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2020 Eine Lange Nacht über Michel Foucault - Die Spur der Macht in uns allen (Archiv)

Mittwoch, 06.05.2020 Suchen


Startseite Lange Nacht Die Spur der Macht in uns allen 08.10.2016

Eine Lange Nacht über Michel Foucault

Die Spur der Macht in uns allen


Als Michel Foucault 1984 im Alter von 57 Jahren stirbt, ist er längst zum
internationalen Pop-Star der Wissenschaften vom Menschen geworden.

Von Christoph David Piorkowski

Der französische Philosoph und Schriftsteller Michel Foucault (dpa / picture alliance)

Viele seiner Gedanken, Begriffe und Methoden sind in jene Gebiete der Kultur
aufgenommen werden, die er zuvor kritisiert hatte. Foucaults Diskursanalyse, mit der
er jene Strukturen herausarbeitete, die dem Denken und Handeln der Menschen in
einer bestimmten Zeit ihr Gepräge geben, ist eine anerkannte Methode in etlichen
wissenschaftlichen Disziplinen geworden: in der Soziologie, Ethnologie, Literatur- und
Geschichtswissenschaft und in der Philosophie.

Seine Schriften zu modernen Machttechniken zeigen, wie eng Macht mit Wissen und
körperlich wirksamen Disziplinen verbunden ist. Sie haben einen neuen Typus
wissenschaftlichen Denkens geprägt. Die intellektuelle und biografische Unrast des
Michel Foucault machte es schon zu seinen Lebzeiten schwer, ihm einen Stempel zu
verpassen. Wahlweise als Kommunist, Dandy, Reaktionär, Antihumanist oder
Anarchist bezeichnet, wurde ihm keine dieser Zuschreibungen gerecht. Vor allem in
seiner letzten Schaffensphase bestand er auf der Möglichkeit zur Wandlung der
eigenen Gestalt und suchte jenseits des Zugriffs moderner Macht nach Formen der
Selbstgestaltung.

Bis zuletzt hat sich Foucault philosophisch wie politisch, im Hörsaal und auf der Straße
bemüht, für jene zu sprechen, die in der herrschenden Ordnung keine Stimme haben –
die Wahnsinnigen, die Inhaftierten, diejenigen, deren Begehren die Gesellschaft als
pervers bezeichnet.

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Auszug aus dem Manuskript der Ersten Stunde: Die Verschränkung von Leben und
Werk – Stationen einer Biografie

Michel Foucault: „Was mich beeindruckt, wenn ich mir meine Kindheitseindrücke in
Erinnerung zu rufen versuche, ist, dass beinahe alle meine gefühlsmäßig starken
Reminiszenzen mit der politischen Situation verknüpft sind. Die Drohung des Krieges
war unser Horizont, unser Existenzrahmen. Weitaus mehr als das Familienleben bilden
die Ereignisse des ‚Weltlaufs‘ die eigentliche Substanz unseres
Erinnerungsvermögens. Ich sage ‚unseres‘, weil ich sicher bin, dass die Mehrzahl der
Jungen und Mädchen damals dieselbe Erfahrung machte. Unser Privatleben war
wahrhaft bedroht. Und das ist wahrscheinlich der Grund, weswegen ich von der
Geschichte und von der Beziehung zwischen persönlicher Erfahrung und jenen
Ereignissen fasziniert bin, in die wir verstrickt sind. Ich glaube, das ist der
Ausgangspunkt meiner theoretischen Neigung.“

Dieser autobiografische Splitter stammt aus einem der späten Gespräche, in denen
Foucault bereitwilliger als in jüngeren Jahren über persönliche Belange Auskunft
erteilt. Der Philosoph verortet den Ursprung seines Denkens hier in den Erfahrungen
der Kindheit.

Dass der Mensch in historische Lagen hineingeworfen ist, die seinen Horizont
bestimmen, dass kontingente Verhältnisse die kollektive Wahrnehmung prägen,
fasziniert schon den Schüler Foucault, der 1943 im von den Nazis besetzten
Frankreich die Abiturprüfung ablegt. Die Bedrohung durch den Faschismus, diese
„Pathologie der Macht“, wie er später sagen wird, hat dem theoretischen wie dem
politischen Leben schon früh eine Richtung gegeben.

