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KURTSCHEFFBUCH

R. Brockhaus Verlag
Kurt Scheffbuch • Erfolg - und was dann?
Kurt Scheffbuch

Erfolg — und was dann?


Ein Mann der Wirtschaft
zieht Bilanz

R. BROCKHAUS VERLAG WUPPERTAL


i team
Bücher, die dieses Zeichen tragen, wollen die Botschaft von
Jesus Christus in unserer Zeit glaubhaft bezeugen.
Das ABCteam-Programrn umfaßt:
— ABCteam-Taschenbücher
— ABCteam-Paperbacks mit den Sonderreihen:
Glauben und Denken (G+D) und Werkbücher (W)
— ABCteam- Jugendbücher (J)
— ABCteam-Geschenkbände

ABCteam-Bücher erscheinen in folgenden Verlagen:


Aussaat Verlag Wuppertal / R. Brockhaus Verlag Wuppertal
Brunnen Verlag Gießen / Bundes-Verlag Witten
Christliches Verlagshaus Stuttgart / Oncken Verlag Wuppertal
Schriftenmissions-Verlag Gladbeck
ABCteam-Bücher kann jede Buchhandlung besorgen.

Quellennachweis: Michel Quoist, Herr da bin ich - Gebete. Verlag


Styria Graz/Wien/Köln 1975 - Theodor Spoerri, Dynamik aus der
Stille. Die Aktualität Frank Buchmans. Aussaat Verlag Wuppertal
1971 -Jörg Zink, Zwölf Nächte. Ev. Buchgemeinde Stuttgart - Inge-
borg Kiefel/Jose Fremder, Den Andern sehen. Johannes Kiefel Ver-
lag Wuppertal 1974 - Ulrich Schaffer, Gott, was willst du? Nachden-
ken über Psalmen. Oncken Verlag Wuppertal 1976 - Heinrich Böll,
Eine Welt ohne Christus in: K. Deschner, Was halten Sie vom
Christentum? Paul List Verlag München 1957.

©1977 R. Brockhaus Verlag Wuppertal


Umschlaggestaltung: Ralf Rudolph, Ratingen
Druck: Herrn. Weck Sohn, Solingen
ISBN 3-417-12127-2
Inhalt
Das abgerissene Gespräch 9

/. Woranglauben wir? 11
Der Glaube an den Erfolg wird brüchig 13
Was sind Ideologien noch wert? 17
Gibt es einen gültigen Maßstab? 21
Beziehungen müßte man haben 23
Neue Blickrichtung 25
Wie finde ich die Wahrheit? 28
Viele Antworten—doch nur eine Lösung? 31

//. Der Glaube in der Auseinandersetzung 35


Glaube-Garantie für Erfolg? 37
Zum Erfolg verurteilt? 39
Drang nach Bestätigung 44
Schwäche des Systems 48
Duft der großen, weiten Welt 51
Wenn die Kraft nicht ausreicht 55
ImHärte-Test 58

///. Wirbrauchen eine Neuorientierung 61


Haben wir ein Ziel? 63
Erfülltes Leben 66
Der Schrei nach Erneuerung 69
Unser Ich ist eingemauert 73
Kleine Ursache-große Wirkung 77
Christen im Aufwind 79
Das Einzigartige 82
Persönliche Notizen 86
Wichtige Bücher 87
Diese Schrift richtet sich an

Menschen, die in einem harten Beruf stehen und manchmal


nach dem Sinn ihrer Arbeit fragen

die junge Generation, die den Beruf noch vor sich hat mit al-
len Hoffnungen und Möglichkeiten

alle, denen unsere moderne Arbeitswelt fremd und unver-


ständlich ist, und die doch Erfolg suchen - und mehr als
Erfolg.
Es gibt persönliche Fragen, die uns heute im Beruf aufwühlen,
die aber fast nie unter den Beteiligten zur Sprache kommen.
Dazu habe ich Stellung genommen, und ich bitte Sie, eben-
falls persönlich zu diesen Fragen Stellung zu nehmen.
Vielleicht machen Sie mit Stift Ihre Anmerkungen, Frage-
zeichen oder Zeichen der Zustimmung? Es wird empfohlen,
nicht mehr als ein oder zwei Kapitel pro Tag zu lesen.
So könnte es eine Art Gespräch werden zwischen Leser und
Verfasser - zwischen zwei Beteiligten, die engagiert und
ehrlich sein wollen.
Das abgerissene Gespräch
Es war ein schwieriger, aber erfolgreicher Tag. Stundenlang
wurde zäh verhandelt. Zuerst schien es, als ob wir nie auf einen
gemeinsamen Nenner kommen würden. Ein Großauftrag war
in Sicht, aber die Gegenseite stellte Forderungen, die in dieser
Form nicht akzeptabel waren.
Schließlich war es soweit. Die Kompromißformel war gefun-
den. Befriedigt, aber sichtlich ermattet, zogen sich beide Ver-
handlungsparteien zurück.
»Sie können mit Ihrem Ergebnis zufrieden sein«, sagte ich
anerkennend zu meinem Gesprächspartner, als wir am Abend
zu einem Abschlußessen zusammenkamen.
»Zufrieden - schon«, meinte er, »aber es stand viel auf dem
Spiel, und ich habe nicht mehr mit einer Einigung gerechnet.«
Da waren wir mitten im angeregten Gespräch. Im zähen Ver-
handeln haben wir uns gegenseitig akzeptieren gelernt. Jetzt
fragten wir uns im lockeren Austausch: Warum haben wir uns
nicht früher geeinigt? Die Formel, über der wir uns verständig-
ten, war doch so einleuchtend und überzeugend. Stundenlang,
ja manchmal Tage, kämpfen wir im Gestrüpp verwirrender
Details. Die Lösung ist so nahe, aber wir sehen sie nicht. Oder
wir sehen eine Lösung, aber irgendetwas hindert uns, sie zu
verwirklichen.
Es war fast Mitternacht. Wir waren körperlich müde, aber
das Bewußtsein war wach. Wie aufgewühlt. Das Gespräch
wurde allmählich gelöster, freier. Der Mensch, der mir gegen-
übersaß, war mir auf einmal nicht mehr fremd. Er sprach von
der immer größer werdenden Last seines Unternehmens und
sagte:
»Manchmal frage ich mich, ob sich das denn alles lohnt?
Wenn das alles ist...«
Ich sah in seine resignierten, müden Augen. Was für eine
Ehrlichkeit sprach aus ihm! Ich wollte etwas sagen, aber es ver-
schlug mir die Sprache. Mit Mühe fand ich ein paar Worte, die
meine Anteilnahme ausdrücken sollten. Etwas belanglos war
es, und nur stockend kam es heraus. Aber ich wollte doch keine
billige Antwort... Können Rezepte helfen, wenn ein Mensch
so ehrlich mit sich ist?
Etwas später wurde das Gespräch abgebrochen. Die Taxis
standen bereit. Jetzt war keine Zeit mehr für gelöstes Sprechen.

Ist Erfolg alles? Gibt es wirklich nicht mehr?


In jener Nacht hat ein Mann eine ehrliche Frage gestellt. Auf
diese Frage gibt es eine Antwort. Aber ich bin sie ihm schul-
dig geblieben.
Es gab bis heute keine Gelegenheit, das Gespräch von da-
mals fortzusetzen. Aber es gibt zu denken, daß wir auf so viele
Fragen eine Antwort wissen, und bei den wichtigsten Fragen
halten wir mit einer Antwort zurück.

Der Schweizer Arzt und Psychologe Paul Tournier, Vorkämp-


fer einer neuen, menschlichen Medizin schreibt in seinem Buch
»Jeder Tag ist ein Abenteuer«:
»Ich bin oft höchst erstaunt darüber, wie selten es vorkommt,
daß reiche Leute sich an ihren angehäuften Reichtümern wirk-
lich freuen. Sie haben im Leben Erfolg gehabt, aber sie haben
ihr Leben nicht erfüllt, und anscheinend ist gerade ihr Erfolg
schuld daran.«

Fragen zum persönlichen Standort:

1. Was ist die bestimmende Kraft in meinem Leben?

2. Welche Bedeutung hat für mich die Frage nach dem Sinn
des Lebens? Was ist meine Haltung angesichts des Todes?

3. Was erwarte ich von der Zukunft?

4. An was glaube ich eigentlich?

10
I. Woran glauben wir?

»Wenn dir der Gedanke kommt, daß


alles, was du über Gott gedacht hast,
verkehrt ist und daß es keinen Gott
gibt, so gerate darüber nicht in Be-
stürzung. Es geht allen so. Glaube
aber nicht, daß dein Unglaube daher
rührt, daß es keinen Gott gibt...

Wenn ein Wilder an seinen hölzernen


Gott zu glauben aufhört, so heißt
das nicht, daß es keinen Gott gibt,
sondern nur, daß er nicht aus Holz
ist.«

Leo Tolstoi

11
Ich träume den Traum meines Lebens:

ich habe viel Geld - was mach' ich damit?


ich habe Freunde — auch ohne Geld,
werden sie treu sein?
ich habe Glück in der Liebe — und
wenn Leid kommt?
ich habe einen guten Job - macht er
mir Freude? . ..

ich habe immer Erfolg - kann ich das


durchhalten?

Ingeborg Kiefel

Der Glaube an den Erfolg wird brüchig


Was ist eigentlich das Aufreibende, das Entnervende an unse-
rem Beruf? Ist es das Tempo der Arbeit? Das Tempo, das ich
selber nicht mehr bestimmen kann, das mir einfach aufgezwun-
gen wird? Oder ist es die Arbeitsfülle, der Zwang zur Präzision
in unserer Arbeit, die Befürchtung, daß mit einer kleinen Ent-
scheidung der falsche Weg beschritten wird, und dann kann es
große, folgenschwere Auswirkungen haben? Oder ist es ganz
einfach die Last der Verantwortung, die uns heute so zermürbt?

Manchmal muß ich an jene abgerissenen Gespräche denken,


an Begegnungen mit Menschen, die wieder in die Ferne gerückt
sind. Aber ihre Fragen sind geblieben. Sie gehen mir nach.
In meinem Beruf treffe ich mit vielen Menschen zusammen;
und meist sind wir aufeinander angewiesen. Die Aufgaben sind
unterschiedlich und meist auch das Temperament und die Nei-
gungen der einzelnen. Aber ich muß mit jedem auskommen.
Dies kann ich um so besser, je mehr ich die Menschen in ihrer
Eigenart kennenlerne und bejahe.

13
Dabei fällt mir auf, daß unsere Generation sich härter und
abgestumpfter zeigt, als sie tatsächlich ist. Der Zwang zur An-
passung hat unser Äußeres vereinheitlicht. Die Mode bestimmt
nicht nur unsere Kleidung, den Stil unserer Wohnungseinrich-
tung; modische Zwänge bestimmen auch das Zusammenleben
der Menschen, die Art, wie sie miteinander sprechen, selbst
das, was sie einander zu sagen haben.
Aber hinter dieser hartgesottenen Schale verbirgt sich oft
ein sensibler Mensch, verwundbar und hoffend, mit ganz per-
sönlichen Wünschen und Träumen. Wir kennen den Aufschrei
einer ganzen jungen Generation: »Wenn das alles ist, was das
Leben hergibt, dann verzichten wir lieber darauf.« Irgendwie
verständlich.
In späteren Jahren wird man anpassungsfähiger und - wie
man meint - gelassener. Man erwartet nicht mehr so viel vom
Leben. Die Einstellung zum Leben ist dann weniger radikal,
aber auch - leider - weniger konsequent.
Und doch bleibt der Hunger, ein schmerzender Hunger nach
dem wirklichen Leben.

Kürzlich wurde ich aufgefordert, in einem Kreis von Geschäfts-


leuten über die Frage zu sprechen: »Wie werden wir mit den
wirtschaftlichen Schwierigkeiten fertig?« Da gab ich einige
fachliche Empfehlungen, die mir wichtig sind und die sich mit
Erfolg in vielen Fällen bewährt haben. Die Zuhörer waren auf-
geschlossen und sehr interessiert.
Doch ich fand, daß es nicht genug ist, einen Appell zu formu-
lieren. Unsere Zeit ist voll von Appellen — von der Wirtschaft
über die Politik bis hin zu gesellschaftlichen Weltverbesse-
rungs-Versuchen. Die Zuhörer, die ich vor mir sah, waren er-
folgshungrige Menschen. Man konnte es ihnen abspüren: sie
waren verurteilt zum Erfolg, aber sie glaubten nicht mehr an
den Erfolg.
So entschloß ich mich zu einem kurzen, persönlichen Wort:
»Wenn ich heute abend Zuhörer wäre, dann wäre ich mit
dem, was gesagt wurde, nicht zufrieden. Es wurden Empfeh-

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lungen gegeben und Fehlerquellen aufgezeigt, die Ziele unse-
rer Arbeit wurden neu umrissen. Das ist sicher notwendig und
richtig. Aber ist nicht eine andere Frage von viel größerer Trag-
weite? Haben wir nicht unsere Selbstsicherheit verloren? Der
Glaube an den Erfolg ist weithin zerstört. Gibt es in unserer
Zeit der Veränderungen überhaupt noch einen beständigen
Faktor, auf den unbedingt Verlaß ist?«
Ich spürte eine ungewöhnlich konzentrierte, erwartungs-
volle Aufmerksamkeit.
Dann sprach ich von dem, was für mich das Wichtigste im
Leben ist: Ich brauche ein zuverlässiges Fundament, um leben
zu können. Wenn alles andere ungewiß ist, wenn die Verände-
rungen sich überstürzen, dann ist es umso wichtiger, daß ich
einen festen Halt habe. Kein Mensch kann mir diesen Halt bie-
ten, keine Weltanschauung, keine Institution. Ich halte mich
an die einzig zuverlässige Autorität, an den, der mich geschaf-
fen hat, an den lebendigen Gott. Da habe ich bestimmte Erfah-
rungen gemacht, daß sich einiges ändert, daß sich die Akzente
verschieben, wenn ich anfange, Verbindung mit Gott aufzu-
nehmen.
Nach diesem kurzen, persönlichen Wort wurde zur Diskus-
sion über das wirtschaftliche Fachreferat übergeleitet. Aber
die Fachfragen waren wie vergessen, die Aussprache konzen-
trierte sich auf die Frage nach Gott.
Als ich spät am Abend nach Hause fuhr, war ich aufgewühlt
von den spontanen Äußerungen der Teilnehmer. Wie viele
ehrliche Fragen!
Aber wieder einmal war das Gespräch abgerissen . . . Man-
cher Teilnehmer mag inzwischen versuchen, die Frage nach
Gott wegzuwischen. Doch kann man diese Frage einfach weg-
wischen?

15
Wir können wählen

All unsere guten Vorsätze


reichen nicht aus;
wir werden weiter Fehler machen,
selbst viel Geld und Einfluß
beschaffen uns nicht
die wirklich wichtigen Dinge des Lebens.

Gott muß immer Nummer eins sein,


dann geht alles klar.
Er ist mächtig und gnädig zugleich,
er kann uns ändern und auch vergeben.

Wir können wählen:


mit oder ohne Gott zu leben.
Von der Wahl hängt ab,
wie unser Leben laufen wird;
wie wir mit dem fertig werden,
was uns täglich trifft.

Ulrich Schaffer

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Überall wuchsen die Neubauten wie
riesige Ameisenhaufen in die Höhe. Das
war ein Teil der großen Konjunktur,
und die große Konjunktur war ein Teil
von mir. Das war's, was ich mir von
Jugend an gewünscht hatte. Jetzt wußte
ich, wieviel es wert war. Nichts. Aber
auch gar nichts. Ein einziger, unbedeu-
tender Mensch auf der Straße war
mehr wert als die ganze Stadt zusammen.

Harold Robbins (»Die Manager«)

Was sind Ideologien noch wert?


