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Victor Jestin, Hitze

Luzerner Zeitung, 02. Mai 2020


Leona Stahlmann, Der Defekt
NDR Kultur, 9. April 2020

Wenn das Begehren als „Systemfehler“ erlebt wird.


Leona Stahlmanns lyrischer Debütroman Der Defekt

Anmoderation
Zwei Jahre nachdem Leona Stahlmann mit dem Hamburger Förderpreis für Literatur ausgezeichnet worden ist, ist nun
ihr Debütroman erschienen. Der Defekt, so der Titel, spielt in der dörflichen Umgebung des Schwarzwalds und
erzählt vom Coming-out eines jungen Mädchens, das anders empfindet als ihre Freundinnen. Heide Soltau stellt das
Buch vor.

„Vetko erschoss ihn dann selbst“. Mit diesem verstörenden Satz beginnt Leona Stahlmann ihren Roman und schildert
in der Eingangsszene, wie der achtzehnjährige Schüler seinen kranken Hund mit einer geliehenen Jagdbüchse tötet.
Mina beobachtet ihn dabei und erinnert sich an den zurückliegenden Sommer und das, was sie mit Vetko erlebt hat:
den Kuss, seine Hand an ihrer Kehle und die Aufforderung, die Bremse, die sich auf ihren Arm gesetzt hat, nicht
abzuwehren, sondern es auszuhalten, dass sie zusticht.

Sprachmächtig, oft über Naturbilder, erzählt Leona Stahlmann vom sexuellen Erwachen Minas und ihrer lustvollen
Verstörung, wenn sie sich Vetko unterwerfen und Schmerz fühlen darf.

O-Ton: Leona Stahlmann


Man kann mit Sprache, gerade mit sehr verdichteter Sprache, im Kopf aber auch körperlich einen
unheimlichen Druck ausüben. Und durch diese Verlyrisierung, diese sehr barocke Sprache, habe ich
versucht, das ein bisschen nachzumodellieren. Damit der Leser beim Rezipieren des Buches es ein bisschen
körperlich nachfühlen kann, wie sich das anfühlt, wenn man so in die Ecke gedrängt wird.

Der Bremsenstich tut weh, andere würden sich dem nicht aussetzen wollen und das Insekt abwehren. Mina
aber fügt sich der Aufforderung Vetkos und bemerkt, wie der Schmerz des Bremsenstichs sich mit Lust
vermengt. Später erinnert sie sich, dass sie als Kind schon einmal etwas Ähnliches erlebt hat, als sie im
Wald in einen Brennnesselbusch griff. Für Leona Stahlmann ist das die Initiationsszene.

O-Ton: Leona Stahlmann


Da ist sie um die Vier-Fünf und stellt fest, andere Kinder empfinden Schmerz und sie empfindet das Gefühl erstmal gar
nicht negativ, sondern für sie ist es interessant, der erste Kontakt mit Schmerz als Stimulanzie. Aber sie merkt auch,
dass das nichts ist, das sie mit andern teilen kann.

Der Defekt nennt die 31jährige Autorin ihren Debütroman. Denn so erlebt es Mina im Vergleich mit ihren
Freundinnen, als würde etwas mit ihr nicht stimmen.

O-Ton: Leona Stahlmann


Mina kämpft mit ihrer Sexualität, das ist der Prozess, den sie durchläuft, dass sie erstmal versucht zu
verstehen, was ist das eigentlich? Und dann fragt: Wo kommt das her, kann ich das wieder wegmachen,
oder möchte ich das wegmachen?

Während Mina nach Antworten sucht, steht irgendwann der Begriff pervers im Raum. Ließe sich ihr Defekt
reparieren? Vetko stellt sich diese Fragen nicht. BDSM-Sexualität, also Bondage & Disziplinierung, Dominanz &
Unterwerfung, Sadismus & Masochismus, ist für ihn nichts Bedrohliches, sondern Teil der natürlichen Ordnung, so
wie es auch Homosexualität und Transsexualität gibt.

O-Ton: Leona Stahlmann


Was ich herausarbeiten wollte in dem gesamten Buch, ist, dass diese Form von Sexualität wie alle Sexualität
gleichzeitig etwas Sexuelles und etwas an der Peripherie der Sexualität hat, was nicht unbedingt nur Sex-Sex ist. Es ist
nicht nur Sex zentriert, es geht nicht nur um Erregung, sondern jede Sexualität, die auch Identität wird, hat auch mit
einer Lebensform zu tun, die natürlich auch anderswo stattfindet als im Bett. Und diese Sphäre, die ziemlich
ungreifbar ist, habe ich versucht abzubilden.

Das ist Leona Stahlmann auf bemerkenswerte Weise gelungen. Spannungsreich und ohne jeden Voyeurismus erzählt
sie von der Suche Minas nach ihrer sexuellen Identität, so genau und poetisch wie man es selten gelesen hat. Und
nebenbei klärt sie über wichtige Spielregeln der BDSM-Sexualität auf. Das mag gelegentlich vielleicht etwas
überambitioniert wirken, funktioniert aber. So wie Vetko Mina an die Hand nimmt, dürfen sich auch die Leserinnen
und Leser an die Hand genommen fühlen. Auf den Nebenstrang allerdings, in dem Leona Stahlmann von Minas
Freundin erzählt, die nach Indien aufbricht und dort ihr Lebensglück sucht, hätte man gern verzichtet und stattdessen
mehr von der Studentin Mina erfahren. Auch sie verlässt den Schwarzwald und zieht ins Ruhrgebiet. Vetko dagegen
bleibt im Dorf, ein Außenseiter und Einzelgänger - und kein Sympathieträger.

O-Ton: Leona Stahlmann (41)


Das darf der auch gar nicht sein. Der ist ja auch nicht besonders schön. Das war mir ganz wichtig. Diese
Geschichte zwischen Mina und Vetko wird häufiger als Liebesgeschichte gelesen, aber eigentlich ist das gar
nicht so angelegt. Diese Form der Beziehung muss nicht auf Liebe gegründet sein. Das wollte ich
porträtieren.

Mina kehrt am Ende in ihr Dorf zurück. Die letzte Szene zeigt sie in Vetkos Garten, wo sie auf der Erde kniet und eine
Brennnessel einpflanzt, während er vor ihr steht. Ein Bild von berührender Intensität.

Der Defekt. Roman von Leona Stahlmann

Kein & Aber Verlag/ 22 €

ISDN: 978-3-0369-5821-7

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