Knapp 17 Jahre zuvor, am 15. Oktober 1926, kommt Paul-Michel Foucault in der
französischen Provinzstadt Poitiers als Spross einer wohlhabenden Ärztefamilie zur
Welt. Der erste der beiden Vornamen zitiert den ungeliebten Vater – nach Aussagen
von Freunden der Grund, aus dem Foucault ihn ablegt, als er 1945 in Paris anlangt.
Fortan nennt er sich bloß noch Michel.

Nach einem Spießrutenlauf durch die der eigentlichen Universität vorgeschalteten


Prüfungsinstitutionen zieht Foucault 1946 in die Elite-Hochschule École normale
supérieure in der rue d'Ulm ein, um sein Studium der Philosophie und der Psychologie
zu beginnen. Eine Zeit des Martyriums nimmt ihren Anfang.

Dem 19-jährigen Michel will es nicht gelingen, sich in die Gemeinschaft der Normaliens
einzufügen, zu deren früheren Jahrgängen so renommierte Gestalten wie Jean-Paul
Sartre, Raymond Aron und Maurice Merleau-Ponty gehören. Eine von Leistungs- und
Konkurrenzdruck geprägte Atmosphäre lastet auf den Schülern der École; Ehemalige,
die anonym bleiben wollen, berichten, jeder Student habe seine eigene Neurose
gehegt. Foucault zieht sich in die Einsamkeit zurück und bespöttelt seine Kameraden
mit einer grausamen Intelligenz, die bald berüchtigt ist. Mit jedem, der es wissen will,
gerät Foucault in Harnisch. Die Kommilitonen von einst beschreiben den jungen Michel
als zynisch, aggressiv und psychisch äußerst instabil.

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Es existiert ein ganzer Strauß von Anekdoten über sein irrlichterndes Verhalten in den
späten 40er-Jahren: Zum Beispiel findet ihn ein Lehrer auf dem Boden liegend, mit
zerschnittener Brust und einer Rasierklinge in der Hand. Ein andermal sieht man ihn
des Nachts durch die Gänge schleichen, einen Mitschüler mit einem Dolch verfolgend.
Ein späterer Kollege, der ihn damals schon gut kannte, behauptet „dass er sein ganzes
Leben dem Wahnsinn nahe war“.

Als er 1948 seinen ersten Suizidversuch unternimmt, wird Michel Foucault in das
Hôpital Sainte Anne verwiesen. Etwas später wird er hier als Praktikant arbeiten und
die andere Seite kennenlernen. Bei der ersten Begegnung mit der Institution
Psychiatrie – deren Entstehung und Verfahren er in seinem frühen Werk „Wahnsinn
und Gesellschaft“ eindrücklich beschreiben wird – kommt Foucault jedoch die Rolle
des Patienten zu. Jene an einem bestimmten Punkt in der Geschichte der
abendländischen Vernunft gezogene Grenze, die den Irren vom Normalen scheidet,
wird für Foucaults Arbeit von großer Bedeutung sein. Überschritten hat er diese
Grenze nicht bloß in der Theorie.

In einem 1978 geführten Interview mit dem italienischen Journalisten Ducio


Trombadori kommt Foucault so unumwunden wie nie auf die Verschränkung von
Leben und Werk zurück. Er erklärt:

Michel Foucault: „Dass es kein Buch gibt, das ich nicht, wenigstens zum Teil, aus einer
unmittelbaren persönlichen Erfahrung heraus geschrieben hätte. Ich habe ein
kompliziertes persönliches Verhältnis zum Wahnsinn und zur psychiatrischen
Institution gehabt. Ich habe zur Krankheit und auch zum Tod ein gewisses Verhältnis
gehabt. Ich habe über die Geburt der Klinik und die Einführung des Todes in das
medizinische Wissen zu einem Zeitpunkt geschrieben, als diese Dinge für mich eine
gewisse Bedeutung hatten. Dasselbe gilt aus anderen Gründen für das Gefängnis und
die Sexualität.“

Auszug aus dem Manuskript der zweiten Stunde: Kein Ort nirgends – Die Globalität
der Macht

Den Auftakt zu Michel Foucaults wohl berühmtestem Buch „Überwachen und Strafen“
bildet eine spektakuläre Hinrichtungsszene. Der Attentäters Robert-Francois Damiens,
der Mitte des 18. Jahrhunderts vergeblich versucht hatte, seinen König zu ermorden,
bekam die Rache des Souveräns auf grausame Weise zu spüren.

