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institutioneller Macht ausgestattet sind - Priester, Psychiater, 3.

Das Arrangement der Geschlechter}


Lehrer, Polizisten, Generäle, Eltern, Regierende, Eltern, Män-
ner, Weiße, Staatsangehörige, Medienexperten und all die an-
deren etablierten Personen, die durch ihre Position in der
Lage sind, ihre Versionen der Wirklichkeit offiziell durchzu-
setzen.

I.

Das Geschlecht dient in modernen Industriegesellschaften, und


offenbar auch in allen anderen, als Grundlage eines zentralen
Codes, demgemäß soziale Interaktionen und soziale Strukturen
aufgebaut sind; ein Code, der auch die Vorstellungen der Einzel-
nen von ihrer grundlegenden menschlichen Natur entscheidend
prägt. Dies ist eine gängige Ansicht, doch bis vor kurzem blieb
uns ihre verwirrend vielschichtige Bedeutung verborgen. Denn
die herkömmliche soziologische- scheinbar ausreichend klare-
Auffassung, das Geschlecht sei ein >>erlerntes, diffuses Rollenver-
halten«, hat frühere Generationen von Sozialwissenschaftlern of-
fenbar eher gegen Erkenntnisse immunisiert, als daß sie dieser
>>Seuche« eine Ausbreitung erlaubt hätte. Diese Forscher handel-
ten, noch deutlicher als sie es beim Phänomen der sozialen Klas-
sen getan haben, einfach wie alle anderen Menschen: Sie stützten
durch ihr eigenes Verhalten blindlings genau das, was wenig-
stens einige von ihnen hätten in Frage stellen sollen. Und wie in
letzter Zeit üblich, mußten wir von den Betroffenen selbst an un-
seren eigentlichen Forschungsgegenstand erinnert werden.
Ich möchte hier versuchen, diese Fragen aus dem Blickwin-
kel sozialer Situationen und der darin aufrechterhaltenen öf-
fentlichen Ordnung zu klären. (Unter einer sozialen Situation
Übersetzung von »The arrangement between the sexes«, in: Theory and Society
4 (1977), 301-331. Übersetzt von Margarethe Kusenbach und Hubert Knob-
lauch; Tine Kugler sei gedankt für ihre Hilfe bei den Korrekturen.

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verstehe ich jeden räumlichen Schauplatz, auf dem sich eine gut geeignet, weil wir in dieser Angelegenheit alle Priester oder
eintretende Person der unmittelbaren Gegenwart einer oder Nonnen sind und nur zusammenkommen müssen, damit ein
mehrerer anderer ausgesetzt findet; und unter einer Zusam- anbetungswürdiger Anlaß entsteht.) Nicht die sozialen Konse-
menkunft alle dort anwesenden Personen, auch wenn sie nur quenzen der angeborenen Geschlechtsunterschiede bedürfen
durch die Prinzipien der höflichen Unaufmerksamkeit oder, also einer Erklärung, sondern vielmehr wie diese Unterschiede
noch weniger, der gegenseitigen Verletzbarkeit miteinander ver- als Garanten für unsere sozialen Arrangements geltend ge-
bunden sind.) macht wurden (und werden) und, mehr noch, wie die institu-
tionellen Mechanismen der Gesellschaft sicherstellen konnten,
daß uns diese Erklärungen stichhaltig erscheinen. (In der Tat
könnte man behaupten, daß die wichtigste Errungenschaft der
II. Frauenbewegung nicht die unmittelbare Verbesserung der Le-
bensumstände vieler Frauen ist, sondern die Schwächung derje-
Aufgrund ihrer biologischen Gestalt können Frauen Kinder ge- nigen dogmatischen Überzeugungen, die ehemals die ge-
bären, Kinder stillen und menstruieren, Männer jedoch nicht. schlechtsspezifische Arbeits- und Einkommensteilung unter-
Zudem sind Frauen im Durchschnitt kleiner, haben leichtere mauert haben.) Beiall dem haben wir es mit etwas zu tun, das
Knochen und weniger Muskeln als Männer. Etwas organisato- »institutionelle Reflexivität« genannt werden könnte - um
rischer Aufwand wäre nötig, wenn auch unter modernen Be- einen neumodischen Ausdruck für einen alten kulturanthropo-
dingungen nicht allzu viel, wollte man spürbare soziale Folgen logischen Grundsatz zu verwenden.
dieser körperlichen Gegebenheiten verhindern. Industriegesell-
schaften können neue ethnische Gruppen verkraften, die be-
trächtliche kulturelle Unterschiede aufweisen, ebenso den ein
Jahr oder länger dauernden Wehrdienst junger Männer, III.
enorme Bildungsunterschiede, Wirtschafts- und Arbeitsmarkt-
zyklen, die kriegsbedingte Abwesenheit von Männern jeder Ge- In allen Gesellschaften werden Kleinkinder bei ihrer Geburt
neration, einschneidende jährliche Ferienperioden und zahl- der einen oder anderen Geschlechtsklasse zugeordnet, wobei
lose andere Turbulenzen der öffentlichen Ordnung. In meinen diese Zuordnung durch das Ansehen des nackten Kinderkör-
Augen ist es ziemlich fraglich, ob unser System der sozialen Or- pers, insbesondere der sichtlich dimorphen Genitalien ge-
ganisation überhaupt irgendwelche notwendigen Kennzeichen schieht - eine Zuordnungspraxis, die derjeningen ähnelt, die
aufweist. Genauer gesagt: Um die- im Vergleich zu allen ande- bei Haustieren vorgenommen wird. Diese Zuordnung auf-
ren - geringen biologischen Unterschiede als Ursachen derjeni- grund der körperlichen Gestalt erlaubt die Verleihung einer an
gen sozialen Konsequenzen ansehen zu können, die scheinbar das Geschlecht gebundenen Identifikationsetikette (Mann-
selbstverständlich aus ihnen folgen, bedarf es eines umfassen- Frau, männlich-weiblich, Junge-Mädchen, er-sie). In den ver-
den, geschlossenen Bündels sozialer Glaubensvorstellungen schiedenen Phasen des individuellen Wachstums wird diese
und Praktiken, das zusammenhängend und komplex genug Klassifizierung durch Kategorien für weitere körperliche Anzei-
ist, um die Wiederauferstehung altmodischer funktionalisti- chen bestätigt, von denen einige dem allgemeinen Wissensbe-
scher Ansätze zu seiner Analyse zu rechtfertigen. (Vielleicht stand angehören, andere (wenigstens in modernen Gesellschaf-
sind hierzu die traditionellen Begriffe Durkheims besonders ten) von den Wissenschaften entwickelt wurden und beispiels-

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weise als Chromosomen, Gonaden und Hormone bezeichnet gorie verstehe, die sich allein auf diese Disziplin und nicht auf
werden. Jedenfalls betrifft die Einordnung in die Geschlechts- die Biowissenschaften bezieht.
klassen fast ausnahmslos die gesamte Population und bean- In allen Gesellschaften bildet die anfängliche Zuordnung zu
sprucht lebenslange Geltung. 2 Somit liefert sie ein Musterbei- einer Geschlechtsklasse den ersten Schritt in einem fortwähren-
spiel, wenn nicht sogar den Prototyp einer sozialen Klassifika- den Sortierungsvorgang, der die Angehörigen beider Klassen
tion. Zudem scheint uns in modernen Gesellschaften die so- einer unterschiedlichen Sozialisation unterwirft. Von Anfang
ziale Einteilung in Frauen und Männer in völligem und ge- an werden die der männlichen und die der weiblichen Klasse
treuem Einklang mit unserem >>biologischen Erbe<< zu stehen zugeordneten Personen unterschiedlich behandelt, sie machen
und kann daher unter keinen Umständen verleugnet werden. verschiedene Erfahrungen, dürfen andere Erwartungen stellen
Hier haben wir es mit einer einzigartigen Übereinstimmung und müssen andere erfüllen. Als Folge davon lagert sich eine
zwischen dem unmittelbaren Verständnis der einfachen Leute geschlechtsklassenspezifische Weise der äußeren Erscheinung,
und den Erkenntnissen aus Forschungslaboratorien zu tun. des Handeins und Fühlens objektiv über das biologische Mu-
(So sind Laien auch bereit, der berühmten These Margaret ster, die dieses ausbaut, mißachtet oder durchkreuzt. Jede Ge-
Meads zuzustimmen, die besagt, daß der Charakter kulturell sellschaft bildet auf diese Weise Geschlechtsklassen aus, wenn
und nicht biologisch determiniert ist; daß Frauen ziemlich fä- auch jede auf ihre je eigene Art. Aus der Perspektive des For-
hige Zahnärzte und sogar Feuerwehrleute sein können; daß es schers, der Individuen typisiert, kann dieser Komplex als »so-
bloß eine auf die Sprache beschränkte Einseitigkeit sei, deren ziales Geschlecht« 3 bezeichnet werden; soll eine Gesellschaft
Regeln vorschreiben, daß (im Deutschen) >>er« statt >>Sie«, charakterisiert werden, kann dieser Komplex >geschlechtsspezi-
>>Mann« statt »Frau«, >>sein« statt >>ihr« bevorzugt verwendet fische Subkultur< genannt werden. Obwohl das soziale Ge-
werden, daß in Sätzen, die beide Geschlechter verbinden, schlecht (>>gender«) keine biologische, sondern nahezu völlig
>>man« an die Stelle der Menschheit treten und >>sein« als kor- eine soziale Folge der Funktionsweisen einer Gesellschaft ist,
rektes Possesivpronomen für neutrale Begriffe wie >> Indivi- findet diese Folge einen sichtbaren Ausdruck. Sicherlich kann
duum« gelten kann und daß männliche Formen keiner beson- eine ganze Population im Unwissen über einen bestimmten Ge-
deren Markierung bedürfen. Obwohl aber Laien diese Konzes- schlechtsunterschied leben oder sogar eine falsche Auffassung
sionen machen, sehen sie, ebenso wie Margaret Mead (und an- davon haben, und dennoch kann dieser Unterschied vorhan-
scheinend auch ich), keinen Grund zu bestreiten, daß die den ,sein, nicht aufgrund der Biologie, sondern aufgrund der so-
Worte >>er« und »sie« als Bezeichnungen für die infragestehen- zialen Erfahrungen, die die Angehörigen der jeweiligen Ge-
den Personen völlig angemessen sind). schlechtsklassen miteinander teilen.
Ich möchte deshalb wiederholen, daß ich unter dem Begriff Jede Gesellschaft scheint ihre eigenen Konzepte davon zu
>>Geschlechtsklasse« (»sex dass«) eine rein soziologische Kate- entwickeln, was das >>Wesentliche« und das Charakteristische

3 Goffman nutzt hier die in der englischen Sprache gebräuchliche Unterscheidung


2 Sicherlich gibt es bei der Geburt Fälle von vorübergehender Fehlzuschreibung, zwischen »Sex« und >>gender«. Damit wird (vor allem seit den begrifflichen Klä-
desweiteren Fälle, in denen uneindeutige körperliche Merkmale vorliegen (Inter- rungen durch Robert Stoller) ein Unterschied möglich zwischen dem biologisch
sexualität), schließlich soziale und seit kurzem auch operative Geschlechtsum- zugeschriebenen Geschlecht (»sex«) auf der einen Seite und dem sozial zuge-
wandlungen. Es sollte aber genauso selbstverständlich sein, daß diese drei Fall- schriebenen und kulturell definierten Geschlecht ( >>gender<<) auf der anderen
gruppen Ausnahmen darstellen, daß ihre Bedeutung auf der Tatsache beruht, Seite. Weil eine entsprechende Unterscheidung im Deutschen fehlt, mußten
daß sie Ausnahmen sind und daß die Zuordnung zu einer Geschlechtskategorie dafür Hilfskonstruktionen gebildet werden. Wenn nicht ausdrücklich vermerkt,
im Vergleich zu allen anderen Zuordnungen sehr streng vollzogen wird. versteht Goffman unter >>Geschlecht<< im folgenden immer »gender<< (A. d. Ü.).

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an den beiden Geschlechtsklassen ist, wobei diese Konzepte so- der Gesten und ähnlichem, annehmen. Offensichtlich ist ein
wohl lobens- als auch tadelnswerte Züge einschließen. Dazu großer Teil des Sexualverhaltens an die Geschlechtsklassen
gehören Idealbilder von Männlichkeit und Weiblichkeit, wei- gebunden und macht deshalb auch einen Teil des sozialen
terhin Vorstellungen von der grundsätzlichen Natur des Men- Geschlechts aus. Wahrscheinlich gibt es jedoch sexuelle Prak-
schen, die (zumindest in den westlichen Kulturen) wesentlich tiken, die nicht nur in einer Geschlechtsklasse vorkommen,
zur Bestimmung dessen beitragen, was die ganze Person sein sondern gleichermaßen in beiden auftreten. Wichtiger ist je-
soll. Diese Konzepte stellen einen Fundus an Erklärungen zur doch, daß die Sexualität einen biologischen Lebenszyklus
Verfügung, der auf tausenderlei Arten zur Entschuldigung, aufzuweisen scheint, demgemäß sie in der Kindheit in sehr
Rechtfertigung, Erläuterung oder Mißbilligung von individuel- geringem Maß ausgeprägt ist, im jungen Erwachsenenalter
len Handlungsweisen oder Lebensumständen genutzt werden dagegen sehr stark, und sich dann im höheren Alter wieder
kann. Diese Erklärungen können sowohl von den Betroffenen legt. Dieser Zyklus findet natürlich seinen Ausdruck in der
geliefert werden wie auch von den Personen, die sich stellver- Ausbildung und Rückbildung der sogenannten sekundären
tretend für die Betroffenen bemüßigt fühlen, Gründe zu lie- Geschlechtsmerkmale, die hier deswegen von Belang sind,
fern. Normen von Männlichkeit und Weiblichkeit beziehen weil die sozialen Idealbilder von Männlichkeit und Weiblich-
sich also auf objektive (obwohl zum größten Teil sozial erwor- keit oft an diese Merkmale geknüpft sind. Das Geschlecht
bene) Unterschiede zwischen den Geschlechtsklassen, sie stim- als solches entwickelt sich indessen kaum. Eine Ausnahme
men aber, wie gesagt, nicht völlig mit diesen Unterschieden bildet die Sitte einiger Gesellschaften, junge Männer in be-
überein: Einige dieser Unterschiede decken die Normen nicht stimmten Hinsichten als Bestandteil der Frauengruppe anzu-
ab, andere ordnen sie falsch zu, und offensichtlich erklären sie sehen. In diesen Fällen wandelt sich das von der Geschlechts-
eine ganze Reihe dieser Unterschiede mithilfe einer fragwürdi- klasse abhängige Verhalten während des Lebenslaufs eines
gen Lehre - in unserer Gesellschaft mit der Lehre von der bio- Individuums in einer geregelten, vorgegebenen Art und
logischen Festlegung. Weise und spiegelt nicht unbedingt eine einheitliche innere
Insoweit nun das Individuum ein Gefühl dafür, was und wie Entwicklung wider. Es sollte klar geworden sein, daß sozia-
es ist, durch die Bezugnahme auf seine Geschlechtsklasse ent- les Geschlecht und Sexualität nicht ein und dieselbe Sache
wickelt und sich selbst hinsichtlich der Idealvorstellungen von sind; in meinen Augen wenigstens versucht ein siebenjähri-
Männlichkeit (oder Weiblichkeit) beurteilt, kann von einer Ge- ger Junge, der seiner Großmutter mannhaft aus freien Stük-
schlechtsidentität (» gender identity«) gesprochen werden. An- ken mit ihren schweren Paketen hilft, nicht, bei ihr zu
scheinend ist diese Quelle zur Selbstidentifikation eine der landen.
wichtigsten, die unsere Gesellschaft zur Verfügung stellt, viel- Anscheinend stehen die Glaubensvorstellungen von sozia-
leicht noch wichtiger als Alterstufen. Droht eine Trübung oder lem Geschlecht, Männlichkeit, Weiblichkeit und Sexualität
Veränderung dieser Idealbilder, so wird dies niemals auf die in einem engen Wechselspiel mit dem tatsächlichen Verhal-
leichte Schulter genommen. ten der Geschlechter, und hier spielt vermutlich auch popula-
Den Begriff »Sexualität« (>>sexuality«) möchte ich auf risiertes sozialwissenschaftliches Wissen eine wichtige Rolle.
Handlungsmuster beziehen, die mit sexueller Stimulierung Forschungserkenntnisse über das soziale Geschlecht und die
und sexueller Erfahrung zu tun haben, und mit den Verlok- Sexualität, seien sie nun gut oder schlecht begründet, wer-
kungen zu diesen Handlungsweisen, welche kulturspezifische den den normativen Vorstellungen von Männlichkeit bzw.
Formen der äußeren Erscheinung, der Kleidung, des Stils, Weiblichkeit selektiv - und manchmal erstaunlich schnell -

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einverleibt. Durch eme solche Quelle gestärkt, können sich sie sich zusätzlich unterscheiden. Dahinter verbirgt sich je-
diese Idealbilder dann als selbsterfüllende Prophezeiungen doch offensichtlich ein noch viel schwierigeres Problem.
auf das tatsächliche Verhalten der Geschlechter auswirken. Haben wir uns erst einmal auf die Definition einer Klasse
Dennoch sind die Glaubensvorstellungen von Männlichkeit- von Personen geeinigt, in unserem Fall auf die des Ge-
Weiblichkeit und Sexualität selbst kein Bestandteil des sozia- schlechts, dann erscheint uns leicht jedes passende Etikett,
len Geschlechts. Wenn sie auf andere Weise verknüpft wer- das wir ihren Mitgliedern anheften - in unserem Fall >>Män-
den als zwischen den Geschlechtsklassen, können sie jedoch ner«, >>Frauen«, >>männlich«, >>weiblich«, >>er«, >>sie« - zur
zu einem wesentlichen Teil des sozialen Geschlechts werden. Charakterisierung, Symbolisierung und erschöpfenden Abbil-
Jede der beiden Geschlechtsklassen unterstützt ihr eigenes dung dieser Klasse angemessen. So erklärt man eine Eigen-
Muster interner sozialer Beziehungen, aus dem dann Institutio- schaft zum Eimer, in den die anderen Eigenschaften lediglich
nen wie Männerbünde (old boy networks), Stammtische, Frau- hineingeleert werden.
enzirkel4 und ähnliches hervorgehen. Die zweite Mahnung bezieht sich auf die Begriffe »Cha-
Zwei abschließende Mahnungen. Wenn wir uns auf ein rakterzüge«, >>Eigenschaften« und >>Handlungsweisen«. Ein
Merkmal des sozialen Geschlechts beziehen, nennen wir es Beispiel: Buben prügeln sich auf normalen amerikanischen
kurz >> geschlechtsspezifisch << (oder >>geschlechtsabhängig«), Mittelschichtsspielplätzen häufiger als Mädchen, und darum
um die eher umständliche Wendung >>geschlechtsklassenspezi- könnte man Prügeln als eine Handlungsweise der männli-
fisch« zu vermeiden. Natürlich ist es auch sehr naheliegend, chen Geschlechtsklasse ansehen. Wenn ich hier von einer
von >>den Geschlechtern«, dem >>Gegengeschlechtlichen«, Handlungsweise >>der männlichen Geschlechtsklasse« spre-
dem »anderen Geschlecht« und so weiter zu reden, und che, meine ich damit, daß dieses Verhalten nicht nur irgend-
auch ich werde das tun. Dennoch ist diese Verkürzung mit wie von einzelnen männlichen Körpern ausgeführt wird, son-
Gefahren verbunden, insbesondere weil sich diese Begrifflich- dern daß es auch durch etwas motiviert und gestaltet ist,
keiten mit unseren kulturellen Stereotypen decken. Man das den einzelnen Körpern innewohnt. Ich meine, daß dieses
sollte sich aber das Geschlecht eher als eine Eigenschaft von Verhalten nicht bloß als eine Reaktionen der Individuen auf
Organismen vorstellen, nicht als eine ihrer Klassen. Zweifel- eine formal festgesetzte Regel angesehen werden kann. Man
los hängen >>sekundäre Geschlechtsmerkmale« mit der Sexua- könnte hier von einem Genderismus 5 sprechen, das heißt
lität zusammen, doch führt es in die Irre, diese Attribute als von•einer geschlechtsklassengebundenen individuellen Verhal-
geschlechtsspezifisch zu bezeichnen. Denn so deutet man im- tensweise. Erinnern wir uns an die in der letzten Generation
plizit die Existenz einer Personenkategorie an, die im auf Schulhöfen übliche Praxis, Schüler und Schülerinnen,
Grunde durch biologische Aspekte definiert wird und auch bevor sie nach einer Pause wieder die Schule betraten, vor
so definierbar ist. Wie gesagt können die sekundären Ge- der Tür in zwei nach Geschlechtern getrennten Schlangen
schlechtsmerkmale im großen und ganzen tatsächlich mit aufzustellen, vermutlich damit sie beim Eintreten Zucht und
den Geschlechtsklassen in Verbindung gebracht werden. Ordnung bewahrten. Obwohl nun eine solche Aufstellung
Beide Klassen weisen aber eine Reihe nicht biologisch be- zweifellos Glaubensvorstellungen über die Unterschiede der
dingter Eigenschaften und Verhaltensweisen auf, in denen Geschlechtsklassen zum Ausdruck brachte und obwohl sie si-
4 Vgl. Carroll Smith-Rosenberg, »The Fernale World of Love and Ritual: Rela- 5 Weder der Begriff der Geschlechtsideologie noch der Ausdruck »Geschlechtsty-
tions between Women in Nineteenth-Century America«, in: Signs 1/1 (1975), pik« geben diese gleichsam als Habitus inkorporierte Geschlechtsideologie im
Seite 1-30, bes. 9ff. Deutschen ausreichend wieder (A. d. Ü.).

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eherlieh aus geschlechtsklassenabhängigem Verhalten gebil- IV.
det war, können die von den jeweiligen Geschlechtsgenossen
und -genossinnen gebildeten Schlangen dennoch nicht ein- In beinahe allen bekannten Gesellschaften scheinen sich Schla-
fach als eine Verhaltensweise angesehen werden, die von Per- fen, Kindererziehen und (in geringerem Ausmaß) Nahrungsauf-
sonen verantwortet und ausgeführt wurde, also als ein Gen- nahme tendenziell in kleinen Haushalten abzuspielen, wobei
derismus. Wenn überhaupt, dann haben wir es hier höch- diese Funktionen - besonders in modernen Gesellschaften -
stens mit einem institutionalisierten Genderismus zu tun, mit um ein verheiratetes, sich fortpflanzendes Paar herum erfüllt
dem Verhaltensmerkmal einer Organisation und nicht mit werden. Auf diese Weise werden im allgemeinen die sozialen
dem einer Person. Das In-der-Schlange-stehen könnte zwar Rollen von Männern und Frauen deutlich ausdifferenziert.
als von Individuen vollzogen gelten, es bliebe dann aber als Ganz nebenbei erhalten Frauen dabei den niedrigeren Rang
solches nicht länger geschlechtspezifisch, da es sich ja um und weniger Macht, wird ihr Zugang zum öffentlichen Raum
eine Verhaltensweise handelt, die beide Klassen gleicherma- eingeschränkt, werden Frauen von der Kriegführung und der
ßen aufweisen. Wir könnten hinzufügen, daß die Schlangen Jagd, häufig auch von religiösen und politischen Ämtern ausge-
selbst nur ein einfaches - sogar ein geometrisches - Beispiel schlossen; insgesamt wird das Leben der Frauen in weitaus grö-
für eine parallele Organisation sind, für ein Arrangement, in ßerem Maß als das der Männer von Haushaltspflichten be-
dem ähnliche Dienstleistungen, ähnliche Rechte und Pflich- stimmt. Dieses Bündel von Arrangements zieht sich als ein zen-
ten aufgeteilt werden. Wie bei den parallelen Organisatio- trales Kennzeichen durch alle menschlichen sozialen Organisa-
nen, die sich an anderen binären sozialen Klassifizierungen tionen hindurch, so daß die übliche Unterscheidung von primi-
festmachen - Schwarze-Weiße, Erwachsene-Kinder, Offiziere- tiven und zivilisierten Gesellschaften schwierig wird. Es wäre
Rekruten und so weiter -, bietet die auf dem Geschlecht ba- interessant, die Ursachen dieser Tatsachen zu kennen, falls sie
sierende parallele Organisation einen leicht handhabbaren tatsächlich jemals enthüllt werden können. (Die enorme Ver-
Ausgangspunkt für die Etablierung einer unterschiedlichen einfachung sozialer Organisation durch die Aufgliederung
Behandlung der Geschlechter, wobei die angedeuteten Ent- nach Geschlecht und Abstammungslinien spielt dabei viel-
wicklungen mit den behaupteten Charakterunterschieden leicht eine Rolle).
zwischen den beiden Klassen vereinbar und stimmig zu sein Von noch größerem Interesse ist aber der ideologische Nut-
scheinen. Um wieder auf das einfache Beispiel zurückzukom- zen,• zu dem diese Phänomene beigetragen haben. Denn dieses
men: Wenn Kinder einmal dazu gebracht wurden, nach Ge- in allen Gesellschaften vorkommende Muster hat uns in die
schlechtern getrennte Schlangen zu bilden, dann kann auch Lage gesetzt, die Verhältnisse in unserer eigenen industriellen
leicht veranlaßt werden, daß die weibliche vor der männli- Welt mit dem Verweis auf die Verhältnisse in kleinen, schriftlo-
chen Schlange ins Haus geht, vermutlich um dem >>zarteren« sen Gesellschaften zu erklären - dies gibt uns in der Tat erst
Geschlecht beim Verlassen der rauhen Außenwelt den Vor- ein gewisses Recht dazu, den Begriff >>Gesellschaft« überhaupt
tritt zu geben und um so beiden Geschlechtern eine kleine zu verwenden, und hält uns dazu an, die ganze Entwicklungsli-
Lektion über die korrekte Rücksichtnahme auf das soziale nie bis zu den nichtmenschlichen Primaten zurückzuverfolgen
Geschlecht zu erteilen. 6 und so zu einer grundlegend biologischen Betrachtung der
menschlichen Natur zu gelangen. Meiner Meinung nach
6 Die Geschichte der parallelen Organisation der Geschlechter in der amerikani- wurde die Lehre, die uns andere Gesellschaften - von anderen
schen Gesellschaft wurde nie geschrieben. Gattungen ganz zu schweigen - erteilen können, bislang noch

