Sie sind auf Seite 1von 6

(1974).

Psyche – Zeitschrift für Psychoanalyse, 28(7):651-654


Mitteilung: Zur Entwicklung der Psychoanalyse in Rumänien*
Ion Popescu-Sibiu
Translated by:
Käte Hügel
Bald nach dem ersten Weltkrieg begann das psychoanalytische Konzept
Sigmund Freuds die Aufmerksamkeit der rumänischen Neuropsychiater und
Psychologen auf sich zu ziehen. Einige von ihnen widmeten sich gleich von
Beginn ihrer beruflichen Laufbahn an der psychoanalytischen Praxis, andere
trugen durch Monographien und Zeitschriftenartikel zur Entwicklung der
Psychoanalyse bei und hoben deren Bedeutung und ihre Beziehungen zu
anderen Gebieten psycho-sozialer Forschung hervor.
I
Die Psychoanalyse besteht in Rumänien nun seit beinahe einem halben
Jahrhundert. Den Anfang der psychoanalytischen Wissenschaft in Rumänien
markieren zwei Dissertationen: 1. Beitrag zum Studium der
psychoanalytischen Behandlung (1923) von Dr. C. Vlad an der
Medizinischen Fakultät von Bukarest; 2. Die Lehre Freuds (Psychoanalyse)
(1927) von Dr. Ion Popescu-Sibiu an der Medizinischen Fakultät von Jassy.
Dr. Constantin Vlad entfaltete eine fruchtbare psychoanalytische Tätigkeit.
Nachdem er eine Reihe von Artikeln über psychosomatische Störungen, über
Narzißmus, Triebaffekte, die psychoanalytische Therapie, die Symbolik und
die aphasische Regression veröffentlicht hatte, publizierte er 1926 ein Buch
mit dem Titel „Im Reich des psychoanalytischen Unbewußten“ („Dans le
Domaine de l'Inconscient Psychoanalytique“) und wenig später ein weiteres
Werk: „Der psychoanalytische Aspekt von Liebe, Haß und Angst“ (L'Aspect
Psychanalytique de l'Amour, de la Haine et de la Peur).
1932 erschien ein Artikel über „Die Korrelation zwischen Traum, Kunst
und Neurose“, 1934 eine Studie über „Mihail Eminescu in psychoanalytischer
Betrachtung“, das eine eingehende Analyse der Werke des großen
rumänischen Dichters und seines qualvollen Lebens darstellt. Das Buch hat
lange Zeit heftige Reaktionen „für und wider“ ausgelöst, insbesondere auf der
Ebene ethischer Probleme.
Im Jahre 1935 folgte eine Studie „Leonore — Beitrag zum Problem des
Phantoms des Bruders“, dann eine weitere über die Entstehung der
Zwangskrankheiten mit dem Titel „Lady Macbeths Hände“ und 1937 eine
psychoanalytische Monographie über „Die Dynamik der Triebe und die
soziale Ethik“.
Seine rastlose Tätigkeit auf dem Gebiet der Freudschen Psychoanalyse
umfaßte auch zahllose Vorträge auf rumänischen Psychiater-Kongressen. Er
nahm an keiner Sitzung der Gesellschaft rumänischer Psychiater teil, ohne in
den Diskussionen auf die Bedeutung der Psychoanalyse für die jeweils
angeschnittenen Probleme hinzuweisen. Das gesamte Wirken Dr. Vlads ist
demnach ein hervorragender Beitrag zur Begründung und Festigung der
Psychoanalyse. Nach langem, schmerzhaftem Leiden starb er im August 1971.
—————————————
* Vortrag auf dem 23. Kongreß für Medizingeschichte, London, September
1972.

