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Attila Mészáros

Literatur im Internet – Netzliteratur?

2004
1. Einführung

1.1 Technischer Hintergrund – das Internet

Vor etwa 10 Jahren sagte der Informatiker und Geschäftsmann, ein gewisser BILL
GATES, das Weltnetz sei nur eine kurz dauernde Modewelle. Heute, im Jahre 2004, ist
derselbe Mann Besitzer der größten Softwarefirma der Welt, die mit ihrem Internet Explorer
eine Monopolstellung auf dem Markt hat. Die Rede ist über das Internet, das vermutlich
wichtigste und bekannteste Phänomen unserer Tage. Die Vor- und Nachteile des Weltnetzes
sind heute allgemein bekannt: Es dient vor allem der Kommunikation, es wird als
Informationsquelle, als virtueller Spielraum benutzt, es erleichtert den Handel und den
Kontakt unter den Menschen.
Das Internet ist mehr als nur ein durch Verbindung von mehreren PCs aufgebautes
internationales Computernetz. Für viele Leute ist das Online-Sein ein Lebensstil, seien sie
Chatter, Gamer, mp3-Fans oder nur einfache Surfer. Internet-Freaks sitzen Tag und Nacht
vor dem Monitor, schreiben E-Mails, hören NetMusic, tauschen Musikfiles untereinander,
laden Spiele herunter, bauen Webseiten usw. Hypothetisch kann man annehmen, dass das
Internet eine virtuelle Abbildung der realen Welt ist. Die grundlegenden biologischen
Bedürfnisse sind durch das Netz allerdings nicht zu befriedigen, viele Prozesse der
Wirklichkeit sind aber auch da „anwesend“. Heute ist es schon möglich, den ganzen Tag zu
Hause zu sitzen und via Internet zu arbeiten (Telearbeit), Bücher und Zeitungen zu lesen (e-
Books, e-Zines), online Pizza zu bestellen und per MicroPay zu zahlen. Wenn wir eine kurze
Pause machen wollen, gibt es da auch NetRadio, RealTimeTV oder IRC-Kanäle, um ein
bisschen mit unserem (virtuellen) Nachbarn aus Neuseeland zu plaudern.
Trotz der scheinbaren Freiheit des Netzes ist das Internet auch nicht allmächtig:
obwohl die Anzahl der Webseiten Tag für Tag rasch wächst, man kann das Netz noch immer
nicht als „Speicher des unbegrenzten Wissens“, wie es sich ursprünglich VANNEVAR BUSH in
seinem MEMEX-Konzept vorstellte1. Oft gibt es Fälle, wenn gesuchte Informationen im
Internet nur am Rande oder gar nicht erwähnt sind. Hier gibt es kein Amt, das eine
„kanonisierende“ Funktion hätte, d. h. regulieren sollte, welche Informationen im Netz

1
Bush: As we may think

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publiziert werden sollten. Andererseits bringt aber diese Unbegrenztheit und Anonymität des
Webs auch positive Wirkungen mit: trotz allen Bemühungen verschiedener Organe der
Offline-Welt herrscht hier bis heute eine relativ große Presse- und Meinungsfreiheit. Dank
dieser Tatsache können alle Web-Benutzer als potenzielle Autoren verstanden werden: man
kann frei seine Texte – Gedichte, Memoiren, Tagebücher etc. – publizieren, ohne dazu einen
Verlag um Hilfe bitten zu müssen. Es ist also kein Zufall, dass es in dem virtuellen Raum
stufenweise zur Entwicklung einer Literatur kam, die heute unter dem Begriff „Netzliteratur“
bekannt ist. Ihre Herausbildung hängt eng mit der Textualität des Netzes zusammen, die in
dem nächsten Kapitel genauer beschrieben wird.

1.2 Textualität im Internet

Das Internet ist seit seiner Geburt primär textbasiert. Als Vorläufer des heutigen
Weltnetzes werden die ehemaligen ARPANET, NSFNET und CSNET bezeichnet, die in den
70er und 80er Jahren auf akademischem und militärischem Boden in den USA entwickelt
worden sind. Das ARPANET wurde 1969 mit dem Zweck entwickelt, im Falle eines
sowjetischen Atomangriffes als Kommunikationskanal der US-Regierung zu funktionieren.
Das ursprünglich geschlossene Netz wurde stufenweise durch Universitäten und anderen
akademischen Arbeitsplätzen erweitert, später wurden auch die ersten IT-Protokolle geboren,
um den ständig wachsenden Bedürfnissen entsprechen zu können. Die alphanumerische-
textuelle Ära des Netzes wurde grundlegend gegen 1993 verändert, als der erste „user-
friendly“ Browser, das NCSA-Mosaic erschien. Er ermöglichte und erleichterte den Zugang
zum Web immer mehr Benutzern, die neben den Texten auch verschiedene multimediellen
Inhalte – Musik und Bilder – schon übertragen konnten: es begann die Internet-Zivilisation.
Die beliebteste Suchmaschine des Webs, das Google sucht zur Zeit in mehr als
4 Milliarden Seiten, und diese Zahl wird Tag für Tag höher. Es gibt mehrere Untersuchungen,
um den Anteil von Texten bzw. anderen Inhalten festzustellen, aber auch so kann man
annehmen, dass das Internet bis heute grundlegend textbasiert ist. Wenn auch immer mehr
audielle und visuelle Dateien zum Ansehen, Anhören angeboten werden, die meisten
Informationen sind in textueller Form zugänglich, das sind z. B. Online-Zeitungen, Bücher,
Internetforen etc. In diesem Aspekt ist es nötig, sich hier mit dem Begriff der
Hypertextualität kurz zu beschäftigen, das ganze Konzept des Weltnetzes ist eigentlich darauf
aufgebaut. Das Hypertext-Konzept ermöglicht die Verbindung von Webseiten miteinander,
d.h., es ist möglich, durch einen Mausklick von einer auf eine andere Seite zu springen, um

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weitere Informationen zu sammeln. Irgendwie ist die ganze Hypertextualität stark
mythologisert, man sieht darin die Auflösung der klassischen Gesetze der Textualität, das
Verschwunden des Autors vom Text, obwohl die relative Freiheit weiter vom Autor des
Textes begrenzt wird (der Leser kann nur den angebotenen Hyperlinks folgen, die vom Autor
gemacht worden sind). Trotz dieses „Mangels“ ist die sog. Netzliteratur mehr oder minder auf
diesem Konzept aufgebaut2.

