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Synthesen

Probleme europäischer Geschichte

Herausgegeben von
Manfred Hildermeier, Hartmut Kaelble,
Jürgen Kocka und Holm Sundhaussen

Band 5

Herausgegeben von
Holm Sundhaussen

Vandenhoeck & Ruprecht


Philipp Ther

Die dunkle Seite


der Nationalstaaten
»Ethnische Säuberungen« im modernen Europa

Vandenhoeck & Ruprecht


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-525-36806-0
ISBN 978-3-647-36806-1 (E-Book)

Umschlagabbildung:
Umsiedlung 1939–1941 – Koffer und Gepäckstücke türmen sich auf
den Gleisen des Bahnhofs Przemyśl. © ullstein bild – ullstein bild

© 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen /


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Inhalt

1. Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7

2. Voraussetzungen ethnischer Säuberungen . . . . . . . . . . . . . . 23

Die Ideologie des Nationalismus (24) – Idee und Praxis des National-


staats (32) – »Minderheitenprobleme« (38) – Die europäische Moderne 
(50) – Christliche Intoleranz  (58) – Zusammenfassung  (65)

3. Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen . . . . . . . . . . . 69

3.1 Ethnische Säuberungen als Mittel


der internationalen Politik (1912–1925) . . . . . . . . . . . . . . 69

Die Balkankriege und ihre Folgen  (71) – Deportationen im Ersten


Weltkrieg (80) – Nachkriegsmigrationen (83) – Die »Triage« im
Elsass (86) – Schutz und Reduktion von Minderheiten in den Pariser
Vorortverträgen (89) – Das Abkommen von Lausanne  (96) – Zusam-
menfassung (106)

3.2 Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944) . . . . . . . 108

Vom Münchner Abkommen bis zum Beginn des Zweiten Weltkrie-


ges (108) – »Heim ins Reich« (112) – Unter NS-Besatzung (119) –
»Soviet Ethnic Cleansing« (129) – Kriege im Krieg: der polnisch-
ukrainische und der serbisch-kroatische Konflikt (138) – Weitere
Fälle im deutschen Einflussbereich (150) – Exkurs: Die ethnische
Säuberung von Juden  (161) – Zusammenfassung  (166)

3.3 Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) . . . . . . . . . . 168

Die Planungen der Alliierten  (168) – Polen und die Tschechoslowa-


kei (174) – Weitere Fälle im sowjetischen Machtbereich  (196) – An
den Bruchzonen des Kalten Krieges  (203) – Der Transfer des euro-
päischen Modells (Indien, Palästina)  (212) – Zusammenfassung  (233)
6 Inhalt

3.4 Geister der Vergangenheit: Das ehemalige Jugoslawien


und der Kaukasus (1991–1999) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239

Der Zerfall Jugoslawiens (242) – Kroatien, Bosnien und Herzego-


wina (244) – Kosovo (254) – Die Konflikte im Kaukasus im Ver-
gleich (255) – Zusammenfassung  (258)

4. Schlussbetrachtung und historische Typologie . . . . . . . . . . . . 261

5. Kommentierte Bibliographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281

5.1 Überblicksdarstellungen über ethnische Säuberungen . . . . . . 281

5.2 Literatur über die Wiederbesiedlung


ethnisch gesäuberter Gebiete . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283

5.3 Literatur über Erinnerung und kollektives Gedächtnis . . . . . 285

5.4 Literatur zu einzelnen Ländern . . . . . . . . . . . . . . . . . . 287

Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299

Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 300
1. Einleitung

Das 20. Jahrhundert ist wie kein anderes Zeitalter der Geschichte von orga-
nisiertem Terror geprägt. Es war das Jahrhundert der Konzentrationslager,
der Gulags, des ideologisch motivierten Massenmords. »Ethnische Säube-
rungen« stehen nicht ganz oben auf dieser Skala des Terrors. Das erklärt sich
zum Teil bereits aus der Motivation jener Akteure, die sie beschlossen und
ausführten. Bei ethnischen Säuberungen war nicht die Ermordung und Ver-
nichtung einer Gruppe das vorrangige Ziel, sondern deren gewaltsame Ent-
fernung aus einem bestimmten Gebiet. Ethnische Säuberungen unterschei-
den sich von den Todeslagern der Nationalsozialisten und den Gulags der
Bolschewiken außerdem dadurch, dass sie keine Erfindung totalitärer Dik-
taturen und kein Zivilisationsbruch waren. Ethnische Säuberungen sind
ein Kind des Nationalstaats und damit ein zentraler Bestandteil der euro­
päischen Moderne.
Unter ethnischen Säuberungen wird hier angelehnt an die Definitionen
der UNO und des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag eine syste-
matisch organisierte, mit Gewalt verbundene und in der Regel dauerhafte
Zwangsaussiedlung einer durch ihre Ethnizität oder Nationalität definierten
Gruppe bezeichnet.1 Die negative Utopie ethnischer Reinheit betraf nicht nur
Menschen, sondern auch deren Kultur. Die Institutionen und Individuen, die
ethnische Säuberungen ausführten – in der Geschichtswissenschaft spricht
man von Akteuren – verbrannten Bücher, schändeten Friedhöfe, sprengten
Moscheen und Kirchen und planierten manchmal ganze Ortschaften.
Man kann bei ethnischen Säuberungen vier Varianten und nachgeordnete
Begriffe unterscheiden. Eine »Flucht« erfolgt meist im Rahmen eines bewaff-
neten Konflikts oder Krieges und wird von den Betroffenen in der Regel
nicht als endgültig empfunden. Sie verwandelt sich zu einer ethnischen Säu-
berung, wenn den Flüchtlingen aufgrund ihrer Ethnizität oder Nationalität
die Rückkehr verweigert wird. Eine zweite Variante ethnischer Säuberungen
ist die »Vertreibung«, die spontan oder sogar als Racheakt erfolgen kann und
nicht auf zwischenstaatlichen Vereinbarungen basiert. Ähnlich verhält es
sich mit »Deportationen«, die aber innerhalb eines Staates erfolgen und nicht

1 Vgl. zur Verwendung des Begriffs bei der UNO und dem Internationalen Gerichts-
hof Cathie Carmichael, Ethnic Cleansing in the Balkans. Nationalism and the Destruction
of Tradition, London 2002, S. 2.
8 Einleitung

über Grenzen hinweg. Die vierte und bei weitem häufigste Variante sind
vertraglich geregelte »Zwangsaussiedlungen«. Termini wie »Bevölkerungs­
austausch«, »Transfer«, »Umsiedlung« oder »Repatriierung« sind dagegen
verharmlosende Quellenbegriffe. Schwieriger ist die adäquate Bezeichnung
der von ethnischen Säuberungen betroffenen Menschen. Hierbei wird nach
Möglichkeit spezifisch zwischen Vertriebenen, Deportierten oder Zwangs-
ausgesiedelten unterschieden oder übergreifend von Flüchtlingen gespro-
chen, wie es in den Dokumenten von Hilfsorganisationen und unter Zeit­
genossen meist üblich war.
Ethnische Säuberungen sind heute geächtet im Gegensatz zur ersten
Hälfte des 20. Jahrhunderts, als die internationale Staatengemeinschaft mas-
senhafte Bevölkerungsverschiebungen veranlasste oder daran mitwirkte. Die
Ächtung beruht vor allem auf der Anwendung der UN-Genozidkonvention
von 1948. So sehr man die völkerrechtliche Ächtung und Verfolgung von Ver-
brechen gegen die Menschlichkeit politisch unterstützen mag – insbesondere
mit Blick auf das ehemalige Jugoslawien – so kann eine Universalisierung des
Genozidbegriffs keine Leitlinie für eine historische Studie sein. ­Ethnische
Säuberungen und Genozide unterschieden sich in mehrfacher Hinsicht, der
Zielsetzung, den Resultaten und in ihren räumlichen Dimensionen. Bei
einem Genozid ist die Vernichtung (laut UN-Konvention »destruction«)
einer bestimmten Bevölkerungsgruppe das Ziel, wofür im Völkerrecht ein
spezifischer Vorsatz (dolus specialis) vorausgesetzt wird. 2 Das primäre Ziel
ethnischer Säuberungen war dagegen die systematische Entfernung einer Be-
völkerungsgruppe aus einem bestimmten Gebiet.
Der Unterschied zwischen den beiden Phänomenen zeigt sich nicht zuletzt
im Resultat, dem quantitativen Verhältnis von Todesopfern und Überleben-
den, das bei ethnischen Säuberungen selten 10 Prozent überschreitet, beim
Genozid hingegen 100 Prozent erreichen kann. Der tschechische Historiker
Jan Havránek hat die verschiedenen Auswirkungen von Genoziden und eth-
nischen Säuberungen am Beispiel der Prager Juden und der deutschen Min-
derheit in Böhmen zusammengefasst: »Der Weg der Zweiten endete nach dem
Übertritt der bayerischen oder sächsischen Grenze in Armut, in der sie al-
lein auf ihre Hände und ihren Kopf angewiesen waren. Der Weg der Ersten
führte fast immer über Theresienstadt in die Gaskammern von Auschwitz.«3
In der Tat ist gerade im »Zeitalter der Extreme« (Hobsbawm) zwischen ver-
schiedenen Arten des Schreckens und des Leids zu unterscheiden. Schließ-

2 Vgl. zur völkerrechtlichen Genese des Genozidbegriffs William A. Schabas, Geno­


cide in International Law. The Crime of Crimes, Cambridge 2009².
3 Jan Havránek, Das tragische Jahrzehnt in Mitteleuropa, in: Richard G. Plaschka
u. a. (Hg.), Nationale Frage und Vertreibung in der Tschechoslowakei und Ungarn 1938–
1948, Wien 1997, S. XIII–XVII, hier S. XVII.
Einleitung 9

lich ist »ethnic cleansing« infolge des Krieges in Bosnien und Herzegowina
selbst zu einem völkerrechtlichen Straftatbestand geworden, so dass man
nicht mehr behaupten kann, dieser Begriff sei verharmlosend. Der Interna-
tionale Gerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) hat diverse Ver-
brechen gegen die Menschlichkeit im Zusammenhang mit ethnischen Säu-
berungen (im Serbischen etničko čišćenje) mit langen Haftstrafen geahndet,
differenziert dabei aber vom Genozid.4 Nur der kaltblütig geplante Massen-
mord von Srebrenica mit über 7.000 Toten wurde als Genozid bestraft, nicht
die anderen schweren Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Ein weiteres Argument für eine Differenzierung zwischen ethnischer Säu-
berung und Genozid stützt sich auf die für Historiker unumgängliche Be-
rücksichtigung räumlicher Dimensionen der Geschichte. Vertreibungen und
Zwangsaussiedlungen waren stets mit spatialen Vorstellungen über Ziel- und
Aufnahmegebiete verbunden, in der Regel einem ko-ethnischen Staat. Dem-
entsprechend waren die meisten ethnischen Säuberungen grenzüberschrei-
tend. Eine Ausnahme sind Deportationen innerhalb eines Staates, etwa in der
stalinistischen Sowjetunion. Dort fehlte die Vorstellung eines externen Hei-
matlandes für die Deportierten, aber die Bevölkerungsverschiebungen wur-
den ebenfalls über weite Entfernungen durchgeführt. Verallgemeinernd ist
festzustellen, dass ethnische Säuberungen raumübergreifend sind sowie ein
»gesäubertes« und ein aufnehmendes Gebiet miteinander verbinden. Dage-
gen werden Genozide häufig an Ort und Stelle, im Siedlungsgebiet der be-
troffenen Nation durchgeführt – man denke an die unzähligen Massen­
erschießungen von Juden im besetzten Osteuropa. Völkermorde beruhen
allenfalls auf einer Deportation ins Nichts, symbolisiert vom Ende der Bahn-
gleise in Auschwitz-Birkenau.
Aufgrund dieser Unterschiede und mit Blick auf die umfangreiche Spezial­
literatur wird in dem vorliegenden Buch der nationalsozialistische Völker-
mord an den Juden nicht näher untersucht. Die Verfolgung der Juden war
von Anfang an von rassistischen Vernichtungsphantasien geprägt, die sich in
dieser Radikalität in keinem einzigen Fall ethnischer Säuberungen wieder­
finden. Man kann daher von keiner Fortsetzung oder Eskalation der eth-
nischen Säuberung der 1930er Jahre sprechen. Wie Götz Aly gezeigt hat,
gab es jedoch während des Zweiten Weltkrieges organisatorische Zusam-
menhänge zwischen der Vernichtung der Juden und der von den National-

4 Vgl. dazu zwei Schlüsselverfahren um die Vorgänge in Nordbosnien, wo es 1992


zu besonders umfangreichen Menschenrechtsverletzungen kam. Trotz hoher Haftstra-
fen für die Beschuldigten wurden die Anklagen wegen Genozids in allen Revisionsver-
fahren fallengelassen. Siehe dazu auf der Webseite des ICTY http://www.icty.org/x/cases/
stakic/cis/en/cis_stakic.pdf und http://www.icty.org/x/cases/jelisic/cis/en/cis_jelisic.pdf
[18.10.2010].
10 Einleitung

sozialisten durchgeführten Verschleppung und Vertreibung anderer Bevöl-


kerungsgruppen.5 Außerdem nimmt der Holocaust als Urverbrechen der
europäischen Moderne eine zentrale Bedeutung für den Topos der Erinne-
rung ein, der im Schlussteil über jüngere Forschungsrichtungen thematisiert
wird. Der Holocaust war und ist die Messlatte für die Bewertung von ande-
ren Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Schließlich stand die Bewahrung
der Erinnerung an den Holocaust am Anfang eines seit etwa 20 Jahren an-
dauernden, globalen Trends zu Opfernarrativen, der den Boom der wissen-
schaftlichen Literatur und der öffentlichen Diskurse über ethnische Säube-
rungen mit ausgelöst hat.
Dieser Begriff ist nun bereits so oft gefallen, dass dies manch einen Leser
irritiert haben mag. Im Englischen hat sich »Ethnic Cleansing« in der Wis-
senschaftssprache längst durchgesetzt, im Deutschen stößt der Begriff noch
auf Vorbehalte. Der Grund liegt im Ursprung in der Sprache der Täter. Sie
stehen in diesem Buch im Vordergrund, weil sich nur so die Ursachen des
millionenfachen Leids erklären lassen. Aber es handelt sich beim Terminus
»ethnische Säuberung« nicht um eine Erfindung der Medien anlässlich des
Jugoslawien-Konflikts, wie gelegentlich kolportiert wird. Die Idee der Säu-
berung findet sich viel früher in Dokumenten, Zeitungs­artikeln und politi-
schen Schriften, in denen es um das Ideal homogener Nationen und Natio-
nalstaaten und um Minderheiten ging, die dem im Weg standen. Man kann
diesen Begriff besonders häufig im Deutschen nachweisen, aber er exis-
tiert als Očysta im Tschechischen, Oczyszczenie im Polnischen, Čyščenie
im Russischen und Čišćenje im nicht mehr existierenden Serbokroatischen.6
Sämtliche geläufigen Bücher über ethnische Konflikte, Vertreibungen und
»ethnic cleansing« konzentrieren sich auf das östliche Europa, doch im Fran-
zösischen kursierte mit »épuration« ein vergleichbarer Terminus, im Engli-
schen ist »purification« kein Fremdwort. Es handelt sich mithin um einen
gesamteuropäischen Topos, der in einem entsprechenden Zusammenhang
darzustellen ist und nicht nur als ost- oder südosteuropäisches Problem. Das
gilt insbesondere für eine Erklärung der Ursachen, da auf internationaler
Ebene insbesondere westeuropäische Politiker und Wissenschaftler für eth-
nische Säuberungen eintraten. In Abgrenzung dazu bezeichnet der Begriff
der »ethnischen Migration« Wanderungsbewegungen, die durch die Ethni-
zität der Migranten definiert sind, bei denen aber kein klarer Zwangscharak-
ter vorliegt.

5 Vgl. Götz Aly, »Endlösung«. Völkerverschiebung und der Mord an den europä­
ischen Juden, Frankfurt a. M. 1995.
6 Für die Transkription aus kyrillischer Schrift wird hier das Lautschriftalphabet be-
nutzt, außer es handelt sich um eingeführte Namen und Begriffe.
Einleitung 11

Ein Blick auf die Quellen zeigt, dass der Zusatz »ethnisch« erst in den
vergangenen drei Jahrzehnten aufgekommen ist. In der ersten Hälfte des
20. Jahrhunderts konnte man darauf verzichten, weil im Zusammenhang
mit Diskursen über die Nation ohnehin klar war, dass der Begriff der Säu-
berung auf nationale Minderheiten zielte. Diese wurden nicht als Bereiche-
rung, sondern als Problem und Gefahr für den Nationalstaat, als Fremdkör-
per im Gewebe der eigenen Nation angesehen. Eric Hobsbawm zufolge gibt
es einen direkten Zusammenhang zwischen der nationalstaatlichen Ordnung
und ethnischen Säuberungen: »The logical implication of trying to create a
con­tinent neatly divided into coherent territorial states each inhabited by a
separate ethnically and linguistically homogenous population, was the mass
expulsion or extermination of minorities.«7 Diesem Gedanken sind Norman
Naimark und Michael Mann gefolgt und haben das Modell des demokra­
tischen Nationalstaats kritisiert.8 Nimmt man diese deterministisch formu-
lierte Kritik am Nationalstaat auf, sollte allerdings der Wandel des Natio-
nalismus im Laufe des 19. Jahrhunderts näher betrachtet werden. Warum
veränderte sich das Verständnis der Nation, die Idee und Praxis des Natio-
nalstaats derartig, dass sich immer negativere Einstellungen gegenüber Min-
derheiten entwickelten? Das erste, ausführliche Kapitel über die Voraus-
setzungen ethnischer Säuberungen geht dieser Frage nach und untersucht
zugleich weitere Faktoren.
Dazu gehört insbesondere die Bevölkerungspolitik, die auf dem Fort-
schritt statistischer Verfahren beruht. Im letzten Drittel des 19. Jahrhun-
derts wurde die Bevölkerung Europas anhand exklusiver und scheinbar
objektiver nationaler Kategorien unterteilt. Diese pseudowissenschaftliche
büro­k ratische Praxis wird im Anschluss an Zygmunt Bauman im Zusam-
menhang mit der europäischen Moderne betrachtet. Mehrere europäische
Staaten, allen voran das Deutsche Reich, versuchten außerdem, die ethnische
Bevölkerungszusammensetzung bestimmter Gebiete durch gezielte Ansied-
lungsmaßnahmen zu manipulieren. Diese nationalistische und zunehmend
rassistisch begründete Politik diente nicht der Peuplierung weitgehend unbe-
wohnter Gebiete wie in der Frühen Neuzeit, sondern einem nationalistisch
begründeten Machtstreben. Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen
nationalistisch motivierter Ansiedlung und späteren Versuchen der (Zwangs)
Aussiedlung.
Das Ziel ethnischer Säuberungen, die Homogenisierung von national de-
finierten Staaten, ließ sich aber grundsätzlich ebenso durch Assimilation und

7 Eric Hobsbawm, Nations and Nationalism since 1780, Cambridge 1990, S. 133.
8 Vgl. Norman M. Naimark, Flammender Hass. Ethnische Säuberung im 20. Jahr­
hundert, München 2004; Michael Mann, The Dark Side of Democracy. Explaining Ethnic
Cleansing, Cambridge 2005.
12 Einleitung

Ansiedlung ko-nationaler Gruppen erreichen. Diese Methoden der »Natio-


nalisierung« zur Herstellung nationaler Homogenität werden daher – im Ge-
gensatz zu früheren Büchern über ethnische Säuberungen – ebenfalls in die
Betrachtung einbezogen. Damit lässt sich zugleich vermeiden, dass die zeit-
liche Perspektive wie in einem Großteil der einschlägigen Literatur mit dem
Moment des Heimatverlustes endet. Bei den Begriffen »Ethnie« und »eth-
nisch« betont die jüngere Literatur die Wandelbarkeit und die subjektive
Ebene der Gruppenzugehörigkeit. Dies ist für die heutige Zeit und in ande-
ren Epochen der Geschichte richtig, aber im Kontext von Vertreibung, De-
portation und Zwangsaussiedlung irreführend. Die Gruppenzugehörigkeit
der Flüchtlinge, Zwangsausgesiedelten und Deportierten des 20. Jahrhun-
derts wurde nicht nach subjektiven, sondern nach harten, scheinbar objek-
tiven Kriterien bestimmt. Über die Nationalität entschied in der Regel nicht
das individuelle Selbstverständnis oder die eigene Deklaration, sondern die
Zuordnung zu einer nationalen oder ethnischen Gruppe. In vielen Fällen
könnte man von einer »nationalen Säuberung« sprechen, wobei sich die Dis-
kriminierung und Verfolgung auch gegen Menschen richtete, die kein festge-
fügtes oder eindeutiges Nationalbewusstsein besaßen. Der Begriff der ethni-
schen Säuberung ist daher umfassender und doch genauer.
In dieser universellen Anwendbarkeit liegt zugleich eine Gefahr. Ins­
besondere in der sozialwissenschaftlichen Literatur wird der Begriff der eth-
nischen Säuberung auf Fälle bezogen, die eher als Zwangsassimilation zu
betrachten sind und mit keinem Ortswechsel verbunden waren. Die Ver­
mischung von lebensweltlichen Zwängen und körperlicher Gewalt geschieht
häufig auf der Basis des Foucaultschen Gewaltbegriffs. Es macht jedoch
einen Unterschied aus, ob ein Mensch sich nach außen hin anpassen und da-
bei vielleicht seine Identität verleugnen muss, oder ob er mit Gewehr im An-
schlag oder durch körperliche Misshandlung zum Verlassen seiner Heimat
gezwungen wird. Weiter führend ist die Unterscheidung der 2008 verstor-
benen polnischen Zeithistorikerin Krystyna Kersten. Sie differenziert zwi-
schen »unmittelbaren Zwang«, dem eine Ausübung oder Androhung von
Gewalt zugrundeliegt, sowie »situativem Zwang«, wenn Menschen keine Al-
ternative zum Verlassen ihrer Heimat sehen.9 Ethnische Säuberungen beruh-
ten auf einer in der Moderne stark zunehmenden Asymmetrie im Verhältnis
der Gruppen und Individuen, die Gewalt ausüben, und jener, die sie er­leiden.

9 Vgl. Krystyna Kersten, Przymusowe przemieszczenia ludności – próba typologii,


in: Hubert Orłowski, Andrzej Sakson (Hg.), Utracona Ojczyzna. Przymusowe wysied­
lenie, deportacje i przesiedlenia jako wspólne doświatczenia, Poznań 1996, S. 13–31 (auf
Deutsch zusammengefasst in Philipp Ther, Deutsche und polnische Vertriebene. Gesell­
schaft und Vertriebenenpolitik in der SBZ/DDR und in Polen 1945–1956, Göttingen
1998, S. 96–97).
Einleitung 13

Häufig wurde Gewalt im Rahmen ethnischer Säuberungen offen und de-


monstrativ zur Erniedrigung und Abschreckung der als feindlich definier-
ten Gruppe angewandt. Die Täter verletzten dabei religiöse Werte, das Ge-
schlecht und die Intimsphäre von Menschen. Aufgrund des ostentativen und
öffentlichen Charakters dieser Handlungen kann man sie auch als »symbo­
lische Gewalt« bezeichnen.
Weitere Kennzeichen ethnischer Säuberungen sind ihre Totalität und Sys-
tematik. Hier trat Anfang des 20. Jahrhunderts ein entscheidender Wandel
ein, den ein diachroner Vergleich erhellen kann. Schon in der Frühen Neu-
zeit kam es in Europa zur Verdrängung von Gruppen, die nicht dem damali-
gen Ideal konfessioneller oder religiöser Homogenität entsprachen. Doch die
Vertreibungen waren im Vergleich zur Moderne weniger durchorganisiert
und beschränkten sich häufig auf eine bestimmte Region oder Stadt. Außer-
dem blieben Gewalt und Terror zeitlich begrenzt, während sich die Abwan-
derung zum Beispiel bei den Hugenotten über mehrere Jahrzehnte hinzog.
Konversionen waren möglich und häufig erwünscht. Abgesehen von weni-
gen Ausnahmen wie etwa Spanien im 16. und 17. Jahrhundert unterschei-
det dies die religiöse Verfolgung in der Frühen Neuzeit von modernen ethni-
schen Säuberungen.
Auch beim Vorgehen der aus Europa stammenden »Weißen« in den Sied-
lerkolonien Nord- und Südamerikas oder in Australien sind Unterscheide zu
beachten. Was den nativen Amerikanern oder Australiern widerfuhr, grenzt
gemessen an den Todesraten an Genozid. Doch wie ein vor kurzem publi-
zierter, vergleichender Sammelband über »Forced Removal« ergeben hat,
war das primäre Motiv der Deportationen der möglichst billige Erwerb von
Land, nicht die ideologisch zugespitzte Konkurrenz um ethno-national de-
finierte Siedlungsgebiete oder die Auslöschung bestimmter Nationalitäten.10
Die hohen Todesraten gingen weniger auf vorsätzlichen (Völker)Mord, son-
dern auf eingeschleppte Krankheiten und Seuchen zurück.
Doch diese Unterschiede sollten nicht den Blick auf bestimmte Traditions-
linien verstellen. Es gibt in der europäischen Geschichte einen Zusammen-
hang zwischen einem christlich und einem national definierten Homogeni-
tätsideal. Dies ist zum einen auf ideologiegeschichtlicher Ebene nachweisbar,
etwa in der religiösen oder konfessionellen Fundierung diverser National­
bewegungen in Europa, zum anderen bei der Reconquista des Balkanraumes.
Dort mutierte die ursprünglich religiös motivierte Gewalt gegen Muslime im
frühen 20. Jahrhundert zu ethnischen Säuberungen. Diese Zusammenhänge

10 Vgl. Richard Bessel, Claudia B. Haake (Hg.), Removing Peoples. Forced ­Removal
in the Modern World, Oxford 2009. Zu anderen Schlussfolgerungen kommt der Sammel­
band von Dirk Moses (Hg.), Empire, Colony, Genocide. Conquest, Occupation, and
­Subaltern Resistance in World History, Providence 2008.
14 Einleitung

werden im Kapitel über die Voraussetzungen ethnischer Säuberungen unter


dem Stichwort der christlichen Intoleranz behandelt. Damit ist nicht gesagt,
dass andere Religionen toleranter wären als das Christentum in all seinen
Phasen und Schattierungen. Zum Beispiel verübten die sunnitischen Osma-
nen wiederholt Massaker an den Schiiten Mesopotamiens. Dennoch richte-
ten sich massenhafte Verfolgung und Vertreibung in Südosteuropa weitaus
mehr gegen Muslime als gegen Christen. Dies gilt insbesondere für Konver-
titen und deren Nachkommen, die im Osmanischen Reich häufig sogar eine
privilegierte Stellung einnehmen konnten, dagegen in beiden von Habsbur-
gern regierten Imperien einem Generalverdacht unterlagen. Die Einführung
eines Abstammungsprinzips bei der Verfolgung und Vertreibung von reli­
giösen und später von nationalen Minderheiten ist ebenso eine europäische
Erfindung wie der homogene Nationalstaat.
Allerdings bedurfte es einer modernen Staatlichkeit und Bevölkerungs-
politik, um diese Prinzipien flächendeckend und ausnahmslos durchzuset-
zen. Ein Schlüssel dazu waren die Nationalitätenstatistiken, deren Standards
im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts auf mehreren Internationalen Statis-
tischen Kongressen festgelegt wurden. Volkszählungen erfassten die Bevöl-
kerung anhand vermeintlich objektiver nationaler Kriterien bis in das abgele-
genste Dorf. Die Statistiken gingen bis auf die letzte Ziffer einen sieben- oder
achtstelligen Zahl, was belegt, dass die Menschen schon bei ihrer Geburt
einer bestimmten Nationalität oder Ethnie zugeordnet wurden. Es ent-
stand ein »Zwang zur Eindeutigkeit«, dem sich Träger einer multi-nationalen
oder protonationalen Identität immer schwerer entziehen konnten. Nationale
Konversionen waren im Rahmen dieses Denkens kaum mehr vorgesehen und
schwieriger als eine religiöse Konversion im Zeitalter der Religionskriege. Im
ersten Kapitel über die Voraussetzungen und ausführlicher im Hauptteil über
die Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen wird detailliert erklärt,
wie anonyme Bürokratien die Bevölkerung einordneten und damit letztlich
anhand nationaler Kriterien segregierten. Über die Standards dieser Zuord-
nung entstand ebenso ein Konsens wie ab 1918 über die Homogenisierung
von Nationalstaaten. Wie anhand der Pariser Vorortverträge und der ersten
Periode ethnischer Säuberungen (siehe Kapitel 3.1.) erläutert wird, hatte die-
ses Ziel Vorrang vor dem Schutz von Minderheiten. Zur europäischen Mo-
derne gehört außerdem die Kategorisierung der Bevölkerung nach sozialen
Kriterien, insbesondere in der Sowjetunion. In der einschlägigen Literatur
wird jedoch nicht genügend zwischen ethnischen und sozialpolitisch moti-
vierten Säuberungen differenziert, die den Stalinismus kennzeichnen. Der
Unterschied zwischen beiden Phänomenen lässt sich erneut am besten durch
die Intention der Täter bestimmen.
Der Schwerpunkt auf die ausführenden Akteure hat verschiedene Gründe,
pragmatische, auf den Stand der Forschung bezogene und politische. Eine
Einleitung 15

Überblickdarstellung von 250 Seiten kann nicht alle Seiten eines Themas
gleichmäßig abdecken und gerade in Deutschland ist viel über »Vertreibungs-
opfer« publiziert worden. Dies begann in den 1950er Jahren im Kontext des
Kalten Krieges, wobei sich mit dem Vertreibungsbegriff rechtliche, finanzi-
elle und lange Zeit territoriale Forderungen verbanden. Nach dem Beginn
der Entspannungspolitik rückte die Vertriebenenproblematik politisch in
den Hintergrund, aber es erschienen weiterhin etliche Fachbücher wie zum
Beispiel der Band von Wolfgang Benz von 1985 und die reichhaltige Literatur
über die Integration der Vertriebenen Ende der 1980er Jahre.11 Man kann also
zu keiner Zeit von einer »Tabuisierung« des Themas in Deutschland spre-
chen; das trifft, wenn man die Belletristik und das Theater einbezieht, nicht
einmal auf die DDR zu.
In der gesamten Nachkriegszeit befasste sich die wissenschaftliche und
populär­wissenschaftliche Literatur aber nur mit den deutschen Vertriebe-
nen. In den 1990er Jahren weitete sich der Blick, zunächst aufgrund neuer
Forschungen auf Ostmitteleuropa, dann unter dem Eindruck des Krieges auf
das ehemalige Jugoslawien. Mein eigenes Buch von 1998 soll hier erwähnt
sein, denn es behandelte erstmals vergleichend die Flucht, Vertreibung und
Zwangsaussiedlung von Polen und Deutschen. Es gibt inzwischen Dutzende
von Monographien und Aufsätzen über Polen, Ukrainer, Ungarn, Türken,
Griechen und andere Nationen, die von ethnischen Säuberungen betroffen
waren. Dem vor kurzem von Stefan Troebst, Holm Sundhaussen und Detlef
Brandes herausgegebenen Lexikon der Vertreibungen gebührt das Verdienst,
von A bis Z sämtliche bekannten Fälle ethnischer Säuberungen dokumentiert
zu haben, was die Abfassung des vorliegenden Buches erleichtert hat.12 Etli-
che Einträge in das Lexikon und selbstverständlich die gängige Literatur zu
den einzelnen Ländern und Nationen dienen als Referenz der empirischen
Darstellung in Kapitel 3.
Eine Monographie soll jedoch schon jetzt näher behandelt werden, das
Buch von Norman Naimark, welches schon allein deshalb von Bedeutung
ist, weil es mehrere Fälle ethnischer Säuberungen und die gesamte Zeitspanne
des 20. Jahrhunderts behandelt. Als nachfolgender Autor hat man den Vor-
teil, auf das präsentierte Material zurückgreifen und sich weiterführende

11 Vgl. Wolfgang Benz (Hg.), Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Ur­
sachen, Ereignisse, Folgen, Frankfurt a. M. 1985. Bereits 1989 konnte auf der Basis der
existierenden Literatur eine umfangreiche Bibliographie erstellt werden. Vgl. Gertrud
Krallert-Sattler, Kommentierte Bibliographie zum Flüchtlings- und Vertriebenenproblem
in der Bundesrepublik Deutschland, in Österreich und in der Schweiz, Wien 1989 – so viel
vorweg zur Tabuisierungsthese.
12 Vgl. Detlef Brandes, Holm Sundhaussen, Stefan Troebst (Hg.), Lexikon der Ver­
treibungen. Deportation, Zwangsaussiedlung und ethnische Säuberung im Europa des
20. Jahrhunderts, Wien 2010.
16 Einleitung

Gedanken zur Methodik machen zu können. Der von Naimarks Verlag ge-
wählte Obertitel »Fires of Hatred« (im Deutschen »flammender Hass«) ist ein
wenig irreführend, denn Hass oder Rachegefühle beeinflussten allenfalls die
Art und Weise, wie ethnische Säuberungen ausgeführt wurden. In praktisch
allen Fällen handelte es sich, wie Naimark selbst dargestellt hat, um einen
systematisch organisierten Prozess. Ethnische Säuberungen waren nicht ir-
rational, sondern in hohem Maße rational geplant. Sie gehen auf spezifisch
europäische und moderne, sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts radika­
lisierende Vorstellungen über Nationen und Nationalstaaten zurück, die hier
ausführlich im Kapitel über die Voraussetzungen ethnischer Säuberungen
behandelt werden.
Die Wahl der Vergleichsfälle bei Naimark, insbesondere die Berücksich-
tigung der NS-Judenverfolgung im Dritten Reich, überzeugt dagegen weni-
ger. Wer die Flucht, Vertreibung und Zwangsaussiedlung der Deutschen aus
Ostmitteleuropa verstehen will, kommt nicht umhin, sich mit den ethnischen
Säuberungen unter deutscher Besatzung und deutscher Vorherrschaft wäh-
rend des Zweiten Weltkrieges und mit der Westverschiebung Polens zu be-
fassen. Auch die Vertreibung von Griechen und der Völkermord an den Ar-
meniern haben eine lange Vorgeschichte. In dieser Hinsicht empfiehlt sich die
Lektüre der Überblicksdarstellung von Benjamin Lieberman, die bereits im
19. Jahrhundert einsetzt.13 Während dessen verlängerte zeitliche Perspektive
überzeugt, ist sein Buch in anderer Hinsicht zu weit gefasst. Lieberman setzt
fast jeden Fall inter-ethnischer Gewalt mit »ethnic cleansing« gleich. Damit
wird dieses Konzept überdehnt und verliert an Trennschärfe. Die starke Be-
rücksichtigung individueller Akteure hat Vor- und Nachteile. Damit rückt
der Leser näher an die Ereignisse heran, ethnische Säuberungen werden
greifbar. Aber wie das vorliegende Buch anhand zahlreicher Fall­ studien
nachweist, verursachten irrationaler Hass und Gewalttaten durch »ordinary
citizens« nur einen Bruchteil aller ethnischen Säuberungen. Es handelte sich
dabei um einen durch die internationale Politik und auf nationalstaatlicher
Ebene gesteuerten Prozess. Auf diesen beiden Ebenen soll daher die Darstel-
lung und Erklärung ansetzen.
Als Instrument dazu dienen hier verschiedene Formen des Vergleichs. An-
hand diachron und synchron vergleichender Länder- und Regionalstudien
wird angestrebt, die wichtigsten Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufzu­
decken und zusammenfassend eine Typologie ethnischer Säuberungen zu er-
stellen. Nur so lässt sich das Schicksal der 12 Millionen deutschen Flücht-
linge, Vertriebenen und Zwangsausgesiedelten angemessen einordnen, denen
demnächst eine aus Steuermitteln bezahlte zentrale Gedenkstätte gewidmet

13 Benjamin Lieberman, Terrible Fate. Ethnic Cleansing in the Making of Modern


­Europe, Chicago 2006.
Einleitung 17

wird. Gerade der deutsche Fall belegt, wie wichtig es ist, die Ebene der inter-
nationalen Politik und den dort bestehenden Konsens zu einem System ho-
mogener Nationalstaaten zu beachten.
Opfergeschichten haben in jüngster Zeit eine globale Konjunktur. Dies ist
begrüßenswert, denn es vervollständigt die Kenntnisse über Gruppen, deren
Schicksal der öffentlichen Aufmerksamkeit lange Zeit entgangen ist. Doch
mit der Anerkennung vergangenen Leids verbinden sich politische Interes-
sen. Außerdem impliziert der Begriff des Opfers eine Dichotomie mit Tä-
tern. Vor allem bei den deutschen Vertriebenen, aber auch in vielen anderen
Fällen funktioniert diese Gegenüberstellung nicht. Man muss grundsätzlich
zur Kenntnis nehmen, dass die Opfer ethnischer Säuberungen oft Partei in
einem länger anhaltenden Konflikt genommen oder sogar selbst Gewalt an-
gewandt hatten.
Diese Feststellung beinhaltet nicht, dass man keine Empathie empfin-
den sollte. Jede Reise auf dem Flüchtlingstreck, jedes erfrorene Kind und je-
der erschossene Familienangehörige, die Aufnahme im Flüchtlingslager, der
mühsame Beginn eines neuen Lebens fern der alten Heimat bedeutete gro-
ßes Leid. Doch diese vielfältigen Traumata erschweren häufig den Blick auf
Betroffene jenseits der eigenen Gruppe. Dies spiegelt sich im Begriff der
»Schicksalsgemeinschaft«, der die deutsche Vertriebenenliteratur durchzieht.
Außerdem liegt in der Konzentration auf die Opfer die Gefahr, dass die Er-
klärung der Ursachen ethnischer Säuberungen, die sich auf die dafür verant-
wortlichen Akteure konzentrieren muss, in den Hintergrund rückt.
Eine akteurzentrierte Herangehensweise bestimmt hier vor allem den em-
pirischen Hauptteil über die Perioden ethnischer Säuberungen. ­Lieberman
oder Holm Sundhaussen zufolge begann diese maliziöse Praxis bereits im
19. Jahrhundert.14 In der Tat lässt sich die Flucht und Vertreibung von etwa
zwei Millionen Muslimen aus Südosteuropa infolge der Kriege von ­1876–1878
nicht ohne Weiteres von modernen ethnischen Säuberungen abgrenzen. Doch
die Migrationsprozesse während und nach den so genannten Türkenkrie-
gen waren nur begrenzt organisiert und zogen sich über mehrere Jahrzehnte
hin. Außerdem war die Abwanderung noch nicht mit einer staatlich gelenk-
ten Bevölkerungspolitik bzw. der systematischen Ansiedlung von Mitglie-
dern der jeweiligen Staatsnation verknüpft. Schließlich waren die Kriege und
die nachfolgende Gewalt eher religiös als ethnisch definiert. Das spiegelt sich
im Begriff der »Türken«, der ursprünglich alle südosteuropäischen Mus-
lime zusammenfasste und erst Anfang des 20. Jahrhunderts eine überwie-
gend nationale Bedeutung bekam. Eindeutig religiös und nicht national mo-
tiviert war außerdem der Aufruf des Sultans und Kalifen zur Heimkehr der

14 Vgl. Holm Sundhaussen, Bevölkerungsverschiebungen in Südosteuropa seit der


Nationalstaatswerdung (19./20. Jahrhundert), in: Comparativ 6 (1996), S. 25–40.
18 Einleitung

gläubigen Muslime in die verbliebenen Gebiete des Osmanischen Reiches, dem


Hunderttausende von Muslimen aus dem Balkan und dem ­Kaukasus folgten.
Würde man all die Konflikte und die gewaltsamen Massenmigratio­nen in Süd-
osteuropa und im Kaukasus umstandslos als ethnische Säuberungen zusam-
menfassen, so würde dieser Begriff erneut überdehnt. Die massenhafte Flucht
aus Südosteuropa einschließlich des Kaukasus im 19. Jahrhundert wird daher
noch im Kapitel über die Voraussetzungen ethnischer Säuberungen behandelt.
Als deren eigentlicher Auftakt werden die beiden Balkankriege von 1912
und 1913 betrachtet. Die Bevölkerungsverschiebungen während und infolge
dieser Kriege waren primär ethnisch motiviert, staatlich geplant und organi-
siert. Außerdem strebten die beteiligten Nationalstaaten danach, ihre Herr-
schaft über umstrittene Gebiete durch eine ethnische Homogenisierung
abzusichern und betrieben daher eine gezielte und flächendeckende An-
siedlungspolitik. Die Balkankriege stellten noch in anderer Hinsicht eine
Zäsur dar, denn auf sie folgten erstmals internationale Abkommen zum
»Austausch« von Minderheiten. Allerdings lässt sich das nicht mit einer be-
sonderen Tradition der Gewalt und Intoleranz auf dem »Balkan« erklären.
Entscheidend waren vielmehr ein internationaler Konsens und die Rolle der
westlichen Großmächte. Deshalb wird in dem Kapitel über die erste Peri-
ode ethnischer Säuberungen der internationalen Diplomatie, ihren rationa-
len Verfahrensweisen und Akteuren besondere Aufmerksamkeit gewidmet.
Das Abkommen von Lausanne von 1923, das erstmals die flächendeckende
ethnische Säuberung zweier Staaten, der Türkei und Griechenlands, mit sich
brachte, markiert den Höhepunkt dieser Periode. Entgegen der Meinung der
existierenden Literatur beschränkten sich ethnisch definierte Bevölkerungs-
verschiebungen nicht auf diesen Teil Europas. Auch im Elsass gab es eine
Politik der »Épuration«, mit der Frankreich als demokratischer Nationalstaat
einen Präzedenzfall im mittleren Europa schuf. Dies spricht erneut dafür,
ethnische Säuberungen als eine »dunkle Seite« nicht nur der osteuropäischen,
sondern der gesamteuropäischen Geschichte zu betrachten. Mark Mazower
hat diese Metapher in seinem Buch über die großen Ideologien Europas vor
gut zehn Jahren entwickelt. In der vorliegenden Synthese geht es vor allem
um deren Umsetzung und schreckliche Folgen.
Zur europäischen Moderne gehören scheinbar rationale, bei näherer Be-
trachtung jedoch einseitige und in ihren Folgen destruktive Lernprozesse.
Bis auf wenige Ausnahmen blendeten die internationalen Akteure das Elend
der Flüchtlinge, welches sich nach ihrer Ankunft in Griechenland und in der
Türkei fortsetzte, gezielt aus. So konnte es kommen, dass der »Bevölkerungs­
austausch« ab 1937/38 erneut als Mittel zur »Lösung« innerstaatlicher und
zwischenstaatlicher Konflikte begriffen wurde.
Den entscheidenden Einschnitt brachte das Münchner Abkommen mit
sich, das meist im Zusammenhang mit dem gescheiterten »Appeasement«
Einleitung 19

Hitlers betrachtet wird, aber im Zusammenhang mit ethnischen Säuberungen


ebenfalls überragende Bedeutung besitzt. Mit dem Münchner Abkommen
verabschiedeten sich die europäischen Großmächte von dem ohnehin nur
halbherzigen Minderheitenschutz der Pariser Vorortverträge und beschlos-
sen die Neuordnung Ostmitteleuropas anhand ethnischer Grenzlinien. Diese
Neuordnung betraf nicht nur die Sudetengebiete, sondern wie in München
grundsätzlich beschlossen die Südslowakei. Dies führte in den folgenden Jah-
ren zu einer Kette von Verträgen über die Rücksiedlung, den Austausch oder
den einseitigen »Transfer« von Minderheiten unter nationalsozialistischer
Vorherrschaft. Im Kapitel 3.2 werden außerdem ethnische Säuberungen un-
ter deutscher Besatzung behandelt, die im Vergleich mit der Sowjetunion
Aufschluss darüber geben, inwieweit es sich dabei um ein Charakteristikum
totalitärer Diktaturen handelt.
Während der zweiten Periode ethnischer Säuberungen von 1938–1944 bra-
chen in mehreren Teilen Europas »Kriege im Krieg« aus, die ebenfalls mit
umfangreichen Zwangsmigrationen verbunden waren. Der ukrainisch-pol-
nische und der kroatisch-serbische Konflikt werden daher in einem Unter-
kapitel vergleichend betrachtet. Ein wichtiger Faktor für die Eskalation der
Gewalt war das negative Vorbild des Holocaust und die Zusammenarbeit der
Nationalsozialisten mit den radikalen Flügeln der jeweiligen Nationalisten.
Als das Deutsche Reich 1944 seine Vormachtstellung einbüßte, war Zentral-
und Osteuropa bereits von ethnischen Säuberungen verwüstet. Dies hatte
Auswirkungen auf die Diskussionen im westlichen Ausland, wo die Bevöl-
kerungsverschiebungen unter deutscher Besatzung und Vorherrschaft nicht
etwa als revisionsbedürftige Verbrechen, sondern als Ausgangsbasis für die
europäische Nachkriegsordnung begriffen wurden.
Das Kapitel über die dritte Periode ethnischer Säuberungen von ­1944–1948
beginnt mit einem Überblick über die Beratungen der Alliierten. Die von
England, der Sowjetunion und den USA beschlossene Nachkriegsordnung
richtete sich erst gegen Polen, was von Naimark nicht adäquat berücksich-
tigt wird, dann gegen das Deutsche Reich. Die Alliierten beschlossen eine
Westverschiebung Polens um etwa 200 Kilometer zugunsten der Sowjet-
union und zu Lasten Deutschlands. Die staatlichen und ethnischen Grenzen
sollten künftig genau übereinstimmen, weshalb man auch von einer ethno-
territorialen Neuordnung Europas sprechen kann. Churchill formulierte
dazu in seiner Unterhausrede zur Zukunft Polens im Herbst 1944, dass nun
die »endlosen Minderheitenprobleme« mit einem »reinigenden Besen« besei-
tigt würden.15

15 Winston S. Churchill, Die Zukunft Polens. Rede im Unterhaus, 15. Dezember


1944, in: W. S. Churchill, Reden, Bd. 5: 1944, Das Morgengrauen der Befreiung, Zürich
1950/51, S. 459–475, hier S. 468.
20 Einleitung

Bei der Planung dieser ethnischer Säuberungen fällt ähnlich wie in frühe-
ren Perioden auf, wie sehr die Karten nach dem Gutdünken von Experten ge-
zogen wurden, die weder genaue Kenntnisse der betroffenen Regionen noch
eine Vorstellung von dem logistischen Aufwand hatten, den millionenfache
Zwangsaussiedlungen erforderten. Diese Tradition des imperialen Mappings,
die Anfang des 20. Jahrhunderts zuerst in Indien erprobt worden war, ist ein
weiterer Beleg für die Schattenseite der europäischen Moderne und legt nahe,
außereuropäische Erfahrungen zu berücksichtigen.
Neben Großbritannien trat vor allem die Sowjetunion auf den Konferen-
zen von Teheran, Jalta und Potsdam für ethnische Säuberungen ein. Dies ist
ebenso gut erforscht wie die umfangreichen Deportationen innerhalb der
Sowjet­union. Dennoch ist die Literatur über das »Soviet Ethnic Cleansing«
kritisch zu betrachten. Sie unterscheidet generell zu wenig zwischen ethni-
schen und sozialen Säuberungen. Für die sowjetische Geschichte zwischen
1938 und 1948 lautet daher die zentrale Frage, wann und warum die verbrei-
teten und enorm opferreichen sozialen Säuberungen eine ethnische Stoßrich-
tung bekamen.
Im Abschnitt über die dritte Periode zwischen 1944 und 1948 werden
außerdem mehrere außereuropäische Regionen behandelt. Die vergleichende
Fallstudie über Indien und Palästina geht offensichtlich über die europäische
Geschichte hinaus. Doch das Wort »Europa« im Titel des vorliegenden Bu-
ches beruht nicht auf einem fest umrissenen geographischen Container, son-
dern auf einem akteurszentrierten Ansatz. In Indien und in Palästina spiel-
ten die Kolonialmacht und die ursprünglich europäische Nationalstaatsidee
eine zentrale Rolle für die ethnische Säuberung von 13 Millionen von Men-
schen in den Jahren 1947–48.
Die 1990er Jahre unterscheiden sich von den vorherigen Perioden dadurch,
dass der internationale Konsens zu massenhaften und zwanghaften Be-
völkerungsverschiebungen fehlte. Aufgrund der langen Friedens­periode in
Europa nach 1945 wirkten die ethnischen Säuberungen im ehemaligen Jugos­
lawien wie ein Rückfall in die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Milošević und
die serbischen Nationalisten in Kroatien und Bosnien stellten genau diese
Verbindung her. Sie weckten die Erinnerung an die genozidale Gewalt un-
ter dem Ustaša-Regime, um Anhänger zu mobilisieren und neue Gewalt
zu legitimieren. »Geister der Vergangenheit« – mit denen das Kapitel über
die 1990er Jahre überschrieben ist – gehören auch zu den Ursachen der ge-
waltsamen Konflikte im Kaukasus. Der entscheidende Faktor für den Ver-
lauf der ethnischen Säuberungen war jeweils der Krieg, dem in der Fall­studie
über Bosnien und Herzegowina besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird.
Trotz der Ächtung ethnischer Säuberungen gelang es der internationalen
Staatengemeinschaft und der Regierung in Sarajevo nur bedingt, die Men-
schen zur Rückkehr in ihre alte Heimat zu bewegen. Andere Faktoren
Einleitung 21

deuten ebenfalls daraufhin, dass ethnische Säuberungen kaum rückgängig zu


machen sind.
Alle vier Abschnitte über die Perioden und Akteure ethnischer Säuberun­
gen stützen sich neben westlicher Sekundärliteratur auf die wichtigsten Pu-
blikationen in den jeweils betroffenen Ländern. Die Lektüre basierte in der
Regel auf eigenen Sprachkenntnissen, wenn nötig auf in Auftrag gegebenen
Synopsen und Übersetzungen. Zusätzlich wurden gedruckte Verwaltungs­
akten,16 die Dokumente internationaler Organisationen und NGOs sowie
Augenzeugenberichte in verschiedenen Sprachen genutzt, um für den ge-
samten Untersuchungszeitraum eine im Umfang und Qualität vergleichbare
Quellenbasis herzustellen. Es handelt sich also auch in dieser Hinsicht um
ein europäisches Buch, das mit einer kommentierten Bibliographie über die
wichtigsten Überblicksdarstellungen, aktuelle Forschungsrichtungen und
Literatur zu einzelnen Ländern abgeschlossen wird.

16 In den vergangenen zehn Jahren ist u. a. erschienen Hans Lemberg, Włodzimierz
Borodziej (Hg.), Die Deutschen östlich von Oder und Neiße 1945–1950. Dokumente
aus polnischen Archiven, 4 Bde., Marburg 2000–2003; Stanislaw Ciesielski (Hg.), Um­
siedlung der Polen aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten nach Polen in den Jahren
­1944–1947, Marburg 2006. Eine ähnliche Dokumentation anhand tschechoslowakischer
Quellen befindet sich in Vorbereitung, wobei der tschechische Historiker Tomáš Staněk
dazu umfangreiche Vorarbeiten geleistet hat.
2. Voraussetzungen ethnischer Säuberungen

Im 19. Jahrhundert entstanden die Voraussetzungen für die ethnischen Säu-


berungen des 20. Jahrhunderts. Das heißt nicht, dass man die frühere Epoche
deterministisch sehen sollte, aber es bedarf fundierter Kenntnisse des Natio-
nalismus, der Idee und Praxis des Nationalstaats, der daraus hervorgehenden
Minderheitenprobleme und der europäischen Moderne, um die langfristigen
Ursachen ethnischer Säuberungen zu verstehen. Im Anschluss an diese his-
torische Analyse erklärt das dritte, stärker auf Akteure bezogene Kapitel die
kurzfristigeren Ursachen und Dynamiken ethnischer Säuberungen.
Die massenhaften Bevölkerungsverschiebungen des 20. Jahrhunderts be-
ruhen auf dem nationalistischen Denken früherer Epochen. Während der
Begriff des Nationalismus in Deutschland häufig negativ konnotiert ist, be-
schreibt er in der englischen Wissenschaftssprache wertfrei die Ideologie
der Nationalbewegungen. Im vorliegenden Buch wird der Begriff in die-
sem Sinne verwendet und die moderne Nation mit Benedict Anderson als
ein Konstrukt begriffen. Die zentrale Frage lautet demnach, warum die Auf-
fassung der Nation sich im Laufe des 19. Jahrhunderts in Europa derart ver-
engte, dass später ethnische Säuberungen möglich wurden.
Ein zweiter, mit dem ersten eng zusammenhängender Schwerpunkt dieses
Einführungskapitels liegt auf der Idee und Praxis des Nationalstaats. Eth-
nische Säuberungen kursierten bereits in der Revolution von 1848 als Phan-
tasien radikaler Nationalisten, aber es bedurfte moderner Staaten, um sie
auszuführen. Neben den Nationalstaaten im engeren Sinne gilt es dabei die
»nationalisierenden Imperien« näher zu betrachten. Das Deutsche Reich und
das Russische Reich verfolgten seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts
eine zentral gesteuerte, nationalisierende Bevölkerungspolitik, die Konflikte
mit Nachwirkungen bis weit ins 20. Jahrhundert auslöste.
Eine Folge der Nationsbildung und der Etablierung moderner, zentralis­
tischer Nationalstaaten war die Formierung nationaler Minderheiten. Als
völkerrechtliche Subjekte existieren diese erst seit den Pariser Vorortverträ-
gen von 1919/20, aber bereits zuvor entfaltete sich ein Diskurs, der von nega-
tiven Einstellungen geprägt war. Minderheiten wurden immer mehr als Pro-
blem und Gefahr wahrgenommen. Der dritte Abschnitt untersucht diesen
Einstellungswandel der nationalen und internationalen Politik.
Das Kapitel über die Voraussetzungen ethnischer Säuberungen wird mit
Reflektionen über die »europäische Moderne« fortgesetzt. Dabei geht es mit
24 Voraussetzungen ethnischer Säuberungen

Bezug auf Zygmunt Bauman um die zunehmend starre Kategorisierung na-


tionaler Mehrheiten und Minderheiten, deren statistische Erfassung, die Vor-
stellung der Machbarkeit ethnischer Säuberungen und die Bedeutung der
modernen Kriegsführung.1 Abschließend folgen Überlegungen über die Be-
deutung christlicher Intoleranz als einer weiteren Voraussetzung ethnischer
Säuberungen.

Die Ideologie des Nationalismus

In der älteren Literatur zur Nationsbildung und in der deutschen Nationalis-


musforschung wird häufig zwischen einem staatlich vorgeformten und einem
kulturellen Nationalismus unterschieden. Diese Differenzierung findet sich
bereits in dem von Friedrich Meinecke entwickelten Begriffspaar Staatsna-
tion und Kulturnation. In der Tat agierten die meisten westeuropäischen Na-
tionalbewegungen, wenngleich nicht die norwegische, irische oder katalani-
sche, im Rahmen vorgeformter Nationalstaaten. 2 Dagegen definierten sich
die Nationen östlich des Rheins überwiegend über ihre Kultur und vor al-
lem über die Sprache. »Was ist des Deutschen Vaterland?« fragte Ernst Moritz
Arndt, einer der führenden nationalen Aktivisten vom Anfang des 19. Jahr-
hunderts: »So weit die deutsche Zunge klingt und Gott im Himmel Lieder
singt.«3 Die Fixierung auf kulturelle Kriterien und Institutionen erklärt sich
durch den politischen Kontext im mittleren und östlichen Europa. Die Na-
tionalbewegungen agierten dort im Rahmen von Imperien, in denen Staats-
und Sprachgrenzen nicht übereinstimmten. Die Sprache, die Literatur, die
Musik oder allgemein gesprochen die Kultur waren daher das beste, manch-
mal auch einzige Instrument, um die Nation in all ihren sozialen Schichten
zu mobilisieren und sie räumlich einzugrenzen. Man kann dabei von einer
horizontalen und einer vertikalen Ebene der Nationsbildung sprechen.
Der kulturelle oder sprachbezogene Nationalismus wird in der Nationa-
lismusforschung vielfach als exklusiver betrachtet als der auf einen Staat be-

1 Bauman benennt als wesentliche Eigenschaften der europäischen Moderne u. a. die
Tradition rationalen Denkens, die Herausbildung moderner Verwaltungstechniken und
eine Individualisierung bei gleichzeitiger Herausbildung von Massengesellschaften. Vgl.
Zygmunt Bauman, Modernity and the Holocaust, Cambridge 1991.
2 Sinnvoller ist die systematische Unterscheidung von Miroslav Hroch zwischen
staatenlosen Nationalbewegungen und Nationalbewegungen, die im Rahmen von Natio­
nalstaaten agierten. Vgl. dazu den Band von Miroslav Hroch in der vorliegenden Reihe
»Synthesen. Probleme der europäischen Geschichte«, Das Europa der Nationen: Die mo-
derne Nationsbildung im europäischen Vergleich, Göttingen 2005.
3 Diese Parole wurde bis zur Reichsgründung von 1871 unzählige Male wiederholt.
Vgl. als Beispiel das deutsche Sängerbundfest von 1865 und den Bericht darüber in Dresd­
ner Journal, 25.7.1865, S. 3.
Voraussetzungen ethnischer Säuberungen 25

zogene Nationalismus westeuropäischer Prägung. Doch bereits ein näherer


Blick auf die französische Revolution widerlegt diese Dichotomie. Als Be-
leg dafür kann man die Rede von Bertrand Barère, einem Mitglied des Wohl-
fahrtsausschusses betrachten, der 1794 erklärte: »Der Föderalismus und der
Aberglaube sprechen bretonisch. Die Emigration und der Hass auf die Repu-
blik sprechen deutsch; die Konterrevolution spricht italienisch und der Fa-
natismus baskisch. Zerschlagen wir diese Instrumente der Schädigung und
des Irrtums. … Die Bürger in der Unwissenheit ihrer Volkssprache zu las-
sen, das heißt das Vaterland verraten. … Bürger, die Sprache eines freien Vol-
kes muss für alle die gleiche sein.«4 Dieses Zitat zeigt früh die zentralistische
und gleichmachende Ausrichtung des Nationalismus, die sich indes durch
den Kontext erklären lässt. Frankreich und die Revolution standen in dieser
Zeit unter starkem äußeren Druck. Der sprachbezogene Nationalismus war
in den Revolutionskriegen ein entscheidender Faktor der Mobilisierung der
Bevölkerung für die Verteidigung Frankreichs.
Gegen eine statische Unterscheidung zwischen einem auf den Staat und
einem auf die Kultur bezogenen Nationalismus spricht außerdem die Wan-
delbarkeit des Nationalismus im jeweiligen politischen und sozialen Kontext.
Ein Beispiel dafür ist die moderne polnische Nationalbewegung, die in ihrer
Gründungsphase Ende des 18. Jahrhunderts auf den Staat bezogen war, sich
dann aber aufgrund der Teilung des Landes immer mehr auf kulturelle Kri-
terien berief. Umgekehrt behielt die Kultur in manchen Nationalstaaten eine
bestimmende Rolle für die Identifikation der Titularnation. Beispiele dafür
sind das Deutsche Kaiserreich, die Tschechoslowakei oder das unabhängige
Polen. Dies spricht gegen die in der älteren Nationalismusforschung und ins-
besondere in Deutschland verbreitete Ansicht, der moderne Nationalismus
habe sich von West- nach Osteuropa ausgebreitet und dort spezifische Eigen-
schaften angenommen.5
Ein anderes Problem der Unterscheidung zwischen Staats- und Kultur-
nation ist die normative Schlagseite, die in der wissenschaftlichen Litera-
tur häufig als West-Ost-Gegensatz artikuliert wird. Hans Kohn hielt ebenso
wie der eine Generation jüngere Ernest Gellner den westeuropäische Natio-
nalismus für inklusiv, den mittel- und osteuropäischen Nationalismus dage-
gen für exklusiv. Diese normative Kontrastierung prägt auch andere Begriffs-
paare wie subjektives versus objektives Nationsverständnis oder politischer

4 Zit. nach Siegfried Weichlein, Nationalbewegungen und Nationalismus in Europa,


Darmstadt 2006, S. 38 f. Vgl. zu Barère und der ethnolinguistischen Definition der fran-
zösischen Nation auch Hobsbawm, Nations, S. 21.
5 Vgl. dieses Modell bei Theodor Schieder, Typologie und Erscheinungsformen des
Nationalstaats in Europa, in: Otto Dann, Hans-Ulrich Wehler (Hg.), Nationalismus und
Nationalstaat. Studien zum nationalen Problem im modernen Europa, Göttingen 1991,
S. 65–86.
26 Voraussetzungen ethnischer Säuberungen

versus ethnischer Nationalismus.6 Noch in den 1990er Jahren erlebte diese


Dichotomie in der Debatte um Staatsbürgerschaft eine erstaunliche Renais-
sance. Demnach stand das ius soli westeuropäischer Prägung dem ius sangu-
inis mittel- und osteuropäischer Prägung gegenüber.
Als Symbolfigur einer zivilen und offenen Definition der Nation gilt all-
gemein Ernest Renan, wobei häufig übersehen wird, dass er sein Postulat der
Nation als »plebiscit du jour« von 1882 in einer Zeit erhob,7 als eine Volksab-
stimmung im Elsass für Frankreich und gegen das Deutsche Reich ausgegan-
gen wäre. Nach 1918 definierte Frankreich im Elsass aufgrund von bis in die
dritte Generation reichenden Abstammungskriterien, wer Franzose war und
wer nicht. In England wurden Nationen ebenfalls immer mehr als festste-
hende, anhand objektiver Kriterien definierbare Einheiten verstanden. Das
zeigt nicht zuletzt die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts im Englischen und
daran anschließend in anderen europäischen Sprachen gängige Verwendung
des Begriffs »Race« anstatt von Nation. Mit dieser Gleichsetzung wurde die
Nation auf objektiv bestimmbare und unverrückbare Eigenschaften festge-
legt. Es ist daher wenig sinnvoll, einem vermeintlich subjektiven, offenen, zi-
vilen, kurzum »guten« westeuropäischen Nationalismus einen »schlechten«
mittel- oder osteuropäischen Nationalismus gegenüberzustellen.
Für eine europäische Perspektive muss dagegen die Frage leitend sein,
warum sich das Verständnis der Nation in West- und Osteuropa bis zum
Ersten Weltkrieg derart einengte, dass sich damit später massenhafte Bevöl-
kerungsverschiebungen legitimieren ließen. Die Beantwortung dieser Frage
bedarf einer kurzen Einführung in die Geschichte des Nationalismus. Da-
bei wird im Folgenden zum einen auf dessen Veränderung im Verlauf des
»langen« 19. Jahrhunderts eingegangen, zum anderen auf strukturelle Fakto-
ren für die Entwicklung eines »ethnischen«, also auf Herkunft und Abstam-
mung beruhenden Nationalismus.
In der Forschung besteht ein allgemeiner Konsens darüber, dass die mo-
derne Nationsbildung in Europa durch die Französische Revolution und die
Revolutionskriege einen erheblichen Schub erlebte. Der Appell an das Na-
tionalgefühl mobilisierte die Soldaten der »Grande Nation« und gab ihnen
in den Auseinandersetzungen mit den Söldnerheeren der Anciens Régimes
einen entscheidenden Vorteil. Erstmals stellte die Zugehörigkeit zur Nation
soziale Unterschiede in den Schatten. Mit Napoleon breitete sich das Prinzip
der nationalistischen Massenmobilisierung auf andere europäische ­Länder

6 Vgl. dieses Begriffspaar z. B. bei Hagen Schulze, Staat und Nation in der europä­
ischen Geschichte, München 1995², S. 171 und 218. Beachtenswert hier die Unkenntnis ins-
besondere der polnischen Geschichte.
7 Vgl. den Originaltext in Qu’est-ce qu’une nation?, in Ernest Renan, Œuvres Com­
plètes, Paris 1947–1961, Bd. 1, S. 887–907.
Voraussetzungen ethnischer Säuberungen 27

aus. In den Befreiungskriegen kämpften Spanier, Russen, Deutsche und an-


dere Völker im Auftrag ihrer Herrscher gegen Napoleon oder gleich gegen
»die Franzosen«.
Wie viel Hass sich angesammelt hatte, zeigte sich selbst dann, als Napo-
leon bereits besiegt war und es um die Nachkriegsordnung ging. Der preußi-
sche Reformer Freiherr vom Stein schrieb 1814 an den Gouverneur des Her-
zogtums Berg: »Jedes Volk, das echt national sein will, widmet Ausländern
nicht das Vertrauen, um sie gleichgültig in bürgerlicher Gemeinschaft mit
sich zu vermengen … Es ist unsere Pflicht gegenüber dem deutschen Vater-
land, das Rheinland von allem zu säubern, was sie undeutsch gemacht hat
und in diesem Zustand hält.«8 Es ging bei diesem Brief zwar primär um die
aus Frankreich ins Rheinland entsandten Beamten, aber beachtenswert ist
die kollektive Wahrnehmung und das Misstrauen gegenüber Ausländern und
nicht zuletzt das Wort »säubern«.
Dieses Wahrnehmungsmuster wiederholte sich bei späteren antiimperia-
len Befreiungsbewegungen. Die polnischen Aufständischen kämpften 1830
und 1863 nicht nur gegen die autokratische Zarenherrschaft, die eigent­liche
Ursache der Unruhen, sondern gegen »die Russen«. Im Deutschen Reich
agierte die polnische Nationalbewegung gegen »die Deutschen« und nicht
nur gegen die Hohenzollern, die Iren mobilisierten sich gegen »die Englän-
der« – man könnte diese Reihung beliebig fortsetzen. Entscheidend dabei war
das Denken in Maßstäben nationaler Kollektive, die Dichotomie zwischen
uns und den anderen bzw. das Muster »wir« gegen »sie«. Dieses antagonis­
tische Prinzip des Nationalismus wurde so oft beschrieben, dass es keiner nä-
heren Erläuterung bedarf. Hervorzuheben ist jedoch, dass die Idee der Frei-
heit und damit einer der zentralen europäischen Werte, häufig auf der Basis
eines ethno-nationalen Antagonismus formuliert wurde.
Als ein weiterer, konfliktgenerierender Faktor kam hinzu, dass die konti-
nentalen Imperien vergleichsweise lang auf einer feudalen Gesellschaftsord-
nung basierten. Das heißt nicht, dass sie in jeder Hinsicht weniger modern
oder gar rückständig waren, denn auch in den multinationalen Reichen exis-
tierten politische Massenbewegungen sowie Massenmedien und damit zwei
wesentliche Voraussetzungen für die Herausbildung eines modernen Natio-
nalismus. Doch die lange fortwirkenden feudalen Strukturen bewirkten, dass
sich sprachliche und kulturelle Trennlinien mit sozialen Funktionen über-
schnitten. Dies bedingte zugleich, dass sich nicht nur zwei, sondern häufig
drei oder mehr Nationalitäten überlagerten. Man kann dabei von Parallel­
gesellschaften sprechen, die in der Frühen Neuzeit überwiegend friedlich

8 Die Zitate sind einem Schreiben Steins an den Gouverneur von Berg, Staatsrat Jus-
tus Gruner entnommen, Vgl. Freiherr vom Stein, Briefe und amtliche Schriften, Fünfter
Band, hg. von Erich Botzenhart, Stuttgart 1964, S. 1–3.
28 Voraussetzungen ethnischer Säuberungen

ko-existierten, weil feste sozialen Hierarchien die politische Ordnung und


den Alltag bestimmten. Außerdem hatten die Nationalbewegungen in ihrer
frühen, romantischen Phase keine eindeutigen Vorstellungen vom Gebiet der
jeweiligen Nation, so dass diese Ebene nationaler Konflikte noch nicht ihre
spätere Brisanz hatte.
Die modernen Nationalbewegungen stellten mit ihrer doppelten Forde-
rung nach der Gleichheit aller Nationen und aller ihrer Mitglieder die alte
Ordnung grundsätzlich in Frage. Die Imperien sträubten sich daher lange ge-
gen die verschiedenen Nationalismen und versuchten diese zu unter­drücken.
Sie sahen sich aber spätestens seit der Revolution von 1848 gezwungen, sich
anzupassen. Während die Habsburger versuchten, mit einem gestärkten
Rechtsstaat zwischen verschiedenen Nationalbewegungen zu vermitteln, de-
ren Existenz aber akzeptierten, verbanden sich andere multinationale Reiche
mit ihrer Titularnation und wurden zu »nationalisierenden Imperien«. Bei-
spiele dafür sind das Deutsche Reich, das daher eine Zwischenstellung zwi-
schen Nationalstaat und Imperium einnimmt,9 das Russische Reich, ab 1867
die ungarische Reichshälfte des Habsburgerreiches und Anfang des 20. Jahr-
hunderts das Osmanische Reich.
Die jeweiligen Herrscher bemühten sich erfolgreich, die Mehrheitsnatio-
nen für die Unterdrückung verschiedener Nationalitäten einzunehmen. Im
Deutschen Reich und in Russland gelang dies vor allem gegenüber den Polen,
im Osmanischen Reich bekam die Verfolgung von Armeniern und anderen
christlichen Gruppen lange vor dem Genozid von 1915 eine populäre Dimen-
sion. Der Nationalismus der nationalisierenden Imperien war daher ebenso
exklusiv wie jener der antiimperialen Befreiungsbewegungen und beruhte
im Falle der Deutschen auf rassistisch begründeten Überlegenheitsgefühlen.
Zusammenfassend kann man demnach feststellen, dass der Nationalismus in
West- und Osteuropa »verstaatlicht« wurde, sich dadurch verstärkte und zu-
gleich einengte.
Außerdem wurde der Nationalismus immer exklusiver, insbesondere seit
der Revolution von 1848. Während die Nationalbewegungen im Vormärz
noch häufig zusammen agitierten und agierten, gingen sie nun getrennte
Wege. Dies lässt sich am Beispiel Böhmens aufzeigen. Die Einberufung der
deutschen Nationalversammlung in Frankfurt am Main veranlasste die auf-
kommende tschechische Nationalbewegung, sich zu positionieren. František
Palacký erteilte der Nationalversammlung eine Absage, weil er fürchtete,
dass die Tschechen in einem deutschen Nationalstaat nur noch eine kleine

9 Vgl. dazu Philipp Ther, Deutsche Geschichte als imperiale Geschichte. Polen,
slawo­phone Minderheiten und das Kaiserreich als kontinentales Empire, in: Sebastian
Conrad, Jürgen Osterhammel (Hg.), Das Kaiserreich transnational. Deutschland in der
Welt 1871–1914, Göttingen 2004, S. 129–148.
Voraussetzungen ethnischer Säuberungen 29

Minderheit bilden würden. Stattdessen optierte er für Wien mit der Hoff-
nung, dass sich Österreich in einen föderalen Staat verwandeln ließe, in dem
die Tschechen über Böhmen herrschen würden. Die Aktivitäten der tschechi-
schen Nationalbewegung hatten jedoch den unbeabsichtigten Neben­effekt,
dass sie wesentlich zur Mobilisierung der deutschsprachigen Bevölkerung
beitrugen, die wiederum keine Minderheit in einem tschechisch dominierten
Böhmen sein wollte.
Die Geschichte Böhmens belegt somit, wie sich bereits 1848 und in den
folgenden Jahrzehnten die Herrschaftsansprüche zweier Nationen über ein
bestimmtes Gebiet nicht vereinbaren ließen.10 Diese Grundkonstellation be-
stimmte den weiteren Verlauf des Konflikts in den wichtigsten Ländern der
Habsburgermonarchie und anderen multinationalen Imperien. Der politi-
sche Herrschaftsanspruch der Nationalbewegungen war derart absolut, dass
sich kaum ein Kompromiss finden ließ. Das gilt auch für Ungarn, wo der ab-
solute Machtanspruch der magyarischen Revolutionäre Serben, Kroaten und
Rumänen im Lande abschreckte. In Siebenbürgen kam es zu einer Gegen­
mobilisierung rumänischer Bauern, die ungarische Güter plünderten.
Als die Revolution im Habsburgerreich nicht zuletzt wegen dieser natio-
nalen Gegensätze scheiterte, waren alle Seiten verbittert. Der tschechische
Demokrat Karel Havliček erhoffte sich in einem polemischen Artikel das
»Aussterben« nicht nur der Deutschen Böhmens, sondern auch der »Einge-
deutschten«. Damit meinte er jene Menschen, die sich nach seiner Ansicht
trotz ihrer tschechischen Herkunft an die deutsche Kultur angepasst hat-
ten. Der rumänische Revolutionär und spätere Historiker Nicolae Balcescu
frohlockte, Transsylvanien sei komplett von Ungarn »gesäubert« worden.11
Man soll diese und andere Schriften nicht überbewerten, denn es handelte
sich allenfalls um Phantasien ethnischer Säuberungen. Doch die negative
Erinnerung an die Revolution und die weiterhin unerfüllten politischen
und sozialen Forderungen führten zu gegenseitigen Schuldzuweisungen
und dauerhaft verhärteten Fronten. Außerdem entwickelten die National­
bewegungen in der Revolution klare und sich gegenseitig ausschließende ter-
ritoriale Vorstellungen, die weit über das Kerngebiet der jeweiligen Nation
hinausgingen.
Das gilt insbesondere für die deutsche Nationalbewegung, die 1848 das
Bündnis mit der polnischen Nationalbewegung aus der Zeit des Vormärz
aufkündigte. Als es in der Paulskirchenversammlung um die künftigen

10 Vgl. dazu Jan Křen, Die Konfliktgemeinschaft. Tschechen und Deutsche 1780–1918,
München 1996, S. 108.
11 Silviu Dragomir, »Nicolae Balcescu in Ardeal« [1930], Nachdruck in: Ders., Studii
privind istoria revolutiei romane de la 1848, hg. von Pompiliu Teodor, Cluj-Napoca 1989,
S. 121.
30 Voraussetzungen ethnischer Säuberungen

Grenzen eines deutschen Nationalstaats ging, entstand ein Konsens, das pol-
nische Teilungsgebiet einzuschließen, obwohl dort die deutschsprachige Be-
völkerung nur eine Minderheit ausmachte. Der liberale Abgeordnete Wil-
helm Jordan begründete dies mit einem »gesunden Volksegoismus«.12 Diese
imperiale Position trug zur Mobilisierung der polnischen Nationalbewe-
gung in Posen bei, die erstmals Adelige, Bürger und Bauern vereinte. Fak-
tisch hatte sich damit in Preußen eine aktive nationale Minderheit gebildet.
Doch wie sollte man mit dieser Minderheit umgehen? Preußen schwankte
zwischen dem Wiener Kongress und der Reichsgründung zwischen einer ak-
tiven Germanisierungspolitik und begrenzten Zugeständnissen an die polni-
schen Eliten. Die diffuse Erwartung war dabei lange Zeit, dass sich das Pro-
blem mit der Minderheit im Laufe der Zeit lösen würde. Dies war eine unter
den Liberalen Europas verbreitete Einstellung. John Stuart Mill verwies auf
die Erfahrung, dass die entwickelten Nationen Minderheiten auf ihrem Ge-
biet absorbierten.13 Friedrich Engels ging davon aus, dass die »geschichts­
losen Nationen« mit der Zeit verschwänden.
Als sich diese fast schon selbstverständliche Erwartung einer Assimila-
tion nicht einstellte, wurden die liberalen Ideologen der Nation rabiat – in
Deutschland wie in anderen Ländern. Der Schriftsteller Gustav ­Freytag
spitzte den deutsch-polnischen Konflikt 1855 in dem Roman »Soll und Ha-
ben« zu einem Kampf um Leben und Tod zu. Freytag zufolge hatten die
Deutschen aufgrund ihrer angeblich höheren Kultur ein Recht darauf, über
Polen zu herrschen, ihr Siedlungsgebiet zu kolonisieren und die Bevölke-
rung im Osten des Reiches zu germanisieren. Er begründete diesen Macht-
anspruch mit rassistischen Argumenten, die bereits auf seine späteren Aktivi-
täten im Kolonialverein verweisen. »Soll und Haben« war der erfolgreichste
deutsche Roman des 19. Jahrhunderts und vermittelte diese Attitüden gegen
Polen und allgemein gegen alle Slawen an ein massenhaftes Lesepublikum.
Unter anderem in Reaktion auf Freytag porträtierte der spätere Nobel-
preisträger Henryk Sienkiewicz die Deutschen als rücksichtslose Kolonisten
und Erbfeinde der Polen. Doch die östlichen Nachbarn kamen in seinen Ro-
manen kaum besser weg als die Polen in der zeitgenössischen deutschen Li-
teratur. Die Ukrainer waren nach Sienkiewicz eine rohe Masse, die man am
besten mit harter Hand und ohne Rücksicht auf Leib und Leben regierte. Der
Bellizismus und das Denken in Maßstäben nationaler Kollektive breitete sich
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus wie ein Schwelbrand, der nur
deshalb wenig Folgen zeigte, weil die internationale Ordnung und der zu-
nehmende Wohlstand äußere Stabilität erzeugten.

12 Vgl. zur gesamten Debatte Michael G. Müller u. a. (Hg.), Die »Polen-Debatte« in
der Frankfurter Paulskirche, Frankfurt a. M. 1991.
13 Vgl. dazu die Zitate in Hobsbawm, Nations, S. 34.
Voraussetzungen ethnischer Säuberungen 31

Sucht man nach den Ursachen, warum derart viele europäische Intellektu-
elle einen aggressiven, häufig rassistisch begründeten Nationalismus vertra-
ten, so fällt auf, dass sich um 1848 ein negativer Wettbewerb entwickelte. Jene
Schriftsteller, Journalisten, Künstler oder auch Komponisten, die fremde
Kulturen am lautesten diffamierten und sich als Vertreter »nationaler Inter­
essen« profilierten, erreichten damit in ihrem Milieu häufig einen persön-
lichen Vorteil. Als Beispiel kann man wiederum auf Gustav Freytag ver-
weisen, einem im Vergleich zu Émile Zola zweitklassigen Vertreter des
Realismus, der als Aktivist des Kolonialvereins und als »Polenfresser« ebenso
viel Auflage erzielte wie mit seinen Romanen.
Ein neues Element bei der Radikalisierung des Nationalismus war das Auf-
kommen des Darwinismus. Nationen wurden schon in der Aufklärung als
Organismen aufgefasst, doch nun ging es analog zur Tierwelt um den Kampf
ums Überleben, um eine Auslese, die nur die Stärksten überleben würden.
Dieses Denken verstärkte zum einen die Aggressivität nach außen und da-
mit den Imperialismus, zum anderen die Exklusion nach innen, die auf die
eigene Gesellschaft gerichtete Ausgrenzung. Eine Folge des Imperialismus
war außerdem, dass sich bald alle Nationen Europas in ihrer Existenz bedroht
fühlten und dabei nicht nur die internationale Konkurrenz der Großmächte,
sondern auch Minderheiten im eigenen Land als Problem wahrnahmen.
Eine wichtige Rolle bei der Ausbreitung des modernen Rassismus spielte
die koloniale Herrschaft. In den Überseegebieten gehörte der Rassismus zum
Alltag und legitimierte die Herrschaft der Europäer. Das Prinzip der ethni-
schen und rassischen Reinheit bestimmte den kolonialen Alltag, vom Heirats-
verbot mit Afrikanern bis zur massenhaften Zwangsaussiedlung miss­liebiger
Gruppen. Kennzeichnend für die koloniale Herrschaft war außerdem der
rücksichtslose Einsatz von Gewalt, die im Fall der Hereros zum ersten Ge-
nozid des 20. Jahrhunderts führte.
Inwieweit diese kolonialen Erfahrungen nach Europa zurückwirkten, ist
in der Literatur umstritten, Einigkeit herrscht hingegen darüber, dass der
Erste Weltkrieg eine massenhafte Verbreitung von Gewalt und eine wei-
tere Radikalisierung des Nationalismus mit sich brachte. Das betrifft die
Schlachtfelder und die Heimatfronten. Dort wurden sogar die Beziehungen
zwischen Nationen belastet, die formell keine kriegsführenden Parteien wa-
ren. Nach dem Krieg blieb nationalistische Gewalt verbreitet und galt vielfach
als legitimes Mittel zur Durchsetzung »nationaler Interessen«. Das betrifft
die Nationalstaaten, die staatliche Gewalt rücksichtslos einsetzten, und die
europäischen Gesellschaften. In Oberschlesien kämpften deutsche Freicorps
gegen polnische Freischärler, an der Ostgrenze Polens bekriegten sich pol-
nische und litauische, außerdem polnische und ukrainische Einheiten, Süd-
osteuropa kam auf Jahre nicht zur Ruhe. All diese Konflikte haben gemein,
dass sie nicht mehr als traditionelle Kriege zwischen Staaten zu erfassen sind.
32 Voraussetzungen ethnischer Säuberungen

Die Gewalt ging von Gruppen aus, die sich im Namen der Nation selbst mo-
bilisierten und organisierten. Bei der Mobilisierung war die ethnische defi-
nierte Nationalität ein entscheidendes Zugehörigkeitskriterium, es herrschte
auch auf gesellschaftlicher Ebene ein Zwang zu einer eindeutigen Loyalität.

Idee und Praxis des Nationalstaats

Die Französische Revolution markiert nicht nur den Beginn des modernen
Nationalismus, sondern brachte zugleich ein anderes Grundverständnis des
Staates hervor. In feudalen Systemen bestand kein unmittelbares Verhält-
nis zwischen dem Staat und seinen Bürgern. Diese waren entweder weitge-
hend rechtlose Untertanen oder gehörten ständischen Korporationen an. Die
Menschen kamen daher mit dem Staat nur indirekt und selten in Kontakt. In
den modernen Nationalstaaten und Imperien änderte sich dies. Zumindest
dem Anspruch nach konnten die Bürger – faktisch lange Zeit eine männ­liche
und vermögende Elite – bestimmen, wer die Geschicke des Staates lenkte.
Damit änderte sich der Anspruch des Staats an seine Bürger. Deren Loyalität
und Mitwirkung war unerlässlich, um einen modernen Staat aufzubauen und
zu gestalten. Dementsprechend hatte dieser ein hohes Interesse daran, seine
Bürger und die Gesellschaft als Gesamtheit zu formen.
Die Idee des Nationalstaats war ursprünglich auch eine Friedensidee. Eine
nationalstaatliche Ordnung Europas sollte ein Ende der zahlreichen Kriege
der Anciens Régimes mit sich bringen.14 Friedrich List, Guiseppe Mazzini
und führende Anhänger verschiedener Nationalbewegungen in Europa gin-
gen davon aus, dass Nationalstaaten sich nicht bekriegen würden, weil sie ter-
ritorial saturiert seien und demokratisch regiert würden. Diese liberale Uto-
pie, die nach dem Ersten Weltkrieg eine Renaissance erlebte, erwies sich aus
verschiedenen Gründen als nicht haltbar.
Zum einen erzeugte die Nationsbildung in Europa eine unerwartete Dy-
namik. Die Zahl der Nationalbewegungen stieg im Laufe des 19. Jahrhun-
derts von einem guten Dutzend auf mehr als das Doppelte. Obwohl sich
manche Nationalbewegungen zunächst eine Zukunft innerhalb eines Impe-
riums vorstellen konnten, forderten sie doch alle ein eigenes, geschlossenes
Herrschaftsgebiet. Dies lag in der Logik des »territorialisierten« Denkens, so
der Begriff von Charles Maier, das bereits die Revolution von 1848 prägte.15
In weiten Teilen Europas waren nicht nur eine, sondern mehrere Nationalbe-

14 Vgl. Roman Szporluk, Communism and Nationalism. Karl Marx versus Friedrich
List, Oxford 1988, S. 125–130.
15 Charles S. Maier, Consigning the Twentieth Century to History: Alternative Nar-
ratives for the Modern Era, in: American Historical Review 105 (2000), S. 807–831.
Voraussetzungen ethnischer Säuberungen 33

wegungen aktiv. Somit multiplizierten sich die Konflikte in jenen Regionen,


die man aufgrund ihrer Bevölkerungszusammensetzung nicht klar einem
potenziellen oder bereits existierenden Nationalstaat zuordnen konnte.
Zum anderen destabilisierte die Maxime, dass jede Nation ihren eigenen
Staat bekommen solle, die internationale Ordnung. Dies betraf zunächst
die multinationalen Imperien. Insbesondere das Osmanische Reich und das
Habsburgerreich verloren im 19. Jahrhundert sukzessive an Macht und Aus-
dehnung. Auf Kosten dieser Reiche entstanden 1859, 1871 und 1878 der ita-
lienische Nationalstaat, das Deutsche Reich mit seiner Zwitterstellung zwi-
schen Imperium und Nationalstaat sowie die Balkanstaaten. 1919 folgte eine
weitere Welle von Nationalstaatsgründungen, dieses Mal auch zu Lasten des
Russischen und des Deutschen Reiches.
Wie das Beispiel etlicher Grenzregionen zeigt, erzeugte diese neue Ord-
nung bereits im 19. Jahrhundert keinen Frieden, sondern zusätzliche Kon-
flikte. Der Streit zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich um das
Elsass und Lothringen vergiftete das Klima zwischen den beiden Nach-
barländern und schuf einen dauerhaften Krisenherd im mittleren Europa.
Die südosteuropäischen Nationalstaaten rivalisierten um Grenzregionen wie
Makedonien. Der Streit um das Osmanische Erbe in Europa führte schließ-
lich zu den Balkankriegen, deren Brutalität einen Vorgeschmack auf den Ers-
ten Weltkrieg gab. In der damaligen europäischen Öffentlichkeit wurden die
Balkankriege aber nicht als Folge der nationalstaatlichen Ordnung wahrge-
nommen, sondern als spezielles Problem des »Balkans«.16 Die Pariser Vorort-
verträge von 1919/20 replizierten diese Ordnung in Zentral- und Osteuropa,
schufen aber ebenfalls keinen dauerhaften Frieden.
Außerdem erzeugte die nationalstaatliche Ordnung neue Minderheiten. In
jeder Phase der Nationalstaatsbildung gab es Nationen, die völlig übergangen
wurden, so etwa die Polen im 19. Jahrhundert oder die Ukrainer auf der Pa-
riser Friedenskonferenz. Nach dem Ersten Weltkrieg mussten sich die frühe-
ren Angehörigen imperialer Nationen wie die Deutschen in Polen oder die
Ungarn in der Slowakei mit einem erheblichen Statusverlust abfinden. Rogers
Brubaker hat dieses Problem in seinem Buch »Redrawing Nations« als trian-
guläre Konfliktkonstellation zwischen nationalisierendem Nationalstaat, ex-
ternem Heimatland und irredentistischer Minderheit beschrieben.17

16 Vgl. als Beispiel den Bericht der Carnegie-Kommission über die Balkankriege: In-
ternational Commission to Inquire into the Causes and Conduct of the Balkan Wars, The
Other Balkan Wars. 1914 Carnegie Endowment Report of the International Commission
to Inquire into the Causes and Conduct of the Balkan Wars, Washington 1993, S. 73. Vgl.
zur Stereotypologie des Balkans außerdem Maria Todorova, Die Erfindung des Balkans.
Europas bequemes Vorurteil, Darmstadt 1999.
17 Vgl. Rogers Brubaker, Nationalism Reframed. Nationhood and the National Ques­
tion in the New Europe, Cambridge 1996, S. 55–78.
34 Voraussetzungen ethnischer Säuberungen

In Ergänzung zu seinem Modell sei angeführt, dass die Nationalstaats-


gründung die Bildung von nationalen Minderheiten häufig erst nach sich
zog. So hatten die unter Josef II. angesiedelten Kolonisten in Ostgalizien,
deutschsprachige Stadtbürger im österreichischen Schlesien und preußische
Junker im Großherzogtum Posen bis 1918 kaum Gemeinsamkeiten oder
Kontakt miteinander. Aber im Laufe der Zwischenkriegszeit wuchsen sie zu
einer deutschen Minderheit in Polen zusammen. Auch die so genannten Su-
detendeutschen waren ein Kind der Tschechoslowakei.18 Man kann somit in
diesem und anderen Fällen von einem doppelten Nationsbildungsprozess
sprechen, jenem der Titularnation, die sich häufig erst innerhalb des jewei­
ligen Nationalstaats festigte und jenem der jeweiligen Minderheiten.
Möglicherweise hätten sich die internen Konflikte von Nationalstaaten im
Rahmen übergeordneter rechtsstaatlicher Systeme und einer längeren Frie-
densperiode regeln lassen. Ansätze dazu gab es Anfang des 20. Jahrhun-
derts in der österreichischen Hälfte der Habsburgerreiches in verschiede-
nen regionalen »Ausgleichen«19 und gegen Ende der 1920er Jahre in einigen
ostmitteleuropäischen Nationalstaaten, sobald sie sich intern und interna-
tional stabilisiert hatten. Zur Kompromissfähigkeit trug maßgeblich bei,
wenn der jeweilige staatliche Rahmen als dauerhaft empfunden wurde und
verschiedene Ebenen der Konfliktmediation wie ein demokratisch gewähl-
tes Parlament und ein unabhängiges Gerichtswesen existierten. Es wäre da-
her verfehlt, die Zwischenkriegszeit deterministisch wahrzunehmen und die
Chancen auf eine Koexistenz der verschiedenen Nationalstaaten samt ihrer
Minderheiten zu unterschätzen.
Doch in einer Longue durée-Perspektive betrachtet war die National-
staatsbildung nach außen und innen umso konfliktträchtiger, je später sie
erfolgte. Die geringsten Widerstände gab es im 18. und im frühen 19. Jahr-
hundert, als konstitutionelle Nationalstaaten in weitgehender territorialer
Kontinuität aus absolutistischen Monarchien hervorgingen. Beispiele dafür
sind Frankreich oder Dänemark. Die Gründungswelle von Nationalstaa-
ten in Süd-, Zentral- und Osteuropa zwischen 1859 und 1878 ging bereits
mit Kriegen einher, die aber immerhin von längeren Friedensperioden ab-
gelöst wurden. Dagegen blieb die dritte Phase der Nationalstaatsgründung
nach 1918 auf Jahre hinaus umkämpft. In großen Teilen Europas setzte sich

18 Vgl. zur deutschen Minderheit in Polen Winson Chu, »Volksgemeinschaften un-


ter sich«: German Minorities and Regionalism in Poland, 1918–1939, in: Neil Gregor
u. a. (Hg.), German History from the Margins, Bloomington 2006, S. 104–126. Vgl. zu
den Sudetendeutschen Rudolf Jaworski, Vorposten oder Minderheit? Der Sudetendeut­
sche Volkstumskampf in den Beziehungen zwischen der Weimarer Republik und der ČSR,
Stuttgart 1977.
19 Vgl. dazu Gerald Stourzh, Die Gleichberechtigung der Nationalitäten in der Ver­
fassung und Verwaltung Österreichs 1848–1918, Wien 1986.
Voraussetzungen ethnischer Säuberungen 35

der Erste Weltkrieg als regionaler Konflikt fort, an den Ostgrenzen Deutsch-
lands und Polens, in Südosteuropa und in bestimmten Teilen Westeuropas
wie zum Beispiel Irland. In all diesen Konflikten ging es um die Grenzen
von Nationalstaaten, wobei sich nicht nur die Armeen der jeweiligen Kriegs-
parteien bekämpften, sondern häufig auch die Angehörigen konkurrierender
Nationalbewegungen. Selbst in Gebieten, deren staatliche Zugehörigkeit re-
lativ bald geklärt schien, wie etwa im Elsass oder in den Grenzregionen Böh-
mens, wurden die Machtverhältnisse letztlich durch Gewalt geklärt, so etwa
mit dem Massaker von 1919 in Kaden. 20
Der Krieg war ein stets beteiligter, aber schlechter Gründervater von Na-
tionalstaaten. Vor allem der Erste Weltkrieg, der in weiten Teilen Europas
faktisch erst Anfang der 1920er Jahre endete, brachte neben einer allgemei-
nen Verelendung einen Zusammenbruch rechtstaatlicher und kommunikati-
ver Strukturen mit sich. Selbst wenn etwa die Regierung Polens mit der künf-
tigen deutschen oder ukrainischen Minderheit hätte verhandeln wollen oder
der serbische König mit den Kosovo-Albanern, so fehlten dafür die notwen-
digen Foren und Gremien.
Aber über was hätte man verhandeln sollen? Die Idee des Nationalstaats
beruht auf der Existenz oder Schaffung eines möglichst homogenen Staats-
volks. Nationalstaaten wurden vom Zentrum her gedacht, und nicht von den
Rändern, als Wert für sich und nicht als Angebot an ihre Bürger. Sie besaßen
trotz aller Macht, über die der moderne Staat verfügte, eine im Vergleich zu
den früheren Imperien geringe Integrationskraft. Die polnische Adelsrepu-
blik, das Russische Reich, das Habsburgerreich und das Osmanische Reich
kooptierten in der Frühen Neuzeit regionale Eliten, indem man sie in den
Adel aufnahm oder ihnen regionale Selbstverwaltung zugestand. So konn-
ten aus Tataren loyale russische und polnische Staatsbürger, aus den Ange-
hörigen verschiedener regionaler Eliten loyale Bürger des Habsburgerreiches
und aus Südslawen muslimische Untertanen der Hohen Pforte werden. Wie
dieser diachrone Vergleich zeigt, hatten die Nationalstaaten zwar Erfolg bei
der vertikalen Nationsbildung, der Nationalisierung aller gesellschaftlichen
Schichten, aber nicht bei der horizontalen Integration von kulturell oder
sprachlich differenten Gruppen.
Aufgrund dieser inneren und äußeren Instabilität setzten die seit der Mitte
des 19. Jahrhunderts etablierten Nationalstaaten auf eine zentralistische Ord-
nung. Das Deutsche Kaiserreich stellt hier eine Ausnahme dar, trat aber nach
außen hin ebenfalls als geschlossener Machtstaat auf. Die jeweiligen natio-

20 Ingesamt kosteten die Unruhen in Böhmen und Nordmähren 58 Menschen das Le-
ben, darunter sechs Polizisten und Armeeangehörige. Vgl. das vorzügliche Buch von Piotr
M. Majewski, Niemcy Sudeccy 1848–1948. Historia pewnego nacjonalismu 1848–1948,
Warszawa 2007, S. 175–176.
36 Voraussetzungen ethnischer Säuberungen

nalstaatlichen Eliten gaben vor, wie man die Nation definierte, was man un-
ter Deutschtum, Polentum oder auch hybriden Nationalstaatsidentitäten wie
dem Tschechoslowakismus oder dem Jugoslawismus zu verstehen hatte.
Der Zentralismus erzeugte aber bereits bei den im zweiten Drittel des
19. Jahrhunderts gegründeten Nationalstaaten erhebliche Widerstände. In
Sizilien kam es zu mehreren Aufständen, die zwar überwiegend soziale Ur-
sachen hatten, aber auch eine regionalistische Komponente aufwiesen. Bis
heute leidet der italienische Staat unter internen Differenzen, die bis zum Se-
paratismus reichen. Das Deutsche Reich wuchs zwischen 1871 bis 1914 trotz
aller sozialen und konfessionellen Konflikte zusammen, nicht zuletzt Dank
des staatlich geförderten Nationalismus. Doch in Deutschland kam es nach
dem Ersten Weltkrieg zu Absetzbewegungen, vor allem in Oberschlesien,
zeitweise in Bayern und dem Rheinland. Der spanische Bürgerkrieg wird in
der Regel als Auseinandersetzung zwischen Linken und Faschisten interpre-
tiert, war aber zugleich eine Auseinandersetzung zwischen dem zentralisti-
schen Nationalstaat und Regionen mit einer eigenen Nationalbewegung. 21
Wie Eugene Weber in seinem Klassiker über »Peasants into Frenchmen«
gezeigt hat, gelang Frankreich die vertikale Integration der Nation am bes-
ten von allen großen europäischen Nationalstaaten. Doch in der Zwischen-
kriegszeit wuchs auch dort der Widerstand gegen die zentralistische Ord-
nung und Definition der Nation. Die nationalisierende Politik im Elsass,
die auf der Maxime »purifier, centraliser, assimiler« beruhte, war ein Miss­
erfolg. 22 Selbst die relativ lange konsolidierten Nationalstaaten in West­europa
können demnach nicht auf eine glatte Erfolgsgeschichte zurückblicken. Vor
allem die lange Friedensperiode vor 1914 und der damit verbundene wirt-
schaftliche Aufschwung bewirkten, dass der Nationalstaat in Europa zu einer
Normalität wurde. Der Erste Weltkrieg schweißte die Gesellschaften wei-
ter zusammen, aber um den Preis einer vorher nicht gekannten ethnischen
Exklusivität.
Die Nationalstaaten in Ostmittel- und Südosteuropa befanden sich von
Anfang an in einer ungünstigeren Lage. Das lag neben den schon erwähnten
Kriegsfolgen an den ungeheuren Integrationsaufgaben im Bereich der Politik,
der Wirtschaft und der Kultur. Die Regionen, aus denen zum Beispiel Polen,
die Tschechoslowakei, Rumänien oder das Königreich der Serben, Kroaten

21 Josep M. Fradera, Regionalism and Nationalism: Catalonia within Modern Spain,


in: Philipp Ther, Holm Sundhaussen (Hg.), Regionale Bewegungen und Regionalismen in
europäischen Zwischenräumen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, Marburg 2003, S. 3–18.
22 Vgl. zur französischen Politik im Elsass während der Zwischenkriegszeit Chris-
tiane Kohser-Spohn, Staatliche Gewalt und der Zwang zur Eindeutigkeit. Die Politik
Frankreichs im Elsass nach dem Ersten Weltkrieg, in: Philipp Ther, Holm Sundhaussen
(Hg.), Nationalitätenkonflikte im 20. Jahrhundert. Ursachen von inter-ethnischer Gewalt
im Vergleich, Wiesbaden 2001, S. 183–203, hier S. 184–194.
Voraussetzungen ethnischer Säuberungen 37

und Slowenen zusammengesetzt wurden, verfügten über sehr verschiedene


Traditionen. Einige von ihnen hatten über Jahrhunderte regionale Selbstver-
waltung genossen und sollten sich auf einmal der Herrschaft neuer Staats-
gebilde unterwerfen. Die aus den jeweiligen Hauptstädten entsandten Eli-
ten und Behörden wurden häufig als fremd empfunden. Ebenso groß waren
die wirtschaftlichen Probleme, denn es gab vor 1918 in Polen, Rumänien, der
Tschechoslowakei oder Jugoslawien (aber auch Irland) keinen gemeinsamen
Markt. 23 In Polen passten bei der Wiedererrichtung des Landes nicht einmal
die Eisenbahnschienen zusammen. Es herrschte ein Konsens unter den je-
weiligen Eliten, dass man diese Herausforderung nur bestehen konnte, wenn
ein Zentralstaat mit einer starken Regierung gebildet wurde. Daher und auf-
grund des französischen Vorbilds war der Zentralismus das Modell für die
innere Ordnung von neu gegründeten Nationalstaaten. 24 Das galt erst recht
nach dem Sieg Frankreichs im Ersten Weltkrieg, der das Prestige der Repu-
blik noch einmal erhöhte.
Es wäre für die europäischen Nationalstaaten eine klügere Lösung ge­
wesen, gegenüber ihren Regionen und Minderheiten Zugeständnisse zu ma-
chen, aber jegliche kulturelle und territoriale Autonomie wurde als eine Ge-
fahr für den Staat und die Nation angesehen. Sogar die Selbstverwaltung der
Städte wurde in allen 1919 gegründeten oder erweiterten Nationalstaaten
massiv eingeschränkt. Dies war ein schwerer Fehler, weil sich dadurch politi-
sche Konflikte fast automatisch auf eine nationale Ebene verlagerten und der
Nationalstaat für Probleme verantwortlich gemacht wurde, die er nicht ver-
ursacht hatte. 25 Je schwächer die jeweiligen Staaten und ihre Regierungen wa-
ren, umso mehr setzten sie auf eine Politik der Nationalisierung und unter-
drückten die jeweiligen Minderheiten, bei Bedarf gewaltsam.
Auch diese setzten auf Gewalt und in manchen Fällen Terror. Radikale
ukrainische, kroatische, makedonische und irische Nationalisten bekämpf-
ten die von ihnen abgelehnten Nationalstaaten im In- und Ausland mit
Methoden, die an die Attentate islamistischer Terroristen in der vergan-
genen Dekade erinnern. Es gab zwar in allen nach dem Ersten Weltkrieg
ge­gründeten Nationalstaaten Phasen der Entspannung, vor allem als sich

23 Vgl. zu diesem strukturellen Problem, das aber nicht nur Ostmitteleuropa prägte,
Ivan Berendt, Decades of Crisis. Central and Eastern Europe before World War II, Berke-
ley 1998.
24 Vgl. dazu kritisch und weitsichtig Hugh Seton Watson, Eastern Europe between the
wars, 1918–1941, Cambridge 1945.
25 Vgl. zur Zentralisierung im Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen bzw.
dem späteren Jugoslawien Ivo Banac, The National Question in Yugoslavia. Origins, His­
tory, Politics, Ithaca 1988, S. 214–225. Vgl. zu Polen Brubaker, Nationalism Reframed,
S. 84–103. Vgl. zur Tschechoslowakei beispielhaft Jeremy King, Budweisers into Czechs
and Germans. A Local History of Bohemian Politics, 1848–1948, Princeton 2002.
38 Voraussetzungen ethnischer Säuberungen

Mitte der 1920er Jahre die wirtschaftliche Situation besserte. Aber Gewalt
blieb ein auf allen Seiten akzeptiertes Mittel zur Durchsetzung »nationaler
Interessen«. 26
Holm Sundhaussen hat die strukturellen Ursachen ethnischer Säuberun-
gen am Beispiel Südosteuropas mit der These zusammengefasst, dass dort
ausgerechnet die beiden unflexibelsten Modelle der Nations- und der Natio­
nalstaatsbildung angewandt worden seien, das deutsche Modell des ethni-
schen Nationalismus und das französische Modell des zentralistischen Na-
tionalstaats. Diese These bedarf für einige Länder der Modifizierung, aber
man kann sie auf Ostmitteleuropa und Teile Westeuropas (z. B. Irland) über-
tragen. Zweifellos zutreffend ist Sundhaussens Beobachtung negativer Lern-
effekte. Das Modell des liberalen Nationalstaats wurde auf Teile Europas an-
gewandt, in denen es aufgrund der vorhandenen demographischen, sozialen
und politischen Gegebenheiten und des Timings nicht passte. Als sich die
Konflikte zuspitzten und die Krisen häuften, wurde aber nicht das Modell
der Realität angepasst, sondern man versuchte mit aller Macht und Gewalt,
die Idee des homogenen Nationalstaat durch eine Politik der Nationalisie-
rung durchzusetzen. Dabei gingen die bereits etablierten Staaten mit schlech-
tem Beispiel voran, vor dem Ersten Weltkrieg insbesondere Deutschland mit
seiner destruktiven Polenpolitik, danach Frankreich mit der »épuration« des
Elsass und Lothringens.