Nach einer Zeit des angespannten Erfolgsstrebens gibt es
manchmal eine Zeit der Ernüchterung. Man fühlt sich leer und
ausgebrannt. Die Frage ist nur, ob wir es uns eingestehen. Man
ist enttäuscht, daß man über der Tagesarbeit kaum Zeit findet,
über wichtige Lebensfragen in Ruhe nachzudenken. Es gibt
eine Reihe von Problemen, die gedanklich aufgearbeitet wer-
den müßten. Die Frage nach Gott ist bei vielen nicht unbedingt
die erste Frage. Wir haben eine gewisse Fertigkeit entwickelt,
diese Frage zurückzudrängen. Die Sorge um unsere berufliche
Zukunft beschäftigt uns oft mehr.
Es wird heute viel von der Zukunft gesprochen. Darinkommt
der Wunsch nach einer Erneuerung der Verhältnisse zum Aus-
druck. Doch dieser Wunsch ist nicht neu. Der Griff nach der
Zukunft ist ein alter Traum der Menschheit. Unzählige Gene-
rationen haben Zukunftsbilder entwickelt und darum gerun-
gen, Bedingungen zu schaffen, unter denen das Leben lebens-
werter wird. Sorgen, Mühen und Leiden der Menschen sollten
beseitigt werden, um eine neue Epoche wahrer Menschlichkeit
zu erreichen.
Um diesem Ziel näherzukommen, haben die Menschen ver-
schiedene Wege beschriften. Unzählige Hoffnungen wurden

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geweckt. Viele geistreiche Ideologien, imponierende Zukunfts-
bilder wurden für unsere Gesellschaft geschaffen, um die
Menschheit diesem Ziel näherzubringen. Einige dieser Ideo-
logien haben bis heute ihre Faszination nicht verloren. Vor
allem auf drei Gebiete konzentrierten sich die Hoffnungen
vieler Menschen.
Im Zeitraffer-Tempo wollen wir uns vor Augen führen, was
aus diesen Hoffnungen geworden ist.
Mehr Wohlstand ist ein weitverbreiteter Wunsch unserer
Zeit. Aber er ist eine Erfindung unserer Generation. Die Ver-
mehrung der materiellen Grundlagen unseres Lebens ist ein
Jahrtausende alter Wunsch. Viel Kraft wurde aufgewendet, um
dem Menschen bewußt zu machen, es müsse nur genügend
Wohlstand geschaffen und dieser nur gerecht verteilt werden —
dann sei schon eine Grundvoraussetzung für eine geordnete
und heile Welt erfüllt.
Es wird heute wohl von keiner Seite bestritten, daß wir eine
Anhäufung von Wohlstand auf breiter Ebene haben, wie es vor
Jahrzehnten kaum vorstellbar war. Man sollte meinen, das Maß
der Zufriedenheit sei größer und die Konfliktmöglichkeiten
würden abgebaut. Doch das Gegenteil ist der Fall. Der Schrei
nach mehr Gerechtigkeit in der Verteilung des Wohlstandes,
der Protest gegen die Anhäufung von Reichtum, die Unzufrie-
denheit und der Neid über das Maß der Zurücksetzung einzel-
ner Gruppen - das alles sind Signale, die uns die Widersprüch-
lichkeit unserer Zeit erkennen lassen. Wir haben einen Wohl-
stand für breite Bevölkerungs-Schichten, einen Wohlstand, der
größer ist als alles, was die Vergangenheit aufzuweisen hatte.
Dennoch sind wir weiter weg von dem Ziel, das uns viele ver-
heißungsvolle Ideologien versprochen haben.
Mehr Wissen ist eine Parole unseres fortschrittsgläubigen
Jahrhunderts. In der Tat, was wir heute erleben, ist eine Explo-
sion von Wissenschaft und Technik, die alle wissenschaftlichen
Bemühungen der Vergangenheit in den Schatten stellt. Wer
wollte sich dieser günstigen Entwicklung entgegenstellen?
Aber auch hier zeichnet sich ein Widerspruch ab: je größer die

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Ansammlung von Wissen, umso schnellebiger, umso vergäng-
licher ist der Wissensstand. Je mehr wir von der Wissenschaft
erwarten, umso klarer kommt uns zum Bewußtsein: Unser
heutiges Wissen ist lächerlich bruchstückhaft im Vergleich zu
dem, was spätere Generationen an Wissen vorweisen können.
Gewiß, ohne den ständigen Fortschritt der Wissenschaft könn-
ten wir heute nicht mehr existieren. Aber das heißersehnte
Ziel einer besseren Zukunft - können wir daran noch glauben?
Mehr Freiheit — ein heiß umkämpftes Ziel der modernen
Zeit. Und doch ist es kein ganz neues Ziel. Generationen von
Menschen haben daran geglaubt und haben einen großen Ein-
satz dafür gewagt. Das Ausmaß der Freiheit, das wir heute in
großen Teilen unserer Welt erleben, ist beachtlich. Was hätten
breite Bevölkerungsschichten im letzten Jahrhundert dafür
gegeben, wenn sie nur einen Bruchteil dieser Freiheit hätten
erleben können! Aber das Aufbegehren gegen die Zwänge un-
serer modernen Gesellschaft, der Protest gegen die Unfreiheit
technischer Apparate und neuzeitlicher Organisationsformen
ist so vehement, daß die Unzufriedenheit über das Erreichte
größer denn je scheint.
Über den Tod spricht man möglichst nicht. Man will nicht
daran erinnert sein. Ein ähnliches Tabu ist für viele das Wort
Sünde. Man will sie nicht wahrhaben. Aber damit ist die Wirk-
lichkeit des Todes und der Sünde nicht beseitigt.
Immer noch gibt es genug »fortschrittliche« Ideologien, die
uns Hoffnung einsuggerieren wollen auf eine perfekt emanzi-
pierte Menschheit, frei von allem Zwang, frei von Leistungs-
druck, frei von Konflikten und frei von Existenzsorge.
Doch die Zweifel werden größer. Sind unsere Zukunfts-
Erwartungen begründet? Was ist denn der Maßstab für un-
sere Erwartungen?
Gibt es überhaupt einen gültigen Maßstab?
Immer häufiger hört man, die Aufgabe von heute sei die
Schaffung einer neuen »Lebensqualität«. Wenn jemand als
Schwerkranker in irgendeiner anonymen Wachstation mit den
lieblos kalten Kacheln liegt, dann entscheidet sich für ihn die

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Lebensqualität ganz unmittelbar. Es ist dann nur die Frage:
Habe ich begründete Hoffnung, daß mein Leben in der Hand
Gottes liegt? Wo gibt es denn eine Gewißheit — über den Tod
hinaus? Jede Hoffnung auf ein besseres Leben, die diese Ge-
wißheit nicht einschließt, ist in Wirklichkeit keine neue Lebens-
qualität, sie ist bestenfalls neue Wohlstandsquah'tät.
Da wird oft von christlichen Grundsätzen gesprochen. Aber
Grundsätze ändern den Menschen nicht. Grundsätze können
einen neuen Lebensstil formen, die neue Lebensqualität brin-
gen sie nicht.
Christlichkeit ist auch zu wenig. Jeder Geschäftsmann weiß,
daß »Geschäftigkeit« zu wenig ist, wenn man vom Geschäft
leben muß. Wissen wir es in unserem »christlichen« Abend-
land, daß man mit »Christlichkeit« nicht leben und nicht ster-
ben kann?

Es war eine Zeit des Umbruchs wie heute: eine Zeit zerfallen-
der Autoritäten und zerbrechender Illusionen, als vor fast 2000
Jahren Jesus Christus eine neue Lebensmöglichkeit aufzeigte,
den Grund für eine neue Hoffnung legte: »So sehr hat Gott die
Welt geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab. Jeder, der an
ihn glaubt, soll nicht zugrunde gehen, sondern er wird ewiges
Leben haben.« Johannes 3,16
Einer nach Hoffnung hungernden Generation gilt dieses
Versprechen — heute wie damals.

Weil Christus mehr war als ein Mensch, weil er wirklich von
Gott kam, kann mich dies heute nicht gleichgültig lassen. Chri-
stus will nicht etwas von mir. Er will mich ganz beanspruchen.
Unser. Leben ist verstrickt in Schuld. Versagen an anderen
Menschen, nicht gutzumachende Versäumnisse — er kann es
vergeben und bereinigen. Er will unserem Leben Sinn und Er-
füllung schenken.

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Gibt es einen gültigen Maßstab?
Bei manchem Leser können kritische Fragen aufkommen,
Zweifel oder Ablehnung. Wir leben in einer Zeit der hekti-
schen Veränderungen. In den Sog der Veränderungen werden
alle bisher gültigen Maßstäbe gerissen. »Der Mensch ist das
Maß aller Dinge« — das war doch für das Streben nach Fort-
schritt das geistige Fundament, auf dem so vieles aufgebaut
war. Hält dieses Fundament heute noch, was es einst ver-
sprach? Die objektiven Voraussetzungen für die Ausschaltung
von Konflikten und die Schaffung eines beständigen Friedens
waren noch nie so aussichtsreich wie heute. Doch die Einstel-
lung der Menschen untereinander ist nicht friedvoller gewor-
den.
Die modernen Kommunikationsmittel bieten ideale Mög-
lichkeiten für eine bessere Verständigung der Völker. Aber die
Verständigung mit den nächsten Nachbarn wird schwieriger
denn je. Die technischen Möglichkeiten der Raumfahrt ermög-
lichen den Griff nach den Planeten. Aber manchmal ist es nicht
mal möglich, im Gewühl einer Großstadt auf die andere Stra-
ßenseite zu kommen, wenn die Ampel defekt ist oder wenn das
Elektrizitätswerk ausfällt.

Wir können heute nicht mehr leichthin an den guten Kern im


Menschen glauben. Das ist sicher gut so. Aber es ernüchtert
und schmerzt. Welcher Maßstab hat denn heute noch absolute
Gültigkeit?
Mit Überzeugungskraft wird versucht, die Wert-Ordnung
unseres christlichen Abendlandes aufrechtzuerhalten. Hat das
Christentum, das diese Wert-Ordnung geprägt hat, nicht seit
zweitausend Jahren manchen Stürmen und Wirren standgehal-
ten? Aber gab es nicht auch Enttäuschungen, weil allzu oft
Christentum gesagt wurde — und in Wirklichkeit meinte man
die eigenen Interessen? Was bedeutet heute noch für den ein-
zelnen Bürger dieses Christentum? Ist es ihm überhaupt noch
etwas wert? Gibt es einen festen Standort?

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Im Altertum umriß der griechische Mathematiker und Philo-
soph Archimedes ein Grundgesetz für wirkungsvolles Gesche-
hen in Natur und Weltgeschichte:
»Gebt mir einen Standort und ich bringe die Welt in Bewe-
gung.« Diese alte Erkenntnis gilt auch heute. Das Bemühen un-
serer Generation um Bewegung und Erneuerung kann nur
Wirkung haben, wenn wir außerhalb unserer engen Welt einen
festen Standort, einen zuverlässigen Orientierungspunkt haben.
Wir können uns diesen Standort nicht selbst schaffen. Man
kann sich einbilden, es gäbe auch ohne Gott gültige Maßstäbe,
etwa das Prinzip der Gerechtigkeit oder das Prinzip Hoffnung.
Aber wer verkörpert denn die Gerechtigkeit? Wer garantiert
mir Hoffnung?
Für mich gibt es nur eine Antwort: Jesus Christus. Er ist der
einzige, der von außerhalb in unsere Welt kam, um in unserer
Welt ein Zeichen der Hoffnung und einen gültigen Maßstab zu
setzen. Es war für mich immer von überzeugender Logik, daß
einmal jeder Mensch die Abhängigkeit vom lebendigen Gott
spüren muß. Spätestens im Sterben, und dann unfreiwillig.
Ist es dann nicht für jeden richtig, daß er—ohne äußeren oder
inneren Zwang - Frieden mit Gott sucht, und zwar so früh wie
möglich? »Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die
bösen Tage kommen und die Jahre sich nahen, da du wirst sa-
gen: >sie gefallen mir nicht<.« (Pred. Salomo 12,1)
Wenn Gott wirklich lebt, dann spitzt sich alles auf die Frage
zu: Habe ich über Christus eine persönliche Beziehung zu
Gott? Habe ich das gefunden, was schon der Kirchenvater
Augustin als Gebet verfaßte:

»Herr, du hast uns geschaffen mit der Sehnsucht zu dir.


Unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in dir.«

22
Beziehungen müßte man haben
Wenn jemand eine persönliche Beziehung zu einem einfluß-
reichen Mann hat, so ist dies in unserer unpersönlichen Zeit
einiges wert. Warum wird eigentlich nicht genauso willig zuge-
griffen, wenn der lebendige Gott uns anbietet, in eine persön-
liche Beziehung zu ihm einzutreten?
Es ist doch der Wunschtraum vieler karrierebewußter Män-
ner, einen mächtigen Gönner zu haben, der im harten Konkur-
renzkampf Unterstützung bietet, der ihm »die Stange hält«,
wenn die Schwierigkeiten zu groß werden.
Ein 30jähriger flotter Maschinenbau-Ingenieur, mit jeder
Faser erfolgshungrig, hatte dieses seltene Glück. Schon bei sei-
nem Einstellungsgespräch hatte es angefangen. Damals saß er
- noch scheu und unerfahren - im vornehmen, mahagoni-getä-
felten Arbeitsraum des obersten Unternehmens-Chefs. Ganz
unerwartet hörte er von ihm:
»Sie sind der Typ, den ich brauche. Einiges an Ihnen gefällt
mir. Wenn Sie meine Erwartungen erfüllen, werde ich Sie ent-
sprechend unterstützen.«
Einige Monate später wurde er vom Chef zu einem persön-
lichen Gespräch gebeten.
»Ich wollte einfach mal hören, wie es bei Ihrer Arbeit geht?«
Der flotte Ingenieur nutzte die Gunst der Stunde und erinnerte
seinen Chef daran, ob er nicht eine Gehaltserhöhung von
200 DM erwarten könne.
»Ich hatte eigentlich Wichtiges mit Ihnen zu besprechen,
aber die 200 DM sollen Sie haben.« Der Chef gab zu erkennen,
daß das Gespräch für ihn abgeschlossen war.
Es gingen Wochen vorüber, bis unser Karrieremann wieder
zum Chef gerufen wurde.
»Sie wissen doch, ich verfolge Ihre berufliche Entwicklung
mit Interesse.«
»Vielen Dank«, erwidert der favorisierte Ingenieur, »ich
hätte Sie sowieso geni angesprochen wegen meiner Wohnung.
Da gab es eine Heizungsreparatur von 378 DM. Könnte ich

23
nicht einen Firmenzuschuß bekommen? Sie wissen doch, die
hohen Umzugskosten...« Der Chef stutzte, dann sagte er:
»Das müßte ausnahmsweise zu machen sein.«
Ein halbes Jahr später war das Unternehmen in eine Phase
großzügiger Neuorganisation eingetreten. Wochenlang wurde
- oft bis spät in die Nacht — in den Planungs-Kommissionen ge-
arbeitet. Der oberste Chef war nur noch wenig zu sehen. Er war
von den Zukunftsaufgaben voll beansprucht.
Doch eines Tages unterbrach er die Planungsarbeit, er erin-
nerte sich an den jungen Ingenieur.
»Ich möchte Sie gern in meine Pläne einweihen. Sie wissen
doch, daß ich einiges mit Ihnen vorhabe.«
»Nur eine Bitte vorab«, sagt dieser forsch und unbeküm-
mert, »könnten Sie sich dafür einsetzen, daß mir nun endlich
ein Parkplatz im Werksgelände zur Verfügung gestellt wird?«
Wenige Minuten später ist das so aussichtsreich begonnene
Gespräch zu Ende.
»Sie brauchen jetzt keinen Parkplatz mehr«, sagt der Chef,
ruhig, aber mit unüberhörbarer Entschlossenheit, »ich hatte
eigentlich Größeres mit Ihnen vor. Ich wollte Sie in meine Zu-
kunftspläne einbeziehen. Ich hatte fest mit Ihnen gerechnet.
Aber das ist jetzt alles vorbei.«

Diese Szene einer abgebrochenen Karriere ist ein Beispiel für


unser gebrochenes Verhältnis zu Gott. Er will, daß wir eine per-
sönliche Beziehung zu ihm haben. Er möchte uns in seiner Nähe
haben, möchte mit uns sprechen. Gott will uns in seine großen
Pläne einbeziehen, will uns teilhaben lassen an dem Aufbau
seines großen Erlösungswerkes.
Und was tun wir?
Haben wir etwas anderes im Kopf als unsere eigenen Vor-
stellungen? Wir wenden uns im besten Fall an Gott mit unseren
Wünschen, was wir für uns brauchen, was wir von unserer Um-
gebung erwarten, und wie wir uns die Zukunft vorstellen . . .
Hier wird deutlich: Unsere Blickrichtung muß geändert
werden!

24
Durch ein Wunder der Wissenschaft
spricht der Mensch im Rundfunk zu Mil-
lionen. Durch ein Wunder des Geistes
kann Gott zu jedem Menschen sprechen.
Seine Stimme kann in jedem Heim, in
jedem Betrieb, in jeder Behörde gehört
werden.
Wenn der Mensch horcht, spricht Gott.
Wenn der Mensch gehorcht, handelt
Gott. Das ist die Revolution, die den
Menschen von Grund auf umwandelt
und die Völker neu aufbaut.

Frank Buchman

Neue Blickrichtung
Ich habe Menschen kennengelernt, die jahrelang über Gott im
Unklaren waren, obwohl sie sich intensiv mit der Gottesfrage
beschäftigten. Es mußte erst eine neue Blickrichtung erfolgen,
um die Wirklichkeit Gottes erfahren zu können. »Euer Vater
weiß, was ihr braucht, bevor ihr ihn bittet.« (Matthäus 6, 8)
Wenn Gott besser als wir weiß, was wir brauchen, dann
müssen wir erst hinhören, um von ihm zu erfahren, wer wir sind
und was wir sollen.
Jesus zeigt uns mit dem Gebet »Unser Vater«, wie richtiges
Beten geschehen soll (Matthäus 6, 9-13).
Es gehört zu den Widersprüchen der Christenheit, daß die-
ses Gebet, das eine völlig neue Blickrichtung für den Christen
aufzeigen sollte, so sehr ins Gegenteil verkehrt wurde. Das
Gebet Jesu sollte das Gegenteil vom gedankenlosen Gebets-
Plappern sein und ist doch zum meistverplapperten Gebet
geworden. Es zeigt, wie sogar in der »christlichen Welt«, bei
vielen Menschen mit christlicher Tradition die Einübung reli-
giöser Formeln williger bejaht wird als der Gehorsam gegen-
über Christus.

25
»Unser Vater!« — schon der Beginn dieses Gebetes bedeutet
eine Kurs-Korrektur um 180 Grad für das normale Denken.
Das normale Denken kreist um das Ich des Menschen und
um das, was in die Vorstellungswelt des Ich hineinpaßt. Ich-
bezogen ist alles, was ich denke.
Ich -was bin ich eigentlich? Manchmal meine ich, ich könnte
es durch Denken erfassen. Aber der Sinn meines Lebens ent-
gleitet mir immer wieder.
»Unser Vater« — das heißt: aufblicken zu ihm, in ihm zur
Ruhe kommen.
Stellen Sie sich vor, Sie würden an einem verkaufsoffenen
Samstag durch die dichtgedrängte Menge einer Einkaufsstraße
schlendern, vollbepackt mit schönen, neuen Dingen, die Sie
erworben haben. Sie sind eigentlich zufrieden und doch—müde
und innerlich leer.
Da kommen Sie an einer Kirche vorbei. Ob man da viel-
leicht kurz Atem holen kann? Einfach mal Pause machen und
zur Besinnung kommen. Vielleicht lösen Sie auch das kleine
Problem, wo Sie die vollgepackten Einkaufstaschen deponie-
ren. Und dann sind Sie also im halbdunklen Kirchenraum. Die
Stille ist ungewohnt, fast erschreckend — doch wohltuend.
Jetzt beten Sie: »Unser Vater in dem Himmel« — welche un-
geheure Wohltat, welcher Frieden kann sich hier erschließen!
Der große, erhabene Gott will mein Vater sein! Er, der diese
Welt, den weiten Kosmos geschaffen hat - er hält mich in sei-
ner Hand. Und ich darf mit ihm sprechen. Jederzeit darf ich
das, auch außerhalb des Kirchenraumes, überall.

»Dein Name werde geheiligt.«


»Dein Reich komme.«
»Dein Wille geschehe . . . !«

Müßte es nicht fast mein enges Herz sprengen, wenn ich dies
nun richtig fassen will, was Gott mir hier anbietet? Mein Den-
ken und Fühlen sollen eine neue Orientierung haben: nicht ich,
sondern der lebendige Gott!