2
Storrer: Was ist „hyper“ am Hypertext?

4
2. Über die Existenz einer „Netzliteratur“

2.1 Ein Definitionsversuch für „Netzliteratur“

Jedes Medium, das neu erscheint und die Reihe der bisherigen erweitert, erweitert
notwendigerweise auch die Präsentationsmöglichkeiten des Menschen. In der langen
Geschichte der sog. Individualmedien bedeutete eine revolutionelle Wende die Erscheinung
des Buches: es begann die Umformung der bisherigen oralen Literatur in eine schriftliche.
Das Internet ist das neue Medium des postmodernen Menschen, es beeinflußt seine Sprache,
sein Lebensstil, seine Kommunikation. Der neue Mensch lebt mit dem Web und versucht, in
diesem virtuellen Raum eine neue Identität aufzubauen: das Ergebnis dieser
„Selbstverwirklichung“ ist die ständig steigende Anzahl der Webseiten. Man kann annehmen,
die Präsentation im Netz ist auch eine Art Exhibitionismus.
In Kenntnis der obigen Tatsachen ist es ziemlich schwer, eine eindeutige Definition
für die Netzliteratur zu finden. Die Situation ist ähnlich, wie beim Definieren der
„klassischen“ Offline-Literatur: gehören alle Texte des Internet in den Kreis der Netzliteratur,
oder nur jene, die gewissen künstlerischen Kriterien entsprechen. Wenn letzteres, dann ist
auch eine digitale Version eines Goethe-Gedichtes ein NL-Werk oder darf man darunter nur
jene Werke verstehen, die schon ursprünglich mit dem Zweck gemacht wurden, erst im Netz
publiziert zu werden. Mit anderen Worten: sind einfache elektronische Dokumente (z. B.
Word-Dateien, PDF-Dokumente) schon Netzliteratur oder ist es nötig, dass sie auch gewissen
technischen Bedingungen entsprechen (z. B. Hypertext, Animationen). Macht man eine Tour
durch renomierte NL-Seiten, erhält bald den Eindruck, Netzliteratur ist alles, nur nicht simpler
Text. Auf dem bekannten NL-Portal www.eliterature.org findet man die folgende
Klassifizierung: hypertext, reader collaboration, other interaction, recorded
reading/performance, animated text, other A/V-Animation, generated text. Man sieht also, in
die Netzliteratur gehörende Texte sind meistens Mehr-als-Texte, fordern mehr oder minder
auch gewisse Interaktivität mit dem Leser, während „reine“ Texte fehlen völlig. Was ihr
Thema betrifft, es gibt verschiedene Aufteilungen, aber meistens entsprechen sie den
„klassischen“ Dreiteilung der Gattungen: man findet unter ihnen Poesie, Prosa sowie auch

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Drama. Trotzdem können die digitalen Versionen von früher entstandenen Werken (z. B.
Klassiker in digitalen Bibliotheken) nicht als Netzliteratur bezeichnet werden, wenn auch
einige Merkmale der Netzliteratur auch für sie charakteristisch sind, wie Hypertext-Struktur,
multimedielle Ergänzungen usw.; das sind eher in die Kategorie „elektronische Texte“
einzuordnen. Deshalb muß man einen klaren Unterschied zwischen „Netzliteratur“ und
„Literatur im Netz“ machen. HERMANN ROTERMUND unterscheidet sich bei der
Charakterisierung der Netzliteratur vier Typen3:

1. traditioneller Fließtext - Gedichte und Erzählungen, die sich von ihrer medialen
Umgebung noch in keiner Weise beeindrucken oder beeinflussen lassen
2. nur Text - Hypertext-Literatur im Sinne der von MICHAEL JOYCE und anderen
entwickelten Hyperfiction: navigierbarer Text mit einer häufig recht komplexen und
häufig nicht-linearen Struktur
3. Text- und Sprachexperimente in der Tradition der barocken Lyrikmaschinen bzw. der
konkreten Poesie, wo neben textuellen auch visuelle und audielle Eigenschaften des
Textes in den Vordergrund treten
4. multimediale Texte – Verbindung von Text, Ton und Bild, der Weg zum sog.
Gesamtkunstwerk4

3
Rotermund: Die Laudatio zum 2. Internet-Literaturwettbewerb
4
siehe auch Petőfi S.: Multimediális szövegek

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In dieser Hinsicht könnte man die Netzliteratur als Gesamtheit von Texten in der
Online-Welt bezeichnen, die mit literarischem Anspruch und Berücksichtigung der
spezifischen technischen Möglichkeiten bzw. Bedingungen des Netzes produziert werden.