Michel Foucault: „Am 2. März 1757 war Damiens dazu verurteilt worden, „vor dem
Haupttor der Kirche von Paris öffentliche Abbitte zu tun, wohin er „in einem Stützkarren
gefahren werden sollte, nackt bis auf ein Hemd und eine brennende zwei Pfund
schwere Wachsfackel in der Hand; auf dem Grève-Platz sollte er dann im Stützkarren
auf einem dort errichteten Gerüst an den Brustwarzen, Armen, Oberschenkeln und
Waden mit glühenden Zangen gezwickt werden; seine rechte Hand sollte das Messer
halten, mit dem er den Vatermord begangen hatte, und mit Schwefelfeuer gebrannt
werden, und auf die mit Zangen gezwickten Stellen sollte geschmolzenes Blei,
siedendes Öl, brennendes Pechharz und mit Schwefel geschmolzenes Wachs
gegossen werden; dann sollte sein Körper von vier Pferden auseinandergezogen und

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zergliedert werden, seine Glieder und sein Körper sollten vom Feuer verzehrt und zu
Asche gemacht, und seine Asche in den Wind gestreut werden.“

Das 1975 im Fahrwasser seines politischen Engagements entstandene Werk


„Überwachen und Strafen“ ist die erste längere Schrift, in der Foucault sein Denken
der Macht entfaltet. Was meint dieses unheimliche Wort? Was ist das für ein
Phänomen, von dem Foucault in den 70er-Jahren gleichsam besessen scheint und
das er überall in der Gesellschaft wahrzunehmen meint? Mit welchen Techniken und
Mitteln agiert die Macht? Wie wirkt sie und was richtet sie an in uns, die wir ihr
ausgeliefert sind?

Diese Fragen, die Foucault in Überwachen und Strafen aufwirft und kurze Zeit später
in „Der Wille zum Wissen“ weiterführt, sollen uns in der kommenden zweiten Stunde
beschäftigen.

Foucault überlegt in seiner Schrift zur Geburt des Gefängnisses, wie es kommt, dass
die eingangs zitierte Hinrichtungsszene eine der letzten ihrer Art ist, die die Archive
verzeichnen? Aus welchem Grund verschwindet die öffentliche Tortur, die peinliche
Strafe, die sich bis dato unter tosendem Beifall in den Körper des Verurteilten brannte?
Wieso beschneidet die Strafe bald nicht mehr den Leib, sondern nur noch die Freiheit
des Delinquenten? Die ursprüngliche Deutung, dass mit der Aufklärung ein
humanistisches Ideal auf den Plan trete, dass „mehr Milde, mehr Respekt und mehr
Menschlichkeit“ im Gefolge habe, kann Foucault nicht befriedigen.

Schaut man auf das, was ihm im Zuge seiner Gefängnisaktivitäten in den 70er-Jahren
widerfuhr, ist dieses Misstrauen gegenüber dem Siegeszug einer wohlmeinenden
Menschlichkeit kaum verwunderlich. Die Polizeiknüppel waren mit erbarmungsloser
Härte auf ihn und seine Mitstreiter niedergegangen. Bei den Gefängnisrevolten in
Nancy und anderswo hatte die Staatsmacht mit brutaler Repression reagiert. Human –
so die Erfahrung von Foucault und anderen Aktivisten – ging es weder auf der Straße
noch in den Gefängnissen zu.

Die Beigabe, die den Befunden Foucaults zusätzliche Schärfe verleiht, ist die
persönliche Begegnung mit dem Gefängnissystem. Seine Interviews mit Sträflingen
und deren Familien, seine Gefängnisbesuche, sein Raufhandel mit der Polizei, seine
eigenen kurzen Haftaufenthalte bilden den emotionalen Untergrund seiner
sprachmächtigen Machtkritik.

Mag es durchaus so scheinen, dass die Gefängnishaft die gegenüber der Marter
menschlichere Strafe darstellt, verfolgt das Gefängnissystem laut Foucault doch
weniger hehre Ziele.