»Minderheitenprobleme«

Die absolutistischen Staaten empfanden Zuwanderer in der Regel als Berei-


cherung. Ein klassisches Beispiel dafür ist die Aufnahme der Hugenotten in
Preußen, die wie erhofft zum Aufschwung des Landes beitrugen. Russland
und Österreich riefen ebenfalls Tausende von Fachleuten und bäuerlichen
Kolonisten ins Land, um die Wirtschaft zu stärken. Diese »Peuplierung«
und die Präsenz von Gruppen, die man anachronistisch als Minderheiten be-
zeichnen könnte, verursachte in den Anciens Régimes keine größeren poli-
tischen Probleme, da soziale Trennlinien eine höhere Bedeutung hatten als
sprachliche oder kulturelle Differenzen.
Dies änderte sich aufgrund des modernen Nationalismus. Die Integra-
tion der imaginierten »Wir-Gruppe« zu einer modernen Nation beruhte
auf der Ausgrenzung Dritter. Dieser Mechanismus richtete sich zum einen

26 Aufgrund der fast unüberschaubaren Literatur zu Minderheitenkonflikten kön-


nen hier nur ausgewählte Bücher genannt werden. Vgl. zusätzlich zu den bereits genann-
ten Werken zu den polnisch-ukrainischen Beziehungen in der Zwischenkriegszeit Jerzy
Tomaszewski, Rzeczpospolita wielu narodów, Warszawa 1985, S. 67–104.
Voraussetzungen ethnischer Säuberungen 39

nach außen – symbolisch steht dafür die vermeintliche »Erbfeindschaft« zwi-


schen Deutschen und Franzosen – zum anderen nach innen, gegenüber Mit-
bürgern verschiedener Sprache, Konfession oder Herkunft. Der Versuch
der Nationalstaaten, eine bestimmte Kultur und eine einheitliche Sprache
durchzu­setzen, wirkte im Laufe des 19. Jahrhunderts kontraproduktiv. Be-
sonders stark war der Widerstand gegen die Assimilation dann, wenn deren
Ziel­gruppen auf einem kompakten Gebiet siedelten, auf das sie aus histori-
schen oder demographischen Gründen einen Herrschaftsanspruch erheben
konnten.
Das galt zum Beispiel für die Polen im Osten des Deutschen Reiches.
Preußen hatte die Teilungen Polens mit dem Argument legitimiert, dass die
deutsche Kultur der polnischen überlegen sei und die Polen nicht zur Bil-
dung eines eigenen Staates in der Lage seien. Die Deutschen waren demnach
die »Kulturträger«, an die sich die Polen anpassen würden. Diese Ideologie
des Kulturträgertums gab es in abgeschwächter Form in anderen europä-
ischen Konstellationen, so zum Beispiel in Serbien gegenüber slawischen
Muslimen und den Albanern oder in Polen gegenüber Ukrainern, Belorus-
sen und Litauern.
Das sich abzeichnende Scheitern der Assimilation provozierte bereits
Mitte des 19. Jahrhunderts ein Nachdenken über radikale Alternativlösun­
gen. Der aus Schlesien stammende Leipziger Geschichtsprofessor und Pauls-
kirchenabgeordnete Heinrich Wuttke stellte die Polen 1846 vor die Alter-
native der Assimilation oder der Ausweisung. Der einflussreiche Publi­zist
und Hochschullehrer Paul de Lagarde schrieb 1855: »Es ist zweifellos
nicht statthaft, daß in irgendeiner Nation eine andere Nation bestehe; es
ist zweifellos geboten, diejenigen welche … jene Dekomposition befördert
haben, zu beseitigen.«27 Diese Forderungen waren bereits viel konkreter
als die ethnischen Reinheitsphantasien demokratischer Revolutionäre. Das
lag nicht zuletzt daran, dass es einen Staat gab, der sie hätte umsetzen
können.
Bismarck konnte und wollte nicht so weit gehen wie von Wuttke oder de
Lagarde gefordert, aber er ließ Posen 1866 in den Norddeutschen Bund ein-
gliedern, ohne den dort ansässigen Polen irgendwelche Zugeständnisse zu
machen. Unmittelbar nach der Reichsgründung begann mit dem Kultur-
kampf eine rigide Unterdrückung der preußischen Polen. 1885/86, als der
Konflikt mit der katholischen Kirche abflaute, griff die Regierung zu neuen
Mitteln gegen die nicht anerkannte Minderheit. In einer Nacht- und Nebel­

27 Zit. nach Friedrich Heckmann, Ethnische Minderheiten. Volk und Nation. Sozio­
logie inter-ethnischer Beziehungen, Stuttgart 1992, S. 45. Vgl. zu Lagarde ausführlich
­Ulrich Sieg, Deutschlands Prophet. Paul de Lagarde und die Ursprünge des modernen
Anti­semitismus, München 2007.
40 Voraussetzungen ethnischer Säuberungen

aktion wurden 32.000 Polen und polnische Juden ins russische Polen depor­
tiert. 28 Bald darauf folgte das »Ansiedlungsgesetz«, das die Ansiedlung deut-
scher Bauern im Teilungsgebiet förderte, um die Macht der polnischen
Minderheit und vor allem ihrer adeligen Elite demographisch zu brechen.
Doch all der Druck von einem der mächtigsten europäischen Staaten be-
wirkte wenig, außer den Widerstand der Minderheit anzustacheln.
Unter dem Eindruck der »negativen Polenpolitik«29 veränderten sich die
Einstellungen der Deutschen. Nicht nur Gustav Freytag, auch Theodor Fon-
tane transportierte in seinem Werk diffuse Ängste vor einer Überfremdung,
der Soziologe Max Weber machte konkrete Vorschläge, wie man die Polen
im Osten klein halten könne, der Antipolonismus der alldeutschen Nationa­
listen drang in den politischen Mainstream ein. Dies zeigt die Zustimmung
des Reichstags zur Enteignung polnischer Grundbesitzer im Jahr 1908. 30 Da-
bei handelte es sich zwar um einen Bruch der Verfassung, wie Kritiker an-
merkten, aber der Kampf gegen die Minderheit hatte Priorität.
Im Elsass und in Lothringen musste das Deutsche Reich mit Blick auf
die internationale Lage mehr Rücksicht nehmen. Dort trug paradoxerweise
Frankreich zur Nationalisierung bei. Paris hatte im Frankfurter Friedens­
vertrag von 1871 ein Optionsrecht für seine ehemaligen Staatsbürger erstrit-
ten, die sich wegen der neuen Grenzziehung auf deutschem Gebiet befan-
den.31 Doch wer die französische Staatsbürgerschaft behalten wollte, musste
die Heimat verlassen. Bezeichnenderweise gab es keine Option, zugleich
Franzose und Deutscher oder einfach nur Elsässer zu sein. Der Nationalstaat
verlangte von seinen Bürgern ein eindeutiges Bekenntnis.
Der Zwang zur Eindeutigkeit spielte auch bei der Etablierung der natio­
nalstaatlichen Ordnung in Südosteuropa eine wichtige Rolle. Griechen-
land, Serbien, Rumänien und Bulgarien mussten sich 1878 auf dem Berliner
Kongress zur Tolerierung religiöser Minderheiten verpflichten. Dieser Pas-
sus wirkt auf den ersten Blick wie ein Vorläufer des Minderheitenschutzes
nach dem Ersten Weltkrieg. Doch die zähen Verhandlungen drehten sich fast

28 Vgl. zum Kulturkampf Helmut W. Smith, German Nationalism and Religious


Conflict. Culture, Ideology, Politics, 1870–1914, Princeton 1995. Vgl. spezieller zu Polen
Lech Trzeciakowski, Kulturkampf w zaborze pruskim, Poznań 1970. Vgl. zu den Depor-
tationen Helmut Neubach, Die Ausweisung von Polen und Juden aus Preußen 1885–1886.
Ein Beitrag zu Bismarcks Polenpolitik und zur Geschichte des deutsch-polnischen Verhält­
nisses, Wiesbaden 1967.
29 Vgl. zu diesem Begriff Klaus Zernack, Preussen – Deutschland – Polen. Aufsätze
zur Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen, Berlin 1991.
30 Vgl. dazu Martin Broszat, Zweihundert Jahre deutsche Polenpolitik, München
1963, S. 114.
31 Vgl. dazu Artikel 2 des Vertrages, der in http://www.documentarchiv.de/ [16.8.
2010] einsehbar ist.
Voraussetzungen ethnischer Säuberungen 41

nur um die jeweiligen jüdischen Minderheiten,32 während die europäischen


­Muslime keine Lobby hatten. Das Optionsrecht der in den südosteuropä­
ischen Nationalstaaten zurückgebliebenen Muslime auf die osmanische
Staatsbürgerschaft wirkte daher wie ein Katalysator der Emigration. Grie-
chenland und Serbien versuchten am meisten, ihre jeweilige muslimische,
dem nationalisierenden Sprachgebrauch nach türkische Minderheit zur Aus-
wanderung zu drängen. Rumänien setzte in der 1878 erworbenen Dobrud-
scha primär auf eine Nationalisierung durch Ansiedlung und Schulpolitik.33
Bulgarien tolerierte Muslime unter der Prämisse, dass es sich um ethnische
Bulgaren mus­limischen Glaubens handelte. Ähnlich verhielt sich Serbien
nach 1912 im ­Sandschak und in Makedonien. Die Erwartung war, dass sich
die Minderheiten im Lauf der Jahre assimilieren oder auswandern würden.
Wie im Kapitel über die Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen
noch näher dargestellt wird, zeigte sich in den Balkankriegen von 1912/13 eine
neue Dimension der Politik gegenüber Minderheiten. Alle beteiligten Staaten
versuchten soweit wie möglich, die Zahl der Minderheiten auf den bereits be-
herrschten und vor allem in neu erworbenen Gebieten zu redu­zieren. Das be-
traf nicht nur Muslime wie nach 1878, sondern auch ethno-national definierte
Minderheiten, zum Beispiel die slawophone Bevölkerung in Nordgriechen-
land. Mehrere Hunderttausend Menschen wurden während der Balkankriege
in die Flucht geschlagen. Die mutwilligen Vertreibungen setzten sich nach dem
Abschluss der Kampfhandlungen und der jeweiligen Friedensverträge fort.
Letztere verdienen eine eigene Betrachtung, weil sie die gewandelten Ein-
stellungen gegenüber Minderheiten im gesamten Europa widerspiegeln. Die
südosteuropäischen Staaten lehnten auf der Friedenskonferenz von Bukarest
von 1913 einen Minderheitenschutz grundsätzlich ab, obwohl ihre territo­riale
Expansion zu einem drastischen Anstieg der Bevölkerung geführt hatte, die
nicht der Titularnation angehörte. Das war den europäischen Großmächten
bewusst, die sich trotzdem nicht für die Minderheiten einsetzen. Nur die USA
intervenierten in Bukarest, nicht zuletzt unter dem Eindruck des Berichts der
Carnegie-Stiftung, der ersten Nichtregierungsorganisation (NGO) im heu-
tigen Sinne, die sich für Minderheiten und deren Menschenrechte einsetzte.
Der mangelnde Minderheitenschutz trug dazu bei, dass der Strom der
Flüchtlinge in Südosteuropa nach dem Ende der Balkankriege kaum nach-
ließ. Griechenland und die Türkei verhandelten 1914 bereits detailliert über

32 Vgl. Carole Fink, Defending the Rights of Others. The Great Powers, the Jews and
the International Minority Protection, Cambridge 2004, S. 29 und 37.
33 Vgl. zur Migration von Muslimen aus dem Balkan seit dem späten 19. Jahrhun-
dert Alexanadre Toumarkine, Les migra­tions des populations musulmanes balkaniques en
­A natolie 1876–1913, Istanbul 1995. Vgl. zur Politik Rumäniens in den 1878 vom Osmani-
sche Reich erworbenen Gebieten Constantin Iordachi, Citizenship, Nation and State-Buil­
ding. The Integration of Northern Dobrogea into Romania, 1878–1913, Pittsburgh 2002.
42 Voraussetzungen ethnischer Säuberungen

einen »Austausch« von Minderheiten, der erhebliche Teile beider Länder und
etwa eine Million Menschen erfasst hätte. Der Ausbruch des Ersten Welt-
krieges verhinderte dann einen Abschluss einer Vereinbarung. Aber zwei
weitere ehemalige Kriegsgegner, Bulgarien und Griechenland, vereinbarten
1919 im Pariser Vorort Neuilly die »gegenseitige Emigration« ihrer Minder-
heiten in Makedonien und Thrakien, der sich letztlich 153.000 Menschen un-
terwerfen mussten. Der Vertrag besitzt grundlegende Bedeutung, denn unter
Federführung der europäischen Großmächte wurde erstmals eine ethnische
Grenzziehung in einem weitläufigen geographischen Raum beschlossen. Ein
Novum der Zeit nach den Balkankriegen war außerdem, dass die beteiligten
Staaten nicht nur Hunderttausende von Menschen zur Flucht zwangen, son-
dern zugleich Mitglieder der Titularnationen gezielt in umstrittenen Gebie-
ten ansiedelten. Beide Dimensionen ethnischer Säuberungen waren auf ideo-
logischer und praktischer Ebene eng miteinander verknüpft.
Während des Ersten Weltkrieges verschlechterten sich die Einstellun-
gen gegenüber Minderheiten weiter, und zwar im gesamten Europa. Vor al-
lem im Russischen Reich und im Osmanischen Reich wurden Minderheiten
als Staatsfeinde und potenzielle Verräter attackiert und en masse deportiert.
Im Russischen Reich betraf das eine Million Juden und Deutsche, die in der
Nähe der Front oder entlang der Nachschubrouten lebten, im Osmanischen
Reich Armenier, im Habsburgerreich Serben. Als Begründung für die De-
portationen dienten vordergründig militärische Sicherheitsbedenken, aber
die tiefer gehende Ursache waren vor 1914 entstandene Stereotype. Russi-
sche Lehrbücher für Offiziere von 1907 denunzierten Juden, Polen und Mus-
lime als unzuverlässig und als potenzielle Verräter. 34 Ob die in Russland an-
sässigen Deutschen tatsächlich mit dem Feind paktiert hätten, ist mehr als
zweifelhaft, die Juden besaßen kein externes Heimatland, mit dem sie sich
überhaupt hätten verbünden können. In Kleinasien bestand diese Möglich-
keit eher, denn armenische Nationalisten forderten die Gründung eines eige-
nen Nationalstaats auf Kosten des Osmanischen Reiches und kämpften teil-
weise auf russischer Seite. Aber auch in Anatolien war die reale militärische
Bedrohung durch Armenier gering. Dort entwickelte sich die präventive Ver-
folgung einer Minderheit zu einem Genozid, denn die Deportierten hatten
kaum eine Chance, den geplanten Marsch durch Anatolien und die syrische
Wüste bis an die Mittelmeerküste zu überleben.
Fern aller Fronten entwickelte sich ebenfalls ein radikal gegen Minderhei-
ten gerichtetes Denken. Der Schweizer Ethnologe Georges Montandon trat

34 Vgl. Peter Holquist, To Count, to Extract and to Exterminate: Population Statistics


and Population Politics in Late Imperial and Soviet Russia, in: Ronald Grigor Suny, Terry
Martin (Hg.), A State of Nations. Empire and Nation Making in the Age of Lenin and Sta­
lin, Oxford 2001, S. 111–144, hier S. 115.
Voraussetzungen ethnischer Säuberungen 43

1915 in einer Broschüre über »Frontières nationales: Détermination objective


de la condition primordiales nécessaire à l’obtention d’une paix durable« für
eine »massive Transplantation« von Minderheiten in Europa ein. 35 Er forderte
den Austausch von Minderheiten zwischen Staaten und einseitige »Trans-
fers«. Montandon dachte, wie der Titel seiner Publikation angibt, bereits an
die Nachkriegsordnung in Europa. Der deutsch-jüdische Publizist Siegfried
Lichtenstädter wies ebenfalls wiederholt auf die Notwendigkeit von Bevöl-
kerungsverschiebungen zur Friedenssicherung hin. 36 In England reichte das
Spektrum jener Politiker und Experten, die für einen »exchange of popu-
lations« eintraten, vom rechten Flügel der Konservativen bis zur Labour-
Partei.37 Dieser scheinbar rationale Lösungsvorschlag basierte weniger auf
tatsächlichen Kenntnissen der Konfliktregionen als auf kolonialen Vorstel-
lungen. Offenbar traute es Montandon weniger entwickelten Nationen nicht
zu, ihre Konflikte ähnlich zivilisiert zu lösen wie die Schweiz, Lichtenstädter
übersah, welchen Sprengstoff seine Forderungen für die Minderheit beinhal-
tete, der er selbst angehörte.
Auffällig an den Schriften über Minderheiten am Vorabend des Ers-
ten Weltkrieges und in der Zwischenkriegszeit ist außerdem, wie wenig die
Autoren zwischen verschiedenen Arten von Minderheiten differenzierten.
Grundsätzlich lassen sich dabei aus heutiger Sicht drei Typen unterscheiden,
erstens Minderheiten, die in Verbindung mit einem ko-ethnischen Staat stan-
den, zweitens staatenlose Minderheiten wie die Ukrainer und drittens Dias­
pora-Minderheiten ohne klar abgrenzbares Territorium wie zum Beispiel die
europäischen Juden oder die deutschen Kolonisten im Russischen Reich. Ob-
wohl von diesen Minderheiten ein unterschiedliches politisches Konflikt­
potenzial ausging, sahen sie sich alle einem zunehmenden Assimilations-
druck und Gewalt ausgesetzt. Auch der Begriff »Minderheitenprobleme«

35 Vgl. dazu Georges Montandon, Frontières nationales. Détermination objective de


la condition primordiales nécessaire à l’obtention d’une paix durable, Lausanne 1915. Die
Studie ist abgedruckt in: Ferdinand Seibt u. a. (Hg.), Mit unbestechlichem Blick … Stu­
dien von Hans Lemberg zur Geschichte der böhmischen Länder und der Tschechoslowa­
kei. Festgabe zu seinem 65. Geburtstag, München 1998, S. 377–396.
36 Lichtenstädter schrieb zunächst (1898) mit Blick auf das Osmanische Reich. Eine
Publikation aus dem Jahr 1917 trug den universellen Titel »Nationalitätsprinzip und Be-
völkerungsaustausch«. Vgl. zu Lichtenstädter, der häufig unter dem orientalisierenden
Pseudonym E. M. Efendi publizierte, Mihran Dabag, National-koloniale Konstruktionen
in politischen Entwürfen des Deutschen Reiches um 1900, in: Ders. u. a. (Hg.), Kolonia­
lismus. Kolonialdiskurs und Genozid, Paderborn 2004, S. 19–66, hier S. 62.
37 Vgl. zu den Diskussionen in England am Ende des Ersten Weltkrieges und unmit-
telbar danach Matthew Frank, Expelling the Germans. British Opinion and Post-1945
Popula­tion Transfer in Context, Oxford 2007, S. 19. Die Publikation von Frank ist weg-
weisend, weil sie erstmals den Diskurs über Bevölkerungsverschiebungen in einem gro-
ßen westeuropäischen Land nachzeichnet.
44 Voraussetzungen ethnischer Säuberungen

hatte einen stigmatisierenden Beigeschmack – niemand sprach oder spricht


von Nationalstaatsproblemen.
Eine weitere Folge des Ersten Weltkrieges war die Zuspitzung des Natio-
nalismus nicht nur von oben, durch die Propaganda der Kriegsparteien, son-
dern von unten und im Alltag. Dieses Phänomen lässt sich sogar bei Gesell-
schaften beobachten, die gar keine Kriegsgegner im engeren Sinne waren, so
zum Beispiel Polen und Ukrainer in Galizien. Das Elend und der Hunger wa-
ren dort und in anderen gemischt besiedelten Gebieten wie der K ­ rajina oder
im Kosovo so groß, dass sich ethno-nationale Notgemeinschaften bildeten.38
Der Ausgang des Ersten Weltkrieges veränderte europaweit die Einstel-
lungen gegenüber Minderheiten noch mehr als der Weltkrieg selbst. Das lag
nicht zuletzt an den zahlreichen bewaffneten Konflikten um die national-
staatliche Ordnung. Die 14-Punkte-Deklaration des US-Präsidenten Wilson
vom Januar 1918 und das Manifest von Kaiser Karl vom Oktober 1918 wirk-
ten wie eine Einladung, die Grenzen der Nachfolgestaaten der zerfallenden
Imperien mit Gewalt festzulegen. Das Machtvakuum und die nur ansatz-
weise Demobilisierung von Soldaten führten dazu, dass die Reste regulärer
Armeen und paramilitärische Einheiten das Heft des Handelns an sich zo-
gen. Der Erste Weltkrieg endete daher in zahlreichen Regionen Europas fak-
tisch erst Anfang der 1920er Jahre. Das gilt für den deutschen und den polni-
schen Osten von der Ostsee bis in die Karpaten, die östliche Adriaküste, den
südlichen Teil der Balkanhalbinsel und das westliche Kleinasien. Europa war
von Nord nach Süd und West nach Ost von mehreren Bruchzonen durch­
zogen, in denen mit Gewalt ausgefochten wurde, wer künftig der Mehrheit
und der Minderheit angehören würde.
Letzterer Status war offenbar schwer akzeptabel. Nach dem Ersten Welt-
krieg setzte daher eine große Migrationswelle von Menschen ein, die in den
neuen oder erweiterten Nationalstaaten in Ostmittel- und Südosteuropa
keine Zukunft mehr für sich sahen. Allein die Migration von Deutschen
und Ungarn aus den jeweils verlorenen Gebieten umfasste mehr als 1,2 Mil-
lionen Menschen. Die einzelnen Migrationsbewegungen variierten entspre-
chend der relativen Attraktivität der Herkunfts- und Zielländer. Aus Polen
und Serbien wanderten zum Beispiel weit mehr Angehörige der neuen Min-
derheiten ab als aus der Tschechoslowakei. Diese Unterschiede verdeutlichen,
dass nicht jede ethnische Migration, d. h. die Abwanderung einer durch ihre
Nationalität oder Ethnizität definierten Gruppe, mit einer organisierten und
gewaltsamen ethnischen Säuberung gleichzusetzen ist. Die Abwanderung

38 Vgl. dazu am Beispiel Ostgaliziens Philipp Ther, Chancen und Untergang einer
multinationalen Stadt: Die Beziehungen zwischen den Nationalitäten in Lemberg in der
ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: Ther, Sundhaussen (Hg.), Nationalitätenkonflikte,
S. 123–146.
Voraussetzungen ethnischer Säuberungen 45

von Minderheiten nach dem Ersten Weltkrieg beschränkte sich indes nicht
auf das östliche Europa. Etwa 150.000 Menschen, die als Deutsche eingestuft
wurden, mussten das Elsass verlassen. In Irland gibt es in jüngster Zeit eine
Debatte, inwieweit die Emigration von mehr als der Hälfte der Protestanten
nach der Unabhängigkeit der Republik eine ethnische Säuberung darstellt. 39
Rogers Brubaker hat die massenhaften Wanderungsbewegungen nach
dem Ersten Weltkrieg als »postimperial migration« zusammengefasst.40 Die-
ser Terminus verweist auf den Zusammenbruch der europäischen Imperien.
Treffender wäre der Begriff »nationalstaatsinduzierte Migration«, denn zahl-
reiche Angehörige von Minderheiten verließen ihre Heimat nicht in der Phase
des Zusammenbruchs, sondern erst nach der Gründung der postimperalen
Nationalstaaten und der Ziehung neuer Grenzen. Das Resultat dieser Migra-
tionsbewegungen war von den Nationalstaaten und dem Völkerbund durch-
aus erwünscht. Der Umfang der Minderheiten reduzierte sich in zahlreichen
Ländern erheblich, sie waren einen Schritt weiter auf dem Weg zur angestreb-
ten ethnischen Homogenität.
In den diversen Folgekonflikten des Ersten Weltkrieges standen die Min-
derheiten nur selten auf der Seite der Nationalstaaten, die sich letztlich durch-
setzten. Daher herrschte großes und nachvollziehbares Misstrauen. Das galt
vor allem gegenüber den Verlierern des Krieges, den Deutschen in Polen und
der Tschechoslowakei, den Ungarn in Rumänien, der Slowakei und in Ser-
bien sowie den Bulgaren außerhalb ihres geschrumpften Landes. Aber auch
Minderheiten, die sich während der Phase der gewaltsamen Nationalstaats-
gründungen neutral verhalten hatten, wie etwa die Juden in Ostgalizien, ge-
rieten unter kollektiven Verdacht. Kaum hatten sich die polnischen Truppen
im November 1918 gegen die Ukrainer durchgesetzt, kam es in Lemberg zu
einem Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung, dem über 70 Menschen zum
Opfer fielen.41 Im Elsass, wo der Einmarsch der französischen Truppen 1918
allgemein begrüßt wurde, observierte und verfolgte der Staat die Bevölke-
rung. Die negativen Einstellungen richteten sich also nicht nur gegen poten­
ziell irredentistische Minderheiten, sondern allgemein gegen alle Gruppen,
die dem Homogenitätsideal des Nationalstaats im Wege standen.
Die Gewalt während des Ersten Weltkrieges und im Moment der National­
staatsgründung prägte die Erinnerung jener Bevölkerungsteile, die ihr unter-
legen waren. In einigen Fällen hinderte das nationale Minderheiten nicht

39 Auslöser dieser Debatte waren unter anderem die Publikation von Peter Hart, The
IRA at War, 1916–1923, Oxford 2003.
40 Vgl. dazu als Beispiel Brubaker. Nationalism Reframed, S. 167.
41 Vgl. zum Lemberger Pogrom, das große Auswirkungen auf den internationalen
Minderheitenschutz hatte Jerzy Tomaszewski, Lwów – 22. listopada 1918, in: Przegład
Historyczny 75 (1984), S. 279–283.
46 Voraussetzungen ethnischer Säuberungen

daran, sich Mitte der zwanziger Jahre an den Regierungen neu gegründeter
Nationalstaaten zu beteiligen. Ein Beispiel dafür ist die Mitwirkung deut-
scher Parteien an der Regierung der Tschechoslowakei, dem stabilsten und li-
beralsten der 1918/19 gegründeten Nationalstaaten.42 Aber die Erinnerung an
die eigenen Opfer ließ sich politisch leicht zur Legitimation von Gewalt in­
strumentalisieren, sei es auf Seiten der Nationalstaaten oder der Minderheiten.
Der Minderheitenschutz in den Pariser Vorortverträgen änderte weder die
negativen Einstellungen, noch konnte er die Diskriminierung von Minder­
heiten verhindern. Ein grundsätzliches Problem der Pariser Regelungen war
die fehlende Universalität, denn sie galten nicht für die westeuropäischen
Nationalstaaten oder Deutschland. Sogar Italien musste sich zu nichts ver-
pflichten, obwohl es sich infolge der territorialen Expansion nach Norden
und Osten eine umfangreiche deutschsprachige und slowenische Minderheit
einverleibt hatte. Es gab somit zwei Klassen des Völkerrechts, eine für die
»jungen« ostmittel- und südosteuropäischen Nationalstaaten und eine für
die bereits länger etablierten Nationalstaaten, bei denen die internationale
Staatengemeinschaft davon ausging, dass sie schon homogen seien. Es ver-
wundert nicht, dass die vom Minderheitenschutz betroffenen Staaten dies als
Einschränkung ihrer Souveränität ansahen und umso mehr auf eine Homo-
genisierung ihrer Bevölkerung setzten.43
Außerdem waren die abstrakten Regelungen zum Schutz von Minder­
heiten mit konkreten Maßnahmen zu deren Reduktion gekoppelt. Dies be-
legen mehrere Verträge, die samt ihrer Anwendung im Kapitel über Akteure
und Perioden ethnischer Säuberungen näher behandelt werden. Schon das
zweite Abkommen in der Serie der Pariser Vorortverträge, der Vertrag von
Neuilly, enthielt einen Passus über die »gegenseitige und freiwillige Aus-
wanderung rassischer Minderheiten«44. Diese formal freiwillige, im Verlauf
der Jahre aber immer stärker zwanghafte Migration lieferte die Vorlage für
den Vertrag von Lausanne im Jahr 1923. Die Großmächte, Griechenland und
die Türkei beschlossen dort die erste flächendeckende ethnische Säuberung
zweier europäischer Staaten. Der konkrete Vorschlag für einen »Exchange
of Populations« kam nicht von den beiden Kriegsgegnern, sondern vom bri-
tischen Außenminister Lord Curzon, der die Friedenskonferenz leitete. Er

42 Vgl. zum »Aktivismus« unter den deutschen Parteien Majewski, Niemcy Sudeccy,
S. 276–298.
43 Vgl. zur damaligen Sicht auf den Minderheitenschutz Josef Chlebowczyk, W kwes-
tii genezy międzinarodowej ochrony mniejszości po I wojnie światowej, in: Marcin
Kula (Hg.) Narody. Jak powstawały i jak wybijały się na niepodległość?, Warszawa 1989,
S. 427–434.
44 Der Vertrag von Neuilly ist abgedruckt in: Harold William Vazeille Temperley, A
History of the Peace Conference at Paris, Vol. V. Economic Reconstruction and Protection
of ­M inorities, London 1969, S. 305–358; vgl. zu Paragraph 56, S. 317.
Voraussetzungen ethnischer Säuberungen 47

war es auch, der diesen technokratischen Terminus in die Debatte einbrachte.


Außerdem setzte Curzon durch, dass der »Bevölkerungsaustausch« nicht
freiwillig, sondern zwangsmäßig und ausnahmslos sein müsse. Wiederum
handelte es sich um eine externe Rationalität in dem Sinne, dass auswärtige
Akteure eine scheinbar vernünftige Lösung vorschlugen.
Insgesamt betraf der Vertrag von Lausanne etwa 1,2 Millionen kleinasia-
tische Christen und 400.000 Muslime in Nordgriechenland. Die undifferen-
zierte Einstufung als eine nationale (in den Dokumenten der Zeit »rassische«)
Minderheit zeigt, wie sehr die federführenden Großmächte in dialektischen
und exklusiven Kategorien von Mehrheit und Minderheit dachten. Viele
Christen aus dem anatolischen Hochland sprachen überhaupt kein Grie-
chisch, unter den Muslimen aus Griechenland waren zahlreiche Albaner und
Pomaken (bulgarisch sprechende Muslime). Bemerkenswert ist außerdem,
dass die von der Zwangsaussiedlung Betroffenen die Zuordnung zu einer Na-
tion nicht individuell bestimmen konnten, etwa durch eine Deklaration oder
im Extremfall eine nationale Konversion, sondern staatliche Behörden die
Nationalität festlegten.
Ostmitteleuropa blieb von derartigen Bevölkerungsverschiebungen zu-
nächst verschont, aber auch dort hatte die Reduktion von Minderheiten Pri-
orität vor deren Schutz. Das manifestierte sich zum einen in der kontinuier­
lichen Emigration aus den neu gegründeten oder erweiterten Nationalstaaten,
insbesondere aus Polen und Rumänien, zum anderen in internationalen Re-
gelungen wie der 1922 vereinbarten Genfer Konvention über Oberschlesien.
Die Minderheiten in dieser gemischt besiedelten Region, die 1921 nach be-
waffneten Auseinandersetzungen und einem Plebiszit geteilt wurde, erhiel-
ten das Recht, in den jeweils externen Nationalstaat auszuwandern. Etwa die
Hälfte der neuen Minderheiten nahm dieses Optionsrecht in Anspruch. Das
wichtigste Resultat der Genfer Konvention von 1922 war mithin die Reduk-
tion der Bevölkerung, die nicht der Titularnation angehörte. Weit weniger
Erfolge gab es bei der Verteidigung von elementaren Minderheitenrechten
wie dem Bestand kultureller Institutionen und dem freien Zugang zu Schu-
len. Es dauerte oft Jahre, bis sich der Völkerbund einschaltete und eine Ent-
scheidung zugunsten von Minderheiten fällte.
Die zahlreichen gewaltsamen Auseinandersetzungen nach dem Ersten
Weltkrieg, die endlosen Streitereien vor dem Völkerbund und der seit Ende
der 1920er Jahre virulente nationalistische Terror, der sogar ins Ausland getra-
gen wurde, sorgten dafür, dass die Beziehungen zwischen den Nationalstaa-
ten und ihren Minderheiten immer mehr wie ein gordischer Knoten wirkte.
Ihn auf Kosten der Nationalstaaten und ihrer Souveränität zu durchschlagen,
kam nicht in Frage. Also richtete sich der Blick auf die Minderheiten.
Der Vollständigkeit halber sollte ein internationaler Akteur erwähnt wer-
den, der weder an den Pariser Vorortverträgen noch beim Völkerbund mit-
48 Voraussetzungen ethnischer Säuberungen

wirkte. Die Sowjetunion betrieb Mitte der 1920er Jahre eine völlig andere
Politik gegenüber Minderheiten als die westlichen Großmächte und die ost-
mittel- und südosteuropäischen Nationalstaaten. Die Staats- und Parteifüh-
rung stärkte in dieser Phase den Status der einzelnen Sowjetrepubliken und
förderte dort die jeweilige nationale Kultur. Die Idee war, den Bolschewis-
mus in den Völkern der Sowjetunion zu verwurzeln (Korenizacija). Aber
auch Minderheiten in den einzelnen Republiken hatten es relativ leicht, einen
Autonomiestatus zu erreichen. Sie konnten Schulen in der jeweiligen Na-
tionalsprache einrichten und durften eigene politische Organe bilden. Die
K­orenizacija wirkte nicht unbedingt friedensstiftend, sondern war oft von
gewaltsamen Konflikten um die Macht in den national definierten Republi-
ken und autonomen Gebieten begleitet. Doch im Gegensatz zu den westlich
geprägten Demokratien wurden die Minderheiten in der frühen Sowjetunion
nicht als Gefahr wahrgenommen.
Die Rezeption des Abkommens von Lausanne soll hier nicht näher be-
handelt werden, weil sie schon unmittelbar zur Umsetzung ethnischer Säu-
berungen und damit zum nächsten Kapitel führt. Das Flüchtlingselend in
Griechenland schreckte andere Staaten und den Völkerbund zeitweilig da-
von ab, ihre Probleme mit Minderheiten auf ähnliche Weise zu lösen. Auch
Lord Curzon distanzierte sich nach außen. Aber schon in den 1930er Jahren
wurde der »Austausch der Bevölkerung« als rationaler Weg zur Friedens­
stiftung verklärt.
Ab 1938 beeinflusste das massiv die internationale Politik gegenüber Ost-
mitteleuropa und seinen zahlreichen Konfliktherden. Vor allem Großbri-
tannien war gewillt, eine Neuordnung staatlicher und ethnischer Grenzen
hinzunehmen. Das Münchner Abkommen bedeutete nicht nur ein Appease-
ment Hitlers, um einen weiteren Weltkrieg zu verhindern, sondern sollte ein
großes Minderheitenproblem in Ostmitteleuropa lösen. Dies ging zu Las-
ten der Tschechoslowakei, also ausgerechnet jenem europäischen Staat, der
mit seinen Minderheiten vergleichsweise konstruktiv umgegangen war, und
einer neuen tschechischen Minderheit. Aber die Unterzeichner des Münch-
ner Abkommens erwarteten stillschweigend, dass sich die Tschechen in den
Sudeten­gebieten anpassen oder abwandern würden. Über 200.000 Menschen
entschieden sich schließlich für die Emigration.45 Außerdem war das Münch-
ner Abkommen proaktiv – im Donauraum sollten ebenfalls ethnische Gren-

45 Jan Gebhart, Migrationsbewegungen der tschechischen Bevölkerung in den Jah-


ren 1938–1939, Forschungsstand und offene Fragen, in: Detlef Brandes u. a. (Hg.), Er­
zwungene Trennung. Vertreibungen und Aussiedlungen in und aus der Tschechoslowakei
1938–1947 im Vergleich mit Polen, Ungarn und Jugoslawien, Essen 1999, S. 11–22. Hö-
here Zahlen nennt Arnold Suppan, Zur sozialen und wirtschaftlichen Lage im Protekto-
rat Böhmen und Mähren, in: Richard Plaschka u. a. (Hg.), Nationale Frage und Vertrei­
bung in der Tschechoslowakei und Ungarn 1938–1948, Wien 1997, S. 9–32.
Voraussetzungen ethnischer Säuberungen 49

zen gezogen werden. Ziemlich zeitgleich vereinbarten Jugoslawien und die


Türkei die Überführung von 40.000 Muslimen aus dem ehemaligen Sand-
schak und dem Kosovo in die Türkei, aus Rumänien wanderten fast ebenso
viele ab. Als Hitler sich mit Mussolini – auch aus Dank für die Unterstützung
in München – auf die Umsiedlungsaktion in Südtirol einigte, wurde das in
der ausländischen Presse misstrauisch, aber nicht ablehnend rezipiert.46 Ein
weiteres Minderheitenproblem stand vor der »Lösung«.
Ein halbes Jahr nach Kriegsbeginn empfahl dann eine Expertengruppe im
britischen Außenministerium folgerichtig, nach dem erwarteten Sieg mit der
deutschen Minderheit in Polen und der Tschechoslowakei ähnlich zu verfah-
ren.47 Die spätere Vertreibung der Deutschen war mithin keine »Rache der
Opfer« oder unmittelbare Reaktion auf die Vernichtung der Juden,48 sondern
eine rationale, von langer Hand geplante Maßnahme.
Die 1942 gefassten Beschlüsse des britischen Kriegskabinetts sahen keine
Bevölkerungsverschiebungen in jenem Umfang vor, wie sie in Jalta und im
Potsdamer Abkommen beschlossen wurden.49 Aber das Prinzip war klar: Es
sollte im Nachkriegseuropa möglichst keine Minderheiten mehr geben, je-
denfalls keine, die ein Nachbarland zu seinen Zwecken mobilisieren konnte.
Wie im Kapitel 3.3. dargestellt wird, zielten die Pläne daher nicht nur auf die
Deutschen, sondern auch auf andere Minderheiten in Ostmitteleuropa. Er-
neut ist hervorzuheben, dass die Sowjetunion an den britischen Beschlüssen
von 1942 keinen Anteil hatte. Sie waren ein Ergebnis von Verhandlungen mit
den Exilregierungen der Tschechoslowakei und Polens, wurden mithin von
Repräsentanten demokratischer Nationalstaaten gefällt. Erst danach schal-
tete sich Stalin in die Neuordnung Europas ein und unterstützte das Prinzip
ethnischer Säuberungen. Churchill brachte seine Einstellungen gegenüber
Minderheiten Ende 1944 in seiner Unterhausrede zur Zukunft Polens auf den
Punkt: »There will be no mixture of populations to cause endless trouble.
… A clean sweep will be made.«50 Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es fol-
gerichtig in der UNO, der Nachfolgeorganisation des Völkerbunds, keinen
Minderheitenschutz mehr.

46 Vgl. dazu als Beispiel den Artikel in der London Times, 18.7.1939, S. 15.
47 Detlef Brandes, Der Weg zur Vertreibung 1938–1945. Pläne und Entscheidungen
zum »Transfer« der Deutschen aus der Tschechoslowakei und aus Polen, München 2001.
48 Vgl. dazu den programmatischen Buchtitel von Helga Hirsch, Die Rache der Op­
fer. Deutsche in polnischen Lagern 1944–1950, Berlin 1998.
49 Vgl. zu den Beratungen von 1940 und den Beschlüssen von 1942 Brandes, Der Weg,
S. 424–427.
50 Winston S. Churchill, His complete speeches 1897–1963, Bd. 7, 1943–1949, hg. von
Robert Rhodes James, New York, London 1974, S. 7069.
50 Voraussetzungen ethnischer Säuberungen

Die europäische Moderne

Wie kam es dazu, dass nationalstaatliche Behörden und internationale Or-


ganisationen so einfach zwischen Mehrheiten und Minderheiten unterschie-
den und die Bevölkerung anhand bestimmter Kriterien einordneten? Wieso
verlor das subjektive Bekenntnis zu einer Nation immer mehr an Bedeu-
tung im Verhältnis zu scheinbar objektiven Kriterien wie der Sprache oder
der Abstammung? Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Kategori-
sierung der Bevölkerung und späteren Prozessen ethnischer Säuberung?
Diese Fragen lassen sich nicht allein mit einem Blick auf den Nationalis-
mus als Ideologie und Massenbewegung beantworten. Man muss dazu auch
die Entwicklung des modernen Verwaltungsstaates und der Volkszählungen
analysieren.
Ende des 18. Jahrhunderts begannen die europäischen Länder damit,
regel­mäßige demographische Erhebungen über ihre Bevölkerung durchzu-
führen. Diese hatten vor allem den Zweck, das Steueraufkommen und die
Zahl der potenziellen Rekruten zu schätzen. In der ersten Hälfte des 19. Jahr­
hunderts gewannen verfeinerte Daten aus den Volkszählungen immer mehr
an Bedeutung. Sie waren eine Grundlage für den Ausbau der Infrastruktur
und vor allem des Schulwesens. Es gab in dieser Zeit geradezu eine Eupho-
rie für statistische Verfahren, um den »Fortschritt« besser planen zu können.
1853 trafen sich Experten aus verschiedenen Ländern erstmals zu einem
»Internationalen Statistischen Kongress«. Dort vertraten vor allem preußi-
sche Vertreter die Meinung, dass man die Nationalität der Bevölkerung über
das Kriterium der Sprache erfassen könne. Die österreichischen Experten
wiesen dies aufgrund ihrer Erfahrungen im Vielvölkerstaat als unzulässige
Vereinfachung zurück. Doch auf dem dritten Internationalen Statistischen
Kongress in St. Petersburg im Jahr 1873 setzte sich die preußische Auf­fassung
durch. In den folgenden zwei Jahrzehnten begründeten alle kontinentalen
Imperien, darunter auch das Osmanische Reich, zentrale Statistikbehörden
und unterschieden in ihren Zählungen zwischen sprachlich definierten Na-
tionalitäten.51 Diese Entwicklung zeigt, wie sich die Auffassung der Nation

51 Vgl. zur Geschichte der Statistik und Volkszählungen im Osmanischen Reich


­Kemal Karpat, The Ottoman Adoption of Statistics from the West in the 19th Century,
in: Ders., Studies on Ottoman social and political history. Selected articles and essays, Lei-
den 2002, S. 132–145. Karpat weist daraufhin, dass dieses Büro bis 1908 von Angehörigen
christlicher Minderheiten geleitet wurde, die in Westeuropa studiert hatten und das dor-
tige Verständnis von Nationalitäten auf das Osmanische Reich übertrugen. Es liegt somit
ein Ideologie- und Wissenstransfer aus Westeuropa vor. Der erste muslimische Leiter der
Behörde, Ziya Gözalp, wurde zum Ideologen der nationalen Rechten in der Türkei, die
für ein ethnisch reines Kleinasien und den Panturanismus eintraten.
Voraussetzungen ethnischer Säuberungen 51

gerade von Wissenschaftlern betrieben auf ein bestimmtes, vermeintlich ob-


jektives Kriterium einengte.
Die Geschichte der statistischen Erfassung von Nationalitäten war von
Anfang an mit einer politischen Instrumentalisierung verbunden. Schon die
erste Welle der preußischen Germanisierungspolitik im Großherzogtum
­Posen in den 1830er Jahren stützte sich auf vorherige, regional erhobene In-
formationen über die Verteilung der Kirchen- und Schulsprache. Die zuneh-
mende Entrechtung der polnischen Bevölkerung im Deutschen Reich war
eine Reaktion auf demografische Veränderungen. Berlin war genau darüber
informiert, dass der Anteil der deutschen Bevölkerung in den östlichen Ge-
bieten langsam, aber stetig sank und reagierte darauf mit den Massenaus-
weisungen von 1885 und dem Ansiedlungsgesetz von 1886. Es war das Ziel
Bismarcks, die Bevölkerungszusammensetzung im Osten des Reiches so zu
verändern, dass der Nationalstaat dort auch auf demographischer Basis sei-
nen Herrschaftsanspruch aufrechterhalten konnte. Aus der statistischen Er-
fassung der Bevölkerung entstand mithin eine moderne Bevölkerungspolitik.
Insbesondere Statistiker und Demographen traten für nationale Homo­
genität ein. Richard Böckh, einer der führenden Mitarbeiter des Königlichen
Statistischen Büros in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, lehnte Zwei-
sprachigkeit prinzipiell ab. 1869 schrieb er: »Der Einzelne kann die Volks-
sprache wechseln, aber nicht zweien zugleich angehören, da etwas voll-
kommen gleiches, das in der Natur selbst nicht vorhanden ist, auch von der
Statistik nicht angenommen werden soll.« Er stellte sich außerdem gegen
doppelte oder Mehrfachidentitäten, die im Osten Preußens verbreitet waren:
»Es gibt kein Zwischenglied, keine Zwitterstellung«. 52
In Russland war der Geograph und Demograph Dmitrii Miliutin ein Pio­
nier der modernen Bevölkerungspolitik. Er hatte sich auf einer Europareise
in den 1850er Jahren unter anderem bei der preußischen Armee über die Mi-
litärstatistik informiert und etablierte dieses Fach als Teil der Offiziers-
ausbildung beim Russischen Generalstab. Miliutin plante dann den Kau-
kasusfeldzug der russischen Armee von 1860–1864, infolge dessen mehrere
Hunderttausend Muslime flüchteten. Anschließend sollten russische Kosa-
ken die Kontrolle über den Nordkaukasus sichern.
Wie zuvor die preußische Bevölkerungsstatistik machte die deutsche Be-
völkerungspolitik Schule in Europa. Die polnischen Nationaldemokraten
nahmen Anfang des 20. Jahrhunderts eine gezielte Ansiedlungspolitik in ihr
Parteiprogramm auf. Die damals bedeutendste politische Partei des Landes
forderte, Polen in jenen Gebieten anzusiedeln, die von ethnischen Ukrainern

52 Zit. nach Morgane Labbé, Institutionalizing the Statistics of Nationality in Prussia


in the 19th Century (from local bureaucracy to state-level census of population), in: Cen­
taurus 49 (2007), S. 289–306, hier S. 302.
52 Voraussetzungen ethnischer Säuberungen

bewohnt wurden, um das dortige »Polentum« zu stärken. Als Polen nach


dem Ersten Weltkrieg wiederbegründet wurde, setzte die Regierung einen
Teil dieser Pläne in den polnischen Ostgebieten um.53 Eine ähnliche Bevölke-
rungspolitik verfolgten in der Zwischenkriegszeit Italien in Südtirol, Jugos-
lawien im Kosovo und Rumänien in Transsylvanien.54 Die Ansiedler wur-
den zu den personifizierten Symbolen des nationalisierenden Nationalstaats.
Die Bevölkerungspolitik ist bezeichnend für das Nationsverständnis der
daran beteiligten Staaten und Gesellschaften. Die Germanisierung, Italiani-
sierung, Polonisierung oder Serbisierung durch demographische Manipula-
tionen konnte nur funktionieren, wenn die Ansiedler ihre nationale Identität
im Wechsel der Generationen beibehielten. Dass sie sich an ihre Umgebung
anpassen könnten, hielten die Planungsstäbe in den Regierungen offenbar
für ausgeschlossen. Erneut spielten Wissenschaftler und nicht nur nationalis-
tische Ideologen eine zentrale Rolle dabei, ethnische Differenz als unverän-
derbar zu begreifen.
Eine Objektivierung der Nation lässt sich indes auch in Staaten nachwei-
sen, die keine ethnische Bevölkerungspolitik betrieben und dem modernen
Nationalismus skeptisch gegenüberstanden. Österreich vertrat nach 1866 ge-
genüber seinen Nationalitäten eine Linie, die sich von der preußischen Poli-
tik diametral unterschied. Mit dem österreichisch-ungarischen Ausgleich
und der Übergabe der Macht in Galizien an die polnischen Eliten setzten die
Habsburger auf eine Politik der Anerkennung. Jeder der »Volksstämme« der
Monarchie hatte gemäß der Verfassung von 1867 anerkannte Rechte, Indivi-
duen durften wegen ihrer Nationalität nicht benachteiligt werden. Die Mon-
archie beanspruchte in diesem Vielvölkerstaat die Position eines Vermittlers,
der Kaiser sollte der Pater Patriae sein.
Hinter dieser Reorganisation des Staates stand eine im Kern liberale Vision.
Die Nationalisierung Österreichs sollte Frieden zwischen den Nationalitä-
ten stiften. Der politische Grundkonflikt lag darin, dass beim Ausgleich von
1867 nicht alle Nationalitäten der Monarchie berücksichtigt worden waren.
In Österreich waren vor allem die Tschechen und die Ruthenen bzw. Ukrainer
übergangen worden, in Ungarn versuchte das Staatsvolk der Madyaren einen
eigenen (nationalisierenden) Nationalstaat innerhalb des Reiches aufzubauen.
In der österreichischen Reichshälfte reagierte die Regierung auf die Kon-
flikte zwischen den Nationalitäten mit einer Teilung von Institutionen (The-

53 Vgl. zu den Parallelen zwischen der deutschen und polnischen Siedlungspolitik


Brubaker, Nationalism Reframed, S. 101. Vgl. zur gesamten Minderheitenfrage in Polen
Jerzy Tomaszewski, Mniejszości narodowe w Polsce XX wieku, Warszawa 1991.
54 Vgl. zur Ansiedlungspolitik im Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen bzw.
im späteren Jugoslawien Milicia Zarkovic Bookman, The Demographic Struggle for Po­
wer. The Political Economy of Demographic Engineering in the Modern World, London
1997, S. 121–146.
Voraussetzungen ethnischer Säuberungen 53

ater, Museen, Bildungseinrichtungen, Berufsverbände etc.), einer Dezentra-


lisierung, indem man den Teilgebieten immer weiter gehende Kompetenzen
zugestand, und einer Demokratisierung. Diese wegweisenden Strategien,
die nach dem Friedensabkommen von Dayton für das heutige Bosnien-Her-
zegowina adaptiert wurden, hatten jedoch unbeabsichtigte Nebenwirkun-
gen. Die Nationalbewegungen versuchten nun erst recht, die Bevölkerung zu
mobilisieren.
Die Zahl derer, die sich in den Volkszählungen für eine Nationalität de­
klarierten, war mit entscheidend für die Aufteilung der politischen Macht,
staatlicher und öffentlicher Institutionen. Wie der böhmische Statistiker
Heinrich Rauchberg erklärte, verlagerte sich daher der nationale Streit auf die
Ebene der Individuen: »Er zersplittert sich in Tausende von Einzelgefechten
um Haushaltungen, Familien, einzelne Seelen.«55 Die Verbissenheit der Aus-
einandersetzungen um die Volkszählungen lässt sich auch damit erklären,
dass die Öffentlichkeit tatsächlich glaubte, dass dort objektive Daten erho-
ben würden. Besondere Emotionen erregte das Schulwesen, weil es dort um
die Zukunft der eigenen Kinder und entsprechend dem biologistischen Den-
ken der jeweiligen Nation ging.
Die ständigen Konflikte um die nationale Machtverteilung drängten in
den Hintergrund, dass die Volkszählungen eine im Wortsinn einseitige An-
gelegenheit waren. Jeder Bürger musste in Österreich eine Sprache dekla-
rieren, obwohl Mehrsprachigkeit und gemischte Ehen immer noch gängig
waren. Dieser Zwang zur Eindeutigkeit war nicht das Werk radikaler Natio-
nalisten, sondern einer modernen Bürokratie, die sich aus dem politischen
Streit der Nationalitäten möglichst herauszuhalten versuchte.
Die Regelung von Konflikten zwischen verschiedenen Nationalitäten An-
fang des 20. Jahrhunderts belegt die weitere Dynamik der Nationalisierung
in der europäischen Moderne. Im Jahr 1905 versuchte die österreichische Re-
gierung, den ständigen Streit zwischen Deutschen und Tschechen um kultu-
relle Rechte und die politische Macht wenigstens auf regionaler Ebene zu lö-
sen. Vertreter deutscher und tschechischer Parteien nahmen Verhandlungen
auf, die schließlich zum »Mährischen Ausgleich« führten. Dieser beruhte auf
der Teilung sämtlicher öffentlicher Institutionen, der Einrichtung einer Kan-
tonalverfassung und der Registrierung der Wähler in national getrennten
Wahllisten. Infolge dessen konnten Tschechen aber nur noch für tschechische
Kandidaten stimmen bzw. Deutsche für deutsche Volksvertreter. Außer-
dem wussten die Behörden fortan, wer in welcher Liste eingetragen war. Ein
Wechsel der Listen oder der Nationalität war nicht vorgesehen, die Zugehö-

55 Zit. nach Emil Brix, Die Umgangssprachen in Altösterreich zwischen Agitation und
Assimilation. Die Sprachenstatistik in den zisleithanischen Volkszählungen, 1880 bis 1910,
Wien 1982, S. 13.
54 Voraussetzungen ethnischer Säuberungen

rigkeit vererbte sich auf die nächste Generation. Das Abstammungsprinzip


überlagerte mithin die freie Deklaration der Nationszugehörigkeit.
1909 wurde der Entscheidungsspielraum der Bürger bezüglich ihrer Natio­
nalität weiter eingeschränkt. Etliche mährische Familien, in denen zu Hause
teilweise oder überwiegend Tschechisch gesprochen wurde, wollten ihre
Kinder auf deutschsprachige Schulen schicken. Dabei spielten praktische Er-
wägungen und Familientraditionen eine Rolle, außerdem die Tatsache, dass
nicht alle tschechischsprachigen Bewohner Mährens ein eindeutiges Natio-
nalbewusstsein aufwiesen. Dieses Verhalten bei der Schulwahl führte zu Pro-
testen tschechischer Politiker, die eine Schwächung ihrer Nation befürchteten.
Das höchste Verwaltungsgericht Österreichs entschied nach mehreren
Klagen gegen die individuelle Schulwahl. Kinder, deren Eltern als tsche-
chisch eingestuft wurden, mussten eine tschechische Schule besuchen. Dies
bedeutete zugleich, dass sich die Macht der Verwaltung, hier konkret der
Schulbehörden, gegen die individuelle Freiheit und das Sorgerecht der El-
tern über ihre Kinder durchgesetzt hatte. Auch wenn sich Michel Foucault
mit diesen Fallbeispielen nicht beschäftigte, wirken sie wie eine Bestätigung
seiner Theorien über Dispositive der Macht. Trotz der problematischen Er-
fahrungen in Mähren kamen 1910 und 1913 in zwei weiteren Ländern Ös-
terreichs, der Bukowina und Galizien, ähnliche Ausgleiche zustande. Die
Objektivierung der Nation war mithin nicht nur Folge eines staatlich geför-
derten Nationalismus wie im Deutschen oder im Russischen Reich, sondern
zugleich ein Resultat der europäischen Moderne.
Dies belegt auch die Haltung des Völkerbunds in der Zwischenkriegs-
zeit in ähnlichen Konfliktfällen wie im Habsburgerreich. Im polnischen
Teil Oberschlesiens entstand nach der Teilung der Region ebenfalls das Pro-
blem, dass Eltern aus gemischten Familien ihre Kinder häufig auf deutsche
Schulen schicken wollten. Das Motiv war wiederum nicht ideologisch, son-
dern pragmatisch. In den deutschen Schulen war die Schulspeisung üppiger,
außerdem erhöhte die Kenntnis von zwei Sprachen die späteren beruflichen
Chancen. Die polnischen Behörden dagegen befürchteten eine Stärkung der
deutschen Minderheit und verweigerten den Eltern die Schulwahl.56 Nach
massiven Protesten landete der Konflikt beim Völkerbund, der auf objektive
Nationalitätskriterien verwies. Demnach durften nur jene Familien ihre Kin-
der auf deutsche Grundschulen schicken, in denen zu Hause deutsch gespro-
chen wurde. Dies ging an der Realität zahlreicher gemischtsprachiger Fami-
lien vorbei, aber fortan stellten die Behörden und nicht mehr die Individuen
fest, wer welcher Nationalität angehörte. Familien wurden bis in die Privat-

56 Vgl. Tomasz Falęcki, Niemieckie Szkolnictwo mniejszościowe w województwie


śląskim w latach 1937–1939, Katowice 1967, S. 67.
Voraussetzungen ethnischer Säuberungen 55

sphäre bespitzelt, welche Sprache sie pflegten. Auch die Weimarer Republik
überwachte und unterdrückte ihre Minderheiten.
Der Völkerbund zog damit wie die Nationalstaaten eine klare Grenze
zwischen Mehrheit und Minderheit. Ein Wechsel der nationalen Zugehörig-
keit oder eine individuelle Position zwischen den Nationalismen war unter
diesen Umständen nicht mehr möglich. Lebenswichtige Entscheidungen wie
die Schulwahl hingen von der Herkunft und scheinbar objektiven, von mo-
dernen Verwaltungen bestimmten Kriterien ab.
Während der Völkerbund nach dialektischen Kriterien unterschied, war
Frankreich bereits einen Schritt weiter. Dort gab es in Volkszählungen seit
jeher keine Möglichkeit, die Zugehörigkeit zu einer nationalen Minderheit zu
deklarieren. Aber im Elsass erledigten die »Commissions du Triage« (Selek-
tionskommissionen) 1918/19 eine weit anspruchsvollere Aufgabe. Sie unter-
teilten die Bevölkerung in vier Kategorien, die Nachkommen französischer
Bürger, die Kinder von Mischehen, bei denen wenigstens ein Elternteil fran-
zösische Vorfahren hatte, Bürger aus Drittstaaten sowie Elsässer, die man als
Deutsche einstufte.57 Diese Selektion und die damit verbundenen massen-
haften Ausweisungen gehören eigentlich nicht mehr zu den Voraussetzun-
gen ethnischer Säuberungen, sondern zu deren Praxis und werden daher im
nächsten Kapitel näher behandelt. Für das hier behandelte Thema der europä-
ischen Moderne ist vor allem die verfeinerte Kategorisierung der Bevöl­kerung
von Interesse. Die Behörden wollten so genau wie möglich bestimmen, wie
nahe jeder Bürger der französischen Nation stand, um die nationale Um­
erziehung, Assimilation oder Ausweisung umso gezielter angehen zu können.
Die Objektivierung und Bürokratisierung nationaler Identifikation schritt
nicht nur in den Nationalstaaten voran, sondern auch in der Sowjetunion.
Die Politik der Korenizacija beruhte auf einem über Jahre gesammelten Wis-
sen über die Verteilung der Nationalitäten. Die sowjetische Bürokratie stan-
dardisierte dieses Wissen, indem ab 1932 in den internen Pass jedes Sowjet­
bürgers neben der Klassenzugehörigkeit die Nationalität (Narodnost’)
eingetragen wurde. Als Stalin bald darauf die minderheitenfreundliche Poli-
tik zurücknahm und die früher geförderten nationalen Eliten verfolgen ließ,
hatte der Staat Daten in der Hand, denen seine Bürger nicht entkommen
konnten. Selbstverständlich bestimmte auch dort der Staat und nicht das in-
dividuelle Bekenntnis, welcher Gruppe man angehörte.

57 Vgl. zur Politik Frankreichs im Elsass Christiane Kohser-Spohn, Die Vertreibung


der »Altdeutschen« aus dem Elsass 1918–1920, in Jerzy Kochanowski, Maike Sach (Hg.),
Die »Volksdeutschen« in Polen, Frankreich, Ungarn und der Tschechoslowakei. Mythos
und Realität, Osnabrück 2006, S. 79–94; David Allen Harvey, Lost Children or Enemy
Aliens? Classifying the Population of Alsace after the First World War, in: Journal of
Contemporary History 34 (1999), S. 537–554.
56 Voraussetzungen ethnischer Säuberungen

Man kann bei der Objektivierung der Nation somit drei Schritte unter-
scheiden. Ab etwa 1870 entstand in Europa durch die nationale Kategori-
sierung in den Volkszählungen ein Zwang zur Eindeutigkeit. Die Bevölke-
rung musste sich in statistischen Erhebungen für eine bestimmte Nationalität
entscheiden. Ab etwa 1900 erlangten staatliche Bürokratien entscheidende
Macht darüber, wer welcher Nationalität zugeordnet wurde. Diese Objek­
tivierung der Nationalität erfolgte zunächst in den einzelnen Staaten Euro-
pas, und zwar auch in jenen, die sich nicht als Nationalstaaten verstanden.
In der Zwischenkriegszeit übernahm der Völkerbund in mehreren Konflikt­
fällen den Konsens, dass staatliche Behörden und nicht das Individuum über
die nationale Zugehörigkeit entschieden. Diese Kategorisierung war mit
einer Diskriminierung und Aussonderung von Minderheiten in vielen Le-
bensbereichen verbunden. Es war dann in der Logik des modernen National-
staats nur noch ein kleiner Schritt zur Entscheidung, unliebige Minderheiten
zwangsmäßig auszusiedeln.
Es gibt weitere Elemente der europäischen Moderne, die man als Voraus-
setzungen ethnischer Säuberungen betrachten kann. Dazu zählt der Aus-
bau des Verkehrswesens. Der massenhafte und organisierte Abtransport von
Millionen von Menschen wäre ohne ein dichtes Netz an Schiffs-, Zug- und
Straßenverbindungen nicht möglich gewesen. In der Ägäis half die moderne
Schifffahrt dabei, 1912/13 und 1922/23 eine bis dahin präzedenzlose Zahl
von Flüchtlingen zu bewältigen. Die mit internationaler Hilfe organisierten
Transporte deuten zugleich auf die Ambivalenz der Moderne hin, denn ohne
diese Verkehrsverbindungen wäre es den Flüchtlingen vielleicht so ergangen
wie den Armeniern 1915 in Ostanatolien.
Bei den ethnischen Säuberungen zwischen 1938 und 1948 spielte die ver-
besserte Infrastruktur erneut eine wichtige Rolle. Die Entfernungen erreich-
ten neue Dimensionen, so etwa die Umsiedlung der Volksdeutschen aus der
1.500 Kilometer entfernten Bukowina in den annektierten Warthegau, aus
dem dann Polen und Juden vertrieben wurden, die der Germanisierung des
Gebiets im Wege standen. Allenfalls die Bedürfnisse der Kriegswirtschaft
wirkten noch als Bremse. Die Deportationen in der Sowjetunion beschleu-
nigten sich ebenfalls und dauerten oft nur noch wenige Tage oder Wochen.
Neu im Vergleich zu früheren Epochen war außerdem die Totalität der Säu-
berungen. Die jeweils betroffene Bevölkerung wurde nun tatsächlich zu
100 Prozent erfasst, abtransportiert und an der Rückkehr gehindert.
Der technische Fortschritt, zu dem genaue Karten, Luftbilder und Tele-
fonverbindungen gehörten, war nicht nur eine abstrakte Voraussetzung eth-
nischer Säuberungen, sondern prägte auch das Denken der Akteure, die sie
veranlassten. Auf der Konferenz von Lausanne gab sich der Vorsitzende der
Verhandlungen, Lord Curzon, im Dezember 1922 optimistisch, den Abtrans-
port und die Neuansiedlung der betroffenen Bevölkerung innerhalb weniger
Voraussetzungen ethnischer Säuberungen 57

Monate durchführen zu können. Er ging davon aus, dass die zwangsausge-


siedelten Türken und Griechen bereits im Frühjahr in ihrer neuen Heimat die
Felder bestellen würden. Ein Jargon der Machbarkeit durchzog die gesam-
ten Verhandlungen und war gepaart mit biologisch-medizinischem Vokabu-
lar, als handle es sich bei der Zwangsaussiedlung von 1,5 Millionen Menschen
um eine schmerzhafte, aber rasche »Operation«, eine »Kurierung« eines Lei-
dens oder eine problemlose »Verpflanzung«. Über das Schicksal der Betrof-
fenen und mögliche Opfer findet sich in den Verhandlungsprotokollen von
Lausanne keine Zeile. Als es dann im Zweiten Weltkrieg um den »Transfer«
von geschätzten 20 Millionen Deutschen, Polen und Ukrainern ging, glaub-
ten die Alliierten erneut, dass sich derartige Bevölkerungsverschiebungen
problemlos organisieren ließen. Dass für die Transporte häufig Viehwaggons
verwendet wurden, ist bezeichnend für die Einstellung zur Technik und zu
Menschen.
Weitere Faktoren waren die Waffentechnik und die moderne Kriegs­
führung. In den Kriegen des 19. Jahrhunderts wurden Menschen noch von
Bajonetten oder Gewehren in die Flucht geschlagen. Sie konnten sich mit
Sensen und Jagdwaffen wehren oder in die Wälder flüchten. Es gab somit
verschiedene Möglichkeiten, auf Krieg und Gewalt zu reagieren. Die Erfin-
dung des Maschinengewehrs und die Entwicklung der Artillerie veränderte
die Machtverhältnisse zwischen Militär und Zivilbevölkerung von Grund
auf. Zwar gab es mit der Gründung des Roten Kreuzes nach der Schlacht von
Solferino und der Haager Landfriedensordnung von 1907 Versuche, das in
Kriegen entstehende Leid abzumildern, aber dies änderte wenig daran, dass
sich die Gewalt in den Balkankriegen und im Ersten Weltkrieg mehr als je
zuvor gegen die Zivilbevölkerung richtete. Im Zweiten Weltkrieg waren die
Transportmittel und die Waffentechnik so weit entwickelt, dass man inner-
halb weniger Monate Hunderttausende von Menschen in die Flucht schlagen
konnte. Für die Effizienz der Artillerie am Ende des 20. Jahrhunderts steht
die kroatische Stadt Vukovar, die serbische Paramilitärs und die Jugoslawi-
sche Volksarmee 1991 innerhalb weniger Wochen in Schutt und Asche legten.
Die Flüchtlinge des 20. Jahrhunderts hatten tatsächlich keine Wahl, weder als
es um die Bestimmung ihrer Nationalität ging, noch als sie der militärischen
Übermacht des Feindes gegenüberstanden.
Norman Naimark hat darauf hingewiesen, dass die meisten ethnischen
Säuberungen nur im Rahmen von Kriegen durchgeführt werden konnten.
Dies lag an verschiedenen Faktoren, der Radikalisierung der Nationalismen
im Krieg, der allgemeinen Brutalisierung der Bevölkerung und dem Einsatz
technischer Ressourcen, die massenhafte Vertreibungen erst ermöglichten.
Außerdem setzten die Kriege rechtsstaatliche Mechanismen außer Kraft, die
ethnische Säuberungen hätten verhindern können. Das Heft des Handelns
lag in den Händen von Militärs und Technokraten, die gegenüber vermeint-
58 Voraussetzungen ethnischer Säuberungen

lichen oder tatsächlichen Feinden keine Gnade walten ließen. Dies spiegelte
sich in der Zunahme massenhafter Fluchtvorgänge. Die Menschen in Kriegs-
gebieten erwarteten von dem jeweiligen Feind offenbar das Schlimmste – was
erneut die gewachsene Asymmetrie zwischen militärischer Gewalt und Zi-
vilbevölkerung belegt.
Im 20. Jahrhundert entwickelten sich ethnische Säuberungen zu einem
Kriegsziel. Das lag in der Logik des »ethnologischen Arguments«, auf das
britische Experten immer wieder verwiesen, als es um die territoriale Neu-
ordnung Südosteuropas ging, und das die dortigen Staaten mit zur Erhebung
von Bevölkerungsstatistiken motivierte. In den Balkankriegen drehten die
Konfliktparteien die Logik einfach um. Nun wurden Menschen massenhaft
in die Flucht geschlagen, um bei den zu erwartenden Friedensver­handlungen
ein möglichst großes Staatsgebiet herauszuschlagen. Das ethno-­politische
Fait accompli fand Eingang in die Planungsstäbe der verschiedenen Armeen
und in die internationale Politik. Auch wenn Kriege somit nicht nur eine Vor-
aussetzung, sondern zugleich ein wichtiger Faktor ethnischer Säuberungen
waren, sollte nicht übersehen werden, dass die bei weiten meisten Zwangs-
aussiedlungen im Europa des 20. Jahrhunderts nach dem Ende der jeweiligen
militärischen Auseinandersetzungen erfolgten.
Ethnische Säuberungen sind wie dargestellt ein modernes Phänomen. Nur
ein gut ausgebauter Verwaltungsapparat ist in der Lage, einen derart kom-
plexen Prozess zu organisieren, die Zielgruppe zu selektieren, zu terrorisie-
ren und schließlich über größere Entfernungen zu transportieren. Es bedarf
außerdem einer modernen Propagandamaschinerie, um Hass zu sähen und
Menschen davon zu überzeugen, sich an der Verfolgung von Minderheiten
zu beteiligen. Die Modernität ethnischer Säuberungen lässt sich ferner durch
Zahlen belegen. Organisierte, massenhafte, erzwungene und auf ethnischen
Kategorien beruhende Bevölkerungsverschiebungen, die mehr als eine halbe
Million Menschen erfassten, lassen sich in Europa erst ab 1912 nachweisen.
Dennoch sollte man die Modernität ethnischer Säuberungen nicht einfach
voraussetzen, sondern im diachronen Vergleich mit früheren Epochen her-
ausarbeiten. Damit kann man zugleich der Frage nach den weiteren europä-
ischen Ursprüngen ethnischer Säuberungen nachgehen.

Christliche Intoleranz

Bereits der Beginn der Neuzeit ist untrennbar mit einer umfassenden »Säube-
rung« verbunden, wenn auch unter religiösen Vorzeichen. Die sephar­dischen
Juden mussten Spanien im Jahr der »Reconquista« größtenteils verlassen, so-
fern sie nicht zum Christentum konvertierten. Den Muslimen erging es trotz
gegenteiliger Zusagen wenig besser. 1502 galten in Granada und ab 1527 in
Voraussetzungen ethnischer Säuberungen 59

ganz Spanien Vorschriften zur Zwangstaufe. 1567 beschnitt Philipp II. die


kulturellen Rechte der konvertierten Moriscos derartig, dass ein Aufstand
ausbrach. Nach dessen Niederschlagung wurden 1570 sämtliche andalusi-
schen Moriscos in andere Landesteile deportiert, 1609 folgte ein allgemeines
Ausweisungsdekret für alle Nachfahren der Konvertiten.58
Dieser Politik lag ein absoluter Machtanspruch nach dem Motto »ein
Staat, ein Volk, eine Kirche« zugrunde. Außerdem entsprach die Vertrei-
bung der Juden und Muslime samt ihrer konvertierten Nachfahren aus Sicht
der Inquisition einer Läuterung und Reinigung von Sünden. Selbst die Kon-
version wurde nun vermehrt als Zeichen mangelnder Glaubenstreue und als
Verrat interpretiert. Hinter dieser ideologischen Fassade verbargen sich wie
im 20. Jahrhundert politische Interessen und soziale Konflikte. Die Krone
und die Inquisition wollten uneingeschränkte Macht über die spanische Ge-
sellschaft erringen. Sie fanden im Kleinadel und den städtischen Unterschich-
ten Verbündete, die auf den jüdischen und muslimischen Mittelstand und
dessen Reichtum neidisch waren.
Eine interessante Parallele zum 20. Jahrhundert liegt in der versuchten
Objektivierung der Religionszugehörigkeit. Die Beamten der Inquisition
mussten Stammbäume vorlegen, aus denen hervorging, dass sie und ihre Vor-
fahren keine Konvertiten waren. Da sich die Verfolgung auf eine mehrere
Generationen zurückliegende Religionszugehörigkeit bezog, erstellten die
Inquisitoren Stammbäume der Angeklagten. Die Zugehörigkeit zu einer be-
stimmten Religionsgemeinschaft hing also von der Abstammung ab, ähnlich
wie es dem ethnischen Nationsverständnis Ende des 19. Jahrhunderts ent-
sprach. Außerdem entschied nicht mehr die individuelle Deklaration, son-
dern eine für damalige Verhältnisse straff organisierte Verwaltung.
Allerdings gibt es erhebliche Unterschiede zu späteren, nationalistisch
motivierten Säuberungen in Europa. Die Vertreibung der spanischen Mus-
lime und Juden sowie ihrer Nachfahren dauerte mehr als hundert Jahre und
umfasste nicht alle Gebiete, die unter spanischer Herrschaft standen, in glei-
chem Maße. Außerdem konnten sich zahlreiche Moriscos und Marranen der
Verfolgung entziehen, kehrten nach der Ausweisung oft mehrfach in ihre alte
Heimat zurück, wurden von ihren Arbeitgebern geschützt und konnten da-
her häufig in Spanien bleiben.
Ein weiterer Fall, der sich für einen diachronen Vergleich anbietet, wa-
ren die französischen Hugenotten, wenngleich sich hier der Konflikt zwi-
schen zwei christlichen Konfessionen abspielte. Die Abwanderung und Aus-
weisung französischer Protestanten zog sich ebenfalls über ein Jahrhundert
hin und unterschied sich somit von ethnischen Säuberungen, die in der Regel

58 Vgl. zu den verschiedenen Wellen der Zwangskonversion und Vertreibung Leonard


P. Harvey, Muslims in Spain 1500 to 1614, Chicago 2005.
60 Voraussetzungen ethnischer Säuberungen

in einem kurzen, maximal zwei bis drei Jahre umfassenden Zeitraum erfolg-
ten. Die große Mehrheit der Verfolgten konvertierte, während der Wechsel
der Nationalität im 20. Jahrhundert eine seltene Ausnahme blieb. Nach neu-
esten Forschungsergebnissen verließen lediglich ein Fünftel der Hugenotten
Frankreich.59 Bei der Emigration spielten außerdem nicht nur »Push-Fakto-
ren« eine Rolle, die im 20. Jahrhundert dominierten, sondern gerade im Falle
der Hugenotten »Pull-Faktoren« – die bereitwillige Aufnahme in anderen
Ländern. Ähnlich verhielt es sich bei den Salzburger Exulanten, dem letzten
Fall einer umfassenden Säuberung auf konfessioneller Basis. Als die Protes-
tanten 1731/32 das Erzbistum Salzburg verlassen mussten, war ihre Auf-
nahme in Preußen gut vorbereitet. Für den Erzbischof war die Exulierung
von über 30.000 Untertanen nicht nur ein wirtschaftliches Desaster, sondern
auch ein publizistisches. Der katholische Landesherr stand in der europä-
ischen Öffentlichkeit als intoleranter Eiferer da, während Preußen für seine
religiöse Toleranz werben konnte.60 Dieser Wertewandel trug maßgeblich
dazu bei, dass interkonfessionelle Vertreibungen in Europa seit dem frühen
18. Jahrhundert aufhörten.
Dagegen gab es bei der purgatorischen Einstellung gegenüber Muslimen
eine Kontinuität bis in die Moderne. Als die Habsburger nach der geschei-
terten Belagerung Wiens von 1683 die Osmanen aus Ungarn und Teilen des
heutigen Kroatiens zurückdrängten, war dies mit einer umfassenden Vertrei-
bung und Abwanderung von Muslimen verbunden. Meistens handelte es sich
bei ihnen um Konvertiten regionaler Herkunft, so dass die Sprache oder Her-
kunft keine Grundlage für die Ausweisung sein konnte. Eine Möglichkeit,
diesen Vertreibungen zu entgehen, lag in der (Re)Konversion zum Christen-
tum. Wie Forschungen von Karl Kaser und Hannes Grandits belegen, konn-
ten sich die Neo-Christiani entlang der Militärgrenze selten halten.61 Sie
wanderten spätestens eine Generation später aufgrund des Drucks der neuen
Landes­herren und der lokalen Bevölkerung doch ins Osmanische Reich ab.
In der Regel war diese Einwanderung mit einem erneuten Wechsel der Reli-
gion verbunden, mit dem die osmanischen Behörden und die jeweiligen re­
gionalen Gesellschaften offenbar weniger Probleme hatten als die Christen
jenseits der Grenze. Die Verfolgung und Abwanderung der Neo-­Christiani
in den von Österreich eroberten Gebieten deutet daraufhin, dass die Reli-
gion dort ähnlich wie im frühneuzeitlichen Spanien keine Eigenschaft war,

59 Vgl. Barbara Dölemeyer, Die Hugenotten, Stuttgart 2006, S. 26.


60 Faktenreich über die Exulierung und erhellend zur publizistischen Verarbeitung ist
Mack Walker, Der Salzburger Handel. Vertreibung und Errettung der Salzburger Protes­
tanten im 18. Jahrhundert, Göttingen 1997.
61 Hannes Grandits, Karl Kaser, Familie und Gesellschaft in der habsburgischen Mi-
litärgrenze: Lika und Krbava zu Beginn des 18. Jahrhunderts, in: Drago Roksandić (Hg.),
Microhistory of the Triplex Confinium, Budapest 1998, S. 27–68.
Voraussetzungen ethnischer Säuberungen 61

die man einfach ablegen konnte. Auch die nächste Generation wurde für die
Zugehörigkeit ihrer Vorfahren zum mohammedanischen Glauben haftbar
gemacht. Ein Unterschied zu ethnischen Säuberungen liegt indes darin, dass
die auf Abstammung beruhende Verfolgung nicht (pseudo)wissenschaftlich
begründet war wie der moderne Rassismus.
Christliche Intoleranz prägte auch die Befreiung Griechenlands und Ser-
biens Anfang des 19. Jahrhunderts. Die Identität der Griechen und Serben,
der ersten südosteuropäischen Nationen, die sich erfolgreich gegen das Os-
manische Reich auflehnten, war in dieser Zeit durch das orthodoxe Chris-
tentum dominiert. Religiöse Motive durchzogen den Unabhängigkeitskampf
gläubiger Christen gegen die muslimischen Türken, während eine moderne,
auf Sprache oder Abstammung begründete nationale Identität noch wenig
ausgeprägt war.
Vor allem in Griechenland begleitete mutwillige Gewalt gegen Zivilisten
die Befreiungskriege. Auf der Peloponnes kam es 1821 zu Massakern, denen
allein in der Stadt Tripolis etwa 8.000 Menschen zum Opfer fielen, auf der ge-
samten Halbinsel zwischen 15.000 und 25.000 Menschen.62 Die zeitgenössi-
schen Berichte über die Befreiung Griechenlands sind mit Vorsicht zu genie-
ßen, weil bereits damals in Zeitungen und der modischen Reiseliteratur ein
Hang zur Dramatisierung herrschte und nur selten zwischen Militärs und
Zivilisten unterschieden wurde. Doch an der Absicht, möglichst alle »Tür-
ken« zu vertreiben, besteht kein Zweifel.
In Serbien war die Gewalt weniger ausgeprägt, dort blieben nach der vom
Sultan anerkannten Autonomie von 1815 zunächst mehrere Tausend Mus-
lime. Das gilt sogar für die ehemalige osmanische Garnisons- und neue
Hauptstadt Belgrad. Dieser Unterschied zwischen Serbien und Griechen-
land erklärt sich durch die verschieden starke Einwirkung europäischer Zivi­
lisationsdiskurse. Die Philhellenen feierten die Befreiung Griechenlands von
der osmanischen Herrschaft als Sieg der Zivilisation über die Barbarei. Viele
westliche Zeitzeugen verfolgten die Gewalt bei der Vertreibung der Türken
zwar mit einem gewissen Schaudern, aber niemand protestierte öffentlich
gegen die Massaker. Im Gegenteil, in dem 1824 bei Missolunghi verstorbe-
nen Dichter und zeitweiligen Militärführer Lord Byron fanden die Philhel-
lenen einen Märtyrer des Zivilisationskonflikts. Die Idealisierung des anti-
ken und des zeitgenössischen Griechenlands beruhte auf einer Verachtung
der osmanischen Kultur, die gezielt vernichtet wurde. Schon wenige Jahre
nach der Befreiung stand auf dem Peloponnes und in Athen kaum ein Mi-

62 Letztere Zahl nennt Justin McCarthy, Death and Exile. The Ethnic Cleansing of
Ottoman Muslims 1821–1922, Princeton 1995, S. 12. Darin sind jedoch Militärangehörige
eingeschlossen, was einmal mehr nahelegt, die Viktimologie McCarthys mit Vorsicht zu
betrachten.
62 Voraussetzungen ethnischer Säuberungen

narett mehr. Auch im Fürstentum Serbien spielten westliche Einflüsse eine


wesentliche Rolle bei der Ausmerzung der letzten Reste der osmanischen
Herrschaft – wenngleich zunächst auf diplomatischer Ebene. In Belgrad und
Umgebung kam es 1862 zu Unruhen zwischen christlichen Serben und der
verbliebenen muslimischen Bevölkerung. Als Reaktion auf die Eskalation der
Gewalt beschlossen die europäischen Großmächte auf einer Konferenz in der
Nähe von Istanbul die Aussiedlung aller in Serbien verbliebenen Türken.63
Diese Entscheidung stand im Kontext eines nicht minder radikalen Vorge-
hens in Russland. Wie Peter Holquist in seinen Studien über den Kaukasus­
feldzug von 1860–1864 gezeigt hat, mussten mindestens 80 Prozent der etwa
eine halbe Million Menschen zählenden muslimischen Bevölkerung den
westlichen Kaukasus verlassen.64 Diese massenhafte Flucht könnte man auf
den ersten Blick als eine Vorstufe ethnischer Säuberungen ansehen. Gegen
diese Kategorisierung spricht aber, dass es sich ähnlich wie im 18. Jahrhun-
dert gegenüber den Krimtataren um eine Bestrafung für vermeintliches Pak-
tieren mit dem Feind während des Krieges handelte. Außerdem unterschied
die russische Armee kaum zwischen verschiedenen Ethnien wie Tscherkes-
sen, Abchasen oder Tataren, sondern verfolgte generell die kaukasischen
Muslime, die in der Tat eine besondere Loyalität mit dem Sultan und Kalifen
verband. Es handelt sich somit um eine religiöse Säuberung, die noch nicht
konsequent durchgezogen wurde. Die hohe Varianz in den russischen Statis-
tiken zum Stand der Bevölkerung vor und nach dem Feldzug und damit zum
Umfang der Flucht erklärt sich dadurch, dass sich etliche Muslime in den
Bergen verstecken konnten und nach dem Durchzug der Front in ihre Dör-
fer zurückkehrten. Außerdem verlief die Landnahme und Wiederbesiedlung
durch Christen schleppend und wenig planvoll.
Inwieweit die Etablierung moderner Nationalstaaten auf dem Balkan im
letzten Viertel des 19. Jahrhunderts mit organisierten ethnischen Säuberun-
gen verbunden war, ist in der Forschung umstritten. Die Schule um den in
den USA lehrenden Kemal Karpat betont den Zwangscharakter der Migra-
tion der südosteuropäischen Muslime. Dagegen wird in den Staaten Südost-
europas und der älteren westlichen Literatur die Gewalt gegen Türken ge-
leugnet oder sogar als Gegenreaktion auf Massaker an Christen legitimiert.
Wie häufig in der Geschichte muss man nach Zeit und Ort unterscheiden. In
den Kerngebieten Griechenlands und Serbiens blieben praktisch keine Mus-
lime. Viele waren bereits während der Befreiungskriege geflohen, aus Angst

63 Vgl. Holm Sundhaussen, Geschichte Serbiens. 19.–21. Jahrhundert, Wien 2007,


S. 130.
64 Holquist geht davon aus, dass zwischen 400.000 und 480.000 Muslime den west­
lichen Kaukasus verlassen mussten. Vgl. zu diesen Statistiken und Miliutins Karriere Hol-
quist, To Count, S. 113–119.
Voraussetzungen ethnischer Säuberungen 63

vor Gewalttaten der beteiligten Armeen, der Rache der lokalen Christen für
ihre frühere Unterdrückung oder um sich einer Zwangskonversion zu ent-
ziehen.65 Dieser Flüchtlingsstrom war jedoch wegen der geringen Größe der
»befreiten« Gebiete begrenzt.
Mit dem Berliner Kongress änderte sich die Konstellation. Serbien und
Griechenland expandierten nun in Regionen, in denen die Angehörigen der
eigenen Nation und Konfession einen deutlich kleineren Teil der Bevölke-
rung stellten als in den bereits länger beherrschten Gebieten. Für die Maß-
stäbe Südosteuropas handelte es sich um imperiale Projekte, die einer ent-
sprechenden ideologischen Untermauerung bedurften. Die Angst vor den
Türken wandelte sich nun immer mehr in Verachtung, die sich aus orientalis-
tischen Einstellungen speiste. Die nach der Flucht verbliebenen Muslime gal-
ten als ungebildet und zurückgeblieben und entwickelten sich zu einer Un-
terschicht. Doch die einverleibten Minderheiten waren so groß, dass eine
rasche und massenhafte Zwangsaussiedlung die jeweilige Staatsverwaltung
überfordert hätte.
Die Verdrängung der Muslime wurde daher mit anderen, längerfris­tigen
Mitteln vorangetrieben. Die neu gebildeten Nationalstaaten enteigneten die
muslimischen Großgrundbesitzer und zerstörten somit die gewachsene So-
zialstruktur. Dies betraf auch die muslimischen Landarbeiter, die es noch
schwerer als zuvor hatten, eine geregelte Arbeit zu finden. Eine Karriere in
der Staatsverwaltung oder auf lokaler Ebene war ausgeschlossen. Angesichts
der politischen und wirtschaftlichen Diskriminierung war die Aussicht ver-
lockend, in den weiterhin osmanischen Gebieten Südosteuropas oder in
Kleinasien ein neues Leben zu beginnen. Sultan Abdülhamid II. (1876–1909)
öffnete das dünn besiedelte Anatolien für die Ansiedlung der »Muhacır«, die
glaubenstreuen Muslime aus den verlorenen Gebieten und warb sogar für de-
ren »Rückkehr«.
Als Resultat dieser Mischung aus Gewalt, Diskriminierung und besse-
ren Zukunftsaussichten jenseits der Grenze wanderten in den ersten 20 Jah-
ren nach dem Berliner Kongress mindestens eine Million Muslime aus den
christlichen Balkanstaaten ab.66 Daraus kann man wie Justin McCarthy eine
türkische Opfergeschichte ableiten, dennoch überwiegen die Unterschiede
zu Bevölkerungsverschiebungen im 20. Jahrhundert. Erstens zog sich die
Abwanderung ähnlich wie in der Frühen Neuzeit über einen langen Zeit-

65 Vgl. zu den Zwangskonversionen während der Balkankriege: International Com-


mission, The Other Balkan Wars, S. 77 und 155–156.
66 Diese Zahl beruht auf den Berechnungen von Toumarkine, Les migra­tions. Dieses
Buch, das in der englisch- und deutschsprachigen Literatur kaum rezipiert wird, zeichnet
sich durch eine überzeugende Datenbasis und im Vergleich zu McCarthy ruhigen Tonfall
aus.
64 Voraussetzungen ethnischer Säuberungen

raum hin – im Gegensatz zu den raschen und totalen ethnischen Säuberun-


gen des 20. Jahrhunderts. Obwohl am Zwangscharakter der Migration wenig
Zweifel bestehen, spielten neben Push- zusätzliche Pull-Faktoren eine Rolle.
Drittens fehlte der Bevölkerungspolitik die Systematik späterer Zeiten, so-
wohl die Aussiedlung als auch die Ansiedlung betreffend.
Erst mit den Balkankriegen von 1912–1913, die einen Verlust fast sämt­
licher osmanischen Gebiete in Europa mit sich brachten, wurde aus dem tür-
kischen Flüchtlingsstrom ein Flüchtlingsdrama. Die Vertreibungen waren
nun mit einem zweiten Mittel der Homogenisierung verbunden, der geziel-
ten und massenhaften Ansiedlung von Angehörigen der jeweiligen Titular-
nation. In den Balkankriegen war außerdem nicht mehr eine primär religi-
öse, sondern die ethno-nationale Dimension des Konflikts entscheidend.
Dies zeigt sich nicht nur im Verhältnis zu den Muslimen, sondern vor allem
der Christen untereinander.
Serbien und Griechenland auf der einen und Bulgarien auf der anderen
Seite bekämpften sich 1913 mit der gleichen Unerbittlichkeit und Härte wie
zuvor die Türken. Der griechische und bulgarische Klerus beteiligte sich
massiv an der nationalistischen Propaganda, an Gewalttaten und Massakern
und organisierte paramilitärische Einheiten.67 Dies belegt zum einen das
Fortwirken der gegen Muslime gerichteten Gewalt, zum anderen die Trans-
formation eines religiös definierten in einen ethno-nationalen Konflikt. Es
wäre jedoch leichtfertig, diese Tradition der Gewalt auf das östliche Chris-
tentum zurückzuführen und die ethnischen Säuberungen in Südosteuropa
speziellen Eigenschaften der »Balkanvölker« zuzuschreiben. Dagegen spricht
die Ausmerzung des osmanischen Erbes und seiner Träger in den vom katho-
lischen Habsburgerreich eroberten Gebieten Südosteuropas und das im Ver-
gleich dazu weniger purgatorische Vorgehen Russlands im Kaukasus und auf
der Krim. Die Brutalität und die Mutwilligkeit bei der Verfolgung der euro-
päischen Muslime beruhten darauf, dass ihr Leben weniger galt als das eines
Christen.
Ein letztes Argument für den Zusammenhang von christlicher Intoleranz
und ethnischen Säuberungen beruht auf einem Blick auf die Landkarte. Eth-
nische Säuberungen begannen dort, wo sich die Siedlungsgebiete von Chris-
ten und Muslime überschnitten. Auch wenn im 20. Jahrhundert religiöse Dif-
ferenzen und Konflikte eine nachrangige Ursache für ethnische Säuberungen
waren, sollte sich Europa diesem Erbe stellen.

67 Vgl. dabei zur Rolle des Klerus, auch bei Plünderungen und Massakern den Bericht
der Carnegie-Kommission, International Commission, The Other Balkan Wars, S. 72 und
93.
Voraussetzungen ethnischer Säuberungen 65

Zusammenfassung

Zusammenfassend lassen sich fünf wesentliche Voraussetzungen ethnischer


Säuberungen bestimmen. An erster Stelle ist der moderne Nationalismus zu
nennen, der sich im Laufe der Zeit immer stärker verengte. Die Nationen
wurden im späten 19. Jahrhundert als feststehende Gebilde betrachtet, die
sich durch Herkunft und Abstammung definierten und in einem Kampf ums
Überleben befanden. Außerdem war der moderne Nationalismus mit einer
Territorialisierung des Denkens verbunden. Dies musste insbesondere in je-
nen Regionen Europas, in denen mehrere Nationalbewegungen aktiv waren
und deren Zugehörigkeit umstritten war, zu tiefen Konflikten führen.
Sowohl die Nationsvorstellung des modernen Nationalismus als auch die
Idee des Nationalstaats fußten auf einem Ideal der Homogenität. Lange Zeit
glaubten insbesondere die liberalen Eliten in Europa, dass sich Homo­genität
durch Assimilation an die jeweilige Mehrheits- oder Titularnation auf quasi
natürlichem Wege ergeben werde. Als diese Erwartung sich nicht erfüllte,
griffen die Nationalstaaten und die nationalisierenden Imperien zu Zwangs-
maßnahmen, die vom Oktroi der Schulsprache bis zu einer nationalisie-
renden Bevölkerungspolitik reichte. Die Versuche, bereits bestehende oder
potenzielle Minderheiten zu unterdrücken, wirkten jedoch weitgehend kon-
traproduktiv. Die versuchte Zwangsassimilation förderte letztlich nur den
Widerstand von Gruppen, die nicht der Titularnation angehörten.
Die Minderheiten gerieten aufgrund des absoluten Machtanspruchs der
Nationalstaaten und ihrer Forderung nach einer ausschließlichen ­Loyalität
ihrer Bürger zwangsläufig in eine prekäre Situation. Außerdem erzeugte die
nationalstaatliche Ordnung Europas nicht nur innerstaatliche, sondern auch
internationale Konflikte. Dabei lässt sich eine zeitliche Dynamik beobach-
ten. Je später die Nationalstaatsgründung erfolgte, desto konflikthafter ver-
lief sie.
Zu den Sündenböcken dieser strukturellen Probleme wurden die Minder-
heiten. Das zeigt schon der zeitgenössische Begriff des »Minderheitenpro-
blems«, als ob sie und nicht die nationalstaatliche Ordnung die Wurzel des
Problems seien. Minderheiten wurden seit der Mitte des 19. Jahrhundert als
Belastung, als Hindernis der Entwicklung von Nationen und Nationalstaa-
ten, und entsprechend dem dann aufkommenden biologistischen Denken als
Fremdkörper empfunden. Schon früh kursierten Phantasien der ethnischen
Reinheit, die eine Beseitigung dieser Minderheiten propagierten. Dies blieb
folgenlos für die Betroffenen, solange die internationale Ordnung und die
Grenzen in Europa stabil blieben, was bis 1912/13 weitgehend der Fall war. Im
Jahrzehnt des Ersten Weltkriegs, der unter Einbeziehung der Balkankriege
und samt seiner Folgekonflikte in weiten Teilen Europas faktisch bis Anfang
der 1920er Jahre dauerte, wurden die Phantasien zu realen Möglichkeiten.
66 Voraussetzungen ethnischer Säuberungen

Ethnische Säuberungen beruhten auf einem Zusammenwirken eines radi-


kalen Nationalismus mit den Mechanismen moderner Nationalstaatlichkeit.
Dabei spielte der Einfluss der (west)europäischen Großmächte eine maßgeb-
liche Rolle, erst in Südosteuropa, dann in anderen Teilen des Kontinents. Die
Großmächte legten auf dem Berliner Kongress die nationalstaatliche Ord-
nung Südosteuropas fest, unterstützten die ethnische Homogenisierung in-
folge der Balkankriege und tendierten im Laufe der Pariser Friedensverhand-
lungen immer mehr zum Transfer anstatt zum Schutz von Minderheiten. In
Ostmitteleuropa hatte der Minderheitenschutz nach dem Ersten Weltkrieg
eine größere Bedeutung, aber auch dort unterstützte der Völkerbund im
Konfliktfall meist die Nationalstaaten.
Die Utopie der Homogenität manifestierte sich auf andere Weise im
Schwarz-Weiß-Denken der Volkszählungen. Menschen wurden seit etwa
1870 in allen Staaten Europas anhand ethnischer Kategorien gezählt und
gruppiert. Dabei herrschte ein Zwang zur Eindeutigkeit. Man konnte nur der
einen oder der anderen Nationalität angehören, für Träger multipler Identi-
täten war im modernen Europa kein Platz mehr. Außerdem trug die wissen-
schaftliche Erfassung der Bevölkerung zur Abschließung der Nationen bei.
Man glaubte daran, die Nationalität von Individuen anhand objek­tiver Krite-
rien festlegen zu können. Nicht mehr die individuelle Identität war entschei-
dend, sondern die Identifikation durch anonyme Bürokratien.
Sobald statistische Daten über die Nationalität der Bevölkerung vor­lagen,
wurden sie missbraucht. Zählungen boten die Grundlage für die ­preußische
und deutsche Bevölkerungspolitik in den Ostgebieten, wo die ethnische
Zu­sammensetzung der Gesellschaft durch die Ansiedlung von Kolonisten
gezielt manipuliert wurde. Nach diesem Vorbild versuchten zahlreiche Nati-
onalstaaten in der Zwischenkriegszeit, umstrittene Gebiete durch die Ansied-
lung von Trägern der Titularnation zu homogenisieren und damit dauerhaft
zu beherrschen. Gerade weil diese Politik scheiterte, reiften die Gedanken
für andere, noch radikalere Lösungen: Aussiedlung statt Ansiedlung.
Die Bevölkerungspolitik basierte auf einem statischen und eindimensio­
nalen Bild nationaler Identifikation. Ein türkisch sprechender Christ in
Kleinasien war in diesen Zählungen ebenso wenig vorgesehen wie ein Elsäs-
ser oder Oberschlesier, der sich primär mit seiner Region identifizierte. So-
bald das »ethnologische Argument«, wie Lord Curzon es auf der Konferenz
von Lausanne wiederholt einforderte, zum entscheidenden Kriterium für
die Zuordnung umstrittener Gebiete wurde, musste dies wie eine Aufforde-
rung wirken, deren Bevölkerungsstrukturen durch An- und Aussiedlung zu
mani­pulieren.
Eine Pseudowissenschaftlichkeit durchzieht auch die Phantasien und ab
dem 20. Jahrhundert die ersten konkreten Vorschläge ethnischer Säuberun-
gen. Paul de Lagarde sprach von einer »Dekomposition«, die es zu beseitigen
Voraussetzungen ethnischer Säuberungen 67

gelte, Georges Montandon von einer »Transplantation«. Später wurde das


biologistische Vokabular durch Begriffe aus der Verkehrstechnik ergänzt.
Dementsprechend ging es um den »Austausch von Bevölkerung«, »Transfers«
oder »Umsiedlungen«. Diese Utopie der Machbarkeit und das scheinbar wis-
senschaftliche Vokabular haben ihre Wurzeln ebenfalls im 19. Jahrhundert.
Die europäische Moderne hat somit ein janusköpfiges Gesicht. Aus dem
einst brüderlichen Ideal der Nationalbewegungen entstand eine gewaltsam
ausgetragene Konkurrenz, die nationalstaatliche Ordnung brachte Krieg
statt Frieden, aus dem Zählen wurde ein Selektieren, aus dem Ansiedeln ein
Aussiedeln. Die Europäizität ethnischer Säuberungen ist dadurch zusätzlich
belegt, dass ethnische Säuberungen zunächst vorwiegend in Europa oder in
von Europäern beherrschten Gebieten vorkamen. Sämtliche Voraussetzun-
gen ethnischer Säuberungen, der moderne Nationalismus, die Bildung von
Nationalstaaten, die sich daraus ergebenden Einstellungen gegenüber Min-
derheiten und technologische Utopien waren europäischen Ursprungs. Das
gilt auch für die christliche Intoleranz. Man muss sich diesen Traditionen
stellen, wenn über die tieferen Ursachen ethnischer Säuberungen debattiert
wird. Diese menschenverachtende Praxis war keine Erfindung von Diktato-
ren oder ein Unfall der Geschichte, sie ging aus den Grundlagen des heutigen
Europas und seiner nationalstaatlichen Ordnung hervor.
3. Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

3.1 Ethnische Säuberungen


als Mittel der internationalen Politik (1912–1925)

In der Geschichte ethnischer Säuberungen im 20. Jahrhundert lassen sich vier


Perioden und geographische Schwerpunkte unterscheiden. Die erste Periode
begann 1912 mit dem Ersten Balkankrieg und endete mit der Umsetzung der
Abkommen von Neuilly und Lausanne in den 1920er Jahren. Ethnische Säu-
berungen wurden zu einem international sanktionierten und verrechtlichten
Mittel der Politik, um zwischenstaatliche Konflikte zu lösen und die natio-
nalstaatliche Ordnung zu stabilisieren. Insgesamt mussten in dieser Periode
mindestens 2,8 Millionen Menschen dauerhaft ihre Heimat verlassen – die
deportierten Zivilisten des Ersten Weltkrieges und andere Grenzfälle ein-
gerechnet doppelt so viele. Der geographische Schwerpunkt lag auf Südost­
europa, aber im Gegensatz zur allgemeinen Forschungsmeinung waren auch
andere Teile Europas betroffen.
Die zweite Periode reicht vom Münchner Abkommen 1938 bis 1944 und
war durch die deutsche Vorherrschaft in Europa gekennzeichnet. Die ethni-
schen Säuberungen umfassten neben den vom Deutschen Reich annektier-
ten und besetzten Gebieten die mit den Achsenmächten verbündeten Staa-
ten in Ostmittel- und Südosteuropa. In der Sowjetunion kam es ebenfalls zu
massenhaften Deportationen, die nicht mehr primär gesellschaftspolitisch
motiviert waren, sondern auf bestimmte Nationalitäten zielten. Insgesamt
wurden in dieser zweiten Periode mindestens sechs Millionen Menschen auf-
grund ihrer Herkunft und Nationalität zur Flucht gezwungen, vertrieben,
deportiert und zwangsausgesiedelt.
Die dritte Periode hängt unmittelbar mit der Errichtung der Europäischen
Nachkriegsordnung zusammen und dauerte bis zum Ausbruch des Kalten
Krieges. Ethnische Säuberungen erfassten ein noch größeres Gebiet, das sich
vom Nordmeer bis zur Ägäis und von den Vogesen bis zum Kaukasus er-
streckte. Berücksichtigt man ferner vergleichbare Konflikte im ehemaligen
britischen Empire, waren mindestens 30 Millionen Menschen betroffen.
In der vierten Periode in den 1990er Jahren wurden vor allem das ehema-
lige Jugoslawien und der Kaukasus verwüstet, etwa fünf Millionen Menschen
mussten fliehen oder wurden vertrieben. Der entscheidende Unterschied zu
den früheren Epochen liegt darin, dass sich der internationale Kontext stark
70 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

verändert hatte. Die Großmächte unterstützten die ethnischen Säuberungen


nicht und versuchten letztlich, diese einzuschränken.
Wie diese kurze Übersicht zeigt, handelt es sich um einen zeitlich und
geographisch äußerst differenzierten Prozess, der im Folgenden empirischen
Hauptteil möglichst vollständig dargestellt werden soll. Zur Erklärung der
Ursachen, der Analyse des Verlaufs und zur Annäherung an die Akteure eth-
nischer Säuberungen werden die analytischen Ebenen des vorangegangenen
Kapitels aufgenommen. Es geht dementsprechend um die Folgen der Natio-
nalstaatsbildung, die Radikalisierung des Nationalismus, die zunehmend de-
struktiven Einstellungen gegenüber Minderheiten, die Bevölkerungspolitik
verschiedener Regimes und den Komplex der europäischen Moderne.
Ein neu eingeführter Erklärungsstrang ist die Eigendynamik ethnischer
Säuberungen. Dabei kann man drei Mechanismen unterscheiden, erstens die
Verselbstständigung und Eskalation von Gewalt. Zweitens führte die Auf-
nahme von Flüchtlingen häufig zu weiteren gewaltsamen Konflikten und
Fluchtbewegungen, was die Zuweisung von klaren Täter- und Opferrollen
unter den Akteuren ausschließt. Drittens entstand ein Konsens der interna-
tionalen Staatengemeinschaft zu ethnischen Säuberungen, der zu einer drasti-
schen Ausweitung dieser Praxis führte. Vor allem in den ersten drei Perioden
hatte die Politik der westlichen Großmächte eine zentrale Bedeutung. Das
betrifft bereits die Pariser Vorortverträge, bei denen sich die Priorität vom
Schutz zum Transfer von Minderheiten verlagerte, für die Konferenz von
Lausanne, das Münchner Abkommen und die Konferenzen der Siegermächte
des Zweiten Weltkrieges von Teheran bis Potsdam. Dieser Konsens zer-
brach erst im Lauf der Nachkriegszeit. Aber auch im ehemaligen Jugoslawien
und im Kaukasus zählten in den 1990er Jahren elementare Menschenrechte
wenig gegen das Machtkalkül der beteiligten Staaten und Staatsmänner.
Dies führt zur Frage nach den Mechanismen der internationalen Diplo-
matie bei der »Lösung« inter-ethnischer oder zwischenstaatlicher Konflikte.
Wieso resultierten rational geführte Verhandlungen in so vielen Fällen in
einer massiven Ausweitung massenhafter Zwangsmigrationen? Kritisch zu
hinterfragen ist auch die im Gedanken des liberalen Rechtsstaats wurzelnde
Verrechtlichung der internationalen Politik, die zwar humanitäre Hilfsaktio­
nen für Flüchtlinge erleichterte, aber zugleich die Akzeptanz gewaltsamer
Bevölkerungsverschiebungen erhöhte. Deren Einordnung als ein rationales
und legitimes Mittel der Politik führt erneut zum Topos der europäischen
Moderne. Ethnische Säuberungen beruhten nicht auf irrationalem Hass, son-
dern auf konkreten Vorbildern, Zielen und Anreizen. Es stellt sich daher die
Frage, warum negative Lernprozesse derart überwogen und Millionen von
Menschen in Leid und Elend stürzten. Das folgende Kapitel versucht daher,
Akteure ethnischer Säuberungen auf verschiedenen Ebenen in den Blick zu
nehmen, von der internationalen, der nationalen bis zur lokalen Ebene.
Ethnische Säuberungen als Mittel der internationalen Politik (1912–1925) 71

Die Balkankriege und ihre Folgen

Die beiden Balkankriege von 1912/13 stehen aufgrund ihrer Totalität, der
Kriegstechnik und der Brutalität gegen die Zivilbevölkerung bereits im Kon-
text des Ersten Weltkrieges. Die gesamte Großregion Südosteuropa war in
verschiedenen Konstellationen in den Konflikt verwickelt. Im Ersten Bal-
kankrieg vom Herbst 1912 unterlag das Osmanische Reich dem vereinten
Angriff von Bulgarien, Griechenland, Serbien und Montenegro. Das zerfal-
lende Imperium verlor sämtliche in Europa gelegenen Gebiete mit Ausnahme
eines kleinen Landstreifens westlich der Hauptstadt Istanbul. Anschließend
konnten sich die verbündeten Balkanstaaten aber nicht über die Aufteilung
der osmanischen Erbmasse einigen. Daher brach im Sommer 1913 der Zweite
Balkankrieg aus, in dem Griechenland, Serbien und Rumänien den frühe-
ren Verbündeten Bulgarien besiegten. Auch die Türkei konnte ein bis Edirne
(Adrianopel) reichendes Gebiet zurückerobern.
Trotz der Kürze der eigentlichen Kampfhandlungen, die in beiden Balkan-
kriegen jeweils nur einen guten Monat lang dauerten, bedeuteten sie einen
Einschnitt in der modernen Kriegsführung. Die aufgerüsteten Armeen, die
mehr als 750.000 Soldaten mobilisierten, bekämpften sich nicht nur gegen-
seitig, sondern gingen gezielt gegen die Zivilbevölkerung vor. Die Carnegie-
Kommission, die kurz nach dem Ende des Krieges in die betroffenen Gebiete
reiste, beobachtete an verschiedenen Fronten das immer gleiche Schreckens-
szenario: »Houses and whole villages reduced to ashes, unarmed and inno-
cent populations massacred en masse, incredible acts of violence, pillage and
brutality of every kind.«1
Entsprechend dem Kriegsverlauf betrafen die Plünderungen, Vergewalti-
gungen, Massaker und andere Verbrechen zunächst primär Muslime. Der ame-
rikanische Historiker Justin McCarthy nennt eine Zahl von 632.000 muslimi-
schen Toten, die sich aber durch seine Absicht einer türkischen Opfergeschichte
von selbst relativiert. Seriöser sind die Angaben des französischen Historikers
und Migrationsforschers Alexandre Tourmarkine, der von 200.000 Muslimen
ausgeht, die mutwilliger Gewalt, Hunger und Seuchen zum Opfer fielen. 2
Angesichts einer muslimischen Gesamtbevölkerung von gut 4,3 Millionen

1 International Commission, The Other Balkan Wars, S. 151. Dieses Zitat bezieht
sich auf das Verhalten der serbischen Armee im Kosovo, aber ähnliche Berichte gab es
ebenso über die griechische und die bulgarische Armee. Vgl. ebd., S. 148–207 und den Ap-
pendix mit Zeitzeugenberichten.
2 McCarthy, Death and Exile, S. 164; Vgl. dazu Toumarkine, Les migrations, S. 77.
McCarthys Berechnung beruht ähnlich wie die offizielle bundesdeutsche Nachkriegs­
literatur über die Vertreibung auf einem unseriösen Vergleich der Bevölkerungszahlen zu
einem Zeitpunkt vor und nach dem Krieg und rechnet alle Vermissten sowie religiöse oder
nationale Konvertiten, die in ihrer Heimat blieben, als Tote ein.
72 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Menschen in den von Serbien, Griechenland und Bulgarien »befreiten« Ge-


bieten war das immer noch ein hoher Blutzoll. Die Carnegie-Kommission,
eine der ersten NGOs, die sich dem Schicksal von Flüchtlingen und der Ein-
haltung von Menschenrechten widmete, stellte eine systematische Verfolgung
fest: »The Muslim population endured during the early weeks of the war a pe-
riod of lawless vengeance and unmeasured suffering. In many districts the
Muslim villages were systematically burned.«3 Wie bereits in den Türken-
kriegen von 1876–1878 beruhte die im Bericht erwähnte »Rache« jedoch we-
niger auf vorherigen Übergriffen unter osmanischer Herrschaft, sondern auf
einer Verachtung der Türken, die sich aus religiösen Motiven und orientalis-
tischen Einstellungen speiste. Häufig eskalierte die Gewalt erst, nachdem die
Kriegsgegner militärisch bereits ausgeschaltet, wehrlos und erniedrigt waren.
Im Zweiten Balkankrieg bekämpften sich die christlichen Balkanstaaten
mit der gleichen Härte wie zuvor das Osmanische Reich. Unmittelbar nach
dem Einmarsch der jeweiligen Armeen kam es zu Plünderungen, Ausschrei-
tungen und an einigen Orten zu Massakern. Das lag auch an der nationa­
listischen Mobilisierung eines Teils der Zivilbevölkerung. Als zum Beispiel
die bulgarische Armee in Westthrakien einrückte, ergriffen Griechen in
mehreren Städten die Waffen, so dass es einer militärischen Logik entsprach,
diese Gefahr hinter der Front durch brutale Gewalt oder Deportationen ein-
zudämmen.
Es gab außerdem eine Logik der Gewalt mit Blick auf die Nachkriegs-
ordnung. Bei den Londoner Verhandlungen nach dem Ersten Balkankrieg
im Winter 1912/13 verwies vor allem die britische Regierung wiederholt auf
»ethnologische Argumente«, um die staatliche Zugehörigkeit umstrittener
Gebiete zu bestimmen. Bereits vor dem Krieg hatten sich die Konfliktpar-
teien mit entsprechenden Bevölkerungsstatistiken aufgerüstet. So hatte das
Osmanische Reich 1910 nach europäischem Vorbild eine allgemeine Volks-
zählung durchgeführt, in der die Bevölkerung selbst in entlegenen Dörfern
bis auf die letzte Seele gezählt wurde. Die Erhebungen teilten die Bevölke-
rung in ethnisch definierte Nationalitäten auf, obwohl eine derartige Zuord-
nung beispielsweise bei den Pomaken oder turksprachigen Christen höchst
zweifelhaft war.4 Die Zählungen bis auf die letzte Ziffer achtstelliger Zahlen
belegen, dass sogar frisch geborene Kinder einer bestimmten Nationalität zu-
geordnet wurden. Die griechische Regierung reagierte auf die Demographie
des Osmanischen Reiches, indem sie von 1910–1912 bei ihren diplomatischen
Vertretungen und den orthodoxen Diözesen eine eigene Zählung der griechi-
schen Minderheit in Auftrag gab. Dieser Krieg der Zahlen ging dem eigent­

3 Vgl. International Commission, The Other Balkan Wars, S. 72.


4 Vgl. zur Datenerhebung Karpat, The Ottoman Adoption of Statistics.
Ethnische Säuberungen als Mittel der internationalen Politik (1912–1925) 73

lichen militärischen Konflikt voraus, war aber zugleich dessen Bestandteil:


Indem die beteiligten Armeen die Bevölkerung des jeweiligen Kriegsgegners
in die Flucht schlugen, konnten sie ihre Ansprüche auf umstrittene Gebiete
»ethnologisch« untermauern.
Dabei kam es wie in späteren Perioden des 20. Jahrhunderts zu öffent­
lichen Hinrichtungen, Verstümmelungen und Vergewaltigungen, gelegent-
lich auch zum Einritzen von Kreuzzeichen auf Leichen von Muslimen. Das
Ziel dieser symbolischen Gewalt war, die noch anwesenden Angehörigen der
Minderheiten einzuschüchtern und in die Flucht zu schlagen. Ein in zahlrei-
chen späteren Fällen wiederkehrendes Motiv war, dass sich die Gewalt­täter
mit derlei Exzessen innerhalb der eigenen Gruppe produzieren konnten. Es
ist noch zu wenig erforscht, inwieweit diese Untaten auf das Konto maro-
dierender Soldaten oder von »Nachbarn« ging, wobei dieses Wort im Ser-
bischen und Bulgarischen den weiteren Umkreis eines Dorfes umfasst und
nicht nur einen Nachbarn gemäß dem deutschen Wortsinn. Befragte Soldaten
verwiesen gegenüber der Carnegie-Kommission auf Befehle von oben.5 Auch
der Verlauf der beiden Balkankriege und der unmittelbaren Nachkriegszeit
lässt auf die Duldung oder Förderung exzessiver Gewalt durch die jeweilige
Staats- und Militärführung und destruktive Dynamiken innerhalb der Sol-
dateska schließen.
Nach dem Ende der eigentlichen Kampfhandlungen folgte eine systema­
tische Diskriminierung von Minderheiten durch Sondersteuern, Enteignun-
gen und Entlassungen von Angestellten und Landarbeitern. Vor allem Mus-
lime verloren auf diese Weise ihre Lebensgrundlage. Dagegen zielten die
in Bulgarien besonders verbreiteten Zwangskonversionen ähnlich wie die
Schulpolitik darauf ab, die vorhandene Bevölkerung an die Titularnation zu
assimilieren. Dem lag ein biologistisches Denken zugrunde, den Feind durch
Zwangsmigration nicht übermäßig zu stärken und zugleich jene Gruppen,
die man für nicht assimilierbar hielt, zur Auswanderung zu zwingen.
Das Ausmaß der Fluchtbewegungen während der Balkankriege war ebenso
präzedenzlos wie die Zahl der zivilen Opfer. Zunächst flohen entsprechend
dem Kriegsverlauf vor allem Muslime. Oft waren sie bereits vor den heran-
ziehenden Armeen geflohen, was einmal mehr die gewachsene Asymme­
trie zwischen Militär und Zivilisten belegt. Bis zum Herbst 1913 trafen al-
lein in Saloniki über 150.000 Muslime ein und warteten dort verzweifelt
auf ihren Transport über den Seeweg nach Kleinasien. In Thrakien befan-
den sich entlang der bulgarisch-türkischen Front jeweils etwa 50.000 Bulga-
ren und Türken auf der Flucht. Während des Zweiten Balkankrieges flohen
ferner etwa 80.000 Bulgaren und 100.000 Griechen voreinander. Die Todes-
raten unter den Kriegsflüchtlingen waren sehr hoch, weil sie von den zahl-

5 Vgl. International Commission, The Other Balkan Wars, S. 148–149.


74 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

reichen ­Fronten der Balkankriege überrollt wurden, die beteiligten Staaten


kaum über Mittel zur humanitären Hilfe verfügten und Seuchen wie Typhus
und Cholera ausbrachen.
Noch weit umfangreicher als die Flucht an den diversen Fronten der zwei
Balkankriege waren die Bevölkerungsverschiebungen nach dem Ende des
Konflikts. Etwa 240.000 Muslime, die aus den von Serbien und Griechen-
land eroberten Gebieten nach Saloniki geflohen waren, wurden mit Schiffen
nach Kleinasien gebracht, weitere 40.000 nahmen den Landweg über Kavalla.
Griechenland unterstützte diese Flucht bereitwillig und ließ sogar türkische
Schiffe anlanden. Insgesamt nahm das Osmanische Reich bis 1914 nach offi-
ziellen Angaben 413.000 südosteuropäische Muslime auf. Eine zweite Migra-
tionswelle verlief in Richtung Griechenland. Aus Kleinasien und Bulgarien
flohen bis zum Frühjahr 1914 etwa 170.000 Griechen, Bulgarien registrierte
zur gleichen Zeit 150.000 Flüchtlinge. Insgesamt ergibt sich eine Zahl von
mindestens 890.000 Menschen, die infolge der beiden Balkankriege dauer-
haft zur Aufgabe ihrer Heimat gezwungen wurden.6
Der in der Literatur über ethnische Säuberungen häufig bemühte Zu-
sammenhang mit dem Zusammenbruch von Imperien erklärt die Situation
in Südosteuropa kaum. Die massenhaften Bevölkerungsverschiebungen ge-
schahen im Kontext von Kriegen zwischen aggressiven Nationalstaaten,
wobei das drastisch verkleinerte Osmanische Reich erst noch einer werden
wollte. Die Zusammensetzung der Bevölkerung in Südosteuropa und Klein-
asien, das im Rahmen der europäischen Geschichte zu betrachten ist, änderte
sich bereits vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges fundamental. Im grie-
chischen Teil Makedoniens blieb nur etwa ein Viertel der muslimischen Vor-
kriegsbevölkerung. In Thrakien entstand zwischen Bulgarien, Griechenland
und der Türkei eine ethnische Grenze.
Bei der Homogenisierung dieses riesigen Gebiets spielten nicht nur Flucht
und Vertreibung, sondern auch die Ansiedlungspolitik der am Balkankrieg
beteiligten Staaten eine wichtige Rolle. Serbien, Griechenland, Bulgarien und
die Türkei nutzten die Flüchtlingskatastrophe, um ihre neu erworbenen Ge-
biete mit Angehörigen der Titularnation zu besiedeln. Die griechische Re-
gierung war dabei am aktivsten und rief sogar Griechen von der russischen
Schwarzmeerküste in ihr vermeintliches Heimatland. Das Osmanische Reich

6 Diese Zahlen sind entnommen: Katrin Boeckh, Von den Balkankriegen zum Ersten
Weltkrieg. Kleinstaatenpolitik und ethnische Selbstbestimmung auf dem Balkan, Mün-
chen 1996, S. 257 und 261; Elisabeth Kontogiorgi, Forced Migration, Repatriation, Ex-
odus. The Case of Ganos-Chora and Myriophyto-Peristasis Orthodox Communities in
Eastern Thrace, in: Balkan Studies 35 (1994), S. 15–45, hier S. 21; Yannis G. Mourelos, The
1914 Persecutions and the First Attempt at an Exchange of Minorities Between Greece
and Turkey, in: Balkan Studies 26 (1985), S. 389–413, hier: S. 389 und 391; International
Commission, The Other Balkan Wars, S. 154.
Ethnische Säuberungen als Mittel der internationalen Politik (1912–1925) 75

siedelte die Flüchtlinge vom Balkan zunächst meist im Süden Kleinasiens


an, wobei es dort eher um eine Peuplierung im traditionellen Sinne ging und
nicht um eine Türkisierung. Bulgarien lenkte sein Augenmerk auf die neu er-
worbenen Gebiete entlang der Ägäisküste und im Küstengebirge. Diese Be-
völkerungspolitik war im Unterschied zur Zeit nach 1878 in allen Ländern
zentral gesteuert und flächendeckend.
Die Ankunft der Flüchtlinge aus den Balkankriegen löste in zahlreichen
Regionen neue Vertreibungen aus. Gut dokumentiert ist dies für ­Ostthrakien,
wo sich die griechische Bevölkerung in den Küstenstädten des Marmaramee-
res 1912/13 an der Plünderung türkischer Stadtteile und benachbarter Dör-
fer beteiligt hatte.7 Daher war die lokale Bevölkerung ohnehin aufgebracht.
Als zusätzlich Tausende von verbitterten Flüchtlingen vom Balkan eintra-
fen, kam es zu Ausschreitungen gegen die örtlichen Griechen, die sich nur
noch in einzelnen Städten halten konnten.8 Diese lokalen Verwicklungen zei-
gen, dass man bei ethnischen Säuberungen Opfer und Täter nicht ohne wei-
teres unterscheiden kann. Die muslimischen Vertriebenen der Balkankriege
wurden – angestiftet von ihrer Regierung – zu Akteuren neuer Vertreibun-
gen. Ähnlich war es in Nordgriechenland, wo im Laufe des Jahres 1914 wei-
tere 50.000 Muslime ins Osmanische Reich vertrieben wurden.
Im westlichen Kleinasien kam es 1914 zu einer neuen Dynamik, die ih-
ren Hintergrund in weiteren territorialen Veränderungen hatte. Die euro-
päischen Großmächte beschlossen trotz scharfer Proteste der Osmanischen
Regierung die Abtretung der küstennahen Ägäisinseln an Griechenland.9
Dadurch verstärkten sich auf türkischer Seite die Ängste, dass Griechen-
land bald nach Kleinasien expandieren würde. Diese Befürchtungen stützten
sich auf historische Erfahrungen, denn im 19. Jahrhundert hatten die europä-
ischen Großmächte die Existenz christlicher Minderheiten im Osmanischen
Reich wiederholt ausgenutzt, um die Souveränität des Landes einzuschrän-
ken, Kriege zu beginnen und die Abtretung fast aller europäischen und kau-
kasischen Gebiete zu erzwingen. Die griechische Regierung propagierte oh-
nehin die »Megali Idea« – ein Großgriechenland auf beiden Seiten der Ägäis,
rüstete seine Flotte auf und versuchte, Serbien und Rumänien von einem wei-
teren Krieg gegen das Osmanische Reich zu überzeugen.10 Wie begründet die
Ängste der jungtürkischen Regierung waren, erwies sich 1915. Die britische
Regierung gab Griechenland einen Freibrief zur Expansion nach Kleinasien,
um das Land zum Eintritt in den Ersten Weltkrieg zu bewegen.

7 Kontogiorgi, Forced Migration, S. 22.


8 Mourelos zufolge flohen aus Ostthrakien 1914 und in der ersten Jahreshälfte 1915
über 60.000 Griechen. Vgl. Mourelos, The 1914 Persecutions, S. 392.
9 Vgl. Kontogiorgi, Forced Migration, S. 20–21.
10 Vgl. Mourelos, The 1914 Persecutions, S. 396–398.
76 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Als Reaktion auf die Annexion der küstennahen Ägäisinseln begann


die osmanische Regierung mit der gezielten Ansiedlung von Türken in den
Vilayets vom Izmir und Aydin. Sie verband damit zwei Ziele, die Bewälti-
gung des anhaltenden Flüchtlingsdramas und die demographische Sicherung
der neuen Grenze. Wie zuvor in Ostthrakien war die Ansiedlung der Flücht-
linge mit weiteren Vertreibungen verbunden. Griechischen Schätzungen zu-
folge mussten allein 1914 bis zu 100.000 Menschen Kleinasien verlassen.11
Die kaum nachlassende Flut von Flüchtlingen stellte die beteiligten Staa-
ten vor schwerwiegende logistische Probleme. Neben einer Soforthilfe für die
hungernden Flüchtlinge musste deren dauerhafte Unterbringung organisiert
werden. Dabei engagierten sich das Rote Kreuz, kirchliche Organisationen
und die Carnegie Foundation. Diese Vorläufer der heutigen NGOs wandten
sich wegen des Elends der Flüchtlinge gegen ethnische Säuberungen und vor
allem die damit verbundene Gewalt. Die internationale Presse war präsenter
als je zuvor und berichtete ausführlich.
Die europäischen Großmächte interessierten sich für Menschenrechte je-
doch allenfalls am Rande, auch wenn sie immer wieder betonten, sich im Na-
men der Zivilisation und der Humanität in der »orientalischen Frage« ein-
zumischen. London, Paris und Berlin wollten 1913/14 primär den Ausbruch
eines weiteren Balkankrieges verhindern, der die Machtbalance zugunsten
der einen oder anderen Großmacht verschoben und damit zu einem Welt-
krieg geführt hätte. Nach Ansicht der Großmächte war eine Stabilisierung
Südosteuropas nur durch die Bildung von Nationalstaaten zu erreichen. Ob-
wohl die Größe der Minderheiten infolge der Balkankriege in allen südost-
europäischen Staaten massiv anstieg, war deren Schutz auf den Friedenskon-
ferenzen von London und Bukarest ein zweit- oder drittrangiges Problem.
Nur die amerikanische Delegation trat für den Schutz von Minderheiten ein,
konnte sich aber nicht gegen den Widerstand der Balkanstaaten durchsetzen.
Zum Abschluss der Verhandlungen in Bukarest gratulierten der Russische
Zar, Wilhelm II. und sogar Kaiser Franz Joseph Rumänien als Verhandlungs-
führer in Telegrammen, den Frieden auf dem Balkan wiederhergestellt zu ha-
ben. Der ununterbrochene Flüchtlingsstrom nach dem Abschluss des Buka-
rester Vertrags zeigt, auf wessen Rücken dieser Frieden geschaffen wurde.
Das Ziel einer dauerhaften Friedenssicherung brachte auch Bulgarien und
das Osmanische Reich an den Verhandlungstisch. Die beiden Staaten unter-
zeichneten im September 1913 den Vertrag von Konstantinopel, der häufig
als Präzedenzfall für vertraglich vereinbarte ethnische Säuberungen betrach-

11 Vgl. zu diesen Schätzungen Mourelos, The 1914 Persecutions, S. 405. Dagegen sind
die Angaben in Boeckh, Von den Balkankriegen, S. 270, dass allein aus Kleinasien 150.000
Menschen geflüchtet seien, vermutlich überhöht, denn sie stehen im Widerspruch zur Ge-
samtzahl der Flüchtlinge aus dem Osmanischen Reich.
Ethnische Säuberungen als Mittel der internationalen Politik (1912–1925) 77

tet wird.12 Doch diese Ansicht lässt sich bei näherer Betrachtung nicht halten.
Formell vereinbarten Bulgarien und das Osmanische Reich tatsächlich einen
»Austausch« von Minderheiten. Dieser war jedoch auf einen 15 Kilometer
breiten Streifen entlang der neuen Grenze beschränkt, aus dem die jeweiligen
Minderheiten im Laufe des Kriegs von 1913 geflohen waren. Es wurden mit-
hin keine weiter gehenden Bevölkerungsverschiebungen beschlossen, son-
dern nur die bereits vollzogene Flucht von etwa 50.000 Menschen bestätigt.
Zugleich vereinbarten Bulgarien und das Osmanische Reich umfangrei-
che Rechte für Minderheiten. Ihr Eigentum galt als unantastbar, religiöse
Institutionen genossen besonderen Schutz und wurden zu juristischen Per-
sonen, die Muslime in den von Bulgarien erworbenen Gebieten durften so-
gar die osmanische Staatsbürgerschaft behalten. Dafür verpflichtete sich das
Osmanische Reich, die Muslime in Westthrakien, die dort in der Region um
Dedeagač (nach dem Abkommen von Neuilly Alexandropolis) immer noch
die Mehrheit stellten, rasch zu »besänftigen«, mithin ihren Status als Minder-
heit in Bulgarien zu bestätigen. Reziprok gestand die jungtürkische Regie-
rung der bulgarischen Minderheit umfassende Rechte im religiösen Bereich
und im Bildungswesen zu.13 Der Schutz der Minderheiten war also weit um-
fangreicher als auf den vorherigen internationalen Friedenskonferenzen dis-
kutiert und beschlossen. Dies zeigt, dass auf regionaler Ebene Kompromisse
zugunsten von Minderheiten möglich waren und widerspricht dem damals
wie heute verbreiteten Stereotyp der gewalttätigen Balkanstaaten. Der ent-
scheidende Faktor dieser Einigung war, dass die großen Verlierer der Bal-
kankriege am Verhandlungstisch saßen. Beide Seiten verfolgten keinen regio-
nalen Imperialismus mehr und verzichteten fortan darauf, den Irredentismus
ihrer jeweiligen externen Minderheiten anzustacheln. Daran hielten sie sich
in der Zwischenkriegszeit, obwohl sich dann die Haltung gegenüber den
Minderheiten wieder verschlechterte.
Ein halbes Jahr nach dem Abschluss des Vertrags von Konstantinopel nah-
men Griechenland und das Osmanische Reich Verhandlungen über einen
»Bevölkerungsaustausch« auf.14 Der griechischen Seite ging es zunächst um

12 Vgl. z. B. Holm Sundhaussen, Bevölkerungsverschiebungen in Südosteuropa seit


der Nationalstaatswerdung (19./20. Jahrhundert), in: Comparativ 6 (1996), S. 25–40, hier
S. 35.
13 Vgl. zu dem Vertrag Boeckh, Von den Balkankriegen, S. 269 f. Dort werden aber
nur die Bestimmungen zum Bevölkerungsaustausch erwähnt. Im Tonfall nationalistisch,
aber in der Sache detaillierter ist Georgi Markow, Bulgarien auf der Friedenskonferenz
in Konstantinopel (August–September 1913), in: Bulgarian Historical Review 18 (1990),
S. ­66–76, hier S. 73–75.
14 Vgl. zu diesen Verhandlungen im Detail Mourelos, The 1914 Persecutions; Harry
Psomiades, Fridtjof Nansen and the Greek Refugee Problem, in: Deltio. Kentrou
­Mikrasiatikon Spoudon 18 (2009), S. 287–346, hier S. 308–311.
78 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

die bessere Behandlung der Flüchtlinge und eine auf Thrakien und Make­
donien begrenzte Emigration der jeweiligen Minderheiten. Die türkische
Seite vergrößerte aber den Radius der Verhandlungen auf das westliche
Kleinasien und Epirus. Auch damit erklärte sich der griechische Premier-
minister Eleftherios Venizelos einverstanden und bestand lediglich auf der
Freiwilligkeit der Emigration. Im Juni 1914 bildeten beide Seiten eine vier-
köpfige Kommission, die konkrete Lösungsvorschläge für vier Detailfragen
erarbeiten sollte: Die Feststellung der Freiwilligkeit, die Ausgewogenheit des
»Austauschs«, die Entschädigung für zurückgelassenes Eigentum und die
Möglichkeit zur Rückkehr. In Bezug auf die Freiwilligkeit versuchte die grie-
chische Seite durchzusetzen, dass diese durch eine unabhängige Kommission
bestätigt werden müsse, während die türkische Seite eine einfache Deklara-
tion der Emigranten bei den Behörden der Herkunftsregion für ausreichend
hielt. Grundsätzlich war man sich über das Prinzip der Freiwilligkeit aber
einig, weswegen Griechenland die Forderung nach numerischer Ausgewogen­
heit aufgab. Bei der Frage des Eigentums gab es eine großzügige Lösung. Die
künftigen Betroffenen des Bevölkerungsaustauschs und sogar die bereits Ge-
flohenen hatten ein Recht auf Entschädigung für ihr zurückgelassenes Eigen-
tum. Über sämtliche strittigen Fragen sollte eine gemischte Kommission un-
ter Schweizer Beteiligung entscheiden. Nur die geforderte Möglichkeit der
Rückkehr brachte die Gespräche an den Rand des Scheiterns. Griechen-
land wollte erreichen, dass die bis zum Abschluss des Vertrags Geflohenen
auf eigenen Wunsch in ihre Heimat zurückkehren und die alte Staatsbürger-
schaft zurückbekommen konnten. Die jungtürkische Regierung lehnte dies
kategorisch ab, weil sie ein trojanisches Pferd im eigenen Land und einen im-
mer wieder erneuerbaren großgriechischen Irredentismus befürchtete.
Gemessen an den Spannungen zwischen Griechenland und dem Osmani-
schen Reich verliefen die Verhandlungen zwischen beiden Seiten bemerkens-
wert glatt. Die Homogenisierung des Nationalstaats war offenbar ein Ziel,
das die Verhandlungspartner gemeinsam trugen und über das man sich daher
rasch verständigen konnte. Umstritten blieben lediglich die Details des »Be-
völkerungsaustauschs«, nicht das prinzipielle Ziel des Vertrags, der dann we-
gen des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs nicht mehr ausverhandelt wurde.15
Trotz dieses Konsenses stellt Naimark die Vertreibung der Griechen in
einen Kontext mit dem Genozid an den Armeniern und betont den destruk-
tiven Charakter der jungtürkischen Ideologie, wogegen er die griechisch-

15 Hiermit möchte ich den Fehler in einer eigenen Publikation korrigieren, in der
steht, Griechenland und die Türkei hätten bereits eine Vereinbarung abgeschlossen. Vgl.
Philipp Ther, A Century of Forced Migration: The Origins and Consequences of »­Ethnic
Cleansing«, in: Ders., Ana Siljak (Hg.), Redrawing Nations. Ethnic Cleansing in East-
Central Europe 1944–1948, Lanham 2001, S. 43–72, hier S. 50.
Ethnische Säuberungen als Mittel der internationalen Politik (1912–1925) 79

türkischen Verhandlungen von 1914 nur in einem Satz erwähnt. Der griechi-
sche Historiker Jannis Mourelos, der sich mit diesem Thema am genaues­
ten beschäftigt hat, behauptet, dass es der griechischen Seite vorwiegend um
eine Eindämmung und Verzögerung der bereits in Gang gekommenen Ver-
treibungen aus Kleinasien gegangen sei, während das Osmanische Reich
auf eine möglichst umfassende Lösung gedrängt habe. Diese Einschätzung
ist insofern richtig, als die griechische Regierung die Minderheit in Klein-
asien als Basis territorialer Expansion betrachtete und ab 1919 entsprechend
missbrauchte. Gegen eine einseitige Schuldzuweisung spricht aber die rasche
Einigung, die beide Seiten erreichten. Für die griechische und osmanische
Staatsführung war der Bevölkerungsaustausch ein technisches Problem, kein
menschliches oder moralisches. Das nie offen ausgesprochene Streitthema
war im Grunde nur, wo die künftige, ethnisch konsolidierte Grenze verlau-
fen sollte, ob direkt an der Ägaisküste oder weiter im Inland, wie es den grie-
chischen Nationalisten vorschwebte.
Überhaupt fällt bei den Verhandlungen von 1914 der rationale Duktus auf,
während das Leid der Betroffenen allenfalls am Rande erwähnt wurde. Auch
wenn ein äußerlich emotionsloser Zugang zu den Grundlagen der Diploma-
tie gehört, erzeugten die Verhandlungen in Kombination mit bevölkerungs-
technischen Utopien eine aus heutiger Sicht erschreckende Dynamik. Wäh-
rend am Anfang der griechisch-türkischen Konsultationen nur ­T hrakien
und überschaubare Gruppen behandelt wurden, betrafen die Gespräche
einige Monate später etwa die Hälfte Griechenlands und den gesamten Wes-
ten der heutigen Türkei. Es ging damit um das Schicksal von weit über einer
Million Menschen. Sie waren jedoch nicht geflohen, sondern lebten noch
größtenteils in ihrer Heimat. Es handelte sich mithin nicht um eine Bestäti-
gung eines kriegsbedingten Status Quo, sondern um eine zukunftsgerichtete
Maßnahme.
Dieses Muster wiederholte sich später in den Verhandlungen von ­Lausanne,
in Jalta und Potsdam. Sobald ein Bevölkerungsaustausch oder -transfer
prinzi­piell festgelegt war, erreichte dieser in den diplomatischen Verhandlun-
gen eine neue Dimension. Man kann hier von einer Dynamik der Rationa­
lität oder der europäischen Moderne sprechen, der mit Hass, Rache oder an-
deren Emotionen, die zur Erklärung ethnischer Säuberungen häufig bemüht
werden, wenig gemein hat.
Obwohl hier bereits auf künftige und noch umfassendere Regelungen ver-
wiesen wird, sollten die Spezifika der Bevölkerungsverschiebungen vor dem
Ersten Weltkrieg nicht unter den Tisch fallen. Während der Balkankriege
und unmittelbar danach wurden die Minderheiten in keinem der betroffe-
nen Gebiete komplett vertrieben. In Serbien blieb knapp die Hälfte der dort
ansässigen Muslime, in Bulgarien und Griechenland deutlich über die Hälfte,
in Rumänien noch mehr. Dies zeigt, dass die beteiligten Staaten trotz aller
80 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Abneigung gegen Minderheiten keine totale Homogenisierung ihrer Bevöl-


kerung anstrebten.
Vorerst reichte es den jeweiligen Regierungen, wenn die Titularnation im
gesamten Staatsgebiet die Macht in den Händen hatte. Serbien, Griechenland,
Rumänien und Bulgarien setzten das Machtmonopol des Nationalstaats in
den ehemals osmanischen Gebieten zwar mit brutaler Gewalt durch, aber die
ethnischen Säuberungen waren nicht flächendeckend. Es handelte sich mit-
hin um einen regionalen Imperialismus, der ethnische Differenz noch nicht
völlig ausschloss. Dieses imperialistische Element fehlte im Osmanischen
Reich, dessen Regierung die 1912/13 verlorenen Gebiete abgeschrieben hatte.
Umso stärker war der Drang, Kleinasien zur Bastion des Türkentums auszu-
bauen. Die Utopie der ethnischen Reinheit war im türkischen Fall aus einem
defensiven Denken geboren, das aber nach innen sehr aggressiv wirkte.
Die 1913/14 vereinbarten oder vor dem Abschluss stehenden internatio­
nalen Verträge über einen Bevölkerungsaustausch unterschieden sich deut-
lich von späteren vertraglichen »Lösungen«. Sie betrafen nur begrenzte Ge-
biete und beruhten auf dem Prinzip der Freiwilligkeit. Auf anderer Ebene,
wie etwa den Eigentumsrechten, blieb die Rechtsstaatlichkeit ebenfalls ge-
wahrt, wenngleich die Behörden die Registrierung und Entschädigung für
verlorenes Eigentum leicht unterlaufen konnten. Aber einmal in Gang ge-
brachte Bevölkerungsverschiebungen sollten endgültig sein – ein wichtiges
Prinzip ethnischer Säuberungen.