2.2 Autor vs. Leser im Netz

Schon im Zusammenhang mit den elektronischen Büchern wurde es oft erwähnt,


durch neue Medien wird der Weg zwischen dem Autor und dem Leser drastisch verkürzt:
sobald der Autor seine Texte auch allein publizieren, d. h. den Lesern in finaler Form anbieten
kann, werden keine Zwischenstationen wie Verlag, Drucksvorbereitung etc. nötig. Im
Medium Internet erhält der Begriff „Autorenschaft“ eine besondere Füllung: im anonymen
Dschungel der Texte ist es oft schwierig, den Autor eines Textes eindeutig zu bestimmen, vor
allem, wenn ein Text auch in mehreren Versionen zur Verfügung steht. Roland Barthes
schrieb 1984 von dem Tode des Autors, ein Jahre später wurde diese These auch von Foucault
bestätigt: nicht mehr der Ursprung, sondern der Zielpunkt des Textes ist wichtig. Der Autor
als Individuum verschwindet vom Text, seine Rolle wird von dem sog. kollektiven Autor
übernommen. Das bedeutet, den Prozess des Lesens wird nicht mehr der Autor allein
bestimmen, seine Verbundenheit an den Text wird aufgelöst und durch den Leser ergänzt:
auch der Leser wird zum Autor; der Begriff des „wreaders“ (writer + reader) wird eingeführt.
Auch der Prozess des Schreibens wird damit verändert: an die Stelle des linearen Schreibens
tritt das Cut’n’Paste-Vergehen, d. h., Textsequenzen von verschiedenen Quellen werden
kopiert und in den neuen Text eingebettet. So wird die Texterzeugung immer mehr zu einer
Art Zitierung, die Aufgabe des Autors (der Autoren) liegt damit in dem Zusammenlegen und
Anordnen von Textfragmenten.
In der auf dem Hypertext-Konzept aufgebauten Welt des Internet ist die Autor-Leser-
Frage besonders aktuell. Dass jeder Text als Ausgangspunkt zu weiteren Texten interpretiert
werden kann, dass Hyperlinks dem Leser unbegrenzte Freiheit ermöglichen, sind beliebte
Thesen der engagierten Cyberfans. Man darf aber nicht vergessen, dass hinter dieser
scheinbaren Freiheit steht doch ein Autor. Hyperlinks können in dem Text nicht beliebig
hergestellt werden, d. h., der Leser kann nicht an beliebigen Stellen in andere Texte
übertreten, nur dort, wo das vom Autor erlaubt ist – wo sich Hyperlinks befinden.
Das zweite Problem hängt mit der Authentizität zusammen: es wurde oben schon
erwähnt, dass in dem Netz meistens schwierig ist, den ursprünglichen Autor eines Textes
eindeutig festzustellen. Gleiche Texte tauchen auf vielen Webseiten auf, ob schon in

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unveränderter Form oder mit kleineren-größeren Änderungen; es ist oft unsicher, welche
Version kann als das Original bezeichnet werden. Im Gegenteil zu den Büchern ist der
Texterzeugungsprozess von elektronischen Texten sehr leicht zu folgen. Während der
Schriftsteller sein Werk in einem gewissen Zeitpunkt beendet und später auch veröffentlicht,
beim Herstellen von E-Texten werden ständig neuere und neuere Texte produziert, das sind
die „save“ und „save as“ Funktionen von Texteditoren. Diese Texte sind miteinander fast
identisch, trotzdem gibt es unter ihnen auch Unterschiede, ZOLTÁN SZŰTS führt dafür den
Begriff der Textklone ein5. In diesem Falle ist es schwer, von einem Textoriginal zu sprechen,
man sollte eher über „erstes Vorkommen“ (erste Veröffentlichung) reden.
Diese Tatsachen stellen neue Aufgaben vor die Literaturwissenschaft, bzw. auch die
(Text-)Linguistik Einerseits muss man schon jetzt nachdenken, wie der Begriff „Text“ neu
definiert werden sollte, andererseits ist auch eine neue Interpretation der Autor- bzw. der
Leser-Rolle nötig. Das Internet ist nämlich nicht bloß Speicher von Texten, seine spezifischen
Eigenschaften ermöglichen auch die Erzeugung von Texten neuer Art, wo die herkömmlichen
Thesen sind nicht mehr eindeutig gültig.

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Szűts: A hypertext

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3. Der mythische Hypertext

3.1 Exkurs: Kurze Hypertext-Geschichte

Spricht man von dem Internet, fallen jedem zuerst bestimmt Ausdrücke mit
Bezeichnungen „e-“, „virtuell“, „web-“ und „hyper-“ ein. Obwohl das Netz heute kein Mittel
der „Ausgewählten“ ist und es wird von allen Generationen fast überall benutzt, sind mit dem
Begriff „Netz“ noch gewisse mythisch aussehende Gedanken verbunden. Der alltägliche
Benutzer sieht meistens nur die oberen Schichten des Netzes, d.h. besucht Webportale, um die
Nachrichten zu lesen oder E-Mails zu versenden, sucht Informationen mit seiner beliebten
Suchmaschine, oder einfach klickt von Seite zu Seite. Die echten Netz-Insider leben aber
davon, dass sie die tieferen Strukturen des Webs entdecken. Ziemlich gut haben das die Filme
„The Net“ oder „Johnny Mnemonic“ dargestellt, wo die Realität auch zum Teil des virtuellen
Lebens worden ist. Es gibt Mythen, es gäbe einige Web-Gurus, die verschiedene
Geheimkodes kennen, die zum Fungieren des Netzes nötig sind, oder dass das ganze Leben ist
nur Bluff, das reale Leben ist im Netz (siehe den Film „Matrix“).
Abgesehen von diesen mehr oder minder phantastischen Mythen ist es Tatsache, dass
das Netz in seiner heutigen Form den ersten Schritt zur Verwirklichung eines alten
menschlichen Traums bedeutet, nämlich zu dem unbegrenzten Wissen. Als Wegbereiter
dieser Idee gilt der oben schon erwähnte VANNEVAR BUSH, der in seinem MEMEX-Konzept
eine Maschine vorstellte, die als Speicher des menschlichen Wissens fungieren sollte. Mit
Hilfe dieser Maschine sollten die miteinander verbundenen Informationen schnell recherchbar
sein, ähnlich, wie heute im Internet. Die MEMEX-Maschine wurde nie realisiert, ihre Idee
wurde aber von anderen Fachmännern weiter entwickelt, einer davon hieß TED NELSON. Der
Soziologe und Philosopher arbeitete schon seit den sechziger Jahren an dem sog. XANADU-
Projekt, mit dem Zweck, eine elektronische „Weltbibliothek“ aufzubauen. In seinem 1974
erschienenen Buch Computer Libdream Machines verwendete er zuerst den Begriff
„Hypertext“, er verstand darunter „nicht-lineares Schreiben, einen Text, der durch seine Links
dem Leser Wahlmöglichkeiten bietet“. NELSONS XANADU-Projekt blieb bis heute ohne
Erfolg, er selbst gilt aber als Vater des Hypertext-Begriffes. Die Verwirklichung des ersten