26
Nicht meine Wünsche, sondern sein Wille soll mein Leben
bestimmen. Wenn ich dies auch nur einmal aus tiefstem Herzen
im Glauben erfasse, muß sich dann nicht für mich die Blick-
richtung meines Lebens nachhaltig ändern?
Du, mein Vater! Wer aus einer solchen Begegnung mit Gott
dann wieder in den lauten Alltag hinaus muß, der kann doch
dieses beglückende Erleben nicht einfach wieder ungeschehen
machen:
Ich bin nicht allein, solange ich mich daran mit ganzem Her-
zen halte: »Mein Vater! Dein Wille soll geschehen.«

Der Erfolg des Gebets

»Der Erfolg des Gebets hängt darum nicht von der Kraft des
Beters ab. Weder sein starker Wille, noch sein brennendes Ge-
fühl, noch seine klaren, durchdachten Gebetsgegenstände sind
die Bedingungen für eine Gebetserhörung . . . Beten bedeutet
nichts weiter, als Jesus Zugang zu uns zu gewähren, so daß er
an unsere Not herankommen kann . . . « Ole Hallesby

Fragen zur persönlichen Klärung

1. Wann habe ich das letzte Mal gebetet?

2. Wofür habe ich damals gebetet?

3. Habe ich ein bestimmtes Ergebnis erwartet? Welches?

4. Ist mir bewußt, daß mein Gebet nicht auf meine Wünsche,
sondern auf Gottes Absichten ausgerichtet sein soll?

5. Was Gott will, erfahre ich in der Bibel.


Bin ich bereit, täglich in der Stille nach Gottes Willen zu
fragen und mich seiner Führung anzuvertrauen?

27
Beginnt der Irrtum mit einem Hundert-
stel Millimeter, so endet er tausend
Meilen von der Wahrheit entfernt.

Chinesisches Sprichwort

Wie finde ich die Wahrheit?


Im geschäftlichen Alltag werden Dutzende von Entscheidun-
gen getroffen, die nicht alle auf die Goldwaage gelegt werden
können. Wir würden sonst nicht zum Arbeiten kommen. Wenn
wir aber in einer kritischen Phase der Geschäftsentwicklung,
etwa in der Rezession, Bestandsaufnahme machen, so zeigt
sich eine harte Tatsache immer wieder: Ob ein Unternehmen
erfolgreich ist oder nicht, hängt nicht davon ab, daß alle ein-
zelnen Entscheidungen ständig von neuem durchdacht wer-
den. Vielmehr ist es notwendig, daß die wenigen grundlegen-
den Entscheidungen zu Beginn richtig getroffen werden. Die
späteren Entscheidungen müssen nur konsequent darauf auf-
gebaut sein.
Viele Unternehmen stehen deshalb plötzlich vor dem Ab-
grund, weil entweder die Basis-Entscheidungen falsch waren
oder die Folge-Entscheidungen nicht konsequent in die gleiche
Richtung zielten.
In der wichtigen Frage meines Verhältnisses zu Gott gibt es
auch solche Basis-Entscheidungen, von denen abhängt, ob ich
in meinem Suchen die Wahrheit Gottes finde oder ob ich -
»meilenweit von der Wahrheit entfernt« ankomme.
Auf die Wahrheitsfrage gibt es so viele Antworten, eine be-
drängende Konkurrenz von Lösungsmöglichkeiten. Die Pila-
tus-Frage: »Was ist schon Wahrheit?«, zeitlos in ihrer Unver-
bindlichkeit, wird seit Jahrhunderten in verschiedenen Varia-
tionen wiederholt. Steht hinter dieser Frage mehr als spiele-
risch-snobistisches Achselzucken? Steht dahinter nicht auch
Enttäuschung oder sogar Resignation?

28
Aus eigenem Erleben weiß ich, wie mühsam und wenig ergie-
big die Suche nach Wahrheit sein kann, wenn sie einseitig in-
tellektuell geschieht.
Früher versuchte ich streckenweise, das Problem durch harte
Denkarbeit zu lösen. Das Angebot der Bibel verglich ich mit
anspruchsvollen philosophischen Denkansätzen. Nach einiger
Zeit merkte ich, daß es ein Umweg war. Es kostete unnötig
Zeit und Kraft. Fast hätte mich dieses gutgemeinte Abenteuer
an einen Punkt gebracht, wo das Suchen zum Selbstzweck, ja
zur Spielerei wird. Seitdem ist mir klar, daß echtes Suchen nicht
nur eine Sache des Kopfes ist, sondern daß der ganze Mensch
daran beteiligt sein muß.
Wenn ich mit »Leib und Seele« die Wahrheit für mein Leben
suche, dann will ich nicht viele Antworten, sondern die rich-
tige. Und auch eine rasche Antwort.
Zuviele Antworten — diese Tatsache hält viele davon ab,
nach Gott zu fragen. Zwar sind die verschiedenen Philoso-
phien und Religionen in ihrer Vielgestaltigkeit eine gewaltige
Demonstration geistigen Ringens um Wahrheit. Aber es bleibt
ein aussichtsloses Unterfangen, mit den begrenzten Werk-
zeugen menschlicher Erkenntnis die unbegrenzte, erhabene
Wahrheit Gottes ausloten zu wollen. Der unbestechliche Den-
ker und Naturwissenschaftler Blaise Pascal schrieb in seinem
Dokument »Pensées«:
»Wir wünschen die Wahrheit undfindenin uns nur Ungewiß-
heit. Wir suchen das Glück und finden nur Unglück und Tod.
Da die Menschen kein Heilmittel gegen den Tod, das Elend,
die Unwissenheit finden konnten, sind sie, um sich glücklich zu
machen, darauf verfallen, nicht daran zu denken . . .
Sie haben einen geheimen Instinkt, der aus dem Verdruß
über ihr unaufhörliches Elend kommt und sie dazu treibt,
draußen Zerstreuung und Betätigung zu suchen... So ver-
strömt das ganze Leben. Man sucht die Ruhe, indem man einige
Hindernisse bekämpft; und wenn man sie überwunden hat,
wird die Ruhe unerträglich durch die Langeweile, die sie er-
zeugt.«

29
Und dann — eines Abends — hat Pascal eine Christus-Begeg-
nung. In einem sorgsam aufbewahrten Memorial hat er die
denkwürdige Stunde festgehalten. Darin wird bezeugt: »Ge-
wißheit, Gewißheit - Empfindung, Freude, Friede. Gott Jesu
Christi... Dies ist das ewige Leben, daß sie dich erkennen,
den einzig wahren Gott und den du gesandt hast, Jesus Chri-
stus. Ich habe mich von ihm getrennt; ich bin vor ihm geflohen,
ich habe ihn verleugnet, gekreuzigt. Möge ich nie von ihm ge-
trennt sein .. . Vollkommene Unterwerfung unter Jesus Chri-
stus.«
Pascal, der unbestechliche Denker, hat uns als Vermächtnis
übergeben, daß Gott nicht durch Beweise gefunden werden
kann, sondern nur auf dem Weg, den das Evangelium zeigt.

Ein Gebet

Du, Gott — der du mich so genau kennst,


wie kein Mensch in der Welt mich kennt,
du, Gott — der du weißt, wo es mir gerade fehlt,
du, Gott — den ich so oft nicht zu verstehen vermag,
der so ferne zu sein scheint,
du, Gott - der du forderst, daß ich alles, alle Hilfe
von dir und nirgendwo andersher erwarte,
du, Gott — auf dessen Wort ich mich verlassen kann,
auch heute,
du, Gott — der mächtig ist, Wunden zu heilen,
du, Gott — der größer ist, als ich es ausdenken kann.
Ich gebe mich in deine Hände.

30
Viele Antworten - doch nur eine Lösung?
Auf die Frage nach Gott gibt es viele Antworten. Ist es da nicht
vermessen, zu behaupten, nur über Christus führe der Weg zu
Gott? Und damit nicht genug - in Johannes 10,30 wird der An-
spruch gestellt: Jesus Christus ist Gott.
Das ist eine Provokation des menschlichen Denkens. Kann
man nicht etwa ohne Christus die Existenz Gottes bejahen?
Durchaus - zu dieser Erkenntnis kann uns konsequentes
Denken bringen. Aber damit haben wir noch keinen Frieden
mit Gott. Wer dabei stehen bleibt, der verharrt in trostloser
Gleichgültigkeit — oder er erfährt die Angst des Ausgestoßen-
seins und der Gottesferne. Die Bibel sagt: »Du glaubst, daß nur
einer Gott ist? . . . Die Teufel glauben's auch und zittern.«
(Jakobus 2,19)
Zittern vor Gott? Haben wir dies nicht längst verlernt? Wir
zittern vor den Menschen und in Angst vor der Zukunft. Die
Akzente sind bei uns falsch gesetzt — dies zeigt die Bibel:
»Wer bist du denn, daß du dich vor Menschen fürchtest,
die doch sterblich sind . . .? Du vergißt den Herrn, der
dich gemacht hat...!« (Jesaja 51,12/13)

Haben Sie schon einmal so etwas wie Sehnsucht erlebt, Gott


nahe zu sein, Frieden mit ihm zu erfahren? Gab es in Ihrem
Leben nicht auch schon Einschnitte, wo Sie das Eingreifen Got-
tes handgreiflich spürten?
Das Angebot der Bibel wendet sich an Suchende. An solche,
die nicht nur über ihn etwas wissen wollen, sondern die unter
seine Führung kommen wollen. Und diesen Wunsch hat der
Mensch nicht ständig; es ist keine angeborene Dauereigen-
schaft. »Das alles tut Gott zwei- oder dreimal mit jedem; um
sein Leben zurückzuhalten von den Toten« (Hiob 33,29—30).
Für mich ist es etwas vom Größten, wenn ich miterlebe, wie
ein Mensch zum erstenmal von dieser Sehnsucht nach Gott er-
faßt wird. Vielleicht ist das Wissen von Gott noch ganz beschei-
den, aber die Sehnsucht ist etwas Besonderes. Vielleicht liegt

31
es daran, daß Wissen mit menschlicher Anstrengung und Wil-
lenskraft gemacht, ja selbst manipuliert werden kann. Aber
Sehnsucht kann nicht gemacht werden. Sehnsucht ist einfach
da oder sie ist nicht da. Ich weiß, wenn Sehnsucht nach Gott
entsteht, ist Gott selbst schon am Handeln. Und ich bin der Ge-
fragte.
Ein Bild soll dies verdeutlichen. - Über der Menschheit la-
stet die Ungewißheit wie ein Nebel. Alle Religionen machen
den mühsam tastenden Versuch, durch Erkenntnisse, durch
einzelne Lichtblicke diese Nebelwand zu durchbrechen. Aber
es ist, wie wenn man mit einer Taschenlampe den Nebel ver-
drängen wollte . . . Ich habe es in den Schweizer Alpen erlebt,
wie in wenigen Minuten die dichteste Nebelwand durchbro-
chen wird, sobald die Sonne in ihrer übergroßen Kraft durch
die Wolken bricht und den Blick frei macht für die wunderbare
Schöpfung Gottes.
So haben die vorchristlichen Jahrhunderte auf den Messias
gewartet, auf den, der aus der ewigen Dimension Gottes
kommt und den Nebel der Ungewißheit durchbricht. Verbin-
dung mit Gott — das kann doch nicht der sterbliche Mensch aus
seiner begrenzten Kraft heraus machen. Frieden und Aussöh-
nung mit Gott — das kann nur geschehen, weil Gott selbst diese
Wand durchbrochen hat und in Christus Mensch wurde. Seit
dem Opfertod des Gottessohnes können wir »ohne religiöse
Leistungen, durch den Akt der Begnadigung Gerechtigkeit
erfahren — durch die Erlösung, die durch Christus Jesus ge-
schehen ist.« (Römer 3,24)
Als ich Student war, wollte ich mit einigen Freunden das Ex-
periment wagen und erleben, welche Anziehungskraft dieses
Angebot Gottes in der nichtchristlichen Welt hat. Wir hatten
mit einer kleinen Gesprächsgruppe angefangen und luden ver-
schiedene Kommilitonen ein. Die Frage nach Gott war das
heiße Thema unserer Gespräche. Wir wollten nicht nur gute
Wirtschaftswissenschaftler, Juristen oder Naturwissenschaftler
werden, sondern wollten auch im Glauben neue Experimente
wagen.

32
Beiläufig kam eines Abends ein Japaner, ein junger Profes-
sor der Philosophie. Er hatte ein Jahresstipendium erhalten,
um zur Vervollständigung seines Wissens den Existenz-Philo-
sophen Heidegger zu hören. Nun war ich mit jenem japa-
nischen Gast abends oft stundenlang im Gespräch. Er fing an,
die Bibel zu lesen, und entdeckte, daß hier nicht nur Antwor-
ten auf bestimmte Wissensfragen gegeben werden, sondern daß
es um mehr ging. Er verschlang das Wort der Bibel wie ein
Hungriger. Als er Matthäus 9,36 las, war er tief bewegt und
entdeckte darin sich selbst, sein eigenes Elend und auch die
Not seines Volkes. »Als Jesus die Volksmenge sah, ergriff ihn
tiefes Erbarmen über sie, denn sie waren verschmachtet und
zerrissen wie Schafe, die keinen Hirten haben.«
Es gab mir zu denken, wie dieser japanische Professor die
Botschaft der Bibel zu sich sprechen ließ. Wie er Wort für Wort
aufsaugte. Hier war das Angebot eines neuen Lebens. Hier
war Hoffnung. Er fing an, sein Leben unter die Führung Gottes
zu stellen.
Als er nach einigen Monaten nach Japan zurückreisen mußte,
überließ er mir Heidegger's Schrift »Über den Humanismus«.
Es war wie ein stiller, aber hoffnungsvoller Protest, als er die
Widmung hineinschrieb: »Jesus Christus ist unser einziges
Licht.«
Es gibt auch für mich keine andere Lösung, um das wirkliche
Leben, das Leben in der ganzen Fülle, mit allen von Gott ge-
schenkten Gestaltungsmöglichkeiten zu erleben, als das, was
Christus jedem anbietet: »Ich bin der Weg, und die Wahrheit
und das Leben.NiemandkommtzumVateraußerdurchmich.«
(Johannes 14,6)

33
Als Zwischenbilanz können einige Fragen zur Klärung ver-
helfen:

1. Ärgert mich dieser Alleinanspruch von Jesus Christus?

2. Suche ich nur eine Wahrheit, die mir angenehm ist? Oder
bin ich bereit, auch die Wahrheit zu akzeptieren, die schok-
kiert, wehtut?

3. • Will ich Gott nur unter bestimmten Bedingungen Gehorsam


leisten? Etwa nur dann, wenn ich seinen Willen begreife?

4. Ist mir klar, daß der lebendige Gott größer ist als mein Den-
ken, meine Vorstellungen und mein Fassungsvermögen?

5. Wenn ich aber dazu ja sage, müßte ich mich dann nicht
Gottes Willen unterstellen, auch dann, wenn es gegen
meine Veranlagung ist?

6. Ist mir klar, daß die Wahrheit nicht durch Argumente, son-
dern durch das praktische Experiment, durch das Leben
selbst sich beweist?

34
II. Der Glaube in der
Auseinandersetzung

»Ich überlasse es jedem einzelnen,


sich den Alptraum einer heidnischen
Welt vorzustellen oder eine Welt, in
der Gottlosigkeit konsequent prakti-
ziert würde: den Menschen in die
Hände des Menschen fallen zu
lassen . . .

Unter Christen ist Barmherzigkeit


wenigstens möglich, und hin und
wieder gibt es sie: Christen, und wo
einer auftritt, gerät die Welt in Er-
staunen. 800 Millionen, Menschen
auf dieser Welt haben die Möglich-
keit, die Welt in Erstaunen zu
setzen.«

Heinrich Böll

35
Glaube - Garantie für Erfolg?
Als Einwand gegen den christlichen Glauben wird oft die Be-
fürchtung geäußert, der Glaube mache blind für die Aufgaben
der Gegenwart. Es sieht nach Flucht vor den Problemen aus,
wenn ein Christ an die unsichtbare Wirklichkeit Gottes glaubt.
Was bringt eigentlich der Glaube an Christus?

Zu diesem Fragenkomplex möchte ich in 10 kurzen Thesen


Stellung nehmen.

1. Wenn ein Mensch an den Gott seiner eigenen Wunschvor-


stellungen glaubt, so kann dies bei einer passiven Veranla-
gung durchaus zur Bequemlichkeit, zur Vermeidung jeder
Anstrengung und zur Flucht vor den Gegenwartsaufgaben
führen.

2. Ein aktiv veranlagter Mensch kann mit der gleichen, selbst-


gemachten Gottes-Vorstellung eine Bestätigung seiner ego-
istischen Erfolgsziele geltend machen. »Gott« ist dann nicht
mehr als eine Projektion des Ich-Strebens ins eingebildete
Jenseits.

3. Anders ist es, wenn sich ein Mensch dem Anspruch des le-
bendigen Gottes stellt. Der Mensch wird dadurch nicht
blind für die Gegenwart, im Gegenteil — er sieht das Leben
mit seinen Aufgaben und Möglichkeiten viel realer. Glaube
an Christus bedeutet nicht nur verändertes Denken, son-
dern eine neue Existenz mitganz bestimmten Konsequenzen.

4. Die erste Konsequenz, die sich aus dem Glauben an Chri-


stus ergibt, ist ein Herrschafts- Wechsel: nicht ich, sondern
er soll mein Leben führen.

37
5. Eine weitere Konsequenz ist das Erlebnis der Vergebung,
das Freiwerden von Schuld und Bindung in der Vergangen-
heit, die Bereinigung gebrochener Beziehungen in der Ge-
genwart.
6. Das Freiwerden für neue Ziele, wie sie nicht meinem
Wunschdenken, sondern Gottes Willen entsprechen, ist
eine weitere Folge des glaubenden Gehorsams.

7. Jede Arbeit bekommt eine andere Blickrichtung und neue


Sinngebung: »Alles, was ihr tut in Wort und Werk, das tut
alles in dem Namen des Herrn Jesus — und danket Gott...«
(Kolosser 3,17) Das heißt: die Arbeit darf nicht abgewer-
tet werden. Ich kann mehr wirken, wenn ich meine Arbeit
im Namen von Jesus tue.