Die sich seit dem frühen 19. Jahrhundert verändernden Strafinstitutionen machen den
Körper auf eine feinere Weise zur Zielscheibe der Macht als es die Folter- und
Todespraktiken des alten Souveräns taten. Das gemeine Verbrechen, das lange Zeit
vor allem als Unrecht gegen den König galt, wurde durch ein Fest der Qualen am
Körper des Verurteilten gesühnt. Im vormodernen Rechtsverständnis sei es, so

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Foucault, vor allem darum gegangen, eine durch die Tat verrückte Ordnung wieder
herzustellen. Die Macht des alten Souveräns ist eine rein negative Macht, die im
Wesentlichen mit Verboten operiert. Das Maß ihrer Straftechnik ist der Grad an
Verwüstung, dem der Körper des Verbrechers ausgesetzt wird.

Im 18. Jahrhundert entwickelt sich mit den Reformjuristen eine neue Politik des
Körpers. Die Bestrafung wird nicht länger in einem exzessiven Blutbad zelebriert.
Vielmehr wird der Ruf nach einer nachvollziehbaren Bestrafung laut, die zum
Verbrechen im Verhältnis steht. Das neue Strafrecht zielt laut Foucault auf die Seele
des Individuums, insofern jeder Einzelne wissen soll, was genau ihn bei welchem
Vergehen erwartet. Die tobende Rache des Souveräns wird durch die gerechte Strafe
ersetzt.

Seit 1810 erscheint die Macht der milden Mittel auf der historischen Bühne. Statt der
Zerstörung des Körpers setzt sie unter dem Einfluss des sich entwickelnden
Kapitalismus auf Dressur. Eine neue Technologie der Macht, die produktive, gleichsam
positive Effekte zeitigt, bahnt sich langsam aber sicher ihren Weg. In ihrer
mikrophysischen Variante brennt sich die Macht nicht länger mit Pomp und Pathos in
den Körper des Verurteilten – sie schleicht sich in seine Falten hinein, sickert wie ein
unsichtbarer Film durch die Haut hindurch ins Innere. Das öffentliche Zeremoniell
weicht der stillen Unterweisung hinter geschlossenen Mauern. Es geht nicht länger
darum, den Körper zu quälen, sondern darum, ihn produktiv zu machen, ihn zu
disziplinieren. Der gefangene Mensch wird einem peniblen Tagesprogramm und einer
rigiden Norm unterstellt. In „Überwachen und Strafen“ schreibt Foucault:

Michel Foucault: „Zweifellos aber lässt sich ein Gedanke festhalten: dass in unseren
Gesellschaften die Strafsysteme in eine bestimmte „politische Ökonomie“ des Körpers
einzuordnen sind. Selbst wenn sie auf gewaltsame oder blutige Züchtigungen
verzichten, selbst wenn sie die „milden“ Methoden der Einsperrung oder Besserung
verwenden, geht es doch immer um den Körper – um den Körper und seine Kräfte, um
deren Nützlichkeit und Gelehrigkeit, um deren Anordnung und Unterwerfung.“

Auszug aus dem Manuskript der Dritten Stunde: Ethik des Selbst als Widerstand

Michel Foucault: „Was mich erstaunt, ist, dass in unserer Gesellschaft die Kunst nur
noch eine Beziehung mit den Objekten und nicht mit den Individuen oder mit dem
Leben hat. Und auch, dass die Kunst ein spezialisierter Bereich ist, der Bereich von
Experten nämlich, den Künstlern. Aber könnte nicht das Leben eines jeden
Individuums ein Kunstwerk sein?“

Wer spricht dort? Ist das Michel Foucault, der Analytiker der Mikromächte? Jener
Genealoge, der zeigen wollte, dass die Subjekte in historisch wandelbaren
Wahrheitsspielen erst gebildet werden? Das Leben eines jeden Individuums ... ein
Kunstwerk???

Was sind das für merkwürdige Worte von einem Philosophen, der den Menschen als
Produkt einer Machtordnung begreift? Wer die Existenz als künstlerisches Werk in

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Aussicht stellt, als etwas, das erschaffen und gestaltet werden kann – setzt der nicht
notwendig ein gehöriges Quantum Freiheit voraus?