- 651 -
Copyrighted Material. For use only by UniVienna. Reproduction prohibited. Usage subject to PEP terms & conditions (see terms.pep-web.org).
Dr. Ion Popescu-Sibiu. Die schon erwähnte Doktordissertation (1927)
wurde im gleichen Jahr veröffentlicht; die erste Auflage erschien mit einem
Vorwort von Professor Dr. C. I. Parhon. Ein an Freud nach Wien gesandtes
Exemplar führte in den Jahren 1928-1935 zu einem Briefwechsel. Im Jahre
1932 wurde die Arbeit mit den inzwischen notwendig gewordenen
Ergänzungen und einem medizinisch-psychologischen Index versehen neu
aufgelegt. Die Académie Roumaine zeichnete die Arbeit mit dem Preis
Oroveanu aus, nachdem der bekannte rumänische Wissenschaftler Dr. Ch.
Marinescu einen Vortrag darüber gehalten hatte1.
Ich setzte meine psychoanalytisch-wissenschaftliche Tätigkeit in Form von
Mitteilungen und Vorträgen fort; viele davon sind in rumänischen und
außerrumänischen Fachzeitschriften veröffentlicht worden2. Ferner habe ich
an mehr als zehn rumänischen Kongressen für Psychiatrie, Psychologie und
Medizingeschichte mitgewirkt und dabei über die verschiedensten
psychoanalytischen Aspekte referiert (medizinpsychologische, psychiatrische,
geisteswissenschaftliche, künstlerische, gerichtsmedizinische und
soziologische). Ich habe dabei die humanitäre, ethische Bedeutung der
Psychoanalyse betont, im Gegensatz zu populären Vorurteilen, die sie für die
Ausbreitung von Obszönität verantwortlich machen.
Im Jahre 1937 beteiligte ich mich mit mehreren Mitteilungen an den
Internationalen Psychoanalytischen Kongressen in Paris und Kopenhagen. Im
Jahre 1938 erschien die 3., 1945 die 4. Auflage meiner Gesamtdarstellung
„Die Psychoanalyse“ (die nun mehr als 500 Seiten umfaßt).
Dr. G. G. Retezeanu aus Cluj reichte im Jahre 1928 eine Dissertation über
„Träume und Dementia praecox“ ein und entfaltete anschließend eine lebhafte
klinische und literarische Tätigkeit. Leider starb er schon im Jahre 1950.
Dr. Justin Neumann trat ebenfalls durch eine bemerkenswerte
psychoanalytische Aktivität hervor, und zwar nicht nur in der Klinik, sondern
auch durch Forschungen über literarische Kreativität und psychosoziale
Dynamik. So veröffentlichte er im Jahre 1930 eine psychoanalytische Studie
über den Roman „Le Baccalauréat de l'Elève Gerber“ von Torberg und 1934
über „Adela“ von G. Ibraileanu, sowie im Jahre 1937 über „Die Diktatur und
die Diktatoren“.
Dr. Paul Schwartz wandte die Psychoanalyse bei der Psychotherapie der
Neurosen an. Im Jahre 1933 ließ er die Arbeit „Freud und Gott — Die
Religion und die Zwangsneurose“ erscheinen. Die Ergebnisse seiner
Untersuchungen legte er in zahlreichen Vorträgen dar. Er starb im Dezember
1965.
II
Gleichzeitig mit der klinischen und literarischen Tätigkeit der Pioniere der
Psychoanalyse in Rumänien wurde die psychoanalytische Lehre in zahlreichen
Einzelveröffentlichungen von rumänischen Wissenschaftlern vorgetragen, die
im übrigen auf anderen Fachgebieten tätig waren. In der Psychiatrie und der
—————————————
1 S. den Bericht in den Annalen der Académie Roumaine.
2 Z. B. in den „Annales Médico-Psychologiques“, Paris, Bd. 2, Juli 1958; in
„Psychiatrie et Neurologie“, Nr. 1, 1959, Basel, Schweiz.

