die Sozialpolitiker/innen noch als mächtige Akteure in der
Arbeitsmarktpolitik (vgl. Trampusch 2009: 87). Allerdings wurde wohlfahrtsstaatliche
Expansionspolitik bereits durch die Ölkrise 1973 gebremst, zudem sorgte das Scheitern
der Konzertierten Aktion für Enttäuschung bei Gewerkschaftsvertretern. Dabei ist
jedoch zu beachten, dass die Konzertierte Aktion auch innerhalb der Gewerkschaften
umstritten war, da sie durch die hieraus entstandenen Verhaltensrichtlinien der
Bundesregierung, insbesondere in der Lohnpolitik, die Tarifautonomie in Gefahr sahen
(vgl. Schulze 2012:78; Wolf 2000: 670-671).

Insgesamt waren Gewerkschaften in der Phase des Ausbaus und der Konsolidierung
des Wohlfahrtsstaates erfolgreiche und dominante sozialpolitische Akteure. In Esping-
Andersens Modell der verschiedenen Wohlfahrtsstaatentypen findet Deutschland
seinen Platz im konservativ-korporatistischen Modell, in dem gewerkschaftliche
Beteiligungen an sozialpolitischen Entscheidungen die Regel sind (vgl. Jeanrond 2016:

16
69-70). Die Gewerkschaften in Deutschland konnten sich nach 1945 weiter etablieren
und sind laut Schroeder eindeutig „[…] zu den Gewinnern des Industriekapitalismus“
(Schroeder 2014: 13) zu zählen. Diese Feststellung ist für die Fragestellung dieser
Arbeit insofern von Bedeutung, als für die Rolle der Gewerkschaften bei den späteren
Arbeitsmarktreformen unter der Regierung Schröder ein Vergleich bereitsteht. Die
Tragweite der veränderten Prozesseinbeziehung der Gewerkschaften wird so erst
deutlich.

2.2 Vom Ausbau zum Umbau des deutschen Wohlfahrtsstaates:


Gewerkschaften unter Druck
Nach dem Auseinanderbrechen der sozial-liberalen Koalition 1982 gerieten die
Gewerkschaften unter der neuen CDU/CSU und FDP Regierung zunehmend in die
Defensive, bedingt durch nachlassende Mitgliederzahlen und der Oppositionsrolle der
SPD (vgl. Schulze 2012: 78). Kürzungen von Sozialleistungen unter der konservativ-
liberalen Regierung, wie etwa des Arbeitslosgeldes und der Arbeitslosenhilfe, konnten
von den Gewerkschaften nicht verhindert werden (vgl. Jeanrond 2016: 73-74). Diese
Maßnahmen führten zu anhaltenden Konflikten mit der Regierung Kohl während der
80er und 90er Jahre, unter anderem aufgrund des Antastens von gewerkschaftlichen
Basisprinzipien, wie beispielsweise die Absenkung des Kündigungsschutzes 1996 (vgl.
Schmidt 2003: 245). Die Gründe für die relative Schwäche der Gewerkschaften waren
vielfältig: Zwar erreichten die Mitgliederzahlen nach der Wiedervereinigung und der
damit einhergehenden Aufnahme von vielen neuen Mitgliedern aus den neuen
Bundesländern einen historischen Höchststand, eine dauerhafte Etablierung war den
Gewerkschaften im Osten jedoch nicht beschieden. Die dortigen Erwartungen konnten
nicht erfüllt werden, das Lohngefälle gegenüber dem Westen und
Massenarbeitslosigkeit veranlassten viele, wieder aus den Gewerkschaften
auszutreten (vgl. Schönhoven 2014: 77-78). Im Westen blieb zudem das Problem der
Überrepräsentation von überwiegend männlichen Industriearbeitern, während
Angestellte und Frauen stark unterrepräsentiert waren (vgl. Lorenz 2013: 68-69).
Arbeitslose und Langzeitarbeitslose konnten nicht oder nur schwerlich integriert
werden, die Gewerkschaften zeigten sich mit den hohen Arbeitslosenzahlen
überfordert. Dazu verschob sich das Machtverhältnis innerhalb der industriellen

17
Beziehungen hin zu Unternehmen, die abseits gemeinsamer Tarifpolitik auf
individuelle Lösungen setzen wollten (vgl. Schroeder 2003: 6-10).

Unbestritten ist, dass es während der Regierungsjahre von Kanzler Helmut Kohl auch
kooperative Momente mit den Gewerkschaften gab, beispielsweise beim Prozess der
deutschen Wiedervereinigung (vgl. Steinmüller 2018: 116). Auch hat die konservativ-
liberale Koalition keine neoliberale Kehrtwende vorgenommen. Obwohl teils
drastische Leistungskürzungen vorgenommen wurden, gab es keine grundlegenden
Strukturveränderungen (vgl. Butterwege 2018a: 153). Einer verschärften Gesetzeslage
unterlag jedoch vor allem der Arbeitsmarkt. Der unter rot-grün abgewickelte
Paradigmenwechsel zu einer aktivierenden Arbeitsmarktpolitik wurde in den 1990er
Jahren bereits vorbereitet. Der Trend zu einer Rekommodifizierung auf dem
Arbeitsmarkt war abzusehen. Das vom damaligen IG-Metall Vorsitzenden Klaus Zwickel
vorgeschlagene Bündnis für Arbeit fand bei Schwarz-Gelb kein Gehör (vgl. ebd.: 134-
135). Die Erwartungen an die neue rot-grüne Regierung waren demensprechend hoch.
Die Rolle der Gewerkschaften sollte dann jedoch in ganz andere Bahnen gelenkt
werden.

3. Umbau des Sozialstaats: Die Rolle der Gewerkschaften im


Zuge der Arbeitsmarktreformen seit Anfang der 2000er

3.1 Hartz-Kommission und Agenda 2010


Im Folgenden Kapitel soll die Rolle der DGB-Gewerkschaften bei Umbau- und
Abbaumaßnahmen des deutschen Sozialstaats genauer betrachtet werden. Da sowohl
in den einzelnen sozialpolitischen Feldern als auch über einen längeren Zeitraum
Reformen vorgenommen wurden, beschränkt sich diese Arbeit auf die Veränderungen
der Arbeitsmarktpolitik. Namentlich sind hier die Arbeitsmarktreformen der Agenda
2010 zu nennen. Nachdem das Reformpaket in aller Kürze vorgestellt wird, soll mit
Bezugnahme auf den eingangs erläuterten Machtressourcenansatz der
Gestaltungsspielraum der Gewerkschaften bei der Einführung bzw. Umsetzung der
Reformen untersucht werden.

18
Schon die Regierung Kohl hatte 1993 und 1996 Versuche unternommen, einen
Kurswechsel in der deutschen Sozialpolitik durchzuführen. Ein erstes Bündnis für
Arbeit wurde 1996 aufgrund inhaltlicher Konflikte von den Gewerkschaften
aufgekündigt. Einen zweiten Anlauf nahm die 1998 neu ins Amt gewählte Regierung
Schröder (vgl. Trampusch 2005: 9). Der Versuch, mithilfe der Gewerkschaften und
Arbeitgeberverbände die bestehenden Probleme auf dem Arbeitsmarkt, mit hoher
Arbeitslosigkeit und gleichzeitiger wirtschaftlicher Stagnation, zu beheben,
verdeutlicht die anfängliche Überzeugung der damaligen Bundesregierung, den
Herausforderungen mithilfe der Gewerkschaften zu begegnen. Letztlich scheiterte
auch das zweite Bündnis, diesmal allerdings durch Initiative der Bundesregierung.
Noch bevor das Bündnis für Arbeit offiziell aufgelöst wurde, war die neu
zusammengestellte und von tripartistischen Prinzipien abweichende Hartz-Kommission
ganz offensichtlich das maßgebliche Gestaltungsgremium. Gewerkschaften und
Arbeitgeberverbände waren nicht in der Lage, dauerhafte, kompromissorientierte
Lösungsansätze zu finden, eine Tatsache, die auch mit internen Konflikten
zusammenhängt. Lagerbildungen zwischen kompromissbereiten und
konfliktorientierten Mitgliedern der Gewerkschaften standen einem erfolgreichen,
gemeinsamen Reformprozess genauso im Weg wie der langsam aufkeimende Konflikt
zwischen denen, die einen Job haben und Arbeitssuchenden (vgl. ebd.: 10).

