Sie sind auf Seite 1von 42

Verweht im Weltraum

TERRA-EXTRA - SF Bestseller in Neuauflage


Band 42

von K. H. SCHEER
3 TERRA EXTRA

KURT MAHR, der profilierte TERRA- und PERRY-RHODAN-Autor, lebt Jetzt in USA. Von dort aus
schreibt er weiterhin für die Moewig-Zukunftsromanreihen. Außerdem berichtet er als TERRA-Korrespondent
allein für die TERRA-Leser laufend über aktuelle Raumfahrt- und Raketenfragen. Lesen Sie seinen heutigen

TERRA-Exklusivbericht aus USA

Wieviel „Elementarteilchen“ gibt es eigentlich?

Wohl jeder von uns hat in der Schule gelernt, von hochenergetischen Teilchenbeschleunigern. Die
ein Atom bestehe aus einem positiv geladenen Kern Lebensdauer der verschiedenen „langlebigen“ Meso-
und einer Hülle von negativ geladenen Elektronen. nenarten schwankt zwischen ein paar Millionstel- bis
Den Kern dachte man sich als starres Konglome- ein paar Zehnmilliardstelsekunden.
rat von Protonen und Neutronen, beide etwa gleich Dann kamen die Antiteilchen, als erstes das Po-
schwer, das Proton jedoch als Träger der positiven sitron, ein positiv geladenes Elektron. Geraume Zeit
Ladung, das Neutron dagegen neutral, also ungela- später wurden Anti-proton und -neutron gefunden.
den. Das war alles. Damit konnte man das periodi- Und mittlerweile gibt es für so gut wie jedes Ele-
sche System von eins bis zweiundneunzig aufbauen, mentarteilchen ein Antiteilchen. Teilchen und Anti-
und alles war in bester Ordnung. Wie sieht es nun in teilchen annihilieren einander, wenn sie aufeinander-
Wirklichkeit aus? Kommt die Physik immer noch mit treffen, sie verschwinden aus dieser Welt. Was üb-
nur drei Elementarteilchen zurecht — Elektron, Neu- rigbleibt, ist elektromagnetische Strahlung. Dann kam
tron, Proton? Schön war’s, seufzen die Hochenergie- das Problem mit dem Beta-Zerfall. Viele radioakti-
Kernphysiker, machen ein neues Experiment — und ve Atomkerne stoßen von Zeit zu Zeit Elektronen
entdecken ein neues Elementarteilchen, meinetwegen aus, sogenannte Beta-Teilchen. Diese Elektronen ha-
+
ein y -Baryon mit einer Lebensdauer von rund einer ben nur in den seltensten Fällen genau die Energie,
zehntausendtrillionstel Sekunde. die dem Energieunterschied zwischen dem zerfallen-
den und dem entstehenden Atomkern entspricht. In
Der Ärger fing an, als man sich den Kopf darüber den weitaus meisten Fällen ist die Energie der Elektro-
zerbrach, was denn eigentlich die geballte positive La- nen geringer. Wo bleibt der Rest? Das Neutrino wurde
dung im Kern des Atoms zusammenhalte. Wir alle „erfunden“, damit die Energiebilanz stimmte, und spä-
wissen, daß zwei positive Ladungen einander absto- ter dann auch wirklich nachgewiesen. Das Neutretto,
ßen. Dieses Gesetz sollte im Innern des Atomkerns nicht faul, erschien ebenfalls auf der Bühne.
auch gelten, und die Protonen müßten demnach in alle
Richtungen auseinanderfliegen, falls sie überhaupt je- Und dann, ganz zuletzt, brach die Zeit der Teilchen-
mals zusammenkämen. Es muß also eine Kraft geben, beschleuniger an, die Elektronen oder Protonen auf
die die elektrostatische Abstoßung an Größe übertrifft ungeheure Energien beschleunigten. Die Reaktionen,
und in entgegengesetzter Richtung wirkt, die Protonen die die so behandelten Elementarteilchen verursach-
also beieinanderhält. Diese Kraft personifiziert sich, ten, waren völlig neuartig. Neue, bisher unbekannte
wenn ich mich so ausdrücken darf, in Mesonen. Me- Elementarteilchen entstanden — mit Lebensdauer von
sonen sind Teilchen, die ihrer Masse nach in der Mit- rund einer Zehntausendtrillionstelsekunde. Die Liste
te zwischen Elektronen und Protonen stehen. Sie sind der Elementarteilchen wurde immer länger und länger.
zwischen zweihundert- und tausendmal so schwer wie Aus den dreien, über die wir in der Schule erfuhren,
ein Elektron, demnach zwischen rund zwei- und zehn- wurden über siebzig. Und noch ist kein Ende abzuse-
mal leichter als ein Proton. Alle Mesonen sind außer- hen.
halb des Atomkerns instabil. Wir beobachten sie als Freilich ist der Verdacht weit verbreitet, daß es sich
Sekundärteilchen der Höhenstrahlung, und wir erzeu- bei manchen oder ganz neuen Elementarteilchen le-
gen sie im modernen physikalischen Labor mit Hilfe diglich um angeregte Zustände anderer, schon bekann-
Verweht im Weltraum 4

ter handeln könne. Man vermutet zum Beispiel, daß Halbwachs-Modell zum neuen Teilchen-Bild der Phy-
das K-Meson mit der obenerwähnten kurzen Lebens- sik wird.
dauer nur ein höherenergetischer Zustand des schon Was ich Ihnen damit zeigen wollte, war, wie tief wir
entdeckten K-Mesons sei. Ähnliche Vermutungen las- mitten in einer Periode des Übergangs stecken. Eines
sen sich in einer Reihe von Fällen anstellen. Aber es Übergangs von der festgefügten Welt der klassischen
sieht immer noch so aus, als hätte die theoretische Physik, wo alles seinen Platz hatte und von jedem,
Kernphysik ungeheuer viel Arbeit zu leisten. Es fehlt der sich die entsprechende Mühe gab, anschaulich ver-
nicht an Ideen. Im Jahr 1956 schlug der Japaner Sa- standen werden konnte — zu der Welt der modernen
kata ein System von nur sechs wirklich elementaren Physik, in der ebenso wie in der klassischen eines Ta-
Teilchen vor: Proton, Neutron, Lambda-Hyperon und ges alles seinen Platz haben wird. Nur wird es erheb-
ihre Antiteilchen. Aus diesen sechs Teilchen ließ sich lich weniger Leute geben, die sich in dieser neuen
die Existenz aller anderen angeblich ebenso elemen- Welt zurechtfinden. Die moderne Physik fordert den
taren Teilchen ableiten... leider nicht ohne zum Teil Verzicht auf Anschaulichkeit. Sie ist deswegen nicht
heftigen Widerspruch vom Experiment her, so daß Sa- weniger mitreißend und nicht weniger interessant als
katas Theorie keinen allgemeinen Anklang fand. es die klassische war. Nur — die bunten Bilder von
Monsieur Halbwachs modifiziert das Sakata- den Atomkernen, um die sich in rasendem Flug Elek-
Modell und schlägt ein System von vier Elementar- tronen auf verschlungenen Bahnen bewegen, werden
teilchen vor: Proton, Neutron, Lambda-Hyperon und dann für immer hinter uns zurückgeblieben sein.
das hypothetische V−+ Yukawon. Von diesem Modell Damit sei’s genug für heute. Bis zum nächstenmal
ausgehend, erklärt Halbwachs die Existenz der ande- bin ich wieder
ren schweren Teilchen und behauptet, daß alle noch
zu entdeckenden in seiner Theorie schon enthalten sei- mit freundlichen Grüßen
en. Das Experiment wird darüber entscheiden, ob das Ihr Kurt Mahr

(Im nächsten TERRA-EXTRA-Band, Nr. 43, erklärt Kurt Mahr den „Mößbauer-Effekt“)
5 TERRA EXTRA

1. ren Vorgesetzten, der nun rauh unter seiner Atemmas-


ke hervorgurgelte:
Sie tappten langsam vorwärts. Ihre Gesichter un- „Dieser Kerl wird uns langsam fertigmachen. Der
ter den grauweißen Schutzhauben waren schweißüber- denkt gar nicht daran, einen einzigen Schuß auf uns
strömt, und die schweren Maschinenwaffen in ih- abzugeben. Der weiß genau, daß wir zusammen mit
ren behandschuhten Händen bebten merklich. Leise der Luft die Seuche einatmen. Noch drei Stunden —
summten die winzigen Turbo-Auflader in den torni- und wir sind erledigt!“
sterartigen Behältern, die sie auf ihren Rücken befe-
stigt hatten. Sie wußten alle, daß die Atmosphäre die- Jetzt war das Wort wieder gefallen, und ausgerech-
ses Planeten genügend Sauerstoff enthielt, um sie bei net der Sergeant hatte es aussprechen müssen. Sie be-
entsprechender Verdichtung atmen zu können. Dafür mühten sich seit Stunden, nicht an die Seuche zu den-
brauchte die dünne Luft nur in großen Mengen ange- ken, der mehr als fünf Millionen Menschen zum Opfer
saugt und so verdichtet zu werden, daß dieses Quan- gefallen waren. Die wenigsten davon waren Marsko-
tum für jeweils einen Atemzug ausreichte. Es war so- lonisten gewesen. Die waren natürlich zuerst hinweg-
gar genügend Sauerstoff in der Atmosphäre vorhanen, gerafft worden. Niemand wußte, was es mit der Mars-
daß der Verbrennungsprozeß in der kleinen und nur seuche auf sich hatte.
fingergroßen Brennkammer sichergestellt war. Der Mars wurde 1980 erstmalig von Menschen be-
Sie hatten genügend Turbo-Brennstoff in den fünf treten. Es gab reiche Uranlager, weshalb sich beson-
Liter fassenden Tanks. Damit konnte das Triebwerk ders die Regierung der USA entschlossen hatte, dort
120 Stunden lang laufen und sie damit auch mit At- ausgedehnte Niederlassungen anzulegen und physika-
mungsluft versorgen. lische Labors einzurichten. Doch dann, 1988, war un-
Das alles wußten sie. Doch gerade diese Tatsache ter den rund 6000 Menschen auf dem Mars die unbe-
machte sie so unsicher und nervös. Sie hätten doch kannte Seuche ausgebrochen. Die Menschen siechten
besser die Raumpanzer anlegen sollen, obgleich die dahin, wobei sie keine Schmerzen empfanden. Stun-
so unhandlich und schwer waren, daß sie damit den denlang anhaltende Bewußtseinsstörungen traten auf.
größten Teil ihrer Beweglichkeit verloren hätten. Das Diese Anfälle waren das erste Anzeichen der seltsa-
aber war gefährlich. Sie wußten genau, daß der Mann, men Krankheit. Sobald ein solcher Anfall erst einmal
den sie suchten, ein unerhört harter Gegner war. Sie aufgetreten war, bedeckte sich der gesamte Körper in-
alle waren felsenfest davon überzeugt, daß sich die- nerhalb von 14 Tagen mit fingerkuppengroßen, gelb-
ser Mann nicht so einfach ergeben würde, wo er doch schimmernden Beulen, die danach wieder verschwan-
genau wußte, daß sie ihn vor das Raumgericht bringen den. Man hatte erfahren, daß es nach dem Verschwin-
würden. Dieser Mann hatte den Teufel im Leib. Er war den der Beulen höchstens nochmals zwei Wochen
eine harte Nuß. Sie kannten ihn ja alle, und jeder von dauerte, bis ein Kranker endgültig starb.
ihnen hätte lieber dem Höllenfürsten begegnen mö- Der Mars war fluchtartig geräumt worden. Da man
gen als diesem eiskalten Raumkapitän, der zweifellos die große Gefahr noch nicht ganz erkannt hatte, wurde
der beste Mann des Planeten Erde war. Sie wunderten die Seuche auf die Erde verschleppt, wo sie in allen
sich, daß er noch nicht geschossen hatte. Er hätte hun- Ländern gewütet hatte. Fünf Millionen Tote — und
dert Möglichkeiten finden können, sie in dem Laby- kein Mensch konnte helfen. Es gab kein Serum, doch
rinth der stockfinsteren Gänge aus sicherer Deckung dafür stand es endgültig fest, daß die Krankheit unge-
heraus zu erledigen. Er mußte allein sein, bestenfalls heuer ansteckend war.
hatte er noch seinen Ersten Offizier dabei, der aller- Das Schiff der Raumpatrouille war seit zwei Jahren
dings auch nicht ohne war. Die zwei Burschen paßten das erste Fahrzeug, das den Mars wieder angeflogen
zueinander wie die Faust aufs Auge. hatte. Es lagen sehr zwingende Gründe vor. Es waren
Jetzt waren sie beweglich, schnell und schlagkräf- nur dreißig Mann, die Raumkapitän Whilst mit einem
tig. Um so mehr ging ihnen die unheimliche Ruhe Landungsboot nach unten geschickt hatte. Das Raum-
auf die ohnehin strapazierten Nerven. Warum ließ der schiff selbst umkreiste den Planeten in der üblichen
Raumkapitän nichts von sich hören? Wollte der sich Bahn.
wirklich nicht wehren? Die fünf Männer hinter dem Sergeanten mußten
Weiter und weiter schritten sie durch die hohen laufend daran denken. Natürlich war Whilst in dem
Gänge. Ihre Brustscheinwerfer warfen scharf gebün- sicheren Schiff geblieben. Es gab keinen unter ihnen,
delte Lichtstrahlen nach vorn. der ihn nicht im stillen einen Schweinehund nannte. Es
Der vorderste der Männer blieb ruckartig stehen. war ihnen rätselhaft, wie dieser hochnäsige und eitle
Seine Kameraden sahen, daß sein Körper verkrampft Bursche Raumkapitän und Kommandant eines Fern-
war. Deutlich konnten sie seine heftigen Atemzüge schiffes der irdischen Raumpatrouille hatte werden
unter der Maske hören, die nur Mund und Nase be- können. Sie waren Soldaten und hatten zu gehorchen.
deckte. Der Mann bekleidete den Dienstgrad eines Doch sie waren davon überzeugt, daß sie in den siche-
Sergeanten der irdischen Raumpatrouille. Seine Grup- ren Raumpanzern die Aufgabe auch bewältigt hätten.
pe blieb ebenfalls stehen. Fiebernd sahen sie auf ih- Der Kommandant wollte einfach nicht. Was lag ihm
Verweht im Weltraum 6

an dreißig Männern, wenn er dadurch den Mann fan- Die Bildfläche blieb leer, kein Ton drang aus dem
gen konnte, den er mehr haßte als die Sünde! Die drei- Lautsprecher. Da wußte der Raumkapitän, daß sein
ßig wußten schon, warum er ihnen die Raumpanzer Raumer ebenfalls vernichtet worden war. Acht Män-
verweigert hatte, in denen sie vor den Erregern sicher ner hatte er an Bord zurückgelassen, als er vor nun-
gewesen wären. mehr 24 Stunden zusammen mit seinem Ersten Offi-
Der Sergeant begann zu fluchen. Fiebernd sah er zier die Landungsrak ausschleuste. Ihr Schicksal be-
sich in dem langen Gang um. Er hatte einen genauen wies ihm, daß die Soldaten der Raumpatrouille rück-
Plan über die große Station mitbekommen. Hier hatten sichtslos gehandelt hatten.
vor zwei Jahren noch Wissenschaftler gearbeitet. Wo Der herkulisch gebaute Mann preßte die Zähne zu-
mochte dieser gefährliche Mann stecken, der eben- sammen. Sein Blick fiel auf die neben ihm liegen-
falls den Rang eines Raumkapitäns bekleidete, wenn de Maschinenpistole. Stephan wußte genau, daß er
er auch nicht zur Raumpatrouille gehörte? in einer ganz bösen Falle saß. Seine letzte Hoffnung
Sie hatten den südlichen Teil der Station abgesucht war das Schiff gewesen. Seine Leute hätten das zwei-
und nichts gefunden. Wo steckte der Raumkapitän, te Boot herunterschicken können. Er wußte, daß sein
und wo waren die anderen Männer, die hier zweifel- Schiff vernichtet war, sonst hätten sich die Männer sei-
los gearbeitet hatten? ner Besatzung gemeldet. Damit stand es für ihn fest,
Verbissen tappten sie weiter. Dreißig Menschen, die daß er rettungslos verloren war. Was hätte er auf dem
zu diszipliniert waren, um einen Befehl zu verweigern, verseuchten Mars anfangen sollen!
der sie unmittelbar in die Hölle führen mußte. Da waren außerdem noch die achtzehn Wissen-
schaftler, die zusammen mit seinem Ersten Offizier
2.
hinter der Bodenwelle versteckt lagen. Sie waren ge-
Der große, breitschultrige Mann in dem silbern rade noch rechtzeitig aus der physikalischen Stati-
schimmernden Raumpanzer ließ sich flach auf den Bo- on herausgekommen, ehe die gelandeten Soldaten der
den fallen und drückte seinen Körper so fest wie mög- Raumpolizei die beiden Ausgänge besetzten.
lich in den roten Sand der Marswüste. Langsam zog er Das Landungskommando war viel zu überraschend
das kastenförmige Gerät zu sich heran und starrte zu aufgetaucht. Sie hatten nichts mitnehmen können, zu-
dem etwa zwei Kilometer entfernten Punkt hinüber, mal Stephan entschlossen war, den Mars sofort zu räu-
wo vor Stunden noch die schlanke Rakete mit den men und mit Hilfe der Landungsrak schleunigst zu
weitausladenden Tragflächen gestanden hatte. Es war verschwinden. Diesen Weg hatte man ihm gründlich
ein nach aerodynamischen Grundsätzen konstruiertes versperrt.
Landungsboot gewesen, so wie sie von den großen Natürlich würde die Patrouille die ganze Gegend
Fernraumschiffen auf allen Fahrten mitgeführt wur- mit den Radars absuchen. Noch wußte Stephan nicht
den. genau, was er nun tun sollte, weshalb er vorläufig dar-
Raumkapitän Stephan preßte die Lippen zusam- auf bedacht war, eine vorzeitige Ortung zu vermeiden.
men, und in seinen grauen Augen glomm ein Feuer, Sicherlich würden sie ihn und die Wissenschaftler in
bei dem ein gewisser Leutnant der Raumpolizei wohl der Station suchen.
erblaßt wäre.
Schwer atmend umging er eine Düne, und dann
Stephans Gesicht war unter dem teilweise durch- stand er plötzlich vor neunzehn Männern, von denen
sichtigen Plastikhelm schweißüberströmt. Es war un- einer Snuffy, sein Erster Offizier, war. Jeder trug einen
gemein hart gezeichnet, mit einem breiten Kinn und hermetisch geschlossenen Raumpanzer. Dicht an dicht
schmalen Lippen. Nicht umsonst nannte man Stephan saßen die Männer im Sand und sahen aus brennenden
den härtesten Kämpfer zwischen Erde und Mars. Augen auf den Mann, der aller Hoffnung war.
Er löste seinen Blick von den Trümmern seiner
Der Raumkapitän griff an die Abstimmknöpfe sei-
Landungs-Rak und zog das kleine Gerät noch näher
nes Funksprechgerätes und drosselte die Sendeenergie
zu sich heran. Dabei sah er sich flüchtig um. Ein lei-
so stark, daß sein Gerät bestenfalls noch eine Reich-
ser Fluch entfloh seinen Lippen, als er knapp hundert
weite von fünfzig Metern hatte. Die Abhörgefahr war
Meter hinter sich einen helmgeschützten Kopf auftau-
groß. Sicherlich würden sie in der Landungsrak der
chen sah. Dieser Snuff konnte wieder einmal nicht ge-
Raumpatrouille laufend alle Sprechfunkwellen abta-
horchen.
sten.
Leise knurrte Stephan in sein eingebautes Funk-
sprechgerät: „Snuffy, deinem Schädel nach zu ur- Die Männer folgten seinem Beispiel. „Snuffy...
teilen, hast du bisher noch nicht erfahren, wie ein wenn du mich weiterhin so traurig ansiehst, verprü-
Pronzit-Explosivgeschoß wirkt.“ gele ich dich“, meinte Stephan.
Snuffys Kopf verschwand, und Stephan schalte- Einer der Wissenschaftler, Professor L. Delouis, lä-
te das Sicht-Sprechgerät ein. Mit einem Griff schob chelte unmerklich vor sich hin. Unter dem Helm hin-
er den Verbindungsstecker in die Kontaktöse seines gen ihm die grauen Strähnen seines schütteren Haares
Helmmikrophones. ins Gesicht. Seine klugen Augen blickten unverwandt
7 TERRA EXTRA

auf den Raumkapitän, der mit gespreizten Beinen vor Sie außerhalb des irdischen Machtbereiches Atom-
ihm stand. waffen fabrizieren wollten. Man wird Sie als Verräter
Langsam erhob sich der Franzose, seines Zeichens verurteilen. Dabei denke ich nicht an mich, denn ich
Physiker, Fachgebiet Kernphysik. Er war ein kleiner, bin auch erledigt, weil ich Sie versorgt habe und entge-
unscheinbarer Mann, dem der Raumpanzer entschie- gen dem internationalen Verbot den verseuchten Mars
den zu groß war. Nur mühevoll konnte sich der Wis- angeflogen habe. Wir kommen vor das internationa-
senschaftler in dem schweren Schutzgerät bewegen. le Raumgericht. Ganz abgesehen von Ihren privaten
Forschungen haben Sie dazu noch das Verbrechen auf
„Es tut mir leid, Kapitän“, klang seine Stimme in
sich geladen, staatliche Labors eigenmächtig zu be-
allen Lautsprechern auf. „Es tut mir sehr leid, daß ich
nutzen. Ferner haben Sie einen verseuchten Planeten
Sie in dieses Unheil hineingezogen habe. Unsere Län-
betreten, gegen dessen Krankheitserreger noch kein
dungsrakete ist vernichtet, nicht wahr?“
Mittel gefunden werden konnte. Dazu kommt noch die
Stephan zögerte eine Sekunde, ehe er schwach nick- Tatsache, daß Sie indirekt das Leben von den Männern
te. auf dem Gewissen haben, die hier mit einer unzuläng-
Der Kernphysiker sah hinauf in den wolkenlosen lichen Ausrüstung herumlaufen.“
Marshimmel, an dem die schwach strahlende Sonne Delouis fuhr erregt auf. „Das ist nicht wahr, Ste-
stand. Dann meinte er ganz ruhig: „Was gedenken Sie phan! Dafür ist der Kommandant verantwortlich, der
zu tun? Wollen Sie die Männer der Raumpolizei an- diese
greifen?“ Leute mit Turbo-Verdichtern auf den Mars ge-
Stephan preßte die Lippen zusammen und entgeg- schickt hat. Rufen Sie endlich die Männer an. Viel-
nete rauh: „Nein, ich habe es mir überlegt. Es wäre leicht sind sie noch nicht angesteckt. Rufen Sie an, wir
vollkommen sinnlos, und außerdem bin ich kein Ver- ergeben uns.“
brecher. Die Männer tun ihre Pflicht. Warum sollte ich Wieder sah Stephan die Männer der Reihe nach an.
sie angreifen?“ Er sah in verstörte, entmutigte, aber auch in trotzige
Keiner sagte einen Ton. Alle wußten sie, daß diese Gesichter.
Worte die Übergabe bedeuteten. Stephan verband sein Helmmikrophon mit dem Ge-
Snuffy grinste traurig und schlug mit den dürren rät, und schon hörte er die Worte der nur wenige Kilo-
Armen in der Luft herum, als wolle er davonfliegen. meter entfernten Soldaten der Raumpatrouille.
Seine melancholische Stimme klang auf: „Die Station „Hier ist auch niemand, Sir“, klang soeben eine tie-
liegt zwei Meilen südlich von uns. Ich habe die Pa- fe Stimme auf. „Stephan muß mit dem Teufel im Bun-
trouille beobachtet. Die Männer tragen keine Raum- de sein.“
panzer, sondern Luftverdichter.“
„Wir finden ihn“, tobte eine andere Stimme. „Sein
„Was?“ stieß Stephan hervor, „sind die wahnsinnig Landungsboot ist vernichtet und sein Raumschiff
geworden? Die laufen ja in ihren Tod. Sie atmen die auch. Er kann nicht weit sein.“
Seuche ein. Warum tragen sie keine Raumpanzer?“ Stephans Gesicht hatte sich in eine harte Maske ver-
Professor Delouis stand starr. „Stephan, um Him- wandelt. Jetzt wußte er es endgültig.
mels willen, rufen Sie die Männer an. Der Komman- Klar und scharf sagte er in sein Mikrophon: „Hier
dant der Truppe hat unverantwortlich leichtsinnig ge- spricht Raumkapitän Stephan. Ich rufe den Mann,
handelt. Wie kann er nur seine Leute mit, diesen der soeben mit ,Sir’ angesprochen wurde. Hören Sie
Turbo-Verdichtern ausrüsten! Die Männer atmen den mich?“
Tod ein, und sie werden ihn erneut auf die Erde schlep-
pen. Stephan, rufen Sie die Leute an. Ich bitte Sie, ru- Im Hauptlabor der physikalischen Station zuckten
fen Sie!“ die dreißig Männer zusammen. Unwillkürlich rissen
sie ihre Waffen hoch und sahen sich wild um. Jeder
Stephans Körper hatte sich verkrümmt. Aus glühen- von ihnen hatte die Worte gehört, da Stephan ja auf
den Augen starrte er auf den Wissenschaftler. „Das ihrer Sprechfrequenz lag.
bedeutet Gefangennahme und Aburteilung“, keuchte
Leutnant Sulter traute seinen Ohren nicht. Er faß-
er. „Wollen Sie das wirklich? Die Raumpolizei hat
te sich wieder, als alles still blieb. “Ich habe Sie ge-
herausgefunden, daß ich Sie mit Lebensrnitteln, Sau-
hört, Stephan“, sagte er in das Mikrophon seines am
erstoff und anderen Gütern versorgte. Das war mein
Handgelenk angeschnallten Sprechfunkgerätes. „Was
Pech, denn sonst waren die nicht hier. Sie haben die
wollen Sie?“
Wahl, Professor! Entweder ich jage die Station mit-
samt dem Landungskommando in die Luft, oder wir Einige Kilometer entfernt begann ein Mann dünn
ergeben uns. Denken Sie aber daran, daß Sie sich mit zu lächeln. „Ich will, daß Sie schleunigst aus der Sta-
Dingen beschäftigten, die nach internationalem Be- tion herauskommen, und ich, will ferner, daß Sie sich
schluß bei Todesstrafe verboten sind. Man wird Ihnen und Ihre Leute sofort in Sicherheit bringen. Ich weiß
in die Schuhe schieben, Sie hätten die kernphysika- genau, wenn ich ein Spiel verloren habe, ist das klar?“
lischen Experimente nur deshalb unternommen, weil „Soll das heißen, daß Sie sich ergeben wollen?“
Verweht im Weltraum 8