Foucault hatte wie kaum ein Zweiter mit der Staatsmacht gestritten. Jahre lang ist er
ein Kämpfer gewesen. Nicht von ungefähr sprach ein guter Freund, der Historiker Paul
Veyne, in seinem Porträt vom „Philosophen als Samurai“. Michel Foucault wurde in
den 70er-Jahren von vielen als Widerstand in Person, als Ikone der Gegenmacht
gefeiert.

Auf dem Feld der Theorie aber waren seine Beiträge zur Emanzipation eher spärlich.
Wie war es möglich, Formen des Widerstands zu denken, wenn es das Subjekt gar
nicht geben sollte? In den vielen Interviews und Gesprächen, die uns aus jener Zeit
geblieben sind, hat Foucault stets für die lokalen Revolten und sektoriellen Kämpfe
geworben. Die großen Werke lassen den Leser im Hinblick auf die Möglichkeit zum
Widerstand jedoch häufig ernüchtert zurück. In der Retrospektive hat sich Foucault
entschieden gegen den Vorwurf gewehrt, dass die Idee von der Globalität der Macht
jede Möglichkeit zum Aufbegehren von vornherein verhindert. In einem Gespräch, das
in seinem Todesjahr geführt wurde, weist er auf die Unterscheidung von Macht und
Herrschaft hin. Die Macht als eine mobile, umkehrbare und per Definitionem instabile
Beziehung, setze die relative Freiheit der Individuen notwendig voraus.

Michel Foucault: „Man sollte beachten, dass es Machtbeziehungen nur in dem Maße
geben kann, in dem die Subjekte frei sind. Wenn einer von beiden vollständig der
Verfügung des anderen unterstünde und zu dessen Sache geworden wäre, ein
Gegenstand, über den dieser schrankenlose und unbegrenzte Gewalt ausüben könnte,
dann gäbe es keine Machtbeziehungen. Damit eine Machtbeziehung bestehen kann,
bedarf es also auf beiden Seiten einer bestimmten Form von Freiheit. Das heißt, dass
es in Machtbeziehungen notwendigerweise Möglichkeiten des Widerstands gibt. Vor
diesem allgemeinen Hintergrund weigere ich mich, die Frage zu beantworten, die man
mir manchmal stellt: „Aber wenn die Macht überall ist, dann gibt es keinen
Widerstand.“ Ich antworte: Wenn es Machtbeziehungen gibt, die das gesamte soziale
Feld durchziehen, dann deshalb, weil es überall Freiheit gibt. Jetzt gibt es in der Tat
Herrschaftszustände. In sehr vielen Fällen sind die Machtbeziehungen derart
verfestigt, dass sie auf Dauer asymmetrisch sind und der Spielraum der Freiheit
äußerst beschränkt ist. In diesen Fällen ökonomischer, sozialer, institutioneller oder
sexueller Herrschaft besteht das Problem in der Tat darin, zu wissen, wo sich
Widerstand formieren kann. Die Behauptung jedoch: „Sehen Sie, die Macht ist überall,
folglich gibt es keinen Platz für die Freiheit“ scheint mir absolut unangemessen. Man
kann mir nicht die Vorstellung zuschreiben, dass Macht ein Herrschaftssystem
darstellt, das alles kontrolliert und keinerlei Raum für Freiheit lässt.“

Die relationale Machttheorie erklärt den Widerstand zu ihrer notwendigen Bedingung.


Gerade die Idee von der Allgegenwart der Macht im sozialen Raum hatte die lokalen
Widerstandszellen beflügelt. So suchte man nicht mehr nach dem Feind Nummer Eins,
der sich in den Präsidentenpalästen oder in den Türmen des Kapitals verborgen hält,
sondern zielte auf den unmittelbaren Gegner, dem man ausgeliefert war. Auf diesem
Weg hatten Michel Foucault und Gilles Deleuze auch den „totalen Intellektuellen“ à la
Sartre verabschiedet und das Zeitalter des „lokalen Intellektuellen“ ausgerufen, als
dessen Verkörperung sie sich selbst verstanden.

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Dennoch: Die Entrüstung, mit der Foucault sich im eben zitierten Gespräch verteidigt,
deutet darauf hin, dass die Frage nach dem Widerstand einen wunden Punkt getroffen
hat.