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nicht stimmig genug in Form gesicherter Aussagen formuliert, Schmerzlichkeit ihrer Benachteiligung, sondern der Einfluß
die zu Lehrzwecken verwendet werden könnten, und so werde der Sozialstruktur auf die Entstehung und Stabilität der Be-
auch ich mich auf das Hier und Jetzt beschränken. nachteiligung). Der interessante Punkt ist also nicht, daß
Wenn wir Frauen nur als eine unter anderen in modernen Frauen weniger bekommen, sondern in welchen Arrangements
Gesellschaften benachteiligte Gruppe ansehen - was wir mei- dies geschieht und welche symbolische Bedeutung diesen Ar-
ner Meinung nach tun sollten -, dann bietet sich der Ver- rangements zukommt.
gleich mit anderen Gruppen dieser Art von selbst an. Da- Wenn wir davon ausgehen, daß der private Haushalt mit
durch können wir eine Antwort auf die Frage finden, wo der vollständigen oder unvollständigen Kernfamilie eine
Frauen auf der Skala der ungerecht Behandelten zu verorten Grundeinheit unserer Gesellschaft bildet und daß diese Grund-
sind. Vermutlich lautet die Antwort auf diesen Versuch der einheiten in eine hinsichtlich Klasse, Hautfarbe und Ethnie ei-
Verortung: nicht sehr weit unten. In der ethnischen und sozia- nigermaßen homogene Gemeinschaft eingebettet sind, und
len Schichtung der amerikanischen Gesellschaft sind die wenn wir Zwangsinstitutionen einmal beiseite lassen, dann
Frauen den Männern mehr oder weniger gleichgestellt; wel- können wir mit gutem Grund zwei Typen von benachteiligten
che sozialen Vor- oder Nachteile diese Variablen auch immer Gruppen unterscheiden: solche, die als ganze Familien oder
für Männer haben mögen, sie gelten in gleicher Weise für Wohnviertel ausgegrenzt werden können und selbst auch dazu
Frauen. Ebenso besteht ein hohes Maß an Gleichheit zwi- tendieren, und solche, die das nicht tun. Schwarze sind ein Bei-
schen den Geschlechtern im Hinblick auf die Erbregelungen, spiel für die erste Kategorie, Körperbehinderte für die zweite.
Bildungschancen (wenigstens bis zum niedrigsten akademi- Unter den nicht-ausgegrenzten Gruppen von Benachteiligten
schen Grad), individuelle Konsummöglichkeiten, die meisten stehen die Frauen eher am Rand. Andere nicht-ausgegrenzte
gesetzlichen Rechte und die Liebe und Achtung ihrer Kinder. Gruppen von Benachteiligten, wie etwa Blinde, stark Überge-
Die Frauen sind im Nachteil, wenn es um die Bezahlung ihrer wichtige oder ehemals Geisteskranke, sind einigermaßen
Arbeit und um erreichte Dienstgrade geht, um den Zugang gleichmäßig über die Sozialstruktur verstreut. (Gewisse Kon-
zu bestimmten Berufen und zu Kreditquellen, um das Na- zentrationen können innerhalb bestimmter ethnischer Grup-
mensrecht und um den Anspruch auf die Nutzung öffentli- pen, Altersklassen, Schichten oder Geschlechtsklassen auftre-
cher Straßen und Plätze. (Einige dieser Benachteilungen verlie- ten, ihr Vorkommen ist jedoch eher selten.) Das trifft auf
ren sich infolge der Modernisierung und der Bevölkerungs- Frauen nicht zu: Sie sind als Mädchen gleichmäßig auf die
kontrollmaßnahmen.) Und wir könnten sogar behaupten, Haushalte verteilt und dann später, noch immer gleichmäßig,
daß Frauen in gewisser Hinsicht bevorzugt werden: Sie sind auf andere Haushalte als Ehefrauen. Im ersten Fall stellt die
in der Regel vom Militärdienst befreit, sie werden teilweise Natur ein Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern her; im
oder ganz von bestimmten Arten körperlicher Arbeit ausge- zweiten erlauben Gesetz und Sitte nur eine Frau pro Haushalt,
nommen,. und sie genießen angenehme Höflichkeiten verschie- fordern aber auch nachdrücklich die Anwesenheit dieser ei-
dener Art - doch auch diese Vorteile fallen vermutlich der zu- nen.
nehmenden Modernisierung zum Opfer. Als benachteiligte Gruppe sind Frauen, ebenso wie Dienst-
Diese Betrachtung der Lage der Frauen mag für die Sozialpo- mädchen (und Hausdiener) also gewissermaßen ökologisch
litik und für politische Aktionen einigen Nutzen haben, sie ist vom Umgang mit ihresgleichen abgeschnitten. Im Unterschied
jedoch für unsere Zwecke zu grob. (Der soziologisch interes- zu Hausbediensteten aber trägt der Gewinn, den Frauen aus
sante Aspekt an einer benachteiligten Gruppe ist nicht die den sie eigentlich trennenden Organisationen ziehen, dazu bei,

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sie noch mehr von ihresgleichen zu isolieren. Denn anstelle sowohl mit Liebe als auch mit Achtung behandelt werden
eines Arbeitgebers oder Dienstherren hat eine Frau wahr- müssen. 8 Obwohl Frauen weniger gelten als Männer, werden
scheinlich im Laufe ihres Lebens einen Vater, einen Ehemann sie in ernstzunehmender Weise durch solche Werte wie Müt-
und Söhne, und diese Männer geben an die Frauen genügend terlichkeit, Unschuld, Sanftheit, sexuelle Attraktivität und so
von dem weiter, was sie selbst besitzen oder erwerben, um bei weiter idealisiert und mythologisiert - ein unbedeutendes Pan-
den Frauen ein starkes Interesse an der Fortsetzung der Verbin- theon vielleicht, doch noch immer ein Pantheon. Zudem sind
dung zu wecken. Obwohl Frauen in krassem Gegensatz zu viele Frauen, vielleicht sogar die große Mehrheit der Frauen
Männern definiert werden, ist dennoch jede einzelne durch im heutigen Amerika, zutiefst davon überzeugt, daß die offi-
enge soziale Bande an bestimmte Männer gebunden. Dadurch zielle Version der natürlichen Charakterunterschiede zwi-
geht sie mit ihren Mannsbildern eine Koalition gegen den gan- schen ihnen und den Männern richtig, ewig und natürlich ist,
zen Rest der Welt ein, eine Koalition übrigens, die sie dazu ver- wie niedrig ihre eigene Stellung in der Gesellschaft auch
. .
anlaßt, mit einem ihr verbundenen Mann an sehr vielen sozia- Immer sem mag.
len Ereignissen gemeinsam teilzunehmen. Um es deutlich zu sa- Diese besonderen Umstände der Lage der Frauen sind es,
gen: Hier kommen Benachteiligte und Bevorzugte vor Ort zu- die unsere moderne egalitäre Welt in weiten Teilen zur patriar-
sammen, zwei vollständig getrennte Hälften der ganzen Gesell- chalsten machen, die wir uns vorstellen können - ein Apfel,
schaft, die sich einander ähneln, was die in ihrer Geschlecht- der nicht weit von seinem uralten Stamm gefallen ist. Was un-
klasse bestehenden Erwartungen, aber auch was die Verpflich- serer Industriegesellschaft einen besonderen Anstrich gibt, ist
tungen über die Geschlechtergrenze hinaus angeht. (Eine er- nicht das geringe Ausmaß, in dem das wirtschaftliche Produk-
hebliche Stütze findet dieses Arrangement im Ergänzungsri- tionssystem von den natürlichen Unterschieden der Geschlech-
tual: Wenn ein Ehepartner einem bestimmten Mann oder einer ter abhängt - eine Gesellschaft, in der dies der Fall ist, dürfte
bestimmten Frau gegenüber Anerkennung bekundet, so wird es nirgends und zu keiner Zeit gegeben haben -, sondern viel-
sich das auch darauf auswirken, wie sich der andere Ehepart- mehr die Tatsache, daß ein Teil unserer Bürgerschaft die tradi-
ner derselben bestimmten Person gegenüber verhält. Auf diese tionelle Stellung der Frauen nicht mehr als natürlichen Aus-
Weise kann der besondere Charakter der geschlechtsübergrei- druck ihrer natürlichen Fähigkeiten begreift. Aber ohne diesen
fenden Verbindung im Angesicht einer dritten Partei aufrecht- Glauben macht dieses ganze Arrangement zwischen den Ge-
erhalten werden.) Eben genau diese Art von Verhaltensmuster, schlechtsklassen nicht mehr viel Sinn. Ich behaupte nicht, daß
das von irgendeinem jugendlichen Geometriker entworfen sein sich das Arrangement der Geschlechter durch diese Zweifel
könnte, der zu früh Radcliffe-Brown gelesen hat/ ist das sozio- von Grund auf ändern wird; gesetzt aber, das herkömmliche
logisch interessante - und zudem bemerkenswerte - Phäno- Muster wird aufrechterhalten, so wird dies, so behaupte ich,
men. unter sehr viel schwierigeren Bedingungen geschehen.
Überdies bringen Männer häufig, wenn auch etwas launen-
haft, durch die eine oder andere ritualisierte Geste zum Aus-
8 Jessie Bernard beschreibt (in: Warnen and the Public Interest, Chicago 1971, 26
druck, daß sie Frauen für zerbrechlich und kostbar halten, u. 28) Varianten dieser Zuschreibung: Unsicherheit, Partikularismus, Orientie-
daß Frauen vor den rauben Seiten des Lebens geschützt und rung auf die Gemeinschaft, Affektivität, sexuelle Passivität, Gehorsamkeit, Un-
terwürfigkeit unter Befehle und Regeln, Unselbständigkeit, Ängstlichkeit, Be-
7 A. R. Radcliffe-Brown (1881-1955): brit. Anthropologe, der Verhaltensformen scheidenheit, Keuschheit, Schüchternheit, mädchenhafte Zurückhaltung, Hei-
als Elemente einer komplexen kulturellen Gesamtstruktur ansah, deren Sinn das matverbundenheit, begrenzte außerhäusliche Interessen, Neigung zur Monoga-
einzelne Bewußtsein übersteigt (A. d. Ü.). mie, Gefallen an Körperschmuck, Putzsucht, Fürsorglichkeit für Kinder.

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V. dein so, als ob sie nicht wüßten, daß sie sich einer Begutach-
tung ausgesetzt (und womöglich sexuelles Interesse erregt)
Ich habe bereits die unübersehbare Tatsache angesprochen, hat, und sie darf nicht belästigt werden, wenn sie nicht mit
daß Frauen, ungleich anderen benachteiligten Gruppen er- einer Ermutigung antwortet; dann nämlich müßte vermutlich
wachsener Personen, in hohen Ehren gehalten werden. Ich will der Mann sein Begehren unterdrücken oder verlagern. Damit
nun zwei wesentliche Ausprägungen dieses Umstands betrach- soll nicht bestritten werden, daß gerade diejenigen Männer er-
ten: das Regelwerk des Hofierens und das System des höfli- folgreiche Bewerber sein können, deren Annäherungsversuche
chen Umgangs. sich nicht auf schickliche Distanzhaltung beschränken.
Der strategische Vorteil des Mannes beim Hofmachen leitet
1. In unserer Gesellschaft tritt das Hofieren oder Hofmachen sich aus seinem Talent und seinem Recht ab, sein Interesse an
in der Regel erstmalig bei potentiellen Partnern und Partnerin- jedem möglichen Zeitpunkt wieder entziehen zu können,
nen um die Zwanzig auf, in jenem Alter übrigens, in dem außer vielleicht am Schluß; der Vorteil der Frau besteht in der
Frauen aus biologischen Gründen den kommerziellen Idealbil- Kontrolle über den Zugang zu ihren Vorzügen. Dieser schritt-
dern von sexueller Attraktivität am meisten entsprechen. 9 Die weise Zugang bildet in unserer Gesellschaft einen ausdrückli-
Frauen schmücken sich selbst mit den übernommenen Zeichen chen Beweis für eine Paarbildung. (Macht ist etwas anderes,
sexueller Attraktivität und stellen sich dann einer Öffentlich- da sie sich auf übertragbare Eigentumsrechte, soziale Lage
keit, einer Halb-Öffentlichkeit oder privaten Kreisen zur usw. gründet.) An diesem Punkt sind die Vorteile nicht sehr
Schau. Die anwesenden Männer schenken den für begehrens- ausgewogen, da der Mann solche Zugangschancen zu einer
wert erachteten Frauen verstärkte Aufmerksamkeit in der Frau zugleich als Anerkennung seiner Männlichkeit deutet
Hoffnung auf irgendeinen flüchtigen Wink, den sie als Ermuti- und so gute Gründe hat, sich auch unabhängig von seinen Wer-
gung ihres Interesses deuten können. 10 Üblicherweise zeugt bungsahsichten einer weiblichen Kontrolle dieses Zugangs aus-
das Hofieren von der Absicht eines Mannes, der sich bisher zusetzen. (Auch die Frauen erhalten dabei eine Bestätigung,
auf Distanz hielt, sich nun näher heranzumachen. So bildet die dazu reicht jedoch die anfängliche Interessensbekundung
Begutachtung durch den Mann- sein Liebäugeln- den ersten durch den Mann häufig aus). Unabhängig davon, ob der
Zug im Spiel des Hofmachens. Das Dekorum spielt dafür eine Mann wirklich am Hofmachen oder allein an der Verführung
wichtige Rolle. Denn sowohl der Mann als auch die Frau han- interessiert ist: Er muß in jedem Fall der Frau mit Aufmerksam-
keiten nachjagen, und sie hat es in der Hand, diese Jagd zu ver-
9 Es sollte bedacht werden, daß Goffman hier auf die vergleichsweise standardi- längern oder zu verkürzen.
siertere Form des Hofierens anspielt, wie sie in den amerikanischen Mittelschich-
ten üblich ist. Vgl. dazu Suzanna Rose und Irene Hanson Frieze, Young Singles'
Der traditionellen Auffassung zufolge bleibt die Diskretion
Scripts for a First Date, in: Gender & Society 3,2 (1989), 258-268 (A. d. Ü.). der Frau über ihre Gunstzuwendungen nur dann ein Vorrecht
10 »Höfliche Unaufmerksamkeit« erlaubt Männern und Frauen einen schnellen für sie, wenn sie über die Gelegenheiten zu deren Gebrauch
BlickwechseL Der zweite kurze Blick von ihr kann für ihn schon ein ermutigen-
des Signal sein. Einige Männer haben viel Erfahrung mit zweiten Blicken, andere
Stillschweigen bewahren kann, wenn sie die Zahl der von ihr
Männer praktisch keine. Belege dafür aus Experimenten und Feldbeobachtun- Begünstigten nicht verrät und wenn das Tempo ihrer Gunstbe-
gen gibt MarkS. Cary in: »Nonverbal Openings to Conversation,,, Vortrag ge- kundungen im Falle eines besonders erfolgreichen Kandidaten
halten anläßlich der Tagung der Eastern Psychological Association am 18. April
1974 in Philadelphia, Pennsylvania; und in: Talk? Do You Want to Talk? Nego-
ein Geheimnis bleibt. Die Logik der herkömmlichen Etikette
tiation for the Initiation of Conversation between the Unacquainted, Ph.D. Dis- verlangt von einer Frau, daß sie lediglich eine Person mit
sertation, Department of Psychology, University of Pennsylvania 1975. ihrem letzten Gunstbeweis beehrt, und auch nur dann, wenn

120 121
diese sich zu ihrer Unterstützung verpflichtet hat. Dieser einmal gewährt, war es auch schnell zerstört. Auf jeden Fall
Brauch wiederum eröffnet den Weg zu zwei weiteren Prakti- können wir das traditionelle Normalverhalten der anständi-
ken oder steht wenigstens mit ihnen in Einklang. gen Bürger auf die folgende Formel bringen: Er erhält exklu-
Zum einen darf sie es sich erlauben, bezüglich ihrer Hei- sive Zugangsrechte, und sie erwirbt eine gesellschaftliche Posi-
ratsfähigkeit eingeschätzt zu werden, weil die Phase der Part- tion. Natürlich funktioniert die sexuelle Verfügbarkeit für grö-
nerwahl an ihre nur sehr vorübergehende Eignung dazu ge- ßere Gruppen unserer Gesellschaft nicht länger auf genau
bunden ist. (Die grausame Tatsache, daß sie danach für eine diese Art und Weise. Voreheliche sexuelle Ausschweifungen
lange Zeit und zunehmend als unfähig gilt, ihre Bestimmung mit jemandem, der nicht zum Ehepartner bestimmt ist, wer-
zu erfüllen, wird mit ihrem Rückzug aus dem Wettbewerb in den gang und gäbe, und eine Verlobung bedeutet dann in die-
den eigenen Haushalt verknüpft und dadurch gemildert, daß sen Fällen idealiter nicht das erste, sondern das ausschließli-
sie dort vermutlich den Gewinn genießen darf, den sie wäh- che Zugangssrecht.
rend ihrer biologisch begünstigten Phase im Hofierungsspiel Wie häufig festgestellt wird, hat das System der Hofierungs-
einstreichen konnte. 11 ) regeln eine unterschiedliche Einschätzung der beiden Ge-
Ein zweites traditionelles Mittel, um die Frauen zur Treue schlechter hinsichtlich der Normen sexueller Attraktivität zur
zu bewegen und sie von einer leichtfertigen Vergabe sexueller Folge. Oberflächlich betrachtet besteht die Aufgabe des Man-
Gunstbekundungen abzuhalten - weil dies, falls sie es regel- nes darin, sich anziehen zu lassen, und die der Frau darin,
mäßig tun, ihren Wert nach unten drücken könnte - bestand ihn anzulocken. Gleichermaßen sieht es auf den ersten Blick
darin, Sexualität als etwas Schmutziges und Schlechtes hinzu- so aus, als ob die Frau - wie gesagt wird - tendenziell mehr
stellen, als etwas Befleckendes, das nur die Männer antreibt, Kriterien als nur gutes Aussehen und Jugendlichkeit in Erwä-
und daher als etwas, das anständige Frauen verdirbt und lie- gung zieht, wenn sie unter den Männern, die an ihr interes-
derliche hervorbringt. Wie dem auch sei, der Kontrakt zur siert sind, denjenigen auswählt, den sie weiter ermutigt. Wie
Paarbildung wurde dadurch besiegelt, daß die Frau Zugangs- schon angedeutet, besteht die Implikation des Hofierungssy-
rechte zugestand und so einen Rahmen für den Akt ab- stems darin, daß die Frau (mehr als der Mann) auf Standards
steckte, der hoffentlich den Beweis für die Entstehung eines der äußeren Erscheinung verpflichtet wird, von denen sie, je
Verhältnisses und nicht nur für Keuschheit lieferte. So wurde älter sie wird, desto mehr abweicht. Wenn wir bedenken, daß
die Frau nicht ein Geschlechtsobjekt, sondern eine Gattin, die von den Eltern vererbten sozialen Ressourcen eine Frau in
eine wahrhaft keusche Person, die erwiesenermaßen dem weitaus geringerem Maße als einen Mann vor einer Gefähr-
Drängen nur eines einzigen Mannes nachgegeben hat, und dung des sozialen Status schützen können, falls sie unverheira-
dem nur - so durfte er denken - aufgrund seiner besonderen tet bleiben sollte, dann gibt ihr dies verstärkten Grund dazu,
Eigenschaften. Die dem Mann auf diese Weise verschaffte Be- auch unpassende Bewerber immer ernsthafter in Betracht zu
stätigung seiner Männlichkeit trägt offensichtlich einen para- ziehen.
doxen Zug: Nur keusche, als Partnerinnen begehrenswerte
Frauen konnten sie gewähren, doch hatten sie das Geschenk 2. Wie die Praktiken des Hofierens, so gibt auch das System
der Höflichkeiten ein Zeugnis von der hohen Wertschätzung
11 Gegenwärtige Tendenzen in Richtung auf Scheidungen des Typs »keine Schuld- der Frauen. Die Betrachtung interpersoneller Rituale vermit-
keine Alimente«, die als Liberalisierung etikettiert werden, heben die Einrich-
tung dieser Kompensation auf und führen dazu, daß zumindest einige Frauen telt den Eindruck, daß Frauen (in der westlichen Gesellschaft)
auf beiden Seiten der Gleichung Einbußen erleiden müssen. als wertvoll, dekorativ und zerbrechlich gelten, daß sie unver-

122 123
traut mit allem und ungeeignet für alles sind, was Muskel- gung für die These wird in der Literatur über Vergewaltigun-
kraft, handwerkliches oder elektrisches Wissen oder ein kör- gen beschrieben: 12 Opfer, die von fremden oder bekannten
perliches Wagnis erfordert. Überdies gewinnt man den Ein- Personen belästigt werden und die diese nicht anders davon
druck, daß ihnen leicht Verunreinigung und Befleckung dro- abbringen konnten, betteln und flehen häufig um Gnade,
hen, daß sie durch die Konfrontation mit rauhen Worten und indem sie das Wort >>bitte« verwenden - einen Ausdruck, mit
grausamen Tatsachen leicht zu beschämen sind, daß sie dem in gewisser Weise ein Anspruch auf Berücksichtigung
ebenso unsicher wie zartbesaitet sind. Folglich hat der Mann der eigenen Notlage einhergeht - ein Anspruch, den eigent-
die Pflicht, einzuschreiten und zu helfen (oder zu beschützen), lich jede Frau an jeden Mann sollte erheben dürfen.
wann immer eine Frau auf irgendeine Weise bedroht oder
stark belastet zu sein scheint, indem er sie vor blutigen, grau- 3. In unserem öffentlichen Leben scheinen Hofieren und
sigen Anblicken, vor ekelerregenden Dingen wie Spinnen und Höflichkeiten wesentlich miteinander verflochten zu sein.
Würmern, vor Lärm und Regen, Wind, Kälte und anderen Das hat nachhaltige Folgen. Offensichtlich ist die Verpflich-
Widrigkeiten bewahrt. Die Fürsorge kann sich sogar bis auf tung eines Mannes, Hilfe der einen oder anderen Art anzu-
die Vermittlung von Kontakten zu Amtspersonen, Fremden bieten, seine eigenen Kräfte freiwillig jeder Frau in der Nähe
und Dienstleistungspersonal erstrecken. Einige dieser Ver- zur Schonung ihrer eigenen anzutragen, nicht nur als eine
pflichtungen der Rolle des Mannes gelten nicht nur gegen- Pflicht, sondern auch als ein Recht anzusehen. Unter dem
über Frauen, denen er persönlich verbunden ist, sondern ge- Deckmantel der Erfüllung dieser Pflicht kann er nämlich
genüber allen Frauen, die in seine Nähe kommen; das heißt, seine Aufmerksamkeiten selektiv attraktiven Frauen zuwen-
gegenüber jeder einzelnen Frau in der Menschenansammlung, den. Dadurch vermehren sich die ihm zur Verfügung stehen-
in der er sich gerade zufällig befindet, und insbesondere den Mittel und Wege zur Durchsetzung seines Begehrens be-
dann, wenn sie sonst von keinem anderen Mann begleitet zu trächtlich im Vergleich zu denen, die ihm die bloße gemein-
sein scheint. Diese verallgemeinerte Geltung der Pflichten für same Anwesenheit in einer Zusammenkunft bereitstellen
die ganze Geschlechtsklasse der Frauen findet eine schöne Be- würde. Die Frau kann sich beispielsweise dazu verpflichtet
stätigung in der Tatsache, daß der Mann seiner Ehefrau Höf- fühlen, Dankbarkeit, Zeichen der Erleichterung und derglei-
lichkeiten in unpersönlicher Form angedeihen lassen kann, chen zu bekunden. Auf diese Weise erleichtert er es der Frau
die er in ebendieser Weise völlig angemessen auch jeder ande- und. ermutigt sie dazu, ihr Interesse an ihm zu demonstrie-
ren Frau erweisen könnte. Weiterhin wird sie durch den Um- ren, insofern sie welches hat, und er kann sie sogar ein
stand bestätigt, daß kleinere Höflichkeiten den Männern wenig dazu drängen. Bemerkenswerterweise sind die von
einen gerechtfertigten Grund an die Hand geben, um mit an- Männern an begehrte Frauen gerichteten Aufmerksamkeiten
wesenden, ihnen unbekannten Frauen Kontakte zu knüpfen; nicht unbedingt mit der größeren Erwartung oder Hoffnung
zum Beispiel wenn ein Mann für einen Augenblick seine verbunden, daß aus ihnen eine Beziehung erwächst, die über
Handlung unterbricht, um einer Frau Feuer zu geben, wobei den einmaligen Kontakt hinausgeht. Die Interaktion allein -
er durch eine zurückhaltende Art zu erkennen gibt, daß er kei- gewürzt mit den witzigsten Anspielungen, die der Mann zu-
nen Anspruch auf ihre Zeit oder ihre Aufmerksamkeit erhebt, standebringen kann - ist es, die ihm ein leichtes sexuelles
eine Art, die noch nicht einmal von ihrem männlichen Beglei-
ter als aufdringlich wahrgenommen wird. Eine weitere, als 12 Vergleiche beispielsweise Diana Russell: The Politics of Rape, New York 1975,
Beispiel anschauliche, aber als Tatsache furchtbare Bestäti- 28, 38, 99, 132, 201, 223.