Das Scheitern des Bündnisses und die Zusammensetzung der Hartz-Kommission kann
als „[…] Erosion des Korporatismus […]“ (Trampusch 2009: 140) bezeichnet werden.
Konjunktureinbruch und wiederum erhöhte Arbeitslosenquote 2001 zwangen die
Bundesregierung zum Handeln. Hinzu kam 2002 der Vermittlungsskandal der
Bundesanstalt für Arbeit, die geschönte Vermittlungsstatistiken genutzt hatte und so
das ohnehin schon brüchige System zusätzlich erschütterten. Die von Kanzler Schröder
bestimmte Hartz-Kommission bestand aus 15 Mitgliedern und wurde mit sieben
Vertretern von Unternehmen besetzt, von Seiten des DGB waren nur IG-Metall und
ver.di dabei. Die Bundesregierung hatte die alleinige Entscheidungsbefugnis über die
Zusammensetzung der Kommission. Zeitgleich erhielt die Bundesanstalt für Arbeit
einen neuen Anstrich. Durch erhebliche Verkleinerungen in der Verwaltung verloren
viele der oben erwähnten Sozialpolitiker/innen ihre Anstellung und ihren Einfluss. Die

19
Empfehlungen der Hartz-Kommission fanden in den Hartz Gesetzen I bis IV von 2002
bis 2006 ihre praktische Umsetzung. Diese beinhalteten unter anderem eine
Verschärfung von Zumutbarkeitskriterien, die Einführung von Mini-Jobs und eine
Lockerung des Kündigungsschutzes. Nach dem erneuten Wahlsieg Ende 2002 und
Schröders Regierungserklärung zum Reformpaket der Agenda 2010 im März 2003
wurden weitere Umbaumaßnahmen auf dem Arbeitsmarkt in Angriff genommen: Die
Beschränkung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes auf 12 Monate für unter 55-
Jährige und die Zusammenlegung der Arbeitslosen- und Sozialhilfe (vgl. ebd.: 142-144).
Als Kernstück des Reformpakets ist das vierte Gesetz für moderne Dienstleistungen zu
bezeichnen, kurz Hartz IV genannt. Es regelte fortan das neue Arbeitslosengeld II,
welches die Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe auf dem Niveau des letzteren vereinte.
Die Kürzung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeld I ist streng genommen ein
separates Gesetz, im Allgemeinen wird es jedoch zu den Hartz-Gesetzen
hinzugerechnet (vgl. Wolfrum 2013: 545). Das Gesetz bedeutet mehr Deregulierung
und Liberalisierung, eine höhere Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und damit eine
fortan sehr viel geringere Dekommodifizierung. Erwerbslose werden angehalten sich
weniger auf die sozialen Sicherungssysteme zu verlassen, sondern sich mehr der Logik
des Marktes zu unterwerfen und die Verantwortung für ihren Erfolg allein zu
übernehmen. Butterwegge geht soweit, hier von einem Systemwechsel des
wohlfahrtsstaatlichen Grundmodells zu sprechen (vgl. Butterwegge 2018b: 116-121).
Denn „mit der Arbeitslosenhilfe […] wurde nämlich zum ersten Mal […] eine für
Millionen Menschen existenziell wichtige Transferleistung abgeschafft und das
dreigliederige Unterstützungssystem für Erwerbslose nach 75 Jahren zerschlagen“
(ebd.: 121). Eine Unterscheidung zwischen zuvor langen beschäftigten Erwerbslosen,
die im Bereich der Arbeitslosenhilfe Unterstützung erhielten und Erwerbsfähigen ohne
jegliche berufliche Vorgeschichte wurde von nun an nicht mehr gemacht. Erschwerend
sei, so Butterwegge, dass sich der Weg aus dem neu geschaffenen Arbeitslosengeld II
nicht immer einfach gestalte (vgl. ebd.: 122).

3.2 Die Gewerkschaften und die Agenda 2010


Im Folgenden soll nun die Rolle des DGB und seiner Gewerkschaften bei den
umfangreichen Umbaumaßnahmen des Arbeitsmarktes untersucht werden. Wie

20
Anfangs erwähnt, dient der Machtressourcenansatz in Kombination mit Ideen aus der
Korporatismusforschung als theoretische Grundlage der Untersuchung. Dabei werden
sowohl Elemente aus dem klassischen Ansatz nach Korpi und Esping-Andersen als auch
Überlegungen aus neueren Anpassungen, wie dem Jenaer Machtressourcenansatz,
berücksichtigt. Für die Operationalisierung des Ansatzes wurden einige der Kriterien
zur Bemessung der Stärke von Gewerkschaften zusammengefasst oder neu angepasst,
auch hier muss wiederum auf den nur begrenzten Umfang der vorliegenden Arbeit
verwiesen werden. Die Untersuchung verläuft dabei über fünf Kriterien: Der
Organisationskraft (1), der institutionellen Einbettung in den Entscheidungsprozess,
wozu auch die innerparlamentarische Präsenz der Gewerkschaften zählt (2), der
Konfliktfähigkeit und internen Geschlossenheit bezüglich sozialpolitischer
Positionierungen (3), der außerparlamentarischen Präsenz (4) und schließlich des
Verhältnisses zu den Sozialdemokraten (5). Diese Kriterien sollen helfen, ein
umfassendes Bild der Gestaltungsmacht und Rolle der Gewerkschaften im Zuge der
Umbaumaßnahmen auf dem deutschen Arbeitsmarkt, konkret in Form der Hartz-
Gesetze, insbesondere Hartz IV, darzulegen.

3.2.1 Organisationskraft

Ein einfacher Indikator für die Stärke der eigenen Organisationsfähigkeit ist die
Mitgliederanzahl. Bereits zuvor wurde erwähnt, dass diese, mit wenigen Ausnahmen,
im Laufe der Zeit abgenommen hat. Dabei spielten nicht unbedingt die absoluten
Zahlen eine Rolle, sondern vor allem die prozentuale Mitgliedschaft der gesamten
Arbeitnehmer, neben den klassischen Industriearbeiter/innen also auch Angestellte
oder Beamte. Für den Zeitraum der Hartz Gesetze und der Agenda 2010 ist aber auch
die absolute Mitgliederzahl kontinuierlich gesunken. Eine Ausnahme bildet das Jahr
2001, da hier geringe Zuwächse im Vergleich zum Vorjahr zu verzeichnen sind (vgl.
DGBa: Mitliederzahlen). Vordergründig ist hierfür aber die Fusion mehrerer
Einzelgewerkschaften zu ver.di verantwortlich (vgl. Schulze 2012: 224). Schon 2002
und 2003 sanken die Mitgliederzahlen weiter ab (vgl. DGBa: Mitgliederzahlen), ein
Zusammenhang mit den Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt ist für das kurze Hoch
daher nicht zu sehen. Vielmehr muss festgehalten werden, dass die DGB-
Gewerkschaften es nicht geschafft haben, sich so zu positionieren, dass ihre

21
Mitgliederzahlen von den Hartz Reformen, die wenig arbeitnehmerfreundlich waren,
gestärkt worden wären. Zudem bleibt die oben beschriebene Fokussierung auf das
Kernklientel. Für das Jahr 2003 verzeichnete der DGB insgesamt ca. 7,3 Millionen
Mitglieder, von denen fast 5 Millionen Mitglieder männlich waren. Das Verhältnis von
Arbeiter/innen und Angestellten betrug 4,2 Millionen zu ca. 2,3 Millionen Mitgliedern
(vgl. ebd.). Hier zeigt sich weiterhin die Dominanz der Industriearbeiter/innen. Der
Anteil der Erwerbstätigen, die gewerkschaftlich organisiert waren, ging von 1987 bis
2002 von 30 Prozent auf weniger als 20 Prozent zurück (vgl. Hassel 2003: 294). Diese
Entwicklungen lassen auf eine veränderte Verhandlungsposition schließen, als es noch
in den 1970er und 1980er Jahren der Fall war. Für die Mitgestaltungsmöglichkeiten bei
den Umbaumaßnahmen bedeutete dies für die Gewerkschaften eine Schwächung.

3.2.2 Institutionelle Einbettung in den Entscheidungsprozess

In diesem Zusammenhang muss zunächst an die bereits erwähnten tripartistischen


Aktionen erinnert werden, die sich durch starke korporatistische Elemente
auszeichnen. Hier wäre beispielsweise die Konzertierte Aktion von 1966 oder das 1998
ins Leben gerufene Bündnis für Arbeit zu nennen. Die Bonner und spätere Berliner
Republik kennt diese Art von Akteurseinbindungen im Rahmen der Sozialpolitik.
Institutionelle Macht der Gewerkschaften „[…] verkörpert einen stabilen und
strukturierenden Fixpunkt gewerkschaftlichen Handelns“ (Brinkmann/Nachtwey 2010:
21). Sie lässt sich ganz konkret an Arbeitsrecht oder Mitbestimmung festmachen und
zeichnet sich, nach der Etablierung, durch ihre Langlebigkeit aus. Allerdings besteht die
Gefahr, dass sich die Gewerkschaften, trotz tiefgreifender und grundlegender
Probleme, auf institutionelle Machtbasen fixieren und somit nur vordergründig stabil
wirken (vgl. ebd.: 21). Die DGB-Gewerkschaften waren es gewohnt, einen gewissen
Mitbestimmungsgrad zu erhalten, und auch die rot-grüne Regierung forcierte diesen
Kurs. Das neuerlich aufgelegte Bündnis für Arbeit war im Sommer 1998 das primäre
Wahlkampfthema für Kanzlerkandidat Schröder, er hoffte hiermit die Senkung der
Arbeitslosenzahlen zu erreichen (Hassel 2002: 58). Letztlich erklärte Schröder das

22
Bündnis für gescheitert und dies aus nachvollziehbaren Gründen. Das Bündnis war
inhaltlich überfordert, verfügte auch nicht über die Entscheidungsbefugnis, Beschlüsse
durchzusetzen und konnte zudem die Gegensätze der verschiedenen
Interessengruppen nicht überwinden. Mit der anschließenden Rede zur Agenda 2010
versuchte es Schröder daher mit einem eher präsidial geprägten Ansatz (vgl. Wolfrum
2013: 538.539).