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Hypertext-Systems ist DOUGLAS C. ENGELBART, dem Leiter des Forschungszentrums
Augmentation Research Center an der Universität Stanford zu verdanken. Das von ihm
entwickelte und 1968 präsentierte oN-Line System (NLS) war das erste Hypertext-basierte
System, das schon auch Telekonferenzen und File-Sharing ermöglichte. Nach langen Jahren
der Entwicklung, Erstehen und Verschwunden bedeutender Zwischenstationen (ARPANET,
NSFNET) kam es zum Wendepunkt in der Geschichte des Hypertextes: 1989 wurde das
World Wide Web von TIM BERNERS-LEE am Kernforschungszentrum CERN in Genf
entwickelt und damit kam es zur Enstehung des modernen Netzes, das heute schon als
Internet bekannt ist.
Die im Web heute erreichbaren Dienste (Webseiten, E-Mail, Chat, Mailing-Listen,
Newsgroups etc.) sind nur einige Möglichkeiten, die der Hypertext bietet. Seine Popularität
steckt sich vor allem darin, dass Informationen attraktiver präsentiert und schneller erreichbar
werden können, beim Lesen von Faust braucht man nicht, ein Lexikon aufzublättern, um
etwas über Goethes Leben zu finden, es genügt sich, auf dem entsprechenden Hyperlink zu
klicken und die gesuchte Information steht schon auf dem Bildschirm. Natürlich gibt es auch
Gegner, die damit argumentieren, die Veröffentlichung von Webinhalten ist ein
unkontrollierbarer Prozess und das Merkmal der Qualität wird damit bedroht. Das Internet
kann also geliebt und gehasst sein, die Tatsache ist das, dass es sich zu unserer alltäglichen
Informationsquelle und Kommunikationsmittel entwickelte und langsam als kein „neues“,
sondern „normales“ Medium gilt.

3.2 Hypertext und Literatur

Der Hypertext ist Untersuchungsgegenstand einer ganzen Reihe von Studien, ob schon
aus textlinguistischer oder literarischer Perspektive; der Zweck dieser Arbeit ist nicht das,
diese zu rekapitulieren, sondern kurz die Hypertext-Literatur-Relation zu charakterisieren.
Zuerst ist aber eine Definition der Termini nötig, um die Zusammenhänge eindeutig erklären
zu können.

1.) elektronische Dokumente – Hypertexte sind (primär) elektronische Dokumente, d. h., sie
sind in digitalisierter Form gespeichert, aber nicht alle elektronische Dokumente sind auch
Hypertexte. Das bedeutet, ein einfaches Word-Dokument, der über keine Links verfügt, kann
nicht als Hypertext bezeichnet werden.

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2.) Hypertext – eine Definition hat schon selbst TED NELSON formuliert, eine allgemein
akzeptierbare wäre die folgende: Hypertexte sind computerverwaltete, nicht-linear
organisierte Texte, die durch Einbettung multimedieller Inhalte (Bilder, Tondateien) die
Übermittlung von Informationen auf mehreren Sinneskanälen ermöglichen.
3.) computerverwaltete Texte – auch einige gedruckte Texte können Hypertext-ähnliche
Merkmale aufweisen (z. B. nicht-lineare Gedichte etc.), diese sind aber gedruckt, so können
sie die Grenzen der räumlichen Dimension nicht übertreten, wie die digitalisierten Texte,
d. h., sind sie egal wie rafiniert geschrieben und gedruckt, beim Lesen kann man diese
Faktoren nicht ausschliessen.
4.) Hypertextnetz – eine, durch die Verbindung von Hypertexten mit Hyperlinks gebildete
Struktur
5.) Hypertexttypologie – die Klassifizierung von Hypertexten nach bestimmten Merkmalen.
Die zwei Hauptklassen bilden die unilinearen, bzw. die multilinearen Hypertexte. Hypertexte
mit unilinearer Struktur sind eigentlich klassische lineare Texte, bzw. lineare Texte mit
Nebenlinien, die aber nur als Informationsergänzungen dienen (Fußnoten, Anmerkungen am
Ende des Textes). Multilineare Hypertexte sind auf ersten Blick „echte“ Hypertexte, d. h., sie
erlauben das Wandern zwischen den Texten, aber nur wo sich ein Hyperlink befindet. Im
Grunde sind diese auch Texte mit linearer Struktur, die Nebenlinien werden nämlich an einem
Knotenpunkt wieder miteinander verbunden, und die Handlung hat nur ein Ende. Das
bedeutet, es ist möglich, dass acht Nebenlinien acht verschiedene Neben-(Haupt?)Handlungen
zu Ende führen, diese werden aber auf einem gewissen Punkt verbunden und beendet. Eine
gute und sehr gründliche Übersicht der Hypertext-Typologie findet man bei JOYCE und bei
PHELBS6.