- 652 -

Copyrighted Material. For use only by UniVienna. Reproduction prohibited. Usage subject to PEP terms & conditions (see terms.pep-web.org).
Psychopathologie erschienen z. B. 1923 erstmals zwei Artikel des
Begründers der rumänischen Neurologie, Professor Dr. Gh. Marinescu:
„Einführung in das Studium der Psychoanalyse“ und „Kritik der Freudschen
Theorie“3. Im Jahre 1926 erschien die Dissertation „Neue Auffassungen über
die Hysterie“ von Dr. C. Iordanescu; 1928 eine Dissertation „Traum und
Neurose — Die Psychoanalyse“ von Dr. C. Corozel4 sowie die Arbeit
„Einführung in die Psychoanalyse“ von Dr. Stefan Miocovits aus Cluj. Ferner
haben folgende Autoren einzelne Artikel, Vorträge und Ko-Referate geliefert:
Dr. G. Preda (Sibiu), Dr. Kivu Lichter, Ludwig Berghoff, Dr. L. Ionasiu, C.
Stoenescu, I. Bistriceanu, C. Paulian, S. Cupcea, Egon Weigl, C. Radovici
und Dr. Louis Copelmann.
Auf dem Gebiet der Psychologie und der Medizinpsychologie erwähnen
wir den Band „Freud und die Psychologie des Unbewußten“ (1924). Im Jahre
1929 erschienen einige Artikel von Prof. Dr. C. I. Urechea (Cluj), von Prof.
Dr. C. Radulescu-Motru, C. Georgiade, Prof. N. Margineanu und Al. Rosca,
Walter Davidescu und Ion Biberi.
Über Probleme der Pädagogik finden sich einige Kapitel in den Werken
von Prof. G. G. Antonescu; ferner sind in diesem Bereich relevant „Die
Psychoanalyse des Kindes“ von Prof. E. Speranta (1938) und Arbeiten von
Prof. C. Narly (1933).
Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Gerichtsmedizin ist in Artikeln
von Prof. Dr. Mina Minovici (1932), Petre Marcu Bals („L'Interrogatoire
Psychanalytique“, 1927), Dr. I. Westfried, Dr. I. Stanescu (1933), Petre
Pandrea (in der „Psychanalyse Juridique, 1934) und Maxim Popp (in „La
Psychanalyse et les Sciences Juridiques“, Cluj, 1935) hervorgehoben worden.
Auf dem Gebiet der Philosophie sind die von der Psychoanalyse
aufgeworfenen Probleme mehrfach von Prof. Mihail Ralea (1927), P. Andrei
und Lucian Blaga (1936) diskutiert worden, alle drei hervorragende Vertreter
der rumänischen Philosophie.
Was schließlich die Psychogenese der künstlerischen und literarischen
Kreativität betrifft, so sind die bereits erwähnten Beiträge der rumänischen
Psychoanalytiker zu nennen, ferner noch diejenigen von Prof. Tudor Vianu und
die des Schriftstellers Felix Aderca.
III
Die Entwicklung der Psychoanalyse in Rumänien führte also zu günstigen
Vorbedingungen für die von der Gesellschaft zu organisierenden
Anwendungsbereiche. So erschien im Jahre 1931 die erste und letzte Nummer
der „Revue Roumaine de Psychanalyse“. Im Jahre 1934 wurde am
Psychiatrischen Krankenhaus in Bukarest die erste „Gesellschaft für
Medizinische Psychologie“ unseres Landes gegründet, die über ein
Laboratorium für Medizin-Psychologie verfügte, das ich bis 1938 leitete. Im
Jahre 1947 wurde in Bukarest die erste „Rumänische Gesellschaft für
Psychopathologie und Psychotherapie“ gegründet (Präsident: Dr. C. Vlad;
Vizepräsidenten: Dr. I. Popescu-Sibiu, Dr.
—————————————
3 Revue des Sciences Médicales, Bukarest, Nr. 15-16, 1923.
4 Er starb wenig später.