124 125
Kribbeln und eme kleine Bestätigung seiner Männlichkeit Unmäßigkeit, Angriffslust oder Impulsivität als sexuelle Einla-
verschafft. dung, kurz: als ein Zeichen ihrer Zugänglichkeit betrachtet. 13
Durch die Verknüpfung von Hofieren und Höflichkeit Deshalb sind gewöhnlicherweise keine besonderen rechtli-
wird eine günstige Ausgangslage geschaffen, um solche so- chen oder moralischen Sanktionen erforderlich, um Frauen in
ziale Begegnungen zu bewältigen, die andernfalls in Wett- der Öffentlichkeit in Schranken zu halten; dazu reicht ihr Ei-
streit oder gar Feindseligkeiten ausarten könnten. Eine an- geninteresse aus. Doch diese Selbstregulierung kann als eine
dere Folge dieser Verknüpfung besteht darin, daß die Männer funktionale Folge, als ein Nebenprodukt des Zusammenspiels
die üblichen Höflichkeiten in vollem Umfang und mit Vergnü- anderer sozialer Bestimmungen angesehen werden.
gen bevorzugt den jungen und schönen Frauen schenken und
daß sie gegenüber Frauen, die diese zwei Merkmale vermis-
sen lassen, Zurückhaltung an den Tag legen. Den älteren und
häßlicheren Frauen droht so fortwährend die Verweigerung VI.
einer Behandlung, die die Natur ihrer Geschlechtsklasse
allem Anschein nach zugedacht hat. Und wenn sie damit fer- Doch nun zum Kern der Sache. Üblicherweise wird angenom-
tig werden wollen, dann haben sie allen Grund dazu, sich men, daß die Unterschiede zwischen den Geschlechtern erst
nicht in den Vordergrund zu drängen und sich nicht bis zu vor dem Hintergrund der Anforderungen und Zwänge der Um-
dem Punkt fordernd oder aufdringlich zu gebärden, ab dem welt erkennbar werden, wobei die Umwelt selbst als eine Wid-
ihnen die bereits gewährten Nettigkeiten wieder entzogen rigkeit gilt, die bereits bestand, bevor das Problem des Ge-
werden könnten. (Die »gutgekleideten<< jungen, attraktiven schlechtunterschieds auftrat. Oder, anders ausgedrückt, Ge-
Frauen müssen also in der Öffentlichkeit genauso vorsichtig schlechtsunterschiede sind eine biologisch vorgegebene, von
sein wie die weniger attraktiven - wenn auch aus unterschied- außen auferlegte Beschränkung für alle Formen sozialer Orga-
lichen Gründen.)
13 Das erklärt einige paradoxe Tatsachen. Wenn Männer dadurch charakterisiert
Eine weitere Folge der Vermischung von Hofieren und Höf- sind, daß sie Zugang zu Frauen begehren, und Frauen dadurch, daß sie Männer
lichkeit bezieht sich auf die Weise, wie sich eine Frau in ge- dabei in Schach halten, dann müßte man annehmen, daß Männer weniger Gele-
mischtgeschlechtlichen Zusammenkünften zu verhalten genö- genheiten zu Vertraulichkeiten in Form von Berührungen mit Frauen haben als
tigt sieht. Indem sie sich zurückhaltend gibt, Schüchternheit Fr,auen mit Männern. Ich glaube aber, daß Männer Frauen, zu denen sie keinen
intimen Kontakt pflegen, häufiger berühren als umgekehrt. Männer können
und Verschlossenheit zeigt, Schwäche, Furcht und Inkompe- nämlich offenbar davon ausgehen, daß ihre Übergriffe als schützend, scherzhaft
tenz demonstriert, kann sie sich selbst als ein solches Objekt oder unschuldig-zärtlich angesehen werden. Dieselbe Geste könnte, wenn sie
präsentieren, dem ein Mann zu Recht seine helfende Hand von einer Frau an einen Mann gerichtet wird, sehr leicht als Einladung verstan-
den werden, als unverhüllter Eröffnungszug, und er wird deshalb eher unter-
hinstreckt, wobei er Derbheiten in seinem Reden und Han- drückt. (Vergleiche dazu: Nancy Henley: The Politics of Touch, in: Radical Psy-
deln unterdrückt. Wenn in einer Zusammenkunft andere chology, hg. von Phi! Brown, New York 1973, 412-433.) In gesellschaftlich aner-
M~nner als ihr Ehemann anwesend sind, dann bestärkt sie kannten intimen Beziehungen zwischen Männern und Frauen scheinen Frauen
aber das größere Recht zu genießen, den anderen berühren zu dürfen.
ein anderer Grund in ihrer Zurückhaltung. Falls die Männer Dies kann sich von offensichtlichen Übergriffen, wie etwa Berührungen,
auf Ermutigungen aus sind, dann halten sie nach einer Abwei- auch auf die recht passiven Formen des Sich-Zur-Schau-Stellens ausdehnen. So
chung von der gewohnten Verschlossenheit der Frau Aus- bietet eine Frau, die einen Photoapparat, einen Hund, ein Buch oder einen ande-
ren fast beliebigen Gegenstand mit sich führt, genügend Gründe, die fremde Per-
schau, die sie als Ermutigung deuten können. In diesem Falle sonen zur Anknüpfung eines Gesprächs mit ihr benutzen können; in diesem Fall
wird jede Keckheit von ihrer Seite, jede Spur von Initiative, stellt sie sich faktisch zur Schau.

126 127
nisation, die Menschen erfinden können. Es gibt jedoch noch chen, um öffentliche Plätze vollständig nutzen zu können.}
eine andere Art, diese Sache zu betrachten. Wir könnten in Auf diese Weise verursacht die dem Mann zugeschriebene >>Na-
einem Gedankenexperiment die Gleichung umdrehen und fra- tur« seine Abhängigkeit von einer Beziehung zu einer Frau,
gen, was aus der Umwelt herausgefiltert oder in sie hineinproji- und das gilt reziprok auch für die Frau. Die Person, die ein
ziert werden mußte, damit die angeborenen Unterschiede zwi- Mann braucht, um entsprechend seiner >>Natur« handeln zu
schen den Geschlechtern, die es ja gibt, überhaupt irgendeine können, ist genau die Person, die ihn braucht, um entspre-
Bedeutung- in Wirklichkeit oder in der Vorstellung- bekom- chend ihrer >>Natur<< handeln zu können. In dieser Weise sind
men konnten. Hier geht es also um institutionelle Reflexivität. Personen nur als geschlechtsbedingte Identitäten, nicht aber
Betrachten wir ein paar Beispiele. als solche aufeinander angewiesen.

1. Eine Mutter ist zweifellos aufgrund ihrer biologischen Aus- 2. Betrachten wir einmal den Haushalt als Sozialisationsin-
stattung in der Lage, einen Säugling zu stillen, ein Vater aber stanz, und nehmen wir als Beispiel ein Geschwisterpaar unter-
nicht. Aufgrund dieser unumstößlichen Tatsache ist es nur an- schiedlichen Geschlechts aus der Mittelschicht. Die häusliche
gemessen, daß der Vater - und nur er - vorübergehend diejeni- Erziehung der beiden Geschlechter wird sich unterscheiden; an-
gen Aufgaben übernimmt, die mit einer längeren Abwesenheit gefangen damit, daß das Mädchen auf helfende, häusliche Auf-
vom Haushalt verbunden sein können. Es zeigt sich jedoch, gaben und daß der Junge auf eher breiter angelegte wettbe-
daß diese recht vorübergehende, biologisch bedingte Einge- werbsorientierte Aufgaben ausgerichtet wird. Dieser Unter-
schränktheit der Frau kulturell ausgebaut wird. Die Erfüllung schied der Ausrichtung wird als eine grundsätzliche Eigen-
einer ganzen Reihe häuslicher Verpflichtungen wird (aus wel- schaft der Kinder angesehen, die sich in vielen, als bedeutungs-
chen Gründen auch immer) als dem Mann unangemessen ange- voll empfundenen Bereichen bemerkbar macht. Auf diese
sehen; und eine ganze Reihe von Aufgaben außerhalb des Weise wird es also von Anfang an zwei Prinzipien geben, in
Haushalts wird als unangemessen für die Frau definiert. Ak- deren Namen Ansprüche erhoben und Mittelzuteilungen ge-
zeptieren Männer und Frauen diese sozialen Bestimmungen, währt werden. Eines davon ist die Gleichheit der Geschwister
dann ist die Bildung einer Koalition eine natürliche Reaktion und darüber hinaus die aller zugehörigen Familienmitglieder-
auf die raube Wirklichkeit der Welt, denn nur auf diese Weise das Motiv der Gleichbehandlung beim Geben und Nehmen,
haben beide die Möglichkeit, das zu bekommen, was sie brau- das•in seiner markantesten Form in vielen Testamenten und
chen, ohne jedoch diejenigen Arbeiten ausführen zu müssen, am weitesten verbreitet im System des Redezugwechsels reali-
die für jemanden der eigenen Art unangemessen sind. Die Paar- siert ist. Das andere Prinzip ist die Bewertung gemäß des Ge-
bildung ist aber nicht nur wegen der geschlechtsspezifischen schlechts, wenn etwa dem männlichen Kind, >>weil es ein
Beschränkungen der Aufgabenerfüllung erforderlich. Im allge- Junge ist«, beim Essen die größere Portion oder dem weibli-
meinen wird die Frau bemerken, daß in der öffentlichen chen, >>weil es ein Mädchen ist«, das weichere der beiden Bet-
Sphäre einige Dinge für sie erledigt werden müssen, und die ten zugeteilt wird; oder wenn dem männlichen Kind härtere
Männer werden bemerken, daß sie einige Dinge für andere er- Strafen zugemutet werden als dem weiblichen, weil es von
ledigen sollen, und wiederum finden sich beide aufeinander an- >>Natur« aus robuster ist und weil es härtere Strafen braucht,
gewiesen. (Denn ebenso wie ein Mann sich eine Frau nehmen um davon beeindruckt zu werden. Und diese auf das Ge-
kann, um sich vor den Arbeiten zu drücken, die ihm unange- schlecht gegründeten Bewertungen dienen auch weiterhin als
nehm sind, kann die Frau sich einen Mann zur Begleitung su- ein handliches Mittel sowohl zur Erklärung einer Verteilungs-

128 129
praxis, deren eigentliche Grundlage anderswo zu finden ist, damit Männer den ihren finden. Jedes Geschlecht wird zum
wie zur Vermeidung einer Form der Verteilung, die Mißstim- Übungspartner des anderen, ein mitten ins Haus gestelltes >>An-
mung auslösen könnte, oder schließlich sogar zur einleuchten- schauungsmittel«. Das, was dem gesamten sozialen Leben eine
den Erklärung für verschiedene Versäumnisse bei der Erfül- Struktur verleiht, wird also in einem sehr kleinen und trauten
lung von Erwartungen. Kreis eingeübt. Und daraus folgt ebenso, daß sich die tiefste
All dies ist uns im Prinzip genauestens bekannt, auch wenn Schicht dessen, was wir sind - nämlich die eigene Geschlechts-
es in seinen Einzelheiten nicht ausreichend erforscht ist. Es identität - in ihrer ursprünglichen Gestalt aus Zutaten zusam-
wird nicht angemessen gewürdigt, daß Kinder verschiedenen mensetzt, die nicht der ethnischen Zugehörigkeit oder dem so-
Geschlechts, die unter dieselbe elterliche Autorität fallen und zio-ökonomischen Status entnommen sind. Infolgedessen er-
die den größten Teil ihrer Jugend gemeinsam in denselben werben wir alle die beachtliche Fähigkeit, uns von dem, was
Räumlichkeiten verbringen, auf diese Weise ein idealgültiges wir dank unserer Verortung in der gesamten sozialen Rangord-
Beispiel für Rollendifferenzierung abgeben. Denn das Familien- nung gewinnen oder verlieren, deutlich zu distanzieren. Brü-
leben sorgt dafür, daß die meisten Tätigkeiten des einen Ge- der bekommen die Möglichkeit, sich selbst in Absetzung von
schlechts vor den Augen des jeweils anderen Geschlechts ge- Personen wie ihren Schwestern zu definieren, und Schwestern
schehen und noch dazu in völligem Einverständnis mit der be- steht es offen, sich selbst in Absetzung von Personen wie ihren
stehenden unterschiedlichen Behandlung. Wie es auch immer Brüdern zu bestimmen - wobei in beiden Fällen das Augen-
um die ökonomische Situation oder die soziale Schicht bestellt merk davon abgelenkt wird, daß die Geschwister der einen Fa-
sein mag und wie gut oder schlecht eine Tochter die eigene so- milie sich in einer grundlegend anderen sozialen Lage befinden
ziale Lage - im Vergleich zu Kindern anderer Familien - auch als die einer anderen. Das Geschlecht, nicht die Religion, ist
immer einschätzen mag: Sie kann kaum übersehen, daß ihr das Opium des Volkes. Auf jeden Fall haben wir es hier mit
Bruder, der im Vergleich mit Kindern anderer Familien auf einem bemerkenswerten organisatorischen Hilfsmittel zu tun.
einer Stufe mit ihr steht und auch häufig dieselben Grundan- Obwohl ein Mann am Tage unter seinen Vorgesetzten leiden
rechte auf die in der Familie verfügbaren Mittel hat, von den mag - und er kann auf jeder gesellschaftlichen Stufe in diese
Eltern dennoch anders beurteilt und behandelt wird als sie Lage geraten -, kehrt er dennoch jeden Abend nach Hause in
selbst. Und das bemerkt auch ihr Bruder. So erlernen Frauen eine Sphäre zurück, in der er dominiert. Und wohin auch
und Männer von Anfang an eine Art und Weise der Beurtei- immer er außer Haus geht, können Frauen anwesend sein, die
lung von Belohnungen und Umgangsformen, die die quer dazu seine zur Schau gestellte Kompetenz bestärken. Und nicht
verlaufenden Unterschiede in der Schichtzugehörigkeit und genug damit, daß der typische männliche Angestellte eine weib-
der Verfügbarkeit ökonomischer Mittel dämpft. Wie hoch der liche Sekretärin hat; wie sich jetzt immer deutlicher zeigt, wird
soziale Status einer Familie auch immer sein mag- ihre Töch- auch sein aus dem »bürgerlichen« Leben ausgestiegener Sohn,
ter können lernen, daß sie anders als die Söhne und ihnen ein der die Karriereleiter im alternativen Verlagswesen oder in Pro-
wenig untergeordnet sind; und wie niedrig der soziale Status testbewegungen hinaufsteigt, eine weibliche Hilfskraft haben;
einer Familie auch immer sein mag - ihre Söhne können ler- und sollte er gar so sehr ausgestiegen sein, daß er einer Land-
nen, daß sie anders als die Töchter und ihnen ein wenig überge- kommune beigetreten ist, so wird ihn vermutlich auch dort
ordnet sind. Es ist, als ob die Gesellschaft Schwestern einen eine entsprechende Arbeitsteilung erwartet haben. Wollten wir
Bruder an die Seite stellt, damit Frauen von Anfang an ihren gar die Alltagswelt verlassen und uns in eine ihrer fiktiv kon-
Platz kennenlernen, und sie stellt eine Schwester neben Brüder, struierten Alternativen begeben, in einen Science-Fiction-Kos-

130 131
mos, so würden wir auch dort Männer finden, die die Füh- miteinander mischen, folgt eine kurze Phase der Trennung und
rungsaufgaben übernehmen, und Frauen, die sie nach der Art so weiter. (Bars, Turnhallen, Umkleidekabinen, Billardsalons
ihres Geschlechts dabei unterstützen. Wohin auch immer der usw. leisten dieselbe Art der periodischen Absonderung, aber
Mann geht, kann er, wie es scheint, eine geschlechtsspezifische diesmal für die Männer. Der Unterschied zwischen beiden be-
Teilung der Arbeit mit sich nehmen. steht darin, daß die weiblichen Rückzugsgebiete für gewöhn-
lich feiner als die Umgebung gestaltet sind, während die männ-
3. In unseren modernen Zeiten zeigen sich Paare nackt vorein- lichen Rückzugsgebiete meistens weniger einnehmend einge-
ander und benutzen wahrscheinlich sogar zur gleichen Zeit richtet sind als die umgebenden Räumlichkeiten. 14 ) Dieses Mu-
das Badezimmer. Aber abgesehen davon sollten die vollständig ster scheint sich ausgehend von Toiletten und Waschräumen
entwickelten Genitalien des einen nicht vor den Augen des an- auch auf größere Bereiche ausgedehnt zu haben. Große Kauf-
deren Geschlechts entblößt werden. Und obwohl sich Perso- häuser haben Abteilungen, in denen sich die Geschlechter un-
nen beiderlei Geschlechts hinsichtlich ihrer Ausscheidungen tereinander mischen, aber sie haben auch kleinere Zonen, in
und deren Beseitigung ziemlich ähneln, sollte darüber hinaus denen geschlechtsspezifische Waren weitestgehend für die Kun-
die Umgebung, in der Frauen diese Akte vollziehen, etwas vor- den dieses einen Geschlechts angeboten werden. In Schulen
nehmer, geräumiger und besser ausgestattet sein als die, die wird gemischter Unterricht abgehalten, der aber von Leibes-
Männer dazu benötigen - jedenfalls scheinen wir in Amerika übungen, Sport und einigen anderen nach Geschlecht getrenn-
dieser Meinung zu sein. Das Phänomen, daß beinahe alle Ar- ten· Tätigkeiten unterbrochen wird. 15
beitsstätten und Versammlungsorte mit zwei verschiedenen Ka- Alles in allem hat man es also nicht so sehr mit einer strik-
tegorien von Toiletten und Waschräumen ausgestattet sind ten Absonderung als vielmehr mit punktuellen Unterbrechun-
(ein Beispiel für parallele Organisation), die sich auch hinsicht- gen im Tagesablauf zu tun. Diese stellen sicher, daß subkultu-
lich ihrer Qualität unterscheiden (ein Beispiel für Trennung reHe Unterschiede trotz der häufigen Kontakte zwischen den
und Ungleichkeit), kam vermutlich aus Rücksicht auf das Ar- Geschlechtern erhalten und wiederhergestellt werden. Anschei-
rangement der Geschlechter im allgemeinen und auf die weibli- nend ist der Kontakt zwischen den Geschlechtern nur dann er-
che Geschlechtsklasse im besonderen zustande. Aus diesem träglich, wenn periodische Fluchtmöglichkeiten bestehen. Es
Grund können Frauen wohl in nahezu allen Produktionsstät- scheint, als sei die Gleichrangigkeit und Gleichheit der Ge-
ten und geschäftlichen Einrichtungen aus ihrer unfreiwilligen schlechter nur eine Maske, die periodisch fallengelassen wird.
Zurschaustellung vor Männern und deren Begleitern ausbre- Und all das geschieht im Namen der Höflichkeit, der Kultiviert-
chen und sich, oftmals in Begleitung einer Freundin, in eine heit, des den Frauen geschuldeten Respekts und des »natürli-
rein weibliche Enklave zurückziehen, um dort einige Zeit auf chen« Bedürfnisses der Männer, unter sich zu sein. Da die öf-
der Toilette zu verbringen; überdies gehen sie vermutlich häufi- fentlichen Plätze im großen und ganzen für Männer bestimmt
ger und bleiben wahrscheinlich länger als Männerauf ihren ei- sind (die große Ausnahme bilden große Kaufhäuser), mußten
genen Toiletten, die ihnen noch zudem angenehmere äußere Be- neue Einrichtungen für Frauen geschaffen werden, zusätzlich
dingungen bieten. Durch nach Geschlechtern getrennte Wasch- zu den bereits vorhandenen. Wie vorauszusehen war, bestand
räume, die es ja häufig gibt, werden die getrennten Bereiche
noch zusätzlich erweitert. Auf diese Weise entwickelt sich also 14 Dies gilt wenigstens in den Vereinigten Staaten (A. d. Ü.).
15 Natürlich hat es in letzter Zeit in den USA öffentliche Proteste gegen die Tren-
eine Art Rhythmus des Zusammenkommens und Wieder-Aus- nung von Einrichtungen und Veranstaltungen nach dem Geschlecht gegeben, bei
einandergehens: Auf eine Phase, in der die Geschlechter sich denen die Feministinnen die Führung übernahmen.

132 133
ein Argument gegen die Anstellung von Frauen darin, daß zu- chung erliegen, die Bedienung wie eine Person zu behandeln,
sätzliche sanitäre Anlagen notwendig wären, die nicht vorhan- die uns auf halb-mütterliche Art und Weise zuhilfe kommt,
den seien. und nicht wie eine Person, die wir gefühllos behandeln wür-
Es ist nun klar: Wenn das Flirten und die Kontrolle des sexu- den, wenn wir ihr untergeordnet oder wenn sie uns untergeord-
ellen Zugangs die Rolle in der Paarbildung spielen sollen, die net wäre. Bei den Dienstleistungen, die eng mit dem Körper
wir oben angedeutet haben, dann scheint auch die Trennung und dem Selbst verbunden sind, haben wir folglich die Mög-
der Toiletteneinrichtungen nach dem Geschlecht gute Gründe lichkeit, die Härte zu mildern, die wir von männlichen Bedie-
zu haben. Und noch klarer ist: Was auf diese Weise abgegrenzt nungen befürchten müßten.
wird, ist etwas Biologisches, das auch die Geschlechtsklassen Vor allem jüngere Frauen aus der Mittelschicht wurden be-
biologisch und deutlich unterscheidet. Aber das Arrangement kanntlich sehr häufig als Büro- oder Schreibkräfte eingesetzt;
dieser Absonderungen als solches kann nicht an die biologi- diese Berufe gelten oft als Sackgasse und werden vorzugsweise
schen Erscheinungen selbst, sondern nur an die landläufigen einer Person übergeben, die sich gut kleidet und keine große
Auffassungen der biologischen Erscheinungen anknüpfen. Es berufliche Karriere erwartet oder anstrebt. Angeblich über-
betrifft zwar die Funktionsweise der je nach Geschlecht unter- brücken Sekretärinnen lediglich Zeit bis zur Heirat, und zwar
schiedlichen Organe, doch nichts an dieser Funktionsweise vorzugsweise an einem Ort, der die Gelegenheit bietet, Män-
würde biologisch eine Absonderung verlangen; dieses Arrange- ner »kennenzulernen«. Jedenfalls ermöglichen die Ge-
ment ist ein rein kulturelles Phänomen. Hier hat man es also schlechts- und Altersunterschiede zwischen Sekretärinnen und
mit einem Fall von institutioneller Reflexivität zu tun: Die Vorgesetzten die Stilisierung eines onkelhaften Verhältnisses.
Trennung der Toiletten wird als natürliche Folge des Unter- Dadurch, daß der Vorgesetzte die Beziehung aus der harten Ge-
schieds zwischen den Geschlechtskategorien hingestellt, ob- schäftswelt hinausverlagert, kann er es sich leisten, von seinen
wohl sie tatsächlich mehr ein Mittel zur Anerkennung, wenn Untergebenen als Vertrauter angesehen zu werden, ohne daß
nicht gar zur Erschaffung dieses Unterschieds ist. er das Gefühl haben muß, durch diesen freundschaftlichen Um-
gang sein Gesicht zu verlieren. Ebenso kann er kleinere Bitten
4. Betrachten wir nun die selektive Arbeitsplatzvergabe. In In- äußern, die über das vertraglich Festgelegte hinausgehen: Darf
dustriegesellschaften neigten die Frauen herkömmlicherweise er doch erwarten, als jemand zu gelten, um dessen Bedürfnisse
zu Berufen - oder es wurden ihnen solche Berufe nahegelegt -, man sich kümmert, wie unterschiedlich diese auch immer aus-
die denselben Grundtenor aufweisen, der sich im Haushalt ein- fallen mögen - ganz wie ein Kind von seiner Mutter umsorgt
gespielt hat: die Bekleidungsindustrie, Heimarbeit, Reinigungs- wird. Im Gegenzug kann er für eine familiäre Atmosphäre sor-
berufe und persönliche Dienstleistungen wie beispielsweise Un- gen, indem er (natürlich nicht wechselseitig) persönliche Anre-
terrichten, gastronomische Berufe, Pflegeberufe oder Tätigkei- den verwendet, indem er jeden einzelnen kleinen Wunsch in
ten, die mit Nahrungsmitteln zu tun haben. 16 In den zuletzt ge- Bitte-und-Danke-Klammern kleidet und indem er sich galant
nannten Bereichen werden wir vermutlich leicht der Versu- zeigt, wenn es um das Öffnen von Türen oder das Umstellen
schwerer Schreibmaschinen geht. Er kann seiner Sekretärin
16 Vgl. Harold L. Wilensky, Women's Work: Economic Growth, Ideology, Struc- auch erlauben, das Telefon für Privatgespräche zu benutzen,
ture, in: Industrial Relations 713 (1968), 244: »Wenn sie tatsächlich weiter in und er kann ihren Wünschen nach bestimmten arbeitsfreien
die Hochschule [graduate school] gehen, neigen sie in der Mehrzahl zu traditio-
nell >weiblichen< Fächern wie Kunst, Krankenpflege, Pädagogik, Sozialarbeit, Zeiten nachkommen, die sie zur Erledigung von Frauen-Ange-
Biochemie, Literatur, Sprachen und Geisteswissenschaften." legenheiten benötigt.