Die Hypertextualität gehört zu den meist diskutierten Themen der postmodernen


Literaturwissenschaft. In diesem Zusammenhang kommen vor allem Fragen wie
Intertextualität, Leser-Autor, Masse und Individuum vor. Obwohl ihre Vorteile vor allem in
elektronischen Dokumenten, d. h. in Hypertexten im Internet verwendbar sind, es gibt auch
viele gedruckte Texte mit Hypertextstruktur. Es ist aber eine falsche These, dass alle Literatur
im Netz auf dem Hypertext-Konzept basiert. Es ist nur eine der Möglichkeiten, die das Netz
bieten kann, außerdem existieren aber auch andere Wege, litararische Texte unterschiedlich
von den herkömmlichen „postmodern“ strukturieren zu können (Texte in Verbindung mit

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Joyce: Authoring as Architexture: Toward a Hyperfiction Poetics.
Phelbs: The Choicest Bits

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AV-Dateien, multimedielle Texte). Beim Hypertext wird meistens seine Interaktivität
hervorgehoben: durch den Hyperlinks gibt der Autor den Teil seiner Autorität auf und erlaubt
dem Leser, als Co-Autor in den Text zu treten und die Geschichte weiter zu entwickeln. Wie
es oben schon beschrieben wurde, es handelt sich da eher um eine falsche Interaktivität - der
Autor bleibt weiter im Hintergrund, die Leser können nur an von ihm eröffneten Stellen in
den Text eintreten und nur vorher bestimmten Linien folgen. Aus der Perspektive der
Intertextualität ist aber der Hypertext die beste Textsorte, an der dieses Phänomen erklärt
werden kann. Beim Lesen von gedruckten Texten kommen intertextuelle Elemente meisten in
der Form von Zitaten und Fußnoten vor, dadurch wird aber die Linearität des Textes
unterbrochen. Im Hypertext wird dieser Nachteil durch den Hyperlinks beseitigt: an den
entsprechenden Stellen findet man im Text einen „Ausweg“, wo andere Texte in den
jeweiligen eingerufen werden können. Zum Beispiel: liest man ein Gedicht mit
biographischen Merkmalen des Autors, diese werden als Hyperlinks bezeichnet, wo der Leser
gleich in den Text der Biographie übertreten kann, um mehrere Informationen zu diesen
Elementen sammeln zu können. Durch Hyperlinks können Zitate ersetzt werden, ein
scheinbar kurzer Text kann dadurch viel länger sein. Das bedeutet aber auch eine gewisse
Umformung der Rolle des Autors: er ist kein Autor mehr im klassischen Sinne, sondern
Editor, der verschiedene Textsequenzen miteinander nach seiner Wahl verbindet – an dieser
Stelle ergibt sich die Frage: braucht man den Autor noch oder wird alle Macht dem Leser
gegeben? Damit hängt sich auch die Frage des Individuums zusammen. In unserer digitalen-
textuellen-anonymen Welt sind Texte keine Individuen, sondern nur Teile einer
übergeordneten Struktur, in diesem Falle des Internets. Da ist es nicht mehr wichtig, wer der
Autor ist, sondern was für Informationen darin sind. Deshalb sind Texte auch miteinander
verbunden, Wege zum noch komplexen Wissen zu eröffnen. In diesen Text kann der Leser
beliebig ein- und weitertreten, beliebigen Leserstrategien folgen und auch das Hinaustreten
gehört in seine Kompetenz – sucht man Informationen über Napoleon und endet auf einer
Seite über das „Blaue Mauritius“.
Trotz der Tatsache, dass auf dem Hypertext-Konzept aufgebaute Literatur vor allem
im Rahmen des Netzes genießbar ist, es gaben schon vor dem Internet-Ära mehrere Werke,
die noch in gedruckter Form, aber schon Hypertext-ähnliche Merkmale in sich trugen, das
sind die sog. Protohypertexte. Einige Autoren bezeichnen schon STERNES Tristram Shandy als
Hypertext, bzw. das Werk Pale Fire von NABOKOV – da steht ein Vorwort vor dem
eigentlichen Gedicht Pale Fire, dem folgt ein Register und diese drei Teile sind miteinander
durch Verweise verbunden. ITALO CALVINOS Roman Das Schloss, darin sich Schicksale

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kreuzen wird auf den Regeln der Tarotkarte aufgebaut: die Geschichten im Buch folgen den
Reihen und Spalten, wie die Karten auf dem Tisch angeordnet sind, große Rolle dabei spielen
auch die einzelnen Karten mit ihren Bedeutungen. Zwei klassische Beispiele für den
Protohypertext sind noch die Werke Rayuela von JULIO CORTÁZAR, bzw. MARC SAPORTAS
Composition No. 1. Eine ganze unikale Lösung war das Werk Cent mille milliards de poémes
des französischen Dichters RAYMOND QUENEAU (1961). Da handelt es sich um ein Zyklus
von 10 Sonetten, deren Verse auf Papierlamellen gedruckt und untereinander vertauscht
werden können. 1975 wurde auch die digitale Version des Werkes fertiggestellt: durch die
Kombination der Zeilen der Sonette konnte man hundert Milliarden von Sonetten
produzieren. QUENEAUS Werk gab den Anstoß auch zur Gründung der französischen Oulipo-
Gruppe, die sich mit kombinatorischer Dichtung beschäftigt, bzw. heute auch den Fragen der
Online-Litaratur widmet. Eine ähnliche Idee findet man auch bei dem ungarischen TIBOR
PAPP, sein Disztichon Alfa. Első magyar automatikus versgenerátor generiert statt vorher
gegebenen Zeilen aus sprachlichen Strukturen fertige Distichons.