Schon bei der Einsetzung der Hartz-Kommission 2002, währenddessen das Bündnis für
Arbeit offiziell noch Bestand hatte, zeigte sich ein verändertes Politikverständnis. Die
Kommission war nicht mehr strikt tripartistisch organisiert, sondern hatte neben den
Vertretern aus den Verbänden auch sieben Unternehmensvertreter dabei. Die zwei
teilnehmenden Gewerkschaftsvertreter waren nicht der ersten Garde der Funktionäre
zuzurechnen (vgl. Trampusch 2009: 142). Die Besetzung der Kommission ist daher als
Diskontinuität in der bisherigen Praktik des Verbandskorporatismus innerhalb der
Arbeitsmarktpolitik in Deutschland zu bezeichnen. Neben Politikern und
Unternehmern waren auch Wissenschaftler ein Teil der Kommission. Entscheidend
waren daher eher die anwesenden Persönlichkeiten, weniger die Verbände, die sie
repräsentieren sollten. Verbandsspitzen wurden bewusst herausgehalten (vgl.
Schroeder/Schulz 2009: 233). Die Auswahl wurde allein vom Kanzleramt bestimmt, die
Gewerkschaften bildeten daher nur eine von vielen Gruppierungen. Die
Bundesregierung erhoffte sich hierdurch, zu maßgeblichen Ergebnissen zu kommen,
ohne die Gegensätze der Verbände berücksichtigen zu müssen (vgl. Siefken 2007: 188-
191). Das Kanzleramt achtete penibel darauf, keine Gewerkschaftsvertreter zu
ernennen, die bereits über größere Erfahrungen in dem Politikfeld verfügten, da sie in
der Selbstverwaltung der Bundesanstalt für Arbeit aktiv waren. Ver.di Mitglied Isolde
Kunkel-Weber war vergleichsweise neu auf dem Gebiet der Sozialpolitik, der IG Metall
Vertreter Peter Grasse war Bezirksleiter in Nordrhein-Westfalen und ein persönlicher
Bekannter des Kommissionsleiters Peter Hartz (vgl. ebd. 192). Zudem veranlasste die
Bunderegierung zum Beispiel die Auflösung des Bundesministeriums für Arbeit und
Sozialordnung, „[…] die Stätte der großen Koalition aus christdemokratischen und
sozialdemokratischen Sozialpolitikern und mehr als jedes andere Ministerium eine Art
Verbändeherzogtum der Gewerkschaften“ (Schmidt 2005: 119). So gelang es dem

23
Kanzleramt, die Verbandsspitzen zurückzudrängen und die Verbände, sowohl
Gewerkschaften als auch Arbeitgebervertreter, nur „[…] selektiv […]“ (Siegel 2003:
175) mit einzubeziehen (vgl. Siefken 2007: 192). Gleichwohl ist bei der
Entscheidungsfindung der Hartz-Kommission kein völliger Bedeutungsverlust der
Gewerkschaften zu erkennen. Die Forderung der Gewerkschaften nach einer
Genderkontrolle, also der Gewährleistung von Chancengleichheit von Männern und
Frauen, konnte beispielsweise durchgesetzt werden. Außerdem nahm die Kommission
Abstand von zunächst vorgesehenen kollektiven Leistungskürzungen (vgl. Weimar
2004:178). Allerdings zeigten sich die Gewerkschaftsvertreter dann von den
tatsächlichen Umsetzungen enttäuscht.1

In den Bereich der Entscheidungsfindung fällt auch die parlamentarische Präsenz der
Gewerkschaften, welche wir im klassischen Machtressourcenansatz wiederfinden. 25
Abgeordnete und damit 3,7 Prozent der 669 Abgeordneten waren im 14. Bundestag 2
Angestellte einer Gewerkschaft. Fast 93 Prozent der SPD-Abgeordneten und immerhin
knapp 44 Prozent der gesamten Bundestagsabgeordneten gehörten in dieser Zeit einer
DGB-Gewerkschaft an. Auch über 80 Prozent der Regierungsabgeordneten waren
Gewerkschaftsmitglieder. Die DGB-Gewerkschaften verfügten im Vergleich zu den
vorherigen Legislaturperioden über eine wesentlich stärkere Präsenz im Parlament,
bedingt durch die vielen Mitglieder aus den Reihen der SPD-Abgeordneten. Die
Zusammensetzung des Parlaments in der zweiten rot-grünen Regierungsperiode war
dagegen weniger günstig für die Gewerkschaften. Die relative Anzahl der
Gewerkschaftsmitglieder unter den SPD-Abgeordneten sank auf knapp 74 Prozent,
insgesamt gehörten nur noch 35 Prozent der Abgeordneten einer DGB Gewerkschaft
an (vgl. Schulze 2012: 238-239). Weßels fügt in diesem Zusammenhang an, dass es im
Zeitraum von 1996 bis 2003 zu einer deutlichen Autonomisierung der Politik in ihrem
Verhältnis zu Verbänden gekommen ist. Er macht dies anhand von Kontakten der
Abgeordneten mit verschiedenen Interessengruppen fest, die deutlich abgenommen
hätten (vgl. Weßels 2007 162-163).

1
Siehe Kapitel 3.2.3
2
1998-2002

24
Der Einfluss der Gewerkschaften auf die Umbaumaßnahmen in der Arbeitsmarktpolitik
durch die Hartz-Gesetze war zunächst durchaus gegeben, wenn auch in einer für die
Bundesrepublik neuen Form, in dem die streng tripartistischen Formen aufgelöst
wurden und andere Elemente der gemeinsamen Entscheidungsfindung, wie durch die
Hartz-Kommission gezeigt, erprobt wurden. Dass die Gewerkschaften so zumindest
einen Teil ihres Einflusses abgeben mussten, liegt auf der Hand. Dennoch waren sie
auch am policy-making Prozess der Hartz-Reformen beteiligt und stimmten den
Ergebnissen der Kommission im Anschluss zu, schon allein der Tatsache geschuldet,
dass sie hier aktiv mitgearbeitet hatten. Allerdings wurde die konkrete Umsetzung des
vierten Hartz Gesetzes anschließend stark kritisiert. Schulz betont, dass die
Gewerkschaften die ersten drei Hartz Gesetze mittrugen, dem vierten jedoch zum Teil
entschieden entgegentraten (vgl. Schulze 2012: 246-247). Die tatsächlichen
Umsetzungen und die Ankündigung von Bundeskanzler Schröder, die umstrittenen
Reformen auch notfalls ohne die Gewerkschaften durchführen zu wollen, zeigen
deutlich einen begrenzten Einfluss auf das Parlament und das Gesetzgebungsverfahren
(vgl. ebd.: 240). Letztlich machte Schröder auch durch den Schulterschluss mit den
Unionsparteien und der FDP ein erfolgreiches Gesetzgebungsverfahren für das vierte
Hartz-Gesetz möglich (vgl. Butterwegge 2018b: 134).

3.2.3 Sozialpolitische Positionierung, interne Geschlossenheit und Konfliktfähigkeit

Zunächst muss erwähnt werden, dass der DGB keine grundsätzliche Abneigung
gegenüber Reformen zeigte, schon allein, weil zwei Gewerkschaftsmitglieder auch in
der Hartz-Kommission saßen. Ver.di Vorstandsmitglied Isolde Kunkel-Weber, die der
Hartz-Kommission beiwohnte, betonte, sie begrüße Ansätze, die zu einer schnelleren
und besseren Vermittlung von Arbeitslosen führen würden, sowie eine Neuordnung
der Leistungssysteme, allerdings ohne kollektive Leistungskürzungen. Angesichts der
dann folgenden Umsetzung der Hartz IV Reform, bei denen es sehr wohl zu kollektiven
Leistungskürzungen gekommen sei, erklärte sie: „Nicht in allen so genannten Hartz
Gesetzen ist auch Hartz drin!“ (Kunkel-Weber 2003: 7). Auch DGB-Chef Sommer
bezeichnete die Hartz-Vorschläge noch im September 2002 als für die
Arbeitsvermittlung möglicherweise „[…] zukunftsweisend […]“ (DGB 2002: 3). Bei
einem Umsetzungsprozess wolle der DGB kritisch, aber auch konstruktiv zur Seite