8. Meine Arbeit soll Ausdruck meiner Dankbarkeit sein. Am


Beginn meines Arbeitstages sollen nicht die Probleme den
Rhythmus bestimmen, sondern der Dank. Dank für die
Arbeitsstelle. Dank für Frieden und für unsere Freiheit.
Dank für die Mitarbeiter, für die Vorgesetzten, Dank für
Gesundheit, für Bewahrung, für die Möglichkeiten, die
unsere Zeit bietet. Dank dafür, daß mein Herr alles in sei-
ner Hand hat.

9. Der Glaube an diesen Herrn bietet Garantie, daß ich auch


bei Mißerfolg oder Mißgeschick »nie tiefer fallen kann als
in die ausgebreiteten Arme Gottes« — so hat es ein Christ
kurz vor seinem Tod aus Stalingrad geschrieben. Ich bin
sicher, daß er dann auch bei jeder Entscheidung meines
Berufes den richtigen Weg für mich haben wird.

10. Aber dieser Glaube ist eben keine Garantie für den Erfolg,
wie wir ihn uns wünschen. Erfolg und Mißerfolg, Freude
und Leid können wir dann getrost aus der Hand Gottes
nehmen. Das ist doch eine zuverlässige Grundlage für un-
sere Aufgaben!

38
Zum Leben wird der Mensch gezwungen
und zum Sterben wird er gezwungen, und
zwischen diesen beiden ist er fast in allen
Stücken gebunden.
Nur zu Gott alleine wird niemand ge-
zwungen, hier hat Gott die Seele des
Menschen völlig freigemacht.
Gertrud von Le Fort

Zum Erfolg verurteilt?


Der Erfolgszwang bestimmt unsere gesamte Industriegesell-
schaft. Fast alle Berufe sind davon erfaßt. Damit will man sich
nicht abfinden. Der Protest gegen den Leistungsdruck ist mas-
siv, Leistungsverweigerung wird zur angenehmen Gewohnheit.
Und doch erwarten alle — als Verbraucher — von den anderen
Leistung.
Leistung erwarten wir vom Lufthansa-Piloten genauso wie
vom Mechaniker, der für die einwandfreie Reparatur meines
Wagens verantwortlich ist. Auf die perfekte Leistung des
Anästhesisten bei der Operation muß ich genauso vertrauen
können wie auf die Leistung der Kindergärtnerin, der ich mein
Kind im sensibelsten Alter anvertraue. Welche pedantische
Perfektion der Leistung wird heute im Hotel- und Gaststätten-
bereich erwartet. Mit welch überlegener Geste wird rekla-
miert, wenn das Menü nicht die erwünschte Wärme, der aus-
erlesene Sekt nicht die vorgeschriebene Kühle hat. Die Höhe
unserer Ansprüche erzwingt Leistung, Leistung auf allen Ge-
bieten.
Natürlich können wir Leistung zurückschrauben. Wir kön-
nen sie eindämmen. Wenn wir heute unsere Ansprüche kürzen
wollten, wenn die Bereitschaft dazu in breiten Bevölkerungs-
kreisen wirklich vorhanden wäre, so könnten dadurch die über-
triebenen Härten des Leistungsprinzips gemildert werden.
Aber ist man dazu bereit? Und wenn - dann wäre immer noch
39
Leistung notwendig, um die Existenz der zunehmenden Welt-
Bevölkerung zu sichern.
Die Errungenschaften der Technik, der Fortschritt von Ra-
tionalisierung und Automatisierung läßt manchmal Illusionen
aufkommen. Man redet viel von einer weiteren Verkürzung der
Arbeitszeit auf vier oder nur drei Tage in der Woche. Doch in
den letzten zwanzig Jahren hat sich in den Industrieländern die
tatsächlich geleistete Arbeitszeit nicht so entscheidend ver-
kürzt, wie oft angenommen wird. Die auf dem Papier erzielte
Arbeitszeitverkürzung wird kompensiert durch freiwillig gelei-
stete Überstunden.
Aus dieser Sicht ist tatsächlich das Leistungsprinzip eine
fatale Sache. Es ist ein unangenehmes, ja verhängnisvolles Ge-
setz, ohne das menschliche Existenz nicht möglich ist. Die viel-
gepriesene Verweigerung der Leistung — hilft sie der Mensch-
heit weiter? Sie nützt nur dem einen, der sie verweigert, aber
auf Kosten der anderen.
Die Diskussion über das Leistungsprinzip wird heute be-
stimmt durch extreme Positionen: Verdammung der Leistung
hier, Vergötzung der Leistung dort. Man sollte verzichten auf
Ideologien, auf »scheinwissenschaftliche Bilder«, die oft die
Wirklichkeit überdecken. Wir sollten den Leistungsdruck se-
hen, wie er ist, und wie er auf Schule, Universität, Wirtschaft
und Politik einwirkt.
Wer im Beruf vorwärtskommen will, ist zum Erfolg verur-
teilt, und wem der Erfolg versagt bleibt — manchmal ohne Ver-
schulden — dem wird oft auch die Leistung und damit die An-
erkennung abgesprochen. Zahllose Manager gibt es, einst so
erfolgreich, die plötzlich am Ende sind, nur weil ihnen an einem
Punkt der Erfolg nicht treu bleibt. Die Wirtschaft fordert ihren
Tribut von jedem, der in ihr mitwirkt. In anderen Bereichen, in
Politik, Wissenschaft, ja selbst im Sport ist es ähnlich. Wo gibt
es ein funktionierendes System, das frei ist von diesem Zwang
zur Leistung?
Das spürt der Akkord-Arbeiter, der Schritt halten muß mit
der Geschwindigkeit des Fließbandes. Vielleicht hat er sich das

40
alles einmal anders vorgestellt. Er hat eine abgeschlossene
Lehre und wollte weiterkommen, und dann landet er am Fließ-
band, weil die Bezahlung dort besser ist und weil die Existenz
seiner Familie und vielleicht seine Bausparverpflichtungen es
so verlangen.
Jeder will weiterkommen im Beruf — und oft tritt man doch
auf der Stelle. Das empfindet auch der Mitarbeiter in der Buch-
haltung, der seine Leistungsfähigkeit schon bewiesen hat und
seit Jahren wartet, bis er Abteilungsleiter wird. Aber sein Vor-
gesetzter ist ihm im Weg. Da ist ein Gruppenleiter, der immer
wieder mit schwierigen Aufgaben fertiggeworden ist. Aber es
gibt einige Mitarbeiter, die ihm Schwierigkeiten machen. Die
andern sind ihm im Weg.
Es kann vorkommen, daß wir mühsam einen Erfolg errun-
gen haben. Aber dann kommen andere und beanspruchen un-
seren Erfolg, nehmen ihn weg. Plötzlich stehen wir leer da . . .
Wie kann hier wirksam Abhilfe geschaffen werden? Immer
wieder heißt es, die Verhältnisse müßten geändert werden, um
gerechte Bedingungen für alle zu garantieren. Stimmt das
wirklich?

Vor vielen Jahren habe ich das auch erlebt — eine berufliche
Durststrecke mit Machtkämpfen und Rückschlägen. Erfolge
waren da, aber andere nahmen sie mir weg. Ich versuchte, fair
zu bleiben und war doch ständig von Intrigen umgeben. Das
machte mich ziemlich fertig. Trotzdem blieb ich kämpferisch
und versuchte — mit dem Kopf durch die Wand — an einer Ver-
änderung der Verhältnisse zu arbeiten.
Eines Tages traf mich ein Bibelwort aus 2. Mose 19. Die Si-
tuation des Volkes Israel in der Wüste. Unzufrieden mit seinem
Schicksal, wollte es oft bessere Verhältnisse erzwingen. Da ließ
der Herr durch Mose sagen: »Ihr habt selbst gesehen . . . ich
habe euch getragen - wie auf Adlerflügeln — und habe euch zu
mir gebracht.«
Da war ich angesprochen, getroffen. Ich hatte alles ändern,
alles erzwingen wollen. Jetzt spürte ich: ich bin geborgen bei

41
Gott. Er hat mich in seiner Hand. Mein Blick soll auf ihn ausge-
richtet sein. Dann kann er auch um mich herum die Verhält-
nisse klären. Frieden, Gelassenheit erfüllten mich jetzt. Das
war der Anfang einer ganz neuen, positiven Entwicklung.
Nachdem der starre »Stellungskrieg« gebrochen war, konnten
sich auch die Verhältnisse Zug um Zug verändern.

42
Herr,
Allmächtiger,
Unendlicher, Schöpfer, Vollender!
Ein Jahr ist für dich nur ein Augenblick.
Doch für uns ist es 365 Tage lang,
breit und tief, unübersehbar.
Jedes Jahr ist vollgepackt für uns im voraus,
mit Gutem und Bösem.
Straße schnurgerade durch Savannen,
Kurven über steile Hügel,
Schlaglöcher, Pannen,
verpaßte Anschlüsse und Gelegenheiten.
Herr,
wegen dieser verpaßten Gelegenheiten
könnte ich verzweifeln,
wenn du nicht vergeben würdest.
Mit dir wird das Jahr zu einer kurzen Gnadenspanne.
Du hast auch meine Tage gezählt,
die Minuten und Sekunden.
Herr,
jeder Pulsschlag bringt mich näher zu dir.
Diese Zeit ist eine Prüfung für uns.
Herr,
Sturm wird brausen,
Wolken werden dicht über die Erde ziehen.
Dunkel wird es über der Erde werden,
auch am Tag,
doch ich weiß,
daß du hinter den Wolken bist.
Daß dein Wille diese Welt bewegt.
Herr,
um Gesundheit bitte ich dich,
um etwas mehr Geld,
um Hunger auf dein Wort,
um dein Wort bitte ich dich.
Gebet aus Ghana

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Einen Menschen lieben, heißt ihn so sehen,
wie Gott ihn gemeint hat.

Fedor Dostojewski

Die Liebe Gottes liebt nicht das Liebens-


werte. Sie schafft das Liebenswerte.

Martin Luther

Drang nach Bestätigung


Das haben Sie auch schon erlebt: der Erfolg kann Ihre ganze
Arbeit beflügeln. Da geht auf einmal alles leicht von der Hand.
Der Erfolg ist für Sie die Bestätigung, daß Sie etwas von Ihrem
Geschäft verstehen, daß Sie auch schwierigen Aufgaben ge-
wachsen sind.
Da ist ein Verkäufer, der mit großem Einsatz und Schwung
sein Produkt an den Mann bringt. Wenn er früh am Tag schon
einen oder zwei gute Aufträge hinter sich bringt, dann läuft
meist auch der Rest des Tages gut. Es ist wie eine Erfolgslawi-
ne: der erste Erfolg gibt Bestätigung. Daraus erwächst soviel
Schwung, daß die zweite und dritte Hürde fast mühelos ge-
nommen werden. Ein Erfolg reißt den andern mit sich.
Aber da gibt es auch andere Zeiten; Tage, in denen sich gar
nichts abspielt. »Wenn ich bis elf Uhr vormittags keinen Erfolg
habe, dann ist für mich der ganze Tag kaputt«, so hören wir es
immer wieder von Menschen, die unmittelbar an der Verkaufs-
front stehen. Manchmal gibt es ganze Perioden, wo ein Mißer-
folg den andern ablöst. Dann entscheidet sich, wieviel der ein-
zelne für seine Umgebung wirklich wert ist. Es geht nach dem
Motto »Der Erfolg hat viele Väter, aber der Mißerfolg ist eine
Waise.«

44
Wenn nun in dieser Situation, in der sich jener Außen-
dienstmitarbeiter so allein fühlt, überraschend der Vorgesetzte
angereist kommt, sich zu ihm stellt, ihn anhört und sich mit ihm
in die Arbeit stürzt, da ist dies ein Erlebnis besonderer Art. Der
angefochtene Mann erfährt Bestätigung; obwohl er gegenwär-
tig keinen Erfolg hat, ist er seinem Vorgesetzten etwas wert. Er
ist nicht mehr allein auf sich gestellt.
Diese Ermutigung kann der Anfang einer neuen Arbeitsein-
stellung und Grundlage einer erfolgreichen Weiterentwicklung
sein. Wenn wir vor uns ehrlich sind, dann wollen wir nicht nur
die Bestätigung durch den Erfolg. Es geht um mehr. Wir wollen
durch unsere Umgebung umfassend, uneingeschränkt, ohne
Bedingungen akzeptiert werden. —
Jetzt kommt der Widerspruch: wir selbst sind nicht bereit,
unsere Umgebung — den Mitarbeiter oder Nachbarn - ohne
Einschränkung zu akzeptieren. Wir bestätigen ihn nur in dem
Maße, wie er unsere Erwartungen erfüllt. Wenn ich den andern
nur da bestätige, wo er meinen Erwartungen entspricht, da
kann kein echtes Vertrauen entstehen.
Bestätigung reicht nicht aus. Bestätigung ist leistungsbezo-
gen und weist in die Vergangenheit. Was wir brauchen, ist
mehr! Jeder sucht doch das Gefühl, von seiner Umgebung voll
angenommen zu sein. Dies gilt für den Schüler, der vielleicht
das Doppelte leisten kann, wenn er spürt, er ist von seinem
Lehrer akzeptiert. Dies gilt auch für die Hausfrau, die ja nur
harmonische Atmosphäre in dem Maße verbreiten kann, wie
sie sich von Mann und Kindern bejaht und angenommen fühlt.
Vor über 20 Jahren arbeitete ich einige Monate in der Auto-
mobil-Produktion. Da lernte ich mit den Arbeitern fühlen, die
über längere Zeit diesem einseitigen physischen Druck ausge-
liefert waren. Aber es war nicht allein die Geschwindigkeit des
Fließbandes, die belastete. Diesem physischen Leistungsan-
spruch konnte man noch durch ganzen, handfesten Einsatz ge-
recht werden. Viel lähmender war das Gefühl, das viele heute
erfaßt: Der einzelne fühlt sich nur als ein anonymes Rädchen
im Getriebe einer großen Apparatur. Das empfindet die Ange-

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stellte hinter dem Schreibtisch ähnlich wie mancher Schüler
oder auch ein Versicherungsvertreter. Resignierend wird fest-
gestellt: nicht wir haben unseren Beruf in der Hand, sondern
der Beruf hat uns.
Ich erinnere mich noch, wie ich in der Gießerei war, das ist
eine besonders harte und anstrengende Arbeit. Ich bewunderte
diese Leute, die dort arbeiteten. Wie ich dann im Gespräch
feststellte, waren sie zufriedener und selbstsicherer als manche
Mitarbeiter, die weniger leisten müssen. Ich habe noch das Bild
dieser rußgeschwärzten Arbeiter vor mir, in einer riesigen
Halle voller Rauch, Staub und Lärm. Unerwartet kam Besuch,
ein elegant gekleideter Herr. Wie sich später herausstellte, war
es der Hersteller der neuen Schmelzöfen. Der Unternehmer
kam auf den Arbeiter zu, der an seinem neuesten Schmelzofen
arbeitete. Es machte ihm nichts aus, daß sein eleganter Anzug
etwas angerußt wurde. Er sprach voller Interesse mit dem Ar-
beiter, er brauchte seinen Rat. Die Meinung dieses Mannes war
gefragt: war er zufrieden mit diesem Ofen? Ließ es sich gut mit
ihm arbeiten oder was war daran noch zu verbessern? Nach we-
nigen Minuten war der Besucher wieder weg. Aber ich sehe
noch das glückstrahlende Gesicht dieses Arbeiters, als ob er sa-
gen wollte: Man braucht mich! Man hat mich um Rat gefragt.
Ich bin nicht nur ein anonymes Rädchen. Man wird mich auch
in Zukunft brauchen.
Wir haben es doch schon selbst erfahren, welche Bedeutung
ein Wort der Ermutigung im richtigen Augenblick haben kann.
Wir wissen es, welche Wirkung echte Motivation hat. Was
könnte in den Universitäten und Schulen, in Behörden und Be-
trieben alles sich verändern, wenn eine neue Motivation da
wäre! Gibt es dafür eine Grundlage?

46
Ich möchte dazu persönlich Stellung nehmen:

1. Der Drang nach Bestätigung ist sicherlich eine starke An-


triebskraft für unsere Berufsarbeit.
2. Diese Kraft kann plötzlich abbrechen, erlahmen, wenn der
Mißerfolg sich breitmacht, aber genauso, wenn der äußerste
Erfolg erreicht ist und die Ernüchterung wächst.
3. Jedes Erfolgs-Denken, das unser Lebensglück einseitig vom
Ergebnis abhängig macht, ist unmenschlich. Aber auch die
Ablehnung des Erfolges, das Vorgaukeln einer Gesell-
schaft, die durch süßes Nichtstun besser wird, ist unnatür-
lich. Was ist dann aber die bestimmende Kraft für Arbeit,
für Leistung?
4. Das gibt mir Ermutigung für meine Arbeit, daß ich weiß: Je-
sus Christus lebt. Er kennt meine Schwierigkeiten, er kennt
mich. Er gibt Freude und Kraft zur Arbeit. Er schenkt Moti-
vation, die zum Erfolg führen kann. Aber er bejaht nicht nur
den Erfolgreichen, er liebt mich gerade auch dann, wenn ich
am Ende mit meinen Möglichkeiten bin. Dies ist für mich
echte Motivation, ich fühle mich rundum von Gott ange-
nommen. Er gibt Kraft und Ermutigung, auch in der Tal-
sohle eines Mißerfolgs.
5. Es wird mir immer klarer, daß dies für mich der einzige Weg
ist, um dem Mitarbeiter, den Kollegen, meinen Bekannten
und Nachbarn näher zu kommen. Ich soll sie nicht an mei-
nen Vorstellungen messen; da gäbe es zu viele Enttäu-
schungen. Sie werden für mich liebenswert, wenn ich daran
denke, daß Gott sie liebt und jedem einzelnen bestimmte
Gaben verliehen hat, die in ihrer Art einen einmaligen Wert
darstellen. Wer so mit einem Menschen spricht, der kann es
erleben, daß eine neuartige persönliche Verbindung ent-
steht, ein echtes Vertrauen, das für die ganze Umgebung er-
frischend und belebend wirkt.

