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Bald nach dem ersten Weltkrieg begann das psychoanalytische Konzept Sig-
mund Freuds die Aufmerksamkeit der rumänischen Neuropsychiater und Psy-
chologen auf sich zu ziehen. Einige von ihnen widmeten sich gleich von Be-
ginn ihrer beruflichen Laufbahn an der psychoanalytischen Praxis, andere tru-
gen durch Monographien und Zeitschriftenartikel zur Entwicklung der Psy-
choanalyse bei und hoben deren Bedeutung und ihre Beziehungen zu anderen
Gebieten psycho-sozialer Forschung hervor.

1.
Die Psychoanalyse besteht in Rumänien nun seit beinahe einem halben
hundert. Den Anfang der psychoanalytischen \"Wissenschaft in Rumänien mar-
kieren zwei Dissertationen: Beitrag zum Studium der psychoanalytischen Be-
handlung (1923) von Dr. C. Vlad an der Medizinischen Fakultät von Buka-
rest; 2. Die Lehre Freuds (Psychoanalyse) (1927) von Dr. Ion Popescu-Sibiu
an der Medizinischen Fakultät von Jassy.
Dr. Constantin Vlad entfaltete eine fruchtbare psychoanalytische Tätigkeit.
Nachdem er eine Reihe von Artikeln über psychosomatische Störungen, über
Narzißmus, Triebaffekte, die psychoanalytische Therapie, die Symbolik und
die aphasische Regression veröffentlicht hatte, publizierte er 1926 ein Buch mit
dem Titel "Im Reich des psychoanalytischen Unbewußten" ("Dans le Domaine
de l'Inconscient Psychoanalytique") und wenig später ein weiteres Werk:
psychoanalytische Aspekt von Liebe, Haß und Angst" (L'Aspect Psychana-
1ytique de l'Amour, de la Haine et de la Peur).
1932 erschien ein Artikel über "Die Korrelation zwischen Traunl, Kunst und
Neurose", 1934 eine Studie über "Mihail Eminescu in psychoanalytischer Be-
trachtung", das eine eingehende Analyse der Werke des großen rumänischen
Dichters und seines qualvollen Lebens darstellt. Das Buch hat lange Zeit hef-
tige Reaktionen "für und wider" ausgelöst, insbesondere auf der Ebene ethi-
scher Probleme.
Im Jahre 1935 folgte eine Studie "Leonore - Beitrag zum Problem des Phan..
toms des Bruders", dann eine weitere über die Entstehung der Zwangskrank-
heiten mit dem Titel "Lady Macbeths Hände" und 1937 eine psychoanalyti~
sehe Monographie über "Die Dynamik der Triebe und die soziale Ethik".
Seine rastlose Tätigkeit auf dem Gebiet der Freudschen Psychoanalyse umfaßte
auch zahllose Vorträge auf rumänischen Psychiater-Kongressen. Er nahm an
keiner Sitzung der Gese~lschaft rumänischer Psychiater teil, ohne in den Dis-
kussionen auf die der Psychoanalyse für die jeweils angeschnittenen
Probleme hinzuweisen. Das gesamte Wirken Dr. Vlads ist demnach ein hervor-
ragender Beitrag zur Begründung und Festigung der Psychoanalyse. Nach lan-
gem, schmerzhaftem Leiden starb er im 1971.

~:. Vortrag auf dem 23. Kongreß für Medizingeschichte, September 1972.
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652 Ion Popescu-Sibiu