25
stehen (vgl. ebd. 3). Im Zuge der angekündigten Hartz IV Reform mit den
implementierten Leistungskürzungen und erhöhten Zumutbarkeitskriterien verlor der
DGB eine einheitliche Linie. Bundeskanzler Schröder hatte das Leistungsniveau des
neuen Arbeitslosengeldes II zunächst offen gelassen und im Sozialdemokratischen
Regierungsprogramm 2002-2006 angekündigt, dass ALG II nicht auf Sozialhilfeniveau
abzusenken. In seiner Regierungserklärung zur Agenda 2010 im März 2003 brach er
mit diesen zuvor gegebenen Zusicherungen (vgl. Butterwegge 2018b: 116-117). Die
Rede wurde von den Gewerkschaften teils scharf kritisiert, insbesondere IG Metall und
ver.di standen den neuen Gesetzesvorhaben äußerst kritisch gegenüber. Der IG Metall
Vorsitzende Zwickel und ver.di Chef Frank Bsirske äußerten öffentlich ihren Unmut,
letzterer hielt fest, die Reformen würden weit über die Reformpläne der vorherigen
schwarz-gelben Koalition hinaus gehen (vgl. Spiegel Online 18.10.2003). Eine direkte
Konfrontation mit der Bundesregierung wurde in Kauf genommen, ein Gespräch des
Bundeskanzlers mit DGB-Chef Sommer blieb ergebnislos. Demgegenüber
veröffentlichte der DGB im Mai 2003 ein Gegenkonzept, das so genannte Programm
für Wachstum und Beschäftigung, welches aus wirtschaftlicher Perspektive stark
nachfrageorientiert war (vgl. Egle/Zohlnhöfer 2007: 15). DGB und der Sozialverband
Deutschland drohten sogar damit, vor dem Bundesverfassungsgericht zu klagen.
Allerdings waren die Reaktionen auf die Vorschläge der Gewerkschaften eher
verhalten, denn die darin enthaltenen Lösungsansätze bezogen sich vor allem auf
althergebrachte Mittel wie staatliche Investitionsprogramme, hohe
Neuverschuldungen und Steuererhöhungen für Besserverdiener. Genau hier zeigt sich
das Dilemma des DGB: Ob gewollt oder ungewollt, die Gewerkschaften konnten ihren
Ruf als Reformbremser nicht ablegen. In den Augen vieler wirtschaftlicher Vertreter,
des reformwilligen Teils der SPD und der Opposition repräsentierten die
Gewerkschaften eine alte, überholte Ordnung, in der erhöhte Staatsausgaben und
Besteuerung der reichen Bevölkerungsschicht für Wachstum und allgemeinen
Wohlstand sorgen würden (vgl. Wolfrum 2013: 567-568). Angesichts der hohen
Arbeitslosenquote von über 10 Prozent für die Jahre 2003, 2004 und 2005 (vgl.
Bundesagentur für Arbeit 2018) und der internen Schwäche der Gewerkschaften mit
abnehmenden Mitgliederzahlen verpufften die Vorschläge. Zudem wurde immer
deutlicher, dass die rot-grüne Regierung die Reform wollte und nur zu kleineren

26
Änderungen bereit war (vgl. Wolfrum 2013: 574). Neben der geplanten Abschaffung
der Arbeitslosenhilfe stießen vor allem die Verkürzung der Bezugsdauer des
Arbeitslosengeldes und die verschärften Zumutbarkeitskriterien auf Wiederstand.
Bisher hatten die auf den jeweiligen Lohn bezogenen Leistungen der Bundesanstalt für
Arbeit ein gewisses Lohnniveau garantiert. Durch die verschärften Kriterien waren
Arbeitslose dazu angetrieben, zu niedrigen Lohnkonditionen zu arbeiten, andernfalls
drohte der komplette Leistungsentzug. Lohndumping schien die logische Folgerung zu
sein. Zudem sollte das Exklusivrecht der Gewerkschaften, die Tarifautonomie,
angetastet werden (vgl. Hassel/Schiller 2010: 265-266).

Nicht alle DGB-Gewerkschaften standen den Plänen von Hartz IV so kritisch gegenüber.
Hier ist die IG Bergbau, Chemie, Energie, kurz IG BCE, hervorzuheben, die zwar einige
Nachbesserungen der Agenda forderte, grundsätzlich das Programm aber
befürwortete, um eine Reformunfähigkeit Deutschlands abzuwenden. Der
gewerkschafts-interne Gegenentwurf für mehr Wachstum und Beschäftigung wurde
dann auch nicht von allen Einzelgewerkschaften unterstützt. IG BCE, die
Bahngewerkschaft Transnet und die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten
veröffentlichten ohne Absprache eine eigene Erklärung mit dem wegweisenden Titel:
Zukunft des Sozialstaats heißt: Ja zu Reformen! Zwar solle etwa bei der Höhe des
neuen Arbeitslosengeldes noch nachgebessert werden, grundsätzlich sei aber die
Bereitschaft für Reformen vorhanden. Damit wollten sich die Verantwortlichen auch
gegen die mit Gewerkschaften häufig verbundene Reformunwilligkeit wehren (vgl.
ebd.: 268-269). Während also ver.di und IG Metall gegen die Reform mobil machten,
waren IG BCE oder Transnet auch nach Bekanntgabe der Agenda-Pläne offen für die
Reformvorhaben. Möglicherweise lässt sich diese Uneinigkeit auch mit
branchenspezifischen Entwicklungen erklären. Die IG BCE betrieb schon seit den
1970er Jahren eine eigenständige, auf die Betriebe zugeschnittene Sozialpolitik,
sozusagen einen eigenen Branchenkorporatismus. Dies konnte allerdings auch nur
funktionieren, weil die Betriebe in der Großchemiebranche zu den profitabelsten
gehörten und die Arbeitnehmer/innen dementsprechend zu den
Höchstverdiener/innen in der deutschen Wirtschaft gehörten (vgl. ebd.: 127-128).
Insgesamt muss also festgehalten werden, dass die Gewerkschaften keine einheitliche

27
Linie verfolgten und bei ihren sozialpolitischen Forderungen teils undurchsichtig
agierten. Ein Trend, der sich bereits im gescheiterten Bündnis für Arbeit abzeichnete,
bei dem die Gewerkschaftsvertreter Schwierigkeiten hatten, eine eigene Position zu
finden (vgl. Hassel 2002: 58). Zwar wurden Reformen generell begrüßt, allerdings
häufig nur in einem solchen Maß, dass die Inhalte den Interessen der Gewerkschaften
ohnehin entsprechen würden (vgl. Hassel 2003: 297). Obwohl ein Gegenentwurf zur
Agenda veröffentlicht wurde, konnten sich die beteiligten Gewerkschaften nicht von
traditionellen, gewerkschaftsfreundlichen Lösungsansätzen trennen. Öffentlichkeit und
Experten nahmen hier allerdings eine ganz andere Position ein. Die Erkenntnis, dass
der deutsche Wohlfahrtsstaat in seiner ursprünglichen Form nicht bestehen bleiben
konnte, wurde in Teilen des DGB nur unzureichend akzeptiert (vgl. ebd.: 297-298). Eine
interne Zerrissenheit war die Folge, welche die Gestaltungskraft der Gewerkschaften
einschränkte. Der damalige DGB-Chef Sommer erklärte rückblickend, er bedauere die
inneren Grabenkämpfe der DGB Gewerkschaften und dass es ihm in dieser Zeit nicht
gelungen sei, die Gewerkschaften zusammenzuhalten und eine eigene, eindeutige
Position zu finden (vgl. Sommer 2014: 40).

3.2.4 Verhältnis zur SPD

Der vierte Analysepunkt bezieht sich auf den klassischen Machtressourcenansatz von
Korpi und Esping-Andersen, in welchem das Vorhandensein einer
Regierungsbeteiligung von eigenen oder nahestehenden Parteien untersucht wird. Die
DGB-Gewerkschaften verfügen traditionell über ein enges Verhältnis zur SPD, bedingt
dadurch, dass sie historisch betrachtet beide Repräsentantinnen der Arbeiter/innen
sind. Unter Bezugnahme der Cleavage-Theorie, die das Entstehen von
Parteiensystemen untersucht (vgl. Lipset/Rokkan 1967), nahm die SPD lange Zeit,
innerhalb der Konfliktlinie zwischen Kapital und Arbeit, ihren Platz auf der Seite der
Arbeit ein. Gewerkschaften auf der anderen Seite sind kollektive Zusammenschlüsse
von Arbeiter/innen, die die Interessen eben jener im Betrieb, aber auch im
wirtschaftlichen und politischen Raum, vertreten sollen.3 Nach dem klassischen
Machtressourcenansatz muss also davon ausgegangen werden, dass die
Gewerkschaften durch die rot-grüne Regierung einen Machtzuwachs erhalten haben

3
Siehe Kapitel 2.1

28
und die Macht der Lohnabhängigen in dieser Zeit gestiegen ist. Dass es aber auf der
anderen Seite gerade die SPD war, die die teils drastischen Umbaumaßnahmen
forcierte, überrascht in diesem Zusammenhang. Daher lohnt ein genauerer Blick auf
das Verhältnis zur SPD.