47
Schwäche des Systems
Die Industriegesellschaft steht heute im Kreuzfeuer der Kritik.
Berechtigte und unberechtigte Angriffe massivster Art richten
sich gegen die Manager der Industrie-Betriebe.
Die Umweltverschmutzung ist eines der Themen, das weite
Teile der Bevölkerung beunruhigt. Wer wollte die stickigen,
atembeklemmenden Dunstschwaden über unseren Großstäd-
ten entschuldigen? Wer empfindet nicht die öligen, abwasser-
verseuchten Flüsse als unerträgliche Zumutung?
Nun ist in unseren Städten die Verunreinigung der Luft
größtenteils auf Autoabgase und Verbrennungsrückstände
unserer Ölheizungen zurückzuführen. Erst an dritter Stelle ist
die Schuld bei den Industrie-Schornsteinen zu suchen. Es ist
die Frage, ob in der Bevölkerung die notwendige Bereitschaft
besteht, auch mal Verzicht zu leisten, wenn damit die Schmutz-
welle unserer Wohlstandsgesellschaft eingedämmt werden
kann?
Das Seltsame aber ist: bei der Kritik unserer Wohlstands-
gesellschaft meinen wir meist die anderen, nicht uns selbst. Die
scharfen Pfeile unserer Kritik treffen das System und nicht uns
selbst.
Sicherlich hat das freiheitliche System unserer Wettbewerbs-
gesellschaft einige Schwächen. Da stoßen sich zahllose Men-
schen an dem Begriff Wettbewerb; viele von denen, die ihn ab-
lehnen, haben noch nicht unter der Last des Wettbewerbs ge-
standen. Gerade wer im Wettbewerb sich bewähren muß, der
weiß: wo Wettbewerb abgebaut wird, da wird die Freiheit von
vielen abgebaut. Weniger Wettbewerb heißt mehr Monopol,
mehr konzentrierte Macht in den Händen weniger. Wer kann
dies ernstlich wollen?
Wenn leichtfertig gegen unser System Stellung genommen
wird, zeigt sich eine offensichtliche, permanente Schwäche
unseres Systems: es kann sich selbst nicht verteidigen. In den
Ländern des Ostblocks wird die alles beherrschende Macht der
Wenigen zum Selbstzweck. Sie wird durch einen ungeheuren

48
Aufwand an Propaganda untermauert. Auch in unserem Sy-
stem wird viel Geld ausgegeben für Werbung, aber für Wer-
bung der vielen. Man kann sich darüber streiten, ob sie immer
sinnvoll ist; von vielen wird sie als penetrant lästig empfunden.
Ob nun für Waschmittel oder für Politiker geworben wird -
fast immer werden die vielen unterschiedlichen Angebote,
wird die Vielgestaltigkeit unserer Gesellschaft beworben.
Wenn es bei dieser Vielgestaltigkeit des Angebots Entgleisun-
gen gibt, dann wird sich die berechtigte Kritik konkret gegen
einzelne Maßnahmen richten, und sie hat es nicht nötig, die
Schuld im anonymen »System« zu suchen.
Das System wird zum Sündenbock für vieles. Alle wissen-
schaftlichen Errungenschaften und Erfindungen der letzten
hundert Jahre haben die Menschen in einen Taumel des Fort-
schritt-Glaubens hineingezogen. Die Propheten der modernen
Errungenschaften hatten geglaubt, das Gute im Menschen
würde garantieren, daß nur der Fortschritt wächst. Die Lawine
der Umwelt-Verschmutzung, die zwangsläufig ins Rollen kam,
wurde geflissentlich außer acht gelassen. Eigentlich war es doch
seit vielen Jahrzehnten voraussehbar, daß die Forschung der
Chemie, die Technik des Verbrennungsmotors oder die mas-
senweise Verwertung des Energiefaktors ö l eine gefahrvolle
Kehrseite haben muß.
Der Fortschritt wurde zum Götzen. Obwohl dieser Götze
seine gefährlichen Hintergründe gezeigt hat, fährt man fort, an
die Machbarkeit des Fortschritts zu glauben. Für die häßlichen
Nebenwirkungen des Fortschritts sucht man einen Sünden-
bock.
»Der beste Zeitpunkt, ein Problem anzupacken, ist die Zeit
vor seiner Entstehung«—so sagte jemand zutreffend. Doch der
Mensch findet es unerträglich, daß das Ergebnis seines Fort-
schrittglaubens soviel Unheil und Schmutz sein soll; und daß er
es nicht vor der Entstehung gesehen hat. Dies eingestehen,
hieße doch sein Gesicht verlieren! Meist werden die Probleme
erst in ihrer Tiefe erkannt, wenn sie passiert sind, und dann
geht es darum, die Schuld zu verteilen.

49
Was die Bibel sagt, ist so logisch und überzeugend: Die Schuld
bei den andern suchen, das ist die normale Neigung des Men-
schen. Wenn ich mich von Gott fragen lasse, wenn ich mir von
ihm die Schuld aufzeigen lasse mit dem Wunsch, diese Schuld
Christus zu übergeben und von ihm vergeben zu lassen, dann ist
dies schon ein ungewöhnlicher Vorgang. Ein Vorgang, der nur
durch den Geist Gottes bewirkt werden kann.
Es gibt noch andere Probleme der Umwelt, die unschein-
barer aussehen und deshalb bei Systemveränderern kein Inter-
esse finden. Vielleicht ist bei Ihnen zu Hause einmal dicke Luft.
»Luftverschmutzung« in der häuslichen Atmosphäre kann
entnervend sein. Da hat man dann auch die Neigung, die Schuld
beim andern zu suchen. Von der Bibel habe ich gelernt, daß die
neue Atmosphäre immer nur dann anbrechen kann, wenn ich
mir von Christus zeigen lasse, wo ich einen Fehler gemacht oder
etwas versäumt habe. Auch wenn ich scheinbar recht habe,
kann Frieden nur eintreten, wenn ich mir von Christus den An-
schein meines Rechthabens nehmen lasse. Ich bekomme ihn
wieder ins Blickfeld. Dann kann die Atmosphäre von ihm ge-
reinigt und von seinem Frieden erfüllt werden.

Gott gebe mir Gelassenheit, Dinge hinzunehmen,


die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit,
das eine vom andern zu unterscheiden.

Johann Christoph Oetinger

50
Frankfurter Flughafen, Abflugraum,
kurzer Durchgangsweg für Tausende
täglich, gleich wird sich die nächste
Menschenfracht zur nächsten Maschine
drängen.

Tausende unterwegs, hierhin und dort-


hin, in wenigen Stunden werden sie
ankommen, aber werden sie ihr Ziel
wirklich erreichen?

Ingeborg Kiefel

Duft der großen, weiten Welt


Wer internationale Geschäfte betreibt, für den ist der Duft der
großen, weiten Welt oft nichts Besonderes mehr. Für ihn hat
das Reisen mit den modernsten Düsen-Jets schon lange sein
exklusives Flair verloren.
Doch für mich ist es manchmal noch ein Augenblick bewuß-
ten Erlebens, wenn die Maschine sich von der Startbahn ab-
hebt. In wenigen Sekunden schon liegt alles so klein und un-
scheinbar unter uns, was vorher noch unseren Blick festgehal-
ten hat.
Da kommt mir manchmal der Gedanke: wenn es mit unse-
rem Bewußtsein (und gar mit unserem Unterbewußtsein!) doch
auch so einfach w ä r e . . . ! Wenn wir einfach in Sekunden-
schnelle alles hinter uns lassen könnten, was uns an Erlebnis-
sen, Belastungen oder Sorgen bedrängt! Vielleicht gelingt es
mal. Aber nach ein paar Stunden, spätestens nach ein paar Ta-
gen — kommt es dann nicht alles wieder auf mich zurück? Und
hinter dem Drang nach der großen, weiten Welt steckt neben
mancher positiven Neugier sicher auch noch etwas anderes. Ist
da nicht auch der Wunsch spürbar, endlich einmal alles hinter
mir zu lassen, was mich bisher so unnachgiebig festgehalten
hat?

51
Bei einem solchen Flug bin ich mit den vielen anderen Flug-
gästen eine anonyme, bunt zusammengewürfelte Gruppierung.
Eine Art Schicksalsgemeinschaft — wenn man an die Möglich-
keit einer Entführung denken wollte. Aber an den Eintritt einer
solchen Gefahr denkt man ja nicht bewußt. Immerhin ist es für
mich von prickelndem Interesse, irgendwie zu erfahren, wer da
neben mir zur Linken oder zur Rechten sitzt. Sehr leicht kommt
man ins Gespräch:
»Woher kommen Sie?« frage ich meinen Nachbar.
»Aus Puerto Rico.«
»Das muß eine bezaubernde Insel sein.UnddawohnenSie?«
»Nun, ich hatte dort zu tun. Ich bin viel unterwegs: in New
York, Paris und auch in Frankfurt.«
»Dann kennen Sie sicher sehr viele Länder?« frage ich re-
spektvoll.
»O ja, ich kenne fast die ganze Welt.«
»Aber wenn ich fragen darf: wo sind Sie zu Hause?«
»Wenn Sie so wollen, an vielen Stellen oder auch—nirgends.«
»Aber Sie müssen doch eine Heimat haben. Wenn jemand
Sie sucht. Jemand, der Sie dringend braucht. Wo ist Ihre Hei-
mat, sind ihre Freunde, wo fühlen Sie sich zu Hause?«
»Nun, eine Heimat, wie Sie meinen, die habe ich nicht.«
Ein bitterer Nachgeschmack der Leere bleibt zurück, wenn
ich mir dies vergegenwärtige. Rastlos tätig und an vielen inter-
nationalen Orten ein anerkannter Gesprächspartner — und
doch von dem lähmenden Gefühl verfolgt: keine Heimat!

Noch schlimmer ist es, wenn wir bei unserer rastlosen Tätigkeit
vergessen, daß wir eine Heimat bei Gott brauchen. Nicht nur
eine gedankliche Vorstellung von einer möglichen Heimat,
vielmehr ein echtes Verwurzeltsein in Christus. -
Da war ich einmal im Gespräch mit einem Mathematik-Do-
zenten, der eine Menge von intellektuellen Problemen hatte.
Ein Zweifel nährte den andern. Nach einigen Stunden fragte
mich der Dozent: »Woher wußten Sie, daß meine Zweifel nur

52
oberflächlich waren? Wußten Sie, daß ich mit meinem Leben
am Ende bin?«
Viel zu oft wissen wir es eben nicht, daß hinter vielen Pro-
blemen etwas Unausgesprochenes steht: die Sehnsucht nach
einer Heimat bei Gott.
»Gott selbst war in Christus auf dieser Erde. Er selbst hat den
Menschen die Erlaubnis gegeben, zu ihm nach Hause zu kom-
men.
Er rechnete ihnen nicht an, was alles sie schon gegen seinen
Willen getan hatten, sondern fing an, wieder mit ihnen zu re-
den.« (2. Korinther 5,19 - nach J. Zink)

He i mkehr

Heinrich Heine, der durch seinen geistreichen Spott bekannte


Dichter, schrieb 1851 im Nachwort seiner Gedichtsammlung
»Romanzerò«: »Wenn man auf dem Sterbebett liegt, wird man
sehr empfindsam und möchte Frieden machen mit Gott und der
Welt. Seit ich selbst der Barmherzigkeit Gottes bedürftig bin,
habe ich allen meinen Feinden Amnestie erteilt. Gedichte, die
nur halbwegs Anzüglichkeiten gegen Gott enthielten, habe ich
mit ängstlichem Eifer den Rammen überliefert. Es ist besser,
daß die Verse brennen als der Versemacher. Ja, ich habe mit
dem Schöpfer Frieden gemacht, zum größten Ärgernis meiner
aufgeklärten Freunde, die mir Vorwürfe machten über dieses
Rückfallen in den alten Aberglauben, wie sie meine Heimkehr
zu Gott zu nennen belieben. Ich bin zurückgekehrt zu Gott wie
der verlorene S o h n . . . Das himmlische Heimweh überfiel
mich.«

53
Das Verhältnis des Menschen zu Gott wird von Jesus in
Lukas 15 verglichen mit einem Sohn, der Forderungen an den
Vater stellt:
»Gib mir, Vater, das Teil der Güter, das mir gehört!«
Er raffte alles zusammen und zog in die Ferne. Da verschleu-
derte er mit Prassen sein G u t . . .
Dann kam er zur Besinnung . . .
»Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu
ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt.. .« Und er machte sich
auf und kam zu seinem Vater.
Als er aber noch fern war, sah ihn schon sein Vater; den Va-
ter ergriff ein übermächtiges Erbarmen, er lief seinem Sohn
entgegen, fiel ihm um den Hals und küßte ihn.

Wir Menschen wissen nichts von deiner Macht, Gott,


und sehnen uns doch nach deiner Liebe und Barmherzigkeit.

Seit alten Zeiten bist du denen begegnet,


die auf deinem Weg nach dir suchten.
Ja, du bist uns ferne gerückt, als wir ohne dich lebten.

Jeder lebt, als ob es dich nicht gäbe.


Jedem ist sein einsamer Weg genug.
Denn du bist uns fern, und wir sehen dich nicht.

Aber das ist doch wahr, Herr:


Du bist u n s e r V a t e r .
Aus Jesaja 63 und 64

54
Wenn die Kraft nicht ausreicht.. .
Wie überall, stoßen wir auch in unserer beruflichen Welt auf
Grenzen. Unserer Leistungsfähigkeit sind Grenzen gesetzt. Ob
wir mit den großen Aufgaben unserer Zeit fertig werden, ist
nicht nur eine Frage unserer technischen und finanziellen
Möglichkeiten. Die Frage ist, ob wir die nötige Kraft haben.
Die Schlüsselfrage unserer Zeit ist die Frage nach unseren
Kräfte-Reserven.
Da sind Entwicklungen, die nicht eingeplant, Krisen, die
nicht voraussehbar waren und alles in Frage stellen, was müh-
sam erarbeitet war.
Wie sollen wir in dieser Unsicherheit Schaffenskraft und
Optimismus aufbringen?
Unsere moderne Welt kann so vieles produzieren, aber das
Wichtigste wird immer knapper: Zuversicht und Kraft zum
Durchhalten. Wir sind oft nahe daran, alles dem Erfolg, diesem
maßlosen Moloch, zu opfern: unsere verborgenen Wünsche,
die Familie, das Gewissen, unsere Sehnsucht nach dem wirk-
lichen Leben. Wie oft muß unsere Familie zurückstehen! Wir
laden abends Ärger und Enttäuschungen ab. Frau und Kin-
der — was haben sie von mir?
Es gibt da Augenblicke der Ernüchterung. Augenblicke, in
denen man sich fragt: Ist das alles? Ist der Erfolg einen solchen
Einsatz wert? Bietet das Leben nicht mehr?
Mit zahllosen Forderungen des Alltages ist man fertig gewor-
den. Aber die ganz große Herausforderung meines Lebens —
habe ich sie bestanden? Was ist das Ziel meines Lebens? Wer
kann denn überhaupt glaubwürdig eine Antwort geben auf
diese herausforderndste aller Fragen?
Wer solche Stunden der Ernüchterung einmal erlebt, der
möchte sich nicht mit billigen Antworten abspeisen lassen.
Wofür bin ich da?
Antwort darauf kann doch nur einer geben. Er, der mir mein
Leben gegeben hat. Der lebendige Gott allein kann mir Sinn
und Erfüllung fürs Leben geben.

55
Weil Jesus Christus von Gott kam und stellvertretend für die
Menschheit das Todesurteil von Gott entgegennahm - deshalb
können wir hoffen, ohne unter dem Zwang religiöser Leistung
stehen zu müssen. Jesus spricht: »Kommt her zu mir alle, die
ihr müde seid und ermattet von übermäßiger Last. Ich will euch
erquicken« (Matthäus 11,28).
Es gibt Menschen, die das erlebt haben. Die Stimme Gottes
drängt sich zwar keinem auf, der sie nicht hören will, aber wer
noch einen Rest Ansprechbarkeit bewahrt hat, für den ist sie
unüberhörbar. Zu Jesus darf ich kommen - gerade dann, wenn*
ich mich leer und ausgebrannt fühle.

Er hat für mein Leben eine Zielvorstellung.


Es ist mir wichtig, daß ich nicht daran vorbeilebe. Deshalb
will ich mir die Zeit nehmen - am besten morgens vor Beginn
der Arbeit - und auf die Stimme Gottes hören: Was hat die
Bibel mir heute zu sagen? Und—wenn ich im Gebet nach Gottes
Willen für meine Zukunft frage, wenn ich danke für das Ver-
gangene — da kann sich eine neue Dimension auftun.

Wer in echter Verbindung zu Christus steht, der bekommt


einen Blick für die großen Zusammenhänge. Jede Arbeit und
jede Entscheidung kann die Handschrift meines Herrn tragen.

Der Leistungszwang, der einen Menschen so unbarmherzig


aushöhlen kann, wird verändert. Die Spannung zwischen Lei-
sten-Müssen und Leisten-Können, die manchmal bis zum Zer-
reißen belastet, die darf ich abladen an eine starke Instanz.
Christus selbst gibt die notwendige Kraft. Es ist Motivation da,
eine starke Triebkraft, die Mut gibt und Freude für neue Auf-
gaben.

56
Eine weitere Auswirkung ist zu erwarten. Unsere berufliche
Welt ist arm an Kreativität. Es gibt wenig echte Neuerung, we-
nig Originalität; und wir brauchen sie dringend.
Wer durch Christus Frieden mit Gott, dem Schöpfer erfahren
hat, der bekommt auch schöpferische Kräfte, er wird befähigt
zur Kreativität.
Das Verhältnis zum Mitarbeiter — eine der ganz wichtigen
Aufgaben im betrieblichen Leben — wird durch den Glauben
erneuert. Dieser Mitarbeiter ist nicht nur dazu da, um einen
bestimmten sachlich-organisatorischen Zweck zu erfüllen. Aus
dem Blickwinkel der Ewigkeit sieht alles anders aus: Mein Be-
ruf ist eine kurze Wegstrecke, auf der mir viele Menschen be-
gegnen. Einige Menschen gehen ein paar Jahre den gleichen
Weg. Sicher erwarten sie etwas von mir. Die Frage ist: Werden
sie von mir enttäuscht? Stehe ich ihnen im Weg oder wirke ich
daran mit, daß die besonderen Gaben, die Gott ihnen anver-
traut hat, zur vollen Entfaltung kommen können?