Deportationen im Ersten Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg brachte auf all diesen Ebenen und über Südost­europa
hinaus massive Veränderungen mit sich. Die internationale Diplomatie spielte
vorerst keine Rolle mehr. Dies verringerte die Flüchtlingsströme in Konflikt-
zonen wie dem westlichen Kleinasien, da nun kein »Bevölkerungsaustausch«
mehr arrangiert werden konnte. Außerdem kam die organisierte Ansiedlung
von Flüchtlingen zum Erliegen.
Doch Minderheiten sahen sich nun auch in anderen Teilen Europas mas-
siver Verfolgung ausgesetzt. Das lag an der Mobilisierung aller Ressourcen
für den Krieg, die mit einer nochmaligen Radikalisierung des Nationalismus
einherging und Institutionen der innerstaatlichen Konfliktlösung schwächte.
Die Allmacht des Militärs war gepaart mit Ängsten vor einem Machtverlust
und der Annahme, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen den Feind unter-
stützen oder den Nachschub für die Front behindern könnten. Besonders
ausgeprägt war diese Paranoia bei den schwächsten kontinentalen Imperien,
dem Russischen Reich und dem Osmanischen Reich. Die beiden Staaten hat-
ten vor dem Ausbruch des Weltkrieges versucht, den russischen bzw. den tür-
Ethnische Säuberungen als Mittel der internationalen Politik (1912–1925) 81

kischen Nationalismus für sich zu nutzen, aber das konnte die schweren Nie-
derlagen gegen Japan (1905) und in den Balkankriegen nicht verhindern. Die
verlorenen Kriege und der staatlich geförderte Nationalismus verstärkten die
Aggressivität nach innen, gegenüber Minderheiten. Davon waren auch Grup-
pen betroffen, die gar keine territorialen Forderungen erhoben oder hätten
erheben können, etwa die russischen Juden oder die Armenier in Istanbul
und im westlichen Kleinasien.
Im Russischen Reich flackerten nach dem Beginn des Weltkrieges die be-
reits notorischen Pogrome wieder auf und führten zur Flucht von Zehn­
tausenden von Juden. Für das Thema des hier vorliegenden Buches sind
jedoch die systematischen Deportationen entlang der Front und der Nach-
schubrouten von größerer Bedeutung. Die russische Militärführung ließ im
Westen des Reiches etwa eine Million Juden und Deutsche als potenzielle
Verräter verschleppen, obwohl sie noch kaum in Berührung mit dem moder­
nen Nationalismus gekommen waren. In bestimmten Regionen wie dem west-
lichen Litauen, Kurland und Wolhynien waren die Deportationen nahezu
flächendeckend.16 Es handelte sich allerdings um präventive, noch nicht auf
Dauer angelegte Deportationen.
Im Osmanischen Reich betrafen die Deportationen an der Heimatfront
vor allem Armenier und Griechen, die zugleich massenhaft über die Ägäis
flohen, um sich der Einberufung in die Armee zu entziehen. Pentzpopou-
los nennt ein Zahl von 481.000 deportieren Griechen, die mit großer Wahr-
scheinlichkeit überhöht ist.17 In der östlichen Hälfte Anatoliens war die Lage
wegen der Nähe der Front ungleich brisanter. Zum einen kämpften Armenier
in der russischen Armee, zum anderen forderten armenische Nationalisten
die Gründung eines autonomen armenischen Staates. Dies verstärkte die oh-
nehin vorhandenen türkischen Ängste vor einer Sezession.
Um eine Niederlage wie in den Balkankriegen zu verhindern, befahl die
jungtürkische Regierung die Deportation aller Armenier in der Nähe der
ostanatolischen Front. Auch in weiter entfernten Städten wurden Arme-
nier abtransportiert. Den Machthabern war bewusst, dass die Deportierten
den angeordneten Fußmarsch durch das anatolische Hochland zur syrischen
Küste kaum überleben konnten. Sie unternahmen außerdem nichts gegen die
Plünderung der Armenier durch die lokale türkische und vor allem kurdische
Bevölkerung, sondern stachelten diese sogar an.

16 Vgl. zu den Deportationen während des Ersten Weltkrieges Eric Lohr, ­Nationalizing
the Russian Empire. The Campaign against Enemy Aliens during World War I, Cambridge
2003. Von den Evakuierungen und Deportationen waren auch fast eine Million Polen be-
troffen.
17 Vgl. Dimitri Pentzopoulos, The Balkan Exchange of Minorities and its Impact upon
Greece, London 2002².
82 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Ein weiteres Argument für die Einordnung dieses Falls als Genozid und
nicht als ethnische Säuberung ist die Tatsache, dass die Armenier nicht in
den russischen Teil ihres Siedlungsgebietes abgeschoben, sondern gewisser­
maßen ziellos deportiert wurden. Die weiten Wege im kargen Hochland Ost-
anatoliens und in der syrischen Wüste waren eine der wesentlichen Ursachen
des massenhaften Sterbens. Der Genozid an den Armeniern eignet sich da-
her nicht für einen Vergleich mit den deutschen Vertriebenen, so sehr dies
der Bund der Vertriebenen politisch immer wieder bemühen mag. Aber es
gibt einen anderen Zusammenhang mit Deutschland. Wie Vakhan Dadrian
gezeigt hat, waren deutsche Militärs an der Planung dieses Verbrechens be­
teiligt.18 In ihren Ansichten spiegelte sich keine Phobien oder Hass wie bei
den radikalen türkischen Nationalisten, sondern strategische Überlegungen.
Die Deportationen in Ostanatolien sollten die dortige Front stabilisieren,
was bis 1917 weitgehend gelang.
Im direkten Machtbereich der Deutschen Reichswehr gab es keine massen-
haften ethnischen Säuberungen, aber das lag an pragmatischen Erwägungen
wie der Getreideproduktion und der Absicht, Polen als Satellitenstaat gegen
Russland aufzubauen. Während des Weltkrieges und vereinzelt bereits zu-
vor kursierten in der Führung der Reichswehr, im Umkreis des Reichskanz-
lers Bethmann Hollweg und in Provinzialverwaltungen konkrete Vorschläge
für eine massenhafte Ausweisung von Polen. Ein von deutschen Kolonisten
besiedelter »Grenzwall« sollte bis in das russische Teilungsgebiet reichen.19
Nach dem Zusammenbruch des Zarenreiches 1917 bekamen diese Pläne neue
Aktualität und wurden auf das als »Oberost« bezeichnete Besatzungsgebiet
in Ostpolen und im Baltikum ausgeweitet. Nur ein Jahr später musste das
Deutsche Reich selbst die Waffen strecken, so dass sämtliche Vorhaben ad acta
gelegt wurden. Doch die nationalsozialistische Politik im Warthegau und in
Westpreußen beruhte auf diesen Plänen, deren langfristige Wirkung somit
nicht unterschätzt werden sollte. Das gilt auch für die anti-serbische Stim-
mung in Österreich-Ungarn, die Grundlage der besonders schlechten Be-
handlung serbischer Kriegsgefangener und präventiver Massendeportatio­nen
entlang der ehemaligen Militärgrenze und im besetzten Serbien war. 20

18 Vakhan Dadrian, German Responsibility in the Armenian Genocide. A Review of


the Historical Evidence of German Complicity, Watertown 1996. Vgl. auch dessen Ge-
samtdarstellung des Genozids: Ders., The History of the Armenian Genocide. Ethnic
Conflicts from the Balkans to Anatolia to the Caucasus, Providence 1995.
19 Broszat, Zweihundert Jahre, S. 183; Hermann Graml, Flucht und Vertreibung der
Deutschen aus Ostdeutschland und Osteuropa. Ein Blick auf historische Zusammen-
hänge, in: Dierk Hoffmann, Michael Schwartz (Hg.), Geglückte Integration? Spezifika
und Vergleichbarkeiten der Vertriebenen-Eingliederung in der SBZ/DDR, München
1999, S. 21–32, hier S. 23.
20 Vgl. Andrej Mitrović, Serbia’s Great War, 1914–1918, London 2007, S. 228–230.
Ethnische Säuberungen als Mittel der internationalen Politik (1912–1925) 83

Die französische Armee hegte keine derartigen kolonialen Phantasien wie


die Mittelmächte, was unter anderem daran lag, dass sie sich zusammen mit
den Briten fast ausschließlich auf eigenem Gebiet bewegte. Doch der ein-
flussreiche, aus dem Elsass stammende Regierungsberater Abbé Emile Wet-
terlé sprach sich 1915 für eine »Selektion« (triage) der Bevölkerung im Elsass
und in Lothringen nach der Rückgewinnung dieser Gebiete aus. 21 Ein Zu-
sammenleben mit Deutschen schloss er wie ein Großteil der französischen
Gesellschaft aus. Der Erste Weltkrieg resultierte somit in mehreren Ländern
in konkreten Plänen für ethnische Säuberungen und in zwei Fällen bereits in
deren Anwendung.

Nachkriegsmigrationen

Die Fatalität des Ersten Weltkrieges offenbarte sich erneut in den fortgesetz-
ten Massenmigrationen nach dessen Ende. Die Flüchtlingsströme in Europa
ließen 1919 kaum nach, sondern verstärkten sich sogar. Die Ursache waren
der Bürgerkrieg in Russland, die Folgekonflikte des Ersten Weltkrieges so-
wie die nationalstaatliche Neuordnung Europas. Wie noch zu zeigen sein
wird, entsprach die millionenfache Fluchtbewegung zwar nur in wenigen
Fällen einer gezielten und totalen ethnischen Säuberung, dennoch bedürfen
auch diese Grenzfälle einer näheren Betrachtung.
Der Zusammenbruch des Zarenreiches und die Russische Revolution ver-
ursachten die bis dahin umfassendste Fluchtbewegung in der europäischen
Geschichte. Zusätzlich zu den etwa sechs Millionen Kriegsflüchtlingen und
Evakuierten flohen bis 1922 etwa zwei Millionen Russen vor dem Bürger-
krieg, die meisten von ihnen ins Ausland. Dazu kamen knapp 250.000 Mus-
lime, die dem armenisch-aserbaidschanischen Krieg im Kaukasus entwi-
chen. 22 Die Revolutionswirren führten außerdem zum Exodus von mehr als
einer Million in Russland ansässiger Polen. 23

21 Vgl. Harvey, Lost Children, S. 539; Kohser-Spohn, Die Vertreibung, S. 9.


22 Peter Gatrell, War, Population Displacement and State Formation in the Russian
Borderlands, 1914–1924, in: Nick Baron, Peter Gatrell (Hg.), Homelands. War, Popula­
tion and Statehood in Eastern Europe and Russia 1918–1924, London 2004, S. 10–34, hier
S. 13 und S. 26. Michael Marrus, The Unwanted. European Refugees in the Twentieth
Century, Oxford 1985, S. 60–61, nennt eine deutliche niedrigere Zahl. Vgl. zu den musli-
mischen Flüchtlingen aus dem Kaukasus Onur Yıldırım, Diplomacy and Displacement.
­Reconsidering the Turco-Greek Exchange of Populations, 1922–1934, New York 2006,
S. 89.
23 Die Zahl der offiziellen Repatrianten nach Polen betrug bis 1925 1.265000 Men-
schen. Vgl. Konrad Zielinski, Population Displacement and Citizenship in Poland, 1918–
1924, in: Baron, Gatrell (Hg.), Homelands, S. 98–118, hier S. 105.
84 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Unter den Flüchtlingen waren ferner unzählige osteuropäische Juden, die


vor Not, Elend und unzähligen Pogromen flohen. Jüdische Hilfsorganisa­
tionen aus den USA betreuten Hunderttausende von Menschen. Allerdings
ist es nicht weiterführend, Pogrome als ethnische Säuberungen einzuord-
nen. 24 Dagegen spricht trotz des Ausmaßes der Judenverfolgung in Russland
nach 1917 und des Überspringens der Pogrome nach Ostpolen das lokale
Ausmaß der Gewalt und ihr geringer Organisationsgrad. 25 Es handelte sich in
den meisten Fällen um gewaltsam ausgetragene Konflikte, die im Englischen
treffender als »communal violence« bezeichnet werden. 26 Der Zusammen-
bruch des staatlichen Gewaltmonopols, die Plünderungen und Zwangsrequi-
sitionen der Bolschewiken, der Weißen und diverser paramilitärischer Ein-
heiten führten zu anarchischen Verhältnissen. Hunderttausende von Polen,
Griechen, Deutsche und andere Minderheiten flüchteten. 27
Die grassierenden Pogrome belegen die Ethnisierung von Konflikten, die
ursprünglich politischer Natur waren, und eine mörderische Intoleranz ge-
genüber Minderheiten. Das betrifft sogar die Zeit nach der Flucht, denn die
westlichen Nachbarstaaten Russlands, die häufig als erster Zielort dienten,
setzten alles daran, die jüdischen Flüchtlinge wieder loszuwerden. Der Wie-
ner Stadtverwaltung gelang dies unter Zustimmung der Siegermächte, Ru-
mänien verlängerte 1921 nur 4.000 der 22.000 registrierten jüdischen Flücht-
linge die Aufenthaltsgenehmigung, Polen ließ Zehntausende von jüdischen
Flüchtlingen in den Freistaat Danzig abschieben. 28 Es wäre zu simpel, die-
sen Zwangstransit auf einen spezifisch osteuropäischen Antisemitismus zu-
rückzuführen. Die Massenflucht nach der Russischen Revolution belastete
die Nachbarländer der Sowjetunion ungleich mehr als Deutschland oder die
westeuropäischen Staaten. Dennoch belegt die bereitwillige Aufnahme ko-
ethnischer »Repatrianten« das Schwarz-Weiß-Denken der Nationalstaaten.
Sofern Flüchtlinge der Verstärkung der Mehrheitsnation dienten, waren sie
trotz aller Belastung für die Sozialsysteme willkommen und wurden z. B. in
Polen von einer eigens gebildeten »Repatriierungskommission« betreut.

24 Vgl. dazu Lieberman, Terrible Fate, S. 36–44.


25 Vgl. zu inter-ethnischen Konflikten und verschiedenen Formen der Gewalt Ther,
Sundhaussen (Hg.), Nationalitätenkonflikte.
26 Vgl. zu diesem Begriff und seiner Antipode der inter-ethnischen Kooperation
­David D. Laitin, Nations, States and Violence, Oxford 2007, S. 11.
27 Terry Martin, The Origins of Soviet Ethnic Cleansing, in: The Journal of Modern
History 70 (1998), S. 813–861 verwendet dafür den Begriff »Popular Ethnic Cleansing«,
der aber nicht weiterführend ist. Ethnische Säuberungen hingen stets von der Umsetzung
durch lokale Akteure ab, so gesehen waren sie generell »populär«.
28 Marrus, The Unwanted, S. 65. 1926 bekamen mehrere hunderttausend Juden die
polnische Staatsbürgerschaft, was auf die wechselnden Konjunkturen der Minderheiten-
politik hindeutet.
Ethnische Säuberungen als Mittel der internationalen Politik (1912–1925) 85

Während im Falle der »Repatrianten« demnach auch »Pull-Faktoren«


wirkten, sahen sich die ehemaligen imperialen Eliten erheblichem Druck aus-
gesetzt. Bis Anfang der 1920er Jahre verließen über 600.000 Deutsche das
ehemalige preußische Teilungsgebiet Polens, aus dem Ostteil Oberschlesiens
strömten 200.000 Menschen ins Deutsche Reich. Vor und vor allem nach dem
Abkommen von Trianon emigrierten 425.000 Ungarn aus der Slowakei, Ru-
mänien, Serbien und Kroatien in das auf ein Drittel geschrumpfte ungarische
Staatsgebiet. 29 In Bulgarien trafen etwa 150.000 Flüchtlinge ein.
In der älteren deutschsprachigen Literatur wird die Abwanderung aus
Polen häufig als eine Form der Vertreibung betrachtet.30 In der Tat ging der
Anteil der Deutschen an der Gesamtbevölkerung des westlichen Polens dras-
tisch zurück, in der ehemaligen Provinzhauptstadt Posen von über 40 Pro-
zent vor dem Krieg auf gut 5 Prozent im Jahr 1921. Dennoch umfasste die
deutsche Minderheit in der Wojewodschaft Posen immer noch 327.000 und
im gesamten Polen über eine Million Menschen.31 Abgesehen vom Posener
Aufstand von 1919 und den Schlesischen Aufständen kam es nur vereinzelt
zu gewaltsamen Übergriffen. Die begriffliche Gleichsetzung mit der Vertrei-
bung nach dem Zweiten Weltkrieg oder eine Bezeichnung als »ethnische Säu-
berung« ist demnach irreführend.
Dennoch ist festzuhalten, dass die massenhafte Abwanderung keinesfalls
freiwillig war, sondern auf »indirekten Zwang« zurückging. Die Beamten
des preußischen Staatsapparats, Kaufleute, Gewerbetreibende und damit die
Elite der deutschen Minderheit sahen im polnischen Nationalstaat keine Zu-
kunft für sich und entschieden sich daher meist für die Auswanderung. Da-
gegen versuchten Bauern mit eigenem Grundbesitz und über Generationen
ansässige Stadtbürger eher zu bleiben. Auch bei den Ungarn in der Slowa-
kei, dem Banat und in Siebenbürgen beeinflusste der soziale Status die Ent­
scheidung zur Abwanderung und das Verhalten der Nationalstaaten. Zusam-
menfassend kann man daher von einer ethnisch definierten Elitenmigration
sprechen.
Eine Alternative zur Auswanderung war die »nationale Konversion«.
Mehrere Millionen Menschen, die sich früher zu den imperialen Nationen
bekannt hatten, deklarierten in Volkszählungen Anfang der 1920er Jahre

29 Vgl. zur Abwanderung der Deutschen Joachim Rogall, Die Deutschen im Posener
Land und Mittelpolen, Berlin 1998, S. 130; Antoni Czubiński, Wielkopolska w latach
1918–1939, Poznań 2000, S. 80. Vgl. zu Ungarn István Mócsy, The Effects of Wolrd War
I. The Uprooted: Hungarian Refugees and Their Impact on Hungary’s Domestic Politics,
1918–1921, New York 1983, S. 12. Vgl. auch den Überblick in Brubaker, Nationalism Re­
framed, S. 155–169.
30 Vgl. z. B. die widersprüchlichen Formulierungen von Gotthold Rhode, Die Ge­
schichte der Stadt Posen, Neuendettelsau 1953, S. 174 f.
31 Vgl. die Statistiken in Tomaszewski, Rzeczpospolita wielu narodów, S. 213.
86 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

eine andere Nationalität. Eine derartige Flexibilität war bei ethnischen Säu-
berungen kaum möglich. Die ethnischen Migranten empfanden sich jedoch
häufig als Vertriebene, denen Unrecht widerfahren war. Sie standen deshalb
der Nachkriegsordnung und den von ihr geschaffenen oder erweiterten Na-
tionalstaaten besonders unversöhnlich gegenüber.

Die »Triage« im Elsass

Die Literatur über Minderheitenprobleme beschränkt sich häufig auf Ost­


mittel- und Südosteuropa, nicht selten werden dabei dem Nationalismus in
diesem Teil Europas spezielle Eigenschaften zugeschrieben. Unmittelbar
nach dem Ersten Weltkrieg verfolgte indes der französische Staat im Elsass
und in Lothringen (das der Einfachheit halber fortan nicht mehr eigens er-
wähnt wird) die raffinierteste Politik gegenüber einer missliebigen Minder-
heit. Seit 1871 waren etwa 200.000 Menschen »aus dem Reich« zugewandert.
Viele von ihnen waren seit Jahrzehnten in der Region ansässig, hatten dort
Familien gegründet und waren kaum noch von den altansässigen Bürgern zu
unterscheiden.
Auf diese Zuwanderer zielte die »épuration«, die sich gegen alle Hinter-
lassenschaften der deutschen Herrschaft richtete. Gemäß dem Waffenstill-
standsabkommen vom November 1918 mussten deutsche Militärangehörige
innerhalb von zwei Wochen das Elsass verlassen. Auf ihrem Fuße folgten
Verwaltungsbeamte, Lehrer und Personen des öffentlichen Lebens, die sich
als deutsche Interessenverwalter verstanden hatten. Ähnlich wie im pol-
nischen Teilungsgebiet suchten diese Menschen meist auf eigene Faust das
Weite. Nach der französischen Machtübernahme wurde die Abwanderung
komplizierter. Man brauchte für die Wahrnehmung des »Options­rechts« eine
Genehmigung der Behörden, die das Eigentum der Emigranten beschlag-
nahmten und die Mitnahme von Bargeld und Gepäck auf 2.000 Reichsmark
bzw. 30 Kilogramm beschränkten. Die formell freiwillige Option glich damit
im Ablauf und den beruflichen und materiellen Konsequenz fast einer ethni-
schen Säuberung.
Wie der folgende Brief eines »alten Elsässers« an den französischen Hoch-
kommissar vom Dezember 1918 belegt, kam es außerdem zu willkürlichen
Abschiebungen: »Seit etwa acht Tagen werden männliche als auch weibliche
Personen, Beamte und Kaufleute aus dem Land vertrieben. Man gewährt die-
sen Personen im Allgemeinen eine Frist von 24 Stunden, um ihre Angelegen-
heiten zu regeln. Es versteht sich von selbst, dass diese Zeit zu kurz ist! Wie
unglaublich hart diese Maßnahme die Familie trifft! Man reißt Männer, die
zuweilen schon ein hohes Alter erreicht haben, aus dem Schoß ihrer Familie
und vertreibt sie in das verkommene Deutschland, wo sie keine Heimat mehr
Ethnische Säuberungen als Mittel der internationalen Politik (1912–1925) 87

haben, keinen Zufluchtsort, wo sie Fremde sind, ohne jegliche Einkünfte.«32


Bei der Abfahrt und vor der Rheinbrücke in Kehl wurden die Flüchtlinge
häufig beschimpft, gelegentlich sogar bespuckt oder mit Steinen beworfen. 33
Es ist nicht bekannt, wie der Hochkommissar auf diese Eingabe reagierte,
aber die Behörden versuchten rasch, die »épuration« des Elsass zu organisie-
ren. Dazu gab es vor allem zwei Mechanismen, die Überprüfung der Natio­
nalität und die Ausgabe von Ausweispapieren. Das Ziel der so genannten
»Selektionskommissionen« (commissions du triage) lag darin, Feinde und
potenzielle Verräter auszusondern, die nationale Zuverlässigkeit der Bevöl-
kerung zu untersuchen und das Elsass zu französisieren.
Die Selektion war angesichts der Zahl der potenziell Betroffenen eine
große logistische Herausforderung. Zum Kriegsende lebten im Elsass etwa
zwei Millionen Menschen unterschiedlicher Herkunft. Obwohl ein Plebis-
zit 1918 mit Sicherheit eine deutliche Mehrheit für Frankreich erbracht hätte,
verweigerten sich die neuen Machthaber einem subjektiven Nationsbekennt-
nis. Die Regierung nahm die nationale Zuordnung der Bevölkerung mit dem
Erlass vom 14. Dezember 1918 selbst in die Hand und unterschied zwischen
vier großen Gruppen. Bewohner mit zwei französischen oder elsässischen
Elternteilen entsprachen der Kategorie A, wobei nur jene als Elsässer zähl-
ten, deren Vorfahren bereits vor 1871 in der Region ansässig waren. Unter die
Kategorie B fielen Bewohner mit einem elsässischen Elternteil. Mit der Kate-
gorie C wurden Ausländer erfasst, die weder deutscher noch österreichischer
Herkunft waren. Die Kategorie D galt für Bewohner deutscher oder öster-
reichischer Herkunft (»Altdeutsche«) und ihre Kinder, selbst wenn diese im
Elsass geboren waren.
Die Angehörigen der vier Gruppen bekamen entsprechend ihrer Zuord-
nung symbolisch gestaltete Ausweispapiere, die für Reisen ins Ausland und
innerhalb Frankreichs, das Wahlrecht und den Erhalt eines Arbeitsplatzes
gebraucht wurden. Die 1.082.650 Angehörigen der Kategorie A erhielten
Ausweispapiere mit einem roten und einem blauen Streifen. Dagegen muss-
ten sich die 183.500 Angehörigen der Kategorie B den blauen Streifen der Tri-
colore erst verdienen. Sie bekamen Identitätskarten mit zwei roten Streifen.
Die 55.050 Ausweise der Kategorie C waren mit zwei blauen Streifen mar-
kiert, die 513.800 D-Karten blieben ohne Streifen,34 was eine erhebliche Be-
nachteiligung mit sich brachte. Die Angehörigen dieser Kategorie konnten

32 Für die Bereitstellung dieses (bereits übersetzten) Dokuments danke ich Christiane
Kohser-Spohn. Es stammt aus den Archives départementales du Bas-Rhin, FCGR, Bd. 1,
Stoß 121, AL 899.
33 Vgl. dazu zusätzlich zu dieser Eingabe Carolyn Grohmann, From Lothringen to
Lorraine: Expulsion and Voluntary Repatriation, in: Diplomacy & Statecraft 16 (2009),
S. 571–587, hier S. 578.
34 Vgl. zu den Kategorien und den Statistiken Harvey, Lost Children, S. 548.
88 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Französische Franc nur zu einem Kurs von 1,25 Reichsmark eintauschen und
nicht für 75 Pfennig wie die anderen Gruppen, besaßen keine volle Bewe-
gungs- und Reisefreiheit und verloren nicht selten ihren Arbeitsplatz.
Zusätzlich zu diesem diskriminierenden System abstammungsbedingter
Kategorisierung veranlasste die Regierung die Gründung von »Selektions-
kommissionen« (commissions du triage), denen je zwei Vertreter der fran-
zösischen Armee und örtliche Honoratioren angehörten, die als zuverlässige
Franzosen galten. Der französische Präsident Georges Clemenceau gab den
Kommissionen im Januar 1919 folgende Linie vor: »Wann immer die Präsenz
von Deutschen die öffentliche Ruhe gefährdet, sollten Sie nicht zögern, diese
Gefahr zu entfernen«.35 Damit war konkret die Vertreibung über den Rhein
gemeint.
Im Laufe des Jahres 1919 mussten etwa 150.000 Menschen, die der fran-
zösische Staat als Deutsche einstufte, das Elsass und Lothringen verlas-
sen.36 Zählt man die deutschen »Optanten« dazu, dann waren es noch mehr.
Außerdem wurden zahlreiche Menschen interniert und ein Viertel der Be-
völkerung den bereits erwähnten Diskriminierungen ausgesetzt. ­Christiane
Kohser-Spohn hat die französische Politik daher unter dem Motto »­Purifier,
centraliser, assimiler« zusammengefasst. Wie bei späteren ethnischen Säube-
rungen spielte nicht nur die staatliche Nationalitätenpolitik, sondern auch
materielle und politische Interessen innerhalb der regionalen Gesellschaft
eine Rolle. Wer den Nachbarn oder Kollegen als Deutschen denunzierte,
konnte sich einen Zugriff auf dessen Eigentum sichern. Weil sich die De-
nunziationen nur schwer verifizieren ließen und viele Unschuldige trafen,
setzte die französische Regierung der antideutschen Hexenjagd im Okto-
ber 1919 ein Ende. Die Selektionskommissionen wurden aufgelöst, zahlrei-
che Angehörige der Kategorie D erstritten sich vor Gericht die Einstufung in
eine »bessere« Gruppe und die Ausstellung entsprechender Ausweispapiere.
Die Gerichtsverfahren demonstrieren, dass der französische Rechtsstaat sich
gegenüber seinen (nicht anerkannten) Minderheiten zwar keineswegs neu-
tral verhielt, aber nach einer Periode der Willkür doch wieder funktionierte.
Auch die Statistiken sprechen für eine Unterscheidung von späteren ethni-
schen Säuberungen. Die bis dahin präzedenzlose Zahl von 150.000 Ausge-
wiesenen besagt zugleich, dass mehr als zwei Drittel der Angehörigen der
Gruppe D in Frankreich bleiben durften.
Dennoch setzte die Selektion im Elsass negative Maßstäbe in Europa.
Nicht das individuelle Bekenntnis entschied über die Zugehörigkeit zur fran-
zösischen Nation, sondern die Zuordnung der Behörden. Niemand konnte

35 Zit nach Harvey, Lost Children, S. 544.


36 Vgl. zu dieser Statistik Kohser-Spohn, Staatliche Gewalt, S. 188; Harvey, Lost
Children S. 550.
Ethnische Säuberungen als Mittel der internationalen Politik (1912–1925) 89

sich der staatlichen Erfassung und Definitionsmacht entziehen. Neu war


außerdem, in welchem Umfang der Staat die Gesellschaft an der Selektion be-
teiligte. Obwohl die Regierung die Arbeit der Kommissionen rückwirkend
als problematisch und in etlichen Einzelfällen als rechtswidrig erkannte, hat-
ten die bereits Ausgewiesenen in der Regel keine Möglichkeit der Rückkehr.
Die europäische Moderne zeigte somit im Elsass einmal mehr ein janusköp-
figes Gesicht. Einerseits konnte der französische Staat Ausschreitungen und
Gewalt bald unterbinden, andererseits setzte die Selektion international ne-
gative Maßstäbe. Wie in späteren Fällen erwies sich die Utopie einer homo­
genen Nation als kontraproduktiv. Die Selektion im Elsass wurde von den
Betroffenen – auch jenen, die bleiben durften – als willkürlich empfunden
und trug wesentlich zur Bildung der elsässischen Autonomiebewegung und
damit einer neuen Minderheit bei.37

Schutz und Reduktion von Minderheiten


in den Pariser Vorortverträgen

Frankreich vertrat nach 1918 nicht nur im Inland, sondern auch auf interna-
tionaler Ebene eine harte Haltung gegenüber Minderheiten. Die Regierung
Clemenceau versuchte deren Anerkennung in den Pariser Vorortverträgen
soweit wie möglich einzuschränken. Doch dagegen sprachen die Bilder und
Berichte über die Pogrome in Odessa, Lemberg, Pińsk und unzähligen wei-
teren osteuropäischen Städten. Die Pogrome schockierten die Weltöffentlich-
keit und mobilisierten die jüdischen Interessenverbände in den USA und in
Europa.38 Dagegen waren postimperiale Minderheiten wie die Deutschen in
Polen oder die Ungarn in der Slowakei zunächst kaum ein Thema der Pari-
ser Friedensverhandlungen. Auf die Dauer wuchs dort aber die Einsicht, dass
die angestrebte nationalstaatliche Ordnung Europas eine internationale Re-
gelung des Minderheitenschutzes unumgänglich machte.
Im Abkommen mit Polen, das am 28. Juni 1919 unterzeichnet wurde,
musste sich der bei weitem größte neue Nationalstaat verpflichten, be-

37 Vgl. dazu die nach wie vor aktuelle Arbeit des Schweizer Historikers Karl-Heinz
Rothenberger, Die elsass-lothringische Heimat- und Autonomiebewegung zwischen den
beiden Weltkriegen, Frankfurt a. M. 1976.
38 Vgl. zur westlichen Berichterstattung über die Pogrome Carole Fink, Defending
the Rights, 133–264; Piotr Wróbel, Polacy, Żydzi i odbudowa Polski na stronach The New
York Timesa w 1918 i 1919 roku, in: Rozdział wspólnej historii. Studia z dziejów Żydów
w Polsce, ofiarowane Jerzemu Tomaszewskiemu w siedemdziesiątą rocznicę urodzin,
­Warszawa 2001, S. 181–198. Vgl. zu den polnisch-jüdischen Beziehungen in Kongress­
polen Konrad Zieliński, Stosunki polsko-żydowskie na ziemiach Królestwa Polskiego w
czasie pierwszej wojny światowej, Lublin 2005.
90 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

stimmte Rechte seiner Minderheiten zu achten. Die Verhandlungspartner


vermieden es jedoch, diese genau zu definieren. Das Zusatzabkommen zum
Minderheitenschutz in Polen sprach ganz allgemein von Gruppen, die sich in
ihrer Rasse (gemeint war damit eine als unverrückbar verstandene Nationa-
lität), ihrer Sprache oder Religion von der Mehrheitsbevölkerung unterschie-
den. Die Verpflichtungen der Tschechoslowakei, Rumäniens, des König-
reichs der Serben, Kroaten und Slowenen, Griechenlands, des Osmanischen
Reiches, der Baltischen Staaten, und schließlich Ungarns und der Republik
Österreich waren nach diesem Vorbild formuliert. Carole Fink bezeichnet
diese Vereinbarungen daher treffend als »kleines Versailles«. 39 Ihrer Schät-
zung zufolge erfasste der Minderheitenschutz immerhin 25 Millionen Men-
schen, die in zwölf europäischen Nationalstaaten vom Finnischen Meer­busen
bis zur Ägäis lebten.
Die betroffenen Länder lehnten diese kollektiven Sonderrechte jedoch
grundsätzlich ab, weil sie diese als Ungleichbehandlung mit den westeuro-
päischen Nationalstaaten und als Eingriff in ihre Souveränität betrachteten.
Auch auf Seiten der Siegermächte war die Einstellung zum Minderheiten-
schutz gespalten. Die USA sprachen sich am eindeutigsten dafür aus, Frank-
reich stand Minderheitenrechten ablehnend gegenüber, Großbritannien ver-
trat eine vermittelnde Position, wobei keines dieser Länder jemals daran
dachte, den eigenen Minderheiten vergleichbare Rechte einzuräumen.
Eric Weitz hat die – wie in seinen Schriften üblich – provokante These
aufgestellt, dass der Schutz der Minderheiten und deren »Deportation« von
Anfang an »zusammengelaufen« seien und nicht unabhängig voneinander
betrachtet werden könnten. Ferner konstatiert er in den Pariser Vorortver-
trägen eine Dynamik in Richtung Deportation, die im Abkommen von Lau-
sanne kulminierten.40 Diese Thesen sind in ihrer Radikalität nicht haltbar,
denn in den Verträgen von St. Germain und Trianon wurde der Schutz von
Minderheiten festgehalten, während der Vertrag von Neuilly, der zweite in
der Serie der Vorortverträge, sich gegen den Fortbestand von Minderheiten
richtete. Es gibt mithin keine klare Chronologie in Richtung »Deportation«.
Außerdem ist es fraglich, inwieweit man den Vertrag von Lausanne, der die
Vereinbarungen von Sèvres revidierte, zeitlich und örtlich den Pariser Vorort-
verträgen zuordnen kann. Dennoch ist Weitz These in der Tendenz richtig.

39 Fink, Defending the Rights, S. 236–264. Die Verträge zum Minderheitenschutz mit
Polen, dem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, der Tschechoslowakei und
Rumänien sind abgedruckt in: Temperley (Hg.), A History, S. 432–470. Vgl. zu den vorhe-
rigen Verhandlungen S. 112–149.
40 »…deportation and protection ran together«. Eric D. Weitz, From the Vienna to
the Paris System: International Politics and the Entangled Histories of Human Rights,
Forced Deportations and Civilizing Missions, in: American Historical Review (2008),
S. 1313–1343, hier S. 1313.
Ethnische Säuberungen als Mittel der internationalen Politik (1912–1925) 91

Die Regelungen bezüglich der Minderheiten waren formell Zusatzverein-


barungen zu den Verträgen zur internationalen Anerkennung Polens und al-
ler anderen 1918/19 begründeten oder erweiterten Nationalstaaten. Der Min-
derheitenschutz erhielt somit nicht den gleichen diplomatischen Rang wie die
Anerkennung der Nationalstaaten und ihrer Grenzen. Außerdem beschlos-
sen die Siegermächte keinerlei Sanktionen gegen die Verletzung der Minder-
heitenrechte. Da letztere ausdrücklich keine völkerrechtlichen Subjekte wa-
ren, konnten sie nicht selbst Beschwerde beim Völkerbund führen, der den
Minderheitenschutz eigentlich garantieren sollte, sondern mussten ein Mit-
glied des Völkerbunds um Unterstützung bitten.
Außerdem gab es zeitlich betrachtet (wenn auch nicht in der Sequenz der
Vorortverträge) in der Tat eine Dynamik zur Aussiedlung. Für Ostmittel­
europa lässt sich das vor allem anhand der Genfer Konvention von 1922 über
Oberschlesien aufzeigen. Obgleich die deutsch-polnischen Vereinbarungen
die Rechte der Minderheiten im geteilten Oberschlesien erweiterten, war ihre
primäre Konsequenz eine nationale Homogenisierung beiderseits der neuen
Grenze. Das Optionsrecht legalisierte und erleichterte die Abwanderung von
jeweils gut 200.000 Menschen, die beim Plebiszit von 1921 gegen Deutsch-
land oder Polen gestimmt hatten. Auch aus dem ehemaligen preußischen Tei-
lungsgebiet Polens wanderten von 1921 bis 1926 weitere Hunderttausend An-
gehörige der deutschen Minderheit ab.
Dagegen erbrachten die Proteste der deutschen Minderheit gegen ihre Un-
terdrückung in Polen kaum Resultate. Ähnlich erging es den ungarischen,
albanischen und litauischen Petenten, die in Genf gegen die Behandlung ih-
rer Minderheiten in der Tschechoslowakei, Rumänien, im späteren Jugosla-
wien und wiederum in Polen protestierten. Carole Fink kommt daher in ih-
rer umfangreichen Studie zu dem Schluss, dass der Völkerbund einseitig die
neuen Nationalstaaten unterstützt habe.41 Diese Parteilichkeit war systembe-
dingt. Es handelte sich beim Völkerbund wie später bei der UNO um einen
Zusammenschluss von Nationalstaaten, die eine nationale Homogenisierung
ihrer jeweiligen Bevölkerung anstrebten. Dementsprechend war die Unter-
stützung für Minderheiten bestenfalls halbherzig.
Dies lässt sich bereits anhand des Vertrags von Neuilly belegen, den Bul-
garien im November 1919 mit den Siegermächten und insgesamt 16 Signatar-
staaten abschloss. Der Vertrag liest sich auf den ersten Blick wie vergleichbare
Verträge mit den Verlierern des Weltkriegs. Bulgarien musste Gebiete abtre-
ten, darunter den Zugang zur Ägäis in Thrakien, seine Armee drastisch re-
duzieren und Reparationen leisten. Wie alle anderen Staaten Ostmittel- und
Südosteuropas war Bulgarien dem Minderheitenschutz unterworfen, den
eine eigene Sektion des Vertrags mit immerhin acht Artikeln regelte.

41 Fink, Defending, S. 292.


92 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Ausgerechnet dort war zugleich die erste international sanktionierte Re-


gelung zur gezielten Reduktion von Minderheiten enthalten. Im zweiten Ab-
satz von Artikel 56 stand lapidar: »Bulgarien verpflichtet sich, die Verfügun-
gen anzuerkennen, die von den alliierten und assoziierten Hauptmächten
betreffend der gegenseitigen und freiwilligen Auswanderung von Personen,
die rassischen Minderheiten angehören, für zweckmäßig befunden werden.«42
Damit war die »Konvention über die gegenseitige Emigration« gemeint,
die Griechenland und Bulgarien am gleichen Tag wie den Vertrag von Neuilly
unterzeichneten. Dieses Abkommen betraf die jeweilige »ethnische, religi-
öse oder sprachliche« Minderheit der beiden Staaten im Nachbarland.43 Ent­
sprechend dem Titel sollte das Prinzip der Gegenseitigkeit gelten, die Ab-
wanderung auf Freiwilligkeit beruhen und das Eigentum der »Emigranten«
geschützt werden. Die Konvention regelte sogar die Eigentumsrechte von
etwa 30.000 bulgarischen und 16.000 griechischen Weltkriegsflüchtlingen.
Eine gemischte, international besetzte Kommission sollte den Ablauf der
Aus- und Ansiedlung und die Entschädigung für zurückgelassenes Eigen-
tum überwachen.
Die gesellschaftlichen Voraussetzungen in den beiden betroffenen Län-
dern waren sehr unterschiedlich. Die griechische Minderheit in Bulgarien
konzentrierte sich auf die Küstenorte am Schwarzen Meer sowie die größe-
ren Städte und war im Vergleich zu ihrer Umgebung wohlhabend. Dagegen
lebten die Bulgaren meist als Bauern entlang der thrakischen und makedo-
nischen Grenze. Ihr Siedlungsgebiet reichte in einigen Abschnitten bis zur
Ägäis, in Saloniki und anderen Städten gab es eine bulgarische Intelligenz-
schicht. Während die Griechen den territorialen Bestand des bulgarischen
Staats als Diaspora kaum gefährden konnten, fürchtete die griechische Re-
gierung die Bildung einer bulgarischen Irredenta. Griechenland war daher
an einer Beseitigung der Minderheit weit mehr interessiert als Bulgarien. Dies
betraf nicht nur die Bulgaren auf dem eigenen Staatsgebiet, sondern auch die
griechische Minderheit in Bulgarien, die Venizelos für die Hellenisierung
Nordgriechenlands einsetzen wollte. Jüngere Forschungen ziehen in Zweifel,
ob das Nationalbewusstsein der Minderheiten überhaupt so ausgeprägt war
oder andere Formen der lokalen und sozialen Identifikation überwogen.44

42 Temperley, A History. S. 317. In dem Vertragstext war von »racial minorities« die
Rede, womit als unverrückbar verstandene Nationalitäten bzw. nationale Minderheiten
gemeint waren.
43 Der Vertrag ist nachgedruckt in André Wurfbain, L’échange Gréco-Bulgare des
Minorités Ethniques, Lausanne 1930. Griechenland versuchte im Sinne einer erweiterten
»Lösung«, Serbien zum Beitritt der Konvention von Neuilly zu überreden.
44 Vgl. Teodora Dragostinova, Navigating Nationality in the Emigration of ­M inorities
between Bulgaria and Greece, 1919–1941, in: East European Politics and Society 23 (2009),
S. 185–212.
Ethnische Säuberungen als Mittel der internationalen Politik (1912–1925) 93

Selbst die Bezeichnung als Bulgaren oder Griechen kann daher in manchen
Gegenden und für viele Individuen problematisch sein. Doch genau diesen
Zustand wollten beide Nationalstaaten ändern und auf ihrem Territorium
ethnische und kulturelle Homogenität und eindeutige Loyalitäten herstellen.
Ursprünglich planten Griechenland, Bulgarien und die internationale
Kommission, die »freiwillige und gegenseitige Auswanderung« innerhalb
von zwei Jahren abzuschließen.45 Wie zwei jüngere griechische und bulga-
rische Publikationen zeigen, entschieden sich in dieser ersten Phase aber
nur wenige Angehörige der jeweiligen Minderheiten für die Emigration.
Auch die Propaganda griechischer Emissäre in Bulgarien bewirkte nichts.
Bis Juni 1923 ließen sich offiziell 197 griechische und 166 bulgarische Fami-
lien für die Ausreise in das jeweilige Nachbarland registrieren.46 Die »frei-
willige« Auswanderung erwies sich mithin als eine Fiktion, da fast niemand
seine Heimat verlassen wollte. Das entsprach jedoch nicht den Absichten
des Völkerbunds, Griechenlands und Bulgariens – die Laufzeit des Abkom-
mens und die Tätigkeit der gemischten Kommission wurden daher mehrfach
verlängert.
Die Konstellation änderte sich schlagartig mit der Ankunft der grie­
chischen Flüchtlinge aus Kleinasien. Die griechische Regierung lenkte diese
gezielt ins nördliche Makedonien und nach Thrakien, um die Nordgrenze
des Landes demographisch abzusichern. Damit zerbrach die politische und
soziale Balance auf lokaler Ebene. Die Flüchtlinge, die in der Regel völlig
verarmt ankamen, forderten ein Dach über dem Kopf, Arbeitsplätze und die
Zuweisung von Agrarland. Da sich die einheimische Bevölkerung abweisend
verhielt und die Flüchtlinge sogar häufig davon jagte, entstanden Begehr-
lichkeiten für die Häuser und den Besitz der Minderheit. Es kam zu lokalen
Ausschreitungen, zur zwangsweisen Aufnahme von Flüchtlingen in Privat­
häusern und der Aufteilung von Landbesitz.
Dementsprechend nahm die Neigung unter der Minderheit zu, nach Bul-
garien abzuwandern. Dort wiederholte sich dann das Szenario von jenseits
der Grenze. Die ankommenden Flüchtlinge übten Druck auf die griechische

45 Vgl. zum Ablauf der Umsiedlung Stelios Nestor, Greek Macedonia and the Con-
vention of Neuilly, in: Balkan Studies 3 (1962), S. 169–184, hier S. 180 und 175.
46 Vgl. diese Zahlen in Dragostinova, Navigating Nationality, 193. In Griechen-
land ist eine noch weit umfangreichere, in vieler Hinsicht revisionistische Studie erschie-
nen. Vgl. Iakōbos Michaēlidēs, Metakinēsis Slavophōnōn Plēthysmōn (1912–1930): O
­polemos tōn Statistikōn, Athen 2003 [ Ιάκωβος Δ. Μιχαηλίδης, Μετακινήσεις Σλαβοφώνων
Πληθυσμών (1912–1930): Ο Πόλεμος των Στατιστικών]. Ich danke Jannis Panagiotidis,
dass er mir dieses Buch zugänglich gemacht und in Auszügen übersetzt hat. Vgl. dort zu
den tatsächlichen Migrationen vor allem S. 135–164. Vgl. zu diesem Thema außerdem Eli-
sabeth Kontogiorgi, Population Exchanges in Greek Macedonia. The Forced Resettlement
of Refugees, 1922–1930, New York 2006.
94 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Minderheit aus, in etlichen Orten brachen Unruhen aus. Die Haltung gegen-
über der türkischen Minderheit verschärfte sich ebenfalls. Es wäre jedoch
falsch, dies primär auf lokale Konflikte, individuelle Akteure oder eine regio-
nale Tradition der Gewalt zurückzuführen. Wie ein Vergleich zwischen ver-
schiedenen Regionen Nordgriechenlands zeigt, war die staatliche Bevölke-
rungspolitik entscheidend. Im Westen Makedoniens, in der Nähe der Grenze
zu Serbien, wanderten weit weniger Angehörige der Minderheit ab als weiter
im Osten. Das lag daran, dass die mit Serbien verbündete griechische Regie-
rung dort kaum Flüchtlinge ansiedeln ließ.47
Der Völkerbund reagierte auf die Eskalation der Lage entlang der griechisch-
bulgarischen Grenze, indem er 1925 eine Kommission in das Krisengebiet
entsandte. Diese kam zu dem Ergebnis, dass sich die »makedonische Frage«
nur lösen lasse, wenn das Abkommen von Neuilly strikt ausgelegt werde.
Die Auswanderung sollte künftig »Vorrang« vor dem Minderheitenschutz
haben.48 Damit legalisierte der Völkerbund Zwangsmigrationen auf interna­
tionaler Ebene. Diese Entscheidung war zugleich eine Reaktion auf das
vorherige Scheitern der freiwilligen Auswanderung. Es bedurfte massiven
Drucks, um die Menschen zum Verlassen ihrer Heimat zu bewegen.
Das Prinzip der Gegenseitigkeit ließ sich unter diesen Umständen nicht
mehr halten. Insgesamt erfasste der Vertrag von Neuilly bis zum Auslaufen
der Emigration im Jahr 1931 knapp 102.000 Bulgaren und 53.000 Griechen.49
Die Zahl der abgewanderten Bulgaren überstieg damit jene der emigrier-
ten Griechen um fast das Doppelte. Die Entschädigung für zurückgelasse-
nes Eigentum entfiel in den meisten Fällen. Am einfachsten hatten es noch
Viehzüchter aus den Gebirgsregionen, die ihre Viehherden in Nacht- und
Nebelaktionen über die Grenze trieben. Doch Ackerbauern, Kaufleute und
Gewerbe­treibende gingen meistens leer aus. In Griechenland verhinderte die
völlige Überlastung des Staatshaushalts nach dem Abkommen von Lausanne
die geplante Entschädigung der Neuilly-Migranten, Bulgarien war nach dem
Ersten Weltkrieg ebenfalls völlig verarmt und konnte den Flücht­ligen kaum
helfen. Auf beiden Seiten der Grenze herrschte daher Not, Verbitterung und
auf bulgarischer Seite Revanchegelüste. Außerdem schränkte der Vertrag
von Neuilly die Rechte der noch verbliebenen Minderheiten ein. Die etwa
160.000 »Slawophonoi« in Griechenland wurden nur noch als sprachliche,

47 Vgl. zur demographischen Grenzsicherung Kontogiorgi, Population Exchanges,


S. 208.
48 Es handelte sich dabei um die nach ihrem Vorsitzenden benannte Rumboldt-Kom-
mission. Vgl. Nestor, Greek Macedonia, S. 181. Vgl. zu den vorhergehenden Zwischen­
fällen auch Kontogiorgi, Population Exchanges, S. 85.
49 Pentzopoulos und die ältere Literatur nennen niedrigere Zahlen von 83.000 Bulga-
ren und 53.000 Griechen.
Ethnische Säuberungen als Mittel der internationalen Politik (1912–1925) 95

nicht mehr als nationale Minderheit anerkannt.50 Trotzdem versuchten etliche


Bulgaren im Laufe der Jahre, in ihre alte Heimat zurückzukehren. Aber dies
war trotz der formal vorgeschriebenen Freiwilligkeit der Emigration, die
eigentlich eine Möglichkeit zur Rückkehr hätte einschließen müssen, aus-
geschlossen. Die weitere Existenz der Slawophonen in Griechenland belegt
jedoch, dass die Konvention von Neuilly noch keine flächendeckende oder
totale ethnische Säuberung nach sich zog. In Griechenland entsprach der An-
teil derer, die gehen mussten, und jener, die bleiben durften, in etwa den Ver-
hältnissen im Elsass.
Trotz der immensen Schwierigkeiten bei der Umsetzung des Abkommens
von Neuilly bewerteten die Zeitgenossen die Regelung positiv. Lord Cur-
zon, der damalige britische Außenminister, beurteilte den »Austausch von
Minderheiten« als gelungen und von »großer Bedeutung für den künftigen
Frieden auf dem Balkan.«51 Ähnlich äußerte sich der amerikanische Experte
für Minderheitenrechte auf der Pariser Friedenskonferenz, Manley Hud-
son und die türkische Zeitung Sabah.52 Der niederländische Politologe An-
dré ­Wurfbain, der sich als erster Wissenschaftler mit der Anwendung der
Konvention von Neuilly befasste, betonte zwar, dass die Regelung der »Ge-
schichte der zivilisierten Welt keine große Ehre gemacht habe«, sah darin
aber eine »Innovation« der internationalen Politik. Auch die griechische
Nachkriegsliteratur aus den 1960er Jahren bewertete die Homogenisierung
Nordgriechenlands positiv.53
Ähnlich wie im Elsass passte sich die verbliebene Minderheit in Griechen-
land äußerlich an. Das lag nicht zuletzt an den Kenntnissen über die kata-
strophale Lage in Bulgarien, wo die Flüchtlinge häufig in malariaverseuchten
Flusstälern und Küstenabschnitten angesiedelt wurden. Aber die Unzufrie-
denheit blieb groß und war eine der Ursachen, warum die so genannten »Sla-
wophonen« nach dem Zweiten Weltkrieg häufig die Kommunisten unter-
stützten. Diese punkteten nicht unbedingt mit ihren sozialrevolutionären
Zielen, sondern mit ihrem Internationalismus, der mehr Toleranz versprach
als der liberale Nationalstaat.
Es ist in der Literatur umstritten, inwieweit man die Konvention von
Neuilly als eine primär regionale Strategie zur Konfliktlösung oder als einen
internationalen Präzedenzfall betrachten soll. Der griechische Historiker

50 Wegen der griechischen Nationalitätenpolitik identifizierte sich in den Volkszäh-


lungen nur ein Teil der Minderheit. 1930 ergab die Zählung offiziell 82.000 Slawophone,
allerdings lag die tatsächliche Größe der Minderheit wohl etwa doppelt so hoch. Vgl. dazu
das achte Kapitel in Michaēlidēs, Metakinēsis Slavophōnōn, S. 219–242.
51 Zit. nach einer internen Stellungnahme von Curzon aus Frank, Expelling, S. 19.
52 Vgl. dazu Yıldırım, Diplomacy, S. 57.
53 Vgl. Wurfbain, L’échange Gréco-Bulgare, S. 12–13. Vgl. Pentzopoulos, The Balkan
exchanges; Nestor, Greek Macedonia.
96 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Dimitri Penzopoulos, der 1962 ein lange Zeit maßgebliches Buch über die
Bevölkerungsverschiebungen in Südosteuropa verfasst hat, neigt zur ersten
Sichtweise. Er stellt den Vertrag zwischen Griechenland und Bulgarien in
einen Zusammenhang mit den diversen Friedensabkommen nach den Bal-
kankriegen, insbesondere den Vertrag von Konstantinopel von 1913 und die
griechisch-türkischen Verhandlungen von 1914.
Doch de facto war die Konvention ein Bestandteil der Pariser Vorort-
verträge und wurde unter Federführung der westlichen Großmächte abge-
schlossen. Auch wenn die griechische Regierung auf eine Abwanderung der
Bulgaren im eigenen Land drängte, sind die Interessen der internationalen
Staatengemeinschaft, insbesondere Frankreichs und Englands nicht zu un-
terschätzen. Der britische Premier Lloyd George wollte seinen wichtigsten
Verbündeten in Südosteuropa nach innen und außen stabilisieren. Dazu war
die Bereinigung der Front im Norden ein willkommenes Mittel, die man Bul-
garien als einem der Verlierer des Weltkrieges aufzwingen konnte. Auf fran-
zösischer Seite spielte die grundsätzliche Abneigung gegen den Minderhei-
tenschutz eine zentrale Rolle.
Der von beiden Staaten geprägte Völkerbund setzte dann Mitte der 1920er
Jahre durch, dass die rechtsstaatlichen Elemente der Konvention von Neuilly
weitgehend aufgehoben und aus einer formal freiwilligen eine faktisch er-
zwungene Migration wurde. Obwohl die Zahl der Menschen, die ihre Hei-
mat verlassen mussten, im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung und der noch
verbleibenden Minderheiten relativ gering war, handelte es sich um eine mas-
senhafte, organisierte und zwanghafte ethnische Säuberung. Berücksichtigt
man ferner die Assimilationspolitik gegenüber den Slawophonen, dann war
die Zielsetzung dieser Politik total.

Das Abkommen von Lausanne

Mit dem Vertrag von Neuilly und dessen positiver Rezeption war der Weg
zum Abkommen von Lausanne vorgezeichnet. Kaum hatte Griechenland in
Makedonien und Thrakien seine Kriegsziele erreicht, eröffnete es in Klein-
asien eine neue Front. Mit britischer Billigung landeten griechische Truppen
im Mai 1919 in Smyrna – ein großer Schritt bei der Realisierung der »Me-
gali Idea«, eines Großgriechenlands beiderseits der Ägäis. Nach außen le-
gitimierte Griechenland die Expansion nach Osten mit der Existenz einer
starken griechischen Minderheit im westlichen Kleinasien und der Wieder-
herstellung der öffentlichen Ordnung. Der Premierminister Venizelos hatte
dabei nicht nur ein erheblich vergrößertes, sondern auch ein weitgehend ho-
mogenisiertes Großgriechenland vor Augen. 1919 plädierte er gegenüber der
London Times für einen »umfassenden und gegenseitigen Bevölkerungs-
Ethnische Säuberungen als Mittel der internationalen Politik (1912–1925) 97

transfer« mit der Türkei – selbstverständlich entlang einer für Griechenland


vorteilhaften Grenze. Dem Buch von Matthew Frank zufolge war dies zu-
gleich das erste Mal, dass der Begriff »Transfer« auf internationaler Ebene
verwendet wurde.54
Im Vertrag von Sèvres von 1920, der die Türkei wie von England ge-
wünscht auf ein Restgebiet in Anatolien reduzierte, war ein ähnlicher Pas-
sus über die Emigration von Minderheiten eingefügt wie im Abkommen von
Neuilly. Der Unterschied lag darin, dass sich Griechenland und die Türkei
auf keine Konvention wie zuvor Griechenland und Bulgarien verständigen
konnten. Deshalb sollten sich die beiden Länder gemäß Paragraph 143 des
Vertrags von Sèvres innerhalb von sechs Monaten auf eine »gegenseitige und
freiwillige Emigration« ihrer Minderheiten entlang der neuen Grenze eini-
gen. Ehe es zur Umsetzung kam, brach jedoch ein neuer Krieg aus.
1921 zog die griechische Armee mit erneuter britischer Billigung ins In-
nere Anatoliens, wo sie eine Spur der Verwüstung hinterließ. Der amerika-
nische Leutnant A. S. Merrill, der im Auftrag der US-Regierung den Kon-
flikt in Kleinasien beobachtete, notierte in sein Kriegstagebuch: »As the
Greeks advanced from Smyrna, they destroyed, robbed, and burned villages
and drove the Turks into exile, and the Turks, whenever they had a chance,
retaliated.«55 Dieser in seiner Zielsetzung und Ausführung koloniale Krieg
provozierte allerdings energischen Widerstand. Kemal Pascha, der spätere
Atatürk, mobilisierte die türkische Bevölkerung Anatoliens und vor allem
die Flüchtlinge aus dem westlichen Kleinasien für einen Verteidigungskrieg.
Dagegen sank bei der griechischen Armee wegen ausbleibender Besoldung
und Schwierigkeiten mit dem Nachschub die Moral. Im August 1921 schlug
Kemal Pascha die griechische Armee 70 Kilometer vor Ankara vernichtend.
Vor der Gegenoffensive flohen dann nicht nur die griechischen Truppen, son-
dern fast alle christlichen Zivilisten. Einerseits befürchteten sie ein Schicksal
wie das der Armenier 1915, andererseits ließ ihnen die Taktik der verbrann-
ten Erde beim Rückzug der Armee kaum eine Wahl.56

54 Gegenüber der Times schlug Venizelos wörtlich einen »wholesale and mutual
transfer of populations« vor. Zit. nach Frank, Expelling, S. 19. Ob es sich um die erste Ver-
wendung dieses Begriffs handelte, lässt Frank eigenartigerweise offen, aber es ergibt sich
aus seinem Buch.
55 Der Bericht vom 14.8.1922 ist überliefert in dem Bestand »The Armenian Genocide
in the U. S. Archives, 1915–1918 (fortan AGUSA), Mikrofiche 337, Bl. A6 des Kriegstage-
buches. Vgl. zu den Ausschreitungen zu Beginn des Krieges die Berichte einer inter-alli-
ierten Untersuchungskommission, die in einer vom türkischen Außenministerium beauf-
tragten und entsprechend einseitigen Publikation dokumentiert sind, Çağrı Erhan, Greek
Occupation of Izmir and Adjoining Territories. Report of the Inter-Allied Commission of
Inquiry (May–September 1919), Ankara 1999.
56 Vgl. dazu erneut das Kriegstagebuch von Merrill in: AGUSA, hier Bl. A7, B9 und
D12.
98 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Kemal Pascha und die neue türkische Staatsführung hatten nie einen Hehl
daraus gemacht, dass sie das Abkommen von Sèvres samt dem darin vorge-
schriebenen Minderheitenschutz ablehnten. Das lag nicht nur am konkre-
ten Konflikt um das westliche Kleinasien, sondern entsprach der grundsätz­
lichen Einstellung des künftigen Atatürk, den das französische Gymnasium
in Saloniki zu einem Verehrer einer unitären und zentralistischen Repu-
blik erzogen hatte. Es ist umstritten, inwieweit die türkische Militärfüh-
rung während des Feldzugs in Kleinasien ethnische Säuberungen anord-
nete. Jüngere Forschungen und die Biographie von Klaus Kreiser deuten
in diese Richtung.57 Der bereits zitierte US-Leutnant Merrill notierte fol-
gende Eindrücke über die türkische Einstellung gegenüber den Minderhei-
ten: »Their slogan is »Turkey for the Turks«. They consider that all their
troubles during the past 40 years can be attributed to the propaganda spread
by the Christain minorities and that their only solution is to remove these
minorities.«58
Als die türkischen Truppen im September 1922 in Smyrna/Izmir einrück-
ten, waren dort bereits Hunderttausende von Flüchtlingen eingetroffen. Mit
dem Einmarsch begannen Ausschreitungen, an denen sich vor allem parami-
litärische Einheiten beteiligten. Frauen wurden vergewaltigt, Menschen auf
offener Straße erschlagen, der griechisch-orthodoxe Metropolit Chrysosto-
mos gelyncht.59 Es gab zwar im Unterschied zu einem Genozid keine weit-
läufigen Massaker,60 aber die symbolische Gewalt gegen die Elite der Minder-
heit und ihre Kirchen verdeutlichte den Griechen von Smyrna, dass dort ihre
letzte Stunde geschlagen hatte.
Tragischer Höhepunkt des griechisch-türkischen Krieges war der große
Brand von Smyrna, dem das griechische und armenische Viertel zum Opfer
fielen. Mit Ernest Hemingways Kurzgeschichte »On the Quai of Smyrna«
ging diese Katastrophe in die Weltliteratur ein, wobei sich der Schriftstel-
ler zum Zeitpunkt des Brands gar nicht in der Stadt aufhielt. Aber die Ge-
schichte vom großen Feuer, den toten Babies in den Armen flüchtender
Mütter, Mensch und Tier, die sich verzweifelt ins Wasser stürzten und
der dazu erklingenden Tanzmusik gehört zu den europäischen Erinnerungs-
orten des 20. Jahrhunderts. Die Vorlage zu Hemingways Kurzgeschichte

57 Klaus Kreiser, Atatürk. Eine Biographie, München 2008, S. 172.


58 AGUSA, Mikrofiche 337, Bl. D6
59 Vgl. zu den Vergewaltigungen und Zwangsprostitution den Bericht eines weiteren
US-Marinesoldaten in AGUSA, Microfiche 47 (Eintrag vom 4.3.1923, S. 4)
60 Vgl. dazu den zusammenfassenden Bericht des US-Admirals und Hochkommis-
sars Mark Bristol vom 3.10.1922 in AGUSA, Mikrofiche 159 (»as far as I have been able to
learn, there was in Smyrna no ›massacre‹, if by that one understands wholesale killing of
men, women and children in a given quarter by armed men«).
Ethnische Säuberungen als Mittel der internationalen Politik (1912–1925) 99

findet sich in den Berichten des Marineleutnants Merritt: »The entire city was
ablaze and the harbor was light as day. Thousands of homeless refugees were
surging back and forth on the blistering quay – panic stricken to the point
of insanity. The hearthreading shrieks of women and children were painful
to fear. In a frenzy they would throw themselves in the water – and some
would reach the ship. The attempt to land a boat would have been disastrous.
Several boats tried it and were immediately swamped by the mad rush of a
howling mob.«61
Durch den Untergang von Smyrna, einem Fanal für das Jahrhundert der
ethnischen Säuberungen, spitzte sich die Situation weiter zu. Nun waren
nicht nur die Flüchtlinge aus dem Inland, sondern auch die christliche Bevöl-
kerung der Stadt obdachlos. Hunderttausende warteten wie zehn Jahre zu-
vor die muslimischen Flüchtlinge in Saloniki auf ihren Abtransport über das
Meer. Im Gegensatz zu damals verbreiteten ausländische Medien die Kunde
von der Katastrophe in der gesamten Welt. Die Öffentlichkeit in den USA,
England und anderen Ländern war schockiert.
Veranlasst durch das Flüchtlingsdrama entschied sich die interna­tionale
Staatengemeinschaft für eine Intervention. Die Großmächte schickten Schiffe,
um Flüchtlinge aufzunehmen und nach Griechenland zu bringen und son-
dierten Anfang Oktober über den Hochkommissar der Alliierten in Istan-
bul, ob sich die türkische Regierung auf einen Bevölkerungsaustausch einlas-
sen würde.62 Die Türkei stimmte schließlich einer Friedenskonferenz unter
Federführung der Großmächte in der neutralen Schweiz und einem soforti-
gen Waffenstillstand zu.
Man könnte die Konferenz von Lausanne als Fortsetzung der bilateralen
griechisch-türkischen Verhandlungen von 1914 betrachten, aber der ent-
scheidende Unterschied lag in der Verhandlungsführung der Großmächte
und dem Vorbild der Verträge von Neuilly und Sèvres.63 Beide Pariser Vor-
ortverträge enthielten Regelungen für eine massenhafte Auswanderung von
Minderheiten. Nüchtern betrachtet bekam Griechenland 1923, was es seit
1919 gefordert und im Abkommen von Sèvres nahezu erreicht hatte: eine
ethnisch konsolidierte Ostgrenze. Diese verlief lediglich auf einer anderen
Linie als es sich Venizelos und seine ungeschickten Nachfolger vorgestellt
hatten.
In der westlichen Literatur wird der Brand von Smyrna häufig zum An-
lass genommen, der Türkei oder gleich den Türken die »Erfindung« ethni-

61 AGUSA, Mikrofiche 337, Bl. C12. Vgl. auch die trockenere Beschreibung der Tra-
gödie in AGUSA, Mikrofiche 159, S. 27–29.
62 Vgl. Kontogiorgi, Population Exchanges, S. 58.
63 Vgl. Lausanne Conference on Near Eastern Affairs 1922–1923, Records of Proceed­
ings and Draft Terms of Peace, London 1923, S. 115.
100 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

scher Säuberungen zur Last zu legen.64 Doch aus dem Protokoll der Verhand-
lungen in Lausanne geht eindeutig hervor, dass es Lord Curzon war, der den
beiden Kriegsgegnern einen »Austausch der Bevölkerung« vorschlug und
diesen Begriff prägte. An anderer Stelle sprach der britische Außenminister
davon, die Bevölkerungen zu entmischen (»to unmix the populations of the
Near East« – man beachte dabei den universalisierenden Plural). Der Leiter
der türkischen Delegation in Lausanne, Ismet Pascha, gab sich überrascht,
dass dieser Punkt auf die Tagesordnung gesetzt wurde.65 Der griechische
Verhandlungsführer – dazu wurde nach dem Desaster in Kleinasien der er-
fahrene Venizelos ernannt – wollte wenigstens durchsetzen, dass der Bevöl-
kerungsaustausch auf freiwilliger Basis erfolgte und wiederholte damit seine
Position aus den griechisch-türkischen Verhandlungen von 1914.
Curzon beharrte aber bei der entscheidenden Sitzung der »Territorial
und Military Commission« vom 1. Dezember 1922 darauf, dass der Transfer
nicht freiwillig sein könne, sondern auf Zwang (compulsion) beruhen müs-
se.66 Der Verlauf der Debatte ist für die Erinnerung an ethnische Säuberun-
gen nicht zuletzt deshalb von Interesse, weil Curzon später der türkischen
Seite die einseitige Vertreibung von Minderheiten vorwarf und sich von der
Idee des Bevölkerungsaustauschs distanzierte. »For his own part«, so gibt
es das Protokoll der nächsten, 14 Tage späteren Sitzung wieder, »he deeply
­regretted that the solution now being worked out should be the compulsory
exchange of populations – a thoroughly bad and vicious solution, for which
the world pay a heavy penalty for a hundred years to come.«67 Diese Äuße-
rung ­Curzons findet sich heute in unzähligen Publikationen wieder und er-
scheint wie eine Ehrenrettung der britischen Verhandlungsführung, des Völ-
kerbunds und seiner Vermittlungsleistung.68 Es war aber wie dargestellt
Curzon, der in Lausanne im entscheidenden Moment für einen erzwungenen
Bevölkerungsaustausch eintrat.
Dabei spielte die britische Erfahrung in den Kolonien eine Rolle. Curzon,
der ab 1899 sechs Jahre lang als Vizekönig von Indien amtierte, veranlasste
1905 die Teilung Bengalens zwischen mehrheitlich muslimischen und hindu-
istischen Regionen. Einige Jahre nach der Rückkehr Curzons nach London
wurde diese Maßnahme aufgrund massiver Proteste zurückgenommen, aber
die Idee der »Partition« blieb präsent – mit fatalen Auswirkungen in den Jah-

64 Vgl. dazu neben der griechischen Literatur Naimark, Flammender Hass, S. 72, wo-
nach die Türken in Lausanne auf einem zwangsweisen Austausch bestanden.
65 Lausanne Conference, S. 118; Yıldırım, Diplomacy, S. 61 und 68. Yıldırım betont
zugleich den griechisch-türkischen Konsens in dieser Frage (S. 39).
66 Siehe Lausanne Conference, S. 120.
67 Ebd., S. 212.
68 Vgl. z. B. den Eintrag in http://de.wikipedia.org/wiki/Vertrag_von_Lausanne [15.3.
2009]; Naimark, Flammender Hass, S. 73.
Ethnische Säuberungen als Mittel der internationalen Politik (1912–1925) 101

ren 1946/47.69 In Europa bekannter ist die Grenzlinie in Ostgalizien, die Cur-
zon als britischer Außenminister im Juli 1920 zur Beendigung des Krieges
zwischen Polen und der Sowjetunion einbrachte.70 Obwohl Curzon mit den
lokalen Verhältnissen kaum vertraut war, schlug er im Südosten eine nahezu
schnurgerade Trennlinie vor, die 1943/44 den polnisch-sowjetischen Grenz-
verlauf vorherbestimmen sollte. Man kann Curzon weder in Bengalen noch
in Ostgalizien eine Urheberschaft für spätere ethnische Säuberungen ent-
lang der von ihm gezogenen Grenzen vorwerfen, wohl aber die Unkenntnis
der lokalen Siedlungsstrukturen. Bezeichnenderweise kam die Lösung mit
dem Lineal nur in Gebieten zur Anwendung, die als rückständig betrach-
tet wurden. Das Prinzip der Partition beinhaltete die Aufteilung politischer
Souveränität anhand ethnisch legitimierter geographischer Trennlinien. Der
Machtkampf verschiedener ethnischer Gruppen oder Nationen wurde damit
territorialisiert und nicht etwa entschärft.
Mit der Formel des Bevölkerungsaustauschs wurde in Lausanne eine Zwei-
seitigkeit vorgetäuscht, die wie im Abkommen von Neuilly nur auf dem Pa-
pier stand, aber Gerechtigkeit und Machbarkeit suggerierte. Die gesamten
Verhandlungen im Winterhalbjahr 1922/23 waren von einem technokra­
tischen Duktus durchzogen, der sich erneut nur durch Unkenntnis der loka-
len Verhältnisse erklären lässt. Der Kommissar des Völkerbunds für Flücht-
lingsfragen, Fridtjof Nansen, gab sich optimistisch, dass die im Winter
»ausgetauschten« Griechen und Türken bereits im Frühjahr die Felder be-
stellen würden. Er und Curzon warben daher für einen »sofortigen und effi-
zienten Austausch«.71 Dass der Baumwollanbau in Makedonien und die Pro-
duktion von Rosinen bei Izmir verschiedene Qualifikationen erforderte, kam
den Verhandlungsführern nicht in den Sinn.
Die unterzeichnenden Länder und Mächte legitimierten den Vertrag von
Lausanne als »wahre Befriedung« (true pacification).72 Außerdem brachten
die beteiligten Staaten zu ihrer moralischen Entlastung vor, Lausanne habe
bloß eine Massenflucht bestätigt. De facto erweiterten die Beschlüsse aber
die Arena ethnischer Säuberungen. Obwohl der griechisch-türkische Krieg
nur das westliche Kleinasien betroffen hatte, erfasste das Abkommen Ge-
biete fernab der Kampfhandlungen, so etwa entlang der Schwarzmeerküste
und im anatolischen Hochland. Nur Westthrakien und Istanbul blieben von
dem »Bevölkerungsaustausch« verschont, wovon neben den Griechen vor

69 Vgl. zur Teilung Bengalens die Quellendokumentation von Nityapriya Ghosh,


­Ashoke Kumar Mukhopadhyay, Partition of Bengal. Significant Signposts, 1905–1911,
Kolkata 2005.
70 Vgl. zur Curzon-Linie in Ostgalizien Norman Davies, God’s Playground. A His­
tory of Poland, vol II., 1795 to the Present, New York 1982, S. 504.
71 Lausanne Conference, S. 115.
72 Lausanne Conference, S. 114.
102 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

allem die Armenier in der damaligen Hauptstadt der Türkei profitierten. Sie
stellen dort bis heute trotz des Genozids von 1915 eine substantielle Minder-
heit. Doch insgesamt 700.000 Menschen verloren erst nach dem Abschluss
des Abkommens von Lausanne ihre Heimat. Als sich die Nachrichten über
das Resultat der Konferenz in Griechenland und in der Türkei verbreiteten,
reagierten die betroffenen Minderheiten mit Protesten und Demonstratio-
nen.73 So angespannt die Verhältnisse sein mochten, wollten offenbar nur die
Wenigsten ihre Heimat und ihr Hab und Gut zurücklassen. Der Widerstand
half aber nichts, denn im Abkommen von Lausanne war der Zwangscharak-
ter und die Ausnahmslosigkeit der Migration festgelegt.
Obwohl das Abkommen zunächst vor allem den Flüchtlingen helfen
sollte, verbesserte sich die humanitäre Lage in vielen Gegenden nicht. Vor
dem Abtransport wurden die Flüchtlinge häufig misshandelt und ausgeraubt.
Entgegen allem technokratischen Optimismus fehlten 1923 an der Schwarz-
meerküste Schiffe für den Abtransport. In Griechenland mangelte es an La-
gern und Unterkünften für die Aufnahme. Der »Bevölkerungsaustausch«,
der den Zahlen nach ohnehin keiner war, verzögerte sich. Ein Leutnant der
US-Marine, der Anfang 1923 in Trabzon unterwegs war, berichtete von ent-
setzlicher Not. »That sickness is general, is shown clearly by the fact that lit-
ters of the dead are passing through the streets, many that are ill and unable
to walk are being carried on the backs of their relatives, many are huddled
in filth and squalor by the roadside with evidence of extreme illness and ex­
pression of pain in their faces and their audible groan add to the din and con-
fusion. Many of the adults and most of the children are undernourished, skin
condition, scabies and so forth are general.«74
Auch nach der Ankunft in Griechenland herrschte extremes Elend. Noch
1926 stellte die Griechische Flüchtlingskommission in einem Bericht an den
Völkerbund fest: »On the humanitarian side imagination cannot encom-
pass the event. Only those can make the effort of understanding who have
seen destituition, misery, disease, and death in all their possible forms, and
the scale of desaster was so unprecedented as to demand from even such per-
sons a new vision.«75 In einem Bericht für die Zeitschrift Foreign Affairs
hieß es trockener: »the refugees … maintaineed a fox-like existence in tents,
­wooden baracks, shelters or twigs, or of turf, even in caves.«76

73 Vgl. Kontogiorgi, Population Exchanges, S. 64; Yıldırım, Diplomacy, S. 79. Vgl.


dort (S. 3) auch die Zahl der erst nach dem Abkommen entwurzelten Bevölkerung.
74 AGUSA, Microfiche 47, File 131 (Bericht des Leutnants H. E. Gardner).
75 Greek Refugee Settlement, Geneva: Publications of the League of Nations, 1926,
S. xv.
76 Zit. nach Yıldırım, Diplomacy, S. 55.
Ethnische Säuberungen als Mittel der internationalen Politik (1912–1925) 103

Es gibt keine verlässlichen Opferzahlen des griechisch-türkischen Krie-


ges und der damit einhergehenden ethnischen Säuberungen, aber allein nach
der Ankunft in »ihrem« Nationalstaat starben gemäß den amtlichen grie-
chischen Statistiken 75.000 Menschen an Mangelernährung, Epidemien und
Seuchen.77 Während des Krieges dürfte die Zahl der Opfer unter den Flücht-
lingen deutlich höher gelegen haben. Wogegen nach dem Abkommen von
Neuilly fast zwei Drittel der bulgarischen Minderheit in ihrer Heimat blei-
ben konnten, war der in Lausanne sanktionierte »Bevölkerungsaustausch«
abgesehen von den Ausnahmen in Istanbul und Westthrakien total. Die Tür-
kei galt fortan als homogener Nationalstaat, in Makedonien stieg der grie-
chische Bevölkerungsanteil von 43 Prozent im Jahr 1913 auf fast 90 Pro-
zent im Jahr 1926. Außerdem mussten sich Griechenland und die Türkei
im Abkommen von Lausanne zu keiner Anerkennung nationaler Minder-
heiten verpflichten. In Griechenland ging dies vor allem zu Lasten der sla-
wophonen Bevölkerung, die nur als sprachliche Minderheit galt, in der
Türkei, wo nur religiöse Minderheiten berücksichtigt wurden, zu Lasten
der Kurden.
Ebenso gravierend waren die Folgen für die Staatsbudgets und Volkswirt-
schaften. Griechenland war mit den insgesamt etwa 1,5 Millionen Flüchtlin-
gen (offiziell erfasste das Abkommen von Lausanne 1.221.849 Griechen), die
ein Viertel der Gesamtbevölkerung stellten, hoffnungslos überfordert. Das
Land blieb bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges auf internationale
Hilfsprogramme, Kredite und Lebensmittelspenden angewiesen.
Außerdem kam es zu massiven Spannungen mit der einheimischen Bevöl-
kerung. Noch Jahre nach ihrer Ankunft wurden Flüchtlinge verprügelt und
von Feldern gejagt, die sie bewirtschaften wollten, ein griechischer Politiker
schlug sogar vor, sie mit gelben Armbändern zu kennzeichnen.78 Die Kon-
flikte zwischen Einheimischen und Flüchtlingen, von denen viele weiterhin
auf Türkisch verkehrten, gehören zu den Auslösern des Bürgerkrieges von
1945–1949. Griechische Politiker versuchten diese innergesellschaftlichen
Konflikte bis Ende des 20. Jahrhunderts zu überdecken, indem sie das Feind-
bild der Türkei hochhielten und die Erinnerung an den Brand von Smyrna
pflegten. In der Türkei waren die volkswirtschaftlichen Lasten und Schä-
den ebenfalls beträchtlich. Die Aufnahme war einfacher zu bewältigen, weil
in absoluten Zahlen und im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung weit weni-
ger Flüchtlinge ankamen. Aber dem Land fehlte die Schicht der griechischen
Kaufleute und Unternehmer, die Landwirtschaft rund um Izmir litt erheb-
lich. Die 355.635 Muslime, die nach dem Lausanner Abkommen offiziell in

77 Kontogiorgi, Population Exchanges, S. 73.


78 Vgl. dazu ebd., S. 187. Siehe zu den anderen Zwischenfällen S. 174–175 und 182.
104 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

die Türkei kamen, konnten die vertriebenen Griechen wirtschaftlich in kei-


ner Weise ersetzen.
Wie kam es, dass die Konferenz von Lausanne dennoch bald als Erfolg ver-
standen wurde? Ein Teil der Erklärung erschließt sich aus der Lektüre der zeit-
genössischen westlichen Presse. Curzon distanzierte sich zwar formelhaft von
den massenhaften Vertreibungen, verwies aber auf den Frieden, der habe er-
reicht werden können.79 Er zählte außerdem im Herbst 1923 in einer ausführ-
lichen Rede vor dem Parlament die Vorteile für England auf, den freien Zu-
gang zum Schwarzen Meer, die »Befreiung« (sic) der arabischen Gebiete des
Osmanischen Reiches und das gewachsene Prestige der Briten als Verhand-
lungsführer. Auf das Schicksal der griechischen Flüchtlinge und die gesamte
humanitäre und wirtschaftliche Katastrophe ging er mit keinem Wort ein.
Die angeblich friedensstiftende Wirkung des Lausanner Abkommen stei-
gerte sich zum Mythos, als Griechenland und die Türkei 1930 ein Freund-
schaftsabkommen abschlossen, auf das in der Tat ein Jahrzehnt lang so gute
Beziehungen zwischen beiden Ländern folgten wie nie zuvor. In der Tür-
kei, die mit dem Friedensvertrag von 1923 die volle Souveränität erringen
konnte, avancierte Lausanne zu einem nationalen Erinnerungsort, nach dem
unzählige Straßen und Plätze benannt sind. In Griechenland wurden die
äußere Dimension von Lausanne und die Vertreibung aus Kleinasien als na-
tionale Katastrophe empfunden. Aber es entwickelte sich rasch ein Konsens
in Bezug auf die Homogenisierung Nordgriechenlands. Dass diese Region
fast frei von Minderheiten wurde, finden bis heute alle griechischen Parteien
von links bis rechts gut. Dimitri Pentzopoulos präsentierte diesen Konsens
in seinem einflussreichen Buch von 1962 auf wissenschaftlichem Niveau.
Er verwies mit Bezug auf die Sudetendeutschen auf die Gefahr, die Min-
derheiten für einen Nationalstaat darstellen können.80 Er führte weiter aus:
»­National homogeneity, therefore, is considered a great advantage, intimately
connected with the power of the state. Assuming the validity of this line of
thought, it is evident that the exchange of populations produces immediately
one desireable goal: it eliminates the heterogenous element of a country.«81
Auch in wirtschaftlicher Hinsicht verwies Pentzopoulos auf die positiven
Folgen von Lausanne. Er betonte ähnlich wie griechische, englische und ame-
rikanische Beobachter Ende der 1920er Jahre, dass die Flüchtlinge wesentlich
zur wirtschaftlichen Entwicklung und Urbanisierung Griechenlands bei-

79 Vgl. den Rückblick von Curzon auf den Vertrag von Lausanne in The Times,
6.10.1923, S. 16, »Our Foreign Policy. Lord Curzon’s Speech.«
80 Pentzopoulos, The Balkan Exchange, S. 125.
81 Ebd., S. 126. Den Mythos der Homogenität widerlegte Anastasia Karakasidou,
Fields of Wheat, Mills of Blood. Passages to Nationhood in Greek Macedonia, 1870–1990,
Chicago 1997.
Ethnische Säuberungen als Mittel der internationalen Politik (1912–1925) 105

getragen hätten.82 Gelegentlich wurden sogar Vergleiche zu den Hugenot-


ten und ihrem Beitrag zum Aufstieg Preußens bemüht. Der Völkerbund wie-
derum brüstete sich 1928 mit den Erfolgen bei der Flüchtlingsfürsorge. Die
Versorgung und Unterbringungen der Massen habe erwiesen, dass »die wis-
senschaftliche Behandlung eines Migrationsproblems« bei entsprechender
internationaler Unterstützung gelingen könne.83
Eliminierung von Heterogenität, Wissenschaftlichkeit, Fortschritt, Wirt-
schaftswachstum – all diese bis weit in die Nachkriegszeit gängigen Schlag-
worte belegen die Wirkungsmacht der europäischen Moderne. Wer wie
Pentzopoulos ethnische Homogenität als Voraussetzung für die politische
Stabilität eines Nationalstaates ansieht, wird deren Folgen positiv beurtei-
len. Dass ein Zuwachs an Bevölkerung einen wirtschaftlichen Entwicklungs-
schub nach sich bringt, ist ebenso naheliegend.
In einer Longue durée-Perspektive betrachtet ist es jedoch fraglich, ob das
Abkommen von Lausanne Griechenland und seine Beziehungen zur Türkei
tatsächlich stabilisiert hat. Die staatliche Assimilations- und Ansiedlungs-
politik war einer der Gründe, warum die Kommunisten im Bürgerkrieg von
1946 bis 1949 gerade unter der slawophonen Minderheit Zulauf fanden. Die
von den kleinasiatischen Flüchtlingen bewohnten Elendsviertel in den Groß-
städten gehörten auf lange Zeit zu den Unruheherden in Griechenland.84
Auch in der Türkei gärte es, viele der auf dem Land angesiedelten Flüchtlinge
fassten dort schwer Fuß und wanderten in die Großstädte ab.
Schließlich zeigte sich nach 1945 in Griechenland und der Türkei, dass die
Utopie der ethnischen Reinheit eine weiter gehende Verfolgung von Minder-
heiten nach sich ziehen kann. Die Angehörigen der slawophonen Minderheit
wurden im Rahmen des Bürgerkrieges größtenteils aus Griechenland vertrie-
ben, sofern sie sich nicht völlig assimiliert hatten. Die 125.000 in Istanbul ver-
bliebenen Griechen wanderten nach dem Pogrom von 1955 (der so genannten
»Septembrianá«) größtenteils aus. Die außenpolitische Annäherung der Tür-
kei und Griechenlands war nur von begrenzter Dauer. Beide Länder fielen in
der Nachkriegszeit trotz der gemeinsamen Mitgliedschaft in der NATO
in das Muster der Erbfeindschaft zurück. Schließlich scheint die »Konsoli-
dierung des Hellenismus« in Makedonien, die Pentzopoulos so schätzt, bis
heute brüchig zu sein. Als die ehemalige jugoslawische Teilrepublik Make-
donien 1992 unabhängig wurde, gab es südlich der Grenze Demonstratio-
nen gegen den Namen des Staates. Griechenland blockierte sogar den Han-

82 Frank, Expelling, S. 23, zitiert diese Literatur


83 Vgl. zur fast ausnahmslos positiven zeitgenössischen Bewertung von Lausanne
Frank, Expelling, S. 25
84 Vgl. zu den Sympathien mit den Kommunisten unter den Flüchtlingen Pentzo­
poulos, The Balkan Exchange, S. 190–195.
106 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

del des jungen Staates und dessen Aufnahme in die Nato. Demnach genügte
bereits eine symbolische Reminiszenz an das alte Makedonien, um umfang­
reiche Ängste vor slawischen Ansprüchen auf griechisches Territorium zu
wecken. Diese Abwehrreaktionen deuten darauf hin, wie tief die Traumata
der Flucht und der äußerst mühsamen Integration sitzen. Dies betrifft nicht
nur die eigent­lichen Flüchtlinge, sondern auch deren Nachkommen und ge-
nerell die Gesellschaften in ethnisch gesäuberten Regionen.

Zusammenfassung

Die erste Periode ist somit von einer Ausweitung ethnischer Säuberungen auf
mehreren Ebenen geprägt. Erstens nahm die Größe der betroffenen Gebiete
dramatisch zu. Während es 1913 nur um kleine Grenzstreifen ging, erfass-
ten die 1919 und 1923 vereinbarten Zwangsaussiedlungen bereits größere Re­
gionen und schließlich zwei komplette Nationalstaaten. Die Zahl der Betrof-
fenen lag bei insgesamt etwa 2,8 Millionen, die sich chronologisch geordnet
folgendermaßen verteilen: Ethnische Säuberungen infolge der Balkankriege
890.000, Épuration im Elsass 150.000, Abkommen von Neuilly 156.000 und
Abkommen von Lausanne 1.577.000 Menschen. Bei all diesen Angaben han-
delt es sich um konservative Schätzungen, die nur auf offiziell registrierten
Flüchtlingen beruhen. Außerdem sind weder Grenzfälle ethnischer Säube-
rungen während des Ersten Weltkrieges noch die Migrationen infolge der
Etablierung einer nationalstaatlichen Ordnung nach 1918 inbegriffen, ferner
bleibt der Genozid an den Armeniern ausgespart. Würde man den Begriff der
ethnischen Säuberungen weiter fassen, ergäbe sich eine doppelt so hohe Zahl.
Die geographische Ausweitung war weniger den vorhergehenden Krie-
gen geschuldet, sondern vielmehr ein Resultat diplomatischer Konsulta­
tionen. Rational geführte Verhandlungen bremsten ethnische Säuberungen
nicht, sondern ließen sie ausufern. Zweitens ist eine zunehmende Totalität
ethnischer Säuberungen zu beobachten. Während im Elsass oder nach dem
Abkommen von Neuilly nur etwa ein Drittel der jeweiligen Minderheit die
Heimat verlassen musste, war der Bevölkerungsaustausch gemäß dem Ab-
kommen von Lausanne total. Jeder Angehörige der Minderheit sollte erfasst
werden. Es wurde für Individuen immer schwieriger, sich dem Zugriff der se-
lektierenden Behörden zu entziehen – etwa durch eine nationale Konversion.
Auch dies war keinem irrationalen Hass geschuldet, sondern einem planvol-
len Vorgehen.
Die Regelungen zur Freiwilligkeit, die das Abkommen von Neuilly ur-
sprünglich enthielt und die die Abwanderung von Minderheiten ungewollt
gebremst hatten, wurden immer weniger beachtet und in Lausanne kom-
plett aufgegeben. Analog dazu veränderten sich auf internationaler Ebene die
Ethnische Säuberungen als Mittel der internationalen Politik (1912–1925) 107

Prio­ritäten zwischen dem Schutz und der Dezimierung von Minderheiten.


Bezeichnend ist dabei, dass beide Vorgehensweisen nicht einmal als Wider-
spruch verstanden wurden. Die »freiwillige Emigration« im Abkommen von
Neuilly und Sèvres war Teil des Kapitels zum Minderheitenschutz. Die Dy-
namik von der Freiwilligkeit zum Zwang betraf sowohl die Anwendung ein-
zelner Verträge, als auch die Entwicklung von Abkommen zu Abkommen.
Schließlich ließen die Großmächte und die beteiligten Staaten das Prinzip
der Gegenseitigkeit fallen. In jedem hier analysierten Fall wanderten erheb-
lich mehr Angehörige von Minderheiten in die eine als in die andere Richtung
ab. In Neuilly lag das Verhältnis zwischen bulgarischen und griechischen
»Emigranten« bei fast zwei zu eins (103.000 vs. 53.000), in Lausanne das der
Griechen und der Türken (laut Vertrag der Christen und Muslime) bei drei
zu eins (1,2 Millionen vs. 350.000).85 Dennoch sprachen die Großmächte und
die beteiligten Staaten weiterhin von einer »gegenseitigen Emigration« und
einem »Bevölkerungsaustausch«, schließlich sogar von einer »Entmischung«.
Diese technokratischen Begriffe sind zwar irreführend, erhöhten aber die
Akzeptanz derartiger Zwangsmaßnahmen.
Von den rechtsstaatlichen Elementen der genannten Verträge blieb nur der
Schutz des Eigentums unangetastet. Doch die lokalen Verhältnisse vor dem
Verlassen der Heimat und nach der Ankunft in den »externen« Nationalstaa-
ten verhinderten in den meisten Fällen eine Entschädigung. In der Regel wa-
ren ethnische Säuberungen daher mit einer völligen Verarmung der Betroffe-
nen verbunden. Das lag nicht nur an der gezielten Beraubung der Flüchtlinge
durch Behördenvertreter oder Anwohner, sondern an der Ortsgebundenheit
vieler Wirtschaftsformen. Ein Handwerksbetrieb oder ein Geschäft läuft
nicht einfach weiter, wenn man die alten Inhaber vertreibt und neue Besit-
zer installiert. Auch die Landwirtschaft ist von lokalen Bedingungen und
Kenntnissen abhängig. Die in den Pariser Vorortverträgen beschlossenen Be-
völkerungsverschiebungen mussten daher zu gewaltigen Verlusten führen.
Die detaillierten Regelungen zum Eigentum in den Verträgen von Neuilly
und Lausanne suggerierten aber, dass sich materielle Güter und menschliches
Kapital problemlos und gesetzestreu transferieren lassen.
Die Verträge bewahrten einerseits die Flüchtlinge vor noch schlimmeren
Zuständen während ihrer erzwungenen Migration. Daher sind international
geregelte »Bevölkerungstransfers« grundsätzlich und in ihrer Anwendung
von Flucht und einseitigen Vertreibungen zu unterscheiden. Andererseits er-
höhte die Verrechtlichung ethnischer Säuberungen die Legitimität und die
Akzeptanz für derart radikale Lösungen auf nationaler und internationaler
Ebene. Dementsprechend prägten nicht das Leid und Elend der Flüchtlinge

85 In Brandes u. a. (Hg.), Lexikon der Vertreibung werden höhere Zahlen genannt.
Vgl. dort S. 273 und 387–388.
108 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

die Erinnerung an Lausanne, sondern die Idee einer rationalen und finalen
Lösung, die Utopie der Machbarkeit und die Chimäre der Friedensstiftung.
Darin lag das eigentliche Verhängnis dieses Abkommens und der gesamten
ersten Periode ethnischer Säuberungen.

3.2 Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944)

Vom Münchner Abkommen


bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges

Das Münchner Abkommen von 1938 steht in der europäischen Geschichte


symbolisch für das gescheiterte Appeasement Hitlers und den moralischen
Bankrott der westeuropäischen Demokratien. Weniger beachtet wird die
einschneidende Bedeutung des Abkommens für die Geschichte nationaler
Minderheiten und ethnischer Säuberungen. Die Einigung Großbritanniens,
Frankreichs, Italiens und Deutschlands auf Kosten der Tschechoslowakei ba-
sierte auf einem Konsens, dass in Europa staatliche und ethnische Grenzen
künftig übereinstimmen sollten. Bereits ein halbes Jahr vor dem Abkommen
hatten hochrangige französische und britische Politiker Deutschland und der
Tschechoslowakei Vorschläge für einen »Bevölkerungsaustausch« unterbrei-
tet, wonach die deutschen Sprachinseln im Inneren des Landes aufgelöst und
dafür ein Teil der Grenzgebiete an Deutschland abgetreten werden sollte. 86
Allerdings entsprachen bilaterale Bevölkerungsverschiebungen im Herbst
1938 nicht mehr den realen Machtverhältnissen zwischen dem übermächti-
gen Deutschland und der kleinen Tschechoslowakei.
Das Münchner Abkommen erwähnte die deutschen Siedlungsinseln im
Landesinneren Böhmens nicht mehr, sondern legte nur die Abtretung aller
Gebiete mit einem deutschen Bevölkerungsanteil von über 50 Prozent fest.
Eine allgemeine Volksabstimmung in den Grenzgebieten war nicht vorge-
sehen, da die Signatarstaaten anhand verschiedener Volkszählungen zu wis-
sen glaubten, wer Deutscher und wer Tscheche war. Wie lokale Studien über
gemischt besiedelte Orte wie Budweis zeigen, war diese Zuordnung keines-
wegs überall so eindeutig und statisch,87 aber ein subjektives Nationsbekennt-
nis spielte bei den Verhandlungen keine Rolle. Mit dem Diktat zu Lasten des
liberalsten der 1918/19 gegründeten Nationalstaaten hoben die europäischen
Großmächte den formell immer noch bestehenden Minderheitenschutz der
Pariser Vorortverträge auf. Wer auf der falschen Seite der neu gezogenen
Grenze lebte, musste gehen oder sich assimilieren. Dies galt nicht nur für die

86 Vgl. Frank, Expelling, S. 30, insbesondere Fußnote S. 73.


87 Vgl. King, Budweisers into Czechs.
Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944) 109

Sudetengebiete, sondern auch für die südliche Slowakei, denn die vier Signa-
tarstaaten legten fest, dass sich die Tschechoslowakei und Ungarn innerhalb
von drei Monaten ebenfalls auf eine neue, ethnische Grenze einigen sollten.
Die vom Deutschen Reich provozierte Sudetenkrise war somit lediglich der
Ausgangspunkt für eine umfassende Neuordnung Ostmitteleuropas nach
ethnischen Kriterien.
Diese folgenschwere Entscheidung beruhte auf einem grundsätzlichen und
schon länger anhaltenden Meinungswandel. Seit der Weltwirtschaftskrise
hatten sich in den meisten europäischen Nationalstaaten die Beziehun­gen
zu den Minderheiten massiv verschlechtert.88 In Polen rebellierten Deutsche
und Ukrainer, in Jugoslawien Kroaten, Albaner und Bulgaren, in Rumä-
nien Ungarn und Bulgaren, in der Tschechoslowakei Deutsche und Ungarn.
Die Verlierer des Ersten Weltkrieges, allen voran das immer selbstbewuss-
ter auftretende Deutschland, drängten auf eine Revision der 1919/20 gezo-
genen Grenzen. Einige radikale Gruppen wie die Organisation Ukraini-
scher Nationalisten (ONU) und die Innere Makedonische Revolutionäre
Organisation (IMRO) griffen zu Gewalt und Terror, um die jeweiligen Na-
tionalstaaten zu bekämpfen. Spektakulärer Höhepunkt der internationalen
Terrorwelle war der tödliche Anschlag auf den jugoslawischen König Alek-
sandar I. und den französischen Außenminister Barthou in Marseille im Jahr
1934. Diese Attentate, die häufigen Beschwerden beim Völkerbund und die
Unruhen in den 1918 gegründeten Nationalstaaten unterhöhlten die Nach-
kriegsordnung. Außerdem verstärkten die ständigen Konflikte die Ansicht,
dass die Minderheiten und nicht die nationalstaatliche Ordnung Europas das
eigentliche Problem seien.
Das Münchner Abkommen erzeugte zwar eine neue Minderheit, die in den
Grenzgebieten lebenden Tschechen, aber das beeinflusste die Verhandlun-
gen und die internationale Rezeption des Abkommens kaum.89 Die Erwar-
tung war, dass sich »those Czechos« – so die kolonialistische Verballhornung
seitens hochrangiger Mitglieder der britischen Verhandlungsdelegation –

88 Vgl. dazu das kluge und gewissermaßen neutrale polnische Buch von Majewski,
Niemcy Sudeccy 1848–1948, S. 300–398.
89 Vgl. dazu u. a. den Artikel in der Londoner Times vom 4.10.1938, S. 15, »An
­impregnable case«. Chamberlain und Hitler diskutierten über die »Vereinigung« der
Sudetendeutschen mit dem Reich und die Abtretung der Sudetengebiete. Bei dieser
Vermischung eines Territorial- und Gruppenprinzips kam die tschechische Minderheit
folgerichtig nicht vor. Deren Zukunft wurde von Chamberlain ein paar Mal mutlos an-
gesprochen, aber er fragte nicht nach, als Hitler ausweichende Antworten gab. Vgl. zu
diesen spezifischen Aspekten der Verhandlungen: Akten zur Deutschen Auswärtigen
Politik 1918–1945. Aus dem Archiv des Deutschen Auswärtigen Amtes. Serie D (1937–
1945), Band II: Deutschland und die Tschechoslowakei (1937–1938), Baden-Baden 1950,
S. ­634–635, S. 723–724, S. 755–756 (fortan zitiert als ADAP).
110 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

entweder anpassen oder emigrieren würden.90 Es war der Premierminister


Chamberlain, der in Bezug auf die künftige tschechische Minderheit im Su-
detenland das Wort »Umsiedlung« erstmals in den Mund nahm.91 Um diese
Umsiedlung in geordnete Bahnen zu lenken, wurde den in den Grenzgebie-
ten ansässigen Tschechen ein sechs Monate währendes Optionsrecht einge-
räumt. Etwa 37.000 tschechische Staatsdiener und ihre Familienangehöri-
gen, die seit 1919 in die Grenzgebiete gekommen waren, flohen sofort nach
Bekanntwerden des Münchner Diktats ins Landesinnere. Im Laufe der fol-
genden Wochen und Monate verließen dann 140.000 Tschechen, die zum Teil
seit Generationen im »Sudetenland« gelebt hatten, ihre Heimat, häufig un-
ter Androhung von Gewalt.92 Entsprechend groß war die Verbitterung unter
den Flüchtlingen und im späteren Protektorat, wo sie unterkommen muss-
ten. Im Vergleich zu Lausanne war diese ethnische Säuberung zwar im Um-
fang begrenzt, aber sie bedeutete ein Novum für Ostmitteleuropa. Noch nie
hatte es auf dem Gebiet des ehemaligen Habsburgerreiches einen derart ra-
schen und tiefen Einschnitt in lange gewachsene Bevölkerungsverhältnisse
gegeben. Mit den Tschechen flohen 18.000 Juden und 10.000 Antifaschisten
in die »Rest-Tschechoslowakei«.
Auch in anderen Teilen Europas kam es Ende der 1930er Jahre zu massen-
haften ethnischen Migrationen. Auf der Basis von bilateralen Abkommen
verließen zwischen 1936 und 1939 etwa 100.000 Türken Rumänien und Bul-
garien, mindestens ebenso viele machten sich auf eigene Faust auf den Weg,
dazu kamen etwa 20.000 Muslime aus Jugoslawien. Die Motive für die Aus-
wanderung waren anhaltender Assimilationsdruck, alltägliche Diskriminie-
rung und der Wandel der ländlichen Sozialstruktur.93 Die Türkei trug eben-
falls zur Spätaussiedlung südosteuropäischer Muslime bei, da die Regierung
unter Atatürk 1935 einen Plan zur Steigerung der Bevölkerungsdichte verab-
schiedete und gezielt um Rückkehrer warb. Ein Ziel der türkischen Immig-
rationspolitik war die demographische Absicherung der Grenze in Thrakien,

90 Das genaue Zitat bezog sich auf die nötige Zustimmung der Prager Regierung zu
dem kommenden Abkommen. Dazu äußerte sich der persönliche Berater von Neville
Chamberlain, Sir Horace Wilson wie folgt: »I will still try to make those Czechos sen-
sible« Vgl. ADAP 1918–1945, D/II, S. 773.
91 Vgl. die Passage in ADAP 1918–1945, D/II, S. 633.
92 Vgl. zu den Zahlen und zum Ablauf Gebhart, Migrationsbewegungen. Vgl. zum
Vertreibungsdruck auf die altansässige tschechische Bevölkerung die Lokalstudie von
Paul Mähner, Gnadlersdorf (Hnanice) – ein südmährisches Dorf an der Grenze, in: Helga
Schulz (Hg.), Bevölkerungstransfer und Systemwandel, Ostmitteleuropäische Grenzen
nach dem Zweiten Weltkrieg, Berlin 1998, S. 163–210.
93 Vgl. zu den Abkommen der Türkei mit Rumänien und Bulgarien Joseph Schecht-
man, European Population Transfers 1939–1945, New York 1946, S. 488–496. 1939 stan-
den die Türkei und Jugoslawien vor der Unterzeichnung eines ähnlichen Abkommens, das
dann aber wegen des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges nicht mehr zustande kam.
Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944) 111

wohin die meisten Flüchtlinge zunächst gelenkt wurden. Die Spätaussied-


lung der 1930er Jahre brachte die seit 1878 andauernde Abwanderung von
Muslimen aus Südosteuropa zu einem vorläufigen Abschluss. Sie ist somit als
Folge früherer ethnischer Säuberungen und nicht als Auftakt zu neuen Be-
völkerungsverschiebungen zu betrachten. Dennoch sollte man die Bedeu-
tung der Verträge zwischen der Türkei, Bulgarien und Rumänien nicht
unterschätzen. Die »Lehre« von Lausanne, dass man innerstaatliche und in-
ternationale Konflikte durch organisierte Bevölkerungsverschiebungen lö-
sen könne, fand noch einmal Bestätigung.
Dies zeigt sich in einer Arena jenseits Europas, im Nahen Osten. Dort
analysierte eine britische Untersuchungskommission 1936/37 die gewalt-
samen Konflikte zwischen Arabern und Juden in Palästina. Die Experten-
gruppe unter Leitung von Lord Robert Peel empfahl die Teilung des briti-
schen Mandatsgebietes und einen zweiseitigen Bevölkerungstransfer über
die neue Grenze hinweg.94 Allerdings sollten nur 1.250 Juden gegenüber
200.000 Arabern umgesiedelt werden. Entsprechend massiv war der arabi-
sche Widerstand, die britische Regierung lies den Plan der Peel-Kommis-
sion wieder fallen. Aber die Stichworte »Partition« und »Transfer« standen
weiterhin hoch im Kurs der internationalen Diplomatie. Am Vorabend des
Zweiten Weltkrieges schlug der britische Botschafter in Bukarest zur Lösung
des Konflikts zwischen Rumänien und Bulgarien in der Süddobrudscha eine
Grenzkorrektur verbunden mit einem Bevölkerungsaustausch vor.95
Die Verhandlungen des Deutschen Reiches mit Italien über Südtirol vom
Juni 1939 gingen im Prinzip in die gleiche Richtung, nur dass dort keine Ver-
schiebung der Staatsgrenze zur Debatte stand. Hitler gab sich mit seinem
Votum für den Brenner als ethnische Demarkationslinie einmal mehr den
Anschein eines Friedensstifters. Die italienische Regierung verwies auf das
Vorbild von Lausanne und brüstete sich, dass »die Achsenmächte das Süd­
tiroler Problem mit noch größerer Staatskunst und Voraussicht gelöst haben«.96
Im August 1939 sondierte der britische Botschafter in Berlin in einem
Gespräch mit Hitler, ob man mit Polen eine ähnliche Vereinbarung treffen
könne. Wie Matthew Frank anhand britischer Akten herausgearbeitet hat,
schwebten der britischen Regierung zwei Varianten vor, entweder der Trans-
fer der jeweiligen deutschen und polnischen Minderheit ohne Änderung der

94 Nähere Informationen zur Peel-Kommission folgen in Kapitel 3.3.


95 Vgl. Frank, Expelling, S. 37. Ziel der britischen Politik war, Rumänien und Bul­
garien durch diese Vermittlung näher an Großbritannien zu binden. Der Vertrag zu
­Craiova, auf den noch näher eingegangen wird, entsprach weitgehend dem britischen Vor-
schlag von Ende 1939.
96 Vgl. zum Verlauf der Verhandlungen Karl Stuhlpfarrer, Umsiedlung Südtirol 1939–
1940, Wien 1985, S. 49–86. Zitat nach Joseph Schechtman, European Population Transfers
1939–1945, New York 1946, S. 53.
112 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

bestehenden Grenzen oder eine umfassende Lösung mit Grenz- und Bevöl-
kerungsverschiebungen, die man als »progressive transfer« bezeichnete –
man beachte dabei das Fortschrittsvokabular. Um den drohenden Krieg im
letzten Augenblick abzuwenden, bedrängte der französische Botschafter die
polnische Regierung ebenfalls, Deutschland einen entsprechenden Vorschlag
zu unterbreiten. Es hing mithin ein zweites München in der Luft, sowohl
im Hinblick auf ein Appeasement mit Grenzveränderungen zu Gunsten des
Deutschen Reiches, als auch den Transfer von Minderheiten betreffend. Der
Unterschied zum Herbst 1938 lag darin, dass Warschau sich dem internatio-
nalen Druck nicht beugte. Außerdem hatten sich das Deutsche Reich und die
Sowjetunion bereits auf die Teilung Polens geeinigt. Selbst umfangreiche Zu-
geständnisse hätten den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nicht mehr ver-
hindert. Mit dem raschen Sieg über Polen bekam die deutsche Regierung freie
Hand, die staatlichen und ethnischen Grenzen in »Mitteleuropa« nach eige-
nem Gutdünken zu verändern. Adolf Hitler wurde in den folgenden Jahren
zum bestimmenden Akteur ethnischer Säuberungen in Europa.

»Heim ins Reich«

Das öffentliche Startsignal dafür gab Hitler in seiner Reichstagsrede vom


6. Oktober 1939. Die Rede begann mit einer längeren Schmähung Polens und
der Friedensordnung von Versailles, schwenkte dann aber rasch zu ihrem
eigentlichen und zukunftsorientierten Thema, der territorialen Neuordnung
Europas anhand »völkischer« Grenzen. Hitler plädierte für den Aufbau einer
neuen Friedensordnung und eines »Gefühls der europäischen Sicherheit«.
Als Voraussetzung dazu benannte er »die Ordnung des gesamten Lebensrau-
mes nach Nationalitäten, d. h. eine Lösung jener Minoritätenfragen, die nicht
nur diesen Raum berühren, sondern darüber hinaus fast alle süd- und südost-
europäischen Staaten betreffen.« Das wichtigste Mittel dazu sollte eine »Um-
siedlung der Nationalitäten« sein, »so dass sich am Abschluss der Entwick-
lung bessere Trennungslinien ergeben, als es heute der Fall ist«.97
Für das Deutsche Reich kündigte Hitler eine Verschiebung der Ostgrenze
nach »historischen, ethnographischen und wirtschaftlichen Bedingungen«
an, machte aber keine genaueren Angaben über das Ausmaß der Expansion.
Das »jüdische Problem« erwähnte er nur am Rande und hielt sich mit rassis-
tischen Äußerungen zurück.98 Es handelte sich somit um eine der zahlreichen

97 Vgl. die hier verwendeten und alle weiteren Zitate in http://www.reichstagsproto-


kolle.de/Blatt2_n4_bsb00000613_00067.html und -52.html.
98 Intern forderte Hitler z. B. am 17.10.1939 in einer Besprechung mit dem Oberkom-
mandierenden der Wehrmacht Wilhelm Keitel, »das Reichsgebiet von Juden und Polacken
zu reinigen.« Vgl. dazu Aly, »Endlösung« , S. 63 und 177.
Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944) 113

Reden Hitlers aus der zweiten Hälfte der 1930er Jahre, in denen er seine wah-
ren Ziele kaschierte.99 Dementsprechend gab er Garantien für alle kleineren
Nachbarstaaten des Deutschen Reiches und plädierte für eine Aussöhnung
mit Frankreich entlang der bestehenden Grenzen. Offenbar hielt Hitler die
Neuordnung Europas auf der Basis »ethnographischer« Kriterien internatio-
nal für konsensfähig und hoffte auf ein Einlenken Großbritanniens.100 Um
seinen Friedenswillen weiter zu unterstreichen, kündigte er die Rücksied-
lung von »nicht haltbaren Splittern des deutschen Volkstums« an, die »eine
Ursache fortgesetzter zwischenstaatlicher Störungen« seien. Wie sich bald
zeigen sollte, war auch dies nur ein Vorwand, denn Hitler missbrauchte die
deutschstämmigen Umsiedler für die Germanisierung der annektierten pol-
nischen Gebiete, holte sie also nicht wirklich »Heim ins Reich«.
Nur zwei Wochen nach dieser Reichstagsrede unterzeichneten Deutsch-
land und Italien den Vertrag über die Umsiedlung der deutschsprachigen
Südtiroler. Das in seinen Grundzügen bereits im Juni 1939 vereinbarte Ab-
kommen entsprach völlig den rechtsstaatlichen Konventionen von Neuilly
und Lausanne. Das Eigentum der Umsiedler sollte soweit wie möglich erfasst
und ersetzt werden, außerdem galt das Prinzip der Freiwilligkeit. Allerdings
sollten Südtiroler, die für die Staatsangehörigkeit des externen Nationalstaats
optiert hatten, nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren dürfen. Die italieni-
sche Presse äußerte die Erwartung, dass die südlich des Brenner verbleibende
deutschsprachige Bevölkerung von nun an »zu 100 Prozent Italiener werden,
ihre Sprache und Bräuche aufgeben und sich in der italienischen Rasse auf-
lösen würden«.101 Faktisch beinhaltete das »Optionsrecht« also wie in frühe-
ren Fällen die Wahl zwischen Teufel und Beelzebub, zwischen Heimatverlust
und Zwangsassimilation. Die Südtiroler Bevölkerung reagierte mit Protes-
ten, Beschwerden und Interventionen. Doch Gerüchte über die bevorste-
hende Deportation der nicht Auswanderungswilligen nach Süditalien oder in
die italienischen Kolonien trugen dazu bei, dass schließlich eine große Mehr-
heit für die deutsche Staatsbürgerschaft optierte.