134 135
Auch bei der Auswahl von Bewerberinnen für Berufe, in nen können und beiläufige Aufmerksamkeiten in beiden Rich-
denen Frauen >>in der Öffentlichkeit stehen« - beispielsweise tungen erlauben. Das Prinzip lautet hier: Wenige für viele,
als Fahrkartenverkäuferinnen, Empfangsdamen, Flugbegleite- und infolgedessen entwickelt sich die Welt jenseits des Haus-
rinnen oder Verkäuferinnen - werden die Standardvorstellun- halts zu einem schummrigen Rotlichtviertel, in dem Männer
gen jugendlicher >>Attraktivität« eine Rolle spielen. Noch viel schnell in Interaktionen Erfolge erzielen und in Sicherheit ge-
deutlicher ist natürlich dieses Verfahren bei der Auswahl von nießen können. Es läßt sich beobachten: Je mehr sich ein
Frauen für Werbezwecke und in den Schauspielberufen. Das Mann mit dem spielerischen Umgang mit dem anderen Ge-
hat folgende Konsequenz: Wenn ein Mann geschäftlichen Kon- schlecht zufriedengibt- der zwar systematisch, aber nur peri-
takt zu einer Frau unterhält, dann soll sie - wahrscheinlich odisch und kurz möglich ist -, desto mehr Männer können
noch mehr als sonst - jemand sein, an dessen Gegenwart er ein Exemplar der bevorzugten Kategorie von Frauen teilen. 17
Freude haben kann. Wiederum kann die ihr gegenüber ge- (Tatsächlich ist das herkömmliche Rendezvous nicht nur ein
zeigte und von ihr erwiderte Höflichkeit einen Hauch von se- Mittel, die Geschlechter zu Paaren zusammenzuführen, son-
xuellem Interesse haben. (Je höher ein Mann die Karriereleiter dern auch ein Mittel, um einer großen Anzahl von Männern
im Geschäftsleben, in der Politik oder der Wissenschaft hinauf- für kurze Zeit die Begleitung von beispielhaft vorzeigbaren
gestiegen ist, desto mehr ,, Klasse« wird anscheinend von der Frauen zu ermöglichen.)
Frau erwartet, mit der er regelmäßigen Umgang pflegen muß;
sie gilt als ein Zeichen und Symbol seines Erfolgs.) 5. Vonall den Mitteln, die die Differenzierung entlang der Ge-
Schließlich finden sich an beinahe allen exklusiv für Män- schlechtsklassengrenzen in der modernen Gesellschaft fördern,
ner bestimmten Arbeitsplätzen ein oder zwei Frauen, die mit fällt eines durch seinen besonderen und äußerst starken Ein-
der einen oder anderen Art von Hilfsarbeit beschäftigt sind. fluß auf: Ich meine hier unser Identifikationssystem, das zwei
Offensichtlich gibt es also nur wenige soziale Situationen, in miteinander verbundene Dinge einschließt: erstens die Mittel,
denen Männer nicht die Möglichkeit haben, Frauen die ihrem mithilfe derer wir entdecken, >>wer« in unseren Gesichtskreis
Geschlecht geschuldeten Höflichkeiten zukommen lassen zu gekommen ist, das heißt unsere Verortungspraktiken, und
können. zweitens die Mittel zur Benennung dessen, was wir auf diese
Insgesamt können wir also sagen: Die selektive Arbeits- Weise verortet haben.
platzvergabe stellt sicher, daß die Männer sich wahrscheinlich Ia Hinsicht auf die Verortung ist es klar, daß die äußere Er-
ziemlich häufig in der Gesellschaft von Frauen wiederfinden scheinung, die bei beiden Geschlechtern als angemessen gilt,
werden und daß vermutlich durch die Frauen nicht nur die die Typisierung der Geschlechter schon aus einiger Entfernung
Kontakte persönlicher werden; diese Frauen werden auch ver- ermöglicht. Obwohl dieses Arrangement in letzter Zeit ge-
gleichsweise jünger und attraktiver sein, als eine Zufallsaus- wisse Täuschungspotentiale entwickelt hat, ist es aus jedem
wahl ergeben würde. In diesem Sinne ist die Welt der Männer Winkel und auf fast jede Distanz noch immer erstaunlich er-
eine soziale Konstruktion, die sie täglich aus ihrem ehelichen
Milieu herausholt und in etwas hineinversetzt, das auf den er- 17 Wenn wir schon die besonderen Gründe für die selektive Verteilung von Frauen
sten Blick wie eine reine Männerwelt erscheint; tatsächlich auf dem Arbeitsmarkt ansprechen, sollten wir auch einen parallelen Prozeß er-
sind jedoch diese Männerwelten gezielt mit recht attraktiven wähnen, nämlich die Plazierung hochgewachsener, gepflegter weißer Männer
auf stark exponierten Posten in der Verwaltung oder der Politik, auf denen sie
Frauen durchsetzt, die dort auf eine besondere Art und Weise dann als Repräsentanten von Organisationen gelten und in deren Namen deren
als flüchtige Zielscheiben für sexuell anzügliche Scherze die- besonderer Öffentlichkeit gegenübertreten.

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folgreich, wobei die Sichtweite lediglich die Wahrnehmung durch die Überzeugung gerechtfertigt wird, die daraus entste-
einer Gestalt ermöglichen muß. Dem Erfolg der optischen Ver- henden Diskriminierungen seien nur natürlich - also etwas,
ortung entspricht der Erfolg der akustischen: Im großen und das nicht als Produkt persönlicher oder sozialer Bearbeitung,
ganzen genügt allein die Stimme - wie etwa am Telefon - zur sondern vielmehr als ein natürliches Phänomen gesehen wer-
geschlechtlichen Identifikation. Sogar die Handschrift kann den muß.
dazu dienen, wenn auch vielleicht nicht so eindeutig wie die äu-
ßere Erscheinung oder die Stimme. (Lediglich große Altersun-
terschiede werden ebenso erfolgreich auf jedem der drei Ka-
näle - Handschrift, visuelle Erscheinung und Stimme - ent- VII.
larvt; ethnische Zugehörigkeit wird in Amerika hingegen visu-
ell und im großen und ganzen auch durch die Stimme übermit- Ich habe fünf Beispiele für institutionelle Reflexivität angespro-
telt, sie zeigt sich jedoch nicht in der Handschrift.) chen - fünf Merkmale der sozialen Organisation, die zu einer
Was die Benennung angeht, verfügen wir über ein Zeichensy- Verfestigung unserer Geschlechtsrollenstereotypen und des vor-
stem, das passende Eigennamen, Anredeq und Pronomen um- herrschenden Arrangements der Geschlechter führen: die ge-
faßt. Diese Mittel dienen der Bekundung von Achtung (sei es Re- schlechtsklassenspezifische Arbeitsteilung, Geschwister als So-
spekt, Distanz oder Zuneigung), sie dienen der Bestimmung der- zialisationsagenten, den Umgang mit der Toilette, Aussehen
jenigen Person, an die wir uns wenden oder auf die wir uns und Arbeitsplatzvergabe und unser Identifikationssystem. Ein
unter den Anwesenden beziehen, und sie dienen der Kennzeich- all diesen Beispielen zugrundeliegendes Merkmal waren die
nung in schriftlichen oder mündlichen Äußerungen. Und in den biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Auf
meisten europäischen Sprachen geben diese Benennungsprakti- dieses Thema komme ich nun zurück, insbesondere auf Unter-
ken, von den Pronomina für die zweite Person einmal abgese- schiede hinsichtlich der Größe, der Stärke und der Aggressivi-
hen, wenigstens Auskunft über die Geschlechtsklasse, ja oft ist tät.
dies sogar das einzige, worüber sie Auskunft geben. Mein durchgängiges, nun selbstverständlich gewordenes Ar-
Nun dienen die Praktiken der Verortung und Benennung, gument war, daß die körperlichen Unterschiede zwischen den
wenn man sie als ein einziges System behandelt, zur Bestim- Geschlechtern als solche keine große Bedeutung für die
mung derjenigen, mit denen wir Umgang haben, und sie er- menschlichen Fähigkeiten haben, die wir zur Bewältigung der
möglichen so erst die Fortsetzung dieses Umgangs; beide Grup- meisten Aufgaben benötigen. Dann aber lautet die interessante
pen von Praktiken bestärken in hohem Maße die Kategorisie- Frage: Wie konnten in der modernen Gesellschaft derartig irre-
rung entlang der Linie der Geschlechtsklassen. Schon vom An- levante biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern
beginn einer Interaktion gibt es also eine Tendenz dazu, Dinge eine anscheinend ganz enorme soziale Bedeutung gewinnen?
in geschlechtsbezogenen Begriffen zu formulieren; auf diese Wie wurden diese biologischen Unterschiede, ohne biologische
Weise stellt die Geschlechtsklasse ein Gesamtprofil oder einen Notwendigkeit, sozial erweitert? Und wiederum wird meme
Behälter zur Verfügung, auf das die unterscheidenden Merk- Antwort auf institutionelle Reflexivität hinauslaufen.
male zurückgeführt oder in den sie hineingeleert werden kön-
nen. Die Neigung dazu ist beileibe nicht schwach entwickelt. 1. Würde jede zwischenmenschliche Begegnung die Gelegen-
Und sie wird, wie wir hinzufügen müssen, noch dadurch ver- heit zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung bieten,
stärkt, daß dieses Identifikations-Benennungs-System meist dann hätten die biologischen Unterschiede zwischen den Ge-

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schlechtsklassen zweifellos einige Bedeutung, denn in solchen wird angenommen, daß sich feste Beziehungen aus den ag-
Auseinandersetzungen müßte sich der Schwächere bei dem gressiven Eröffnungshandlungen der Männer heraus entwik-
Versuch zu siegen entweder völlig verausgaben oder aber in keln, aus dem Einreißen von Grenzen und Schranken, aus
Sicherheit bringen, wobei in gemischtgeschlechtlichen Kontak- der Verfolgung eines Ziels, aus dem Beharren auf dem eige-
ten >>der<< Schwächere meistens eine »sie<< wäre. Im Erwachse- nen Interesse. (In der Tat steuert die Literatur eine beachtens-
nenalter sind solche Prüfungen größtenteils ausgeschlossen. werte Variante bei, in der diese Vorstellungen sozusagen my-
Aber die Phantasie speist sich noch aus dieser Quelle. Unter thisch verdichtet sind: Sie wird durch Hände symbolisiert,
jungen Männern - und nur unter ihnen - sind, wenn auch die anfangs erfolglos versuchen, einen Vergewaltiger abzu-
nur rudimentär, Training und Anwendung von Box- und wehren und am Ende einen Liebhaber liebkosen. Anschei-
Ringtechniken weit verbreitet. Anstatt sich aber bei der Gele- nend versuchen einige echte Vergewaltiger, wenn auch erfolg-
genheit körperlicher Herausforderung zu überschlagen, ler- los, diese Phantasie zu verwirklichen. 18 ) Offensichtlich ist die
nen Männer, sich gewissermaßen aufeinander abzustimmen. Situation des draufgängerischen Hofmachens, in der angeb-
Jedenfalls liegt hierin eine wesentliche Quelle der Metapher lich der wahre Charakter der männlichen Animalität zum
des Duells oder des Niederschlagens. Selbst Männer der Mit- Vorschein kommt, eine der wenigen Situationen, in der auf
telschiebt sind stets bereit, sich (zur Verteidigung des Selbst) die Geschlechtsunterschiede bezogene Mythen verwirklicht
körperlich zur Wehr zu setzen oder jemand anderen anzugrei- werden können. Grundlegende soziale Tatsachen werden
fen (um geliebte Personen, Eigentum oder Prinzipien zu vertei- also weniger in diesen Bereich hineingetragen als vielmehr
digen). Zumindest unter Männern der Mittelschicht kommt aus ihm herausgezogen.
es selten zum konkreten Kampf, aber sie taxieren Situationen
hinsichtlich dieser Möglichkeit. Bevor ein Mann offen aggres- 2. Wenden wir uns nun dem Dimorphismus sozialer Situatio-
siv wird, schätzt er also die möglichen Folgen daraufhin ab, nen zu. Da Männer größer und stärker als Frauen sind, kön-
ob die Sache »endgültig aus der Welt geschafft werden<< und nen sie, falls ihnen danach ist, den Frauen in bestimmten Situa-
er mit dem anderen »fertig werden<< kann. (Natürlich wird er tionen zu Hilfe kommen, beispielsweise wenn es um das Tra-
sich auch überlegen, ob er eine »Szene<< macht und den damit gen schwerer oder das Erreichen außerhalb der Reichweite be-
verbundenen schlechten Ruf, den Ärger mit der Polizei und findlicher Gegenstände geht. Aus denselben Gründen können
dem Gericht, die kosmetischen Entstellungen usw. in Kauf Mätmer anwesende Frauen körperlich bedrohen oder ihnen,
nimmt). Dieses Austaxieren und Einschätzen der Lage führt sollten andere sie bedrohen, zu Hilfe eilen. Alle diese Fälle bie-
zu großer Behutsamkeit und Vorsicht; deshalb entsteht auch ten Männern die Gelegenheit, aktiv zu werden, und sie bieten
oft der täuschende äußere Eindruck, als sei die Möglichkeit Frauen die Gelegenheit, ihnen dafür Anerkennung zu zollen,
eines Kampfes grundsätzlich ausgeschlossen. Tatsächlich aber wenn nicht sogar Dankbarkeit zu erweisen. Dabei ist zu beach-
können wir nicht sagen, das Modell des Kampfes diene nicht ten, wie diese sozialen Praktiken es Männern und Frauen er-
mehr als ein leitendes Muster; vielmehr erfüllt es seine Dien- möglichen, diese Bestätigungen ihres sozialen Geschlechts zu
ste sehr gut. mszemeren.
Wie der Kampf den Umgangsstil zwischen Männern prägt Bekanntlich werden Männer von Kindheit an darin ge-
und ihre Vorstellungen davon leitet, so finden wir auch im schult, außerhäusliche Tätigkeiten zu verrichten, sie erwer-
Umgang der verschiedenen Geschlechter miteinander ein
Bild der sexuellen Bürde oder des sexuellen Zwangs. Es 18 Vgl. Russell [Fußnote 12].

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ben mechanische, elektrische, kraftfahrtechnische und son- dete Paarformationen sind wahrscheinlich so zusammenge-
stige Kompetenzen. Oft werden ihnen auch einige grundle- setzt, daß einmal mehr der Mann in der Lage ist, sich in den
gende Kenntnisse in den Kampfsportarten vermittelt. Män- Mittelpunkt zu stellen, ohne durch die Gegenwart einer kör-
ner gehen ebenso selbstverständlich mit diesen Vorteilen perlich möglicherweise dafür besser ausgestatteten Frau in Ver-
in soziale Situationen hinein wie Frauen ohne sie hinge- legenheit zu kommen. Der übliche Altersunterschied zwischen
hen. den sich paarenden Geschlechtern stellt außerdem sicher, daß
Sowohl der Größenunterschied wie auch der Unterschied in der Mann im großen und ganzen erfahrener und begüterter ist
der Körperkraft hat eine soziale Dimension. Obwohl Männer als die Frau, 'was wiederum seiner Darstellung von Überlegen-
insgesamt größer und stärker als Frauen sind, weisen die gra- heit zugute kommt, die er in sozialen Situationen an den Tag
phischen Kurven der normalen Verteilung eine beträchtliche legt.
Zone der Überschneidung zwischen beiden Geschlechtern auf. Zusammengefaßt untermauert die frühe Erziehung das, was
Würde man die herrschenden Konventionen umkehren und durch die selektive Wahl nach Alters- und Größenunterschie-
entsprechende Maßnahmen ergreifen, dann könnten bei sehr den verstärkt wird, nämlich soziale Situationen, in denen sich
vielen Paaren die Männer kleiner als oder genauso groß wie Frauen und Männer ihre angeblich unterschiedliche »Natur«
ihre weiblichen Partnerinnen sein. Doch tatsächlich stellt die gegenseitig wirkungsvoll vorexerzieren können. So kann der
gängige selektive Paarbildung sicher, daß Ehemänner und Eindruck aufrecht erhalten werden, daß alle Frauen in jederlei
Freunde fast ohne Ausnahme größer als ihre Frauen und Hinsicht weniger Muskeln als Männer entwickeln. Diese Zwei-
Freundinnen sind. (Hier haben wir es mit einem Paradebei- teilung entspricht nicht den biologischen Tatsachen, denn tat-
spiel einer Norm zu tun, die ohne offizielle oder spezifische sächlich setzt sich die körperliche Leistungsfähigkeit aus ver-
Sanktionen eingehalten wird, wobei unbestimmbare, unzu- schiedenen Komponenten zusammen, die nur sehr lose mitein-
gängliche Rahmenbedingungen anscheinend verhindern, daß ander in Verbindung stehen; dabei kann keine saubere Trennli-
es zu völliger Konformität kommt.) Da nun unsere westliche nie zwischen den beiden Geschlechtsklassen gezogen werden.
Gesellschaft zum allergrößten Teil in Gestalt von Paaren orga- Und doch müssen schwächliche Männer und vor allem kräf-
nisiert ist in dem Sinn, daß sich die beiden Teile der Paare häu-' tige Frauen aufgrund der geschlechtsklassenspezifischen Ver-
fig in gegenseitiger Anwesenheit befinden (am meisten natür- haltensmuster mit jederzeit möglichen Angriffen rechnen, die
lich in der Freizeit und in der häuslichen Sphäre), gibt es viele alldn mit ihrer Geschlechtsklasse und nicht mit ihrer Statur in
Situationen, in denen Männer demonstrieren können, daß sie Zusammenhang stehen.
Frauen körperliche Hilfe leisten oder sie körperlich bedrohen.
Das Band der Ehe - was immer es sonst noch sein mag - kann 3. Wettkampfsport und Spiele machen in unserer Gesellschaft
als etwas gesehen werden, das einen Zuschauer mehr oder we- einen wichtigen Aspekt im Leben von Kindern, besonders von
niger ständig direkt an einen Darsteller bindet. So ist sicherge- Jungen, aus. Dieses organisierte Wetteifern wird von den Er-
stellt, daß, wohin auch immer der Mann oder die Frau geht, wachsenen als etwas Wünschenswertes hingestellt. In diesem
ein passendes Gegenstück dabei ist, um die Inszenierung der Bereich können die jungen Leute ihre animalischen Kräfte ab-
Geschlechtsrollendarstellung zu erwidern. Die Paarbildung er- reagieren, hier können sie Fairneß, Ausdauer und Teamgeist
zeugt ein wechselseitiges aneinander gebundenes Publikum. lernen, hier bekommen sie Bewegung und hier entwickeln sie
Und das gilt keineswegs nur für Ehe- oder Liebespaare. Selbst den Willen, auch gegen Widerstände um den Sieg zu kämpfen:
vorübergehende, nur zu bestimmten sozialen Anlässen gebil- Dieser Bereich ist, kurz gesagt, ein Übungsplatz für das Spiel

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des Lebens. (Werden Jungen in das Kämpfen eingewiesen, zwischen Mann und Frau geltend gemacht. Damit aber diese
wird der Unterricht im Rahmen eines fairen Wettkampfs ablau- Unterschiede überhaupt eine Rolle spielen können, müssen sie
fen, bei dem Regeln und Schiedsrichter dafür sorgen, daß durch die eben erwähnten Vorkehrungen herausgehoben wor-
nichts außer Kontrolle gerät.) Wir könnten diesen Rahmen des den sein. Im heutigen bürgerlichen Leben verlangen aber nur
Wettkampfs genausogut aber als den einzig gangbaren Weg an- sehr wenige Berufe solche über das Gewöhnliche hinausge-
sehen, um die Welt auf eine Weise aufzubauen, daß sie so er- hende zusätzliche Anstrengungen, solche ständigen Überforde-
scheint, wie wir es meinen. Der Sport, so könnten wir behaup- rungen der physischen Kapazitäten. Und doch sind es gerade
ten, ist nicht nur eine unter vielen Ausdrucksformen unserer die Unterschiede in der Fähigkeit zu zusätzlichen Anstrengun-
menschlichen (und besonders der männlichen) »Natur«, son- gen zwischen den Starken und den Schwachen, den Robusten
dern vielmehr die einzige Ausdrucksform der männlichen »Na- und den Zierlichen, den Großen und den Kleinen, die in un-
tur<< - ein Arrangement, das speziell dazu geschaffen wurde, sere Vorstellungen des Zusammenhangs zwischen Arbeit und
Männern die Demonstration von Eigenschaften zu ermögli- Geschlecht eingehen.
chen, die als für sie charakteristisch gelten: Stärken verschiede-
ner Art, Widerstandskraft, Ausdauer und dergleichen mehr. In- 4. Desweiteren müssen wir das spielerische Verhalten untersu-
folge dieses frühen sportlichen Trainings verfügen Individuen chen. Fälle der Androhung und Anwendung körperlichen
ihr ganzes Leben hindurch über einen Rahmen zur Einschät- Zwangs werden in vielen sozialen Kreisen wirklich sehr selten
zung von Arrangements und der entsprechenden Reaktionen, vorkommen. Weil aber solche soziale Umgehungen die Insze-
ein Bezugssystem, das Beweise, vielleicht sogar den Beweis nierung des sozialen Geschlechts nicht gerade fördern, kann es
dafür liefert, daß wir eine bestimmte >>Natur<< haben. Der Zu- nötig werden, zu diesem Zweck auf den Bereich des Sports aus-
schauersport der Erwachsenen, ob >>live<< und medial vermit- zuweichen. Dieser Mangel kann aber auch durch improvisier-
telt, sorgt für die fortwährende Erinnerung an diese Wettbe- tes spielerisches Verhalten ausgeglichen werden, das reichlich
werbseinstellung. Gelegenheit zu vorgespielter körperlicher Überlegenheit bietet.
Eine wichtige Bemerkung muß noch zu Wettkämpfen ge- So sind unter Männern verschiedene Formen von Grobheiten
macht werden. Fairneß entsteht nicht allein durch das Befol- gängig - wie Schubsen, Stoßen, Boxen, Festhalten -, aber auch
gen von Spielregeln, sondern verlangt ferner die Auswahl eben- Schein-Wettkämpfe, wie etwa Ringen, spontane Wettrennen,
bürtiger Gegner oder die Einrichtung eines Handicaps für über- Wettkämpfe im Armdrücken und dergleichen mehr. Auch im
legene Gegner. Nur so ist ein unvorhersagbarer und daher Umgang über die Geschlechtergrenzen hinweg können Män-
spannender Ausgang garantiert. Um aber die biologischen Un- ner Frauen bei Umarmungen einfach hochheben, spielerisch
terschiede richtig verstehen zu können, müssen wir folgendes verfolgen, gewaltsam in einer bestimmten Position festhalten;
beachten: Selbst in der so bunt zusammengewürfelten Welt des sie können ihre zwei kleinen Handgelenke mit einer großen
Sports kann nur eine sehr sorgfältige Auswahl der Gegner die Hand packen, ein Boot zum Spaß schaukeln lassen, jemanden
Bedingungen schaffen, unter denen zusätzliche Anstrengungen ins Wasser tunken, werfen oder schubsen, mit Wasser besprit-
den Ausschlag geben, das heißt, unter denen das Äußerste an zen, scheinbar von einer Klippe stoßen wollen, mit kleinen
körperlicher Technik, Ausdauer und Kraft zum Sieg erforder- Steinehen bewerfen, sich an jemanden mit Schlangen, toten
lich ist. Im Sport gibt es aber auch Situationen, in denen das Ratten, Tintenfischen oder anderen ekelerregenden Objekten
Gewicht, die Reichweite oder die Größe entscheidend sind. heranschleichen, mit elektrischen Schocks von einer Stärke,
Hier nun wurden die bestehenden biologischen Unterschiede die sie selbst aushalten können, bedrohen und sich noch an-