57
Im Härte-Test
Für besonders wichtige Konstruktionen wird Stahl in einem
Härte-Test einer extremen Beanspruchung ausgesetzt und da-
nach beurteilt.
In harten Situationen, in Stunden größter Not, haben unzäh-
lige Christen erfahren, daß der Glaube an Christus standhält.
Immer wieder wird bezeugt, daß der Grund für diese Stand-
haftigkeit nicht im eigenen Stehvermögen liegt, sondern daß
Gott sein Versprechen hält und immer die Kraft gibt, die der
Glaubende braucht, um durchzuhalten.
»Die ungeheuere Kraft, die von uns ausgehen kann, ist nicht
auf uns zurückzuführen; sie kommt von Gott.« (2. Korinther
4,7)
Kürzlich kam aus Rußland ein Brief von verfolgten Christen.
Es war ihnen wichtig, daß für sie gebetet wird. Ihr Wunsch ist
nicht die Befreiung von der Verfolgung. Sie beten um Kraft
zum Durchhalten.
Für manche ist es nicht das Problem, ob der Glaube sich im
Durchhalten bewährt. Sie bewegt die vordergründige Frage, ob
der Glaube an Christus handfest genug ist, um sich überhaupt
darauf einzulassen? Ob das nicht etwa alles nur Einbildung ist?
Wie kann ich erkennen, daß die Sache mit Christus wirklich
stimmt?
Es kann nicht auf theoretischem, aber auf praktischem Weg
erkannt werden. Wie ein naturwissenschaftliches Experiment
einer praktischen Prüfung standhalten muß, so hat der Mensch
die Möglichkeit, den Weg mit Christus praktisch zu erproben.
Jesus hat ein solches Experiment angeregt. »Wenn jemand
den Willen Gottes erfüllen will, der wird über meine Worte
Klarheit gewinnen. Er wird entscheiden können, ob sie von
Gott sind, oder ob ich eigenmächtig rede.« (Johannes 7,17)
Wenn jemand will — das ist überzeugend. Wenn ein Bewer-
ber eine neue Arbeitsstelle sucht, mag er unschlüssig sein, weil
er den Arbeitgeber nicht kennt. Eine Probezeit gibt ihm dann
Gelegenheit, die neue Arbeitsstelle kennenzulernen und die

58
Zuverlässigkeit des Arbeitgebers zu prüfen. Aber er wird dies
nur erkennen können, wenn er arbeiten will. Wenn er etwa zum
Diskutieren in die Firma eintreten wollte, so muß er von seinem
Arbeitgeber enttäuscht werden. Ist nicht deshalb der Glaube
weithin so nebelhaft ungewiß, weil diese Möglichkeit zu einem
Härte-Test des Glaubens nicht praktisch aufgegriffen wird?
Viele sind nicht bereit, den Willen Gottes zu erfahren; sie wol-
len vielmehr über ihr Gottverständnis oder Nichtverständnis
diskutieren.
Manchmal ist auch das Buch der Bücher, die Bibel, im Härte-
Test. Wie oft wird der Vorwurf erhoben, die Bibel habe sich
geirrt.
Ich habe die Bibel viel studiert und habe keinen Irrtum ge-
funden. Im Gegenteil — ich erkenne immer mehr: wenn wir
unsere Zeit verstehen wollen, müssen wir in die Bibel schauen.
Vieles, was frühere Generationen nicht verstehen konnten,
wird uns heute klar. Und manches, was uns heute noch in der
Bibel unklar ist, wird später begriffen werden.
Es gibt noch eine weitere Möglichkeit des Härte-Tests: die
Echtheit der Christen wird geprüft. Dies ist zwar nur bedingt
möglich, aber doch wird es immer wieder versucht. Und dabei
gibt es meist Enttäuschungen. Was sich so christlich nennt, ist
eben oft nicht von Christus bestimmt.
Es gab einen großen, einflußreichen Inder, Sadhu Sundar
Singh, der schon in jungen Jahren über verschiedene Religio-
nen versucht hatte, Frieden mit Gott zu finden - aber vergeb-
lich. Es kam zur Begegnung mit Christus. Von da an war sein
Leben verändert und voller Frieden. Später schrieb er über das
Christentum der Europäer: »Ich entdeckte in den sogenannten
christlichen Ländern eine schlimmere Art von Heidentum. Die
Menschen beten sich selbst an... Materialismus und Intellek-
tualismus haben die Herzen hart gemacht. Wie ein Stein, der
jahrhundertelang im Wasser liegt und im Innern doch ganz
trocken bleibt, so sind die Menschen hier in Europa: Jahrhun-
derte sind sie vom Christentum umflutet, aber es ist nicht in sie
eingedrungen.«

59
Christen im Härte-Test—wie oft hat dies zu Enttäuschungen
geführt! Es gibt deshalb für jeden, der mit Überzeugung Christ
ist und echt danach leben will, nur einen klaren Anhaltspunkt:
sich an Christus halten! Ihm gehorchen, trotz mancher Ablen-
kungsmanöver, einfach hinter ihm hergehen. Die Verantwor-
tung für das übrige übernimmt er.
Der einzelne Christ, dem dies wichtig geworden ist, der wird
nicht ohne Verbindung mit anderen Christen auskommen kön-
nen. Echtes Christsein führt zur Gemeinschaft. In der Gegen-
wart erleben wir es wieder öfter, daß gläubige Christen sich
zusammenschließen, daß Gruppen sich bilden und Bewegun-
gen entstehen, in denen etwas lebendig ist an Liebe zu Christus
und natürlicher Freude. Es ist eine Freude, die nicht auf äußere
Verhältnisse zurückzuführen ist, sondern die von Christus
kommt und das ganze Leben erfüllt.
An dieser Freude können andere Menschen ablesen, ob es
noch Hoffnung in dieser Zeit gibt. Es gibt Hoffnung.

Fragen zur Klärung


1. Will ich überhaupt Gott gehorchen oder nur meinen eigenen
Vorstellungen?
2. Bin ich bereit, einen praktischen Weg des Gehorsams zu
gehen? Wenn ich Gottes Willen ernst nehme, entdecke ich
dann nicht umso stärker meine Ichhaftigkeit? Spüre ich, wie
ich Vergebung und Erlösung durch Christus brauche?
3. Will ich meine Widerstände — im Denken, im Fühlen - Chri-
stus sagen und ihm übergeben?
4. Bin ich bereit, auf andere gläubige Christen zuzugehen, um
mit ihnen Gemeinschaft zu praktizieren?
5. Bin ich mir bewußt, daß es Christsein ohne diese Gemein-
schaft nicht gibt?
6. Ist mir klar, daß ich nur so viel Gemeinschaft unter Christen
erlebe, wieviel ich an Liebe, Vergebung und Geduld in die
Gemeinschaft hineingebe?

60
III. Wir brauchen eine
Neuorientierung

Um an die Quelle zu kommen,


muß man gegen den Strom schwim-
men.

Stanislaw J. Lee

Ein Wort des Herrn:

»Doppeltes Unrecht begeht mein


Volk: Mich, die lebendige Quelle
verlassen sie, dann machen sie sich
künstliche Brunnen, die doch löcherig
sind und kein Wasser geben.«

Jeremia, 2, 13

61
Der Intellekt hat ein scharfes Auge für
Methoden und Werkzeuge, aber er ist
blind gegen Ziele und Werte.

Albert Einstein

Haben wir ein Ziel?


»Natürlich haben wir ein Ziel« - das mag die spontane Reak-
tion bei vielen sein. Sind Sie sicher, daß Sie nicht nur einzelne
Teilziele, sondern ein großes Ziel haben, das Ihr ganzes Leben
bestimmt?
Kürzlich wurde ich von einem Bürgermeister angesprochen,
der einen Käufer für einen modernen Produktionsbetrieb
suchte. Im Jahr 1974 hatte er mit öffentlichen Geldern den
Bau einer modernen Fabrik unterstützt. Die Fabrik lief ein
Jahr mühsam, nach zwei Jahren war sie bankrott. Sein Ziel war
es gewesen, Beschäftigung und Wohlstand in das müde Städt-
chen zu bringen. Die Fabrik war zwar da, eindrucksvoll aus-
gestattet mit den rationellsten Fertigungsverfahren; aber was
nutzte das alles, wenn die Fabrik ohne Arbeit war? Was der
Bürgermeister wollte, war gut gemeint, aber nicht realistisch.
Er war an seinem Ziel gescheitert.
Es gibt heute auf allen Gebieten eine beachtliche Fülle von
Möglichkeiten, aber gleichzeitig einen lähmenden Mangel an
klarer Zielsetzung.
Mit leuchtenden Farben wurde auf dem Gebiet des Bildungs-
wesens ein neuer, hoffnungsvoller Horizont vor Augen gemalt.
Was war, wurde als »Bildungsnotstand« gebrandmarkt. Für
das, was kommen sollte, fehlten die klar umrissenen Ziele. Die
Stimmung der Unzufriedenheit war ein geeigneter Nährboden
rasch aufschießender Utopien. Das »Recht auf Abitur« war
eine dieser Utopien. Die Stimmung neigte einseitig zur theore-
tischen, intellektuellen Bildungsarbeit über das Abitur. We-
nige Jahre sonnte man sich in den neuen Errungenschaften.

63
Heute wissen wir, daß die gegenwärtige Bildungspolitik zwar
Veränderungen brachte, aber sie war ohne ein realistisches
Ziel. Das »Recht auf Abitur« hat durch die Inflation der Er-
wartungen zu einer ernüchternden Abwertung der Hochschul-
reife geführt. Ist es nicht ein vordergründiger »Fortschritt«,
wenn vor 20 Jahren jeder 15. Jugendliche, heute aber jeder
4. Jugendliche das Studium antreten kann?
Was nützt es, wenn wir nachher ein Proletariat von arbeits-
losen Akademikern haben?

Weil sich die junge Generation nicht länger an vergangenen


Utopien orientieren will, ist die Ernüchterung heute grenzen-
los. Der Erfolg im Berufsleben ist nicht einmal in Konturen zu
erkennen, er gilt als verdächtig. Eine heranwachsende Gene-
ration, die glücklicher werden sollte als die vorangegangene,
wird zur freudlosen Passivität erzogen oder zum anonymen
»Kriechen vor der eigenen Zukunft«. Haben wir es nicht noch
in den Ohren — die lautstarken Versprechen, wir kämen dem
Ziel einer ganz neuen Zukunft immer näher?
»Wir nahen dem Ziele . . . « - das war die Hoffnung von vie-
len, und es war das Motto eines Gedichts, das Marie von Ebner-
Eschenbach, die Dichterin des sozialen Mitgefühls, in kri-
tischem Durchblick schon vor langer Zeit festhielt:

Das eilende Schiff, es kommt durch die Wogen


wie Sturmwind geflogen.
Voll Jubel ertönt's vom Mast und vom Kiele:
»Wir nahen dem Ziele.«
Der Fährmann am Steuer spricht traurig und leise:
»Wir segeln im Kreise.«

Wir brauchen ein Ziel, für das es sich einzusetzen lohnt. - Ich
denke an jenen erfolgreichen Manager, der unerwartet, in den
besten Jahren, seine gute Position in der Industrie aufgab,
nachdem er alle Anforderungen glänzend gemeistert hatte. Er

64
wollte nochmals anfangen, wollte sich neu in Frage stellen las-
sen. »Einmal dachte er auch an Entwicklungshilfe« - erzählte
später seine Frau. Aber er hatte keinen Ruf. Wer hätte ihn
glaubwürdig rufen können? Kirche, Regierung, wer? Er kannte
keine Autorität, der er hätte voll vertrauen können.
Die Frage nach einem übergeordneten Ziel ist tatsächlich
eine Vertrauensfrage. Welcher Autorität kann man unbeding-
tes Vertrauen entgegenbringen? -
Ich halte mich persönlich an die stärkste Autorität, an Jesus
Christus. Er hat für jeden Menschen ein klar umrissenes Ziel.
Die Frage ist nur, ob Sie sich ansprechen lassen von seinem
Ruf: »Ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen
gerufen. Du bist mein.« (Jesaja 43,1)

65
Ich bin gekommen, damit die Menschen
das Leben haben, Leben in über-
strömender Fülle.

Jesus Christus

Erfülltes Leben
Das ist ein Angebot, das alle Grenzen sprengt. Wir sind doch
daran gewöhnt, daß wir überall in unserem Leben eingeengt
werden. Reglements, Kompromisse, Rückschläge. Wo gibt es
denn noch wirklich Leben in überströmender Fülle?
Nun — ich habe viele Menschen kennengelernt, die echte
Persönlichkeiten waren und dadurch geprägt, daß sie ihr gan-
zes Leben in überzeugender Weise von Christus bestimmen
ließen. Christsein war für mich nie eine dürre, theoretische
Angelegenheit. Das habe ich echten Christen abgespürt, daß
das Ergriffensein von Christus etwas Großes ist und daß es
einen Menschen mit wahrer Freiheit und einer überwältigen-
den Freude erfüllt. Das habe ich erlebt, das war mir klar.
Das ist wohl das Entscheidende, daß diese Bindung an Jesus
Christus nicht nur mit dem Intellekt geschieht, sondern daß sie
mit der ganzen Existenz erlebt wird. Da stand ich vor einigen
Jahren mit einem jungen Manager in Verbindung, der durch-
aus mit sich und dem Leben zufrieden war. Erfolgreich, drauf-
gängerisch, eine sportliche Gestalt, in jeder Hinsicht ein Kar-
rieretyp. Aber es gab eine Stunde, in der er mir auf einer ge-
meinsamen Geschäftsreise etwas preisgab, was ihm eigentlich
gar nicht so leicht fiel. Es war die Frage: Was ist eigentlich mit
dem Leben, wenn der Tod plötzlich alles wegwischt? Wir stell-
ten uns gemeinsam dieser Herausforderung und sprachen über
das Angebot von Jesus Christus. Es gab ein hartes, aber konse-
quentes Ringen bei diesem Mann über einige Monate. Dann
erlebte ich bei ihm die Freude, als er zum erstenmal versuchte,
in Gegenwart eines gläubigen Christen ein Gebet zu sprechen.

66
Stockend und unsicher war es, aber es kam von Herzen und es
richtete sich an den lebendigen Gott.
Voll Freude ging er am Abend mit seiner Frau aus - ins beste
Lokal der Stadt. Er erzählte so mitreißend und voller Begeiste-
rung von dem, was er erlebt hatte, daß sogar die Aushilfskellne-
rin hellhörig wurde. Im Hauptberuf Theologiestudentin, wußte
sie es kaum zu fassen, konnte es nicht einordnen, daß der
Glaube an Christus mehr sein sollte als ein Lehrschema. Daß er
so ausufern kann in ansteckender Freude!
Suche ich nur Erfolg oder — echte Lebenserfüllung? Diese
Frage ist heute so aktuell wie vor zweitausend Jahren. Im fol-
genden wollen wir versuchen, uns mit einem Ereignis zu identi-
fizieren, wie es in Lukas 19 berichtet wird. (Bitte lesen!)
Ein gut verdienender Mann mit Namen Zachäus stieß an die
Grenzen seines Erfolgsstrebens. Was ihm früher noch Lebens-
inhalt gegeben hatte, Geld und alles, was man mit Geld machen
kann — dies bedeutete ihm jetzt nicht mehr viel. Er hatte den
Wunsch, Bekanntschaft mit Jesus zu machen. Aber was würden
die Leute darüber denken? Ob diese Botschaft von Jesus nur
Theorie und Suggestion ist oder ob sie wirklich für mein Leben
etwas bedeutet? Ob das, was Jesus sagt, auch wirklich weiter-
helfen kann?
Fragen, wie sie auch heute von kritisch Suchenden gestellt
werden. Und dann kommt das Abwägen: Wenn ich dem Anruf
Gottes wirklich Folge leisten wollte, was würde dann meine
Umgebung dazu sagen? Wenn ich plötzlich zu Freunden und
Bekannten käme und müßte zugestehen, daß ich eine neue
Orientierung für mein Leben habe, würde ich dann nicht das
Gesicht verlieren?
Zachäus stößt diese Bedenken zur Seite und entschließt sich,
auf Jesus zuzugehen. Da steht er mitten in einer großen An-
sammlung von neugierigen Menschen, die zwischen Begeiste-
rung und Gleichgültigkeit hin- und hergerissen sind. Mitten in
der Anonymität der Masse treffen ihn die Augen dieser faszi-
nierenden Gestalt Jesus. Ob wir verstehen können, was dies

67
heißt? Ein Mann mit starkem Lebenshunger begegnet diesen
Augen. Keine lange Predigt, keine Mahnungen, keine Gebote
oder Verbote! - jetzt zählt nur noch die ganz persönliche Be-
gegnung zwischen einem einsamen, lebenshungrigen Men-
schen und Jesus. »Komm schnell, ich möchte Gast bei dir wer-
den, heute!« Jesus spricht und er gewinnt das Vertrauen eines
kritisch wartenden Menschen.
Als Ergebnis dieses Besuches — vielleicht waren es nur zwei
oder drei Stunden - geschieht etwas Ungewöhnliches. Ein Tag
der Freude bricht an, ein ganz neuer Lebensabschnitt beginnt
fürZachäus: »Herr, die Hälfte meines Vermögens gebe ich für
die Armen.« Jesus blickt ihn an: »Heute ist hier Heil gesche-
hen.«

Ja, es muß ein großes Ereignis eintreten, wenn wir eine echte
Veränderung unseres Lebens wollen. Vorsätze allein machen
es nicht.
Der Mensch ohne Christus kann bisweilen in bemerkens-
werter Opferbereitschaft sich um das Gute bemühen. Doch das
gebrochene Verhältnis zu Gott wird dadurch nicht verändert.
Er ist auch nicht imstande, sich selbst im Kern zu verändern.
Der Mensch, der sich unter die Führung von Christus stellt,
der erfährt durch ihn neue Motivation, eine Triebkraft, die zu
einem veränderten Leben führt. Wie mein Leben sich verän-
dert, und welche Wirkungen hervorgerufen werden können,
das kann ich ihm überlassen. Mir muß nur wichtig sein, daß ich
ständig mit der richtigen Energiequelle Christus verbunden bin.