3.3 Zur Geschichte der Literatur im Netz

Im Aspekt der Netzliteratur sollte man eigentlich über zwei Richtungen sprechen: die
eine ist die eigentliche Netzliteratur, d. h., die Dichtung, die die Möglichkeiten des Netzes
ausgenutzt und darauf aufgebaut ist (Hypertext), in die zweite Richtung gehören Werke, die
zwar mit Hilfe von Computer produziert werden, aber nicht unbedingt als Netzliteratur
bezeichnet werden müssen/können, eher als algorithmische oder kombinatorische Dichtung.
Diese Gruppe gilt als Vorläufer, und basiert vor allem auf französischen, deutschen bzw.
angloamerikanischen Traditionen.
In Frankreich waren es die Dadaisten und Surrealisten, die zuerst Versuche mit
automatischen Sprachspielen gemacht haben, in den 60er Jahren wurde dann die oben schon
erwähnte Oulipo-Gruppe gegründet. Die Oulipo-Dichter beschäftigten sich vor allem mit
kombinatorischer Dichtung (s. QUENEAU), in den späteren 70ern kam dazu eine Sektion für
Computerliteratur, wo u. a. auch QUENEAUS Werk elektronisch verarbeitet wurde.
Die deutschsprachige Tradition basiert auf der konkreten Poesie, aus diesen
Traditionen wuchs eine ganze Schule, die sog. Stuttgarter Schule um MAX BENSE und
REINHARD DÖHL aus. Die Mitglieder dieser Schule experimentierten im Zeichen von
APOLLINAIRES „unpersönlicher Dichtung“ mit einer „künstlichen Literatur“, mit der
Verbindung von Maschine und Literatur. Ein sehr bekanntes und erfolgreiches Online-Projekt

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war auch die Imaginäre Bibliothek von HEIKO IDENSEN und MATTHIAS KROHN aus den späten
80er Jahren. Sie wurde ähnlich wie ein Kasten in einer Bibliothek aufgebaut, auf Hypertexten
basierend, veschiedene Texte, Manifeste, Zitate wurden miteinander verbunden.
1996 fand dann das erste ZEIT-Wettbewerb statt, was endlich den Weg zu
Diskussionen über das Wesen „Internetliteratur“ eröffnete. Im Anschluß daran gründete SVEN
STILLICH auch eine Mailing-Liste namens „Netzliteratur“, das ist das einzige, heute noch
existierende Forum zu diesem Thema aus der „Urzeit“ – Teilnehmer der Diskussionen waren
vor allem Kritiker, bzw. Veranstalter des Wettbewerbs, die die ursprüngliche Zielsetzung des
Events, seine Erfolge und Unerfolge kommentierten. Trotz allen Kritiken wurde 1997 das
ZEIT-Wettbewerb erneut organisiert, in seiner Laudatio dazu hat HERMANN ROTERMUND
seine bekannte Typologie der Netzliteratur veröffentlicht (siehe oben). Nach dem dritten
Jahrgang des Wettbewerbs wurde aber die Tradition nicht fortgesetzt , Ursachen waren
mehrere, aber vor allem die Tatsache, dass es eine eindeutige Definition für Netzliteratur noch
immer nicht gefunden wurde, was auch das ganze Wettbewerb beeinflusst hatte. Die
Teilnehmer haben den Begriff zu breit, bzw. zu eng interpretiert und es wurden immer
mehrere Werke produziert, die keinen Zusammenhang mehr zur Internetliteratur gezeigt
haben. Damit schien die deutschsprachige Diskussion über das Thema abgeschlossen zu sein,
heute gibt es aber wieder mehrere Online-Projekte, die der Internetliteratur gewidmet sind.
Die bekanntesten Seiten sind unter den Adressen www.netzliteratur.de, bzw.
www.netzliteratur.net zu finden, die auch als Ausgangspunkte zu vielen anderen Seiten
gelten, sie bieten den Besuchern verschiedene Materialien (Essays, Diskussionen, Projekte,
selbstständige Werke) zum Thema „Internetliteratur“.
Die heutige deutschsprachige Netzliteratur wendet sich aber eher an amerikanischer
Hyperfiction, da wieder die Hypertextualität im Mittelpunkt steht. Zentrum des
nordamerikanischen Online-Literatur-Diskurses ist die Brown University und der Kreis um
GEORGE LANDOW, der sich eindeutig an die Thesen von DERRIDA und BARTHES ablehnt und
den Hypertext als dezentriertes, nonlineares Textmodell beschreibt. Als Klassiker gilt bis
heute der elektronische Roman Afternoon des bekannten Online-Autors MICHAEL JOYCE,
bzw. das Patchwork Girl von SHELLEY JACKSON, die Werke Victory Garden und Reagan
Library von STUART MOULTHROP. Eine andere Richtung vertritt JIM ROSENBERG, Mitglied
der Gruppe „language poets“, die ähnlich, wie die Stuttgarter mit inter- und multimedialen
Texten experimentieren.
In den 90er Jahren, in der Blütezeit des Internets wurde mit großem Interesse das
Experiment des bekannten amerikanischen Horror-Autors STEPHEN KING befolgt, er fing an