99 In der Sekundärliteratur werden meist die rassistischen Aspekte der Rede be-
tont. Vgl. dazu die Analyse von Michael Wildt, »Eine neue Ordnung der ethnographi-
schen Verhältnisse« Hitlers Reichstagsrede vom 6. Oktober 1939, in: Zeithistorische
Forschungen 3 (2006), H. 1, zit. nach http://www.zeithistorische-forschungen.de/161260
41-Wildt-1–2006 [25.6.2009].
100 In Belgrad wurde das Signal positiv aufgenommen. In Reaktion auf die Rede schlug
die jugoslawische Regierung einen Bevölkerungsaustausch der grenznahen slowenischen
und deutschen Minderheiten vor. Vgl. Milan Ristović, Zwangsmigrationen in den Terri-
torien Jugoslawiens im Zweiten Weltkrieg, in: Ralph Melville u. a. (Hg.), Zwangsmigratio­
nen im mittleren und östlichen Europa. Völkerrecht – Konzeptionen – Praxis (1938–1950),
Mainz 2008, S. 309–330, hier S. 309.
101 Vgl. einen Artikel in der Zeitung La Stampa, zit. nach Schechtman, Population
Transfers, S. 54.
114 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Parallel zu den Verhandlungen mit Italien führte die deutsche Regierung


Gespräche mit Estland und Lettland. Damit ließ sich potenzieller Konflikt-
stoff mit der Sowjetunion beseitigen und das bewegliche Vermögen »Heim
ins Reich« bringen. Im Vergleich zu Südtirol war der indirekte Zwang zur
Migration weit höher. Wer sich nicht für die Umsiedlung registrieren ließ, sah
sich massiven Drohungen ausgesetzt. Flugblätter, Presseartikel und Aufrufe
warnten vor einer düsteren Zukunft ohne jegliche Minderheitenrechte. »Du
willst nicht mit?« stand auf einem in Lettland verteilten Handzettel: »Da-
mit Du auch weißt, wofür Du Dich entscheidest: 1) Ich sage mich mit meinen
Kindern und Kindeskindern vom deutschen Volke los. 2) Ich verzichte dar-
auf, jemals wieder als Deutscher zu gelten und damit auf jeden Schutz, den
mir bisher das Deutsche Reich durch seine machtvolle Existenz gewährte.
3) Ich trenne mich von allem, was meines Blutes ist… 4) Ich will lieber ein-
sam und allein bleiben…«102 Vor allem der letzte Punkt traf einen Nerv. So-
bald sich die ersten Familienangehörigen für die Umsiedlung entschieden
hatten – meist waren es die Jüngeren, die darauf drängten – folgte ihnen die
Verwandtschaft, die Haus- und die Dorfgemeinschaft.
Außerdem warb die NS-Propaganda mit einer verheißungsvollen Zukunft
in den annektierten polnischen Gebieten. Dort sollten die Umsiedler eine
natio­nale Mission ausführen und für ihren zurückgelassenen Besitz »auf das
Großzügigste entschädigt« werden. Knapp 62.000 Menschen emigrierten bis
zum Ende des Jahres 1939 aus Estland und Lettland. Nach der Annexion der
beiden Länder durch die Sowjetunion folgten weitere 17.000 Umsiedler, die
zunächst gezögert hatten.103 Insgesamt blieben nur etwa 2.000 Angehörige
der Minderheit in den beiden baltischen Staaten, was den totalen Charakter
dieser Umsiedlungsaktion belegt.
Noch während die Deutschen aus Estland und Lettland die Schiffe bestie-
gen, schloss das Deutsche Reich am 3. November die nächste Verein­barung
über massenhafte Bevölkerungsverschiebungen. Vertragspartner war dieses
Mal die Sowjetunion, Gegenstand der Verträge waren die Nachfahren deut-
scher Kolonisten in Ostgalizien und Wolhynien. Formell handelte es sich
bei der Umsiedlung aus der Sowjetunion nicht um einen einseitigen Trans-
fer wie aus den baltischen Staaten, sondern um einen zweiseitigen Bevölke-
rungsaustausch. Belorussen und Ukrainer, die auf dem Gebiet des General-
gouvernements lebten, erwarben ebenfalls das »Recht«, sich zur Umsiedlung

102 Vgl. diese Formulierung in einem Handzettel an die Deutschen in Lettland in:
Dietrich Loeber (Hg.), Diktierte Option. Die Umsiedlung der Deutsch-Balten aus Est­
land und Lettland 1939–1941, Neumünster 1972, S. 170.
103 Vgl. zur Anzahl der Umsiedler Valdis Lumans, Himmler’s Auxiliaries: The Volks­
deutsche Mittelstelle and the German National Minorities of Europe 1939–1945, Chapel
Hill 1993; Markus Leniger, Nationalsozialistische »Volkstumsarbeit« und Umsiedlungs­
politik. Von der Minderheitenbetreuung zur Siedlerauslese, Berlin 2006, S. 89.
Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944) 115

in die Sowjetunion zu melden. Das lag in der Logik der sowjetischen Pro-
paganda, die Belorussen und Ukrainern die Verwirklichung ihrer nationa-
len Selbstbestimmung im Rahmen der UdSSR versprach. Ein wichtiges Mo-
tiv für die Emigration der ehemaligen deutschen Kolonisten war die Furcht
vor der Kollektivierung, die bald nach dem Einmarsch der Roten Armee in
Ostpolen begann. Außerdem erinnerte sich die ältere Generation an die De-
portationen in Russland während des Ersten Weltkrieges. Demgegenüber er-
schien die Auswanderung in das deutsch besetzte Polen als die bessere Al-
ternative. Schließlich wurden die Angehörigen der Minderheit wie zuvor im
Baltikum massiver NS-Propaganda ausgesetzt. Dies erzeugte einen Grup-
penzwang, dem sich in den Kolonistendörfern mit ihrem engen sozialen Zu-
sammenhalt fast niemand entziehen konnte.104 Insgesamt 137.000 Menschen
aus Ostgalizien und Wolhynien entschieden sich für die Umsiedlung ins
Deutsche Reich.
Die Zusammenarbeit des Deutschen Reiches und der Sowjetunion be-
schränkte sich nicht auf die völkerrechtliche Ebene, sondern umfasste auch
die Ausführung der Umsiedlung bis zur lokalen Ebene. Bevollmächtigte und
Verwaltungsstäbe beider Staaten waren östlich und westlich der Grenze der
Besatzungsgebiete unterwegs und kooperierten in gemischten Kommissio-
nen. Joseph Schechtman, der die Entwicklung anhand zeitgenössischer Be-
richte verfolgte, äußerte in seinem Buch 1945 sichtlich beeindruckt: »This
was a well-balanced dual scheme, built from the apex downward and based
on administrative German-Soviet parallelism; it reflected perfectly the cult
of bureaucratic p ­ lanning predominant in both the Reich and the Soviet
Union«.105 In der Tat gelang es den Behörden trotz der klirrenden Kälte im
Januar und Februar 1940, die Zahl der Opfer sehr klein zu halten. Drei Vier-
tel der Betroffenen wurden in Zügen abtransportiert, die Männer organi-
sierten sich zu Trecks, da sie auf diesem Weg ihre Pferde, Viehwagen und
landwirtschaftlichen Geräte mitnehmen konnten. Ebenso effektiv war die
Aufnahme organisiert, von der medizinischen Untersuchung in Lagern bis
zur raschen Ausstellung von Ausweispapieren.106
Die völkische »Flurbereinigung« der Nationalsozialisten erreichte im
Herbst 1940 Rumänien und die von der Sowjetunion annektierten rumäni-
schen Gebiete. Aus dem sowjetischen Teil der Bukowina und aus Bessarabien
kamen gemäß dem deutsch-sowjetischen Umsiedlungsvertrag vom 5. Septem-
ber 1940 137.000, aus der südlichen Hälfte der Bukowina und der Dobrud­scha

104 Vgl. Dirk Jachomowski, Die Umsiedlung der Bessarabien, Bukowina und Dobrud­
schadeutschen. Von der Volksgruppe in Rumänien zur »Siedlungsbrücke« an der Reichs­
grenze, München 1984, S. 104.
105 Schechtman, Population Transfers, S. 155.
106 Vgl. zu dieser Gruppe Lumans, Himmler’s Auxiliaries, S. 169.
116 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

nach dem deutsch-rumänischen Vertrag vom 22. Oktober 66.000 Men-


schen.107 Logistisch war diese Umsiedlungswelle die bislang größte Heraus-
forderung, da der Transport in den meisten Fällen über Land zur Mündung
der Donau in Galati, von dort aus per Schiff flussaufwärts und dann noch-
mals über Land in die Ansiedlungsgebiete erfolgte. Ein Bessarabien-Deut-
scher, der im niederösterreichischen Ybbs an der Donau landete, empfand
sich als »Emigranten, welcher sich wie ein Fisch vorkommt, welcher aus dem
Wasser geschleudert, auf das Trockene niedergefallen ist und sich dadurch zu
retten sucht und das Wasser zu erreichen glaubt, dass er sich von Zeit zu Zeit
emporschnellt.«108
Die Umsiedler aus Südosteuropa erwartete bei der Aufnahme die unan­
genehme Überraschung, dass die Nationalsozialisten von ihrem Deutschtum
keineswegs überzeugt waren. Nur die als »reinrassig« und »biologisch wert-
voll« Eingestuften wurden zur Ansiedlung weitergeleitet. Diese »O-Fälle«
bekamen in der Regel relativ rasch Wohnungen oder Bauernhöfe im Warthe-
gau zugewiesen und konnten ein neues Leben beginnen. Dagegen wurden
jene Umsiedler, die als »wenig ausgeglichene Mischlinge« in der Wertungs-
gruppe III landeten, mit Misstrauen betrachtet. Die »völlig unausgegliche-
nen Mischlinge« der Wertungsgruppe IV, die mit »Fremdblütigen« und
»Erbkranken« gleichgesetzt wurden, brachte man ins Altreich zur Eindeut-
schung. Die herabgestuften Umsiedler mussten oft jahrelang in Baracken
hausen und Zwangsarbeit leisten. Einige tausend Menschen wurden sogar
nach Rumänien zurückgeschickt. Die rassistische Auslese unter den eigenen
Landsleuten gehört zu den Besonderheiten der nationalsozialistischen Bevöl-
kerungspolitik im europäischen Vergleich.109 Da aufgrund der Selektion we-
sentlich weniger Umsiedler zur Verfügung standen als geplant, erwies sich
die NS-Ideologie letztlich als kontraproduktiv für die Germanisierung des
westlichen Polens.
Die Ankunft im Warthegau und in Westpreußen bedeutete für die Um-
siedler einen Neubeginn in der Fremde. In den annektierten Gebieten flossen
keine Milch und kein Honig wie versprochen, die Lebensbedingungen waren
oft schlechter als in der alten Heimat. Eine bessarabische Umsiedlerin schrieb
1942 an die NS-Behörden: »Wir sind nun seit November hier im Warthe-

107 Vgl. zur Einwanderung aus der südlichen Bukowina und der Dobrudscha Lumans,
Himmler’s Auxiliaries, S. 174. Im Anhang des Buches von Jachomowski sind die Verträge
abgedruckt, vgl. dort S. 209–225, ferner S. 68–69 und 93–95. Aus der Südbukowina kamen
52.400 Menschen, aus der Dobrudscha 13.968.
108 Zit. nach einem Bericht aus einem Aufnahmelage von 1941 Leniger, Nationalsozia­
listische »Volkstumsarbeit«, S. 120.
109 Vgl. zur Selektion und Kategorisierung der Umsiedler Isabel Heinemann, ›Rasse,
Siedlung, deutsches Blut‹. Das Rasse- und Siedlungshauptamt der SS und die rassenpoliti­
sche Neuordnung Europas, Göttingen 2003, S. 232–250.
Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944) 117

gau u. ich fühle mich hier noch genauso fremd wie in den ersten Tagen. Der
Warthegau war für uns alle eine große Enttäuschung.«110 Zu den Fremdheits-
gefühlen trug der Umgang mit den örtlichen Polen bei. In der Regel räumten
die deutschen Behörden die polnischen Wohnungen und Bauern­höfe vor der
Ankunft der Umsiedler, aber vor allem auf dem Land wurden sie zu Zeugen
einer Vertreibung. Manche Umsiedler reagierten darauf verunsichert oder
sogar mitleidig.111 Außerdem kam die Entschädigung für das zurückgelassene
Eigentum schleppend voran. Die Südtiroler Optanten zum Beispiel erhiel-
ten im Verlauf des Krieges nur etwa 10 Prozent der ihnen zustehenden Gel-
der.112 Für die Umsiedler, die erst in der zweiten Jahreshälfte 1940 oder noch
später ankamen, standen generell weniger Wohnraum und Arbeitsplätze zur
Verfügung. Die Umsiedlung brachte daher fast immer einen Verlust an so­
zialem und beruflichem Status, Einkommen und persönlichen Verbindungen
mit sich. Noch schlechter war die Situation im Altreich. In Oberbayern no-
tierten die Behörden Vorurteile gegenüber den Umsiedlern, eine »stereotype
verächtliche Herabwürdigung ihres Volkstums und die Gleichsetzung mit
Polen, Tschechen und dergl.«113 Die deutschen Vertriebenen, die ab 1945 ein-
trafen, machten einige Jahre später ähnliche Erfahrungen.
In der älteren und jüngeren Literatur wird gestützt auf NS-Quellen die
Gesamtzahl der deutschen Umsiedler zumeist mit 770.000 Personen ange­
geben. Dabei ist aber zu beachten, dass sich die Zahl der Umsiedler in den
Jahren 1939 und 1940 auf eine halbe Million Menschen beschränkte. Das
letzte Drittel der Umsiedler kam mit dem Rückzug der Wehrmacht in den
deutschen Herrschaftsbereich. Sie sind daher eigentlich schon als Kriegs-
flüchtlinge zu betrachten, die nach 1945 nicht mehr in ihre Heimat zurück-
kehren konnten oder wollten.114 Inwieweit hatte die Umsiedlung der deut-
schen Minderheiten aus Süd- und Osteuropa einen Zwangscharakter und ist
demnach als ethnische Säuberung anzusehen? Diese Frage lässt sich nur un-
ter Berücksichtigung der Herkunftsregion und des sozialen Status der Um-
siedler beantworten. Könnte man die Betroffenen heute noch befragen,
würden sich die Antworten über die eigenen Motive und Erfahrungen von
Familie zu Familie und je nach Milieu individuell unterscheiden.

110 Zit. nach Jachomoski, Die Umsiedlung, S. 176–177.


111 Die Nationalsozialisten beobachteten ein »unverständliches Mitleidsempfinden
mit dem Polentum«. Vgl. Jachomowski, Die Umsiedlung, S. 165.
112 Vgl. Pertti Ahonen u. a., People on the Move. Forced Population Movements in
­Europe in the Second World War and its Aftermath, Oxford 2008, S. 20 (vgl. insbesondere
Fußnote 40 im Textteil von Gustavo Corni).
113 Zit. nach Leniger. Nationalsozialistische »Volkstumsarbeit«, S. 129.
114 Vgl. zu den offiziellen Zählungen Theodor Bierschenk, Zahlen über die während
des Zweiten Weltkrieges umgesiedelten deutschen Volksgruppenzugehörigen, in Zeit­
schrift für Ostforschung 3 (1954), S. 80–83; Ahonen u. a., People on the Move, S. 19.
118 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Letztlich waren die deutschen Umsiedler nur eine Verschiebemasse im


Rahmen der kurzfristigen außenpolitischen Ziele der Nationalsozialisten
und ihrer langfristig angelegten Lebensraum-Ideologie. In den meisten Fäl-
len herrschte kein direkter Zwang zur Umsiedlung, etwa durch Waffenge-
walt, sondern ein Zwang der Umstände. Die betroffenen Gruppen sahen als
Minderheit in ihren Herkunftsländern keine Zukunft für sich oder fürchte-
ten sich vor der Sowjetisierung. Die NS-Propaganda schürte gezielt die Un-
sicherheit und stigmatisierte jene, die bleiben wollten, als Verräter an der
»Volksgemeinschaft«. Zugleich lockte die deutsche Regierung mit unhalt­
baren Versprechungen. Auch jene Umsiedler, die der NS-Ideologie skeptisch
gegenüber standen oder besonders an ihrer Heimat hingen, entschieden sich
deshalb meist für die Emigration.
Wie für ethnische Säuberungen allgemein charakteristisch war der Hei-
matverlust in der Regel endgültig. Das lag vor allem an den deutschen
Behörden, die ab 1941 trotz des raschen Vormarschs in die Sowjetunion
eine Rückwanderung untersagten. Jachomowski sieht darin den eigentlichen
Zwangscharakter der »Heim ins Reich«-Politik.115 In Anbetracht des weiteren
Kriegsverlaufs war das Rückkehrverbot für die Betroffenen sogar von Vor-
teil, denn 1944/45 mussten die meisten Umsiedler erneut ihre Koffer packen.
Eine Ausnahme stellten die gut 50.000 Deutschen aus Litauen dar, die
1941 zum Teil in ihre alte Heimat zurückkehrten. Ihre Häuser und Bauern-
höfe waren aber in der Regel bereits durch Litauer belegt, für die Angehörige
der polnischen Minderheit weichen mussten. Diese spontanen Vertreibungen
zeigen, welche soziale Dynamiken und mittelbare Folgen ethnische Säube-
rungen auf lokaler Ebene auslösen können. Ein Rückkehr zum multi-ethni-
schen Status Quo von Anfang 1939 war sogar dann kaum möglich, wenn eine
Gruppe faktisch nur ein Jahr lang abwesend war.
Die Besonderheit im Schicksal der deutschen Umsiedler liegt darin, dass
die Regierung des ko-ethnischen Nationalstaats und die völkischen Natio-
nalisten in den eigenen Reihen die entscheidenden Akteure waren. Dagegen
spielten »Push-Faktoren« eine untergeordnete Rolle. Würde man diese Ge-
schichte in Schwarz-Weiß-Kategorien von Opfern und Tätern verhandeln,
käme man zu keinem überzeugenden Ergebnis – und erst recht nicht, so-
fern man die weitere Geschichte der deutschen Umsiedler im besetzten Polen
einbezieht. Dort wurden sie für eine gewaltsame, auf ethnischen Säuberun-
gen beruhende Germanisierung missbraucht. Eine zweite Besonderheit liegt
im organisierten Ablauf der NS-Umsiedlungsaktion, die im Rahmen eines
Krieges, doch weitgehend unbeeinträchtigt von diesem erfolgte. Die meis-
ten Umsiedler kamen äußerlich wohlbehalten im deutschen Herrschafts­

115 Jachomowski betont, dass vor allem darin und weniger bei der Ausreise der
Zwangs­charakter der Umsiedlung liege. Vgl. Jachomowski, Die Umsiedlung, S. 143.
Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944) 119

bereich an. Aber die Effizienz der nationalsozialistischen Bürokratie und ih-
rer Kooperation mit der Sowjetunion bestätigt zugleich die Übertragbarkeit
von Zygmunt Baumans Thesen über den Zusammenhang von Moderne und
Holocaust. Der Entwicklungsstand der Verwaltungsmaschinerie rettete un-
bestreitbar Zehntausende von (deutschen) Menschenleben, stellte diese aber
zugleich in einer unmenschlichen Art und Weise auf den Kopf.

Unter NS-Besatzung

Aufgrund des Holocaust und anderer NS-Verbrechen sind die vom Deut-
schen Reich verursachten ethnischen Säuberungen in der Nachkriegszeit re-
lativ wenig beachtet worden. Der polnische Historiker Czesław Madajczyk
und nach ihm Götz Aly erkannten aber schließlich den Zusammenhang zwi-
schen der Umsiedlung der Deutschen, der Vertreibung polnischer Staats-
bürger und dem Genozid an den europäischen Juden.116 Alle drei genann-
ten Schwerpunkte der Bevölkerungspolitik im besetzten Polen fußen auf
dem gleichen ideologischen Fundament, dem nationalsozialistischen Rassis-
mus und dem Konzept eines nicht nur ethnisch, sondern rassisch gesäuber-
ten »Lebensraumes«.
Trotz dieser Zusammenhänge weist die verbrecherische Behandlung von
nicht-jüdischen Polen und polnischen Juden mehr Unterschiede als Gemein-
samkeiten auf. Dies betrifft zunächst die Ebene der Intention. Im Falle der
Juden begannen die Nationalsozialisten rasch mit der Vernichtung, im Falle
der Polen ging es erst einmal um eine massenhafte Vertreibung. Gemäß den
ersten Versionen des Generalplans Ost wollte die deutsche Regierung etwa
zehn Millionen Menschen aus den vom Reich annektierten Gebieten in
das Generalgouvernement umsiedeln. 1941 gab es bereits weiter reichende
Pläne, 17 Millionen Polen sollten in Gebiete jenseits des deutschen »Lebens-
raums« verfrachtet werden. Im Gegensatz zu den Juden hielt man jedoch
einen Teil der Polen für assimilationsfähig oder für so ungefährlich, dass sie
als Arbeitssklaven toleriert werden konnten. Daher beruhte die ethnische
Homo­genisierung im Fall der Polen auf einer Kombination von Vertreibung,
Deportation und Zwangsassimilation, die mit der Deutschen Volksliste um-
gesetzt wurde.
Ein weiterer Unterschied zeigte sich in der Praxis der Bevölkerungsver-
schiebungen. Die vertriebenen Polen wurden aus dem Warthegau in das
Generalgouvernement abgeschoben – es gab also ein klar umrissenes Auf-
nahmegebiet, das gelegentlich als »Restpolen« bezeichnet wurde. Dagegen

116 Vgl. Czesław Madajczyk, Die Okkupationspolitik Nazideutschlands in Polen


1939–1945, Köln 1988; Aly, »Endlösung«, S. 14 und 21.
120 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

richteten die Nationalsozialisten für die polnischen und anderen europä-


ischen Juden Ghettos bzw. nach der Diktion Himmlers »Judenreservate« ein.
Die Einrichtung der Ghettos war bereits vor der Wannsee-Konferenz von
einer Vernichtungsabsicht getragen. Die These, dass ethnische Säuberungen
zu einem Genozid eskaliert seien, überzeugt daher im Fall der polnischen Ju-
den noch weniger als für die deutschen Juden.
Es gibt dennoch gute Gründe für eine gemeinsame Betrachtung von eth-
nischen Säuberungen und Genozid im besetzten Polen sowie in Teilen Jugos-
lawiens. Vergleichbar war zum Beispiel die massenhafte Gewalt unmittelbar
nach Kriegsbeginn. Allein in den ersten drei Monaten nach dem Einmarsch
erschossen Angehörige der Wehrmacht und der SS 54.000 polnische Zivi­
listen.117 Der organisierte Massenmord zielte vor allem auf die gesellschaft-
lichen Eliten, die Intelligenz und auf politische Funktionsträger. Im Fall der
Juden gab es keine derartige politische und soziale Auslese, sondern es wurde
willkürlich gemordet. Als sich polnische Widerstandsgruppen bildeten und
Anschläge auf die Besatzer verübten, wurde der anti-polnische Terror so
wahllos wie bereits vorher die Verfolgung von Juden. Die Vertreibung von
Polen aus den annektierten Gebieten und in speziellen Gebieten wie Zamość
trug ebenfalls genozidale Züge.
Dennoch kann man die Behandlung von Polen noch als ethnische Säube-
rung einordnen. Dafür sprechen nicht zuletzt die Opferzahlen. Während nur
etwa 10 Prozent der polnischen Juden den Holocaust überlebten, lagen die
Bevölkerungsverluste für alle polnischen Staatsbürger bei 20 Prozent. Auch
hinter dieser niedrigeren Zahl verbirgt sich indes blanker Terror, dem die aus
dem Warthegau und Westpreußen vertriebenen Polen im besonderen Maße
ausgesetzt waren.
Bei der Vertreibung von Polen aus den vom Deutschen Reich annektierten
Gebieten kann man nach Maria Rutowska drei Phasen unterscheiden.118 Die
erste erstreckte sich von November bis Mitte Dezember 1939 und betraf an
die 90.000 Personen, die zweite dauerte von Mitte Februar bis März 1940 und
entwurzelte etwa 40.000 Menschen, die dritte Phase zog sich über die zweite
Hälfte des Jahres 1940 hin und erfasste 133.000 Menschen. Die äußerst bru-
tal durchgeführten Vertreibungen dienten vor allem dazu, Platz für die an-
kommenden deutschen Umsiedler zu schaffen. Pro Ankömmling mussten im
Durchschnitt drei Polen weichen, wobei diese Ratio auf dem Land oft hö-
her lag. Das Ziel, das Theodor Schieder in seiner Denkschrift zum General-

117 Vgl. Włodzimierz Borodziej, Geschichte Polens im 20. Jahrhundert, München


2010, S. 193. Vgl. ausführlich zur Kriegsführung Jochen Böhler, Auftakt zum Vernich­
tungskrieg. Die Wehrmacht in Polen 1939, Frankfurt a. M. 2006.
118 Maria Rutowska, Wysiedlenie ludności polskiej z Kraju Warty do Generalnego Gu­
bernatorstwa 1939–1941, Poznań 2003, S. 61–93.
Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944) 121

plan Ost umrissen hatte, war die Schaffung einer modernen und ökonomisch
tragfähigen Bevölkerungsstruktur.119 Die deutschen Behörden verschränkten
die Aus- und Ansiedlung so effektiv wie nie zuvor in der Geschichte ethni-
scher Säuberungen. Die Polizei und die SS jagten die polnischen Bauern häu-
fig in dem Moment aus ihren Häusern, als sie morgens ihr Vieh gefüttert und
gemolken hatten. Am Nachmittag übernahmen deutsche Umsiedler die Bau-
ernhöfe samt Inventar. Manche Polen versuchten, sich in den Wäldern oder
bei Nachbarn zu verstecken,120 aber derartige Fluchtversuche wurden drako-
nisch bestraft. Dies führte dazu, dass die polnischen Vertriebenen meist nur
ein paar Habseligkeiten packen konnten und völlig mittel- und obdachlos im
Generalgouvernement ankamen.
Die Menschenverachtung und Brutalität führte wie häufig bei der NS-
Herrschaft zu nicht intendierten Effekten. Die Besatzungsverwaltung im
Generalgouvernement war mit der Aufnahme der polnischen Vertriebenen
überfordert, fürchtete Unruhen und eine Stärkung des Untergrunds. Der
Generalgouverneur Hans Frank sperrte sich daher gegen weitere Bevölke-
rungsverschiebungen und konnte sich mit seiner ablehnenden Haltung im
März 1941 durchsetzen. Das lag an der Vorbereitung des Angriffs auf die So-
wjetunion, der eine reibungslos funktionierende Kriegswirtschaft voraus-
setzte. Die ethnischen Säuberungen im Warthegau verlagerten sich daher
bezüglich der Zielgebiete ins Innere des Reiches. Insgesamt erfassten die Ver-
treibungen von Polen ins Generalgouvernement 365.000 Menschen, die De-
portationen innerhalb des Deutschen Reiches und zur dortigen Zwangsarbeit
475.000 Menschen.
Letzteres ist ein Thema, das einer gesonderten Darstellung bedarf und hier
aufgrund des guten Forschungsstandes nur gestreift wird.121 Die Zwangs­
arbeit unter nationalsozialistischer Herrschaft hat mit den Vertreibungen ins
Generalgouvernement gemein, dass sie auf ethnischer Selektion beruhte, or-
ganisiert, gewaltvoll und erzwungen war. Zwangsarbeit erwies sich oft als
mindestens so traumatisch wie der Verlust der Heimat. Die Betroffenen wur-
den derart ausgebeutet, dass etwa eine halbe Million der so genannten »Zivil­

119 Vgl. dazu Vorläufer des Generalplans Ost. Eine Dokumentation über Theodor
Schieders Polendenkschrift vom 7. Oktober 1939, eingeleitet und kommentiert von Ange­
lika Ebbing­haus, Karl Heinz Roth, in: 1999. Zeitschrift für die Sozialgeschichte des 20.
und 21. Jahrhunderts 7 (1992), S. 62–91.
120 Vgl. nach Aly, »Endlösung«, S. 109–114, 213 und 215. Vgl. zu den Versuchen, den
Vertreibungen zu entgehen S. 98.
121 Vgl. zur Zwangsarbeit neben den älteren Publikationen von Ulrich Herbert die
Überblicksdarstellung von Mark Spoerer, Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz. Aus­
ländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und Häftlinge im Deutschen Reich und im be­
setzten Europa, Stuttgart 2001. Vgl. aus der Perspektive von Zwangsarbeitern Alexander
von Plato, Almut Leh, Christoph Thonfeld (Hg.), Hitlers Sklaven. Lebensgeschichtliche
Analysen zur Zwangsarbeit im internationalen Vergleich, Wien 2008.
122 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

arbeiter« im Laufe des Krieges verstarben.122 Wie viele Menschen dauerhaft


erkrankten, lässt sich noch schwerer schätzen. Doch im Unterschied zu eth-
nischen Säuberungen ist Zwangsarbeit nicht unbedingt mit einem Ortswech-
sel verbunden oder auf Dauer angelegt. Ein weiterer Unterschied liegt im
Ausmaß der beiden Praktiken. Insgesamt verschleppten die Nationalsozia-
listen etwa 8,4 Millionen Menschen zur Zwangsarbeit, davon 2,8 Millionen
Polen bzw. fast 10 Prozent der polnischen Bevölkerung.123
Dagegen betrug die Gesamtzahl der Vertriebenen und Deportierten aus
den annektierten Gebieten »nur« 840.000 Menschen. Gemessen an den ur-
sprünglichen Zielen der Nationalsozialisten und im Vergleich zu späteren
Bevölkerungsverschiebungen war das eine geringe Zahl. Doch dem stehen
die ungeheure Brutalität bei der Durchführung und die Schaffung eines Prä-
zedenzfalls gegenüber. Für die polnische Bevölkerung im westlichen Polen –
ob sie nun tatsächlich vertrieben wurde oder nicht – kam nach der Erfahrung
mit der Besatzung die Koexistenz mit Deutschen nicht mehr in Frage. Das
betraf auch die lokale Ebene, da sich Angehörige der ehemaligen deutschen
Minderheit aktiv an den ethnischen Säuberungen beteiligten. Dabei ging es
neben ideologischer Überzeugung um die Begleichung alter Rechnungen un-
ter polnischer Herrschaft und um materielle Motive. Häufig fanden sich die
Inhaber der schönsten Wohnungen und der größten Bauernhöfe zuerst auf
den nationalsozialistischen Umsiedlerlisten.
Obwohl die Vertreibungen aus den annektierten Gebieten im Frühjahr
1941 eingestellt wurden, galt dies nicht für das Generalgouvernement und
weiter östlich gelegene Gegenden. Nach dem Angriff auf die Sowjetunion
radi­kalisierte sich der Nationalismus und Rassismus der Nationalsozialisten
nochmals. Adolf Hitler, Heinrich Himmler, Reinhard Heydrich und andere
führende Ideologen strebten die »Umvolkung« Osteuropas mit Hilfe eines
Netzes von deutschen Kolonien an. Zentraler Bestandteil der Planungen war
eine arische Siedlungsbrücke von Ostpreußen bis zur Zips in der Tatra. Auf
diesem Weg lag die polnische Kleinstadt Zamość, die im Winter 1942/43 zum
demographischen Experimentierfeld ernannt wurde. Der Reichsführer der
SS Heinrich Himmler erklärte Zamość zum »deutschen Siedlungsgebiet«,
110.000 Einwohner wurden innerhalb des Generalgouvernements deportiert,
meist in Orte, in denen bis vor kurzem Juden gelebt hatten, oder zur Zwangs-
arbeit ins Deutsche Reich verschleppt. Wer Widerstand leistete, wurde sofort
erschossen, außerdem verhängten die Besatzer Kollektivstrafen gegen Fami-
lien und ganze Dörfer.

122 Unter den Kriegsgefangenen und den Insassen von Konzentrationslagern, die
Zwangsarbeit leisten mussten, lag die Todesrate um ein Vielfaches höher. Vgl. zu den ge-
schätzten Opferzahlen Spoerer, Zwangsarbeit, S. 223–229.
123 Borodziej, Geschichte Polens, S. 200.
Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944) 123

An Stelle der Polen sollten sich 60.000 deutsche »Wehrbauern« nieder­


lassen. Die Behörden konnten aber nur Umsiedler aus Bessarabien oder
Wolhy­nien, die bis dahin in Aufnahmelagern gelebt hatten, von einer An-
siedlung überzeugen. Anschließend waren sie Partisanenangriffen ausge-
setzt, vor denen der antipolnische Terror der SS keinen Schutz bot. Die Idee,
Polen in einem weiteren Umkreis zu vertreiben und stattdessen Ukrainer
als »Schutzwall« anzusiedeln, ließ sich ebenfalls nur bedingt realisieren. Die
Zahl der deutschen Siedler beschränkte sich daher auf etwa 13.000 – unter ih-
nen die Familie des ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler. Insgesamt
war die Aktion Zamość ein Fehlschlag, der nur zu einer Stärkung des pol­
nischen Untergrunds führte. Aufgrund dieser Erfahrungen und des Kriegs-
verlaufs sahen die Besatzer anschließend von ähnlichen Experimenten ab.
Doch die Aktion Zamość zeigt, was Polen im Falle eines deutschen Sieges
geblüht hätte. Gemäß der nochmals radikalisierten Version des Generalplans
Ost vom Sommer 1942 sollte der deutsche Lebensraum bis zu einer Linie von
Leningrad zur Krim reichen und 45 Millionen slawische »Untermenschen«
bis hinter den Ural verfrachtet werden. Bevölkerungsverschiebungen von
diesem Ausmaß hätten zweifelsohne zu einem Genozid geführt.124
Trotz der Beilegung der megalomanen Pläne nach der Niederlage von Sta-
lingrad bestimmten Strafdeportationen und Vertreibungen weiterhin den
Alltag im besetzten Polen. Das schlimmste Beispiel dafür ist das Schicksal
der Warschauer Zivilbevölkerung im Herbst 1944. Bereits während des War-
schauer Aufstands kamen an die 200.000 Menschen ums Leben, etwa 350.000
überlebten in den Ruinen der zerschossenen Stadt. Zur Strafe für den Auf-
stand verfügten die deutschen Besatzer die Deportation aller Überlebenden
ins Generalgouvernement, zur Zwangsarbeit nach Deutschland (90.000) oder
in Konzentrationslager (60.000).125 Anschließend machte die Wehrmacht die
polnische Hauptstadt mit Sprengbomben dem Erdboden gleich. Ethnische
Säuberung wäre ein Euphemismus für diese Maßnahmen, es handelte sich um
die versuchte Auslöschung einer Metropole.
Vergleichbar brutal gingen die Nationalsozialisten in Teilen des besetz-
ten Jugoslawiens vor. Die dortige Konstellation ähnelte in mancher Hinsicht
der Lage in Polen. Das Deutsche Reich annektierte den Norden Sloweniens
und versuchte die so genannte »Untersteiermark« durch Vertreibungen, De-
portationen und Zwangsassimilation zu germanisieren. Gemäß einem Vor-
schlag von Reinhard Heydrich vom April 1941 sollten 260.000 Slowenen
umgesiedelt werden. Letztlich wurden aber nur gut 30.000 Slowenen nach

124 Vgl. zu den verschiedenen Plänen Czesław Madajczyk, Vom Generalplan Ost zum
Generalsiedlungsplan, München 1994; Aly, »Endlösung«, S. 33–34.
125 Vgl. die Zahlenangaben in Włodzimierz Borodziej, Der Warschauer Aufstand
1944, Frankfurt a. M. 2004, S. 205–206.
124 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Kroatien oder Serbien und 11.000 zur »Umvolkung« ins Deutsche Reich ver-
schleppt.126 Der Schwerpunkt der Germanisierungspolitik verlagerte sich
also wie in den annektierten polnischen Gebieten von der Vertreibung zur
Zwangsassimilation.
Wiederum analog zu Polen gab es umfangreiche Pläne zur Neubesiedlung.
Etwa 60.000 Deutsche sollten in die annektierten slowenischen Gebiete ge-
lenkt werden. Die größte einzelne Gruppe waren dann gut 10.000 Gottschee-
Deutsche aus dem italienisch besetzten Süden Sloweniens, die im Winter
1941/42 nach dem Vorbild des deutsch-italienischen Abkommens »Heim ins
Reich« geholt wurden. Der Fall der Gottscheer belegt erneut die grenzüber-
schreitende Wirkung der deutschen Politik, die in den nächsten beiden Kapi-
teln noch näher betrachtet wird.
Von der nationalsozialistischen »Umvolkung« blieb auch das westliche
Europa nicht verschont. Im Elsass und in Lothringen, die unterschiedlichen
Reichsgauen angeschlossen wurden, kann man zwei größere Vertreibungs-
vorgänge unterscheiden. Unmittelbar nach dem Einmarsch der Wehrmacht
wiesen die Besatzer unter dem Motto »Hinaus mit dem welschen Plunder«
etwa 70.000 »Vollfranzosen«, Juden und so genannte Kriminelle aus. In
Lothringen folgte ein halbes Jahr später eine weitere Germanisierungswelle
mit etwa 60.000 »Evakuierungen«.
Die NS-Behörden planten zu diesem Zeitpunkt aber sogar eine Entschä-
digung der Ausgewiesenen für ihren zurückgelassenen Besitz. Dies belegt
einen Unterschied der ethnischen Säuberungen unter NS-Besatzung in West-
und Osteuropa. Die Vertreibungen im Westen verliefen nach dem Modell der
Bevölkerungsverschiebungen von 1918/19 unter französischer Herrschaft
und beruhten primär auf nationalen Kategorien. Erst im Laufe des Krieges
gewannen die SS und die von ihr getragenen rassistischen Motive an Einfluss.
Dagegen spielten rechtsstaatliche Grundsätze bei den ethnischen Säuberun-
gen in Ostmitteleuropa überhaupt keine Rolle – dort dominierte von Anfang
an ein mörderischer Rassismus.
Im Winter 1942/43 mussten erneut mehrere Zehntausend Menschen Loth-
ringen und das Elsass verlassen, ehe sich wie in Polen die Priorität der Kriegs-
produktion durchsetzte. Insgesamt wurden im Verlauf der gesamten Be-
satzungszeit etwa 100.000 Menschen aus Lothringen und 140.000 aus dem

126 Vgl. zu den Zahlenangaben Ristović, Zwangsmigrationen, S. 319; Stevan K.


Pavlowitch, Hitler’s New Disorder. The Second World War in Yugoslavia, New York 2008,
S. 33. Genauere Zahlenangaben zu den ins Reich Verschleppten, darunter 26.000 Zwangs-
arbeiter, bietet Aly, »Endlösung«, S. 286. Vgl. zum Ablauf der Vertreibungen Die Okku­
pationspolitik des deutschen Faschismus in Jugoslawien, Griechenland, Albanien, Italien
und Ungarn (1941–1945), hg. vom Bundesarchiv [Europa unterm Hakenkreuz. Die Ok-
kupationspolitik des deutschen Faschismus (1938–1945), Bd. 6], Berlin 1992, S. 170–171.
Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944) 125

Elsass vertrieben.127 Eine andere, bereits im Osten erprobte Variante der eth-
nischen Homogenisierung war die Deportation von »Eindeutschungsfähi-
gen«, darunter viele Kinder und Jugendliche, ins Innere des Reiches.
In eine ähnliche Richtung zielte die im März 1941 in den annektierten
polnischen Gebieten eingeführte Deutsche Volksliste (DVL). Sie unterteilte
die Bevölkerung in vier Kategorien,128 die ersten beiden für Aktivisten der
nationalen Minderheiten und Menschen, die man aufgrund ihrer Sprache
und Kultur eindeutig für Deutsche hielt. Die dritte Kategorie versammelte
Deutschstämmige, die als »rassisch wertvoll« galten, sich aber einer natio-
nalen Umerziehung unterziehen sollten. In diese Kategorie wurde vor allem
die gemischte Bevölkerung in Oberschlesien, der Kaschubei und anderen Re-
gionen mit einem »schwebenden Volkstum« eingeordnet. Dagegen betrach-
tete das Regime die Angehörigen der Kategorie IV als Renegaten, die sich
trotz deutscher Abstammung zum Polentum bekannten. Die Volksliste be-
ruhte auf einer Mischung aus scheinbar objektiven, rassistisch begründeten
Merkmalen der Nationszugehörigkeit und dem subjektiven Bekenntnis zur
Nation, das ab 1941 gestärkt wurde. Insgesamt erfasste die DVL in den an-
nektierten Gebieten Polens 2,9 Millionen Menschen bzw. über ein Viertel der
dort ansässigen Bevölkerung.129
Bemerkenswert ist der Zeitpunkt der Einführung. Die Volksliste wurde in
dem Moment beschlossen, als weitere Vertreibungen ins Generalgouverne­
ment ausgeschlossen waren. Das Regime griff daher zu anderen, inklusi-
veren Methoden der Germanisierung. Der neue Schwerpunkt der »Volks-
tumspolitik« auf Zwangsassimilation belegt, dass sich der NS-Staat auf das
klassische politische Repertoire nationalisierender Nationalstaaten zurück-
bewegen konnte, sofern es praktische Umstände und der im Verlauf des Krie-
ges immer höhere Bedarf an Rekruten erforderten. Dies betraf aber nicht die
europäischen Juden, denn 1941 schritt das NS-Regime zur industriellen Mas-
senvernichtung.
Die flexible Kombination von ethnischer Säuberung und Zwangsassimila-
tion war kein Novum in der europäischen Geschichte. Zahlreiche National-
staaten hatten sich in der ersten Periode ethnischer Säuberungen ähnlich ver-
halten. Die Besonderheit der Volksliste lag darin, dass wie bei der Aufnahme
der Umsiedler eine rassische Auslese angewendet wurde, sogar mit Körper-

127 Vgl. dazu Heinemann, Rasse, Siedlung, S. 306–331 und nahezu deckungsgleich Lu-
mans, Himmler’s Auxiliaries, S. 180.
128 Inwieweit diese Unterteilung durch die französische Praxis von 1919 im Elsass ins-
piriert war, ist bislang nicht erforscht worden. Dafür spricht die Art der Unterteilung, da-
gegen die rassistischen Grundlagen der NS-Volksliste, die keine eigene Kategorie für Aus-
länder (wie die Kategorie C im Elsass) kannte. Wahrscheinlich handelt es sich also nur um
eine oberflächliche Ähnlichkeit.
129 Vgl. Borodziej, Geschichte Polens, S. 194.
126 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

studien. Die scheinbar objektive Selektion scheiterte aber an der Realität der
gemischten Gesellschaften im vermeintlich »deutschen Osten«. Die bevölke-
rungspolitischen Experimente in Zamość und ansatzweise im ukrainischen
Žytomir belegen ebenfalls die Ausnahmestellung des Nationalsozialismus in
der Geschichte der ethnischen Säuberungen. In der Regel betrafen Vertrei-
bungen und Deportationen Grenzregionen, die direkt an das jeweilige Kern-
gebiet der Nation angrenzten und nicht entlegene Siedlungsinseln.
Doch sogar in den annektierten Gebieten scheiterte die demographische
Germanisierung. Trotz aller Zwangsmaßnahmen, die von willkürlichen Ver-
treibungen bis zur Entführung von Kindern reichten, lebten 1942 im Warthe-
gau mehr als drei Millionen Polen gegenüber etwa einer Million Deutschen.
Durch die Ansiedlung der »Umsiedler« aus Osteuropa verdreifachte sich der
Anteil der Deutschen an der Gesamtbevölkerung zwar von 6,6 Prozent auf
22,8 Prozent im Jahr 1944, aber das lag schon teilweise an der Ankunft von
Flüchtlingen, die sich vor der Roten Armee in Sicherheit brachten. In Ober-
schlesien und in Danzig-Westpreußen stieg der Anteil der Deutschen schnel-
ler, weil sich in diesen beiden Regionen fast zweieinhalb Millionen Menschen
in die Volksliste eintragen ließen.130 Inwieweit sich die Angehörigen der DVL
tatsächlich und bleibend als Deutsche fühlten, ist jedoch zu bezweifeln. In
Oberschlesien häuften sich nach der Niederlage von Stalingrad die Absetz-
bewegungen von der vermeintlichen Herrennation.131 Die »Umvolkung« der
annektierten Gebiete hätte also weit umfangreicherer Vertreibungen bedurft,
was aber wegen der Priorität der Kriegswirtschaft unmöglich war.
Obwohl die Bevölkerungsverschiebungen unter NS-Besatzung auf nicht
einmal halbem Wege stecken blieben, wirkten sie international wie ein
Dammbruch. Das betraf zum einen die Verbündeten des Deutschen Reiches,
die sich explizit auf das deutsche Vorbild beriefen, zum anderen die Kriegs-
gegner. In Großbritannien hatten die Umsiedlungen »Heim ins Reich« und
die Vertreibung der Polen einen direkten Einfluss auf die öffentliche Mei-
nung. In der Zeitschrift Fortnightly hieß es in einem Anfang 1940 ver­
öffentlichtem Artikel: »Hitler …setzt täglich Präzedenzfälle, die nicht ver-
gessen werden können, wenn die Abrechnung kommt.« Im britischen House
of Lords erklangen Forderungen nach einer Umsiedlung der deutschen Min-
derheiten »entsprechend den Methoden Hitlers«.132

130 Vgl. zu diesen Zahlen Madajczyk, Okkupationspolitik, S. 240–242.


131 Vgl. Philipp Ther, Die einheimische Bevölkerung des Oppelner Schlesiens nach
dem Zweiten Weltkrieg. Die Entstehung einer deutschen Minderheit, in: Geschichte und
Gesellschaft 26 (2000), S. 407–438.
132 Zit. nach Frank, Expelling, S. 42, aus der Zeitschrift Fortnightly. Vgl. zum Ober-
haus Brandes, Der Weg, S. 52.
Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944) 127

Die Londoner Regierung vergab an den »Foreign Research and Press Ser-
vice« (FRPS) den Auftrag für ein Gutachten, inwieweit Bevölkerungstrans-
fers »wünschenswert, umsetzbar und dauerhaft« sein könnten. Es handelte
sich beim FRPS um ein hochrangig besetztes Expertengremium am Balliol
­College in Oxford, das sich bald darauf einigte, dass der Austausch oder der
Transfer von größeren Bevölkerungsgruppen ein geeignetes Mittel zur Neu-
ordnung Europas sei. Vor allem der Historiker Arnold Toynbee, der Vor­
sitzende des Gremiums, setzte diese Meinung durch. Toynbee hatte den
griechisch-türkischen Konflikt vor Ort beobachtet und darüber 1923 ein
Buch publiziert, nach dem er immer wieder auf das Vorbild von Lausanne
hinwies. Am meisten Widerspruch kam vom Zentraleuropa-Experten Paul
­Macartney, der 1934 ein Buch über Nationalstaaten und nationale Minder-
heiten verfasst hatte. Er wandte sich gegen »dieses gegenwärtig modische
Allheilmittel für alle Probleme im Zusammenhang mit nationalen Minder-
heiten«. Allenfalls für Polen und die Tschechoslowakei, wo die deutschen
Minderheiten sich dem »doppelten Prinzip von Volkstum und Führertum«
verschrieben hätten, sei eine solche Lösung denkbar.133 1941 trat das akade-
mische »Team of Stars« wegen des Kriegsverlaufs in den Hintergrund, aber
im Januar 1942 folgte der nächste große Regierungsauftrag. Nach britischen-
sowjetischen Gesprächen über die Nachkriegsordnung bestellte die Londo-
ner Regierung eine Studie über »Lehren aus früheren Fällen von Bevölke-
rungsaustausch, insbesondere den griechisch-türkischen Austausch sowie
die erzwungene Entfernung der Bevölkerung der Deutschen in den balti-
schen Staaten und in den nun von Deutschland besetzten Gebieten.«
Schon die Formulierung des Forschungsauftrags belegt die Vorbildwir-
kung der nationalsozialistischen Politik. Die Überlegungen in dieser zweiten
Studie gingen wesentlich weiter als 1940. Die Experten diskutierten die Ver-
schiebung der polnischen Westgrenze bis an die Oder und damit den »Trans-
fer« von fünfeinhalb Millionen Deutschen. Macartney und einige Kollegen
hielten das für nicht praktikabel und warnten vor einem Wiederaufleben des
deutschen Revanchismus. Aber Toynbee, der älteste und bekannteste der
Professoren, dekretierte, dass dieser Punkt auf der Tagesordnung blieb.
Interessant an dieser Debatte ist zum einen, wie Experten von ihrem
Schreibtisch aus das Schicksal von Millionen Menschen gestalteten. Mora­
lische Bedenken gab es kaum, als Gegenargument wogen allenfalls Zweifel an
der Realisierbarkeit und Befürchtungen über unerwünschte Nebenwirkun-
gen. Zum anderen wurde im Laufe der Jahre aus dem Bevölkerungsaustausch
ein einseitiger Transfer, der weit mehr Menschen betraf als ursprünglich ge-

133 Vgl. zu den Debatten und Empfehlungen des FPRS Frank, Expelling S. 46–56, vgl.
dort die Zitate auf S. 50. Hohe Beamte des Außenministeriums äußerten sich ähnlich. Vgl.
ebd., S. 78.
128 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

plant. In akademischen Zirkeln lässt sich somit eine ähnliche Dynamik zu


einer geographischen und quantitativen Ausweitung beobachten wie in den
diplomatischen Verhandlungen nach den Balkankriegen und in ­Lausanne.
Götz Aly und Ingo Haar haben für NS-Deutschland nachgewiesen, wie
Akademiker und insbesondere Historiker als »Vordenker der Vernichtung«
fungierten. Das Buch von Matthew Frank zeigt einige ihrer britischen Kolle-
gen als Vordenker von Bevölkerungstransfers.
Detlef Brandes betont dagegen in seinem »Weg zur Vertreibung« mehr die
Rolle von Edvard Beneš und der polnischen Exilregierung in London.134 Es
fragt sich aber, ob die Vertreter zweier besetzter Länder tatsächlich so großen
Einfluss auf die politischen Eliten und die öffentliche Meinung eines damals
noch weltumspannenden Empires hatten. Der aktuelle Forschungsstand be-
legt einen ohnehin vorhandenen und sich dann kontinuierlich verstärkenden
Konsens der britischen Eliten für ethnische Säuberungen.
Eine Wirkung hatten die Aktivitäten von Beneš zweifelsohne: Die briti-
sche Regierung erklärte im Juli 1942 das Münchner Abkommen für ungültig.
Diese Revision galt jedoch nur für die Grenzen, nicht für die Beseitigung des
Minderheitenschutzes. Die tschechoslowakische Exilregierung bekam zum
Entsetzen der sudetendeutschen Antifaschisten freie Hand für die Auswei-
sung eines Großteils der deutschen Minderheit. Allerdings plante Beneš zu
diesem Zeitpunkt noch die Abtretung rein deutsch besiedelter Gebiete und
wollte überdies eine Million Deutsche im Land behalten. Aber der Grund-
satzbeschluss für den »Transfer« war gefasst.
In den USA war die öffentliche Meinung zu Bevölkerungsverschiebungen
weniger ausgeprägt und obendrein gespalten. Das lag an diversen ­Lobbies,
die sich bereits 1918/19 vehement für Menschenrechte und den Schutz von
Minderheiten eingesetzt hatten. Ein Artikel in der einflussreichen Zeitschrift
Foreign Affairs trat Ende 1941 nur für die Rücksiedlung der von Hitler ver-
schleppten Bevölkerungsgruppen ein.135 Erst nach und nach schloss sich die
amerikanische Regierung der britischen Linie an. Wesentlichen Einfluss dar-
auf hatte der ehemalige Handelsminister und Präsident Herbert Hoover, der
1942/1943, also noch vor der Konferenz von Teheran, mit Verweis auf das
große Vorbild Lausanne für eine Neuordnung Europas entlang ethnischer
Grenzen eintrat.136

134 Vgl. dazu das Kapitel über die »ersten Pläne« und die Diskussion bis zum Angriff
Deutschlands auf die Sowjetunion in Brandes, Der Weg, München 2005², S. 5–104. Vgl.
auch Frank, Expelling, S. 56.
135 Hedwig Wachenheim, Hitler’s Transfers of Population in Eastern Europe, in: For­
eign Affairs 20:1/4 (1941/42), S. 705–718.
136 Vgl. Herbert Hoover, Hugh Gibson, The Problem of Lasting Peace, in: Prefaces to
Peace, New York 1943, S. 289–291.
Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944) 129

Die westliche Vision der europäischen Nachkriegsordnung beruhte somit


ähnlich wie die Hitlersche Reichstagsrede vom Oktober 1939 auf einer Ord-
nung homogenisierter Nationalstaaten. Ob sich die Zeitgenossen dieser Par-
allelen wohl bewusst waren? Durch die deutschen Besatzungsverbrechen war
es möglich, sich einerseits von Hitler zu distanzieren, andererseits aber des-
sen Umsiedlungspolitik als Präzedenzfall zu begreifen.

»Soviet Ethnic Cleansing«

Im geheimen Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt vereinbarte die Sowjet­


union erstmals auf internationaler Ebene einen »Bevölkerungsaustausch«.
Wie Terry Martin und andere Historiker gezeigt haben, lassen sich ethnische
Säuberungen innerhalb der Sowjetunion jedoch bereits Mitte der 1930er Jahre
nachweisen.137 Trotz des guten Forschungsstandes über das »Soviet Ethnic
Cleansing« wirft der sowjetische Fall im europäischen Zusammenhang wei-
terhin Fragen auf. Wie kam es, dass ein Staat, der noch in den 1920er Jahren
die Autonomie und Kultur diverser Nationalitäten gefördert hatte, diese nun
en masse nach Zentralasien oder Sibirien deportieren ließ? Ab wann und in
welchen Fällen überwog das Ziel einer nationalen oder ethnischen gegenüber
einer sozialen Homogenisierung? War dies eine lineare oder eine gebrochene
und in sich widersprüchliche Entwicklung? Diese Fragen drängen sich nicht
zuletzt deshalb auf, weil im Gegensatz zum National­sozialismus ethnische
Säuberungen in der Sowjetunion nicht ideologisch prädeterminiert waren.
Die Bolschewiken strebten vor allem eine soziale Umgestaltung der Gesell-
schaft an, dementsprechend lag ein »social cleansing« in der Logik des Sys-
tems und nicht ethnische Säuberungen.
Die Einordnung der vielfältigen Säuberungen in der Sowjetunion in den
1930er Jahren ist auch deshalb schwierig, weil sich dort wie in allen multina­
tionalen Imperien soziale und ethnische Trennlinien überschnitten. Zwar
hatten die Bolschewiken Großgrundbesitzer, Industrielle, Hausbesitzer und
andere vermögende Schichten enteignet, aber vor allem auf dem Land wa-
ren die sozialen Strukturen aus der Zeit des Zarenreiches noch nicht kom-
plett beseitigt. Das Übergewicht einer bestimmten Nationalität in einer
Deportations­welle bedeutet daher nicht automatisch, dass sich die Verfol-
gung primär gegen diese Gruppe richtete, sondern kann an deren sozialer
Spezifik liegen.

137 Vgl. Terry Martin, The Origins of Soviet Ethnic Cleansing, in: The Journal of
­Modern History 70 (1998), S. 813–861. Vgl. auch die Monographie von J. Otto Pohl, E
­ thnic
Cleansing in the USSR, 1937–1949, Westport 1999, S. 30.
130 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Ein Schlüssel zur Erklärung ethnischer Säuberungen in der Sowjetunion


liegt im Fall der polnischen Minderheit, die als erste national definierte
Gruppierung von gezielten Massendeportationen betroffen war.138 Trotz der
massenhaften Flucht infolge der Revolution, des Bürgerkrieges und des sow-
jetisch-polnischen Krieges existierten in der Belorussischen SSR und in der
Zentralukraine nach wie vor Hunderte teilweise oder überwiegend polnische
Dörfer. Dort setzen sich die grundbesitzenden Bauern wie überall in der So-
wjetunion 1929/30 gegen die Kollektivierung zur Wehr. Das Politbüro der
KPdSU bewertete diesen Widerstand aber nicht als sozialen Konflikt, son-
dern stigmatisierte die polnische Minderheit in nationaler Hinsicht als Geg-
ner und als Verräter am Kommunismus. Im März 1930 warf das Politbüro
der KPdSU »Kulaken-Polnischen Elementen« konterrevolutionäre Aktivi-
täten und Spionage vor, beschwor die Gefahr eines polnischen Angriffs he-
rauf und ordnete die Deportation von rund 15.000 Familien an.139 Auch die
Ukrainer wurden als Sündenböcke für hausgemachte politische und so­ziale
Probleme abgestempelt. Als die Kollektivierung durchgesetzt war, stellte
das Regime diese Deportationen jedoch wieder ein. 1932 ließ Stalin in der
Nähe der sowjetischen Westgrenze sogar einen polnischen Distrikt einrich-
ten. Diese Zugeständnisse standen noch in der Tradition der Korenizacija in
den 1920er Jahren, als die Sowjetunion die Kultur und Autonomie ihrer Na-
tionalitäten allgemein gefördert hatte. Im Fall der grenznahen Minderheiten
lag das Ziel darin, deren Landsleute jenseits der Grenze für die Sowjetunion
einzunehmen.
Die Hoffnung auf einen Export der Revolution wandelte sich jedoch zu
einer Panik vor dem Import der Gegenrevolution. Das erste Opfer dieser um
180 Grad gewandelten Einstellung waren die sowjetischen Polen. Nach dem
Abschluss des polnisch-deutschen Nichtangriffspakts von 1934 hatte Stalin
Angst, dass die Sowjetunion von diesen beiden Staaten angegriffen würde.
Er wies daher den NKVD (Volkskommissariat für Innere Angelegen­heiten)
an, präventiv Polen und deutsche Kolonisten, die in der Nähe der west­
lichen Grenze lebten zu »säubern« (očistit’).140 Die erste große Deportations­
welle »unzuverlässiger Elemente« nach Zentralasien und Sibirien dauerte
vom 20. Februar bis zum 10. März 1935 und erfasste 36.000 Polen und 9.000
Deutsche. Vor allem die Geschwindigkeit der Aktionen gegen »Polnische Sa-
botage- und Spionage-Gruppen« zeugt im europäischen Vergleich von einer

138 Vgl. dazu die Publikation des russischen Historikers Nikolaj Iwanow, Pierwszy
Naród ukarany. Polacy w Związku Radzieckim 1921–1939, Warsaw 1991.
139 Martin, Origins, S. 839.
140 Vgl. zur genauen Wortwahl Martin, Origins, S. 854. Vgl. zum Modellcharakter die-
ser Deportationswelle auch N. V. Petrov; A. B. Rosinskij, »Pol’skaja Operacija« NKVD
1937–1938 gg., in: repressii protiv poljakov i pol’skich graždan, hg. von Memorial, Mos-
kau 1997, S. 22–43, hier S. 31.
Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944) 131

neuen Dimension ethnischer Säuberungen. Insgesamt wurde bis 1938 etwa


die Hälfte der polnischen Minderheit in Belarus und der Ukraine deportiert.
Ein ähnliches Schicksal wie die sowjetischen Polen erlitten im Frühjahr
1935 23.000 Finnen aus dem Leningrader Gebiet, 1936 171.000 Koreaner,
und dann bis 1941 mehrere Hunderttausend Esten, Letten, Griechen, Bulga-
ren, Rumänen, Perser und diverse Turkvölker. Die ethnischen Säuberungen
waren von einer Phobie der militärischen Einkreisung geprägt. Daher betra-
fen die Deportationen sämtliche Nationalitäten, die über einen externen Na-
tionalstaat verfügten und von diesem hätten mobilisiert werden können. Die
Dynamik des Großen Terrors spielte ebenfalls eine wichtige Rolle. Nach-
dem die Kollektivierung und mit ihr die soziale Homogenisierung der sowje­
tischen Gesellschaft durchgesetzt war, richtete sich die Aufmerksamkeit des
NKVD auf jegliche nationale »Abweichler«.
Terry Martin zufolge waren etwa 20 Prozent der Säuberungen in der gro-
ßen Terrorwelle vom Juli 1937 bis zum November 1938 national bzw. eth-
nisch begründet.141 Martin schätzt die Gesamtzahl der in den späten 1930er
Jahren aufgrund ihrer Nationalität verhafteten, deportierten und exekutier-
ten Menschen auf etwa 800.000. Dies relativiert jedoch sogleich die These
vom »Soviet Ethnic Cleansing«, denn die Zahl der Opfer sozialer und partei-
interner Säuberungen lag um ein Vielfaches höher.
Außerdem war die Praxis massenhafter Umsiedlungen aus Grenzregio-
nen nicht neu in der russischen Geschichte. Wie erwähnt griff das Zarenreich
während des Ersten Weltkrieges zu vergleichbaren, präventiven Deporta­
tionen. Erneut agierte somit ein Imperium, das sich seines Status nicht sicher
war und daher gegen bestimmte Gruppierungen in der eigenen Zivilbevölke-
rung vorging. Präzedenzlos waren der Umfang und die Geschwindigkeit der
ethnischen Deportationen und der Zusammenhang mit der sozialen Homo-
genisierung. Insbesondere Polen, aber auch Ukrainer wurden während der
Kollektivierung als Klassenfeinde und Ausbeuter gebrandmarkt. Damit be-
kamen die sozialen Säuberungen eine nationale Note, die Ende der 1930er
Jahre immer mehr an Gewicht gewann.
In der lokalen Praxis kann man ebenfalls eine Wechselwirkung zwischen
verschiedenen Homogenitätsutopien erkennen. Sobald 1932 die Kollektivie­
rung und damit die Aufteilung der Gesellschaft in Bauern, Arbeiter und
In­telligenz durchgesetzt war, – was zur Deportation von 2,3 Millionen
Menschen führte – wandte sich die Nivellierung gegen ethnisch differente
Gruppen. Selbst wenn sich Angehörige von Minderheiten nach außen hin un-
auffällig verhielten, waren sie leicht zu »entlarven«. Viele nationale Aktivisten
hatten sich in der Korenizacija engagiert, außerdem waren sie durch die ab
1932 vorgeschriebenen Einträge der Nationalität in die Personaldokumente

141 Martin, Origins, S. 855.


132 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

identifizierbar. Die vom Regime betriebene Nationalisierung der Gesellschaft


machte die Bürger der Sowjetunion individuell und als Gruppe greifbar. Auch
in diesem Fall kann man mithin von einem Resultat der europäischen Mo-
derne, hier konkret der stalinistischen Modernisierung Russlands sprechen.
Nach dem Einmarsch der Roten Armee in die östliche Hälfte Polens im
September 1939 setzten sich die massenhaften Deportationen fort. Dabei
lässt sich wie auf dem Vorkriegsterritorium der Sowjetunion eine Dynamik
von sozialen zu ethnischen Säuberungen beobachten – nur dass diese Ent-
wicklung wie im Zeitraffer verlief. Die sowjetische Führung stellte die Be-
satzung als nationale Revolution der Ukrainer und Belorussen dar. Bereits
im Oktober ließ Stalin gefälschte Wahlen zu regionalen Sowjets durchfüh-
ren, die sogleich für den Anschluss der »befreiten Gebiete« an die Sowjet-
union stimmten. Sie wurden Teil der Belorussischen bzw. der Ukrainischen
Sowjetrepublik, die der Propaganda zufolge alle Angehörigen der jeweiligen
Titularnation auf ihrem Gebiet vereinten. Die sowjetische Presse forderte
die Belorussen und Ukrainer wörtlich dazu auf, »die polnischen Herren zu
schlagen.«142 Tatsächlich kam es zu Ausschreitungen, Plünderungen und Tot-
schlag, vor allem an Großgrundbesitzern, Militärsiedlern und ehemaligen
Polizisten. Der versprochene Elitentausch verlief dann aber anders als von
den lokalen Akteuren erwartet. An die Schaltstellen der Macht gelangten pri-
mär russische und ostukrainische Parteikader.
Anstelle der Nationalisierung begann eine Sowjetisierung mit umfassen-
den Enteignungen. Schon im Oktober ließ der NKVD Listen mit Personen
erstellen, die verhaftet oder deportiert werden sollten. Darauf befanden sich
vor allem die nach 1918 in die Ostgebiete zugezogenen polnischen »Ansied-
ler« (osadnicy), Polizisten, Beamte der regionalen und kommunalen Verwal-
tung, Grundbesitzer, Unternehmer, Kaufmänner, kurzum die Angehörigen
der bisherigen Elite. Die sowjetischen Besatzer verurteilten 37.000 Menschen
zu Haftstrafen, 1.208 zum Tode, 7.300 wurden ohne Gerichtsurteil erschos-
sen. Am 9. Februar 1940 begannen die massenhaften Deportationen aus dem
ehemaligen Ostpolen. Noch vor dem Morgengrauen rückten Spezialein­
heiten aus, rissen die Betroffenen aus dem Schlaf, befahlen ihnen, ein paar Sa-
chen zu packen und transportierten sie bei Frost von bis zu minus 40 Grad
zu Bahnhöfen, die als Sammelstellen dienten. Innerhalb von nur zwei Tagen
wurden auf diese Weise 140.000 polnische Staatsbürger zusammengetrieben
und in den hohen Norden, nach Zentralasien oder Sibirien verfrachtet.143 Als

142 Vgl. Jan Gross, Revolution From Abroad. The Soviet Conquest of Poland’s Western
Ukraine and Western Belorussia, Princeton 1988, S. 26 und 35.
143 Vgl. zu den einzelnen Phasen der Deportation Stanisław Ciesielski u. a., Masowe
deportacje radzieckie w okresie II wojny światowej, Wrocław 1994, S. 40; Ahonen u. a.,
People on the Move, S. 126–128.
Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944) 133

sie dort ankamen, war es indes vorbei mit der bürokratischen Effizienz. Häu-
fig wurden die Deportierten mitten in der Steppe oder der sibirischen Tundra
aus dem Zug geworfen und mussten dann sehen, wie sie dort zurechtkamen.
Die zweite große Deportationswelle am 13. April betraf etwa 61.000 Men-
schen, meist Familienangehörige der im Februar Verschleppten und weitere
Staatsdiener, außerdem Gewerbetreibende und Angestellte, darunter sehr
viele polnische Juden. Die dritte Deportationswelle in der Nacht vom 28.
auf den 29. Juni 1940 erfasste 78.000 Menschen, vor allem Flüchtlinge aus
dem Generalgouvernement. In der zweiten Jahreshälfte, als der Widerstand
gegen die Sowjetisierung bereits gebrochen war, stellten die Besatzer die De-
portationen weitgehend ein, aber im Juni 1941 folgte ein letzter Schub von
etwa 50.000 Menschen. Außerdem ermordeten die Vertreter des NKVD
kurz vor ihrem hastigen Rückzug etwa 9.500 Gefängnisinsassen. Nach dem
Einmarsch der Wehrmacht schob die SS diese Verbrechen den Juden in die
Schuhe, was die ohnehin bestehende antisemitische Stimmung weiter auf-
heizte.
Insgesamt erfassten die Deportationen aus den ehemaligen polnischen
Ostgebieten ins Innere der Sowjetunion etwa 325.000 Menschen, darunter
200.000 Polen, 70.000 Juden und vergleichsweise wenige Ukrainer und Be-
lorussen. Der Anteil der Polen an den Deportierten lag damit bei 63 Pro-
zent, jener der Juden bei 21 Prozent.144 Polen waren gemessen an ihrem
Bevölkerungsanteil in den Ostgebieten von etwa 40 Prozent also deutlich
über­repräsentiert, aber das galt noch mehr für die polnischen Juden, die ge-
mäß der Volkszählung von 1931 10,7 Prozent der Bevölkerung ausgemacht
hatten. Ab der zweiten Jahreshälfte 1940 waren vermehrt ukrainische und die
insgesamt weniger aktiven belorussischen Nationalisten Verhaftungen und
Deportationen ausgesetzt.
Die sozialen Charakteristika der Deportierten deuten auf eine primär ge-
sellschaftspolitische Zielrichtung der sowjetischen Besatzer hin, die zunächst
die alten Eliten beseitigen und dann den Widerstand gegen die Kollektivie-
rung und andere Enteignungen brechen wollten. Die Entpolonisierung der
annektierten Gebiete war dem gegenüber zweitrangig und wurde primär mit
anderen Mitteln verfolgt. Dazu gehört die zwangsweise Verleihung der so-
wjetischen Staatsbürgerschaft, die Sprachpolitik in den Schulen und im Be-
hördenverkehr und Entlassungen in der Verwaltung und der Wirtschaft. Da
Stalin für den ukrainischen Nationalismus kaum weniger Abneigung ver-
spürte als gegenüber Polen, war die Nationalisierung der nach Westen er-
weiterten Ukrainischen Sowjetrepublik aber nur halbherzig und mit kei-

144 Vgl. Ciesielski (Hg.), Umsiedlung der Polen, S. 19; Piotr Eberhardt, Polska Granica
Wschodnia 1939–1945, Warszawa 1993, S. 73.
134 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

ner Neuauflage der Korenizacija verbunden. Die Sowjetunion blieb daher in


den 1940 annektierten polnischen (und ebenso in den rumänischen und balti-
schen) Gebieten ein Vielvölkerstaat.
Eine wegweisende Ausnahme bildet Karelien, das nach dem Winterkrieg
von 1940 an die Sowjetunion fiel. Ein Großteil der karelischen Bevölkerung
wurde durch das finnische Militär evakuiert oder floh vor der Roten Armee.
Die hinter der Front verbliebenen Finnen wurden ausnahmslos interniert
und nach dem Moskauer Vertrag von 1940 nach Finnland abgeschoben.145
Es handelte sich somit um eine vertraglich vereinbarte Zwangsaussiedlung,
die zugleich zeigt, wie die sowjetischen Sieger mit Gebieten umzugehen ge-
dachten, die von direkten Kriegsgegnern erobert wurden. 1941 ordnete der
NKVD zusätzlich die Deportation von 89.000 Finnen aus dem Leningra-
der Gebiet nach Kasachstan und Sibirien an.146 Der Angriff Deutschlands auf
die Sowjetunion ermöglichte dann eine vorübergehende Rückkehr der Kare-
lier. Nach dem Einmarsch der finnischen Armee in die 1940 abgetretenen Ge-
biete kehrten etwa 280.000 bzw. 70 Prozent der Flüchtlinge in ihre alte Hei-
mat zurück.147 Doch 1944, nach dem erneuten Einmarsch der Roten Armee,
begann eine zweite und endgültige Flucht aus Karelien, die letztendlich im
Rahmen der Pariser Friedenskonferenz 1947 auf internationaler Ebene bestä-
tigt wurde.
Im Vergleich zur Deportation innerhalb der Sowjetunion war die zwei-
malige Flucht immer noch ein gnädiges Schicksal. Die vom NKVD Verfolg-
ten mussten innerhalb kürzester Zeit ihre Koffer packen, konnten nur ein
paar Lebensmittel mitnehmen und waren damit denkbar schlecht auf die
Transporte vorbereitet, die oft etliche Tage oder Wochen dauerten. Die Kälte
in den Zügen führte zu unzähligen Krankheits- und Todesfällen. Von den
140.000 Deportierten aus Ostpolen, die im Februar 1940 verschleppt wur-
den, verstarben nach internen Angaben des NKVD 10.557 Personen bereits
während der Fahrt oder unmittelbar nach der Ankunft, was einer Todes-
rate von über 7 Prozent entspricht.148 Einen derart hohen Blutzoll forder-
ten nur wenige der in diesem Buch behandelten Vertreibungen und keine der
Zwangsaussiedlungen.

145 Über die Flucht und die Zwangsaussiedlung der Finnen gibt es so gut wie keine in-
ternationale Literatur, sie wird entsprechend in allen jüngeren Monographien und Sam-
melbänden über ethnische Säuberungen beiseite gelassen. Die hier gemachten Angaben
beruhen auf Schechtman, Population Transfers, S. 389 und Brandes u. a. (Hg.), Lexikon
der Vertreibungen, S. 334–336.
146 Vgl. zur Deportation der sowjetischen Finnen Pohl, Ethnic Cleansing, S. 21–25.
147 Vgl. zu den Zahlen und dem Widerstand gegen die Flüchtlingsaufnahme Schecht-
man, Population Transfers, S. 392–393.
148 Vgl. Ciesielski u. a., Masowe Deportacje, S. 61; Ahonen u. a., People on the Move,
S. 126.
Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944) 135

Einen neuen Höchststand erreichten die sowjetischen Deportationen mit


der Verschleppung von 900.000 Deutschen im August und September 1941.149
Dieser Fall ist aus drei Gründen von besonderem Interesse für die Geschichte
des »Soviet Ethnic Cleansing«: Erstens handelte es sich quantitativ um die
bis dahin bei weitem größte Gruppe von Deportierten, zweitens richtete sich
die Deportation gegen eine ausschließlich ethnisch und nicht soziologisch
definierte Gruppe, drittens vermischte sich im Falle der Deutschen die Prä-
vention mit einer Kollektivbestrafung. Die Absicht der Bestrafung prägte
alle weiteren, während des Zweiten Weltkrieges veranlassten Deportatio-
nen, die sich gegen Krimtataren, Tschetschenen, Inguschen, verschiedene
Turkvölker, Kurden und Griechen – insgesamt eine knappe Million Men-
schen – richteten.
Die Deportationsbefehle vom Sommer 1941 sind von der üblichen stalinis-
tischen Paranoia vor Verrätern, Spionen und Kollaborateuren durchzogen.
Die Ängste waren im Fall der Deutschen nicht völlig an den Haaren herbei-
gezogen, denn die Wehrmacht füllte ihre gelichteten Reihen auf dem Vor-
marsch tatsächlich mit allen deutschstämmigen Männern auf, die sie vorfin-
den konnte. Doch die ethnische Säuberung von Regionen wie dem südlichen
Ural, die weit von der Front entfernt lagen, entzog sich jeder militärischen
Logik. Die Begründung der Deportationen, der Status der Verschleppten als
»specpereselenci« (Spezialsiedler)150 und die Art ihrer Unterbringung in Si-
birien und Zentralasien hatte den Charakter einer Bestrafung. Häufig wur-
den die Deutschen in Siedlungen transportiert, die zuvor als Strafkolonien
für Kulaken gedient hatten. Das erwies sich sogar als Vorteil, denn die An-
kömmlinge hatten damit ein Dach über dem Kopf – im Gegensatz zu den
1944 deportierten Tschetschenen und Krimtataren.
Trotz des überraschend schnellen Vormarschs der Wehrmacht funktio-
nierte die sowjetische Deportationsmaschinerie reibungslos. Der Abtrans-
port der Deutschen aus dem Wolgagebiet gemäß dem NKVD-Befehl vom
27. August 1941 war innerhalb von nur 17 Tagen abgeschlossen, die Depor-
tation aus weiter von der Front entfernten Gebieten im Herbst erfolgte noch
rascher.151 Total war das Vorgehen auch in Bezug auf die ethnische Selektion.
Familien, die auf Mischehen basierten, wurden ebenfalls nahezu ausnahms-
los deportiert. Schließlich belegt die Dauerhaftigkeit der Deportation ihren

149 Vgl. Pavel Poljan, Ne po svoje vole. Istoria i geografia prinuditel’nych migracracii
v SSSR, Moskva 2001, S. 114. Poljan geht von einer Zahl von 905.000 deportierten Deut-
schen aus, die sich gegen Kriegsende aufgrund der Verschleppung von Volksdeutschen aus
Rumänien, Jugoslawien, Polen und anderen Ländern sowie der »Repatriierung« ehema­
liger NS-Umsiedler auf 1,2 Millionen erhöhte.
150 Vgl. zu diesem Begriff und Status Pavel Polian, Ne po svoie, Moskva 2001, S. 115.
151 Vgl. zum Ablauf der Deportation der Deutschen Pohl, Ethnic Cleansing, S. 27–60.
136 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

totalitären Charakter. Der NKVD verschleppte nach dem Kriegsende wei-


tere 200.000 Angehörige der deutschen Minderheit, die im Zuge der NS-Um-
siedlung und als Flüchtlinge nach Deutschland gelangt waren. Die britischen
und amerikanischen Besatzungsbehörden erwiesen sich als Vollstreckungs-
helfer, indem sie diese Russlanddeutschen, die sich als Displaced Persons auf
ihrem Besatzungsgebiet befanden, an die Sowjetunion auslieferten.152 Die
Entstalinisierung brachte den sowjetischen Deutschen keine Begnadigung.
Sie mussten bis zum Ende der Sowjetunion bzw. bis zur Spätaussiedlung in
die Bundes­republik in der Verbannung bleiben.
Die nächste kollektiv bestrafte Gruppe waren im Februar 1944 die Tsche­
tschenen und Inguschen, die sich bereits durch zähen Widerstand gegen die
Kollektivierung unbeliebt gemacht hatten. Der NKVD deportierte inner-
halb von sechs Tagen 496.460 Tschetschenen und Inguschen, was gegen-
über den Deutschen eine nochmals gesteigerte Effizienz bei der Selektion
und dem Abtransport der Zielbevölkerung belegt. Sobald die Züge abfuhren,
war es vorbei mit der Effizienz. Während der langen Reisen mitten im Win-
ter erfroren Zehntausende, anschließend starben noch mehr in den Arbeits-
lagern.153 23,7 Prozent der Tschetschenen kamen bis 1948 infolge der Depor-
tation ums Leben.
Diese Todesrate, die bei weitem höchste unter allen deportierten Natio-
nalitäten in der Sowjetunion, bringt den Fall der Tschetschenen in die Nähe
eines Genozids. Und doch ist eine Differenzierung angebracht, denn es
kam zu keiner massenhaften Abschlachtung von Menschen wie 1994 in Ru-
anda oder zu einem industriell organisierten Massenmord wie in den deut-
schen Konzentrationslagern. Die sowjetischen Deportationsopfer starben
an Unterkühlung, Hunger und Erschöpfung. Drei längerfristige Faktoren
prägten ebenfalls die extreme Menschenverachtung gegenüber den muslimi-
schen Kaukasusvölkern: Die russische Variante des Kolonialismus und Ori-
entalismus, die Abrechnung für früheren Widerstand gegen die Kollekti-
vierung und ein NKVD, dessen Funktionäre nach Jahren des Terrors und
Krieges offenbar jedes Maß verloren hatten und sich daher nicht um die ex-
treme Kälte während der Transporte und nach der Ankunft in Zentralasien
scherten.
Die nächste größere Gruppe an Deportierten waren 189.000 Krimtataren,
die im Mai 1944 innerhalb von nur zwei Tagen abtransportiert wurden. Ih-
nen folgten gut 15.000 Griechen, 13.400 Bulgaren und knapp 10.000 Arme-
nier, die ebenfalls auf der Krim lebten. Während die Wiederbesiedlung der

152 Laut Pohl überstellten die Alliierten allein von September bis Dezember 1945
203.000 Deutsche. Vgl. Pohl, Ethnic Cleansing, S. 46.
153 Vgl. diese Zahlen in Naimark, Flammender Hass, S. 125; Pohl, Ethnic Cleansing,
S. 49.
Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944) 137

entleerten Gebiete im Nordkaukasus schleppend verlief, hatte Stalin für die


Krim ein funktionierendes Ansiedlungskonzept. Zahlreiche Russen ließen
sich auf der mediterran geprägten Halbinsel nieder und glichen damit den
Bevölkerungsverlust von 1944 aus. Die Bevölkerungspolitik auf der Krim
verlieh diesem Gebiet erstmals eine eindeutig russische Prägung.
In einer Longue durée-Perspektive betrachtet vollendete Stalin damit das
Werk der Türkenkriege im 19. Jahrhundert. Entlang der nördlichen und öst-
lichen Schwarzmeerküste existierten Ende 1944 mit wenigen Ausnahmen wie
den Abchasen und den georgischsprachigen Adjaren keine Muslime mehr.
Religiöse Differenz spielte in den Deportationsbefehlen offiziell keine Rolle,
da die betroffenen Gruppen als Nationalitäten gekennzeichnet waren, aber
die im Zarenreich gewachsenen antimuslimischen Einstellungen wirkten
fort.154 Das gilt insbesondere für die beiden Georgier Stalin und Berija. Auch
die massenhaften Deportationen nach Zentralasien und Sibirien lagen in der
Tradition des Zarenreiches. Allerdings führten diese Maßnahmen nicht zu
einer ethnischen Homogenisierung der Sowjetunion als Gesamtes. Im Ge-
genteil: die kollektive Verbannung konservierte oder verstärkte das Zusam-
mengehörigkeitsgefühl der davon betroffenen Gruppen.
Eine zweite Besonderheit der ethnischen Säuberungen in der Sowjetunion
liegt in ihrem Wandel von zukunfts- zu vergangenheitsbezogenen Motiven.
Die Deportationen in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre standen im Zusam-
menhang mit strategischen Überlegungen vor dem befürchteten Angriff aus
dem Westen. Militärische Gesichtspunkte beeinflussten noch den Abtrans-
port der deutschen Minderheit 1941. Dieser und allen folgenden sowjetischen
Deportationen lag jedoch eine primär retrospektive Motivation zugrunde. Es
ging um die Rolle der Stigmatisierten in dem vor Ort schon längst beendeten
Zweiten Weltkrieg und eine Kollektivbestrafung für vergangene Vergehen.
Im Unterschied zu den europäischen Nationalstaaten ging es Stalin nicht um
ethnische Homogenität. Die Sowjetunion blieb ein Vielvölkerstaat – daran
änderten die Deportationen nichts. Auch Friedensstiftung oder die Lösung
innergesellschaftlicher Konflikte entfallen als Motiv. Dass gesellschaftspoli-
tische Utopien nur eine geringe Bedeutung hatten, belegt auch die Gesamt-
zahl von maximal 2,5 Millionen Menschen, die zwischen 1935 und 1948 auf-
grund ihrer Ethnizität oder Nationalität deportiert wurden.155 Die Zahl der
aus gesellschaftspolitischen Motiven verschleppten Menschen in den 1930er
Jahren lag deutlich höher.

154 Vgl. dazu Holquist, To Count, S. 115.


155 Diese Zahlenangabe beruht auf den knapp zwei Millionen »nationalen Deportier-
ten« von 1937 bis 1944, zuzüglich der »repatriierten« deutschen Sowjetbürger, die 1945/46
sofort nach Zentralasien deportiert wurden sowie der 1940/41 und ab 1944 deportierten
Polen und Balten.
138 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Doch in ihrer Außenpolitik übernahm die Sowjetunion die Rationalität


ethnischer Säuberungen. Bereits bei den ersten sowjetisch-britischen Ver-
handlungen Ende 1941 in Moskau sprach sich die sowjetische Führung für
eine ethno-territoriale Neuordnung Europas aus.156 Dabei stand ähnlich wie
in den zeitgenössischen britischen Konzepten die Verhinderung eines weite-
ren deutschen Angriffskrieges, die Friedensstiftung zwischen verfeindeten
Nachbarstaaten und die Etablierung einer dauerhaften Nachkriegsordnung
im Vordergrund. Ein weiterer Punkt war die Kriegsbeute aus dem Hitler-
Stalin-Pakt. Doch dies führt bereits unmittelbar zu den Verhandlungen der
»großen Drei«, die im übernächsten Kapitel behandelt werden.

Kriege im Krieg: der polnisch-ukrainische


und der serbisch-kroatische Konflikt

Wie bereits der Verlauf des Ersten Weltkrieges zeigt, können moderne Kriege
zu einem Anwachsen von Spannungen und Gewaltausbrüchen zwischen Na-
tionalitäten führen, die formell keine kriegsführenden Parteien sind. Ein Bei-
spiel dafür ist Galizien, wo der 1914 vereinbarte Ausgleich zwischen Polen
und Ukrainern nicht mehr umgesetzt werden konnte. Als die russische Ar-
mee 1915 Ostgalizien besetzte, bevorzugte sie die vermeintliche Junior­nation
der Ukrainer, die Habsburger vertrauten nach der Rückeroberung Galiziens
eher den Polen. Denunzianten auf beiden Seiten nutzen die allgemeine Recht-
losigkeit, die zu willkürlichen Bestrafungen führte und das gegen­seitige
Misstrauen zwischen den Nationalitäten weiter erhöhte. Im Machtvakuum
des Jahres 1918/19 brach schließlich ein Bürgerkrieg aus, bei dem es um die
Herrschaft über das ethnisch gemischte Gebiet ging.
Im Zweiten Weltkrieg wiederholten die Besatzer die Politik des »Divide et
Impera« – mit noch schlimmeren Folgen. Die sowjetischen Besatzer bevor-
zugten Ukrainer und Belorussen bei der Vergabe von Posten in der Lokal-
verwaltung, den verstaatlichten Betrieben und der kollektivierten Landwirt-
schaft, entfernten aber keineswegs alle Polen von ihren Positionen. Sofern
Ukrainer oder Belorussen aus politischen oder persönlichen Gründen nicht
genehm erschienen, gab es immer einen Polen, der sie ersetzen konnte. Bis in
alle Bereiche des Alltags setzte ein verbissener Konkurrenzkampf ein, häu-
fig begleitet von Denunziationen, gegenseitigen Vorwürfen der Kollabora-
tion und alltäglichen Intrigen. Sogar Schulkinder verschiedener Nationalität
mieden direkte Kontakte und hörten auf, miteinander zu spielen.157 Inter-­

156 Vgl. dazu Frank, Expelling, S. 52.


157 Vgl. dazu Philipp Ther, Chancen und Untergang einer multinationalen Stadt:
Die Beziehungen zwischen den Nationalitäten in Lemberg in der ersten Hälfte des
Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944) 139

ethnische Gewalt blieb aber noch die Ausnahme, was an der Übermacht des
sowjetischen Terrors lag.
Als Sündenbock für alle Seiten dienten die Juden, die auf der unteren und
mittleren Ebene der sowjetischen Verwaltung tatsächlich überproportional
präsent waren. Wie bereits im polnisch-sowjetischen Krieg von 1920 machte
der Kampfbegriff der »Żydokomuna« die Runde – die osteuropäische Ent-
sprechung des nationalsozialistischen »Judäokommunismus«. Der Hass ge-
gen die Juden entlud sich im Juni 1941 nach dem Einmarsch der Wehrmacht.
An zahlreichen Orten im ehemalig sowjetisch besetzten Teil Polens verübte
die lokale Bevölkerung Pogrome, die weit mehr Menschenleben kosteten als
1918/19. Dabei spielten die Wehrmacht und die SS eine wesentliche Rolle. Sie
überwachten die Massaker oder organisierten sie selbst, wenn sich die ört­
liche polnische, ukrainische und belorussische Bevölkerung zögerlich ver-
hielt. Ähnlich war das Szenario in den rumänischen Gebieten, die im Sommer
1940 von der Sowjetunion besetzt und im Juni 1941 zurück­erobert wurden,
nur dass dort die rumänische Armee und Polizei als Anstifter agierte. Etwa
eine Woche nach dem deutschen Einmarsch in Ost­polen erreichte die Verfol-
gung der Juden eine neue, genozidale Dimension. Die Wehrmacht und die SS
begannen mit massenhaften Erschießungen, vor denen selbst eingefleischte
Antisemiten erschraken. Die in aller Öffentlichkeit begangenen und somit
symbolhaften Gräueltaten veränderten die Einstellungen der lokalen Bevöl-
kerung. Polen und Ukrainer bekamen alltäglich vorgeführt, wie wenig ein
Menschenleben wert sein konnte.
Die »Organisation Ukrainischer Nationalisten« (Orhanizacja ­Ukrainskych
Nacionalistiv, OUN) sah die Zerschlagung Polens und die Niederlagen der
Roten Armee gegen die Wehrmacht als Gelegenheit an, endlich den 1919/20
gescheiterten ukrainischen Nationalstaat zu errichten. Die mit den Natio-
nalsozialisten nicht abgesprochene Proklamation der Unabhängigkeit am
30. Juni 1941 in Lemberg endete zwar mit der Einweisung des OUN-Füh-
rers Stepan Bandera in das KZ Sachsenhausen, aber abgesehen davon koope-
rierten die Nationalsozialisten mit den radikalen ukrainischen Nationalisten.
Sie sollten auf einer unteren Hierarchiestufe die Besatzungsherrschaft unter-
stützen und galten als potenzielle Hilfstruppen im Feldzug gegen die Sowjet-
union. Während sich in den Programmen der OUN vor dem Weltkrieg keine
klaren Forderungen nach einer ethnischen Reinheit des postulierten Staats-
gebiets finden, radikalisierte sich die Haltung nach dem Einmarsch der Wehr-
macht. Dies lag daran, dass eine dauerhafte Unterwerfung der Polen nicht zu

20. Jahrhunderts, in: Ther, Sundhaussen (Hg.), Nationalitätenkonflikte, S. 123–146. Vgl.


zu den inter-ethnischen Beziehungen in Galizien den eindrücklichen Augenzeugen-
bericht des Arztes und Psychologen Tadeusz Tomaszewski, Lwów 1940–1944: Pejzaż
­psychologiczny, Warschau 1996.
140 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

erwarten war, die polnische Exilregierung in London substantielle Zuge-


ständnisse an die Ukraine ausschloss und die Nationalsozialisten gegenüber
Juden und Polen ein Beispiel setzten, wie man mit missliebigen Nationa­
litäten umgehen konnte. Ein ukrainisches Flugblatt vom Oktober 1941 gab
folgende Linie vor: »Es lebe die große selbständige Ukraine ohne Juden,
Polen und Deutsche. Polen hinter den San, Deutsche nach Berlin, Juden an
den Haken.«158
Die Spannungen zwischen Polen und Ukrainern nahmen auch auf-
grund der deutschen Wirtschaftspolitik zu. Während die Sowjetunion die
­1939–1941 besetzten Gebiete als Integrationsmaßnahme zeitweise sogar be-
vorzugt mit Lebensmitteln und Konsumgütern beliefert hatte, setzten die
Nationalsozialisten auf eine möglichst effektive Ausbeutung. Die Versor-
gungslage verschlechterte sich daher rapide, Not und Hunger griffen um sich
und erzeugten Verteilungskonflikte. Polen und Ukrainer beschuldigten sich
erneut, auf Kosten der jeweils anderen Gruppe ihren Vorteil zu suchen. Die
Besatzer stützten die gegenseitigen Verdächtigungen, indem sie je nach Be-
darf mit Ukrainern, gelegentlich mit Polen kooperierten.
Während es in den großen Städten zunächst noch relativ ruhig blieb, brach
in jenen Regionen Ostpolens, in die Warschau ab 1919 Militärsiedler angesie-
delt hatte, massenhafte Gewalt aus. Ende 1942 ermordeten ukrainische Na-
tionalisten in Wolhynien erstmals die polnische Bevölkerung eines gemischt
besiedelten Dorfes, bald darauf griffen die Kämpfe auf das ehemalige öster-
reichische Teilungsgebiet über. Im Herbst 1943 schrieb der Lemberger Erz-
bischof Twardowski an seinen unierten Kollegen Andrei Šeptyckii: »Die
Zwischenfälle, die sich auf dem Territorium meiner Diözese ereignen, die
Morde, die an meinen Kaplanen und der Bevölkerung des lateinischen Be-
kenntnisses verübt wurden, haben die Grenze der individuellen Rache, oder
auch der persönlichen, privaten und politischen Abrechnungen bereits über-
schritten.« Twardowski zählte dann die ermordeten Priester und die zahlrei-
chen Ortschaften auf, aus denen Polen vertrieben worden waren.159 Trotz der
Friedensappelle der beiden Kirchenführer entwickelten sich die Kämpfe zu
einem Flächenbrand, der den gesamten Südosten der zweiten polnischen Re-
publik erfasste. Rechts des Bug konnten sich Polen meist nur in so genannten
Selbstverteidigungszentren, also in größeren Dörfern und Kleinstädten be-

158 Zitiert nach Dieter Pohl, Nationalsozialistische Judenverfolgung in Ostgalizien


1941–1944. Organisation und Durchführung eines staatlichen Massenverbrechens, Mün-
chen 1996, S. 177.
159 Vgl. Józef Wołczański: Korespondencja Arcybiskupa Bolesława Twardowskiego z
Arcybiskupiem Andrzejem Szeptyckim w latach 1943–1944, in: Przegląd Wschodni 2 (2)
1992/93, S. 475 (Brief vom 15. Oktober 1943). Vgl. Zum polnisch-ukrainischen Konflikt
und der ethnischen Säuberung von Polen Timothy Snyder, The Reconstruction of Nations.
Poland, Ukraine, Lithuania, Belarus. 1569–1999, New Haven 2003, S. 158–178.
Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944) 141

haupten. Links des Bug behielt die polnische Armia Krajowa (AK) die mili-
tärische Kontrolle und ergriff Vergeltungsaktionen gegen die ukrainische Be-
völkerung.
Die zeitliche und räumliche Distanz zwischen den Massakern links und
rechts des Bug belegt erneut, dass es sich dabei nicht um spontane Rache
oder lokale Exzesse, sondern um einen von oben gesteuerten Prozess han-
delte. Die Vergeltungsaktionen beruhten auf Befehlen aus den Führungs­
stäben der Ukrainischen Aufständischenarmee (Ukrains’ka Povstans’ka Ar-
mija, kurz UPA) und der AK, die über den Verlauf des Konflikts auf beiden
Seiten des Bug und San informiert waren. Zahlreiche Massaker lassen sich
daher als »Revanchefouls« einordnen – ein Phänomen, das im Konflikt zwi-
schen Ustaša und Četniks im Unabhängigen Staat Kroatien und anderen ver-
gleichbaren Konstellationen ebenfalls vorkam.
Im Januar 1944 überschritt die Rote Armee ein zweites Mal die polnisch-
sowjetische Grenze von 1939. Die Lage der Polen verschlechterte sich da-
durch zunächst weiter, da die Rote Armee und der NKVD die Selbstverteidi-
gungszentren auflösten und Mitglieder der AK verhafteten. Damit sollte die
politische Konkurrenz zum Moskau-treuen Polnischen Komitee Nationaler
Befreiung (Polski Komitet Wyzwolenia Narodowego) in Lublin im Keim er-
stickt werden. Die sowjetischen Sicherheitsorgane waren jedoch nicht in der
Lage, die polnische Bevölkerung vor den Angriffen der UPA zu schützen,
die im Frühjahr 1945 mit erneuerten Kräften angriff. Unzählige katholische
Dorfkirchen brannten, manchmal mit den darin eingepferchten Dorfbewoh-
nern, es kam zu Ritualmorden an schwangeren Frauen und Säuglingen, auf
den Leichen wurden Kreuzzeichen eingeritzt.160
Die Brutalität in diesem Bürgerkrieg erklärt sich aus der Schwäche, nicht
etwa der Stärke der Ukrainischen Nationalisten, die in ihrem verzweifelten
Kampf gegen die sowjetischen Sicherheitsorgane und die vermeintlich kol-
laborierenden Polen auf jedes verfügbare Mittel setzten. Die Eskalation des
polnisch-ukrainischen Bürgerkrieges war dennoch nicht hausgemacht: Der
NKVD und die SS hatten sich als Besatzer mindestens ebenso brutal verhal-
ten. Der Krieg im Krieg folgte nur den Mustern der allgemeinen Kriegsfüh-
rung und dem negativen Beispiel des Holocaust. Etwa 30.000 bis 50.000 pol-
nische Zivilisten verloren infolge der Kämpfe in Wolhynien und Ostgalizien
ihr Leben,161 mindestens 300.000 flohen über den Bug in Gebiete, die unter

160 Vgl. die Aufzeichnungen von Augenzeugen in Archiwum Instytutu Śląskiego w


Opolu [AIS], »Pamiętniki trzech pokoleń mieszkańców« Ziem Odzyskanych« (1986),
Pamiętnik Nr. 82 und Nr. 95; Jeffrey Burds, Agentura. Soviet Informant’s Network and
the Ukrainian Underground in Galicia 1944–1948, in: East European Politics and Socie­
ties 11 (1997), S. 89–130, hier S. 106 und 118.
161 Ciesielski, Umsiedlung, S. 23, nennt eine Zahl von 70.000, die aber immer noch
überhöht sein dürfte.
142 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Kontrolle der Armia Krajowa standen. Etwa die gleiche Anzahl rettete sich
in polnische Selbstverteidigungszentren. Flucht und wilde Vertreibung las-
sen sich daher im Nachhinein kaum unterscheiden, jedenfalls migrierte die
Bevölkerung meist in Reaktion auf unmittelbare Gewalt.
Ähnlich war die Lage westlich des Bug, nur unter umgekehrten Vorzei-
chen. Im heutigen Südostpolen flohen Ukrainer vor den Angriffen der AK
oder wurden von ihnen vertrieben. Dabei kam es ebenfalls zu Massakern, so
etwa im April 1945 in dem Ort Piskorowice (ukr. Pyskurovyči), wo mehrere
Hundert Menschen ermordet wurden. Insgesamt brannten nach ukrainischen
Berechnungen über 300 mehrheitlich ukrainische Dörfer ab, 4.670 Menschen
fanden dabei den Tod. Die Zahl der Flüchtlinge lässt sich mangels offiziel-
ler Registrierung kaum bestimmen, aber der bei weitem größte Teil der Uk-
rainer verlies das Nachkriegsgebiet Polens erst nach dem Abschluss der pol-
nisch-ukrainischen Evakuierungsabkommen im September 1944.162 Dieses
Abkommen steht bereits im Kontext der Schaffung der europäischen Nach-
kriegsordnung und wird daher später behandelt.
Wie bei anderen Fällen von Flucht und Vertreibung, die während eines
Krieges erfolgten, verlief die gegenseitige ethnische Säuberung von Ukrai-
nern und Polen äußerst verlustreich. Oft flüchteten die Menschen in mehre-
ren Etappen und Phasen, zunächst aus dem Heimatdorf in die nächstgrößere
Ortschaft, von dort aus weiter in die Großstädte oder über den Bug. Dieses
Szenario ähnelt der Flucht der Balkanmuslime 1912/13 oder der kleinasiati-
schen Griechen im Jahr 1923. Wie in diesen Fällen hatte die ethnische Säube-
rung während eines noch laufenden Krieges hohe Todesraten zur Folge, die
in einigen Gegenden Wolhyniens 10 Prozent und mehr betrugen. Charakte-
ristisch war außerdem die symbolische Gewalt, die bei vertraglich geregelten
Zwangsaussiedlungen in der Regel fehlt. Die öffentliche Misshandlung, Stig-
matisierung oder Hinrichtung der jeweiligen »Gegner« sollte die noch vor-
handene Zivilbevölkerung davon überzeugen, die Heimat ebenfalls rasch zu
verlassen. Eine weitere Folge ethnischer Säuberung während eines Krieges
war der nahezu völlige Verlust des persönlichen Eigentums. Die Flüchtlinge
aus Wolhynien und vergleichbaren Regionen konnten meist nur ein kleines
Marschgepäck und die Kleidung, die sie am Leib trugen, mitnehmen.
Von Bedeutung ist der polnisch-ukrainische Konflikt außerdem dadurch,
dass er den Alliierten einen weiteren Anlass zur kompletten territorialen und
ethnischen Neuordnung Ostmitteleuropas gab. Für Polen war ein erheb­

162 Vgl. zum Ablauf von Flucht und Vertreibung von Polen und Ukrainern Ivan ­Bilas,
Represyvno-karal’na systema v Ukraini 1917–1953. Suspil’no-politychnyi ta istoryko-
pravovyi analiz, 2 Bde., Kyiv 1994, hier Bd. 1, S. 213–237. Das beste polnische Buch zum
Thema ist von Grzegorz Motyka, Tak bylo w Bieszczadach. Walki polsko-ukrainskie
1943–1848, Warszawa 1999.
Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944) 143

licher Teil der ehemaligen Ostgebiete verbrannte Erde. Bereits 1944 stellte
sich daher die Frage, wo die Flüchtlinge und Vertriebenen aufgenommen
werden sollten. Da die Regionen westlich des Bug bereits überfüllt und oben-
drein umkämpft waren, kamen sie als Aufnahmegebiete kaum in Frage. Der
Blick richtete sich auch deshalb auf die deutschen Ostgebiete, die noch näher
behandelt werden.
Der kroatisch-serbische Konflikt von 1941 bis 1945 war im Vergleich der
opferreichste »Krieg im Krieg«. Dies lag zum einen am direkten Einfluss der
Nationalsozialisten auf die regionalen Akteure, zum anderen an dem Spiel-
raum, den diese selbst besaßen. Fünf Tage nach dem Einmarsch der Wehr-
macht in Jugoslawien proklamierten die radikalen kroatischen Nationalisten
der Ustaša (wörtlich übersetzt »Aufständische«) am 10. April 1941 den Un-
abhängigen Kroatischen Staat (Nezavisna Država Hrvatska, fortan NDH),
der das heutige Kroatien und Bosnien-Herzegowina umfasste. Im Gegensatz
zum ukrainischen Fall unterstützte die deutsche Regierung diese National-
staatsgründung, weil sie die Ustaša als willkommene Handlanger betrach-
tete, um die Vorherrschaft über Jugoslawien zu sichern, den Aufwand für die
Besatzung klein zu halten und ein Gegengewicht gegen das verbündete Ita-
lien zu schaffen.
Die Ideologie der Ustaša, die seit 1929 im italienischen Exil operierte, war
noch stärker als jene der OUN durch den Faschismus geprägt. Die radika-
len kroatischen Nationalisten strebten in ihren Programmen bereits vor 1941
einen ethnisch reinen Nationalstaat an. Die Unterwerfung der Minderheiten
reichte nicht mehr aus, sie mussten assimiliert und im Fall von Widerstand
ausgemerzt werden. Als nicht tolerierbare Minderheiten sahen die Ustaša
vor allem Serben, ferner Sinti und Roma sowie Juden an, dagegen nicht die
bosnischen Muslime. Sie galten als konvertierte Kroaten und konnten in der
Hauptstadt Zagreb sogar eine große Moschee eröffnen. Gewalt war gemäß
der Ideologie der Ustaša nicht nur Mittel zum Zweck, sondern politisches
Prinzip, das auch auf ästhetischer Ebene verherrlicht wurde.
Das Problem für die Ustaša lag darin, dass der Kroatische Staat von knapp
1,9 Millionen Serben bewohnt wurde (etwa 30 Prozent der Bevölkerung),
außerdem von etwa 40.000 Juden sowie 30.000 Sinti und Roma. Die Einstel-
lung gegenüber diesen Minderheiten spiegelte sich in einem Flugblatt wieder,
das nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Kroatien kursierte und auf dem
stand: »keine Serben, Zigeuner, Juden und Hunde«163. Der Vergleich der Min-
derheiten mit Tieren belegt das biologistische und zugleich rassistische Den-
ken der Ustaša. Milovan Žanić, der Vorsitzende des Gesetzgebenden Rates
im ersten Ustaša-Kabinett, erklärte in einer Rede am 2. Mai 1941: »Dies muss

163 Vgl. zu diesen Statistiken Pavlowitch, Hitler’s New Disorder, S. 32.


144 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

das Land der Kroaten und von niemandem sonst sein. Es gibt keine Methode,
die wir als Ustaša nicht benutzen werden, um dieses Land wahrhaftig kroa-
tisch zu machen und es von den Serben zu säubern, die uns Jahrhunderte lang
gefährdet haben und uns bei erster Gelegenheit wieder gefährden würden.
Dies ist kein Geheimnis, dies ist die Politik unseres Staates …«164
Bereits wenige Wochen nach der Machtübernahme verübten Ustaša-Ein­
heiten in gemischt besiedelten Regionen wie Slawonien, Nord- und Ostbos-
nien Massenmorde an Serben. Das vorerst schlimmste Massaker ereignete
sich im westslawonischen Glina, einer Kleinstadt 55 Kilometer südlich von
Zagreb. Dort trieben die Ustaša 260 Serben in eine orthodoxe Kirche, ver­
riegelten die Türen, stachen und schossen in die Menge und steckten das Got-
teshaus an.165 Glina erlangte 1991 neue Bekanntheit, denn dort ereigneten
sich im Juli 1991 mit die ersten bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen
Serben und Kroaten. Opfer der Gewalt vom Frühjahr 1941 waren zunächst
Staatsfunktionäre und Kolonisten aus der Zwischenkriegszeit, also die Eliten
Jugoslawiens und die Träger der serbischen Bevölkerungspolitik. Diese pri-
mär politische Abrechnung wandelte sich dann in eine chaotische Welle inter-
ethnischer Gewalt.
Eine weitere Dimension erreichten die Vertreibungen durch die Vereinba-
rungen mit dem Deutschen Reich vom 4. Juni 1941. Zagreb und Berlin ka-
men überein, dass Kroatien 170.000 Slowenen aus der so genannten Unter-
steiermark aufnehmen sollte, die analog zum Warthegau der Eindeutschung
der annektierten Gebiete im Weg standen. Der Ustaša-Führer Ante Pavelić
stimmte diesen Bevölkerungsverschiebungen unter der Bedingung zu, dass
Kroatien eine mindestens gleiche Anzahl von Serben aus Kroatien aussiedeln
dürfe. Etwa 9.000 Slowenen, die als Anhänger des jugoslawischen Staates
galten, sollten direkt nach Serbien abtransportiert werden.166 Das Deutsche
Reich initiierte also eine Kette an ethnischen Säuberungen, an deren Ende
das besetzte Serbien stand, das ähnlich wie das Generalgouvernement als eine
Art Deponie für vertriebene slawische »Untermenschen« dienen sollte. Hit-
ler empfing Pavelić zwei Tage nach der Unterzeichnung des Abkommens in
Berlin und schwor ihn noch einmal auf die vereinbarten Bevölkerungsver-
schiebungen ein. Wie in seiner Reichstagsrede vom Oktober 1939 betonte er,
dass nur klare Grenzen zwischen den Nationen dauerhaften Frieden ermög-
lichten. Umsiedlungen seien zwar schmerzlich, aber besser als andauerndes
Leid. Auf dieser Linie argumentierten anschließend auch die Ustaša, die sich
zusätzlich auf das Abkommen von Lausanne bezogen und nach dem Vorbild

164 Zit. und übersetzt nach Jozo Tomasevich, War and Revolution in Yugoslavia,
1941–1945. Occupation and Collaboration, Stanford 2001, S. 392.
165 Vgl. dazu Tomasevich, War and Revolution, S. 398.
166 Vgl. zu diesem Vertrag Tomasevich, War and Revolution, S. 393.
Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944) 145

Griechenlands sogar internationale Kredite für die Bewältigung der Aus-


und Ansiedlungen forderten.167
Der rationale Kern der Politik gegenüber den kroatischen Serben spiegelte
sich in den Namen der dafür zuständigen Behörden, der im Juni 1941 einge-
richteten »Staatsdirektion für wirtschaftliche Erneuerung«, die für die orga-
nisierte Vertreibung nach Serbien zuständig war, und des »Instituts für Ko-
lonisation«, das die Ansiedlung von repatriierten oder landlosen Kroaten
voranbringen sollte. Der Name der Staatsdirektion war keine Camouflage,
denn ihre zweite Hauptaufgabe lag im Transfer des Eigentums der vertrie-
benen Serben und der enteigneten Juden. Das geraubte Gut der Minderhei-
ten sollte den kroatischen Mittelstand und das in der Ustaša-Ideologie noch
mehr als im NS-Staat verherrlichte Bauerntum stärken.
Die besagte Staatsdirektion brachte im August 1941 eine zweite Welle eth-
nischer Säuberungen in Gang. Praktisch über Nacht mussten Zehntausende
von Serben ihre Heimat verlassen. Sie durften offiziell maximal 50 Kilo-
gramm Gepäck mitnehmen, das ihnen auf dem Weg in die Sammel­lager und
von dort nach Serbien aber häufig abgenommen wurde. Zusätzlich zu diesen
organisierten Transporten kam es zu wilden Vertreibungen. Bis zum 20. Sep-
tember zählten die deutschen Besatzungsbehörden in Belgrad 118.000 Flücht-
linge aus Kroatien. Pro Tag waren das etwa 2.500 Menschen, die meist mit-
tellos in Serbien ankamen, dort ernährt und untergebracht werden mussten.
Besonders prekär war die Lage entlang der Drina, dem Grenzfluss zwi-
schen Bosnien und Serbien. Lokale Ustaša-Funktionäre trieben im Sommer
1941 20.000 Menschen vor sich her und beschossen sie von den Uferhängen
aus.168 Zahlreiche Menschen ertranken beim Versuch, den Fluss zu über­
queren. Das Drina-Tal bedarf auch deshalb besonderer Erwähnung, weil sich
dort 1992 und 1995 die schlimmsten Massaker während des Krieges in Bos-
nien ereigneten. Die Wehrmachteinheiten auf der serbischen Seite der Drina
trugen zur Tragödie bei, indem sie den Flüchtlingen die Aufnahme verwehr-
ten. Schließlich vereinbarten Kroatien und das Deutsche Reich die Einrich-
tung einer bilateralen Kommission, die für eine bessere Organisation der
»Umsiedlung« der Serben sorgen sollte, aber das änderte die Zustände kaum.
Himmler intervenierte im Oktober 1941 gegen die ethnischen Säuberungen,
weil sie die Besatzungsverwaltung in Serbien vor unlösbare Probleme stellten
und die Partisanen stärkten. Außerdem stoppte die SS die Umsiedlung von
Slowenen aus der so genannten Untersteiermark. Ähnlich wie im Warthe-
gau hatte sich die nationalsozialistische Umvolkung als nicht realisierbar und
kontraproduktiv erwiesen.