Die Frage zum Verhältnis zur Sozialdemokratie muss differenziert betrachtet werden
und kann nicht nur auf die Ereignisse rund um die Hartz IV Gesetzgebung beschränkt
werden. Insbesondere in der ersten rot-grünen Regierungsperiode war die Politik
Schröders gewerkschaftsfreundlich, beispielsweise bei der Rücknahme von Gesetzen
aus der Kohl-Ära. Schmidt sieht hier eine Diskrepanz, vor allem auf Seiten der
Gewerkschaften, die die Politik Schröders als wenig zuvorkommend wahrgenommen
und erst sehr spät honoriert hätten (vgl. Schmidt 2005: 112-123). Das tripartistisch
organisierte Bündnis für Arbeit war ein Vorschlag der Gewerkschaften und war „[…]
der arbeitsmarkt- und wirtschaftspolitische Kern des SPD Wahlkampfkonzepts“
(Wiesenthal 2014: 409) 1998. Auf der anderen Seite ließ eine Reihe von Ereignissen
deutlich werden, dass die Ideen der Schröder-SPD und den Gewerkschaften
möglicherweise stark auseinander divergierten. Zum einen ist hier der Rücktritt des
Parteivorsitzenden Oskar Lafontaine zu nennen, dessen Vorstellungen zwar auf
Zustimmung in den Gewerkschaften stießen, allerdings nicht von Kanzler Schröder
geteilt wurden (vgl. ebd.: 410). Zum anderen muss das so genannte Schröder-Blair
Papier von 1999 erwähnt werden, in dem ein so genannter neuer, dritter Weg
propagiert wurde. Die Sozialdemokratie sollte so einen frischen Anstrich erhalten,
Stichpunkte waren hier unter anderem „[…] Steuerentlastungen, Flexibilisierung,
Deregulierung, lebenslanges Lernen, Konzentration auf den Mittelstand […]“ (Wolfrum
2013: 148-149). Auch für Teile der SPD waren die liberalen Elemente der Erklärung
befremdlich (vgl. Wiesenthal 2014: 410). Dennoch unterstützte der DGB Schröders
Wahlkampf zur Bundestagswahl 2002 (vgl. Schulze 2012: 240).

Die Regierungserklärung Schröders 2003, in welcher er umfassende


Leistungskürzungen ankündigte, die im vierten Hartz Gesetz mündeten, wurde sowohl
von Gewerkschaften als auch von vielen SPD-Mitgliedern kritisiert (vgl. ebd.: 410).
Allerdings war der Konflikt zwischen SPD-Regierung und Gewerkschaften kein gänzlich
neues Phänomen. Beispielsweise kam es 1982 zu heftigen Auseinandersetzungen

29
zwischen Gewerkschaften und der sozial-liberalen Koalition unter Helmut Schmidt, als
letztere massive Einsparungen für den 1983er Haushalt ankündigte (vgl. Weßels 2007:
155). Die Gewerkschaften übernahmen dort die Rolle der „[…] eigentlichen
sozialpolitischen Opposition in der Bundesrepublik“ (Schmollinger/Stöss 1989: 94). Das
Gewerkschaften und SPD in der Zeit vor der Agenda fortwährend Seite an Seite
standen, entspricht daher nicht der Wahrheit. Dennoch bedeutete die Agenda und
Hartz IV ein Bruch in dem Verhältnis von SPD und DGB. Auch hier muss erwähnt
werden, dass Schröder ankündigte, die Reformen auch ohne die Gewerkschaften
durchführen zu wollen (vgl. Schulze 2012: 240). Zudem kam es zu einer
Rollenverschiebung: Während viele DGB-Gewerkschaften seit 2003 in scharfer
Opposition zur rot-grünen Regierung standen, erhielt ROT-Grün von Seiten der
Wirtschaftsverbände Zuspruch und Unterstützung. Zwar änderte sich dies bereits 2004
wieder, zeigt damit aber die Umkehrung der Verhältnisse während dieser Periode (vgl.
Weßels 2007: 157). Die klassische, einer Industrienation entsprechende
Verhältnismäßigkeit der Polaritäten hatte sich hier gewandelt. Die sozialdemokratische
Regierung nahm Reformen in Angriff, die teilweise über die Vorstellungen der
CDU/CSU hinausgingen und löste sich so von traditioneller sozialdemokratischer Politik
(vgl. Schulze 2012: 235). So betonte CDU/CSU Kanzlerkandidat Edmund Stoiber 2002,
er halte die Verkürzung des Arbeitslosengeldes für eine soziale Ungerechtigkeit (vgl.
Trampusch 2009: 142). Im Gegenzug gründeten Reformgegner aus SPD und
Gewerkschaften den später als Partei auftretende Wahlalternative Arbeit und soziale
Gerechtigkeit e.V., welcher sich für den Bundeswahlkampf 2005 mit der PDS vereinte
und dann als Partei Die Linke formierte. Fragwürdig ist allerdings, ob die erfolgte
Abwendung vieler Gewerkschaftler von der SPD und die Hinwendung zur PDS für die
Gewerkschaften nicht eher negative politisch-partizipatorische Effekte hatte. Durch
Gewerkschaften herbeigeführte Veränderungen konnten bei wichtigen Punkten der
Agenda 2010 jedenfalls nicht erzielt werden (vgl. Weßels 2007: 159). Das schwierige
Verhältnis zwischen SPD und DGB lässt sich auch an persönlichen Befindlichkeiten
erkennen. DGB-Chef Sommer und Bundeskanzler Schröder pflegten ein besonders
angespanntes Verhältnis, in dessen Verlauf Schröder den DGB-Chef mehrfach
öffentlich bloßstellte (vgl. Sommer 2014: 41). Gleichzeitig, so Sommer, habe die
Entfremdung aber auch dazu geführt, den DGB wieder politikfähig zu machen, da so

30
auch eine Zusammenarbeit mit anderen Parteien mehr in den Fokus gerückt sei (vgl.
ebd.: 41).

3.2.5 Außerparlamentarische Präsenz

Außerparlamentarischer Wiederstand gegen die Hartz IV Reform formierte sich zwar


im Laufe der Zeit, allerdings war das Verhältnis des DGB und seiner
Einzelgewerkschaften zu den Protesten uneindeutig. Während des
Gesetzgebungsprozesses gab es vor allem im innerparlamentarischen Raum
Wiederstand (vgl. Butterwegge 2018b: 142). Die ersten gewerkschaftlich organisierten
Protestaktionen wurden im Mai 2003 durchgeführt. Die Beteiligung verlief aber aus
Sicht der Gewerkschaften enttäuschend. Von den rund 200.000 erwarteten
Teilnehmer/innen kamen lediglich ca. 90.000 (vgl. Hassel/Schiller 2010: 269). Zum
einen waren für viele die Auswirkungen noch in weiter Ferne, zum anderen ist der
Kenntnisstand der Bevölkerung über den genauen Inhalt der Agenda und Hartz IV zu
diesem Zeitpunkt zweifelhaft. Zudem hatten die Gewerkschaften
Mobilisierungsprobleme, da die Einzelgewerkschaften unterschiedliche Meinungen zu
den Regierungsvorschlägen hatten und viele sich scheuten, das Verhältnis zur SPD zu
strapazieren (vgl. Peters 2004 521). Am 1. November 2003 fand eine große
Demonstration in Berlin statt, bei der, überraschenderweise ca. 100.000 Menschen
zusammenkamen. Auch hochrangige Gewerkschaftsvertreter/innen beteiligten sich,
unter anderem nahm Frank Bsirske an der Demonstration teil, obwohl weder DGB
noch eine der Einzelgewerkschaften zu dem Protest aufgerufen hatten. In der Folge
riefen aber auch der DGB zu Großdemonstrationen in verschiedenen deutschen
Städten auf (Butterwege 2018b: 142-143). Gerade die anfänglichen Schwierigkeiten,
eine kraftvolle mobilisierende Wirkung außerhalb des Parlaments zu entfalten, wurde
den Gewerkschaften als Schwäche ausgelegt. An den im April 2004 stattfindenden
Protestveranstaltungen nahmen zwar etwa eine halbe Millionen Menschen teil (vgl.
Peters 2004: 521), eine flächendeckende, dauerhafte Protestbewegung unter Führung
der Gewerkschaften stellte sich jedoch nicht ein. Die Gewerkschaften spielten bei den
so genannten Montagsdemonstrationen, die ab Sommer 2004 stattfanden, keine
übergeordnete Rolle. Diese, bald regelmäßig abgehaltenen Demonstrationen, griffen
auf zahlreiche Städte über und fanden vor allem in Ostdeutschland große

31
Unterstützung. Dabei setzten sich die Teilnehmer/innen nicht nur aus direkt
Betroffenen, also Arbeitslosen oder prekär Beschäftigten, zusammen, sondern einer
breiten Solidargemeinschaft (vgl. Butterwegge 2018b: 143-144). Der DGB begründete
fehlende Partizipation bei den Montagsdemonstration zunächst damit, nicht alle
Inhalte der Reformen abzulehnen. Drastischer war die Kritik in den Aktionen der
regionalen Gruppen der Einzelgewerkschaften, die die Hartz-Reformen teilweise nicht
verändern, sondern gänzlich abschaffen wollten (vgl. Schulze 2012: 252). Letztlich
bleibt hier festzuhalten, dass sich wohl die fehlende einheitliche Position der
Einzelgewerkschaften und des DGB negativ auf das Protestpotential ausgewirkt haben.
Dass dieses Potential vorhanden war, zeigen die Montagsdemonstrationen. Allerdings
spiegelten diese nicht die Stimmung im gesamten Land wieder und auch unter den
Gewerkschaftsmitgliedern waren die Meinungen zu den Reformen äußerst divergent
(vgl. Wolfrum 2013: 569).