„Genau das! Ich habe keine Chance mehr, doch ich tän. „Nehmen Sie endlich Ihre Beine in die Hände und
bin bereit, Ihnen und Ihren Männern eine solche Chan- verschwinden Sie zu Ihrem Schiff.“
ce zu geben. Wenn Sie nicht die Turbo-Verdichter
auf den Rücken hätten, hätte ich mich vielleicht da- *
zu entschlossen, einen ganz bestimmten Spruch auf
einer ganz bestimmten Frequenz zu senden. In dem Trotz aller Eile dauerte es eine Stunde, bis der letz-
Falle würden Sie sich mitsamt der Station in Energie te Mann in der Luftschleuse der fünfunddreißig Meter
verwandeln, da in einem der Räume eine Plutonium- langen Rakete verschwunden war.
Bombe verborgen ist. Damit ist mir aber nicht gedient, Die dreißig Männer rissen sich die Atemmasken
zumal ich Männer schätze, die trotz der Seuche den von den Gesichtern. Stephan sah in Augen, in denen
Mut aufbringen, mit den Verdichtern in der Gegend unverhüllter Zorn und teilweise sogar Haß funkelte.
herumzulaufen. Mensch — Sie wissen wohl nicht, daß Langsam trat er mit Leutnant Suiter in die klei-
der Marsfrühling angebrochen ist! Sie atmen ja die Er- ne Zentrale des Schiffes. Auf der großen Bildfläche
reger ein. Kommen Sie sofort heraus und benutzen Sie des Sicht-Sprechgerätes war die Zentrale eines großen
den südlichen Ausgang. Von dort aus werden Sie mich Fern-Raumers erkennbar.
sehen. Ende!“
„Der Kommandant wünscht Sie. sofort zu sprechen,
Leutnant Suiter besann sich keine Sekunde. Scharf Sir“, wandte sich der Funker an den Leutnant.
und klar kamen seine Befehle.
Der trat vor die Aufnahme-Okulare und meldete
Im Laufschritt hasteten die Männer den langen sich kurz und sachlich. Stephan stöhnte vor Zorn, als
Hauptgang hinunter, bis sie vor sich die geöffne- sich die Bildfläche mit dem Antlitz eines uniformier-
te Luftschleuse des südlichen Ausganges sahen. Sie ten Mannes ausfüllte. Dieses überhebliche Gesicht mit
schätzten Stephan so hoch ein, daß sie ohne besonde- den spöttisch nach unten gezogenen Mundwinkeln,
re Sicherungsmaßnahmen ins Freie traten. der arroganten Nase und den glitzernden Augen kann-
Suiter wurde aber doch etwas unruhig. Der Zustand te er nur zu gut. Wenn er nur das strichfeine Schnurr-
hielt solange an, bis er auf einer weit entfernten Düne bärtchen dieses Mannes sah, dann zuckte es ihm be-
eine winkende Gestalt im Raumpanzer entdeckte. Sei- reits in den Fäusten.
ne Männer schwärmten aus. Mit schußbereiten Warfen „Sie haben den Kerl gefaßt, Suiter?“ drang die
kamen sie in einem großen Halbkreis auf den Mann Stimme des Kommandanten aus den Lautsprechern.
zu, neben dem immer mehr Leute auftauchten. „Trägt er einen Raumanzug?“
„Er ergibt sich wirklich“, murmelte der Sergeant. Der Leutnant gab einen ganz kurzen Bericht, der
Langsam senkte er die Waffe. „Ich werde wahnsinnig! Whilst zu einem triumphierenden Gelächter veranlaß-
Stephan hat noch niemals die Waffen gestreckt.“ Kur- te. „Sie starten sofort, Suiter. Ich werde Sie unter Fern-
ze Zeit später standen sie vor den zwanzig Männern, steuerung nehmen. Die Gefangenen dürfen die Raum-
Von denen achtzehn Wissenschaftler waren. panzer nicht ablegen. Sie haben weiterhin über die
Stephan warf seine schwere Maschinenpistole in Sauerstoffgeräte der Anzüge zu atmen.“
den roten Sand und ließ auch noch das Gürtelhalfter Das Fernbild verblaßte, und der Leutnant wandte
mit der vollautomatischen Pistole fallen. Dann trat er sich langsam nach Stephan um. „Haben Sie das ge-
langsam auf Suiter zu, der unwillkürlich militärisch hört?“ sagte er. „Sie dürfen die Panzer nicht ablegen.
grüßte. Das ist gut für Sie, Stephan, so können wir Sie wenig-
„Suiter, zum Teufel, ich kenne Sie doch“, rief Ste- stens nicht anstecken. Whilst weiß genau, daß wir so
phan. „Welcher Idiot hat Sie mit den Verdichtern her- gut wie verloren sind. Er will Sie und den Professor
untergeschickt?“ Suiter sagte nur ein Wort. Das ge- unter allen Umständen gesund zur Erde bringen.“
nügte für Stephan. Es dauerte Augenblicke, bis er sich Stephan sagte nichts. Der junge Offizier kämpfte
wieder gefaßt hatte. „Suiter, wenn ich gewußt hätte, mit seiner Verzweiflung. Alle an Bord wußten, was
daß Whilst Ihr Kommandant ist, hätte ich nicht die Whilsts letzter Befehl zu bedeuten hatte. Der
Waffen gestreckt. Doch jetzt kommen Sie endlich. Sie hatte sie bereits abgeschrieben, und es war ganz si-
haben lange genug die verseuchte Luft eingeatmet. Wo cher, daß er sie auf dem großen Schiff sofort in die
liegt Ihr Landungsboot?“ längst vorbereitete Quarantänestation stecken würde.
Jetzt, wo sich Stephan ergeben hatte, wich die Span- „Vielleicht haben Sie Glück gehabt, Suiter“, ent-
nung von den Soldaten. Sie hatten ihren Auftrag er- gegnete Stephan gepreßt. Tiefste Empörung tobte in
füllt, weshalb die unausbleibliche Reaktion eintrat. ihm. Diese Geschichte war typisch für Whilst.
„Wenn Sie dem Kerl das Genick brechen, Stephan,
dann rühre ich keinen Finger“, brüllte der Sergeant. 3.
„Der hat uns die Raumpanzer verweigert. Stephan,
kennen Sie vielleicht ein Mittel, mit dem man die Seu- In gleichmäßigem Rhythmus schritt Raumkapitän
che bekämpfen kann?“ „Der einzige Schutz sind her- Stephan in. der Zelle auf und ab. Der Raum war gut
metisch abgeriegelte Raumpanzer“, erklärte der Kapi- eingerichtet, und nur die vergitterten Fenster wiesen
9 TERRA EXTRA

darauf hin, daß er ein Gefangener war. In einer halb- verband. Die ganze Verhandlung war eine Angele-
en Stunde sollte die Hauptverhandlung beginnen, die genheit des Raumgerichtes. Als er in den großen Kup-
endlich über sein Schicksal entscheiden würde. pelsaal geführt wurde, raunten Tausende von Stim-
Das Spiel dauerte nun schon zwei Monate, nachdem men. Unzählige Objektive richteten sich auf ihn, und
er mit dem Patrouillenschiff der Raumpolizei drei Mo- viele Millionen Menschen sahen jetzt sein Bild auf
nate unterwegs gewesen war. dem Schirm der Fernsehgeräte.
Als Stephan daran dachte, lachte er knurrend auf. Es war das übliche Bild. Gleichgültig sah Stephan
Drei Monate für die lächerliche kurze Strecke Mars- sich um. Als er Ezequil Snuff auf der Anklagebank
Erde! Drei Monate für eine Distanz, die so armselig entdeckte, begann er breit zu grinsen.
und lächerlich war, daß ein Raumkapitän von seinen Wortlos schritt Stephan durch den Saal und setzte
Qualitäten nur verächtlich mit den Schultern zucken sich dann neben seinen Ersten Offizier.
konnte. Professor Delouis lächelte müde und begrüßte den
Stephan hätte toben mögen über die Kurzsichtigkeit Mann, der ihn auf den Mars gebracht hatte. Neben ihm
der Richter. Die dachten nur an die atomaren Experi- saß Doktor Seminow, sein Assistent.
mente, die Professor Delouis auf dem Mars unternom- Stephan beugte sich nach vorn und sah zu dem
men hatte. Natürlich waren die nach dem internationa- Mann hinunter, der sich bereit erklärt hatte, ihre Ver-
len Abrüstungsbeschluß von 1986 verboten. Das hatte teidigung zu übernehmen. Da das Raumgericht aus
auch Professor Delouis gewußt. Wenn das nicht so ge- Juristen und Offizieren der Raumflotte zusammenge-
wesen wäre, hätte er sich gar nicht auf dem Mars zu setzt war, standen sie im Grunde genommen vor einem
verkriechen brauchen, um mit unzulänglichen Mitteln Kriegsgericht.
seinen Forschungen nachzugehen. Raumadmiral Wilson wandte langsam den Kopf
In der letzten , Verhandlung waren Delouis’ Mit- und sah Stephan an. Die Öffentlichkeit hatte es dem
arbeiter mit Bewährungsfrist freigesprochen worden. Admiral sehr übelgenommen, daß er für die vier
Die ganze Verantwortung hatten der Professor und Männer eintrat, die nach den geltenden Gesetzen ein
sein vertrauter Assistent zu übernehmen. schweres Verbrechen auf sich geladen hatten.
Dazu kamen noch Ezequil Snuff und er, Raumka- „Sieht böse aus, Stephan“, murmelte der Admiral,
pitän Stephan. Ihr Fall hatte in der ganzen Welt größ- der in voller Uniform vor ihnen saß.
tes Aufsehen erregt. Besonders die Zentralregierung Stephan preßte die Lippen zusammen und sah sich
der vereinigten europäischen und asiatischen Staaten im Zuhörerraum um. Er lachte leise, als sein Blick auf
hatte strengste Bestrafung verlangt. Professor Delouis das fette Gesicht eines Mannes fiel, der ihn mit mörde-
galt als verbrecherischer Wissenschaftler, dem es nach rischen Blicken musterte. Das war Samuel Haye, der
der Meinung der öffentlichen Ankläger durchaus nicht größte Raumschiffseigner der USA. Die „Helios“ un-
darauf angekommen wäre, die Menschheit aus heite- ter dem Kommando von Raumkapitän Stephan, hatte
rem Himmel mit Kobalt-Bomben anzugreifen, die er ihm gehört, so wie ihm viele Schiffe gehörten. Samuel
auf dem Mars angeblich hatte erzeugen wollen. Haye war der einzige Mensch in den USA,
Delouis sagte schon lange nichts mehr zu sei- der eine private Raumflotte unterhalten durfte.
ner Verteidigung. Sowohl er als auch Stephan hat- Der Vorsitzende eröffnete die Verhandlung. Der
ten auf das unerhört wichtige Problem eines vollende- Ankläger, ein Offizier der staatlichen Raumflotte, faß-
ten Raumschiff-Triebwerkes hingewiesen. Man hatte te die bekannten Punkte nochmals zusammen und
spöttisch gelächelt. Ein amüsiertes Grinsen lief über führte die eindeutigen Beweise an. Dazu gab es nichts
sein kantiges Gesicht, als er daran dachte, wie er die- mehr zu sagen.
sem Raumkapitän Whilst vor den Augen der Richter
Stephan zuckte nur zusammen, als der Ankläger mit
das gepflegte Gesicht zerschlagen hatte.
erhobener Stimme rief: „Infolge der verbrecherischen
Das nahm man ihm sehr übel. Stephan gab sich kei- Versorgungsreisen des Angeklagten Stephan sah sich
nen Illusionen hin. Er wußte genau, wie das Urteil lau- das Ministerium für interplanetarische Raumfahrt ge-
ten würde. Er zuckte kaum zusammen, als seine Zel- nötigt, ein Schiff der Raumpatrouille zum Mars zu
lentür lautlos in den Schienen zurückglitt. Den Offi- schicken. Es ließ sich nicht vermeiden, dreißig tapfe-
zier der Raumpolizei kannte er schon gut genug, um re Männer auf dem verseuchten Planeten zu landen,
zu wissen, daß der Zeitpunkt nun angebrochen war. um Stephan und seine Mitverschworenen aufzuhe-
„Kommen Sie, Stephan. Es ist soweit“, sagte der Offi- ben. Diese dreißig Soldaten haben die fürchterlichen
zier. Krankheitserreger eingeatmet. Ich sehe mich hiermit
Der Raumkapitän schob die Hände in die Taschen zu meinem allergrößten Bedauern gezwungen, dem
seiner Kombination. Noch trug er seine Rangabzei- Gericht mitzuteilen, daß achtzehn von diesen Soldaten
chen, die er auf Grund seines Patentes tragen durfte. am gestrigen Tage verstorben sind. Nach der Meinung
Sie führten ihn durch einen unterirdischen Gang, der der behandelnden Ärzte werden die zwölf Überleben-
das Gefängnis mit dem riesigen Gebäude des Ministe- den noch im Laufe der nächsten Tage ihr Leben opfern
riums für interplanetarische Raumfahrt müssen.“
Verweht im Weltraum 10

Stephan und Raumadmiral Wilson sahen sich Es wurde plötzlich totenstill. Nicht nur Stephan
schweigend an. Professor Delouis begann zu zittern. merkte, daß hier etwas geschah, was an sich nicht zu
Sein schmales Gesicht verfärbte sich. der bereits abgeschlossenen Verhandlung paßte. Der
Mit heftigen Worten fuhr der öffentliche Ankläger Präsident erklärte in kurzen Worten, er spräche im
fort. Von nun an konnte es über den Ausgang der Einvernehmen mit der US-Regierung. Dann stellte er
Verhandlung gar keinen Zweifel mehr geben. Stephan seinen Begleiter als den Biologen Professor Hamles
brüllte dazwischen. Er versuchte, das Gericht darüber vor und erteilte ihm unter dem betroffenen Schweigen
aufzuklären, daß lediglich Whilst dafür verantwort- aller Anwesenden das Wort.
lich zu machen wäre. Er hätte die Männer mit un- Professor Hamles sprach zwei Stunden lang. An-
zulänglichen Schutzmitteln auf die verseuchte Plane- schließend erhielten die zum Tode Verurteilten eine
tenoberfläche geschickt. Sein Einwand wurde rund- Stunde Bedenkzeit. Nach dieser Stunde sagte Stephan
weg abgewiesen, zumal Whilst betonte, er hätte sich für sich und für seine Gefährten: „Ja, wir nehmen an.“
zu der Maßnahme gezwungen gesehen. Stephan wäre Damit waren Worte gefallen, die Professor Hamles
bekannt als skrupelloser Mensch. Die Soldaten hätten glücklich machten und die eine ganze Welt in Atem
infolgedessen beweglich sein müssen. halten sollten.
Das war eine flaue Begründung, doch sie wurde
restlos anerkannt. Professor Delouis versuchte noch- 4.
mals, sich von dem Verdacht zu reinigen, er hätte auf
dem Mars Atomwaffen und vordringlich die Kobalt- In knapp drei Stunden war es soweit. Soeben waren
Bombe herstellen wollen. Er erntete höhnisches Ge- Stephan, Ezequil Snuff, Professor Delouis und dessen
lächter von seinen Fachkollegen, für die er bereits Assistent Dr. Seminow von der Raummedizinischen
abgeschrieben war. Das letzte Wort hatten die Fach- Station gekommen.
wissenschaftler. Die Nutzbarmachung der Wasserstof- Man hatte sie nochmals genauestens untersucht
fenergie war ein altes Problem, dessen endgültige und sie mit verschiedenartigen Medikamenten vollge-
Lösung man noch nicht gefunden hatte. Besonders pumpt, von denen noch nicht einmal ein so erfahre-
der spanische Wissenschaftler wies darauf hin, daß ner Raumfahrer wie Stephan wußte, was sie bewirken
zur Einleitung eines Kern-Verschmelzungs-Prozesses oder verhindern sollten.
Temperaturen von einigen Millionen Grad erforder- Selbst der herkulisch gebaute Kapitän fühlte eine
lich wären. bleierne Schwere in seinen Gliedern, obgleich seine
Professor Delouis antwortete darauf, daß es solcher Sinnesorgane nach wie vor einwandfrei arbeiteten.
Riesentemperaturen zur Einleitung des Verschmel-
Dieser Biologe Hamles hatte sich als unnachsichtig
zungsprozesses gar nicht bedürfe! Er sollte einmal
und gnadenlos entpuppt. Professor Delouis bereute es
daran denken, ein modernes Protonen-Synchroton, das
schon bitter, daß er auf die Vorschläge dieses Mannes
nach neuesten Ergebnissen die einzelnen Kernteilchen
eingegangen war. Er hatte nur. deshalb zugestimmt,
bis auf 30 Milliarden Elektronenvolt beschleunige, so
weil das Leben der Gefährten davon abhing. Entweder
umzubauen, daß aus dem Hochleistungsbeschleuni-
sie ließen sich alle vier auf den Wahnsinn ein, oder das
ger ein Hochstrombeschleuniger würde. Zur Kernver-
Todesurteil wäre vollstreckt worden.
schmelzung benötige man lediglich Kerne mit einer
geringen mittleren Energie, dafür aber sehr viele. Die Stephan drehte sich langsam um, als die Kunststoff-
könnten von Super-Protonen-Synchrotonen nicht er- tür in ihren Schienen zurückglitt.
zeugt werden. Ezequil Snuff trat zusammen mit einem jungen
Damit hatte Delouis einen Weg gewiesen, der die Raummediziner ein, der einige Diagramme in den
Wissenschaftler hätte stutzig machen sollen. Die Stim- Händen hielt. Traurig verzog der Lange das Gesicht.
mung war jedoch gegen ihn. „Sei gegrüßt, Bruder“, murmelte er.
Gegen vierzehn Uhr wurden Professor Delouis, „Sie können vollkommen beruhigt sein, Stephan“,
Doktor Seminow, Raumkapitän Stephan und Ezequil fiel der Arzt sachlich ein. „Ihr Kreislauf ist bereits ver-
Snuff zum Tode verurteilt. langsamt, wenn ich mich so ausdrücken darf.“
Schweigend hörten sie das Urteil an, und sie wollten „Sie dürfen“, entgegnete Stephan müde und setzte
sich ebenso schweigend abführen lassen, als plötzlich sich in einen der Plastiksessel. „Was macht das Schiff?
ein Mann auftauchte, den sie niemals zuvor im Zuhö- Alles in Ordnung? Ist Wilson bereits eingetroffen?“
rersaal gesehen hatten. Er befand sich in Begleitung Der Arzt nickte. „Vor acht Stunden. Zusammen mit
des Präsidenten der internationalen Atomkontroll- seinen Technikern inspizierte er das Schiff. Er will si-
Kommission. chergehen, daß da auch alles in bester Ordnung ist.
Stephan wurde zuerst stutzig, zumal er sehr deutlich Professor Delouis und Seminow schlafen. Sie sollten
merkte, daß die beiden Männer offensichtlich erwartet das auch tun. Ihrem Organismus wird allerhand zuge-
worden waren. Jedenfalls verbeugte sich der Vorsit- mutet werden.“
zende sehr respektvoll, als der Präsident des Rates den „Kapitän Stephan zur Zentrale“, brüllten die Laut-
erhöhten Stand des öffentlichen Anklägers betrat. sprecher der Rundrufanlage.
11 TERRA EXTRA

Stephans eben noch gelockertes Gesicht verhärtete „Das genügt auch, Sir“, peitschte Hamles’ Stimme
sich wieder. auf. Mit fanatisch glänzenden Augen sah der Biolo-
Schwer atmend drückte Stephan auf den Kontakt- ge auf den Raumoffizier, der es gewagt hatte, die bis-
knopf, und die vakuumdicht schließende Tür öffnete her so gutwilligen Männer vielleicht umzustimmen.
sich erneut. Auf den Rollbändern glitten sie durch den „Meine Herren“, fuhr der Professor händeringend fort,
Hauptgang der Station, der immer wieder durch ein- „ich versichere Ihnen, daß Sie gar keine Gefahr lau-
gelassene Sicherheitsschotts unterbrochen wurde. Die fen. Die Vereisung Ihrer Körper wird so rasch erfol-
Zentrale nahm beide Stockwerke eines der Doppelrä- gen, daß Ihre Zellen keine Gelegenheit haben, abzu-
der ein. sterben. Sie werden im Sinne des Wortes konserviert,
und es ist durch den Vereisungsgrad, der beinahe den
Stephan sah in die ernsten und bewegungslosen Ge- absoluten Nullpunkt erreichen wird, gänzlich ausge-
sichter von Wissenschaftlern, Technikern und Solda- schlossen, daß Ihr Organismus in den körperlichen
ten. Sie musterten ihn und Snuffy mit eigenartigen Zerfall treten wird, obgleich Sie, medizinisch gesehen,
Blicken. tot sein werden.“
Langsam trat Stephan ein. Sein erster Blick galt Snuffy begann zu schlucken. Dieser Mann sprach
dem französischen Kernphysiker, der erschöpft in ei- haarsträubende Dinge mit einer so selbstverständli-
nem Plastiksessel saß. Dem jungen Seminow ging es chen Ruhe und betonter Sachlichkeit aus, daß selbst
etwas besser, wenn er auch einen schläfrigen Eindruck der Raumoffizier zu schwitzen begann.
machte.
Professor Delouis hatte sich verfärbt. Schaudernd
Stephan wunderte sich gar nicht, als er unter den blickte er auf den Mann, dem sie zwar ihr Leben ver-
zahlreichen uniformierten Männern einen Zivilisten dankten, der dafür aber auch verlangte, daß sie ihm als
entdeckte. Das war der Minister für interplanetari- Versuchsobjekte dienten.
sche Raumfahrt und Verwertung planetarischer Bo- „Sie können noch immer ablehnen“, warf Raum-
denschätze höchstpersönlich. admiral Wilson leichenblaß ein. Der Minister warf
Der Minister sah ihn prüfend an, und Stephan hatte ihm einen drohenden Blick zu, den Stephan spöttisch
unwillkürlich den Eindruck, als würde ihn der Mann lachend zur Kenntnis nahm.
mit seinen Blicken testen, so wie man das mit einer „Damit dürfte Ihr Chef nicht einverstanden sein,
Maschine macht, die kurz vor ihrem ersten Probelauf Wilson! Wenn wir ablehnen, werden wir morgen er-
steht. schossen, nicht wahr? Man wird zwar vorher noch-
Der Minister nickte kaum merklich, und dann sagte mals eine Verhandlung ansetzen. Wir sind uns aber
er in das eisige Schweigen: „Haben Sie noch was zu darüber klar, daß man das alte Urteil nur erneut ver-
sagen, Herr Admiral?“ künden würde. Wir sind einverstanden. Fangen Sie
Raumadmiral Wilson lief rot an. Man merkte, daß endlich an, damit die Komödie ein Ende findet.“
sich der tüchtige und anständige Offizier bemühte, sei- Stephan wandte sich an den Chefingenieur der Sta-
nem höchsten Vorgesetzten mit dem nötigen Respekt tion. „Sie können mir für den technisch einwandfreien
zu begegnen. „Allerdings, Sir“, knarrte Wilsons Stim- Zustand der ,Titan’ garantieren, Loser?“
me. Dann trat er mit einigen raschen Schritten dicht Der Chefingenieur nickte. „Ich garantiere dafür,
vor Stephan und sah ihn zwingend an. „Stephan, Sie Stephan. Auf das Schiff können Sie sich verlassen.
sind genau informiert worden. Unsere Wissenschaft- Sie haben einen Strahlmassenvorrat an Bord, der für
ler haben alles Menschenmögliche getan, um Sie fit eine Geschwindigkeits-Kapazität von fünfhundert Ki-
zu machen. Dessen ungeachtet halte ich es im Inter- lometer/Sekunden ausreicht. Wir werden Sie mittels
esse der Menschlichkeit für notwendig, Sie und Ihre Fernsteuerung bis auf eine Geschwindigkeit von hun-
Gefährten dert Kilometer/Sekunden beschleunigen. Solange Sie
nochmals darauf aufmerksam zu machen, daß die- sich in unserem Fernsteuerbereich befinden, werden
ses Unternehmen mehr als gewagt ist. Es ist leicht wir Sie laufend kontrollieren. Nahe der Marsbahn
möglich, Stephan, daß Sie nicht mehr erwachen. Es wird das elektronische Robotgehirn die Führung des
tut mir leid, daß ich das so offen und brutal sagen muß. Schiffes übernehmen. Das Triebwerk wird vollauto-
Natürlich darf ich bei der Gelegenheit auch nicht ver- matisch abgeschaltet, sobald Sie Ihre Reisegeschwin-
schweigen, daß der Versuch auch gelingen kann. In digkeit von hundert Kilometer/Sekunden erreicht ha-
dem Fall kehren Sie als freie Männer zur Erde zurück ben. Die bleibt so lange konstant, bis Sie in Saturn-
und werden zweifellos als wagemutige Pioniere in die höhe angekommen sind. Sie werden zweifellos dort
Geschichte der Menschheit eingehen. Sie kennen al- ankommen, wozu Sie jedoch rund hundertsiebenund-
so Ihre Chancen. Sie müssen: sich jetzt endgültig ent- sechzig Tage benötigen.“
scheiden. Noch können Sie zurücktreten. Wir zwingen „Sie werden den größten Mond des Saturn, den Ti-
weder Sie noch Ihre Freunde. — Das wäre alles, was tan, umkreisen und mit einem der Landungsboote die
ich in meiner Eigenschaft als verantwortlicher Raum- Oberfläche des Mondes betreten. Ihre Aufgaben ken-
admiral zu sagen hätte.“ nen Sie“, fiel der Minister kühl ein. „Ihr Aufenthalt
Verweht im Weltraum 12

richtet sich nach den Daten der Elektronengehirne. Sie hatte er herausgebrüllt. Ängstlich wichen sie vor dem
müssen zu dem vorgeschriebenen Zeitpunkt starten, herkulisch gebauten Kapitän zurück.
damit Sie die Erde nicht verfehlen. Dafür haben Sie Wilson senkte den Kopf und gab dann das Zeichen.
sich kurz vor dem Start wieder in die Behälter zu legen „Es wird Zeit“, drängte der Chefingenieur unruhig.
und den Vereisungsvorgang auszulösen. Der Robotau- „Sie müssen genau zum errechneten Zeitpunkt star-
tomat wird Sie starten und sicher zur Erde zurückbrin- ten. Keine Zehntelsekunde früher und keine später.
gen.“ Die Flugdaten liegen fest, und der Robotautomat ist
Für den Minister war das ein unerhört wichtiges entsprechend eingestellt.“
Experiment. Es war tatsächlich so, daß ein Mensch Unter allen Anwesenden brachte Stephan dem
den schwerelosen Zustand nicht länger als vier Mona- Techniker noch das größte Vertrauen entgegen. Das
te ertragen konnte. Wenn die Vereisung gelang, dann mochte daher kommen, weil er mit dieser Technik ver-
war die Erforschung der äußeren Planeten gesichert, traut war und sie beherrschte. Diesen Biologen aber
was infolge der langen Flugzeiten augenblicklich noch hätte er verprügeln mögen, obwohl ihm klar war, daß
nicht möglich war. Kein Mensch hätte die langen Zeit- der Mann in seinem wissenschaftlichen Eifer gar nicht
spannen überleben können. Man kannte kein Mit- bemerkte, welche Ungeheuerlichkeit er beging.
tel, um ein künstliches Schwerefeld innerhalb eines Professor Delouis mußten sie förmlich hinaustra-
Raumschiffes zu erzeugen. Dafür war die Raumfahrt gen. Seminow folgte schwankend, und nur Snuffy und
noch viel zu jung. Stephan behielten die Nerven.
Mit dem Photonen-Triebwerk hätten solche Reisen Mit den Aufzügen wurden sie zum Mittelpunkt des
in wenigen Tagen gemacht werden können. Man zog gewaltigen Doppelrades gebracht. Hier waren sie be-
einen anderen Weg vor, und Stephan wußte, daß er reits schwerelos, da der rotierende Ring mit seiner
sich zu fügen hatte. künstlichen Gravitation weit entfernt war.
Man streifte ihnen die Raumpanzer über und führte
Mühevoll befreite er sich von den düsteren Vor-
sie in die große Luftschleuse.
stellungen. Seine Stimme klang hart und rauh, als er
den Raumadmiral ansprach: „Haben Sie die Waffen Das kleine Verbindungsboot nahm sie auf, und Mi-
an Bord bringen lassen, Wilson? Nur unter der Vor- nuten später jagte das seltsam geformte Fahrzeug mit
aussetzung starte ich. Ich betrete keinen unbekannten flammenden Düsen zu dem unbeweglich erscheinen-
Himmelskörper, wenn ich nicht eine gut funktionie- den Raumschiff hinüber, das nach wie vor der Station
rende Kanone habe. Man weiß nie, was da passieren folgte. Unter ihnen lag die helleuchtende Erde. Ste-
kann. Die ersten Venus-Expeditionen haben bewiesen, phan warf keinen Blick auf den Planeten, der. ihre Hei-
daß eine ordentliche Bewaffnung durchaus angebracht mat war. In ihm tobte ein wilder Aufruhr! Nur nicht
ist.“ an das denken, was ihm noch bevorstand! In dem Au-
genblick bereute er bitter, daß er auf die Vorschläge
Wilson lächelte erstmalig wirklich erheitert. Das eingegangen war. Hätte er es nicht getan, dann wäre
war typisch Stephan. „Die Waffen sind an Bord. schon längst alles vorbei. Ein Pronzit-Geschoß hätte
Sie haben das Modernste und Beste erhalten, was ein schnelleres und ein schmerzloseres Ende herbei-
ich auftreiben konnte. Es sind vordringlich Pronzit- geführt als die Vereisung.
Maschinenpistolen, die Sie auch mit den neuen
Immer näher kamen sie dem Fernraumschiff, das
Kleinst-Atomgeschossen laden können.“
das größte seiner Art war, was jemals von Menschen
Stephan grinste verzerrt, als er die fassungslosen erbaut worden war.
Gesichter der Wissenschaftler sah. Der Führer des Raum-Verbindungsbootes schaltete
„Sie wundern sich, meine Herren? Sie benutzen uns an seinen Armaturen. Weiße Gaszungen zuckten aus
als Versuchskaninchen. Es ist Ihnen nur recht, daß die- der Düse der kleinen Brennkammer. Das Raumtaxi ar-
se Kaninchen aus zwei erfahrenen Raumoffizieren und beitete mit einem chemischen Flüssigkeits-Triebwerk,
aus zwei hochqualifizierten Physikern bestehen. Wir das , für diese Zwecke vollkommen ausreichte. Die
können alle Aufgaben lösen, die Sie uns gestellt ha- kleinen schlittenförmigen Fahrzeuge hatten ja nur die
ben, vorausgesetzt, daß wir in Saturn nähe wieder er- Verbindung zwischen der großen Raumstation und
wachen. Das ist unsere einzige Chance. Wenn wir aber den „ankernden“ Schiffen herzustellen.
erwachen, so will ich auch sichergehen. Titan ist eine Hamles nahm noch einige Kontrollen vor, und dann
Welt wie Milliarden andere auch. Warum soll es da riß er ruckartig einen rotrnarkierten Hebel nach un-
nicht Leben in irgendeiner Form geben? Sie verziehen ten. Es war, als wollte die Flüssigkeit explodieren,
die Gesichter. Ihrer Meinung nach ist der Titan viel zu als wollte sie aufwallen. Stephan glaubte zu ersticken,
weit von der Sonne entfernt, um Leben aufweisen zu ein fürchterlicher Druck lastete schlagartig auf seinem
können. Trotzdem fühle ich mich sicherer, wenn ich Körper. Er glaubte zerpreßt zu werden, und dann fühl-
eine gute Waffe in den Händen habe. — Jetzt brin- te er auch die eisige Kälte, die seinen Körper durch-
gen Sie uns endlich an Bord des Schiffes und stecken drang. Er wollte sich bewegen und konnte es nicht
Sie uns in die die verdammten Kübel, die sehr wahr- mehr, wollte schreien, irgend etwas tun, doch dazu war
scheinlich unsere Särge werden.“ Die letzten Worte es zu spät.
13 TERRA EXTRA