167 Für diese Hinweise danke ich Alexander Korb, früher HU Berlin, jetzt Univ. of
Leicester.
168 Vgl. zur Situation im Drinatal Tomasevich, War and Revolution, S. 394.
146 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Aufgrund der Unterbrechung der offiziell vereinbarten Bevölkerungs-


verschiebungen entstand eine neue, noch fatalere Dynamik. Die kroatischen
Sammellager, die im Sommer 1941 der Zwangsaussiedlung nach Serbien ge-
dient hatten, wurden nun zu Konzentrationslagern umfunktioniert, in denen
die Ustaša Serben, Juden, Sinti und Roma internierten. Bei der Verfolgung
von Serben spielte der Krieg gegen die Partisanen eine wesentliche Rolle, den
die Ustaša mit ihrer zügellosen Gewalt provoziert hatten. Im Juli 1942 erlies
die kroatische Regierung ein weit auslegbares »Dekret zur Unterdrückung
strafbarer Aktionen gegen den Staat«,169 das die Sippenhaft für Familien un-
tergetauchter Personen einführte. Die Ustaša wiesen manchmal ganze Dör-
fer in die Lager ein, um die Bevölkerung vom Widerstand abzuschrecken und
zur Flucht nach Serbien zu bewegen. Zugleich wechselte im Sommer 1942 die
Zuständigkeit für die etwa 20 größeren Lager vom Innenministerium zum
Überwachungsdienst der Ustaša. Die Lage in den Lagern verschlechterte sich
daraufhin nochmals, wie ein katholischer Geistlicher aus Jasenovać berich-
tete: »Das Konzentrationslager in Jasenovać ist ein echtes Schlachthaus. Man
hat noch nie irgendwo – nicht einmal unter der GPU oder der Gestapo – von
solch schrecklichen Dingen gelesen, wie sie in Jasenovać von den Ustaša be-
gangen werden.«170
Die Zahl der Opfer in Jasenovać entwickelte sich später im kommunisti-
schen Jugoslawien zu einem Politikum ersten Ranges. Um Reparationsan-
sprüche zu begründen und den genozidalen Charakter des Ustaša-Regimes
zu betonen, brachten die Kommunisten Zahlen von bis zu 700.000 Opfern
allein in diesem Lager in Umlauf. Dagegen rechneten kroatische Nationalis-
ten wie der spätere Präsident Franjo Tudjman die Zahl der Toten in allen La-
gern auf 60.000 herunter. Joso Tomasevich geht aufgrund der Berechnun-
gen serbischer Historiker von insgesamt 334.000 Serben aus, die im Laufe des
Krieges in Kroatien und in Bosnien-Herzegovina ums Leben kamen.171 Dies
war angesichts einer Gesamtzahl von 1,9 Millionen Serben bei der Gründung
des Unabhängigen Kroatischen Staates ein Verlust von über einem Sechstel
der Bevölkerung.
Abgesehen von der Massentötung in den Lagern kam es zu unzähligen lo-
kalen Massakern, die sich sogar gegen Konvertiten richteten, also jene Ser-
ben, die verzweifelt versuchten, sich nach außen hin anzupassen.172 Selbst

169 Vgl. Tomasevich, War and Revolution, S. 399.


170 Zit. nach ebd., S. 400.
171 Vgl. ebd., S. 738. Diese Zahl nennt auch Aleksa Djilas, The Contested Country.
­Yugoslav Unity and Communist Revolution 1919–1953, Cambridge 1991, S. 126.
172 Die NS-Behörden berichteten allein von Mai 1941 bis Mai 1942 von 87 Fällen mut-
williger Massaker an Kroaten, denen jeweils bis zu 100 Menschen zum Opfer fielen. To-
masevich, War and Revolution, S. 413. In der zweiten Jahreshälfte 1941 wurde außerdem
etwa die Hälfte des orthodoxen Klerus ermordet.
Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944) 147

wenn man die Opfer des eigentlichen Partisanenkrieges mit seinen blutigen
Vergeltungsaktionen von der Gesamtzahl der 1941–1944 ums Leben gekom-
menen Serben abzieht, lag die Zahl der Ermordeten im Ustaša-Staat ungefähr
auf gleicher Höhe wie die Zahl der Flüchtlinge, die bis 1944 in Serbien ange-
kommen waren (241.000 Menschen). Es handelt sich somit bei den ethnischen
Säuberungen in Kroatien um einen versuchten oder teilweisen Genozid.
Die mörderische Gewalt lässt sich mit internen und externen Faktoren er-
klären. Bereits im italienischen Exil pflegten die Ustaša einen Kult der Ge-
walt, den sie nach ihrer Machtergreifung auf gesamtstaatlicher und lokaler
Ebene auslebten. Der Unabhängige Kroatische Staat war gerade wegen seiner
organisatorischen Defizite genozidal. Pavelić verschaffte den lokalen Ustaša-
Funktionären fast unbeschränkte Macht, hielt sie aber nur begrenzt unter
Kontrolle. Einige Tausend radikaler Gewalttäter genügten daher, um das ge-
samte Land zu terrorisieren. Ein spezielles Element des Ustaša-Terrors war
die kollektive Bestrafung größerer Familienverbände (Zadruga), insbeson-
dere im Kampf gegen die Partisanen. Doch dies war die einzige Spezifik, die
sich dem »Balkan« und somit einem regionalspezifischen Erklärungsansatz
zuordnen ließe. Weit wichtiger erscheinen in Abwägung dazu die Anstiftung
und der indirekte Einfluss der Nationalsozialisten, ohne die es vielleicht bei
einer Abrechnung mit den jugoslawischen Eliten, serbischen Kolonisten und
exponierten Trägern des serbischen Nationalbewusstseins wie dem orthodo-
xen Klerus geblieben wäre. Bei der Radikalisierung der Ustaša spielte außer-
dem ähnlich wie in der Westukraine das negative Vorbild der Judenverfol-
gung eine Rolle.
Die Dynamik zum Genozid lässt sich drittens auf die besonderen Di-
mensionen der angestrebten Homogenisierung zurückführen. Die Ustaša
wollten ein Drittel der Bevölkerung ihres Staates vertreiben oder zwangs­
assimilieren. Eine ethnische Säuberung dieser Größenordnung (es gibt im
20. Jahrhundert nur einen quantitativ ähnlichen Fall – die Vertreibung und
Zwangsaussiedlung der Sudetendeutschen) hätte einen perfekt funktionie-
renden Staatsapparat, moderne Verkehrssysteme und eine vollständige Ent-
waffnung der Minderheit vorausgesetzt. Die Ustaša waren weit davon ent-
fernt, einen so komplexen Vorgang organisieren zu können, nicht einmal mit
deutscher Unterstützung. Außerdem wehrten sich die Serben in Kroatien.
Daher setzte eine Spirale der Gewalt ein, der schließlich ein Sechstel der ser-
bischen Minderheit zum Opfer fiel.
Abschließend ist noch auf die Gegengewalt der serbischen Royalisten und
Nationalisten einzugehen. In Teilen Serbiens, des Ostens und Südens Bos-
niens gewannen die Četniks im Verlauf des Krieges militärisch die Ober-
hand. Sie verübten auf der Basis einer Guerillataktik Anschläge gegen die
deutschen Besatzer und gingen auf breiter Front gegen die Ustaša vor. Dabei
kam es vor allem am Oberlauf der Drina zu Massakern an der musli­m ischen
148 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Bevölkerung.173 Das massenhafte Morden im Umkreis der Stadt Foča stand


im Zusammenhang mit dem brutalen Partisanenkrieg, hatte seine ideologi-
sche Grundlage aber im Nationalismus der Četniks. Deren Anführer Draža
Mihailović und seine engsten Berater strebten ein ethnisch reines Groß­
serbien an und forderten die »Säuberung des Staatsterritoriums von seinen
nationalen Minderheiten und nicht-nationalen Elementen«.174 Diese Säube-
rung beinhaltete wie bei den Ustaša die Zerstörung religiöser Monumente
wie Moscheen und katholischer Kirchen. Im Unterschied zu den Ustaša ver-
fügten die Četniks jedoch über keinen Staatsapparat, der die ethnischen Säu-
berungen hätte organisieren können. Eine Gleichsetzung der beiden Bewe-
gungen wäre daher verfehlt, insbesondere was die Wirkung ihrer Ideologie
anbetrifft.
Da Mihailović jede Vorstellung fehlte, wohin man die unerwünschten
Minderheiten hätte abschieben können, waren Massaker und wilde Vertrei-
bungen die einzigen Methoden, mit denen die Četniks ein ethnisch homo-
genes Serbien herstellen konnten. Auf die Eskalation der Gewalt wirkte sich
erneut das negative Vorbild der deutschen Besatzungsverwaltung aus, die
in Serbien den Grundsatz anlegte, dass für jeden von Partisanen erschosse-
nen Wehrmachtssoldaten zwischen 50 und 100 Serben sterben mussten. Al-
lein zwischen September 1941 und Februar 1942 ermordete die Wehrmacht
bei derartigen Repressionen über 20.000 Menschen.175 Die Hinrichtungen er-
folgten zur Abschreckung in aller Öffentlichkeit. Das äußerst brutale Vor-
gehen sämtlicher Partisanen, auch der Kommunisten, hatte mehr mit die-
sen Vorbildern zu tun als mit der oft herbeizitierten Gewalttradition des
­Balkans.
Allzu weit gediehen die Pläne der Četniks für ein ethnisch reines Groß-
serbien nicht, da sich ab dem Frühjahr 1943 die kommunistischen Partisanen
durchsetzten. Sie vereinten unter der Führung des Kroaten Josip Broz alle
Nationalitäten Jugoslawiens und setzten den ethnischen Säuberungen eine
dezidiert anti-nationalistische Linie entgegen. Betrachtet man den Zulauf zu
Titos Partisanen, war die Vision eines friedlichen Vielvölkerstaates offenbar
attraktiver als die mörderische Ideologie und Praxis der kroatischen und ser-
bischen Nationalisten.
Der Partisanenmythos des gemeinsamen Kampfes gegen die Faschisten
bildete ab 1945 den Kern der offiziellen Erinnerung. Doch in den Familien

173 Neueren Berechnungen zufolge starben infolge des Krieges zwischen 86.000 und
103.000 bosnische Muslime. Vgl. Sundhaussen, Geschichte Serbiens, S. 339.
174 Zit. nach ebd., S. 321, Fußnote 622. Im hier leicht verändert übersetzten Ori-
ginal hieß es: »Čišćenje državne teritorje od svih narodnih manjina i ne-nacionalnih
­elemenata«.
175 Vgl. ebd., S. 327.
Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944) 149

und den lokalen Öffentlichkeiten kursierte weiterhin die Erinnerung an


Massaker und Vertreibungen, was häufig mit einer Verdrängung eigener
Schuld verbunden war. Dagegen blieb der Anteil der Deutschen an dem trau-
matisierenden Krieg im Krieg wenig beachtet. Das lag auch daran, dass sich
die Besatzer abgesehen von der Verfolgung der Juden und der Vergeltung
nach Partisanenanschlägen im Hintergrund gehalten hatten. Die umfas-
senden Pläne Hitlers zur Neuordnung Europas und die mit Pavelić verein-
barte Kette an Bevölkerungsverschiebungen waren Ursachen unermesslichen
Leids, aber nicht Bestandteil des Kriegsalltags. Ähnlich wie in der Westuk-
raine konzentrierte sich die Erinnerung daher auf die lokalen und regiona-
len Konfliktgegner und die vor Ort erlebte Gewalt und nicht auf jene Macht,
die von 1941–1944 über die Verteilung der Ethnien und Nationen in Ostmit-
tel- und Südosteuropa bestimmte. Als Feindbilder dienten bis 1989 eher die
Ustaša, die Četniks, die OUN, die UPA oder die AK als die so genannten
»Hitlerowcy« (Hitleristen) – wie die Deutschen in der antifaschistischen Pro-
paganda hießen.
Der Unterschied der Nachwirkung des ukrainischen-polnischen und des
kroatischen-serbischen (bzw. in Bosnien auch kroatisch/muslimischen-serbi-
schen) Krieges im Krieg lag darin, dass in Ostmitteleuropa bereits am Ende
des Zweiten Weltkrieges ethnische Grenzen gezogen wurden. Westukrai-
ner und Polen konnten sich daher in der Nachkriegszeit nur retrospektiv be-
kriegen, was in der populären und wissenschaftlichen Literatur oft genug ge-
schah. Dagegen endete der kroatisch-serbische Konflikt unentschieden. Die
radikalen Nationalisten auf beiden Seiten, die Ustaša und die Četniks wur-
den besiegt, aber nicht die Saat des Nationalismus und der konflikthaften Er-
innerungen.
Dieser unterschiedliche Fortgang des ukrainisch-polnischen und des kro-
atisch-serbischen Konflikts sollte aber nicht die Gemeinsamkeiten dieser
Kriege im Krieg verdecken. Ursache der Gewalt waren Versuche, im Rahmen
des Zweiten Weltkrieges homogene Nationalstaaten zu errichten. Für Min-
derheiten gab es in der Ideologie der radikalen Nationalisten keinen Platz.
Das Ausmaß der ethnischen Säuberungen war im Unabhängigen Kroatien
Staat größer, weil die Ustaša einen eigenen Staat errichten konnten, wäh-
rend die OUN und die UPA aus dem Untergrund heraus operieren mussten.
In beiden Fällen erfolgte die Flucht oft etappenweise oder unter Berührung
verschiedener Fronten und war daher besonders verlustreich und trauma­
tisierend.
150 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Weitere Fälle im deutschen Einflussbereich

Die Darstellung und Erklärung der weiteren ethnischen Säuberungen im


deutschen Einflussbereich in Ostmittel- und Südosteuropa setzt einen Rück-
blick auf das Münchner Abkommen voraus. Wie erwähnt hatten die vier
Signatarstaaten nicht nur die deutsch-tschechische Grenze neu gezogen,
sondern zugleich die Tschechoslowakei und Ungarn zur Lösung ihrer terri-
torialen Streitigkeiten innerhalb von drei Monaten aufgefordert. Prinzipiell
beinhaltete dies eine Anerkennung des ungarischen Revisionismus. Im Süden
der Slowakei sollte wie in München eine ethnische Grenze gezogen werden.
Folgerichtig sprachen das Deutsche Reich und Italien im November 1938 die
überwiegend ungarisch besiedelten Gebiete der ČSR Budapest zu.
Diese neue Grenzziehung im Ersten Wiener Schiedsspruch war nach
dem Vorbild des Münchner Abkommens mit umfangreichen Bevölkerungs-
transfers verbunden. Sämtliche tschechischen und slowakischen Staats­diener
mussten das übereignete Gebiet verlassen. Auch andere Gruppen, insbeson-
dere die Empfänger von Parzellen im Rahmen der tschechoslowakischen
Landreform von 1920, gerieten unter Druck. Oft blieb nur noch die Zeit, has-
tig einen Koffer zu packen, in einigen Ortschaften kam es zu Ausschreitun-
gen. Gemäß der slowakischen Sekundärliteratur flohen mindestens 100.000
tschechoslowakische Staatsbürger aus den an Ungarn übereigneten Gebie-
ten.176 Erst im Frühjahr 1939 beruhigte sich die Lage langsam wieder, was an
einem Kurswechsel der ungarischen Regierung lag. Budapest kehrte in der
Südslowakei vorerst zu einem imperialen Nationskonzept zurück, das einen
Restbestand an Minderheiten tolerierte, solange diese politisch und wirt-
schaftlich marginalisiert waren.
Unter den Anhängern der Slowakischen Nationalpartei (SLS) dominierte
dagegen bereits zu diesem Zeitpunkt ein rein ethnisches Nationskonzept. Im
Oktober 1938 skandierten Anhänger der SLS auf einer Kundgebung in Bra-
tislava: »Česi peši do Prahy!« (Tschechen zu Fuß nach Prag!). Die slowaki-
sche Autonomieregierung begann Verhandlungen mit der ehemaligen Zen­
tralregierung über die Rücksiedlung von 10.000 tschechischen Beamten und
ihren Familien. Erneut musste die ohnmächtige Prager Regierung einem Be-
völkerungstransfer zu ihren Ungunsten zustimmen. Als die Slowakei 1939
die Unabhängigkeit erklärte, wurden die dortigen Tschechen über Nacht zu
Ausländern. Nun mussten nicht nur Staatsdiener, sondern auch Angestellte
und Unternehmer das Land verlassen. Häufig ging es um deren Wohnungen

176 Vgl. Martin Vietor, Dejiny okupácie južního Slovenska 1938–1945, Bratislava, Vy-
davatelstvo Akadémie Vied, 1968, S. 42. Diese Angaben werden in einer jüngeren Publika-
tion der Slowakischen Akademie der Wissenschaften bestätigt. Vgl. Elena Mannová (Hg.),
A Concise History of Slovakia, Bratislava 2000.
Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944) 151

und Häuser, auf die Slowaken ein Auge geworfen hatten. Das Selektions­
kriterium für die Rücksiedlung war zum einen der Wohnort vor 1918, zum
anderen das politische Verhalten bis 1938. Wer als überzeugter Anhänger der
Tschechoslowakischen Republik galt, musste gehen. Allein in der Hauptstadt
Bratislava betraf dies über 20.000 Tschechen, in der gesamten Slowakei min-
destens 50.000. Der slowakische Historiker Valerián Bystrický bezeichnet
den Vorgang als »Vertreibung« (vyst’ahovanie),177 die bald das Verhältnis zu
den slowakische Juden beeinflussen sollte (dazu mehr im letzten Abschnitt
dieses Kapitels).
Mit dem Erwerb der Südslowakei und der Karpatho-Ukraine hatte sich
der ungarische Revisionismus noch keineswegs erschöpft. Das Augenmerk
richtete sich nun auf Transsylvanien bzw. Siebenbürgen, die demographisch
und wirtschaftlich für Ungarn bedeutendste der 1920 verlorenen Regionen.
Der ungarisch-rumänische Konflikt um Siebenbürgen kann als weiteres An-
schauungsmaterial dienen, wie sich die nationalsozialistische Neuordnung
Europas und das Ziel einer ethnischen Grenzziehung konkret auswirkten.
Das grundlegende Problem in Siebenbürgen war, dass die von Hitler avisier-
ten demographischen Trennlinien sich auf keiner noch so genauen Karte ab-
zeichneten. Überall lebten Rumänen und Ungarn gemischt, eindeutig zu­
ordenbare größere Siedlungsgebiete gab es nicht. In der nordwestlichen
Hälfte der Region war die ungarische Minderheit besonders zahlreich, stellte
dort aber wie die Rumänen im südlichen Transsylvanien nur eine relative
Mehrheit.178 Das Zünglein an der Waage in diesem ethnischen Flickentep-
pich waren die Siebenbürger Sachsen, Juden, Slowaken und weitere kleinere
Gruppierungen.
Rumänien wies bis 1939 sämtliche ungarische Ansprüche ab, war aber
durch den Hitler-Stalin-Pakt und die daraus hervorgehende sowjetische Be-
setzung der nördlichen Bukowina und Bessarabiens geschwächt. Das Deut-
sche Reich garantierte die Unabhängigkeit Rumäniens nur unter der Bedin-
gung territorialer Zugeständnisse gegenüber Ungarn und Bulgarien. Ziel
dieser »Pax Germanica« war es, die Konflikte innerhalb der eigenen Ein-
flusssphäre einzudämmen, den Zugriff auf das kriegswichtige rumänische

177 Vgl. Valerián Bystrický, Vyst’ahovanie českých štátných zaměstnancov zo Slo-


venska v rokoch 1938–1939, in: Historický Časopis 45 (1997), S. 596–611. Vgl. zu den Zah-
lenangaben S. 606. Bislang wird dieser Fall einer ethnischen Säuberung in keinem einzi-
gen deutsch- oder englischsprachigen Fachbuch erwähnt.
178 Die Bevölkerungsstatistiken variieren bis heute je nach ihrer nationalen Prove­
nienz. Vgl. dazu Ottmar Traşcă, Rudolf Gräf, Rumänien, Ungarn und die Minderheiten-
frage zwischen Juli 1940 und August 1944, in: Ralph Melville u. a. (Hg.), Zwangsmigratio­
nen im mittleren und östlichen Europa. Völkerrecht – Konzeptionen – Praxis (1938–1950),
Mainz 2007, S. 259–308, hier S. 271.
152 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Erdölgebiet zu wahren und die Unterstützung Ungarns und Rumäniens im


Krieg gegen die Sowjetunion zu gewinnen.
Mit Druck und Drohungen gelang es Deutschland und Italien im August
1940, Ungarn und Rumänien, wenig später Rumänien und Bulgarien an den
Verhandlungstisch zu zwingen. Die Vorgabe war entsprechend der Reichs-
tagsrede Hitlers vom Oktober 1939 die Neuziehung der Grenzen anhand
ethnischer Trennlinien. Doch auch in den beiden betroffenen Ländern gab es
viel Zustimmung für Frieden auf der Basis eines »Bevölkerungsaustauschs«.
Führende rumänische und ungarische Politiker verwiesen auf das Vorbild
von Lausanne, wobei Rumänien ein Junktim zwischen der Abtretung Nord-
siebenbürgens und der Aussiedlung der dann noch verbliebenen ungarischen
Minderheit im Süden Transsylvaniens herstellte.179 Dies war aus der Angst
geboren, dass Ungarn eines Tages die restlichen 1920 verlorenen Gebiete ein-
fordern würde.
Die Grenzziehung im Zweiten Wiener Schiedsspruch vom August 1940
war wie das Münchner Abkommen und etliche frühere Regelungen mit
einem »Recht« auf Option verbunden. Ungarn konnten innerhalb von sechs
Monaten aus Rumänien auswandern und umgekehrt Rumänen aus Ungarn.
Rumänen, die in Nordsiebenbürgen bleiben wollten, erhielten automatisch
die ungarische Staatsbürgerschaft. Die Optanten besaßen das Recht, ihr be-
wegliches Eigentum mitzunehmen und konnten vom aufnehmenden Staat
eine Entschädigung für Immobilien in Anspruch nehmen. Die Verträge ent-
sprachen damit den internationalen Standards der Zwischenkriegszeit, etwa
in den Abkommen von Neuilly und Sèvres oder der Genfer Konvention zu
Oberschlesien – was einmal mehr die Elemente der Kontinuität in der natio-
nalsozialistischen Neuordnung Europas belegt.
Doch anstatt Frieden zu stiften, verschlechterte sich mit dem Wiener
Schiedsspruch die Lage der Minderheiten auf beiden Seiten der neuen Grenze.
Vor allem im ungarischen Teil der Region brach im Herbst 1940 eine Welle
der Gewalt los. Grundsätzlich lag das am Regimewechsel, konkret am be-
waffneten Widerstand radikaler rumänischer Nationalisten und den dadurch
provozierten Repressalien der ungarischen Armee. Bei diversen Massakern
kamen Hunderte von Menschen ums Leben, am meisten in dem Ort Ip, wo
155 Tote gezählt wurden. Die früheren Funktionsträger des rumänischen
Staates, Eisenbahner, Postangestellte, zahlreiche Lehrer und sogar Empfän-
ger von Agrarland im Rahmen der Landreform von 1921 mussten das unga-
risch besetzte Gebiet verlassen. Eine zweite Gruppe an Flüchtlingen waren
orthodoxe Priester und Angehörige der Bildungsschichten, also die mög­
lichen Anführer einer nationalen Minderheit. Zwar konnten viele ländliche
Flüchtlinge ihre Viehwagen, landwirtschaftliche Geräte und Möbel mitneh-

179 Vgl. Traşcă, Gräf, Rumänien, Ungarn, S. 267.


Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944) 153

men, aber die Zwangsausgesiedelten aus den Städten wurden in plombierten


Flüchtlingszügen abgeschoben. Es handelte sich somit nicht um eine »Wie-
dergutmachung der Ungerechtigkeiten« während der rumänischen Herr-
schaft – so die Legitimation der ungarischen Politik – sondern um eine dauer-
hafte ethnische Transformation. Die Formel der »Wiedergutmachung« zeigt
ein weiteres Mal, wie historische Erfahrungen und Erinnerungen politisch
instrumentalisiert wurden.180
Auf die Repressalien unmittelbar nach der ungarischen Machtübernahme
folgte eine gezielte Diskriminierung. Angehörige freier Berufe verloren ihre
Zulassung, aus dem Staatsdienst waren Rumänen auf der Basis eines Gummi­
paragraphen über ihr Verhalten während der Zwischenkriegszeiten de facto
ausgeschlossen, in der Landwirtschaft verloren die Bauern, die von der ru-
mänischen Bodenreform profitiert hatten, ihr Land. Außerdem zog der Staat
sämtliches »verlassenes Eigentum« ein. Eine deutsch-italienische Untersu-
chungskommission stellte 1942 fest, die ungarische Regierung führe »einen
Kampf zur Verminderung, ja fast Vernichtung des Einflusses der rumäni-
schen Minderheit in Nordsiebenbürgen auf das Wirtschaftsleben«.181 Der ru-
mänische Schulunterricht wurde stark eingeschränkt, zwei Drittel der ortho-
doxen Pfarreien aufgelöst. Wie in Kroatien und der Westukraine gab es also
eine konfessionelle Komponente des Konflikts.
Die Diskriminierung von Ungarn im südlichen, rumänischen Teil Sieben­
bürgens war weniger systematisch, aber für die Betroffenen ebenso uner-
träglich. Strafsteuern trieben die Vertreter freier Berufe in den Ruin oder zur
Auswanderung, etwa ein Drittel der ungarischen Schullehrer wurde entlas-
sen, Bauern mussten ihre Getreideernte abliefern. Der rumänische Diktator
Ion Antonescu forderte im Ministerrat, die Konflikte mit allen Minderhei-
ten zu schüren, um den Kampfgeist seiner Landsleute zu steigern: »Ich bin
im Hass gegen Türken, Juden und Ungarn aufgewachsen. Dieses Hassge-
fühl gegen die Feinde des Vaterlandes muss bis zur letzten Konsequenz ge-
führt werden.« Tatsächlichen Anlass zum Hass hatten die Flüchtlinge, die
auf beiden Seiten der Grenze ankamen. In Rumänien forderte die Asociaţia
Expulzaţilor şi Refugiaţilor din Transilvania de Nord (Verein der Vertriebe-
nen und Flüchtlinge aus Nordsiebenbürgen)182 eine bevorzugte Unterbrin-
gung der Flüchtlinge zu Lasten der ungarischen Minderheit. Auch in anderer
Hinsicht herrschte eine negative bilaterale Dynamik. Sobald eines der beiden
Länder Maßnahmen gegen die Minderheit ergriff, folgte nach diplomatischen
Protesten und Drohungen die Vergeltung auf der anderen Seite der Grenze.

180 Vgl. dazu Traşcă, Gräf, Rumänien, Ungarn, S. 290.


181 Zit. ebd., S. 293.
182 Siehe zu dem vorherigen Zitat und den Aktivitäten des Vertriebenenverbandes ebd.,
S. 301.
154 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Insgesamt verließen laut den Statistiken der deutsch-italienischen Kom-


mission bis 1942 200.000 Rumänien den ungarischen Teil Siebenbürgens, die
rumänische Regierung registrierte bis 1944 218.000 Flüchtlinge. Aus dem
südlichen Teil der Region flohen nach einer rumänischen Zählung 104.000
Ungarn, andere Autoren erwähnen eine Zahl von 150.000. Jüngere rumäni-
sche Publikationen weisen darauf hin, dass die Gesamtzahl der Flüchtlinge
höher liegen dürfte, weil nicht alle offiziell registriert wurden.183
Die Rolle von NS-Deutschland in diesem Konflikt und den damit einher-
gehenden ethnischen Säuberungen war widersprüchlich. Einerseits agierte
Berlin als bestimmende Macht des Zweiten Wiener Schiedsspruchs, der
die formell freiwillige, aber de facto zwanghafte Emigration entlang der
neuen rumänisch-ungarischen Grenze in Siebenbürgen festlegte. Anderer-
seits versuchten in die Konfliktregion entsandte deutsch-italienische Unter-
suchungskommissionen mäßigend zu wirken, um den Ausbruch eines Krie-
ges zwischen Ungarn und Rumänien zu verhindern. Letztlich mussten etwa
370.000 Menschen ihre Koffer packen, was einem Sechstel der Minderheiten-
bevölkerung entsprach. Gemessen an den Zielen war das wenig, aber die Ver-
bitterung auf beiden Seiten saß tief und führte nach dem Rückzug der unga-
rischen Armee im Herbst 1944 zu rumänischen Racheaktionen.
Das neben der Südslowakei und Siebenbürgen dritte Ziel des ungarischen
Revisionismus waren die verlorenen Gebiete in der Vojvodina. Hier ergab
sich nach dem Angriff Deutschlands auf Jugoslawien im April 1941 eine Ge-
legenheit zur Revanche. Die Nationalsozialisten überließen dem Horthy-Re-
gime die Bačka und Baranja und entlasteten damit die eigenen Besatzungs-
truppen. Auch in diesen Regionen verfolgte die ungarische Regierung die
Eliten des gegnerischen Nationalstaats rücksichtslos. Alle jugoslawischen
Staatsbediensteten und die potenziellen Anführer einer serbischen Minder-
heit mussten ihre Heimat verlassen. Innerhalb weniger Monate wurden bis
zu 50.000 Serben über die Grenze ins deutsche Besatzungsgebiet abgescho-
ben. Außerdem kam es zu Massakern, denen mindestens 5.000 Menschen
zum Opfer fielen.184 Die ungarischen Behörden gingen damit sogar rabiater
gegen die künftige Minderheit vor als die Nationalsozialisten im annektier-
ten Teil Sloweniens. Mit den serbisch-ungarischen Konflikten vor Ort lässt

183 Vgl. Dumitru Şandru, Mişcări de populaţie în România (1940–1948), Bucureşti,


Editura Enciclopedică, 2003, S. 9; Corneliu Pădurean, Contribuţii la problematica
refugiaţilor din Nord-Vestul Transilvaniei în judeţul Arad (1940–1942), in: Sorina Paula
Bolovan u. a. (Hg.), Mişcări de populaţie şi aspecte demografice în România în prima
jumătate a secolului XX. Lucrările conferinţei internaţionale »Mişcări de populaţie în
Transilvania în timpul celor două războaie mondiale«, Cluj-Napoca, 24–27 Mai 2006,
Presa Universitară Clujeană, 2007.
184 Vgl. die Zahlenangaben in Michael Portmann, Die kommunistische Revolution in
der Vojvodina 1944–1952. Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur, Wien 2008, S. 92.
Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944) 155

sich dies nur bedingt erklären. Die ungarische Politik gegenüber den Minder­
heiten wurde über die Stationen der Südslowakei (Anschluss Ende 1938),
Nordsiebenbürgen (1940) sowie der Bačka und Baranja (1941) immer radi-
kaler. Ähnlich wie in Rumänien wirkte sich diese Radikalisierung außerdem
auf die Haltung gegenüber den Juden aus. Während diese im Landesinneren
in der Mehrheit überlebten, wurden die Juden aus den wiedergewonnenen
Gebieten fast ausnahmslos deportiert.
Die Budapester Regierung verband die Aussiedlung von Minderheiten
mit einer gezielten Ansiedlung ko-ethnischer Bürger, die zum Teil aus weit
entfernten Regionen stammten. Ein Beispiel dafür sind die Szekler aus der
Buko­wina, die zur Magyarisierung in die Bačka und Baranja gebracht wur-
den. Die aus Bosnien stammenden Bewohner der dortigen ungarischen Sied-
lungsinseln hatten eine ähnliche Aufgabe. »Heim ins Reich« und eine homo-
genisierende Ansiedlungspolitik war also nicht nur eine deutsche Praxis. Die
Vertreibungen aus den ungarisch besetzten Gebieten hätten zweifelsohne ein
noch größeres Ausmaß angenommen, wenn die regionale Vormacht Deutsch-
land nicht andere Prioritäten gehabt hätte. Ungarn zum Beispiel wollte in der
Bačka und Baranja ursprünglich 150.000 Serben abschieben. Doch dagegen
wehrte sich die deutsche Besatzungsverwaltung in Restserbien, die mit den
Flüchtlingen aus Kroatien bereits überfordert war. Außerdem sollten alle
Kräfte für den Angriff auf die Sowjetunion konzentriert werden.
Ähnlich wie im ungarisch-rumänischen Fall lagen die tieferen Ursachen
des bulgarisch-rumänischen Konflikts im regionalen Imperialismus der süd-
osteuropäischen Nationalstaaten. Rumänien hatte sich nach dem Zweiten
Balkankrieg den südlichen Teil der Dobrudscha angeeignet, obwohl Rumä-
nen dort 1913 nicht einmal drei Prozent der Gesamtbevölkerung von 282.000
Menschen ausmachten.185 Die Siegermächte des Ersten Weltkrieges bestätig-
ten diesen Grenzverlauf im Vertrag von Neuilly. In den folgenden 20 Jahren
verfolgte Rumänien in dem eroberten Gebiet eine rigide Nationalisierungs-
politik. Zum einen wurden Bulgaren in den Schulen, der Agrarreform und
auf dem Arbeitsmarkt gezielt benachteiligt, zum anderen siedelte die Re-
gierung über 40.000 rumänische Kolonisten an. Der Anteil der Bulgaren an
der Gesamtbevölkerung sank daher von einer absoluten Mehrheit auf unter
40 Prozent, jener der Rumänen stieg auf 20 Prozent. Wie utopisch das Ziel
eines homogenen Nationalstaats in der südlichen Dobrudscha war, lässt sich
an dieser Statistik ermessen. Um eine absolute Bevölkerungsmehrheit zu stel-
len, hätte Rumänien seine Siedlungspolitik entsprechend dem Verlauf von
1920 bis 1940 noch über 30 Jahre lang fortsetzen müssen. Sofia akzeptierte

185 Vgl. diese bulgarische Bevölkerungsstatistik in Andrea Schmidt-Rösler, Rumänien


nach dem Ersten Weltkrieg. Die Grenzziehung in der Dobrudscha und im Banat und die
Folgeprobleme, Frankfurt a. M. 1994, S. 25.
156 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

den Verlust dieser Region aber nie. Bulgarische Banden verübten Anschläge
auf Einrichtungen des rumänischen Staates und Kolonisten, die daher eben-
falls paramilitärische Einheiten bildeten.
Aufgrund der fortwährenden Spannungen brachte Großbritannien 1939
einen Bevölkerungstransfer entlang einer revidierten Grenze ins Spiel. Doch
mit dem Hitler-Stalin-Pakt verlor Großbritannien den Status als Ordnungs-
macht in Südosteuropa. Nun bestimmte das Deutsche Reich in Zusammen-
arbeit mit Italien den Verlauf des Konflikts – und übernahm die britische
Idee. Am 7. September 1940 unterzeichneten Bulgarien und Rumänien den
Vertrag von Craiova, der im Prinzip die Grenzen von 1878 wiederherstellte.
Dieser Vertrag beinhaltete die Auflösung der bulgarischen und rumänischen
Minderheiten in der Dobrudscha. Die Definitionsmacht, wer diesen Minder-
heiten angehörte, oblag allein den Behörden der beiden Nationalstaaten. Die
Betroffenen hatten keinerlei Einspruchs- oder Petitionsrecht und unterlagen
dem »Bevölkerungsaustausch« ausnahmslos. Gemessen an den Standards der
Zwischenkriegszeit handelte es sich also um eine ähnlich strikte Regelung
wie im Vertrag von Lausanne. Davon abweichend war die Beschränkung der
zwangsweisen Aussiedlung auf die Dobrudscha. Außerhalb dieser Region
galt für Bulgaren in Rumänien und für Rumänen in Bulgarien das Prinzip
einer freiwilligen Option.
Insgesamt wurden zwischen dem 7. November und dem 14. Dezember
1940 61.000 Menschen aus dem nördlichen Teil der Dobrudscha nach Bul-
garien ausgesiedelt, während Rumänien etwa 100.000 Staatsangehörige auf-
nehmen musste. Für sie reichte der Platz, den die bulgarische Minderheit
gemacht hatte, nicht ganz aus, aber die Bauernhöfe der »Heim ins Reich«
geholten Dobrudscha-Deutschen standen zusätzlich zur Verfügung. Die
Zwangsaussiedlung der bulgarischen und rumänischen Minderheiten verlief
im Gegensatz zu Siebenbürgen reibungslos. Die Betroffenen konnten sogar
weitgehend unbedrängt ihren Hausrat und ihr Vieh mitnehmen. Mit ihnen
zogen 215.000 Schafe, 18.500 Pferde, 12.500 Rinder und diverses Kleinvieh
über die neue Grenze – eine Massenwanderung von Mensch und Tier, die sich
fast jeder Vorstellung entzieht.186 Dieser Transfer belegt einmal mehr den Un-
terschied zwischen einem konsensualen und organisierten »Bevölkerungs-
austausch« und Vertreibungen in bürgerkriegsartigen Situationen. Vor der
Konsequenz dieses Vergleichs schrickt man als Autor gleichsam zurück: Die
totale Säuberung der Dobrudscha von ihrer jeweiligen bulgarischen und ru-
mänischen Minderheit erwies sich als die stabilere »Lösung« als die partielle,
sich über Jahre hinziehende und teilweise revidierte ethnische Säuberung in

186 Vgl. zu diesen Statistiken, die zeitgenössischen Medien entnommen waren, Schecht-
man, Population Transfers, S. 407.
Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944) 157

Siebenbürgen. Dieser Ansicht waren jedenfalls die Alliierten, die 1944 den
Vertrag von Craiova stillschweigend bestätigten.
Zurück blieb eine Dobrudscha, die aufgrund einer Kette an ethnischen
Migrationen kaum wiederzuerkennen war. Als erste Minderheit emigrier-
ten im Rahmen der Spätaussiedlung von 1936–1939 die Türken. Auf sie folg-
ten im November 1940 die Dobrudscha-Deutschen, auf ihrem Fuße die bul-
garischen und rumänischen Minderheiten, zwei Jahre später unter noch ganz
anderen Umständen die meisten Juden. Aus der jahrhundertelang multi-eth-
nischen und multi-konfessionellen Dobrudscha wurde innerhalb von fünf
Jahren ein national und konfessionell weitgehend homogenes Gebiet.
Für den bulgarischen Revisionismus war die Dobrudscha aber letztlich
nachrangig gegenüber dem Zugang zur Ägäis und der Herrschaft über Var-
dar-Makedonien, die den Großmachtstatus innerhalb Südosteuropas be-
stimmte. Als das Deutsche Reich 1941 Griechenland angriff, übernahm
Bulgarien die Besetzung des nordöstlichen Landesteils. Dort wurden laut
Schechtman etwa 100.000 Griechen zur Auswanderung gezwungen, sie flo-
hen meist nach Thessaloniki. Dort erhöhte sich der Druck auf die jüdische
Minderheit, die bald darauf komplett nach Auschwitz deportiert wurde.187
Die Politik der Aussiedlung war mit einer gezielten Ansiedlung von Bulgaren
verbunden. Ende 1941 rief das bulgarische Innenministerium die Bevölke-
rung des Landes dazu auf, sich in den wiedergewonnenen Gebieten niederzu-
lassen. Erste Adressaten waren die vom Abkommen von Neuilly Betroffe-
nen, aber auch andere Bürger konnten sich um die Zuweisung von Land und
Wohnraum bewerben. Bis 1943 zogen nach Regierungsangaben 122.000 Bul-
garen in die bulgarisch besetzten Teile Thrakiens und Makedoniens.
In Vardar-Makedonien blieb die Lage zunächst stabiler, weil die Regie-
rung in Sofia davon ausging, dass es sich bei den Makedoniern ohnehin um
Bulgaren handelte. Unmittelbar nach dem Anschluss dieses Gebiets wur-
den daher nur gut 26.000 Serben ausgewiesen, die seit 1918 zugezogen waren.
Doch nach dem Erlass eines neuen Staatsbürgerschaftsgesetzes im Juni 1942
nahmen die Vertreibungen zu und erfassten mindestens weitere 110.000 Per-
sonen.188 Diese Statistiken sind auch insofern von Interesse, weil sie das un-
gleiche Verhältnis zwischen der Begleichung alter Rechnungen durch spon-
tane Vertreibungen und planmäßigen Bevölkerungsverschiebungen belegen.
Eine weitere, an Makedonien angrenzende Konfliktzone war das Kosovo.
Dort vertrieben 1941 albanische Nationalisten vor allem in der Gegend um

187 Schechtman, Population Transfers, S. 418.


188 Vgl. zu den Zahlen Björn Opfer, Im Schatten des Krieges. Besatzung oder An­
schluss – Befreiung oder Unterdrückung? Eine komparative Untersuchung über die bul­
garische Herrschaft in Vardar-Makedonien 1915–1918 und 1941–1944, Münster 2005,
S.  264 f.
158 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Peć Montenegriner und Serben, die dort seit 1913 Land und Bauernhöfe er-
halten hatten. Dies geschah in Abstimmung mit der Wehrmacht, die das Ge-
biet zunächst besetzt hielt und lediglich davor warnte, nicht zu hastig vor-
zugehen. Als die italienische Armee die Besatzungsherrschaft übernahm,
betrug die Zahl der vertriebenen Serben etwa 20.000 Menschen, zahlreiche
Häuser der Kolonisten waren ausgebrannt.189 Nach dem Seitenwechsel Itali-
ens im Zweiten Weltkrieg und der erneuten Übernahme der Besatzung durch
die Wehrmacht begann eine zweite Welle ethnischer Säuberungen, die über
eine Abrechnung mit den lokalen Eliten des früheren Nationalstaats weit
hinausging. Die albanischen Nationalisten, die militärische Einheiten grün-
den durften, verfolgten gezielt die serbische Minderheit. Die Vertreibungen
aus dem Kosovo wurden nun auch mit Zügen organisiert. Einer Berechnung
der Wehrmacht zufolge mussten mindestens weitere 20.000 Serben das Ko-
sovo verlassen.190 Es handelte sich also nicht um eine totale ethnische Säu-
berung, aber ein Großteil der serbischen Flüchtlinge kehrte nach 1945 nicht
mehr zurück, sondern zog es vor, an weniger exponierten Orten im serbi-
schen Kernland zu bleiben.
Die insgesamt etwa eine halbe Million serbischen Flüchtlinge aus Kroa-
tien, Bosnien, der Vojvodina und aus Makedonien kamen meist völlig mit-
tellos im besetzten Serbien an und mussten dort mühsam um ihr alltägliches
Überleben kämpfen. Dass in Serbien angesichts dieser Flüchtlingsmassen
und dem alltäglichen Besatzungsterror der Wehrmacht noch in den 1980er
Jahren ein Nährboden für nationalistische Opfermythen bestand, überrascht
angesichts dieser Erfahrungen wenig. Slobodan Milošević nutzte die daran
angelehnten Erinnerungen zu einem scheinbar defensiven, auf die »Verteidi-
gung« der Nation gerichteten, de facto aber aggressiven Nationalismus.
Auch in den anderen hier behandelten Gebieten waren die Flüchtlinge
stark traumatisiert. Selbst in jenen Fällen, in denen die Bevölkerungsver-
schiebungen noch zu Friedenszeiten erfolgten und auf bilateralen Verträgen
beruhten, waren Misshandlungen, ein Aufenthalt in einem Transitlager, Rei-
sen in überfüllten Viehwaggons, Not und Hunger der »Mindeststandard«.
Außerdem büßten die Flüchtlinge einen großen Teil ihres Vermögens ein,
mussten sich irgendwo in der Fremde oder jedenfalls in fremden Häusern
und Wohnungen niederlassen. Dies bedeutete für die Zeit ab 1944, als die
Rote Armee in Ostmittel- und Südosteuropa einmarschierte, eine schwere
Hypothek.

189 Vgl. anhand italienischer Quellen Noel Malcolm, Kosovo. A short history, New
York 1999, S. 293–294.
190 Vgl. ebd., S. 305.
Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944) 159

Die ungarische und bulgarische Politik in den wiedergewonnenen Gebie-


ten deutet auf ein bestimmtes Muster hin. Die beiden revisionistischen Staa-
ten gingen in historisch umstrittenen Regionen besonders radikal gegen na-
tionale Minderheiten vor. Die Verfolgung richtete sich vor allem gegen die in
der Zwischenkriegszeit angesiedelten Eliten des »gegnerischen« National-
staats. Sogar Empfänger von Agrarland im Rahmen der nationalstaatlichen
Landreformen mussten gehen, obwohl es sich in der Regel um arme Klein-
bauern handelte. Der Revisionismus bezog sich also auch auf soziale Verän-
derungen. Dennoch ist dieser Begriff eine Verharmlosung, denn die drei er-
wähnten Länder vertrieben zusätzlich die Eliten künftiger Minderheiten. Es
handelte sich also einerseits um einen retrospektiven Revisionismus, ande-
rerseits um eine zukunftsgerichtete Homogenisierung, alles in allem um eine
»doppelte Revanche«.
Dies kennzeichnete auch die rumänische Politik in der 1941 von der So-
wjetunion zurückeroberten Nordbukowina und in Bessarabien. Für diese
Gebiete gab Außenminister Mihai Antonescu unmittelbar nach dem Ein-
marsch der rumänischen Armee folgende Linie vor: »Ich bin für die Zwangs-
migration des gesamten jüdischen Elements aus Bessarabien und der Bu-
kowina, das über die Grenze geschafft werden muss. Ich bin auch für die
Zwangsmigration des ukrainischen Elements, das hier nicht mehr erwünscht
ist… Ich frage mich, wie viele Jahrhunderte vergehen werden, bis das rumä-
nische Volk wieder die Freiheit der totalen Aktion hat, die Gelegenheit eth-
nischer Säuberungen und nationaler Erneuerung.«191 Dieses Zitat belegt eine
anti-kommunistische Dimension des Revisionismus, die sich gegen die ver-
meintlichen Unterstützer der Sowjetunion in den 1940 besetzten Regionen
richtete. Ähnlich wie im ehemals sowjetisch besetzten Teil Polens wurden
die Juden als fünfte Kolonne Stalins diffamiert und dem kollektiven Vorwurf
des »Judäokommunismus« ausgesetzt. Die Ukrainer landeten aufgrund ih-
res Slawentums in einem Topf mit den Russen und der Sowjetunion. Ähnlich
wie in Ungarn und Bulgarien war die Lage für die Minderheiten im Kernge-
biet des rumänischen Staates dagegen vergleichsweise stabil.192 Die Politik der

191 Zit. nach Dinu C. Giurescu, Romania During the Second World War, in: Ders.,
Stephen Fischer-Galaţi, Romania. A Historic Perspective, Boulder 1998, S. 321–390,
hier S. 366. Insgesamt sollten 3,5 Millionen Menschen Rumänien verlassen – Ungarn,
Serben, Bulgaren und Ukrainer im Rahmen von Bevölkerungsaustauschen, Juden und
Roma auf der Basis einseitiger Bevölkerungstransfers. Vgl. Vladimir Solonari, Purifying
the nation. Population exchange and ethnic cleansing in Nazi-allied Romania, Baltimore
2010.
192 Die einzige Ausnahme dazu waren die Roma, knapp 25.000 wurden nach Trans­
nistrien deportiert und kamen ums Leben. Vgl. dazu Brigitte Mihok, Die Verfolgung
der Roma. Ein verdrängtes Kapitel der rumänischen Geschichte, in: Mariana Hausleit-
ner, Brigitte Mihok, Juliane Wetzel (Hg.), Rumänien und der Holocaust. Zu den Massen­
verbrechen in Trans­nistrien 1941–1944, Berlin 2000, S. 25–32.
160 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

neu gegründeten Nationalstaaten Slowakei und Kroatien unterscheidet sich


von diesem Muster. Dort wurden die Angehörigen verschiedener Minderhei-
ten flächendeckend verfolgt.
Insgesamt reagierten die Gesellschaften gespalten auf die gewaltsame eth-
nische Homogenisierung. Selbstverständlich gab es vor Ort radikale Na-
tionalisten, die Vorgaben der jeweiligen Regierung umsetzten. Doch der
Einsatz massenhafter Gewalt und die Enteignungen verstießen gegen tra-
ditionelle Wertvorstellungen, vor allem der bäuerlichen Bevölkerung. Der
ungarische Konsul in Brašov berichtete aus dem rumänischen Teil Sieben-
bürgens, dass die einheimische rumänische Bevölkerung eine eher passive
Haltung einnehme und sich nicht an spontanen Ausschreitungen beteilige.
Berichte aus Nordsiebenbürgen unterscheiden deutlich zwischen dem Ver-
halten der aus Budapest entsandten radikalen Nationalisierer und den lokalen
Akteuren, die an das Zusammenleben mit anderen Nationalitäten gewöhnt
waren. Offenen Widerstand gegen die Misshandlung von Minderheiten, Ver-
treibungen oder öffentliche Erschießungen gab es allerdings so gut wie nie.
Das gilt insbesondere für die Verfolgung von Juden. Während des gesamten
Krieges behielten in allen mit Deutschland verbündeten ostmittel- und süd-
osteuropäischen Staaten gewaltbereite Nationalisten das Heft des Handelns
in ihrer Hand.
Dies prägte die Erfahrung der in diesem Kapitel behandelten Flüchtlinge,
Vertriebenen und Zwangsausgesiedelten, deren Gesamtzahl mindestens zwei
Millionen Menschen betrug.193 Gemessen an der Bevölkerung dieser Länder
und im Vergleich mit der Sowjetunion war dies eine hohe Zahl. Außerdem
ist zu berücksichtigen, dass ursprünglich noch weit umfangreichere Bevöl-
kerungsverschiebungen geplant waren. Dies zeigt, dass es sich bei der na-
tionalsozialistischen Neuordnung Europas faktisch um einen permanenten
Kriegszustand handelte. Das »Gefühl europäischer Sicherheit«, das Hitler in
seiner Reichstagsrede vom Oktober 1939 ansprach, vermochte sich in keinem
der mit Deutschland verbündeten Länder einstellen. Im Gegenteil, der Ver-
such ethnische Grenzen zu ziehen, provozierte nur neuen Hass, Gewalt und
Rache­gefühle.

193 Diese Zahl errechnet sich aus der Schätzung von 500.000 Serben, 540.000 Rumänen
(wobei 220.000 Flüchtlinge 1941 in die von der Sowjetunion annektierten Gebieten zu-
rückkehren konnten), 280.000 Tschechen und Slowaken, 120.000 Griechen, 150.000 Un-
garn und 60.000 Bulgaren. Sonderfälle stellen die 200.000 deutschen Umsiedler aus dem
Vorkriegsgebiet Rumäniens und die aus den mit Deutschland verbündeten Staaten ver-
triebenen Juden dar, die im folgenden Abschnitt behandelt werden. In dieser Zahl sind nur
die über internationale Grenzen geflohenen und abtransportierten Gruppen erfasst, nicht
die innerstaatlichen Flüchtlinge.
Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944) 161

Exkurs: Die ethnische Säuberung von Juden

Die historische Komparatistik kann zu falschen Vergleichen und Gleich­


setzungen führen. Es wäre verharmlosend, die Ideologie, Planung und Um-
setzung der nationalsozialistischen Politik gegenüber Juden als einen Fall von
»Ethnic Cleansing« zu behandeln. Die Verfolgung von Juden im Deutschen
Reich und in den besetzten Gebieten hatte von Anfang an andere Grund­
lagen und Dimensionen – das betrifft sowohl den pseudowissenschaftlichen
Rassismus als auch die Phantasien der Ausmerzung. Deswegen kann eine Es-
kalationsthese, wonach die vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges an-
gestrebte ethnische Säuberung der deutschen Juden ab 1939 oder wahlweise
1941 zur Vernichtung mutierte, nicht greifen. Dies würde zudem zu einer fal-
schen Gewichtung einer funktionalistischen gegenüber einer intentionalen
Erklärung des Holocaust führen.
Doch das Schicksal der europäischen Juden völlig beiseite zu lassen, über-
zeugt trotzdem nicht. Im Folgenden wird diskutiert, inwieweit die Politik
der mit Deutschland verbündeten Staaten gegenüber ihren jüdischen Min-
derheiten als ethnische Säuberung zu betrachten ist oder darüber hinaus-
geht. Der Impuls für diesen Exkurs entstand durch die Lektüre zeitgenössi-
scher Quellen, in denen sich in Bezug auf die Juden immer wieder das Wort
»Säuberung« findet. Dies ist zwar auch in NS-Dokumenten häufig der Fall,
dennoch stellt sich die Frage, was der rumänische Außenminister Mihai An-
tonescu und sein »Conducător« Ion Antonescu 1941 oder ein Jahr später der
slowakische Staatspräsident Josef Tiso meinten, als sie den Begriff der »Säu-
berung« gegen Juden wandten.194 Die begriffliche Semantik und die Politik
gegenüber den diversen jüdischen Minderheiten lassen sich jedoch nur im Zu-
sammenhang mit einem längeren zeitlichen Horizont und der spezifischen
Ausprägung des Antisemitismus in Ostmitteleuropa verstehen.
In Rumänien, Ungarn und Polen, das unter NS-Besatzung jegliche Eigen­
ständigkeit verlor, lässt sich bereits vor 1939 ein von den jeweiligen Regierun-
gen betriebener, moderner Antisemitismus nachweisen.195 Auf die Tschecho-

194 Vgl. zu den beiden Antonescus Giurescu, Romania, S. 366; Radu Ioanid, The
­Deportation of the Jews to Transnistria, in: Hausleitner u. a. (Hg.), Rumänien, S. 69–100,
hier S. 70; Ders., The Holocaust in Romania. The Destruction of Jews and Gypsies Under
the Antonescu Regime, 1940–1944, Chicago 2000, S. 92.
Vgl. zu Tiso Tatjana Tönsmeyer, Das Dritte Reich und die Slowakei 1939–1945. Poli­
tischer Alltag zwischen Kooperation und Eigensinn, Paderborn 2003, S. 96. Der Leiter des
Zentralen Statistischen Amtes in Rumänien benutzte für die Juden den Begriff »einseiti-
ger Bevölkerungstransfer«. Vgl. dazu Mariana Hausleitner, Großverbrechen im rumäni-
schen Transnistrien 1941–1944, in: Dies. (Hg.), Rumänien, S. 15–14, hier S. 18.
195 Vgl. zu Ungarn Christian Gerlach, Götz Aly, Das letzte Kapitel. Der Mord an den
ungarischen Juden, Stuttgart 2002.
162 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

slowakei und Jugoslawien trifft dies nicht zu, aber die radikalen slowakischen
und kroatischen Nationalisten waren fast ausnahmslos antisemitisch einge-
stellt. Diese ostmitteleuropäischen Varianten des Antisemitismus beruhten
im Gegensatz zum Nationalsozialismus weniger auf einem pseudowissen-
schaftlichen Rassismus, sondern vielmehr auf traditionellen Stereotypen der
jeweiligen Nationalbewegungen. Vor allem auf dem Land standen die Juden
nach wie vor im Ruf, Erfüllungsgehilfen der Großgrundbesitzer und Aus-
beuter der einheimischen Bauern zu sein. Der Antisemitismus manifestierte
sich in all den genannten Ländern in Quotenregelungen, beruflicher und
wirtschaftlicher Diskriminierung und Enteignungen, die bereits Ende der
1930er Jahre beschlossen und nach Kriegsbeginn erheblich verschärft wur-
den. Für die zwei neu gegründeten Nationalstaaten Kroatien und Slowakei
war die Verfolgung von Minderheiten gleichsam konstitutiv.
Eine zusätzliche Grundlage des Antisemitismus bildete der Antikommu-
nismus. Die Gesellschaften in den 1939 und 1940 sowjetisch besetzten Ge-
bieten unterstellten den Juden pauschal die Kollaboration mit den Kommu-
nisten. In der östlichen Hälfte Polens entlud sich diese Stimmung nach dem
Einmarsch der Wehrmacht in zahlreichen Pogromen, die ohne deutsche Billi-
gung oder Unterstützung nicht möglich gewesen wären. Eine geringere Rolle
spielte die deutsche Anstiftung in den Gebieten, die Rumänien im Juni 1941
von der Sowjetunion zurückerobern konnte. In Bessarabien und der Nord-
bukowina organisierten Angehörige der rumänischen Armee und paramili-
tärische Verbände Lynchmorde, Massaker und Hetzjagden auf Juden. Allein
dem Pogrom in Iasi fielen etwa 3.000 Menschen zum Opfer. Anschließend
begann die rumänische Regierung im Juli und August mit der Vertreibung
der Juden aus der Bukowina und Bessarabien über die alte rumänisch-sowje-
tische Grenze nach Transnistrien. Dies war zunächst nur begrenzt möglich,
weil die Wehrmacht die Übergänge über den Dniestr abriegelte. Daraufhin
ließ Bukarest in unmittelbarer Nähe zur Grenze Transitlager und zwei Ghet-
tos für 100.000 Menschen einrichten.
Nach der Übergabe von Transnistrien an die rumänische Armee gab es
kein Limit für die massenhafte Vertreibung mehr, wobei es sich nun streng
genommen um eine innerstaatliche Deportation handelte. Das »Gouverne-
ment Transnistrien« (Guvernământul Transnistriei) verwandelte sich in ein
gigantisches Arbeitslager für Juden und Roma, in dem nicht einmal ein Drit-
tel der 125.000 Deportierten die beiden Winter 1941/42 und 1942/43 überleb-
ten.196 Die meisten Menschen starben an Kälte, Hunger und Seuchen – eine
mit den sowjetischen Gulags vergleichbare Situation. Angesichts dieser To-
desraten und der Funktion Transnistriens als Todesreservat ist die Behand-
lung der jüdischen Minderheiten im Norden Rumäniens als Genozid und

196 Vgl. Ioanid, The Deportation, S. 97.


Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944) 163

nicht als ethnische Säuberung einzuordnen. Zugleich handelt es sich jedoch


um einen der wenigen Fälle eines abgebrochenen Massenmords. Im Sommer
1943 erlaubte der rumänische Diktator Ion Antonescu den Überlebenden die
Rückkehr aus Transnistrien nach Rumänien und verweigerte die Ausliefe-
rung der rumänischen Juden an die Nationalsozialisten. Dieser Fall wider-
legt demnach erneut eine Eskalationsthese, die eine direkte Verbindungslinie
von ethnischen Säuberungen zum Genozid zieht. Das faschistische Rumä-
nien schritt im Fall der Juden sofort zu einem partiellen Genozid, der von der
ethnischen Säuberung anderer Minderheiten begleitet wurde.
Dieser Terminus erscheint insofern als treffend, als die rumänische Regie-
rung nur in Bessarabien und in der Bukowina derart mörderisch gegen die
jüdische Minderheit vorging, es dagegen im Kerngebiet bei einer Beraubung
und einer beruflichen Diskriminierung beließ. Diese Unterschiede erklären
sich einerseits durch die retrospektive Abrechnung mit den vermeintlichen
Kollaborateuren der sowjetischen Besatzer, andererseits durch den umstrit-
tenen Status der nördlichen Bukowina und Bessarabiens. Wie die bereits zi-
tierten Äußerungen des rumänischen Außenministers Mihai Antonescu zei-
gen, wollte er die »Gunst der Stunde« für eine dauerhafte »Lösung« aller
Minderheitenprobleme in den umstrittenen Grenzregionen nutzen. Wäh-
rend es im Fall der Juden aufgrund des traditionellen und antikommunisti-
schen Antisemitismus zu einem Genozid kam, beschränkte sich das Regime
bei den bukowinischen Ukrainern auf eine Vertreibung.
In Bulgarien war der Antisemitismus traditionell weniger ausgeprägt als in
Rumänien und spitzte sich ab 1941 nur begrenzt zu. Aber auch dort verhielt
sich die Regierung widersprüchlich gegenüber der jüdischen Minderheit.
Bulgarien schützte die Juden auf seinem Kerngebiet vor der Auslieferung –
wobei dieser »Schutz« wie in Rumänien und Ungarn den Verlust fast allen
Eigentums und eine berufliche Deklassierung beinhaltete. Dagegen wurden
14.000 Juden in den von Bulgarien besetzten Gebieten als Ausländer einge-
stuft und an die Nationalsozialisten ausgeliefert.
Diese Vertreibung der Juden sollte nicht isoliert betrachtet werden, denn
sie stand im Zusammenhang mit der Verfolgung anderer Gruppen wie Ser-
ben und Griechen. Das Schicksal der Juden unterschied sich dadurch, dass
es für sie kein externes Zielgebiet gab. Das einzige vorstellbare und von den
Schwarzmeerstaaten gar nicht so weit entfernte Aufnahmegebiet war der
Nahe Osten, wobei sich die Bukarester Regierung in Zusammenarbeit mit
jüdischen Verbänden ab 1943 tatsächlich um eine Ausreise der rumänischen
Juden nach Palästina bemühte.
Aufgrund des engen Zusammenhangs zwischen den Ausweisungen und
der massenhaften Vernichtung behandelt die internationale Literatur die
Verfolgung der Juden in den mit dem Deutschen Reich verbündeten Staaten
in der Regel in einem Zusammenhang mit dem Holocaust. Dies ist mit Blick
164 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

auf die Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten richtig, ist aber


vom Ende, von Auschwitz her gedacht. Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Kro-
atien und die Slowakei verfolgten eigene gesellschaftspolitische Ziele, allen
voran den Aufbau eines nationalen Bauerntums, eines breiten Mittelstands
und einer tatkräftigen Unternehmerschicht. Das heißt aber nicht automa-
tisch, dass diese Staaten einen Völkermord an ihren jüdischen Minderheiten
geplant oder organisiert hätten. Dies trifft nicht einmal auf den Unabhängi-
gen Staat Kroatien zu, denn die Ustaša-Führung zögerte zeitweise mit der
Auslieferung der Juden und überließ den industriell durchgeführten Massen-
mord den Deutschen. Diese Unterschiede zwischen zwei verbrecherischen
Regimes mögen als haarspalterisch oder als exkulpierend erscheinen, aber
man sollte sie nicht ignorieren.
Für eine Diskussion der Auslieferung von Juden aus den mit dem Deut-
schen Reich verbündeten Staaten als ethnische Säuberung sprechen drei Fak-
toren: Die Sequenz und gegenseitige Verstärkung der Verfolgung verschie-
dener Minderheiten, die Motivation bzw. Intention sowie die räumliche
Dimension dieses Vorgangs. Im Anschluss an diese Überlegungen wird auf
die Nachwirkungen der nationalsozialistischen Verfolgung von Juden in der
unmittelbaren Nachkriegszeit eingegangen. Dieser Epochenbegriff wird hier
und im folgenden Kapitel nicht formalistisch auf die Zeit nach dem 8. oder
9. Mai 1945 begrenzt, sondern bezieht sich je nach Region bereits auf die Pe-
riode nach dem Einmarsch der Roten Armee im Laufe des Jahres 1944.
Beispielhaft lässt sich die Sequenzialität und Übertragung ethnischer
Reinheitsutopien anhand der Slowakei zeigen. Erst ging die Hlinka-Partei –
begleitet von antisemitischer Propaganda – gegen die in der Slowakei ansässi-
gen Tschechen vor, verdrängte sie aus ihren beruflichen Positionen und Woh-
nungen und organisierte schließlich die Rücksiedlung. Anschließend waren
die Juden an der Reihe, wobei deren Diskriminierung und Verfolgung weit-
aus drastischer war, zu einer raschen Verarmung führte und kein ko-ethni-
sches Aufnahmegebiet zur Verfügung stand. Man kann diese Sequenz der
Verfolgung anhand der ideologischen und sozialen Mechanismen des radika-
len, purgatorischen Nationalismus erklären. Als die Tschechen aus Bratislava
verschwunden waren oder sich zu Slowaken deklariert hatten, waren die Ju-
den die nächste gut sichtbare und angreifbare Minderheit, die innerhalb von
nur zwei Jahren komplett entrechtet, sozial degradiert und schließlich mehr-
heitlich abgeschoben wurde. Im Deutschen Reich war die Sequenz der Min-
derheitenverfolgung bis 1941 umgekehrt. Dort ging es erst um die Juden und
dann um andere als rassisch minderwertig eingeordnete Gruppierungen, al-
len voran die Polen.
Die Motivation für die Deportation der jüdischen Minderheiten unter-
schied sich ebenfalls. Während bei den Nationalsozialisten spätestens ab 1941
eine klare Vernichtungsabsicht herrschte, entsprach die Auslieferung der slo-
Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944) 165

wakischen Juden einem Bündel von Überlegungen.197 Durch die Enteignun-


gen und Entlassungen waren die einst als reiche Ausbeuter verrufenen Juden
zu einer sozialpolitischen Last geworden. So gesehen löste ihre Auslieferung
ein Problem. Ebenso wichtig waren die gesellschaftspolitischen Ziele, die sich
in allen mit dem Deutschen Reich verbündeten Ländern nachweisen lassen.
Gemäß der durchaus populären Logik der radikal-nationalistischen Regimes
waren die Juden ein zentrales Hindernis für die Entwicklung einer prospe-
rierenden Volkswirtschaft und einer modernen, wirtschaftlich produktiven
Gesellschaft. Dementsprechend wurde die Beraubung und Vertreibung der
Juden von staatlichen Behörden mit technisch klingenden Namen organi-
siert, in der Slowakei vom »Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung«,
in Kroatien von der »Staatsdirektion für wirtschaftliche Erneuerung«. Mit
Ausnahme Kroatiens errichtete keiner der mit dem Deutschen Reich verbün-
deten Staaten Vernichtungslager, sondern Abschiebe- und Arbeitslager. Bei-
des ist verabscheuenswert, aber nicht das Gleiche. Es ging den mit Deutsch-
land verbündeten Staaten erst einmal um die Entfernung der Juden, nicht um
ihre vollständige Vernichtung. Gleichwohl war hohen slowakischen, ungari-
schen und rumänischen Regierungsvertretern ab 1942 bewusst, wo die Reise
der abgeschobenen Juden endete. Daher kann man von Beihilfe zu einem
Völkermord durch ethnische Säuberung ausgehen, aber außer den genann-
ten Ausnahmen nicht von einem selbst geplanten und möglichst umfassen-
den Genozid.
Für diese Unterscheidung spricht auch die Reaktion auf die massenhafte
Vernichtung von Juden. Als sich die Existenz und Funktion der Todesla-
ger im besetzten Polen herumsprach, nahm der Widerstand gegen die Aus-
lieferung von Juden sogar unter erklärten Antisemiten zu. Im August 1942
wandte sich der slowakische Präsident Josef Tiso gegen weitere Abschiebun-
gen, wobei sein Regime zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Drittel der in der
Slowakei befindlichen Juden ausgeliefert hatte. Ungarn hielt die Nationalso-
zialisten während des gesamten Krieges hin, nicht zuletzt deshalb, weil die
vollständige Ausschaltung des »jüdischen Kapitals« den deutschen Einfluss
auf die ungarische Wirtschaft weiter verstärkt hätte. Erst nach der Beset-
zung Ungarns im März 1944 konnten die deutschen Massenmörder schalten
und walten wie sie wollten. Rumänien weigerte sich ab 1943, seine jüdischen
Mitbürger auszuliefern. Allerdings distanzierten sich diese Staaten nur hin-
ter verschlossenen Türen von der deutschen Vernichtungsmaschinerie. Der
Antisemitismus blieb ein Bestandteil der offiziellen Politik und Propaganda.
Wie der Umgang mit den Überlebenden des Holocaust ab Ende 1944 de-
monstriert, hatten sich die jeweiligen lokalen und regionalen Gesellschaften
auf die dauerhafte Entfernung der Juden eingestellt. Als diese aus ihren Ver-

197 Vgl. Tönsmeyer, Das Dritte Reich, S. 137–161.


166 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

stecken oder den Konzentrationslagern zurückkehrten, schlug ihnen verbrei-


tet Unglauben über ihre Existenz und Unmut entgegen. Sofern Juden wieder
ihre alten Wohnungen und Häuser in Besitz nehmen wollten, brach häufig an-
tisemitische Gewalt aus. Die Mär von der Żydokomuna war eine der Grund-
lagen der Pogrome von 1945/46 in Städten wie Krakau, Bratislava und Kielce.
Diese verweigerte Re-Integration lässt sich abgesehen vom Antisemitis-
mus auf die verheerenden Auswirkungen des NS-Besatzungsterrors zurück-
führen. In den Häusern und Wohnungen von Juden lebten insbesondere in
Polen häufig Menschen, die ihrerseits Haus und Heimat verloren hatten.
Die 1939 noch völlig utopische Vorstellung eines homogenen Nationalstaats
war während des Weltkrieges bereits weitgehend zur Realität geworden und
wirkte nach all den Konflikten mit anderen Nationalitäten wie ein Rettungs-
anker. Daher gab es für diese negative Utopie weit mehr gesellschaftliche Un-
terstützung als vor 1939.
Die Erfahrung des Zweiten Weltkrieges zeigt insgesamt, dass sich die
Konflikte zwischen verschiedenen Nationalitäten drastisch verschärften.
Nur in Ausnahmefällen wurde Solidarität gezeigt, zumal die deutschen Be-
satzer aktive Hilfe zugunsten von Juden mit dem Tode bestraften. Der Lem-
berger Arzt und Psychologe Tadeusz Tomaszewski beobachtete treffend die
Stimmung anhand seiner von Polen, Ukrainern und Juden bewohnten Hei-
matstadt. Er notierte in seinem ausführlichen Tagebuch: »Die unterworfe-
nen Nationen haben mehr Vertrauen zu den Unterwerfenden als zu denen,
mit denen sie gemeinsam unterworfen worden sind. Zumindest gilt das für
ein gemischtes Territorium, wo es viele alte Konflikte gibt, so wie es bei uns
ist.«198 Alte und neue Konflikte brachen überall im nationalsozialistisch be-
setzten und beherrschten Europa aus – mit besonders fatalen Folgen für die
zentral- und osteuropäischen Juden.

Zusammenfassung

In den Jahren von 1938 bis 1944 wurde eine präzedenzlose Anzahl von Men-
schen in Europa von ethnischen Säuberungen erfasst. Selbst wenn man die
von den Nationalsozialisten direkt durchgeführte oder angestoßene Verfol-
gung, Vertreibung und Deportation jüdischer Minderheiten und die Millio­
nen von Zwangsarbeitern beiseite lässt, ist von mindestens 6,4 Millionen
Menschen auszugehen, die infolge ethnischer Säuberungen entwurzelt wur-
den. Diese Berechnung beruht in chronologischer Reihenfolge auf folgenden
Angaben: 500.000 deutsche Umsiedler (1939–1942), 1,3 Millionen Vertrie-

198 Tadeusz Tomaszewski, Lwów 1940–1944. Pejzaż psychologiczny, Warszawa 1996,


S. 84.
Totaler Krieg und totale Säuberungen (1938–1944) 167

bene oder Deportierte in den vom Deutschen Reich im Westen, Osten und
Südosten annektierten Gebieten (1940–1941), 110.000 im Rahmen der Aktion
Zamość Deportierte (1942), 2,5 Millionen in der Sowjetunion Deportierte
(1935/39–1944), 2 Millionen unter deutscher Vorherrschaft in Zentral- und
Südosteuropa Vertriebene und Zwangsausgesiedelte (1940–1942). Diese Auf-
zählung deutet darauf hin, welchen Flächenbrand die nationalsozialistische
Neuordnung Europas entfachte.
Diese Neuordnung begann indes bereits zu Friedenszeiten mit dem
Münchner Abkommen. Hitler bezog sich auf den dort geschaffenen Konsens
für ethnische Grenzen, als er in seiner Reichstagsrede vom Oktober 1939
ein neues »Gefühl der europäischen Sicherheit« versprach. Die vier Signa-
tarstaaten von München hatten festgelegt, dass die europäischen Grenzen in
Zukunft ethnischen Trennlinien entsprechen sollten. Ein Schutz der Min-
derheiten war nicht mehr vorgesehen, deren Angehörige standen vor der Al-
ternative der Emigration oder der Assimilation. Diese Regelung betraf nicht
nur die Sudetengebiete, sondern auch den Donauraum. Die beiden Wiener
Schiedssprüche von 1938 und 1940 stehen daher in direkter Kontinuität zum
Münchner Abkommen und hatten erneut die massenhafte Migration von
Minderheiten zur Folge.
Die Ausgestaltung der Wiener Verträge verweist zugleich auf längere
Kontinuitätslinien. Formell wurde die Aussiedlung der Minderheiten in der
Südslowakei und in Siebenbürgen mit einer Option bzw. Freiwilligkeit legiti-
miert, die Eigentumsrechte blieben der Form nach gewahrt. Die beiden Ver-
träge unter NS-Vorherrschaft ähnelten damit den Abkommen von Neuilly
und Sèvres, während der Vertrag von Craiova zwischen Rumänien und Bul-
garien mehr Parallelen mit dem Abkommen von Lausanne aufweist. Die
rechtsstaatlichen Elemente der Wiener Schiedssprüche wird man wohl kaum
dem Nationalsozialismus zuschreiben, sie waren ein Teil der liberalen nati-
onalstaatlichen Ordnung der Zwischenkriegszeit. Auffällig ist ferner, dass
diese Verträge umfassendere ethnische Säuberungen bewirkten als die ein-
seitigen Vertreibungsaktionen der Nationalsozialisten. Während in den vom
Deutschen Reich annektierten Gebieten nur etwa 10 Prozent der angestreb-
ten ethnischen Säuberungen wirklich durchgeführt wurden, erfassten die ru-
mänisch-ungarischen Abmachungen etwa 20 Prozent der jeweiligen Minder-
heiten, in der Dobrudscha war die Homogenisierung nahezu total.
Obwohl insgesamt nur ein geringer Teil der geplanten Bevölkerungsver-
schiebungen umgesetzt werden konnte, ist für die Zeit zwischen 1938 und
1944 eine neue Qualität in Bezug auf die Totalität, die Geschwindigkeit und
die räumlichen Dimensionen ethnischer Säuberungen festzustellen. Wie nicht
zuletzt das sowjetische Beispiel zeigt, war es kein Problem mehr, eine halbe
Million Menschen innerhalb von zwei Wochen zu erfassen und Tausende von
Kilometern weit zu verschleppen. Auch die Zahl und Gesamtgröße der be-
168 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

troffenen Regionen nahm deutlich zu und dementsprechend das Ausmaß an


Leid und Traumatisierung. Neu war außerdem die Verknüpfung von Bevöl-
kerungsverschiebungen im besetzten Polen und in Jugoslawien, wo Slowenen
Deutschen weichen mussten, die teils aus dem italienischen Besatzungsgebiet
stammten, Serben in Kroatien für besagte Slowenen Platz machen sollten und
die kroatischen Ustaša dies dazu nutzten, möglichst viele Serben abzuschie-
ben. Das nationalsozialistisch besetzte und dominierte Europa funktionierte
wie ein Rangierbahnhof, in dem Minderheiten mit weitreichenden Folgen hin-
und hergeschoben wurden. Doch selbst in jenen Fällen, in denen die Bevöl-
kerungsverschiebungen auf der Grundlage vertraglicher Vereinbarungen und
unbeeinträchtigt von militärischen Auseinandersetzungen erfolgten, erzeugte
die Utopie ethnischer Reinheit und entsprechend definierter Staatsgrenzen
nur neue Gewalt und Hass. Die von Adolf Hitler angekündigte europäische
Friedensordnung war nicht mehr als eine instabile Kriegsordnung.
Bezüglich der Motive ethnischer Säuberungen lassen sich zwei Ausrich-
tungen unterscheiden, einerseits ein auf die Vergangenheit bezogener Revisi-
onismus, der sich nicht zuletzt aus konflikthaften Erinnerungen speiste, an-
dererseits auf die Zukunft bezogene Homogenitätsutopien. Während bei den
Nationalsozialisten und ihren Verbündeten die Orientierung auf die Zukunft
immer mehr an Gewicht gewann, war es im Fall der Sowjetunion umgekehrt.
Dort richtete sich die Kollektivbestrafung von Minderheiten vor allem ge-
gen vermeintliche Vergehen in der Vergangenheit. Eine nationale Homoge-
nitätsutopie war dabei aber nicht leitend und wurde durch die stalinistischen
Deportationen auch nicht verwirklicht. Die Verbündeten des Deutschen Rei-
ches wiederum verfolgten in ihren Grenzregionen eine andere Politik gegen-
über den Minderheiten als in ihren Kerngebieten. Der Vergleich ethnischer
Säuberungen belegt damit einmal mehr die Ausnahmestellung des Natio-
nalsozialismus. Nur das Deutsche Reich setzte seine Reinheitsutopien, die
obendrein nicht nur nationalistisch, sondern rassistisch begründet waren,
flächendeckend um. Hitler inspirierte damit auf schlimmste Weise seine Ver-
bündeten und schuf unzählige Präzedenzfälle für die Nachkriegszeit.

3.3 Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948)

Die Planungen der Alliierten

Die alliierte Nachkriegsordnung hängt ebenso fundamental mit dem Münch-


ner Abkommen zusammen wie die nationalsozialistische Neuordnung Euro-
pas – nur auf entgegengesetzte Weise. 1938 eröffnete der Anschluss des Su-
detenlandes eine Serie an Bevölkerungsverschiebungen in Ostmittel- und
Südosteuropa. Im Juli 1942 war die Aufhebung des Münchner Abkommens
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 169

durch Großbritannien mit einem Grundsatzbeschluss zu weiteren Bevöl-


kerungstransfers verbunden. Die dialektische Konstante zwischen der Ver-
einbarung und der Aufhebung des Münchner Abkommens war die negative
Einstellung gegenüber nationalen Minderheiten.
In der westlichen Planung verschoben sich die Schwerpunkte außerdem
von der Zwangsassimilation in Richtung Zwangsmigration. Entsprechend
wechselte die Konjunktur der Begriffe. Ab 1942 war in London trotz der
häufigen Verweise auf Lausanne nur noch gelegentlich von »population ex-
change« und meist von »population transfers« die Rede. Bei den Planspie-
len ging es zunächst um überschaubare Gruppen, die deutschen Umsiedler,
die Polen wieder verlassen sollten und einige strategisch und wirtschaftlich
wichtige Gebiete wie Oberschlesien und Ostpreußen. In der Tschechoslo-
wakei sollte nach den Vorschlägen von Staatspräsident Beneš nur ein Teil der
deutschen Minderheit das Land verlassen. Nach dem Stand der Planungen
von 1943 beschränkte sich die Zahl der potenziell Betroffenen somit auf fünf
bis sieben Millionen Deutsche.
Durch die Kriegswende in Stalingrad bekamen diese Planspiele plötzlich
eine andere Relevanz. Ab 1943 ging es nicht nur um die Deutschen, sondern
um etliche andere Nationen in der östlichen Hälfte Europas. Der Haupt-
grund dafür waren die sowjetischen Ansprüche auf die Beute aus dem Hitler-
Stalin-Pakt, vor allem die östliche Hälfte Polens. Wie weit die Sowjetunion
nach Westen expandieren würde und ob sie polnische Zentren wie Lemberg
annektieren würde, war noch unklar. Aber auf der Konferenz von Teheran
im November 1943 einigten sich die »Großen Drei« schon konkret auf den
Verlauf der polnischen Westgrenze an der Oder. Die Sowjetunion sollte einen
Großteil der polnischen Ostgebiete und den eisfreien Hafen in Königsberg
erhalten. Churchill brachte dies Stalin mit Hilfe von Streichhölzern nahe,
die er auf dem Konferenztisch verschob wie später die Grenzen der zentral-
und osteuropäischen Staaten.199 Ähnlich wie fünf Jahre zuvor beim Münch-
ner Abkommen war das von den Beratungen der Großmächte am meisten be-
troffene Land gar nicht vertreten. Zugleich einigten sich die Alliierten darauf,
die Neuziehung der staatlichen mit einer »Entwirrung« (disentanglement –
so Churchills Formulierung) der ethnischen Grenzen zu verbinden.
Wie der britische Premier später in seinen Memoiren offen einräumte, war
ihm und dem US-Präsidenten Roosevelt in Teheran klar, »dass drei bis vier
Millionen Polen, die auf der falschen Seite der Linie lebten, nach Westen ge-
bracht werden müssen«. 200 Churchill fungierte ein Jahr später als Überbrin-
ger der schlechten Nachricht. In seiner Unterhausrede »zur Zukunft Polens«

199 Diese Episode belegt Brandes, Der Weg, S. 241.


200 Winston S. Churchill, Triumph and Tragedy (The Second World War, Bd. 6),
­Boston 1953, S. 648.
170 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

vom Dezember 1944 erklärte er: »There will be no mixture of populations to


cause endless trouble. … A clean sweep will be made.« Der britische Premier
gab sich optimistisch, dass diese Bevölkerungsverschiebungen angesichts
moderner Transportmittel und -techniken leichthin durchzuführen seien.
Zugleich mahnte er die polnische Regierung mit drohendem Unterton, die-
ses Oktroi der Alliierten anzunehmen.
Zum Zeitpunkt der Rede hatte Stalin bereits Fakten geschaffen. Er ließ
Anfang 1944 in Lublin eine moskautreue Regierung installieren, das Polni-
sche Komitee Nationaler Befreiung. Das PKWN akzeptierte die neue pol-
nisch-sowjetische Grenze, obwohl dies den Verlust von Wilna, Lemberg und
fast der Hälfte des früheren Staatsgebietes nach sich zog. Damit nicht genug
setzte Stalin eine ethnische Grenze durch. Im September 1944 unterschrieb
das PKWN mit den drei westlichen Sowjetrepubliken, der Ukrainischen, Be-
lorussischen und Litauischen SSR Verträge zur »Evakuierung« der dortigen
polnischen Minderheiten. Formell handelte es sich um eine zweiseitige Eva-
kuierung, die zugleich die ukrainische, belorussische und litauische Minder-
heit in Polen betraf.
Auch wenn die Alliierten Polen von den Verhandlungen der Großen Drei
ausschlossen, konnten sie das erste Opfer der nationalsozialistischen Aggres­
sion, das noch dazu hartnäckigen Widerstand geleistet und Zehntausende
von Freiwilligen für die westlichen Armeen gestellt hatte, nicht komplett dü-
pieren. Polen musste angesichts der massiven Verluste im Osten eine um-
fangreiche Entschädigung im Westen bekommen. Auf der Konferenz von
Jalta verlegten die Alliierten die polnische Westgrenze daher bis an die Lau-
sitzer Neiße und damit in Gebiete, die 1944 nicht einmal die polnische Exil­
regierung gefordert hatte. Für Stalin hatte diese Ausweitung den Vorteil, dass
Polen damit dauerhaft auf die Sowjetunion als Schutzmacht angewiesen war.
Die Verantwortung der Alliierten für diese Nachkriegsordnung gilt es ei-
gens zu betonen, da in der deutschen Vertriebenenliteratur und davon inspi-
riert bei Norman Naimark immer wieder die Rolle Polens und der Tschecho-
slowakei bei der Vertreibung der Deutschen hervorgehoben wird. 201 Doch
entsprechend dem Verlauf des Krieges bestimmte zunächst England, ab 1944
die Sowjetunion den Gang der Dinge. In der internationalen Öffentlichkeit
trat vor allem die britische Regierung für »Bevölkerungstransfers« ein, als
wollte sie mit einer radikalen Neuordnungs-Rhetorik den realen Machtver-
lust in Ostmitteleuropa kompensieren. Stalin war diskreter und versprach
der polnischen und tschechoslowakischen Regierung seine Unterstützung
gegen die deutschen Minderheiten meist hinter verschlossenen Türen. Ge-
genüber den Westmächten behauptete Stalin in Jalta, das Problem mit den
Deutschen in Polen sei durch die massenhafte Flucht vor der Roten Armee

201 Vgl. Naimark, Flammender Hass, S. 139–140.


Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 171

ohnehin gelöst. Das war zwar glatt gelogen, denn Anfang 1945 befand sich
nach wie vor mehr als die Hälfte der deutschen Zivilbevölkerung in den Ost-
gebieten des Dritten Reiches, aber die Westmächte glaubten Stalin nur zu
gern. Zugleich ermutigte er seine Verbündeten in Polen und der Tschechoslo-
wakei, die noch verbliebenen Deutschen massiv unter Druck zu setzen. Dem
Generalsekretär der Polnischen Kommunisten, Władysław Gomułka gab
Stalin den Rat: »Schaffen Sie solche Lebensbedingungen für die Deutschen,
dass sie von allein entkommen wollen.«202
Abgesehen von den Deutschen verhielt sich die sowjetische Führung je-
doch ambivalent zu ethnischen Säuberungen. Das gilt ein Stück weit sogar
für Polen, denn nur die polnische Minderheit in der Westukraine und die
städtischen Eliten in Litauen und Weißrussland wurden rasch und brutal zur
»Evakuierung« gedrängt. Auf dem Land begannen die sowjetischen Behör-
den mit der Registrierung der auszusiedelnden Polen, verhielten sich aber
insgesamt abwartend. Wie noch näher gezeigt wird, bremste die Sowjetunion
in Regionen wie dem Donaubecken sogar bereits in Gang gekommene ethni-
sche Säuberungen oder half, diese wieder rückgängig zu machen.
Im Vergleich zur Säuberungs-Rhetorik von 1944 verhielten sich die West-
mächte nach dem Kriegsende ebenfalls vorsichtiger, was vor allem an prakti-
schen Problemen lag. Im Juni und Juli 1945 strömten zusätzlich zu den etwa
fünf Millionen Kriegsflüchtlingen jede Woche mehr als hunderttausend Ver-
triebene in das zerstörte Nachkriegsdeutschland. Die Besatzer und die deut-
schen Behörden waren mit dem Flüchtlingsstrom völlig überfordert. Das
Potsdamer Abkommen sollte daher ein Moratorium der massenhaften Ver-
treibungen bringen. Zugleich drängten die Westmächte auf eine bessere Or-
ganisation der Bevölkerungsverschiebungen und setzten in diesem Sinne
den Artikel XIII über einen »humanen und ordnungsgemäßen Transfer«
durch. 203
In der älteren Literatur und von westlichen Zeitzeugen wird immer wieder
behauptet, Stalin habe die Westmächte in Potsdam bezüglich der Zwangsaus-
siedlung der Deutschen überrumpelt, diese hätten eine eher passive Haltung
eingenommen oder den »Transfer« als Tauschgeschäft für die Einschränkung
der deutschen Reparationen zugunsten der Sowjetunion hingenommen. 204

202 Zit. nach Naimark, Flammender Hass, S. 140.


203 Das Potsdamer Abkommen ist abgedruckt in: Ausgewählte Dokumente zur
Deutschlandfrage 1943 bis 1949, Berlin 1971, S. 55–73.
204 Vgl. dazu das Geleitwort eines ranghohen US-Diplomaten in Alfred M. de ­Zayas,
Die Nemesis von Potsdam. Die Angloamerikaner und die Vertreibung der Deutschen
(überarbeitete und erweiterte Neuauflage), München 2005, S. 11 und die weitere Dar-
stellung S. 126–127; Klaus-Dietmar Henke, Der Weg nach Potsdam – Die Alliierten und
die Vertreibung, in: Benz, Die Vertreibung, S. 58–85, hier S. 80, wonach es sich um einen
»Nebenaspekt« der Verhandlungen gehandelt habe.
172 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Aber Matthew Frank hat in seinem Buch über den Transfer als Konzept bri-
tischer Außenpolitik nachgewiesen, dass die Westmächte allenfalls pragma-
tische Bedenken hatten, keine grundsätzlichen. Die Diskussionen in Pots-
dam drehten sich daher um das Ausmaß der Westverschiebung Polens und
der daraus folgenden Bevölkerungsverschiebungen, nicht grundsätzlich um
ethnische Säuberungen als Mittel internationaler Politik. Es war außerdem
Churchill, der den »Transfer« ins Gespräch brachte, Frank zufolge vor allem
deshalb, um den britischen Einfluss auf die tschechische und polnische Re-
gierung zu wahren. 205 Die Einbeziehung Ungarns in Potsdam überrascht auf
den ersten Blick, denn die dortige deutsche Minderheit hatte den territoria-
len Bestand des Staates nie in Frage gestellt. Es gab außerdem keine Tradition
inter-ethnischer Konflikte wie in Polen oder im heutigen Tschechien. Im un-
garischen Fall standen sozialpolitische Motive, vor allem der Bedarf an Bo-
den für die geplante Landreform im Vordergrund.
Ein weiterer Faktor waren die Mechanismen der internationalen Diplo-
matie, die wie in früheren Fällen zu einer dramatischen Ausweitung eth-
nischer Säuberungen führten. Dies lässt sich anhand des Fortgangs der Be-
ratungen von Teheran bis Potsdam feststellen. 1943 beschränkten sich die
territorialen Forderungen der Sowjetunion an Polen noch auf Wilna und
überwiegend ländliche Regionen. Nach dem Einmarsch der Roten Armee
in Ostpolen Anfang 1944 beharrte Stalin auf der Eingliederung Lembergs
und Ostgaliziens samt der Erdölregion um Borysław. 1945 amputierten die
Alliierten schließlich nahezu die Hälfte des polnischen Vorkriegsterrito-
riums, was entsprechend umfangreiche ethnische Säuberungen nach sich
zog.
Im Falle der Deutschen wurden ebenfalls alle Dimensionen gesprengt.
1943 debattierten die Alliierten die Abtretung von Oberschlesien und Ost-
preußen. Die geplante Zwangswanderung hätte zusammen mit der deut-
schen Minderheit in Zentralpolen und den Umsiedlern etwa dreieinhalb
bis vier Millionen Menschen betroffen. Nach den Beschlüssen von Potsdam
mussten doppelt so viele Deutsche das Nachkriegsgebiet Polens verlassen.
­Edvard Beneš sprach 1942 von etwa einer Million Deutschen, die Prag aus-
weisen wolle, am Ende wurden es drei Millionen. Diese quantitative Auswei-
tung wurde von einer sprachlichen Eskalation begleitet. In seiner Unterhaus-
rede vom Dezember 1944 sprach Churchill von einer »totalen Vertreibung«
der Deutschen. Stalin und Churchill ergänzten sich auf der Konferenz von
Jalta in Zahlenspielen, dass bei sieben Millionen deutschen Kriegstoten ge-
nügend Platz für die Vertriebenen in Nachkriegsdeutschland vorhanden sei.
Intern äußerten leitende Beamte und Regierungsberater in Washington und

205 Frank, Expelling, S. 116.


Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 173

London zwar Bedenken, ob man eine derartige Völkerwanderung organisie-


ren könne, aber in den Verlautbarungen nach außen dominierte eine Utopie
der Machbarkeit.
Ein Faktor der Ausweitung war systembedingt: Die Alliierten beschlossen
eine Kette an Gebiets- und Bevölkerungsverschiebungen, die mehrere hun-
dert Kilometer entfernte Regionen miteinander verbanden. Die Polen aus den
polnischen Ostgebieten sollten zu Lasten der Deutschen in den deutschen
Ostgebieten verschoben werden, die Deutschen wiederum auf die Besat-
zungszonen aufgeteilt werden. Mit dieser Verkettung waren nur die deutsch-
kroatischen Vereinbarungen vom Juni 1941 vergleichbar, wonach Slowenen
nach Kroatien und Serben aus Kroatien abgeschoben werden sollten. Im Falle
Polens gab es eine weitere Verkettung, den erwähnten »Bevölkerungsaus-
tausch« mit den benachbarten Sowjetrepubliken.
Die Umsetzung dieser präzedenzlosen Pläne überließen die Alliierten
weitgehend den ostmitteleuropäischen Nachbarn der Deutschen, die daher
im Mittelpunkt der deutschen Erinnerung an die »Vertreibung« stehen. Es
besteht kein Zweifel daran, dass die Umsiedlung, der »Abschub« (odsun), der
Transfer der Deutschen – wie immer man es damals nannte – in Polen und der
Tschechoslowakei populär war. Polen und Tschechen wollten mit den Deut-
schen nicht mehr in einem Staat leben. Durch die massiven Grenzverschie-
bungen waren Bevölkerungsverschiebungen ohnehin unumgänglich. Polen
hätte sich ohne die Beschlüsse von Potsdam in einen bi-nationalen Staat ver-
wandelt, in dem 25 Millionen Polen, die den Krieg überlebt hatten, acht Mil-
lionen Deutschen gegenüber gestanden hätten. In der Tschechoslowakei be-
schränkte sich das Trauma von München nicht auf die politischen Eliten. Für
die Regierungen beider Länder boten der internationale Kontext und die ge-
sellschaftliche Stimmung daher eine einmalige Gelegenheit, die deutsche
Frage im eigenen Land ein für allemal zu »lösen«. Sie versuchten dies zu-
nächst wie von Stalin angeregt durch ein »Fait accompli«, anschließend im
Rahmen der Potsdamer Beschlüsse.
In Polen war die Vertreibung und Zwangsaussiedlung der Deutschen eng
mit der Ankunft der »Evakuierten« aus den verlorenen Ostgebieten Polens
verbunden. Wegen dieser Verknüpfung auf der Ebene der internationalen
Diplomatie und dem eigentlichen Ablauf der Bevölkerungsverschiebungen
ist eine vergleichende Sichtweise zwischen der ethnischen Säuberung der
verlorenen deutschen und polnischen Ostgebiete sinnvoll. Ebenso wichtig
sind Vergleiche zwischen verschiedenen Gruppierungen unter den deutschen
»Vertriebenen«. All zu oft werden die Flucht, Vertreibung und Zwangsaus-
siedlung aus so verschiedenen Herkunftsregionen wie Ostpreußen, dem Su-
detenland oder dem Banat in einen Topf geworfen. Dagegen spricht nicht zu-
letzt der unterschiedliche Ablauf des in Potsdam beschlossenen »Transfers«
in Polen und der Tschechoslowakei. Im ersten Fall handelte es sich um ein
174 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

völlig zerstörtes Land, in dem sich obendrein die Rote Armee und die polni-
sche Verwaltung misstrauisch bis feindlich gegenüberstanden. 206 Die Tsche-
choslowakei blieb dagegen ein weitgehend souveräner Staat, der weniger
unter Krieg und Besatzung gelitten hatte und daher über weit bessere Vor-
aussetzungen für einen »ordnungsgemäßen« Transfer verfügte. Dies hatte
auch auf das Schicksal der Flüchtlinge erhebliche Auswirkungen.

Polen und die Tschechoslowakei

Neben einer geographischen ist unbedingt eine zeitliche Differenzierung


einzuhalten, die in der jüngsten deutschen Debatte um die »Vertreibung«
meist unter den Tisch gefallen ist. Der Zeitpunkt der Ausweisung bzw. des
Heimatverlustes bedingte sehr unterschiedliche Abläufe und Erfahrungen.
Die Herausgeber des vor kurzem erschienenen Lexikons der Vertreibung ha-
ben dafür optiert, Fluchtprozesse auszusparen. Dies ist zur Reduktion des
Materials nachvollziehbar, allerdings kann sich eine vorübergehende Flucht
durch ein Rückkehrverbot zu einer dauerhaften ethnischen Säuberung ent-
wickeln.
Gegen diese Ausblendung spricht außerdem, dass sich Flucht und Vertrei-
bung im Ablauf kaum unterscheiden lassen. Flucht bedeutet, dass Menschen
vor einer erwarteten oder angedrohten Gewalt fliehen, also die Einstellung
und das Verhalten von gegnerischen Akteuren antizipieren, wie auch im-
mer sich jene dann verhalten mögen. Manchmal lagen nur wenige Momente
zwischen einer antizipierenden Flucht und dem Beginn einer Vertreibung,
zum Beispiel vor oder kurz nach dem Einrücken der Wehrmacht oder der
Roten Armee.
Im Falle der polnischen Ostgebiete überschnitten sich die Phasen der
Flucht, Vertreibung und Zwangsaussiedlung. Das lag daran, dass der pol-
nisch-ukrainische Bürgerkrieg nach der Eroberung der polnischen Ostge-
biete durch die Rote Armee virulent blieb und weiterhin Zehntausende von
Menschen zur Flucht motivierte. Dennoch brachte der Abschluss der »Eva-
kuierungsverträge« im September 1944 einen tiefen Einschnitt mit sich. Zu-
mindest auf dem Papier war das Leben und Eigentum der Betroffenen ge-
schützt, die sowjetischen Behörden verpflichteten sich, die Migration zu

206 Als »Polen« gilt hier – dies vorweg – das durch das Potsdamer Abkommen und den
unmittelbar darauf folgenden polnisch-sowjetischen Grenzvertrag festgelegte Staatsge-
biet. Die deutschen Ostgebiete unterstanden nach dem Potsdamer Abkommen nicht mehr
der Oberhoheit des Alliierten Kontrollrats. Verwaltungstechnisch waren sie damit nicht
mehr Bestandteil des besetzten Nachkriegsdeutschlands, sondern Polens (bzw. im Falle
des Königsberger Gebiets der Sowjetunion).
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 175

organisieren, Vertreter der polnischen Regierung waren vor Ort und konn-
ten gegen Vertragsverletzungen intervenieren. 207
Eine eigene Betrachtung verdient der in den Verträgen von 1944 benutzte
Begriff der »Evakuierung«. Damit setzten die Unterzeichner die Zwangs-
aussiedlung mit einer Naturkatastrophe oder einer aussichtslosen militäri-
sche Lage gleich, die gar keinen anderen Ausweg zulasse, als eine bestimmte
Gruppe außer Landes zu bringen. In der Tat war die Situation in zahlrei-
chen polnischen Streusiedlungen wegen der Angriffe der UPA katastrophal,
aber mindestens so sehr fürchtete die polnische Bevölkerung eine Wieder-
aufnahme der sowjetischen Deportationen nach Sibirien und Zentralasien.
Vor allem in der heutigen Westukraine und in Vilnius, also den schon seit
längerer Zeit umstrittenen Gebieten, übten die Behörden massiven Druck
auf die polnische Bevölkerung aus, zum Beispiel durch die Verweigerung
von Lebensmittelkarten, die Beschlagnahmung von Wohnraum und will-
kürliche Verhaftungen. Bereits im Herbst 1944 ließen sich daher mindestens
117.000 Polen für die »Evakuierung« registrieren.
Die sowjetischen Behörden setzten die ersten Flüchtlingszüge Ende 1944
in Gang, inmitten der beginnenden Winterkälte und als westwärts kaum
Aufnahmegebiete zur Verfügung standen. Diese beiden Faktoren, der harte
Winter und die fehlenden Möglichkeiten zur Aufnahme in Polen, prägten die
Zwangsaussiedlung bis zum Frühjahr 1945. Meist wurden die Betroffenen in
geschlossenen oder offenen Viehwaggons transportiert, die kaum Schutz vor
Kälte oder Hitze boten. Die Verpflegung war ungenügend, zumal die Betrof-
fenen häufig ausgeplündert an den Verladestationen ankamen und dort län-
gere Zeit warten mussten. Aufgrund der Kriegszerstörungen irrten die Züge
tage- oder wochenlang umher und brauchten manchmal zwei oder drei Wo-
chen, ehe sie Gleiwitz, Allenstein, Danzig, Breslau oder Stettin erreichten.
Dort wurden die Abkömmlinge meist an einem willkürlich bestimmten Ort
aus dem Zug geworfen und mussten sehen wie sie zurechtkamen. Doch die
ehemaligen deutschen Ostgebiete lagen zu einem großen Teil in Ruinen, die
Frühjahrsaat war nur zum Teil ausgebracht, die Lebensmittelvorräte aufge-
braucht, Not und Hunger unvermeidbar. In Zentralpolen galten diese Ge-
biete aufgrund der grassierenden Kriminalität und der allgemeinen Unsicher-
heit als »wilder Westen«.
Die Verhältnisse stabilisierten sich ab dem Sommer 1945, als die Verwal-
tung der ehemaligen deutschen Ostgebiete von den Kommandanturen der
Roten Armee auf die polnische Ziviladministration überging. Aber noch im-
mer fanden sich Berichte wie dieser aus Bydgoszcz (Bromberg) vom Sommer

207 Ursprünglich war geplant, die »Evakuierung« innerhalb von nur vier Monaten ab-
zuschließen. Auch dies wirft ein Schlaglicht auf die damals verbreitete Utopie der Mach-
barkeit, in diesem Fall auf sowjetischer Seite.
176 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

1945: »Die lange Reise in offenen Waggons, die manchmal sieben bis elf Wo-
chen dauerte, bei unzureichender Ernährung – Mangel an Fett und Zucker –
erschöpft den Zustand der Reisenden, speziell der Kinder.«208 Etwa ein Viertel
der Zwangsausgesiedelten kam in einem Zustand an, der eine sofortige ärzt-
liche Behandlung nötig machte. 209 Dass die Organisation der »Evakuierung«
schlecht war, überrascht angesichts der Kriegsfolgen und dem bis dahin prä-
zedenzlosen Umfang des Unterfangens nicht. Zu den 1,5 Millionen offiziell
registrierten »Repatrianten« sind etwa 300.000 Menschen hinzuzurechnen,
die vor dem polnisch-ukrainischen Bürgerkrieg geflohen waren oder die sich
aus Angst vor Verfolgung durch den NKVD nicht hatten registrieren lassen.
Außerdem konnten Hunderttausende aus Ostpolen stammende NS-Zwangs-
arbeiter nicht in ihre Heimat zurückkehren. Alles in allem betrug die Zahl
der ostpolnischen Flüchtlinge, Vertriebenen und Zwangsausgesiedelten min-
destens zwei Millionen Menschen. Damit handelte es sich um die bis dahin
größte Bevölkerungsverschiebung in der europäischen Geschichte.
Immerhin standen für die Ankömmlinge Häuser, Arbeitsstellen und Land
zur Verfügung, was ihr Schicksal von dem der deutschen Flüchtlinge unter-
scheidet. Einen letzten Höhepunkt erreichte die Zwangsaussiedlung aus den
ehemaligen polnischen Ostgebieten im Frühjahr und Sommer 1946. In die-
ser Zeit kamen außerdem die »Sibiriacy« an, die in Asien die Stalinschen De-
portationen von 1939–1941 überlebt hatten. Die ehemals Deportierten sind
ein Sonderfall, weil ihre eigentliche Zwangsmigration fünf bis sechs Jahre
zurücklag, während sie ihre Ausreise nach Polen als Befreiung empfanden.
In diesem Fall handelte es sich tatsächlich um »Repatrianten« – so die offi-
zielle Terminologie seit dem Frühjahr 1945 – die in ihren Staat zurückkeh-
ren konnten, wenn auch nicht in ihre ostpolnische Heimat. Unter jenen Men-
schen, die aus privaten oder nationalistischen Motiven versucht hatten, in den
ehemaligen polnischen Ostgebieten auszuharren, herrschte 1946 eine mit den
­Sibiriacy vergleichbare Stimmung. Angesichts der ständigen Repressalien
durch den NKVD bemühten sie sich um die Ausreise, in den Städten meist
mit Erfolg, weil die lokalen sowjetischen Funktionsträger die unbequemen
Polen loswerden wollten.
Aber auf dem Land ging der Zwang in eine andere Richtung. Um Produk-
tionsausfälle in der Landwirtschaft zu vermeiden, hielten die Behörden ins-
besondere in Weißrussland und in Litauen mehrere Hunderttausend Polen
zurück. Laut dem Abschlussbericht des sowjetischen Innenministeriums
über die »Umsiedlung« (pereselenie) von und nach Polen vom Oktober 1946
nahmen 347.000 Polen, die sich ursprünglich in der Belorussischen und der
Ukrainischen SSR für die Repatriierung gemeldet hatten, »Abstand von der

208 Archiwum Akt Nowych (Archiv für neue Akten, AAN), MAP, sygn. 2488, Bl. 13.
209 Vgl. AAN, MZO, sygn. 70, Bl. 112.
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 177

Ausreise.« In Litauen blieb praktisch die gesamte polnische Minderheit, die


auf dem Land lebte. 210 Erst Ende der 1950er Jahre gelang es einer Viertelmil-
lion Polen, ihre Spätaussiedlung aus der Sowjetunion durchzusetzen.
Damit bleibt immer noch eine riesige Lücke zwischen der Zahl derer, die
in Nachkriegspolen ankamen, und jenen, die sich bei der letzten Volkszäh-
lung vor dem Krieg als Polen deklariert hatten. Würde man die statistischen
»Methoden« der deutschen Vertriebenenverbände (und verschiedener Bun-
desregierungen) benutzen, dann wären mindestens eine Million Polen als
»Vertreibungsopfer« anzusehen, 211 wobei noch eine andere Frage wäre, wie
viele davon dem deutschen Besatzungsterror zum Opfer fielen. Wahrschein-
lich liegt des Rätsels Lösung in einem anderen Bereich. Ein großer Anteil der
aus der Statistik verschwundenen Ostpolen griff wohl zum Mittel der natio-
nalen Konversion, um auf diese Weise der Zwangsaussiedlung zu entgehen.
Dies macht einen weiteren Unterschied zu den Deutschen aus, die abgesehen
von besonderen Regionen wie Oberschlesien ausnahmslos vertrieben und
zwangsausgesiedelt wurden. Über die Nachkriegsgeschichte dieser im Osten
verbliebenen Polen ist sehr wenig bekannt, weil sie weder in das Muster der
stalinistischen Gewaltherrschaft des »Soviet Ethnic Cleansing« noch zum
Selbstbild stets nationalbewusster Polen passen.
Es handelte sich demnach in den polnischen Ostgebieten um keine totale
ethnische Säuberung. Aber freiwillig wie in den Verträgen festgelegt war die
»Evakuierung« nicht. Es herrschte entweder indirekter oder direkter Zwang
und es handelte sich – wie man amtlichen Dokumenten, Tagebüchern und
Memoiren entnehmen kann – um einen traumatisierenden Vorgang. 212 Zwar
durften die »Repatrianten« offiziell ein bis zwei Tonnen Gepäck pro Fami-
lie mitnehmen, aber diese Vorschriften wurden selten erfüllt. Die Ankömm-

210 Vgl. zu dieser Formulierung und den Statistiken der nicht »repatriierten« Polen
Rossijski Centr Chranenija i Sučenija Dokumentov Novejšej ­Istorii, Font 17, op. 121,
Techsekratriat Org.Büro, SK VKP (b), Delo 545, Bll. 47 und 50–51. Jerzy Kochanowski
zufolge wurden 50 Prozent der für die Ausreise registrierten Polen in Litauen und 45 Pro-
zent in der Belorussischen SSR zurückgehalten. Vgl. Ahonen u. a., People on the Move,
S. 102. Nach Ciesielski, Umsiedlung, S. 40, wurden nur 158.500 der 382.000 Registrierten
in Litauen tatsächlich nach Polen zwangsausgesiedelt.
211 Diese Kalkulation beruht auf einer Addition von 1,517 Millionen offiziellen Repa-
trianten, 300.000 Flüchtlingen, bis zu 50.000 Opfern des polnisch-ukrainischen Bürger-
krieges, 300.000 ehemaligen Zwangsarbeitern und 550.000 Ausreisewilligen, die in der
Sowjetunion bleiben mussten; also insgesamt etwa 2,7 Millionen Menschen gegenüber
einer polnischen Vorkriegsbevölkerung von über vier Millionen in den ehemaligen Ost-
gebieten.
212 Zahlreiche Ego-Dokumente von Ostpolen wurden von dem Dokumentationszen-
trum Karta gesammelt und zum Teil in der gleichnamigen Zeitschrift publiziert. Weitere
Materialien, die bereits für die Dissertation des Autors genutzt wurden, befinden sich in
den Archiven des Instytut Zachodni in Posen und des Instytut Śląski in Oppeln.
178 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

linge aus Ostpolen kamen daher meist mittellos in den ehemaligen deutschen
Ostgebieten an, zudem häufig krank und ausgezehrt. Nach der Ankunft
standen sie in Konkurrenz zu den zahlreicheren Umsiedlern aus Zentral-
polen, die aufgrund des größeren Grads an Freiwilligkeit bei der Migration
über weit bessere Voraussetzungen zum Beginn eines neuen Lebens verfüg-
ten. Doch dies führt bereits zum Topos der Integration, der in diesem Buch
nicht näher behandelt werden kann.
Die ethnische Säuberung der Deutschen aus Ostmitteleuropa lässt sich
vom Ablauf her ähnlich unterteilen wie der polnische Vergleichsfall, nur dau-
erten die einzelnen Phasen unterschiedlich lange. Während die persönliche
Kriegserfahrung relativ kurz, doch umso heftiger war, zog sich die vertrag-
lich geregelte Zwangsaussiedlung fast doppelt so lange hin wie im Fall der
Ostpolen. Das lag nicht zuletzt an der präzedenzlosen Menge von Betroffe-
nen. Die Kriegsflüchtlinge abgezogen betrafen die Beschlüsse von Jalta und
Potsdam etwa acht Millionen Menschen, also das Vierfache der bis dahin um-
fangreichsten ethnischen Säuberung – den Fall der Polen. Was mit den deut-
schen Flüchtlingen, Vertriebenen und Zwangsausgesiedelten geschah, lässt
sich inzwischen vor allem Dank polnischer und tschechischer Publikationen
genau nachvollziehen. 213
Die besondere Dimension des Falls der Deutschen basierte auf einem
Bündel an Ursachen. Die Alliierten und ihre ostmitteleuropäischen Part-
ner machten alle Deutschen für den Ausbruch des Weltkrieges und den
deutschen Besatzungsterror verantwortlich. Dem Konstrukt der Kollek-
tivschuld entsprechend galt das Prinzip der kollektiven Bestrafung. Etwa
vier Millionen Deutsche im Osten ahnten, was ihnen bevorstand und flohen
im Winter 1944/45 auf eigene Faust. Häufig wurden sie dabei von der Front
überrollt oder mutwillig angegriffen. Die Flucht war daher die bei weitem
opferreichste Phase dessen, was in Deutschland vereinfachend als Vertrei-
bung zusammengefasst wird. An den Bevölkerungsverlusten hatten jedoch
die Nationalsozialisten entscheidenden Anteil. Vor allem der ostpreußische
Gauleiter Erich Koch zwang die Zivilbevölkerung zum Bleiben, als die mi-
litärische Lage längst aussichtslos war. Der strenge Winter war ein Faktor
für sich, Kleinkinder, alte oder geschwächte Menschen erfroren in Scharen.
Ein davon getrenntes, von Norman Naimark eingehend behandeltes Thema
sind die massenhaften Vergewaltigungen, die der gezielten Erniedrigung des
Kriegsgegners dienten. Die deutsche Zivilbevölkerung war der Rache der so-
wjetischen Soldaten schutzlos ausgeliefert, an zahlreichen Orten kam es zu
Massakern. Dennoch ist es im Rückblick fast unmöglich, zwischen Kriegs-
opfern im engeren Sinne und »Vertreibungsopfern« zu unterscheiden, die

213 Vgl. insbesondere die Publikationen des tschechischen Historikers Tomáš Staněk,
sowie die vierbändige Dokumentation von Borodziej und Lemberg.
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 179

später in der westdeutschen Nachkriegspublizistik eine derart zentrale Rolle


spielen sollten.
Die Aufrufe der polnischen und tschechoslowakischen Armee zum Um-
gang mit den Deutschen unterschieden sich kaum von sowjetischen Vorbil-
dern wie Ilja Ehrenburg. In den »zehn Geboten« für die tschechoslowaki-
schen Soldaten in den Grenzgebieten hieß es Anfang Juni: »Der Deutsche
ist unser unversöhnlicher Feind geblieben. Höre nicht auf, den Deutschen
zu hassen … Benimm dich gegenüber den Deutschen als Sieger … Sei hart
gegenüber den Deutschen … Auch die deutschen Frauen und die Hitlerju-
gend sind mitschuldig an den Verbrechen der Deutschen. Sei ihnen gegenüber
unnachgiebig.«214 Die Führung der zweiten polnischen Armee, die entlang
der Oder und Neiße stationiert war, gab folgenden Befehl an ihre Soldaten:
»Man muss seine Aufgaben auf so harte und entschiedene Weise ausführen,
dass sich das germanische Ungeziefer nicht in den Häusern versteckt, son-
dern von selbst vor uns fliehen wird und dann im eigenen Land Gott für die
glückliche Rettung seines Kopfes danken wird.«215 Auch die politischen Eli-
ten der beiden Länder, oft genug sogar Kirchenvertreter, schürten im Früh-
jahr 1945 den Hass gegen die ehemaligen Besatzer, obwohl es dieser Anfeu-
erung angesichts der Erfahrungen von 1938 bis 1945 wahrlich nicht bedurft
hätte. Bemerkenswert an diesen und anderen Anweisungen und Reden ist
nicht nur die Wortwahl, sondern vor allem ihr Zeitpunkt. Der Krieg, die
Besatzung und der nationalsozialistische Terror waren in den Köpfen der
Menschen mit der Kapitulation des Deutschen Reiches nicht beendet. Dies
zeigt sich auch im Verhalten einzelner Akteure, Gruppen oder Institutionen,
die für die schlimmsten Menschenrechtsverletzungen verantwortlich waren.
Wie Tomáš Staněk nachgewiesen hat, gingen jene tschechoslowakischen Ar-
mee-Einheiten am rücksichtslosesten gegen Deutsche vor, die an der Ost-
front auf sowjetischer Seite gekämpft und die dortigen deutschen Kriegsver-
brechen miterlebt hatten. 216
Doch die in der Publizistik und in etlichen wissenschaftlichen Werken be-
tonte Rache sollte als Motiv nicht überbewertet werden. Die besagten Befehle
der tschechoslowakischen und polnischen Armee fielen in eine Zeit, als die
Vertreibung der Deutschen bereits beschlossene Sache war, sie sollten diese
beschleunigen. Es handelt sich somit um einen von oben gesteuerten und
ideo­logisch begründeten Prozess, bei dem die Tschechoslowakei eine Vorrei-
terposition einnahm. Bereits im Mai 1945 begannen erst im Landesinneren,
dann in Norden Böhmens massenhafte Vertreibungen, die bis Ende Juli min-

214 Zit. nach Tomáš Staněk, Verfolgung 1945. Die Stellung der Deutschen in Böhmen,
Mähren und Schlesien (außerhalb der Lager und Gefängnisse), Köln 2002, S. 161.
215 Zit. nach Borodziej, Lemberg, Die Deutschen, Bd. 1, S. 161 (Dokument 35).
216 Vgl. Staněk, Verfolgung, S. 34.
180 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

destens eine halbe Million Menschen entwurzelten. 217 Das Ziel war ein Fait
accompli mit Blick auf die erwartete Friedenskonferenz.
Mit diesem Tempo konnte Polen nicht mithalten. Östlich der Oder und
Neiße dauerte es unter anderem wegen der Machtkonkurrenz zwischen der
Roten Armee und der polnischen Armee und Zivilverwaltung einen Monat
länger, ehe dort massenhafte ethnische Säuberungen begannen. Während die
polnische Regierung wegen des noch nicht endgültig geklärten Verlaufs der
deutsch-polnischen Nachkriegsgrenze auf eine rasche Vertreibung drängte,
wollten die regionalen und lokalen Kommandanturen der Roten Armee
eine ausreichende Zahl an Arbeitskräften halten und außerdem demons-
trieren, wer die Macht in den Händen hatte. Einige hunderttausend Flücht-
linge, die aus Schlesien in die Tschechoslowakei oder die Sowjetische Besat-
zungszone geflohen waren, kehrten sogar in ihre alte Heimat zurück. Erst ab
dem 20. Juni konnte die polnische Armee entlang der Oder und Neiße Fak-
ten schaffen. Das Militär begann mit der »Entdeutschung« einer grenznahen
Zone von etwa 50 Kilometer Tiefe, die in Zukunft von demobilisierten Sol-
daten bzw. Militärsiedlern bewohnt werden sollte. Bis Ende Juli wurden etwa
300.000 Deutsche über die Grenze getrieben und in aller Regel davor aus­
geraubt oder misshandelt. 218
Die Übergriffe waren derart massiv, dass die Besatzungsmächte gegen
das tschechoslowakische und polnische Vorgehen protestierten. Sie muss-
ten mit den geschlagenen und hungerleidenden Flüchtlingen zurechtkom-
men und waren dabei völlig überfordert. Zusätzlich zu den Ausgebombten
und Kriegsflüchtlingen irrten Ende Juli 1945 etwa eine Million Vertriebene
in Deutschland umher und versuchten verzweifelt, ein Dach über dem Kopf
zu finden. In den improvisierten Auffanglagern grassierten Seuchen wie Ty-
phus und Ruhr und führten zu zahlreichen Todesfällen.
Die akute Flüchtlingskrise war neben der Nachkriegsordnung im besetz-
ten Deutschland ein kontrovers diskutiertes Thema auf der Konferenz von
Potsdam. Die USA und Großbritannien erhoben massive Bedenken gegen
das Ausmaß der geplanten Bevölkerungsverschiebungen, 219 stellten aber den
seit Teheran bestehenden Konsens für ethnische Säuberungen nicht in Frage.
Letztlich einigten sich die Siegermächte auf einen Kompromiss. Wie von
Stalin gewünscht wurden die Gebiete östlich der Oder und der Lausitzer
Neiße unter polnische Verwaltung gestellt und der »Transfer« sämtlich ver-
bliebener Deutschen aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn beschlos-
sen. Gleichzeitig sollten die Bevölkerungsverschiebungen unterbrochen

217 Offiziell registriert wurden 448.000 Ausgewiesene. Vgl. zu den Zahlenangaben


Tomáš Staněk, Odsun Němců z Československa 1945–1947, Praha 1991, S. 76.
218 Vgl. zu diesen Schätzungen Borodziej, Lemberg, Niemcy w Polsce, S. 69.
219 Vgl. dazu Frank, Expelling, S. 92.
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 181

werden, um die Aufnahme in den Besatzungszonen der drei Großmächte zu


verbessern.
Die Verrechtlichung der ethnischen Säuberungen im Potsdamer Abkom-
men hatte wie bei früheren, vergleichbaren Regelungen zweischneidige Fol-
gen. Einerseits stieg dadurch die Zahl der Betroffenen nochmals erheblich,
insbesondere durch die Einbeziehung der deutschen Minderheit in Ungarn
und die Ausnahmslosigkeit der Regelung. Selbst ausgewiesene Regimegegner
wie sudetendeutsche Antifaschisten unterlagen grundsätzlich dem »Trans-
fer«. Andererseits hatten die Westmächte eine Ausgangsbasis, um gegen Men-
schenrechtsverletzungen zu intervenieren. Diese hörten mit dem Potsdamer
Abkommen nicht auf, aber im Herbst 1945 flaute die antideutsche Gewalt
langsam ab. Massaker und Pogrome wie Anfang Juni im böhmischen Postel-
berg oder Ende Juli auf der Elbbrücke von Aussig kamen nach dem Potsda-
mer Abkommen nicht mehr vor. Das lag nicht zuletzt daran, dass Polen und
die Tschechoslowakei sich nun darauf verlassen konnten, die Deutschen auf
ihrem Staatsgebiet komplett entfernen zu können. Abschreckende und sym-
bolische Gewalt, um die deutsche Bevölkerung zur Flucht zu motivieren, war
nach dem Potsdamer Abkommen nicht mehr nötig.
In der tschechischen und der polnischen Nachkriegsgesellschaft wandel-
ten sich ab dem Sommer 1945 die Rachegefühle in Verachtung für die Mit-
glieder jener Nation, die mit ihrer Kriegsführung, dem Besatzungsterror und
dem Holocaust jegliche Maßstäbe menschlichen Zusammenlebens gebrochen
hatte. Die Deutschen standen ganz unten in der sozialen Ordnung, was vor
allem in kriegszerstörten Regionen fatale Auswirkungen hatte. Dort hunger-
ten auch die ankommenden Polen häufig, für die Deutschen blieb dement-
sprechend noch weniger übrig. In Teilen Pommerns, Niederschlesiens und
im Kaliningrader Gebiet besserten sich daher die Lebensbedingungen erst
einmal kaum.
Die größte unmittelbare Auswirkung hatten die Absprachen der Alliier-
ten auf die Aufnahme. Aufgrund der Planbarkeit des »Transfers« konnten die
Besatzungsmächte die Flüchtlinge unter sich und innerhalb ihrer Zonen auf-
teilen. Die Ankömmlinge erhielten in den Auffanglagern eine medizinische
Behandlung und oft das erste warme Essen seit langer Zeit, anschließend ver-
suchten die Sozialämter, Wohnraum zu beschaffen.
Die Folgen des Übergangs von der Vertreibung zur vertraglich geregelten
Zwangsaussiedlung fallen vor allem auf, wenn man das Schicksal der deut-
schen Minderheit in Jugoslawien betrachtet. Dort verblieben Ende 1944 nach
der Flucht und der Evakuierung durch die Wehrmacht noch etwa 130.000
Menschen, die fast ausnahmslos interniert wurden. 220 Das Potsdamer Ab-
kommen betraf das wiederbegründete Jugoslawien nicht, dementsprechend

220 Vgl. die genauen Statistiken in Portmann, Die kommunistische Revolution, S. 255.
182 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

gab es dort keine organisierten Massentransporte in das besetzte Nachkriegs-


deutschland. Doch die Zwangsarbeit in den erbärmlich ausgestatteten Lagern
rechnete sich nicht, zumal die meisten Internierten Frauen, Alte und Kinder
waren. Die verhassten Deutschen wurden daher, sofern sie nicht in den La-
gern starben, zu einer Last. Die pragmatische Lösung lag letztlich darin, die
Bewachung der Lager so weit zu lockern, dass mehr Menschen die Flucht ge-
lang. Doch die Ausbrecher blieben völlig rechtlos, bewegten sich aus Furcht
vor Verfolgung oft nur nachts und mussten einen mehrere hundert Kilometer
langen Fußmarsch in Richtung Westen bewältigen. Entsprechend hoch wa-
ren die Todesraten und lagen mit etwa einem Drittel der 1945 verbliebenen
Bevölkerung weit höher als bei jeglichen anderen deutschen Minderheiten. 221
Wegen des fehlenden völkerrechtlichen Rahmens erwies sich außerdem die
Aufnahme in die Bundesrepublik als kompliziert, manche Banater Schwaben
mussten bis in die fünfziger Jahre darum kämpfen, als deutsche Staatsbürger
anerkannt zu werden und den vorteilhaften Vertriebenenstatus zu erlangen.
Eine für den Ablauf der Zwangsaussiedlung wichtige Zäsur waren die Ab-
kommen des Alliierten Kontrollrats mit Polen und der Tschechoslowakei
vom November 1945. Die beiden Länder verpflichteten sich im Gegenzug für
festgelegte Aufnahmequoten in den verschiedenen Besatzungszonen zu einer
ordnungsgemäßen Behandlung der Deutschen vor und während der Trans-
porte. Im Januar und Februar folgten detaillierte bilaterale Abkommen der
amerikanischen und britischen Besatzungsbehörden mit der Tschechoslowa-
kei und Polen, die sogar die wöchentliche Zahl und Routen der Zugtrans-
porte festlegten. Etwa drei Millionen Menschen wurden 1946 im Rahmen
dieser Verträge ausgesiedelt und aufgenommen. Auch wenn sich das später in
der »Dokumentation der Vertreibung« von Theodor Schieder kaum wider-
spiegelte, verbesserte sich die Durchführung des »Transfers« vor allem in der
Tschechoslowakei spürbar. Körperliche Gewalt und die Plünderung des Ge-
päcks waren die Ausnahme und nicht mehr die Regel.
In Polen dagegen stabilisierten sich die staatliche Ordnung und der Ablauf
der Zwangsaussiedlung langsamer. Das lag nun vor allem an Machtkämpfen
innerhalb der polnischen Verwaltung. Mehrere Ministerien, das völlig über-
forderte Staatliche Repatriierungsamt und verschiedene Gebietskörperschaf-
ten stritten sich um Kompetenzen. Die größte Gefahr für Leib und Leben der
noch verbliebenen Deutschen war nicht mehr gezielte Misshandlung, son-
dern die Vernachlässigung in Sammellagern und während der Transporte.
Im Winter 1946/47 brachen die Briten die mit dem zynischen Namen »Ope-
ration Schwalbe« (operation swallow) versehene Aufnahme von Deutschen
aus Polen ab. Mehrere Transporte hatten aufgrund schlechter Vorbereitun-
gen derart lange auf Bahnhöfen herumgestanden oder waren auf Umleitungs-

221 Vgl. Portmann, Die kommunistische Revolution, S. 257.


Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 183

strecken herumgeirrt, dass zahlreiche Insassen mit schwersten Erfrierun-


gen oder tot ankamen. Doch die schlechte Organisation und Ausstattung der
Züge betraf nicht nur Deutsche. In einem der Todeszüge, die zur besagten
Unterbrechung beitrugen, erfroren auf dem Rückweg drei polnische Remig-
ranten, die zur Ansiedlung nach Schlesien gebracht werden sollten. 222
Die Beobachtung, dass 1946 und 1947 körperliche Attacken und Miss-
handlungen gegen Deutsche nachließen, heißt nicht, dass keine Gewalt mehr
vorkam. Aber sie verlagerte sich in eine andere Richtung. Vor der Ausreise
sollten die Deutschen bei diskriminierenden Löhnen und Lebensmittelratio­
nen so weit möglich als Arbeitskräfte ausgebeutet werden. Sie kamen da-
her immer noch ausgezehrt und häufig krank im besetzten Deutschland an.
In einigen Regionen wandelte sich der Zwang zum Gehen in einen Zwang
zum Bleiben. Zehntausende von Fachkräften im schlesischen Bergbau, in
der nordböhmischen Glasverarbeitung und anderen Industriezweigen durf-
ten erst Mitte der 1950er Jahre ausreisen. Hierin und im zeitlichen Ablauf der
Spätaussiedlung liegt eine Parallele zwischen den ehemaligen deutschen und
polnischen Ostgebieten, nur dass in dem einen Fall überwiegend Industriear-
beiter, im anderen die Landbevölkerung festgehalten wurde.
Ein Sonderfall waren die so genannten Autochthonen in Oberschlesien
und Masuren. Die Warschauer Regierung ging davon aus, dass die Bevölke-
rung in diesen beiden Regionen ohnehin polnischer Abstammung sei und
sich alsbald in nationalbewusste Polen verwandeln lasse. Dabei mischten sich
historische mit biologistischen Argumenten. Der einflussreiche oberschlesi-
sche Wojewode Aleksander Zawadzki warnte davor, den deutschen Erbfeind
durch den »Transfer« demographisch zu stärken und gab daher folgende Lo-
sung aus: »Wir wollen keinen einzigen Deutschen, aber wir übergeben auch
keine einzige polnische Seele.«223 Dementsprechend wurde ab September
1946 die »Verifizierung« ehemaliger Reichsbürger und die »Rehabilitierung«
der Volkslistenangehörigen als Polen liberalisiert. 1,1 Millionen ehemalige
Reichsbürger konnten in Polen bleiben, darunter sogar ehemalige Mitglieder
der NSdAP und der SS, außerdem fast alle Inhaber der Volkslistenkategorien
III und IV und ein Teil der Kategorie II. Die Vertreibung und Zwangsaus-
siedlung aus Polen war somit nicht total, sondern beließ immerhin ein Siebtel
der vom Potsdamer Abkommen erfassten Bevölkerung im Lande.
Davon unterschied sich das Vorgehen der Tschechoslowakei. Dort gab
es keinerlei regionale Ausnahmen, selbst die tschechischen PartnerInnen in

222 Vgl. zu diesem Fall Andreas R. Hofmann, Die Nachkriegszeit in Schlesien. Gesell­
schaft- und Bevölkerungspolitik in den polnischen Siedlungsgebieten 1945–1948, Köln
2000, S. 236.
223 »Nie chcemy ani jednego Niemca, ale nie oddamy ani jednej duszy polskiej.« Zi-
tiert nach AAN, MZO, sygn. 84, Bl. 37.
184 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Mischehen und deren Kinder wurden 1945 häufig abgeschoben. Der tsche-
choslowakische »Abschub« weist auch in anderer Hinsicht einmalige Dimen-
sionen auf. In Böhmen und Mähren verteilte sich die Bevölkerung vor dem
Münchner Abkommen abgesehen von den böhmischen Juden auf etwa zwei
Drittel Tschechen und ein Drittel Deutsche. Diese Ratio von zwei zu eins
zwischen der Titularnation des Staates und einer gewaltsam beseitigten Min-
derheit gab es in keinem anderen Fall ethnischer Säuberungen.
Ein derart radikales Vorgehen konnte nur auf der Basis einer totalen Asym-
metrie der Macht funktionieren. Die deutsche Minderheit stand dem Staat
und seinen ausführenden Organen völlig rechtlos gegenüber. Bemerkens­
wert an dem »Transfer« aus der Tschechoslowakei ist nicht nur der angesichts
von weit über zwei Millionen Betroffenen organisierte Ablauf, sondern auch
die Tatsache, dass sich diese so gut wie nie wehrten oder zum Beispiel durch
Flucht in die Wälder zu entziehen versuchten.
Die Totalität von Macht und Ohnmacht prägte das Verhalten beider Sei-
ten. Die Schutzlosigkeit der deutschen Zivilbevölkerung ermöglichte aller-
lei Formen der Gewalt von Erniedrigung und Misshandlung bis hin zu Ver-
gewaltigung und Totschlag. Doch zugleich erlaubte die Widerstandslosigkeit
eine rationale Organisation des »Transfers«, die sich vor allem in der Tsche-
choslowakei in relativ niedrigen Todesraten spiegelt. Gemäß den detaillier-
ten Schätzungen der Gemeinsamen deutsch-tschechischen Historikerkom-
mission beschränkte sich die Zahl der Todesfälle infolge von Vertreibung und
Zwangsaussiedlung auf eine Zahl von 19.000 bis 30.000 Personen. Dabei sind
sogar die Selbstmorde überzeugter Nationalsozialisten und Todesfälle un-
mittelbar nach dem Grenzübertritt wie etwa beim Brünner Todesmarsch ein-
berechnet. 224 Bezogen auf die Gesamtgröße der betroffenen Bevölkerungs-
gruppe bedeutet dies eine Todesrate von einem Prozent, weit weniger als in
anderen Fällen ethnischer Säuberungen.
Doch diese Zahlen bieten keinen Anlass für eine Relativierung. Wie
Tomáš Staněk anhand zahlreicher Einzelfälle nachgewiesen hat, gab es ne-
ben den bekannten Massakern von Prag, Postelberg, Ober-Moschtienitz
(dort wurden unter anderem 74 Kinder und 120 Frauen erschossen) und
Aussig unzählige Fälle von Folter mit Todesfolge und willkürlicher Er-
schießungen. Die Todesarten reichten vom Genickschuss bis zum Begraben
lebendiger Menschen. Diese Fälle, die sich fast alle von Mai bis Juli 1945 er-
eigneten, könnte man tatsächlich als »Vertreibungsverbrechen« bezeichnen.
Außerdem entsprechen 30.000 Menschen immer noch der Bevölkerung einer
Kleinstadt.