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dere Späße erlauben. 19 Dadurch, daß die Männer gerade dieje- sondern in einer Umwelt, die speziell für den Zweck eingerichtet
nigen Bedrohungen und Qualen zum Spaß vorführen, vor wurde, sie gewissermaßen heraufzubeschwören. Beachten wir
denen sie Frauen im Ernstfall beschützen könnten, ermutigen also, daß Individuen nicht erst abwarten müssen, bis die Umwelt
sie die Frauen dazu, die Notlage lauthals zu verkünden, wozu diejenigen Umstände hervorbringt, auf die die Zurschaustellung
ihr Geschlecht allem Anschein nach neigt. Und natürlich kann eines Genderismus die passende Reaktion ist. Individuen kön-
auch die Frau selbst jene spielerischen Rahmenbedingungen nen einem Muster folgen, durch das die Umwelt automatisch so
schaffen, die ihr die Zurschaustellung ihres sozialen Ge- umgeformt wird, daß sie eine solche Zurschaustellung auslöst
schlechts ermöglichen: etwa wenn sie den Mann, der sie fest- und gleichzeitig brauchbare Mittel zur rituellen Bewältigung zur
hält, so mit den Fäusten bearbeitet, als habe sie schon längst Verfügung stellt. Wir denken hier sogleich an einen ritterlichen
jede Hoffnung darauf aufgegeben, dem Riesen, der sie in der Mann, der einer- nur bekannten oder unbekannten- Frau dabei
Hand hat, entrinnen zu können; wenn sie sich die Augen vor hilft, eine schwere, schmutzige oder gefährlich gelagerte Ladung
den schrecklichen Dingen zuhält, die auf der Leinwand gezeigt zu befördern; folglich ist er für uns jemand, der einem bei Schwie-
werden, während er lachend hinsieht; wenn sie sich kreischend rigkeiten prinzipiell fürsorglich zur Seite steht. In der Tat aber
vom äußerst spannenden Endkampf des Pferderennes abwen- kann ein Mann, der auf diese Art von Ritterlichkeit erpicht ist,
det; wenn sie mit gesenktem Kopf und aus gespieltem Entset- absichtlich nach einer Kulisse suchen, in der einer Frau die
zen über den Gegenverkehr, mit wild herumfuchtelnden schwersten, schmutzigsten oder gefährlichsten Dinge zustoßen
Armen über die Straße rennt; wenn sie erfolglos und unter können, um ihr bei dem, was dann passiert, seine Hilfe anzubie-
scheinbarer Aufbietung all ihrer Kräfte versucht, ein Einmach- ten. Sein Beistand wird daraufhin wahrscheinlich durch ihre
glas zu öffnen; wenn sie größte Angst andeutet, wenn das Tele- Dankbarkeit für seine Aufmerksamkeit ihr gegenüber entschä-
phon klingelt und einen unangenehmen Anruf meldet; wenn digt. Selbstverständlich gibt es in jeder sozialen Situation, in der
sie gestikulierend zu verstehen gibt, daß der Weg zum Wasser Frauen (oder wer auch immer) vorkommen, eine schwerste,
über die Steine ihre empfindlichen Füße zugrunde richtet; oder schmutzigste und gefährlichste Angelegenheit, auch wenn es
wenn die Kälte sie so schaudern macht wie >die kleine Eliza sich, im Vergleich zu den üblichen Standards anderer Schau-
auf der Eisscholle<.2o plätze, um leichte, saubere und ungefährliche Dinge handeln
mag. (Hier besteht eine Symmetrie: Auch eine Frau kann näm-
5. Ich habe behauptet, daß Genderismen nicht durch die Kon- lich .verschiedene Kulissen aufsuchen, die einerseits irgend etwas
frontation mit einer unerbittlichen Außenwelt an sich entstehen, beinhalten, das es ihr ermöglicht, Zeichen der Schwäche, Angst
oder technischen Unwissenheit von sich zu geben, oder die - an-
dererseits- ihre Befähigung herausstellen, mindere Hausfrauen-
19 In ländlichen Gebieten bot früher der »Square Dance« den Männern eine
hübsch geordnete Gelegenheit, ihre Partnerinnen hochzuheben, was diese mit arbeiten verrichten zu können.)
lustvollen Angstschreien zu begleiten pflegten, und all dies vor den Augen der
ganzen Gemeinde. Kinder sind natürlich noch häufiger Opfer spielerischer Attak- 6. Ich habe festgestellt, daß jede physische Umgebung, jeder
ken, sie werden in die Luft geworfen und wieder aufgefangen, an den Händen ge-
schaukelt und so weiter. Außerdem gibt es besondere Spielumgehungen wie Raum und jedes Gehäuse einer sozialen Zusammenkunft unver-
etwa Schwimmbäder, Heuschober und ähnliches, die eine ganze Palette ausgelas- meidlich Mittel bereitstellt, die zur Darstellung des sozialen Ge-
sener Spiele erlauben, was auch eine ihrer Funktionen ist. schlechts und zur Bestätigung der Geschlechtsidentität benutzt
20 Goffman spielt hier auf eine Szene aus >>Onkel Toms Hürte« von Harriett Bee-
cher-Stowe an, in der Eliza und ihr Sohn Harry ihren Verfolgern entkommen, werden können. Natürlich kann aber auch die soziale Interak-
indem sie sich auf Eisschollen über den Ohiofluß retten (A. d. Ü.). tion, die an diesen Orten stattfindet, als Lieferant dieser Mittel

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angesehen werden. In jeder Zusammenkunft müssen die Teilneh- ihr ausdrücklich herausgeholt werden kann, eine der grundle-
menden eine Art mikroökologische, voneinander abhängige Po- gendsten Dinge. Dieses Fähigkeit wiederum hängt vom jeweils
sition einnehmen, und diese Positionen liefern sowohl unmittel- kulturspezifischen Ausdruckstil ab, der sich aus verschiedenen
bare Metaphern für soziale Unterschiede und Ähnlichkeiten als Quellen speist: etwa - in der westlichen Kultur - aus der Ein-
auch Hilfszeichen zur Übermittlung des relativen Status. übung in die idealen expressiven Welten des Spiels und des
Noch wichtiger ist aber, daß die Organisation des Sprechens Wettbewerbs, aus Bildern aus der Tierwelt, aus Restbeständen
selbst eine Fülle von Ereignissen hervorbringt, die als Zeichen der militärischen Ausbildung usw. Folglich sind Männer und
benutzt werden können. Wer gerät in die unmittelbare Reich- Frauen in der Lage, jede laufende soziale Aktivität nach den
weite eines anderen oder begibt sich selbst hinein? Wer eröff- Mitteln abzusuchen, die der Darstellung des sozialen Ge-
net ein Gespräch? Wer ist der ausgewählte Adressat? Wer setzt schlechts dienlich sind. Und natürlich tragen diese Mittel ent-
sich als nächster Sprecher beim Redezugwechsel durch? Wer scheidend zur Organisation bei: Es geht hier, wie bereits ange-
bringt die Themen auf und wechselt sie? Wessen Aussagen wer- deutet, um die Frage, wer die Entscheidungen hinsichtlich
den beachtet und für wichtig befunden? - und so weiter. Was einer Vielzahl kleinerer Aufgaben fällt, die zusammengesetzt
für die sprachliche Interaktion gilt, trifft auch auf die gemein- einen reibungslosen gemeinsamen Handlungsablauf ermögli-
same Beteiligung an stillen Tätigkeiten zu, wie etwa gemeinsa- chen. Einige dieser organisatorischen Aufgaben müßten gar
mes Spazierengehen, Gegenstände arrangieren und ähnliches. nicht bewältigt werden; viele könnten durch den Bezug auf an-
Aus organisatorischen Gründen ist es nämlich auch hier erfor- dere Statuskategorien gelöst werden. Doch da diese Aufgaben
derlich, daß jemand die Entscheidungen fällt und die Handlun- heutzutage faktisch unter Bezugnahme auf die Geschlechtsklas-
gen koordiniert. Und wiederum hat jemand die offensichtlich sen bewältigt werden und da verschiedene institutionelle Prak-
unvermeidbare Gelegenheit, dominant aufzutreten, auch wenn tiken die gemeinsame Gegenwart von Männern und Frauen ga-
es sich nur um triviale Dinge handelt. rantieren, stellt sich die Frage, ob diese Rituale als ein Mittel
Ein Interaktionsfeld stellt also beträchtliche expressive Mit- zur Verfestigung der Sozialstruktur angesehen werden sollen
tel zur Verfügung, und auf dieses Feld richten sich natürlich oder ob die Bedeutung der Sozialstruktur darin gesehen wer-
auch die Erziehung und die Glaubensvorstellungen der Beteilig- den soll, daß sie, wenigstens in ihren bedeutendsten Aspekten,
ten. Genau hier, in der Organisation der unmittelbaren Interak- einen Rahmen für expressive Darstellungen abgibt, der bei der
tion, kommen die Geschlechtsklassen spürbar zum Vorschein, Organisation sozialer Situationen behilflich ist. (Was nicht hei-
denn hier können die Auffassungen über geschlechtsklassenge- ßen soll, daß die Sozialstruktur lediglich ein fiktives Konstrukt
bundene Dominanz als ein Mittel zur Entscheidung darüber oder nur insofern wirklich ist, als sie das beeinflußt, was in un-
eingesetzt werden, wer entscheiden darf, wer führt und wer mittelbaren Interaktionen geschieht.)
folgt. Einmal mehr bieten diese Szenerien weniger die Möglich-
keit zum Ausdruck natürlicher Unterschiede, als vielmehr zur
Erzeugung dieses Unterschieds als solchem.
Ich möchte behaupten, daß die Fähigkeit, soziale Situatio- VIII.
nen auf Dinge hin zu untersuchen, die zwangsläufig in ihnen
auftreten, von beträchtlicher Bedeutung ist. In der Sozialisa- Ich habe behauptet, daß Frauen eine benachteiligte Gruppe be-
tion von Jungen und Mädchen ist das Erlernen dieser Fähig- sonderer Art darstellen, da unter allen benachteiligten Gruppen
keit, eine Situation im Hinblick auf das zu betrachten, was aus allein sie - von Kindern einmal abgesehen - idealisiert werden,

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und zwar in der westlichen Gesellschaft - als reine, zarte und Frauen, die fähig und bereit dazu sind, die ihnen zukommenden
wertvolle Objekte, als Spenderinnen und Empfängerinnen von Gunstzuweisungen zu opfern und gegen die Anerkennung im Ar-
Liebe und Zuwendung, wobei dieses Spenden und Empfangen ja beitsleben einzutauschen, werden bemerken, daß sie den Unwäg-
in gewisser Weise als ihre Aufgabe angesehen wird. Weiterhin barkeitendes Arbeitsplatzes ganz anders ausgesetzt sind als Män-
bin ich auf einen bestimmten Typus institutioneller Reflexivität ner. Dieser Unterschied grenzt aber zumindest die Mittelschichts-
näher eingegangen. Damit meine ich, daß tief verankerte institu- frauen weiterhin aus, da sie ja im Wesentlichen einem arbeits-
tionelle Praktiken so auf soziale Situationen wirken, daß diese marktfernen privaten Bereich angehören.
sich in Kulissen zur Darstellung von Genderismen beider Ge- Diese Ausgrenzung selbst ist jedoch von besonderer Art. Wie
schlechter [sexes] verwandeln. Viele dieser Aufführungen neh- gesagt, sichert ja die soziale Organisation, daß Männer und
men dabei eine rituelle Form an, welche die Glaubensvorstellun- Frauen sich in einer gemeinsamen Gegenwart begegnen. Frauen
gen über die unterschiedlichen »Naturen« der beiden Geschlech- sind eine benachteiligte Gruppe, die zumindest in der modernen
ter bekräftigt und dabei zugleich Hinweise dafür liefert, wie das Gesellschaft nicht in schlechten Wohnvierteln oder Kasernen am
Verhalten der zwei unterschiedlichen Geschlechter so verzahnt Stadtrand versteckt wird. Folglich wird dem Unterschied zwi-
werden kann, daß sie sich vermischen können. Wenden wir uns schen den Geschlechtsklassen sehr wahrscheinlich ein ritueller
nun der Politik dieser Rituale zu. Ausdruck verliehen werden.
Zuerst ist festzuhalten, daß sich die traditionellen Idealbilder Verteidiger dieses herkömmlichen Arrangements können
von Weiblichkeit und Männlichkeit insofern ähneln, als die Vor- somit den hohen Wert, der der Weiblichkeit verliehen wird, als
stellungen über das jeweils andere Geschlecht von beiden Ge- Ausgleich und Entschädigung für den wesentlichen Beitrag anse-
schlechtern unterstützt werden. Zugleich ergänzen sie einander hen, den Frauen in der häuslichen Sphäre aufbringen müssen,
darin, daß sich das Idealbild der Frau von dem des Mannes unter- und für ihre untergeordnete Stellung in oder sogar ihren Aus-
scheidet und dennoch beide zusammenpassen. Schwäche paßt schluß aus der Öffentlichkeit. Und die besonderen Höflichkeiten
zu Stärke, Sanftheit zu Strenge, fragloses Befolgen zu Zielstrebig- gegenüber Frauen können als Wiedergutmachung für die reser-
keit, technisches Unwissen zu technischer Kompetenz, Empfind- vierte Rolle verstanden werden, zu der sie verpflichtet sind, wäh-
lichkeit gegen Versehrnutzung zu Unempfindlichkeit gegen Ver- rend ihnen die Höflichkeiten zuteil werden. Was an der Situation
schmutzung und so weiter. Es zeigt sich also, daß eine Frau dem von Frauen als gut angesehen werden kann, scheint immer auch
Idealbild der Weiblichkeit nur entsprechen kann, wenn sie sich das •ZU bemänteln, was man für schlecht halten könnte. Jede
von den Unbilden, vom Schmutz und von den Konkurrenzkämp- Gunst, die die Gesellschaft den Frauen erweist, kann somit als
fen in der Welt außerhalb des Haushalts fernhält. Auf diese ein zweifelhafter Segen angesehen werden.
Weise haben diese Idealbilder eine politische Wirkung, indem sie
nämlich den männlichen Personen die Hälfte der Konkurrenz im
Wettstreit ersparen, die ihnen andernfalls das Leben schwer ma-
chen könnte. (Eine ähnliche Wirkung kann der Klassifizierung IX.
nach Altersklassen und der verspäteten Einschulung zugeschrie-
ben werden.) Das heißt natürlich nicht, daß eine Frau nicht die Sicherlich trifft die Behauptung zu, daß unsere Gesellschaft se-
Fähigkeit hat, ihre Verehrer untereinander um ihre Hand wettei- xistisch ist- so wie diese Behauptung für Gesellschaften im all-
fern zu lassen, sondern nur, daß dieses weibliche Können- wie gemeinen gilt. Ein beträchtlicher Teil dessen, was männliche
sie ja selbst - vom Hauptschauplatz verbannt ist. Sogar jene Personen tun, um ihre Identität zu bestätigen, muß etwas sein,

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zu dem Frauen allem Anschein nach aufgrund ihrer »Natur« Nun gehört es zu den wesentlichen Merkmalen des öffentli-
nicht oder wenigstens nicht richtig in der Lage sind; und das chen Lebens - vor allem wenn einander unbekannte Indivi-
gilt umgekehrt auch für weibliche Personen. Zudem werden ei- duen aufeinander treffen-, daß die Neigung, die unmittelbare
nige dieser individuellen Handlungen in Anwesenheit des ande- Verletzbarkeit anderer auszunutzen, unterdrückt, wenn nicht
ren Geschlechts ausgeführt. Diese Konstellation wird durch sogar verdrängt wird. Dem Alltagsverständnis zufolge können
verschiedene institutionelle Praktiken gefördert, und sie ermög- sich Personen tatsächlich körperlich nahe sein und dennoch
licht eine dialogische Darstellung der Identitäten. Die rituellen gleichzeitig keinerlei Interesse aneinander bekunden, so daß
Äußerungen der einen Partei erhalten rituelle Antworten der z.B. noch nicht einmal die sozialen Merkmale des Gegenübers
anderen, und beide Darstellungen sind notwendig, damit die wertend eingeschätzt werden. Der Inbegriff dieses Arrange-
menschliche »Natur« der beteiligten Individuen ihren vollstän- ments ist die >>höfliche Unaufmerksamkeit« unter einander Un-
digen Ausdruck finden kann. Aber nicht genug damit, daß bekannten; ein Vorgang, bei dem man einander kurz anblickt,
weibliche Personen sich - >>natürlich« - in einer ergänzenden um auszudrücken, daß man weder böse Absichten hat noch
Position zu männlichen Personen befinden; für die Frauen be- vom anderen erwartet und dann den Blick wieder abwendet
deutet diese Position auch Verletztlichkeit und - in den Augen mit einem Gefühl, das eine Mischung aus Vertrauen, Rück-
einiger - Unterdrückung. Betrachten wir unter diesem Aspekt sichtnahme und scheinbarer Sorglosigkeit ist.
und zur Veranschaulichung das öffentliche Leben. Diese Anordnung, bei der ein Individuum keinerlei Schwie-
Wo auch immer ein Individuum sich befindet und wohin rigkeiten macht, sich keinen Schwierigkeiten aussetzt und bei
auch immer es geht, es muß seinen Körper dabeihaben. Das be- der beide Erwartungen in hohem Maße begründet scheinen,
deutet, daß auch die Verletzungen, die Körper anderen zufü- wird erfahrungsgemäß durch die Instrumente der sozialen
gen oder selbst erleiden können, als immer aktuelle Möglich- Kontrolle abgesichert. Eines dieser Instrumente ist das Gesetz
keit Teil jeder Situation sind. Bei den erlittenen Verletzungen (wenigstens pflegte man das zu glauben), ein anderes ist die
lassen sich zwei Arten nach ihrem Ursprung unterscheiden. Er- Mißbilligung und die moralische Verurteilung durch Zeugen
stens unpersönliche Gefährdungen, die dem Schauplatz zuge- der Handlung - die faktisch der Androhung einer Verleum-
schrieben werden und nicht als speziell auf das Opfer gerichtet dung gleichkommt. Wenn Männer von Männern (oder Frauen
verstanden werden: physische Gefahren wie Feuer, fallende Ge- von anderen Frauen) angegriffen werden, kann es auch zu kör-
genstände, zufällige Zusammenstöße usw.; medizinische Ge- perlichen oder sprachlichen Gegenangriffen kommen; somit
fahren wie Ansteckungen, Vergiftungen usw.; Verunreinigun- besteht die Gefahr, im Gegenzug das einstecken zu müssen,
gen des Körpers durch Gestank und Schmutz. Die Gefährdun- was bis dahin zurückgehalten worden war, und dabei gleich-
gen der zweiten Art, die uns hier mehr interessieren, sind so- viel oder gar mehr einstecken zu müssen, als man selbst ausge-
ziale Gefährdungen, die als Folge einer böswilligen Absicht ver- teilt hatte.
standen werden. Hierzu gehören vor allem körperliche Attak- Es ist natürlich bekannt, daß sich die üblichen Standards an
ken, Raub, sexuelle Belästigung, Entführung, Nötigung, Bruch sozialer Kontrolle in der Öffentlichkeit leicht als unzureichend
konversationeHer Rechte, sprachliche Beleidigung in bereits herausstellen können; und selbst wenn das nicht der Fall ist,
laufenden Gesprächen und Aufdringlichkeit. In wessen Gegen- können Individuen natürlich zur Auffassung gelangen, daß
wart sich ein Individuum auch immer befinden mag, es kann dem so sei. Infolgedessen fühlen sie sich in der Öffentlichkeit
diese anderen hinsichtlich dieser sozialen Gefährdungen verlet- unsicher. Ich möchte mich nun der besonderen Situation von
zen und in gleicher Weise von den anderen verletzt werden. Frauen unter diesen Umständen zuwenden.

152 153
Wie gesagt, werden Frauen nicht im Kämpfen unterwiesen. Da gibt es den Verlust des Lebens, dem bei beiden Geschlech-
Vielmehr werden sie zum Einsatz ziemlich passiver Mittel er- tern, außer vielleicht in Kriegszeiten, der gleiche Wert zugemes-
mutigt, um Kämpfen aus dem Weg zu gehen oder um sich aus sen wird. Da gibt es die Verletzung des Körpers, was vermut-
bereits begonnenen Kämpfen zu retten. Im Falle eines Angriffs lich ebenfalls beide gleichermaßen trifft, abgesehen davon,
sind Frauen deshalb im Vergleich zu angegriffenen Männern daß körperliche Entstellungen für Frauen vielleicht bedenkli-
weniger wehrhaft und so werden sie auch eingeschätzt. (Ver- chere Folgen haben als für Männer. (Wichtiger ist vielleicht,
mutlich können wir auch sagen, daß Männer Angst davor daß Leib und Leben, denen allerhöchster Wert zugeschrieben
haben müssen, als Feigling bloßgestellt zu werden, und daß wird, auch zu einem erzwungenen Austausch herhalten kön-
Frauen dies nicht zu befürchten haben.) Offenbar sind Frauen nen, wie in >>Geld oder Leben«.) Da gibt es die Verunstaltung
auch im Nachteil, wenn es darum geht, auf Angriffe mit Be- der äußeren Fassade (Kleidung und äußere Erscheinung), eine
schimpfungen zu antworten. Sie stehen vor einem regelrechten bei jeder körperlichen Auseinandersetzung sehr wahrscheinli-
Dilemma: Wenn eine Frau nämlich gegen einen Übergriff che Folge; bei der Fassade sind die von den Frauen geforderten
schimpfend protestiert, dann tritt ihr Selbst in die Interaktion Standards deutlich strenger als die der Männer. (Wenn sich
ein und ratifiziert damit die Zwangsbeziehung, die ihr bis eine Frau in unordentlicher Kleidung in der Öffentlichkeit
dahin gegen ihren Willen aufgedrängt worden war. (Zweifel- zeigt, kann dies schließlich als Zeichen ihrer Verfügbarkeit
los ein hinterhältiger Trick von Seiten der gesellschaftlichen oder ihrer Liederlichkeit aufgefaßt werden.) Und was schließ-
Ordnung.) Da sie nicht in die Welt des Kampfes eingeführt ist, lich den Verlust von Geld und Wertsachen angeht, werden die
kann sie sich also dabei ertappen, eine Beschimpfung scherz- Männer vermutlich einiges mehr an Geld, Frauen mehr an
haft zu kontern - während ein Mann, im Bewußtsein der mög- Wertsachen zu verlieren haben.
lichen Eskalation, eine solche Reaktion nicht wagen würde. Aus diesem Blickwinkel unterscheidet sich die Lage der bei-
Dieser Konter erfordert eine Antwort, die von keiner Seite ge- den Geschlechter deutlich. Außer in Gefängnissen können
liefert werden kann. Denn das männliche Opfer einer weibli- Männer in modernen Gesellschaften nicht ernstlich mit sexuel-
chen Beschimpfung kann zum Beispiel der Meinung sein, daß ler Gewalt und auch nicht mit körperlicher Verletzung be-
seine Bereitschaft, sich körperlicher Gewalt gegen Frauen zu droht werden, falls sie die sexuelle Verfügbarkeit verweigern;
enthalten, von Seiten der Frauen voraussetzt, daß sie Streitig- Frauen dagegen schon. Aber es gibt noch einen subtileren und
keiten nicht soweit treibt, bis ein Kampf normalerweise unum- widatigeren Unterschied. Wie gesagt, fordert die Prozedur des
gänglich wird. Wenn er herausfindet, daß diese stillschwei- Hofmachens vom Mann, daß er sich aufdrängt, indem er zu-
gende Übereinkunft gebrochen wurde, weiß er vielleicht nicht erst einen Anlaß zur Anknüpfung eines Gesprächs findet und
mehr, was er tun kann, und er wird seine weiteren Handlun- zweitens nach Überwindung der anfänglich darin herrschen-
gen in einem verärgerten und verwirrten Zustand ausführen. 21 den sozialen Distanz trachtet. Das vielfach in bloßen Spekula-
Der Unterschied zwischen den Geschlechtern hinsichtlich tionen begründete Überwinden existierender Schranken ist
ihrer Verletzlichkeit an öffentlichen Plätzen ist jedoch noch also durchaus die normale Rolle des Mannes in zwischenge-
größer. Betrachten wir noch einmal genauer, was ein Indivi- schlechtlichen Kontakten, wenigstens von seiner Seite aus gese-
duum durch ein anderes in der Öffentlichkeit erleiden kann. hen. Und es liegt in der Natur seiner Sichtweise dieser Kon-
takte, daß sie weder von der Jahreszeit noch vom Ort abhän-
21 Die traditionelle Lösung bestand darin, daß der männliche Begleiter für die be-
drohte Frau kämpfte, um sich damit zu ihrem Favoriten zu machen. In aufge- gen, sondern daß jede Gelegenheit willkommen ist. Egal wo
klärten Kreisen wird diese letzte Zuflucht zuweilen abgelehnt. sie auftreten, alle gutaussehenden Frauen sind einen kleinen

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Flirt wert, und diese Beachtung schließt ein Ausschauhalten durch seine Enthüllung den größten Teil des Preises für diese
nach Anzeichen zur Ermutigung ein, oder, falls diese nicht er- Handlungen ohnehin schon bezahlt hat. Sein >>mutwilliges«
folgen, die Suche nach Zeichen dafür, daß sie nicht völlig ent- Verletzen des Opfers ist somit weniger ein Zeichen seiner be-
mutigt werden. Und Männer sind sehr leicht in diesen Annähe- sonders sadistischen Regungen, sondern vielmehr ein Hinweis
rungen zu bestärken, weil sie wissen, daß viele der Beziehun- darauf, was wir alle einem anderen alles antun würden, wenn
gen, die sie letztendlich zu Frauen entwickelt haben, auf diese wir keine Strafe - wenigstens keine zusätzliche Strafe - zu be-
Weise angefangen haben und sehr wahrscheinlich niemals fürchten hätten. Etwas ähnliches kann bei den Begrüßungen
ohne diese Aufdringlichkeiten begonnen hätten. Man sollte geschehen, die einige Männer meinen, unbekannten Frauen ge-
aber bedenken, daß die Frauen in dieser Hinsicht keine klare genüber an den Tag legen zu müssen. Werden solche Annähe-
Linie verfolgen; denn ebenso wie sich einige von diesen Über- rungsversuche zurückgewiesen, sieht sich der Mann nicht nur
griffen belästigt fühlen, fühlen sich andere (selbst wenn sie das dadurch bloßgestellt, daß er etwas begehrte, zu dem er für un-
an ihrer Person gezeigte Interesse letztlich abwehren) von würdig befunden wurde, sondern er muß auch noch als je-
einem solchen Delikt innerlich geschmeichelt, weil sie es als mand dastehen, der erwiesenermaßen ein unanständiges
ein Zeichen ihres Wertes, als Maßstab ihrer »Attraktivität« Druckmittel angewendet hat oder sich in eine Unterhaltung
verstehen. 22 eingemischt hat. Nicht selten greift er dann zu dem Mittel, die
Daraus folgt, daß Frauen chronisch unter ziemlichen >>Belä- Frau, die sich ihm verweigert hat, unverhüllt mit Beschimpfun-
stigungen<< zu leiden haben, denn was ihnen ein Mann ungehö- gen zu überschütten, um das abzuwerten, was er nicht bekom-
rigerweise aufzwingen kann, indem er sie in ein Gespräch ver- men konnte.
wickelt oder sich in ein bereits laufendes Gespräch einmischt, Es wird deutlich, warum Männer nicht in gleicher Weise
könnte ihm (und freilich auch ihnen) mit Sicherheit eine Opfer von Belästigungen durch Frauen werden. Denn im allge-
Menge einbringen, nämlich eine Beziehung, oder doch zumin- meinen gilt: Würde sich eine Frau aufdrängen, gäbe es immer
dest die Bestätigung seiner Geschlechtsidentität.23 Männer, die einen Vorteil daraus ziehen könnten, wenn sie dar-
In dieser Situation bergen Zurückweisungen seitens der auf eingingen. Nehmer gibt es überall. Daran kann man auch
Frau besondere Gefahren. Sieht man von der sexuellen Ebene erkennen, daß Frauen eine Macht haben, über die Männer
ab, tritt das am deutlichsten vielleicht beim Raubüberfall zu- nicht verfügen: nämlich eigene Entscheidungen über ihre Zu-
tage. Wenn nämlich der Räuber erst einmal seine Deckung ver- gänglichkeit zu treffen. Aus diesem Grund kann eine Ehefrau
läßt und sich als Übeltäter zu erkennen gibt, als ein Schuft, der ihren Mann leichter betrügen als umgekehrt, auch wenn er
sich eines strafbaren Vergehen schuldig macht, kann er auch mehr Bewegungsfreiheit und damit den Zugang zu einer größe-
ebensogut solchen Gefühlen Luft machen, die er möglicher- ren Anzahl von Jagdgründen hat.
weise sonst auch gehabt, aber unterdrückt hätte, zumal er Offensichtlich stehenMännerund Frauen in ziemlich unter-
schiedlichen Beziehungen zum öffentlichen Leben; dessen Risi-
ken sind aus strukturell tiefliegenden Gründen für Frauen sehr
22 Einige einschlägige Schilderungen finden sich bei Doris Lessing: The Summer Be-
fore the Dark, New York 1973, 180-207. viel größer als für Männer. Dieser Unterschied verläuft haarge-
23 Zur Belästigung gibt es einige brauchbare, nichtwissenschaftliche Veröffentli- nau entlang der Grenze zwischen den Geschlechtsklassen, ob-
chungen. Vgl. beispielsweise Gwenda Linda Blair: Standing on the Corner, in: Li- wohl sich das körperliche Vermögen zu Übergriffen und zur
beration 18/9 (Juli-August 1974), 6-8; oder Barbara Damrosch: The Sex Ray:
One Woman's Worst Theory of Street Hassling, in: Vi/lage Voice, April 7/1975, Selbstverteidigung keineswegs so klar auf die zwei einander
7. ausschließenden Klassen verteilen läßt. Die Biologie gibt uns

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zwar ein treffliches und sauberes Mittel zur unmißverständli- 4. Geschlecht als Interaktionsritual?
chen Zuteilung der Mitgliedschaft auf diese Klassen an die
Hand. Die Risiken und Reaktionen jedoch, die so selbstver-
ständlich aus dieser Verteilung zu folgen scheinen, sind das Er- Nachwort von Helga Kotthoff
gebnis der gesellschaftlichen Organisation.