Dr. Ion Popescu-Sibiu. Die schon erwähnte Doktordissertation (1927) wurde


im gleichen Jahr die erste Auflage erschien mit einem Vorwort
von Professor Dr. C. 1. Parhon. Ein an Freud nach Wien gesandtes Exemplar
führte in den Jahren 1928-1935 zu einem Briefwechsel. Im Jahre 1932 wurde
die Arbeit mit den inzwischen notwendig gewordenen Ergänzungen und
einem medizinisch-psychologischen Index versehen neu aufgelegt. Die Acade-
mie Roumaine zeichnete die Arbeit mit dem Preis Oroveanu aus, nachdem der
bekannte rumänische Wissenschaftler Dr. Ch. Marinescu einen Vortrag darüber
gehalten hatte 1.
Ich setzte meine psychoanalytisch-wissenschaftliche Tätigkeit in Form von
Mitteilungen und Vorträgen fort; viele davon sind in rumänischen und außer-
rumänischen Fachzeitschriften veröffentlicht worden 2. Ferner habe ich an
mehr als zehn rumänischen Kongressen für Psychiatrie, Psychologie und Medi-
zingeschichte mitgewirkt und dabei über die verschiedensten psychoanalyti-
schen Aspekte referiert (medizinpsychologische, psychiatrische, geisteswissen-
schaftliche, künstlerische, gerichtsmedizinische und soziologische). Ich habe
dabei die humanitäre, ethische Bedeutung der Psychoanalyse betont, im Gegen-
satz zu populären Vorurteilen, die sie für die Ausbreitung von Obszönität ver-
antwortlich machen.
Im Jahre 1937 beteiligte ich mich mit mehreren Mitteilungen an den Interna-
tionalen Psychoanalytischen Kongressen in Paris und Kopenhagen. Im Jahre
1938 erschien die 3., 1945 die 4. Auflage meiner Gesamtdarstellung "Die Psy-
choanalyse" (die nun mehr als 500 Seiten un1faßt).
Dr. G. G. Retezeantt aus Cluj reichte im Jahre 1928 eine Dissertation über
"Träume und Dementia praecox" ein und entfaltete anschließend eine lebhafte
klinische und literarische Tätigkeit. Leider starb er schon im Jahre 1950.
Dr. ]ustin Neumann trat ebenfalls durch eine bemerkenswerte psychoanalyti-
sche Aktivität hervor, und zwar nicht nur in der Klinik, sondern auch durch
Forschungen über literarische Kreativität und psychosoziale Dynamik. So ver-
öffentlichte er im Jahre 1930 eine psychoanalytische Studie über den Roman
Baccalaureat de l'Eleve Gerber" von Torberg und 1934 über "Adela" von
G.lbraileanu, sowie im Jahre 1937 über "Die Diktatur und die Diktato-
ren".
Dr. Paul Schwartz wandte die Psychoanalyse bei der Psychotherapie der Neu-
rosen an. Im Jahre 1933 ließ er die Arbeit "Freud und Gott - Die Religion
und die Zwangsneurose" erscheinen. Die Ergebnisse seiner Untersuchungen
legte er in zahlreichen Vor,trägen dar. Er starb im Dezember 1965.

11.
Gleichzeitig mit der klinischen und literarischen Tätigkeit der Pioniere der
Psychoanalyse in Rumänien wurde die psychoanalytische Lehre in zahlreichen
Einzelveröffentlichungen von rumänischen Wissenschaftlern vorgetragen, die
im übrigen auf anderen Fachgebieten tätig waren. In der Psychiatrie und der

1 S. den Bericht in den Annalen der Academie Roumaine.


2 Z. B. in den "Annales Medico-Psychologiques", Paris, Bd. 2, Juli 1958; In "Psych-
iatrie et Neurologie", Nr. 1, 1959, Basel, Schweiz.
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Zur Eniwicklung der Psychoanalyse in Rumänien 653