224 Vgl. Gemeinsame deutsch-tschechische Historikerkommission (Hg.), Konfliktge­


meinschaft, Katastrophe, Entspannung. Skizze einer Darstellung der deutsch-tschechischen
Geschichte seit dem 19. Jahrhundert, München 1996, S. 69.
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 185

In den gegen Ende des Weltkrieges umkämpften und ruinierten deut-


schen Ostgebieten lag die Zahl der Toten um ein Vielfaches höher. Gemäß
den Schätzungen des Militärhistorikers Rüdiger Overmans starben im heu-
tigen Polen während der Flucht, Vertreibung und Zwangsaussiedlung etwa
400.000 Personen. 225 Die Gründe für diese höheren Verluste liegen vor al-
lem in der chaotischen Flucht gegen Ende des Krieges, im harten Winter
1944/45 und der allgemeinen Notlage im Frühjahr 1945. Die bei weitem meis-
ten Flüchtlinge dürften in der Endphase des Krieges und unmittelbar da-
nach ums Leben gekommen sein. Ein weiterer Faktor war der zähe Aufbau
der staatlichen Verwaltung, die ab dem Sommer 1945 den in Potsdam be-
schlossen »Transfer« organisieren sollte. In den folgenden Jahren waren die
meisten Toten in den inzwischen sehr gut erforschten Arbeitslagern Potulice
(­Potulitz) und Łambinowice (Lamsdorf) zu beklagen, wobei dort viele Men-
schen interniert waren, die später als Polen »verifiziert« wurden. Dies belegt
ähnlich wie in der Tschechoslowakei die Radikalität der »Entdeutschung«
(odniemczanie), die selbst Menschen traf, die gar keine Deutschen im enge-
ren Sinne waren. Wie in der Zwischenkriegszeit wirkte ein Zwang zur Ein-
deutigkeit. Nur ging es jetzt nicht mehr um die Identität der Menschen, son-
dern um deren Leib und Leben. Die meisten Todesfälle in den Lagern waren
kein Resultat von Mord und Totschlag, sondern von Mangelernährung, Seu-
chen und allgemeiner Vernachlässigung. Eine wichtige Rolle spielte außer-
dem die Ausbeutung der ehemaligen Kriegsgegner zur Zwangsarbeit. Man
kann diesen Wandel von der Rache zur Ausbeutung auch als Rationalisie-
rung der Gewalt betrachten, die jedoch zu unterschiedlichen Resultaten im
Vergleich zum Holocaust führte. Während in diesem Fall die perfektionierte
Organisation den industriell durchgeführten Massenmord erst ermöglichte,
begünstigte der gestiegene Organisationsgrad des »Transfers« das Überleben
der Betroffenen.
Dies führt zurück zu Unterschieden in der Intention. Das Ziel ethni-
scher Säuberungen war die Entfernung einer Gruppe aus einem bestimmten
Gebiet, nicht deren Auslöschung durch massenhafte Tötung. Das gilt auch
für die im Osten verbliebenen Deutschen, deren Geschichte einen anderen,
schlimmeren Verlauf hätte nehmen können, hätte das Deutsche Reich noch
länger bestanden, über weitere Ressourcen für militärischen Widerstand ver-
fügt und die Bevölkerung den Willen für einen Guerillakrieg oder andere
Gegengewalt aufgebracht. In diesem Falle wäre die Zwangsaussiedlung im
Rahmen bewaffneter Auseinandersetzung erfolgt, vergleichbar mit Teilen
Ostpolens oder Nord- und Ostbosnien in den Jahren 1943/44. In diesen Re-
gionen war das Verhältnis zwischen jenen Menschen, die »nur« ihre Heimat

225 Vgl. Rüdiger Overmans, Personelle Verluste der deutschen Bevölkerung durch
Flucht und Vertreibung, in: Dzieje Najnowsze 26 (1994), Nr. 2, S. 51–65, hier S. 60.
186 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

verloren hatten, und jenen, die dabei ums Leben kamen, wesentlich ungüns-
tiger. Der totale Zusammenbruch des Deutschen Reiches und die völlige
Macht- und Rechtlosigkeit der deutschen Zivilbevölkerung waren demnach
paradoxerweise eine Voraussetzung für die Verrechtlichung und Rationa­
lisierung dieses umfangreichsten Falls ethnischer Säuberungen in der moder-
nen europäischen Geschichte.
Das geradezu biblische Ausmaß des Exodus der Deutschen aus dem Os-
ten, der physische und psychische Zustand der Ankömmlinge und das fort-
dauernde Flüchtlingselend in Nachkriegsdeutschland veränderten schließ-
lich die Einstellungen zu ethnischen Säuberungen. Auch wenn die Deutschen
1945 bei ihren westlichen Kriegsgegnern kaum weniger verhasst waren als im
Osten, begann im Laufe des Jahres ein Umdenken. Das lag vor allem daran,
dass die Alliierten nicht nur am Reißbrett Grenzen und Nationen verscho-
ben, sondern in den Besatzungszonen mit den Folgen ihrer Entscheidungen
konfrontiert waren. Die englischsprachigen Medien, die das Schicksal der
Flüchtlinge und Vertriebenen bis zum Sommer 1945 kaum beachtet hatten,
berichteten nach dem Potsdamer Abkommen ausführlich. Publizisten wie
der aus einer polnischen Rabbinerfamilie stammende Victor Gollancz und
diverse interne Berichterstatter der britischen und amerikanischen Armee
verglichen das Vorgehen gegen die Deutschen in Polen und der Tschechos­
lowakei sogar mit den Verbrechen der Nationalsozialisten. 226
Außerdem stiegen die Zweifel an den seit Lausanne verbreiteten Begrün-
dungen für ethnische Säuberungen. Die Alliierten hatten sich unter anderem
deshalb so rasch auf die Entfernung sämtlicher Deutschen aus Ostpreußen,
Pommern, Schlesien und den tschechoslowakischen Grenzgebieten geeinigt,
damit Deutschland nie wieder einen Angriffskrieg gegen seine östlichen
Nachbarn führen konnte. In Potsdam verband sich das zukunftsgerichtete
Ziel einer dauerhaften Friedensstiftung mit einer retrospektiven, kollektiven
Bestrafung. Doch je mehr das Flüchtlingschaos zunahm, umso mehr fürch-
teten die britische und die amerikanische Regierung die »Saat des Hasses«
und ein Wiederaufleben des deutschen Revanchismus. 227 Um sich selbst vor
den Vorwürfen in Deutschland und vor allem in der eigenen Öffentlichkeit
zu schützen, kritisierten englische und amerikanische Politiker immer of-
fener Polen, die Tschechoslowakei und Stalin, der sich hinter seine Verbün-
deten stellte. Im sich formierenden Ostblock stieß der westliche Menschen-
rechtsdiskurs aufgrund des deutschen Besatzungsterrors auf Unverständnis.
Hinzu kam, dass England und Frankreich mit ihrem Verhalten 1938 in Mün-
chen und infolge des fehlenden militärischen Beistands für Polen im Sep-
tember 1939 viel moralischen Kredit verspielt hatten. Als der amerikanische

226 Vgl. Frank, Expelling, S. 122–163.


227 Vgl. zu dieser Formulierung Frank, Expelling, S. 149.
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 187

Außenminister Byrnes 1946 unter anderem wegen der schier unbeherrschba-


ren Zahl an Flüchtlingen die polnische Westgrenze an der Oder und Neiße
in Frage stellte, war eine Konfliktkonstellation des Kalten Krieges bereits
vorgegeben. Auf der einen Seite standen die Westmächte, die sich ihrer Ver-
antwortung für Jalta und Potsdam und der dort beschlossenen ethnischen
Säuberungen entledigen wollten, auf der anderen Stalin und seine ostmittel-
europäischen Verbündeten, die auf eine Fortsetzung der radikalen »Entdeut-
schung« drängten.
Das auch in der Wissenschaft verbreitete Stereotyp von Stalin als einem
»Nation Killer« entspricht den Denktraditionen des Kalten Krieges, aber
nicht seinem tatsächlichen Verhalten. Stalin trat nur im Falle der Deutschen
für eine totale ethnische Säuberung ein. Dabei ging es wie bei den karelischen
Finnen um die kollektive und gnadenlose Bestrafung des Kriegsgegners.
Außerdem erreichte Stalin mit seiner Unterstützung der Vertreibung und der
vertragliche geregelten Zwangsaussiedlung der Deutschen ein weitergehen-
des taktisches Ziel. Wenn Polen und die Tschechoslowakei dem befürchteten
deutschen Revanchismus standhalten wollten, waren sie auf die Rote Armee
als Schutzmacht angewiesen.
Allerdings wäre es verkehrt, die ethnische Säuberung Ostmitteleuro-
pas nach dem Zweiten Weltkrieg auf die Deutschen zu reduzieren. Das Ziel,
einen homogenen bzw. bi-nationalen Nationalstaat aufzubauen, richtete sich
in Polen und der Tschechoslowakei gegen sämtliche Minderheiten. In Polen
betraf dies nach den Deutschen vor allem die Ukrainer. Zwar schrumpfte die
Größe der ukrainischen Minderheit durch die Verschiebung der polnisch-
sowjetischen Grenze auf etwa ein Sechstel des Stands von 1939, aber im Süd-
osten des heutigen Polens wohnten Ende 1944 immer noch etwa 700.000 Uk-
rainer. 482.000 von ihnen wurden 1945 und 1946 im Rahmen der Evakuie-
rungsverträge zwangsausgesiedelt. 228 Auf dem Papier war der Exodus wie bei
den Ostpolen freiwillig, aber der NKVD notierte in seinem Abschlussbe-
richt vom Oktober 1946 lapidar Attacken vor der Verladung und »Sabotage­
akte gegen Zugtransporte«. 229 Die nüchterne Behördensprache spiegelt die
Realität in diesem Fall ebenso wenig wider wie bei der Zwangsaussied-
lung der Polen aus der Westukraine. Die Angriffe vor dem Transport reich-
ten von Schlägen und Tritten bis zum Abbrennen ganzer Dörfer. Etwa
150.000 Ukrainer widersetzten sich trotzdem der Zwangsaussiedlung. Sie
wurden im Frühjahr 1947 im Rahmen der »Aktion Weichsel« (Akcja Wisła)

228 Vgl. dazu die umfangreiche Quellenedition von Eugeniusz Misiło, Repatriacja czy
deportacja. Przesiedlenie Ukraińców z Polski do USRR 1944–1946, 2 Bde., Warszawa
1996.
229 Vgl. den Bericht in Rossijski Centr Chranenija i Sučenija Dokumentov Novejšej
­Istorii, Font 17, op. 121, Techsekratriat Org. Büro, SK VKP (b), Delo 545, Bll. 47–51.
188 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

innerhalb Polens deportiert. Die Totalität und die Geschwindigkeit des Vor-
gehens ähnelt der sowjetischen Deportation der Krimtataren und Tsche­
tschenen drei Jahre zuvor. Wie diese wurden die Ukrainer kollektiv der Kol-
laboration mit den Nationalsozialisten beschuldigt und die »Banderowcy«
(Anhänger des OUN-Führers Stefan Bandera) in einem Atemzug mit den
»Hitlerowcy« genannt.
Das entscheidende Motiv des NKVD, der die Zwangsaussiedlung und die
Deportation überwachte, war jedoch die Bekämpfung der anti-kommunis-
tischen UPA. Das südöstliche Polen, insbesondere die Beskiden, waren ein
wichtiges Rückzugsgebiet für die ukrainischen Nationalisten, die von dort
aus einen blutigen Guerillakrieg gegen die Rote Armee und den NKVD
führten. Die komplette ethnische Säuberung der Wojewodschaften Kra-
kau, Lublin und Przemysl entsprach somit nicht nur der Vision eines »mono­
lithischen« Polens, sondern auch den strategischen Interessen der Sowjet-
union. Wie geplant ließ der ukrainische Widerstand nach dem Abschluss der
Aktion Weichsel spürbar nach, wobei die sowjetischen Sicherheitsorgane in
der Ukrainischen SSR etwa 20 Mal so viele UPA-Kämpfer töteten (insge-
samt über 100.000), wie ihre polnischen Kollegen. Diese Zahlen belegen zu-
gleich, dass ein Partisanenkrieg weit mehr Opfer fordern kann als eine eth-
nische Säuberung. Die Zuweisung einer Kollektivschuld an alle Ukrainer
war aber aufgrund ihrer ideologischen Verortung als Brudervolk der Rus-
sen und der Größe der Nation nicht möglich. Daher büßten letztlich nur
die Ukrainer in Polen mit dem Verlust ihrer Heimat für die Aktivitäten der
OUN und der UPA. Hierin kann man eine Parallele zu den Deutschen sehen,
denn nur ein Teil der Nation bezahlte den höchsten Preis für den Angriffs-
krieg und den Besatzungsterror. In der Ukrainischen Sowjetrepublik wur-
den mehrere Hunderttausend Menschen inhaftiert oder in Arbeitslager ver-
schleppt, meist Familienangehörige von Partisanen oder deren vermeintliche
Unterstützer.
Als polnisches Äquivalent für die sowjetische Verbannung nach Sibirien
und Zentralasien dienten die ehemaligen deutschen Ostgebiete, vor allem das
abgelegene Masuren. Dort wurden die Deportierten zum Zweck ihrer künf-
tigen Assimilation auf zahlreiche Ortschaften zerstreut, für jeden Land-
kreis und jedes Dorf existierten strikte Obergrenzen für die Zahl der aufzu-
nehmenden Ukrainer. So radikal und geplant ging nicht einmal der NKVD
in Zentralasien und Sibirien vor, zumal die meisten Deportierten nach Sta-
lins Tod in ihre alte Heimat zurückkehren durften. Diese Art von Freizü-
gigkeit blieb den polnischen Ukrainern genau wie den Krimtataren und
den Wolga­deutschen über 40 Jahre lang verwehrt. Zeitweilig gab es Über-
legungen, die widerspenstigen einheimischen Oberschlesier in die Beski-
den zu deportieren – also neben Masuren ein zweites »polnisches Sibirien«
zu schaffen, aber diese Idee wurde wegen des großen Arbeitskräftemangels
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 189

im oberschlesischen Bergbau fallen gelassen. 230 Ähnlich wie zahlreiche Ge-


genden im Böhmerwald und in den Sudeten entwickelten sich die ehemaligen
Siedlungsgebiete der Ukrainer in den Beskiden zu einer Wüstenei. Unzählige
Ortschaften wurden aufgegeben und sind heute von Wäldern überwachsen.
Im Fall der polnischen Juden als drittgrößter Minderheit in Nachkriegs-
polen ist bis heute strittig, inwieweit die Regierung deren Wiederaufleben als
nationale Minderheit unterstützte. Zunächst wurden unabhängige Organisa-
tionen und sogar eigene Gliederungen in der Polnischen Arbeiterpartei zu-
gelassen. Doch 1947 änderte sich der Kurs in Richtung Gleichschaltung und
Unterdrückung. Unabhängig davon provozierte das Pogrom von Kielce vom
Juli 1946 eine massive Auswanderungswelle von 90.000 Menschen, mehr
als ein Drittel der Minderheit. Dennoch kann man die jüdische Auswande-
rung nach dem Zweiten Weltkrieg nicht allein auf Push-Faktoren zurück-
führen. Der Zionismus und die Aussicht, fern den Orten der Vernichtung
in Palästina ein neues Leben zu beginnen, motivierten zahlreiche Juden zur
Auswanderung. Die nächste Emigrationswelle Ende der 50er Jahre war auch
durch die Unzufriedenheit mit dem kommunistischen System bedingt. Ein-
deutiger ist die fast vollständige Auswanderung der polnischen Juden 1968
als ethnische Säuberung einzuordnen. Es gab in diesem Jahr zwar keine
­Pogrome, aber als Resultat der »antizionistischen Kampagne« verloren pol-
nische Juden massenhaft ihre beruflichen Positionen, wurden in den Medien
angegriffen und sahen keine Perspektive mehr für sich im sozialistischen
Polen. Die Selektion bei der Verfolgung war erstmals eindeutig ethnisch. So-
gar vollständig assimilierte Juden sahen sich damit konfrontiert, dass den Be-
hörden bei ihren Säuberungen in der Partei, Staat und Wirtschaft eine jüdi-
sche Abstammung ausreichte. Dies war zwei Jahrzehnte nach dem Holocaust
so unerträglich, dass sich die meisten polnischen Juden für die Emigration
entschieden.
Ein weiterer Grenzfall ethnischer Säuberung liegt bei der belorussischen
Minderheit um Białystok vor. Diese Gruppierung unterlag zwar grundsätz-
lich wie die Ukrainer in Südostpolen den bilateralen Evakuierungsverträ-
gen, aber letztlich verließen nur knapp 36.000 der etwa 150.000 Belorussen
das polnische Nachkriegsgebiet. Ein Großteil der Minderheit zog es vor, in
Polen zu bleiben und konnte dies auf lokaler Ebene durchsetzen. Die Unter-
schiede zwischen den Ukrainern und Belorussen in Polen belegen die Bedeu-
tung vorheriger gewaltsamer Nationalitätenkonflikte. Wenn die lokalen Be-
ziehungen während des Zweiten Weltkrieges gewaltfrei geblieben waren, fiel
es den kommunistischen Sicherheitsorganen offenbar schwer, Dorfgemein-
schaften anhand ethnischer Trennlinien auseinander zu treiben. Doch wer in

230 Vgl. Tomáš Dvořák, Binnenstaatliche Zwangsmigrationen in der Tschechoslowakei


und in Polen, in: Melville u. a., Zwangsmigrationen, S. 431–438, hier S. 435.
190 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Polen blieb, musste sich nach außen hin anpassen und selbst das half wie im
Fall der Juden nicht immer.
Als Resultat dieser Minderheitenpolitik entwickelte sich Polen zu einem
nach offiziellen Angaben 95 Prozent homogenen Nationalstaat. Die einzige
anerkannte Minderheit waren die Tschechen im Teschener Schlesien, die ab
1947 analog zur polnischen Minderheit auf der tschechischen Seite der Grenze
eigene Schulen und Kulturinstitutionen betreiben durften. Von der Utopie
eines »monolithischen« Polens waren nicht nur die nationalen Minderheiten,
sondern auch regionale Gruppierungen wie die Oberschlesier und Kaschu-
ben betroffen. Sie wurden zwar offiziell als Autochthone anerkannt, aber von
den zugewanderten Polen des Deutschtums verdächtigt, dementsprechend
politisch marginalisiert und beruflich diskriminiert. Dies führte dazu, dass
sich diese regionalen Gruppierungen bald vom kommunistischen Polen ab-
wandten, unter ihnen viele Menschen, die beim Plebiszit von 1921 für Polen
gestimmt und das Ende der NS-Herrschaft wirklich als Befreiung empfun-
den hatten. Die Enttäuschung mit der Volksrepublik Polen fasste der zeitwei-
lige oberschlesische Vizewojewode Arkadiusz Bożek folgender­maßen zu-
sammen: »Es haben sich nur die Herren geändert. Die Berliner sind gegangen
und es kamen die Warschau-Krakauer.«231
Einen mit Polen vergleichbaren Rundumschlag gegen Minderheiten leistete
sich die Tschechoslowakei. Neben den Deutschen standen dort vor allem die
Ungarn in der Südslowakei im Fadenkreuz der Politik. 1945 forderte die Re-
gierung im Londoner Exil und in Prag die Abschiebung aller Ungarn aus der
Südslowakei. Die Argumentation dafür war schlüssig, wenn man die Aufhe-
bung des Münchner Abkommens als Maßstab nimmt. Ungarn hatte sich an
der Zerschlagung der Ersten Republik beteiligt, als Resultat des auf Mün-
chen folgenden Ersten Wiener Schiedsspruchs mussten etwa 100.000 Slowa-
ken und Tschechen die an Ungarn abgetretenen Gebiet verlassen.
Anders als bei den Deutschen bremsten die Alliierten die Vertreibung und
Zwangsaussiedlung der Ungarn. In Potsdam kam darüber kein offizieller Be-
schluss zustande, weil sich die Westmächte sperrten, nicht zuletzt um ihren
Einfluss auf Ungarn und die dortige öffentliche Meinung zu wahren. Die So-
wjetunion verwies in ihren bilateralen Verhandlungen mit der tschechoslo-
wakischen Regierung auf das Vorbild der polnisch-ukrainischen Evakuie-
rungsverträge. Aber Stalin ließ keine massenhafte Vertreibung von Ungarn
zu, da er eine unkontrollierbare Notlage im Donauraum befürchtete. Dort
irrten Anfang 1945 bereits mehrere Hunderttausend ungarische Flüchtlinge
umher.

231 Zitiert nach Maria Wanatowicz, Ludność napływowa na Górnym Śląsku w latach
1922–1939, Katowice 1982, S. 345.
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 191

Ein wichtiger Faktor bei der Vermeidung einer weiteren Flüchtlings­


katastrophe war Ungarn selbst, das im Gegensatz zu Deutschland auch nach
der Niederlage im Weltkrieg über eine Regierung verfügte. Die ungarischen
Kommunisten waren in Moskau gut vernetzt und intervenierten dort ge-
gen die tschechoslowakischen Forderungen. Die Tschechoslowakei musste
sich daher im Februar 1946 mit einem Abkommen über einen zweiseitigen
Bevölkerungsaustausch begnügen. Die ungarische Regierung reagierte dar-
auf geschickt, indem sie die slowakische Minderheit nicht zur Abwanderung
drängte. Daher beschränkte sich der »Austausch« der Minderheiten letzt-
lich auf 140.000 Menschen oder ein Sechstel der ungarischen Minderheit in
der Südslowakei. Die meisten von ihnen kamen aus Bratislava und Kaschau,
Großgrundbesitzer suchten ebenfalls meist das Weite. Man kann somit von
einer ethnischen Säuberung der Elite sprechen, während die ungarischen
Bauern meist blieben. Sie mussten sich aber der »Re-Slowakisierung« unter-
werfen, das heißt nach außen hin assimilieren.
Mit diesem Stand der Dinge gab sich die tschechoslowakische Regierung
nicht zufrieden und deportierte bis 1947 53.000 Ungarn in die böhmischen
Grenzgebiete. 232 Eine weitere, etwas später erfasste Gruppe waren die Mähri-
schen Kroaten. Doch die Deportation der Ungarn provozierte lautstarke
Proteste der Budapester Regierung, die sogar zu einer Distanzierung der So-
wjetunion von der Tschechoslowakei führten. Nach dem Februarputsch von
1948 bewegte sich die KPČ (Kommunistische Partei der Tschechoslowakei)
daher wieder auf den Internationalismus der Zwischenkriegszeit zu. Hinter-
grund der veränderten Linie war die Säuberung der Partei von »nationalisti-
schen Abweichlern« wie dem späteren Parteichef Gustav Husák, die beson-
ders gegen die Magyaren und »Magyaronen« (vermeintlich zum Ungarntum
bekehrte Slowaken) gehetzt hatten.
Im Unterschied zu den Ukrainern in Polen gelang es einem großen Teil
der ungarischen Deportierten, sich nach ein paar Jahren wieder in die alte
Heimat abzusetzen. Dort gewährte ihnen die Regierung beschränkte kultu-
relle Rechte wie zum Beispiel Grundschulunterricht in der eigenen Sprache.
Mit der Rückkehr der Deportierten war indes die Geschichte der Strafver-
schickungen in die unwirtlichen Gebirgsregionen der ČSSR nicht beendet.
Im Zuge der Stalinisierung wurden immer mehr Tschechen aus politischen
Gründen in Straf- und Arbeitslager oder gleich den Uranbergbau in Joach-
imstal eingewiesen. Dies zeigt, dass Ethnic Cleansing in politische und so­
ziale Säuberungen übergehen kann.

232 Vgl. zur ethnischen Säuberung von Ungarn aus der Slowakei nach Ungarn und
in die Grenzgebiete Štefan Šutaj, Zwangsaustausch bzw. Aussiedlung der Magyaren aus
der Slowakei – Pläne und Wirklichkeit, in: Brandes u. a. (Hg.), Erzwungene Trennung,
S. ­266–272.
192 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Insgesamt belegt der Vergleich zwischen Polen und der Tschechoslowa-


kei eine Phasenverschiebung und eine Ambivalenz stalinistischer Regimes
gegenüber nationalen Minderheiten. Während Prag unter den noch bürger-
lich geprägten Regierungen in den ersten zwei Jahren nach Kriegsende eine
besonders exklusionistische Linie verfolgte, ließ der Druck auf die Minder-
heiten ab 1948 nach. Dagegen setzte sich im bereits 1947 stalinistischen Polen
eine purgatorische Politik gegenüber allen Minderheiten durch. Für diese
These sprechen nicht zuletzt die Ereignisse nach der Korrektur der polnisch-
sowjetischen Grenze entlang der Curzon-Linie im Jahr 1951. Sämtliche Uk-
rainer in dem betroffenen Gebiet wurden sofort in die Ukrainische SSR ab-
geschoben oder innerhalb Polens deportiert.
Dagegen fehlte der Tschechoslowakei ab dem Sommer 1945 die sowje-
tische Unterstützung für den »Abschub« der gesamten ungarischen Minder-
heit. Dies ist insofern bemerkenswert, als Ungarn der treueste Verbündete
NS-Deutschlands im Zweiten Weltkrieg war und bei seinen Nachbarstaaten
einen ähnlich schlechten Ruf genoss. Aber Ungarn hatte weder das Münch-
ner Abkommen angezettelt, noch den Zweiten Weltkrieg begonnen oder Ver-
nichtungslager für Juden errichtet. Der Vorwurf der Kollektivschuld wog da-
her weniger schwer als im Fall der Deutschen, eine vergleichbare Bestrafung
durch einen totalen »Transfer« war dementsprechend nicht durchsetzbar.
Allerdings bezahlte die ungarische Minderheit ihren begrenzten Bestands-
schutz in der Slowakei mit der Selbstverleugnung ihrer Nationalität, dem
Verlust ihrer Elite und einer sozialen Deklassierung.
Es gehört zu den Eigenschaften der gesamten deutschen Vertriebenen­
literatur, aber auch der meisten englischsprachigen Fachbücher, dass die Dar-
stellung mit der vollzogenen ethnischen Säuberung abbricht. Meist geht es
außerdem nur um eine nationale »Opfergruppe«, obwohl sich die Utopie na-
tionaler Homogenität in der Regel gegen sämtliche Minderheiten eines Staa-
tes richtete. Ein weiterer Nachteil dieser zeitlichen und perspektivischen
Verkürzung ist, dass damit eine zweite Komponente zur Herstellung eth-
nischer Homogenität außer Blick gerät, die Ansiedlung von Mitgliedern der
Titularnation. Wie in früheren Fällen ethnischer Säuberungen war die Ver-
treibung und Zwangsaussiedlung von Minderheiten in der Tschechoslowa-
kei und Polen mit einer durchgreifenden Nationalisierung der »gesäuberten«
Gebiete verbunden. Schon zum Kriegsende wurde eine möglichst große Zahl
von Tschechen und Polen in die Grenzgebiete bzw. die ehemaligen deutschen
Ostgebiete gelenkt. Dabei ging es erst einmal darum, dass überhaupt genü-
gend Verwaltungspersonal für die Durchführung der Vertreibungen vorhan-
den war, mittelfristig um die Tschechisierung bzw. Polonisierung der betrof-
fenen Regionen.
Wie schon bei der Aussiedlung war die Tschechoslowakei mit der Ansied-
lung weit schneller am Werke als Polen. Das hatte geographische Gründe,
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 193

die deutlich geringeren Entfernungen, außerdem war die Infrastruktur kaum


zerstört. Auf dem Fuße der Armee, der Revolutionsgarden und der ersten
regulären Verwaltungsequipen folgten zahlreiche Abenteurer und krimi-
nelle Elemente, die sich aber meist nur bereichern wollten und zugleich die
schlimmsten Gewalttaten an der deutschen Zivilbevölkerung verübten. Ih-
nen folgten die Flüchtlinge von 1938 und bis zum Sommer 1946 etwa 1,5 Mil-
lionen Tschechen, die den Versprechungen nach einer Zuteilung von Agrar-
land, Häusern, Wohnungen und sozialem Aufstieg folgten. 233 Die Ansiedler
sollten im ehemaligen Sudetenland außerdem einen »slawischen Schutzwall«
bilden. Um die demographischen Verluste durch die Zwangsaussiedlung zu
kompensieren, startete die Tschechoslowakei ein aufwändiges Programm
zur »Repatriierung« der tschechischen und slowakischen Diaspora in der So-
wjetunion, Polen, Österreich, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Frankreich,
Belgien, Deutschland und sogar aus Übersee. Insgesamt wanderten zwar nur
etwa 200.000 Menschen zu, weit weniger als erhofft, 234 aber der geographi-
sche Radius der Rückholung war für ein vergleichsweise kleines Land be-
achtlich. Die Erwartungen der Ansiedler erfüllten sich nur bedingt, denn der
Lebensstandard in den Grenzgebieten blieb wegen der Zwangsaussiedlung
der Deutschen und der damit verbundenen Produktionsausfälle niedriger als
im Landesinneren Böhmens und Mähren. Die Bevölkerung in den Grenzge-
bieten erreichte daher nie mehr den Stand der Vorkriegszeit. Zwei Jahre nach
Kriegsende lebten dort 2,4 Millionen Menschen, fast ein Drittel weniger als
vor 1938. Dies wirkte sich vor allem auf dem Land aus, wo zahlreiche Dör-
fer aufgegeben wurden.
Während die Wiederbesiedlung 1945 und 1946 überwiegend freiwillig ver-
lief – ganz im Gegensatz zum »Transfer« – kehrten sich die Verhältnisse ab
1947 um. Nur ein kleiner Teil der Neusiedler kam auf eigene Faust, viele wa-
ren politisch verfolgte Tschechen oder aus der Slowakei verschleppte Un-
garn oder Roma, die im ehemaligen Sudetenland assimiliert werden sollten.
Die Degradierung von Teilen des Grenzlandes zu einer Art tschechoslowa-
kischem Sibirien beschädigte das Image der gesamten Region. Die Kollekti-
vierung und die Verstaatlichung von Immobilienbesitz, der faktisch einen er-
neuten Diebstahl des eben erst zugeteilten deutschen Eigentums darstellte,
reduzierten die 1945/46 gegebenen Möglichkeiten eines sozialen Aufstiegs.
Schon ab 1947 setzte daher eine Rückwanderung aus den Grenzgebieten ins
Landesinnere ein. Der Stand der Bevölkerung hielt sich nur aufgrund der ho-

233 Vgl. zur tschechischen Bevölkerungspolitik Andreas Wiedemann, »Komm mit uns
das Grenzland aufbauen!« Ansiedlung und neue Strukturen in den ehemaligen Sudeten­
gebieten, Essen 2007 (vgl. dort zur Schutzwall-Formulierung und Einzelbeispielen von
Kriminellen S. 41 und 99 f.).
234 Vgl. die Zahlen in Wiedemann, Ansiedlung, S. 258.
194 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

hen Geburtenraten der Nachkriegszeit, aber vor allem entlegene Gebirgs­


regionen wurden oft komplett verlassen. Die ethnischen Säuberungen in der
Tschechoslowakei erwiesen sich also wie in früheren Fällen als ein destruk-
tiver Prozess, und zwar nicht nur für jene Gruppen, die ihre Heimat verlas-
sen mussten.
In Polen verlief die Besiedlung der »wiedergewonnenen Gebiete« 1945
und 1946 weitaus chaotischer, was an den umfangreichen Kriegszerstörun-
gen, dem langsamen und konflikthaften Aufbau der polnischen Verwaltung
und an der Heterogenität der Ankömmlinge lag. Die größte Gruppe wa-
ren »Umsiedler« aus Zentralpolen, die mit Versprechungen über ein Land, in
dem Milch und Honig fließen, angelockt wurden. 235 Tatsächlich fanden sie
oft nur ausgebrannte Bauernhöfe und Ruinen statt intakter Städte vor. Ähn-
lich wie in Böhmen hatten viele Zuwanderer nicht vor, längere Zeit zu blei-
ben, sondern wollten nach verwertbaren Gegenständen suchen, so ihre eige-
nen Kriegsverluste ausgleichen und Geld auf dem Schwarzmarkt machen.
Lokale Studien wie das Buch von Gregor Thum haben gezeigt, dass jenseits
dieser »Plünderer« (Szabrownicy) nur knapp die Hälfte der Polen, die zwi-
schen 1945 und 1949 nach Breslau kamen, sich auf Dauer in der Stadt nieder-
ließen. 236 Nicht nur für die verbliebenen Deutschen, auch für Polen war der
»wilde Westen« ein rechtsfreier Raum, dessen Zukunft bis zum Potsdamer
Abkommen nicht geklärt war. Die häufigen Übergriffe von Soldaten der Ro-
ten Armee trugen zur allgemeinen Unsicherheit bei.
Nach den Umsiedlern aus Zentralpolen stellten Ostpolen die zweitgrößte
Gruppe, wobei sie keine Möglichkeit hatten, in ihre alte Heimat zurückzu-
kehren. Die drittgrößte Bevölkerungsgruppe waren die so genannten Auto-
chthonen, die aber als Deutsche angesehen und diskriminiert wurden. Fer-
ner versuchte die Regierung, polnischstämmige Bergleute aus Frankreich,
Belgien und dem Ruhrgebiet von der Remigration zu überzeugen. Die Wie-
derbesiedlung der ehemals deutschen Ostgebiete war damit ein in räum­licher
und organisatorischer Hinsicht nicht weniger aufwändiger Prozess als die
Zwangsaussiedlung der Deutschen. Doch erst ab dem Sommer 1946 stellten
die zugewanderten Polen eine Bevölkerungsmehrheit. Ihre offizielle Mission
lag darin, die »wiedergewonnenen Gebiete« und die dort noch geduldeten
Bewohner, die so genannten Autochthonen zu polonisieren. Dabei erwiesen
sich die tiefen Konflikte innerhalb der polnischen Nachkriegsgesellschaft als
großes Hindernis. Die Zentral- und die Ostpolen solidarisierten sich meis-
tens entsprechend ihrer Herkunft und lieferten sich verbissene, oft gewalt-
sam ausgetragene Auseinandersetzung um die besten Bauernhöfe, Wohnun-
gen und beruflichen Positionen.

235 Vgl. Ther, Deutsche und Polnische Vertriebene, S. 123–126.


236 Vgl. Gregor Thum, Die fremde Stadt. Breslau 1945, München 2003, S. 142.
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 195

Um die inneren Konflikte in den Hintergrund zu drängen, trommelte die


offizielle Propaganda umso lauter für die »Re-Polonisierung« der ehemaligen
deutschen Ostgebiete. Grundlage dieses Begriffs war das historische Kon-
strukt, wonach es sich bei den Gebieten östlich der Oder und Neiße um ur-
polnische Lande handelte. Doch die Präsenz so vieler Deutscher, die alten
Straßenschilder, Wandreklamen und Friedhöfe standen im offensicht­lichen
Gegensatz zum Konzept eines »piastischen« Polens, benannt nach dem
Fürstengeschlecht, das bis zum späten 17. Jahrhundert über Teile Schlesien
herrschte. So schnell konnte man gar nicht deutsche Aufschriften überma-
len, Denkmäler abreißen, Bücher einsammeln und sogar Bierdeckel vernich-
ten, um das Gefühl der Fremdheit unter den Ankömmlingen zu verdrängen.
Außerdem waren viele Zuwanderer aufgrund ihrer historischen Erfahrungen
verunsichert. Sie hatten die Teilung Polens von 1939 und 1945, zum Teil so-
gar noch den polnisch-sowjetischen Krieg und den Zustand der Staatenlosig-
keit bis 1918 miterlebt. Im Laufe der Nachkriegszeit kursierten immer wie-
der Gerüchte über einen Dritten Weltkrieg zwischen den Westmächten und
der Sowjetunion, auf den manche »Repatrianten« sogar insgeheim hofften,
um in ihre alte Heimat zurückkehren zu können. Viele glaubten nicht, dass
die ehemaligen deutschen Ostgebiete dauerhaft bei Polen bleiben würden,
man saß auf gepackten Koffern. Soziologen und Sozialpsychologen sprachen
von einem »Symptom der Vorläufigkeit«, 237 das erst in der Ära der Entspan-
nungspolitik und im Wechsel der Generationen in den 1970er Jahren spür-
bar nachließ.
Die Fragmentierung und die geringe Verwurzelung der Nachkriegsgesell-
schaft in den ethnisch gesäuberten Gebieten machten diese zu einem Expe-
rimentierfeld für den Aufbau der kommunistischen Diktatur, die Kollekti-
vierung, die Verstaatlichung des Kleingewerbes und des Handels. Dies war
nicht zuletzt deshalb möglich, weil die Ansiedler meist über keine Eigentums-
titel für das übertragene Land, Gewerbebetriebe und die von ihnen bewohn-
ten Wohnungen und Häuser verfügten. Die »Entdeutschung« erleichterte die
Etablierung der Diktatur auch auf politischer Ebene. Wie sich an den Wahl-
ergebnissen in der Tschechoslowakei von 1946 und am Plebiszit in Polen von
1947 ablesen lässt, gewannen die Kommunisten in den ethnisch gesäuber-
ten Gebieten mehr Zustimmung als in anderen Landesteilen. Vergleiche zwi-
schen der Häufigkeit von Streiks belegen eine geringere Widerstandskraft der
Siedlergesellschaften. 238
In den Heimatregionen der Autochthonen entstand bereits 1945 eine na-
tionalistische Gesinnungsdiktatur, in der polnische Ansiedler bis in die Pri-

237 Vgl. Ther, Deutsche und polnische Vertriebene, S. 272–275.


238 Vgl. dazu die Vergleiche zwischen Breslau und altpolnischen Industriestädten in
Padraic Kenney, Rebuilding Poland. Workers and Communists, 1945–1950, Ithaca 1997.
196 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

vatsphäre schnüffelten, ob noch deutsch gesprochen oder ein deutsches Buch


gelesen wurde. Das gewaltsame Streben nach ethnischer Homogenität war
somit eine Voraussetzung für die Etablierung einer kommunistischen Dik-
tatur. Doch letztlich erwies sich die Utopie eines monolithischen Polens
und einer rein slawischen Tschechoslowakei als brüchiger Kitt für die Nach-
kriegsgesellschaften. Kaum waren in Polen die verhassten Kriegsgegner be-
seitigt, entstanden neue Minderheitenprobleme mit der Mischbevölkerung in
Schlesien, Masuren und anderen Regionen. Angesichts der Pluralität moder-
ner Gesellschaften kann es kaum überraschen, dass sich kulturelle Diversität
nicht vollständig beseitigen ließ. In der Tschechoslowakei betraf die »Entmi-
schung« der Bevölkerung nicht nur Deutsche und Ungarn, sondern die bei-
den Staatsnationen selbst. Nur wenige der 1939 aus der Slowakei vertriebenen
und zwangsausgesiedelten Tschechen kehrten in den Osten des Landes zu-
rück. Hinzu kam eine neue soziale Kluft. Entgegen dem Gleichheitsverspre-
chen der Kommunisten profitierten die noch verbliebenen Minderheiten weit
weniger vom wirtschaftlichen Aufschwung der 1950er und 60er Jahre als die
jeweiligen Titularnationen und blieben sozial deklassiert.
Die soziale Kluft und mangelnde Aufstiegschancen gehörten zu den wich-
tigsten Gründen dafür, warum sich in Ostmitteleuropa so zahlreich Ange-
hörige deutscher oder anderer Minderheiten im Lauf der Nachkriegszeit für
die Spätaussiedlung registrieren ließen. In der Bundesrepublik wurde dies als
Beweis für den fortgesetzten »Vertreibungsdruck« in den kommunistischen
Ländern gewertet. Das im Kalten Krieg übliche Fingerzeigen auf die Kom-
munisten und auf Stalin verdeckt jedoch, wie ambivalent sich die Sowjet-
union zu ethnischen Säuberungen verhielt. Dies lässt sich erkennen, wenn
man sich der südlichen Hälfte Ostmitteleuropas zuwendet.

Weitere Fälle im sowjetischen Machtbereich

Wie bereits dargestellt, wurde der Donauraum in besonderem Maße von der
ethno-territorialen Neuordnung Europas unter nationalsozialistischer Vor-
herrschaft verwüstet. Als die Rote Armee im Sommer 1944 die Donaumün-
dung und die Karpathen überschritt, versprach sie Frieden anstatt natio-
nalistisch motivierter Gewalt. Das Experimentierfeld dafür war zunächst
Nordsiebenbürgen, das nach dem Zweiten Wiener Schiedsspruch an Ungarn
gefallen war. Trotz der Zwangsaussiedlung von offiziell 219.000 Rumänen
und der von Adolf Eichmann organisierten Deportation der Juden handelte
es sich immer noch um eine ethnisch gemischte Region. Aber die dort ansäs-
sigen Ungarn fürchteten zum einen die Rote Armee, zum anderen die Re-
vanche Rumäniens, das die Seiten im Krieg rechtzeitig gewechselt hatte und
nun ebenfalls zu den Siegern gehörte. Auf dem Fuße der rumänischen Armee
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 197

zogen die nach dem Führer der Bauernpartei benannten Juliu Maniu-Gar-
den und andere paramilitärischen Einheiten in das umstrittene Gebiet ein.
Es handelte sich somit um einen Kontext, der wie geschaffen für eine durch-
greifende ethnische Säuberung erschien: Ein jahrzehntelang schwelender ter-
ritorialer Konflikt, bereits in Gang gekommene Bevölkerungsverschiebun-
gen, eine noch nicht endgültig geklärte Grenzziehung und durch vorherige
Gewalt belastete lokale Beziehungen. Etwa 400.000 Ungarn, also keineswegs
nur die Funktionäre des Horthy-Regimes, entzogen sich der erwarteten Ra-
che, indem sie mit der ungarischen Armee in das Kerngebiet des Landes flo-
hen. 239 Etwa 200.000 Rumäniendeutsche suchten aus Angst vor Vergeltung
ebenfalls das Weite.
Doch die Gewalt blieb weit unter dem befürchteten Niveau – im Gegen-
teil, die Rote Armee entwaffnete die paramilitärischen Einheiten oder zwang
sie zum Rückzug aus der Region. 240 Der unmittelbare Anlass dazu waren
Exekutionen und Ausschreitungen gegen die ungarische Zivilbevölkerung.
Hinter der sowjetischen Politik stand kein Respekt vor individuellen Men-
schenrechten, sondern ein zweifaches Machtkalkül. Zum einen bedrohte ein
möglicher ungarisch-rumänischer Bürgerkrieg den Nachschub an die Front
und die Versorgung der Besatzungstruppen weiter im Westen, zum anderen
war Siebenbürgen ein Faustpfand, um eine Beteiligung der notorisch schwa-
chen Kommunisten an der rumänischen Regierung und deren Wohlverhalten
gegenüber Moskau zu erzwingen. Daher unterstellte Stalin die umstrittene
Region nicht sofort Bukarest, was zur Revision des Wiener Schiedsspruchs
nahegelegen hätte. Außerdem blockierte die Rote Armee die Vorkriegs-
grenze nach Ungarn, so dass die Flüchtlinge festsaßen. Im Laufe des Jah-
res 1945 kehrten etwa drei Viertel der siebenbürgischen Ungarn in ihre alte
Heimat zurück, ebenso die nach dem Zweiten Wiener Schiedsspruch »aus-
getauschte« Bevölkerung. Von der Rückkehr ausgeschlossen waren ledig-
lich Funktionäre des Horty-Regimes und ehemalige Soldaten der ungari-
schen Armee.
Siebenbürgen liefert somit eines der wenigen Beispiele in der europäischen
Geschichte, bei dem eine bereits begonnene ethnische Säuberung unterbro-
chen und teilweise rückgängig gemacht wurde. Grundlage der sowjetischen
Politik war die Ansicht Stalins, dass es sich bei Rumänien um einen »multi­
nationalen Staat« handle. 241 Da er außerdem die rumänischen Kommunis-

239 Vgl. Ahonen u. a., People on the move, S. 71.


240 Vgl. dazu und zu den Migrationsbewegungen Şandru, Mişcări de populaţie,
S. ­195–199.
241 Vgl. das entsprechende Zitat aus einem Gespräch Stalins mit dem Generalsekre-
tär der Rumänischen Kommunistischen Partei Gheorghe Gheorghiu-Dej in Vostočnaja
­Evropa v dokumentach rossijskich archivov 1944–1953 gg., Bd. 1, 1944–1948 gg., Moskau,
Novosibirsk 1997, S. 582.
198 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

ten für zu schwach hielt, um die Machtübernahme allein zu bewerkstelligen,


wurden Ungarn und Juden an der Führung der Partei beteiligt.
Inwieweit die Siebenbürger Sachsen in die Vision Rumäniens als Vielvöl-
kerstaat eingeschlossen waren, blieb zunächst offen. Etwa 70.000 Personen,
das entsprach einem Sechstel der deutschen Minderheit in Rumänien, wurden
Anfang 1945 zur Zwangsarbeit in den Donbass verschleppt. Das Motiv für die
Deportationen war einerseits eine Kollektivbestrafung, andererseits der Ar-
beitskräftebedarf für den Wiederaufbau des ostukrainischen Industriereviers.
Um die Personalquoten zu erfüllen, deportierte der NKVD nahezu wahllos
Männer und Frauen im arbeitsfähigen Alter. Aus dem gleichen Grund ver-
schleppten die sowjetischen Besatzer Anfang 1945 jeweils mindestens 30.000
oberschlesische Bergleute und Donauschwaben. 242 Unter den Deportierten
befanden sich ferner Ungarn und Angehörige anderer Nationa­litäten, die das
Pech hatten, in die Fänge der Sicherheitsorgane zu geraten. 243
Die Deportationen in den Donbass sind insofern ein Grenzfall ethni-
scher Säuberungen, weil sie nicht auf Dauer angelegt waren und die Her-
stellung ethnischer Homogenität in den Herkunftsregionen ein allenfalls se-
kundäres Ziel bildete. Einigen ostmitteleuropäischen Regierungen gelang es
bald, eine Repatriierung der Deportierten zu erreichen. Warschau zum Bei-
spiel überzeugte die Sowjetunion 1946 mit dem Argument, dass es sich bei
den oberschlesischen Bergleuten um ethnische Polen handle. Dagegen hatten
die Sieben­bürger Sachsen keine derartige Lobby und mussten häufig bis Ende
der 1940er Jahre Zwangsarbeit leisten. Für zahlreiche Lagerinsassen kam die
Entlassung zu spät, denn allein im ersten Jahr der Deportation verstarb etwa
ein Sechstel der Zwangsarbeiter, 244 meist an Mangelernährung, fortgesetz-
ten Misshandlungen und Seuchen. Die Todesraten lagen somit weit höher als
bei der Vertreibung und Zwangsaussiedlung aus Polen und der Tschechos­
lowakei. Die mörderischen Lebensbedingungen in den sowjetischen Gulags
sind hinreichend bekannt, aber im Falle der deutschen Zwangsarbeiter kam

242 Vgl. zu dieser Deportation Ewa Ochman, Population Displacement and Regio-
nal Reconstruction in Postwar Poland: The Case of Upper Silesia, in: Peter Gatrell, Nick
Baron (Hg.), Warlands. Population Resettlement and State Reconstruction in the Soviet-
East European Borderlands, 1945–1950, Basingstoke 2009, S. 210–228, hier S. 216 f. Die
von Ochman zitierten Schätzungen von 90.000 Personen schließen andere Kategorien von
Zwangsarbeitern ein.
243 Systematisch war die Deportation von Ungarn, die als Kriegsgegner ebenfalls be-
sonderen Repressionen ausgesetzt waren. Allerdings wurde die Deportation von Ungarn
relativ bald eingestellt. Vgl. dazu Ahonen u. a., People on the Move, S. 77.
244 Vgl. Pavel Poljan, »Das Staatskomitee für Verteidigung verfügt …«: Die Depor­
tationen deutscher Zivilpersonen aus Ost- und Südosteuropa und aus dem Hinterland
der Front 1944/45 in die Sowjetunion, in: Melville u. a., Zwangsmigrationen, S. 351–376,
hier S. 370. Die Statistik bezieht sich auf die Sterberaten von Deportierten verschiedener
Na­tionalität.
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 199

hinzu, dass sie ähnlich wie in Ostmitteleuropa noch ein wenig schlechter be-
handelt wurden als andere Nationalitäten. Die ethnisch selektiven Straflager
gehörten generell zu den brutalsten Erscheinungen, die das Gulag-System
hervorbrachte. Davon hat die aus Rumänien stammende Nobelpreisträge-
rin Herta Müller in ihrem Roman »Atemschaukel« ein erschütterndes Zeug-
nis abgelegt.
Ende der 1940er Jahre konnten die deportierten Siebenbürger Sachsen im-
merhin heimkehren. Die wechselvolle Geschichte der deutschen Minderheit
in Rumänien belegt, dass die ethnische Säuberung der Deutschen aus Ost-
mitteleuropa keineswegs unausweichlich war, auch nicht im sowjetischen
Machtbereich. Die Entscheidung zur Beseitigung oder Tolerierung von Min-
derheiten hing in erster Linie von den Einstellungen und Beschlüssen der
Großmächte und nachfolgend des jeweiligen Nationalstaates ab. Im Falle
Rumäniens spielten außerdem die historisch betrachtet vergleichsweise gu-
ten und gewaltfreien Beziehungen zwischen der rumänischen Mehrheit und
der deutschen Minderheit eine Rolle. Aber man sollte die lokalen Beziehun-
gen unter den Nationalitäten nicht überbewerten, denn sonst hätten ange-
sichts der langen Konfliktgeschichte die siebenbürgischen Ungarn nicht in
ihrer Heimat bleiben können.
Inwieweit die weitere Existenz als Minderheit ein Privileg im Vergleich zur
Zwangsaussiedlung darstellte, ist eine andere Frage. Bekanntlich versuch­ten
in der Nachkriegszeit immer mehr Siebenbürger Sachsen, nach Westdeutsch-
land auszuwandern. Dies lag an den miserablen Lebensbedingungen im kom-
munistischen Rumänien und fehlenden Aufstiegschancen. Entgegen den An-
sichten Stalins entwickelte sich Rumänien seit den 1950er Jahren nicht zu
einem Vielvölkerstaat, sondern zu einem nationalkommunistischen Regime.
Der langjährige Parteichef Gheorghiu-Dej entmachtete die ungarischen und
jüdischen Mitglieder der Parteiführung und beendete damit die Episode des
Internationalismus. Ab 1968 folgten Restriktionen gegen die Kultur- und
Bildungsinstitutionen der Minderheiten.
In Jugoslawien verlief die unmittelbare Nachkriegszeit in mancher Hin-
sicht ähnlich wie in Rumänien. Ein Teil der ungarischen Minderheit floh vor
der heranziehenden Roten Armee und Titos Volksbefreiungsarmee. Vor al-
lem die Funktionäre des Horthy-Regimes, die sich an der Verfolgung von
Serben beteiligt hatten, suchten das Weite. Wie erwartet kam es in der Vojvo-
dina zu Ausschreitungen, Hinrichtungen und Massakern, denen nach Schät-
zungen von Michael Portmann knapp 2.000 Ungarn zum Opfer fielen. 245
Es gab Forderungen innerhalb der Führung der Armee und der Partei, die

245 Vgl. Portmann, Die kommunistische Revolution, S. 268. Die von Tamaš Stark in
Ahonen u. a., People on the Move, S. 79, präsentierten Zahlen sind demnach mehrfach
überhöht.
200 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

gesamte ungarische Minderheit (laut einer Erhebung vom Dezember 1944


387.000 Personen) zur Vergeltung für den Besatzungsterror zu »säubern«.
Doch Ende 1944 stand nur noch die Bestrafung jener Minderheiten­
angehörigen auf der Tagesordnung, die sich tatsächlich an den Verbrechen
der »deutsch-ungarischen Okkupanten« beteiligt hatten. Der jugoslawische
Internationalismus schloss nun »saubere« (gemeint waren unbelastete) Un-
garn, Albaner und Italiener mit ein, lediglich Deutsche blieben exkludiert. 246
Es dauerte zwar noch, ehe sich diese Abkehr von einem rein slawischen Staat
in der lokalen Verwaltungspraxis durchsetzte, aber im Unterschied zur Tsche-
choslowakei oder zu Polen ließ der Druck auf Minderheiten ab dem Frühjahr
1945 nach. Die ethnische Säuberung von Ungarn in der Vojvodina beschränkte
sich daher auf die sozialen Eliten und die Ansiedler aus der Besatzungszeit.
Im Jahr 1946 kehrte das Thema des Bevölkerungstransfers jedoch noch
einmal auf die Tagesordnung zurück. Jugoslawien intervenierte beim Alliier-
ten Kontrollrat in Berlin, um nach Vorbild des Potsdamer Abkommens einen
Transfer der zu diesem Zeitpunkt noch etwa 110.000 deutschen Lagerhäft-
linge zu erreichen. Die Alliierten verwiesen jedoch auf die Belastung durch
die Flüchtlinge aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn und lehnten ab.
Sogar die verbündete Sowjetunion wollte sich auf keinen Transfer in die SBZ
(Sowjetische Besatzungszone) einlassen. Wie dargestellt, half dies den ver-
bliebenen Deutschen wenig, sondern verlängerte lediglich die Agonie in den
jugoslawischen Internierungslagern.
Die Sowjetunion lehnte aus Sorge vor weiteren Flüchtlingsmassen auch
einen einseitigen Transfer der ungarischen Minderheit aus der Vojvodina
ab. 247 Schließlich schlug Tito im Rahmen der Pariser Friedenskonferenz im
Juli 1946 einen Kompromiss vor: einen freiwilligen und zweiseitigen Bevöl-
kerungsaustausch von jeweils bis zu 40.000 Personen. Dies entsprach zum
einen dem internationalen Konsens, durch Bevölkerungstransfers Frieden zu
stiften, zum anderen dem pragmatischen Einwand der Siegermächte, keine
neue Flüchtlingskrise zu provozieren. Im September 1946 vereinbarten Ju-
goslawien und Ungarn ein entsprechendes bilaterales Abkommen, das im
Wesentlichen die bereits vollzogene Flucht vom Herbst 1944 und die Vertrei-
bung der Ansiedler bestätigte. Insgesamt zählten die ungarischen Behörden
1950 65.000 Bürger, die aus Jugoslawien stammten.
Welche verschlungenen Wege sich hinter diesen Zahlen verbergen, ver-
mag das Beispiel der etwa 13.000 Szekler unter den Flüchtlingen aus der Vo-
jvodina zu zeigen. Ursprünglich stammte diese Gruppe aus der Bukowina,
die 1940 zwischen der Sowjetunion und Rumänien geteilt wurde. Im Früh-
jahr 1941 schlossen Ungarn und Rumänien ein Abkommen zur Umsied-

246 Zitate nach Portmann, Die kommunistische Revolution, S. 275.


247 Ebd., S. 274.
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 201

lung dieser Minderheit. Der Grund war, dass Ungarn die Szekler in der Bu-
kowina als einen verlorenen Außenposten betrachtete, den man besser für
die Magya­risierung der annektierten Gebiete gebrauchen konnte. Die Regie-
rung siedelte die Szekler indes nicht in Nordsiebenbürgen, sondern auf dem
Land serbischer Ansiedler in der Vojvodina an, die ihrerseits nach 1918 zur
Nationalisierung dieser multiethnischen Region angeworben worden wa-
ren. Die Odyssee der Szekler endete 1945 mit der Flucht oder Vertreibung
auf das Nachkriegsgebiet Ungarns, wobei die Regierung sie in jene Land-
kreise schickte, die von besonders vielen Donauschwaben bewohnt waren,
die nun ihr Hab und Gut zurücklassen mussten. Dieses Fallbeispiel bestätigt,
dass man bei ethnischen Säuberungen nicht eindeutig zwischen Tätern und
Opfern unterscheiden kann. Die bukowinischen Szekler waren einerseits das
Objekt einer Bevölkerungspolitik, die sie kaum beeinflussen konnten. Ande-
rerseits war ihre vorübergehende und endgültige Ansiedlung mit der Vertrei-
bung erst von Serben, dann von Deutschen verknüpft.
Die Nachkriegsgeschichte Rumäniens und Jugoslawiens ist über den Fall
der Szekler hinaus aufschlussreich. Erneut zeigt sich das besondere Schick-
sal der Deutschen im Vergleich zu anderen Nationalitäten, die zwar eben-
falls Schuld am Krieg und an Besatzungsverbrechen auf sich geladen hatten,
aber bei Weitem nicht in diesem Ausmaß. Die Deutschen waren in der Nach-
kriegszeit als einzige Nationalität praktisch vogelfrei. Mit Blick auf die To-
desraten erscheint die dauerhafte Vertreibung oder Zwangsaussiedlung aber
als geringere Kollektivbestrafung als die zeitlich begrenzte Deportation in
sowjetische Gulags. Zweitens belegt der Fall des Donauraums den Einfluss
des jeweiligen Staatskonzepts auf den Ablauf ethnischer Säuberungen. In
den Ländern, die sich nicht als homogene Nationalstaaten verstanden, kam
es 1944 zwar ebenfalls zu gewaltsamen Racheaktionen, aber größer angelegte
ethnische Säuberungen blieben weitgehend aus. Dies widerlegt zugleich die
von Benjamin Lieberman vertretene These von der Popularität ethnischer
Säuberungen. Es kam vor allem auf die Steuerung von oben an, weniger auf
den zweifelsohne vorhandenen Hass von unten. Dies heißt nicht, dass in Ru-
mänien oder Jugoslawien 1945 Menschenrechte mehr gegolten hätten als in
anderen Staaten der Region, aber die Gewalt besaß – wiederum mit Aus-
nahme der deutschen Minderheit – eine überwiegend politische, keine natio-
nalistische Stoßrichtung.
Schließlich deutet das Beispiel Rumäniens und Jugoslawiens auf eine Ge-
meinsamkeit im Vergleich zur Tschechoslowakei hin. Die noch bürgerlich
geprägte Regierung in Prag verhielt sich gegenüber ihrer ungarischen Min-
derheit weit intoleranter als das bereits eindeutig kommunistische Jugosla-
wien und das früher gleichgeschaltete Rumänien. Zudem war es vor allem
die Sowjetunion, die den Exodus der ungarischen Minderheiten aus die-
sen drei Ländern stoppte oder sogar rückgängig machte und damit eine wei-
202 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

tere Flüchtlingskrise mit deutschen Dimensionen verhinderte – trotz anfäng­


licher Sympathien mit einer rein slawischen Tschechoslowakei. Es herrschte
somit ein bemerkenswerter Kontrast zwischen den kommunistischen Re-
gimes und den noch liberal geprägten Volksdemokratien. Polen entzieht sich
jedoch diesem Muster, denn dort waren es die Kommunisten, die auf eine
möglichst vollständige nationale Homogenisierung des Landes durch ethni-
sche Säuberungen drängten.
Das begrenzte Ausmaß der ethnischen Säuberungen im Donauraum nach
1944 sollte keine Illusionen über die langfristigen Pläne der beteiligten Staa-
ten erzeugen. Ihr Ziel blieb nach wie vor die Homogenisierung der Gesell-
schaft. Dies gilt auch für Rumänien, das Anfang der 1950er Jahre auf die na-
tionalkommunistische Linie Polens, der Tschechoslowakei und Ungarns
einschwenkte. Sofern im Stalinismus Minderheitenrechte wie Grundschul-
unterricht in eigener Sprache zugelassen wurden, geschah dies in der Erwar-
tung, dass sich die Minderheiten im Laufe der Zeit doch anpassen und ihr Na-
tionalismus an Kraft verlieren würde. Außerdem kam mit den Kommunisten
eine neue Form der Stigmatisierung von Minderheiten auf, die nicht nur als
Fremdkörper in der Nation, sondern als ausbeuterische Grundbesitzer und
Kapitalisten diffamiert wurden. Obwohl dies nichts mehr mit der sozialen
Realität zu tun hatte – es gab nach 1948 keine magyarischen Großgrund­
besitzer oder jüdische Fabrikanten mehr – bedienten die Regimes damit alte
Stereotype, die eine erstaunliche Beständigkeit hatten.
Außerdem waren der Internationalismus und die Mär von der brüder­lichen
Freundschaft der sozialistischen Völker kein geeignetes Rezept, um alte
Konflikte aufzuarbeiten. Die inter-ethnische Gewalt während des Weltkrie-
ges und unmittelbar danach wurde übertüncht, nicht bewältigt. Aufgrund
ihrer schlechten Erfahrungen kehrte nur ein kleiner Teil der innerstaatlichen
Flüchtlinge wie die Tschechen aus der Slowakei oder die Serben aus dem Ko-
sovo in ihre alte Heimat zurück. Die offizielle Erinnerung in den kommu-
nistischen Ländern mit ihren aneinander gekoppelten Mythen des heroischen
Widerstands und des populären Antifaschismus ließ sich kaum mit den pri-
vaten Erinnerungen an vergangene Konflikte in Einklang bringen. Insbeson-
dere in jenen Regionen, die nur teilweise ethnisch gesäubert wurden, blieben
die Gesellschaften daher anhand der existierenden Konflikt­linien gespalten.
Meist reagierten die verbliebenen Minderheiten mit einer äußerlichen Anpas-
sung, schotteten sich aber von den Mehrheitsgesellschaften ab. Die Selbst-
isolation bedingte zugleich, dass die Angehörigen von Minderheiten relativ
wenig vom wirtschaftlichen Aufschwung der 1950er und 60er Jahre profitier-
ten. Dass sich der Teufelskreislauf von Unterdrückung, Revisionismus, Krieg
und ethnischen Säuberungen nicht wiederholte, ist vor allem der zwei Gene-
rationen andauernden Zementierung der ostmitteleuropäischen Grenzen un-
ter sowjetischer Vorherrschaft zu verdanken.
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 203

Die Rolle der Sowjetunion als Akteur ethnischer Säuberungen sollte auch
mit Blick auf die Periode von 1944 bis 1948 nicht zu einseitig gesehen wer-
den. Der Höhepunkt des »Soviet Ethnic Cleansing« war im Inneren des
Landes und auf internationalem Parkett im Sommer 1945 überschritten. Im
Anschluss daran herrschte eine pragmatische Linie. Sofern es strategische In-
teressen wie die Einbindung Ungarns in den Block kommunistischer Staa-
ten, pragmatische Erwägungen wie die Eindämmung der Flüchtlingskrise
in der SBZ oder die Sicherung der landwirtschaftlichen Produktion in den
westlichen Sowjetrepubliken erforderten, bremste die Sowjetunion Bevölke-
rungsverschiebungen oder machte sie sogar rückgängig. Umgekehrt beför-
derte der NKVD weitere ethnische Säuberungen, wenn es eigenen Interessen
entsprach, so zum Beispiel im Rahmen der Aktion Weichsel. Aber im Unter-
schied zum Nationalsozialismus waren ethnischen Säuberungen kein Selbst-
zweck oder politisches Ordnungsprinzip.
Dennoch waren massenhafte Zwangsmigrationen ein Teil der kommunis-
tischen Herrschaftspraxis. Die Art der Durchführung der Aktion Weichsel
und vergleichbarer Deportationen, angefangen von der totalen Erfassung bis
zur Verschickung in möglichst weit entfernte und unwirtliche Landesteile,
beruhte auf einem Transfer des sowjetischen Modells. Dies betrifft auch die
weitere Nachkriegsgeschichte der beteiligten Länder, denn die innerstaat­
lichen Säuberungen konnten nur Bestand haben, wenn ein totaler Überwa-
chungsstaat die Deportierten an der Rückkehr in die alte Heimat hinderte.
Die Deportation als Variante der ethnischen Säuberung kam daher nur in
der Sowjetunion und ihrem Machtbereich zur Anwendung, nicht in libera-
len Nationalstaaten.
Eine zweite, besondere Komponente des »Soviet Ethnic Cleansing« war
das relative Gewicht der Bestrafung, seien es ehemalige Kriegsgegner oder
vermeintliche Kollaborateure im eigenen Staat. Den liberalen Nationalstaa-
ten und den Nationalsozialisten ging es bei ethnischen Säuberungen weniger
um die Kollektivbestrafung für vergangene Untaten, sondern primär um zu-
kunftsgerichtete Ordnungsvorstellungen. Am radikalsten verliefen die eth-
nischen Säuberungen dort, wo sich die ursprünglich liberale Vorstellung
eines homogenen Nationalstaats mit einer kommunistischen Herrschaftspra-
xis verband, so etwa in Polen und der Tschechoslowakei.

An den Bruchzonen des Kalten Krieges

Ethnische Säuberungen treten besonders häufig in Kontexten auf, in denen


die staatliche Zugehörigkeit eines bestimmten Gebiets umstritten ist. In der
zweiten Hälfte der 1940er Jahre gab es in Teilen Europas eine zweite, mit
­inter-ethnischen und zwischenstaatlichen Auseinandersetzungen überein-
204 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

stimmende, zugleich jedoch übergeordnete Konfliktlinie – den zunehmen-


den Antagonismus zwischen Ost und West. Dabei ist von besonderem In-
teresse, dass letztlich beide Seiten an den ethnischen Säuberungen in den
Bruchzonen des Kalten Krieges beteiligt waren. Schließlich gilt es jenseits al-
ler geopolitischen Dimensionen die Agenda jener Bevölkerungsgruppen zu
beachten, die sich zum Ost-West-Konflikt, der staatlichen Zugehörigkeit ih-
rer Siedlungsgebiete und den inter-ethnischen Beziehungen vor Ort positio-
nieren mussten.
Zu den Bruchzonen des Kalten Krieges, deren staatliche und system­
spezifische Zugehörigkeit zunächst nicht geklärt war, gehörte die nordöst-
liche Adriaregion mit dem ehemaligen österreichischen Seehafen Triest als
wirtschaftlichem und kulturellem Zentrum. Dieser Teil Italiens wurde von
der jugoslawischen Volksbefreiungsarmee und nicht von englischen oder
amerikanischen Truppen befreit. Im Hinterland überwogen meist bäuer­
liche Slowenen oder Kroaten, in den Städten entlang der Küste Italiener. Die-
ses komplizierte soziale und ethnische Geflecht zerbrach während der ita-
lienischen Besatzung ab 1941. Entsprechend der faschistischen Ideologie des
»Mare Nostrum« annektierte Mussolini Küstenorte wie Split sowie das be-
reits nach dem Ersten Weltkrieg umstrittene Hinterland von Rijeka und
Zadar. Die Faschisten versuchten, ihre Herrschaft durch eine Italienisie-
rung der Bevölkerung abzusichern. Dazu diente zum einen das übliche na-
tionalstaatliche Repertoire einer assimilierenden Sprach- und Schulpolitik,
zum anderen die Vertreibung der Funktionsträger des jugoslawischen Staa-
tes und der Eliten einer künftigen slowenischen und kroatischen Minder-
heit. Gustavo Corni zufolge mussten etwa 50.000 bis 100.000 jugoslawische
Bürger die von Italien annektierten Gebiete verlassen. 248 Die italienische Be-
satzungspolitik im Landesinneren provozierte weiteren und bewaffneten
Widerstand.
Der Konflikt wurde durch den Seitenwechsel Italiens im Zweiten Welt-
krieg im September 1943 ein Stück weit entschärft. Nun waren die Deutschen
auch in diesem Teil Jugoslawiens die Besatzer und damit die primären Geg-
ner. Dies erklärt zumindest teilweise, warum die Rache an Italienern im Ver-
gleich zum Vorgehen gegen die deutsche und ungarische Zivilbevölkerung
in der Vojvodina vergleichsweise milde ausfiel. Die so genannte »Foibe«, die
gezielte Ermordung ehemaliger Funktionäre des Besatzungsregimes und
mit ihnen etlicher Unbeteiligter, beschränkte sich 1943/44 auf etwa 500 bis
700 Personen. 249 Diese Morde und das Heranrücken der Volksbefreiungs­
armee lösten 1944 eine erste Fluchtwelle aus. Ende April 1945 nahm die ju-
goslawische Volksbefreiungsarmee ganz Istrien und Triest ein. Auf lokaler

248 Ahonen u. a., People on the Move, S. 104.


249 Vgl. dazu Corni in Ahonen u. a., People on the Move, S. 105.
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 205

Ebene schien dennoch eine Koexistenz möglich, denn die örtlichen italieni-
schen Kommunisten stimmten Titos Forderung nach einer jugoslawischen
Oberherrschaft zu. Dagegen intervenierten die Westmächte in Moskau, so
dass die Gegend um Triest im Juni in zwei Besatzungszonen aufgeteilt
wurde, eine britisch besetzte Zone A mit Triest und seinem unmittelbaren
Hinterland, und eine jugoslawisch beherrschte Zone B, die ganz Istrien mit
Ausnahme der Enklave Pula umfasste.
Unmittelbar darauf begann in der Zone B eine zweite und größere Welle
der Gewalt. Ähnlich wie in anderen Regionen Jugoslawiens klagten die
neuen Machthaber die noch auffindbaren Funktionsträger des Faschismus
und Kollaborateure vor Kriegsverbrecherkommissionen an und verhäng-
ten Dutzende von Todesurteilen oder langjährige Haftstrafen in Arbeits­
lagern. Insgesamt etwa 5.000 Italiener, aber ebenso Kroaten und Slowenen,
ver­loren aufgrund staatlicher Repressionen oder bei spontanen Vergeltungs-
aktionen ihr Leben. 250 Dazu kam eine Schulpolitik, die das Italienische zu-
gunsten von Serbo-Kroatisch stark einschränkte. Die Enteignungen zur Eta-
blierung einer sozialistischen Wirtschaftsordnung trafen Italiener ebenfalls
stärker als ihre ärmeren kroatischen und slowenischen Mitbürger. Auf Kri-
tik und Widerstand reagierte das Tito-Regime, das Jugoslawien weit früher
in eine stalinistische Diktatur verwandelte als Ungarn oder die Tschechoslo-
wakei, mit drakonischen Repressalien. Italiener wurden 1946 kollektiv als
Reaktionäre, Volksfeinde oder Faschisten diffamiert, es kam zu öffentlichen
Hinrichtungen. Wie offen die Situation trotzdem blieb, lässt sich anhand des
Verhaltens von mehreren Hundert kommunistischen Arbeitern aus der In-
dustriestadt Monfalcone ermessen. Sie zogen im Frühjahr 1946 nach Rijeka
in die Wohnungen italienischer Flüchtlinge, um dort den Sozialismus aufzu-
bauen. Einen von der jugoslawischen Regierung genehmigten Plan zur gene-
rellen Vertreibung oder Zwangsaussiedlung der Italiener aus Istrien und Dal-
matien gab es demnach nicht.
Erst die Entscheidungen auf der Pariser Friedenskonferenz im Sommer
1946 und der italienisch-jugoslawische Friedensvertrag vom März 1947 setz-
ten einen unumkehrbaren Massenexodus in Gang. Aufgrund der politischen
Unterdrückung und der sozialen Deklassierung optierten 1947 über 90 Pro-
zent der italienischen Bevölkerung für die Staatsbürgerschaft ihres externen
Nationalstaats. Wie bei früheren, vergleichbaren Abkommen zog die Wahr-
nehmung des Optionsrechts automatisch den Verlust der Heimat nach sich.
Innerhalb von zwei Jahren wanderten etwa 200.000 Menschen ab. 1950 er-
reichte die italienische Regierung eine Erneuerung der eigentlich ausgelau-
fenen Option, worauf weitere 50.000 Italiener Istrien und die Küstenorte an

250 Vgl. zu diesen Opferzahlen Marina Cattaruzza, Der »istrische Exodus«. Fragen der
Interpretation, in: Brandes u. a. (Hg.), Erzwungene Trennung, S. 295–322.
206 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

der Adria verließen. 251 Dies stand zwar im Widerspruch zur Idee Jugosla­
wiens als Vielvölkerstaat, aber die Belgrader Regierung war letztendlich froh,
die potenziellen Unruhestifter loszuwerden. Die auf dem Nachkriegsgebiet
Italiens ansässigen Slowenen und Kroaten verfügten ebenfalls über ein Op­
tionsrecht, das sie aber aus praktischen Gründen (Voraussetzung war die Re-
gistrierung bei einem jugoslawischen Konsulat) und wegen der politischen
Repressionen in Jugoslawien nur in wenigen Fällen wahrnahmen. Eine letzte
massenhafte Migrationswelle setzte 1953 ein, als die Briten und Amerikaner
die Verwaltung der Zone A um Triest an Italien übergaben, aber zugleich die
Exklave Pula räumten.
Das Fallbeispiel der italienisch-jugoslawischen Grenzregion ist nicht nur
wegen der hohen Anzahl von insgesamt 250.000 Betroffenen von Interesse,
sondern auch aufgrund der Dynamik der internationalen Diplomatie. Bereits
1942 hatte sich das britische Außenministerium dafür ausgesprochen, die ita-
lienisch-jugoslawische Grenze nach dem Krieg anhand ethnischer Kriterien
neu zu ziehen. Die Bevölkerung, die – so wörtlich – »auf der falschen Seite
der Grenze« lebte, 252 sollte in einem geregelten Transfer ausgetauscht werden.
Damit zeigt sich einmal mehr die Kontinuität zum Abkommen von Lausanne
und den diversen Verträgen über einen zweiseitigen Bevölkerungsaustausch
unter NS-Vorherrschaft. Der erste italienische Nachkriegspremier Alcide de
Gasperi sympathisierte mit einem »exchange of populations«, die britischen
Besatzungsbehörden brachten dies 1948 noch einmal ins Spiel. Die Abwan­
derung der italienischen Minderheit war demnach weniger ein Resultat der
zunehmenden Gewalt vor Ort, sondern politisch überdeterminiert. Die Frage
war letztendlich nur, wo genau die Grenze verlaufen und wie groß die entspre-
chende Zahl der Zwangsaussiedler sein würde. Es ging also erneut nicht um die
Bewahrung der jeweiligen Minderheiten, sondern um die territoriale Auftei-
lung einer ethnisch gemischten Region. Das politische Prinzip des Teilens und
Herrschens mit einer uneingeschränkten Souveränität der beiden konkurrie-
renden Staaten und Systeme schuf erst die Dynamik zur Migration, die man
aufgrund des Zwangs der Umstände als ethnische Säuberung einordnen sollte.
Im Nachhinein ist es schwierig zu bestimmen, inwieweit der Konflikt
zwischen zwei Nachbarstaaten oder der Systemkonflikt zwischen Ost und

251 Vgl. zum »Exodus« der Italiener aus Istrien und Dalmatien die methodisch und be-
grifflich interessanten Forschungen von Marina Cattaruzza (abgesehen von dem zitierten
Aufsatz ist das Buch L’Italia e il confine orientale 1866–2006, Bologna 2007, zu erwäh-
nen). Vgl. außerdem die kompakte Darstellung von Gustavo Corni in Ahonen u. a., People
on the Move, S. 103–109.
252 Vgl. das Dokument in Giampaolo Valdevit, Il problema del confine orientale in un
documento del Foreign Office, in: Bollettino dell’Istituto regionale per la storia del movi­
mento di liberazione nel Friuli-Venzia Giulia 7 (1979), S. 11–23, zit. nach Cattaruzza, Der
»Istrische Exodus«, S. 305.
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 207

West eine größere Rolle spielte. Für die zweite These lässt sich die jugosla-
wischen Staatsidee vorbringen, die nach anfänglichem Zögern nicht-slawi-
sche Nationalitäten (mit Ausnahme der Deutschen) einschloss, außerdem der
Vergleich mit der Vojvodina, wo die ethnischen Säuberungen (wiederum mit
Ausnahme der Deutschen) 1945 eingestellt wurden. Für einen Schwerpunkt
auf den Systemkonflikt spricht außerdem eine kontrafaktische Überlegung.
Hätten in Italien die Kommunisten ebenfalls die Macht ergriffen, wäre zwar
nicht die spontane Flucht von 1945, wohl aber der massenhafte Exodus ab
dem Sommer 1946 vermutlich ausgeblieben. Allerdings hätten die Italiener
dann ähnlich wie die Ungarn in der Vojvodina oder die Albaner im Kosovo
eine Existenz als politisch und gesellschaftlich marginalisierte Minderheit
führen müssen. Die Auswanderung in den externen Heimatstaat war unter
diesen Umständen die attraktivere Alternative. Außerdem hieß der italieni-
sche Staat die dem Kommunismus entflohenen Landsleute, deren Situation
der Christdemokrat de Gasperi 1945 mit einer vorweggenommenen Kalten-
Kriegs-Rhetorik sogar mit dem KZ Buchenwald verglich, willkommen. Die
Einsicht, dass die italienischen Ostgebiete endgültig verloren waren, spie-
gelte sich in den zeitgenössischen Begriffen. Die Regierung und die Betroffe-
nen sprachen von einem »Exodus«. Erst in den 1990er Jahren setzte sich der
Begriff »Foibe« durch, der anklagend an die Massaker im istrischen und dal-
matinischen Karst erinnert.
Wenn man die Faktoren des »Exodus« abwägt, war es aber nicht die gras-
sierende Gewalt unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern vor allem
die beidseitige Förderung der Emigration, die dazu führten, dass die ahisto-
rische Staats- und Systemgrenze von 1945 zu einer klaren ethnischen Grenze
wurde. Das lag in der Logik des zwar nicht mehr expansiven, aber dennoch
von einer Utopie der Homogenität getragenen nationalstaatlichen Denkens
der Nachkriegszeit. Außerdem war wie in anderen Fällen die gruppeninterne
Dynamik ein wichtiger Faktor. Sobald ein substantieller Teil der Minderheit
für Italien optierte und abwanderte, gab es die lokale istrische oder dalmati-
nische Heimat und ihr gewachsenes gesellschaftliches und kulturelles Leben
nicht mehr. Daher war der »Exodus« der nahezu gesamten italienischen Min-
derheit ab einem bestimmten Punkt unumkehrbar. Als sich die Konstellation
des Kalten Krieges stabilisiert hatte, kam es indes zu keiner weiteren mas-
senhaften Migration. Der Ost-West-Konflikt kann somit zunächst als Aus-
löser ethnischer Säuberungen betrachtet werden, zementierte dann aber die
ge­gebenen politischen und ethnischen Verhältnisse. Das gilt bis zum Beginn
der Spätaussiedlung ab 1956 auch für die deutsch-polnischen und deutsch-
tschechischen Beziehungen.
Die zweite Bruchzone des Kalten Krieges, in der es zu einer ursprünglich
politisch motivierten, dann aber immer stärker ethnisch geprägten Massen­
migration kam, war das nördliche Griechenland. Dort spielten ebenfalls inter-
208 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

nationale, nationalstaatliche und lokale Ebenen des Konflikts eine Rolle. Die
Alliierten hatten die Zugehörigkeit Griechenlands zum westlichen Machtbe-
reich eigentlich geklärt. Doch trotz der Vereinbarungen zwischen Churchill
und Stalin leisteten die kommunistischen Partisanen in Nordgriechenland
Widerstand gegen die Wiedererrichtung eines bürgerlichen Nationalstaats.
Die Kommunisten erhielten aus zwei Richtungen Zulauf, einerseits von
den nach wie vor sozial deklassierten Flüchtlingen aus Kleinasien, anderer-
seits von den Slawophonoi. Letztere waren unter der Diktatur von General
­Ioannis ­Metaxas (1936–1941) besonders drangsaliert worden. Zu den Maß-
nahmen gehörte ein Verbot der Minderheitensprache in der Öffentlichkeit,
eine Beschnüffelung bis in die Privatsphäre und willkürliche Eingriffe in Wei-
derechte – für die überwiegend bäuerliche Bevölkerung ein großes Problem.
Während der deutschen Besatzung erhöhten sich die sozialen Spannungen
weiter. Ähnlich wie das besetzte Polen oder die Ukraine wurde Griechen-
land derart ausgebeutet, dass die Bevölkerung unter Hunger litt und sich im
alltäglichen Überlebenskampf entlang ethnischer Trennlinien solidarisierte.
Unter der Decke der Besatzungsherrschaft entstand ein rechtsfreier Raum, in
dem verschiedene paramilitärische Einheiten, darunter Kollaborateure, grie-
chische Nationalisten und Kommunisten um die Macht konkurrierten.
Die Konflikte zwischen diesen Gruppierungen verschärften sich nach dem
deutschen Abzug nochmals. Die paramilitärischen Gruppierungen waren auf
die freiwillige oder abgepresste Unterstützung durch lokale Dorfbewohner
angewiesen und führten daher ihren Krieg auch gegen Zivilisten. Im Zuge
des Guerilla-Krieges wurde die Bevölkerung aus etlichen hundert makedo-
nischen Dörfern vertrieben. 253 Durch diese kleinräumige Flucht und Vertrei-
bung war die nordgriechische Gesellschaft bereits teilweise entwurzelt, als
1946 endgültig ein Bürgerkrieg ausbrach. Im ehemals bulgarisch besetzten
Teil Makedoniens und Thrakiens hatten die Konflikte zwischen regierungs-
treuen Einheiten und den Kommunisten von vornherein eine ethnische Fär-
bung. Die Flüchtlinge aus der bulgarischen Besatzungszone vertrieben so-
fort nach ihrer Rückkehr die bulgarischen Ansiedler und ihre vermeintlichen
oder tatsächlichen lokalen Unterstützer. Die griechische Armee setzte die
Vertreibungen fort, um die Partisanen auszuhungern. Die Slawophonoi stan-
den daher letztlich vor der Alternative, in die Städte zu fliehen und sich dort
möglichst unauffällig zu verhalten oder in die Berge zu ziehen und sich den
Partisanen anzuschließen. Die Regierungspropaganda setzte die Griechi-
sche KP mit dem bulgarischen Erzfeind gleich, wobei jenseits der Grenze in­
zwischen tatsächlich die Kommunisten herrschten. Griechische Zeitungen

253 Vgl. John Koliopoulos, Plundered Loyalties. Axis Occupation and Civil Strife in
Greek West Macedonia, 1941–1949, London 2000, S. 270.
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 209

erinnerten an die Besatzungszeit und warnten vor den Slawophonoi als einer
lokalen Variante der Sudetendeutschen. 254
Zwar kam es in Griechenland zu keiner totalen Vertreibung dieser Minder­
heit, aber gegen Ende des Bürgerkriegs flohen neben etwa 25.000 griechischen
Kommunisten 35.000 Slawophonoi nach Bulgarien, Jugoslawien oder wurden
dorthin vertrieben. 255 Man kann daher nicht von einer ausschließlich ethni-
schen Säuberung sprechen. Eindeutiger ist dies im Falle der gut 150.000 Tür-
ken, die 1950/51 aus Bulgarien in die Türkei emigrierten. Die Regierung in
Sofia hatte Angst vor der Bildung einer Irredenta, schielte auf die weit höhe-
ren Geburtenraten der türkischen Minderheit und nutzte den Kontext des
Korea-Krieges, durch Repressionen einen möglichst großen Anteil der Min-
derheit zur Flucht zu bewegen – eine Politik, die das nationalkommunistische
Regime Ende der 1980er Jahre unter anderen Vorzeichen wieder­holte. 256 Der
Zusammenhang dieser ethnischen Säuberungen mit dem Ost-West-Konflikt
bestätigt sich durch den Vergleich mit einer weiteren inter-ethnischen Kon-
stellation in Nordgriechenland. Während die Slawophonoi nahezu komplett
aus Griechenland verschwanden – entweder durch Migration oder durch As-
similation – blieb die türkische Minderheit in Westthrakien weitgehend un-
behelligt. Dies lag nicht zuletzt daran, dass die Westmächte beim Aufbau
Griechenlands und der Türkei als Bündnispartner daran interessiert waren,
Komplikationen durch lokale Konflikte zu vermeiden.
In einem ähnlichen Kontext wurde in der Nachkriegszeit der deutsch-
dänische Konflikt beigelegt. Die historische Ausgangslage in Nordschleswig
bzw. Sønderjylland (Südjütland) ähnelte 1945 jener in deutsch-polnischen
Konfliktgebieten wie Oberschlesien. Zur Vorgeschichte gehört der mehrfache
Wechsel der territorialen Zugehörigkeit, Irredentismus, kontraproduktive
Versuche der Zwangsassimilation sowie angespannte lokale Beziehungen
zwischen Mehrheit und Minderheit. 257 Der wichtigste Unterschied lag in der
Bedeutung des Konflikts – es ging um vergleichsweise kleine, für die beteilig-
ten Staaten strategisch und wirtschaftlich nicht überlebenswichtige Gebiete.
Außerdem war die deutsche Herrschaft während des Zweiten Weltkrieges in

254 Vgl. Koliopoulos, Plundered Loyalties, S. 284.


255 Vgl. Brandes u. a. (Hg.), Lexikon der Vertreibungen, S. 412–414.
256 Vgl. dazu den Beitrag von Ulf Brunnbauer, ebd. S. 662–667; Iskra Baeva, Eugenia
Kalinova, Bulgarian Turks during the Transition Period, in: Stefanos Katsikas (Hg.), Bul­
garia and Europe: Shifting Identities, London 2010, S. 63–78 und 218–221.
257 Vgl. Karl Christian Lammers, Konflikte und Konfliktlösungen in der dänisch-
deutschen Nationalitätenfrage seit 1840: Der Fall Schleswig, in: Ther, Sund­haussen (Hg.),
Nationalitätenkonflikte, S. 203–218. Siehe zum Vergleich mit Oberschlesien Wiesław
­Lesiuk, Dunsko-niemieckie doświadczenie w rozwiązywaniu pro­blemów etniczno-naro­
dowościo­wych na pograniczu z perspektiwy polskiej, Opole 1994.
210 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Dänemark weniger drückend, wenngleich das Verhalten der Besatzer auch


dort als Zivilisationsbruch empfunden wurde.
Ein ähnlich massives Problem wie in Ostmitteleuropa war hingegen die
Begeisterung der deutschen Minderheit für den Nationalsozialismus, den
man am hohen Organisationsgrad des Regimes ablesen konnte. Entgegen
den lokalen Forderungen nach einer kollektiven Ausweisung der deutschen
Minderheit entschied sich Dänemark für eine individuelle juristische Verfol-
gung. Das rechtsstaatliche Vorgehen führte jedoch dazu, dass sich ein Vier-
tel der männlichen Minderheitenbevölkerung wegen des Verhaltens während
der Besatzungszeit vor Gericht verantworten musste.
Diese Dimensionen belegen zugleich die potenziellen Probleme einer ju-
ristischen Aufarbeitung der Besatzungszeit in der Tschechoslowakei, selbst
wenn dieses Land seine rechtsstaatlichen Traditionen 1945 hätte wahren
können. 258 Wie hätte man mehrere Hunderttausend aktive Nationalsozialis-
ten vor Gericht stellen, ordentliche juristische Verfahren durchführen und
dann die tatsächlich Schuldigen einer Haftstrafe zuführen sollen? Dänemark
wählte den Weg einer individuellen Bestrafung, wenngleich um den Preis
einer weiteren Entfremdung der deutschen Minderheit, die wenig Einsicht in
ihre Schuld zeigte und sich ungerecht behandelt fühlte. Der Durchbruch in
der Minderheitenpolitik erfolgte im Vorfeld der Gründung der NATO, als
die Bundesrepublik und Dänemark für die dänische Minderheit in Schles-
wig und reziprok für die deutsche Minderheit in Südjütland umfangreiche
Rechte vereinbarten. Im Rahmen dieses Kontextes konnten die lokalen Vor-
behalte gegenüber der deutschen Minderheit im Laufe der Nachkriegszeit
abgebaut werden. Hätten Dänemark und die Bundesrepublik unterschied­
lichen Machtblöcken angehört, wäre dieser Konflikt wohl ebenfalls auf an-
dere Weise und zu Lasten der Minderheiten gelöst worden.
Ein weiteres, mit Schleswig vergleichbares Beispiel einer gewaltfreien Lö-
sung ist das Elsass. Obwohl die NS-Besatzung mit umfangreichen Vertrei-
bungen und Deportationen verbunden war, unterließ die französische Re-
gierung 1945 eine kollektive Vergeltungsaktion. Hierbei wirkten sich drei
Faktoren aus, die Flucht zahlreicher Kollaborateure, die durch die NS-Herr-
schaft bedingte Abwendung der Elsässer vom »Deutschtum« und von der
ebenfalls kompromittierten Autonomiebewegung, sowie ein Lerneffekt auf
französischer Seite. Paris war bemüht, die Fehler der Zeit nach dem Ers-
ten Weltkrieg zu vermeiden. Es kam daher weder zu einer Kategorisierung
der Bevölkerung wie zum Beispiel bei der Entnazifizierung in der ameri-
kanischen Zone, noch zu massenhaften Vertreibungen, die zwangsläufig

258 Vgl. zum Verfall des Tschechoslowakischen Rechtsstaats und dem Übergang zur
Kollektivbestrafung Benjamin Frommer, Retribution Against Nazi Collaborators in Post­
war Czechoslovakia, Cambridge 2005.
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 211

Elsässer Familien gespalten hätten. Die öffentliche Abrechnung mit der deut-
schen Besatzungsherrschaft beschränkte sich auf Gerichtsprozesse gegen
etwa 10.000 NS-Funktionäre und Kollaborateure. Die meisten Prozesse wa-
ren 1946 abgeschlossen, 1953 verkündete Charles de Gaulle eine generelle
Amnestie. Anschließend wurde bis Ende der 1960er Jahre wenig über die
NS-Zeit oder die fehlgeleitete Nationalitätenpolitik der Zwischenkriegszeit
diskutiert. Das kollektive Schweigen beruhte auf einem gesellschaftlichen
und politischen Konsens im Elsass, zwischen den regionalen Gesellschaf-
ten beiderseits des Rheins, in Frankreich, Deutschland und zwischen beiden
Staaten. Auffällig ist dabei, dass der in der Zwischenkriegszeit gegründete
»Hilfsbund der vertriebenen Elsass-Lothringer« im Gegensatz zum Bund
der Vertriebenen während der Nachkriegszeit kaum noch in der Öffentlich-
keit präsent war.
Im Wechsel der Generationen führte das Schweigen zu einem Ver­gessen,
das erst infolge der Studentenbewegung von 1968 aufgebrochen wurde. Eine
besondere Bedeutung hatte die in diesem Zusammenhang wiederbelebte,
nunmehr von links inspirierte regionale Bewegung im Elsass. Doch im Rah-
men der deutsch-französischen Aussöhnung und des europäischen Eini-
gungsprozesses stand die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg im Vorder-
grund – symbolisiert durch den Händedruck von Helmut Kohl und François
Mitterand in Verdun. Die Einigkeit über die entferntere Vergangenheit rückte
unbequemere Themen wie die Vertreibungen nach 1918 sowie unter NS-Be-
satzung in den Hintergrund. Das Beispiel des Elsass und der deutsch-fran-
zösischen Aussöhnung zeigt somit, dass ein konsensuales Vergessen ebenso
friedensstiftend wirken kann wie eine aktive Erinnerung, die angesichts des
internationalen Memory-Booms zu einem Mantra der Konflikt­bewältigung
geworden ist. Dieses Vergessen steht im Kontrast zur Konstellation des Ost-
West-Konflikts, in dessen Rahmen die Bundesrepublik die Erinnerung an
die »Vertreibung« aus dem Osten gezielt förderte.
Diese ideelle Bruchzone des Kalten Krieges, die Gegenüberstellung deut-
scher Opfer mit osteuropäischen und kommunistischen Tätern, zeichnete
sich bald nach dem Kriegsende ab. Die Westmächte distanzierten sich mit
humanitären Argumenten immer mehr von Vertreibungen und den Pots­
damer Beschlüssen. Ein Schlüsselmoment war die Stuttgarter Rede des ame-
rikanischen Außenministers James Byrnes vom September 1946, in der dieser
erklärte, dass die weite Westverschiebung Polens das Ausmaß der Flücht-
lingskrise wesentlich verschärft habe. In der westdeutschen Öffentlichkeit,
insbesondere unter Flüchtlingen, wurde der Auftritt des US-Außenministers
als Infragestellung der Oder-Neiße-Grenze und damit als »Rede der Hoff-
nung« empfunden, in Ostmitteleuropa dagegen als weiterer Verrat des Wes-
tens nach dem Münchner Abkommen und dem fehlenden Beistand im Sep-
tember 1939.
212 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Die rhetorische Konfrontation verschärfte sich nach der Gründung der


Bundesrepublik. Auf der einen Seite stand die Verurteilung der Vertreibung,
gekoppelt mit der im Kern revisionistischen Forderung nach dem »Heimat-
recht« bzw. der Rückkehr der Vertriebenen, auf der anderen Seite das Be-
harren auf dem Potsdamer Abkommen und der Behauptung, der »Transfer«
sei so abgelaufen wie dort festgelegt. Jenseits dieser gegenseitigen Attacken
gab es jedoch einen unausgesprochenen Konsens: Die weitere Homogenisie-
rung der Nachkriegsgesellschaften. Die Bundesrepublik, eingeschränkt auch
die DDR, betrachtete sich als Heimstatt aller Deutschen und unterstützte
die Aussiedlung der im Osten verbliebenen Minderheiten. Die Ankömm-
linge waren aus wirtschaftlichen Gründen willkommen, denn sie deckten
den wachsenden Arbeitskräftebedarf in beiden deutschen Staaten in den
1950er Jahren. Warschau sah die Auswanderung aus Masuren und Ober-
schlesien wiederum als eine Möglichkeit an, ein akutes innenpolitisches Pro-
blem zu entschärfen und den Aufbau eines »monolithischen« Polens voran-
zutreiben. Die Tschechoslowakei konnte auf die festgehaltenen Spezialisten
in der Industrie inzwischen verzichten. Die Homogenisierung der zentral-
und ostmitteleuropäischen Nationalstaaten schritt daher in der Nachkriegs-
zeit weiter voran. Das gilt bis zur Ankunft der Gastarbeiter ebenso für die
Bundesrepublik und für Österreich.
Unter der Utopie nationaler Homogenität litten indes besonders die Flücht-
linge, die trotz ihrer offiziellen Anerkennung als Vertriebene mit Ausdrücken
wie Rucksackdeutsche, Polacken oder Tschuschen belegt wurden. Der Zwei-
fel am Deutschtum der Ortsfremden lag in der Logik der NS-Ideologie und
trug wesentlich zur Verbitterung der Ankömmlinge bei. Die Flüchtlinge und
ihre politischen Interessensorganisationen, die Vertriebenenverbände, stell-
ten sich jedoch nicht gegen die Aufnahmegesellschaft, sondern projizier-
ten diese negativen Erfahrungen bzw. die zweifache Traumatisierung wäh-
rend des Heimatverlustes und danach auf die »Vertreiberstaaten« jenseits des
Eiser­nen Vorhangs.

Der Transfer des europäischen Modells (Indien, Palästina)

Wie bereits aus dem Titel hervorgeht, konzentriert sich das vorliegende Buch
auf Europa. Diese Beschränkung ist auf historische Argumente gestützt –
Europa war im 20. Jahrhundert im Vergleich zu anderen Teilen der Welt der
Schauplatz der meisten und umfangreichsten ethnischen Säuberungen – und
auf pragmatischen Überlegungen wie dem notwendigerweise begrenzten
Umfang eines Buches.
Dennoch wäre es falsch, den Kontinent isoliert zu betrachten. Die euro-
päische Nachkriegsordnung wurde von außereuropäischen Staaten wie den
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 213

USA mitgestaltet, Großbritannien kann man aufgrund der Existenz des­


Empires nicht auf einen europäischen Staat reduzieren, so dass es sinnlos
wäre, eine künstliche Trennlinie zwischen Europa und der nicht-europäi-
schen Welt aufzubauen. Es gibt leider keine systematische Untersuchung,
wie das Potsdamer Abkommen und die nachfolgenden Regelungen der Pa-
riser Friedenskonferenz außerhalb Europas oder an dessen Rändern wahr-
genommen wurden, aber in der existierenden Literatur finden sich Hinweise
auf eine aufmerksame und positive Rezeption. Griechische Zeitungen sahen
den »Transfer« 1946 als beispielhafte Lösung von Minderheitenproblemen an.
Im noch britisch beherrschten Indien war nicht nur Potsdam ein Begriff, son-
dern auch Triest. In Palästina waren die Empfehlungen der Peel-Kommission
von 1937 zwar nicht umgesetzt worden, aber es gab weiterhin einen lebhaften
Diskurs über Bevölkerungstransfers.
Unabhängig von der Frage, wie hoch man den Anteil der Sowjetunion am
Zustandekommen des Potsdamer Abkommen einschätzt, wurde dieser Ver-
trag von allen drei Großmächten beschlossen. Sogar die traditionell um den
Schutz von Minderheiten besorgten USA stimmten zu und legitimierten da-
mit Bevölkerungstransfers als Mittel der internationalen Politik. Dies gilt
auch für die Pariser Friedenskonferenz, auf der sich die Großmächte und
die beteiligten Staaten auf drei größere »Lösungen«, den ungarisch-slowaki-
schen, den ungarisch-jugoslawischen und den jugoslawisch-italienischen Be-
völkerungsaustausch verständigten. Allein die Tatsache, dass diese Abma-
chungen von 1946/47 in einer der großen Hauptstädte der westlichen Welt
verhandelt und mit dem Abschluss von Friedensverträgen verbunden wur-
den, verlieh ihnen eine weltweite Signalwirkung.
Schließlich basierte die vor allem von den USA geschaffene globale Ord-
nung auf einem nationalstaatlichen Denken. Der Name der »Vereinten Na-
tionen« zeugt davon, wobei man diese eigentlich als »Vereinigte National-
staaten« hätte bezeichnen müssen. Im Unterschied zum Völkerbund sah die
UN-Gründungscharta keine Anerkennung kollektiver Minderheitenrechte
vor. Deren Schutz sollte nur noch auf universellen und zugleich individuel-
len Menschenrechten beruhen. Dies schloss massenhafte und erzwungene
Bevölkerungsverschiebungen eigentlich aus. Doch dem stand das Potsdamer
Abkommen entgegen, das bezeichnenderweise fünf Wochen nach der Verab-
schiedung der UN-Charta beschlossen wurde, sowie die Pariser Friedens-
konferenz. Massenhafte Bevölkerungsverschiebungen waren daher ein Be-
standteil des »europäischen Modells« einer internationalen Ordnung. Wenn
hier im Weiteren von dessen »Transfer« die Rede ist, ist damit dem Ansatz
der Transfergeschichte folgend die Übertragung und lokale Adaption exter-
ner Modelle gemeint.
Konkret wird hier danach gefragt, welche Zusammenhänge zwischen der
Schaffung der europäischen Nachkriegsordnung und den ethnischen Säube-
214 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

rungen außerhalb Europas in der unmittelbaren Nachkriegszeit bestehen.