In diesem Nachwort stelle ich im ersten Teil Goffmans Konzep-


tion von gender im Zusammenhang seines Forschungspro-
gramms dar. Ich arbeite Unterschiede und Gemeinsamkeiten mit
anderen gender-Analysen (z.B. dekonstruktiven) heraus und
hoffe, auf diese Weise die Stärken von Goffmans Konzeption
sichtbar zu machen. Schwächen und Unklarheiten werden aller-
dings auch benannt. Im zweiten Teile wende ich Goffmans Kate-
gorien auf den Bereich von Stimme und Intonation an, worin Ri-
tualisierungen von Weiblichkeit und Männlichkeit zum Aus-
druck kommen, die sich auf vielfältige Weise auf den Körper be-
ziehen. Abschließend zeige ich die Hyperritualisierung von kom-
munikativen Geschlechterverhältnissen im Bereich der Radio-
werbung. Dieser Aufsatz verbindet einen konzeptionellen mit
einem empirischen Teil und versucht somit, sich auch durch diese
Vereindung in der Tradition von Erving Goffman zu verorten.

1. Goffman und der Genderismus

Seit geraumer Zeit schon wird in den Sozial- und Kulturwissen-


schaften das natürliche vom kulturellen Geschlecht unterschie-
den. Auch dem größten Biologisren ist klar, daß sich Männlich-
keit und Weiblichkeit kulturell so unterschiedlich gestalten, 1

1 Zu geschlechtsspezifischen Kulturunterschieden im Bereich der Kommunikation


siehe Günthner!Kotthoff 1991.

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daß man nicht davon ausgehen kann, die Äußerungsformen zumindest in Deutschland kaum adäquat rez1p1ert worden,3
des Männlichen und des Weiblichen folgten schlicht den Gebo- was mit einer Sperrigkeit zu tun haben mag, welche daraus re-
ten des so und nicht anders gegebenen Körpers. Die Art der sultiert, daß diese Studien im Rahmen von Goffmans eigenem
Verbindung zwischen sozialem und biologischem Geschlecht Forschungsprogramm verstanden werden müssen. Sein For-
ist allerdings umstritten. Wie weit stützen sich kulturelle Aus- schungsprogramm läßt sich als das Studium der direkten und
drucksformen von Geschlecht auf natürliche Ressourcen, wel- unmittelbaren Interaktion umreißen, wie es im Vorwort zu die-
che sie ausbauen, überformen oder entstellen? sem Buch herausgearbeitet wurde. Als Soziologe geht er davon
Erving Goffman hat die Betrachtungsweise von Ge- aus, daß sich die gesellschaftliche Ordnung in der Interaktion
schlecht innerhalb der Soziologie und den Kommunikations- zu erkennen gibt und auch historisch in ihr begründet liegt.
wissenschaften zweifelsohne revolutioniert. Er kritisiert im Während seiner gesamten wissenschaftlichen Laufbahn hat er
Arrangement der Geschlechter die Sozialwissenschaften, wel- sich bemüht, die Erforschung der Interaktion von Angesicht
che bis dato die Prozesse der Geschlechterkonstruktion zu Angesicht als eigenständigen Untersuchungsbereich zu ver-
kaum erforscht hatten. Für viele Wissenschaftler war die Be- ankern. Im Zusammenhang mit der Erforschung der Interak-
deutung des Faktors Geschlecht ein Phänomen, welches im tionsordnung hat er sich auch Fragen der Darstellung von
Rahmen von Rolle, Privileg und Benachteiligung erfaßbar Männlichkeit und Weiblichkeit gewidmet; diese Darstellungen
schien. Mit der Untersuchung von >>Rollenverhalten« seien implizieren immer auch normative Zuweisungsakte für die ge-
sie, so Goffman, der immensen Bedeutung des geschlossenen sellschaftlichen Plätze der Individuen.
Bündels an Glaubensvorstellungen und Praktiken nicht ge- Verschiedentlich ist Goffman dem Vorwurf begegnet, er ana-
recht geworden, welche geltend gemacht werden, um das Ar- lysiere nicht die Gesellschaft mit ihren Schichten-, Klassen-
rangement der Geschlechter als natürliches auszugeben und und Einkommensstrukturen, sondern punktuelles Verhalten
abzusichern. 2 von Individuen. Dieser Vorwurf könnte potentiell auch die gen-
Goffman ist hauptsächlich in seinem Buch Gender Adverti- der-Analysen betreffen. Kaum je ist bei ihm die Rede davon,
sement (1976, dt. Geschlecht und Werbung 1981) und in sei- daß Männer weltweit den Großteil der Produktionsmittel be-
nem Aufs~tz The Arrangement between the Sexes (1977, dt. in sitzen und Frauen schlechter bezahlt werden und außerdem in
diesem Buch) auf die Methoden der Geschlechterstilisierung der Regel die Familienarbeit auf ihren Schultern lastet. Hier
eingegangen. Wir verdanken ihm die Betrachtungsweise von gält€, was er in der Rahmenanalyse süffisant zu Bedenken gab:
Geschlecht als naturalisiertem Ordnungsfaktor von Interaktio- >>Persönlich halte ich die Gesellschaft in jeder Hinsicht für das
nen, eine Konzeption, welche mir die bislang weitreichendsten Primäre und die jeweiligen Beziehungen eines einzelnen für
theoretischen und empirisch-forschungspraktischen Ausblicke das Sekundäre; die vorliegende Untersuchung beschäftigt sich
auf Fragen von Geschlechterverhältnissen und Kommunika- nur mit Sekundärem (22ff).<< Dieses vernachlässigte Sekundäre
tion zu eröffnen scheint. betrifft in der Geschlechterforschung die Dramatisierung der
Seine gender-Analysen fügen sich konsequent ein in seine sexuierten Sozialordnung in alltäglichen Begegnungen. Ähn-
Studien zu den Rahmungsprozeduren von Verstehensprozes- lich wie die Ethnomethodologie geht Goffman davon aus, daß
sen (1974) und zu Interaktionsritualen. Diese Analysen sind der Zugang zu gesellschaftlichen Positionen, Rängen und
3 Verschiedene Beiträge in Hettlage/Lenz gehen zwar auf Goffmans gender-Kon-
2 Siehe zur soziologischen Auseinandersetzung um den Faktor Geschlecht in den zeption im Zusammenhang mit anderen Konzepten ein; sein gender-Konzept bil-
Sozialwissenschaften z.B. Dietzen 1993. det aber nicht den Fokus einer Analyse.

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Funktionen kein ausschließlich exogener Faktor der Kommuni- Individuen ein. Unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten zu ge-
kation ist, sondern endogen in der sozialen Begegnung mitpro- sellschaftlichen Positionen sind darin eingeschlossen. Die Insti-
duziert wird. Während manche Ethnomethodologen jedoch tutionalisierung der Geschlechtlichkeit läßt sich an klar be-
jegliches Interesse an übergreifenden, nicht lokal produzierten stimmbaren Merkmalen zur Verteilung von gesellschaftlichen
Ordnungen verneinen (i.B. Schegloff 1987, 1988; siehe Einlei- Ressourcen und Potenzen anbinden, den biologischen eben.
tung), hat Goffman diese Bezüge zwar für seine Arbeit hintan- Dieser Verankerungsprozeß ist in allen seinen Schattierungen
gestellt, aber nicht aus dem Blickfeld verloren. 4 Er expliziert sozial. Obwohl die Ausdrucksformen des Männlichen und
die Äußerungsformen von Macht und Ohnmacht in Alltags- des Weiblichen kaum etwas mit der Biologie zu tun haben, lie-
dramaturgien (das Sekundäre), nicht die Ressourcen (das Pri- fert diese aber dennoch den fest umrissenen Phänomenbe-
märe), welche bestimmte Handlungsformen überhaupt ermög- reich einer definitiven Grenzlinie, welcher zur Fundierung pa-
lichen. Diese Fokussierung ist aber nicht gleichbedeutend mit triarchaler Ordnungen ausgebeutet werden kann und wird.
der Verleugnung materieller Faktoren. Der Code des Geschlechts prägt die Vorstellungen der Men-
schen von ihrer Natur, nicht umgekehrt. Insofern entspricht
Goffmans Sicht auch derjenigen postmoderner Theorien. Uni-
1.1. Die institutionelle Reflexivität von Geschlecht versal beobachtbar ist nur die Tatsache, daß Menschen sich
eine Natur konstruieren, nicht welche. Beobachtbar ist aber
In Das Arrangement der Geschlechter erläutert er Geschlecht auch, daß natürliche Phänomene (Körper, Geburt, Tod) in
als eine Angelegenheit institutioneller Reflexivität. D.h., daß diese Konstruktionen eingehen. Goffman gibt diese Begriffe
das soziale Geschlecht so institutionalisiert wird, daß es nicht auf und verleugnet auch nicht ihre Materialität. Damit
genau die Merkmale des Männlichen und Weiblichen entwik- unterscheidet er sich von Anhängerinnen der Dekonstruk-
kelt, welche angeblich die differente Institutionalisierung5 be- tion.
gründen. Goffmans durchgängiges Argument lautet, daß die Diese setzen die Performanz des sozialen Geschlechts als so
körperlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern als sol- zentral, daß auch das biologische Geschlecht von dieser Perfor-
che keine große Bedeutung haben für die Fähigkeiten, die wir manz gestaltet wird (Butler 1991). Auch bei Goffman werden
für die Bewältigung der meisten Aufgaben im Alltag brau- sex und gender einander nicht dichotomisch gegenüber ge-
chen. Warum also, lautet dann die Frage, lassen Gesellschaf- stellt.6 Das biologische Geschlecht wird auch hier nicht für das
ten irrelevante Unterschiede sozial so bedeutsam werden, daß Substrat gehalten, woran die Konstruktion von gender an-
sich die ganze Arbeitsteilung darauf aufbaut? Diese Institutio- knüpft. Der Terminus der Institutionalisierung verweist aber
nalisierung von zwei Geschlechtern schließt immer auch nor- stärker als der der Sprechakttheorie entlehnte Begriff der Per-
mative Zuweisungsakte für die gesellschaftlichen Plätze der formanz bei Butler (1991) auf überindividuelle Verankerungs-
prozesse sexuierter Zuschreibungen und Handlungsmöglich-
4 Siehe zu der Beziehung von Goffman zur Ethnomethodologie Widmer 1991. Hu- keiten. Es kommt nicht von ungefähr, daß Anhängerinnen der
bert Knoblauch geht in der Einleitung auch auf Probleme des ethnomethodo-
logischen »doing gender<<-Konzepts ein, welches Institutionalisierungen unter- Dekonstruktion wie Butler und Vinken (1993a,b) das Spiel
schätzt. Ich teile diese Kritik.
5 Goffman vertritt hier einen weitgehenden Begriff von Institution und Institutio- 6 Auch frühere Theorien, wie diejenige von Parsons und Bales, sahen biologische
nalisierung, der demjenigen des Sozialkonstruktivismus entspricht. Institutionali- Faktoren schon nicht mehr als konstitutiv an für Geschlechtsrollendefinitionen.
sierung ist Habitualisierung und Typisierung von Verhalten, womit entschei- Für eine normative Geschlechtsrollendifferenzierung wird hier aus Gründen der
dungsunabhängige Vorgänge gemeint sind (siehe Knorr-Cetina 1989). Systemstabilität argumentiert.

162 163
mit sexuierten Darstellungssformen wie Seidenstrümpfen und nem theoretischen Ansatz, 9 die Formierung des Sozialen in em-
Kleidern ~m Männerkörper als subversive Politik betrachten. pirischen Interaktionen zu untersuchen, entsprechend, geht es
Ihrem Performanzbegriff fehlen die Dimensionen einer sich ihm darum, in der realen Begegnung von Menschen aufzuzei-
materialisierenden sozialen Praxis. Geschlechterparodien, wie gen, wie sich diese Menschen als Frauen und Männer zu erken-
sie von den genannten Autorinnen empfohlen werden, beuten nen geben und welche Implikationen damit verbunden sind.
lediglich Rahmungsmethoden aus und lassen die herrschende Es geht deutlich nicht darum, soziale Konsequenzen angebore-
Ordnung weitgehend unangetastet. Diese ist in den Institutio- ner Geschlechterunterschiede zu erläutern, sondern darum zu
nen der Sozialisation, wie Familie und Schule, der Religion, zeigen, wie die, angesichts unserer technischen Möglichkeiten,
der Politik, der Medien und des Arbeitsmarkts verankert. Hier vergleichsweise geringen physiologischen Unterschiede zwi-
werden sie mit ihren Attributen reproduziert. schen Frauen und Männern in soziale Arrangements eingehen,
Das wesentliche Verdienst des Feminismus jeglicher Cou- in welchen sie bedeutend gemacht werden. Goffman läßt kei-
leur sieht Goffman darin, daß er dem Männlichen und dem nen Zweifel daran, daß unsere Gesellschaft technisch in der
Weiblichen den Boden des fraglos Gegebenen entzogen hat, Lage wäre, dem biologischen Geschlechterunterschied diese
indem er ihre Konstruktionsprozesse offenlegte. In den Sozial- immense Bedeutung zu entziehen.
wissenschaften hatte man sich allerdings vor dem feministi-
schen Aufbruch schon angeschickt, Prozesse der Naturalisie-
rung sozialer Phänomene in verschiedenen Kontexten aufzu- 1.2. Zur Relevanzsetzung von Geschlecht
decken. 7 Aber während hierzulande feministische 8 Forschung
an Universitäten noch immer ausgegrenzt wird, ließ Goffman, Zentrale Begriffe bei Goffman sind sex (Geschlecht), sex-class
der sich nie als Feminist bezeichnet hat, sich von ihren Arbei- (Geschlechtsklasse), gender (soziales und kulturelles Ge-
ten stark anregen. schlecht)10, gender identity (Geschlechtsidentität), beliefs
Goffman (1977) geht davon aus, daß Geschlecht die Basis about gender (Geschlechterglaubensvorstellungen) und gende-
liefert für eine Kodifizierung, worauf sich sowohl soziale Inter- rism (Genderismus).
aktionen und Machtstrukturen aufbauen als auch die Vorstel- Bei der Geburt eines Kindes wird nicht nur dessen Geschlecht
lungen, welche Individuen sich über ihre Natur machen. Sei- festgestellt, sondern es wird daraufhin auch einer Geschlechts-
klasse zugeordnet, einer gebundenen Kette von Klassifikationen
und Attributionen. Der physiologische Unterschied allein sagt
7 Dies trifft apf die gesamte konstruktivistische Kommunikationssoziologie zu
(siehe dazu Korthoff 1993). Innerhalb des Konstruktivismus ist Goffman teil- 9 In Deutschland haben vor allem die Beiträge in Hettlage/Lenz 1991 herausgear-
weise dem Ansatz des Sozialkonstruktivismus und teilweise dem der soziologi- beitet, daß Goffmans Werk sich durch ein eigenständiges Theorieprogramm aus-
schen Empirie zuzuordnen (Knorr-Cetina 1989; siehe dazu auch die entsprechen- zeichnet.
den Ausführungen in der Einleitung). 10 Merkwürdig mutet es an, daß die Konzeption von gender als einer mitsexnicht
8 Die Ausgrenzungsprozesse sind in verschiedenen Disziplinen unterschiedlich; natürlich verbundenen Kategorie, welche in den Sozialwissenschaften über 30
am stärksten sind sie in der deutschen Linguistik. Viele linguistische Arbeiten Jahre alt ist, in der Literaturwissenschaft erst jüngst zur Kenntnis genommen
meiden jegliche Überlegung zur Relevanz von Geschlechterverhältnissen in ihren wurde, als Neuheit gefeiert und fälschlicherweise Judith Butler zugeschrieben
Daten, obwohl diese mehr als deutlich ist. Selbst Arbeiten zur sozialen Stilistik wird (siehe z.B. das Vorwort von Busch, Eggers, Ruge und Wirtstock in Neue
umgehen krampfhaft stilistische Äußerungsformen von Weiblichkeit und Männ- Rundschau 1993, Heft 4). Auch Garfinkel (1968) hat in seiner Agnes-Studie die
lichkeit. Arbeiten zu unterschiedlichen sprachlichen Phänomenen, welche ihre Konstruktion von natürlichem Geschlecht nachgezeichnet (siehe zur Theorieent-
Analysen an Geschlechterverhältnissen aufhängen, werden kaum rezipiert. Eine wicklung in den Sozialwissenschaften Dietzen 1993, Hagemann-Whire 1993
Reflexion dieses Tabus soll einem anderen Artikel vorbehalten bleiben. und Hirsehauer 1993).

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etwa so viel wie die Haarfarbe des Kindes. Aber im Unterschied gements die Geschlechter ihre Geschichte und ihre Rangord-
zur Haarfarbe liefern die Geschlechtsorgane die Grundlage für nung immer schon mitproduzieren und auch erzählen.
eine Gruppierung. Damit wird also das biologische Geschlecht Die Selbstkategorisierung der Menschen als normativ weib-
bedeutsam gemacht. Wir wissen heute, daß völlig identische lich und normativ männlich geht zwanglos vonstatten. Das hete-
Säuglinge ganz anders wahrgenommen werden, je nachdem, ob rosexuelle Paarungsverhalten von Frauen und Männern z.B.
sie als Mädchen oder Junge vorgestellt wurden. 11 In der Sozialisa- funktioniert weitgehend so, daß Mann und Frau sich die herr-
tion eignen sie sich geschlechtsklassengebunden genau die Ver- schenden Geschlechterglaubensvorstellungen gegenseitig bestä-
haltensweisen an, welche ihr soziales Geschlecht (gender) in der tigen. Frauen sind im Durchschnitt etwas kleiner und zarter ge-
Kultur kennzeichnen. Zunächst werden Menschen also schlicht baut als Männer; es gibt aber einen erheblichen Überschnei-
gruppiert. Je nach Gruppe haben sie unterschiedliche Zugänge dungsbereich gleich großer und gleich kräftiger Frauen und
zu flexiblen Verhaltenssystemen, wie gender eines darstellt. Sie Männer. Hätten wir eine effektive Gleichheitsideologie, wür-
bilden im Zusammenhang mit ihrem gender-Erwerb also eine den die ganz kleinen Frauen und die ganz großen Männer
Geschlechtsidentität (gender identity) aus, welche eine wesentli- schlechte Plätze im Paarungswettstreit belegen. Es ist aber
che Quelle ihrer Selbstidentifikation ausmacht, stärker als bei- genau umgekehrt. Männerund Frauen paaren sich in der Regel
spielsweise die Altersidentifikation. Diese wird naturalisiert. 12 so, daß der Mann älter, gebildeter, reicher und größer ist als die
Selbstverständlich werden Natur und Naturalisierung bei Goff- Frau. Damit bleiben der Männlichkeit genau diese Attribute zu-
man nicht in eins gesetzt. Der so geprägte Körper ist aber mehr geordnet. Aus einer Tendenz wird kulturell eine Regel gemacht.
als ein bloßer diskursiver Effekt. Zum einen ist Biologisches in KleineMännerund große Frauen haben es bei heterosexuellen
den Konstruktionsprozeß eingegangen und zum anderen festigt Paarbildungen schwer, jemanden zu finden. In manchen Grup-
sich auch im Körper die Lebensgeschichte des Individuums und pen der Gesellschaft weichen sich diese Bestätigungsrituale
wird damit unhintergehbar. Medial und sonstwie produzierte männlicher Überlegenheit langsam auf, im großen und ganzen
Geschlechterglaubensvorstellungen tragen als sich selbst erfül- gelten sie aber sowohl in der öffentlichen als auch in der priva-
lende Prophezeiungen weiter zur Geschlechtertypisierung bei. ten Welt. Im Fernsehen wird der Talkmaster mit der Assistentin
Ein ganzes System paralleler Anordnungen, wie Damen- und kombiniert, im Krankenhaus der Chirurg mit den Kranken-
Herrentoiletten, Damen- und Herrenbekleidung, Damen- und schwestern, im Büro der Chef mit der Sekretärin.
Herrenabteilungen, Mädchen- und Jungenbücher, Mädchen- Diese Anordnungen sind nicht in individuellen Geschlechter-
und Jungenspiele, Mädchen- und Jungenschlangen usw. halten parodien unterlaufbar, weil sie auf unterschiedlichen Ebenen
den Genderismus aufrecht, das durchgängige und ideologisierte der Gesellschaft institutionalisiert sind. Goffman weiterden-
System der Relevanz von Geschlecht. kend können wir sagen, daß das Problem vieler Männer und
In seiner Aufdeckung ritualisierter Formen von Geschlech- mancher Frauen mit der Akzeptanz von Frauen in hohen beruf-
terverhalten zeigt Goffman auch, daß in diesen sozialen Arran- lichen Positionen nicht einfach nur mit mangelnder Anerken-
nung der Frauen zu tun hat, sondern mit den Fundamenten
11 Als Beispiel für zahlreiche >>Baby X<< Studien möge die von Condry/Condry ihrer eigenen Geschlechtsidentität. 13 Gleich- oder höherge-
1976 zur Interpretation von Baby-Geschrei stehen. stellte Frauen verändern die gesamte Interaktionsordnung. Die
12 Goffmans Schüler Cahill hat Prozesse der gender-Aneignung bei Kindern analy-
siert und gezeigt, wie stark die Zuordnung von Junge- bzw. Mädchensein im frü- 13 Der Begriff der Geschlechtsidentität bei Goffman geht weiter als derjenige des
hen Alter von äußeren Symbolen wie Schmuck und Haartracht abhängen {z.B. postmodernen Diskurses, welcher im wesentlichen sexuelle Identität meint und
1986). die Sexualität implizit als primären Erfahrungsrahmen postuliert.