In Sekundenbruchteilen war die Flüssigkeit zu „Hoffentlich geht alles gut!“ flüsterte Wilson rauh.
einem glasharten Eisblock erstarrt. Und Stephan „Hoffentlich!“
schwanden die Sinne. Ehe das geschah, hatte er noch Der Minister für interplanetarische
einen stechenden Schmerz verspürt.
Raumfahrt sah ihn spöttisch an. „Sie vergessen im-
,Aus...’, dachte er mit seiner letzten, bereits erster-
mer wieder, daß diese vier Männer von Rechts wegen
benden Gehirnfunktion. Er fühlte nicht mehr, daß die
schon lange tot sein müßten.“
komprimierte Atmosphäre der Zentrale in den leeren
Raum heulte. Er merkte auch nicht mehr, daß der Eis- Wilson sagte nichts mehr. Müde wandte er sich ab.
block, in dem er eingebettet lag, innerhalb von drei Diesen entsetzlichen Anblick würde er zeit seines Le-
Sekunden so abkühlte, daß er fast den absoluten Null- bens nicht mehr vergessen können.
punkt hatte.
Raumadmiral Wilson stöhnte. Taumelnd hielt er 5.
sich an einem der Ingenieure fest. Er blickte in ver-
krampfte Gesichter. Nur Hamles strahlte. Sorgfältig
Ein kleiner Meteor raste durch den Raum. Er war
kontrollierte er anschließend die Heizanlage, die auf
nur faustgroß, doch seine kinetische Energie war hoch,
einen Schaltimpuls des Robotgehirns die Eisblöcke
da er sich mit 85 km/sek voranbewegte.
auftauen würde. Die vollautomatische Injektionssprit-
ze wurde über Stephans Behälter geschoben und fest Nur der allmächtige Schöpfer konnte wissen, woher
gesichert. Sobald das Eis geschmolzen war, würde sie der kleine Nickelbrocken kam und wohin er mußte. Er
sich tiefer senken und ihre Nadel in Stephans Schenkel hatte seine vorgeschriebene Bahn — er war unterwor-
stoßen. Das Medikament würde die Wiederbelebung fen den Gesetzen der Physik und damit den Gesetzen
einleiten. des Alls.
Sehr sorgfältig kontrollierte der Biologe. Es konn- Lautlos, geisterhaft raste er durch das Nichts, bis
te keine Fehler geben. Jedermann achtete mit größ- sich ihm ein eigenartig geformter Körper in den Weg
ter Aufmerksamkeit auf seine Bewegungen, und so stellte.
bemerkte noch nicht einmal der mißtrauische Raum-
Auch dieser Körper war bestimmten Gesetzen un-
admiral, wie die Hand eines jungen Ingenieurs blitz-
terworfen. Weder er noch der kleine Sternsplitter
schnell an die Schaltungen des Robotgehirns griff und
konnte ausweichen. Viel schneller als das schnellste
dort einen blauen Plastikknopf in die Fassung drückte.
Geschoß und mit der Wucht eines vollbeladenen Gü-
Schon war die Hand wieder Verschwunden. Das terzuges, der gegen eine feste Mauer rast, schlug der
Gesicht des jungen Mannes war schweißüberströmt. Meteor in die silbern glänzende Wandung des Raum-
Er hätte sich vielleicht verraten, wenn er nicht krampf- schiffes ein. Er stanzte ein zackiges Loch in den fe-
haft an die fünfzigtausend Dollar gedacht hätte, die sten Leichtstahl, durchschlug spielerisch zwei stabile
ihm ein Mann namens Whilst für diese Tat verspro- Querwandungen und durchdrang anschließend die ge-
chen hatte. Außerdem winkte die Beförderung zum genüberliegende Kabinenwandung.
Ersten Ingenieur eines Raumschiffes.
Die Männer tappten hinaus und begaben sich in die Dort, wo er durch das Metall gegangen war, glühte
Luftschleuse: Als letzter Mann folgte Wilson zusam- das Material auf. Es zerschmolz an den Rändern und
men mit dem Biologen. Grauengeschüttelt sah er in kühlte dann sehr rasch wieder ab. Ungehemmt, als wä-
den langen Behälter, in dem Stephan unter seinem re gar nichts geschehen, raste der Nickelbrocken wei-
Eispanzer ruhte. Das Eis war durchsichtig. Deutlich ter, und es mochte vielleicht Millionen Jahre dauern,
konnte er das verzerrte Gesicht des Mannes erkennen, bis er sich in den glühenden Massen einer Sonne end-
den er als Freund schätzte „Sie haben ihn ermordet“, gültig auflöste.
schluchzte der Admiral. Auch dem großen Raumschiff war weiter nichts ge-
Hamles sah ihn lächelnd an. „Sie irren! Dieser schehen. Der Raum, der von dem Meteor durchschla-
Mann fühlt nichts mehr, aber er lebt. Kommen Sie!“ gen worden war, war ohnehin luftleer. Er hatte nicht
Sorgfältig verriegelte Hamles die Tür der Zentrale, den kleinsten Schaden angerichtet, doch dafür hatte er
und Minuten später schloß sich auch die Außenluke durch seine enorme Aufschlagswucht die empfindli-
der Luftschleuse. Im Raum schwebte ein unförmiges chen Geräte so erschüttert, daß an einem dieser Appa-
Schiff, in dem es nur mechanisches Leben gab. rate ein blauer Plastikknopf zentimeterweit aus seiner
Das fernautomatische Fernsteuergerät gab auf die Fassung heraussprang. Wenn diese starke Erschütte-
Millisekunde genau den Zündimpuls. Mit fiebernden rung nicht gewesen wäre, wäre der Kontaktknopf in
Augen sah Admiral Wilson auf die Fernbildfläche. der Stellung verblieben, in die er durch die Hand eines
Lautlos raste das Schiff davon und verschwand Se- gewissenlosen Menschen gedrückt worden war.
kunden später als flammendes Pünktchen in der tiefen Es war, als wäre dieser Meteor von einem Mäch-
Schwärze des Raumes. tigen in den Weg des Schiffes gebracht worden. Es
“Umschalten auf Fernbeobachtung!“ ordnete der schien, als wollte dieser Mächtige ein geschehenes
Chefingenieur mit gepreßter Stimme an. Unrecht wiedergutmachen. Der blaue Knopf war der
Verweht im Weltraum 14

Hauptschalter des großen Robotgehirns, das außer Be- der Oberfläche. Leise gurgelnd saugte eine Pumpe die
trieb gewesen war, solange der Kontakt unterbrochen milchige Flüssigkeit ab, und wenige Minuten später
war. lag Stephans Körper vollkommen frei in dem Behäl-
Jetzt begann die komplizierte Maschine plötzlich ter.
wieder zu arbeiten. Kontrollampen zuckten an den Die Heizvorrichtung wurde von dem Robotgehirn
weißlackierten Wandungen auf, und Zeiger huschten sofort gedrosselt, als die Pumpe keine Flüssigkeit
über Skalen. Das Robotgehirn tat genau das, was ihm mehr vorfand. Professor Hamles hatte an alles ge-
die sorgfältigen Einstellungen von der Hand erfahre- dacht, und die fähigsten Ingenieure hatten die automa-
ner Ingenieure vorschrieben. Diese Maschine konnte tischen Vorrichtungen nach seinen Anweisungen ge-
sich nicht irren und war unfehlbar, solange sie nicht baut. Hamles war wirklich ein hervorragender Wis-
beschädigt wurde. senschaftler und viel gewissenhafter, als Stephan an-
Die empfindlichen Taster der Meteorabwehr hatten genommen hatte. Die Kunststoffmasse seines Behäl-
den Einschlag registriert. Das Robotgehirn veranlaßte ters erwärmte sich. Dann schaltete das Elektronenge-
erst die Abdichtung der Lecks in beiden Wandungen. hirn erneut. Leise summend lief ein Heißluftgebläse
Dort, wo durch die Löcher die feinen Drähte zer- an. Der warme Luftstrom bestrich seinen Körper, der
rissen wurden, begann die zwischen den doppelten dadurch nicht nur zusätzlich erwärmt, sondern auch
Metallwänden eingelassene Leckdichtungsmasse zu gut getrocknet wurde. Alle Vorgänge erfolgten nur in
verlaufen. Erhitzt von den Heizströmen schmolz die seinem Fall. Es war auch seine Aufgabe, nach sei-
Dichtungsmasse zusammen und schloß so die beiden nem Erwachen die Gefährten aufzuwecken. Es wäre
Löcher. Sehr rasch kühlte sie ab und war nun so hart zu kompliziert gewesen, die Schaltungen gleichzeitig
wie guter Stahl. Das war eine sorgfältig ausgeklü- bei allen vier Behältern vorzunehmen. Stephan war
gelte Methode, entstehende Lecks vollautomatisch ab- der Kräftigste und Stärkste. Wenn es jemand über-
zudichten. Dafür waren sämtliche Kabinenwandun- stand, dann er.
gen mit einem haarfeinen Drahtnetz überzogen. Wur- Während die Heißluft strömte, senkte sich der
de an einer Stelle der konstante Stromkreislauf unter- Schwenkarm mit der großen Injektionsspritze nach
brochen, erfolgte an genau dem gleichen Fleck die unten. Dicht vor dem Fleisch seines Oberschenkels
automatische Dichtungsmassen-Erhitzung durch das endete die Bewegung. Blitzend zuckte die sehr starke
Meteor-Abwehrgerät. Selbst wenn in der Kabine der Hohlnadel nach unten und bohrte sich in den Muskel,
in Raumschiffen übliche Luftdruck von 700 mm vor- der noch hart gefroren war.
handen gewesen wäre, hätte die Dichtungsmasse nicht Langsam, ganz langsam ergossen sich 500 Kubik-
in den leeren Raum gerissen werden können. zentimeter der Flüssigkeit in Stephans Körper. Nur
Die Lecks waren dicht, und das Robotgehirn begann ganz allmählich gab das gefrorene Gewebe nach. Das
nun endlich mit der Arbeit, die ihm vorgeschrieben von Hamles entwickelte Medikament wärmte wie flüs-
war. siges Feuer. Dort, wo es eindrang, verflüssigte sich das
Die Klimaanlage der Zentrale begann zu arbeiten. gefrorene Blut, und die eingeeisten Zellen erwachten
Zur gleichen Zeit strömte das vorbereitete Sauerstoff- zum Leben.
Heliurn-Gasgemisch in den Raum und schaffte so eine Es war wunderbar, einzigartig, wie sich der Stoff
atembare Atmosphäre. mehr und mehr im Körper verbreitete. Es dauerte zwei
Es dauerte Minuten, bis sich die Atemluft erwärmt Stunden, bis der Blutkreislauf wieder flüssig war. Ei-
hatte. Thermostaten übernahmen die konstante Rege- ne komplizierte Pumpe begann das stetig wärmer wer-
lung. dende Blut durch den Körper zu jagen und es mit Sau-
Das Gehirn schaltete erneut, nachdem es die ein- erstoff zu versorgen. Solange das Herz noch nicht ar-
wandfrei erfolgten Vorgänge präzise registriert hatte. beitete, hatte sie dessen Aufgabe zu übernehmen.
Die elektronischen Geräte der letzten Dekade des 20. Langsam, zuckend, begann das Herz wieder zu po-
Jahrhunderts waren sehr hoch entwickelt. chen, und nach Augenblicken begann es heftig zu
Wäre der Robotautomat ein Mensch gewesen, dann pumpen. Durch die Kanüle flossen nun kreislaufför-
hätte er sich wohl jetzt. zu den vier Behältern umge- dernde und herzanregende Mittel. Allein dieser Ap-
dreht, die nach wie vor inmitten der Zentrale standen. parat war ein technisches Wunderwerk, an dem vie-
Noch immer lagen die erstarrten Körper in den Eis- le Mediziner und Ingenieure gearbeitet hatten. Ste-
blöcken, noch immer grinsten die verzerrten Gesichter phans Beine begannen plötzlich zu zucken, und auch
unter der durchsichtigen Masse hervor. sein durchblutetes Gehirn fing an zu arbeiten. Die er-
Heftiger begann der Brennkammer-Gasstrom die sten Eindrücke kamen verschwommen, ganz nebel-
Arbeitsturbine anzutreiben, und die sehr starken Heiz- haft. Dann fühlte er erst, daß er überhaupt denken
spulen in den doppelten Wandungen eines der Behäl- konnte.
ter glühten hell auf. Dennoch dauerte es noch eine halbe Stunde, ehe er
Langsam und dann auffallend rasch begann das Eis wußte, was mit ihm geschehen war. Wie unter hefti-
zu schmelzen. Es zerlief gleichmäßig und nicht nur an gen Krämpfen zogen sich seine Lungen zusammen.
15 TERRA EXTRA

Das war die Wirkung der Medikamente. Er mußte at- schon schloß er geblendet die Augen. Als weißglühen-
men, ob er wollte oder nicht. Dann war der Raumka- der Ball erschien die Sonne auf einem der drei Schir-
pitän klar, vollkommen klar. Der erste Laut, der sei- me. Knackend schaltete er ab und fuhr sich mit den
nem Mund entfloh, war ein kräftiger Fluch. Das Spre- Händen an die Augen.
chen machte ihm Mühe. Seine Stimmbänder waren „Verdammt hell“, murmelte er, „und außerdem sehr
wie gelähmt, und im Bein fühlte er einen stechen- groß. In Saturnnähe dürfte der alte Atomofen längst
den Schmerz. Demnach war sein Nervensystem auch nicht mehr so grell scheinen. Das muß an meinen Au-
schon wieder munter. gen liegen. Die Sehnerven haben wahrscheinlich am
Erst als er sich matt bewegte, zuckte die Nadel aus längsten unter der Vereisung zu leiden.“
seinem Fleisch zurück. Der Robotautomat hatte in vor- Entschlossen wandte er sich den Gefährten zu
bildlicher Weise seine Arbeit getan. Mühevoll richte- und begann zuerst bei Professor Delouis mit der Er-
te sich Stephan in dem engen Kasten auf. Höllischer weckung. Er fragte sich, ob der ältere Mann das aus-
Schmerz durchjagte seinen Körper, und er spürte jeden gehalten hatte. Er mußte unbedingt zuerst aus dem
Herzschlag als brennenden Stich. So saß er minuten- Eisschlaf geholt werden. Zeit genug hatte er. Die Ein-
lang, bis er sich an die strengen Anweisungen dieses stellung des Robotgehirns war so, daß es mit der Er-
Hamles erinnerte. weckung beginnen mußte, wenn der Zeitpunkt zum
„Bewegen, sofort und intensiv bewegen, auch wenn endgültigen Bremsmanöver noch 24 Stunden entfernt
es weh tut“, hatte der gesagt. war.
Stephan biß die Zähne zusammen und begann seine Was vorher der Automat geschaltet hatte, nahm nun
Glieder zu bewegen. Es dauerte nochmals dreißig Mi- Stephan vor. Er schwenkte den Arm mit der kom-
nuten, bis er schmerzfrei war. Eigenartigerweise fühl- plizierten Apparatur herum und jagte dem Kernphy-
te er sich überhaupt nicht geschwächt, wie er das als siker durch einen Knopfdruck die Kanüle ms Bein.
selbstverständlich angenommen hatte. Mehr als fünf Dann begann der gleiche Vorgang, der diesmal von
Monate lang War er praktisch tot gewesen. Sein Kör- ihm überwacht wurde. Immer wieder sah er in die ge-
per hatte keine Nahrung aufnehmen können, und doch nauen schriftlichen Anweisungen des Biologen und
fühlte er sich so kräftig wie kurz vor der Vereisung. kontrollierte die Instrumente.
Als er an das Wort dachte, wußte er plötzlich, daß Es dauerte drei Stunden, bis Professor Delouis die
er ja gar nicht schwach oder abgemagert sein konn- Augen aufschlug und dann tu stöhnen begann. Ste-
te. Sämtliche Funktionen waren unterbrochen gewe- phan hatte Mitleid mit dem Mann, doch er mußte ihm
sen, erstarrt. zusätzlich weh tun, wenn er ihn überhaupt durchbrin-
Langsam schob er sich aus dem Kasten heraus und gen wollte. Delouis atmete kaum, obgleich sein Blut
ließ sich über den Rand hinweg auf den Boden glei- sauerstoffgesättigt sein mußte. Stephan massierte sei-
ten. Da er nicht an den schwerelosen Zustand gedacht nen Körper mit harten Griffen, und der Kernphysiker
hafte, glitt er freischwebend durch die Zentrale, bis er begann zu schreien. Es schien Ewigkeiten zu dauern,
an einem der zahlreichen Griffe einen Halt fand. bis der Schmerz endlich nachließ und Stephan ihn aus
Daran gewöhnt, gelang es ihm bald, mit den Fü- dem Eissarg heben konnte. Er legte ihn auf eines der
ßen nach den Spezialschuhen zu angeln und hineinzu- Ruhelager und schnallte ihn wegen der Schwerelosig-
schlüpfen. Nun hatte er wenigstens einen festen Halt. keit fest.
Knallend ging er durch die Zentrale, die von einem Delouis sah ihn aus matten Augen an, und dann
geheimnisvollen Summen erfüllt war. murmelte er lächelnd: „Danke, Stephan. Es ist un-
Er mußte sich zusammennehmen, um nicht aufzu- faßbar, daß wir noch leben. Haben wir denn wirk-
schreien, als er die verzerrten Gesichter unter dem Eis lich mehr als fünf Monate in diesem Eis gelegen? Es
sah. So hatte er also auch ausgesehen. Er schlüpfte scheint mir alles wie ein Traum.“
schleunigst in seine Kleidungsstücke. Sein nackter Zu- „Später, Professor“, entgegnete der Raumkapitän
stand machte ihn irgendwie nervös. unruhig. „Ich bin nicht eher zufrieden, bis wir Snuffy
Dann zögerte er einige Sekunden. Sollte er sofort und Seminow ebenfalls wieder klar haben.“ Noch
mit der Wiederbelebung beginnen? Nein, dazu hatte zweimal erfolgte die stundenlang dauernde Prozedur.
er reichlich Zeit. Erst mußte er sich von dem Zustand Der lange „Erste“ begann zu fluchen, als er die
des Schiffes überzeugen. Schmerzen endlich überwunden hatte. Dann half er
Rasch trat er hinter den schweren Kontrollsitz, und Stephan, auch den jungen Seminow aus dem Eisschlaf
seine Augen huschten über die Skalen. Erleichtert at- zu befreien.
mete er auf. Nach der Menge der verbrauchten Strahl- Es waren viele Stunden vergangen, bis sie endlich
massen zu urteilen, mußte die „Titan“ eine Fahrt von angezogen in der Zentrale beisammensaßen. Mit ei-
genau einhundert Kilometern pro Sekunde haben. Das nem wahren Heißhunger verschlangen sie die konser-
waren 360 000 Kilometer/Stunden. vierten Lebensrnittel, deren Einnahme Hamles vorge-
Mit einem Griff schaltete er die Außenbord- schrieben hatte. Dann erst fühlte sich Stephan wie-
Bildgeräte ein. Die Schirme leuchteten hell auf, und der als vollwertiger Mensch. Er sagte: „Uns steht eine
Verweht im Weltraum 16

schwierige Bremsperiode bevor, die uns allerhand zu Die Daten kenne ich auswendig. Sol gehört zum Spek-
schaffen machen wird. Stellen wir einmal fest, wo wir traltypus G 2.“
uns eigentlich befinden. Saturn müßten wir eigentlich Stephan sah ihn starr an, ehe er gepreßt sagte: „Die-
schon in Apfelgröße ausmachen können. Sein Mond se Sonne aber nicht, Professor! Das ist ein Riese, eine
Titan könnte demnach auch nicht weit sein, denn es ist weiße Sonne mit einer ganz unerhörten Leuchtkraft.“
nicht anzunehmen, daß der sich in fünf Monaten selb- Delouis taumelte zurück. Seine Augen waren weit
ständig gemacht hat. Wir haben insgesamt dreiund- aufgerissen, und auch Seminow begriff plötzlich, was
zwanzig Stunden gebraucht, bis wir alle wieder klar Stephan da gesagt hatte. „Das ist nicht unsere, Sonne
waren. Demnach muß das Robotgehirn in spätestens — das ist nicht Sol“, fuhr der Raum-Kapitän fort, wo-
einer Stunde das Signal geben und das Triebwerk ein- bei er sich Zusammennahm, um seine Nerven in der
schalten. Es arbeitet zuverlässig, sonst wären wir nicht Gewalt zu behalten.
wieder wach geworden.“
„Nicht unsere Sonne...“, stammelte Delouis fas-
Delouis nickte zustimmend und trat zusammen mit sungslos. „Wollen Sie damit sagen, daß wir uns einem
Stephan an das Außenbord-Bildaufnahmegerät, das anderen Stern genähert haben? Das — das ist doch un-
alle optischen Eindrücke auf die Bildschirme warf. möglich! Das gibt es nicht. Das Robotgerät hat uns
Snuffy schlurfte hinter seinem Kommandanten her. doch vorschriftsmäßig geweckt.“
Verwundert sah der Lange auf die beiden Bordchro- Stephans Stirn hatte sich gefaltet. Langsam beruhig-
nometer und blinzelte mit seinen ewig trübe blicken- ten sich seine tobenden Nerven. „Sehen Sie auf die
den Augen. „Eh“, murmelte er überrascht, „die Dinger Chronometer. Ich bin davon überzeugt, daß sie wirk-
sind ja stehengeblieben! Ich dachte, die würden zehn lich zehn Erdenjahre lang gelaufen sind. Das beweisen
Jahre lang laufen?“ auch die Daten. Als sie stehenblieben, schrieb man auf
Stephans Schritt verlangsamte sich unwillkürlich. der Erde das Jahr 2010.“
Ganz langsam drehte er sich nach seinem Ersten um, Die beiden Physiker kämpften um ihre Fassung.
der immer noch auf die Chronometer sah. Stephans Was Stephan eben gesagt hatte, war mehr als ungeheu-
Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Die Spe- erlich. Seminow fing sich zuerst und entgegnete hei-
zialuhren waren tatsächlich stehengeblieben. Während ser: „Wenn das nicht die Sonne unseres Systems ist,
in dem Raumkapitän ein ganz seltsames Gefühl auf- so bedeutet das, daß wir davon zumindest vier Kom-
keimte, waren Seminow und Delouis nur verwundert. ma drei Lichtjahre entfernt sind, denn das nächstge-
„Die werden einen Schüttelfrost bekommen haben, legene Sonnensystem des Alpha-Centauri ist so weit
als sie uns in den Särgen sahen“, lachte Doktor Semi- entfernt.“
now. Stephan war schon wieder ganz ruhig. Dieser Mann
Snuffy grinste sauer, wobei er unauffällig auf Ste- war daran gewöhnt, sich zu beherrschen und eine
phan sah, dessen Gesicht sich verhärtet hatte. Snuffy gegebene Sachlage mit der nötigen Ruhe zu erfas-
kannte seinen Kommandanten gut genug, um zu füh- sen. „Ganz recht! Diese Sonne gehört aber nicht zum
len, daß in dem etwas vorging. Centauri-System. Dafür ist sie viel zu hell und auch zu
Heftig drehte sich Stephan um und schaltete mit ei- groß. Wie gesagt, muß das ein Riese sein. Fragen Sie
nem Griff die Bildbeobachtung ein. mich nur nicht, wie lange wir geschlafen haben und
Die drei Schirme flammten auf, und dann erging in welcher Ecke der Milchstraße wir uns befinden. Ich
es den drei Männern so, wie es Stunden zuvor Ste- kann Ihnen nur mit größter Gewißheit sagen, daß der
phan ergangen war. Stöhnend schlössen sich die Au- Robotautomat aus einem mir unbekannten Grund ver-
gen unter dem unerträglichen Glanz der Sonne. Ste- sagte und uns viel später weckte, als es ursprünglich
phan schaltete einen starken Filter vor die Okulare, vorgesehen war. Ich weiß nicht, wo wir uns befinden.“
und der in den Augen stechende Glanz ließ nach. Delouis war sehr blaß, doch er hatte sich wieder
Snuffy trat neben ihn. Er war ein viel zu erfahre- beruhigt. „Stephan, Sie wissen ganz genau, daß wir
ner Raumoffizier und zu tüchtiger Astronavigator, um bei unserer geringfügigen Geschwindigkeit dreitau-
nicht das gleiche zu bemerken wie der Kapitän. Lei- send Jahre benötigen würden, um eine Entfernung zu
chenblaß sah er ihn an. Es war bezeichnend für Ste- überbrücken, die das Licht innerhalb eines einzigen
phan, daß er sich eisern beherrschte und nur knurrte: Jahres bewältigt. Wissen Sie überhaupt, was Sie damit
„Snuffy, ich brauche sofort ein Spektral-Diagramm. behaupten?“
Spektraltypus nach dem Rüssel-Diagramm feststellen. Lastendes Schweigen legte sich über die Männer.
Ferner die annähernde Größe, Masse und Dichte. Den- Sie sahen sich nur noch an, und jeder bemühte sich,
ke an die Auswertung der Leuchtkraft. Das geht am das Ungeheuerliche zu erfassen.
schnellsten.“ „Selbst wenn das Alpha-Centauri wäre, hätten wir
Dr. Seminow war kein Astronom und auch kein mehr als zwölftausend Jahre geschlafen“, sagte Semi-
Astrophysiker. Er merkte aber an den Anweisungen, now erstickt.
daß da etwas nicht stimmte. Auch der Professor sah Stephan brachte es fertig, sein Gesicht zu einem bis-
überrascht auf. „Eine Spektralanalyse? Warum das? sigen Lächeln zu verziehen. „Das ist aber nicht Cen-
17 TERRA EXTRA