Dabei stehen zwei Fälle im Vordergrund, die Flucht und Vertreibung von
mindestens 12 Millionen Menschen infolge der Teilung Indiens von 1947 so-
wie von über 800.000 Menschen in Palästina 1948/49. In beiden Fällen wird
zunächst die Vorgeschichte des Konflikts behandelt, die in der existierenden
Literatur überwiegend internalistisch, also mit einem Schwerpunkt auf die
Konfliktregion selbst und kaum in einem globalhistorischen Kontext unter
Einbeziehung Europas dargestellt wird. Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf
der Frage, warum die Gewalt im Kontext der Dekolonisierung und der Na­
tionalstaatsbildung eskalierte. Auch wenn sich die ethnischen Säuberungen
zu einem Zeitpunkt ereigneten, als das britische Imperium bereits mit dem
Abzug seiner Truppen und der Übergabe der Macht begonnen hatte, stellt
sich drittens die Frage, inwieweit der Einfluss Londons und der Kolonial-
verwaltung und damit ein direkter Transfer des europäischen Modells eine
Rolle spielte.
Nimmt man die traditionelle Literatur über das British Empire zum Maß-
stab, dürfte man diese Frage gar nicht stellen. Roger Louis, einer der Doyens
der Forschung über das Empire, bezeichnet ausgerechnet in einem Text über
die Teilung Indiens und Palästinas die Übergabe der Macht an die kolonia-
len Völker als »Sternstunde der Briten«. 259 Auf der anderen Seite stehen Bü-
cher von Autoren wie von Stanley Wolpert oder Shahid Hamid, bei denen
bereits die Titel »Shameful Flight« und »Disastrous Twilight » die Briten für
das humanitäre Desaster der Dekolonisierung verantwortlich machen. 260 Ein
Blick auf einige unumstrittene Fakten kann dabei helfen, einleitend eine Posi-
tion zwischen diesen beiden Polen zu bestimmen. Die ethnischen Säuberun-
gen in Indien und Palästina beruhten im Gegensatz zur europäischen Nach-
kriegsordnung nicht auf vertraglichen Vereinbarungen. Allein darin liegt ein
gewichtiger Unterschied zu Europa. Dennoch belegen die zeitgenössischen
Diskurse zwischen den Kolonialherren und den politischen Eliten in Indien
und Palästina die Aneignung des Nationalstaatsgedankens, der Utopie eth-
nischer Homogenität und schließlich der Idee ein- oder zweiseitiger Bevölke-
rungstransfers. Im Folgenden wird dies zuerst am Beispiel Indiens und dann
Palästinas gezeigt.
Um einen knappen Überblick über den im Kern politischen und nicht etwa
primordial religiösen oder ethnischen Konflikt und seine Folgen in Indien zu

259 Diese Einschätzung wird in einem Zitat von Walter Lippmann versteckt, aber vom
Autor offensichtlich geteilt. Vgl. Wm. Roger Louis, Ends of British Imperialism. The
Scramble for Empire, Suez and Decolonization. Collected Essays, London 2006, S. 410. Im
Original heißt es »finest hour«.
260 Stanley Wolpert, Shameful Flight. The Last Years of the British Empire in India,
New York 2006; Shahid Hamid, Disastrous Twilight. A Personal Record of the Partition
of India, London 1986.
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 215

ermöglichen, werden erneut zwei Parameter der europäischen Moderne, die


Idee und Praxis des Nationalstaats sowie die Dynamik von Gewalt als Mittel
der Politik erklärend herangezogen. Damit lassen sich zugleich ansatzweise
lang-, mittel- und kurzfristige Faktoren unterscheiden. Der Zugang über die
Moderne erscheint schon allein deshalb als sinnvoll, weil Indien in politischer
Hinsicht eine der am weitesten entwickelten britischen Kolonien war. Das
belegt die frühe Dekolonisierung im Vergleich zum britischen Herrschafts-
bereich in Schwarzafrika oder zu den französischen Kolonien. Der Erfolg der
indischen Unabhängigkeitsbewegung basierte auf der Verbreitung eines anti-
imperialen Nationalismus, der Bildung einer säkularen politischen Elite und
einer erfolgreichen Mobilisierung der Massen.
Der Transfer europäischer Ideen lässt sich bereits an den führenden
Persön­lichkeiten der beiden größten indischen Parteien, dem 1885 gegründe-
ten Indian National Congress und der 1906 gebildeten Muslim League fest­
machen. Jawaharlal Nehru, der 1930 den Vorsitz der Kongresspartei über-
nahm, und Muhammad Ali Jinnah, der langjährige Präsident der Muslimliga,
hatten an britischen Schulen und Universitäten studiert. Dort machten sich
beide mit den Grundlagen moderner Demokratien und Nationalstaaten ver-
traut, erlebten den zeitgenössischen englischen Nationalismus mit und wur-
den zu Anhängern eines modernen Nationalstaats. Man kann Nehru und
Jinnah im weiteren Sinne als liberale Demokraten betrachten, die sich aber
bereits vor dem Zweiten Weltkrieg darüber zerstritten, wie die staatliche
Ordnung Indiens nach der Unabhängigkeit konkret aussehen sollte. Jinnah
forderte mehr Rechte für die über 90 Millionen indischen Muslime und eine
Autonomie der mehrheitlich muslimischen Provinzen. Dagegen bestand die
Kongresspartei auf der Einheit Indiens, lehnte eine Föderalisierung ab und
negierte die Existenz von Minderheiten als politisches Problem. Man könnte
auf der Basis der existierenden europäischen Modelle zusammenfassen, dass
Jinnah einen Nationalitätenstaat anstrebte, Nehru hingegen einen zentralis-
tischen Einheitsstaat.
Bis zur Zeit des Zweiten Weltkrieges hatten sich in Indien wesentliche Ele-
mente der Moderne durchgesetzt, neben dem anti-imperialen Nationalis-
mus ein Netz an Eisenbahnstrecken, eine wachsende Mittelschicht, Zeitun-
gen und andere Medien der Massenkommunikation sowie ein pluralistisches
Parteiensystem. Wie bei anderen Modernisierungsprozessen verlief die Ent-
wicklung der Gesellschaft ungleich. Religiöse und soziale Trennlinien über-
schnitten sich, in mehreren indischen Fürstentümern standen hinduistische
Herrscher einer muslimischen Bevölkerungsmehrheit gegenüber oder um-
gekehrt, zusätzlich gab es kleinere Minderheiten wie die Sikhs. Die briti-
sche Kolonialmacht profitierte von diesen sozialen und kulturellen Differen-
zen und der Konkurrenz verschiedener Gruppen, die sie nach Bedarf für ihre
Herrschaft zu kooptieren versuchte.
216 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Ein Element des Kolonialismus und zugleich der Moderne war die dicho-
tome Einteilung, Erfassung und Zählung dieser Gruppen. Obwohl Hindus
der höchsten und niedrigsten Kaste weniger vereinte als muslimische und
hinduistische Kaufleute oder Grundbesitzer beider Religionen, unterteilten
die Kolonialherren die Bevölkerung in Volkszählungen und anderen Statis-
tiken anhand religiöser Trennlinien. Diese Unterscheidung betraf auch den
Alltag. Zum Beispiel gab es auf den großen Bahnhöfen Indiens getrennte
Brunnen und sanitäre Anlagen für Muslime und Hindus. Die Politisierung
der Religion war also durch die britische Kolonialherrschaft vorgezeichnet.
Die Muslimliga war lange Zeit keine kompakte politische Partei, nahm
aber für sich in Anspruch, im Namen aller indischen Muslime zu agieren.
Jinnah definierte diese 1936 als eine Minderheit, die eine »separate Einheit
innerhalb des Staates« bilde und seines besonderen Schutzes bedürfte. 261 Er
reagierte damit auf die Übernahme der Regierung durch die Kongress­partei,
die bei den Wahlen von 1936 eine komfortable Mehrheit gewonnen hatte
und sich der Tradition des britischen Parlamentarismus folgend weigerte, die
Muslimliga an der Regierung zu beteiligen. Auch wenn Nehru seine Partei
als säkular und überkonfessionell definierte, war sie von Hindus dominiert.
Die Verteilung der politischen Macht folgte somit dem Muster der kolonialen
Unterteilung der Bevölkerung nach konfessionellen Kriterien.
Durch die Erweiterung des Wahlrechts auf etwa 30 Prozent der männ­
lichen Bevölkerung erhielt die Massenmobilisierung einen erheblichen Schub.
Das gilt auch für den Verlierer der Wahl und der Regierungsbildung, die
Muslimliga, die 1939 auf ihre politische Marginalisierung mit der Ausrufung
der »Muslim Nation« reagierte. Ein Jahr später folgte die »Pakistan Declara-
tion« von Lahore, einem der späteren Brennpunkte der inter-ethnischen Ge-
walt. Die Ausrufung einer eigenen Nation und eines geographisch noch nicht
genau umrissenen, aber alle mehrheitlich muslimischen Regionen umfassen-
den »Pakistan« (wörtlich »Land der Reinen«) stellte eine offene Herausforde-
rung für die Kongresspartei und ihr Konzept einer überkonfessionellen und
einheitlichen »Indian Nation« dar.
Die Zeit des Zweiten Weltkrieges nimmt in der Sekundärliteratur zur ge-
waltsamen Teilung Indiens meist eine zentrale Position ein. Der britische
Vizekönig unterbrach im September 1939 die Demokratisierung, um jede
Unruhe an der Heimatfront zu ersticken. In Reaktion auf die »Quit In-
dia Resolution« der Kongresspartei vom August 1942 wurden die Führer
der Partei verhaftet, unter Hausarrest gestellt oder interniert und erst nach
Kriegsende wieder freigelassen. Außerdem fingen die britischen Behörden
den Briefverkehr an die Muslimliga ab und unterbrachen auf diese Weise die

261 Vgl. Anita Inder Singh, The Origins of Partition of India 1936–1947, Oxford 1987,
S. 1 (neu publiziert in: Mushirul Hasan (Hg.), The Partition Omnibus, New Delhi 2002).
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 217

Verhandlungen zwischen den beiden großen Parteien. Aufgrund der Unter-


drückung fehlten ähnlich wie im Habsburgerreich während des Ersten Welt-
krieges die Verbindungen und Foren zur Konfliktvermittlung. Die von der
Kolonialmacht ursprünglich unterstützte Verabschiedung einer Verfassung
konnte unter diesen Umständen nur scheitern. 262 Die Schwächung der Legis-
lative war dem britischen Vizekönig aber immer noch lieber als eine vereinte
Front für die Unabhängigkeit. Gleichzeitig nahmen insbesondere im Punjab,
der Kornkammer Indiens, die sozialen Spannungen zu, da Getreide für die
Verbraucher in Großbritannien requiriert wurde. Noch schlimmer war das
Elend in Bengalen, wo 1943 eine Hungersnot zwei bis drei Millionen Men-
schen das Leben kostete – ein Mehrfaches der ethnischen Säuberungen von
1946/47.
Unterdessen spitzten sich die politischen Forderungen anderer Gruppie-
rungen zu. In Reaktion auf die Pakistan-Declaration forderten die Sikhs, die
lange Zeit treue Dienste in der kolonialen Armee geleistet hatten, einen Schutz
ihrer Minderheit, und radikale Sikh-Nationalisten die Gründung eines Staats
Namens »Sikhistan«. Ein eigener Nationalstaat war eigentlich ausgeschlos-
sen, weil die sechs Millionen Sikhs selbst in ihrem Hauptsiedlungs­gebiet
im Punjab nur gut 10 Prozent der Bevölkerung stellten. Aber sogar kleinere
Gruppen wie die muslimischen Meos in Rajasthan forderten eine eigene Pro-
vinz, um sich dann eines Tages selbständig zu machen oder Pakistan anzu-
schließen. 263 Diese Beispiele zeigen, wie sehr sich die ursprünglich gruppen-
bezogenen Nationalismen in Indien auf bestimmte Territorien und die Idee
separater Nationalstaaten zuspitzten. Ebenfalls im Jahr 1942 nahm Jinnah
für die indischen Muslime das »Recht auf Selbstbestimmung« in Anspruch.
Diese Diskurse hatten nicht zuletzt deshalb eine große Breitenwirkung, weil
die Führung der Kongresspartei durch die Internierungen gelähmt war und
mit ihrem Konzept eines vereinten Indiens nicht gegenhalten konnte.
Das Ende des Zweiten Weltkrieges brachte statt einer Beruhigung eine Ver-
schärfung der Situation. Die ersten Wahlen nach zehn Jahren führten 1946
zu einer erneuten Massenmobilisierung der Bevölkerung. Die anschließen-
den Verhandlungen über eine Regierungsbeteiligung der Muslimliga und eine
Verfassung endeten trotz der Vermittlungsversuche der Londoner »­Cabinett
Mission« ohne Kompromiss. Wer die Schuld am Scheitern der Verfassung
trug, ist in der Sekundärliteratur umstritten, aber die politische Blockade hatte
zwei gravierende Konsequenzen: Die britische Regierung verabschiedete sich
von der Idee eines geeinten Indiens, außerdem rief die Muslim League für

262 Vgl. Wolpert, Shameful Flight, S. 44–45 und 68.


263 Vgl. Ian Copland, The Further Shores of Partition: Ethnic Cleansing in Rajasthan
1947, in: Past and Present 160 (Aug. 1998), S. 203–239, hier S. 232. Diese Studie analysiert
zusätzlich lokale Konfliktdynamiken.
218 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

den 16. August zu einem Generalstreik und dem »Direct Action Day« auf. In
Kalkutta brachen schwere Unruhen aus, die etwa 4.000 Menschenleben kos-
teten und mehr als 100.000 Menschen zu Obdachlosen machten. Einige Wo-
chen später ereignete sich in der bengalischen Provinz Noakhali erneut ein
­Pogrom. Der gestiegene Organisationsgrad dieser Ausschreitungen lässt sich
unter anderem daran ablesen, dass die Gewalttäter Fluchtwege für ihre Opfer
abriegelten. Während in Bengalen überwiegend Hindus von der Gewalt be-
troffen waren, verhielt es sich im Oktober in der benachbarten Provinz Bihar
umgekehrt. Dort attackierten radikale Hindus die muslimische Minderheit,
die Schätzungen der Opferzahlen liegen zwischen fünf- und zehntausend. 264
Der sofortige Ausbruch von Gewalt nach dem Scheitern der Regierungs-
bildung und die räumliche Distanz zwischen den Massakern belegen, dass
diese nicht spontan oder infolge lange gewachsener inter-ethnischer Span-
nungen erfolgten, sondern gesteuert waren. Yasmin Khan spricht von »Pro-
paganda-Netzwerken«, 265 die den Hass in alle Landesteile streuten. Wie in
Siebenbürgen oder Ostpolen während des Zweiten Weltkrieges handelte es
sich bei den Massakern um tödliche »Revanchefouls«, die auf einer Mobili-
sierung von Gewalttätern durch nationale Opfernarrative beruhten. Gera-
dezu tragisch muten die Vermittlungsversuche von Mahatma Ghandi an, der
in die Konfliktzonen reiste, dort öffentlich fastete und unter Einsatz seines
Lebens beide Seiten zum Gewaltverzicht aufforderte. Ghandi konnte zwar
die Lage in Bengalen beruhigen, aber die Pogrome griffen auf den Punjab
über. Die inter-ethnische Gewalt hatte vor allem auf lokaler Ebene gravie-
rende Folgen. Die Bevölkerung in ursprünglich gemischt besiedelten Stadt-
teilen oder Dörfern schottete sich voneinander ab und rüstete paramilitäri-
sche Einheiten zur »Selbstverteidigung« auf. Etwa 100.000 Menschen, meist
Angehörige der Oberschichten, verließen in der ersten Hälfte des Jahres 1947
die Konfliktgebiete. 266 Die britische Armee schritt kaum gegen die Gewalt
ein wie von zahlreichen indischen Politikern gewünscht, sondern betrieb vor
allem ihren Rückzug.
Der neue Vizekönig Lord Louis Mountbatten, den die Labour-Regierung
im März 1947 nach Indien entsandt hatte, versuchte in dieser unübersicht-
lichen Lage die Flucht nach vorn. Sein Heilmittel lag in einer möglichst ra-
schen Teilung Indiens. Gandhi intervenierte gegen diese Pläne, insbesondere
aus Sorge um den gemischt besiedelten Punjab, wo Muslime gut die Hälfte,
Hindus ein Drittel und Sikhs 10 Prozent der Bevölkerung stellten. Er sah

264 Vgl. zum Direct Action Day, den anschließenden Unruhen und den Opferzahlen
Wolpert, Shameful Flight, S. 118–126.
265 Vgl. Yasmin Khan, The Great Partition. The Making of India and Pakistan, Lon-
don 2007, S. 138.
266 Ebd., S. 124.
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 219

keinen friedlichen Weg, wie man diese Region mit ihren 28 Millionen Ein-
wohnern – das entsprach in etwa dem Stand der Bevölkerung Polens – auftei-
len konnte. Aber ähnlich wie der vorhergehende Vizekönig blickte Mount-
batten auf den vermittelnden Gandhi als eine Art Fakir herab und hörte nicht
auf dessen Vorschlag, eine Einheitsregierung mit Jinnah als Ministerpräsi-
denten zu bilden. 267 Bereits vor der öffentlichen Verkündung der Teilungs-
pläne am 3. Juni 1947 brachen Unruhen im Punjab aus, wobei die Gewalt wie
beim Direct Action Day zunächst meist von Muslimen ausging und dann
nach dem Prinzip der doppelten Vergeltung von Hindus erwidert wurde. Ge-
mischt besiedelte Städte wie Lahore, Amritsar und Rawalpindi wurden ge-
brandschatzt und teilweise zerstört.
In einem merkwürdigen Kontrast zur grassierenden Gewalt standen die
Verhandlungen Mountbattens mit der Führung der Kongresspartei und der
Muslim League über die Teilung Indiens. Vor allem der Vizekönig bediente
sich dabei eines technischen Vokabulars und sah sich als »Chefarzt« der dem
»ganzen Körper eine Therapie verabreichen würde«. Nehru sprach von einer
»chirurgischen Heilung«, Jinnah von einer »chirurgischen Operation«. 268
Im Frühjahr 1947 ergänzten die politischen Eliten das medizinische mit
einem demographischen Vokabular. Die Führung der Sikhs forderte für den
Fall, dass ein unabhängiges Pakistan gegründet würde, umfassende Bevöl-
kerungstransfers. Der zentrale Punjab mit dem Sikh-Heiligtum in Amrit-
sar sollte dann ihr Territorium bilden. Der britische Vizekönig Mountbat-
ten war vorsichtiger in seiner Wortwahl, sprach aber bei der Pressekonferenz
zur Teilung Indiens ebenfalls von Bevölkerungstransfers: »There are many
physical and practical difficulties involved. Some measure of transfer will
come about in a natural way… perhaps governments will transfer popula­
tions. Once more, this is a matter not so much for the main parties as for the
local authorities living in the border areas to decide.«269 Diese Äußerungen
lesen sich wie eine Reminiszenz an die Rede Churchills zur Zukunft Polens
vom Dezember 1944, nur dass Mountbatten den Transfer nicht anordnete,
sondern lediglich vorschlug. Die Formulierung vom »natürlichen Weg« deu-
tet jedoch daraufhin, dass Mountbatten massenhafte Zwangsmigrationen als
eine Art Naturgewalt betrachtete, deren Bändigung er den lokalen Behör-
den überlassen wollte, obwohl es sich um ein überregionales Problem han-
delte. Dass bei den britischen Planungen nicht nur das Modell von Potsdam
eine Rolle spielte, zeigt eine Äußerung des Gouverneurs von Bengalen gegen-
über Mountbatten. Er wandte gegen die überstürzte Teilung Indiens ein, dass

267 Vgl. zur Politik von Mountbatten das verheerende (und gut belegte) Charakterbild
von Wolpert, Shameful Flight.
268 Vgl. die Zitate in ebd., S. 138–140.
269 Zit. nach Khan, The Great Partition, S. 100.
220 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

man in Europa weit länger gebraucht habe, um eine Lösung für Danzig oder
Triest zu finden. 270
Das Fatale an den britischen Teilungsplänen war, dass sie weder mit einer
organisierten Übergabe der Macht noch mit einem konkreten Grenzver-
lauf verknüpft waren. Durch den Rückzug der britischen Truppen entstand
ein Machtvakuum, das paramilitärische Einheiten füllten. Die indische Ar-
mee war zusätzlich durch die Aufteilung der Regimenter und der Waffen
mit dem künftigen Pakistan gelähmt. Das Gleiche gilt für den Staatsapparat,
aus dem ebenfalls Muslime aussortiert wurden. Der Transfer von Truppen
und Beamten, die ein Optionsrecht besaßen, welchem Staat sie künftig die-
nen wollten, wenn sie auf der »falschen Seite« der Teilungsgrenze stationiert
waren, erfasste im Sommer 1947 zwei Drittel aller Regimenter und mehr als
25.000 Staatsdiener. 271 Der Austausch von staatlichen Funktionsträgern und
beweglichen Gütern wie Aktenschränken, Schreibmaschinen und anderen
Büroutensilien zwischen dem heutigen Indien und Pakistan funktionierte
erstaunlich glatt und erzeugte die Illusion, dass man Minderheiten ebenfalls
problemlos verschieben könnte.
Der genaue Verlauf der Grenze blieb bis Mitte August 1947 unter Ver-
schluss, wobei sich Mountbatten erst ab Juni überhaupt mit detaillierten
Karten vertraut gemacht hatte. Er überließ die Festlegung der Teilungslinie
dem Juristen Cyril Radcliffe, der zuvor als Generaldirektor des Londoner In-
formationsministeriums mit allen Plänen bezüglich der europäischen Nach-
kriegsordnung vertraut gewesen war, aber nie einen Fuß auf indischen Boden
gesetzt hatte. Radcliffe bekam die unmögliche Aufgabe, innerhalb von sechs
Wochen mehr als 5.000 Kilometer Grenze festzulegen. 272 Der Vize­könig
legte ihm eine strikte Geheimhaltungspflicht auf, um den möglichst unge-
störten Abzug der britischen Kolonialarmee zu gewährleisten. Radcliffes
Ordnungsprinzip war denkbar einfach und richtete sich nach dem Schwarz-
Weiß-Schema der Volkszählungen. Distrikte mit einer muslimischen Mehr-
heit sollten an das künftige Pakistan fallen, Gebiete mit einer nicht-musli-
mischen Mehrheit an Indien. Die Ausrichtung an ethnographischen Daten
und schwammig formulierte Ausnahmen für wichtige Verkehrsverbindun-
gen und Wasserwege wirkten wie eine Einladung an paramilitärische Einhei-
ten wie die Muslim League National Guards und die hindu-nationalistische
RSSS (Rashtriya Swayam Sevak Sangh), die künftigen Grenzen zwischen In-
dien und Pakistan durch Vertreibungen festzulegen.

270 Wolpert, Shameful Flight, S. 103 und 177. Vgl. zu Triest ebd. S. 132. Vgl. zu indi-
schen Bezügen auf Lausanne ferner Yıldırım, Diplomacy, S. 13.
271 Khan, The Great Partition, S. 114 und 120.
272 Vgl. zur Grenzziehung und zur Ignoranz von Mountbatten und Radcliffe Khan,
The Great Partition, S. 122–127, Wolpert, Shameful Flight, S. 157–169.
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 221

Als der lang erwartete Grenzverlauf zwei Tage nach der Unabhängigkeits-
erklärung beider Staaten am 17. August 1947 bekanntgegeben wurde, began-
nen im Punjab sofort ethnische Säuberungen, die sich von den vorherigen
­Pogromen durch ihren flächendeckenden Charakter unterschieden. Die Ge-
walt richtete sich vor allem gegen Zivilisten und Frauen, die massenhaft ver-
gewaltigt und verschleppt wurden. Radikale Nationalisten markierten die
kommunalen und staatlichen Grenzen, indem sie anstatt von Grenzsteinen,
die in der Eile gar nicht gesetzt werden konnten, getötete Bürgerkriegsgegner
zur Schau stellten. Ähnlich wie während des Zweiten Weltkrieges in Kroa-
tien und in der Westukraine wurden Leichen durch das Einritzen religiöser
Symbole in die Haut geschändet. Die öffentliche Misshandlung von Frauen
zielte ebenfalls auf religiöse Gefühle. Die gleichzeitigen Zwangskonversionen
zeigen jedoch, dass Fanatiker manchmal noch daran glaubten, den Feind assi-
milieren zu können. Die religiöse Dimension des Konflikts prägte somit die
abstoßenden Formen der Gewalt, war aber als Ursache sekundär gegenüber
dem politischen Streit um die Teilung Indiens.
Nehru und Jinnah versuchten im August 1947 mit dramatischen Appellen,
die Massaker einzudämmen. Sie versprachen den Minderheiten in Indien und
Pakistan die Gleichberechtigung, aber dafür war es schon zu spät. Auf beiden
Seiten machten sich mehrere Hunderttausend Menschen während des Mon-
suns und bei großer Hitze auf den Weg. Mehrfach ereigneten sich tödliche
Brandanschläge auf die Flüchtlingszüge. Den beiden Nachbarstaaten blieb
angesichts der humanitären Katastrophe gar nichts anderes übrig, als die
Flucht zu regulieren. Am 20. Oktober 1947 vereinbarten die indische und die
pakistanische Armee einen »Joint Evacuation Plan«, nach dem bis zu 10 Mil-
lionen Menschen umgesiedelt werden sollten. Bis November kamen 2,3 Mil-
lionen Hindus und Sikhs mit dem Zug in Indien an, 850.000 verließen Paki-
stan in Trecks, die zeitweise eine Länge von hundert Kilometern erreichten.
In die umgekehrte Richtung flohen bis zum Mai 1948 4,7 Millionen muslimi-
sche Punjabis. Bei den Todesopfern reichen die Schätzungen von 200.000 bis
zu 2.000.000, wobei die Millionenzahl ähnlich wie im Nachkriegsdeutsch-
land wohl vor allem wegen ihrer dramatischen Wirkung in Umlauf kam. 273
Beachtenswert für die weitere Entwicklung nach der Vereinbarung eines ge-
regelten Bevölkerungsaustauschs erscheint eher, dass das offiziell vereinbarte
Kontingent von zehn Millionen Evakuierten im Punjab letztendlich nicht
ausgeschöpft wurde.
Das lag vor allem an den negativen Auswirkungen der massenhaften
Flucht auf die Wirtschaft Pakistans und Indiens. Arbeitskräfte fehlten in der

273 Vgl. zu den Statistiken Khan, The Great Partition, S. 156, Ian Talbot, The 1947
Partition of India and Migration: A Comparative Study of Punjab and Bengal, in: Bessel,
Haake (Hg.), Removing Peoples, S. 321–348, hier S. 325.
222 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Verwaltung, im Handel und im Kleingewerbe. Beide Seiten bemühten sich


daher, die Massaker einzudämmen und nach dem hastigen Abzug der briti-
schen Truppen, die Staatsgewalt wiederherzustellen. Dies war schwierig, weil
mit der Ankunft der Flüchtlinge häufig neue Konflikte ausbrachen. Die An-
kömmlinge brauchten ein Dach über dem Kopf und Arbeitsplätze. Opfer
der lokalen Verteilungskämpfe waren meist die verbliebenen Minderheiten.
Das gilt auch für die Hauptstadt Delhi, wo der Anteil der Muslime von gut
40 Prozent im Jahr 1941 auf unter 7 Prozent zehn Jahre später sank. 274 Den-
noch gelang es der indischen Regierung, ein Übergreifen der Konflikte auf
das gemischt besiedelte Gangestal zu verhindern. Sogar in Bengalen blieb es
im Vergleich zum Punjab ruhig. Das lag am langsameren Abzug der briti-
schen Truppen und dem dort schnelleren Aufbau der indischen und pakis-
tanischen Armee, Polizei und Zivilverwaltung. Der von Ian Talbot unter-
nommene Vergleich des Punjab mit Bengalen widerlegt zugleich die These,
dass die viel zitierten »ancient hatreds« oder eine zunehmende Eskalation
des Konflikts als wichtigste Ursachen der Gewalt anzusehen sind. Träfe dies
zu, hätte erst Bengalen und nicht der bis 1946 vergleichsweise friedliche und
von einer überkonfessionellen Partei regierte Punjab in Flammen aufgehen
müssen.
Von einem Ausgleich zwischen Mehrheiten und Minderheiten war indes
auch Bengalen weit entfernt. Dort kam es bis 1950 beiderseits der Grenze
immer wieder zu Massakern, vor denen etwa vier Millionen Menschen flo-
hen. Immerhin reagierten die Regierungen beider Länder nun anders auf die
grassierende Gewalt als 1947. Die Premierminister Indiens und Pakistan ver-
einbarten das nach ihnen benannte Nehru-Liaquat-Abkommen, wonach in
Bengalen die Rückkehr von Flüchtlingen sogar staatlich unterstützt und ge-
raubtes Eigentum rückerstattet wurde. Über eine Million Menschen remig-
rierten infolge des Abkommens von 1950 aus den Flüchtlingslagern in ihre
jeweilige Heimat. Diese Einigung kam bemerkenswerter Weise zustande,
als britische Truppen und Kolonialbeamte nicht mehr in der Region prä-
sent waren. Doch als Indien 1952 Reisepässe und stärkere Grenzkontrollen
einführte, strömten täglich bis zu 2.000 Spätaussiedler über die Grenze. Bis
Mitte der 1950er Jahre machten sich jährlich etwa 200.000 Menschen auf den
Weg. 275 Ähnlich wie in großen Teilen Ostmitteleuropas nach 1938 oder nach
1944 war die Heimat keine Heimat mehr.
Diese kontinuierliche Migration belegt, wie schwer sich multi-ethnische
Regionen stabilisieren lassen, sobald massenhafte Gewalt die lokale gesell-
schaftliche Balance zerstört hat. 1973 stellten Flüchtlinge ein Viertel der Be-
völkerung in der Elendsmetropole Kalkutta. Hingegen sank der Anteil der

274 Talbot, The 1947 Partition, S. 324.


275 Ebd. und Singh, The Partition of India, S. 101.
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 223

Hindus an der Bevölkerung von Dacca, der Hauptstadt des inzwischen von
Pakistan abgespaltenen Bangladesh, von 58 Prozent vor der Teilung Indi-
ens auf unter 5 Prozent. 276 Diese Unterschiede zwischen Punjab und Benga-
len sowie innerhalb dieser beiden Regionen zeigen, dass man nicht von einem
kollektiven Flüchtlingsschicksal ausgehen kann. Ähnlich wie im Fall der
Deutschen aus Ostmitteleuropa unterschied sich die Situation je nach Her-
kunftsregion und war von lokalen Konfliktkonstellationen abhängig. Dies
wird durch die bereits zitierte Studie von Ian Copland über Rajasthan be-
legt, wo die ethnischen Säuberungen in einigen Teilgebieten nahezu vollstän-
dig waren, in anderen dagegen nur die Elite der muslimischen Minderheit
erfassten.
Trotz dieser regionalen und lokalen Differenzen, die auch den Ablauf
der Flucht und den Grad an Traumatisierung beeinflussten, ging vor al-
lem in Pakistan die Opferrolle der Flüchtlinge in die nationale Ikonogra-
phie ein. Die indische Regierung unterstützte die Kreation von Opfernarra-
tiven weniger, weil antagonistische Geschichtsbilder neue Konflikte mit der
nach wie vor riesigen muslimischen Minderheit heraufbeschworen hätten.
Im Vordergrund stand daher wie in Deutschland die landesweite Verteilung
und Ansiedlung der Flüchtlinge und Spätaussiedler sowie Fördermaßnah-
men für eine rasche Integration. Wiederum ähnlich wie in der Bundesre-
publik behaupten Autoren der zweiten Generation in jüngster Zeit häufig,
das Schicksal der Flüchtlinge sei tabuisiert worden. 277 Das trifft aber nur auf
die massenhafte Vergewaltigung von Frauen zu, nicht auf die Teilung Indi-
ens und die ethnischen Säuberungen in ihrer Gesamtheit. Immerhin gene-
riert der seit dem Ende der 1990er Jahre anhaltende Boom der Erinnerung
keine neuen Konflikte mehr. Autoren aus Indien, Pakistan und Bangladesh
haben festgestellt, wie sehr sich die Erfahrungen auf beiden Seiten ähneln,
wobei dies nicht den Blick auf massive soziale Differenzen verstellen sollte.
Die knapp 50.000 Kunden der British Overseas Airways Corporation, die
sich Ende 1947 die Flucht mit dem Flugzeug leisten konnten, begannen ihr
neues Leben unter anderen Voraussetzungen als die Millionen von Land­
arbeitern und Tagelöhnern, die noch einmal ärmer wurden und zum Teil bis
heute in den Elendsvierteln von Kalkutta und Karachi hausen. Die ethni-
sche Säuberung Indiens ist daher nicht nur auf regionaler und lokaler, son-
dern auch auf sozialer Ebene zu differenzieren. Aber das gilt genauso für den
deutschen Fall.

276 Vgl. Talbot, The 1947 Partition, S. 339.


277 Vgl. Urwashi Butalia, The Other Side of Silence. Voices from The Partition of India,
New Delhi 1998 (Butalia ist die bekannteste Vertreterin dieser jüngeren Erinnerungslite-
ratur). Vgl. auf wissenschaftlichem Niveau Gyanendra Pandey, Remembering Partition,
Violence, Nationalism and History in India, Cambridge 2002.
224 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Die ethnischen Säuberungen in Palästina erscheinen auf den ersten Blick


als schwer vergleichbar mit Indien. Das britische Mandatsgebiet hatte 1947,
als der Beschluss zur Teilung gefasst wurde, nicht einmal zwei Millionen
Einwohner gegenüber 400 Millionen Indern. Das von ethnischen Säuberun-
gen betroffene Gebiet war weit kleiner als der Punjab oder Bengalen. Die
vergleichsweise geringe Zahl von 800.000 Flüchtlingen in Palästina gewinnt
jedoch eine andere Dimension, wenn man sie in Verhältnis zur Gesamt­
bevölkerung setzt. Ein weiterer Unterschied liegt darin, dass fast ausschließ-
lich eine Konfliktpartei, die arabischen Palästinenser, in die Flucht geschla-
gen wurde. Und doch gibt es etliche Gemeinsamkeiten, angefangen vom
Ein­wirken der europäischen Moderne, dem Kontext des Abzugs der Koloni-
almacht und der Nationalstaatsgründung bis hin zur gezielten Eskalation der
Gewalt auf lokaler Ebene. Diese drei Themenkomplexe bilden zugleich die
Grundlage dafür, die Ursachen und den Verlauf der ethnischen Säuberungen
in Palästina mit einer vergleichenden Perspektive zu erklären.
Die europäische Moderne wirkte aufgrund der langen Herrschaft des
Osma­nischen Reiches über den Nahen Osten relativ spät, dann aber direkt
und asymmetrisch auf das Britische Mandatsgebiet Palästina ein. Während
der antikoloniale arabische Nationalismus fast nur die städtischen Eliten er-
fasste, war unter der jüdischen Gesellschaft ein ausgeprägtes nationales Be-
wusstsein verbreitet. Das lag am Zionismus, neben dem modernen Antisemi-
tismus das wichtigste Motiv zur Emigration in das symbolisch aufgeladene
»Heilige Land«. Die arabische und die jüdische Gesellschaft in Palästina un-
terschieden sich außerdem in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht. Ob-
wohl Juden 1946 nur ein Drittel der Bevölkerung des Mandatsgebietes stell-
ten, erwirtschafteten sie ein weit höheres Sozialprodukt als die überwiegend
bäuerliche arabische Bevölkerung. Schließlich verfügte die jüdische Unter-
grundarmee, die 1941/42 von Großbritannien zur Abwehr des befürchte-
ten Vorstoßes der Wehrmacht ausgebildet und aufgerüstet worden war, über
mehr und modernere Waffen sowie eine gut funktionierende Kommando-
struktur.
Als Ausgangspunkt des jüdisch-arabischen Konflikts kann man die Bal-
four-Deklaration von 1917 heranziehen, in der die britische Regierung den
Juden angesichts der Pogrome in Osteuropa die Gründung eines »nationalen
Heims« (national home) in Palästina versprach. Die von den Zionisten ange-
strebte Immigration verstärkte sich anschließend erheblich. Die Zahl der Ju-
den in Palästina stieg bis 1931 auf 175.000, infolge der Machtergreifung der
Nationalsozialisten bis 1939 auf 475.000. Der Zündstoff lag darin, dass die
Zionisten Palästina als das Gebiet eines künftigen Nationalstaats betrachte-
ten. Die arabische Bevölkerung reagierte auf die planvolle Besiedlung und die
zunehmende wirtschaftliche Konkurrenz mit mehreren Aufständen. Wäh-
rend sich die Gewalt 1920/21 und 1929 auf wenige Orte und Stadtviertel be-
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 225

schränkte, war der Aufstand der arabischen Palästinenser von 1936 bis 1939
bereits nahezu flächendeckend. Zwar kehrte die Bevölkerung im Anschluss
an die Pogrome rasch zum Alltag zurück, aber der Status Quo eines bi-na-
tionalen Staates war nachhaltig beschädigt. Der scheinbar unlösbare Kon-
flikt, die massenhafte Gewalt und das Erbe von Lausanne waren die Grund-
lage der Empfehlungen der Peel-Kommission zur Teilung Palästinas, die 1937
erstmals einen Bevölkerungstransfer (und nicht mehr einen »Bevölkerungs-
austausch«) zur Lösung eines politischen Konflikts vorschlug. 278 Die Einsei-
tigkeit des Vorhabens, das 200.000 Araber gegenüber nur 1.250 Juden zur
Emigration gezwungen hätte, provozierte massiven Widerstand und führte
zu einem Kurswechsel der britischen Regierung. Die folgenden zehn Jahre
trat London für einen »bi-nationalen Staat« ein, nicht zuletzt deshalb, weil
eine schwache Zentralgewalt mehr politische Einflussnahme nach der erwar-
teten Unabhängigkeit Palästinas versprach.
Die Formel eines bi-nationalen Staates mag heute einigen Anti-Zionisten
wie Ilan Pappe als bessere Alternative zu einem ethnisch exklusiven Natio-
nalstaat erscheinen, doch das eigentliche Problem lag wie in Indien in der bi-
nären Differenzierung einer multi-ethnischen Gesellschaft. Bei genauerer
Betrachtung waren die arabische und die jüdische Gesellschaft in Palästina
1937 oder 1947 in sich inhomogen. Die Sozialstruktur der überwiegend ur-
banen christlichen Palästinenser, der muslimischen Bauern, der Drusen im
Norden und der nomadischen Beduinen in der Negev-Wüste unterschied sich
ebenso wie jene der orientalischen Juden, der Sepharden, der bereits länger
ansässigen Zionisten und der ab 1945 eintreffenden Überlebenden des Ho-
locaust. Diese gesellschaftliche Differenzierung beeinflusste die inter-eth-
nischen Beziehungen, die keineswegs überall konflikthaft oder gewaltsam
waren. Die Kolonialmacht hätte demnach ähnlich wie in Indien zwischen
verschiedenen Gruppierungen unterscheiden und diese in einem pluralen
politischen System an der Macht beteiligen können. So verfuhren die Habs-
burger am Vorabend des Ersten Weltkrieges im Ausgleich in der Bukowina,
wo der polnischen, ruthenischen bzw. ukrainischen, rumänischen, deutschen
(und damit indirekt jüdischen) Bevölkerung eine territorial fundierte poli-

278 In dem Report der Kommission hieß es wörtlich: »A precedent is afforded by the
exchange effected between the Greek and Turkish populations on the morrow of the
Greco-Turkish War of 1922. …so vigorously and effectively was the task accomplished
that within about eighteen months from the spring of 1923 the whole exchange was com-
pleted. The courage of the Greek and Turkish statesmen concerned has been justified by
the result. Before the operation the Greek and Turkish minorities had been a constant irri-
tant. Now Greco-Turkish relations are friendlier than they have ever been before.« Zit. aus
dem Report of the Palestine Royal Commission, presented by the Secretary of State for the
Colonies to the United Kingdom Parliament by Command of His Britannic Majesty (July
1937), in: http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/History/peel1.html [21.2.2011].
226 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

tische Autonomie zugestanden wurde. 279 Doch die koloniale Herrschaft in


Palästina beruhte wie in Indien auf einem Schwarz-Weiß-Schema, das diese
intra-ethnische Differenzierung nicht aufnehmen konnte und damit eine bi-
näre Nationsbildung verstärkte.
Es ist in der Sekundärliteratur umstritten, inwieweit die Zionisten wäh-
rend des Zweiten Weltkrieges die Idee von Bevölkerungstransfers weiter
entwickelten. Palästinensische Autoren wie Nur Masalha und Vertreter der
»New History« in Israel haben die Meinung vertreten, es habe von Anfang
an einen zionistischen Masterplan für die ethnische Säuberung Palästinas ge-
geben. 280 Diese Behauptungen sind empirisch dünn belegt. Pappe präsentiert
nur einen direkten Hinweis, dass führende Zionisten während des Krieges
auf einem so benannten »Transfer« beharrten. 281 Entscheidend für die Pla-
nungen war, dass der spätere Premierminister David Ben Gurion einen klei-
neren Staat mit einer klaren jüdischen Bevölkerungsmehrheit gegenüber
einem größeren bi-nationalen Staat bevorzugte. Damit war die Grundsatz-
entscheidung für einen homogenen Nationalstaat gefallen. Diesen Konsens
für die Aufteilung Palästinas in zwei Nationalstaaten teilte der jordanische
Emir bzw. König Abdullah, der westlich des Jordan auf einen entsprechen-
den Gebietszuwachs hoffte. 282
Beim britischen Diskurs über Palästina spielte außerdem die Entwicklung
in Indien eine zentrale Rolle. Wie dort sah die Labour-Regierung keinen
Sinn in einer kolonialen Herrschaft und einer massiven Militärpräsenz von
100.000 Soldaten (gegenüber 150.000 auf dem gesamten indischen Subkon-
tinent), die sich das Empire aufgrund seiner hohen Auslandsschulden nicht
mehr leisten konnte. Außerdem zermürbten die blutigen Terroranschläge
des jüdischen Untergrunds die Kolonialherren. Im Februar 1947, also nahezu
zeitgleich mit dem Beschluss, Indien in die Unabhängigkeit zu entlassen, ent-
schied die Londoner Regierung, Palästina aufzugeben und die Regelung des
Konflikts der UNO zu überlassen. 283 Wie von der britischen Regierung be-
reits zehn Jahre zuvor vorgeschlagen, nun jedoch gegen den Willen Londons,

279 Vgl. zum Bukowiner Ausgleich und anderen Versuchen der Konfliktschlichtung
auf regionaler Ebene Gerald Stourzh, Die Gleichberechtigung der Nationalitäten in der
Verfassung und Verwaltung Österreichs 1848–1918, Wien 1985, S. 213–229.
280 Vgl. Nur Masalha, Expulsion of the Palestinians. The Concept of »Transfer« in Zio­
nist political Thought, 1882–1948, Washington 1992, Ilan Pappe, The Ethnic Cleansing of
Palestine, Oxford 2006, S. 10–28.
281 Vgl. ebd., S. 23. Mit mehr Quellenbelegen ausgestattet ist Benny Morris, 1948.
A History of the First Arab-Israeli War, New Haven 2008, S. 18.
282 Vgl. zu dem Konsens der Zionisten und des jordanischen Königs Avi Shlaim, The
Politics of Partition. King Abdullah, the Zionists and Palestine 1921–1951, Oxford 1998.³
Diesen Konsens teilte dann letztlich Großbritannien, das Jordanien als einen postkolo­
nialen Klientelstaat aufbauen wollte. Vgl. ebd., S. 111.
283 Vgl. Pappe, The Ethnic Cleansing, S. 40.
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 227

entschieden sich die Vereinten Nationen mit knapper Mehrheit für die Tei-
lung Palästinas in drei Gebiete, das unter internationaler Aufsicht stehende
Jerusalem, einen fast rein arabischen Staat, der die heutige Westbank, einige
angrenzende Kreise, Gaza und Teile von Galiläa umfassen sollte, und einen
de facto bi-nationalen jüdischen Staat, in dem sich Juden gegenüber Arabern
nur knapp in der Mehrheit befanden. Der Kompromissvorschlag war auch in
territorialer Hinsicht äußerst unausgewogen, denn die drei kompakten jüdi-
schen und arabischen Landesteile waren nur an einigen Punkten verbunden,
so dass die militärische Kontrolle dieser Verbindungen über Macht und Ohn-
macht des jeweiligen Teilstaats entschied.
Wiederum wie in Indien brach mit der Bekanntgabe des Teilungsplans eine
Welle der Gewalt aus, die in Palästina zunächst von der schwächeren Seite,
den Arabern ausging. Diese erste Phase des Bürgerkriegs von Dezember 1947
bis März 1948 war noch nicht flächendeckend, sondern beschränkte sich auf
die größeren Städte und die wichtigsten Verbindungsstraßen, insbesondere
von Tel Aviv nach Jerusalem. Der Umfang und vor allem die Schlagkraft der
in Palästina stationierten britischen Truppen überschritt noch bei weitem die
der jüdischen und der arabischen Einheiten. Doch wie in Indien erteilte Lon-
don den Befehl, sich aus allen Feindseligkeiten herauszuhalten und den Abzug
voranzutreiben. Diese Flucht vor der Verantwortung, von William Louis eu-
phemistisch als »indische Lösung« bezeichnet, 284 erzeugte ein Machtvakuum,
das paramilitärische Verbände für sich nutzten. Bis zu 100.000 Menschen,
überwiegend Angehörige der arabischen Elite, flohen in dieser Phase aus
Palästina. Entlang der umkämpften Verbindungsstraßen wurden die ersten
Dörfer dem Erdboden gleichgemacht und ihre Bewohner vertrieben.
In der Sekundärliteratur ist strittig, inwieweit diese ethnischen Säuberun-
gen ein Bestandteil des Krieges waren, um der mit einer Guerilla-Taktik agie-
renden Arabischen Befreiungsarmee (ALA) den Nachschub abzuschneiden,
oder bereits ein Selbstzweck. Benny Morris vertritt die erste These und stellt
daher den Verlauf der militärischen Operationen mit verschiedenen kleineren
Schlachten und Fronten in den Vordergrund, Ilan Pappe betont die langfris-
tige Planung ethnischer Säuberungen. Die Protokolle interner Regierungs-
beratungen sprechen für Pappes These, so etwa die Aussagen des künftigen
Premierministers David Ben Gurion vom November 1947, also noch vor Be-
kanntgabe des Teilungsplans der UNO, dass nur ein Staat mit einer klaren jü-
dischen Mehrheit lebensfähig sei. Er warnte vor den Palästinensern als fünf-
ter Kolonne: »Man kann sie entweder massenhaft verhaften oder vertreiben;
es ist besser, sie zu vertreiben.«285

284 Vgl. Louis, Ends of British Imperialism, S. 442.


285 Zit. nach Pappe, The Ethnic Cleansing, S. 49.
228 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Unbestritten ist, dass die ethnischen Säuberungen im März 1948 in eine


neue Phase eintraten. Die Haganah, der militärische Arm der Zionisten, ge-
wann aufgrund von Waffenlieferungen aus der Tschechoslowakei militärisch
eindeutig die Oberhand. Es ist nicht erforscht, inwieweit aus Prag nur Waf-
fen oder auch die Ideologie des »Odsun« ankamen, 286 aber die führenden zi-
onistischen Politiker waren bestens über die Potsdamer Konferenz und die
nachfolgende Neuordnung Europas informiert. Sie entwickelten den so ge-
nannten »Plan D« (oder »Plan Dalet«), der auf eine vollständige Besetzung
der Städte und der Verbindungen zwischen ihnen abzielte. Der Befehl an das
Militär war eindeutig: »Im Falle von Widerstand müssen die bewaffneten
Einheiten ausgelöscht werden und die Bevölkerung in Gebiete außerhalb der
Staatsgrenzen vertrieben werden.«287
Die ethnischen Säuberungen verwüsteten auch Städte, in denen die
­inter-ethnischen Beziehungen bis dahin relativ friedlich geblieben waren,
so etwa Haifa, neben Jerusalem der wichtigste britische Militärstützpunkt.
Aus der mehrheitlich nicht-jüdischen Stadt flohen Anfang 1948 mindes-
tens 15.000 Angehörige der palästinensischen Mittelklasse und Oberschicht.
Im letzten Drittel des Monats April zwang die Haganah in der »Operation
­Pessach-Reinigung« (mivtza bicur hametz)288 die restlichen 50.000 Araber mit
Artilleriefeuer zur Flucht. Die ethnische Säuberung Haifas ist deshalb be-
sonders erwähnenswert, weil der damalige Bürgermeister Shabtai Levy die
Palästinenser in einem letzten Vermittlungsversuch vom Bleiben überzeugen
wollte und sämtliche Grausamkeiten vor den Augen der britischen Truppen
und zahlreicher westlicher Journalisten geschahen. Doch anstatt die Gewalt
einzudämmen, assistierten die britischen Truppen dem erwünschten Exodus
und stellten Schiffe bereit, mit denen die Flüchtlinge nach Akra oder gleich in
den Libanon verfrachtet wurden. In Tiberias, der größten Stadt am See Ge-
nesareth, war der Ablauf ähnlich. Radikale Militäreinheiten beschossen und
zerstörten den arabischen Teil von Tiberias – gegen den erklärten Willen der
dort dominierenden sephardischen Juden, die aus osmanischen Zeiten die
Koexistenz mit einer muslimischen Umwelt gewohnt waren. 289 Die britische

286 Zumindest im britischen Außenministerium gab es diesen Zusammenhang. Dort


wurde das Prinzip des Transfers 1942 auf höchster Ebene anhand des Beispiels der Tsche-
choslowakei für Palästina diskutiert. Vgl. Frank, Expelling, S. 78.
287 Zit. nach einem Originaldokument in Pappe, The Ethnic Cleansing, S. 82.
288 Es handelt sich dabei um einen rituellen Reinigungsvorgang. Vgl. zu dieser Opera-
tion Morris, 1948, S. 140–147.
289 Morris beschränkt seine Darstellung wie gewohnt auf die militärische Seite des
Konflikts und geht auf die inner-jüdischen Differenzen überhaupt nicht ein (Vgl. Mor-
ris, 1948, S. 139). Sein knappes Fazit »Arab Tiberias was no more« greift zu kurz, denn in
Tiberias wurden auch die Häuser zahlreicher Juden und deren Lebensgrundlage zerstört.
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 229

Armee schickte dann die Lastwagen, mit denen die örtlichen Palästinenser
nach Nazareth oder gleich nach Jordanien »evakuiert« wurden. Diese Nicht-
Intervention hatte ihren Hintergrund in der Vorverlegung des britischen Ab-
zugs vom August auf den Mai 1948. Wie in Indien war das oberste Ziel der
Kolonialmacht, nicht zwischen die Fronten zu geraten. Die in Haifa präsen-
ten westlichen Journalisten verhielten sich indes ähnlich gleichgültig. Ob-
wohl die Palästinenser aus Haifa ebenso ins Meer getrieben wurden wie
25 Jahre zuvor die Griechen in Smyrna, gab es keine Artikelserien, aus de-
nen ein Erinnerungsort entstanden wäre. Das ist letztlich auf den westlichen
Orientalismus zurückzuführen, der Muslime entweder als brutale Barbaren
oder als komische Figuren, aber nicht als tragische Opfer kennt. Die Empa-
thie beschränkte sich daher – wie in Smyrna – auf europäische Christen. Das
Schicksal der Araber blieb wie jenes der Türken zweitrangig. Zudem wurden
die Ereignisse in Palästina durch den aufkommenden Kalten Krieg und die
Blockade von Berlin überdeckt.
Nach dem Angriff der arabischen Nachbarstaaten auf Israel am 15. Mai
gewannen die ethnischen Säuberungen eine weitere Dynamik. Die aus der
­Haganah hervorgegangene israelische Armee versuchte nun, die diversen
Fronten im Land durch ethnische Säuberungen zu begradigen. Die Palmach,
eine während des Zweiten Weltkrieges zugelassene Elitetruppe für Guerilla-
Einsätze, bekam den Befehl, arabische Zivilisten mutwillig zu vertreiben, um
durch die Flüchtlingsmassen den Nachschub des Feindes zu blockieren. 290
Um zugleich jeglichen Gedanken an eine Rückkehr auszuschließen, wurden
palästinensische Dörfer häufig vor den Augen der Flüchtlinge in Brand ge-
steckt, gesprengt und planiert. Diese Taktik funktionierte, denn vor allem die
jordanische Armee in der Westbank war damit aufgehalten, die Flüchtlinge
mit Wasser und Lebensmitteln zu versorgen.
Mit der Evakuierung und Zerstörung der Dörfer begann die planmäßige
Besiedlung. Ben Gurion ordnete die Landnahme im israelischen Kabinett im
Juni 1948 an, bat seine Minister aber zugleich, nichts an die Öffentlichkeit
dringen zu lassen. 291 Diese Aufforderung zum Schweigen belegt einen Un-
terschied zum Jahr 1945 in Europa, als die Westmächte, die Sowjetunion und
die ostmitteleuropäischen Staaten offen für massenhafte Bevölkerungstrans-
fers eingetreten waren. Dieser internationale Konsens war nach dem humani-
tären Desaster in Europa und in Indien offenbar nicht mehr vorhanden. Die

Vgl. dazu die Forschungen des palästinensischen Historikers Mustafa Abbasi, The War
on the Mixed Cities: The Depopulation of Arab Tiberias and the Destruction of its Old,
›­Sacred‹ City (1948–1949), in: Holy Land Studies. A Multidisciplinary Journal 7, (2008),
S. 45–80.
290 Vgl. diesen Befehl in Pappe, The Ethnic Cleansing, S. 88.
291 Vgl. Morris, 1948, S. 269.
230 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Vertreibung der Palästinenser wurde daher als Fait accompli organisiert und
blieb ohne internationale Sanktionierung.
Wie sehr europäische Vorbilder und Begriffe das Denken der Akteure
prägten, zeigt sich an der Gründung des »Transfer Committee« der israeli-
schen Regierung, in dem sich führende Vertreter der Armee, Siedlungsexper-
ten, Diplomaten und Angehörige des Geheimdienstes zusammenschlossen.
Dieses Komitee benannte die wichtigsten Ziele des Krieges: Zerstörung der
arabischen Dörfer, Landnahme und Einbringung der Ernte durch jüdische
Siedler, Verhinderung der Rückkehr von Flüchtlingen, Verhandlungen mit
den Nachbarstaaten zur dauerhaften Aufnahme der Palästinenser. 292 Zu letz-
terem Punkt kam es nie, weil die arabischen Staaten die Existenz Israels nicht
anerkannten, mit den Flüchtlingen nichts zu tun haben wollten und sie über-
wiegend in Lagern festhielten, um den Konflikt mit Israel am Köcheln zu
halten. Die verweigerte Integration verstärkte das Trauma der Vertreibung.
Aufgrund des Ausbleibens einer vertraglichen Regelung beschränkte sich die
ethnische Säuberung Israels auf Flucht und Vertreibung ohne einen Transfer.
Die Planung des Transferkomitees erfasste in der zweiten Hälfte des Jah-
res 1948 immer weitere Räume. Trotz der Intervention der arabischen Nach-
barstaaten gelang es der israelischen Armee, den Küstenstreifen in Richtung
Westbank auszudehnen und ganz Galiläa bis zu den Quellen des Jordan zu
erobern. Dabei kam es erneut zu zahlreichen Massakern, für die sich keine
militärstrategischen Gründe mehr anführen lassen. Vor allem die Palmach-
Einheiten hinterließen Schneisen der Verwüstung, angefeuert von Premier-
minister David Ben Gurion, der vor der Offensive in Galiläa erklärte: »Die
Araber haben nur noch eine Funktion – wegzulaufen«293. Die abstoßende Ge-
walt lässt sich aber nicht allein durch politische Steuerung und Propaganda
erklären. Die Palmach-Einheiten eigneten sich im Laufe der Zeit ein men-
schenverachtendes Ethos an, das nicht mehr zwischen Militär und Zivilis-
ten unterschied.
Dennoch wäre es falsch, Israel mit der Tschechoslowakei oder anderen ost-
mitteleuropäischen Staaten gleichzusetzen. Der jüdische Staat unterstellte
den Palästinensern keine Kollektivschuld und differenzierte in Städten wie
Nazareth bei den Ausweisungen anhand politischer Kriterien, vor allem dem
Verhalten während des Aufstands von 1936–1939 und dem Bürgerkrieg ab
1947. Daher blieben christliche Palästinenser, Drusen und etliche Dörfer im
Bergland vor Jerusalem, deren Clans sich auf die Seite der Haganah geschla-
gen hatten, von ethnischen Säuberungen verschont. Die Diversität der israe­
lischen Politik geht in der anti-zionistischen Selbstanklage von Ilan Pappe
ebenso verloren wie der Blick auf unterschiedliche Formen der Gewalt. Wer

292 Vgl. zum Transfer-Komitee Morris, 1948, S. 300.


293 Zit. nach ebd., S. 346.
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 231

die Brutalität der israelischen Armee und der Palmach-Einheiten erklären


will, kann außerdem die Vorgeschichte und die eigene Traumatisierung als
Triebfeder von Gewalt nicht außer Acht lassen.
Für diese These spricht der Vergleich mit anderen ethnischen Säuberungen,
wo mit der Ankunft von Flüchtlingen häufig ebenfalls eine zweite Spirale
der Gewalt begann. Die jüdischen Bewohner Palästinas waren gleich mehr-
fach traumatisiert, durch den Antisemitismus und die unzähligen ­Pogrome
in Europa, die viele Zionisten noch selbst miterlebt hatten, und den Aufstand
der arabischen Palästinenser von 1936–1939, bei dem erneut zahlreiche Ju-
den getötet worden waren. Die brutalen Angriffe der ALA auf Zivilisten und
die Invasion durch die arabischen Nachbarstaaten verstärkten den durch den
Holocaust nochmals verstärkten Willen der jüdischen Gesellschaft, nie mehr
Opfer zu sein. Ilan Pappe greift daher zu kurz, wenn er mit Verweis auf die
israelische Überlegenheit den Mythos des Unabhängigkeitskrieges angreift,
wonach David (Israel) gegen Goliath (die arabische Welt) gekämpft habe.
Entscheidend war das Bedrohungsgefühl von nicht einmal 650.000 Men-
schen, die fern ihrer eigentlichen Herkunftsregionen auf einem schmalen
Küstenstreifen entlang des Mittelmeers lebten, mit wenigen Ausnahmen
schon einmal fatale Erfahrungen mit einer nicht-jüdischen Umgebung ge-
macht hatten und nun erneut angegriffen wurden. Wenig kann Menschen so
zur Gewalt motivieren, wie das Gefühl, sich selbst verteidigen zu müssen.
Dass die Nationalstaatsgründung ab dem Sommer 1948 immer expansivere
Züge annahm, steht auf einem anderen Blatt. Aber Kriege zeichnen sich häu-
fig durch eine böse Banalität aus. Die Seite, die gewinnt, kann den Verlierern
die Bedingungen des Friedens aufzwingen. Dass es eine Teilungsgrenze zwi-
schen dem jüdischen und dem arabischen Palästina geben würde, war durch
die UNO-Resolution 181 vorgegeben. Nach dem Krieg verlief diese Grenze
nur viel weiter im Osten und Norden als ursprünglich vorgesehen. Statt
200.000 arabischen Zwangsaussiedlern wie von der Peel-Kommission geplant
gab es 1949 über 800.000 palästinensische Flüchtlinge. Nun stand der ohne-
hin geplante, rein arabische Staat (das nach Westen erweiterte Königreich Jor-
danien), einem weitgehend homogenisierten jüdischen Staat gegenüber.
Das Beispiel Indiens und Palästinas belegt somit erneut, wie konflikthaft
die Gründung von Nationalstaaten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert
verlief. Der Vergleich zwischen beiden Staaten hat zugleich wichtige Unter-
schiede erbracht: Während die indische und pakistanische Staatsführung
die massenhaften Migrationsbewegungen ab 1948 einzudämmen versuchten,
weitete Israel die ethnischen Säuberungen gezielt aus. So erklärt sich das un-
terschiedliche Verhältnis der Flüchtlingszahl zur Gesamtbevölkerung, das
selbst in den am meisten umkämpften Teilen Indiens wie dem Punjab un-
ter einem Drittel lag, während in Palästina etwa zwei Drittel der dort an-
sässigen Araber in die Flucht geschlagen wurden. Hätte sich die Führung
232 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

der indischen Kongresspartei ein eng definiertes europäisches Nationsver-


ständnis wie die Zionisten angeeignet, hätte dies eine Katastrophe apokalyp-
tischen Ausmaßes ausgelöst. In Indien wurden die ethnischen Säuberungen
zu einem Zeitpunkt eingedämmt, als die europäische Kolonialmacht bereits
vollständig abgezogen war und sich nicht mehr in die Verhandlungen ein-
mischen konnte. Der Umkehrschluss, die Kolonialmacht als bestimmenden
Akteur der ethnischen Säuberungen anzusehen, würde zu weit führen, denn
im Gegensatz zu Lausanne oder Potsdam beschloss die britische Regierung
für Indien und Palästina keine massenhaften Zwangsmigrationen. Auch zur
Teilung der beiden Gebiete verhielt sich London aus machtpolitischen Grün-
den ambivalent.
Dennoch lässt sich eine »britische Spur« auf verschiedenen Ebenen verfol-
gen. Die englische Demokratie – um bei dieser Gelegenheit die Thesen von
Michael Mann zu präzisieren – war mit ihrem Prinzip der ausschließlichen
Mehrheitsherrschaft für multiethnische Räume ungeeignet. Das dialektische
Herrschaftsprinzip bestärkte die Befürchtungen der jeweiligen Minderhei-
ten vor einer Majorisierung. Dies erklärt zumindest teilweise, warum gerade
die Minderheiten ihr Recht auf Selbstbestimmung einforderten, die Eigen-
staatlichkeit anstrebten und zur Gewalt griffen. Es hätte Möglichkeiten gege-
ben, diese Gewalt einzudämmen, aber der Abzug der britischen Armee hatte
Vorrang.
Schließlich ist die Spezifik der Nationsbildung unter britischer Herrschaft
zu beachten. Durch die binäre Unterteilung der kolonialen Gesellschaften
auf zwei Nationen (oder der damaligen Terminologie folgend »races«) re-
duzierte sich die Pluralität multi-ethnischer Gesellschaften auf eine bipo-
lare Frontstellung. Dass es sich dabei um ein universelles Ordnungsprinzip
handelte, zeigt dessen unterschiedliche Anwendung. Während die Gesell-
schaft in Indien nach ethno-religiösen Kriterien geordnet wurde, definierten
die Kolonialherren die Araber in Palästina unabhängig von ihrer Konfession
anhand der Sprache. Wie das Beispiel Kanadas zu erkennen gibt, muss diese
Konstellation nicht zu inter-ethnischer Gewalt oder ethnischen Säuberun-
gen führen, aber die daraus hervorgehenden Konflikte können nur im Rah-
men einer lange praktizierten konstitutionellen Ordnung kanalisiert werden.
Eine derartige Ordnung ließ London nur in den weißen Siedlerkolonien zu,
nicht in Indien oder im Nahen Osten.
Dort betrachteten die Kolonialherren bereits lange vor dem Zweiten Welt-
krieg das Prinzip der »Partition« als einen möglichen Ausweg aus den schein-
bar unlösbaren und gewaltsam ausgetragenen Konflikten. Die Teilung bedeu-
tete aber, dass das Problem der politischen Partizipation auf eine territoriale
Ebene verlagert wurde – im Zeitalter des modernen Nationalismus eine fatale
Idee, da sich nun die beherrschten Nationen nicht mehr nur um die Macht,
sondern zugleich um ihr künftiges Gebiet stritten. Das zweite Verhängnis
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 233

des Konzepts der Partition bestand darin, dass es die Illusion einer durch-
schlagenden Lösung komplexer politischer Probleme beinhaltete – ähnlich
wie die Idee des Bevölkerungstransfers. Es lag daher für die beteiligten Ak-
teure nahe, beide Konzepte miteinander zu verknüpfen, wie dann in Indien
und Palästina (wie bereits zuvor in Triest) tatsächlich geschehen.
Schließlich belegt der globale Diskurs über Bevölkerungstransfers und
die Bildung einer entsprechend benannten israelischen Regierungskommis-
sion die Virulenz der europäischen Nachkriegsordnung. Teilung und Trans-
fer waren europäische Ideen und Begriffe, die von den lokalen Eliten bereit-
willig adaptiert wurden. Während der Transfer in Indien eingedämmt wurde,
uferte er in Palästina aus: Das Militär einer 650.000 Menschen zählenden Ge-
sellschaft schlug mehr als 800.000 Menschen in die Flucht. Doch es handelte
sich um keine totale ethnische Säuberung. Im Unterschied zu mehreren euro-
päischen Fällen der Nachkriegszeit gehörten weiterhin fast 20 Prozent der
Bevölkerung Israels verschiedenen Minderheiten an. Dennoch war die Zer-
störung der multi-ethnischen Gesellschaft (Palästinas) ein zentrales Kriegs-
ziel der Zionisten. Dies betraf nicht nur die Araber, sondern reduzierte zu-
gleich die Pluralität innerhalb der eigenen Gesellschaft. Die orientalischen
Juden und die Sepharden, die an eine multiethnische Gesellschaft gewohnt
waren, wurden in Israel Jahrzehnte lang marginalisiert.
Schließlich waren die ethnischen Säuberungen von 1948 nur der blutige
Auftakt länger andauernder Homogenisierungsprozesse. Die Verdrängung
der orientalischen Juden aus den arabischen Staaten und die millionenfache
Spätaussiedlung in Bengalen seit den 1950er Jahren belegen, dass die Schaf-
fung einer nationalstaatlichen Nachkriegsordnung zeitlich und geographisch
weitere Kreise zog. Immerhin sorgten sich die aufnehmenden Staaten, sogar
das bettelarme Pakistan, um die Flüchtlinge. Das Ausbleiben dieser Unter-
stützung in den Aufnahmeländern des Nahen Osten und die fehlende Eigen-
staatlichkeit der Palästinenser ist der Grund dafür, warum dort eine bald drei
Generationen zurückliegende Flucht und Vertreibung weiterhin derartige
Verbitterung auslöst. Der Kreislauf der Gewalt ist im Nahen Osten im Ge-
gensatz zum indischen Subkontinent noch nicht durchbrochen.

Zusammenfassung

Die ethnischen Säuberungen zwischen 1944 und 1948 waren zwar nicht in
ihrer Herleitung, aber in ihrem Umfang präzedenzlos. Wie umfassend die
betroffenen Gebiete und Bevölkerungsgruppen waren, zeigt die folgende
chronologisch geordnete Übersicht: 420.000 Finnen (1940/44), 2,1 Millionen
Polen aus der Sowjetunion (1940–1941 und 1944–1946), 650.000 Ukrainer
aus Polen und innerhalb Polens (1944–1946), 12 Millionen Deutsche aus
234 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Ostmitteleuropa (1945–1948), 80.000 Ungarn aus Jugoslawien sowie Serben


und Kroaten aus Ungarn (1944–1946), 145.000 Ungarn aus der Slowakei und
innerhalb der Tschechoslowakei (1945–1947), 70.000 Slowaken aus Ungarn
(1946–1947), 250.000 Italiener aus der nordöstlichen Adriaregion (1945–1948),
12 Millionen Inder (1947–1950), 800.000 arabische Palästinenser (1948–1949).
Die Gesamtzahl der Betroffenen betrug demnach 28,5 Millionen Menschen,
wenn man die infolge ethnischer Säuberungen ums Leben Gekommenen
berücksichtigt, mehr als 30 Millionen. Es handelt sich dabei um eine Min-
destangabe, die kleinere Gruppen beiseite lässt, außerdem weder kurzfristig
Verschleppte noch Zwangsarbeiter berücksichtigt. Die Zahlen belegen da-
mit eine nochmalige, drastische Zunahme gegenüber der zweiten Periode von
1938–1944. Auch wenn es einen engen Zusammenhang zwischen Krieg und
ethnischen Säuberungen gibt, erfolgten 90 Prozent dieser Bevölkerungsver-
schiebungen nachdem die jeweiligen Kriege militärisch entschieden waren.
Die Tatsache, dass die meisten ethnischen Säuberungen im Zusammen-
hang mit der Etablierung einer Nachkriegsordnung erfolgten, zwingt zu
einer nuancierten Einordnung inter-ethnischer Gewalt. Es ist in der vergan-
genen Dekade immer mehr in Mode gekommen, individuelle, nicht-staat-
liche Akteure und deren destruktive Einstellungen und Handlungen zu
thema­tisieren. Benjamin Lieberman, den man mit Verweis auf Hobbes auch
»­Benjamin Leviathan« nennen könnte, hat seine Synthese unter diesem Auf-
hänger geschrieben und transportiert dabei ein skeptisches Menschenbild.
Diese individualistische Herangehensweise ist für die rechtsstaatliche und
damit notwendigerweise personenbezogene Verfolgung ethnischer Säube-
rungen, etwa vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag, unumgäng-
lich. Doch die in diesem Kapitel analysierten Fallstudien bestätigen, dass die
Großmächte und die einzelnen Staaten es weitgehend in der Hand hatten, ob
bereits ausgebrochene Gewalt eingedämmt oder zu einer massenhaften eth-
nischen Säuberung ausgeweitet wurde.
Nur der Blick auf die Steuerung von oben kann die gewaltige Steigerung
ethnischer Säuberungen zwischen 1944 und 1948 erklären, denn immerhin
vervierfachte sich die Zahl der Betroffenen im Vergleich zu den Jahren 1938–
1944. Die entscheidende Rolle bei dieser Ausuferung spielten die Sieger-
mächte, die auf den Konferenzen von Teheran, Jalta und Potsdam per Hand-
streich neue Grenzen zogen und Staaten und Gesellschaften um Hunderte
von Kilometern verschoben. Allein die von den »Großen Drei« gefassten Be-
schlüsse umfassten etwa 20 Millionen Menschen. Es ging dabei nicht nur um
die Bestrafung der Deutschen und die Verhinderung eines weiteren Angriffs-
krieges, sondern um die territoriale und demographische Umgestaltung eines
ganzen Kontinents.
Die Nachkriegsordnung weist etliche Elemente der Kontinuität mit der
nationalsozialistischen Neuordnung Zentral- und Südosteuropas in den Jah-
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 235

ren 1938–1944 auf. Das erstrangige Ziel war die Homogenisierung von Natio-
nalstaaten und die Angleichung staatlicher und ethnischer Grenzen. Ähnlich
wie in den Regelungen der Zwischenkriegszeit, im Münchener Abkommen
und bei den Wiener Schiedssprüchen bemühten sich die Großmächte um eine
Fassade der Legitimität. Die bilateralen Regelungen zwischen Polen und den
westlichen Sowjetrepubliken, die Bestandteil der präzedenzlosen Westver-
schiebung Polens waren, oder die Vereinbarungen Ungarns mit seinen nörd-
lichen und südlichen Nachbarstaaten beruhten auf der Fiktion eines kon-
sensualen und rechtsstaatlichen Vorgehens. Im bulgarisch-rumänischen Fall
wurde das 1940 abgeschlossene Abkommen von Craiova über die Teilung
und ethnische Säuberung der Dobrudscha beibehalten.
Dagegen galt gegenüber den Deutschen zunächst das willkürliche Recht
der Sieger, das erst in Potsdam kodifiziert wurde. Der Umfang, die Einsei-
tigkeit und Totalität der ethnischen Säuberung der Deutschen aus Ostmittel­
europa war einmalig. Dies ist auf den deutschen Angriffskrieg und Be-
satzungsterror zurückzuführen, der unabhängig vom Holocaust jegliche
Maßstäbe sprengte. Man sollte das Motiv der Bestrafung für vergangene
Untaten jedoch nicht überbewerten. Auch im Fall der Deutschen stand
ein zukunftsgerichtetes Denken im Vordergrund oder wie Churchill es im
Dezember 1944 kurz und bündig ausdrückte, die Vermeidung »endloser
Schwierigkeiten« mit nationalen Minderheiten. Ein vorsichtiges Umdenken
setzte ein, als die Alliierten mit den Folgen ihrer Beschlüsse konfrontiert wa-
ren. Die akute Flüchtlingskrise in Deutschland im Sommer und Herbst 1945
und die Wahrnehmung des Elends in westlichen Medien führten zu einer Di-
stanzierung von ethnischen Säuberungen. Wie bereits der Paragraph XIII
des Potsdamer Abkommen zeigt, sollten die Bevölkerungsverschiebungen
fortan besser gesteuert werden. Doch die Westmächte rückten nicht von ih-
rem Grundsatzbeschluss für einen »Transfer« ab.
In anderen Fällen, etwa dem der ungarischen Minderheiten im Donau-
raum, wurden dagegen bereits begonnene ethnische Säuberungen einge-
dämmt oder sogar rückgängig gemacht. Dies geschah nicht mit Rücksicht
auf Menschenrechte, sondern aufgrund pragmatischer Überlegungen. ­Stalin
wollte im Donauraum eine weitere Flüchtlingskrise mit deutschen Dimen-
sionen vermeiden und seinen politischen Einfluss auf Ungarn bewahren.
Außerdem wurden Rumänien und Jugoslawien nicht als unitäre National-
staaten, sondern als Vielvölkerstaaten definiert. Doch die Beilegung des ru-
mänisch-ungarischen Konflikts in Siebenbürgen und des serbisch-ungari-
schen Konflikts in der Vojvodina wurde weder von Stalin noch von den
beteiligten Staaten als Modellfall begriffen. Die Propagierung kommunis-
tischer Vielvölkerstaaten als Weg zur innerstaatlichen Konfliktschlichtung
oder zu einer alternativen europäischen Friedensordnung hätte einer tiefgrei-
fenden Aufarbeitung der Vergangenheit bedurft, die im Stalinismus unmög-
236 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

lich war. Es kam daher 1946/47 im Donauraum zu vertraglich vereinbarten


Bevölkerungsverschiebungen, die in der Kontinuität früherer Regelungen
unter deutscher Vorherrschaft und von Lausanne stehen. Es handelte sich
zwar nur um teilweise, nicht um totale ethnische Säuberungen, aber sie ver-
mittelten dem Rest der Welt gleichwohl den Eindruck, dies sei immer noch
ein Mittel zur Lösung innerstaatlicher und zwischenstaatlicher Konflikte.
Die Idee des Nationalstaats, die gewaltsame Austragung ethno-­politischer
Konflikte und die konkreten Vorbilder aus Europa trugen dazu bei, dass
es in Indien und in Palästina ebenfalls zu umfassenden ethnischen Säube-
rungen kam. Während diese in Indien aufgrund der negativen Auswirkun-
gen auf die Wirtschaft und der Gefahr eines allumfassenden Bürgerkriegs
1948 eingedämmt wurden, nutzten die Zionisten ethnische Säuberungen
zu einer expansiven Landnahme. Für dieses Fait accompli gab es Vorbilder
in Ostmitteleuropa, woher zahlreiche jüdische Emigranten und die kriegs­
entscheidenden Waffenlieferungen stammten. Großbritannien wirkte in In-
dien und Palästina zwar nicht mehr als Treibfaktor ethnischer Säuberungen
wie in Europa, aber die abziehende Kolonialmacht unternahm nichts gegen
die inter-ethnische Gewalt oder förderte diese indirekt. Ein bleibender Un-
terschied zwischen Europa und Indien einerseits und dem Nahen Osten an-
dererseits liegt in der Bewältigung der massenhaften Bevölkerungsverschie-
bungen. Während die Flüchtlinge in Europa und Indien durch staatliche
Integrationsmaßnahmen unterstützt wurden, blieben die recht- und staaten­
losen Palästinenser ein Spielball der regionalen Mächte und ihres Revisionis-
mus. Das lag auch daran, weil es nie zu einer vertraglichen Regelung im Sinne
einer Zwangsaussiedlung oder einer dauerhaften Integration in den Auf­
nahmestaaten kam.
Die Utopie der Homogenität ließ sich trotz aller Gewaltmaßnahmen nir-
gendwo erreichen. In Polen entstanden neue Minderheitenprobleme, Ju-
goslawien, die Tschechoslowakei, Rumänien und Indien blieben Vielvöl-
kerstaaten, in Pakistan brachen unter der Decke der »Muslim Nation« bald
Konflikte auf. Nur Deutschland war so weitgehend homogenisiert wie es
den nationalsozialistischen Vorstellungen der »Volksgemeinschaft« entsprach,
wenngleich auf geschrumpftem Gebiet. Mit der Beseitigung oder Schwä-
chung nationaler Minderheiten hörte der Anpassungsdruck nicht auf, son-
dern richtete sich unter anderem gegen Flüchtlinge.
Doch zurück zu den Akteuren, die ethnische Säuberungen auslösten: In
der Literatur wird häufig dem verschlagenen Stalin die Schuld an der eth-
nischen Säuberung Ostmitteleuropas gegeben. Das Beispiel Rumäniens und
die Zurückhaltung der polnischen Landbevölkerung in Litauen und Belarus
widerlegen diese These. Es waren die Alliierten, die einvernehmlich die Ent-
scheidung zur Abtretung der polnischen und deutschen Ostgebiete, damit
zur Westverschiebung Polens und zur Beseitigung sämtlicher Minderheiten
Eine saubere Nachkriegsordnung (1944–1948) 237

im nördlichen Ostmitteleuropa fällten. Wie Detlef Brandes gezeigt hat, en-


gagierten sich Polen und vor allem die Tschechoslowakei für den »Transfer«,
wobei beide Länder 1945 noch nicht eindeutig dem sowjetischen Lager zuzu-
ordnen oder als Diktaturen anzusehen sind. Es handelte sich umso genannte
»Volksdemokratien«, in denen die Beseitigung von Minderheiten auf einem
breiten gesellschaftlichen Konsens beruhte.
Dagegen ließ Stalin nach 1945 im Inneren der Sowjetunion von dieser dra-
konischen Bestrafungsweise ab, obwohl er nach dem gewonnenen Krieg
die nötige Macht dazu besessen hätte und die Sowjetisierung der baltischen
Staaten und der Ukraine auf breiten und bewaffneten Widerstand stieß. Als
sich in der Tschechoslowakei 1948 ein stalinistisches Regime an die Macht
putschte, stellte dieses die bereits in Gang gekommene Deportationen eben-
falls ein und ließ sogar die Rückkehr der ungarischen Deportierten zu. Die
Abkehr von ethnischen Säuberungen geschah nicht etwa aus Menschen-
freundlichkeit, sondern weil nun andere Prioritäten herrschten: Die soziale
Homogenisierung und die Ausschaltung aller Gruppen, die nicht in die mar-
xistisch-leninistische Gesellschaftsordnung passten, so etwa Industrielle,
Kaufleute, Hausbesitzer und selbstständige Bauern. Die stalinistischen Re-
gimes behielten »nationale Abweichler« zwar stets im Auge, konzentrier-
ten ihre Politik aber auf die Utopie einer klassenlosen Gesellschaft und eines
neuen Menschen. Auch für die Nationalsozialisten waren ethnische Säube-
rungen letztlich sekundär. Seit dem Frühjahr 1941 standen der Angriff auf
die Sowjetunion, der totale Krieg und die Vernichtung der europäischen Ju-
den so sehr im Vordergrund, dass die geplanten Bevölkerungsverschiebun-
gen zurückgestellt wurden. Im Vergleich dazu waren die ethnischen Säube-
rungen in den mit Deutschland verbündeten Nationalstaaten in Zentral- und
Südosteuropa umfassender.
Die Beobachtung, dass ethnische Säuberungen kein spezifisches Kenn-
zeichen totalitärer Diktaturen waren oder sich diese als Akteure ambivalent
verhielten, führt zu einer weiteren Schlussfolgerung: Ethnische Säuberungen
waren ein Mittel von (nach heutigem Verständnis halbdemokratischen) Na-
tionalstaaten, unerwünschte gesellschaftliche Pluralität zu reduzieren und
ihre Macht zu stabilisieren. Jedes politische System hat einen Katalog an Re-
pressalien, die sich in krisenhaften Momenten zuspitzen. Im Falle des Natio-
nalsozialismus endete der rassistische Radikalnationalismus im Genozid, im
Falle der Sowjetunion führte der »Klassenkampf« während der Kollektivie-
rung zu einem staatlich gelenkten Soziozid. Die dunkle Seite des National-
staats und des Aufbaus einer nationalstaatlichen Ordnung auf internationa-
ler Ebene waren ethnische Säuberungen.
Dieser Befund bestätigt sich durch den Blick auf Großregionen jenseits
Europas, denn in Indien und im Nahen Osten erfolgten die ethnischen Säu-
berungen in dem Moment, als dort in Nachfolge des British Empire demo-
238 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

kratische Nationalstaaten errichtet werden sollten. Die von Michael Mann


versuchte Gleichung zwischen Demokratie und Ethnic Cleansing überzeugt
trotzdem nicht. 294 Nationalstaaten griffen vor allem in dem Moment zum
Mittel ethnischer Säuberungen, als die rechtsstaatliche Ordnung aufgrund
eines Krieges oder anderer Faktoren geschwächt war. Dadurch verwandel-
ten sich die Demokratien in Ethnokratien. Am radikalsten verliefen die eth-
nischen Säuberungen dort, wo sich demokratische Strukturen mit einer auto-
ritären Herrschaftspraxis verbanden. Bereits etablierte Demokratien waren
dagegen in der Lage, inter-ethnische Konflikte und die Folgen von Krieg und
Besatzung auf andere Weise aufzuarbeiten. Das Beispiel Dänemarks oder
Frankreichs in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zeigt dies. Umgekehrt
kann man anhand diverser Beispiele belegen, dass ethnische Säuberungen de-
mokratische Strukturen schwächen. In Polen und vor allem in der Tschecho-
slowakei gehören sie zu den Voraussetzungen der kommunistischen Macht-
ergreifung.
Ethnische Säuberungen bedeuten daher auch für die ausführenden Staa-
ten und Gesellschaften einen großen Verlust. Das gilt erst recht, wenn man
einen Blick auf die Lebenswelten der betroffenen Regionen wirft. Nur we-
nige europäische Städte, die ethnisch gesäubert wurden, weisen heute ein so
reiches gesellschaftliches und kulturelles Leben auf wie vor 1938, auf dem
Land waren die Verwüstungen dauerhaft. Im Riesengebirge, im Böhmerwald
oder in den Beskiden sind bis heute Leerstellen geblieben, die man nur auf
ausgedehnten Wanderungen oder mit Luftbildern erkennen kann. Im Win-
ter, wenn das Laub gefallen ist, sind vom Flugzeug aus die Fundamente zer-
störter Häuser und Dörfer zu erkennen, im Sommer bemäntelt der Wald die
Spuren der Zerstörung. Verlust ist vielleicht ein gemeinsamer Nenner, auf das
sich alle betroffenen Individuen, Gesellschaften und Staaten im Abstand von
zwei Generationen einigen können.
Die mittel- und langfristigen Verluste sowie die kaum zu bewältigenden
unmittelbaren Folgen waren es auch, die im Laufe der Nachkriegszeit zu
einer Distanzierung von ethnischen Säuberungen führten. Die Wirkung der
UN-Konvention zum Genozid wird dabei in jüngster Zeit überschätzt, denn
sie wurde in den ersten vierzig Jahren nach ihrer Verabschiedung kaum an-
gewandt. Die Akteure des anti-griechischen Pogroms in Istanbul vom Sep-
tember 1955, das Verhalten der Konfliktparteien in Zypern 1974/75 und noch
weit umfangreichere Bevölkerungsverschiebungen in der Dritten Welt wur-
den nicht im Rahmen der Genozidkonvention verhandelt oder kritisiert. 295

294 Mann behandelt in seinem Buch fast ausschließlich autoritäre Systeme oder Dikta-
turen. Vgl. Mann, Democracy and Ethnic Cleansing.
295 Vgl. zu ethnischen Säuberungen mit einer globalen Perspektive Stephane Rosière,
Le nettoyage ethnique. Terreur et peuplement, Paris 2006.
Das ehemalige Jugoslawien und der Kaukasus (1991–1999) 239

Wichtiger erscheint, dass sich in Großbritannien und in den USA infolge


der Frontstellung des Kalten Krieges ein Menschenrechtsdiskurs durch-
setzte, der durch die Studentenbewegung von 1968 universalisiert und ge-
sellschaftlich verankert wurde. Im sowjetischen Machtbereich führte die
De-Stalinisierung zu einem Paradigmenwechsel und zu einer Revision der
Deportationen der 1940er Jahre. Nur die Wolgadeutschen, die Krimtataren
und die polnischen Ukrainer mussten bis 1988/89 in der Verbannung blei-
ben. Schließlich ist die Entwicklung auf dem indischen Subkontinent zu be-
achten. Die Vereinbarungen zwischen der indischen und pakistanischen Ar-
mee von Ende 1947 zur gegenseitigen Evakuierung von Flüchtlingen dienten
auch humanitären Zwecken und waren nicht mit dem explizit formulierten
Ziel einer ethnischen Homogenisierung verbunden. Mit dem Nehru-Liaquat
Abkommen von 1950 versuchten beide Länder sogar eine Kehrtwende hin
zu multi-ethnischer Koexistenz. Die Pariser Friedenskonferenz von 1946/47
markiert daher in der völkerrechtlichen Praxis ethnischer Säuberungen einen
Endpunkt – und belegt nebenbei erneut die These von der Europäizität die-
ses Phänomens.
Groß angelegte Bevölkerungsverschiebungen wie gemäß dem Potsdamer
Abkommen lassen sich nur durchführen, wenn ein internationaler oder zu-
mindest regionaler Konsens dafür vorhanden ist. Der langfristige Werte­
wandel in diesem Bereich und die lange Friedensperiode in der Nachkriegs-
zeit waren wichtige Faktoren, warum es in Europa zwischen 1948 und 1989
zu keinen ethnischen Säuberungen mehr kam, sondern nur noch zu ethni-
schen Migrationen mit einem höheren Grad an Freiwilligkeit.

3.4 Geister der Vergangenheit:


Das ehemalige Jugoslawien und der Kaukasus (1991–1999)

Auch wenn die räumlichen und demographischen Dimensionen der ethni-


schen Säuberungen in den 1990er Jahren wesentlich geringer sind als in frü-
heren Perioden, ist der Fall des ehemaligen Jugoslawiens unumgänglich für
eine einschlägige Synthese. Von dort aus breitete sich der Terminus der ethni-
schen Säuberung (serbokroatisch etničko čišćenje) in den westlichen Medien
und anschließend der Forschung aus. Infolge der schweren Menschenrechts-
verletzungen und Kriegsverbrechen wurde in Den Haag der Internationale
Gerichtshof für das ehemalige Jugoslawien gegründet, dessen Prozesse eine
wichtige Quellenbasis liefern, um die Motive der abgeurteilten Täter und
die Dynamik der Gewalt zu verstehen. Doch trotz der Flut an sozialwissen-
schaftlichen Publikationen in den 1990er Jahren besteht ein wichtiger Un-
terschied zu den früheren drei Perioden ethnischer Säuberungen: Die histo-
rische Aufarbeitung des Konflikts im ehemaligen Jugoslawien steht erst am
240 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Anfang. Nach wie vor ist der Zugang zu wichtigen Akten in Serbien, Kroa­
tien sowie Bosnien und Herzegowina gesperrt, anhand derer sich die Pla-
nung und Umsetzung dieser die Weltöffentlichkeit schockierenden Vorgänge
genauer analysieren ließe.
In der Schockwirkung und der einhelligen internationalen Ablehnung mas-
senhafter Zwangsmigrationen liegt einer der entscheidenden ­Unterschiede
zur Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Die fehlende Zustimmung der Groß-
mächte und der Nachbarstaaten dämmte die ethnischen Säuberungen ein
und führte nach dem Friedensabkommen von Dayton sogar zur Rückkehr
von Flüchtlingen. Dies bedeutet zugleich, dass die ethnischen Säuberungen
im ehemaligen Jugoslawien sehr eng mit dem Verlauf des Krieges zusammen-
hängen und primär in diesem Kontext zu analysieren sind. Der im Vergleich
zu den ersten drei Perioden völlig unterschiedliche internationale Umgang
mit dem Konflikt – Eindämmung statt Ausweitung der Bevölkerungsver-
schiebungen, Ablehnung einer vertraglich geregelten Zwangsaussiedlung –
hatte jedoch nur begrenzte Wirkung. Da die Gesellschaften im ehemaligen
Jugoslawien derartige Gewalttaten ebenfalls zu einer großen Mehrheit ab-
lehnten, bedarf die Frage, warum radikale Nationalisten so umfassende eth-
nische Säuberungen veranlassen konnten, einer näheren Erklärung. Dies gilt
auch für die Konfliktgebiete in der ehemaligen Sowjetunion, wo ebenfalls
eine relativ kleine Zahl radikal-nationalistischer Akteure eine massenhafte
Flucht auslöste.
Die einhellige Verurteilung ethnischer Säuberungen, die unbefriedigende
Aktenlage und der globale Trend zu Opfernarrativen haben dazu geführt, dass
sich die existierende Literatur über das ehemalige Jugoslawien überwiegend
auf eine normative und stark politisierte Opferperspektive konzentriert. Wie
wacklig deren Grundlagen sind, zeigt jedoch die Revision der Opferzahlen,
die zunächst im Auftrag der bosnischen Regierung, dann mit Unterstützung
der norwegischen Regierung von einer seriösen Nichtregierungsorganisa-
tion erhoben wurden. Wie das unabhängige Forschungs- und Dokumentati-
onszentrum in Sarajevo (Istraživačko dokumentacioni centar) unter der Lei-
tung von Mirsad Tokača erarbeitet hat, sind die geläufigen Opfer­zahlen von
200.000 bis 250.000 Kriegstoten in Bosnien und Herzegowina um etwa das
Doppelte überhöht und betragen weniger als 100.000 nachweisbare Fälle. 296
Die Korrektur der Opferzahlen betrifft vor allem die muslimischen Bosnia-
ken, die zwar in der Tat die bei weitem meisten Verluste unter der Zivilbevöl-
kerung zu beklagen hatten, aber nicht die alleinigen Opfer waren.
Der Anteil der Serben an allen Kriegstoten in Bosnien und Herzegowina
liegt mit etwa einem Viertel gar nicht so weit unter ihrem Anteil an der Ge-

296 Vgl. dazu die Dokumentation auf der Webpage des IDZ unter http://www.idc.org.
ba/index.php [20.2.2011].
Das ehemalige Jugoslawien und der Kaukasus (1991–1999) 241

samtbevölkerung von etwa einem Drittel vor dem Ausbruch des Konflikts.
Im Unterschied zu den Bosniaken waren die serbischen Opfer zu 80 Prozent
Soldaten, was mehr Licht auf den Verlauf des Konflikts und die Asymmetrie
der Macht wirft als jede Schuldzuweisung. Das serbische Militär war effektiv
bei der Verteidigung der eigenen Zivilbevölkerung, griff jedoch die Kriegs-
gegner vor allem auf dieser Ebene an.
Revidierte Zahlen müssen nicht automatisch zu einem revisionistischen
Geschichtsbild führen, aber sie stellen indirekt die Opfernarrative der 1990er
Jahre infrage, die es selbst zu historisieren gilt, da sie Bestandteil des Krieges
waren. Jedenfalls kann die Behauptung der normativistischen Schule um Sab-
rina Ramet, dass eigentlich nur eine Seite Opfer gewesen sei und die Schluss-
folgerung, dass daher die andere Seite ausschließlich als Täter zu betrachten
sei, nicht aufrechterhalten werden. Auch der Begriff des Genozids, den die
bosnische Regierung mit Blick auf die westliche Staatengemeinschaft bereits
während des Krieges und zur Bewältigung von dessen Folgen einforderte,
sollte mit Vorsicht behandelt werden. Gemessen an früheren Perioden und
Einzelfällen sind die massenhafte Flucht und Vertreibung – zu einer vertrag-
lich sanktionierten Zwangsaussiedlung kam es wie erwähnt nicht – von Bos-
niaken, Serben und Kroaten als ethnische Säuberung zu bezeichnen. Dafür
spricht nicht zuletzt die Relation von Flüchtlingen und Todesopfern, die bei
2,2 Millionen gegenüber 100.000 liegt, wobei in dieser Zahl mehr als 50.000
gefallene Soldaten eingerechnet sind. Wie es zum Massenmord von Srebre-
nica an 7.000 bosniakischen Männern als Fanal des Krieges in Bosnien und
Herzegowina kommen konnte, wird noch eingehend erklärt. Im Übrigen
bietet die Reduktion der Opferzahlen wie bereits in vorherigen Kapiteln kei-
nen Anlass zu einer Relativierung individueller Verbrechen. Das Wüten pa-
ramilitärischer Verbände und offizieller Armee-Einheiten, die zeitweiligen
Konzentrationslager in Nordbosnien und die Massaker in den vorgeblich von
der UNO gesicherten Enklaven bleiben – gemessen an der Befriedung Euro-
pas seit 1945 – Symbole eines Zivilisationsbruches. Dafür steht nicht zuletzt
der Begriff ethnische Säuberung, in dem anders als bei technokratischen Ter-
mini wie Bevölkerungsaustausch, Transfer oder Umsiedlung die Ablehnung
des Vorgangs bereits enthalten ist. So viel zur voraussehbaren Kritik an dem
vorliegenden Buch, hier werde ein menschenverachtender Begriff verwendet.
Auch wenn man die diversen Verhandlungen und Händel mit dem serbi-
schen Partei- und Staatsführer Slobodan Milošević und die zögernde und
manchmal widersprüchliche Politik der internationalen Staatengemeinschaft
ex post kritisieren mag, 297 konnte doch eine Ausweitung der ethnischen

297 Vgl. dazu sehr früh und schlüssig eine der wichtigsten VertreterInnen der »realpoli-
tischen« Schule, Susan Woodward, Balkan Tragedy. Chaos and Dissolution after the Cold
War, Washington D. C. 1995.
242 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Säuberungen auf das gesamte Jugoslawien und seine Nachbarstaaten verhin-


dert werden. Das gilt ebenfalls für die ehemalige Sowjetunion, auf die aus
Platzgründen weniger eingegangen werden kann. Dort beschränkten sich
die ethnischen Säuberungen auf kleinere Gebiete wie Abchasien, Südossetien
und Berg-Karabach. Der Konflikt im ehemaligen Jugoslawien von 1991–1995
blieb auf zwei ehemalige Teilrepubliken bzw. näher betrachtet auf bestimmte
Regionen Kroatiens und Bosnien-Herzegovinas sowie mit ein paar Jahren
Abstand auf den Kosovo begrenzt. Während die internationale Diplomatie
bis 1948 mehrfach eine Ausweitung ethnischer Säuberungen mitver­ursachte,
war ihre Rolle in den 1990er Jahren weit konstruktiver.

Der Zerfall Jugoslawiens

Wer die ethnischen Säuberungen im ehemaligen Jugoslawien erklären will,


muss zunächst mit dem Zerfall dieses Staates beginnen, wobei die Anwen-
dung massenhafter Gewalt und das Ende des kommunistischen Jugoslawiens
getrennt zu betrachten sind. Im Jahr 1990 war die Bundesrepublik Jugosla-
wien aufgrund der Wirtschaftskrise der 1980er Jahre und der hohen Aus-
landsschulden de facto bankrott. Eine Aufrechterhaltung des Staates hätte
umfangreicher Zahlungstransfers zwischen den Teilrepubliken sowie zu-
gunsten der Zentralregierung in Belgrad bedurft. Da zudem keine Einigkeit
über die nötigen Wirtschaftsreformen bestand, war der Zerfall des Landes
schon allein aus diesem Grund kaum vermeidbar. Ein zweiter langfristiger
Faktor war die Föderalisierung Jugoslawiens nach der Verfassungsreform
von 1974. Die Teilrepubliken drifteten anschließend immer weiter auseinan-
der, was abgesehen von den politischen und wirtschaftlichen Folgen erheb­
liche Auswirkungen auf das Schulwesen und die dort vermittelten Ge-
schichtsbilder hatte. Die drei ideologischen Säulen des kommunistischen
Staates, der Partisanenmythos, der Antifaschismus und die brüderliche Ein-
heit der Völker wurden sukzessive durch konflikthafte Erinnerungen und
aktuelle politische Differenzen verdrängt. Drittens versuchte der General-
sekretär des Bundes der Kommunisten Serbiens, Slobodan Milošević, die
Krise des wirtschaftlichen und politischen Systems durch eine Rezentralisie-
rung zu bewältigen. Dies gelang ihm zwar innerhalb Serbiens, wo er 1989 die
Autonomie des Kosovo und der Vojvodina staatsstreichartig aufheben ließ,
verstärkte aber den Sezessionismus in Slowenien und Kroatien.
Viertens – und erst jetzt kommt dem Nationalismus eine entscheidende
Bedeutung zu – versuchten sämtliche Konfliktparteien, die Bevölkerung mit
nationalistischer Propaganda und Symbolen für ihre Ziele zu mobilisieren.
Der Auftakt dazu war die Rede von Miloševič auf dem Amselfeld von 1989,
in der er die Serben als ein erniedrigtes und bedrohtes Volk darstellte. Mit
Das ehemalige Jugoslawien und der Kaukasus (1991–1999) 243

dieser Meinung stand er nicht allein. Bereits Mitte der 1980er Jahre hatten
sich der Belgrader Patriarch und die Serbische Akademie der Wissenschaften
in der berüchtigten Deklaration von 1986 ähnlich geäußert – bis hin zur auf-
putschenden Behauptung eines Genozids.
Franjo Tudjman konterte diesen vermeintlich defensiven, de facto aber
höchst aggressiven Nationalismus in Kroatien. Der ehemalige JNA-General-
major, der wegen nationalistischer Schriften während des Kroatischen Früh-
lings 1971 zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden war, führte 1991 die
Flagge und die Währung aus der Zeit der Ustaša wieder ein und verharmloste
die genozidalen Verbrechen während des Zweiten Weltkrieges. Dieser Rekurs
auf nationalistische Symbole steigerte die durch generationelle Überlieferun-
gen begründeten und von Milošević angeheizten Ängste der serbischen Min-
derheit. Außerdem gab Tudjman in der Unabhängigkeitserklärung kein Be-
kenntnis zu Minderheitenrechten ab.
Eine zweite Frage ist, warum der Konflikt 1991/92 zu einem gewaltsam
ausgetragenen Bürgerkrieg eskalierte. Grundsätzlich standen 1990 zwei Va-
rianten der staatlichen Ordnung für das zerfallende Jugoslawien im Raum,
die Unabhängigkeit der sezessionistischen Teilrepubliken auf der Basis der
bestehenden Republikgrenzen oder eine Neuordnung anhand ethnischer
Trennlinien. Während Slowenien, Kroatien und das zunächst zögernde Bos-
nien und Herzegowina für die erste Option eintraten und sich auf dieser
Basis für unabhängig erklärten, wollten das die serbischen Eliten keinesfalls
akzeptieren.
Die rhetorische Aufrüstung war von einer militärischen Hochrüstung be-
gleitet, die von Anfang an in einem völlig ungleichen Kräfteverhältnis resul-
tierte. Während Serbien und die serbischen Minderheiten in Kroatien und
Bosnien einen Großteil der Waffen der Jugoslawischen Volksarmee (JNA)
unter ihre Kontrolle bringen konnten, waren die kroatische und die bosni-
sche Regierung auf Waffenlieferungen aus dem Ausland, insbesondere der
nationalistischen Diaspora angewiesen. Fatal war außerdem ein weiteres
Erbe der jugoslawischen Armee, das auf der Weltkriegserfahrung beruhende
Konzept der regionalen und lokalen Selbstverteidigung, das die Bevölkerung
für einen Guerillakampf ausgebildet und massenhaft Waffen in Umlauf ge-
bracht hatte.
Die nationalistische Rhetorik von Milošević, Tudjman und ihren Gefolgs-
leuten hat oft den Eindruck erweckt, als ob sich die Bevölkerung des ehema-
ligen Jugoslawiens massenhaft vom Nationalismus habe mobilisieren lassen.
Als sich im Sommer 1991 ein Bürgerkrieg abzeichnete, war jedoch das Ge-
genteil der Fall. Besonders in Serbien versuchte sich ein hoher Anteil der Re-
servisten und Rekruten der Einberufung zu entziehen. Der Politologe Chip
Gagnon hat daher eine überzeugende Gegenthese aufgestellt. Seiner Ansicht
nach diente die nationalistische Rhetorik und Gewalt vor allem dazu, die in
244 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

der zweiten Hälfte der 1980er Jahre immer lauteren Forderungen nach poli-
tischen und wirtschaftlichen Reformen zu ersticken, die Bevölkerung zu de-
mobilisieren und die Macht der alten Eliten zu bewahren. 298 Einen ethnischen
Konflikt – ein in den neunziger Jahren in den Medien und der Wissenschaft
dominanter Begriff – oder die viel zitierten »ancient hatreds« habe es in Ju-
goslawien nicht gegeben, sondern es handle sich um einen politisch gesteu-
erten Prozess. Diese These wird von maßgeblichen deutschen Experten wie
Holm Sundhaussen geteilt. 299
Die mangelnde Mobilisierung der JNA hatte jedoch den unerwünschten
Nebeneffekt, dass sie zu einer Privatisierung des Krieges führte. Milošević
und die Führung der JNA griffen Ende 1991 zuerst in Kroatien, dann im
Frühjahr 1992 in Bosnien auf paramilitärische Verbände wie die »Tiger« des
berüchtigten Arkan (Željko Ražnatović) zurück, um das Kriegsziel eines
Großserbien unter Einschluss aller von Serben bewohnten Gebiete im ehe-
maligen Jugoslawien zu erreichen. Kampfeinheiten, denen sich mehrheitlich
Arbeitslose, Asoziale und Kriminelle anschlossen, waren für die schwers-
ten Kriegsverbrechen verantwortlich.300 Wie in vergleichbaren Fällen reich-
ten einige Tausend Mann aus, um mehrere Millionen Menschen in Angst und
Schrecken zu versetzen.

Kroatien, Bosnien und Herzegowina

Im Verlauf des Konflikts im ehemaligen Jugoslawien lassen sich verschiedene


Phasen unterscheiden. Die gescheiterte Intervention der JNA gegen die Un-
abhängigkeitserklärung Sloweniens im Juni 1991 besiegelte den Zerfall des
föderalen Staates und war zugleich der Auftakt zur Anwendung von Gewalt.
Während Milošević Slowenien ziehen ließ, kündigten die serbischen Eliten
in Belgrad und in den ländlichen Siedlungsgebieten der Minderheit gewaltsa-
men Widerstand gegen die Unabhängigkeit Kroatiens an. Dort lebten in Sla-
wonien und der Region um Knin etwa 600.000 Serben in jenen Gebieten, die
bereits während des Zweiten Weltkrieges Schauplatz massenhafter Gewalt
waren. Die radikalnationalistischen Anführer der Minderheit entwaffneten
die kroatische Polizei, besetzten strategische Positionen, töteten Angehö-
rige der kroatischen Eliten und Anhänger des multiethnischen Jugoslawiens.

298 Vgl. Valère P. Gagnon, The Myth of Ethnic War. Serbia and Croatia in the 1990s,
Ithaca 2004.
299 Vgl. Holm Sundhaussen, Der Zerfall Jugoslawiens und dessen Folgen, in: Aus
Politik und Zeitgeschichte Nr. 32, 2008, zugänglich unter http://www.bundestag.de/das
parlament/2008/32/Beilage/002.html [16.8.2010, dort S. 2].
300 Vgl. zum Sozialprofil dieser Akteure Marie-Janine Calic, Krieg und Frieden in Bos­
nien-Hercegovina. Erweiterte Neuausgabe, Frankfurt a. M. 1995, S. 141–148.
Das ehemalige Jugoslawien und der Kaukasus (1991–1999) 245

Zum Symbol des zerstörerischen serbisch-kroatischen Krieges wurde das


ostslawonische Vukovar. Schwere Artillerie der JNA machte die Stadt dem
Erdboden gleich, nach dem serbischen Einmarsch erschossen paramilitäri-
sche Einheiten sogar wehrlose Krankenhauspatienten.301 Die exzessive Ge-
walt vom Sommer und Herbst 1991 zielte darauf ab, die noch existierende
multiethnische Gesellschaft zu spalten, Abweichler innerhalb der eigenen
Nation auf Linie zu bringen und die noch verbliebenen Kroaten zur Abwan-
derung zu bewegen. Innerhalb von drei Monaten gelang es den serbischen
Einheiten, etwa ein Drittel Kroatiens zu besetzen und einen Großteil der
dortigen kroatischen Bevölkerung in die Flucht zu schlagen.
Der Landgewinn in Kroatien ermutigte die serbischen Nationalisten, in
Bosnien ähnlich wie in Kroatien vorzugehen. Noch bevor die Teilrepublik
Bosnien und Herzegowina nach einem von den Serben boykottierten Ple-
biszit die Unabhängigkeit erklären konnte, brach dort ebenfalls ein Bürger-
krieg aus. Die JNA brachte mit Hilfe paramilitärischer Verbände innerhalb
weniger Monate fast ganz Ost- und Nordbosnien unter serbische Kontrolle.
Dabei kam es noch häufiger als in Kroatien zu symbolischer Gewalt wie öf-
fentlichen Hinrichtungen, Vergewaltigungen vor den Augen von Familien-
angehörigen oder der Schändung von Leichen, um die nicht-serbische Be-
völkerung zur Flucht zu bewegen. Wehrfähige Männer wurden in rasch
eingerichtete Lager eingewiesen, damit sie sich nicht der hastig aufgebau-
ten Armee von Bosnien und Herzegowina anschließen konnten. Der Wes-
ten protestierte gegen die extreme Gewalt, verhängte aber neben schwachen
wirtschaftlichen Sanktionen gegen Rumpfjugoslawien nur ein Waffenem-
bargo. Dieses Embargo hatte zum Ziel, die Kämpfe nicht weiter ausufern zu-
lassen, zementierte jedoch das militärische Ungleichgewicht.
Milošević und seine regionalen Verbündeten in Kroatien und Bosnien sa-
hen im Sommer 1992 wie die sicheren Sieger eines kurzen Krieges aus. Dies
ist eine Erklärung dafür, warum die ethnischen Säuberungen in dieser ersten
Phase weder flächendeckend noch total waren und bestimmte Regionen wie
das nordwestbosnische Bihać, wo ein lokaler muslimischer Unternehmer die
Macht errungen hatte, verschont blieben. Milošević wollte ein Groß­serbien
errichten, aber das primäre Ziel seines regionalen Imperialismus war die poli-
tische und militärische Kontrolle, keine völlige demographische Umgestal-
tung. In Serbien selbst und seinen ethnisch gemischten Teilregionen Vojvodina
und Kosovo oder im muslimisch dominierten Sandžak kam es abgesehen von
politischen Repressionen zu keinen Gewaltausbrüchen. Ein Belgrader Mas-
terplan zur Vertreibung sämtlicher Minderheiten aus den besetzten Gebieten
ist daher bis heute nicht bekannt und wird vermutlich nie entdeckt werden.

301 Vgl. dazu den »Vukovar Hospital«-Prozess in Den Haag http://www.icty.org/case/


mrksic/4 [14.8.2010].
246 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Radikaler verhielten sich die regionalen Verbündeten Belgrads in der kro-


atischen Krajina und in Bosnien, die sich dem Einfluss von Milošević zu-
nehmend entzogen. Die Staats- und Armeeführung der 1992 ausgerufenen
Republika Srpska zielte eindeutig auf eine Vertreibung aller Bosniaken und
Kroaten ab und schonte ebenso wenig versöhnungsbereite Serben. Dies lag
in der Logik eines auf einem ethnisch-exklusiven Nationalismus beruhenden
Sezessionismus, der nicht mit dem regionalen Imperialismus von Milošević
gleichgesetzt werden sollte. Aber die JNA und der Serbische Staatsicherheits-
dienst (SDB) unterstützen Karadžić und die Armee der Republika Srpska
(Vojske Republike Srpske, VRS) durch die Lieferung von leichten und schwe-
ren Waffen, die dann vor Ort gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt wurden.
Welche Motive lagen der außergewöhnlichen Brutalität zugrunde, mit der
zahlreiche Mitglieder der Territorialverteidigung (Teritorijalna Obrana), der
Polizei, der JNA und dann der VRS gegen Muslime und Kroaten vorgingen?
Entscheidend für die Mobilisierung von Soldaten und paramilitärischen Ein-
heiten war die Behauptung einer tödlichen Bedrohung sowie der Aufruf zum
Schutz der engeren Heimat und der eigenen Familien. Die mutwillige und ex-
zessive Gewalt gegenüber den Bosniaken bestätigte die nationalistische Pro-
paganda auf perverse Art, denn ein Gegner, gegen den man so hart vorging,
musste aus Sicht der einfachen Soldaten tatsächlich eine schwere Bedrohung
darstellen. Die serbische Feindpropaganda wirkte außerdem deshalb, weil sie
an die tatsächlich erlittenen und nie aufgearbeiteten Traumata während des
Zweiten Weltkrieges anschließen konnte. Die Fortwirkung dieser Traumata
kann man indirekt an den Schwerpunkten der Gewaltexzesse ablesen. Diese
lagen 1992 in der kroatischen und bosnischen Krajina, dem Drinatal in Ost-
bosnien und in Nordbosnien, allesamt Regionen, in denen die Verbrechen
der Ustaša zwei Generationen zuvor besonders viele Menschenleben gekos-
tet hatten. Insgesamt gab es in dieser ersten Phase des Krieges und der damit
verbundenen ethnischen Säuberungen die meisten zivilen Opfer.
Im Sommer 1992 formierte sich bewaffneter Widerstand, dessen Effektivi-
tät die serbische Seite überraschte. Die Hauptstadt Sarajevo konnte sich trotz
der Übermacht der VRS halten. In der zweiten Jahreshälfte und Anfang 1993
gelang es der Armee von Bosnien und der Herzegowina (ABiH) unter der
Führung des Hauptmannes Naser Orić sogar, Teile Ostbosniens um Srebre-
nica zu befreien. Die regierungstreue Armee griff dabei auf die in der JNA
antrainierte Strategie des Guerillakrieges zurück. Kleinere Einheiten schlu-
gen sich hinter die serbische Front durch, wo sie Anschläge verübten oder wie
in Ostbosnien größere Gebiete unter ihre Kontrolle brachten.
Diese Gegenangriffe, die zähe Verteidigung der von der bosnischen Regie-
rung gehaltenen Gebiete sowie der heraufziehende bosniakisch-kroatische
Konflikt markieren eine zweite Phase des Krieges und der ethnischen Säube-
rungen. Infolge der Intensivierung des Krieges wurde die in der Republika
Das ehemalige Jugoslawien und der Kaukasus (1991–1999) 247

Srpska verbliebene bosnische und kroatische Zivilbevölkerung 1993 nahezu


restlos vertrieben. Die militärische Ratio dieser Maßnahmen war, den Nach-
schub für Guerilla-Einheiten abzuschneiden und eine flächendeckende Kon-
trolle des besetzten Territoriums aufzubauen. Die verlorenen Gebiete um
Srebrenica wurden zurückerobert, die letzten noch von Muslimen gehalte-
nen Dörfer im gebirgigen Ostbosnien erobert und die drei verbliebenen mus-
limischen Enklaven Žepa, Goražde und Srebrenica auf einen Restbestand re-
duziert.302 Die durch die bosnisch-serbische Armee veranlassten ethnischen
Säuberungen gingen im Vergleich zu 1992 quantitativ zurück, wurden aber
für die Flüchtlinge noch traumatischer als zuvor. Die im serbischen Macht-
bereich verbliebenen Bosniaken wurden nicht mehr in Busse gesetzt wie im
Sommer 1992, sondern mussten häufig über mehrere Etappen fliehen und
wurden sogar noch während der Flucht durch die Wälder mutwillig beschos-
sen. Zudem belegte die VRS mögliche Aufnahmeorte wie Sarajevo mit Artil-
leriefeuer, um die Kriegsgegner zu zermürben. Die Bedingungen der Flucht
und der Aufnahme verschlechterten sich daher noch einmal drastisch, trotz
der Versuche des Westens humanitäre Hilfe zu leisten.
Die bosnischen Serben setzten sich im zweiten Jahr des Konflikts mili-
tärisch fast überall durch, verloren den Krieg aber an einer anderen, mit-
entscheidenden Front: den der internationalen Medien und Politik. Zeitun-
gen und sogar Fernsehstationen aus aller Welt berichteten über den Konflikt
und übertrugen täglich Bilder aus dem belagerten Sarajevo, wo wöchentlich
und manchmal täglich Dutzende von Zivilisten bei feigen Artillerieangriffen
auf Lebensmittelmärkte und Brunnen mit Trinkwasser starben. Unter den
5.600 zivilen Opfern waren 1.133 Serben – an keinem anderen Ort in Bosnien
kamen mehr serbische Zivilisten ums Leben.303 Die Medienmacht veränderte
die Asymmetrie zwischen militärischer Macht und der Zivilbevölkerung
zwar nicht direkt, aber die Weltöffentlichkeit konnte nicht mehr so gleich-
gültig bleiben wie bei früheren ethnischen Säuberungen. Serbien und seine
Verbündeten wurden politisch als Aggressoren isoliert, die Vereinten Natio-
nen erklärten einen Großteil der unter Kontrolle der bosnischen Regierung
verbliebenen Gebiete zu »United Nations Safe Areas«. Ein Fait accompli, wie
es Milošević 1991/92 geplant hatte, war im Rahmen dieser veränderten inter­
nationalen Lage nicht mehr möglich.
Die Bemühungen der UNO zur Stabilisierung von Bosnien und Herze-
gowina auf der Basis des territorialen Status Quo fruchteten jedoch wenig,

302 Vgl. zum Verlauf des Krieges in Ostbosnien die CIA-Analyse Balkan Battle­
grounds, S. 184–186.
303 Die Opferzahlen von Sarajevo sind auf der Webpage des IDZ zugänglich. Vgl. http://
www.idc.org.ba/index.php?option=com_content&view=section&id=35&Itemid=126&l
ang=bs [2.8.2010].
248 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

weil sich eine zweite Front im Bürgerkrieg auftat. Bereits Ende 1992 kam es
zu ersten Scharmützeln zwischen bosnischen Regierungstruppen und kroa-
tischen Einheiten. Es ging dabei um die Macht über gemischt besiedelte Ge-
biete in Zentralbosnien. Indirekter Anlass der Kämpfe waren die Verhand-
lungen über eine Kantonalisierung von Bosnien und Herzegowina nach dem
Vance-Owen-Plan, der im Auftrag der UNO eine Unterteilung des Landes
in zehn territoriale Einheiten vorsah. 304 Diese verkappten Teilungspläne und
ihre mehrfache Änderung entsprechend der Machtbalance in Bosnien-Her-
zegowina machten Landgewinne zu einem strategischen Imperativ vor den
erwarteten Friedensverhandlungen. Da sich die Verteilung des Landes wie-
derum nach Bevölkerungsstatistiken vor und während des Krieges richtete,
wirkte dies wie ein Katalysator weiterer ethnischer Säuberungen.
Im April 1993 eskalierte der schwelende kroatisch-bosniakische Konflikt
im mittelbosnischen Lašva-Tal zu einem Flächenbrand, für den symbolisch
die Sprengung der alten Brücke in Mostar steht. Zunächst befanden sich die
kroatischen Truppen auf dem Vormarsch und verübten unter anderem das
Massaker von Ahmići. Dabei gingen Einheiten der Bosnisch-Kroa­tischen Ar-
mee (HVO) von Haus zu Haus, brachten die noch verbliebene Dorfbevölke-
rung um und machten dann die gesamte Ortschaft dem Erdboden gleich. 305
Ab Juni 1993 erlitt die HVO jedoch eine Reihe von unerwarteten Niederla-
gen. Dies lag nicht zuletzt an der verheerenden Flüchtlingskrise, die Zehn-
tausende von jungen bosniakischen Männern obdachlos machte und in die
Arme der regierungstreuen bosnischen Armee trieb. Die Bosniaken waren
den Kroaten in Bosnien und Herzegowina rein zahlen­mäßig um das Zweiein-
halbfache überlegen und befanden sich auch gegenüber den Serben in einem
deutlichen Übergewicht. Dieser Unterschied an »Manpower« – so die mili-
tärische Sprache der CIA-Analyse über die »Balkan Battle­grounds« – glich
die schlechtere Bewaffnung der ABiH zumindest teilweise aus. Aufgrund
der Niederlagen war ein kroatisches Fait accompli zu Lasten der Bosniaken
ausgeschlossen. Die USA nutzten die neue Situation, um eine bleibende Alli-
anz zwischen Zagreb und Sarajevo zu schmieden – die einzige Möglichkeit,
die bosnische Armee aufzurüsten und die VRS in die Defensive zu drängen.

304 Vgl. zum Vance-Owen-Plan und seinen diversen Varianten Steven L. Burg, Paul
S. Shoup, The War in Bosnia-Hercegovina. Ethnic Conflict and International Interven­
tion, Armonk 1999, S. 189–262.
305 Balkan Battlegrounds, S. 192. Details dieser und anderer kroatischer Kriegsver-
brechen wurden u. a. in dem ICTY-Prozessen gegen Mitglieder einer Spezialeinheit der
HVO behandelt. Vgl. dazu http://www.icty.org/case/bralo/4 [17.8.2010]. Vgl. außerdem
den Prozess gegen den HVO-General Tihomir Blaškić unter http://www.icty.org/case/
­blaskic/4. Vgl. insgesamt zu diesem Konflikt Željko Ivankonić und Dunja Melčić, Der bos-
niakisch-kroatische »Krieg im Kriege«, in: Dunja Melčić (Hg.), Der Jugoslawien-Krieg.
Handbuch zu Vorgeschichte, Verlauf und Konsequenzen, Opladen 1999, S. ­423–445.
Das ehemalige Jugoslawien und der Kaukasus (1991–1999) 249

Die Ankunft immer neuer Flüchtlinge führte zugleich zu einer neuen ge-
sellschaftlichen Dynamik. Hunderttausende brauchten ein Dach über dem
Kopf und übten Druck auf die noch vorhandenen Minderheiten aus. Vor der
Gegenoffensive der bosnischen Armee in Zentralbosnien beispielsweise flo-
hen 60.000 Kroaten,306 wohl auch deshalb, weil sie keinesfalls in dem von
der Kriegspropaganda dämonisierten »islamischen Staat« leben wollten. Der
Zerfall von Bosnien und Herzegowina in ethnisch konsolidierte Teilgebiete
schritt weiter voran.
1995 traten der Krieg und die damit verbundenen ethnischen Säuberungen
in ihre finale Phase. Die kroatischen und die bosnischen Serben waren durch
verschiedene Faktoren geschwächt, die zuletzt sogar von Milošević mitgetra-
gene internationale Isolation, und vor allem ein militärisches Problem. Ob-
wohl die bosnischen Serben nur ein Drittel der Bevölkerung von Bosnien und
Herzegowina stellten, hielten sie mehr als zwei Drittel des Landes besetzt. In
Kroatien war diese Ratio noch ungünstiger. Die Situation hinter der Front
schien durch die ethnischen Säuberungen von 1993/94 zwar unter Kontrolle,
aber die Fronten waren aufgrund der kleinräumigen Geographie der um-
kämpften Gebiete zu lang, um sie auf Dauer abzusichern. Entgegen dem Ste-
reotyp der hyper-nationalistischen Serben hatte die Republika Srpska erheb-
liche Probleme bei der Mobilisierung von Rekruten, die Truppenstärke ließ
sich nur schwer halten. Die militärische Balance in der Herzegowina und in
der kroatischen Krajina begann sich daher zu wenden. Die einzige Möglich-
keit für die bosnischen Serben, ihre militärische Ausgangsposition zu verbes-
sern und die sich abzeichnenden Friedensverhandlungen mit einer starken
Position zu führen, lag 1995 in der Auflösung der drei ostbosnischen En­
klaven Srebrenica, Žepa und Goražde.
Damit begann die dritte und eindeutig genozidale Phase der ethnischen
Säuberungen im ehemaligen Jugoslawien. Im Juli 1995 überrannten Truppen
der VRS innerhalb von fünf Tagen die Enklave von Srebrenica, die seit der
Gegenoffensive im Winter 1992/93 und durch ihre schiere Existenz ein Sym-
bol des bosnischen Widerstands darstellte. Der weitere Fortgang der Militär­
aktion ist so bekannt, dass sich eine nähere Darstellung erübrigt. 307 In der
Enklave hielten sich etwa 25.000 Menschen auf, mindestens drei Viertel von
ihnen waren Flüchtlinge aus anderen ostbosnischen Städten und Dörfern.
Die UNO garantierte diesen Menschen den Schutz, war aber nur mit weni-

306 Vgl. Balkan Battlegrounds, S. 194–195.


307 Vgl. zu Srebrenica neben niederländischen Dokumentationen (sehr detailliert ist
u. a. Ger Duijzings, Geschiedenis en herinnering in Oost-Bosnië. De achtergonden von
de val van Srebrenica, Amsterdam 2002) den ICTY-Prozess gegen den VRS-General und
zeitweiligen Befehlshaber des Drina-Corps, Radislav Krstić, in http://www.icty.org/
case/krstic/4 [17.8.2010].
250 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

gen und schwach bewaffneten Blauhelmen vor Ort, die NATO konnte sich
zu keiner Intervention entschließen. Während die Frauen und Kinder aus
Srebrenica in Konvois nach Zentralbosnien gebracht wurden, exekutierte die
serbische Armee 6.975 wehrfähige Männer und Jugendliche ab 16 Jahren und
verscharrte sie anschließend in Massengräbern. 308 Einige Tausend Männer,
die sich nicht ergeben hatten, konnten sich mit großen Verlusten durch die
Wälder in das knapp 100 Kilometer entfernte Tuzla durchschlagen.
Trotz der Schonung von Frauen und Kindern handelte es sich um das
größte Menschheitsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Die
Staats- und Armeeführung der bosnischen Serben erreichte mit dem Massen­
mord vier kurzfristige Ziele: Die Besetzung von ganz Ostbosnien (mit der
Ausnahme von Goražde), Rache für die Niederlagen von 1992/93 und spätere
Angriffe aus der Enklave, ein militärischer Sieg, der Kräfte für andere Fron-
ten freisetzte ohne der bosnischen Armee neue Rekruten zukommen zu las-
sen und nicht zuletzt die Demütigung der UNO. Der kaltblütige Massen-
mord und die massenhafte Vertreibung von weiteren 30.000 Menschen aus
Srebrenica und Žepa beruhten also nicht auf blindem Hass, der allenfalls zur
Anstachelung der einfachen Soldaten eine Rolle spielte, sondern auf einem
rationalen Kalkül. Inwieweit ging die Rechnung der bosnisch-serbischen
Armee unter General Ratko Mladić langfristig auf? Auf der Konferenz von
Dayton wurde den bosnischen Serben tatsächlich fast ganz Ostbosnien mit
Srebrenica zugesprochen.
Aber die Anhänger eines ethnisch reinen Großserbiens konnten nicht ver-
hindern, dass nur wenige Wochen nach Srebrenica umfassende Gebiete in
der westlichen Herzegowina und in der kroatischen Krajina verloren gin-
gen. Dort kam es im Rahmen der »Operation Sturm« (Operacija Oluja) zur
Flucht und Vertreibung von etwa 180.000 kroatischen Serben.309 Wieder stellt
sich die Frage, warum die internationale Staatengemeinschaft die absehbare
Rache an der Zivilbevölkerung nicht verhindern konnte. Für die Ereignisse
im Jahr 1991/92 könnte man anführen, dass die westliche Welt von dem ver-
brecherischen Vorgehen der kroatischen und bosnischen Serben sowie ihrer
Belgrader Hintermänner überrumpelt wurde. Kurzfristig wäre es nur schwer
und mit einer massiven Intervention von Bodentruppen möglich gewesen,

308 Sämtliche hier zitierten Opferstatistiken sind in verschiedenen Dateien auf der
Webpage des Istraživačko dokumentacioni centar in Sarajevo einsehbar. Vgl. http://www.
idc.org.ba/index.php?option=com_content&view=section&id=35&Itemid=126&lang
=bs [2.8.2010].
309 Vgl. zum Ablauf dieser ethnischen Säuberung die Prozessakten gegen den kroati-
schen General und Oberbefehlshaber der »Aktion Sturm«, Ante Gotovina und zwei Mit­
angeklagte in http://www.icty.org/case/gotovina/4 (18.8.2010). Vgl. zu den Flüchtlings-
zahlem Matthias Vetter, Dunja Melčić, Synopse zu Opfern, Schäden und Flüchtlingen, in:
Melčić, Der Jugoslawien-Krieg, S. 524–531, hier S. 527.
Das ehemalige Jugoslawien und der Kaukasus (1991–1999) 251

den Vormarsch der VRS und die darauf folgenden ethnischen Säuberungen
aufzuhalten. Außerdem bestand aufgrund der wechselnden Koa­litionen und
Konfliktlinien bis hin zu den von Tudjman und Milošević besprochenen Tei-
lungsplänen für Bosnien und Herzegowina eine unklare politische Gemen-
gelage.310 Daher war nicht absehbar, wohin eine Intervention geführt hätte.
1995 war die Situation besser überschaubar. Es gab bereits eine längere Ge-
schichte ethnischer Säuberungen, die man demnach antizipieren konnte.
Kroatien und die HVO waren vom Westen mit aufgerüstet worden und be-
fanden sich damit in einem indirekten Abhängigkeitsverhältnis. Außerdem
konnte Kroatien keine UN Safe Areas in Geiselhaft nehmen wie die bos-
nisch serbische Armee zwischen 1993 und 1995. Doch die Vertreibungen
und Übergriffe gegen die verbliebenen Serben in der Kroatischen Krajina
wurden erst ex post in aller Deutlichkeit verurteilt – beim Haager Kriegs­
verbrechertribunal.
Die westliche Empathie und humanitären Hilfsaktionen können nicht da-
von ablenken, dass auch in Bosnien und Herzegowina wenig gegen ethnische
Säuberungen und andere schwere Menschenrechtsverletzungen unternom-
men wurde. Die Luftbrücke nach Sarajevo, der Abwurf von Lebensmit-
teln über den ostbosnischen Enklaven und andere spektakuläre Hilfsaktio­
nen waren nur auf die Folgen ethnischer Säuberungen ausgerichtet, nicht
auf deren Verhinderung – obwohl die Berichte der UNO und der NGOs,
die umfassend im Open Society Archiv in Budapest überliefert sind,311 be-
reits im Sommer 1992 die humanitäre Katastrophe detailliert beschrieben.
­Tadeusz Mazowiecki, der Special Rapporteur der UNO schlug konkrete
Konsequen­zen vor. In seinem ersten Bericht vom 28. August 1992 forderte
­Mazowiecki »sofortiges konzertiertes Handeln«, darunter die »Neutralisie-
rung« ­schwerer Waffen und die Entwaffnung paramilitärischer Einheiten. 312

310 Diese Pläne wurden u. a. im März 1991 auf einem Geheimtreffen in Karadjordje be-
sprochen. Kürzlich sind weitere Dokumente zur Zusammenarbeit zwischen Serbien und
Kroatien aufgetaucht, darunter das Kriegstagebuch des VRS-Chefs Ratko Mladić. Vgl.
dazu Süddeutsche Zeitung Nr. 130 vom 10.6.2010.
311 Vgl. die Bestände HU OSA, 304–0–2 (International Human Rights Law Institute,
Interim and Supplementary Reports of the UN Special Rapporteur). Vgl. dort ferner HU
OSA 304–0–6 (International Human Rights Law Institute, Materials on Ethnic Clean-
sing); HU OSA 304–0–4 (International Human Rights Law Institute, United Nations,
International Red Cross Comittee, International Court of Justice).
312 Vgl. Report on the situation of human right in the territory of the former Yugos-
lavia submitted by Mr. Tadeusz Mazowiecki, Special Rapporteur of the Commission on
Human Rights, UN Document E/CN.4/1992/S-1/9. Alle weiteren Berichte Mazowie-
ckis sind auf der Webpage des High Commissioners for Human Rights bzw. http://www.
unhchr.ch/Huridocda/Huridoca.nsf/73f0f4bfad30544b80256633004b698c/42b34825c
70b136c802566330057676b?OpenDocument&Start=73.2.14&Count=30&Expand=73.2
zugänglich.
252 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Es gibt eine Fülle an Literatur über das Versagen der internationalen Poli-
tik im ehemaligen Jugoslawien, die sich auf die Schwäche der EU, die Unei-
nigkeit zwischen der EU und den USA sowie zwischen einzelnen EU-Staa-
ten konzentriert. Vor allem Großbritannien und Frankreich fürchteten eine
Wiederbegründung der im Zweiten Weltkrieg bestehenden Achse Berlin-
Wien-Zagreb; ein Zeichen dafür, dass konflikthafte oder irrationale Erin-
nerungen kein Spezifikum des Balkans sind. Das Fazit dieser Literatur ist
in der Regel, dass der Westen früher, entschiedener und nicht nur mit Luft-
schlägen aus großer Höhe hätte eingreifen müssen. Dass westlicher Druck
auf die bosnischen Serben und Belgrad wirkte, belegt die baldige Schließung
der beiden nordbosnischen Konzentrationslager Omarska und Trnopolje im
August 1992.
Norman Cigar kritisiert vor allem das Waffenembargo, das den Bosnia-
ken und anfänglich den Kroaten keine Chance ließ, sich gegen die serbische
Übermacht zu wehren.313 In der Tat kann man mit zeitlichem Abstand fest-
stellen, dass die Bosniaken auf zweifache Weise viktimisiert wurden: Erst
durch die von Serben begangenen ethnischen Säuberungen, dann noch ein-
mal in den westlichen Medien und der internationalen Politik.314 Ehrlicher
wäre es gewesen, die Bosniaken wirklich als kriegsführende Partei zu behan-
deln und dann die rechtmäßige Regierung in Sarajevo als solche mit Waffen
zu unterstützen. Dass nicht alle bosniakischen Vertriebenen ausschließlich
Opfer sind, belegen die von der bosnischen Armee 1993 und 1995 began-
genen Menschenrechtsverletzungen im Konflikt mit der Bosnisch-Kroati-
schen Armee und bei der Rückeroberung serbisch besetzter Gebiete. Dabei
kam es ebenfalls zu Folter, Vergewaltigungen und massenhaften Erschießun-
gen – wenn auch in weit geringerem Maße als auf der serbischen und regio-
nal begrenzt der kroatischen Seite. Eine frühzeitige militärische Unterstüt-
zung der bosnischen Regierung gegen die Aggression aus Banja Luka und
Belgrad wäre auch insofern zu rechtfertigen gewesen, als Sarajevo die einzige
Seite im Konflikt war, die eindeutig für einen multi-ethnischen Staat eintrat.
Einen derartigen Staat versucht die internationale Gemeinschaft nun seit dem
Abkommen von Dayton wieder mühsam aufzubauen. Als Fazit bleibt, dass
Menschenrechtspolitik und humanitäre Hilfsaktionen genauso wenig Ersatz

313 Vgl. Norman Cigar, Genocide in Bosnia. The Policy of »Ethnic Cleansing«, Col-
lege Station 1995, S. 174–177. Begriffliche und andere Einwände gegen das Buch von Cigar
werden hier aus Platzgründen beiseite gelassen. Wie sich die bosnische Armee schließlich
doch bewaffnen und die ethnischen Säuberungen aufhalten konnte, ist folgendem Buch
zu entnehmen: Marko A. Hoare, How Bosnia Armed. The Birth and Rise of the Bosnian
Army, London 2004.
314 Vgl. zu den Medien die umfangreiche Pressedokumentation in HU OSA 304-0-12
(International Human Rights Law Institute, Press Reports on War in Bosnia).
Das ehemalige Jugoslawien und der Kaukasus (1991–1999) 253

für Machtpolitik sein können, wie Opfernarrative eine überzeugende Alter-


native zu einer kritischen und erklärenden Geschichtswissenschaft sind.
Die Bilanz des Krieges und der ethnischen Säuberungen im ehemaligen
Jugoslawien bleibt trotz der Reduktion der Opferzahlen durch das IDC er-
schreckend, denn gesenkt wurde nur die Zahl der Toten, nicht die der Flücht-
linge. Gemäß internationalen und regionalen Schätzungen wurden 1991/92
in Kroatien mindestens eine halbe Million Menschen und in Bosnien und
Herzegowina allein in den ersten drei Monaten des Krieges im Frühjahr 1992
eine Million Menschen in die Flucht geschlagen – fast ausschließlich Bosnia-
ken und Kroaten. Bis 1995 stieg die Zahl der Flüchtlinge in und aus Bosnien
und Herzegowina auf 2,2 Millionen. Gegen Ende des Krieges flohen vor al-
lem Serben, allein aus Kroatien etwa 300.000.315
Die Geschwindigkeit, der Umfang und ab 1993 die Totalität der ethni-
schen Säuberungen bestätigen die These, dass diese im Laufe des 20. Jahrhun-
derts immer effektiver wurden. Die Zahl von 2,2 Millionen – eine Million da-
von wurden notdürftig im Inland untergebracht, 1,2 Millionen erreichten das
Ausland – bedeutet, dass mehr als die Hälfte der Vorkriegsbevölkerung von
4,35 Millionen Menschen entwurzelt wurde. Das hatte es in der Geschichte
Europas noch nicht gegeben. Wieder richtet sich bei der Erklärung der Ursa-
chen neben naheliegenden Faktoren wie dem großserbischen Nationalismus
der Blick auf die europäische Moderne: Die Einwohnerregister, die Busse, die
Bahnen – lauter Errungenschaften eines funktionierenden Staates – ermög-
lichten diese massenhaften Bevölkerungsverschiebungen. Zugleich erleich-
terten in Bosnien und Herzegowina international organisierte Lebensmit-
telspenden, Lastwagenkonvois und Flugbrücken der Zivilbevölkerung das
Überleben in zwei harten Kriegswintern. Immerhin konnte die Zahl der zi-
vilen Opfer auf unter 40.000 begrenzt werden – für einen konventionellen
Bodenkrieg mit Guerilla-Einsätzen und vorsätzlich geplanten Vertreibungen
ist das vergleichsweise wenig. Die Einwohnerregister dienen heute als Aus-
gangsbasis für das nahezu beendete Projekt von Mirsad Tokača, Ort, Zeit
und Todesursache jedes einzelnen Kriegsopfers zu dokumentieren. Diese In-
dividualisierung verdeutlicht nicht nur den Schrecken und die Sinnlosigkeit
des Krieges mit seinen 57.000 gefallenen Soldaten, sondern kann vielleicht
tatsächlich den Weg zur Aussöhnung eröffnen.
Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien markiert auch in anderer Hinsicht
eine Wende in der Geschichte der ethnischen Säuberungen. Obwohl die ser-
bische Soldateska viel zu spät gestoppt wurde, verhinderte die internationale
Staatengemeinschaft ein Fait accompli. Das Vorhaben, eine Bevölkerungs-
gruppe einfach aus ihrer Heimat zu entfernen und sich ihr Land komplett

315 Vgl. zu sämtlichen in diesem und dem folgenden Absatz zitierten Flüchtlingsstatis-
tiken Vetter, Melčić, Synopse.
254 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

anzueignen, scheiterte. Dies könnte ebenso abschreckende Wirkung ent­


falten wie die Aburteilung von Tätern beim Internationalen Gerichtshof in
Den Haag.
Zum ersten Mal in der Geschichte ethnischer Säuberungen wurde außer-
dem ein so komplexes und umfangreiches Rückkehrprogramm mit einer
Restitution des Immobilienbesitzes beschlossen. Grundsätzlich sollten mög-
lichst alle Flüchtlinge an ihre Heimatorte und sofern vorhanden in ihre alten
Häuser zurückkehren. Doch bereits der Exodus der Serben aus den Vororten
Sarajevos nach dem Abzug der VRS im Herbst 1995 zeigte die Skepsis gegen-
über einer multi-ethnischen Gesellschaft bzw. der Existenz als Minderheit.
Für die Remigranten war die Lage nochmals schwieriger, viele Flüchtlinge
empfanden die alte Heimat nicht mehr als solche, sei es aufgrund eigener
traumatischer Erlebnisse, wegen des veränderten Umfelds oder weil sie dort
nicht an eine bessere Zukunft für ihre Kinder glaubten. Ein weiteres Pro-
blem ist die tiefe wirtschaftliche Krise in den ehemaligen Vertreibungsge-
bieten – die man mit der Lage nach 1923 im westlichen Kleinasien oder nach
1945 in den böhmischen Grenzgebieten vergleichen kann. Bosnien und Her-
zegowina hat sich bis heute wirtschaftlich kaum von den Folgen des Krieges
erholt, in der Krajina, im Drinatal und anderen ethnisch gesäuberten Regio-
nen ist die Lage noch schlechter. Insgesamt kehrten daher nur gut eine halbe
Million Flüchtlinge dauerhaft in ihre Heimatorte zurück, die anderen ver-
suchten dies erst gar nicht oder zogen wieder weg, nachdem sie ihr Eigentum
verkauft hatten. Die in Dayton beschlossene Wiederherstellung einer multi-
ethnischen Gesellschaft könnte sich daher ebenso als Utopie erweisen wie die
gewaltsame Erzeugung ethnischer Homogenität.