4. Bewertung der Analyseergebnisse


Anhand verschiedener Kriterien wurde versucht, ein Bild des Umbaus oder, je nach
Lesart, Rückbaus des deutschen Sozialstaats und der dabei erfolgten Beteiligung der
Gewerkschaften zu bieten. Exemplarisch wurde sich hierbei auf das Politikfeld der
Arbeitsmarktpolitik beschränkt und als konkretes Handlungsbeispiel die Hartz IV
Reform und deren Umsetzung im Zuge der Agenda 2010 untersucht. Die einzelnen
Untersuchungsfelder haben gezeigt, dass sich die DGB-Gewerkschaften während des
Reformprozesses häufig in die Position einer scheinbaren Stärke drängen konnten,
allerdings letztlich nicht entscheidend an den am Ende festgelegten policy-outcomes
mitwirken konnten. Hierfür spielen verschiedene Gründe eine Rolle.

Organisationskraft

Zum einen hatten die Gewerkschaften seit geraumer Zeit mit Mitgliederverlusten zu
kämpfen. Um eine starke Verhandlungsposition einzunehmen, ist dies bereits eine
schlechte Voraussetzung. Dieser Prozess liegt unter anderem an den bis dato wenig
veränderten inneren Strukturen und dem Beharren auf dem Kernklientel der
männlichen Industriearbeiter. Hinzu kommen jedoch auch Faktoren wie die veränderte

32
Arbeitswelt im Zuge der Globalisierung und der Etablierung einer post-industriellen
Gesellschaft (vgl. Schönhoven 2014: 77).

Einbindung in den Entscheidungsprozess und parlamentarische Präsenz

Zweitens waren die DGB-Gewerkschaften in den beiden rot-grünen


Regierungsperioden zwar in policy-making Prozesse eingebunden, allerdings mit
differenzierten Ergebnissen. Die Beteiligung im Bündnis für Arbeit war letztlich eine
Sackgasse und führte auch zu der am Ende kompromisslosen Vorgehensweise der
Bundesregierung im Zuge der Agenda 2010. In Kapitel 3.2.2 wird deutlich, dass
Schröder für eine ergebnisorientierte Erarbeitung von Reformen keineswegs mehr auf
korporatistische Arrangements mit den Verbänden setzte, sondern, ganz konkret in
der Hartz-Kommission, Gewerkschaften und auch Arbeitgeberverbände bewusst
schwächer hielt. Ihm schien dies der erfolgsversprechende Weg. Für die
Gewerkschaften bedeutete dies wiederum eine Schwächung der eigenen Position.
Durch die Beteiligung von jeweils einem Vertreter der IG Metall und ver.di konnten die
Gewerkschaften dennoch an den Ergebnissen der Kommission mitarbeiten und einen
gewissen Einfluss nehmen, wie Weimar erwähnt (vgl. Weimar 2004: 178). Das
Abrücken der Kommission von ursprünglich geplanten kollektiven Leistungskürzungen
ist als Erfolg der Gewerkschaften zu verbuchen. Auch zeigen die Aussagen von ver.di
und Kommissionsmitglied Isolde Kunkel-Weber, dass sich die Gewerkschaften zum Teil
mit den originalen Ergebnissen der Hartz-Kommission zufriedengaben oder diese
zumindest anerkannten (vgl. Kunkel-Weber 2003: 7). Die Zusammenlegung von
Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe war für das ver.di Vorstandsmitglied kein Hindernis,
vielmehr belegen ihre Aussagen die Unterstützung für eine solche Maßnahme.
Schröders Ankündigung, die Vorschläge unverändert zu übernehmen, stellte sich
jedoch in diesem Fall als Trugschluss heraus, da durch das Absinken des neuen
Arbeitslosengeldes II auf das Sozialhilfeniveau schließlich doch erhebliche
Leistungskürzungen vorgenommen wurden. Auf diese Entscheidung konnten die
Gewerkschaften letztlich keinen Einfluss nehmen. Beim Gesetzgebungsverfahren
konnte er dann seine innerparteilichen Gegner durch die Stimmen der Opposition
aushebeln. Durch Schröders teilweise präsidialen Politikstil und seine Abkehr von
einem klassischen Verbändekorporatismus waren die politisch-institutionellen

33
Gestaltungsmittel für eben jene begrenzt. Die gesamten Hartz-Reformen bedeuteten
in ihren Ergebnissen dann insgesamt eine Schwächung für institutionelle
Machtressourcen der Gewerkschaften, bei denen wohlfahrtsstaatliche Fixpunkte und
Mitbestimmungsrechte begrenzt wurden. Neben der Einführung des ALG II oder der
Verkürzung des ALG I ist hier die Reduzierung des Kündigungsschutzes oder die
eingeschränkte Beteiligung an der Bundesagentur für Arbeit zu nennen (vgl.
Brinkmann/Nachtwey 2010: 22). Hassel spricht, auch bezüglich der parlamentarischen
Präsenz der Gewerkschaften, von einem sinkenden politischen Einfluss. Der Status
innerhalb der Elite des Landes sei schwächer geworden, da sich die Gewerkschaften
zusehends aus der politischen Arena zurückgezogen hätten und sich mehr auf die
Arena Arbeitsmarkt konzentrieren würden. Mit der politischen Arena ist hier vor allem
die Verflechtung im Parteiensystem gemeint. Die Agenda 2010 sei ein erster,
sichtbarer Schritt dieser Entwicklung, da es die Gewerkschaften nicht geschafft hätten,
Reforminhalte zu beeinflussen, geschweige denn zu verhindern (vgl. Hassel 2006: 219-
220).

Sozialpolitische Positionierung und Geschlossenheit

Drittens fehlte eine einheitliche, geschlossene Positionierung, um eine stärkere Rolle


bei der Gestaltung von Politikinhalten zu spielen. Sowohl die
Gewerkschaftsführer/innen als auch Mitglieder vertraten keine einheitliche Position
gegenüber den Reformvorhaben. Der Alleingang der IG BCE zeigt die innere
Zerrissenheit der verschiedenen Einzelgewerkschaften, die eher branchenspezifisch
dachten. Die Rolle des Dachverbands DGB ist in diesem Zusammenhang unklar, da
fraglich ist, wie handlungsfähig ein übergeordneter Einheitsverband ist, wenn die
einzelnen Gewerkschaften ihre eigene Politik betreiben. Harzt IV in seiner endgültigen
Umsetzung wurde vor allem von IG Metall und ver.di stark kritisiert. Allerdings fehlte
ein Gegenentwurf, der in der Öffentlichkeit als echte Alternative wahrgenommen
werden konnte. Gewerkschaftliche Vorschläge wie starke staatliche
Investitionsprogramme oder eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes unter Experten als
Rückkehr in eine veraltete Episode der Wirtschafts- und Sozialpolitik angesehen. Dabei
zeigten sich auch IG Metall und ver.di nicht generell reformunwillig. Der Akzeptanzgrad
war zwischen den Einzelgewerkschaften jedoch höchst unterschiedlich. Die IG BCE

34
nimmt dabei eine besondere Rolle ein, da sie sich am stärksten den
gewerkschaftspolitischen Traditionen verpflichtet fühlt. Sie führt seit jeher ein sehr
enges Verhältnis zur SPD, eine Entwicklung, die sich auch während des
Reformprozesses nicht veränderte (vgl. ebd.: 219). Demgegenüber steht beispielsweise
die Angestelltengewerkschaft ver.di mit dem damaligen Vorsitzenden Frank Bsirske,
einem Mitglied der Grünen, welcher nicht über die traditionellen politischen
Verflechtungen verfügt, in einer ganz anderen Position.