So liest Foucault 1984 seine Arbeiten der 70er-Jahre von einem veränderten
Standpunkt aus. Er interpretiert einiges von dem, was ihn in der Gegenwart
beschäftigt, in seine Vergangenheit hinein und nimmt nachträgliche Korrekturen vor.
Mag man auch den fundamentalen Beziehungscharakter seines Machtbegriffs in
Rechnung stellen – trotzdem bleibt die Frage, wer sich da eigentlich befreien soll,
wenn das Subjekt im Moment seiner Entstehung schon ein Resultat von Unterwerfung
ist. Hatte Foucault nicht selbst das Begehrenssubjekt, zu dessen Befreiung die
sexuelle Revolution angetreten war, als Produkt des Wissensregimes entlarvt?

Der eingangs zitierte Gedanke über das Leben als Kunstwerk überrascht Freunde und
Feinde gleichermaßen – aus dem einfachen Grund, dass das Subjekt am Tisch der
foucaultschen Denkfiguren bislang keinen eigenen Platz besaß. Bei allen
Verbindungslinien, die sich vom Spätwerk her zu seinen früheren Arbeiten ziehen
lassen, kann man sagen, dass Foucault dem Subjekt gegen Ende der 70er-Jahre eine
neue Bedeutung verleiht.

Bei seiner Analyse des modernen Regierungswesens geht ihm ein Licht auf. Er stellt
fest, dass Subjekte nicht bloß von außen zugerichtet werden, sondern sich in einer
Mischung aus Fremd- und Selbsttechniken konstituieren. Statt auf die Praktiken der
Unterwerfung richtet der Foucault der 80er-Jahre sein Augenmerk auf die Praktiken
der Freiheit. Das Ethos der Selbstformung, die niemals abgeschlossene Bearbeitung
der eigenen Gestalt deutet Foucault als Widerstandspraxis gegen die Zuschreibungen
des Wissensregimes. Das gewandelte Antlitz, mit dem uns der vielgesichtige
Philosoph in seiner letzten Lebens- und Werkphase entgegenblickt, ist also ein
wichtiges Thema.

Es ist die Zeit, in der sich Foucault immer häufiger in den USA aufhält. Er überlegt
sogar, dem alten Fernweh nachzugeben und sich jenseits des Atlantiks
niederzulassen. In San Francisco erlebt Foucault eine erotische Kultur, die er so nicht
gekannt hatte. Theoretisch sucht er in der griechischen Antike nach
Anknüpfungspunkten für eine Ethik der Gegenwart. Praktisch experimentiert er in
Kalifornien mit alternativen Lebensformen.

Literaturverzeichnis:

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Michel Foucault, ein Interview: Sex, Macht und die Politik der Identität / Michel
Foucault, an Interview: Sex, Power, and the Politics of Identity, übers. v. Hans-
Dieter Gondek, in: Daniel Defert / François Ewald (Hgg.), Michel Foucault.

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6.5.2020 Eine Lange Nacht über Michel Foucault - Die Spur der Macht in uns allen (Archiv)
Analytik der Macht, (suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1759), Frankfurt a.M.
62015, S. 301-315.
Politik und Ethik: ein Interview / Politics and Ethics: An Interview, übers. v. Hans-
Dieter Gondek, in: Daniel Defert / François Ewald (Hgg.), Michel Foucault.
Analytik der Macht, (suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1759), Frankfurt a.M.
62015, S. 264-271.
Saar, Martin, Die Form des Lebens. Künste und Techniken des Selbst beim
späten Foucault (Nachwort), in: Daniel Defert / François Ewald (Hgg.), Michel
Foucault. Ästhetik der Existenz. Schriften zur Lebenskunst, (suhrkamp
taschenbuch wissenschaft 1814), Frankfurt a.M. 2007, S. 319-343.
Sarasin, Philipp, Michel Foucault zur Einführung, Hamburg 2005.
Schmid, Wilhelm, Auf der Suche nach einer neuen Lebenskunst. Die Frage nach
dem Grund und die Neubegründung der Ethik bei Foucault, (suhrkamp
taschenbuch wissenschaft 1487), Frankfurt a.M. 2000.
Veyne, Paul, Foucault. Der Philosoph als Samurai, übers. v. Ursula Blank-
Sangmeister, Stuttgart 2009.

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