tauri, darauf können Sie sich verlassen, Snuffy!“ Hef- Snuffy verbog seine lange Nase, ehe er murmel-
tig drehte er sich um. „Wenn du in einer Sekunde nicht te: „Stern erster Größe, ganz zweifellos. Unsere Son-
oben in der astronomischen Station bist, mache ich ne ist gegen ihn ein lächerlicher, schwach leuchtender
dir einen Knoten in deinen dürren Hals. Benutze den Zwerg. Spektralanalyse und die üblichen Daten erge-
Westenberger-Automaten zur Spektral- und Größen- ben einwandfrei, daß wir uns im Sternbild der Leier
bestimmung. In einer halben Stunde will ich wissen, befinden. Die Riesensonne vor uns ist der Hauptstern
welche Sonne das ist. Verschwinde!“ Damit trat er an des Sternbildes.“
das Robotgehirn und drückte den blauen Kunststoff- Stephan riß sich mit aller Kraft zusammen, ehe er
knopf wieder in die Fassung. flüstern konnte: „Sternbild der Leier, und das ist der
„Was tun Sie“, schrie Delouis erregt, „Warum schal- Hauptstern. Demnach wäre das — wäre das die Rie-
ten Sie das Elektronengehirn ab?“ sensonne Wega.“
„Weil seine Einstellungen sinnlos geworden sind“, „Es ist die Wega, ich irre mich nicht“, erklärte
knurrte Stephan gereizt. „Das verdammte Experiment Snuffy überraschend ernst.
ist gelungen und doch gründlich mißglückt. Der Teu-
fel mag wissen, was der Automat durch seine längst Professor Delouis und Seminow sahen ihn wie zwei
überholten Einstellungen noch anrichten kann, wenn Wahnsinnige an. „Die Wega“, stöhnte der Kernphysi-
ich ihn eingeschaltet lasse. Von nun an traue ich nur ker.
noch mir selbst.“ „Nein, ich glaube es nicht. Dieser Riesenstern ist
„Können Sie die unbekannte Sonne mit dem Radar- siebenundzwanzig Lichtjahre von der Erde entfernt.
gerät anpeilen?“ meinte Seminow erregt. „So könnten Stephan, bedenken, Sie doch! Das Licht braucht sie-
Sie doch genau ablesen, wie weit die Sonne entfernt benundzwanzig Jahre, bis es diese unfaßbare Strecke
ist, und danach bestimmen, in welche Größenordnung bewältigt hat.“ Der Kapitän war schon wieder ruhig
sie gehört.“ und gefaßt. Er hatte mit einem ähnlichen Ergebnis ge-
Stephan lachte beinahe hysterisch. „Und das sagt rechnet. „Na — und? Können wir daran etwas än-
ein Physiker“, brüllte er erregt. „Mann, der Stern ist dern? Wie weit sind wir noch von der Sonne entfernt,
garantiert noch mehrere Milliarden Kilometer ent- Snuffy?“
fernt. Wie lange, denken Sie wohl, brauchen die ul- „Etwa sechs Milliarden Kilometer“, erklärte der mit
trakurzen Wellen, bis sie dort angekommen sind und der Sachlichkeit des geschulten Raumoffiziers. Trotz-
reflektiert in unseren Empfänger zurückkommen? Das dem befinden wir uns schon längst, im Schwerebe-
dauert viele Stunden, denn schneller als das Licht sind reich des Sterngiganten, und trotz der Entfernung er-
die Impulse auch nicht. So lange will ich aber nicht scheint er bereits größer als unsere Sonne, wenn man
warten. Die optische Bestimmung ist einfacher.“ sie von Venus aus betrachtet.“
„Verzeihen Sie“, murmelte Seminow. Delouis schlug die Hände vor das Gesicht und
„Ruhig Blut, Seminow, wir können es nicht än- stöhnte. Stephan warf Seminow einen auffordernden
dern. Ich bin nur glücklich, daß wir zwei so erfahre- Blick zu, und der führte den Professor zu einem der
ne Raumoffiziere an Bord haben. Überlassen Sie das , Plastiklager. Stephan begann fieberhaft zu rechnen.
ruhig diesen Männern.“ Als er die Zahl auf dem Papier hatte, wurde selbst ihm
„Verdammt vernünftig, Professor“, lachte Stephan schwindelig. Snuffy nickte still. Er hatte die gleiche
rauh. „Snuffy sieht aus wie eine Wasserleiche, doch Berechnung schon längst angestellt.
auf seine astronavigatorischen Ergebnisse kann man „Wega ist siebenundzwanzig Lichtjahre von der Er-
sich verlassen.“ de entfernt“, keuchte Stephan. „Unsere konstante Ge-
Mit den Worten schaltete Stephan das Bildgerät ab. schwindigkeit im freien, antriebslosen Fall betrug ein-
hundert Kilometer pro Sekunde. , Wir haben aber
* trotzdem eine Distanz von siebenundzwanzig Licht-
jahren zurückgelegt. Das bedeutet, daß wir — daß
Langsam und schwerfällig betrat Ezequil Snuff die wir —“Stephan verstummte unter dem verzweifelten
Zentrale. Er sah in Gesichter, die von der seelischen Blick des genialen Physikers.
Spannung verzerrt waren. Aus den Augenwinkeln be-
obachtete Stephan die beiden Physiker. „Einundachtzigtausend Jahre —“, wimmerte der
Mann förmlich. „Einundachtzigtausend Jahre haben
Sie waren überraschend ruhig, viel mehr, als er an-
wir in der Vereisung gelegen. Einundachtzigtausend
genommen hatte. Das mochte daher kommen, weil sie
Jahre!“
dem Tod schon zu oft ins Auge gesehen hatten. Wenn
man zum Tode verurteilt wird und anschließend ein Die letzten Worte schrie Delouis hervor. Seiner Sin-
solches Experiment ertragen muß, dann gewöhnt man ne nicht mehr mächtig, sprang er auf, wodurch sich
sich allmählich an Überraschungen, die einen unbe- seine Magnetschuhe vom Boden lösten und er wie ein
fangenen Menschen wahnsinnig machen können. Geschoß durch die Zentrale flog.
Stephans Gesicht glich, einer Maske. Seine Lippen Delouis schrie weiter, Schaum trat vor seinen
bildeten schmale Striche, als er kurz fragte: „Nun...?“ Mund. Stephan griff blitzschnell zu und zog den
Verweht im Weltraum 18

schwerelos durch den Raum wirbelnden Wissen- Zentrifugalkraft seine Gravitation auszugleichen, daß
schaftler zu sich heran. Wie ein Rasender wehrte sich wir ihn für alle Zeiten als winziger Planet umkreisen.“
der Physiker, bis Stephans Faust auf seinem Kinn lan- Stephan sagte darauf nichts, doch sein rastloses Ge-
dete. hirn begann schon wieder präzise zu arbeiten. Ruck-
„Tut mir leid, Seminow“, sagte Stephan rauh, wobei artig wandte er sich nach seinem Ersten Offizier um.
er den besinnungslosen Wissenschaftler behutsam auf „Snuffy, du wirst alles tun, um festzustellen, ob die
das Lager legte und ihn festschnallte. „Wenn er wieder Sonne Wega ein Planetensystem hat. Wenn ja, ha-
zu sich kommt, wird es vorbei sein. Ist ja auch kein ben wir unverschämtes Glück. Ich sehe jedoch keinen
Wunder, wenn einem dabei die Nerven durchgehen.“ Grund, weshalb es nicht so sein könnte! Unsere Sonne
Seminow schluckte krampfhaft und schielte ängst- hat ja auch Planeten, warum nicht die Wega!“
lich auf Stephans Faust. Er wußte plötzlich, warum Snuffy lächelte traurig. Er wußte genau, wie unsag-
man diesen Mann den härtesten Kämpfer zwischen bar geringfügig diese Chance war. Unter hunderttau-
Mars und Erde nannte, nein, genannt hatte. Wenn send Sonnen mochte vielleicht eine einzige Planeten
sie wirklich so lange in ihrem Eisschlaf gelegen hat- haben.
ten, dann waren die Männer, die sie auf diese Rei- „Wir werden es versuchen“, erklärte Stephan hart.
se geschickt hatten, längst tot und vergessen. Selbst „Wir haben noch einen Strahlmassenvorrat für fünf-
wenn es auf der Erde noch Menschen gab, würde sich hundert Kilometer/Sekunden. Ich werde mit Seminow
niemand mehr an sie erinnern können. Eine für die und Delouis die Maschinen überprüfen, und du wirst
Menschheit ungeheure Zeitspanne war vergangen! dich auf die Suche machen. Wenn es Planeten gibt,
Stephan dachte daran und versuchte, sich die Mög- dann wirst du sie entdecken.“
lichkeiten auszumalen. Gab es überhaupt noch Men- „Und wenn es keine gibt?“ fragte Doktor Seminow
schen auf der Erde, oder hatten sie sich längst gegen- erschreckend ruhig.
seitig vernichtet? War der Planet durch Atomkriege zu Stephan sah ihn nur an, worauf der Physiker den
einem glühenden Gasball geworden, oder gab es jetzt Kopf senkte.
dort eine überspitzte Kultur mit einer unfaßbar vollen- „Den Rückweg finden wir niemals“, entgegnete
deten Technik? Stephan grob. „Das heißt, wir könnten ihn schon fin-
Stephan wagte nicht weiterzudenken. Er wußte nur, den und auch den genauen Kurs festlegen. Dafür hät-
daß Hamles’ Experiment nur zu gut geglückt war. Sie ten wir uns aber nochmals dieser Vereisungsproze-
hatten 81 000 Jahre, gerechnet nach irdischen Maßstä- dur zu unterziehen, und die Erde würden wir doch
ben, wie Tote geruht, ehe sie durch unerklärliche Um- verfehlen. Wenn ich ein Schiff mit einem Photonen-
stände doch erweckt wurden. Dabei waren sie orga- Triebwerk hätte, dann würde ich es wagen. Mit diesem
nisch nicht gealtert. Sie waren noch genauso jung wie Kasten aber nicht, der wie eine lahme Fliege durch den
zu dem> Zeitpunkt; als sie sich in die Behälter gelegt Weltraum kriecht.“
hatten. Der Körper hätte in seinem steinhart gefrore- „Immerhin dreihundertsechzigtausend Kilome-
nen und medizinisch totem Zustand ja gar nicht altern ter/Stunden“, warf Seminow ein.
können! Sie hatten unzählige Generationen überlebt, Stephan lachte hysterisch. „Mensch, ist das eine Ge-
was bestimmt nicht in der Absicht jenes Mannes gele- schwindigkeit, gemessen an den gigantischen Entfer-
gen hatte, der vor langer Zeit einen jungen Ingenieur nungen? Das ist ein lächerliches Nichts, mein Lieber.“
veranlaßt hatte, das Robotgehirn abzuschalten.
Seminow verstummte, und Stephan schaltete wie-
Stephans Gedanken rasten. Wieso hatte der Auto- der das Bildgerät ein. Als weißglühender Riesenkör-
mat schließlich doch noch mit seiner Arbeit einge- per erschien die Wega auf dem Bugschirm. Unge-
setzt? Erst als sein Blick auf das abgedichtete Meteor- hindert „kroch“ die „Titan“ durch das All, doch ihre
leck fiel, dämmerte eine blasse Ahnung in ihm auf. Er Geschwindigkeit wurde unter den bereits wirkenden
wußte ja nur zu gut, welche Erschütterungen ein mit Gravitationskräften der Riesensonne unmerklich, aber
größter Wucht einschlagender Sternsplitter verursach- ständig erhöht.
te.
„Verweht im Weltenraum“, sagte Stephan bitter und
Snuffy war seinem Blick gefolgt, und jetzt nickte schaltete ab.
er sinnend. „So kann es gewesen sein“, griff er Ste-
phans Gedankenfaden auf. „Der Automat muß sich 6.
beim Durchgang des Brockens eingeschaltet haben,
nachdem er vorher versägte. Weiß der Teufel, an wel- „Wir sind zu schwach. Es wäre besser gewesen,
cher lächerlichen Kleinigkeit das lag.“ einen Kreuzer oder ein Schlachtschiff der Abwehr-
„Was nun, Stephan?“ fragte Seminow dumpf. „Was klasse zu nehmen“, sagte Wen-Gal leise. Dabei sah
nun? Jetzt haben wir zum dritten Male den Tod vor er auf die Beine seines Gefährten, die unter der Hit-
Augen. Der Riesenstern wird uns einfangen, und wir ze der weißglühenden Schottwandung zerschmolzen.
können von Glück sagen, wenn unsere Geschwindig- „Schalte deine Tastsinne ab, damit du keine Schmer-
keit hoch genug ist, um mit der dadurch erzeugten zen verspürst.“
19 TERRA EXTRA

„Ich habe es bereits getan“, entgegnete der andere Aus dem schlanken Heck des Schiffes zuckten zi-
Weganer ruhig, wobei er seinen Körper mit den Hän- tronengelbe Strahlenbündel, die auf einen zufälligen
den aus dem Sitz hochstemmte und ihn dann mit ei- Beobachter nicht den Eindruck von Gasflammen ge-
nem geschickten Schwung nach hinten fallen ließ. macht hätten. Es sah eher so aus, als glühe da ein gi-
Er folgte auffallend rasch dem Kommandanten des gantischer Scheinwerfer mit der Lichtkapazität einer
Schiffes, der schon in dem kleinen Aufzug stand, der Sonne auf.
sie hinunter in die Zentrale II bringen konnte. Mit einer unheimlichen Fahrt raste das schwer an-
„Log-Gar ist mit der Kampfzentrale Oberdeck auf- geschlagene Raumschiff davon, wodurch es erneut ei-
gelöst worden“, meinte der verstümmelte Weganer nem jener seltsamen Leuchtfinger auswich, der ebenso
tonlos, als der Lift nach unten schoß. wie die anderen aus einer der turmartigen Verlänge-
Wen-Gal nickte. „Ich sah es. Kannst du noch lau- rungen an den Kanten des anderen Raumers hervorge-
fen? Ich werde dir neue Gehwerkzeuge einsetzen.“ zuckt war.
„Es geht, noch haben sie uns nicht besiegt. Wir wer-
Mit einer Fahrtbeschleunigung von. mindestens
den die Energie der Sonne einsetzen müssen, wenn wir
5000 km/sek glitt der walzenförmige Körper des
unseren Auftrag erfüllen wollen.“
Weganer-Schiffes aus der verderbenbringenden
Wieder nickte Wen-Gal. Sein Gesicht war vollkom- Schußbahn. Hellgelb zuckte es aus seinem Heck. Es
men ausdruckslos, als er mit raschen Schritten in die mußten ungeheure Schubkräfte sein, von denen die
Zentrale II hineinschritt. Behende humpelte der Ver- Masse des 500 Meter langen Raumers vorangerissen
stümmelte durch die Panzerschotts, die sich zischend wurde.
hinter ihm schlössen.
Die Zentrale II lag im genauen Mittelpunkt des Wen-Gal erhob sich aus seinem Kontrollsitz und
Raumschiffes. Sie besaß die gleichen Kontrollinstru- umfaßte den verstümmelten Gefährten. Mit einem
mente und Steuerorgane wie die Hauptzentrale im kraftvollen Ruck seiner Arme setzte er ihn hinein und
Bug, der sich unter der frei werdenden Energie eines eilte dann aus der Zentrale. Die meterstarken Panzer-
blaßroten Strahlenbündels auflöste. schotte glitten von ihm zurück, und Augenblicke spä-
ter befand er sich in der Kampfstation III. Seine Hän-
Wie ein feuriger Finger und dazu unheimlich laut-
de schalteten so rasch, als wären sie hochempfindli-
los war es aus den Tiefen des Alls gekommen. Das 500
che Maschinen. Auch hier flammten die Bildschirme
Meter
auf. Auf einem kleineren Verbindungsschirm sah er
lange Schiff der Weganer wurde trotz seiner Licht- die Steuerzentrale.
geschwindigkeit aus dem Zielkurs gerissen. Ein sin-
gendes Geräusch, das sich sehr rasch zu einem krei- „Ich schalte um auf Zielortung“, sagte er in unsicht-
schenden Heulton verstärkte, durchlief die Wandun- bar angebrachte Mikrophone.
gen. Der Weganer mit den zerschmolzenen Beinen nick-
Der halbrunde Bug glühte blauweiß auf und tropfte te, was Wen-Gal deutlich sehen konnte.
dann als zerlaufendes und teilweise vergasendes Me-
tall sprühregenartig in den Raum. Zahlengruppen glitten über ein Leuchtband direkt
unter dem riesigen Bildschirm des vollautomatischen
Der blaßrote Strahlfinger hatte sich in winzigen Se-
Ziel-und Ortungsgerätes. Wen-Gal war sich darüber
kundenbruchteilen so stark verdichtet, daß er jetzt nur
klar, daß er seine beste Waffe einsetzen mußte, um den
noch knapp einen halben Meter durchmaß. Er glich
heimtückischen Angreifer wenigstens so stark anzu-
nun eher einem festen Körper, der mit unheimlicher
schlagen, daß der die Verfolgung aufgab. Sein eigenes
Wucht auf ein bestimmtes Ziel zuraste.
Fahrzeug war ein Transporter und kaum bewaffnet.
Durch den vorhergegangenen Treffer war das mäch-
Auch waren seine Energie-Schutzschirme so schwach,
tige Schiff jedoch so blitzartig aus seiner Flugbahn ge-
daß sie die konzentrierten Strahlschüsse des Gegners
wirbelt worden, daß dieser höchstkonzentrierte Strahl-
weder absorbieren noch reflektieren konnten. Auf dem
schuß über den taumelnden Rumpf hinwegging und
teilweise zerschmolzenen Oberteil des Rumpfes schob
sich in den Tiefen des Alls verlor.
sich eine langgestreckte Kuppel hervor.
Dabei durchlief wieder jener heulende Kreischton
die gesamte Zelle des Raumschiffes. „Sie sind eine Lichtminute entfernt. Das ist sehr
Wen-Gal saß ruhig und sicher in dem hochlehnigen weit“, klang die Stimme des verstümmelten Weganers
Kontrollsessel der II. Zentrale. Vor ihm glühten die auf.
sechseckigen Bildschirme der Fernbeobachtung auf. Wen-Gal achtete nicht darauf und schaltete mit ei-
Überraschend klar und scharf erschien auf ihnen ein nem Handgriff den Fernsteuer-Robotautomaten ein.
anderes Fahrzeug, das die Form eines Würfels mit Sein Geschoß würde trotz seiner Lichtgeschwindig-
spitz hervorstehenden Eckkanten hatte. keit also eine Minute brauchen, bis es den Gegner
Wen-Gal drückte zwei fingerlange Hebelarme so erreichen konnte. Doch das konnte nicht viel scha-
weit in die Raster hinein, daß nur noch die farbig mar- den. Auch dessen Energieschüsse brauchten die glei-
kierten Köpfe sichtbar waren. che Zeit. Schneller als das Licht waren die nicht.
Verweht im Weltraum 20

Als ein Summzeichen aufklang, drückte Wen-Gal viele hatte er schon sterben sehen unter der Gewalt der
auf den Feuerknopf. Aus der Kuppel auf dem Ober- lautlos heranjagenden Energieschüsse.
teil des Rumpfes zuckte ein langgestrecktes Gebilde Dichte Metalldämpfe drangen durch die ange-
hervor, bei dem es sich um ein raketenähnliches Fern- schmolzenen Panzerschotts der Kampfzentrale. Noch
geschoß handeln mußte. Genau wie bei dem großen arbeitete der Fernsteuerautomat.
Schiff flammten aus seinem nur schenkelstarken Heck
Wen-Gal begann bereits keuchend zu atmen, als es
die zitronengelben Lichtbalken, die den Körper inner-
auf dem riesigen Schirm der Fernbeobachtung plötz-
halb von wenigen Sekunden bis auf Lichtgeschwin-
lich aufzuckte. Er sah, wie der würfelförmige Körper
digkeit beschleunigten. Er raste so schnell davon, daß
des gegnerischen Schiffes in einem grellweißen Glut-
ihn das Fernsehgerät nicht bildlich darstellen konnte.
meer verschwand. Es war die Energie einer kleinen
Summend lief der Fernsteuer-Robotautomat. Wen- Sonne, die dort schlagartig frei geworden war.
Gal saß verkrümmt in dem kleinen Kontrollsitz und
atmete tief und regelmäßig. Er wußte, daß es keine Trotz der großen Entfernung von einer Lichtminute
Fehlschüsse gab. Es kam nur darauf an, ob er die vermochte der große Bildschirm die sich ausdehnen-
Dichte des gegnerischen Abwehrschirmes richtig ein- den Glutmassen nicht voll wiederzugeben. Sie wuch-
geschätzt hatte. Auch auf dessen Ausdehnung kam es sen über seinen Rand hinaus, und Augenblicke später
an. Die Energie einer Sonne mußte dicht davor frei blickte Wen-Gal nur noch in grellweiße Glut, die von
werden, sonst wurde das Geschoß abgelenkt. Durch ihm ausstrahlte.
seine Lichtgeschwindigkeit würde es weit in den lee- „Es war gut, daß wir die Energie einer Sonne mit-
ren Raum hineinrasen, ehe der Zündimpuls kam. nahmen“, murmelte er leise vor sich hin, ehe er in sei-
Der Weganer hatte über die erstaunliche Entfernung nem Sitz zusammensank und dann schwer auf den Bo-
von 18 Millionen Kilometern hinweg geschossen. Das den fiel. Mühevoll kroch er durch die große Zentrale,
war eine Lichtminute. und mit letzter Kraft gelang es ihm, ein noch unver-
Auf der Zielbildfläche des Automaten sah er den sehrtes Panzerschott durch die Unterbrechung eines
flammenden Punkt, der anscheinend bewegungslos im unsichtbaren Kontaktstrahles zu öffnen.
Raum hing. Und doch bewegte der sich mit 300 000 Zischend öffnete sich die meterstarke Tür. Ange-
Kilometern pro Sekunde voran. nehme Kühle schlug ihm aus dem riesengroßen und
Er achtete so angestrengt auf diesen gelben Punkt, vollständig unversehrten Raum entgegen. Es schien
daß er den blaßroten Energiefinger übersah, der aus ein Labor zu sein und war angefüllt mit seltsamen
der Schwärze des Alls auf sein Schiff zukam. Der Geräten. Wen-Gals Gehirn schien zu glühen. Er fand
Warnruf seines Gefährten kam zu spät. Das ganze nicht mehr die Kraft, sich zu jenem Regal hinüberzu-
Schiff dröhnte; wie eine riesige Glocke, als die ge- schleppen, auf dem seine Rettung stand. Es war ei-
bündelte Energie die schwachen Schutzschirme des ne größere Flasche, in der eine rötliche Flüssigkeit
Transporters durchbrach, sie in der Form von kilome- schimmerte.
terweit aufzuckenden Blitzen neutralisierte und dann Wen-Gal kroch noch einige Meter weiter. Dicht vor
die eigentliche Wandung traf. Die glühte in einem 20 dem Regal blieb er liegen, und die Sinne schwan-
Meter durchmessenden Feld auf und begann zu ver- den ihm. Führerlos glitt das Schiff der Wega mit der
laufen. Das Weganerschiff wurde um seine Querach- geringfügigen Fahrt von nur 80 Kilometern pro Se-
se gewirbelt und erneut aus seiner Flugbahn gerissen. kunde durch den Raum. Achtzehn Millionen Kilome-
Der Weganer in der Steuerzentrale II stöhnte qualvoll ter entfernt verblaßte langsam der ungeheure Glutball
auf. Vor ihm strahlte das meterstarke Panzermaterial schlagartig freigewordener Energie. Mit ihr vergingen
des Sicherheitsschotts in hellster Rotglut. Es begann die Gase, in die sich das feindliche Fahrzeug verwan-
sich zu verformen, Und riesige Blasen bildeten sich, delt hatte.
die mit schußartigem Knallen zerbarsten.
Ehe der Weganer starb, hatte er noch den Stufenhal- 7.
ter der Fahrtregelung in die entgegengesetzte Stellung
gerissen. Obgleich das Schiff teilweise glühend durch Stephan kam mit Dr. Seminow aus dem Heckma-
den Raum wirbelte, begann das Triebwerk gehorsam schinenraum des unförmigsten und häßlichsten Raum-
zu arbeiten. Aus dem halbzerstörten Bug zuckten die schiffes zurück, das jemals von Menschen erbaut wor-
gelben Lichtbalken und drosselten von Sekunde zu Se- den war. Er hatte sich mit der Tatsache abgefunden.
kunde die rasende Fahrt. Sie hatten 81 000 Jahre lang in ihren Eissärgen gele-
Es dauerte nur kurze Zeit, bis das Weganerschiff gen, daran ließ sich nichts mehr ändern. Stephan hüll-
mit wenigen Kilometern pro Sekunde durch den Raum te seine Gefühle in einen undurchdringlichen Panzer
kroch. Die vollautomatischen Stabilisatoren fingen die der Selbstbeherrschung. Er war der Kommandant die-
Drehbewegungen auf und brachten den Körper wieder ses Schiffes, und er hatte, wenn irgend möglich, dafür
in eine ruhige Lage. zu sorgen, daß sie entweder einigermaßen heil aus der
Wen-Gal hatte den Tod seines Gefährten auf der Patsche herauskamen oder so starben, daß sie nicht ge-
Bildfläche miterlebt. Sein Gesicht war unbewegt. Zu quält wurden. Das war die unerbittliche Konsequenz
21 TERRA EXTRA