Verhältnis zur SPD

Viertens hat die Untersuchung deutlich gezeigt, dass das Verhältnis zur SPD, als quasi
natürliche Verbündete der Gewerkschaften, zum Teil widersprüchlich war und
teilweise in offener Gegnerschaft mündete. Obwohl daher nach Korpis
Machtressourcenansatzes die Regierungsbeteiligung einer klassisch-ideologischen
Partei vorlag, konnten die Gewerkschaften nicht entscheidend mitwirken, zumindest
nicht bei wichtigen Reformen der Arbeitsmarktpolitik. Dies hat mit der Entwicklung
einiger Einzelgewerkschaften zu tun, die sich, wie oben gezeigt, in ihren traditionellen
Verflechtungen verändert haben. Es hat zu einem großen Teil aber auch mit der
Entwicklung der SPD selbst zu tun, die unter Schröder eine neue Politik verfolgte und
sich teilweise gegen klassische sozialdemokratische Prinzipien gewandt hat.
Interessant ist hier der von Wolfrum vorgenommene Vergleich der SPD unter Schröder
mit der Labour-Partei in Großbritannien und ihrer charismatischen
Führungspersönlichkeit Tony Blair. Nach einer langen Periode konservativer
Regierungen haben konnten sowohl Schröder als auch Blair ihre Parteien zurück an die
Macht führen. Beide standen in einem regen Austausch. Nicht umsonst wurde das so
genannte Schröder-Blair Papier unter eben diesem Namen veröffentlicht. Auch das von
Tony Blair propagierte Konzept welfare to work erinnert stark an Schröders späteres
Fördern und Fordern. Ziel sei ein dritter Weg. Weder die Fortführung des
Neoliberalismus noch eine Rückkehr zu einer klassisch gesteuerten Nachfrage und
Umverteilungspolitik sollte das Ziel sein, sondern eine Angebotspolitik von links (vgl.
Wolfrum 2013: 138-147). Einige Gewerkschaften, aber auch Teile der SPD, wie die
Gründung der Wahlalternative und späteren Linken zeigt, wollten eine solche Politik
mittragen.

35
Außerparlamentarische Präsenz

Zuletzt ist anzumerken, dass die Gewerkschaften auch bei außerparlamentarischen


Aktionen keine durchweg einheitliche Linie fuhren und hierdurch keine nachhaltigen
Veränderungen erreichen konnten. Zwar kam es auch zu gewerkschaftlich
organisierten Protestaktionen, die im Jahr 2004 hohe Teilnehmerzahlen erreichten,
diese blieben jedoch Einzelaktionen. Die medial stark wahrgenommenen
Montagsdemonstrationen waren für die Bundesregierung unangenehm, waren aber
grundsätzlich nicht gewerkschaftlich organisiert und konnten zumindest die Hartz IV
Reform nicht verhindern.

5. Ausblick
Die vorliegende Arbeit hat gezeigt, dass die gewerkschaftlichen Machtressourcen
gegenüber dem konkreten Umbauprozess im Bereich der Arbeitsmarktpolitik eher
ungünstig waren. Letztlich konnte nicht entscheidend bei der Umsetzung mitgewirkt
werden, obgleich dies auch nicht von allen Einzelgewerkschaften gewollt war. Der
Gestaltungsrahmen war sehr eng; das gesellschaftliche Klima eher nicht
gewerkschaftsfreundlich. Interessant wäre eine Untersuchung weiterer
sozialpolitischer Ereignisse. In der gewerkschaftsnahen Literatur wird zum Teil bereits
das Comeback der Gewerkschaften ausgerufen (vgl. Schmalz/Dörre 2013). In dieser
Hinsicht wird beispielsweise die gesetzliche Einführung des Mindestlohns als Erfolg
verbucht. Dennoch ist der Mitgliederverlust auch heutzutage noch ein Problem für die
meisten Einzelgewerkschaften, andere, wie die IG Metall, zeigen sich zumindest relativ
stabil (vgl. DGBb: Mitgliederzahlen). Wie nachhaltig diese Entwicklung ist, muss sich in
den kommenden Jahren zeigen. Tatsächlich scheint die Folge der Erfahrungen rund um
die Agenda 2010 ein Überdenken der althergebrachten Strategien zu sein, so jedenfalls
lässt es sich in der neueren Literatur wiederfinden (vgl. hierzu z.B. Brinkmann et al.
2008). Gewerkschaften müssen die veränderte Arbeitswelt als gegeben hinnehmen
und möglicherweise ihre klassische Rollenwahrnehmung erweitern, dazu gehört es, vor
allem jüngere Menschen von einem Beitritt zu überzeugen. Das dies in einem
Arbeitsumfeld mit häufigen Jobwechseln nicht einfach ist, liegt auf der Hand. Zudem
ist zum Beispiel die IG Metall bisher die einzige Einzelgewerkschaft, die die kulturelle

36
Vielfalt in der deutschen Gesellschaft mit aufgegriffen hat, sowohl im Bereich der
Mitglieder als auch auf Funktionärsebene (vgl. Dernbach 2018). Mittelfristig werden
Gewerkschaften auch weiterhin eine gewisse Relevanz behalten, langfristig ist dies
allerdings nicht gesichert.

6. Literaturverzeichnis
Print-Veröffentlichungen

Brinkmann, Ulrich/Choi, Hae-Lin/ Detje, Richard/Dörre, Klaus/Holst, Hajo/Karakayali,


Serhat/Schmalstieg, Catharina (2008): Strategic Unionism. Aus der Krise zur Erneuerung?,
Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Brinkman, Ulrich/Nachtwey, Oliver (2010): Krise und strategische Neuorientierung der


Gewerkschaften, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 13-14, 29. März 2010. S. 21-29.

Butterwege, Christoph (2018a): Krise und Zukunft des Sozialstaats, Wiesbaden, Springer
Fachmedien.

Butterwege, Christoph (2018b): Hartz IV und die Folgen. Auf dem Weg in eine andere
Republik?, Weinheim, Beltz Iuventa.

Czada, Roland (1995): Korporatimus/Neo-Korporatismus, in: Nohlen, Dieter (Hrsg.):


Wörterbuch Staat und Politik. Bonn, Lizensausgabe für die Bundeszentrale für politische
Bildung, S. 365-370.

Dörre, Klaus (2010): Überbetriebliche Regulierung von Arbeitsbeziehungen, in: Böhle,


Fritz/Voß, G. Günther/Wachtler, Günther (Hrsg.): Handbuch Arbeitssoziologie, Wiesbaden, VS
Verlag für Sozialwissenschaften, S. 873-912.

Dörre, Klaus/Schmalz, Stefan (2013): Comeback der Gewerkschaften? Eine machtsoziologische


Forschungsperspektive, in : Schmalz, Stefan/Dörre, Klaus (Hrsg.): Comeback der
Gewerkschaften? Machtressourcen. Innovative Praktiken. Internationale Perspektiven,
Frankfurt am Main, Campus Verlag, S. 13-38.

Dörre, Klaus/Goes, Thomas/Schmalz, Stefan/Thiel, Marcel (2016): Streikrepublik Deutschland?


Die Erneuerung der Gewerkschaften in Ost und West, Frankfurt am Main, Campus Verlag.

Egle, Christoph/Zohlnhöfer, Reimut (2007.): Der Episode zweiter Teil – ein Überblick über die
15. Legislaturperiode, in: Egle, Christoph/Zohlnhöfer, Reimut (Hrsg.): Das Ende des rot-grünen
Projektes. Eine Bilanz der Regierung Schröder 2002-2005, Wiesbaden, VS Verlag für
Sozialwissenschaften, S.11-28.

Esping-Andersen, Gøsta (1990): The Three Worlds of Welfare Capitalism, Princeton, Princeton
University Press.

37
Esser, Josef (2014): Funktionen und Funktionswandel der Gewerkschaften in Deutschland, in:
Schroeder, Wolfgang (Hrsg.): Handbuch Gewerkschaften in Deutschland, Wiesbaden, VS Verlag
für Sozialwissenschaften, S. 85-105.

Hassel, Anke (2002): Sozialpakte: Die deutschen Gewerkschaften im Bündnis für Arbeit, in:
Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen 2/2002, S. 58-67.

Hassel, Anke (2003): Die Lage der deutschen Gewerkschaften, in: Gewerkschaftliche
Monatshefte 05/2003, S. 294-298.

Hassel, Anke (2006): Zwischen Politik und Arbeitsmarkt. Zum Wandel gewerkschaftlicher Eliten
in Deutschland, in: Herfried Münkler/Grit Straßenberger/Mathias Bohlender (Hrsg.):
Deutschlands Eliten im Wandel, Frankfurt am Main, Campus Verlag, S. 199-220.

Hassel, Anke/Schiller, Christof (2010): Der Fall Hartz IV. Wie es zur Agenda 2010 kam und wie
es weitergeht, Frankfurt am Main, Campus Verlag.

Jeanrond, Hanna (2016): Gewerkschaften als sozialpolitische Akteure. Der Wandel interner
und externer Machtressourcen der deutschen Gewerkschaften im Transformationsprozess des
Sozialstaates, Universitätsbibliothek Kassel.

Kohl, Helmut (1974): Die Stellung der Gewerkschaften in Staat und Gesellschaft, in:
Gewerkschaftliche Monatshefte, 25, S. 621 – 629.

Korpi, Walter (1998): The Iceberg of Power below the Surface. A Preface to Power Resources
Theory, in: O`Connor, Juia S./Olsen, Gregg M.: Power Resources Theory and the Welfare State,
Toronto, University of Toronto Press, S. vii-xiv.

Lipset, Seymour Martin/Rokkan, Stein (1967): Cleavage Structures, Party Systems, and Voter
Alignments. An Introduction, in: Lipset/Rokkan (Hrsg.): Party Systems and Voter Alignments.
Cross-National Perspectives, New York, Free Press, S. 1–64.