Psychopathologie erschienen z. B. 1923 erstmals zwei Artikel des Begründers


der rumänischen Neurologie, Professor Dr. Gh. Marinescu: "Einführung in
das Studium der Psychoanalyse" und "Kritik der Freudschen Theorie" 3. Im
Jahre 1926 erschien die Dissertation "Neue Auffassungen über die Hysterie"
von Dr. C.lordanescu; 1928 eine Dissertation "Traum und Neurose - Die
Psychoanalyse" von Dr. C. Corozel 4 sowie die Arbeit "Einführung in die Psy-
choanalyse" von Dr. Stefan Miocovits aus CIuj. Ferner haben folgende Auto-
ren einzelne Vorträge und Ko-Referate geliefert: Dr. G. Preda (Sibiu),
Dr. Kivu Lichter, Ludwig Berghoff, Dr. L. Ionasiu, C. Stoenescu, J. Bistri-
ceanu, C. S. Cupcea, Egon Weigl, C. Radovici und Dr. Louis Copel-
mann.
Auf dem Gebiet der Psychologie und der Medizinpsychologie erwähnen wir
den Band "Freud und die Psychologie des Unbewußten" (1924). Im
1929 erschienen einige Artikel von Prof. Dr. C.1. Urechea (Cluj), von Prof.
Dr. C. C. Georgiade, Prof. N. und Al. Rosca,
Walter Davidescu und Ion Biberi.
Über Probleme der Pädagogik finden sich einige Kapitel in den Werken von
Prof. G. G. Antonescu; ferner sind in diesem Bereich relevant "Die Psychoana-
lyse des Kindes'( von Prof. E. Speranta (1938) und Arbeiten von Prof.
C. Narly (1933).
Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Gerichtsnledizin ist in Artikeln von
Prof. Dr. lVlina Minovici (1932), Petre Marcu Bals ("L'Interrogatoire Psychana-
lytique", 1927), Dr. 1. Westfried, Dr. 1. Stanescu (1933), Petre Pandrea (in der
"Psychanalyse Juridique, 1934) und Maxim Popp (in "La Psychanalyse et les
Sciences Juridiques", Cluj, 1935) hervorgehoben worden.
Auf dem Gebiet der Philosophie sind die von der Psychoanalyse aufgeworfe-
nen Probleme mehrfach von Prof. Mihail Ralea (1927), P. Andrei und Lucian
Blaga (1936) diskutiert worden, alle drei hervorragende Vertreter der rumäni-
schen Philosophie.
Was schließlich die Psychogenese der künstlerischen und literarischen Kreativi-
tät betrifft, so sind die bereits erwähnten der rumänischen Psycho-
analytiker zu nennen, ferner noch diejenigen von Tudor Vianu und die
des Schriftstellers Felix Aderca.

111.
Die der Psychoanalyse in Rumänien führte also zu günstigen
Vorbedingungen die von der Gesellschaft zu organisierenden Anwendungs-
bereiche. So erschien im Jahre 1931 die erste und letzte Nummer der "Revue
Roumaine de Psychanalyse". Im Jahre 1934 wurde am Psychiatrischen Kran-
kenhaus in Bukarest die erste "Gesellschaft für Medizinische Psychologie'( un-
seres Landes gegründet, die über ein Laboratorium für Medizin-Psychologie
~L1L 1UL.c~ L~A das ich bis 1938 leitete. Im
'!I 1947 wurde in Bukarest die erste
"Rumänische Gesellschaft für Psychopathologie und Psychotherapie" gegrün-
det (Präsident: Dr. C. Vlad; Vizepräsidenten: Dr. I. Popescu-Sibiu, Dr.

3 Revue des Sciences Medicales, Bukarest, Nr. 15-16, 1923.


4 Er starb wenig später.

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654 Ion Popescu-Stbiu / Zur Entwicklung der Psychoanalyse in Rumänien

1'1 e~unlarln; Generalsekretär: Dr. Im seiben


wurde eines Besuches in Rumänien Prof. \Ylallon zum Ehren-
mlt:glH~C1 der Gesellschaft gewählt.

IV.
Die sozialen und politischen Unruhen nach dem ersten
einer Revision der großen wissenschaftlichen Strömungen geführt. rumanl-
sche Psychiatrie orientierte sich in starkem Maße an der Physiologie und
konnte sich auf diesem von idealistisch-mystischen die in
ihre Konzepte eingedrungen waren, befreien.
Die aktuelle Diskussion vollzieht sich vermittelt durch Vorträge, Artikel und
Rundgespräche. Um die der gegenwärtigen Psychologie kennenzulernen,
habe ich zahlreiche Zentren Psychiatrie, Psychologie und Psychoanalyse in
Europa (1967, 1969) sowie in den Vereinigten Staaten von Amerika und
Kanada 1968-1969) besucht. Zur Zeit ist beim Dacia in Cluj eine Arbeit
"Kritische Einführung in die Psychoanalyse" im Druck, die 320 Seiten umfaßt
und in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. V. Sahleanu verfaßt wurde. Dieser hat
in den letzten Jahren in einer Reihe von Vorträgen auch über Probleme der
heutigen Psychoanalyse gesprochen; diese Vorträge wurden veröffentlicht und
diskutiert. Die Diskussionen fanden im Arbeitskreis für 1\1edizin-Psychologie
und Parapsychologie statt, der im Jahre 1971 in Bukarest gegründet worden
ist.
(übersetzung: !<.äte Hügel, Heidelberg)
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