dieser Reise über 27 Lichtjahre hinweg. Zusammen war, von dem sie zurückgeworfen werden konnten.
mit Ezequil Snuff hatte er alle Möglichkeiten erwo- Wenn aber einer da war, so würde das Radarecho wohl
gen. Beide waren jedoch zu der Erkenntnis gekom- sehr lange auf sich warten lassen, denn es war klar, daß
men, daß es eine Rückkehr zur Erde nicht mehr geben man hier in der Nähe der Wega noch mit ganz anderen
konnte. Nicht mit diesem Schiff, das sah auch Delouis Entfernungen rechnen mußte als im System der Son-
ein. ne, zu der auch die Erde gehörte.
Stephan verstaute die Medikamente und dachte Die Schirme der Außenbord-Bildgeräte leuchteten
über Seminow nach. Der Mann war erschöpft, und es auf. Auf ihnen erschienen inmitten tiefster Schwärze
konnte nicht mehr lange dauern, bis sich bei ihm der die unzähligen Sonnen des Alls. Auf dem Bugschirm
gefürchtete Koller einstellte. Diese Vereisung schien strahlte die Wega in weißer Glut.
tatsächlich die Widerstandskraft der Körper ganz ent- Delouis schauderte, wenn er an die Größe dieses
scheidend geschwächt zu haben, wenn sie auch bis auf Sternes dachte. Mit einem Griff schaltete er wieder
Seminow nichts davon spürten. die Filter vor die Aufnahmeokulare, und der blenden-
„Ich habe die Atom-Kraftstation eingeschaltet“, er- de Glanz ließ nach.
klärte er ablenkend. „Sie haben nun genügend Energie Über die Bordsprechverbindung rief Stephan seinen
zur Verfügung, um mit den Radars laufend den Raum Ersten Offizier an, der sich seit Stunden in der astro-
abtasten zu können. Konzentrieren Sie sich auf diese nomischen Station aufhielt.
Aufgabe, Professor. Das ist nicht nur gut für uns alle, Snuffy meldete sich sofort, und auf der kleinen
sondern auch für Ihre angespannten Nerven.“ Sichtfläche des Bild-Sprechgerätes erschien sein fal-
Delouis nickte und versuchte ein Lächeln auf seine tiges Gesicht.
Lippen zu zaubern. Es gelang ihm nur sehr schlecht. „Nun... etwas, gefunden?“ fragte Stephan.
Zwischen den Männern stand ein unbestimmtes Grau-
en. Zwar bemühte sich jeder, ja nicht davon zu spre- Snuffy lächelte in seiner trübsinnigen Art und
chen, doch die Gehirne ließen sich da keine Vorschrif- schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Es wird aber bald
ten machen. Zeit, denke ich.“
„Diese Narren“, flüsterte Delouis geistesabwesend. „Kluge Bemerkung“, fauchte Stephan erbost. „Ich
„Sie haben uns eine veraltete Kraftstation eingebaut. löse dich in einer Stunde ab. Ende...“
Wir erzeugen Energie durch den Umweg über Dampf Ein erstickter Ausruf des Professors ’ ließ ihn her-
oder hocherhitzte Gase. Dabei hätte ich ihnen ein Ver- umfahren. Die Frage blieb ihm im Hals stecken, doch
fahren schenken können, das alle diese lächerlichen dafür starrte er genauso verblüfft auf die große Steuer-
Methoden weit in den Schatten stellen würde.“ bordbildfläche wie Delouis und Seminow auch.
Stephan sah den Physiker unwillig an. Warum Die ganze Zentrale war plötzlich in blendend hel-
konnte der sich nicht von den Erinnerungen losrei- les Licht getaucht, das von dem Bildschirm ausging.
ßen. „Schalten Sie endlich Ihre Geräte ein, Professor“, Es war, als hätte der sich in eine blauweiß strahlende
knurrte er. „Suchen Sie den Raum ab, und geben Sie Lampe verwandelt.
die Hoffnung nicht auf. Wir sind noch sechs Milli- Stephan atmete plötzlich in kurzen und hastigen Zü-
arden Kilometer von der Riesensonne Wega entfernt. gen. Sein Körper hatte sich verkrampft, und in dieser
Wenn sie Planeten besitzt, dann müssen wir uns mit- Haltung schritt er mit schlurfenden Magnetsohlen auf
ten in deren Umlaufbahnen befinden. Sehr viel näher den drei Meter messenden Schirm zu. Trotz der star-
können die kaum liegen, wenn man die gewaltige Gra- ken Lichtfilter mußte er die Augen zusammenkneifen.
vitation dieser Sonne berücksichtigt.“ „Was ist das?“ keuchte Delouis. „So sehen Sie doch,
Delouis lächelte schwach. Er bewunderte den Opti- diese Lichtquelle breitet sich ja aus! Eben noch be-
mismus des Raumfahrers, denn gerade er mußte doch deckte sie nur die Hälfte des Schirmes, und jetzt ist
am besten wissen, wie unendlich gering die Chance sie schon so groß geworden, daß sie die optische Bild-
war, eine Sonne zu finden, die ebenso wie Sol ein Pla- begrenzung überflügelt. Das ist doch...“
netensystem hatte. Der Physiker verstummte und wandte sein blasses
Schweigend schaltete er seine Radartaster ein, und Gesicht dem Raumkapitän zu, der wie erstarrt eini-
auf dem Oberteil der 30 Meter durchmessenden Zen- ge Meter vor dem flammenden Schirm stand. Stephan
tralkugel begann die große Siebantenne zu kreisen. glaubte, irrsinnig zu werden. Mit aller Gewalt mußte
Mit Lichtgeschwindigkeit sandte sie ihre Impulse in er sich zusammennehmen, um klar und logisch denken
den Raum. Wenn die von irgendeinem Körper reflek- zu können.
tiert, in den Empfänger zurückkehrten, dann bestand „Das ist doch nicht die Wega“, rief Dr. Seminow
einige Aussicht, wirklich einen Planeten zu finden. schrill aus. Dabei sprang er so heftig von seinem La-
Dabei wußte Stephan nur zu gut, daß diese Impul- ger auf, daß er wie ein Geschoß durch die Zentrale
se viele Stunden brauchen würden, bis sie wieder auf- flog. Fluchend klammerte er sich an einer der vielen
gefangen werden konnten, was ohnehin nur unter der Haltestangen fest und ließ seine Spezialsohlen auf den
Voraussetzung möglich war, daß eben ein Körper da Boden knallen.
Verweht im Weltraum 22

„Das ist nicht die Wega“, schrie er erneut. „Der Der verneinte knapp. Es war erstaunlich, wie sehr
Stern leuchtet ja auf dem Bugschirm. Diese Explosion sich der Wissenschaftler plötzlich beherrschen konn-
aber...“ te. Er war gänzlich abgelenkt von seinen Grübeleien
Seminow verstummte erschreckt, als Stephan ruck- an die Vergangenheit. Der Physiker in ihm fühlte sich
artig herumfuhr. „Was haben Sie da gesagt, Semi- auf einmal angesprochen und vor eine schwierige Auf-
now“, rief er mit heiserer Stimme. „Haben Sie von ei- gabe gestellt. Das machte den eben noch verstörten
ner Explosion geredet? Wie kommen Sie dazu? Was Mann zu einem eiskalten, präzise reagierenden Rech-
bringt Sie auf den Gedanken? So reden Sie doch ner.
schon. Wie kommen Sie dazu, dieses Wort so ganz „Die Explosion muß sehr weit von uns entfernt
selbstverständlich auszusprechen?“ stattgefunden haben“, meinte er so ruhig und über-
Der junge Physiker zitterte plötzlich am ganzen legend, als hätte er die Folgen eines von ihm selbst
Körper. Hilflos zuckte er mit den Schultern. „Ich weiß geleiteten Experimentes zu erläutern. „Auch im lee-
es nicht es fuhr mir so heraus. Ich habe atomare ren Raum erzeugt die innere Gaskugel eines sponta-
Versuche im Raum erlebt. Das war damals, als ei- nen Kernprozesses eine erhebliche Druckwelle, wenn
ne Gruppe von Wissenschaftlern im Auftrag der US- man sich nahe genug befindet. Das ist hier offensicht-
Regierung die Kobaltbombe erprobte. Das konnte nur lich nicht der Fall. Wir müßten sofort feststellen, wie
im Raum geschehen. Ich habe damals die gleichen Er- weit...“
scheinungen beobachtet. Deshalb wohl der impulsive Er wurde durch die aufbrüllenden Lautsprecher der
Vergleich.“ Rundrufanlage unterbrochen. Snuffys Gesicht erschi-
Stephans Augen hatten sich zu schmalen Schlitzen en auf der kleinen Bildfläche. „He, schlaft ihr da un-
verengt. Auffordernd sah er Delouis an, der regungslos ten?“ brüllte es aus den Lautsprechern. „Ich habe hier
auf die Bildfläche starrte. Der Kernphysiker war auf- oben nur ein
fallend ruhig, und Stephan erkannte, daß es hinter der kleines Radargerät, doch ich kann deutlich ein Echo
hohen Stirn des Mannes arbeitete. Dann sagte er klar feststellen. Einwandfreie Ortung eines drei- bis fünf-
und akzentuiert: „Das, was Sie da sehen, Stephan, ist hundert Meter langen Körpers. Entfernung etwa fünf-
ganz zweifellos spontan frei gewordene Energie! Das hundertzwanzigtausend Kilometer.“
geschah im leeren Raum, weit von der Wega entfernt. Stephan wirbelte herum und stieß sich mit den Bei-
Dort ist ein atomarer Kernprozeß abgelaufen, der je- nen vom Boden ab. Schwerelos glitt er durch die Zen-
des erdenkliche Maß übersteigt. Es kann gar trale, bis er sich an dem offenen Schott der großen
nicht anders sein, denn eine solche Energieentfal- Radarzentrale anklammerte und seine Füße wieder auf
tung kann nur durch einen Kernprozeß erzeugt wer- den Boden brachte.
den. Es gibt keine andere Möglichkeit. Fragen Sie Augenblicke später saß er angeschnallt in dem Kon-
mich aber nicht, welche Reaktion dort stattgefunden trollsitz und begann zu schalten.
hat. Mehr habe ich Ihnen als Physiker nicht zu sagen.“ „Peilergebnis umleiten auf Zentrale“, sagte er hart,
Der Raumkapitän war sekundenlang fassungslos. in das Mikrophon der Bordverbindung.
„Vielleicht ein explodierender Himmelskörper“, sag- Es dauerte wieder einige Sekunden, bis die von dem
te er gepreßt, doch Delouis schüttelte nur den Kopf. Robotautomaten errechneten Daten als Zahlengrup-
Da begann Stephan die Nerven zu verlieren. Er pen aufflammten. Auf den Meter genau wurde die Di-
sträubte sich gegen die Erkenntnis, die ihm die Sach- stanz errechnet, die zwischen dem ; georteten Körper
lage und das bestimmte Kopf schütteln des Physikers und dem Raumschiff bestand.
aufzwangen. „Sie wissen ja gar nicht, was Sie da be- „Knapp eine halbe Million Kilometer“, sagte Ste-
haupten“, schrie er. „Ein Kernprozeß, ha! Zum Teu- phan gedehnt.
fel, wenn das wirklich so ist, dann muß doch jemand „Stephan“, keuchte Delouis, „versuchen Sie, ob Ih-
dasein, der diesen Prozeß eingeleitet und somit diese nen bereits eine bildliche Darstellung möglich ist. Es
Explosion verursacht hat.“ müßte gehen! Die Impulse sind nur wenige l Sekunden
„Das brauchen Sie mir nicht zu sagen“, meinte De- unterwegs. Versuchen Sie es!“
louis. „Mein Gehirn war nicht lange genug eingeeist, Stephan schaltete um auf die Radar-
um zu dieser Folgerung nicht mehr fähig zu sein. Na- Fernbildbeobachtung. Der riesige Bildschirm über
türlich muß die Explosion von irgend jemand verur- dem Kontrollpunkt glühte sofort auf. Mit ganz be-
sacht worden sein. Wenn sich das auf der Wega er- hutsamen Bewegungen drehte Stephan an der Fein-
eignet hätte, dann wäre die Sache klar. So aber ent- einstellung, bis auf der mattleuchtenden Fläche plötz-
steht mitten im Raum urplötzlich eine künstliche Son- lich ein langgestreckter Körper sichtbar wurde. Die
ne, und zwar dort, wo vorher nicht das kleinste Licht- verschwommenen Linien wurden klarer, und dann
pünktchen zu sehen war.“ glänzte auf dem Schirm ein Gebilde, dessen Bestim-
„Eine atomare Explosion!“ keuchte Stephan. „Das mung der Raumkapitän auf den ersten Blick erkannte.
bedeutet ja, daß es hier Intelligenzen geben muß. Irren „Ein Raumschiff, ein sehr großes Raumschiff“, sagte
Sie sich auch nicht, Professor?“ er möglichst ruhig, um die in ihm tobende Erregung
23 TERRA EXTRA

nicht zu verraten. Seine Blicke saugten sich förmlich Der Robotautomat hatte die Bremsbeschleunigung
an der Bildfläche fest. Unbewußt schaltete er den Au- auf nur 1g reduziert, so wie es die Einstellung vorsah.
tomaten ein, der das Objekt nun so lange festhalten Drei Minuten Zeit gab die Maschine den Männern, ehe
würde, solange es sich im Tastbereich der fernseh- die zweite Bremsperiode mit hohen Gegenbeschleuni-
technischen Radar-Bildwiedergabe befand. gungen begann.
Sie brauchten Minuten, bis sie wieder klar denken Stephan fühlte sich heftig nach links gerissen, als
konnten. „Schalten Sie alle Gefühle ab“, klang Ste- die seitlichen Steuerdüsen aufflammten. Gehorsam
phans Stimme auf. „An nichts denken, keine Möglich- schwenkte die „Titan“ herum, und er konnte sehen,
keiten und Probleme geistig erörtern. Betrachten Sie wie das Radar-Fernbild auf die Heckschirme überwan-
es als eine ganz selbstverständliche Tatsache, daß da derte. Befriedigt lächelte er, ehe die erneut höher wer-
ein Raumschiff herumgeistert. Wenn wir das nicht tun, dende Bremsbeschleunigung seine Gesichtsmuskula-
werden wir wahnsinnig.“ tur verzerrte.
Delouis lachte dünn und wischte sich die dicken
Schweißtropfen von der Stirn. 8.
„Sie sind der Kommandant der ,Titan’, Stephan“,
meinte Seminow gefaßt. „Was gedenken Sie zu tun?“
Stephan schnallte sich mit raschen Griffen los und
„Alles, ich riskiere alles, denn viel haben wir nicht
zwang seine Füße auf den Magnetboden hinab. Au-
zu verlieren. Wir haben nur zu gewinnen. Snuffy, so-
genblicke lang verspürte er einen kaum bezwingba-
fort in die Zentrale kommen! Professor, leiten Sie die
ren Brechreiz. Die Übergänge zwischen lastenden Be-
ermittelten Daten an die Steuerautomaten und stellen
schleunigungen und dem nun wieder herrschenden
Sie den Zündimpuls für das Triebwerk ein. Beginn
schwerelosen Zustand waren schier unerträglich.
des Bremsmanövers in zehn Minuten. — Seminow,
suchen Sie Ihr Andrucklager auf. Ich will sehen, mit Er ahnte nicht, daß es Intelligenzen gab, die diese
wem wir es da zu tun haben.“ Schwierigkeiten längst überwunden und restlos besei-
Snuffy kam in die Zentrale gestürzt. „Das ist ein tigt hatten. Wie hätte er das auch wissen können, da er
Raumschiff, aber böse zugerichtet“, erklärte er. „Ich mit seinem technischen Wissen noch immer im Jahre
hatte es im Teleskop. Wenn ich nur wüßte, woher das 1990 lebte.
Schiff kommt. Wir sind siebenundzwanzig Lichtjahre Er schlurfte an das normale Außenbord-Bildgerät
von der Erde entfernt!“ und schaltete. Dicht vor der „Titan“ glitt der fremde
Unverwandt sahen sie auf die große Bildfläche Körper durch den Raum. Das Schiff drehte dem än-
des Radargeräts. Der fremde Körper näherte sich dern Fahrzeug das Heck zu. Der Robotautomat hatte
von rechts oben, sofern man im leeren Raum diesen unheimlich genau gearbeitet.
Ausdruck gebrauchen konnte. Die Flugbahnen bei- Zutiefst erregt musterte Stephan das so plötzlich
der Schiffe mußten sich an einem imaginären Punkt aufgetauchte Schiff, das antriebslos im freien Fall auf
schneiden. Es kam darauf an, die Fahrt der „Titan“ so die noch ferne Riesensonne zuraste. Er wagte nicht an
zu drosseln, daß sich beide Körper an dem Kreuzungs- das zu denken, was ihm sein Verstand laufend sagte.
punkt trafen. In Zusammenarbeit mit dem Radartaster Wer waren die Intelligenzen, die dieses ganz gewal-
mußte das Robotgehirn die nicht ganz einfache Aufga- tige Fahrzeug erbaut hatten? Wie wurde es bewegt?
be bewältigen können. Das Gehirn arbeitete leise sum- Welche Maschinen mochten hinter den silbern schim-
mend und errechnete sich die entsprechenden Daten. mernden Rumpfwandungen verborgen sein?
Wenige Minuten später war der unförmige Körper des Erschreckt fuhr er zusammen, als hinter ihm schlur-
Raumschiffes um 180 Grad gedreht. Die Heckdüsen fende Schritte aufklangen. Es war Ezequil Snuff, der
wiesen nun gegen die Fahrtrichtung, und schon klang sich offensichtlich bemühte, ruhig und gefaßt auf den
das Klingelsignal auf. „Tief und ruhig durchatmen“, Giganten zu sehen, der da nur wenige Meter vor ihnen
sagte Stephan noch, ehe das Triebwerk zu arbeiten be- durch die “Leere des Alls glitt.
gann.
Weißglühende Gasströme schössen aus dem Heck, Stephan riß sich zusammen und sagte ruhig: „Wir
und schon machte sich das peinigende Gefühl der be- werden uns das Schiff ansehen. Seminow bleibt hier.
ginnenden Schwere bemerkbar. Du und Delouis kommen mit mir. Mach das Raumboot
klar. Beeile dich!“
Mit flammenden Düsen schoß die „Titan“ durch den
Raum. Es würde lange dauern, bis die überschüssige Snuffy schluckte krampfhaft. „Du willst doch
Geschwindigkeit abgebremst war. nicht“, murmelte er plötzlich schwitzend. Den eisen-
Selbst für den herkulischen Stephan begannen die harten Ausdruck im Gesicht seines Kommandanten
Sekunden zu Ewigkeiten zu werden. Delouis, Semi- kannte er nur zu gut.
now und auch Snuffy waren schon lange besinnungs- Über Stephans Lippen huschte ein dünnes Lächeln.
los, ehe sich Stephans Sinne umnebelten. Nach Au- „Dank dem alten und nun längst vergangenen Wilson
genblicken wurde er wieder wach, als der lastende An- haben wir allerhand Gegenstände, mit denen wir un-
druck von 8g nachließ. freundlichen Lebewesen die Zähne zeigen können. Ich
Verweht im Weltraum 24

gebe zu, daß ich zutiefst beeindruckt und überrascht nur dann entfernen, wenn es diese Fahrt durch die ei-
bin. Das soll jedoch nicht heißen, daß ich gewillt bin, genen Triebwerke erhöhte oder verlangsamte. Sonst
mich von den Erbauern des fremden Schiffes viel- waren keine Kräfte vorhanden, die es hätten stoppen
leicht in eine radioaktive Staubwolke verwandeln zu oder beschleunigen können.
lassen. Wenn ich an die Riesenexplosion denke, dann Der unförmige Körper der „Titan“ glitt langsam
beginnt meine Kopfhaut zu jucken. Da stimmt doch vorüber, und schon hatten sie das Heck erreicht; Dicht
etwas nicht. Das Schiff ist ganz offensichtlich schwer vor sich
beschädigt. Schau dir nur mal den Oberteil des Rump-
fes an.“ gewahrten sie die gewaltige Masse des fremden
Schiffes, das so überraschend aus den Tiefen des Alls
Snuffy hatte bereits den Raumpanzer angelegt; als
aufgetaucht war.
ihm Stephan eine Maschinenpistole reichte. „Ich habe
Pronzitgeschosse geladen. Geh vorsichtig damit um!“ „Welch ein Gigant!“ flüsterte Delouis in sein Funk-
Hastig legten Stephan und Delouis die Raumpan- sprechgerät. „Der Konstruktion nach zu urteilen, muß
zer an. Doktor Seminow bemühte sich um ein gefaß- es fähig sein, in die Atmosphäre des Himmelskörpers
tes Lächeln, was ihm aber nicht ganz gelang. Immer einzutauchen. Es gleicht ja einer schlanken Zigarre
wieder sah er auf die Bildflächen, auf denen nach wie mit kegelförmigen Enden. Können Sie sich vorstellen,
vor das fremde Schiff sichtbar war. Stephan, welche enormen Energien wohl notwendig
sind, um diese riesenhafte Masse aus dem Schwere-
„Beeilen Sie sich und verständigen Sie mich so-
feld eines Planeten zu reißen? Das ist ungeheuerlich.“
fort, wenn da nicht alles in Ordnung sein sollte. Es
wäre peinlich, wenn Sie mit dem Schiff plötzlich ver- Langsam glitt das Boot an der silbern schimmern-
schwinden würden.“ den Rumpfwandung entlang.
„Wir bleiben ständig in Funksprechverbindung. Stephan sagte noch nichts. Das eigenartige Gefühl
Meiner Ansicht nach ist das fremde Schiff so schwer in ihm wurde immer stärker. Sorgfältig hantierte er mit
beschädigt, daß es nur noch ein hilfloses Wrack ist. den Steuerorganen des Bootes. Die Bugbrennkammer
Wahrscheinlich ist es ganz in der Nähe des von uns be- flammte auf, und die Fahrt verlangsamte sich. Meter
obachteten Explosionszentrums gewesen. Wovon hät- für Meter näherten sie sich der gewaltigen Öffnung in
ten sonst die Wandungen so zerschmelzen können?“ der Schiffswandung. Als sie dicht davor waren, stopp-
„Raumboot ist klar“, klang Snuffys te Stephan die Fahrt endgültig.
Stimme aus den kleinen Helmlautsprechern auf. Schwer atmend sahen sie zu dem gähnenden Loch
Stephan tappte wortlos voran. In ihm war plötzlich hinüber, das von der Riesensonne Wega hell ange-
ein ganz seltsames Gefühl aufgekommen, das ihn zur strahlt wurde.
Eile mahnte. „Magnethalterung klar“, rief Stephan in sein Mikro-
Sie durchschritten den kreisförmigen Verbindungs- phon. Wieder flammte die Heckbrennkammer auf, und
gang, der sie zur großen Schleusenkammer der Raum- das Boot schob sich mit ganz geringer Fahrt in das
boote brachte. Es waren die gleichen Fahrzeuge, wie mehr als 50 Meter durchmessende Leck hinein.
sie von jedem Schiff mitgeführt wurden. Zischend Delouis begann schwer und keuchend zu atmen. Mit
schloß sich das Schott der Schleusenkammer. Vor irren Augen sah er sich um, denn sie mußten sich nun
Stephan lag das offene, schlittenförmige Gebilde auf schon mitten im Rumpf befinden. Es war, als hätte ein
den magnetischen Gleitschienen. Kaum 20 Zentime- gigantischer Schneidbrenner ein tiefes Loch hineinge-
ter lang waren die beiden Brennkammern an Bug und brannt. Hell flammte der Scheinwerfer des Bootes auf,
Heck. das in diesen tiefen Krater immer weiter hineinglitt.
Wortlos setzte sich Stephan in den Pilotensitz und „Das ist ja unfaßbar“, rief Delouis.
schnallte sich mit einigen Griffen fest. Delouis und
Snuffy nahmen hinter ihm Platz. „Sie fliegen in einem fremden Schiff spazieren, Ste-
phan. Ich...“
Die Pumpen arbeiteten bereits, und nach weni-
gen Augenblicken war die Schleuse luftleer. Lautlos „Rechts von uns ist eine große Öffnung“, unter-
schwangen die Außentore auf, und Stephan drückte brach ihn Snuffys Stimme. „Scheint ein Verbindungs-
entschlossen auf den Zündknopf des Triebwerkes. Die gang zu sein. Der ist allem Anschein nach in der Mitte
hintere Brennkammer flammte für Bruchteile einer durchgeschnitten worden. Da, wo wir uns jetzt befin-
Sekunde auf. Infolge der fehlenden Schwere und der den, haben vorher garantiert verschiedene Räume exi-
geringfügigen Masse des Bootes reichte die Schub- stiert. Ich möchte nur wissen, durch welche Kräfte das
kraft aus, um das Fahrzeug mit einem scharfen Ruck verursacht worden ist.“
aus der Schleuse zu stoßen. Stephans Gehirn schien zu zucken. Schmerzhaft
Lautlos glitt das Boot in den Raum hinaus. Nach verzog er das Gesicht, während er das Boot zu
Augenblicken stand es bereits hundert Meter von der der großen Öffnung hinüberlenkte. Zentimeterweise
„Titan“ entfernt. Da das Boot die gleiche Geschwin- kroch es voran, bis Snuffy seine Hände um eine vor-
digkeit wie das Schiff hatte, konnte es sich von ihm stehende und halb zerschmolzene Metallkante legte.
25 TERRA EXTRA