68
Der Mensch ist wie ein Fisch auf dem
Trockenen. Irgendwo muß doch ein
Ozean sein! Matthias Claudius

Der Schrei nach Erneuerung


Die Welt von heute wartet auf Neues. In der großen Weltpolitik
warten wir auf eine Lösung der wirtschaftlichen Schwierigkei-
ten. Auch eine neue Verständigung der Völker ist ein aus-
geprägter Wunsch quer durch die Nationen. Aus den Enttäu-
schungen unserer zwischenmenschlichen Beziehungen er-
wächst die Hoffnung auf eine neue Gesellschaft. In der Wirt-
schaft brauchen wir dringend einen neuen Aufschwung. Auf
vielen Gebieten, auf denen die versprochenen politischen
Reformen versandet sind, wünscht man sich neue, realistische
Reformen. Der Abiturient hofft auf neue Studienplätze; und
der Presse-Mann lebt buchstäblich von Neuigkeiten, weil er
weiß, daß es nichts Älteres gibt als die Tageszeitung von ge-
stern.
Auch in unserer persönlichen Welt haben wir unsere Erwar-
tungen - und Enttäuschungen. Empfinden wir es nicht oft wie
jene Gestalt in dem Roman »Jenseits« von Galsworthy:
»Manchmal befiel sie ein Gefühl dumpfer Hoffnungslosigkeit.
Es war, als ob sie etwas zu ergreifen suchte, was ihr immer
wieder entglitt.«
Doch dieser Drang nach Neuem ist so ganz neu nicht. In dem
Werk »Die Welt von gestern« schilderte Stefan Zweig anschau-
lich den Zukunftsoptimismus und Erneuerungsdrang der Ge-
neration vor dem 1. Weltkrieg. »Es ist vielleicht schwer, der
Generation von heute, die in Katastrophen, Niederbrüchen
und Krisen aufgewachsen ist, denen Krieg eine ständige Mög-
lichkeit und eine fast tägliche Erwartung gewesen, den Opti-
mismus, das Weltvertrauen zu schildern, die uns jungen Men-
schen seit jener Jahrhundertwende beseelt...

69
Überall ging es vorwärts. Wer wagte, gewann. Wer ein Haus,
ein seltenes Buch, ein Bild kaufte, sah es im Werte steigen. Je
kühner, je großzügiger ein Unternehmen angelegt wurde, um
so sicherer lohnte es sich. Eine wunderbare Unbesorgtheit war
damit über die Welt gekommen, denn was sollte diesen Auf-
stieg unterbrechen, was den Elan hemmen, der aus seinem
eigenen Schwung immer neue Kräfte zog? Nie war Europa
stärker, reicher, schöner, nie glaubte es inniger an eine noch
bessere Zukunft...«
Das ist doch das Lehrstück, das uns jene Generation ver-
macht hat: Nicht der materielle Fortschritt und auch nicht der
machbare Erfolg bestimmt die Hoffnung. Auch nicht die Viel-
zahl der Worte ist entscheidend. Wir brauchen mehr. Eine um-
fassende Erneuerung müßte eintreten. Aber haben wir dafür
eine begründete Hoffnung?
Noch vor einigen Jahren fragten sich viele, warum die Jugend
in aller Welt ausgerechnet von den Ideen des neuen China sich
beeindrucken ließ? Mache das nicht die Anziehungskraft des
chinesischen Führers Mao aus, daß er so radikal hofft: Nicht
nur neue Ideen sollen entstehen, ein neuer Mensch soll ge-
schaffen werden? Er hofft auf eine »Wiedergeburt« seines
Volkes.
Einer weithin schlafenden Christenheit müßte hier zum
Bewußtsein kommen, wieviel sie verloren hat!
Wiedergeburt - das ist doch das Versprechen eines neuen
Lebens, das Christus seinem Volk, jedem einzelnen, der glaubt,
angeboten hat. Noch einmal ganz neu anfangen können - das
ist der Wunsch von vielen. Und das gibt es nur, wo Christus
Vergebung und neues Lebensrecht schenkt.
Die Erfahrung der Wiedergeburt, die Wirklichkeit eines
neuen Lebens durch Christus - haben wir diesen Reichtum
nicht aus unserem Leben gedrängt und verschämt versteckt?
Ohne Wiedergeburt, ohne dieses neue Erwachen, ist jede
»christliche« Hoffnung auf Sand gebaut, sie ist nicht mehr als
eine Illusion.

70
Da ist ein mittelständischer Unternehmer in Italien, weit-
schauend, gebildet und sympathisch. Er hat sein Unternehmen
in 25 Jahren großgemacht. Wir haben geschäftlich oft mitein-
ander zu tun. Seit Jahren verbinden uns enge, freundschaft-
liche Bande.
Zum Abschluß einer Verkaufskonferenz mit dem Außen-
dienst sitzen wir beide in einem abgelegenen Restaurant. Mein
Freund sieht krank aus. Er hat keinen Appetit, möchte mir
allein noch etwas sagen. Sorgen liegen auf ihm wie eine Zent-
nerlast. Er zweifelt, ob er noch weiterarbeiten kann. Die poli-
tische Unsicherheit in Italien, der wachsende Einfluß der Kom-
munisten, ohne die keine wichtige Entscheidung mehr zu-
standekommt, das Fehlen eines begeisternden Zieles, das alle
Gegensätze überspannt, dies führt fast zu einem Punkt der
Resignation. Wohin wird der Weg gehen? Er spricht von ein-
zelnen Kommunisten, von ihrem persönlichen Engagement:
»Wie sie für ihren Glauben sich einsetzen, wie sie vom Sieg
ihrer Sache überzeugt sind, das beeindruckt die Leute, aber
man sieht nicht die Gefahr. — Was haben wir entgegenzu-
setzen?«
Ein Alptraum erfaßt uns: Kann unser Europa noch vor dem
kommunistischen Herrschaftsanspruch gerettet werden? Gibt
es noch eine geistige Kraft unter uns, die zu einer Neubesin-
nung und zur Stärkung der freien Völker fuhren kann? Eine
Kraft muß es sein, die stärker ist als die Macht des Kommunis-
mus. Welche Kraft sollte es sein, wenn es nicht der Glaube der
Christen bewirken kann? Wenn aber der Glaube der Christen
zu einer neuen Kraftentfaltung kommen soll, dann muß es
beim einzelnen zu einem Neubeginn kommen. Es kann nicht
durch eine Institution befohlen oder organisiert werden. Die
Kraftentfaltung, die von Gott kommt, ist vergleichbar mit der
Entladung von Atomenergie. Ein Atom kann überdimensio-
nale Energie freigeben, wenn der Kern aufgespalten wird,
wenn es zu einer Umwandlung des Atomkerns kommt.
Die Bibel sagt uns, daß im Kern des Menschen, im Herzen,
eine Umwandlung erfolgen muß, die nur durch Christus ge-

71
schehen kann. Wenn ein Mensch diese Umwandlung, diesen
Neubeginn mit Christus erlebt hat, dann werden Kräfte frei-
gesetzt, die hineinwirken in die Familie, in den Beruf, unter
Freunde und Bekannte. Es kann dann auch zu einer Ketten-
reaktion von Energieentladungen kommen. Wenn wir eine
echte Erneuerung unserer Welt erleben wollen, dann brauchen
wir solche neuen Kräfte, die nur von Menschen kommen kön-
nen, die im Kern eine Veränderung durch den Geist Gottes er-
fahren haben.

Herr, ich habe Angst, ja zu sagen.


Wohin wirst Du mich führen?

Du hast rings um mich die Wüste geschaffen.


Und ich habe Hunger,
Und ich habe Durst.
Die ganze Welt könnte mich nicht satt machen.

O Herr, ich habe Angst vor Deiner Forderung,


aber wer kann Dir widersteh'n?
Damit Dein Reich komme und nicht das meine,
Damit Dein Wille geschehe und nicht der meine,
Hilf mir j a sagen.

Michel Quoist

72
Egoismus ist die verläßlichste Eigenschaft
des Menschen.

Modernes Sprichwort

Unser Ich ist eingemauert


Der Arzt und Psychologe Paul Tournier berichtet in seinem
Buch »Geborgenheit - Sehnsucht des Menschen« von einer
Frau, die sich nach ihrer Aussage »wie ein Goldfisch vor-
komme, der unaufhörlich im Kreise herumschwimmt, ohne
etwas anderes zu finden als sich selbst.« Ein treffendes Bild.
Wir wagen uns oft weit hinaus und kreisen doch immer um uns
selbst.
Es gibt so viele hoffnungsvolle Reformbewegungen. Am An-
fang ist die Begeisterung groß, der Schwung der ersten Stunde
reißt viele mit. Aber dann wird mehr und mehr die Bewegung
blockiert. Der Egoismus der einzelnen macht sich breit. Die
Opferbereitschaft für die große Sache - sie ist dahin. Die Ideale
sind zerschlissen, weil die Grundlage nicht stark genug war, um
Entbehrungen und Idealismus auf die Dauer durchzuhalten.
Da sind zwei Menschen, die sich einfach nicht näherkom-
men, obwohl sie beide wollen. Aber irgendetwas ist zwischen
ihnen, das blockiert. Es ist die Bindung an das eigene Ich, die
uns starr umklammert, wenn wir gern frei und vertrauensvoll
auf den anderen zukommen wollen.
Unser Leben ist voll von guten Vorsätzen, aber dabei können
wir so kalt sein und unnahbar, wie eingemauert in einen schwe-
ren Betonblock der Ichhaftigkeit.
Da entdecken wir auf einmal: Wir sind gar nicht auf Gott
orientiert. Mein ganzes Denken und Fühlen ist bemerkenswert
gottlos. Oftmals lebe ich in offenem Widerspruch zu ihm. Das
Schlimmste: ich habe es mir bereits bequem gemacht in meiner
Ichbezogenheit, in meinem Desinteresse gegenüber Gott, in
meiner Auflehnung gegen ihn.

73
Ich kenne einen Studenten, der sich weigerte, diese Ichhaf-
tigkeit als sein persönliches Problem zu erkennen. Sein großes
Problem war vielmehr, wie er Christus begreifen könne. Dann
war es eines Tages soweit, er wagte es, in einem persönlichen
Gespräch Schuld aufzudecken und an Christus zu übergeben.
Durch diesen Schritt wurde die Blockade des Egoismus durch-
brochen. Er fand Vertrauen zu Christus und unterstellte sein
Leben seiner Führung. Ein neuer Lebensabschnitt begann.
Später schrieb er mir: »Ich bin froh, daß ich diese Entscheidung
für Christus vorbehaltlos treffen konnte. Ich hoffe und glaube,
daß vieles geschehen wird in der nächsten Zeit, daß sich Men-
schen ändern werden, und daß auch ich von Jesus selbst zu
einem neuen Leben für ihn verändert werde. Ich vertraue ein-
fach darauf.« Ich weiß heute: sein Leben hat sich verändert.
Da war ein anderer Student, der sich offen als Atheist er-
klärte. Als wir bei einer Geburtstagsfeier nebeneinander zu
sitzen kamen, sagte ich ihm, daß ich sein atheistisches Pro-
gramm nicht sehr originell finde. Die Bibel zeigt doch überall
die gottlose Schlagseite des Menschen, wie er eben immer von
Gott loskommen will. Praktisch habe ich auch bei mir entdeckt,
wie ich in mancher Stunde am Willen Gottes vorbeilebe und
meinen eigenen Willen auslebe. Das ist für mich der Beweis,
daß ich aus eigener Kraft gott-los sein kann, aber daß ich nicht
aus eigener Kraft von meinem Ich loskommen und Gott gehor-
chen kann.
Die Mauer meines Ich kann ich nicht mit eigenen Vorsätzen
aufsprengen. Dazu ist göttliches »Dynamit« notwendig-Kraft
und Vollmacht, die nur der gekreuzigte und auferstandene
Christus bewirken kann.
Eindrücklich ist in diesem Zusammenhang das sehr empfeh-
lenswerte Buch von Charles W. Colson, dem Sonderberater
Nixons: »Watergate — wie es noch keiner sah!« (1976).
Es ist ein ehrlicher Bericht über die Hintergründe, über
Ziele, Ideale und auch das Versagen des damaligen Führungs-
teams. Colson war - wie viele andere - ein gebrochener Mann,
als ihm das Ausmaß der Watergate-Affäre bewußt wurde.

74
In dieser hoffnungslosen Situation kam es zu einer Begeg-
nung mit dem einflußreichen Präsidenten eines Industrie-Kon-
zerns. Dieser erzählte, während sie auf der Veranda seines
Hauses saßen, von den wichtigen, erfolgreichen Stationen sei-
ner Karriere. Er hatte alles durch harte Arbeit erreicht. Arbeit
bei Tag und Nacht, Nonstop. Aber glücklich wurde er dabei
nicht. »Der Erfolg war zwar da, aber doch fehlte etwas«, sagte
er leise. »Ich fühlte eine schreckliche Leere. Manchmal stand
ich mitten in der Nacht auf und ging in meinem Schlafzimmer
auf und ab oder starrte stundenlang in die Dunkelheit hinaus.
Ich ging jeden Tag ins Büro und tat meine Arbeit, setzte mich
für den Erfolg unseres Unternehmens ein, doch gab es ein gro-
ßes Vakuum in meinem Leben. Ich fing an, die Bibel zu studie-
ren, um Antworten zu finden . . . Irgendwie hatte ich begriffen,
daß ich eine persönliche Verbindung mit Gott brauchte. Und
diese wollte ich finden.«
Durch dies unerwartete Bekenntnis war Colson betroffen
und aufgewühlt. Er hörte, wie sein Gastgeber einige Sätze aus
einem Buch von C. F. Lewis vorlas. »Es gibt ein Laster, von
dem kein Mensch auf dieser Welt frei ist; das jedermann auf
dieser Welt verachtet, wenn er es in anderen entdeckt... Und
je mehr wir selbst davon betroffen sind, umso mehr hassen wir
dieses Laster in anderen.
Das Laster, von dem ich rede, ist der Stolz oder die Selbst-
genügsamkeit . . . Stolz führt hin zu allen anderen Lastern — er
ist die vollständige Anti-Gott-Einstellung.
In Gott begegnen wir jemand, der in jeder Hinsicht uner-
meßlich weit über uns steht. Wenn man Gott nicht als solchen
erkennt - und sich selbst nicht gleichzeitig als ein Nichts im
Vergleich zu ihm - , dann kennen wir ihn überhaupt nicht. So-
lange wir noch stolz sind, können wir Gott nicht kennen . . .
Denn Stolz ist geistlicher Krebs - er zerfrißt sogar die Möglich-
keit zur Liebe, zur Zufriedenheit, selbst den gesunden Men-
schenverstand.«
Da erkannte Colson blitzartig, das -war seine Situation. Noch
am gleichen Abend, als er allein im abgestellten Auto saß, ver-

75
suchte er unter Tränen das erste Gebet. Einige Tage später
wagte er die Entscheidung: »Herr Jesus, ich glaube dir. Ich
nehme dich an. Bitte, komm in mein Leben. Ich übereigne es
dir.«
Es ist bewegend, wie nun aus allen Lagern einzelne Men-
schen — einst politische Gegner oder persönliche Feinde — als
Brüder in Christus ihm begegnen. Sie helfen ihm, sie stehen zu
ihm, trotz seiner fragwürdigen Vergangenheit. Er erlebt mit
Christus eine neue Wirklichkeit.

Herr, Du hast mich ergriffen, und ich konnte Dir nicht


widerstehen.
Ich bin weit gelaufen, aber Du hast mich verfolgt.
Ich habe Umwege gemacht, aber Du hast sie erkannt.
Du hast mich wieder getroffen.
Ich habe mich gesträubt.
Du hast gewonnen!
Herr, da bin ich, ich habe ja gesagt; atemlos, abgekämpft,
fast trotz meiner selbst,
Und stand da, zitternd wie ein Besiegter vor der Gnade
seines Besiegers,
Als Du Deinen Liebesblick auf mich gerichtet hast.
Herr, ich werde Dich nicht mehr vergessen können.
In einem Augenblick hast Du mich erobert.
In einem Augenblick hast Du mich ergriffen,
Meine Zweifel wurden weggefegt,
Meine Furcht ist davongeflogen;
Denn ich habe Dich erkannt, ohne Dich zu sehen,
Ich habe Dich gefühlt, ohne Dich zu berühren,
Ich habe Dich verstanden, ohne Dich zu hören.
Gezeichnet bin ich vom Feuer Deiner Liebe,
Herr, ich werde Dich nicht mehr vergessen können.

Michel Quoist

76.
Kleine Ursache — große Wirkung
Oft wollen wir zu früh die große Wirkung—und wir scheuen die
mühsame kleine Ursache. Es gibt ein Überangebot an großen
Modellen, die eine bessere Welt versprechen. Mit unkritischem
Heißhunger stürzen sich die Menschen auf jedes dieser neuen
Programme. Es war das Versprechen von Karl Marx über die
Revolution (Kommunistisches Manifest): »Die Proletarier ha-
ben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine
Welt zu gewinnen.«
In Wirklichkeit sind alle Menschen, die unter kommuni-
stische Herrschaft gekommen sind, erst richtig »in Ketten«. Ob
sie zu essen haben oder nicht — sie sind Gefangene. Wer kennt
ein kommunistisch beherrschtes Land, in dem die Menschen
frei sprechen oder frei ausreisen dürfen?
In unserer Zeit ist es fast zu einer Krankheit geworden, auf
allen möglichen Gebieten neue Modelle, neue Strukturen zu
entwickeln - und das Leben, das diese Strukturen füllen soll,
bleibt aus.
Was nützen uns die eindrucksvollsten Ideologien, wenn
unser persönliches Leben nicht erneuert wird? Auch jedes not-
wendige Reformprogramm kann nur Gestalt gewinnen, wenn
es mehr ist als nur kaltes Kalkül, wenn Menschen ihm Wärme
und Leben geben.

Wie von einem einzelnen Menschen überdimensionale Wir-


kungen ausgehen können, zeigt das Leben des Amerikaners
Frank Buchman, des Begründers der Gruppenbewegung und
einflußreichen Führers der »Moralischen Aufrüstung«. Sein
Einfluß auf andere Menschen hatte eine Ursache. Als junger
Studentenführer bekehrte er sich zu Jesus Christus. Es gab
Konsequenzen. Später schrieb er: »Viele reden über das Kreuz,
aber es bedeutet ihnen so gut wie nichts. Es ist nicht real. Aber
eine Erfahrung des Kreuzes schneidet ins Leben e i n . . . Ich
hatte eine Änderung nötig. Ich mußte mit mir selbst beginnen.«
Die praktische Konsequenz war, daß er beschloß, »eine Stunde

77
täglich, von fünf bis sechs Uhr, bevor das Telefon zu funktio-
nieren anfing, in einer Zeit der Stille auf die leise Stimme des
lebendigen Gottes zu hören. Alles wird so anders, wenn der
Heilige Geist so Realität wird.« Von hier aus sind völlig neu-
artige Impulse ausgegangen. Die Arbeit von Frank Buchman
bekam einen anderen Stil und einen größeren Horizont. Sein
Einfluß ist auch heute noch, nach vielen Jahrzehnten, weltweit
zu erkennen. Seine Strategie war es, die Sorge um eine ganze
Nation mit der leidenschaftlichen Fürsorge um den einzelnen
Menschen zu verbinden.
Im folgenden soll noch einmal versucht werden, den Ursa-
chen für diese starke Wirkung eines Menschen nachzugehen.
Im Leben von Frank Buchman wurden fünf Schritte des
Glaubens praktiziert, die für jeden Christen beispielhaft sein
können.

