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2020 "Über den Willen zum Wissen" - Die Vorlesungen von Michel Foucault (Archiv)

Mittwoch, 06.05.2020 Suchen


Startseite Büchermarkt Die Vorlesungen von Michel Foucault 18.11.2013

„Über den Willen zum Wissen“

Die Vorlesungen von Michel Foucault


Seit vier Jahren gibt der Suhrkamp-Verlag Vorlesungen des Philosophen
und Schriftstellers Michel Foucaults heraus. Nun kommt der erste Zyklus
am Pariser Collège de France von 1970-1971 „Über den Willen zum
Wissen“ heraus. Die gesamte Reihe gibt einen Einblick in Foucaults
Werke, die im Gegensatz zu seinen Büchern auf Verständlichkeit
ausgerichtet sind.

Von Klaus Englert

Der französische Philosoph und Schriftsteller Michel Foucault im Porträt (dpa/picture alliance)

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Seit Ende 1970 hielt Michel Foucault Vorlesungen am Collège de France, dem Olymp des französischen Geisteslebens.
Eine Fortsetzung des provokativen
Sein Lehrauftrag lautete: Über die „Geschichte der Denksysteme“ forschen. Damals erreichte der Pariser Philosoph unter Denkens Foucaults (DLF, Büchermarkt,
den Intellektuellen einen Kultstatus, denn sein zuvor erschienenes Buch "Les mots et les choses“, das ein völlig neuartiges
05.01.11)
[http://www.deutschlandfunk.de/eine-
Konzept menschlicher Geschichte entwarf, avancierte zum unbestrittenen Bestseller. Innerhalb von zwei Wochen verkaufte fortsetzung-des-provokativen-denkens-
foucaults.700.de.html?
es sich besser als sämtliche Auflagen von Sartres „Das Sein und das Nichts“. Das war im Sommer 1966. Nachdem sich
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vier Jahre später herumsprach, dass Foucault ins Collège de France gewählt worden war, gerieten seine Vorlesungen zum
Über den Mut zur Wahrheit (DLF,
Massenspektakel. Während der Veranstaltungen waren die 300 Sitzplätze restlos besetzt, weitere 500 Leute standen dicht Büchermarkt, 22.02.10)
[http://www.deutschlandfunk.de/eine-
gedrängt daneben, andere lagen auf dem Boden. Anwesend waren internationale Schriftsteller, Politiker und Theaterleute. fortsetzung-des-provokativen-denkens-
Derweil war Foucaults Pult mit zahlreichen Mikrofonen bedeckt. Das ging so bis 1976, als sich Michel Foucault eine andere foucaults.700.de.html?
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Strategie überlegte: Kurzerhand verlegte er seine Vorlesung von den Abendstunden auf 9 Uhr vormittags. Doch vergebens.

Seine Fans strömten weiterhin jeden Mittwoch in die zwei Amphitheater des Collège de France.

Seit vier Jahren gibt der Suhrkamp-Verlag Foucaults Vorlesungen am Collège heraus.
Dabei galt es, die Vortragsmitschriften und die Audio-Mitschnitte der Zuhörer
umständlich zu rekonstruieren. Zunächst begannen die Editoren mit Foucaults letzten

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Vorlesungen „Die Regierung des Selbst und der anderen“ sowie „Der Mut zur
Wahrheit“, die er bis zu seinem Tod 1984 hielt. Der nun herausgekommene Band
„Über den Willen zum Wissen“ über den ersten Vorlesungszyklus beweist Foucaults
anhaltendes Interesse für die Wahrheitsfrage.

Bedauerlich ist nur, dass es der Suhrkamp-Verlag versäumte, die am 2. Dezember


1970 gehaltene Inaugural-Vorlesung in den Band mit aufzunehmen. Denn dort kündete
Foucault an, von nun an werde er einen ganz anderen Blick auf die geschichtliche
Entwicklung werfen. Nicht mehr die geschlossenen Zeiträume des Wissens von „Les
mots et les choses“ stehen im Vordergrund, sondern Begriffe wie Zufall und
Diskontinuität. Und der Begriff des Ereignisses:

Die grundlegenden Begriffe, die sich jetzt aufdrängen, sind nicht mehr die des
Bewusstseins und der Kontinuität (mit den dazugehörigen Problemen der Freiheit und
Kausalität), es sind auch nicht die des Zeichens und der Struktur. Es sind die Begriffe
des Ereignisses und der Serie, mitsamt dem Netz der daran anknüpfenden Begriffe:
Regelhaftigkeit, Zufall, Diskontinuität, Abhängigkeit, Transformation“ (S. 39).