Mühelos konnte er die geringe Masse des Räum- schließlich hart aufprallte. Auch Delouis und
bootes in den mehr als drei Meter hohen Gang hinein- Snuffy schlugen hart auf. Stephan sah in entsetzt auf-
ziehen. Auch hier herrschte der schwerelose Zustand. gerissene Augen. Mit einer unbewußten Bewegung riß
Stephan wartete eine Weile und lauschte mit angehal- er die Maschinenpistole an die Hüfte und sah sich wild
tenem Atem, bis er sich sagte, daß das sinnlos war. um. Da erst merkte er, daß er sich wieder normal be-
Hier konnte es keine Atmosphäre geben. Wie hätte er wegen konnte.
da etwas hören können? Dennoch war ihm, als nähme „Das ist unheimlich, ich verstehe das nicht. Merken
ein fremder Wille mehr und mehr von ihm Besitz. Sie, daß wir schwerer werden? Es ist, als befänden wir
Mit einem Griff schnallte er sich los und stieß sich uns plötzlich in einem Schwerefeld.“
vorsichtig ab. Als er mit seinen Magnetschuhen nach „Die haben Fahrt aufgenommen“, schrie Snuffy und
dem Boden angelte, um einen einigermaßen festen sprang schwerfällig auf.
Halt zu bekommen, begann er zu fluchen. „Die Sohlen „Nur durch eine Beschleunigung kann eine künstli-
greifen nicht! Das Material ist antimagnetisch. Das hat che Gravitation erzeugt werden. Seminow, hören Sie
uns noch gefehlt. Laßt das Boot auf der Stelle schwe- mich? Seminow!“
ben. Verschwinden kann es nicht.“ „Was ist?“ dröhnte dessen erregte Stimme in den
Vorsichtig stießen sich Snuffy und Delouis aus den Helmlautsprechern auf. „Haben Sie etwas gefunden?“
Sitzen. Es war kein Problem, das Boot mit der Leine Ezequil Snuffy erstarrte und sah ratlos auf Stephan,
an einem der vorstehenden Schmelzzacken festzubin- der sich soeben vom Boden erhob.
den. In solchen Dingen war Snuffy ein Pedant. „Ist das Schiff noch dicht vor Ihnen, Serninow?“
Während er noch hantierte, stieß sich Stephan von fragte er ruhig.
der Wandung ab und glitt freischwebend durch den „Natürlich“, klang es verwundert zurück. „Was ha-
stockfinsteren ben Sie?“
Gang, der nur von dem scharfen Lichtbündel eines „Nichts“, erklärte Stephan gefaßt. „Bleiben Sie am
Helmscheinwerfers erhellt wurde. Gerät. Ende!“
Delouis und Snuffy folgten ihm. Ihnen war mehr „Unfaßbar“, raunte Delouis verstört. „Wie kann die-
als unheimlich zumute. Deutlich konnte Stephan ihre se Schwere entstehen, wenn der Körper nicht be-
hastigen Atemzüge in seinem Helmlautsprecher hö- schleunigt wird? Ich schätze, daß hier eine Schwere
ren. Er flog so lange voran, bis er dicht vor sich ei- von etwa 1g herrscht. Ich kann mich mühelos bewe-
ne Querwandung bemerkte, die er vorher schon im gen.“
Licht seines Scheinwerfers gesehen hatte. Das Materi- Stephan wartete auf etwas, was er selbst nicht nä-
al war hier vollkommen unversehrt. Als man ihn später her bestimmen konnte. „Seien Sie ruhig“, meinte er
fragte, wieso er in dem Augenblick sagen konnte, sie gepreßt. „Die andere Tür müßte sich doch auch öff-
befänden sich direkt vor einem Sicherheitsschott mit nen lassen. Die Schwerkraft wird künstlich hergestellt.
Luftschleuse, wußte er darauf keine vernünftige Ant- Das ist ein bewußt hergestelltes Gravitationsfeld.“
wort. Es war etwas in ihm, was ihn förmlich zwang, „Das gibt es nicht“, schrie Delouis erregt. „Das ist
sich gegen das Metall prallen zu lassen. undenkbar. Ich...“
„Vorsicht!“ gellte Snuffys Stimme auf. „Sie denken, wie man vor einundachtzigtausend
Jahren gedacht hat, Professor“, unterbrach ihn Ste-
Vor Stephan glitt lautlos eine gewaltige, kreisrunde
phan
Tür nach innen. Urplötzlich sahen sie in einen heller-
leuchteten quadratischen Raum. kurz. Dabei trat er dicht vor die andere Schottwand
und bewegte den Arm.
„Kommen Sie, Professor“, sagte Stephan. „Das ist
Er verzweifelte bald, als nichts geschah. Wie konn-
eine Luftschleuse. Schieben Sie sich herein.“
te er die Tür öffnen? Nirgends war ein Handgriff oder
Der Physiker zweifelte an seinem Verstand, als er ein Stellrad zu sehen. Während er noch darüber nach-
den Raumkapitän so sprechen hörte. Woher wußte er grübelte, begann es in dem kleinen Raum plötzlich
das? Für eine Vermutung klangen die Worte zu be- zu zischen. Das Geräusch wurde immer lauter, bis es
stimmt. schließlich so plötzlich verstummte, daß die Männer
Augenblicke später befanden sie sich in dem klei- zusammenfuhren.
nen Raum. Als sich hinter ihnen das meterstarke „Die Atmosphäre des Schiffes! Also doch eine
Schott zu schließen begann, mußten sie den Professor Luftschleuse“, sagte Stephan, wobei er seine schwe-
zurückhalten, da er sich in panischer Angst wieder in re Maschinenwaffe in Hüfthöhe brachte.
den Gang hinausschwingen wollte. Hilflos wirbelten Das Geräusch der einströmenden Luft war kaum
sie infolge der Schwerelosigkeit in der Schleuse her- verstummt, da begann sich das eben noch unbeweg-
um, und Delouis schrie verzweifelt: „Lassen Sie doch liche Schott zu öffnen.
diesen Unsinn! Hier kommen wir nie wieder heraus.“ Lautlos glitt es zurück, und die Männer sahen plötz-
Stephan wollte eben etwas sagen, als er plötzlich lich in einen langen Verbindungsgang, der ebenso wie
langsam zu Boden sank und die Schleuse hell erleuchtet war.
Verweht im Weltraum 26

Als Stephan zu sprechen begann, wurden die Stephan betastete mit zitternden Händen den Kopf
Schallwellen plötzlich weitergeleitet. des seltsamen Wesens. „Die Wangen, das Kinn und die
„Einwandfrei eine künstliche Atmosphäre“, erklär- ganze Mundpartie fühlen sich weich und geschmeidig
te er. „Kommen Sie und halten Sie sich dicht hinter an“, gurgelte er fassungslos. „Dagegen ist der Körper
mir. Snuffy, du gehst als Schlußmann.“ knochenhart. Das — das ist doch...“
Stephan schritt sehr rasch aus. Er ging an Türen vor- Stephan starrte hoch immer in die großen Augen,
bei und schenkte ihnen keine Beachtung. Es war, als die ihn fesselten und die ihm etwas sagten, was er spä-
wüßte er ganz genau, wohin er sich zu wenden hätte. ter niemals richtig erklären konnte.
An einer Gangkreuzung blieb er zögernd stehen, Endlich löste sich sein Blick, und seine Augen folg-
ehe er sich nach links wandte. Dann bewegte er die ten dem weit ausgestreckten Arm des Wesens. Weni-
Hand dicht vor einer Tür auf und ab. ge Zentimeter von ihm entfernt stand eine Flasche aus
Sie öffnete sich lautlos, wobei sie in die Wan- durchsichtigem Material. In ihr schimmerte eine rot-
dung zurückglitt. Stephan starrte in einen sehr großen lich strahlende Flüssigkeit.
Raum, der den Eindruck eines vorzüglich eingerich- Delouis fuhr entsetzt zurück, als Stephan nach die-
teten Labors machte. Langsam schritt er hinein und ser Flasche griff, deren Öffnung mit einem weißen
sah sich aufmerksam um. Dann sagte er plötzlich: „Da Verschluß versehen war, aus dem eine kleine Röhre
liegt er! Ich wußte doch, daß ich ihn hier finden wür- hervorragte.
de.“
Ganz behutsam faßte Stephan den Behälter und
Snuffy zuckte krampfhaft zusammen, als er sah, wie brachte ihn dicht vor die Sichtscheibe seines Helmes.
Stephan die Maschinenpistole achtlos auf den Boden Unbewußt vernahm er das klickende Geräusch, und
fallen ließ. dann sah er in die kreisrunde Öffnung, die auf der
Da sah auch Delouis den Mann, der läng ausge- Brust des nackten Fremden plötzlich entstanden war.
streckt auf dem metallisch glänzenden Boden lag. Eine ebenso runde Klappe war da herausgesprungen.
„Ein Mensch“, raunte der Professor und begann am Von Grauen geschüttelt, stand Ezequil Snuffy hin-
ganzen Leib zu zittern. „Ein Mensch wie wir. Aber er ter seinem Kommandanten, Seine Maschinenpistole
ist nackt. Warum das?“ drohte, und sein Finger krümmte sich urn den Abzug.
Als Stephan dicht vor dem Fremden stand, zuck- Delouis hatte sein Entsetzen überwunden. Aus kla-
te seine Hand unwillkürlich an das Gürtelhalfter, aus ren Augen sah er auf Stephan, der offensichtlich unter
dem der Griff der schweren Pronzitpistole heräusrag- der Beeinflussung eines fremden Willens zu handeln
te. schien. Delouis hatte endlich bemerkt, daß der Kapi-
Das seltsame Gefühl in ihm war plötzlich nicht tän ganz automatisch handelte.
mehr vorhanden. Langsam beugte er sich zu dem We- Der Wissenschaftler erwachte in Delouis. Mit größ-
sen nieder, das ihm den Rücken zudrehte. Unbeweg- ter Aufmerksamkeit sah er auf die unheimliche Szene.
lich lag es auf dem Boden, doch den Kopf hatte es so
gedreht, daß Stephan direkt in die großen Augen sehen Stephans Rechte begann sich mitsamt der Flasche
konnte. nach unten zu senken. Das Röhrchen verschwand in
der kreisrunden Körperöffnung, und Sekunden später
Er begann hastig zu atmen, als er die faustgroße
bemerkte Delouis, wie die Flüssigkeit darin aufstrahl-
Brandwunde auf dem Rücken des Fremden sah. Ha-
te.
stig ließ er sich auf die Knie nieder und berührte den
nackten Körper mit seinen behandschuhten Fingern. Langsam drehte Stephans Hand den Körper des
Deutlich hörte er den metallischen Ton und schon Fremden so herum, daß dessen Brust nach oben zu lie-
entfuhr seinem Mund der Ausruf: „Das — das ist ja gen kam. Als die Flüssigkeit in der Flasche zu wallen
ein Roboter! Das ist doch kein Fleisch. Kommen Sie begann und dann offensichtlich weniger wurde, preß-
her, Professor.“ te Delouis die Hände auf das starre Formstück seines
Raumpanzers, als ob er einen Schrei verhindern woll-
Delouis hatte sein Entsetzen endlich überwunden.
te.
Mit knallenden Schuhsohlen kam er angerannt und
beugte sich über den Fremden, dessen Körper sich so Als der letzte Tropfen verschwunden war, gab es ein
anfühlte, als bestünde er aus festem Stahl. schnappendes Geräusch, und im selben Augenblick
Für Delouis stürzte eine Welt zusammen. Irre Worte zog Stephan die Flasche zurück.
stammelnd, betastete er den wundervoll durchgebilde- Hart knallte sie auf den Boden auf, während sich
ten Körper, der so verblüffend dem eines Menschen der Raumkapitän plötzlich erhob. Seine Gefährten ver-
glich, daß man den Unterschied erst bei der Berüh- nahmen einen Fluch, und dann zuckte Stephans Hand
rung feststellen konnte. „Nein, das kann kein Roboter nach unten. Ehe Delouis noch etwas sagen konnte,
sein“, stöhnte der Physiker. glänzte in der Rechten des Kommandanten die schwe-
„Sehen Sie doch die Haare, die menschlichen Au- re Pronzitpistole.
gen, den Mund. So sieht doch kein Maschinenmensch „Wenn er sich bewegt, schieße ich“, brüllte der Hü-
aus.“ ne außer sich. „Professor, haben Sie nicht bemerkt,
27 TERRA EXTRA

daß dieses Wesen von mir Besitz ergriffen hatte? Dann stand der Fremde auf seinen Beinen. Ste-
Warum geschah das nur bei mir? Haben Sie nicht das phan war 1,90 m groß, doch der Unbekannte überragte
gleiche Gefühl gehabt? So, als hätte man Sie hypnoti- ihn noch um eine Kopfeslänge. Die Wunde in seinem
siert?“ Rücken schien er gar nicht zu spüren.
Stephan zitterte. Beinahe haßerfüllt starrte er auf Langsam glitt Stephans Rechte mit der schweren
den seltsamen Menschen, dessen Brust noch immer Pronzitpistole nach oben. Sein Gesicht war hart.
aufklaffte. Wen-Gal sah in die Mündung der Waffe, und ein
„Beruhigen Sie sich“, sagte Delouis ganz ruhig. winziges Lächeln huschte um seine Mundwinkel.
„Ich habe es beobachtet. Sie müssen sich darüber klar Dann begann er zu sprechen. Weder Stephan noch die
sein, daß dieses Wesen Ihre Hilfe braucht. Die Wil- Gefährten verstanden den Sinn. Dumpf klangen die tö-
lensbeeinflussung geschah nicht zu Ihrem Schaden. nenden Worte durch die Helme hindurch in ihre Oh-
Ich merke langsam, daß ich tatsächlich nicht mehr ren.
in den Maßstäben denken darf, die vor Beginn unse- Stephan wartete auf einen Angriff — oder auf ei-
rer seltsamen Reise vielleicht noch angebracht gewe- ne blitzartige Handlung des Fremden, der knapp einen
sen wären. Warten Sie ab, und stecken Sie die Pistole Meter vor ihm stand.
weg!“ Wen-Gal lächelte erneut und griff sich mit einer
Stephan beruhigte sich nur langsam. „Was war mit ganz langsamen Bewegung an die Brust.
der Flasche?“ knurrte er. Mit Argusaugen verfolgte Stephan die Bewegung,
„Sie haben das Röhrchen in die Brust des Roboters und dann hatte er beinahe seinen Abzug durchgeris-
eingeführt, und dort aufgesaugt. Mehr kann ich Ihnen sen, als in seinem Bewußtsein die Worte aufklangen:
auch nicht sagen.“ „Warum willst du mich töten, Herr? Bist du meinem
Ruf nur deshalb gefolgt?“
„Das ist kein Roboter“, klang Snuffys Stimme auf.
„Warum brachte er dich dazu, ihm die Flüssigkeit ein- Es klirrte laut, als Stephans Waffe zu Boden fiel.
zuflößen?“ Aus weit aufgerissenen Augen starrte er auf den Frem-
den, dessen Worte plötzlich in seinem Bewußtsein er-
„Keine Ahnung“, brummte Stephan schon etwas
schienen.
beruhigt. „Die Sache ist mehr als rätselhaft. Was ma-
Langsam schob sich der Professor Delouis nach
chen Sie da, Professor?“
vorn. Grüßend erhob er die Hand.
Der sah lächelnd auf. „Die Flasche ist radioaktiv,
„Wer sind Sie? Können Sie mich verstehen?“
demnach war es auch ihr Inhalt. Ich bin neugierig,
Wen-Gal nickte ruhig. „Ich kann dich verstehen. Ich
Stephan! Der Geigerzähler schlägt aus. Das ist kein
habe mein Gehirn umgeschaltet auf die Impulse eu-
Mensch im Sinne des Wortes.“
rer Bewußtseinsempfindungen. Eure Gehirne gleichen
„Ein Roboter aber auch nicht“, beharrte Snuffy bei dem meinen. Es ist sehr einfach. Ich brauchte mich
seiner Meinung. „So eine schöne Gestalt habe ich nicht anzustrengen.“
noch nie gesehen.“
Stephan war gewiß ein harter Kämpfer, den so
Stephan hatte sich wieder gefaßt. Langsam senkte schnell nichts überraschen konnte. Doch bei den fol-
er die Waffe und sagte kehlig: „Treten Sie zurück, hin- genden Worten des seltsamen Wesens stöhnte er auf.
ter mich! Er bewegt sich.“ Wen-Gal sah ihn voll an und neigte den Kopf. „Du hast
Obgleich der Physiker etwas Ähnliches erwartet mir mein Leben erhalten, Herr. Ich bin Wen-Gal, der
hatte, zuckte er doch zusammen. Hastig schritt er Hüter der Gehirne in deren letzter Entwicklungsstu-
zur Seite und baute sich hinter Stephan auf, der ver- fe. Du kommst von dem Planeten, den unser Schöpfer
krümmt dicht vor dem eigenartigen Menschen stand, Erde nannte. Sei willkommen mit deinen Gefährten.“
dessen Arme nun tatsächlich zu zucken begannen. Weder Stephan noch Delouis fanden gleich die pas-
Leise klickend schloß sich die Klappe auf seiner senden Worte. Snuffy begann kichernd zu lachen, als
Brust, was Stephan trotz des Helmes deutlich hören hätte er den Verstand verloren.
konnte. Verwundernd sah ihn Wen-Gal an, ehe er weiter-
Jetzt bewegten sich auch die Beine, und dann wand- sprach: „Warum nimmst du nicht deinen Helm ab,
te der Fremde plötzlich den Kopf. Wieder sah Ste- Herr? Die Atmosphäre meines Schiffes ist für dich
phan in die großen Augen, die plötzlich in einem hel- atembar. Du weißt doch, daß auch wir den Sauerstoff
len Glanz aufstrahlten. Das edel geformte Gesicht des brauchen.“
Fremden verzog sich zu einem Lächeln, und hinter „Ich werde wahnsinnig“, stöhnte Stephan, ehe er
den Lippen wurden fehlerfreie Zähne sichtbar. Lang- mit schnellen Bewegungen den Helm löste und ihn
sam richtete er sich zu einer sitzenden Stellung auf. Es in seinen Scharnieren nach hinten klappte. Tief atme-
war, als kehrten die Kräfte langsam in diesen Körper te der Kapitän die einwandfreie Luft ein und trat vor
zurück, der so wundervoll durchgebildet war, daß Ste- Wen-Gal.
phan glaubte, eine von Künstlerhand geformte Statue Stephan war zu der Erkenntnis gekommen, daß der
vor sich zu sehen. Dinge voraussetzte, die weder er noch die Gefährten
Verweht im Weltraum 28

wußten. Was hatte sich nur in der Zeit von 81 000 Jah- Stephan kämpfte um seine Fassung. Noch niemals
ren ereignet? in seinem Leben hatte er sich so entsetzlich hilflos ge-
Wen-Gal lächelte unmerklich. Freundlich, doch fühlt. „Bist — bist du ein Mensch, Wen-Gal?“ frag-
noch mehr respektvoll, sah er den Mann an dem er te er zögernd. „Du gleichst mir, und du denkst wie
sein Leben zu verdanken hatte. ich. Wieso sprichst du immer von deinem Schöpfer?
Meinst du Gott damit?“
„Woher kennst du die Erde, Wen-Gal?“ fragte Ste-
phan rauh. „Nein, Gott ist der Schöpfer des Universums. Unser
Schöpfer war ein Mensch, der von der Erde kam. Das
Der Weganer blickte wieder verwundert. „Woher? war vor einem Zeitraum, der sich mit dreißigtausend
Unser Schöpfer kam von dort. Ihm und damit der Er- Erdenjahren vergleichen läßt. Zu dieser Zeit wurde die
de verdanken wir unsere Existenz. Weißt du das nicht? Erde fast vernichtet, und unser Schöpfer zog sich mit
Bist du nicht gekommen, um uns Hilfe zu bringen? einigen seiner Gehilfen auf Wega II zurück, wo er uns
Oder sind die Telaner nun auch in das System Sol vor- erschuf. Wir sind keine Menschen, Herr, doch wir ha-
gedrungen? Sie sind erbarmungslos, Herr,“ ben in unserem Plastikkörper ein natürliches und or-
Stephan war leichenblaß geworden. Er verstand al- ganisch gewachsenes Gehirn. Wir sind also keine Ro-
les und doch nichts. Allein die einwandfreie Verstän- boter, sondern natürliche Lebewesen. Unsere Körper
digung war schon eine Angelegenheit, die einen nüch- sind dem menschlichen Körper genau nachgebildet,
ternen Tatsachenmenschen wie Stephan um den Ver- doch das ist nur eine äußere Schale. Das, was uns von
stand bringen konnte. einem Roboter unterscheidet, ist unser menschliches
Auch Ezequil Snuffy und Delouis hatten inzwi- Gehirn, unsere Augen, unser Haarwuchs und die Art
schen ihre Helme abgenommen. Leichenblaß trat der unseres Denkens. Unser Schöpfer war der größte Bio-
Physiker wieder vor. loge des Planeten Erde. Er legte
Obgleich der Weganer seine Lippen nicht beweg- Wert darauf, uns dem Menschen so ähnlich zu bil-
te, war es, als spräche er klar und deutlich. „Du mußt den, wie er es vermochte.“
verzeihen, Herr, wenn ich verwundert bin. Es ist ein Stephan stand reglos vor dem Wesen, das weder ein
Lichtstrahltriebwerk. Unser Schöpfer sagte Photonen- Roboter noch ein wirklicher Mensch war.
triebwerk dazu. Ein genialer Wissenschaftler des Pla- Der Kapitän war sich in dem Augenblick darüber
neten Erde hat es entwickelt und auch den Weg gewie- klargeworden, daß sich die Technik auf der fernen Er-
sen, wie man die erforderlichen Energien frei machen de weiterentwickelt hatte, was ja auch ganz selbstver-
kann. Er ist lange vergangen, doch sein Name ist un- ständlich war. Während sie mit einer geradezu lächer-
vergessen. Er nannte sich Professor Delouis.“ lichen Geschwindigkeit durch den interstellaren Raum
Lautlos klappte der Kernphysiker zusammen. Sein trieben, waren sie von anderen Raumschifffen über-
Atem ging röchelnd. Wenn ihm Stephan nicht im letz- holt worden.
ten Augenblick aufgefangen hätte, wäre er schwer zu Sie hatten 81 000 Jahre gebraucht, um die Rie-
Boden gestürzt. sensonne Wega zu erreichen. Andere, vollkommenere
Erschreckt beugte sich Wen-Gal nach vorn. Schiffe hatten dafür vielleicht nur einige Monate oder
„Was habe ich getan?“ Wochen benötigt.
Erst als Stephan mit bleischwerer Stimme zu spre- Stephan schwindelte, als er die Tatsachen einiger-
chen begann, dämmerte dem Weganer die Erkenntnis. maßen verdaut hatte. In diesen 81 000 Jahren schien
„Wen-Gal, dieser geniale Wissenschaftler, den du Pro- ungeheuer viel geschehen zu sein. Er und die Gefähr-
fessor Delouis nennst, steht vor dir. Mein Name ist ten hatten eine Zeitepoche überschlafen, in der sich
Stephan. Kennst du ihn auch?“ ungeheuere Dinge ereignet haben mußten.
In den großen Augen des fremden „Warum hast du gerade mich gerufen?“ fragte Ste-
phan.
Wesens glomm ein seltsamer Ausdruck des Mit-
leids und tiefster Bewunderung auf. Fast ehrfurchts- Der Weganer lächelte, und es war nicht zu bemer-
voll sah er auf den Kapitän. „Ich kenne auch deinen ken, daß seine Gesichtsplastik von einer komplizierten
Namen, Herr“, entgegnete er über die telepathische Apparatur bewegt wurde.
Verbindung. „Er ist in unsere Geschichte eingegan- Schweigend deutete er auf den gigantischen Bild-
gen, und jeder meiner Brüder kennt ihn. Ich ahne dein schirm, der eine ganze Wandung des großen Labors
Schicksal, Herr. Ich heiße dich nochmals willkommen. einnahm. „Als uns der letzte Energiestrahl der Tela-
Es wird schwer sein für dich und deine Gefährten, all ner traf, wurde meine Rückenschale so verbrannt, daß
das zu begreifen, was ich zu berichten habe. Doch das eine Leitung meines Kreislaufes versengt wurde. Als
müssen wir auf einen späteren Zeitpunkt verschieben. das Material erkaltete, schloß sich die offene Stelle,
Ich weiß nicht, ob es mir gelang, das Schiff der Te- doch ich hatte dadurch schon so viel Lebensflüssigkeit
laner zu vernichten. Ich muß meine Aufgabe erfüllen verloren, daß ich mich nicht mehr bewegen konnte.
und meine Brüder verständigen.“ Mein Gehirn arbeitete noch, Bewegungen waren mir
29 TERRA EXTRA

aber unmöglich. Wir sind fähig, Herr, unsere hoch- re künstlich gezüchteten Gehirne nicht erschaffen zu
gezüchteten Gehirne so umzustellen, daß unsere Be- können.
wußtseinsinhalte wie gesprochene Worte in dem Be- Wen-Gal wandte sich mit einer geschmeidigen Be-
wußtsein eines ändern Lebewesens erscheinen. Ich sah wegung ab und schaltete den riesigen Bildschirm ein.
dich auf dem leuchtenden Bildschirm, und ich erkann- Er flammte sofort auf und zeigte in größter Klarheit
te, daß du der Führer der Erdmenschen bist. So rief ich die „Titan“, die nach wie vor ruhig und dicht hinter
dich mit meinen letzten Kräften und bat dich, mir das dem Weganerschiff durch den Raum glitt.
Elixier einzuflößen. Meine Pumpstation arbeitet wie- Das erinnerte Stephan wieder daran, daß sich in
der und versorgt mein Gehirn mit Sauerstoff. Unser dem lächerlich anmutenden Fahrzeug ein Mann be-
Schöpfer verglich die Flüssigkeit mit einer Substanz, fand, der mit verzehrender Ungeduld auf seine Nach-
die er Blut nannte. Sie ist in unserem Falle allerdings richten warten mußte.
biologisch erzeugt. Durch unsere atomare Kraftstation Über sein Kehlkopfmikrophon und das Funksprech-
wird die Pumpanlage bewegt, die zugleich die Atem- gerät des Raumpanzers gab er einen kurzen Bericht
säcke in eine ununterbrochene Bewegung setzt. Unser durch, der Doktor Seminow um die letzten Reste sei-
Schöpfer sagte Lungen dazu. Unser Gehirn muß mit ner Fassung brachte.
Blut und Sauerstoff versorgt werden, sonst sterben die Professor Delouis hatte sich längst wieder erholt. Er
feinen Zellen ab.“ lag auf dem Boden und beobachtete aus klugen Augen
Wen-Gal öffnete mit einer Schaltung den Brustteil die
seines Plastikkörpers. Reaktion des Weganers, der sich Hüter der Gehir-
Mit hervorquellenden Augen starrten sie auf die ne nannte. Viel mehr als Stephan erkannte er, welches
„Organe“ dieses Wesens. Sie gewahrten dort, wo Wunderwerk da vor ihm stand.
bei einem Menschen das Herz sitzt, eine faustgroße Leise erhob er sich und legte dem fassungslosen
Pumpstation, die von einer winzigen Kraftanlage mit Raumkapitän die Hand auf die Schulter. „Was gesche-
Energie versorgt wurde. Stephan dachte daran, daß hen ist, ist nicht umsonst gewesen“, sagte er. „Ich glau-
Professor Delouis behauptet hatte, diese Körper wären be an einen allmächtigen Gott, der alle Welten erschaf-
ganz schwach radioaktiv. Das mußte von den Neben- fen hat. Wir gehören zu diesen Wesen, die von einem
produkten des Kernprozesses kommen, der innerhalb begnadeten Menschen gebildet wurden. Er lebte lange
dieser winzigen Kraftstation ablief. nach uns und starb doch lange vor uns. Wir sind auf
Gedeih und Verderb mit den Wesen verbunden, die ein
Von der Pumpe, die nur ein künstliches Herz
Mensch unseres Heimatplaneten getreu nach seinem
sein konnte, liefen daumendicke Plastikleitungen nach
eigenen Körper erschuf.“
oben und verschwanden in dem Hohlraum des vor-
Mehr sagte Delouis nicht, doch Stephan verstand
trefflich nachgebildeten Halses. Es war ein regelrech-
den Sinn der Worte sehr wohl. In ihm war der sachlich
ter Blutkreislauf.
denkende Raumkapitän erwacht. Alle anderen Gefüh-
Stephan griff sich an den Kopf und unterdrückte le und Überlegungen stellte er ab.
mühevoll einen verständnislosen Laut. Er war nicht „Ist dein Schiff noch manövrierfähig, Wen-Gal?“
fähig, das Gehörte logisch zu verarbeiten. Während fragte er den Weganer.
Wen-Gal langsam seine Brustschale schloß, bückte er „Es ist manövrierfähig, Herr, auch wenn die Zen-
sich nach seiner Waffe und steckte sie in den Halfter. tralen eins und zwei vernichtet worden sind. Im Heck
Der Weganer beobachtete ihn, und in seinen natür- gibt es eine dritte Steuerzentrale, und die ist in Ord-
lichen Augen schimmerten tiefstes Mitleid und un- nung.“
begrenzte Hochachtung. „Unser Schöpfer verschied „Können wir damit den Planeten erreichen, der die
vor einem Zeitraum, den du mit achtundzwanzigtau- Heimat deines Volkes ist?“
send Jahren bezeichnest, Herr“, klangen seine Gedan- „Ja, wenn wir nicht angegriffen werden“, sagte
ken auf. „Du wirst uns kennenlernen. Unsere Gefühle Wen-Gal. Er schien es für selbstverständlich zu halten,
werden von unseren Gehirnen gesteuert. Wir sind wie daß der wirklich lebende Mensch Stephan die Führung
Menschen, nur sind wir keine Kämpfer. Unsere von an sich riß.
dem Schöpfer geschulten Wissenschaftler sind mühe- „Wir geben die ,Titan’ auf“, erklärte der kurz und
los fähig, all das auszuführen, was er sie lehrte. Doch wandte sich dabei nach Snuff um. „Das total veraltete
es fällt uns schwer, neue Dinge zu erdenken, vor allem Schiff ist nur ein Hindernis. Seminow sofort anrufen.
solche, die sich mit dem Kampf befassen. Du stammst Er soll sich ausschleusen und mit einem der anderen
aus einer Zeit, Herr, in der unser Schöpfer noch nicht Boote herüberkommen. Wen-Gal, kannst du eine Luft-
geboren war. Du bist in unsere Zeit gekommen, und schleuse öffnen? Es ist umständlich, durch die schwe-
das wird der Untergang der Telaner sein.“ relose Lücke in der Schiffswandung einzudringen.“
Stephans Augen kniffen sich nachdenklich zusam- Fast fassungslos sah ihn der Weganer an, und dann
men. So vollkommen waren diese Wesen also auch überkam ihn eine seltsame Erregung.
nicht. Was sie wußten, das wußten sie. Das stand un- „So wie du sprichst und handelst, Herr, so muß un-
verrückbar fest. Doch wirklich Neues schienen ih- ser irdischer Schöpfer gehandelt haben. Ich gehorche.
Verweht im Weltraum 30