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nämlich, seinen neuen Roman im Netz zu schreiben. Kurze Passagen aus dem schon fertigen
Text stellte er den Lesern frei zur Verfügung, die dann den ganzen Text gegen Bezahlung
lesen konnten. Dabei hat KING auch die Ideen von den Lesern in Rücksicht genommen, d. h.,
der Roman wurde eigentlich von einer Menge von „Autoren“ geschrieben. Das war die erste
„echte“ öffentliche Gelegenheit, wenn der Leser gleich auch zum Autor wurde. Ähnliche
Versuche existierten auch im ungarischen Internet, auf der Seite der Zeitung Magyar Nemzet
wurde der Roman Dúlalav. 100kezes netregény. von den Lesern geschrieben, vor mehreren
Jahren konnte man unter der Adresse www.terasz.hu das Online-Tagebuch „Trinapló“ lesen,
das von drei Literaten geschrieben wurde.
Eine ganz besondere, populäre Art der Netzliteratur stellt in den letzteren 2-3 Jahren
die sogenannte Blog-Literatur dar. Es handelt sich um eine Internet-spezifische Textsorte,
um eine regelmäßig aktualisierte und kommentierte Kollektion von Hyperlinks. Der Begriff
„Blog“ ist die gekürzte Form von „Weblog“, was ins Deutsche ungefähr als „Meldung“
übersetzt werden könnte.7 Er stammt von JÖRN BARGER, der im Dezember 1997 in
verschiedenen Usenet-Groups seine Absicht annoncierte, er werde einen Weblog über seine
Surf-Erlebnisse im Web eröffnen – eine Webseite mit der Liste der besuchten Hyperlinks,
bzw. den zugegebenen Kommentaren. 1998 veröffentlichte CAMERON BARRETT eine
Sammlung der existierenden Weblogs auf seiner Seite Camworld, im Januar 1999 enthielt die
Liste insgesamt 23 Einträge. BARRETTS Essay Anatomy of a Weblog bedeutete dann das
entscheidende Moment - die Zahl der Blogs oder der Seiten, die sich als Blog bezeichneten,
begann plötzlich rasch wachsen. Im August des selben Jahres veröffentlichte Pyra Labs das
Tool Blogger, das beim Bau von Blogs helfen konnte. Dadurch wurde eine neue Art des
Netizens geboren: der Blogger. Blogger sind Menschen, die keine Lust oder Zeit für
Designing von eigenen Webseiten haben, die sich einfach nur präsentieren wollen. Ergebnisse
ihrer Tätigkeit sind die heute schon Millionen von Blogs, Online-Tagebücher, die nicht mehr
nur ihr Surfen im Cyberspace, sondern auch ihre Selbsterklärungsversuche, d. h., literarische
Tätigkeit dokumentieren. Diese Blogs enthalten nicht mehr nur Kommentare, sondern auch
kürzere-längere literarische Texte, Gedichte, Novellen, oder sogar Romanfragmente etc., die
von renomierten Offline-Literaten vielleicht abgewiesen, in der Online-Community aber
akzeptiert und auch begrüßt werden. Konservative Netizens sind natürlich von der großen

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Die sog. Log-Files stammen aus der Informatik, sie sind kurze Textdateien, die eine kürzere-längere Meldung
über die Tätigkeit eines Programms, einer Hardware usw. enthalten

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Masse der Newbies nicht fasziniert, zur Demokratisierung des Webs können Blogs aber ohne
Zweifel viel zugeben. „Weblogs are making the Internet more interactive, more »writerly«.“8
Wie man aus den obigen Beispielen sieht, das Netz ist ein offenes Medium für
verschiedene Selbsterklärungsversuche, deshalb wird es oft auch als Paradies der
Exhibitionisten bezeichnet. Dank seiner Freiheit hat jeder die Möglichkeit, sich darzustellen,
so ist es kein Zufall, dass neben „großen“ etablierten Kunstprojekten auch viele namenlose
Autoren mit ihren Werken anwesend sind, wartend auf ihre Zeit. Das heißt, zur Literatur im
Netz darf man nicht nur die Stuttgarter, die Amerikaner usw. zurechnen, sondern auch die
Tausenden von Gedichte, Storys, Novellen, die auf privaten Homepages präsentiert werden.

3.4 Das Internet als Textdatenbank – der Weg zum unbegrenzten Wissen

Bisher wurde über das Internet als Distributionsmedium gesprochen, seine Rolle als
Textdatenbank ist aber nicht minder. Diese Seite des Netzes kennen vor allem die Philologen,
die in den Online-Katalogen, digitalen Bibliotheken nach Materialien suchen. Eben darin liegt
eine der größten Möglichkeiten des Webs: im Gegenteil zu den bisherigen Offline-
Archivierungstechniken (Papier) bietet es unbegrenzte Archivierungszeit und –Raum.
Dokumente können in virtuellen Bibliotheken bis zur Ewigkeit gespeichert werden, und zwar
in unveränderter Qualität, digitale Dateien sind nämlich nicht verderblich. Man hat dabei auch
die Sicherheit, dass ein Dokument auf mehreren Plätzen gespeichert wird, viele Texte sind
gleich auf mehreren Seiten zu finden. Das sind einerseits verschiedene private Webseiten, aus
unserer Perspektive sind aber vielmehr wichtiger die Online-Datenbanken, Bibliotheken, wo
elektronische Dokumente uns systematisiert zur Verfügung stehen.
Schon in den 90er Jahren begann man mit dem Bau von elektronischen Bibliotheken,
unter denen aber mehrere Varianten zu unterscheiden sind. Die erste Gruppe bilden die
Kataloge, die nur die elektronische Recherche von gedruckten Dokumenten erlauben, das sind
vor allem Kataloge von Offline-Bibliotheken, wie z. B. der Széchényi-Bibliothek. Da erhält
man alle nötige Informationen zu den ausgewählten Büchern, die Texte selbst kann man aber
nicht herunterladen und lesen. Das ermöglichen die eigentlichen elektronischen Bibliotheken,
wo ursprünglich gedruckte, bzw. digitale Dokumente in elektronischer Form gespeichert sind.
Die ersten elektronischen Textdatenbanken waren nicht-kommerzielle Projekte, ihre Bauer
waren freiwillige Helfer, die an die Demokratie und Freiheit des Internets glaubten. Der erste

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Jerz: On the Trail of the Memex. Vannevar bush, Weblogs and Google Galaxy

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große Versuch war das bis heute existierende Projekt Gutenberg, mit dem Ziel, die
Hauptwerke der deutschen Literatur in elektronischer Form zu speichern und allen Lesern frei
zur Verfügung zu stellen. Das Projekt hat heute auch seine anderssprachige Mutationen,
ähnlich ist zum Beispiel das ungarische MEK-Projekt der Széchényi-Bibliothek (Ungarische
Elektronische Bibliothek), das heute ungefähr 5000 Dokumente zum Lesen anbietet. Die
Dokumente in diesen elektronischen Bibliotheken sind meistens in reinem HTML-Kode
gespeichert, um auf allen Systemen lesbar zu machen, sie ermöglichen neben dem Lesen
Volltextsuche, Kopieren, Drucken usw., man muss dabei natürlich auch die Autorenrechte in
Rücksicht nehmen. Ein weiteres neues Experiment aus Ungarn ist die Digitale Literarische
Akademie (Digitális Irodalmi Akadémia), wo vor allem die ungarische Literatur des 20.
Jahrhunderts vertreten ist.