- 653 -

Copyrighted Material. For use only by UniVienna. Reproduction prohibited. Usage subject to PEP terms & conditions (see terms.pep-web.org).
L. Berghoff und Dr. J. Neumann; Generalsekretär: Dr. Davidescu). Im selben
Jahr wurde anläßlich eines Besuches in Rumänien Prof. Wallon zum
Ehrenmitglied der Gesellschaft gewählt.
IV
Die sozialen und politischen Unruhen nach dem ersten Weltkrieg haben zu
einer Revision der großen wissenschaftlichen Strömungen geführt. Die
rumänische Psychiatrie orientierte sich in starkem Maße an der Physiologie
und konnte sich auf diesem Wege von idealistisch-mystischen Elementen, die
in ihre Konzepte eingedrungen waren, befreien.
Die aktuelle Diskussion vollzieht sich vermittelt durch Vorträge, Artikel
und Rundgespräche. Um die Lage der gegenwärtigen Psychologie
kennenzulernen, habe ich zahlreiche Zentren der Psychiatrie, Psychologie und
Psychoanalyse in Europa (1967, 1969) sowie in den Vereinigten Staaten von
Amerika und Kanada 1968-1969) besucht. Zur Zeit ist beim Verlag Dacia in
Cluj eine Arbeit „Kritische Einführung in die Psychoanalyse“ im Druck, die
320 Seiten umfaßt und in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. V. Sahleanu verfaßt
wurde. Dieser hat in den letzten Jahren in einer Reihe von Vorträgen auch
über Probleme der heutigen Psychoanalyse gesprochen; diese Vorträge
wurden veröffentlicht und diskutiert. Die Diskussionen fanden im Arbeitskreis
für Medizin-Psychologie und Parapsychologie statt, der im Jahre 1971 in
Bukarest gegründet worden ist.

- 654 -

Copyrighted Material. For use only by UniVienna. Reproduction prohibited. Usage subject to PEP terms & conditions (see terms.pep-web.org).
Article Citation [Who Cited This?]
Popescu-Sibiu, I. (1974). Mitteilung. Psyche – Z Psychoanal., 28(7):651-
654

Copyrighted Material. For use only by UniVienna. Reproduction prohibited. Usage subject to PEP terms & conditions (see terms.pep-web.org).
PEP-Web Copyright
Copyright. The PEP-Web Archive is protected by United States
copyright laws and international treaty provisions.
1. All copyright (electronic and other) of the text, images, and
photographs of the publications appearing on PEP-Web is retained
by the original publishers of the Journals, Books, and Videos.
Saving the exceptions noted below, no portion of any of the text,
images, photographs, or videos may be reproduced or stored in
any form without prior permission of the Copyright owners.
2. Authorized Uses. Authorized Users may make all use of the
Licensed Materials as is consistent with the Fair Use Provisions of
United States and international law. Nothing in this Agreement is
intended to limit in any way whatsoever any Authorized User’s rights
under the Fair Use provisions of United States or international law
to use the Licensed Materials.
3. During the term of any subscription the Licensed Materials may be
used for purposes of research, education or other non-commercial
use as follows:
a. Digitally Copy. Authorized Users may download and digitally copy
a reasonable portion of the Licensed Materials for their own use
only.
b. Print Copy. Authorized Users may print (one copy per user)
reasonable potions of the Licensed Materials for their own use
only.
Copyright Warranty. Licensor warrants that it has the right to license
the rights granted under this Agreement to use Licensed Materials,
that it has obtained any and all necessary permissions from third
parties to license the Licensed Materials, and that use of the Licensed
Materials by Authorized Users in accordance with the terms of this
Agreement shall not infringe the copyright of any third party. The
Licensor shall indemnify and hold Licensee and Authorized Users
harmless for any losses, claims, damages, awards, penalties, or
injuries incurred, including reasonable attorney's fees, which arise
from any claim by any third party of an alleged infringement of
copyright or any other property right arising out of the use of the
Licensed Materials by the Licensee or any Authorized User in
accordance with the terms of this Agreement. This indemnity shall
survive the termination of this agreement. NO LIMITATION OF
LIABILITY SET FORTH ELSEWHERE IN THIS AGREEMENT IS
APPLICABLE TO THIS INDEMNIFICATION.
Commercial reproduction. No purchaser or user shall use any
portion of the contents of PEP-Web in any form of commercial
exploitation, including, but not limited to, commercial print or broadcast
media, and no purchaser or user shall reproduce it as its own any
material contained herein.

Copyrighted Material. For use only by UniVienna. Reproduction prohibited. Usage subject to PEP terms & conditions (see terms.pep-web.org).