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6.5.

2020 Luftbeben (Archiv)

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Startseite Büchermarkt Luftbeben 14.02.2003

Luftbeben
Suhrkamp, 110 S., EUR 7

Peter Sloterdijk kann man sicherlich zu denjenigen Philosophen rechnen, die mit
einem gewissen Kulturpessimismus die Nachtseite der menschlichen Vernunft
auszuloten versuchen. Wie weit dabei allerdings seine Komplizenschaft mit dem
Diagnostizierten geht, bleibt meist in einer dunkel gehaltenen Ambivalenz. So
wiederholte er in seinem heftig diskutierten Essay „Regeln für den Menschenpark“
im Grunde lediglich Nietzsches These, dass der neuzeitliche Humanismus im
Bildungsstaat des neunzehnten Jahrhunderts nicht nur eine zivilisatorische
Zähmung des Menschen entfalte, sondern in seinem Kern eine Züchtung sei.
Nietzsches radikale Analyse der modernen biopolitischen Mächte inspirierte vor
allem Michel Foucault und mit ihm eine ganze Schule dazu, nach den
humanwissenschaftlichen Herstellungstechniken dieses Menschen zu fragen.

Leander Scholz

Bei Sloterdijk scheint dieselbe Inspiration eher eine Faszination zu sein. Der Skandal,
den der Denker der raunenden Sätze mit seinen „Regeln für den Menschenpark“
auslöste, bestand nicht in der schon häufiger geschehenen Verabschiedung des
Humanismus, sondern in der Verknüpfung dieser Frage mit der aktuellen Debatte zur
Gentechnik. Aber auch hier deutete Sloterdijk nur an, was sein Meister Heidegger
schon mit Klarheit ausgesprochen hat. Nämlich dass es trotz der scheinbaren
Wiederauflage des Humanismus nach dem Ende des Nationalsozialismus eine
versteckte Kontinuität der faschistischen Biopolitik gab, die Heidegger etwa in der
industriellen Mas sentierhaltung am Werk sah. Inzwischen ist es ein alter
wissenschaftsgeschichtlicher Hut, dass die Erkenntnisse, die in den
Konzentrationslagern auf grausamste Weise über den menschlichen Körper gewonnen
wurden, nicht wertlos geblieben sind für das Fortschreiten des wissenschaftlichen
Fortschritts.

Was Nietzsche schon anhand der Pädagogik des 19. Jahrhunderts analysierte und
Jakob Taubes für das dritte Reich als rassistische Theozoologie beschrieb, sieht
Sloterdijk in der Gentechnik einem weiteren Explikationsschritt ausgesetzt. Soweit
gaben seine Thesen keinen Anlass zu einem Skandal, sieht man einmal von dem
diffusen Faschismusverdacht ab, der zumindest für die deutsche Öffentlichkeit die
Bedingung für jede Ökonomie der Aufmerksamkeit schlechthin zu sein scheint, in
diesem Fall aber ebenso haltlos wie Sloterdijks weitere Argumentation war. Will man
die quasi zoologische Selektion der Biopolitik nicht vollständig industriellen Interessen
überlassen, so ist es laut Sloterdijk zwingend geboten, die Flucht nach vorne
anzutreten und einen „Codex der Anthropotechnik“ zu formulieren. Dass ein solcher
Codex naturgemäß nicht von denen formuliert wird, die unter seine Anwendung fallen,
ist für Sloterdijk keine Frage von politischer Brisanz. Stattdessen enden seine
Ausführungen mit einer Referenz auf Pla-tons elitärem Staatsmodell, das von einem
naturalisiertem Kastenwesen ausgeht, bei dem eine kleine Anzahl von Weisen die
große Herde führt. Kein Zufall ist es, dass Platons zoologische Begrifflichkeit für
Sloterdijk deshalb so wichtig ist, weil sie die Trennung von Führern und Geführten
unhintergehbar erscheinen lässt. Auch wenn Sloterdijk zum Abschluss seines Essays
beklagt, unseren Zeiten seien nicht nur die Götter sondern auch solche weisen Führer

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abhanden gekommen, darf man annehmen, dass diese Klage letztlich dazu dient, den
seherischen Philosophen, wie Sloterdijk selbst einer sein will, wieder zu seinem Recht
kommen zu lassen. Das eigentliche Skandalen besteht deshalb in dem Status, den
Sloterdijk dem philosophischen Argumentieren zuweist. Und beinahe naturgemäß,
könnte man sagen, richten sich seine Angriffe deshalb vor allem gegen Jürgen
Habermas wohl als dem stellvertretenden Sachwalter der historischen Aurklärung
schlechthin. Fast ist man mit einer Formulierung Hegels geneigt zu sagen, dass in der
Figur Sloterdijk das allenthalben angekündigte Wassermannzeitalter zu sich selbst
kommt.