1. Er sieht, daß ihn eine Kluft von Gott trennt.


2. Er erkennt seine persönliche Schuld. Sein verletzbarer Stolz
ist Sünde, die ihn von Gott und Menschen trennt.
3. Gott selber kommt in Christus über die Kluft zum schuldi-
gen Menschen. Christus steigt in die Tiefe des Todes. Es ist
ein blutiger Weg. Christus überwindet die Kluft. Die Ver-
bindung zu Gott ist hergestellt.
4. Die Versöhnung durch Christus ist ein Ereignis, ja eine Be-
wegung, die einzelne Menschen erfaßt und dabei nicht ste-
henbleibt. Alles, was die Gemeinschaft stört, soll aus-
gesprochen und in die Vergebung von Christus hinein-
gegeben werden.
5. Eine ungewohnte Freiheit und Freude entsteht durch den
neuen Mittelpunkt: »Nicht mein, sondern dein Wille soll
geschehen!«

78
Wer die Lehre Christi begreift,
hat dasselbe Gefühl wie ein Vogel,
der bis dahin nicht wußte, daß er
Flügel besitzt und nun plötzlich
begreift, daß er fliegen, frei sein
kann und nichts mehr zu fürchten
braucht. Leo Tolstoi

Christen im Aufwind
Es gibt bei uns einen starken Drang nach Freiheit, nach Leben,
nach freiem Ausleben. Wir stürzen uns auf das, was Leben ver-
spricht. Wir wollen alles haben und spüren auf einmal, daß es
das wahre Leben nicht ist.
Christus widerspricht unserer oberflächlichen Auffassung,
wie wir zu einem erfüllten Leben kommen können: Wer sein
Leben nach eigenen Vorstellungen ausleben will, der wird er-
kennen müssen, daß er so das wahre Leben nicht gewinnen
kann. Wer sein Leben Christus übergibt, der wird wahres Le-
ben erfahren (Matthäus 16,25).
Freiheit wird nach modernem Verständnis durch Emanzipa-
tion erkämpft. Darunter verstehtman die eigenmächtige Selbst-
befreiung von jeder Abhängigkeit.
Die Bibel sagt: Wenn ich mich selbst befreien will, dann en-
det diese Selbstbefreiung im Elend, im selbstgeschaffenen Ge-
fängnis. Wer die wahre Freiheit will, muß sich von dem be-
freien lassen, der die Vollmacht dazu hat: Jesus Christus. Un-
mißverständlich wird dann gesagt: Nur durch Bindung an
Christus erfahre ich wahre Freiheit (Johannes 8,31/32 und 36).
Die Bibel malt uns das sehr plastisch vor Augen: Ohne Ver-
bindung zu Gott ist unser Leben wie die steinige, unfruchtbare
Wüste. Wenn ich nun über Christus Verbindung zu Gott be-
komme, dann ist es, wie wenn erfrischendes Wasser auf aus-
getrocknetes Wüstengelände strömt. Man muß das einmal

79
selbst in Israel erlebt haben, was Wasser für ein durstiges Land
bedeutet, genauer gesagt - Quellwasser.
Immer wieder mahnen die Propheten Gottes: Laßt euch
nicht betrügen! Ihr braucht Quellwasser, nicht abgestandenes
Wasser! Laßt euch nicht betrügen von denen, die von Frieden
sprechen, aber von Frieden ist nichts zu sehen. Laßt euch
nicht betrügen von denen, die euch Freiheit versprechen, aber
die Unfreiheit nimmt zu. Jesus bietet es an, dieses Quellwas-
ser für alle, die Lebensdurst haben.
Die Christen des 1. Jahrhunderts hatten in ihren eigenen
Reihen viele Sklaven, die gern frei geworden wären von ihren
äußeren Zwängen. Manchen bleibt es unverständlich, warum
diese Christen nicht gegen die Sklaverei kämpften und für eine
neue Gesellschaft eintraten. — Sie waren auf das große Ziel
ausgerichtet, das Gott für sie beschlossen hatte, und wollten
ihre Kraft nicht für ihre kleinen Ziele verschwenden. Deshalb
waren sie bereit, mit übermenschlichem Glaubensmut für
Christus, ihren Herrn, einzutreten. Ihre eigenen Wünsche nach
Freiheit unterstellten sie seinem Willen. Daraus erwuchs ihnen
die Kraft, einer starken, aber innerlich morschen Macht ent-
gegenzutreten und die geschichtliche Entwicklung entschei-
dend zu prägen. Kann man es anders verstehen, daß - unab-
hängig von ihrem Status — diese Christen bereit waren, in den
Tod zu gehen? Nicht für ihre Selbstbefreiung und nicht für ihre
Interessen - nein! Sie ließen sich quälen, zu Tode reißen für
ihren Herrn. Dafür wußte die aufgeklärte Gesellschaft von
damals keine Erklärung; das schockierte, das wühlte auf.
»Eure Foltern können mir nichts anhaben, ich habe einen
Gott, der mich stark macht.« Das war das Zeugnis des Märty-
rers Konon. Die Märtyrerin Krispina: »Er selbst ist bei- mir
und hilft mir und stärkt mich in aller Not.«
Dies gab der Welt eine neue Hoffnung, wie sie später von
dem Bischof und Märtyrer Cyprian ausgesprochen wurde: »Wir
wollen zwischen den Trümmern der Menschenwelt aufrecht
stehen und nicht am Boden liegen mit denen, die keine Hoff-
nung haben.«

80
Christen haben heute einen großen Auftrag. Wir können
diesen Auftrag nur erfüllen in dem Maße, wie wir bereit sind,
uns völlig seiner Führung zu unterstellen.
Unsere Wirkung auf unsere Umwelt hängt nicht davon ab,
wer wir sind und was wir können.
Unsere Wirkung auf Menschen ist oft so klein, weil unser
Gehorsam gegenüber Gott klein ist.
Wir können wieder mehr für ihn wirken, wenn uns der Ge-
horsam wieder wichtig wird.

»Die ungeteilt auf den Herrn ausgerichtet sind, gewinnen neue


Kraft, daß sie sich aufschwingen können wie mit Adlerflügeln,
daß sie eilen können und nicht müde werden, daß sie vorwärts
schreiten und keine Kraft verlieren.«
Jesaja 40,31

81
Das Einzigartige
Ein Unternehmen ist auf Dauer nur lebensfähig, wenn es Pro-
dukte oder Dienstleistungen anbietet, die unschlagbar gut sind.
Zwar können auch mittelmäßige Qualitäten in Zeiten der Kon-
junktur ihren Preis bringen. Aber in der schwierigen Phase der
Rezession sind auch die Ansprüche härter. Es setzen sich dann
solche Produkte am besten durch, deren Qualität einzigartig
ist.
In der Führung eines Betriebes ist es von entscheidender
Bedeutung, daß in guten Zeiten bereits der Ernstfall vorpro-
grammiert wird. Frühzeitig muß man sich von Sortimentsteilen
lösen, die zwar noch Umsatz bringen, aber langfristig keine zu-
verlässige Geschäftsgrundlage mehr darstellen. Die wichtigste
Kraft kann dann darauf konzentriert werden, neue und bessere
Produkte zu entwickeln. Wer frühzeitig und freiwillig diese
Entschlossenheit aufbringt, der weiß sich in seinem Programm
für die Zukunft gerüstet.
Dieses Prinzip ist auch für viele Bereiche außerhalb der Wirt-
schaft anwendbar. Viele Organisationen und Gruppierungen
wären sicherlich leistungsfähiger, wenn sie sich von unnötigem
Ballast befreiten und in ihrem Angebot sich auf das konzen-
trierten, was sie besser als andere können, oder auf das, was
ihr besonderer Auftrag ist.
Auch im Bereich der Kirche kann die Beobachtung gemacht
werden, daß solche Gemeinden eine besondere Anziehungs-
kraft haben, in denen darauf verzichtet wird, überall mitreden
zu wollen; in denen vielmehr bezeugt und gelebt wird, was es
außerhalb einer Gemeinschaft von Christen eben nicht gibt.
Auch der einzelne Christ tut gut daran, nach dem Einzig-
artigen zu fragen, auf das er sich in seinem Leben konzentrieren
soll. Denn manche meinen, das Christenleben sei eine äußerst
anstrengende und komplizierte Sache. Manche schlagen sich
mit unzähligen Problemen herum, weil sie meinen, nur so rich-
tiges Christenleben begreifen zu können. Aber darin liegt nicht

82
die Lösung. Das Leben eines Christen muß konzentrisch, das
heißt vom Mittelpunkt aus gelebt werden.
Mit einem einzigen Satz umreißt Jesus, wie das aussehen soll.
Er vergleicht es mit »einem Kaufmann, der gute Perlen suchte,
und als er eine kostbare Perle fand, ging er hin und verkaufte
alles, was er hatte und kaufte sie.« (Matthäus 13,45-46).
Mit einem Kaufmann wird das Leben eines Christen vergli-
chen! Ist uns klar, was das bedeutet? Es ist nicht unsere Auf-
gabe, uns — spielerisch oder selbstquälerisch - in intellektuellen
Problemen zu ergehen. Auch das betulich-unverbindliche und
ästhetisierende »Christentum«, wie es oft als Kulturgut genutzt
und genossen wird, ist nicht unser Auftrag.
Ein Kaufmann weiß: er wird nicht für kluge Gedanken und
auch nicht für Schönreden bezahlt, er muß ein Ergebnis erwirt-
schaften. Es genügt nicht, daß er Umsatz macht. Das, was am
Ende unter dem Strich übrig bleibt, das entscheidet.
Dies eben soll den harten Entscheidungs-Charakter des
Evangeliums deutlich machen. Habe ich nur den Anschein und
das Wissen eines Christen — oder bin ich wirklich ein Christ?
Der dänische Philosoph und Christ Kierkegaard hat manche
anspruchsvollen Philosophen mit einem Mann verglichen, der
einen wunderbaren Palast gebaut hat, selber aber daneben in
einer erbärmlichen Hütte haust. Auch uns nützt es nichts, wenn
wir uns geistreiche Gedanken über das Christentum machen,
aber unser Leben spielt sich daneben ab, erbärmlich und leer.
Denken und Dichten, wissenschaftliches Arbeiten, Kunst,
Musik - das alles sind natürliche Lebensäußerungen des ge-
sunden Menschen - entscheidend ist nur der Stellenwert, den
sie für uns haben. Es heißt ja auch im Gleichnis, daß der Kauf-
mann »gute Perlen suchte«. Er befand sie solange für gut, bis er
die eine einzigartig kostbare Perle fand.
Er findet etwas einzigartig Kostbares — das ist die Entdek-
kung, die wir bei Christus machen. Wenn wir dies Einzigartige
entdeckt haben, dann gibt es nur eine Konsequenz: »Er ging
hin und verkaufte alles, was er hatte und kaufte sie.« Dieser
Kaufmann wagt einen großen Einsatz. Er dachte in großen

83
Kategorien. Wer heute eine gute Kapitalanlage sucht, hat es
nicht viel leichter. Vielleicht will jemand sein Geld in wertvol-
len Orientbrücken anlegen und entscheidet sich eines Tages,
alle seine teuren Stücke herzugeben, weil er etwas einzigartig
Kostbares, einen Saruk alt oder etwa ein kleines, aber unend-
lich wertvolles Stück Ghoum auf Seide gefunden hat. Es ist
schon ein Wagnis - wer sagt denn, daß dieses edle Stück auch
später noch seinen einzigartig hohen Wert behält?
Das ist das Geheimnis eines Lebens unter der Führung Got-
tes: ich wähle das Einzigartige. Alles andere tritt an Bedeutung
zurück. Christus wird zum Mittelpunkt meines Lebens. Da
kommen vielleicht mal Fragen und Zweifel, ob dieser Mittel-
punkt seine Bedeutung behalten wird, ob nicht andere Fakto-
ren übermächtig werden. Aber Jesus verspricht: »Ich gebe
ihnen ewiges Leben. Niemand wird sie mehr aus meiner Hand
reißen.« (Johannes 10,28).
Etwas Persönliches muß ich noch sagen. Ich bin überzeugt,
daß Christus lebt. Durch das, was am Kreuz geschehen ist, will
er jeden Menschen aus seiner Todverfallenheit herausreißen.
Aber er läßt jeden frei wählen, ob er ihn annimmt und zu seiner
Führung ja sagt oder ob er sich ihm verweigert.
Ich habe ihn gewählt, und was er für mich bedeutet, kann ich
aus meinem Leben nicht mehr wegdenken. Es gab Zeiten, wo
die Verbindung zu ihm durch meine Gleichgültigkeit blockiert
war. Gerade in jüngster Zeit ist mir der Zusammenhang rich-
tig klar geworden: Christus kann die Führung in meinem Leben
nur effektiv gestalten, wenn das, was an konkurrierenden Füh-
rungsbestrebungen in mir ist, mein ganzer ichhafter Selbst-
verwirklichungs-Drang, an ihn abgegeben wird. Wie ein rauch-
geschwärzter Gießerei-Arbeiter die gute, frische Luft nur in
seine Lungen bekommen kann, wenn er den alten Qualm und
Dreck vorher kräftig ausatmet, so soll ich meine ichhaften
Wünsche ausatmen, um dann Christus und seinen Frieden in
mein Leben aufzunehmen.
Es gibt einen geradlinigen Zusammenhang: Christus will uns
Frieden geben, einen Frieden, der, wie es in Philipper 4,7 heißt,

84
»höher ist als alle Vernunft«. Aber ich kann diesen Frieden nur
erfahren, wo ich meine eigene Friedelosigkeit Christus ein-
gestanden habe, wo meine Schuld ihm hingelegt wird, die darin
besteht, daß ich immer wieder an ihm vorbeilebe.
Wenn ich ihm das sage, wenn ich mich nun einfach fallen
lasse im Vertrauen auf ihn, dann darf ich ganz gewiß sein, daß
er stark genug ist, um mich Tag für Tag in seinem Frieden zu
halten.

Herr, ich danke Dir, daß ich mich einfach fallen lassen kann.
Dir vertraue ich, daß Du mich hältst. Dann ist alles gut. Ich will,
daß Du bestimmst in meinem Leben. Wenn ich unsicher werde,
dann bist Du doch da. Dir traue ich mehr zu als mir. Du hast so
viel für mich getan. Auch jetzt willst Du ganz nah bei mir sein.
Du wirst mich ans Ziel bringen. Herr Jesus, dafür danke ich Dir.

85
PERSÖNLICHE NOTIZEN:

86
Zur Fortsetzung der Lektüre werden folgende Bücher empfoh-
len:

Ole Hallesby

Wie ich Christ wurde

17. Auflage 1976 (R. Brockhaus Taschenbuch, Bd. 7),


128 Seiten

»Das Buch führt heraus aus der philosophierenden Problema-


tik des christlichen Glaubens und hinein in die Einfalt wahren
Gotterlebens« schreibt Dr. Hans Bürki. Aus dem Inhalt: Zwei-
fel — Vom Zweifel zum Glauben — Warum ich Christ bin - Das
Geheimnis der Wiedergeburt - Die Logik der Umkehr - Die
Wahl - Für die, die gewählt haben.

Ole Hallesby

Vom Beten

20. Auflage 1976 (R. Brockhaus Taschenbuch Bd. 13),


128 Seiten

Dieses Buch hat ein Mann geschrieben, der den Weg des Intel-
lektuellen zum Glauben an Gott gegangen ist und hier über den
innersten Bereich des christlichen Glaubens nachdenkt - über
das Wesen des Gebets und über Schwierigkeiten des Betens,
über Kampf und Mißbrauch, Formen und Rätsel des Gebets.
Eine kleine Schule des Betens.

87
D. Stuart Briscoe

Am Anfang eines neuen Lebens

Praktische Leitlinien für das Leben als Christ.

1. Auflage 1976 (R. Brockhaus Taschenbuch Bd. 1053),


136 Seiten

»Ich habe mit Christus zu leben begonnen — aber was fange ich
mit der Bibel an? Wie lese ich sie, wie kann ich einen Bibeltext
selber erarbeiten? Wie kann ich anderen meinen Glauben
überzeugend weitersagen?« Auf diese und ähnliche Fragen
antwortet hier ein Christ mit sehr praktischer Erfahrung. Ein
Bibelkurs für Anfänger und Fortgeschrittene hilft zur Festi-
gung des eigenen Fundaments.

Keith Miller

So fingen wir als Christen an

Erlebnisse eines Mannes, der seinen Glauben ernst nahm.

1. Taschenbuchauflage 1977 (R. Brockhaus Taschenbuch


Bd. 245)

Keith Miller war Betriebswirt, Direktor einer Ölgesellschaft,


als er Christ wurde und in seinem Büro mit der Verwirklichung
seines Glaubens ernst machte. Er erlebte Überraschendes und
vermittelt mit seinem Bericht Anstöße zum Überdenken der
eigenen Situation.
/¡\ Aktuelle Themen
/AJp7-Berichte, Erzählungen, Lebensbilder
1^/7 Christsein heute

Aktuelle Themen

Im Beruf brauchen wir Erfolg. Auch im Privatleben — wer wollte


da erfolglos sein? Aber ist Erfolg alles? Warum fühlt sich mancher
Erfolgreiche leer und sucht nach neuen Zielen?
Der Verfasser spricht als Praktiker der Wirtschaft und als über-
zeugter Christ. Was hier vorgebracht wird, ist nicht Theorie, es ist
lebensnahe Erfahrung.
Dr. Kurt Scheffbuch (43) ist seit fast zwanzig Jahren verantwort-
lich in der Industrie tätig. Er leitet heute ein namhaftes Marken-
artikel-Unternehmen in Weinheim/Bergstraße.

ISBN 3-417-12127-2

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