Lorenz, Robert (2013): Gewerkschaftsdämmerung. Geschichten und Perspektiven deutscher


Gewerkschaften, Bielefeld, transcript Verlag.

Lösche, Peter (1995): Gewerkschaften, in: Nohlen, Dieter (Hrsg.): Wörterbuch Staat und Politik.
Bonn, Lizensausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, S. 220-229.

Ostheim, Tobias/Schmidt, Manfred G. (2007): Die Machtressourcentheorie, in: Schmidt,


Manfred G./Ostheim, Tobias/Siegel, Nico A./Zohlnhöfer, Reimut A. (Hrsg.): Der
Wohlfahrtsstaat. Eine Einführung in den historischen und internationalen Vergleich,
Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 40-50.

Peters, Jürgen (2004): Warum wir in Deutschland einen Politikwechsel brauchen, in:
Gewerkschaftliche Monatshefte, 09/2004, S. 618-627.

Pierson, Paul (2001): Investigating the Welfare State at Centurys End, in: Pierson, Paul (Hrsg.):
The new politics of the welfare state, Oxford, Oxford University Press, S.1-17.

38
Pierson, Paul (2011): The welfare state over the very long run, in: ZeS-Arbeitspapier, No.
2/2011.

Reiter, Renate (2017): Einleitung. Sozialpolitik als Gegenstand der Politikfeldanalyse, in: Reiter,
Renate (Hrsg.): Sozialpolitik aus politikfeldanalytischer Perspektive. Eine Einführung,
Wiesbaden, Springer VS, S. 1-51.

Schmidt, Manfred G. (2003): Rot-grüne Sozialpolitik (1998-2002), in: Egle, Christoph/Ostheim,


Tobias/Zohlnhöfer, Reimut (Hrsg.): Das rot-grüne Projekt. Eine Bilanz der Regierung Schröder
1998-2002, Westdeutscher Verlag, S. 239-258.

Schmidt, Manfred G. (2005): Sozialpolitik in Deutschland. Historische Entwicklung und


internationaler Vergleich, Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Schmollinger, Horst W./Stöss, Richard (1989): Arbeitnehmer, Gewerkschaften und SPD in der
Krise der achtziger Jahre, in: Herzog, Dietrich/Weßels, Bernhard (Hrsg.): Konfliktpotentiale und
Konsensstrategien. Beiträge zur politischen Soziologie der Bundesrepublik, Opladen,
Westdeutscher Verlag, S. 68-98.

Schroeder, Wolfgang (2003): Der neue Arbeitsmarkt und der Wandel der Gewerkschaften, in:
Aus Politik und Zeitgeschichte, B 47-48, S. 6-13.

Schroeder, Wolfgang/ Schulz, Andreas D. (2009): Arbeitsmarktpolitik und Sozialpartner, in:


Bothfeld, Silke/Sesselmeier, Werner/Bogedan, Claudia (Hrsg.): Arbeitsmarktpolitik in der
sozialen Marktwirtschaft, Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 220-238.

Schroeder, Wolfgang (2014a): Gewerkschaften im Transformationsprozess:


Herausforderungen, Strategien und Machtressourcen, in: (ders.): Handbuch Gewerkschaften in
Deutschland, Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 13-46.

Schroeder, Wolfgang (2014b): Perspektiven der industriellen Beziehungen in der deutschen


Exportwirtschaft und die Rolle der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009, in: Sozialer
Fortschritt 1-2/2014, S. 21-30.

Schulze, Michaela (2012): Gewerkschaften im Umbau des Sozialstaats, Wiesbaden, VS Verlag


für Sozialwissenschaften.

Siefken, Sven T. (2007): Expertenkommissionen im politischen Prozess: eine Bilanz zur rot-
grünen Bundesregierung 1998-2005. Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Streeck, Wolfgang (2006): Nach dem Korporatismus. Neue Eliten. Neue Konflikte, in: Münkler,
Herfried/Straßenberger, Grit/Bohlender, Matthias (Hrsg.): Deutschlands Eliten im Wandel,
Frankfurt am Main, Campus Verlag, S. 149-177.

Schönhoven, Klaus (2014): Geschichte der deutschen Gewerkschaften: Phasen und Probleme,
in: Schroeder, Wolfgang (Hrsg.): Handbuch Gewerkschaften in Deutschland, Wiesbaden, VS
Verlag für Sozialwissenschaften, S. 57-83.

Steinmüller, Florian (2018): Arbeitsmarkt und Rentenpolitik in Deutschland und Frankreich,


Wiesbaden, Springer Fachmedien.

39
Trampusch, Christine (2004): Staat, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände in der
Arbeitsmarktpolitik. Die Reformfähigkeit der Bundesanstalt für Arbeit, in: Lütz, Susanne/Czada
Roland (Hrsg.): Wohlfahrtsstaat. Transformation und Perspektiven, Wiesbaden, VS Verlag für
Sozialwissenschaften, S. 179-206.

Trampusch, Christine (2005): Sozialpolitik in Post-Hartz Germany. Köln: Max-Planck-Institut für


Gesellschaftsforschung.

Trampusch, Christine (2009): Der erschöpfte Sozialstaat. Transformation eines Politikfeldes,


Frankfurt a. M./New York: Campus.

Urban, Hans-Jürgen (2010): Wohlfahrtsstaat und Gewerkschaftsmacht im Finanzmarkt-


Kapitalismus. Der Fall Deutschland, in: WSI-Mitteilungen, 09/2010, S. 443-450.

Veil, M. (2001). Neuorientierung der Wohlfahrtsstaaten in Zeiten der Globalisierung. Verluste


und Gewinne, in: Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft, 30(2), 161-170.

Weimar, Anne-Marie (2004): Die Arbeit und die Entscheidungsprozesse der Hartz-Kommission.
Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Weßels, Bernhard (2007): Organisierte Interessen und Rot-Grün. Temporäre


Beziehungsschwäche oder Entkoppelung zwischen Verbänden und Parteien, in: Christoph
Egle/Reimut Zohlnhöfer (Hrsg.), Ende des rot-grünen Projektes. Eine Bilanz der Regierung
Schröder 2002-2005, Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 151-167.

Wiesenthal, Helmut (2014): Gewerkschaften in Politik und Gesellschaft. Niedergang und


Wiederkehr des „Modells Deutschland“, in: Schroeder, Wolfgang (Hrsg.): Handbuch
Gewerkschaften in Deutschland, Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 395-424.

Wolf, Michael (2000): Von der Konzertierten Aktion zum Bündnis für Arbeit, in: UTOPIE kreativ
117:6, S. 669-680.

Wolfrum, Edgar (2013): Rot Grün an der Macht. Deutschland 1998-2005, München, C. H. Beck.

Online Quellen

Bundesagentur für Arbeit (2018): Arbeitslosenquote in Deutschland im Jahresdurchschnitt von


1996 bis 2018, [online]
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1224/umfrage/arbeitslosenquote-in-
deutschland-seit-1995/ [23.09.2018]

Dernbach, Andrea (2017): Metaller sind "ein Spiegel der Gesellschaft", in: Tagespiegel online
vom 27.10.2017. [online] https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/migranten-und-
gewerkschaft-metaller-sind-ein-spiegel-der-gesellschaft/20501102.html [29.09.2018]

DGB(a) Mitgliederzahlen 2000-2009 [online] http://www.dgb.de/uber-uns/dgb-


heute/mitgliederzahlen/2000-2009 [24.09.2018]

40
DGB(b) Mitgliederzahlen 2010-2017 [online] http://www.dgb.de/uber-uns/dgb-
heute/mitgliederzahlen/2010 [28.09.2018]

DGB (2002): DGB will „keine Rosinenpickerei“, in: einblick, 15/02, S.3. [online]
file:///C:/Users/steffen/Downloads/einblick_2002%20(1).pdf [24.09.2018]

Henneberger, Fred/Keller, Berndt/Becker, Joachim (2018): Arbeitsförderungsgesetz, in: Gabler


Wirtschaftslexikon, 19.02.2018 [online]
https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/arbeitsfoerderungsgesetz-afg-27179/version-
250841 [25.09.2018)

Kunkel-Weber, Isolde (2003): „Wo Hartz draufsteht, ist nicht unbedingt Hartz drin“, in: einblick,
04/2002, S.7. [online] file:///C:/Users/steffen/Downloads/einblick_2003.pdf [24.09.2018]

Sommer, Michael (2014): „Wir waren innerlich zerrissen“, Spiegel-Gespräch mit DGB-
Vorsitzenden Sommer, in: Der Spiegel, Nr. 18, 28.04.2014, S.40-42. [online]
http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/126717929 [25.09.2018]

Spiegel Online (2003): „Mit der Agenda wird die Kohl-Politik noch getoppt“, [online]
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/reformen-mit-der-agenda-2010-wird-die-kohl-
politik-getoppt-a-270385.html [23.09.2018]

Streeck, Wolfgang (1999): Die Gewerkschaften im Bündnis für Arbeit, MPIfG Working Paper
99/11, Oktober 1999 [online] http://www.mpifg.de/pu/workpap/wp99-11/wp99-11.html
[23.09.2018]

41