In seinem Essay mit dem Titel Luftbeben wendet sich der Philosoph erneut einer
Interpretation des 20. Jahrhunderts zu. Der zentrale Terminus, den er dazu erfindet,
heißt „Atmoterronsmus“ und führt das Projekt einer Sphärenanalyse fort, das Sloterdijk
schon in früheren Schriften beschäftigt hat. Kurz zusammengefasst lautet seine These,
dass sich die Originalität des 20. Jahrhundert erstens durch die neue Praxis des
Terrorismus, zweitens durch die Idee des Produktdesigns und drittens durch das
Aufkommen des Umweltgedankens verstehen lässt. Wobei die totalitäre Qualität der
terroristischen zwischenstaatlichen Kriegführung die beiden anderen Merkmale nach
sich zieht.

Im ersten Teil seines Essays zeichnet Sloterdijk die Entwicklung der deutschen
Gasangriffe im ersten Weltkrieg nach, in denen sich erstmals die Umstellung von der
Vernichtung des Feindes auf die Vernichtung dessen Lebensbedingungen vollzieht.
Krieg wird nicht mehr als Kampf zwischen personifizierten Feinden verstanden,
verbildlicht etwa im ehrenhaften Duell oder im ritterlichen Luftkampf, sondern als
Vernichtung einer fremden Umwelt. Ernst Jünger hat das in seinem Roman „In
Stahlgewittern“ beschrieben als Verschwinden der Konstellation „Auge in Auge mit
dem Feind“. Mit dieser Umstellung dehnt sich die militärische Gewalt auch auf die
Zivilbevölkerung und deren Lebensbedingungen bis hin zum nationalsozialistischen
Programm des totalen Kriegs oder der verbrannten Erde aus. Aus der Tatsache, dass
es eine personelle Kontinuität von den Strategen der Gaskriege zu den technischen
Erfindern der Gaskammern und damit zum faschistischen Genozid gab, schlussfolgert
Sloterdijk, dass auch der nationalsozialistische Staatsterror im Grunde ein
„Atmoterronsmus“ sei, weil sich das „In-der-Welt-sein“ de facto als ein „In-Atembarem-
Sein“ zeige. In die Reihe solcher Explikationen des Atemraums fallen für Sloterdijk
deshalb ebenfalls die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki. All diese
Phänomene entfalten aller erst ein Bewusstsein für die Atmosphäre. In dem, was
Sloterdijk dabei Explikation nennt, zeigt er sich als treuer Schüler von Heidegger, der
im Wesen des Technischen ein bisher ungeahntes „Entbergen“ und eine
unabschätzbare „Herausforderung“ des Seins sah. Den Grund dafür, dass die mitunter
grausamen Explikation der menschlichen Umwelt in einer ambivalenten ontologischen
Faszination und ohne jede gesellschaftsanalytische Dimension nachgezeichnet
werden, darf man in dieser Schülerschaft begründet sehen.

Als andere Seite des „Atmoterronsmus“ beschreibt der Essay in einem weiteren
Kapitel das zivile Design von Atemräumen etwa anhand von Klimaanlagen oder
anderen Regelungstechniken, mit denen die Atmosphäre von menschlichen Räumen
kontrollierbar wird. Die atembare Luft erscheint dabei nicht mehr als ein frei
verfügbares Naturgut, sondern als etwas, das einer potentiellen Vergiftung ausgesetzt
ist. Umwelt wird im 20. Jahrhundert zu einem Gegenstand des Misstrauens. Folge
davon ist, dass sich das menschliche Leben, wie Sloterdijk sagt, durch
„Selbstschließung und selektive Teilhabeverweigerung“ stabilisiert. Die präventive
Verwaltung von Körpergrenzen, und nicht nur der Atemorgane, rückt zunehmend in
einen allumfassenden Immunitätsdiskurs. Schutz ist nur durch neue Körperformen der

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Abschottung gewährleistet, zuweilen auch vor dem eigenen Körper. Bestätigt kann
man diese These durch das allerneuste Projekt des MIT sehen: Um den perfekten
Soldaten auszurüsten, soll ein nanotechnischer Kampfanzug entwickelt werden, durch
den der soldatische Körper von seinem Einsatzgebiet unabhängig wird. Man fühlt sich
an den Roman Der Wüstenplanet von Frank Herbert erinnert, in dem eine High-Tech-
Garderobe stinkenden Körperschweiß in kostbares Trinkwasser verwandeln kann.

So recht Sloterdijk mit dieser Genealogie des Umweltgedankens im 20. Jahrhundert


hat, so fragwürdig sind die Schlüsse, die er daraus zieht. Denn die Wahrheit der
zunehmenden Explikation der Umwelt durch den Menschen besteht nicht in einer
Auslegung seines „In-der-Welt-seins“, sondern in der Form seiner Vergesellschaftung.
Die derzeitige Wende in den Kulturwissenschaften vom gesellschaftskritischen Diskurs
zum anthropologischen zeigt sich ein weiteres Mal als eine Verkürzung der
Perspektive. Vergeblich sucht man in Sloterdijks Studie nach der Beziehung des
modernen ökonomischen Steigerungsimperativs und dem Austesten immer neuer
Ressourcen der Verwertung, unter denen eben auch die atembare Luft sein kann.
Aufgrund der rein anthropologischen Parameter liest sich der Essay Luftbeben wie die
nachgelieferte naturgeschichtliche Begründung der zoologischen Thesen aus den
Regeln für den Menschenpark.

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