Mit seiner Vorlesungsreihe betritt Michel Foucault neues Terrain: Um die Entwicklung
der abendländischen Subjektivität besser begreifen zu können, geht er bis in die
Frühgeschichte der Antike zurück. Schließlich: Er bedient sich eines neuen
Methodengerüsts. Doch eines ändert sich keineswegs: Die Wahl eines ganz
bestimmten Sujets, eines Sujets, das typisch für die Arbeitsweise von Foucault ist.

Ich schreibe die Geschichte der Problematisierungen, der Art und Weise, wie etwas
zum Problem wurde. Wie und auf welche Weise wurde etwa der Wahnsinn zum
Problem der Moderne? (…) Mich interessiert also nicht die Geschichte der Theorien,
der Ideologien, nicht einmal die Geschichte der Mentalitäten, mich interessiert vielmehr
die Geschichte der Probleme. Weshalb wurde etwas zum Problem und weshalb in
dieser speziellen Form? Weshalb tauchte ein Problem zu einer bestimmten Zeit und in
einem bestimmten Gebiet auf?

Michel Foucault widmet sich zu Beginn seiner Vorlesungsreihe einem Satz des
Aristoteles, dessen scheinbare Banalität darüber hinwegtäuscht, wie nachhaltig er die
Geschichte der abendländischen Wissenschaften geprägt hat. Der Satz lautet: „Alle
Menschen streben von Natur nach Wissen.“ Was uns heute selbstverständlich
erscheint, deutet Foucault als unerhört, da Aristoteles etwas als naturgebunden
versteht, was tatsächlich erst im Verlauf der zivilisatorischen Entwicklung entstand.
Aristoteles hat – wie Foucault sagen würde – ein neues Wahrheits-Dispositiv
durchgesetzt, das von nun an allgemein anerkannt wurde. Seitdem gilt, dass ein
philosophischer strikt von einem nicht-philosophischen Diskurs getrennt werden soll.
Denn nur wer sich im Medium des Wahren aufhält – Aristoteles behauptet das von
jedem Philosophen –, ist imstande, die Wahrheit auszusagen. Der Wille zur Wahrheit
und der Wille zum Wissen behaupten sich demnach auf einem genau abgezirkelten
Terrain, das genau regelt, was wahrheitskonform und was nicht wahrheitskonform ist.
Die Nachtseite der Philosophie hat bei Aristoteles einen Namen: Es ist der Sophist.

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„In der Philosophiegeschichte repräsentiert der Sophist das Äußere, (…) das es zu
eliminieren gilt: (…) ein Außen, dessen Ausschaltung erst die Existenz der Philosophie
ermöglicht; ein Außen, an das sich der philosophische Diskurs in undurchsichtiger
Weise anlehnt. Wenn wir behaupten, dass die Wissenschaft ihren Ursprung im Innern
des philosophischen Diskurses hat, wird klar, worum es bei diesem Problem letztlich
geht. Der Vorgang, der durch Ausschluß ein Außen des philosophischen Diskurses
definiert und eine bestimmte Verbindung zwischen Philosophie und Wahrheit herstellt,
dieser Vorgang muss charakteristisch für den Willen zum Wissen sein“ (S.61).

Michel Foucault spricht von einem Diskursereignis, weil seit Aristoteles neue
Bedingungen für das wahre Sprechen gelten. Nicht alle hielten sich aber an
Aristoteles’ Diktat. Und so vertrieb der griechische Philosoph die Sophisten aus den
heiligen Räumen der Akademie, weil ihre Argumente die klare Unterscheidung von
wahr und falsch missachteten.

Foucault, der einige Jahre vor den Vorlesungen über die Geschichte und den
Ausschluss des Wahnsinns schrieb, fragt sich jetzt, warum das neue Wissens-
Dispositiv zum Problem werden konnte. Ganz einfach, meint der französische
Philosoph, denn plötzlich wurde das vorsokratische, das archaische Wissen verfemt:
Es galt als „überschreitend, verboten und furchtbar“ (S.31). Aristoteles schlüpfte in die
Rolle des Oberzensors und schloss dieses Wissen aus der Philosophie aus.