Die Schleuse kann ich aber nur von der dritten Zentra- „Unser Schöpfer, der der genialste Biologe der Er-
le aus öffnen.“ de vor ihrer teilweisen Zerstörung war, lehrte uns,
Wen-Gal entwickelte eine fieberhafte Tätigkeit. Mit daß ein überragend intelligenter Mensch ein Mutant
geschmeidiger Bewegungen glitt er durch das große wäre, denn es läge nicht im Sinne der allmächtigen
Labor und öffnete durch die Unterbrechung eines un- Natur und auch nicht im grundsätzlichen Wesen der;
sichtbaren Kontaktstrahles eine Tür. Menschen begründet, über ihre vererbte Trägheit und
angeborene Primitivität hinauszuwachsen. Ein geistig
Sie sahen in einen kreisrunden und schwach er-
hervorragender Mensch ist eben ein Mutant. Nicht
leuchteten Schacht, an dessen Anfang ein Walzenför-
die überragende Intelligenz ist natürlich, sondern die
miges Fahrzeug stand. Es schien genau in den Rohr-
Dummheit und der allgemeine Herdentrieb.
schacht hineinzupassen.
Es gibt Hunderttausende von Mutationen, die man
„Der Verbindungsweg zur Zentrale“, erklärte Wen-
lange Zeit nicht als solche erkannte“, meinte Wen-
Gal. „Nimm Platz, Herr!“
Gal. „Deine Empfindungen sind andersgeartet, und du
Delouis zögerte ängstlich, bis ihn Stephan gereizt wirst immer anders handeln und denken, als es der
anknurrte. Da schwang sich der Wissenschaftler seuf- Wissenschaftler Delouis tut. Es ist verkehrt, sich unter
zend in den engen Wagen und klammerte sich krampf- einem Mutanten eine scheußliche Gestalt vorzustel-
haft an den Armstützen der knappen Sitze fest. len. Du wirst das erfahren, sobald du von unseren Bio-
Lautlos glitt der Wagen in die Röhre hinein, und logen in die Maschine der Erkenntnis gelegt wirst. All
Stephan fühlte an der Beschleunigung, daß er eine ho- unser überliefertes Wissen wird dir und deinen Mit-
he Fahrt machen mußte. Es dauerte nur Sekunden, bis menschen in wenigen Stunden ein fester Begriff wer-
das seltsame Gefährt wieder stoppte. In diesem Schiff den. Wenn man die entsprechenden Mittel kennt, so
schien es verschiedenartige Verbindungswege zu ge- ist es einfach, einem aufnahmefähigen Gehirn Dinge
ben. mitzuteilen, für die es normalerweise viele Jahre be-
Vor ihnen öffnete sich ein gewaltiges und vakuum- nötigen würde, um sie langsam und im* Sinne der na-
dicht schließendes Schott. Stephan bemerkte, daß die- türlichen Grenzen aufzunehmen.“
se Tür gut und gern drei Meter stark sein mochte. Un- Wen-Gal setzte sich in den hochlehnigen Kontroll-
willkürlich erinnerte er sich an die Erzählungen seines sitz, der genauso aussah wie der auf der alten „Titan“.
Vaters, der ihm von den gewaltigen Panzerrieser be- Wen-Gal erklärte in groben Umrissen die techni-
richtet hatte, die noch im Jahre 1965 auf den Meeren schen Einrichtungen und verstummte erst, als Delouis
der Erde schwammen. erschüttert auf einen Sitz sank.
Er hätte beinahe fassungslos aufgelacht, als Wen- „Fünfhundertfache Lichtgeschwindigkeit“, mur-
Gal über seine telepathische Verbindung auch noch melte er schwer atmend. „Das kann ich nicht erfassen,
meinte: „Dieses Schiff ist nur ein Transporter, das geht über meine Begriffe. Ich hätte niemals ge-
Herr. Es ist deshalb sehr schwach gepanzert und dacht, daß ein Photonentriebwerk diese Leistung voll-
kaum bewaffnet.“ bringen könnte.“
Drei Meter dicke Schotts, die sicherlich aus ei- „Es gleicht nur in der Grundkonstruktion deinen
nem Material bestanden, gegen das bester Edelstahl Ideen“, meinte Wen-Gal geduldig. „Zu deiner Zeit
so weich und nachgiebig wie eine dünne Butterschei- wußte man noch nicht, daß es außer dem normalen
be war, nannte dieses Wesen „schwach“. Licht noch andere Lichtarten gibt, die viel schneller
„Ich habe viel Phantasie“, murmelte Delouis ge- sind. Sie werden von ganz wenigen Sonnen ausge-
drückt. „Ein schöpferischer Wissenschaftler muß sie strahlt. Wir nennen es Mikro-Kernlicht. Es erreicht in
haben, aber jetzt komme ich nicht mehr mit.“ seiner Fortbewegung die fünfhundertfache Normalge-
„Und doch hast du die Grundlagen für das Trieb- schwindigkeit.“
werk geschaffen, das deine Schüler vollendeten und Stephan sagte gar nichts mehr. Er hätte noch tau-
das von deren Nachkommen mehr und mehr verbes- send Fragen gehabt. vor allem solche, die den er-
sert wurde. Unser irdischer Erschaffer gibt uns in sei- wähnten Angriff betrafen. Snuffys Ankunft mit einem
nen Überlieferungen zu wissen, daß wir im Grunde ge- großen Raumboot unterbrach
nommen dir, der du dich Delouis nennst, unsere Exi- seine Gedankengänge. Er brachte es geschickt in
stenz zu verdanken haben. Hättest du den Weg nicht die große Schleuse hinein, in der es hart aufsetzte, als
gewiesen, so wäre unser Schöpfer nicht nach Wega II Wen-Gal das dortige Gravitationsfeld einschaltete.
gekommen. Meine, Sinne sagen mir, daß mit deiner „Alle Waffen und Munition sind hier“, meldete er
Ankunft ein Wandel eintreten wird. Du kannst deine über Sprechfunk. „Seminow kramt noch in seinen
ursprüngliche Schöpfung noch mehr verbessern, denn Aufzeichnungen herum. Ich hole ihn ab.“
du bist ein Mutant wie unser Schöpfer.“
Stephan wollte gerade etwas sagen, als Professor
Delouis stöhnte nur noch. Jetzt wurde er sogar ein Delouis gellend aufschrie. Entsetzt starrte er auf ei-
Mutant genannt! War dieses Wesen irrsinnig? ne der großen Bildflächen, auf der es plötzlich blaßrot
Wen-Gal lächelte verständnisvoll und erklärt: und doch intensiv strahlend aufleuchtete.
31 TERRA EXTRA

„Er darf nicht mehr von Bord gehen“, drang Wen- „Kampf, wohin man kommt... Kampf zu allen Zei-
Gals Botschaft in ihr Bewußtsein. „Er darf nicht...!“ ten und in allen Räumen. Die Menschen scheinen
Ehe Stephan noch recht erfaßt hatte, was da laut- nicht die einzigen Geschöpfe zu sein, die es in die-
los aus den Tiefen des Alls heranschoß, glühte der sem intelligenzverleugnenden Unfug zu einer trauri-
Schirm, der die „Titan“ wiedergab, in grellster Glut gen Meisterschaft gebracht haben.“
auf. „Die Telaner sind grausam, herrschsüchtig und gna-
Aus dem Lautsprecher seines zurückgeklappten denlos“, meinte Wen-Gal.
Helmes gellte ein Schrei. Er endete in einem Stöhnen, „Was sind das für Wesen, woher kommen sie?“
und dann war alles still. fragte Stephan und bemühte sich, dabei nicht an Se-
Die unförmige „Titan“ wurde plötzlich aus ihrem minow zu denken, der mitsamt der „Titan“ aufgelöst
Kurs gerissen, wirbelte wie ein Blatt im Orkan davon worden war.
und begann dabei erst rot und dann immer weißlicher „Ursprünglich kamen sie aus einem außergalakti-
aufzuglühen. Der blaßrote Strahl fraß sich durch den schen Sternensystem, das du unter der Bezeichnung
Körper hindurch, und dann brach die „Titan“ in der Andromeda-Nebel kennst. Es ist etwa eineinhalb Mil-
Mitte auseinander. liarden Lichtjahre von unserer Milchstraße entfernt.
Wir wissen, daß sie die Sonnensysteme ihrer Sternen-
Das war so schnell geschehen, daß noch nicht ein-
welt beherrschen und alle anderen Rassen unterjocht
mal der mit diesen Gefahren vertraute Weganer rea-
haben. Jetzt greifen sie nach der Milchstraße. Vor ei-
gieren konnte.
nem Zeitraum von zehntausend Jahren kamen sie erst-
„Nein — nein...“, schrie Delouis. malig in unseren Herrschaftsbereich, der sich über die
Während er hilflos in der Zentrale stand, handelte sechs Planeten unserer Sonne Wega erstreckt. Sie wer-
Stephan so, wie es ihm sein ausgeprägtes Reaktions- den uns vernichten, wenn du nicht hilfst, Herr.“
vermögen eingab. Er wußte nicht, was da eigentlich „Sie rasen ja in die Riesensonne hinein“, rief De-
geschehen war, doch er fühlte instinktiv, daß die Ge- louis außer sich. Auf den Bugschirmen flammte der
fahr nun auch auf sie zukommen würde. „Nimm Fahrt Stern in hellster Glut. Längst war er über die Räume
auf, Wen-Gal“, brüllte er. „Sofort aus dem Kurs ab- des Schirmes hinausgewachsen.
weichen.“
„Wir werden in einer Entfernung von zwei Milliar-
Der Weganer schaltete blitzschnell. Aus dem un- den Kilometern an Wega vorbeikommen. Ich muß das
versehrten Heck des Riesenschiffes schössen hellgel- tun, denn Wega II, unser Planet, steht von uns aus ge-
be Lichtbündel von einer ungeheuren Leuchtkraft. sehen hinter der Sonne. Wenn wir die Lichtgeschwin-
Mit einer Höchstbeschleunigung von 500 km/sek digkeit überschritten haben, können uns die Telaner
raste das Schiff davon. Erst später erfuhren sie, wie mit ihren Hitzestrahlern nichts mehr anhaben.“
es eine Übertechnik zuwege brachte, daß der mensch- Stephan faßte sich an den Kopf. Er sah auf Instru-
liche Körper diese unheimliche Belastung aushalten mente, deren Sinn er nicht verstand. Er sah auf die
konnte, ohne in Atome zerrissen zu werden. Pro Se- Bildfläche, auf denen außer der Schwärze des Raumes
kunde wurde das Schiff um 5000 Kilometer schneller. und den flimmernden Welten nichts zu. sehen war. Wo
Es war, als rase ein gigantischer Scheinwerfer durch stand dieser heimtückische Feind?
den Raum, angetrieben von den Schubkräften seines Vor Wen-Gal glühte ein ovaler Bildschirm. Er
eigenen Lichtes. Das war das Photonentriebwerk in sprach unentwegt in eine
höchster Vollendung.
kleine Kapsel, die wohl ein empfindliches Mikro-
„Was war das?“ schrie Stephan leichenblaß. „Was phon enthalten mußte. Sollte das eine Funkverbindung
hatte dieser Lichtstrahl zu bedeuten?“ sein?
„Das war kein Licht, Herr, sondern ein scharf ge- Stephan kam nicht mehr zu der Frage und ging un-
bündelter Strahl frei werdender Kernenergie: Es ist willkürlich mit einem wilden Sprung in Deckung, als
der Hitzestrahler der Telaner, gegen den es kein Mit- der Boden unter ihm zu zittern begann. Ein leiser Ton
tel gibt. Die Telaner arbeiten mit unbekannten Ener- wurde vernehmbar, der sich in Sekundenbruchteilen
gien. Wir können uns nicht mehr wehren. Die Strahl- zu einem schrillen Kreischen verstärkte.
schutzschirme meines Schiffes sind schon bei dem er- Stephan war schlagartig in die Stimmung gekom-
sten Angriff zusammengebrochen.“ men, die seine ehemaligen Gegner so sehr an ihm
„Unser Schiff — es ist vernichtet“, sage Delouis fürchteten. Unmöglich konnte er all das begreifen, was
tonlos und mit einem Ausdruck in den Augen, als ihm Wen-Gal in flüchtigen Andeutungen gesagt hatte.
könnte er es nicht fassen. Für ihn war jetzt nur noch ein Feind da, Und zwar ein
Stephans Hand zuckte an den Kolben der Waffe, als gnadenloser Feind.
dicht vor ihm die Luke der Rohrschlitten-Verbindung Regungslos saß das Wesen aus Plastik und einem le-
aufglitt und Snuff hastig aus dem kleinen Wagen stieg. benden Gehirn in dem Kontrollsitz und blickte nieder-
Er war leichenblaß, doch in seinen Augen leuchtete es geschlagen auf die vielen Instrumente. „Nun sind un-
so drohend, daß Stephan unwillkürlich hart auflachte. sere Abwehrschirme endgültig zusammengebrochen.
Verweht im Weltraum 32

Der nächste Strahl wird auch uns vernichten. Ich ha- Panzers ein. Die von den schwachrot glühenden Wän-
be meine Aufgabe schlecht erfüllt, denn in meinem den erzeugte Temperatur wurde von der spiegelnden
Schiff befinden sich zehntausend vollentwickelte Ge- Oberfläche der Raumpanzer teilweise reflektiert und
hirne, die nur auf ihre Körper warten.“ zum anderen Teil durch die ausgeklügelte Klimaanla-
Wen-Gal schrie erschreckt auf, als ihn der herkuli- ge unschädlich gemacht.
sche Kapitän mit einem wilden Griff aus dem Sessel „Das Triebwerk ist vernichtet und in Energie aufge-
riß. löst“, drang Wen-Gal’s telepathische Botschaft in das
„Kerl, wenn du nicht sofort etwas tust, wenn du Bewußtsein der drei Erdenmenschen. „Nur die Not-
nicht deine Waffen einsetzt, dann zeige ich dir, wie Kraftzentrale zur Aufrechterhaltung des Gravitations-
ein Erdenmensch zuschlagen kann. Leite ein Brems- feldes arbeitet noch. Folge mir, Herr!“
manöver ein, rase auf die Sonne zu! Da sollen die ein- Stephan atmete befreit auf. Die ebenfalls schon
mal zielen und vor allem auch treffen,“ Hart stieß ihn glühheiße Schottür der Rohrbahn schwang auf, und
der rasende Raumkapitän in den Kontrollsitz zurück. dann schoß der schlanke Walzenkörper mit ihnen da-
Wen-Gals Plastikgesicht war schmerzvoll verzerrt. In von. Hinter ihnen begann die nutzlos gewordene Zen-
einer unverständlichen Demut sah er den Mann an, der trale in weißen Farbtönen aufzuglühen.
mit glühenden Augen vor ihm stand. Sie befanden sich nun in dem hallenartigen Vor-
„Ich kann nicht, Herr. Unser Schöpfer hat unsere raum der großen Luftschleuse, in der noch das an
Gehirne so geformt, daß wir zu solchen Gefühlen, wie diesem Ort lächerlich altmodisch wirkende Raumboot
sie dich jetzt bewegen, nicht fähig sind. Wir sind kei- der „Titan“ lag.
ne Kämpfer, und wenn wir uns dazu aufraffen, dann Stephan raste in die Schleuse und schob das infolge
zwingen wir unser eigenes Ich. Unser Schöpfer wollte der herrschenden Gravitation sehr schwer gewordene
ideale Geschöpfe, deren Gehirne nicht fähig sein soll- Boot auf seinen Rollenlagern in die riesige Halle hin-
ten, an Kriege und Greueltaten zu denken.“ ein, in der er vier granatförmig geformte Fahrzeuge
mit einer Länge von je dreißig Metern entdeckte.
Stephan tobte. Langsam wurde ihm klar, daß diese
Wen-Gals Plastikgesicht zuckte erregt.
Wegarier nicht so vollkommen waren, wie sie aussa-
hen. Er deutete auf die Schiffe und bemerkte: „Die
Raumboote. Sie haben ein Photonen-Strahltriebwerk.
„Sofort alle verfügbare Energie auf die Bremsdü- Allerdings ein normales, also keinen Mikro-Kern-
sen!“ brüllte er, doch Wen-Gal kam nicht mehr da- Lichtantrieb.“
zu, diesen Befehl auszuführen. Das Schiff der Wega
„öffne, aber schnell. Leg einen Raumanzug an“,
wurde auf seiner gesamten Heckbreite von einem mit
keuchte Stephan, während er hastig eine der schweren
Lichtgeschwindigkeit heranschießenden Strahlschuß
Pronzit-Maschinenpistolen an sich riß.
getroffen. Delouis war in dem Augenblick kein ver-
„Wenn es atomare Waffen sind, dann werden sie
ängstigter Mensch mehr, sondern ein kühl beobach-
nicht wirken, Herr! Die Telaner tragen Raumanzüge,
tender Wissenschaftler.
die von einem energieabsorbierenden Strahlschutz-
„Atomare Energie, entweder erzeugt durch eine schirm umgeben sind. Jeder Energiestrahl wird neutra-
Kernspaltung oder durch einen Verschmelzungspro- lisiert, und jedes atomar geladene Geschoß wird dicht
zeß. Spontan frei geworden, aber auf unerklärliche Art vor dem Schirm explodieren, wodurch es die Körper
konzentriert, anschließend gerichtet : und im Sinne der Telaner niemals treffen und zerstören kann.“
des Wortes auf ein bestimmtes Ziel geworfen.“ Wen-Gal wußte nicht, warum Stephan und Ezequil
Stephan fühlte sich in der Zentrale herumgeschleu- Snuff so seltsam zu lachen begannen.
dert, bis der taumelnde Gigant wieder aufgefangen „Merkst du etwas?“ meinte Snuffy. „Für die Brüder
wurde. Die Sicherheitsschotts begannen sich rot zu sind wir zu altmodisch. Ob die mit Geschossen rech-
verfärben. Unerträglich hohe Hitzegrade herrschten nen, die man einmal vor einundachtzigtausend Jahren
plötzlich in dem großen Räum. Stephan wußte plötz- verwandt hat?“
lich, warum die Weganer selbst ihre Transporter mit Auch das verstand Wen-Gal nicht. Mit einer geüb-
meterstarken Panzerwänden versahen. Bei solchen ten Bewegung stülpte er sich einen glockenförmigen
Temperaturen mußten dünnere Wandungen zerplatzen und vollständig durchsichtigen Helm über den Kopf
wie das erhitzte Material eines Glasbläsers. und befestigte dessen Randabdichtung auf sonst kaum
Mit einem Ruck riß Stephan den i Helm seines sichtbaren Halteklauen, die auf den Schultern seines
Räumpanzers über den Kopf. Plastikkörpers eingelassen waren. Er brauchte keinen
Snuff folgte sofort seinem Beispiel, während Ste- druckfesten Raumpanzer, nur für Atemluft mußte er
phan dem in solchen Dingen recht hilflosen Physiker sorgen.
den Helm förmlich über den Kopf schlagen mußte. In der Wandung eines der granatförmigen Raum-
Delouis war fähig, angesichts einer tödlichen Gefahr boote, glitt eine Luke auf, und Wen-Gal winkte eben,
einen fachlichen Vortrag zu halten, doch er versagte, als in der großen Halle plötzlich ein rotes Lichtzei-
wenn er sich praktisch betätigen sollte. Mit fliehen- chen aufzuckte und dazu ein durchdringender Summ-
den Fingern regulierte Stephan die Klimaanlage seines ton aufklang,
33 TERRA EXTRA

Wen-Gal schrie förmlich. „Ich habe es geahnt, sie Meter hohes Wesen, das in einen schmiegsamen, sehr
betreten das Schiff. Sie müssen wissen, daß ich der eng anliegenden Raumanzug aus irgendeinem elasti-
Hüter der Gehirne bin, und sie scheinen auch zu wis- schen Material gehüllt war. In ihren äußeren Formen
sen, daß ich zehntausend entwickelte Gehirne aus der glichen die Telaner ungefähr den Menschen, nur besa-
Wachstumsstation auf Wega IV abgeholt habe. Sie ßen sie unglaublich lange Gehwerkzeuge, Ihre Beine
wollen uns nicht vernichten, sie wollen unsere Gehir- nahmen 75 Prozent der gesamten Körperlänge ein und
ne.“ schienen auch mehr Gelenke zu haben als ein mensch-
Zusammen mit Stephan rannte Snuffy schon in wil- liches Bein.
den Sätzen durch die große“ Halle. Ehe sich Wen- Die Oberkörper waren sehr flach und sehr schmal,
Gal noch recht besonnen hatte, waren die Männer in was trotz der Raumanzüge erkennbar war. Der fast
der sicheren Deckung, der schlanken Raumboote ver- kugelrunde und überdimensionale Schädel vermittel-
schwunden. te dagegen den Eindruck eines Insektenkopfes.
Der Kernphysiker folgte noch rascher als der We- Der Telaner krümmte seinen pfahldünnen Körper
ganer, der schreckgelähmt auf die noch geschlosse- etwas zusammen und spähte in die riesige Halle der
nen Schotts der Schleuse starrte. Er wollte etwas ru- Raumboote hinein. In seinen sehr langgestreckten
fen, doch der Sinn seiner Gedankenbotschaft ging in und anscheinend viergliedrigen Händen hielt er eine
einem schrill aufklingenden Heulton verloren. Immer schwere und seltsam geformte Waffe, die äußerlich
heller wurde der Laut, und dann war er nicht mehr zu einer Maschinenpistole mit, einem armdicken Lauf
vernehmen. ,Ultraschall...’, dachte Stephan. glich. Das mußte einer der tragbaren Hitzestrahler
sein, von denen Wen-Gal berichtet hatte.
Er sah, wie die starken Bordwände des Schiffes
erzitterten. Aus dem unwahrscheinlich harten Metall Als er das Werferrohr des Strahlers nach unten
bröckelten ganze Stücke heraus. Die Wandung schien senkte, zog Stephan den Kunststoffkolben seiner Ma-
sich aufzulösen in Staub. schinenpistolefester an die Schulter. Doch dann schi-
en sich das fremde Wesen anders zu besinnen. Mit
Stephans Körper war verkrampft, doch seine Über-
zwei riesenlangen Schritten ging es überraschend ge-
legungen kamen rasch und präzise. Diese geheim-
schmeidig und behende in die große Halle hinein und
nisvollen Telaner, deren Rasse aus dem Sternensy-
sah sich aufmerksam um.
stem des Andromeda-Nebels gekommen war, wuß-
Noch mehr kauerten sich die drei Erdenmenschen
ten anscheinend sehr genau, welche Waffen sie gegen
hinter dem Rumpf des Landungsbootes zusammen,
die Weganer ansetzen mußten. Über Stephans Gesicht
bis der Telaner anscheinend eine Funksprechmeldung
zuckte ein hartes Lächeln, und in seinen grauen Au-
an seine Gefährten gab.
gen glomm ein drohendes Feuer auf. Er blieb voll-
Während er regungslos und weit vornübergeneigt in
kommen ruhig, als das Summzeichen wieder aufteilte.
der Halle stand, quollen mehr als dreißig dieser auf
Demnach war jetzt die äußere Schleusentür geöffnet
den ersten Blick so scheußlichen Wesen durch die zer-
worden.
störte Luftschleuse. Stephan beobachtete scharf durch
Dann begannen sich die Innenschotts rot zu verfär- das Heckleitwerk des Bootes hindurch. Snuffy hatte
ben, leuchteten greller und greller auf, bis sie schließ- sich gänzlich zusammengekauert und beobachtete nur
lich als Glutmassen über den ebenfalls glühenden Bo- noch den Mann, auf den er seine ganze Hoffnung setz-
den liefen. te. Dabei fragte er sich, was es wohl für einen Sinn ha-
Snuffys Gesicht hatte sich in eine haßerfüllte Gri- ben könne, diese Wesen zu töten, wo es doch bestimmt
masse verwandelt. Leise zischte er einen Fluch in die noch andere in dem draußen wartenden Schiff gab.
Sprechanlage, bis ihn Stephans verweisender Blick Daran hatte Stephan auch gedacht, doch er hatte die
traf. Die Telaner hatten offensichtlich das Innenschott Einwände seiner Logik insofern überwunden, indem
mit ihren Hitzestrahlern zerstört, um auch einen letz- er sich sagte, daß er sich niemals kampflos ergeben
ten eventuellen Widerstand im Keim zu ersticken. würde.
Stephans kampfgeschulter Verstand sagte ihm, was Er wartete noch einige Sekunden. Die Telaner stan-
nun zwangsläufig kommen mußte. Er riskierte es, über den dicht beisammen und schienen zu beraten. Der
den Funk eine ganz kurze Anweisung zu geben. „rein- letzte von ihnen war anscheinend durch die Luft-
kommen lassen. Feuererlaubnis abwarten.“ schleuse eingetreten.
Ezequil Snuff grinste verzerrt. Dieser Stephan war Während seine Maschinenpistole an die Schulter
nach wie vor noch der Kommandant, den er respek- flog, ruckte auch sein Erster Offizier auf.
tierte und dessen Befehl er unbedingt ausführte. Ob- „Feuer“, brüllte Stephan in sein Helmmikrophon
gleich sie alle darauf vorbereitet waren, zuckte beson- und riß gleichzeitig seinen Abzug durch.
ders Professor Delouis krampfhaft zusammen, als das Grellweiße Feuerstrahlen zuckten aus der Laufmün-
erste dieser Wesen in der mehr als zehn mal zehn Me- dung seiner Waffe.
ter messenden Öffnung erschien. Es ereignete sich genau das, was Stephan erwartet
Stephan hielt sekundenlang den Atem an. Damit hatte. Mit einer Strahlwaffe der Wega-Bewohner hät-
hatte er nicht gerechnet. Er erblickte ein mehr als drei te er wahrscheinlich gar nichts ausrichten können, und
Verweht im Weltraum 34