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Chirurgin läßt den Chirurgen weniger männlich erscheinen auch auf öffentlich-berufsbezogenen Verhältnissen. Seine Bei-
und sich selbst weniger weiblich, denn beide sind in ihrer Ge- spiele entstammen den Niederungen des Alltags. Sein Konzept
genwart der Rituale der Bestätigung von Geschlechtsidentitä- der reflexiven Institutionalisierung von Geschlecht geht in
ten zum Teil beraubt. Gildemeister!Wetterer (1992) haben ge- mehrfacher Hinsicht über Butlers Konzept von Geschlecht als
zeigt, wie die Sexuierung von Berufen vonstatten geht und die semiotischer Performanz hinaus. Er fokussiert durchaus in sei-
Zuweisung von prestigelosen Berufen an Frauen naturalisiert nen Analysen auch performative Verfahren; diese sind aber
wird. zum einen nicht auf Sprache beschränkt und zum anderen
Der übergeordnete Mann kann die Beziehung zur unterge- nicht als so streng genormt konzipiert. 14
ordneten Frau auch im beruflichen Bereich als private rahmen, Hochschilds (1979) Kritik an Goffman setzt an seinen Situa-
indem er ihr die Schreibmaschine trägt, sie private Anrufe mit tionsanalysen an. Ihr ist bei Goffman nicht deutlich genug her-
dem Geschäftstelefon tätigen läßt, ihr seine privaten Sorgen ausgearbeitet, wie tief der situativ ausgespielte, erworbene Ge-
mitteilt usw. Vordergründig wird die Asymmetrie dadurch ab- schlechtscharakter unser emotionales Leben prägt. Sie geht
gefedert. Die Beziehung ist nicht nur eine von Chef und Ange- davon aus, daß Goffman die Flexibilität der dem Individuum
stellter, sondern eine von Menschen, die sich mögen. Hinter- emotional möglichen Verhaltensweisen überschätzt. In der So-
gründig wird die Asymmetrie perpetuiert. Die Frau verrichtet zialisation sind Mädchen und Jungen aktiv an einem teilweise
neben der instrumentellen auch noch emotionale Arbeit (Hoch- geschlechtsgeprägten Erwerb eines Managements der Gefühle
schild 1983), indem sie ihm den Kaffee hinstellt, seine beteiligt. Sie sagt, Goffmans Situationsanalysen gäben Auf-
schlechte Laune auffängt und mit ihm beim Essen Privatgesprä- schluß über das Eindrucksmanagement (surface acting) der In-
che führt. Ist sie jung und hübsch, überwiegt eine Flirtkompo- dividuen, kaum aber über das entsprechende Gefühlsmanage-
nente, ist sie alt und weit entfernt vom normativen Schönheits- ment (deep acting), welches daran beteiligt ist (1979: 557).
ideal, überwiegt die mütterliche Komponente. Die Rahmun- Man kann Goffman in der Tat mangelnde Berücksichtigung
gen von Arbeitsverhältnissen zwischen Männern und Frauen von »emotion work<< und >>feeling rules<< für die Konstruktion
sind bislang kaum interaktionsanalytisch untersucht worden. der Sozialordnung vorwerfen. Die soziologische Dimension
Oberflächliche Betrachtungen reichen aber schon um festzu- von Gefühlen war noch kaum sein Thema. Während Goffman
stellen, daß je statushöher der Mann ist, er umso eher die die Gefühlsformung unterschätzt hat, werden diese Phäno-
Chance hat, seinem Arbeitsalltag Aspekte des Privatlebens mene in dekonstruktiven Performanzanalysen aber nicht nur
(Goffman spricht vom » Rotlichtmilieu <<) beizumischen. Diese unterschätzt, sondern völlig negiert.
Rahmensetzungen initiiert immer der Mächtigere. Der status-
hohe Mann kann seine Untergebenen auch nach Attraktivitäts-
gesichtspunkten auswählen, der Beziehung Flirtelemente beimi- 14 Auch die Sprechakttheorie mußte zur Erklärung des Funktionierens von verba-
schen oder auch mehr. Wir sollten nicht verleugnen, wie viele lem Austausch auf ein Modell starker Normen zurückgreifen. Diese monologi-
Frauen diese Sonderbehandlung noch immer genießen. Sie er- sche Normorientierung der Sprechakttheorie ist in der Linguistik verschiedent-
lich kritisiert worden (z.B. Levinson 1983). Hirsehauer (1993b) weist daraufhin,
laubt ihnen, sich in den Zentren der Macht zu bewegen und daß Butlers Normenmodell viel zu geringe Handlungsspielräume der Interagie-
gibt ihnen Illusionen des Auserwähltseins. Die Grenzen zur se- renden vorsieht und schon insofern Gefahr läuft, jede Abweichung als Erschütte-
xuellen Belästigung sind ob der geschlechtsgeprägten Arbeits- rung des Systems zu begreifen. So wie die Sprechakttheorie keine realen Ge-
sprächsverläufe in den Blick nimmt, betrachtet Butler auch Prozesse der Genderi-
platzstrukturen häufig fließend. sierung nicht empirisch, sondern betreibt eher eine Debatte über ontologische Be-
Goffmans analytischer Blick ruht sowohl auf privaten, als kenntnisse.

168 169
1.3. Die Idealisierung der Benachteiligung nicht vergessen werden, daß sie in den westlichen Gesellschaften
einen deutlichen Handlungsspielraum haben, der aber individu-
Interessant ist Goffmans Gedanke, daß Frauen die einzige gesell- ell nicht gleich ist.
schaftlich benachteiligte Gruppe darstellen, welche idealisiert Bezüglich seiner Analysen des Hofierens und der Galanterie
und mythologisiert wird und sich mit der bevorzugten Gruppe in orientiert sich Goffman wie auch sonst an amerikanischen Mit-
konstanter Verbindung findet. Ein ganzes System des Hofma- telschichtsverhaltensweisen und -Vorstellungen. Andere Patriar-
chens und der Höflichkeiten symbolisiert Frauen als zerbrech- chate in der Welt kommen fast gänzlich ohne diese Rituale aus,
lich, kostbar, fein, mütterlich, attraktiv und sanft und erweist und sie konzeptualisieren die Frau auch nicht als zart und kost-
ihnen mit diesen Eigenschaften die Ehre. Je näher Frauen diesem bar. In den asiatischen Republiken der früheren Sowjetunion,
Ideal kommen, umso eher werden ihnen die Höflichkeiten von wie beispielsweise Usbekistan, gilt es als ganz selbstverständlich,
Seiten derMännerauch zuteil. Diese Höflichkeiten, wie Tür auf- daß die Frauen die schwerere Arbeit im Straßenbau und auf den
halten, Feuer geben, Reifen wechseln, Gläser öffnen, Spinnen Feldern leisten. Männer arbeiten in diesen Gesellschaften insge-
und Mäuse entfernen, Wein einschenken usw. spiegeln der Frau samt wesentlich weniger als Frauen, widmen sich verschiedenen
auch ihre Anerkennung als solche. Unsere Huldigungen an die at- Formen des Müßiggangs, produzieren durch starken Alkohol-
traktive, schlanke, feine, in kostbares Tuch gehüllte Frau, wie sie konsum enorme Probleme für die Familien und repräsentieren
von der Modeindustrie, den Medien, von Kunst und Kommerz be- trotzdem das herrschende Geschlecht. Es stellt sich sehr die
trieben wird, suggerieren auch, daß man als weiblicher Mensch, Frage, inwieweit Goffmans analytisches Programm in der Lage
wenn man so ist, den anderen Mitgliedern der Geschlechtsklasse ist, derart krasse Fälle von Patriarchat mitzuerfassen. Es scheint
überlegen ist. Die Fokussierung dieses Typs innerhalb der weibli- so zu sein, daß Frauen in diesen Gesellschaften so geringe Chan-
chen Geschlechtsklasse legt für den Rest eine Orientierung daran cen zur Ausbildung eines Selbstwertgefühls haben und anderer-
nahe und hintertreibt so auch Solidarisierungsmöglichkeiten. seits der Mann derart vergöttert wird, daß es auch ohne die Ver-
Würde es diese Illusionen der Verehrung nicht geben, wären ehrungsrituale nicht zu deutlicher Auflehnung der Frauen
Frauen vermutlich weniger bereit, sich mit ihren unterprivilegier- kommt. Gültig ist aber verstärkt Goffmans Fokussierung der
ten Positionen so weitgehend zufriedenzugeben. In der feministi- Formung von Geschlechtsidentitäten in der Familie.
schen Wissenschaft wurde der Frage, wie Frauen den Status quo Ob das System des Hofierens bei der heutigen Jugend im
mitproduzieren, lange Zeit zu wenig Gewicht beigemessen. 15 deutschsprachigen Raum noch eine starke Rolle spielt, wage ich
Wir sagen auch im Alltag lieber, daß Frauen ein Physikstudium ebenfalls zu bezweifeln. Die mediale Verehrung der schönen
schwer gemacht wird (Frau wird nicht als Tätige konzeptuali- Frau wird zudem erheblich modifiziert durch die ganz unver-
siert), statt, daß sie Philologien studieren wollen (Frau wird als schleierte mediale Ausbeutung des weiblichen Körpers als Se-
Tätige konzeptualisiert), weil ersteres u.a. schlechter zu ihrer Ge- xualobjekt für den Mann. Auch bei gurwilligster Interpretation
schlechtsidentität paßt als letzteres. Trotz Berücksichtigung ge- sind in pornografischen Darstellungen keine Verehrungsformen
sellschaftlicher Faktoren der Benachteiligung von Frauen sollte mehr auffindbar. Die Pornografie ist inzwischen eine mächtige
Institution mit sehr starkem Herrschaftsgefälle zwischen den Ge-
15 Thürmer-Rohr hat den Fragen der »Mittäterschaft« von Frauen an der Aufrecht- schlechtern. Dort wird der weibliche Körper als Dienstleistungs-
erhaltung unserer sozialen Ordnung ein Buch gewidmet und damit der Stilisie- instanz für den Mann konzeptualisiert. Der ganze Bereich des Ge-
rung der Frau einzig als Opfer eine deutliche Absage erteilt. Auch Baker Miller
(1988) geht es darum, wie Frauen aktiv Situationen und Beziehungen mitgestal- schäftes mit der Sexualität ist bei Goffman völlig ausgespart. Es
ten, die ihren Interessen entsprechen, wenngleich sie trotzdem darunter leiden. bleibt den Nachfahren überlassen, sowohl semiotische Analysen

170 171
dieser Bilderflut anzustellen als auch ihren Einfluß auf die Kon- tuationsdefinitionen ab. Kleidung gehört z.B. zu den bereits er-
zeptualisierung von Männlichkeit und Weiblichkeit zu erklären. wähnten Darstellungen, welche in Rituale eingehen. Das männli-
Im Arrangement der Geschlechter formuliert Goffman bereits che Geschlecht stellt sich hier schlicht, nüchtern und funktionell
die Prognose, daß im Zuge der Modernisierung die Höflichkei- dar, das weibliche ornamental, verspielt und wenig funktionell.
ten gegenüber Frauen geringer werden. Krasser formuliert Die Tatsache, daß man damit auch spielen kann, bestätigt nur
könnte man sagen, daß das Warenverhältnis zwischen den Ge- die bestehende, für alle erkennbare Ordnung. 16 Diese Kleiderri-
schlechtern unverschleierter zutage tritt. Viele Frauen in den tuale wie auch andere indikative Ereignisse legen provisorisch
westlichen Industriegesellschaften können sich der sexuellen Bedingungen von Kontakten fest. Diese indexikalischen Kam-
Ausbeutung entziehen. Im Zuge der Mobilisierung kann aber munikationsverfahren funktionieren als Frühwarnsysteme von
die Sexindustrie Männern für sexuelle Dienstleistungen Mäd- Identitäten, als Wegweiser der Wahrnehmung.
chen und Frauen aus armen Ländern anbieten. Goffman hat den Geltungsbereich von rituellen Handlungen,
ausgehend von Durkheim (1967, 1981) und Radcliffe-Brown
(1952), stark erweitert. Für ihn spielen Rituale für die Organisa-
1.4. Ritualisierungen tion von Interaktionen in jeder Gesellschaft eine wichtige Rolle.
Reiger (1992, 105) schreibt, bei Goffman müßten zwei Aspekte
Ich möchte jetzt noch auf weitere Aspekte der Ritualisierung des Ritualbegriffs analytisch unterschieden werden, und zwar
oder Zeremonialisierung von gender eingehen. Einzelne Ele- ein expressiver und ein reflexiver. Der expressive Aspekt schließt
mente der Zeremonien nennt Goffman Rituale. Rituale sind bei direkt an Radcliffe-Browns (1952, 123) Ausführungen zur Ri-
Goffman (1979) alle Bestätigungen fundamentaler sozialer Ver- tualisierung von Objektbeziehungen an. Sie haben aber bei Goff-
hältnisse. Sie finden in sozialen Zusammenkünften statt, in man auch einen reflexiven Charakter, d.h. sie wirken auf die Han-
denen der Einzelne Gelegenheit hat, eine Darstellung der angebli- delnden zurück und drücken etwas über sie aus. Goffman
chen Ordnung seiner Existenz zu geben. Eine Party wäre ein Bei- schreibt, daß »ein Ritual >ein konventionalisiertes< Mittel der
spiel für ein Ereignis, das aus unzähligen Ritualen besteht, ange- Kommunikation ist, durch das man seinen Charakter zum Aus-
fangen bei der Kleidung, welche die Leute tragen, über ihre eu- druck bringt oder seine Einschätzung anderer Teilnehmer in der
phorische Stimmung, welche sie signalisieren, das dargebotene Situation übermittelt« (1986, 61; zitiert nach Reiger 1992,
Essen, welches den Formalitätsgrad des Ereignisses anzeigt, die 106.).17
Begrüßungen, bis hin zur Auswahl der Gesprächsthemen. Verschiedene Handlungen oder Handlungskomponenten
Goffman geht in Übereinstimmung mit der Ethologie davon können im interpersonellen Bereich rituelle Dimensionen enthal-
aus, daß gewisse Verhaltensweisen formalisiert werden: Sie wer-
den vereinfacht, übertrieben, stereotypisiert und aus dem Urkon- 16 Transvestiten erschüttern diese Ordnung nur unerheblich, solange sie nicht die
text der auslösenden Reize herausgenommen - dies zu dem den Geschlechtern zugeschriebenen Orte im Alltag beanspruchen. Ihre Erschei-
Zweck der effektiveren Signalwirkung. Statt eine Handlung aus- nungsbilder bestätigen weitgehend Geschlechterglaubensvorstellungen. Für
Transsexuelle haben Garfinkel (1967) und Hirsehauer (1993) gezeigt, wie sie
führen zu müssen, bietet man einen leicht lesbaren Ausdruck sei- sich in eine zweigeschlechtliche Kultur hineinnormalisieren und immer schon
ner Situation in Form einer Ritualisierung an. Diese Darstellun- vorhandenes subjektives Geschlechtsempfinden als Grund dafür angeben, ihren
gen und Selbstdarstellungen legen die Modalitäten des Verkehrs Körper diesem entsprechend umzugestalten.
17 Goffmans Begriff der Ritualisierung ist vereinbar mit Bourdieus Begriff der Di-
zwischen Menschen fest. Darstellungen sprechen keine klare stinktionsverfahren (1979). Beide Begriffe kennzeichnen die identitäts-und ord-
Symbolsprache, sondern legen Zeugnis von ldentitäten und Si- nungsstiftenden Dimensionen von Praktiken.

172 173
ten, z.B. die Wortwahl beim Sprechen, Gesprächssstile, Gesten, lung allein reicht ob ihrer Mehrdeutigkeit jedoch aus, um Bezie-
Rederechtsstrukturen, Raumverhalten, Körperhaltungen und hungen zu charakterisieren. Goffman betont auch die lockere
Intonationskonturen, wodurch die Sprecherio ihre Haltung zum Verbindung zwischen den Sozialstrukturen und dem rituellen
Gesprächsthema und zum Gegenüber zum Ausdruck bringt. 18 Ausdrucksverhalten. Niemand muß zur Darstellung seiner Iden-
Die grundlegenden Komponenten der Interaktion, Ehrerbietung tität die volle Palette der Möglichkeiten ausschöpfen. Außerdem
und Benehmen, kommen darin zum Ausdruck. sind die Darstellungen einem Wandel unterworfen. Sie bedürfen
Die Ausführung ritueller Handlungen wird von Goffman als alle eines historischen Verständnisses. Hosen indizieren heute
sozial reglementiert beschrieben. Der oder die Einzelne kann keine Männlichkeit mehr, Röcke, Spitzenunterwäsche, Seiden-
aber vom kulturellen Reglement abweichen. Diese Abweichun- strümpfe, spitze Absätze und viele Formen der Ornamentierung
gen irritieren die Interaktionsordnung mehr oder weniger und er- des Körpers aber nach wie vor Weiblichkeit.
möglichen, sofern sie sozial geteilt werden, auch ihre Verände- Beim Sprechen sind Stimme und Prosodie der Bereich, wel-
rung. Zusammengenommen bilden rituelle Normen einen Er- cher am stärksten mit dem Körper verbunden wird. Stimmlagen
wartungsrahmen, an dem sich Individuen ausrichten und wel- werden ja auch gemeinhin am stärksten für Natur gehalten. Eine
cher die gesellschaftliche Ordnung symbolisiert und rekonstru- tiefe, kräftige, wenig bewegte Stimme war bis vor etwa 25 Jahren
iert. in den Medien Männern reserviert. Sie verkörpert Autorität und
Die in der verstehenden Soziologie entstandene These von der Sachlichkeit, und diese gehörten zu den Männlichkeitsritualen.
sozialen Konstruktion des Geschlechts wird bei Anhängerinnen Heute sprechen Frauen, z.B. Nachrichtensprecherinnen wie Dag-
der Dekonstruktion hinterrücks genau ihrer gesellschaftlichen mar Berghoff, mit wenig bewegter Intonation und dunkler, kräf-
Sozialität beraubt. Die Konzeption von Geschlecht als Perfor- tiger Stimme die wichtigsten Nachrichten. Sie erlauben sich
manz bedient sich so monologischer Theorien wie der Sprechakt- einen paraverbalen Ausdruck, der noch vor wenigen Jahren
theorie. So wundert es nicht, daß sie auf Vorstellungen vom Ge- Männlichkeit signalisierte. Die Tatsache, daß sich Frauen öffent-
schlecht als individueller Maskerade hinauslaufen. Sie sind wohl lich nicht an Rituale der Weiblichkeit halten, heißt aber nicht,
auch deshalb stärker in den philologischen Wissenschaften aktu- daß dies nicht auch kritisch registriert würde. Sabine Christian-
ell, kaum in den interaktionsanalytisch-sozialwissenschaftlich sen hat z.B. den Ruf eines »Eisschranks« (Zeitmagazin Nr. 44,
ausgerichteten. Besonders bei Goffman sind generell Dialog- 1993). Sehr bewegte, euphorische Intonationsweisen mit hellen
und Institutionsstrukturen im Blickfeld. Individuelle Verhaltens- Stimmen gelten nicht als autoritäts-sondern emotionsausstrah-
abweichungen, wie z.B. Stöckelschuhe am Männerbein, sind lend. Frauen in Autoritätspositionen enthalten sich dieser For-
erst dann subversiv, wenn sie beanspruchen, in die Institutionen men der Ritualisierung von Weiblichkeit. Von Männern westli-
der Männlichkeit integrierbar zu sein, wenn also der Herr Profes- cher Kulturen werden solche Stimmen und eine solche Inton-
sor sie zum Anzug in der Vorlesung trägt. ation weitgehend gemieden.
Unser rituelles Leben ist nachhaltig vom Unterschied zwi- Der Körper begegnet uns als semiotisch geformter. Allerdings
schen Frauen und Männern gezeichnet. Namen, Anredeformen, nehmen Menschen diese Formungen, an denen sie sich aktiv be-
Sprechstile, Stimmen, Haartracht, Körperpflege, Körperpräsen- teiligen, als Natur an. In den poststrukturalistischen Theorien
tationen ritualisieren ihre Geschlechtsidentitäten. Keine Darstel- wird Sexualität implizit als Kern dieser Natur postuliert. Goff-
man enthält sich einer Hierarchisierung aller naturalisierenden
18 Diese interpersonellen Funktionen von Intonation beschreibt schon Voloshinov Rituale des Alltags. Seine Darstellungen der Formung von
(1926). menschlicher Natur sind nicht auf die Formung von Sexualität

174 175
beschränkt. Die Interaktion zwischen Körper und Kultur ist bei Das Kind ist bewegungsmäßig instabil. Es wird vom Er-
Goffman als komplexe konzeptualisiert. Es gibt Genderismen, wachsenen gestützt. Weibliche Kleidung (Stöckelschuhe, enge
die mit dem Körper nichts zu tun haben; solche, die gegen ihn ar- Röcke) ritualisiert Instabilität.
beiten; solche, die seine Potenzen ausbauen und solche, die den Der Erwachsene erklärt dem Kind die Welt; er belehrt, und
Körper und die mit ihm zusammenhängende Gefühlswelt gestal- das Kind nimmt die Belehrungen an. In unserer Berufswelt
ten. werden Frauen die Positionen und Institutionen, welche die
Die Rituale müssen den Geschlechtern nicht unbedingt be- Welt erklären, weitgehend versperrt. Im Fernsehen sind Män-
wußt sein, sie sind aber bewußtseinsfähig. Alle Stilisierungen ner in Expertenrollen überrepräsentiert und Frauen als Betrof-
können in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken; sie kön- fene.
nen ironisiert werden; man kann mit ihnen spielen. Aus Ritualen Der Erwachsene ist der Könner und Wisser. Kinder und
können außerdem Hyperrituale gemacht werden. Frauen dürfen sich als fragend und unwissend darstellen.
Das Kind darf sich emotional freier ausdrücken als der be-
herrschte Erwachsene. Es darf weinen, herumalbern und eu-
1.5. Die Metaphorik des Eltern-Kind-Komplexes phorische Bewegtheit ausdrücken. Starke Gefühlsbewegungen
gelten bei uns als unmännlich, aber durchaus als weiblich.
Die ganze Verhaltenssymbolik, derer sich die Geschlechter bedie- Die Aktivitäten der Kinder gelten als weniger ernst, die her-
nen, ist historisch verortet. Manches entstammt den Bereichen kömmlich weiblichen auch.
der höfischen Etikette, manches dem des Militärs, manches dem Der Erwachsene muß immer bereit sein zur Selbstverteidi-
einfachen Landleben. Auch die Tierfolklore spielt eine Rolle. In gung, Frauen und Kinder nicht. Männer bewaffnen sich auch
der Interaktionsordnung sieht Goffman metaphorische Orientie- in Bedrohungssituationen mehr als Frauen.
rungen am Werk. Linguisten wie George Lakoff und Mark John- Frauen und Kinder werden mit Weichem, Kuscheligem und
son halten unser Denken für prinzipiell metaphorisch. Sie haben Niedlichem in Verbindung gebracht und so präsentiert. Er-
z.B. gezeigt, wie die Kriegsmetaphorik von Angriff, Gegenan- wachsene nicht.
griff und Verteidigung unser Denken über Argumentationen Kinder und Frauen sind verfügbar, ihr Raum ist kaum abge-
strukturiert. Rituale im Gaffmanschen Sinne sind auch metapho- grenzt. So wie der Erwachsene die Zugänglichkeit des Kindes
risch, da sie Bedeutungstransfer vornehmen, ein Phänomen im für 1>ich regelt, definiert der Mann die der Frau. Nicht von un-
Rahmen eines anderen verständlich werden lassen. gefähr galt >>a room for one's own« (Virginia Woolf) als Anlie-
Goffman geht davon aus, daß sich die Verhaltenssymbolik der gen der Frauenbewegung.
Geschlechter zu einem gewichtigen Teil an der Mittelschichts-
Idealversion des Eltern-Kind-Komplexes orientiere. Zu diesem
Grundmuster gehört das hilflose Kind und der es beschützende 1.6. Geschlechterchoreografie in der Werbung
Erwachsene. Da Goffman glaubt, daß Männlichkeitsrituale sich
eher am Elternstatus orientieren und Weiblichkeitsrituale sich Diese ritualisierten Ausdrucksformen, welche im Alltag zwar
eher am Kindstatus, belasse ich es bei der Redeweise >>der Er- als Geschlechterglaubensvorstellungen und als soziales Ge-
wachsene«. Ich zähle jetzt ein paar Bereiche auf, in denen Rituale schlecht vorhanden sind, aber auch unterlaufen werden, sind
des Genderismus Elemente aus dem Eltern-Kind-Komplex dra- in der Reklame hyperritualisiert. In Gender advertisement
matisieren. zeigt Goffman anhand von Bildwerbung, wie normativ und

176 177
asymmetrisch die Geschlechterglaubensvorstellungen sind, wel- gnalisieren. Er vergleicht dargestellte männliche und weibliche
che sie vermittelt. Berührungen von Gegenständen. Der Mann packt an, z.B. die
Reklame-Designer unterliegen den Grenzen ihres Mediums. Jägermeisterflasche, und hält sie fest. Frauen deuten Berührun-
Sie müssen etwas darstellen, was leicht verständlich ist und die gen oft nur an. Statt des utilitären männlichen Zugriffs zeich-
Betrachtenden für ihr Produkt einnimmt. Auf Reklamefotos nen sie nur die Linien eines Gegenstandes nach. Weibliche
werden Alltagsszenen simuliert, die unsere Orientierung dar- Selbstberührungen sollen das Gefühl vermitteln, daß der Kör-
auf richten, was ein Mensch dort tut oder sagt. Reklame-Desig- per etwas Kostbares sei.
ner wählen überwiegend anerkannte positive, soziale Typisie- Wenn auf einem Bild Mann und Frau direkt zusammenarbei-
rungen, >>SO daß wir idealisierte Personen vor uns sehen, die ten, dann übernimmt der Mann die Leitung der Aktivität.
ideale Mittel anwenden, um ideale Ziele zu erreichen - wobei Man sieht den Herrn Doktor eine Tabelle lesen und die Kran-
sie selbstverständlich mikroökologisch so arrangiert sind, daß kenschwester, welche auch einen Blick von der Seite darauf
sie eine ideale Beziehung zueinander anzeigen« (1981a, 115). wirft. Frauen werden oft abgebildet, wie sie Hilfe annehmen.
Die Figuren sind also im Bild so plaziert, daß ihre räumliche Er hilft ihr aus einer Schaukel heraus und läßt sie von seinen
Stellung zueinander ein Anzeichen für ihre mutmaßliche so- Weintrauben abbeißen. Der Mann bietet sicheren Halt. Häu-
ziale Stellung zueinander bietet. Dieser Verfahren bedienen fig steht die Frau an ihn gelehnt. Die Frau liegt oft, Männer
sich auch behördliche Mitteilungen und politische Parteien. sind höher arrangiert. Liegende Stellungen sind ein konventio-
Auch sie stellen ihre Aussagen dramatisch dar. Ich möchte spä- neller Ausdruck von Hilflosigkeit und sexueller Verfügbarkeit.
ter zeigen, daß mikro-ökologische Arrangements auch gänz- Erhöhte räumliche Standorte symbolisieren höhere soziale
lich unbildlich nur über den Tonkanal gestaltet werden kön- Ränge. Frauen werden auch oft in Schräghaltungen gezeigt,
nen. Männer in geraden. Schräge Kopfhaltungen gelten als Aus-
Goffman behauptet, daß die Aufgabe der Reklamedesigner druck von Demut.
derjenigen aller Gesellschaftsmitglieder nicht unähnlich ist, die In der feministischen Werbungsanalyse wurde bislang haupt-
ihre sozialen Situationen mit rituellen Zeichen ausstatten, die sächlich mit Bildmaterial gearbeitet. Im Anschluß an Goffman
eine schnelle Orientierung der Beteiligten aneinander ermögli- sind sowohl die deutlich sexistischen als auch die subtil stereo-
chen. Beide nutzen wahrnehmbare Mittel der Selbstdarstel- typen Genderismen der Werbung analysiert worden. 20 Ich
lung. >>Und beide bedienen sich der gleichen elementaren Mit- möchte jetzt auf die Radiowerbung eingehen und damit den
tel: Absichtsbekundung, mikroökologische Aufzeichnung so- Bereich der visuellen Darstellung der geschlechterbezogenen
zialer Strukturen, anerkannte Typisierung und gestische Exter- Hyperrituale verlassen.
nalisierung innerer Reaktionen<< (19 81: 116). Wie verläuft die Präsentation der Geschlechter, wenn nur
Goffman analysiert dann BildmateriaL Übrigens ist dieses der Audiokanal zur Verfügung steht?
Bildmaterial, welches ja aus den siebziger Jahren stammt, sel- Goffman behauptet ja, daß in der visuellen Darbietung die
ten pornographisch. 19 Er zeigt, wie auf Reklamefotos relative Werbung Alltagsrituale des Genderismus weiter stereotypi-
Größe eingesetzt wird, um Dominanz und Unterordnung zu si- siere, diese also als Folie nutze.