Kosovo

Der Friedensvertrag von 1995 ließ eine weitere postjugoslawische Frage un-
gelöst: Den Konflikt im Kosovo. Zunächst hatte Milošević, einer der Un-
terzeichner des Abkommens von Dayton, weitgehend freie Hand in dieser
Region. Die informelle Führung der zwei Millionen Kosovo-Albaner un-
ter dem Schriftsteller Ibrahim Rugova setzte wie bereits während des Bos-
nien-Krieges auf eine Strategie des gewaltlosen Widerstands und des Aufbaus
einer albanischen Zivilgesellschaft. Doch die Belgrader Regierung dachte
nicht daran, die wichtigste Forderung Rugovas zu erfüllen, die Wiederein-
führung der 1989 abgeschafften Autonomie. 1996 brach daher im Kosovo
mit fünf Jahren Verspätung nach dem Zerfall des kommunistischen Jugos-
lawiens ebenfalls Gewalt aus. Dabei verübte die UÇK (Ushtria Çlirimtare e
Kosovës, deutsch: Befreiungsarmee des Kosovo) Anschläge auf serbische
Polizisten, Beamte und Kollaborateure. Belgrad reagierte mit immer drasti-
Das ehemalige Jugoslawien und der Kaukasus (1991–1999) 255

scheren Repressionen. 1998 eskalierte der Konflikt zu einem Bürgerkrieg, in


dem zunächst die UÇK, dann serbische Sicherheitskräfte und paramilitäri-
sche Einheiten die Oberhand gewannen. In dieser ersten Phase des Krieges
flohen etwa 300.000 Menschen, etwa 30.000 von ihnen ins Ausland.
Die westliche Staatengemeinschaft reagierte auf die Entsendung zusätz­
licher serbischer Truppen und deren Menschenrechtsverletzungen mit massi-
ven Sanktionen gegen Rumpfjugoslawien und einer versteckten Aufrüstung
der kosovarischen Untergrundarmee. Nach einem Ultimatum der NATO
und gescheiterten Friedensverhandlungen folgten von März bis Juni 1999
schwere Luftangriffe auf Serbien mit allen seinen Teilregionen. Wie ange-
droht, reagierte Belgrad mit noch umfangreicheren ethnischen Säuberun-
gen, wobei der in den internationalen Medien kolportierten »Hufeisenplan«,
wonach die Kosovo-Albaner von drei Seiten in die Zange genommen und in
Richtung Albanien getrieben werden sollte, vermutlich eine Fälschung ist. 316
Die Luftangriffe der NATO im Frühjahr 1999 sollten die Kampfkraft der
serbischen Armee und Polizei im Kosovo schwächen und einen Regimewech-
sel in Belgrad provozieren, konnten aber die albanische Zivilbevölkerung we-
nig schützen.
Der moralische Impetus dieser präzedenzlosen und völkerrechtlich um-
strittenen Intervention gegen ethnische Säuberungen wurde 1999 durch den
mangelnden Schutz der serbischen Minderheit entwertet. Die westliche Staa-
tengemeinschaft konnte den Exodus eines großen Teils der noch verbliebe-
nen serbischen Bevölkerung ebenso wenig verhindern wie die antiserbischen
Pogrome von 2004. Die Wiedererrichtung einer multi-ethnischen Gesell-
schaft kann daher im Kosovo ebenso als gescheitert gelten wie in der kroa­
tischen Krajina. In Bosnien und Herzegowina bemüht sich die internationale
Staatengemeinschaft nach wie vor um dieses Ziel, aber man kann Flüchtlinge
nicht zur Rückkehr in die alte Heimat zwingen.

Die Konflikte im Kaukasus im Vergleich

Die ethnischen Säuberungen in der ehemaligen Sowjetunion betrafen weit


auseinander liegende Gebiete, ereigneten sich zu verschiedenen Zeitpunkten
und hatten unterschiedliche Ursachen und Konsequenzen. Aufgrund dieser
Diversität und des begrenzten Forschungsstandes ist es schwierig, sämtliche
postsowjetischen Fälle aus den 1990er Jahren in einer Überblicksdarstellung
zusammenzufassen. Insgesamt verlief der Zerfall des letzten multinationa-
len Reiches in Europa im Vergleich zu Jugoslawien bemerkenswert friedlich.

316 Vgl. zum Ablauf der ethnischen Säuberungen im Kosovo Brandes u. a. (Hg.), Lexi­
kon der Vertreibungen, S. 356–357.
256 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

Sondereinheiten des Innenministeriums und des KGB versuchten zwar 1990,


die Unabhängigkeitsbestrebungen im Baltikum und in Georgien gewalt-
sam zu unterdrücken, doch dies blieb eine Episode. Nach dem gescheiterten
Putsch von 1991 bekam der Zerfall der Sowjetunion eine neue Dimension.
Nun wurden alle ehemaligen Sowjetrepubliken unabhängig, darunter sogar
die Ukraine mit Kiew, das man als die Wiege der russischen und ortho­doxen
Kultur betrachten kann. Manche Beobachter befürchteten angesichts der
zahlreichen russischen Minderheiten in den Nachfolgestaaten der Sowjet-
union ein jugoslawisches Szenario.317 Doch in Russland gab es keinen Zündler
wie Milošević, der die Grenzen der Republiken anzweifelte und einen Op-
fermythos verbreitete, außerdem empfand sich die russischsprachige Bevöl-
kerung im Baltikum und in der Ostukraine eher als sowjetisch denn als rus-
sisch im ethnischen Sinne.
Lediglich im Kaukasus brachen in mehreren Regionen gewaltsam ausge-
tragene Konflikte auf, wobei man dort »klassische« territoriale Konflikte
zwischen benachbarten Republiken sowie Konflikte innerhalb der unabhän-
gig gewordenen Staaten unterscheiden kann. Ersterem Typus ist der Konflikt
um die überwiegend armenisch besiedelte Enklave Berg-Karabach in Aser-
baidschan zuzuordnen. Während des vier Jahre dauernden Krieges zwischen
Armenien und Aserbaidschan (1988–1992) griffen beide Seiten zum Mittel
ethnischer Säuberungen, um kurzfristige strategische und langfristige politi-
sche Ziele zu erreichen. Armenische Truppen und paramilitärische Einheiten
waren vor allem in der umstrittenen Region selbst und entlang der Verbin-
dungswege ins armenische Kernland aktiv. In Aserbaidschan dagegen kam es
vor allem in den größeren Städten zu Pogromen. Das Resultat war eine große
Fluchtwelle, die mindestens 300.000 Armenier und wegen des für Aser-
baidschan ungünstigen Kriegsverlaufs zwischen 800.000 und einer Million
­Aseris betraf.318 Der Konflikt um Berg-Karabach harrt bis heute einer dauer-
haften, von beiden Seiten akzeptierten Friedenslösung.
In allen anderen Konfliktregionen des Kaukasus ging es ursprünglich
nicht um den Anschluss an einen externen Nationalstaat, sondern um eine
Autonomie innerhalb eines Staates. Vor allem in Georgien brachen 1992 eine
Reihe von Konflikten aus, zunächst in Abchasien, das von 1921 bis 1931 eine
eigene Sowjetrepublik gewesen war, dann in Südossetien und im Grenzgebiet
zur Türkei. Die knapp 100.000 Abchasen wollten sich nach der Unabhängig-
keit Georgiens der Zentralmacht in Tiflis nicht unterwerfen. Die Regierung
unter dem nationalistischen Schriftsteller Swiad Gamsachurdia versuchte

317 Vgl. zum Zusammenbruch der Sowjetunion Roman Szporluk, Russia, Ukraine and
the Breakup of the Soviet Union. Stanford 2000.
318 Mitte der 1990er Jahre wurden in Armenien 340.000 Flüchtlinge aus dem Ausland
registriert. Vgl. dazu Brandes u. a. (Hg.), Lexikon der Vertreibungen, S. 50–51 und 58 f.
Das ehemalige Jugoslawien und der Kaukasus (1991–1999) 257

darauf ihre Macht mit einer Militärintervention durchzusetzen, die jedoch


scheiterte. Infolge des Krieges wurden 1992/93 etwa 230.000 Georgier aus
Abchasien in die Flucht geschlagen.319 Ähnlich wie in Bosnien-Herzegowina
war der Grad der ethnischen Säuberung sehr unterschiedlich. Während im
Südosten Abchasiens in einigen Landkreisen sogar eine georgische Mehrheit
erhalten blieb, sank die Zahl der Georgier in der stark umkämpften Haupt-
stadt Suchumi von über 40 auf 4 Prozent.320 Diese Unterschiede verweisen auf
die Bedeutung lokaler Warlords, die auch in Bosnien und Herzegowina eine
wichtige Rolle spielten.
Im Gegensatz zum ehemaligen Jugoslawien ging es in Abchasien nicht
um die Herstellung ethnischer Homogenität, sondern primär um die poli-
tische Machtverteilung. In der Schwarzmeerregion lebten zehn Jahre nach
dem Konflikt neben 43 Prozent Abchasen gut 20 Prozent Armenier, knapp
20 Prozent Georgier, 10 Prozent Russen und etliche kleinere Gruppen. Ge-
orgier und Abchasen tauschten also in den Bevölkerungsstatistiken lediglich
die Positionen. Ebenso signifikant ist der drastische Rückgang der Gesamt-
bevölkerung, die nach offiziellen Angaben von über einer halben Million im
Jahr 1989 auf 215.000 im Jahr 2003 sank.
In Südossetien war die Konfliktkonstellation Anfang der 1990er Jahre im
Prinzip ähnlich. Die Eliten der iranischsprachigen Osseten wollten sich der
Zentralregierung in Tiflis nicht unterordnen, weshalb es zu einem bewaffne-
ten Konflikt und gegenseitigen Vertreibungen kam. Da das umstrittene Ge-
biet nicht größer als zwei bis drei deutsche Landkreise war, fiel die Menge der
Flüchtlinge wesentlich weniger ins Gewicht als in Abchasien. Dennoch führ-
ten Georgien und Russland 2008 einen kurzen Krieg um Südossetien, der er-
neute Flüchtlingsströme auslöste, aber historisch naheliegenderweise noch
kaum aufgearbeitet ist.
Ein weiteres Konfliktgebiet im europäischen Teil der ehemaligen Sowjet-
union ist Transnistrien. Dort ging es wiederum um den Streit zwischen der
schwachen Zentralregierung einer unabhängig gewordenen Sowjet­republik
und regionalen Eliten. Ähnlich wie in Abchasien konnten sich die Separa-
tisten militärisch durchsetzen und zwangen im Frühjahr 1992 Angehörige
der Titularnation zur Flucht. Etwa 130.000 Moldawier flohen vor allem aus
den beiden umkämpften Städten Tighina und Dubasări. Es handelte es sich
jedoch wie in Suchumi nur um eine lokale und überdies partielle ethnische
Säuberung, denn der Anteil der rumänischsprachigen Moldawier an der Ge-

319 Vgl. zu Abchasien Brandes u. a. (Hg.), Lexikon der Vertreibungen, S. 266 f.
320 Die Statistiken der Volkszählungen in Abchasien von 1886 bis 2003 sind einsehbar
auf der Webseite http://www.ethno-kavkaz.narod.ru/rnabkhazia.html (27.8.2010). Sie
entstammen dem Russischen Staatsarchiv für Wirtschaft (РГАЭ) und für 2003 abchasi-
schen Angaben.
258 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

samtbevölkerung Transnistriens ging nur um ein Fünftel von 40 Prozent auf


32 Prozent zurück. Um diesen Grenzfall einer ethnischen Säuberung zu ver-
stehen, bedarf es daher einer näheren Analyse der Ideologie transnistrischen
Akteure. Wie Stefan Troebst dargestellt hat, war die Nationalstaatsgrün-
dung Moldawiens für den selbsternannten Präsidenten Transnistriens, Igor
Smirnov, ein faschistisches Komplott, dem er einen Anti-Nationalismus so-
wjetischen Typs entgegensetzte.321 Egal wie man zu dieser Propaganda steht,
gehört die Herstellung ethnischer Reinheit nicht zu den Zielen dieser regio-
nalen Elite.
Dies spricht erneut gegen das Paradigma des »Soviet Ethnic Cleansing«.
Wie der Vergleich mit dem ehemaligen Jugoslawien zeigt, waren die ethni-
schen Säuberungen in jenen Teilen Europas, in denen die Nationalstaatsideo-
logie bereits eine längere Tradition und Wirkung hatte, viel umfassender als
im postsowjetischen Raum. Dies bedeutet nicht, die Sowjetunion als toleran-
tes Vielvölkerreich zu idealisieren. Sämtliche hier analysierten, Anfang der
1990er Jahre aufbrechenden Konflikte lassen sich auf die stalinistische Bevöl-
kerungspolitik durch Deportations- und Ansiedlungsprogramme zurück-
führen. Die Sowjetunion war ein Nährboden für ethno-politische Konflikte,
aber diese sind nicht mit ethnischen Säuberungen gleichzusetzen. Eine dritte
Schlussfolgerung ergibt sich aus dem Timing der gewaltsam ausgetragenen
Konflikte. Mit der Ausnahme von Berg-Karabach brach die Gewalt nach der
Unabhängigkeit der ehemaligen Sowjet­republiken und infolge von Konflik-
ten um die innerstaatliche Machtverteilung aus. Dies bestätigt die These, dass
nicht der Zerfall der Imperien, sondern die Nationalstaatsbildung als gewalt-
generierend zu betrachten ist.

Zusammenfassung

Obwohl der Umfang der ethnischen Säuberungen in den 1990er Jahren erheb-
lich hinter früheren Perioden zurückblieb, verwüsteten diese große Teile des
ehemaligen Jugoslawiens und des Kaukasus. Die Zahl der Flüchtlinge in die-
ser vierten Periode betrug insgesamt etwa fünf Millionen Menschen – wie be-
reits in den vorherigen Kapiteln handelt es sich dabei um eine Mindestschät-
zung. Die Zahlen beruhen geographisch geordnet auf folgenden Angaben:
Kroatien 600.000 (1991–1992 und 1995), Bosnien und Herzegowina 2,2 Mil-
lionen (1992–1995), Kosovo inklusive der serbischen Flüchtlinge eine Million,
Armenien und Aserbaidschan mindestens 1,15 Millionen ­(1990–1994), Trans-

321 Vgl. Stefan Troebst, Separatistischer Regionalismus als Besitzstandswahrungsstra-


tegie (post-) sowjetischer Eliten: Transnistrien 1989–2002, in: Ther, Sundhaussen (Hg.),
Regionalismen, S. 185–214.
Das ehemalige Jugoslawien und der Kaukasus (1991–1999) 259

nistrien 130.000 (1992) sowie Süd- und Nordossetien 100.000 (1989–2008). In


dieser Zahl von fünf Millionen sind etliche massenhafte Fluchtbewegungen
wie zum Beispiel in Tschetschenien nicht inbegriffen. Es handelt sich also er-
neut um eine Mindestschätzung.
Im Unterschied zur Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg strebte die interna-
tionale Staatengemeinschaft in fast allen Fällen eine Remigration der Flücht-
linge an und entwickelte dafür aufwändige Rückkehrprogramme. In­wieweit
diese Programme wirkten, hing vom jeweiligen politischen Kontext ab. Dort,
wo Konflikte nach wie vor ungelöst sind wie in Berg-Karabach, konnten
nur sehr wenige Menschen in ihre alte Heimat zurückkehren. Dagegen ver-
lief die Rücksiedlung von Flüchtlingen im kroatischen Slawonien und in Tei-
len Bosniens relativ erfolgreich. Immerhin ein Viertel der dort entwurzelten
Bevölkerung lebt heute als Minderheit in der alten Heimat. Angesichts der
Kriegszerstörungen ist das ein Erfolg. Schließlich ist die Revision früherer
ethnischer Säuberungen in der ehemaligen Sowjetunion zu erwähnen, zum
Beispiel die der Krimtataren, die ab 1988 nach 44 Jahren Verbannung in ihre
alten Siedlungsgebiete zurückkehrten. Dieser Fall und die friedliche Remi-
gration und Integration mehrerer Millionen ethnischer Russen aus Zentral­
asien belegen, dass in der ehemaligen Sowjetunion gewaltfreie Lösungen
inter-ethnischer Konflikte überwiegen. Im Kosovo ermöglichten die verän-
derten Machtverhältnisse eine massenhafte Rückkehr der Flüchtlinge. Die
1998/99 geflohenen Albaner konnten so gut wie alle wieder ihre Häuser und
Wohnungen beziehen – allerdings um den Preis, das nun die Serben, Roma
und andere Gruppen aus dem Kosovo abwanderten oder zur Flucht gezwun-
gen wurden. Der Fall des Kosovo belegt damit, dass eine Intervention – in
diesem Fall der NATO – dazu beitragen kann, ethnische Säuberungen zu
unterbinden, dass die Wiederherstellung einer multiethnischen Gesellschaft
dennoch gescheitert ist.
Eine andere Frage ist, ob die jeweiligen Bevölkerungsgruppen eine Rück-
kehr überhaupt anstreben. Der Exodus von Hunderttausenden von Serben
aus Kroatien und Bosnien im Jahr 1995 sowie aus dem Kosovo 1999 beruhte
nicht nur auf Angst vor Vergeltung, sondern auch auf der Weigerung, künf-
tig als Minderheit in einem nicht serbisch dominierten Staat oder Gebiet zu
leben. Dennoch dürften von den erwähnten fünf Millionen Flüchtlingen der
Periode von 1991 bis 1995 bzw. von 1998/99 mindestens ein Drittel in die alte
Heimat zurückgekehrt sein. Somit hebt die vierte Periode ethnischer Säube-
rungen die politischen Resultate der ersten Periode wieder auf. Neuilly und
Lausanne stehen für die Ausweitung ethnischer Säuberungen, Dayton für
den Versuch, sie zu beschränken und möglichst zu revidieren.
Als negative Bilanz bleibt in allen Konfliktgebieten der 1990er Jahre eine
insgesamt drastisch gesunkene Bevölkerungszahl. In Bosnien und Herzego-
wina lebten Anfang 1998 3.237.000 Menschen, also nur drei Viertel der Vor-
260 Perioden und Akteure ethnischer Säuberungen

kriegsbevölkerung, in Abchasien sank die Einwohnerzahl sogar auf weniger


als die Hälfte. Die materiellen Verluste waren ebenso umfangreich, so wur-
den allein in Bosnien und Herzegowina 1.239 Sakralbauten zerstört, davon
über 1.000 Moscheen.322 Außerdem zeigen die immer wieder aufflackernden
Scharmützel zwischen armenischen und aserbaidschanischen Einheiten, dass
ethnische Säuberungen keine Stabilität nach dem Konflikt gewährleisten.
Dies mag in Ostmitteleuropa aufgrund der Konstellation des Kalten Krieges
und der Pax Sovietica im sowjetischen Machtbereich der Fall gewesen sein,
aber in den Konfliktregionen der 1990er Jahre kam es mehrmals zum Aus-
bruch neuer Gewalttätigkeiten. Dies ist paradoxerweise eine Folge der feh-
lenden vertraglichen Regelungen. Dadurch dass kein internationaler Konsens
über bereits vollzogene ethnische Säuberungen herzustellen ist, bleibt deren
gewaltsame Revision eine politische Option. Auch deshalb steht die Integra-
tion der Flüchtlinge in den jeweiligen Aufnahmeländern noch am Anfang. In
Bosnien und Herzegowina konnte der Frieden nur im Rahmen eines interna-
tionalen Protektorats gewahrt werden.
Aber dies führt bereits zum Forschungsfeld der Konfliktlösung und Medi-
ation, das in diesem Buch nicht näher behandelt werden kann. Der Soziologe
Peter Waldmann hat am Beispiel von Nordirland demonstriert, wie schwer es
ist, einmal ausgebrochene Gewalt wieder einzudämmen und die Akteure des
Konflikts in eine demokratische Willensbildung und das zivile Berufsleben
zu integrieren.323 Die Revision ethnischer Säuberungen und die Gewährleis-
tung eines gewaltfreien Zusammenlebens ist eine ungleich anspruchsvollere
Aufgabe. Außerhalb Europas ist die Lage ohnehin schlechter. In Konfliktge-
bieten wie Darfur wurden in den vergangenen Jahren vor den Augen der Welt-
öffentlichkeit Millionen von Menschen vertrieben ohne dass dies bislang für
den Sudan und dessen Staatsführung akute Konsequenzen hatte. Außerdem
hat die einhellige internationale Ablehnung vertraglich geregelter Zwangs-
aussiedlungen zweischneidige Folgen für Flüchtlinge. Eine Rückkehr ist nur
in Ausnahmefällen möglich. Doch solange diese Aussicht besteht, wird kein
aufnehmender Staat Anstrengungen zur Integration der Ankömmlinge un-
ternehmen. Auch für die Flüchtlinge selbst hatte historisch betrachtet ein un-
geklärter Status häufig zur Folge, dass sie mental nie wirklich in der neuen
Heimat ankamen und stattdessen auf gepackten Koffern saßen. Wie das Bei-
spiel der Palästinenser zeigt, ist eine nicht erfüllbare Hoffnung auf Rückkehr,
eine ungeklärte Zukunft in den Aufnahmeländern und das Ausbleiben einer
staatlich gesteuerten Integrationspolitik die schlechteste alle Alternativen.

322 Vgl. zum ehemaligen Jugoslawien Vetter, Melčić, Synpose, S. 524 f. Vgl. zu Ab-
chasien Brandes u. a. (Hg.), Lexikon der Vertreibungen, S. 266.
323 Vgl. Peter Waldmann, Konfliktkontinuität versus Friedensdynamik in Nordirland,
in: Ther, Sundhaussen (Hg.), Nationalitätenkonflikte, S. 219–238.
4. Schlussbetrachtung und historische Typologie

Mark Mazowers Metapher des »dunklen Kontinents« erhält durch die Ge-
schichte der ethnischen Säuberungen eine weitere, düstere Schattierung:
Schwarz, die Farbe der Trauer, des Verlusts. Addiert man die Zahlen aller vier
Perioden, dann mussten allein in Europa mindestens 30 Millionen Menschen
dauerhaft ihre Heimat verlassen. Zum Vergleich: Bei den Friedensverhand-
lungen in Paris nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Größe sämtlicher aner-
kannten Minderheiten in Europa auf etwa 25 Millionen geschätzt.
Die Flüchtlingszahlen stiegen im Laufe des 20. Jahrhunderts fast exponen-
tiell, von 2,8 Millionen in der ersten Periode (1912 bis Mitte der 1920er Jahre),
6,4 Millionen unter deutscher Besatzung und Vorherrschaft sowie innerhalb
der Sowjetunion (1938–1944) bis auf 16 Millionen infolge der Etablierung der
Nachkriegsordnung (1944–1949). Berücksichtigt man die ehemaligen briti-
schen Herrschaftsgebiete in Indien und Palästina, kommen weitere 12,8 Mil-
lionen Menschen hinzu. In den 1990er Jahren wurden in Europa und im
Kaukasus, den man ebenso wenig wie Kleinasien aus der europäischen Ge-
schichte heraushalten kann, etwa fünf Millionen Menschen entwurzelt. Als
Lichtblick kann man allenfalls anführen, dass etwa ein Drittel von ihnen in
ihre alte Heimat zurückkehren konnten.
Es handelt sich bei diesen 30 Millionen um eine Mindestschätzung, die
auf offiziell registrierten Flüchtlingen beruht. Würde man Grenzfälle ethni-
scher Säuberungen wie die Deportierten im Ersten Weltkrieg, die zeitweilig
deportierten Zwangsarbeiter im Zweiten Weltkrieg oder die Millionen eth-
nischer Migranten nach 1919 einbeziehen, ergäbe sich eine weit höhere Zahl.
Die millionenfache Spätaussiedlung nach 1945 steht ebenfalls im Zusam-
menhang mit vorherigen ethnischen Säuberungen. Alles in allem wird damit
die grenzüberschreitende Arbeitsmigration in der Nachkriegszeit bei wei-
tem übertroffen, was in der Migrationsgeschichte Europas nicht immer ange-
messen berücksichtigt wird. Aber es geht hier nicht um möglichst beeindru-
ckende oder symbolisch aufgeladene Statistiken – wie bei den vermeintlich
zwei Millionen deutschen »Vertreibungsopfern« – sondern um die Dynamik
dieser menschenverachtenden Vorgänge.
Die drastische Zunahme ethnischer Säuberungen in der ersten Hälfte des
20. Jahrhunderts basierte auf einer räumlichen Ausuferung und einer steigen-
den Totalität. Während Griechenland, Bulgarien und Frankreich bei den ers-
ten organisierten Zwangsaussiedlungen (Makedonien, Westthrakien, Elsass)
262 Schlussbetrachtung und historische Typologie

und sogar die Verbündeten NS-Deutschlands maximal ein Drittel der jewei-
ligen Minderheiten entfernten (Lausanne stellt hier eine Ausnahme dar), wa-
ren die ethnischen Säuberungen von 1944–1946 nahezu total. Nur ein gerin-
ger Anteil der jeweiligen Zielbevölkerung konnte sich in der alten Heimat
halten. Für diese räumliche und gruppenbezogene Ausuferung kann man
nicht Hass oder andere Emotionen verantwortlich machen, denn gehasst
wurde schon immer in der Menschheitsgeschichte. Es waren politische Er-
wägungen und scheinbar rational geführte diplomatische Verhandlungen,
die darüber entschieden, ob und inwieweit eine bestimmte Gruppe ihre Le-
benswelt aufgeben musste. Sowohl die Grundsatzentscheidung für ethnische
Säuberungen als auch der Ablauf jedes einzelnen Falls hing maßgeblich von
der politischen Steuerung innerstaatlicher und internationaler Konflikte ab.
Diese Feststellung impliziert nicht, dass individuelles Verhalten irrelevant
gewesen wäre. Aber gerade Kriminelle, die Flüchtlinge beraubten, misshan-
delten oder im Extremfall umbrachten, konnten nur im Rahmen bestimmter
politischer Vorgaben agieren.
Die Weichen für ethnische Säuberungen wurden auf internationaler Ebene
gestellt. Bereits in der Sequenz der Pariser Vorortverträge lässt sich eine Ten-
denz vom Schutz zur Dezimierung von Minderheiten nachweisen. Der Prä-
zedenzfall dazu war der Vertrag von Neuilly und nicht das in diesem Zu-
sammenhang häufig angeführte Abkommen von Lausanne. Dies betrifft
die völkerrechtliche Dimension und die Umsetzung des »Bevölkerungsaus-
tauschs«. Da die Zielbevölkerung auf beiden Seiten der griechisch-bulgari-
schen Grenze nicht freiwillig abwandern wollte, wurden bei der Umsetzung
des Abkommens von Neuilly die Prinzipien der Freiwilligkeit und der Ge-
genseitigkeit aufgehoben. Dieser Wandel steht im Kontext des griechisch-
türkischen Krieges, denn die griechische Regierung siedelte die Flüchtlinge
aus Kleinasien bevorzugt in den mit Bulgarien umstrittenen Gebieten an und
zerstörte damit die lokale gesellschaftliche Balance. Die ethnische Homoge-
nisierung durch Zwangsaussiedlung war also wie in zahlreichen späteren Fäl-
len mit einer gezielten demographischen Transformation durch Ansiedlung
verbunden.
Der eigentliche Einschnitt des Abkommens von Lausanne liegt darin, dass
die geografische Reichweite ethnischer Säuberungen ausuferte. Neuilly be-
traf »nur« die Grenzregion im Norden Makedoniens, Lausanne ein mehr
als zehnmal so großes Gebiet. Abgesehen von jeweils einer regionalen Aus-
nahme (Istanbul und Westthrakien) wurden zwei komplette Staaten ethnisch
gesäubert. Diese nahezu totale »Lösung« war jedoch in früheren diplomati-
schen Verhandlungen zwischen Griechenland und dem Osmanischen Reich
sowie dem Vertrag von Sèvres bereits angelegt. Das bleibende Unheil von
Neuilly und Lausanne lag darin, dass diese Regelungen fortan als Modell
für die Lösung inner- und zwischenstaatlicher Konflikte angesehen wurden.
Schlussbetrachtung und historische Typologie 263

In Ostmitteleuropa kam es nach 1918 vorerst zu keinen ethnischen Säube­


rungen vergleichbaren Ausmaßes. Doch Frankreich setzte im Elsass und in
Lothringen ein negatives Exempel im Umgang mit Minderheiten, das die
Schutzbestimmungen in den Pariser Vorortverträgen konterkarierte. Die
deutsch-polnische Konvention über Oberschlesien von 1922 brachte eben-
falls eine drastische Reduktion der beiderseitigen Minderheiten mit sich, ins-
gesamt wurden Minderheiten immer mehr als Problem verstanden und nicht
die 1918–1920 geschaffene nationalstaatliche Ordnung.
Eine noch tiefere Zäsur brachte das Münchner Abkommen von 1938. Die
vier Signatarstaaten gaben den Minderheitenschutz der Pariser Vorortver-
träge zugunsten einer Neuordnung Europas entlang ethnischer Grenzen auf.
Wo diese Grenzen noch nicht existierten, sollten sie durch massenhafte, in
der Regel zweiseitige Bevölkerungsverschiebungen geschaffen werden. Die
Weiterführung dieser Agenda in den Wiener Schiedssprüchen schuf aber nur
neuen Unfrieden zwischen den beteiligten Staaten und Gesellschaften. Wäh-
rend beim Münchner Abkommen samt seinen Folgeverträgen die Elemente
der Kontinuität mit der ersten Periode ethnischer Säuberungen überwiegen,
waren die einseitigen Vertreibungen unter deutscher Besatzung und die ver-
ketteten, mehrere Länder umfassenden ethnischen Säuberungen im national-
sozialistisch beherrschten Europa ein Novum.
Letztendlich konnte das Deutsche Reich nur einen Bruchteil seiner me-
galomanen Pläne umsetzen, weil der Angriff auf die Sowjetunion und die
Vernichtung der europäischen Juden eine Bündelung aller Ressourcen vor-
aussetzte. Dies beeinflusste auch die verbündeten revisionistischen Staaten
Ungarn, Rumänien und Bulgarien, die in ihren wieder erworbenen Grenzre-
gionen ebenfalls gezielt gegen Minderheiten vorgingen. Dieser purgatorische
Nationalismus ist nicht mit dem nationalsozialistischen Rassismus gleichzu-
setzen, war aber ein wichtiges Motiv für die Auslieferung der jeweiligen jüdi-
schen Minderheiten an die deutschen Behörden, was man ebenfalls als ethni-
sche Säuberung betrachten kann. Davon abzugrenzen sind die Fälle interner
Genozide, etwa des Regimes von Antonescu an den rumänischen Juden
von 1941–1943 oder im Ustaša-Staat gegenüber Juden, Roma und vor allem
Serben. Gleichwohl bleibt die industrielle Massenvernichtung im Rahmen
des Holocaust ein exzeptionelles Menschheitsverbrechen der europäischen
Geschichte.
Obwohl sich die Westmächte selbstverständlich von der Neuordnung
Europas unter deutscher Vorherrschaft abgrenzten, überwiegen in den Ein-
stellungen zu Minderheiten die Kontinuitäten. Nirgends wird dies so deut-
lich wie in der Aufhebung des Münchner Abkommens durch Großbritannien
im Jahr 1942. Diese Maßnahme symbolisierte den Bruch mit dem Appease-
ment und versprach die Wiederherstellung der Tschechoslowakei. Gleich­
zeitig stimmte die britische Regierung dem »Transfer« eines Großteils der
264 Schlussbetrachtung und historische Typologie

deutschen Minderheit und damit wie 1938 einer ethnischen Grenzziehung


zu. Hinsichtlich der polnischen Ostgrenze schlossen die Alliierten an den
Hitler-Stalin-Pakt und das deutsch-sowjetische Repatriierungsabkommen
von 1940 an. Auch das Abkommen von Craiova zwischen Rumänien und
Bulgarien wurde stillschweigend beibehalten. Außerdem übernahmen die
Alliierten mit der Westverschiebung Polens das Konzept miteinander verket-
teter ethnischer Säuberungen.
Im Gegensatz zu den Diskussionen und Verträgen nach dem Ersten Welt-
krieg war in den Perioden von 1938–1944 und bis 1949 nicht mehr »Bevölke-
rungsaustausch« der Leitbegriff, sondern der Bevölkerungstransfer, also ein-
seitige Zwangsmigrationen. Da man bei einem Transfer nicht mehr auf zwei
Vertragspartner angewiesen war, bedeutete dieser Paradigmenwechsel eine
Einschränkung und zugleich eine Entgrenzung. Einerseits konnten Trans-
fers nur eine Nation betreffen, andererseits ließen sie sich in vielerlei Rich-
tungen durchführen. Der Transferbegriff geht auf britische Diskurse zurück,
1937 verwandte ihn die Peel-Kommission, 1940 das mit hochrangigen Ox-
ford-Professoren bestückte Foreign Research and Press Service, danach die
Londoner Regierung.
Letztendlich wurden einseitige Bevölkerungstransfers nur gegenüber
Deutschland als Verursacher und Verlierer des Zweiten Weltkrieges ange-
wandt. Der einzig ähnlich gelagerte Fall waren die Finnen aus Karelien, die
aber im Gegensatz zu den Deutschen über eine verantwortungsbewusste Re-
gierung verfügten, die vor dem Einmarsch der Roten Armee sämtliche Zivi-
listen evakuierte. Alle anderen grenzüberschreitenden ethnischen Säuberun-
gen zwischen 1944 und 1949 blieben zumindest auf dem Papier zweiseitig.
Dies zeigt, dass einseitige Bevölkerungstransfers entgegen dem technokra­
tischen Unterton dieses Begriffs nur in jenen Fällen zur Anwendung kamen,
in denen es um eine kollektive Bestrafung ehemaliger Kriegsgegner ging. Den
ebenfalls einseitigen innerstaatlichen Deportationen in der Sowjetunion lag
eine ähnliche Motivation zugrunde.
Der Konsens für Bevölkerungstransfers kam ins Rutschen, sobald die Al-
liierten als Besatzungsmächte mit den Folgen ihrer Entscheidungen kon-
frontiert waren. Die nachfolgenden bilateralen Regelungen von 1946/47
belegen, dass sich die internationale Staatengemeinschaft wieder auf den Be-
völkerungsaustausch und somit in die Zwischenkriegszeit mit dem Vorbild
Lausanne zurückbewegte. Man kann demnach zusammenfassen, dass der
deutsche Angriffskrieg und Besatzungsterror eine besonders drastische Ge-
genreaktion provozierte. Die einmalige Dimension des deutschen Falls be-
ruhte aber nicht nur auf einer retrospektiven Abrechnung, sondern ebenso
auf zukunftsorientierten Plänen.
Die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges wollten im nördlichen Teil Ost-
mitteleuropas um jeden Preis homogene Nationalstaaten schaffen. Daher
Schlussbetrachtung und historische Typologie 265

wurden neben 12 Millionen Deutschen drei Millionen Polen, Ukrainer, Belo-


russen und Ungarn auf der Karte Europas hin und hergeschoben wie Chur-
chills Streichhölzer auf der Konferenz von Teheran. Die Einschränkung
ethnischer Säuberungen im Donauraum und die Rückführung der meisten
ungarischen Flüchtlinge nach Siebenbürgen im Jahr 1945 belegen auch auf
Seiten der Sowjetunion einen Einstellungswandel. Die Siegermächte glaub-
ten insgesamt nur noch bedingt an Transfers als »Allheilmittel« – so die Kri-
tik von Paul Macartney 1940 – für den Frieden. Die Rückkehr zur Formel
des Bevölkerungsaustauschs bedeutete 1946 eine Einschränkung der millio-
nenfachen Bevölkerungsverschiebungen. Ein wesentlicher Faktor dabei war,
dass Stalin und die einheimischen Kommunisten die beiden größten Staaten
Südosteuropas, Rumänien und Jugoslawien, als Vielvölkerstaaten definier-
ten. Damit wurde in diesen beiden Ländern weiteren Bevölkerungsverschie-
bungen die ideologische Grundlage entzogen. Stalin nutzte dies jedoch nicht
dazu, dem Modell des Nationalstaats auf internationaler Ebene oder inner-
halb seines Machtbereichs eine alternative Ordnung entgegenzusetzen.
Wie sehr es auf das Verhalten der internationalen Staatengemeinschaft an-
kommt, zeigte sich erneut in den 1990er Jahren, als ethnische Säuberungen
auf bestimmte Regionen begrenzt und sogar teilweise rückgängig gemacht
werden konnten. Gemessen an der internationalen Ablehnung ist der Um-
fang erzwungener Migrationen im ehemaligen Jugoslawien und im ­Kaukasus
aber nach wie vor erschreckend. Radikalen Nationalisten gelang es inner-
halb weniger Monate, Millionen von Menschen in die Flucht zu schlagen. Er-
neut spielten dabei Errungenschaften der Moderne wie Einwohnerstatisti-
ken, gut ausgebaute Verkehrswege und Transportmittel eine wichtige Rolle.
Gleichzeitig ermöglichten Lastwagenkonvois und die Luftbrücke nach Sara-
jevo eine der größten humanitären Hilfsaktionen der modernen Geschichte.
Die Zahl der Toten unter den Flüchtlingen blieb daher im Vergleich zu frü-
heren Perioden begrenzt.
Wie in vergleichbaren vorherigen Konflikten starben in Bosnien und Her-
zegowina die meisten Zivilisten in der Anfangsphase des Krieges, als sie von
Armee-Einheiten überrollt und wie Kombattanten behandelt wurden. Gene-
rell waren ethnische Säuberungen im Rahmen eines bewaffneten Konflikts
besonders verlustreich und traumatisierend. Die Flüchtlinge gerieten zwi-
schen die Fronten, konnten sich oft erst in mehreren Etappen in Sicherheit
bringen und waren ähnlichen Angriffen ausgesetzt wie das gegnerische Mi-
litär. Es geschah meist in diesem Kontext, dass im Extremfall die nicht ge-
flüchteten Bewohner ganzer Dörfer getötet wurden, entweder als Rache für
vorherige Gewalttaten oder zur Abschreckung. Entsprechend stiegen die To-
desraten, die sich heute aber nur in Bosnien und Herzegowina ganz genau be-
stimmen lassen und sich dort wie in anderen Fällen nach regionalem und loka-
lem Kontext erheblich unterscheiden. Bei ethnischen Säuberungen während
266 Schlussbetrachtung und historische Typologie

eines Krieges stieg die Zahl der Verstorbenen gegenüber der Gesamtzahl an
Flüchtlingen auf bis zu 10 Prozent, so etwa in Wolhynien und Teilen Ostgali-
ziens oder in den umkämpften Teilen der deutschen Ostgebiete wie Ostpreu-
ßen und Schlesien rechts der Oder. Der Anteil der während des griechisch-
türkischen Krieges in Kleinasien ums Leben gekommenen Griechen und in
einzelnen Ortschaften der genannten Regionen lag wahrscheinlich höher,
aber dort fehlen genauere Angaben.
Bemerkenswert ist der Kontrast zu den Todesraten nach dem Abschluss
internationaler Verträge. In einigen Fällen wie beispielsweise der NS-Um-
siedlung »Heim ins Reich« oder dem bulgarisch-rumänischen Bevölkerungs-
austausch nach dem Abkommen von Craiova ist fast keine erhöhte Sterblich-
keit überliefert, obwohl gerade betagte Menschen und Kleinkinder sich nicht
so einfach »verpflanzen« lassen. Schlechter stellte sich die Situation für die
Sudetendeutschen dar, bei denen es im Frühjahr 1945 zu einigen größeren
Massakern kam (u. a. Prager Aufstand, Postelberg, Aussig). Dennoch lag die
Zahl der Todesopfer im Verhältnis zur Gesamtzahl der Flüchtlinge aus der
Tschechoslowakei bei maximal einem Prozent, was zugleich bedeutet, dass
sie nach dem Potsdamer Abkommen deutlich darunter gelegen haben muss.1
In Nachkriegspolen war die Lage aus vielerlei Gründen schlechter, nicht nur
für die verbliebenen Deutschen, sondern auch für die Ansiedler. Dort bes-
serte sich die die Versorgung mit Lebensmitteln erst Anfang 1946 spürbar.
In den ehemaligen polnischen Ostgebieten war dies bereits ab dem Sommer
1945 der Fall, nicht zuletzt deshalb, weil der Abtransport nach Westen besser
funktionierte. Weniger Tote bedeutete in der Regel eine deutlich verminderte
Zahl an lebensgefährlich Erkrankten und körperlich Misshandelten. Schließ-
lich spielte der Umgang mit dem Eigentum der Flüchtlinge eine wesentliche
Rolle. Es war ein wichtiger Überlebensfaktor, ob jemand bei einer überstürz-
ten Flucht vor der Front oder Gewalttätern nur seine nackte Haut retten
konnte oder doch ein paar Koffer mit Lebensmitteln und Wäsche.
Diese Unterschiede führen zum Topos der Gewalt und deren verschiede-
nen Formen. In den letzten Kriegsmonaten und im Frühjahr 1945 wurden
häufig abschreckende Gewalttaten verübt, etwa durch öffentliche Misshand-
lungen, Hinrichtungen und die Schändung von Leichen. Dies war das Resul-
tat politischer Anstachelung, eines nahezu rechtsfreien Raums und von mas-
kulinen Gruppendynamiken. Nach dem Sommer 1945 stand eine andere Art
von Gewalt im Vordergrund. Nun ging es um eine möglichst effektive Aus-
beutung der ehemaligen Kriegsgegner mit maximalem Arbeitseinsatz und

1 In der Bundesrepublik wurden bis Mitte der 1990er Jahre Opferzahlen von bis zu
250.000 Menschen verbreitet, die aber auf einer fehlenden Kenntnis der Volkszählungs­
ergebnisse in der SBZ beruhten und außerdem alle Vermissten und nationalen Konver­
titen als Tote einrechneten.
Schlussbetrachtung und historische Typologie 267

minimaler Versorgung. Diese rationalisierte Gewalt sollte man nicht ver-


harmlosen, denn sie beruhte auf einer völligen Asymmetrie der Macht, die
auch zu den Grundlagen der industriellen Massenvernichtung von Menschen
bzw. des Holocaust gehört. Die zur Zwangsarbeit festgehaltenen Flücht-
linge wurden ebenfalls traumatisiert, wenngleich auf andere Weise. Nicht der
plötzliche Verlust der Heimat steht im Vordergrund ihrer Erfahrung und Er-
innerung, sondern die sukzessive Umwandlung des gewohnten Umfelds, die
Entfremdung von ihm und der Wunsch, diesen oft als Hölle beschriebenen
Kontext möglichst bald zu verlassen.
Dieser Wandel der Gewalt lässt sich ein Stück weit auf das 20. Jahrhun-
dert verallgemeinern. Die an symbolischen Gewaltakten erkennbare Mord-
lust war während der Balkankriege und des griechisch-türkischen Krieges
von 1922 wahrscheinlich am schlimmsten, dann erneut in den »Kriegen im
Krieg« zwischen 1941 und 1944, gegen Ende des Zweiten Weltkrieges und zu
Beginn des Krieges in Bosnien. Doch insgesamt zeichnet sich in einer Longue
durée-Perspektive eine Rationalisierung und Verstaatlichung der Gewalt ab,
die ethnische Säuberungen im millionen­fachen Umfang erst möglich machte.
Die Ikonographie ethnischer Säuberungen wird in der Regel vom Flücht-
lingstreck dominiert, quantitativ betrachtet war aber der Vieh- oder Güter-
waggon bedeutsamer. Die Rationalisierung der Gewalt ließ die Todesraten
sinken, resultierte jedoch in einer Entmenschlichung aller Beteiligten.
Dies führt erneut zum Paradigma der europäischen Moderne, die einer-
seits eine dramatische Ausweitung ethnischer Säuberungen mit sich brachte,
andererseits humanitäre Hilfsaktionen ermöglichte. Ansatzweise lässt sich
das bereits anhand der Care-Pakete und der Hungerhilfe der UNRRA nach
dem Zweiten Weltkrieg belegen. Derlei Aktionen waren im ehemaligen Ju-
goslawien noch umfassender und ermöglichten den Menschen in Sarajevo
trotz einer mehr als dreijährigen Belagerung das Überleben. Die Asymme-
trie der Gewalt war zwar auch in Bosnien überwältigend und resultierte in
der gezielten Demütigung der Bosniaken durch massenhafte Vergewaltigun-
gen und ähnliche Schandtaten, aber letztlich verloren die Serben den Krieg,
weil sie nur auf Gewalt setzten. Eine vertraglich geregelte, bi- oder trilaterale
Zwangsaussiedlung stand während des Krieges mehrfach im Raum, ließ sich
jedoch auf internationaler Ebene und im Land selbst nicht mehr durchsetzen.
Es blieb daher im ehemaligen Jugoslawien bei Flucht und Vertreibung, wäh-
rend die in früheren Perioden fast immer folgende Phase der kontraktuellen
Zwangsaussiedlung entfiel.
Das ehemalige Jugoslawien lässt sich damit nicht in das Schema ethnischer
Säuberungen während eines Krieges und nach einem Krieg einordnen. In
Kroatien und in Bosnien-Herzegowina geschahen die Untaten ausschließlich
während eines bewaffneten Konflikts, wobei zu bedenken ist, dass sich die
militärischen Fronten ein Jahr nach Ausbruch des Konflikts zu einem Stel-
268 Schlussbetrachtung und historische Typologie

lungskrieg (militärisch mit der Westfront des Ersten Weltkrieges vergleich-


bar) verhärteten. Der Krieg als Gesamtes erklärt aber nicht den Verlauf klein-
räumiger Konflikte, die sich je nach Region unterschieden. Dieser Befund
gilt auch für den Zweiten Weltkrieg. Der formelle Abschluss eines Friedens-
vertrages oder die Kapitulation einer Seite wirkte nur selten als eindeutige
Zäsur, wichtiger war, wie lange in der jeweiligen Region aktiv und mit Waf-
fengewalt gekämpft wurde.
Umgekehrt konnte ein Krieg länger dauern als auf dem Papier. Wie das
Verhalten der polnischen und tschechoslowakischen Armee und Verwal-
tungsequipen im Frühjahr 1945 belegt, befanden sich zahlreiche Bürger die-
ser beiden Länder nach dem 8. Mai weiterhin in einem mentalen Kriegszu-
stand. Erst mit dem Potsdamer Abkommen, als die Alliierten die vollständige
Entfernung der deutschen Minderheiten aus Ostmitteleuropa beschlossen
hatten, änderte sich die Behandlung der verbliebenen Deutschen. Das lag
nicht zuletzt daran, dass die Regierungen in Warschau und Prag erkannten,
dass systematische Misshandlungen letztlich die Weiterführung des Trans-
fers gefährdeten. Die Hasspropaganda ging zurück, kriminelle Gewalttäter
hatten nicht mehr den gleichen Spielraum wie im Mai oder Juni 1945. Ent-
sprechend unterschied sich gerade im Fall der Deutschen, aber auch in ande-
ren Fällen ethnischer Säuberungen der Ablauf der erzwungenen Migration,
das Ausmaß an damit erlittener Traumatisierung und die darauf beruhenden
Startbedingungen in der neuen Heimat.
Der Blick auf die Betroffenen bestätigt diese Differenzierung zwischen
Flucht, Vertreibung und Zwangsaussiedlung. Etliche nationalsozialistische
Funktionäre aus den Ostgebieten konnten sich mit größerem Gepäck nach
Westen absetzen und dort relativ bequem und häufig ohne Entnazifizie-
rungsverfahren ein neues Leben beginnen. Auch ein Ritt nach Westen wie
der von Gräfin Dönhoff beruhte letztlich auf einer privilegierten Position.
Dagegen kamen gerade die »kleinen Leute« unter die Räder der voranrü-
ckenden Front und verloren all ihr Hab und Gut, außerdem nicht selten ihre
Gesundheit oder ihr Leben. Diese Unterschiede gehen verloren, wenn man
sämtliche von ethnischen Säuberungen betroffenen Menschen gleicherma-
ßen als Opfer betrachtet. Außerdem sollte man nicht vergessen, dass viele
Flüchtlinge selbst Partei in lange andauernden Konflikten ergriffen hatten,
so etwa der langjährige Vorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft,
Lodgman von Auen, der schon vor dem Krieg die massenhafte Umsiedlung
von Tschechen gefordert hatte. Manchmal wurden Flüchtlinge zu Akteu-
ren neuer Konflikte und verschärften diese. Beispiele dafür sind die Balkan-
muslime nach ihrer Ankunft in Ostthrakien, die kleinasiatischen Griechen
in Makedonien oder die Punjabis in Delhi. Die Aufnahmeregionen wa-
ren derart überfüllt, dass auf lokaler Ebene erneut Minderheiten verdrängt
wurden.
Schlussbetrachtung und historische Typologie 269

Die auf den Kontext des Krieges bezogene Differenzierung führt zur völ-
kerrechtlich relevanten Unterscheidung zwischen kontraktuellen und nicht
vertraglich geregelten ethnischen Säuberungen. Die meisten und die umfang-
reichsten ethnischen Säuberungen in Europa wurden im Anschluss an inter-
nationale Vereinbarungen ausgeführt. Ausschließlich vertraglich geregelte
Bevölkerungsverschiebungen blieben selten, kamen aber insbesondere im
NS-beherrschten Europa vor. Beispiele dafür sind die ethnischen Säuberun-
gen im Anschluss an die beiden Wiener Schiedssprüche, der Vertrag von Cra-
iova und die NS-Umsiedlung »Heim ins Reich«, sowie 20 Jahre zuvor der Be-
völkerungsaustausch nach dem Abkommen von Neuilly.
In der Regel ging dem Abschluss eines Vertrags jedoch massenhafte Ge-
walt und eine Phase der Flucht und Vertreibung voraus. Ex post wurde daher
häufig behauptet, dass die jeweiligen Verträge nur geschaffene Fakten bestä-
tigt hätten. Diese Legitimierung ethnischer Säuberungen ist empirisch wi-
derlegbar. Erstens ist das Abkommen von Lausanne das einzige Beispiel im
20. Jahrhundert, in dem tatsächlich in etwa so viele Menschen während des
Krieges geflohen waren (etwa 500.000, nach anderen Angaben 750.000) als
anschließend vertraglich zwangsausgesiedelt wurden (ca. 750.000). 2 In allen
anderen Fällen überstieg die Zahl der vertraglich Zwangsausgesiedelten bei
weitem die der Flüchtlinge und Vertriebenen. Zweitens lässt sich eine bereits
in Gang gekommene Flucht sogar unter ungünstigen Umständen aufhalten
oder rückgängig machen. Das Beispiel Siebenbürgens im Jahr 1945, die Ge-
schichte Bengalens in den frühen 1950er Jahren und die teilweise Rückfüh-
rung von Flüchtlingen im ehemaligen Jugoslawien ab 1995 zeigen dies. Drit-
tens versuchten Flüchtlinge, deren eigene Agenda allzu oft übersehen wird,
ohnehin häufig in die alte Heimat zurückzukehren, sogar unter großen Ge-
fahren. Dies trifft zum Beispiel auf etwa eine Million Schlesier zu, die im
Frühjahr 1945 aus den Sudeten und aus anderen Zufluchtsgebieten wieder
in die alte Heimat zurückströmten. Erst durch das Potsdamer Abkommen
wurde die vorherige Flucht endgültig.
Die vertragliche Regelung ethnischer Säuberungen führte also zu einer er-
heblichen Ausweitung dieser menschenverachtenden Praxis. Zur Legitimie-
rung der Verträge ließe sich allenfalls anführen, dass sie noch schlimmere
Menschenrechtsverletzungen und humanitäre Katastrophen verhinderten –
auch im Fall der Deutschen nach 1945 – aber dies blieb stets ein nachrangiges
Ziel. Die Besonderheit der 1990er Jahre liegt darin, dass nun keine interna-
tionalen Verträge über einen Bevölkerungsaustausch oder -transfer mehr ab-
geschlossen wurden. Im Gegenteil: Die internationale Staatengemeinschaft
setzte auf die Rückführung von Flüchtlingen. Ob diesen Maßnahmen über-
wiegend humanitäre Überzeugungen zugrunde liegen, darf man bezweifeln.

2 Vgl. dazu die Angaben in Psomiades, Fridtjof Nansen, S. 295 und 314.
270 Schlussbetrachtung und historische Typologie

Sicherlich ging es ebenso darum, die potenziellen Aufnahmeländer in West-


europa und deren Sozialsysteme von einer dauerhaften Unterbringung der
Flüchtlinge zu entlasten. Außerdem tolerierten die USA, die Bundesrepublik
und andere westliche Staaten begrenzte ethnische Säuberungen, wie etwa der
Serben aus der Krajina oder dem Kosovo.
Auf einem anderen Blatt steht, inwieweit die vertraglichen Bedingungen
in den ersten drei Perioden ethnischer Säuberungen tatsächlich eingehalten
wurden. Generell war dies eher der Fall, wenn Vertreter der auszusiedeln-
den Nationalität mit am Verhandlungstisch saßen und den Ablauf der ethni-
schen Säuberung zumindest teilweise beeinflussen konnten. Die bilateralen
polnisch-sowjetischen Verträge von 1944 und alle weiteren Verträge von 1946
ermöglichten es der jeweils schwächeren Seite, wenigstens gegen die gröbsten
Menschenrechtsverletzungen zu intervenieren. Eine derartige Kontrollins-
tanz fehlte beim »Transfer« der Deutschen, die auf der Basis eines multilate-
ralen Vertrags ohne Beteiligung einer eigenen Regierung zwangsausgesiedelt
wurden und daher auf Interventionen der Besatzungsmächte angewiesen wa-
ren. Außerdem enthielt das Potsdamer Abkommen keine konkreten Bestim-
mungen zur Mitnahme von Gepäck oder zur Bereitstellung von Reiseprovi-
ant – alles Faktoren, die oft genug über Leben und Tod entschieden. Dennoch
zeigt der Vergleich der Zwangsaussiedlung nach dem Potsdamer Abkommen
mit der vertragslosen Vertreibung der Deutschen aus Jugoslawien den Ein-
fluss einer kontraktuellen Regelung auf den Ablauf und die unmittelbaren
Folgen ethnischer Säuberungen. Die Todesraten unter den Donauschwaben
lagen um ein Vielfaches höher als bei den Sudetendeutschen oder den Nieder-
schlesiern.
Selbstverständlich bedeuten diese Unterschiede nicht, dass man Vertrags-
texte für bare Münze nehmen sollte. Selbst bei detaillierten Vereinbarun-
gen wie den polnisch-sowjetischen Evakuierungsverträgen von 1944, die
sogar die Mitnahme eines Großteils des mobilen Eigentums und von Vieh
erlaubten, herrschte eine tiefe Kluft zur tatsächlichen Umsetzung. Gut oder
gar freundlich behandelt wurden die Zwangsausgesiedelten äußerst selten.
Häufig kam es vor der Abreise zu Misshandlungen und dem Raub der letz-
ten persönlichen Habe. Die Transporte selbst bedeuteten je nach Jahreszeit
eine Gefahr für Leib und Leben. Außerdem besagt allein die Tatsache, dass
die Flüchtlinge meist in Viehwagen untergebracht wurden, genug über die
Einstellungen ihnen gegenüber. Dennoch war die Reise in einem eigens be-
reitgestellten Zugtransport oder einem organisierten Treck erträglicher als
eine ungeordnete Flucht oder Vertreibung. Obwohl die Todesraten wie er-
wähnt nicht ganz genau bestimmt werden können, lagen sie bei ungeregel-
ten Bevölkerungsverschiebungen bis zu zehn Mal höher als bei vertraglich
vereinbarten Zwangsaussiedlungen. Auch die Formen der Gewalt variier-
ten, es kam zu öffentlichen Hinrichtungen, Misshandlungen und Vergewal-
Schlussbetrachtung und historische Typologie 271

tigungen, die bei vertraglich geregelten Zwangsaussiedlungen eine Ausnahme


blieben. Diese markanten Unterschiede gab es nicht nur zwischen bestimm-
ten ethnischen Säuberungen, sie prägten ferner die verschiedenen Phasen in
einzelnen Fällen. In der Tschechoslowakei beispielsweise starben die maxi-
mal 30.000 Sudetendeutschen, die von der Gemeinsamen deutsch-tschechi-
schen Historikerkommission ermittelt wurden, fast ausschließlich vor dem
Potsdamer Abkommen. Für Polen liegen keine ähnlich genauen Statistiken
vor, aber auch dort kann man nicht behaupten, dass die massenhaften Morde
während der NS-Besatzung nach dem Sommer 1945 mit gleicher Münze ent-
gegnet wurden.
Ferner belegen all diese Todesraten einen unüberbrückbaren Unterschied
zum Genozid. Besonders klar ist dies für den Holocaust, in dessen Rahmen
90 Prozent der jüdischen Bevölkerung Polens ermordet wurde. Auch andere
Beispiele können den Unterschied verdeutlichen. In Srebrenica, dem einzigen
Verbrechen gegen die Menschlichkeit im ehemaligen Jugoslawien, das juris-
tisch als Genozid geahndet wurde, brachten bosnische Serben ein Drittel der
dort gefangenen Bosniaken um, konkret die Männer im wehrfähigen Alter.
Die ethnischen Säuberungen im Rest des Landes – egal wie menschenverach-
tend und mörderisch sie an einigen Orten verliefen – sind damit nicht gleich-
zusetzen. Bei den anderen hier behandelten Fällen, die als innerstaatliche
Genozide eingestuft wurden (Verfolgung von Serben im Ustaša-Staat 1941–
1944, Deportation der bessarabischen Juden nach Transnistrien 1­ 941–1942),
lag die Zahl der Ermordeten höher als jene der überlebenden Vertriebenen
oder Deportierten.
Der Schwerpunkt auf die Toten kann selbstverständlich nur ein Argument
sein und entspricht nicht der ursprünglichen Definition des Völkermords
von Rafael Lemkin. Dieser betrachtete bereits die versuchte Zerstörung
(­destruction) einer Volksgruppe und ihrer Lebensgrundlagen als Genozid. 3
Die entsprechende UN-Konvention von 1948 fasste den Begriff enger, nicht
zuletzt um eine nachträgliche Delegitimierung des Potsdamer Abkommens
und der Nachkriegsordnung zu vermeiden. Würde man Lemkin und der auf-
strebenden Forschungsrichtung der Genocide Studies folgen, müsste man
fast alle hier behandelten ethnischen Säuberungen als Genozid betrachten.
Auch wenn es wissenschaftspolitisch als opportun erscheinen mag, einen
möglichst inklusiven Genozidbegriff anzuwenden, würde eine derartige Ge-
neralisierung zu einer Relativierung des Holocaust führen und den »dolus
specialis« verwässern.

3 Vgl. dazu Martin Shaw, What is Genocide?, Cambridge 2007. Die hier versuchte
Abgrenzung ethnischer Säuberungen vom Genozid beruht u. a. auf Diskussionen mit
Dirk Moses vom European University Institute (EUI), dem ich – gerade wegen der teil-
weise divergierenden Meinungen – für seine Anregungen danken möchte.
272 Schlussbetrachtung und historische Typologie

Auf der Basis dieses juristischen Grundprinzips hat der Internationale


Gerichtshof für das ehemalige Jugoslawien zwischen Genozid und schweren
Verbrechen gegen die Menschlichkeit unterschieden. Diese Differenzierung
resultierte aus der Revision mehrerer Verfahren gegen serbische Funktio-
näre aus Nord- und Ostbosnien, in denen die langen (bis zu 40jährigen) oder
lebens­langen Haftstrafen nicht geändert, aber der Vorwurf des Genozids fal-
len gelassen wurde.4 Letztendlich bestrafte der internationale Gerichtshof
nur den geplanten Massenmord von Srebrenica als Genozid. Selbst bei die-
sem Fanal des Krieges im ehemaligen Jugoslawien wurden jedoch Frauen und
Kinder geschont – im Gegensatz zu Lidice, Oradour, Marzabotto und un-
zähligen Orten im Osten Europas, in denen die Wehrmacht und die SS ge-
nozidale Massaker verübten. Die Ustaša und das Antonescu-Regime ver-
anlassten vergleichbare Terrorakte. Der Genozid von Srebrenica wurde vor
allem deshalb als abstoßend empfunden, weil derartige Gewalt in der zweiten
Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer Ausnahmeerscheinung wurde – zumin-
dest in Europa. Daher der Aufschrei der internationalen Öffentlichkeit und
dann die verspätete militärische Intervention des Westens, wenn auch nur
aus der Luft, um keine westlichen Gefallenen zu produzieren, deren Leben
zynisch betrachtet offenbar mehr zählte als das von bosnischen Zivilisten,
die man mit Bodentruppen wirkungsvoller hätte schützen können.
Aus einer akteurszentrierten Sicht ist zu beachten, dass ein Völkermord
nie mit dem Einverständnis einer Regierung oder einer anderen Institu-
tion einhergeht, die im Namen einer verfolgten Gruppierung agiert. Dage-
gen erfolgten die meisten und die umfangreichsten ethnischen Säuberun-
gen auf der Grundlage bilateraler oder internationaler Abkommen, waren
also kontraktuell. Aufgrund dieser grundsätzlichen und empirischen Unter-
schiede spricht wenig dafür, ethnische Säuberungen als Subspezies von Ge-
noziden anzusehen. Es handelt sich um einen nahe verwandten, aber doch
unterscheidbaren Prozess. Es lindert außerdem keineswegs das Trauma der
betroffenen Menschen, ihr vergangenes Leid überbordend anzuerkennen
und damit letztlich zu verkennen. Es gab im 20. Jahrhundert verschiedene
Menschheitsverbrechen mit unterschiedlichen Ursachen und Folgen.
Sofern man eine Nähe zwischen Genozid und ethnischen Säuberungen
feststellen wollte, wäre dies am ehesten anhand der innerstaatlichen Depor-
tationen in der Sowjetunion möglich, die dem Wesen dieser Kollektivbestra-

4 Vgl. dazu zwei Schlüsselverfahren um die Vorgänge in Nordbosnien, wo es zu 1992


besonders umfangreichen Menschenrechtsverletzungen kam. Trotz hoher Haftstrafen
für die Beschuldigten wurden die Anklagen wegen Genozids in allen Revisionsverfah-
ren fallengelassen. Siehe dazu auf der Webseite des ICTY http://www.icty.org/x/cases/
stakic/cis/en/cis_stakic.pdf und http://www.icty.org/x/cases/jelisic/cis/en/cis_jelisic.pdf
[18.10.2010].
Schlussbetrachtung und historische Typologie 273

fung entsprechend ohne Einverständnis der Betroffenen beschlossen wur-


den und zu Todesraten von bis zu einem Viertel führten. Auch in anderen
Kontexten können vertraglich ungeregelte ethnische Säuberungen einen ge-
nozidalen Charakter annehmen. Doch eine pauschale Einordnung der so-
wjetischen Deportationen von 1941–1944 als Genozid würde die Ziele des
stalinistischen Regimes verkennen, das nicht per se die physische Existenz
von Tataren, Tschetschenen oder anderen Nationalitäten auslöschen wollte.
Die Absicht der Vernichtung war gegenüber den Kulaken ausgeprägter. Bei
den sowjetischen Sozioziden verursachten Kälte und die mangelnde Ver-
sorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten ein massenhaftes Sterben.
Der Hunger wirkte in Indien ebenfalls als Henker, dort starben bei der gro-
ßen Hungersnot von Bengalen 1943 zwei bis drei Millionen Menschen, mit-
hin wahrscheinlich zehn Mal so viel wie bei den ethnischen Säuberungen von
1947/48. Dies soll hier erwähnt sein, um auf andere Arten und Proportionen
menschlichen Leides zu verweisen.
Weiter führend als das Label des »Soviet Ethnic Cleansing« ist die Frage,
warum die Utopie sozialer Homogenität in der Sowjetunion zu einer Ab-
lehnung ethnischer Diversität führte. Offenbar besteht ein dynamischer Zu-
sammenhang zwischen verschiedenen Arten von Gleichmacherei. Sobald die
vorhandene soziale Diversität beseitigt war, richtete sich der Terror des sta-
linistischen Regimes gegen nationale »Abweichler«. Im Gegensatz zur Ver-
schleppung der Kulaken ging es bei den Deportationen während des Zweiten
Weltkrieges nicht mehr um die Utopie einer Gesellschaft der Gleichen oder
die Schaffung eines neuen Sowjetmenschen, sondern um die kollektive Be-
strafung für unterstelltes Fehlverhalten während des Krieges.
Damit wäre man bei einer vierten Typologie angelangt, der Unterschei-
dung zwischen retrospektiven und zukunftsorientierten ethnischen Säube-
rungen. Die sowjetischen Deportationen von Nationalitäten mit einem ex-
ternen Nationalstaat in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre lassen sich noch
mit Projektionen auf die Zukunft erklären. Stalin hatte panische Angst vor
einem Angriff aus dem Ausland und ließ daher jede potenzielle Gefahr besei-
tigen. Doch ab 1941 mutierten die präventiven Säuberungen zu einer retros-
pektiven Bestrafung, die allerdings die Identität der Deportierten nie so ver-
änderte oder auslöschte wie die Umerziehung der Kulaken in den Straflagern.
Indirekt stärkte die kollektive Erfahrung der Deportation sogar das Zusam-
mengehörigkeitsgefühl unter den davon betroffenen Gruppen. Meist kehrten
diese daher geschlossen in die alte Heimat zurück, sobald dies im Rahmen
der Entstalinisierung zugelassen wurde.
Auch bei den Nationalstaaten, die zu ethnischen Säuberungen griffen,
sollte man die Orientierung auf vergangene Konflikte als Motiv nicht unter­
schätzen. Die Vertreibung der Griechen aus Kleinasien gründete auf nega­
tiven Erfahrungen während der Türkenkriege auf der Balkanhalbinsel und im
274 Schlussbetrachtung und historische Typologie

Kaukasus. Vor allem auf individueller Ebene wirkten diese Erfahrungen


wahrscheinlich tiefer als die jungtürkische Propaganda eines rein turani­schen
Anatoliens, die Millionen von Analphabeten kann erreicht haben dürfte. Die
Politik der mit dem Deutschen Reich verbündeten Nationalstaaten speiste sich
ebenfalls aus der Erinnerung an vergangene Konflikte. Ungarn, Bulgarien
und Rumänien verfolgten 1941–1944 zuerst die politischen und gesellschaft-
lichen Eliten der nach dem Ersten Weltkrieg geschaffenen oder expandierten
Nationalstaaten. Sogar der unabhängige Staat Kroatien, der NS-Deutschland
unter den Verbündeten ideologisch am nächsten stand, betrieb zunächst eine
politische Selektion unter den verfolgten Minderheiten. Die ungarische Re-
gierung sprach in Nordsiebenbürgen von einer »Wiedergutmachung der Un-
gerechtigkeiten« während der rumänischen Herrschaft und meinte damit die
Landreform von 1921 und die anschließende Ansiedlung rumänischer Bau-
ern. Inwieweit der Blick auf die Vergangenheit Fakten entsprach, ist hierbei
nebensächlich. Wie das Beispiel der Slowakei zeigt, konnte sogar die nations-
bildende Politik eines bi-nationalen Staates als Unterdrückung ausgelegt und
zur ethnischen Säuberung instrumen­talisiert werden.
Entscheidend ist, dass die retrospektive Abrechnung sich in allen hier ana-
lysierten Nationalstaaten mit einer zukunftsorientierten Utopie ethnischer
Homogenität verband. Diese gewann dann als Motiv rasch die Oberhand.
Die Verfolgung beschränkte sich daher nicht auf ehemalige Funktionäre des
gegnerischen Staates, sondern richtete sich gegen die künftigen Repräsen-
tanten von Minderheiten. Dies erklärt zum Beispiel die häufig praktizierte
Sippenhaft, wonach nicht nur das nationalistische Oberhaupt einer Fami-
lie, sondern auch dessen Kinder oder die erweiterte Familie vertrieben und
zwangsausgesiedelt wurden. Diese radikale Form der Ethnokratie, die man
nicht wie Michael Mann mit einer Demokratie gleichsetzen sollte, verwüs-
tete vor allem die jeweiligen Grenzregionen. Man wollte umstrittene Ge-
biete in Antizipation künftiger Konflikte und Friedenskonferenzen dauer-
haft transformieren. Dieses Streben nach einem bevölkerungspolitischen Fait
accompli für alle Zeiten lag auch der tschechoslowakischen und polnischen
Politik gegenüber den Deutschen und anderen Minderheiten im Frühjahr
1945 zugrunde.
Auf einer Skala der Vergangenheits- und Zukunftsorientierung steht das
nationalsozialistische Deutschland an vorderster Stelle. Die Konzeption eines
rassisch reinen Lebensraumes war ebenso utopisch wie die geplante Ver-
treibung von zehn Millionen Polen (allein aus den annektierten Gebieten),
einer halben Million Slowenen und schließlich aller Nationen, die als rassisch
minderwertig angesehen wurden. Der utopische Charakter der Lebensraum-
Ideologie manifestierte sich in der Praxis. Das Deutsche Reich war der einzige
Staat im 20. Jahrhundert, der ethnische Säuberungen jenseits arrondierter
Grenzregionen veranlasste. Die Aktion Zamość kurz vor der Niederlage von
Schlussbetrachtung und historische Typologie 275

Stalingrad zeugt davon, welch raumgreifenden Charakter die Germanisie-


rung Osteuropas haben sollte. Doch gerade wegen der mangelnden Realisier-
barkeit blieb die »ethnische Flurbereinigung« letztlich sekundär gegenüber
der Kriegswirtschaft und der Vernichtung der Juden. Der Schwerpunkt der
Nationalitätenpolitik lag ab dem Frühjahr 1941 nicht mehr auf gewaltsamen
Zwangsmigrationen, sondern auf der Zwangsassimilation und der maximalen
Ausbeutung der unterworfenen Nationen durch Zwangsarbeit.
Am effektivsten und umfassendsten waren ethnische Säuberungen in je-
nen Fällen, in denen sich eine retrospektive Abrechnung mit konkreten zu-
kunftsorientierten Plänen verband. Beispiele dafür sind die Entfernung sämt-
licher Christen aus Kleinasien, sogar aus Gebieten, die tausend und mehr
Kilometer vom eigentlichen Kriegsgebiet entfernt lagen, oder die nahezu
vollständige ethnische Säuberung Polens nach dem Zweiten Weltkrieg. Wo
das Ziel eines ethnisch reinen Nationalstaats fehlte, etwa in Rumänien, Ju-
goslawien und Indien, blieben die ethnischen Säuberungen im Ansatz ste-
cken oder beschränkten sich auf bestimmte Regionen.
Bei den Alliierten lässt sich ebenfalls eine Kombination vergangenheits­
bezogener und zukunftsorientierter Motivationen nachweisen. Die Deut-
schen sollten für den Angriffskrieg und den Besatzungsterror streng bestraft
werden – vor allem Stalin verhielt sich hierbei gnadenlos. Die Alliierten be-
schlossen daher in Jalta und Potsdam nicht nur die Entfernung der (angeb­
lichen) »Fünften Kolonne« Hitlers aus den östlichen Nachbarstaaten des
Dritten Reiches, sondern zugleich die Zwangsaussiedlung sämtlicher Deut-
scher aus den 1945 verlorenen Ostgebieten. Neben den Gebietsverlusten im
Osten und den damit einhergehenden Zwangsmigrationen umfasste der Ka-
talog an Kollektivstrafen Maßnahmen wie die Zwangsarbeit im Donbass und
die Demontage von Industrieanlagen und Infrastruktur in der SBZ. Dieser
Zusammenhang zum Zweiten Weltkrieg und zum Besatzungsterror muss
immer wieder betont werden, wenn man erklären will, warum die gegen
Deutsche gerichteten ethnischen Säuberungen derart ausuferten.
In Großbritannien und den USA, die nicht unter deutscher Besatzung ge-
litten hatten, war der Wunsch nach Vergeltung weniger ausgeprägt. Die West-
mächte vertraten ethnische Säuberungen vor allem mit Blick auf den künfti-
gen Frieden in Europa. Alle Seiten einte die Ansicht, dass von Deutschland
nie wieder ein Angriffskrieg ausgehen dürfe, womit die Bestrafung zugleich
Teil der Nachkriegsordnung wurde. Vor allem London war mit Verweis auf
Lausanne der Ansicht, dass sich Europa und seine einzelnen Staaten nur sta-
bilisieren ließen, wenn die »endlosen Schwierigkeiten« mit den Minderheiten
beendet würden. Interessant ist dabei, dass Churchill in seiner Schlüsselrede
zur Zukunft Polens im Dezember 1944 das Beispiel des Elsass heranzog, wo
Frankreich dann aber eine wesentlich konziliantere Politik verfolgte als nach
dem Ersten Weltkrieg.
276 Schlussbetrachtung und historische Typologie

Die Erfahrungen aus der Vergangenheit und die Projektionen auf die Zu-
kunft verblassten nach der Konferenz von Potsdam angesichts der Herausfor-
derungen der Gegenwart. Aufgrund der akuten Flüchtlingskrise in Deutsch-
land kritisierten die USA und Großbritannien die Sowjetunion und ihre
Verbündeten für die Art der Durchführung der Potsdamer Beschlüsse. Von
den damit verbundenen ethnischen Säuberungen distanzierten sie sich jedoch
nie und erinnerten Bonn an die Gültigkeit des Paragraphen XIII, sobald sich
Adenauer der Rhetorik der Vertriebenenverbände all zu sehr anpasste.5 Die-
ser äußere Faktor wird gelegentlich unterschätzt, wenn von der unbestreitba-
ren Integrationsleistung der Bundesrepublik gegenüber den Flüchtlingen und
Vertriebenen die Rede ist.
Die Stabilität der Nachkriegsgrenzen und die lang anhaltende Friedens­
periode in Europa wurden lange Zeit so interpretiert, als hätten die ethni­
schen Säuberungen zwischen 1944 und 1948 letztlich doch ihren Zweck er-
füllt. Dieses Argument findet sich bis Mitte der 1960er Jahre in etlichen
internationalen Fachbüchern, so etwa der erweiterten Neuauflage von ­Joseph
Schechtmans Buch über Bevölkerungstransfers von 1963. Dimitri Pentzo­
poulos äußerte sich ein Jahr zuvor ähnlich affirmativ über Neuilly und Lau-
sanne, in den kommunistischen Ländern gehörte ein positiver Bezug zum
»Transfer« der Deutschen und zur vermeintlichen Lösung aller Minderhei-
tenprobleme zur Staatsdoktrin.
Die »saubere« Nachkriegsordnung Europas lässt sich tiefer gehend bewer-
ten, wenn man sich auf kontrafaktische Überlegungen einlässt. Obwohl die
1945 gezogenen ethnischen Grenzen letztlich stabil blieben, waren sie zu-
tiefst umstritten. Unter den deutschen Vertriebenenverbänden und davon be-
einflusst den Bonner Regierungen dominierte bis Mitte der 1960er Jahre ein
doppelter Revisionismus, der die Rückkehr der Vertriebenen und den Ver-
lauf der deutschen Ostgrenze betraf. Dieser Revisionismus führte dann je-
doch aufgrund der Teilung Deutschlands zu keinen tieferen politischen
Konsequenzen. Die SED erstickte ab 1948 alle Debatten über die Oder-
Neiße-Grenze, gerade weil in der SBZ/DDR breite Kreise der Gesellschaft
und zeitweilig der CDU für deren Korrektur eintraten.6 In Polen mach-
ten sich die Bürger aus den ehemaligen Ostgebieten dagegen weniger Hoff-
nung auf eine Revision der von Stalin oktroyierten Ostgrenze oder die Rück-
kehr in die alte Heimat. Ähnlich wie die »Umsiedler« in der DDR durften
sich die »Repatrianten« nicht organisieren oder öffentlich zu den Ostgebie-
ten stehen. Doch trotz der scharfen Zensur war das Syndrom der »gepack-
ten Koffer« weit verbreitet, in den ersten Nachkriegsjahren hofften manche

5 Vgl. dazu Pertti Ahonen, After the Expulsion. West Germany and Eastern Europe
1945–1990, New York 2003.
6 Vgl. Ther, Deutsche und polnische Vertriebene, S. 262–264 und 343–346.
Schlussbetrachtung und historische Typologie 277

Ost­polen sogar auf den Ausbruch eines Dritten Weltkrieges bzw. eines An-
griffs der Westmächte auf die Sowjetunion. In Ungarn ist das Trauma von
Trianon bis heute ein politischer Faktor. Angesichts dieses Widerstands ge-
gen die Nachkriegsordnung sind starke Zweifel angebracht, ob die 1945 be-
schlossenen ethnischen Säuberungen Ostmitteleuropa oder Europa als Ge-
samtes wirklich stabilisiert haben.
Eine Wiederholung des Revisionismus der Zwischenkriegszeit fiel vor al-
lem deshalb aus, weil der Kalte Krieg die ethnische Grenzziehung entlang des
Eisernen Vorhangs und innerhalb des sowjetischen Machtbereichs zemen-
tierte. Darin liegt der eigentliche kausale Zusammenhang mit der Stabilisie-
rung Europas. Ferner kam es in Deutschland zu einem klaren Bruch mit der
imperialen und der nationalsozialistischen Vergangenheit. Infolge der Stu-
dentenrevolte von 1968 und der Ostpolitik wandelten sich die Einstellungen
zum vermeintlich »deutschen Osten« und den Vertriebenenverbänden.
Seit einigen Jahren wird dies in der Bundesrepublik als »Tabuisierung« der
Vertreibung kritisiert. Aber diese Kritik ist falsch, denn erstens gab es nie-
mals ein Sprechverbot, zweitens ermöglichte der gesellschaftliche Wandel
seit den 1960er Jahren die Abkehr vom Revisionismus der Zwischenkriegs-
zeit. Darin liegt eine große geschichtspolitische Leistung der »alten« Bun-
desrepublik und der heute viel geschmähten (und sich selbst schmähenden)
1968er. Die jüngste, postmoderne Viktimisierung in der Berliner Republik
anhand der Debatte um das Zentrum und dann das »Sichtbare Zeichen« ge­
gen Vertreibung wirkt in mancher Hinsicht wie ein Rückfall in die 1950er
Jahre. Positiv zu bewerten ist allenfalls, dass in der bundesdeutschen Gesell-
schaft die Distanz zu den nationalistischen und nationalsozialistischen Tä-
tern früherer Generationen so groß ist, dass man in einer Art Überschlags-
handlung gern die eigenen Opfer thematisiert. Aber es wird darauf zu achten
sein, dass eine opferzentrierte Erinnerung nicht zu neuen Konflikten führt –
wie so häufig in der Geschichte ethnischer Säuberungen.
Ein weiterer Faktor beim Abbau von Spannungen in Nachkriegseuropa
waren ethnische Migrationen ohne eindeutigen Zwangscharakter. Beispiele
dafür sind die Spätaussiedlungen von Türken aus Südosteuropa oder von
Deutschen aus Ostmittel- und Osteuropa. Die angestrebte ethnische Ho-
mogenisierung setzte sich nach den Kernperioden ethnischer Säuberungen
fort, obwohl das in Lausanne oder Potsdam nicht direkt beabsichtigt oder
beschlossen wurde. Zusammenfassend kann man feststellen, dass nicht die
erste, 1945 beschlossene Nachkriegsordnung mit ihrem umfangreichen eth-
nischen Säuberungen, sondern erst die 1948 aus der Ost-West-Konfrontation
und der Pax Sovietica im Ostblock hervorgegangene zweite Nachkriegsord-
nung eine Stabilisierung Europas ermöglichte. Wie die Beispiele des tür-
kisch-griechischen Konflikts nach 1945 (Septembrianá 1955 und Zypern
1974/75), der Kriege im ehemaligen Palästina sowie zwischen Indien und Pa-
278 Schlussbetrachtung und historische Typologie

kistan und der gewaltsame Zerfall Jugoslawiens zeigen, generieren ethnische


Säuberungen mittel- und langfristig weitere Konflikte. Die seit 2001 aufge-
kommenen deutsch-polnischen Spannungen belegen, dass die Probleme auch
in Ostmitteleuropa nicht vollends bewältigt sind.
Zweifel an der Zweckdienlichkeit ethnischer Säuberungen sind nicht neu,
sondern begleiteten bereits die Umsetzung der Abkommen von Lausanne
und Potsdam. In Indien führten die negativen Auswirkungen der massen-
haften Flucht und Vertreibung von 1947/48 zu einer Abkehr von der Idee des
Bevölkerungsaustauschs. Das Nehru-Liaquat Abkommen von 1950 beab-
sichtigte für Bengalen eine Rückkehr der Flüchtlinge und eine Ko-Existenz
von Muslimen und Hindus beiderseits der Grenze. Ein paar Jahre später re-
vidierte die Sowjetunion die stalinistischen Deportationsbefehle und ermög-
lichte den Verschleppten (mit Ausnahme der Deutschen und Krimtataren) die
Rückkehr in die alte Heimat.
In Großbritannien und in den USA setzte sich infolge der Frontstellung
des Kalten Krieges ein Menschenrechtsdiskurs durch, der von der Studen-
tenbewegung von 1968 universalisiert und gesellschaftlich verankert wurde.
Die Öffentlichkeit hinterfragte den Wert gesellschaftlicher Homogenität
und setzten dem »Melting Pot« das Modell der »Salad Bowl Society« ent­
gegen. Auch in den kommunistischen Staaten begann ein Paradigmenwech-
sel. In der Tschechoslowakei kritisierten Reformkommunisten und Dissi-
denten während des Prager Frühlings den Verlauf des »Transfers«. In Polen
gingen Anhänger der Solidarność noch weiter und stellten das gesamte Kon-
strukt der »Erbfeindschaft« mit (West)Deutschland in Frage. Aufgrund die-
ser veränderten internationalen Konstellation war der Zypernkonflikt von
1974/75 der vorerst letzte Fall, bei dem es zu einer international sanktionier-
ten territorialen Teilung und einem vertraglich geregelten Bevölkerungsaus-
tausch über eine neu geschaffene Grenze kam.7
Die Gräuel während des Krieges in Bosnien und Herzegowina erzeug-
ten schließlich einen internationalen Konsens gegen ethnische Säuberungen.
Dementsprechend hatte der Friedensvertrag von Dayton zum Ziel, die vor-
herigen Vertreibungen zu revidieren und die Flüchtlinge soweit wie mög-
lich in ihre alte Heimat zurückzuführen. Im Zuge des Kosovokonflikts in-
tervenierte die NATO 1999, um die ethnischen Säuberungen zu stoppen.
Dies brachte völkerrechtlich einen tiefen und umstrittenen Einschnitt, weil
die Verhinderung ethnischer Säuberungen über die Souveränitätsrechte eines
Staates gestellt wurde.
Angesichts dieser Entwicklung besteht Anlass zur optimistischen An-
nahme, dass es sich bei ethnischen Säuberungen zumindest in Europa tat-

7 Stefan Troebst, Vom Bevölkerungstransfer zum Vertreibungsverbot – eine euro­


päische Erfolgsgeschichte?, in: Transit. Europäische Revue 36 (2008/09), S. ­158–182.
Schlussbetrachtung und historische Typologie 279

sächlich um ein historisches Phänomen handelt. Doch die Interventionen


der internationalen Staatengemeinschaft im ehemaligen Jugoslawien wurden
dadurch moralisch abgewertet, dass in Kroatien und im Kosovo die Vergel-
tung an der jeweiligen serbischen Minderheit und deren Vertreibung nicht
verhindert wurde. Außerdem könnte der internationale Konsens gegen eth-
nische Säuberungen zur Folge haben, dass unerwünschte Minderheiten nicht
mehr in Nachbarstaaten vertrieben, sondern im Extremfall gleich an Ort und
Stelle umgebracht werden. Die Konflikte in afrikanischen Konfliktgebieten
wie Darfur deuten in diese Richtung. Das Jahrhundert der ethnischen Säu-
berungen könnte daher global von einem Zeitalter der Genozide abgelöst
werden.
5. Kommentierte Bibliographie

Eine Literaturliste zu sämtlichen Fällen ethnischer Säuberungen, ihrem wei-


teren internationalen und länderspezifischen Kontext sowie regionalen und
lokalen Spezifika würde eine mehrbändige Bibliographie füllen. Daher wer-
den im Folgenden lediglich ausgewählte Bücher vorgestellt. Die kommentierte
Bibliographie behandelt zunächst Überblicksdarstellungen zu ethnischen
Säuberungen, dann aktuelle Forschungsfelder und schließlich nach Ländern
geordnet die wichtigsten internationalen und nationalen Publikationen.
Damit sind im Gesamtrahmen des Buches zweierlei Zugriffe auf die ein-
schlägige Forschungsliteratur möglich, einerseits über die im Hauptteil dar-
gestellten Fallstudien, andererseits auf die nachfolgend dargestellten länder-
spezifischen Literaturen. Da sich internationale Kooperationen nicht immer
eindeutig zuordnen lassen, werden sie anhand ihrer Bedeutung für die jewei-
ligen nationalen Forschungstraditionen erläutert. Von großer Relevanz sind
außerdem in jüngster Zeit erschienene Quellendokumentationen wie die Ge-
samtdarstellung über die Deutschen in Polen von 1945–1950 (vgl. dazu ­näher
5.1 und 5.2).
Mit dieser kommentierten Bibliographie soll den Lesern dieses Bandes, der
sich neben dem Fachpublikum an fortgeschrittene BA- und MA-Studierende,
Gedenkzentren, Verbände sowie selbstverständlich an die Betroffenen selbst
richtet, die weitere, vertiefte Lektüre erleichtert werden. Auch für die univer-
sitäre Lehre mag diese Bibliographie von Nutzen sein, haben sich doch ethni-
sche Säuberungen in den vergangenen zwanzig Jahren immer mehr zu einem
eigenen Themengebiet entwickelt. Die besprochenen Bücher werden hier und
in den weiteren Kapiteln in der Reihenfolge ihrer Nennung, also nicht alpha-
betisch aufgeführt. Wie bereits angedeutet, wird kein Anspruch auf Vollstän-
digkeit erhoben. Es handelt sich lediglich um eine Einführung in die wich-
tigsten Publikationen.

5.1 Überblicksdarstellungen über ethnische Säuberungen

Die Aktualität ethnischer Säuberungen in den 1990er Jahren hat dazu bei­
getragen, dass sich international ein sehr breites Forschungsfeld entwickelt
hat. Norman Naimark gebührt das Verdienst, nach einem zeitlichen Abstand
von mehr als 50 Jahren die erste Überblicksdarstellung über ethnische Säu-
282 Kommentierte Bibliographie

berungen verfasst zu haben. Sein 2001 in den USA publiziertes und rasch
ins Deutsche übersetzte Buch behandelt den Genozid an den Armeniern, die
ethnische Säuberung von Griechen, die NS-Verfolgung der deutschen Juden
bis 1941, die »Vertreibung« der Deutschen aus Polen und der Tschechoslowa-
kei sowie das ehemalige Jugoslawien. Die Auswahl der Fallstudien kann man
als nötige Reduktion ansehen (und im Detail kritisieren), sie weiten das Buch
zugleich in Richtung Genozid aus. Naimark hat vor allem auf dem Gebiet der
spezifischen Verfolgung von Frauen und damit einer Gender-Perspektive Pi-
onierarbeit geleistet. Als Ergänzung empfiehlt sich eine zweite englischspra-
chige Monographie. Benjamin Lieberman geht bis ins 19. Jahrhundert zurück
und versucht mit einem Blick auf die Opfer und die konkrete Gewaltanwen-
dung, möglichst alle Fälle ethnischer Säuberungen zu behandeln. Noch brei-
ter gefasst, vor allem in zeitlicher Hinsicht, ist ein in deutsch-britischer Ko-
operation entstandener Sammelband mit dem Titel »Forced Removal«. Darin
wird auf globaler Ebene die Verfolgung indigener Völker in den Siedlerkolo-
nien einbezogen, deren Motive und Umsetzung sich doch recht deutlich von
den ethnischen Säuberungen in Europa unterschieden. Eine globale Reich-
weite hat auch die französische Monographie von Stéphane Rosière, die eine
sozialwissenschaftliche Typologie ethnischer Säuberungen entwickelt. Ob-
gleich die Überblicksdarstellung von Joseph Schechtman bereits vor zwei
Generationen publiziert wurde und der Zeit entsprechend Bevölkerungs-
transfers als legitimes Mittel der internationalen Politik betrachtet, stellt sein
Buch eine große Forschungsleistung dar. Erwähnenswert ist schließlich das
von einem sechsköpfigen Autorenkollektiv publizierte Buch über Zwangs-
migrationen in Europa während des Zweiten Weltkrieges und in der frühen
Nachkriegszeit. Die Internationalität der Autorinnen und Autoren ermög-
licht einen sehr weit reichenden Zugriff auf einzelne Fälle und Literaturen.
Die deutschsprachige Forschung konzentrierte sich bis Mitte der 1990er
Jahre fast ausschließlich auf die Vertreibung der Deutschen, hat aber seitdem
an internationalem Profil gewonnen. Das 2010 erschienene Lexikon der Ver­
treibungen beruht auf den Beiträgen von mehr als 120 internationalen Auto-
rinnen und Autoren und behandelt nahezu alle Fälle ethnischer Säuberungen
in Europa. Es eignet sich ideal als Nachschlagewerk und als Ausgangspunkt
weiterer Lektüre. Das gilt auch für den 2008 am Institut für Europäische Ge-
schichte in Mainz publizierten Sammelband über Zwangsmigrationen im öst-
lichen Europa zwischen 1938 und 1950. In diesem umfangreichen Buch werden
etliche Einzelfälle ethnischer Säuberungen dargestellt, die bis dahin in westli-
chen Sprachen nicht behandelt wurden. Als komplementäre Lektüre ist ein im
Rahmen der Deutsch-Tschechischen und der Deutsch-Slowakischen Histori-
kerkommission entstandener Sammelband von 1999 geeignet. Schließlich ist
auf den in Polen produzierten und anschließend ins Deutsche übersetzten At­
las der Zwangsumsiedlung, Flucht und Vertreibung von 1939 bis 1959 zu ver-
Kommentierte Bibliographie 283

weisen, der ausgezeichnetes Kartenmaterial enthält, das einen anderen Blick


auf ethnische Säuberungen eröffnet und sehr gut für die Lehre einsetzbar ist.

Norman M. Naimark, Flammender Hass. Ethnische Säuberung im 20. Jahrhun­


dert, München 2004.
Benjamin Lieberman. Terrible Fate. Ethnic Cleansing in the Making of Modern
Europe, Chicago 2006.
Richard Bessel, Claudia B. Haake (Hg.), Removing Peoples. Forced Removal in the
Modern World, Oxford 2009.
Stéphane Rosière, Le nettoyage ethnique. Terreur et peuplement, Paris 2006.
Joseph Schechtman, European Population Transfers 1939–1945, New York 1946.
Pertti Ahonen, Gustavo Corni, Jerzy Kochanowski, Rainer Schulze, Tamás Stark,
Barbara Stelzl-Marx, People on the Move. Forced Population Movements in
­Europe in the Second World War and its Aftermath, Oxford 2008.
Detlef Brandes, Holm Sundhaussen, Stefan Troebst (Hg.), Lexikon der Vertrei­
bungen. Deportation, Zwangsaussiedlung und ethnische Säuberung im Europa
des 20. Jahrhunderts, Wien 2010.
Ralph Melville, Jiří Pešek, Claus Scharf (Hg.), Zwangsmigrationen im mittleren
und östlichen Europa. Völkerrecht – Konzeptionen – Praxis (1938–1950), Mainz
2008.
Detlef Brandes, Edita Ivaničková, Jiří Pešek (Hg.), Erzwungene Trennung. Ver­
treibungen und Aussiedlungen in und aus der Tschechoslowakei 1938–1947 im
Vergleich mit Polen, Ungarn und Jugoslawien, Essen 1999.
Atlas Zwangsumsiedlung, Flucht, Vertreibung. Ostmitteleuropa 1939–1959, War-
schau 2009.

5.2 Literatur über die Wiederbesiedlung


ethnisch gesäuberter Gebiete

Der zeitliche Horizont der Literatur über Flucht, Vertreibung und andere
Formen ethnischer Säuberungen reicht in der Regel nur bis zum Moment
des erzwungenen Heimatverlusts. Damit wird implizit suggeriert, die Ge-
schichte der betroffenen Gebiete ende mit diesem tiefen Einschnitt. Wie in
dem vorliegenden Buch dargestellt wurde, beruht das übergeordnete Ziel
der ethno-nationalen Homogenisierung und Grenzsicherung aber ebenso
auf einer gezielten Ansiedlungspolitik. Die breitere Perspektive auf die Ge-
schichte »nach der ethnischen Säuberung« ist auch deshalb von Bedeutung,
weil sich damit neben der zeitlichen Verkürzung die nationalgeschichtliche
Verengung überwinden lässt. Es gibt mittlerweile Literatur über eine Viel-
zahl von Ländern, Regionen und Städten – die Vorstellung einschlägiger Bü-
cher bleibt hier aus Platzgründen auf Ostmitteleuropa beschränkt.
In Polen und der Tschechoslowakei gehörten die gelungene Wiederbesied-
lung und der Wiederaufbau der bis 1945 zum Deutschen Reich gehörenden
Gebiete zu den Gründungsmythen der kommunistischen Herrschaft. Be-
284 Kommentierte Bibliographie

reits in den 1970er Jahren unterliefen polnische Soziologen und die Histori-
kerin Krystyna Kersten die Vorgabe des Regimes, sich auf die »Pioniere« der
so genannten »Re-Polonisierung« und die gelungene Integration der Nach-
kriegsgesellschaft zu konzentrieren. Czesław Osękowski hat diese älteren
Forschungen 1994 in einem Buch über die Gesellschaft im nördlichen und
westlichen Polen zusammengefasst und dargestellt, wie mühsam die Ansied-
lung verlief und welche gesellschaftlichen Konflikte dabei ausbrachen. Die
Dissertation von Andreas Hofmann über Schlesien von 1945–1948 gehört
zu den wenigen Werken, die Vertreibungen und Zwangsaussiedlungen sowie
die Neubesiedlung gleichwertig behandeln. Aufgrund der Dichte der Dar-
stellung und der sprachlichen Qualität ist die Lokalstudie von Gregor Thum
über Breslau zu erwähnen, Oliver Loew und Jan Musekamp haben sich mit
Danzig und Stettin befasst. Ferner thematisiert der Jahrgang 2006 der Zeit-
schrift Nordost-Archiv (2006) die Aneignung von Geschichte in zahlreichen
ostmittel- und osteuropäischen Städten.
In den Nachbarländern Polens war die Regionalgeschichte weniger ent-
wickelt, daher stand die Forschung in diesem Bereich 1989 fast am Anfang.
Die tschechischen Arbeiten der 1990er Jahre wurden von Andreas Wiede-
mann aufgenommen und zu einer Monographie erweitert. Erwähnenswert
ist außerdem ein Sammelband von Adrian von Arburg und Martin Schulze-
Wessel, der sich mit neu besiedelten Gebieten in Polen, der Tschechoslowa-
kei, Ungarn, Jugoslawien und der Sowjetunion befasst.
Die Relevanz des Forschungsgebietes liegt nicht zuletzt darin, dass ethni-
sche Säuberungen im Zusammenhang mit der Etablierung einer kommunis-
tischen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung in Ostmitteleuropa stehen.
Auch in westlich orientierten Staaten, die von ethnischen Säuberungen be-
troffen waren, lassen sich erhebliche Auswirkungen nachweisen. Der bis in
1980er Jahre prägende staatliche Dirigismus in der Türkei, Griechenland und
Israel beruhte nicht zuletzt darauf, dass der Staat durch die ethnischen Säu-
berungen Zugriff auf umfangreichen Bodenbesitz bekommen hatte. Außer-
dem stellte die Integration von Flüchtlingen eine Herausforderung dar, die
nur mit massiven staatlichen Interventionen bewältigt werden konnte.

Czesław Osękowski, Społeczeństwo Polski zachodniej i północnej w latach 1945–


1956. Procesy integracji i dezintegracji, Żielona Góra 1994.
Andreas Hofmann, Die Nachkriegszeit in Schlesien. Gesellschafts- und Bevölke­
rungspolitik in den polnischen Siedlungsgebieten 1945–1948, Köln 2000.
Gregor Thum, Die fremde Stadt. Breslau 1945, München 2003.
Nordost-Archiv. Zeitschrift für Regionalgeschichte 15 (2006), Die Aneignung
fremder Vergangenheiten in Nordosteuropa am Beispiel plurikultureller Städte
(20. Jahrhundert).
Peter Oliver Loew, Danzig und seine Vergangenheit 1793–1997. Die Geschichts­
kultur einer Stadt zwischen Deutschland und Polen, Osnabrück 2003.
Kommentierte Bibliographie 285

Jan Musekamp, Zwischen Stettin und Szczecin. Metamorphosen einer Stadt von
1945 bis 2005, Wiesbaden 2010.
Adrian von Arburg, Martin Schulze-Wessel (Hg.), Zwangsumsiedlung und neue
Gesellschaft in Ostmitteleuropa nach 1945, München 2010.

5.3 Literatur über Erinnerung und kollektives Gedächtnis

Die Gegenüberstellung von Geschichte und Erinnerung, wie sie beispiels-


weise Pierre Nora in einem jüngeren Essay vertritt, gilt heute als überholt.
Die Geschichtswissenschaft wird stets von Fragen der Gegenwart und damit
von Erinnerungen beeinflusst, wiederum stiftet die Geschichtsschreibung
Erinnerungen und Identitäten und wird nicht zuletzt deshalb staatlich ali-
mentiert. Ein Unterschied zwischen Historia und Memoria und den meisten
Studien zum kollektiven Gedächtnis liegt in ihrem zeitlichen Horizont. Die
Spezialisten dieser boomenden Forschungsrichtung konzentrieren sich in der
Regel auf die jeweils gegenwärtigen Erinnerungen (Vgl. u. a. H. Welzer) oder
begrenzen sich wie die diversen Lieux des Mémoire-Projekte auf einen natio-
nalgeschichtlichen Rahmen. Dagegen existieren nur wenige Studien über den
Wandel von Erinnerungen in längeren Perioden. Ein anderes, von Lutz Niet-
hammer beobachtetes Paradoxon der Erinnerungsforschung (u. a. der Ass-
mannschen) liegt in einer auf Freud basierenden, individualpsycholgischen
Orientierung auf Traumata und deren Heilung, die sich nur schwerlich mit
dem soziologischen Ansatz von Maurice Halbwachs in Übereinstimmung
bringen lässt.
Die Fixierung auf Traumata mag erklären, warum in der deutschen For-
schung die Befreiung aus feudal geprägten gesellschaftlichen Verhältnissen
in Ostelbien, der soziale Aufstieg während des Wirtschaftswunders oder die
außerordentlichen Leistungen des Lastenausgleichs wenig Beachtung finden.
Das alte journalistische Prinzip »only bad news is good news« verweist be-
reits auf die Medien, die historische Erinnerungen mit dem systembedingten
Blick auf die Auflagen pflegen. Ein weiterer Einflussfaktor ist die Politik, die
historische Erinnerungen prägt, vor allem durch Feste, Gedenktage und die
Einrichtung musealer Gedenkstätten. Es handelt sich also um ein Themenge-
biet, das interdisziplinär bearbeitet werden sollte. Der eigentliche Auftrag der
Geschichtswissenschaft liegt in der Profilierung einer historischen und kriti-
schen Erinnerungsforschung.
Für den Wandel der Erinnerung an »die Vertreibung« sei auf das vorzüg-
liche Buch von Christian Lotz verwiesen. Weniger erforscht ist die Frage,
warum in bestimmten Fällen konflikthafte Erinnerungen bewahrt wurden,
etwa im deutsch-polnischen Verhältnis, während in anderen Fällen ein poli-
tisch gewolltes Vergessen einsetzte, etwa im deutsch-französischen Verhält-
286 Kommentierte Bibliographie

nis. Der Fall des ehemaligen Jugoslawiens zeigt, dass eine komplette poli-
tische Steuerung von kollektiven Erinnerungen aber nicht möglich ist und
eine gesellschaftliche »Gegenerinnerung« provozieren kann. Insofern ist die
Behauptung, die Vertreibung sei in Deutschland nach 1968 tabuisiert wor-
den, abwegig, außer man wollte die späte Bonner Republik mit einer Dikta-
tur gleichsetzen. Die Erinnerung in Deutschland und analog dazu in anderen
europäischen Staaten unterschied sich je nach Region, Generation, Milieu,
sozialem Status und etlichen weiteren Faktoren, die nicht angemessen be-
rücksichtigt werden können, wenn man nationale Erinnerungen gegenüber-
stellt, wie etwa Aleida Assmann in ihrer Synthese über Erinnerungskultur
und Vergangenheitspolitik. Es wäre ein interessanter Forschungsgegenstand,
wie sich konflikthafte Erinnerungen (wie z. B. in der späten Nachkriegszeit)
abschwächen und in Richtung Versöhnung entwickeln, aber unter anderen
Umständen (wie z. B. ab 2001 im deutsch-polnischen Verhältnis) alte Kon-
fliktmuster re-konfiguriert werden. Dabei sollte bedacht werden, dass sich
Erinnerungen nicht nur in nationalen Öffentlichkeiten, sondern in transnati-
onalen Kommunikationsräumen herausbilden, die in drei jüngeren Publika-
tionen theoretisch und empirisch wegweisend behandelt werden.

Pierre Nora, Gedächtniskonjunktur, in: Transit. Europäische Revue 22 (2001/2002),


S. 18–31.
Harald Welzer, Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung,
München 2002.
Lutz Niethammer, Kollektive Identität. Heimliche Quellen einer unheimlichen
Konjunktur, Hamburg 2000, S. 314–366.
Aleida Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und
Geschichtspolitik, München 2006.
Christian Lotz, Die Deutung des Verlusts. Erinnerungspolitische Kontroversen im
geteilten Deutschland um Flucht, Vertreibung und die Ostgebiete (1948–1972),
Köln 2007.
Moritz Csáky, Das Gedächtnis der Städte. Kulturelle Verflechtungen – Wien und
die urbanen Milieus in Zentraleuropa, Wien 2010, S. 29–128.
Martin Aust, Krzysztof Ruchniewicz, Stefan Troebst (Hg.), Verflochtene Erinne­
rungen. Polen und seine Nachbarn im 19. und 20. Jahrhundert, Köln 2009.
Michael Rothberg, Multidirectional Memory: Remembering the Holocaust in the
Age of Decolonization, Stanford 2009.
Kommentierte Bibliographie 287

5.4 Literatur zu einzelnen Ländern

5.4.1 Deutschland

In der Bundesrepublik sind in den vergangenen Jahren wie erwähnt etliche


Sammelbände über ethnische Säuberungen in Europa erschienen. Bezüglich
der Flucht, Vertreibung und Zwangsaussiedlung von Deutschen kamen nach
1989 die wichtigsten Impulse aus den östlichen Nachbarländern Deutsch-
lands. Die bedeutendste Neuerscheinung in diesem Bereich ist die umfangrei-
che Quellendokumentation von Hans Lemberg und Włodzimierz Borodziej
über die Deutschen in Polen von 1945–1950. Dieses Werk ist nach Regionen
gegliedert und erfasst daher vorbildlich die großen Unterschiede im Ablauf
von Vertreibung und Zwangsaussiedlung im heutigen Polen. Eine zweite, für
den deutschen Forschungsstand wichtige Erkenntnis der Dokumentation
ist die Entfremdung der noch verbliebenen Deutschen von der »alten Hei-
mat« in der frühen Nachkriegszeit. Das Buch enthält außerdem einen um-
fangreichen Einleitungsteil, der sehr gut in die Vorgeschichte der ethnischen
Säuberungen bis 1944 einführt. Nach diesem Vorbild soll nun ein deutsch-
tschechisches Historikerteam die Vertreibung und Zwangsaussiedlung an-
hand tschechischer Akten dokumentieren. Hierzu liegen mehrere grundle-
gende Arbeiten des tschechischen Historikers Tomáš Stanĕk vor (siehe 5.4.5).
Weit schlechter ist die Forschungslage zum Kaliningrader Gebiet und zu an-
deren Siedlungsgebieten außerhalb des Deutschen Reiches. Ferner hat Detlef
­Brandes in einem umfangreichen Buch die Entscheidungsprozesse der Alli-
ierten und die Rolle der ostmitteleuropäischen Staaten behandelt.
Die reichhaltige deutschsprachige Literatur aus der Nachkriegszeit über
Flucht, Vertreibung und Zwangsaussiedlung sollte man auch nicht über­
sehen. Für die Lehre sind nach wie vor Passagen aus der von Theodor
­Schieder erstellten Dokumentation der Vertreibung verwendbar, bedürfen
aber einer kritischen Erläuterung über den Entstehungskontext. Andere
Ego-Dokumente sind ausführlicher und ebenfalls in der Bibliographie von
Krallert-Sattler enthalten. Weit schlechter ist der Forschungsstand über die
von Deutschen ausgelösten ethnischen Säuberungen, z. B. im NS-besetzten
Polen oder in Slowenien. Das mag daran liegen, dass die »ethnische Flurbe-
reinigung« angesichts anderer NS-Großverbrechen als zweitrangig empfun-
den wurde. Auch die Rolle von späteren Flüchtlingen blieb unterbelichtet,
ebenso deren anderweitige Verstrickung in den Nationalsozialismus. Ange-
sichts der Art und Weise, wie das Thema der Vertreibung heute in der Bun-
desrepublik debattiert wird, ist mit einer Renaissance nationalgeschichtlicher
Darstellungen mit einem ausschließlichen Fokus auf die deutschen Vertrie-
benen zu rechnen.
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Ein eigenes, vielfach behandeltes Thema ist die Integration in Nachkriegs-


deutschland. Aus Platzgründen sei hier allein auf die zusammenfassende
Überblickdarstellung von Andreas Kossert mit dem treffenden Titel »Kalte
Heimat« verwiesen. Pertti Ahonen hat die außen- und innenpolitischen
Wider­sprüche der Vertriebenenpolitik in der Bundesrepublik aufgezeigt.

Hans Lemberg, Włodzimierz Borodziej (Hg.), Die Deutschen östlich von Oder
und Neiße 1945–1950. Dokumente aus polnischen Archiven, 4 Bde., Marburg
2000–2003.
Detlef Brandes, Der Weg zur Vertreibung. Pläne und Entscheidungen zum »Trans­
fer« der Deutschen aus der Tschechoslowakei und aus Polen, München 2005².
Gertrud Krallert-Sattler, Kommentierte Bibliographie zum Flüchtlings- und Ver­
triebenenproblem in der Bundesrepublik Deutschland, in Österreich und in der
Schweiz, Wien 1989.
Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa, 5 Bde., hg.
vom Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte,
Bonn 1953–1961.
Andreas Kossert, Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach
1945, Berlin 2008.
Pertti Ahonen, After the Expulsion. West Germany and Eastern Europe 1945–
1990, New York 2003.

5.4.2 Polen

Kein anderes europäisches Land war im 20. Jahrhundert derart von ethni-


schen Säuberungen (und Genoziden) betroffen wie Polen. Wer sich in deut-
scher Sprache über die zahlreichen Verwerfungen der jüngeren polnischen
Geschichte informieren möchte, kann auf das 2010 erschienene Buch von
Włodzimierz Borodziej zurückgreifen. Die Zwangsaussiedl