3.5 Exkurs: Das BIÖP-Projekt (ELTE-Universität, Budapest, Ungarn)

Es wurde oben schon erwähnt, im Netz existieren viele elektronische


Textdatenbanken, die Offline-Literatur in elektronischer Form zum Lesen anbieten. Hinter
diesen Projekten stehen meistens Freiwillige, die in Anonymität bleiben, und die Leser nur
das Ergebnis ihrer Tätigkeit sehen. Die Mehrheit dieser Datenbanken enthält nur die
elektronische Mutation der gedruckten Texte, d. h., sie sind weder vernetzt, noch
kommentiert. Eine Ausnahme dabei bedeutet ein, an der Budapester ELTE-Universität
laufendes Projekt, das BIÖP-Programm (Bölcsészettudományi Informatika Önálló Program –
Informatik in der Philologie), unter der Leitung des Professors IVÁN HORVÁTH. Im
Mittelpunkt der Forschungen steht die alte ungarische Literatur, bzw. die Herstellung von
Online-Versionen von alten Texten. Das BIÖP-Programm ist aber mehr, als nur einfache
Produktion von elektronischen Texten. Seine Tätigkeit könnte man am besten mit den
Attributen „frei“, „online“ und „kritisch“ charakterisieren.

„frei“ – alle Texte, die im Rahmen des Programms produziert werden, sind allen Lesern frei
zugänglich. Die Mitglieder des BIÖP-Programms sind Anhänger des sog. F-Books, d. h. des
freien Buches – das Herunterladen und Lesen der hier erstellten Editionen sind von allen
Gebühren abgelöst, im Gegenteil zu mehreren anderen Online-Verlagen, die ihre Werke nur
gegen Bezahlen verfügbar machen. „Frei“ gilt auch für die Technologie: die Ausgaben des
BIÖP-Programms sind in reinem HTML-Kode hergestellt, dadurch sind sie mit allen heute
existierenden Browsern lesbar, man braucht keine speziellen Softwares zum Lesen.

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„online“ – alle diese Texte sind nur Online verfügbar, man kann sie auf der Webseite des
BIÖP-Programms aufsuchen, bzw. herunterladen. Die Online-Ausgaben nutzen alle Vorteile
der Hypertextualität auf, sie sind mit Kommentaren sehr reich versehen, andere Dokumente
sind durch Hyperlinks daran gebunden.
„kritisch“ – die Editionen des BIÖP-Programms tragen die Bezeichnung „kritisch“. Das
heißt, sie sind nicht einfache Fließtexte, eine kritische Ausgabe ist eigentlich ein ganzes
Netzwerk von Texte, Prä-Texte und Post-Texte. In einer kritischen Edition sind alle
erreichbaren und bekannten Varianten des gegebenen Textes eingeschlossen, eben da soll
man die Vorteile des Hypertextes betonen: an den entsprechenden Stellen sind diese Texte
miteinander verbunden, man kann gleichzeitig mehrere Versionen nebeneinander stellen und
diese zusammengleichen, bzw. schnell in das „Original“ zurücktreten, und damit fortsetzen.
Zur Zeit sind auf der Seite 10 Werke verfügbar, unter denen die Gedichte von BÁLINT
BALASSI, alle Publikationen (keine Gedichte!) von ATTILA JÓZSEF, bzw. mehrere Demo-
Versionen. Außerdem gibt es da literarische Datenbanken und Online-Studienbücher, Studien
zum Thema „Internet und Literatur“, „Das F-Book“. Das Angebot des Servers bereichert auch
eine Sammlung von Werken der gegenwärtigen ungarischen Literatur und Studien von BIÖP-
Mitgliedern.

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4. Zusammenfassung

In der vorliegenden Arbeit habe ich versucht, eine kurze, allgemeine Übersicht über
die Literatur im Internet zu geben, mit dem Zweck, Antwort auf die in der Überschrift
stehende Frage zu suchen: gibt es eine selbstständige, von der Offline-Literatur abweichende
Merkmale zeigende, sog. Netzliteratur?
In dem Teil „Zur Geschichte der Literatur im Internet“ wurde es schon erwähnt, die
Verbindung des Computers und der Literatur ist keine Neuigkeit, man hat damit schon vor
dem Internet-Zeitalter, in den 60er-70-er Jahren experimentiert. Die Erscheinung des Netzes
bedeutete nur ein neues Medium, bzw. neue Möglichkeiten, was auch die Literatur für ihre
eigene Zwecke ausnutzen konnte. Die bekannteste davon ist ohne Zweifel das Phänomen
„Hypertext“, der alltägliche Benutzer des Internets wird vor allem damit konfrontiert. Eben
die Hypertextualität, bzw. ihre Eigenschaften, Vorteile werden für literarische Zwecke
verwendet, Beweis dafür sind die verschiedene Online-Projekte und Textdatenbanken. Die
Literatur im Netz oder besser gesagt, Netzliteratur ist also kein abstraktes, nur im Bewußtsein
notorischer Online-Literaten existierendes Phänomen, sondern eine gesunde, große
Perspektiven habende und immer mehr akzeptierte Art der Literatur. Man dürfte sie nicht
mehr als Subkultur oder Modewelle interpretieren, sie sollte bald ihren entsprechenden Platz
auf der Literaturpalette finden, im Kreis der schon etablierten Offline-Literatur.

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