19 Siehe zu neueren Tendenzen in der Werbung Schmer! (Hg.in) (1992). Bei den
dort abgebildeten Beispielen pornographischer Werbung sieht man, daß häufig 20 Belknap!Wilberg (1991) haben in einer an Goffmans Kategorien orientierten
Elemente aus dem Tier/Wärter-Komplex dramatisiert werden. Nackte Frauen quantitativen Werbungsanalyse die Ritualisierung der Unterordnung von
werden z.B. mit Halsbändern abgebildet oder in Käfigen gehalten. Frauen in der Werbung weitgehend bestätigt.

178 179
2. Stimme und Intonation Stimmlagen 21 und Tonhöhen realisieren. Sie nutzen in der
Regel ihre vollen Möglichkeiten nicht aus.
Gibt es im Bereich von Stimme und Prosodie Ritualisierungen Je nach Kultur werden bestimmte Stimmregister für Män-
von Männlichkeit und Weiblichkeit? ner und Frauen als >>normal« eingespielt. Ich habe beispiels-
Gemeinhin geht man wohl davon aus, daß im Bereich von weise den Eindruck, daß bei russischen Jugendlichen männ-
Stimme und Prosodie die Anatomie für Unterschiede verant- lich-weibliche Unterschiede viel stärker ausgebaut werden als
wortlich ist. Es gibt auch in der Tat anatomische Ursachen für bei uns. Junge Frauen sprechen für mein Ohr oft in einer ex-
Stimmunterschiede. Die distinktiven Formanten, welche un- trem hohen Stimmlage. Auch im Bereich der Stimmregister
sere Vokale unterscheiden, variieren erheblich von Person zu wird also ein körperlicher Unterschied sozial überformt.
Person. Jacqueline Sachs hat darauf aufmerksam gemacht, Die Form der Tonhöhenbewegung, also der Intonation, ist
daß die Unterschiede in den vokalischen Formantenfrequen- gänzlich kulturell bedingt. In Sachs' Studie konnten die Ge-
zen zwischen Amerikanern und Amerikanerinnen größer sind, schlechter auch wesentlich besser anhand von Intonationskon-
als man allein von den Unterschieden in der Größe des voka- turen identifiziert werden als anhand von Vokalaussprachen.
len Trakts vorhersagen könnte. Außerdem stellen Formanten- Weibliche Wesen nutzen ein weiteres Spektrum der Tonhöhen
frequenzen schon bedeutende akustische Hinweise auf das Ge- und wechseln diese auch häufiger. McConnell-Ginet (1978)
schlecht des sprechenden Menschen dar, wenn dieser noch schreibt, daß unser Stereotyp des weiblichen Sprechens besagt,
Kind ist und die Unterschiede in der Größe des vokalen Trakts daß Frauen stärkere Tonhöhenbewegungen produzierten, daß
noch gar nicht ausgebildet sind. Formantenfrequenzen stellen sie Töne länger ausgleiten ließen und stärker behauchten.
also ein Phänomen dar, bei welchem anatomische Unter- Wenn Frauen imitiert werden, tauchen diese Merkmale auf.
schiede durch kulturelle Konventionen noch ausgebaut wer- Sie tauchen auch auf, wenn Männer als Schwule imitiert wer-
den. Wir wissen bis heute wenig darüber, wie die geschlechter- den. Sie gelten als exaltiert und sind deshalb abgewertet. Ty-
bezogene Aneignung unterschiedlicher Formantenfrequenzen, pisch männliche Konturen könnten für Imitationen kaum ge-
Stimmregister und intonatorischer Muster verläuft. Im Falle nutzt werden, da sie als >>neutral« gälten. Stimme und typische
der Formantenfrequenzen haben wir es mit einem physiologi- Intonationskonturen gehören zentral zur Individuation. Sie
schen Unterschied zu tun, der durch ein soziales Stereotyp ver- sind nicht beliebig veränderbar. Sie werden als Gestaltphäno-
schärft wird. mene wahrgenommen und sind nur von Expert/inn/en in ihren
Intonation wird hauptsächlich als Tonhöhenbewegung Komponenten analysierbar.
wahrgenommen, womit in der Regel auch Veränderungen David Crystal, ein führender Sprachwissenschaftler, schreibt:
in der Lautstärke einhergehen. Grundfrequenzen sind dafür >>Intuitive impressions of effeminacy in English, for exam-
verantwortlich, daß wir bei Lauten Höhenunterschiede ple, ... are mainly [based on] non-segmental [features]: a >sim-
wahrnehmen können. Die Vibrationen der Stimmbänder pering< voice, for instance, largely reduces to the use of a
sind für diese Grundfrequenzen weitgehend verantwortlich. wider pitch-range than normal (for men), with glissando ef-
Je schneller die Vibration der Stimmbänder, umso höher fects between stressed syllables, a more frequent use of com-
sind Grundfrequenz - gemessen in Herth (Hz) - und Ton. plex tones (e.g. the fall-rise and the rise-fall), the use of breathi-
Lange Stimmbänder produzieren also tiefere Töne. Daher
kommt es, daß Männer im Durchschnitt tiefer sprechen. 21 In der Literatur werden häufig ehest register, moderateregisterund falsett regi-
Beide Geschlechter können aber eine ganze Bandbreite an ster unterschieden, wobei das letztgenannte das höchste darstellen.

180 181
ness and huskiness in the voice, and switching to a higher (fal- 3. Radiowerbung
setto) register from time to time<< (zit. n. McConell-Ginet
1978). Zunächst eine kurze Zusammenfassung meiner Analysen der
Einige Studien22 haben inzwischen belegt, daß Männer und Radiowerbung:
Frauen unterschiedlich intonieren (z.B. Local 1982), dahinge- Die Radiowerbung hyperritualisiert sowohl Rollenverhal-
hend, daß Frauen dynamischer sprechen. Ruth Brend (1972) ten als auch intonatorische und stimmliche Sprechstile der Ge-
schreibt: schlechter.
>>Men consistently avoid certain intonation patterns. They Es gibt verschiedene Formen von Werbe-Spots, z.B. kurze
very rarely, if ever, use the highest Ievel of pitch that women Ansprachen an die Zuhörerlnnen, kurze Dialoge, kurze Dia-
use. That is, it appears probable that most men have only loge kombiniert mit einer direkten Ansprache, Songs, szeni-
three contrastive Ievels of intonation, while many women, at sche Vorführungen mit Geräuschen und Ausrufen, Anrufun-
least, have four. Men avoid final patterns which do not termi- gen in Marktschreierform u.a.
nate at the lowest Ievel of pitch, and use a final, short upstep Männerstimmen dominieren in der Radiowerbung ganz ge-
only for special effects ... Although they also use short down- nerell. Von den 50 Werbe-Spots, die ich aufgezeichnet habe, be-
glides ... they seem in general to avoid the one-syllable long stehen etwa 55% aus Ansprachen. Diese werden zu 95% von
pitch glides, and completely avoid the reverse glides on one syl- Männern gesprochen, wie z.B. die folgende: ·
lable<< (zit. n. McConell-Ginet 1978).23
Die Intonationsmuster, welche von Frauen verwendet wer- Audi 24
den, klingen emotional involvierter und emphatischer. Man M: Sie haben die Wahl.
kann ihnen keine klar umrissene Bedeutung zuordnen, da
Sie können aufstehen oder liegenbleiben.
diese isoliert betrachtet nur unvollständig konventionalisiert
ist. Sie werden aber als Kontextualisierungsverfahren einge- Sie können ein attraktives Angebot Ihres Audipartners verschlafen
setzt (Couper-Kuhlen 1986). Generell wird mit stark bewegten oder zugreifen.
Mustern emotionale Expressivität assoziiert. Sie können mit Leichtmetallrädern, Breitreifen und neun weiteren Ex-
Wir sehen also, daß es im Bereich von Stimme und Inton- tras aufwachen oder weiterträumen.
ation Ritualisierungen von Männlichkeit und Weiblichkeit Nudi achtzig. Audi hundert.
gibt. Der Radiowerbung, so sie nicht auf die weitere Stereoty-
pisierung der Geschlechter verzichten will, stehen neben inhalt- Jetzt auch als CDI.
lichen genau diese Mittel zur Verfügung. Daß sie darauf nicht Ausgestattet für den gehobenen Anspruch Europas.
verzichten will, werden wir im folgenden sehen. Sie haben die Wahl.
Sie können Kaffee kochen und zu Ihrem Audi-Partner kommen,
22 Siehe auch Kotthoff 1994. ODER abwarten und Tee trinken.
23 Die Unterscheidung von drei bzw. vier Tonstufen muß als starke Vereinfachung
betrachtet werden. Tonhöhen liegen nicht kontinuierlich auf einer bestimmten 24 Satzzeichen stehen hier als Intonationszeichen: ? =stark steigender Ton,'= steigen-
Stufe, sondern stehen in relationalen Beziehungen zueinander. Zur Kritik an der- der Ton,.= fallender Ton,,= fortlaufender Ton. Großschreibung bedeutet Emphas-
artigen Analysen siehe Couper-Kuhlen 1986. Für die Zwecke dieses Aufsatzes, eintonation. Doppelpunkte zeigen Lautlängungen an. In der Werbung wird im Un-
welcher sich nicht an ein Fachpublikum der Prosodieforschung wendet, reichen terschied zu Gesprächen in der Regel in schriftlicher Syntax gesprochen, sodaß die
sie jedoch ob ihrer plastischen Anschaulichkeit aus. Intonationszeichen oft den Regeln der Orthographie entsprechen.

182 183
Dieser Spot wird mit tiefem Stimmregister gesprochen. Die In- Besteht der Spot teilweise oder gänzlich aus einem Dialog
tonation ist kaum emphatisch. Zum Satzende hin fällt der Ton und ist dies ein Beratungsdialog, so findet sich die Frau zu
jedesmal deutlich ab. Die Stimme wirkt nüchtern, aber kompe- 99% in der Rolle der Fragenden. Der Mann wird als der ratge-
tent. bende und aufklärende Experte inszeniert. Steht irgendein
Etwa 45% der Werbung enthalten Dialoge, davon wird Mißgeschick im Zentrum des Geschehens, so ist sie es, die sich
80% mit einer direkten Ansprache (voice over) kombiniert. beunruhigt, Angst und Staunen zeigt, bis er die klärenden
Diese voice overs kommen zu 98% aus männlichem Mund. Worte äußert, welche das Produkt oder die Einrichtung benen-
Sie verkörpern in der Regel die Stimme der Autorität, 25 welche nen, welche die Probleme lösen.
abschließend das Produkt empfiehlt.
ADAC
Quelle Katalog
(Musik)
K: MAMMI MAMMI
F: Oh Mann, ich kann gar nicht hi:nschauen.
F: Was denn?
Das schö:ne Auto, tota:l im Eimer.
K: Der Quelle Katalog hat ein Kind gekriegt.
Naja, Gott sei dank ist uns nichts passiert.
F: Wa::s? Ja, und wie kommen wi:r jetzt nach Hau:se?
M: Der Mini-Katalog von Quelle. Genau wie der große, nur kleiner. Ml: Ich hab' Dir doch gesagt, das regeln die vom ADAC.
Ab sofort bei Ihrem Zeitschriftenhändler.
Der Fahrer, der unser Auto aufgeladen hat, nimmt uns mit, direkt nach
((Musik: Mutter- und Tochterstimmen singen »Meine Quelle<<)) Hause.

Mutter und Kind werden vorgeführt, während der Mann aus F: Aber Pe:ter, was wird denn das ko:sten?
dem Vorführrahmen heraustritt und die Zuhörer kontaktiert. Ml: Ga:r nichts.
Auch seine Stimme ist tief und er realisiert nur schwache Ton- Zum Glück haben wir den ADAC-Schutzbrief dabei.
höhenbewegungen.
M2: Pick-up Service, eine der Leistung des ADAC Euroschutzbriefs.
Thematisch ist die Arbeitsteilung der Geschlechter in der Ra-
diowerbung hochgradig stereotyp. Bezugnahmen auf techni- K"onnen auch Sie haben.
sche Seiten eines Produkts kommen nur aus männlichem Für nur sechsundfünfzig Mark im Jahr von der ADAC-Schutzbriefver-
Mund. Autos, Bier, Wissenschaft und Technik werden nur von sicherungs-AG.
Männerstimmen angepriesen, Mineralwasser, Versicherungen, Exklusiv für Clubmitgleider. Überall beim ADAC.
Ladenketten, Lebensmittel und Wohnungsinventare hauptsäch-
(Männer und Frauen singen »ADAC<<)
lich aus männlichem Mund. Frauenstimmen treten in der Wer-
bung zur Hälfte singend in Erscheinung. Sprechende Frauen M2: ADAC-Euroschutzbrief. Das Plus an Sicherheit zur Mitgliedschaft.
spielen hauptsächlich bei Kaffee, Unterhaltungszeitschriften,
Hier wird ein Dialog vorgeführt zwischen einer besorg-
Schokolade, Kosmetik, Katalogen, Reinigungsmitteln und Rei-
ten Frau und dem sie beruhigenden und beratenden Mann.
sen eine Rolle.
Ein zweiter Mann realisiert die Ansprache an die Hörer-
25 Siehe dazu auch Furnham/Schofield (1986). schaft.

184 185
Oft greifen verschiedene stilistische Hyperritualisierungen Werbung Öl
des Eltern-Kind-Komplexes ineinander. Ml: Warum wirken Placebos. Also anders gesagt, Medikamente, die
gar keine sind.
Lenor
M2: Offensichtlich wirken diese Uraltsubstanzen nicht pharmakolo-
F: Hilfe. Mein Lenor-Nachfüllbeutel ist geschrumpft. gisch, sondern psychologisch. Wenn man es so ausdrücken möchte.
M: Und heraus kam was Besseres. Der Lenorultranachfüllkarton.
Ml: Über Fortschritte und Alternativen in der Medizin berichtet das
F: Der Zwerg? Wissenschaftsmagazin Dimensionen. Jetzt in Österreich eins.
M: Ist ein Riese an Ergiebigkeit. F: In Ö drei erfahrt Ihr, was der Martin der Martina wünscht. Roman-
Mit der kompakten Ultraformel reichen siebenhundertfünfzig Mililiter tische Minuten via Radio und sonstige Sekunden beschert auch heute
jetzt so lange wie vorher der Einliter-NachfüllbeuteL wieder Dominique Heinzier in der Kuschelecke im Treffpunkt Ö drei.

F: Und wie kann ich das dosieren? Vergleicht man eine der zahlreichen männlichen Ansprachen
M: Oh, dafür gibt's die sparsame Ultrakappe. Auf jeder Ultraflasche. mit einer der sehr seltenen weiblichen, so werden subtile Unter-
F: Öhö. Echt stark, der Kleine. schiede deutlich. Der Mann spricht mit dunkler Stimme. Er
realisiert die tiefen Register seines stimmlichen Ausdrucksver-
M: Der neue Lenorultranachfüllkarton. So klein kann höchste Ergie-
mögens; die Frau realisiert ziemlich hohe Register. Männer-
bigkeit sein.
und Frauenstimmen liegen von der Stimmhöhe her in der Wer-
Die Sprache des Mannes wird verwissenschaftlicht, diejenige bung weiter auseinander als im Alltag. Männer sprechen in-
der Frau hingegen verkindlicht. Der Spot beginnt schon mit strumentelle Texte, Frauen expressive. Männer zeigen selten
einem emotionalen Hilferuf. Sie hat ein Problem. Er befindet Emphase-Intonation, Frauen fast immer.
sich in der prototypischen Rolle des Problemlösers. Sie stellt Ich nehme die >>WWK<<-Werbung und diejenige für die
einfache Fragen, und er verwendet in seinen Ratschlägen sämt- >>Bildwoche<< als Beispiele für typische Ansprachen eines Man-
liche pseudowissenschaftlichen Komposita. Am Schluß rea- nes und einer Frau. Der Mann hat andere Intonationskontu-
giert sie noch einmal mit Ausrufen aus dem Teenager-Reper- ren als die Frau. In der Werbung ziehen sich im Unterschied
toire und er mit einer abschließenden Belehrung. Die Ausrufe zur. Alltagssprache Intonationskonturen wohlgeformt über
der Frau zeigen die in der Literatur erwähnten starken Tonhö- Sätze. 26 Man kann also Satzstrukturen und Intonationsstruktu-
henbewegungen. Eine spektrographische Analyse des Ausrufs ren gut vergleichen. Der WWK-Sprecher realisiert, vereinfacht
>>der Zwerg« am Sona-Graphen hat gezeigt, daß sich über betrachtet, drei Tonstufen, die Bildwoche-Sprecherin vier. 27
>>der« eine Kurve errichtet, welche von 213Hz auf330Hz an- Ihre Tonhöhenunterschiede sind also größer. Alle Sätze des
steigt und wieder auf213Hz fällt. Auf >>Zwerg« steigt die Ton- WWK-Sprechers fallen zum Ende hin langsam und deutlich
höhe von 193Hz auf379Hz an. ab. Die der Bildwoche-Sprecherin fallen wenig ab. Die Sätze
Selbst im Bereich der werbenden Ansage für Radiopro- 26 Siehe zu den kornplizierten Zusammenhängen von Grammatik und Intonation
gramme gibt es eine deutliche Arbeitsteilung der Geschlechter. z.B. Couper-Kuhlen 1986.
Der Mann wirbt für wissenschaftliche Sendungen und läßt 27 Ich beziehe mich hier auf Pike's (1945) Modell der vier distinktiven Tonhöhen.
Siehe zur Debatte und Weiterentwicklung dieses Modells Couper-Kuhlen 1986.
einen männlichen Experten zu Wort kommen. Die Frau wirbt Werbungsdialoge sind interaktionsstrukturell so einfach, daß man mit wenig
für romantische Minuten in der Kuschelecke. komplexen Modellen arbeiten kann.

186 187
des Mannes haben einen intonatorischen Höhepunkt, die der •••
Frau mehrere, welche außerdem höher realisiert werden.
Die Intonation des Mannes klingt sachlich, nüchtern, infor- • Grün-or~ng~f~rb~n~s Mark~nzeich~n filr Qu~litätsv~rs~rg~g.
mativ und Autorität vermittelnd. Die Stimme der Frau klingt,
begeistert, erfreut, euphorisch und Begeisterung vermittelnd.
.••• -
Wir finden hier eine Hyperritualisierung des Eltern-Kind-Kom-
So wuchs der Versicherungsbestand der WeWeKa auf fast
plexes. Der Mann spricht emotionskontrolliert und kompe-
tent, wie es für den Vater in der Vater-Kind-Konstellation pro-
totypisch ist. Die Frau spricht so emotionsgeladen, daß ihre
.-


• "-...
schlichte Begeisterung die Frage der Kompetenz erübrigt. dreißig Milliarden Mark.
Ich zeichne die Intonationskonturen über den Phrasen der
beiden Werbespots nach. Diese Analyse ist auditiv. Für die
.••• -
Phrasen >>WeWeKa<< und >>eine starke Gemeinschaft<< wurde WeWeKa.
ein Breitband-Spektrogramm erstellt. Auf >> We WeKa << liegt
das erste >> We << im Bereich von 142Hz, das zweite bei 106Hz .
• -
••
und das >>Ka<< bei 95Hz. Für >>stark<< haben wir eine Kurve ge-
Buchstäblich die Lebensstandardabsicherung für eine Million
messen, welche von 101Hz auf 112 ansteigt und dann wieder
auf 83Hz fällt. Auf dem >>ei<< in Gemeinschaft haben wir 93 •
Hz gemessen und auf dem >>a<< 81Hz. Das sind in diesem Spot
vergleichsweise emphatische Konturen.
.
•• - "-...
Kunden.
••
Die auditive Analyse entspricht einer >>tune analysis<<, wie
sie mit den Namen Jones und Armstrong/Ward verbunden
wird. Die Spiegelstriche repräsentieren betonte Silben und die
.
• -
Den Weg in diese starke Gemeinschaft zeigt Ihnen Ihr WeWeKa-
Punkte unbetonte.
•••
WWK-Versicherungen
. ·. . . . . . . . ·- . .
Versorgungsfachmann beziehungsweise Versorgungsfachfrau .
"-...

••
•• .••• -
M: WeWeKa. WeWeKa .
••

• .••• -
Drei große Buchstaben. Eine starke Gemeinschaft seit Generationen .
.•• - .
• .-

••
Eine große Versicherung. WeWeKa.

188 189
Bildwoche gezeigt. Der Mann im folgenden Spot ist deutlich als ungebil-
det portraitiert. Er interessiert sich nicht für Kultur und
F: ((singend)) Bildwoche. Was braucht man mehr?
spricht den englischen Namen Colombo deutlich mit deut-
•• schem Akzent .
•• Die Sprecherin spricht ebenfalls mit hoher Stimme und
F: Die neue Bildwoche ist da. mit starker Tonhöhenbewegung. Sie belehrt dadurch den
Mann nicht primär, sondern steckt ihn mit ihrer Begeisterung
••
.• -
Mit dem übersichtlichen Fernsehprogramm.
an .

Die Zwei .
•••
. -
Und neun Seiten voller Rätselspaß und tollen Gewinnen.
M: Was? Programmänderung? Kultur der Inkas? Ich denk jetzt kommt
Colombo .
F: Ja, Sie brauchen die Zwei. Die große Illustrierte mit dem aktuellsten
•• Fernsehprogramm. Die kaufen Sie heute und haben ab Samstag das

.-

Vom Traumurlaub bis zum Extra-Taschengeld.
Programm für die kommende Woche. Mit allen Programmänderun-
gen.
0
Außerdem brandaktuell. Königliche Traumhochzeit. Lord Lindley hei-
·-•• ratete Verena (? ?) und Diana brach in Tränen aus. 0
• Also, die Zwei. Heute neu.
Bildwoche.
.•• - M: ((singt)) Eins und eins, das macht zwei.

• Dies ist eines der wenigen Beispiele, wo eine Frau einem Mann
Fernsehen, Freizeit, Aktuelles für nur eine Mark sechzig. Ratschläge erteilt. Sie spricht mit heller Stimme. Die Inton-
F: ((singend)) Bildwoche. Was braucht man mehr? ation ihrer Sätze kann nicht als stetig fallend gekennzeichnet
werden, sondern eher als hüpfend. Das letzte Wort einer Kon-
tur wird häufig erneut hoch angesetzt. Die Tonhöhenbewegun-
Betrachten wir die Werbung für die Programmzeitschrift >>Die gen sind dynamischer als bei den Männern.
Zwei<<, welche in diesem Korpus die einzige ist, in der eine Interessant ist auch die im Flüsterton dargebotene Klatsch-
Frau einen unzufriedenen Mann berät. Dieser Mann, der hier imitation. Die Sprecherin suggeriert dadurch Nähe zu den Hö-
in einer untergeordneten Rolle dargeboten wird, ist ironisiert. rern und Hörerinnen. Die Sprecherin informiert hier nicht
Männer, welche dem Stereotyp des emotionskontrollierten, sachlich, sondern betont suggestiv.
wissenden, überlegenen Typus nicht entsprechen, werden auch In der Radiowerbung findet sich insgesamt eine Portraitie-
in der Radiowerbung in der Regel ironisiert, sei es über Dia- rung der Geschlechter, welche derjenigen in der Bildwerbung
lektelemente, unkoutrollierte Ausrufe, falsche Aussprache von entspricht. Über Dialogrollen, Stimmen und Intonation wird
fremdsprachlichen Wörtern usw. Goffman hat diese Ironisie- dem Mann Autorität, Kompetenz und Sachlichkeit zugeordnet
rungen von abweichenden Männern für die Bildreklame klar und der Frau Emotionalität, Hilflosigkeit und Instabilität.

190 191
Goffman kommt bei seinen Analysen des Genderismus zu Goffman, Erving: Interaction Ritual: Essays on Face to Face Behaviour
dem Schluß, nicht Religion, wie Marx meinte, sondern Ge- (1967); dt.: Interaktionsrituale. Frankfurt 1971.
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schlecht sei das Opium des Volkes. Ich stimme ihm darin zu. dt. Rahmen Analyse. Frankfurt 1977.
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1977: 301-331, dt. in diesem Buch.
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Robert/Lenz, Kar! (Hg.): Erving Gaffman-ein soziologischer Klassi-
ker der zweiten Generation. Bern!Stuttgart. Marcus S. Kleiner (Hg.)
Michel Foucault
Einführung in sein Denken
2001. 220 Seiten
ISBN 3-593-36847-1

Foucault sah sich als Experimentator, der schreibt,


um sich und sein Denken zu verändern. In diesem
Sinne nähert sich das Buch seinem Werk von ver-
schiedenen Seiten, ohne sich dabei festzulegen. Die
Beiträge sind auf Textnähe und die Einbindung ihres
Themas in den Kontext des Gesamtwerks bedacht.

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