Michel Foucault spricht im Amphitheater des Collège de France vom Umschlag des
Wissens, der sich zwischen zwei gänzlich verschiedenen Gesellschaftsformationen
ereignete: Zwischen der vor-rechtlichen Zeit der Tyrannen und der gesetzeskonformen
Athener Polis, zwischen dem archaischen Griechenland Homers und der weitaus
späteren Philosophenschule Platons. Noch zur Zeit Homers gab es keine Prüfung der
Wahrheit vor dem Richterstuhl des Philosophen. Ganz im Gegenteil: Die Wahrheit
wurde im Kampf der Parteien – etwa im Streit zwischen Menelaos und Antilochos –
erstritten. Wer die Wahrheit behaupten wollte, wählte das Risiko, denn sein Schwur
forderte die Götter heraus. In diesem Wettkampf waren Ausgang und Wahrheitsprobe
höchst ungewiss, weshalb Foucault meint, die Wahrheit in der minoischen Ära sei
noch von einer „unbegrenzten und wilden Souveränität“ (S. 107) bestimmt gewesen.

Anders Griechenlands klassische Antike! Plötzlich änderten sich die Bedingungen für
die Subjektivität, denn es oblag dem Menschen, innerhalb der Ordnung der Dinge
gerechte Verhältnisse herzustellen. Der Zeitgenosse Platons, der sich nach dem
nómos, dem Gesetz, ausrichtete, lebte in einer anderen Wahrheit als derjenige, der für
die Wahrheit noch sein Leben aufs Spiel setzen musste.

Diesen Wandel der Subjektivität verfolgte Michel Foucault auch in den späteren
Vorlesungen am Collège de France. In seiner Inaugural-Vorlesung deutete er bereits
an, dass im 16. und 17. Jahrhundert der Wille zum Wissen durch neue politische,
religiöse und wissenschaftliche Strukturen geformt wurde. Selbstverständlich war das,
wie Foucault anfügte, nicht die letzte Transformation, dem sich der Wille zum Wissen
im Verlauf der späteren Jahrhunderte ausgesetzt sah.

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6.5.2020 "Über den Willen zum Wissen" - Die Vorlesungen von Michel Foucault (Archiv)

Angesichts dieser tief greifenden Prozesse fragt es sich: Gibt es so etwas wie eine
anthropologische Konstante, eine Identität des Menschen? Michel Foucault ist da sehr
skeptisch:

"Der Mensch ist, wenn nicht ein Alptraum, so doch eine sehr eigenartige Figur. Im 19.
und beginnenden 20. Jahrhundert war man überzeugt, der Mensch sei die Grundlage
aller Realitäten. Man ging davon aus, die Suche nach der Wahrheit des Menschen
habe seit der frühen Antike alle Forschungen beseelt – die Forschungen der
Wissenschaft, der Moral und ganz gewiss die der Philosophie. (…) Offen gesagt, bis
zum Ende des 18. Jahrhunderts, etwa bis zur Französischen Revolution, hat sich
niemand mit dem Menschen als solchem beschäftigt. Der Begriff des Humanismus,
den wir der Renaissance zuschreiben, ist viel jünger, er ist eine Erfindung des 19.
Jahrhunderts. (…) Ich glaube, die Entwicklung der Humanwissenschaften führt uns
heute nicht zu einer Vergötterung des Menschen, sondern paradoxerweise zu seinem
Verschwinden. Was geschieht heute mit den Humanwissenschaften? Sie entdecken
überhaupt nicht den konkreten Kern der menschlichen Existenz. Ich möchte aber
zeigen, dass das Individuelle und Einzigartige am Menschen nur ein Funkeln und
Glitzern an der Oberfläche ist“.

Was bedeutet diese Erkenntnis für die Aufgaben der Philosophie? Wissen und
Wahrheit ändern sich zwangsläufig, je nach den Herrschaftssystemen, denen sie
unterliegen. Das ist vielleicht die Quintessenz der Vorlesungen am Collège de France.
Michel Foucault verteidigte das Denken als existentielle Tätigkeit. Als ein Denken in
der Leere des verschwundenen Menschen, als ein von neuem beginnendes Denken.
Diese Chance beschrieb Foucault eindrücklich in der berühmten Passage aus „Les
mots et les choses“:

„Das Ende des Menschen ist die Wiederkehr des Anfangs der Philosophie. In unserer
heutigen Zeit kann man nur noch in der Leere des verschwundenen Menschen
denken. Diese Leere stellt kein Manko her, sie schreibt keine auszufüllende Lücke vor.
Sie ist nichts mehr und nichts weniger als die Entfaltung eines Raums, in dem es
schließlich möglich ist, zu denken“ (S.412/353)“

Michel Foucault: Über den Willen zum Wissen.Aus dem Französischen von Michael Bischoff. Suhrkamp 2012, 394
S., 42,95 Euro

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