auch ein atomares Geschoß wäre an den Schutzschir- Raum, und Stephan sah deutlich, daß riesige Trüm-
men der Raumanzüge nutzlos verpufft. Auf diese alt- merstücke in das Nichts wirbelten.
modischen Warfen aus längst vergangenen Erdenzei- Drüben schien eine heillose Verwirrung zu entste-
ten waren aber die Telaner nicht vorbereitet. hen. Weder ein Energiestrahl zuckte zu dem schon
Keiner von ihnen kam noch dazu, seinen gefähr- halbzerstörten Weganer-Schiff herüber, noch nahm
lichen Hitzestrahler auf die plötzlichen Angreifer zu der würfelförmige Riesenkasten Fahrt auf.
richten. Diesen Intelligenzen schien vor Entsetzen der Atem
Stephans Magazin war erst halb geleert, als er das zu stocken. Wieso waren die Weganer auf einmal fä-
Feuer einstellte. Wortlos sprang Stephan auf und ra- hig, so mühelos ihre Strahlschutzschirme zu durchbre-
ste zu dem Raumboot der ehemaligen „Titan“. Mit ei- chen?
nem blitzschnellen Griff erfaßte er eines der zu seiner Stephan schoß noch zweimal in die gähnende Öff-
Zeit gebräuchlichen „Ofenrohre“, bei dem es sich um nung hinein, und jedesmal sah er es dahinter grell auf-
ein auf beiden Seiten offenes Führungsrohr für 10,5 blitzen. Er wollte eben den nächsten Schuß lösen, als
Zentimeter starke Raketengeschosse mit einer che- das Würfelschiff mit einer irrsinnigen Beschleunigung
mischen Explosivladung und einem ebenfalls chemi- Fahrt aufnahm. Es mußte ebenfalls ein Photonentrieb-
schen Treibsatz handelte. Der Werfer war längst ge- werk
laden. Das schwere Geschoß enthielt einen Pronzit-
von höchster Vollendung haben, denn es raste unter
Sprengsatz. Bei diesem Pronzit handelte es sich um
der Entwicklung von gigantischen Lichtenergien da-
den gefährlichsten chemischen Sprengstoff, der je-
von. Sekunden danach war es als leuchtendes Pünkt-
mals von irdischen Chemikern entwickelt worden war.
chen im All verschwunden, und Stephan gewahrte nur
Die verhältnismäßig kleine Ladung in dem Spreng-
noch die Schwärze des Raumes und darin den gigan-
körper des Raketengeschosses wirkte wie eine 20-
tischen Glutball der Riesensonne Wega.
Tonnen-Sprengbombe, die in längst vergangenen Zei-
ten auf der Erde verwendet worden war. Als sie sich umwandten, stand Wen-Gal hinter ih-
„Was tust du?“ schrie Snuffy entsetzt in sein nen. Scheu sah der wiedererwachte Weganer auf den
Sprechgerät, als Stephan in die teilweise zerschmolze- Mann, der es gewagt hatte, einen so ungeheuer überle-
ne Luftschleuse sprang und sich dicht vor der eigent- genen Gegner mit längst veralteten Waffen anzugrei-
lichen Bordwand zu Boden fallen ließ. fen und in eine panikartige Flucht zu schlagen.
„Komm sofort her“, sagte er eiskalt. „Bring noch ei- „Du wirst das System der Wega retten, Herr“, drang
nige Rak-Geschosse mit! Jetzt will ich sehen, ob der seine telepathische Botschaft in Stephans Bewußtsein.
Strahlschutzschirm des Telanerschiffes auch nur auf „Menschen der Erde haben uns erschaffen, und sie
atomare Waffen oder auf Energiestrahlen reagiert.“ werden uns auch erhalten. Niemals hätte das einer
meiner Brüder gewagt. Du hast viele Telaner getötet,
Snuffy verstand und bückte sich nach den zahlrei-
Herr, und ihr Schiff schwerer beschädigt, als du viel-
chen Reservegeschossen. Knapp hundert Meter vor
leicht denkst.“
Stephan trieb das würfelförmige Raumschiff mit den
turmartig verlängerten Eck-Kanten durch den Raum. Wen-Gal hob auf einmal ruckartig die Hand und
Hell leuchtete seine Bordwand unter dem voll auftref- schien in die Ferne zu lauschen. „Drei Kampfschiffe
fenden Licht der Riesensonne Wega. Deshalb konnte meines Volkes kommen“, erklärte er ganz ruhig „Sie
er auch sehr klar eine riesige Luftschleuse erkennen, haben meinen Hilferuf kurz vor dem Angriff der Te-
deren achteckige Luke weit offenstand. Die Telaner laner gehört. Vielleicht war das unser Glück, Herr!
waren ihrer Sache zu sicher gewesen. Die Schulter- Zweifellos sind die Kampfschiffe von den Geräten der
stütze des Raketenwerfers ruhte schon an dem Form- Telaner geortet worden.“
stück seines Raumpanzers. Da drüben schien man Stephan schluckte und wollte sich mit dem
noch nicht zu wissen, was an Bord des Wega-Schiffes Handrücken über die schweißbedeckte Stirn fahren,
vorgefallen war. bis er gegen den Helm stieß. Jetzt erst kam ihm wie-
Scharf erschien in seiner Zieloptik die schwarze der das unheimliche und unendlich Verwirrende seiner
Öffnung, und schon drückte er auf den Knopf der elek- Situation zu Bewußtsein.
trischen Zündung. Lautlos, doch eine grellweiße Gas- „Woher weißt du das?“ fragte er rauh.
zunge nach sich ziehend, raste die kleine Kampfrakete „Dem Flug der Gedanken ist keine Grenze gesetzt.
aus dem Rohr. Sie sind schneller als das Licht und überbrücken Zeit
„Das ist doch Wahnsinn!“ schrie Snuffy. „Nach dem und Raum. Meine Brüder haben sich gemeldet, und
ersten Schuß werden sie uns mit ihren Strahlern ver- mein Gehirn hat die Botschaft empfangen. Es ist gut,
brennen. Du denkst doch wohl nicht, du könntest mit daß sie kommen. Die Telaner sind rücksichtslos, und
einer Pronzit-Rakete so ein Riesenschiff vernichten?“ es hätte sonst die Gefahr bestanden, daß sie nach dem
In dem Augenblick explodierte drüben das klei- ersten Schreck wiedergekommen wären.“
ne Geschoß. Aus dem etwa acht Meter durchmessen-
den Schleusenluk schoß ein gelbroter Feuerball in den 9.
35 TERRA EXTRA

Der Raumkapitän stand in dem gigantischen, haus- Stephan mußte sich eingestehen, daß die Erde da-
hohen Raum, dessen rundumlaufende Verglasung bei sehr schlecht abschnitt. Langsam begann er zu ah-
einen weiten Ausblick gewährte. nen, warum einige Wissenschaftler den Sprung zu ei-
Dieser Planet, den sie Wega II nannten, glich in vie- nem 27 Lichtjahre entfernten Sonnensystem gewagt
len Dingen der urzeitlichen Venus. Es war ein noch hatten. Es mußten wirklich gute Menschen, Menschen
junger Himmelskörper, der sich noch nicht ausgetobt im Sinne des Wortes gewesen sein.
hatte, wofür die unzähligen Vulkane zeugten. Professor Delouis stand neben ihm und beobachtete
ihn mit einem feinen Lächeln auf den Lippen. Stephan
In einer mittleren Entfernung von etwa 4 Milliarden
paßte am allerwenigsten auf diese Welt, auf der es
Kilometern umkreiste er die Riesensonne Wega.
keine harten Kämpfer gab. Stephan mochte hier über-
Es war eine gänzlich unberührte Welt gewesen, auf haupt das erste Lebewesen sein, das fähig war, mit ei-
der irdische Wissenschaftler vor 30 000 Jahren gelan- ner eiskalten Ruhe seine Chance wahrzunehmen und
det waren, um dort Wesen zu schaffen, die dem Men- blitzartig zuzuschlagen. Nein, Stephan würde Unruhe
schen glichen. in diese Welt des Friedens bringen, doch das schien
Planet Wega II war noch so jung, daß er noch kein augenblicklich sehr angebracht zu sein.
eigenes intelligentes Leben hervorgebracht hatte. Ste- Delouis erkannte sehr wohl, daß Stephan von den
phan fühlte sich in die Urzeiten der Erde zurückver- Weganern am meisten respektiert wurde.
setzt, wenn er hinaus ins Freie schaute. Der Planet Wenn sie auch keine Kämpfer waren, so waren ihre
war wild — doch unsagbar schön. Die hohen Durch- künstlich gezüchteten Gehirne jedoch nicht so über-
schnittstemperaturen hatten eine Vegetation erzeugt, feinert, um nicht zu bemerken, daß eine drohende Ge-
die so vielfältig war, daß viele Jahrzehnte nicht ausge- fahr nur durch Härte abgewendet werden kann. Da-
reicht hätten, jede einzelne Pflanze zu bestimmen und für war Stephan genau der richtige Mann und Ezequil
sie mit einem klangvollen Namen zu versehen. Snuff nicht weniger. Wen-Gal schien die Gedanken
Die Fauna dieses Planeten war noch in den Meeren des Kernphysikers zu verstehen. Es war erstaunlich,
beheimatet. Noch hatten die Tiere nicht den Weg auf wie sehr sich die Weganer auf die Bewußtseinsinhalte
das Land gefunden, und es gab erst wenige Arten un- einstellen konnten.
ter ihnen, die nicht mehr durch Kiemen atmeten und Stephan schrak leicht zusammen, als des Weganers
die ersten schüchternen Versuche machten, nun auch Botschaft in sein Denken drang: „Als wir erschaffen
das Festland zu erobern. wurden, Herr, muß der allmächtige Schöpfer damit
Die Menschen, die vor 30 000 Jahren auf dem zwei- einverstanden gewesen sein, denn sonst wäre es nicht
ten Planeten der Wega gelandet waren, hatten sicher- gelungen. Wir sind verpflichtet, unser Dasein und un-
lich lange gebraucht, bis sie die für ihre Zwecke rich- sere Kultur zu erhalten und nicht kampflos nachzu-
tige Welt gefunden hatten. geben. Es kann nicht im Interesse des allmächtigen
Weltenschöpfers liegen, daß eine von ihm gebilligte
Es mochte für sie ganz besonders reizvoll gewe- Rasse von tierhaft denkenden Intelligenzen vernich-
sen sein, auf Wega II halborganische Lebewesen zu tet wird. Deshalb, Herr, denken wir, daß deine lan-
erschaffen und sie innerhalb von wenigen Jahren in ge Reise im zellenerhaltenden Eis nicht zufällig, nicht
diese Welt hineinzupflanzen, die von sich aus noch sinnlos, sondern notwendig und sehr sinnvoll war. Wir
viele Millionen Jahre benötigen würde, um aus eige- denken, Herr, daß der Wille eines Allmächtigen dein
ner Kraft das erste intelligente Lebewesen zu gebären. Schiff zur Wega lenkte, und es war auch planvoll, daß
Stephan mußte immer wieder daran denken, wenn er du mit deinen Gefährten einundachtzigtausend Erden-
die wundervollen Linien der Gebäude sah, die in ihrer jahre schlafen mußtest. Wir sind nun verpflichtet, dei-
supermodernen Gestaltung gar nicht zu dieser unbe- nem Gehirn das Wissen einzuflößen, ohne das du nicht
rührten Natur passen wollten. bestehen kannst.“
Die Schöpfer der Weganer waren lange tot, doch Stephan blickte mißtrauisch auf den Weganer und
sie hatten Wesen zurückgelassen, die den Namen dessen Brüder. Sie alle hatten den gütigen und ver-
„Mensch“ viel mehr verdienten als die wirklichen ständnisvollen Ausdruck in den natürlichen Augen.
Menschen. Unter den Wesen mit den denkenden Ge- Sie alle waren Wissenschaftler, die wohl wußten, wo
hirnen und den mechanischen Körpern gab es keinen ihre sachlichen Grenzen lagen.
Haß, keinen Neid und keine Eroberungssucht. Kriege Stephan hatte gesehen, wie Gehirne aus den für
kannten sie nicht, Zwistigkeiten waren vollkommen ihn unverständlichen Brutschränken geholt und in die-
unbekannte Begriffe. Mit ihnen waren ideale Men- sen Labors in die Plastikköpfe und Körper eingebaut
schen geschaffen worden, Wesen mit einer Denkwei- wurden. Er hatte gesehen, daß die so erzeugten We-
se, wie sie dem echten Menschen zugestanden hätte. sen nach dem Beginn des „Blutkreislaufes“ lebens-
Es war eine ideale Welt, in die drei Männer ver- fähig waren. Doch in dem Stadium hatten sie trotz
schlagen worden waren, die doch in ihrer für sie nahe- der ausgereiften Gehirne das Wissen eines neugebo-
liegenden Erinnerung nur die alte Erde als Vergleich renen Kindes. Ihre Gehirne hatten noch keine Ein-
heranziehen konnten. drücke aufnehmen können. Es fehlte ihnen die Spra-
Verweht im Weltraum 36

che, und selbst die ersten Bewegungen fielen wie die Rinde und alle Teile des Großhirns sind sehr viel lei-
eines Säuglings aus. Sie konnten nichts und wußten stungsfähiger, als man früher ahnte. Es müssen nur
nichts, doch das änderte sich in einem Zeitraum von Kräfte freigemacht werden, die diese in einem ewigen
nur wenigen Stunden. Die Gehirne wurden nach dem Dämmerschlaf verharrenden Gehirnteile aufwecken
Verpflanzen in den Körper getestet, und zwar so ge- und sie aus ihrer Reservestellung herausreißen.“
nau, daß die Biologen der Weganer genau erkennen „Atme tief und ruhig, Herr, und versuche nicht, eine
konnten, für welche Aufgaben sich das betreffende geistige Sperre aufzustellen. Das würde die Aufgabe
Gehirn eignete. Sie waren alle gleich und doch so erschweren.“
grundverschieden. Stephan bemühte sich, an nichts zu denken. Ei-
Eine gigantische Maschine, das größte und kom- ne mattblaue und glockenförmige Haube senkte sich
plizierteste Elektronengehirn, das Professor Delouis langsam über seinen Schädel, der vorher von Wen-Gal
jemals gesehen hatte, testete die natürlichen Gehirne mit einer Flüssigkeit eingesprüht wurde. Er fühlte, wie
und stellte mit einmaliger Präzision fest, ob es sich seine Kopfhaut gefühllos wurde.
nun für ein technisches oder für ein medizinisches „Damit du nicht den Schmerz der Einstiche ver-
Wissensgebiet besonders eignete. Nach diesen vorer- spürst“, erklärte Wen-Gal. „Die Impuls-Kontakte
mittelten Daten wurde das Gehirn „angelernt“, was müssen auf dem Schädelknochen aufliegen und sogar
mit Hilfe der Maschine geschah, die in der Mitte des etwas eindringen.“
Saales stand. Tiefer senkte sich die Glockenhaube, und dann
Alles Wissensgut, angefangen von der Sprache bis merkte Stephan, wie sich viele Nadeln durch seine
zu den kompliziertesten wissenschaftlichen Erkennt- Haut bohrten.
nissen, wurde in diese ungeheuer aufnahmefähigen Wen-Gal kontrollierte genau, ehe er schaltete. Leise
Gehirne praktisch hineingepumpt. Nach nur wenigen summend begann das Gerät anzulaufen
Stunden wußte das so behandelte Individuum so viel, Stephan meinte, ein warmer Blutstrom würde in sei-
als hätte es eine zwanzigjährige Hochschulbildung nen Schädel eindringen. Mit diesem Gefühl kam eine
hinter sich. bleierne Müdigkeit über ihn. Sein Bewußtsein wurde
Als vollwertiges Mitglied des Weganervolkes ver- in einen Dämmerzustand versetzt, und er fühlte, wie
ließ ein derart „geborenes“ Wesen die Maschine der seine letzten Gedanken an das Experiment praktisch
Erkenntnis. Stephan hatte seinen Augen nicht getraut, erloschen.
doch er hatte es erlebt. „Keine Impulse mehr, das ist gut“, erklärte Wen-Gal
„Bist du bereit, Herr?“ fragte Wen-Gal, der als Hü- dem zitternd zusehenden Professor. — „Jetzt mußt du
ter der Gehirne in deren letzter Wachstumsphase die etwa zwölf Stunden warten, Herr. Ich lasse die erste
biologische Nummer I auf Wega II war. Spule durchlaufen.“
„Die Daten des Elektronengehirnes liegen fest, Eine etwa einen Meter durchmessende Spule aus ei-
Herr. Du bist etwas, was wir alle niemals richtig sein nem haarfeinen Draht begann sich in ihren Halterun-
können. Du bist ein Kämpfer und kannst ungeheuer gen zu drehen. Es schien eine Art von Tonbandgerät
rasch handeln. Dein Gehirn eignet sich ganz beson- zu sein. „Auf der ersten Spule ist
ders für technische Dinge, vordringlich für solche, die das Wissen über die Grundkonstrukti-
mit der Raumfahrt, Astronavigation, Triebwerkkunde on eines Photonen- und eines Mikro-Kern-
und Waffen aller Art zusammenhängen. Wir werden Lichtstrahltriebwerkes festgehalten. Die Übertragung
dir dieses spezielle Wissen in einem Zeitraum vermit- des Wissens beginnt mit den einfachsten Grundbegrif-
teln, den du mit zwölf Erdenstunden begreifst. Begib fen und endet mit der höchsten Vollkommenheit. Alle
dich zu der Maschine der Erkenntnis.“ Nebengebiete werden erläutert und mathematisch in
Stephan begann nervös zu schlucken. Nach zwölf seinem Gehirn als unverrückbares Wissen verankert.
Stunden sollte er also praktisch ein Mensch sein, der Es ist sehr viel. Der Inhalt der Spule würde hundert
so viel wußte wie die genialsten Wissenschaftler der dicke Fachbücher füllen, und der genialste, technisch
Erde, kurz ehe die beinahe vernichtet wurde. Das war vorgebildete Techniker hätte normalerweise zehn Jah-
ein Wissen von 50 000 Jahren, die er verschlafen hatte. re unermüdlich zu studieren, ehe sein Gehirn alle Din-
Danach würde er fähig sein, sich mit größter Selbst- ge aufnehmen könnte. Er aber muß das wissen, denn
verständlichkeit in ein Riesenraumschiff der Weganer das ist die Voraussetzung für einen Offizier der über-
zu setzen und es mit aller Meisterschaft zu beherr- lichtschnellen Raumfahrt.“
schen. Ihm schwindelte, wenn er an die Möglichkeiten Delouis sagte nichts mehr, doch dafür murmelte
dachte. Snuffy: „Ich werde wahnsinnig! Dem trichtern sie ja
ein Lexikon ein. Eine bequeme Art des Lernens. Wenn
„Kann dabei auch nichts passieren? Wird er nicht
ich früher die Möglichkeit gehabt hätte, wäre ich nicht
sein eigenes Ich verlieren?“ fragte Delouis.
mit der Note ,genügend’ durch mein Steuermannsex-
Lächelnd schüttelte Weng-Gal den Kopf, „An die amen gerutscht.“
graue Rinde des Großhirns sind alle geistigen und see-
lischen Leistungen des Bewußtseins gebunden. Die 10.
37 TERRA EXTRA

Mit nur noch zehnfacher Schallgeschwindigkeit die Menschen auf der Erde weitergelebt, waren ge-
schoß die schnittige Maschine mit den scharf gepfeil- storben und hatten Nachkommen gezeugt. Trotzdem
ten Stummelflügeln über die dichten Urwälder und waren sie alle nur so alt geworden, wie es die Na-
weiten Steppen des riesenhaften Kontinents hinweg, tur vorschrieb. Deshalb waren sie schon längst wieder
der allein 40 Prozent der gesamten Planetenoberflä- vergangen.
che bedeckte. Hier lagen die insgesamt 60 Städte der Stephans Maschine stand in der hitzeflimmernden
Weganer, die alle nach den gleichen architektonischen Luft still und senkte sich dann langsam nach unten.
Richtlinien erbaut worden waren. Ganz sanft setzte sie vor einer der Gigantenhallen auf,
Nirgends waren Felder oder sonstige bebaute Land- die mehr als 1500 Meter lang und über 500 Meter hoch
flächen zu sehen. Halbe Roboter brauchten keine Nah- waren.
rungsmittel, nur um die Ersetzung der Energien muß- Auf dem ganzen Planeten gab es Hunderte solcher
ten sie besorgt sein. Es war ein kleines Problem gewe- Hallen. Teilweise waren sie schon vorhanden gewe-
sen, für die drei Erdenmenschen entsprechende Nah- sen, doch zum anderen Teil waren sie förmlich aus
rung dem Boden geschossen.
herbeizuschaffen, die jetzt noch zum größten Teil Seit Monaten hatte sich kein Schiff der angriffslu-
aus Früchten bestand. stigen Telaner mehr blicken lassen. Stephan war aber
Steil und unsagbar wild wuchsen die Gipfel des Kü- nur zu gut bekannt, daß sie die Planeten einer Son-
stengebirges vor Stephan auf. Er überflog die steilen ne erobert hatten, die von Wega 78 Lichtjahre entfernt
Gipfel, und dann schimmerte die Stadt mit ihren wun- war. Er wußte auch, daß es dort intelligente Wesen ge-
dervollen Gebäuden zu ihm herauf. Weit links erkann- geben hatte, mit denen die Weganer immer gut ausge-
te er den Raumflughafen von Wega II. kommen waren. Es war eine friedliebende Rasse ge-
wesen, und deshalb war es nur zu gut begreiflich; daß
Mit automatenhafter Sicherheit bediente er die Ma-
sie den aggressiven Wesen aus einer anderen Sternen-
schine, die auf der fernen Erde vor mehr als 30 000
welt zum Opfer gefallen waren.
Jahren entworfen und später auf Wega II erbaut wor-
Der regierende Rat der Weganer, gebildet aus den
den war.
hundert besten Köpfen, hatte bedingungslos zuge-
Stephan war seit vier Monaten ein anderer Mensch stimmt und Stephan mit der Aufgabe der Verteidigung
geworden. Er verfügte über ein Wissen, das ihm selbst und der planetarischen Aufrüstung betraut.
traumhaft erschien. Er sah sich plötzlich vor Aufgaben
Seit vier Monaten lag Tag und Nacht ein Energie-
gestellt, an denen er verzweifeln wollte, bis er merk-
Schutzschirm über dem gesamten Planeten. Keinem
te, daß er die Materie vollkommen und direkt genial
Schiff würde es möglich sein, diesen Schirm zu durch-
beherrschte. Er wußte Dinge, die zu seiner Erdenzeit
brechen, und wenn das trotzdem gelingen sollte, so
noch kein Mensch geahnt hatte.
konnte es niemals unbemerkt geschehen.
Seit vier Monaten war Stephan Chef der Raumfahrt Professor Delouis schuf die Energien, die der einer
und Oberkommandierender der Raumwaffe. Professor mittleren Sonne entsprachen. Er hantierte mit Kräften,
Delious war Chef über die Energiewirtschaft, und Eze- die über jedes Vorstellungsvermögen hinausgingen,
quil Snuff war verantwortlich für die Fabrikation von und er bändigte Energien aus spontan frei geworde-
Raumschiffen und Waffen. nen Kernprozessen, die in der Form eines gerichteten
Es war erstaunlich, wie schnell sich die Weganer an Strahlschusses die Gewalt von einer Million gleichzei-
Stephans eisenhartes „Muß“ gewöhnt hatten. Sie wa- tig explodierender Wasserstoffbomben hatten.
ren aus ihrer friedlichen Lethargie gründlich erwacht, Es war unheimlich — und auch grauenhaft, wie
und seit vier Monaten war Wega II ein Rüstungsbe- selbstverständlich die drei Erdenmenschen mit Kräf-
trieb von gigantischen Ausmaßen. Der Kernphysiker ten umgingen, von denen sie zu ihrer Zeit keine Ah-
Delouis, zu seiner Zeit schon ein immer vorwärtsstre- nung gehabt hatten.
bender, immer weit vorausschauender Kopf, war in Stephan war in allererster Linie Raumoffizier. Sein
seinem Element. Die Weganer staunten nur noch, was Augenmerk hatte, der Raumschiffahrt gegolten. Vor
dieser Mann aus den überlieferten Waffen inzwischen einer Woche war das erste Super-Schlachtschiff fer-
gemacht hatte. tig geworden. Nur drei Monate hatten Hunderttausen-
Als Delouis im Saal der Erkenntnis erwachte, hat- de niemals müde werdender Weganer daran gearbei-
te er das physikalische Wissen von unzähligen Gene- tet, und die gleiche Zeit hatten ihre Hilfsmaschinen
rationen geschulter Köpfe. Es war seltsam und auch benötigt. In drei Monaten war ein 1200 Meter lan-
erschütternd, daß dieser Mann die Entdeckungen von ger und 300 Meter durchmessender Gigant fertig ge-
Menschen verbesserte, die 50000 Jahre nach ihm ge- worden, der infolge seiner teilweise 15 Meter starken
boren worden waren und die trotzdem 30 000 Jahre Panzerung ein Startgewicht von etwa sieben Millionen
vor ihm wieder starben. Tonnen hatte.
Immer wieder mußte er sich selbst vorhalten, daß er Langsam stieg Stephan aus dem Flugzeug, mit dem
ja rund 80 000 Jahre lang in einem Eispanzer gelegen er eine Raumschiffwerft am anderen Ende des Riesen-
hatte. Während sie durch den Raum krochen, hatten kontinentes inspiziert hatte.
Verweht im Weltraum 38

Der durch ein Robotgehirn gesteuerte Zubringerwa- jetzt so, wie er sie auch vor 81 000 Jahren gegeben hät-
gen schoß über das spiegelglatte und von einer stahl- te.
harten Kunststoffmasse überzogene Landefeld. Leise Blitzartig wurden seine Befehle ausgeführt. Die
summend stoppte das flache Gefährt vor ihm, und es Weganer waren gelehrige Schüler gewesen. Die Klar-
setzte sich sofort in Bewegung, nachdem er sich hin- meldungen liefen prompt ein, und dann sagte Stephan:
eingeschwungen hätte. „Ausführung!“
Mit hoher Fahrt schoß es über den Kunststoff des Stephan spielte jetzt mit der Energie einer Sonne,
Feldes hinweg, und Augenblicke später glitt der flache die er durch seinen Befehl in der Kraftstation eins ent-
Wagen durch die relaisgesteuerten und sich automa- fesselt hatte.
tisch öffnenden Tore der Riesenhalle hindurch. Dicht Stephan saß angeschnallt in dem Kontrollsessel der
vor dem Giganten des Superraumschlachtschiffes hielt Zentrale eins. Seine Finger begannen mit Schaltern
Stephan durch einen Gedankenbefehl den Wagen an. und Abstimmknöpfen zu spielen, als hätte er das. Zeit
und stieg aus. seines Lebens nicht anders gemacht.
Tausende von Weganern hatten seinen Eintritt be- Das schwerelos gewordene Riesenschiff stieg un-
merkt. Sie alle grüßten freundlich und respektvoll. ter den nur ganz geringfügigen Schubkräften feder-
„Ich komme von Werft sechsundneunzig an der leicht empor, näherte sich dem aufgeklappten Dach
Nordküste, Wen-Gal. Die Arbeit ist dort eben- und stand Augenblicke später weit über dem Werft-
falls sehr rasch fortgeschritten, und in spätestens gelände. Langsam glitt der Gigant in 2000 Meter Hö-
fünf Tagen werden wir hundert einsatzfähige Super- he davon. Aus den Reflektoren seines Hecks zuckten
Schlachtschiffe besitzen. Demnach verfügen wir mit dünne Lichtstrahlen auf, die vollkommen genügten,
der Flotte, die schon vor unserem Eintreffen vorhan- den nichts mehr wiegenden Riesen voranzutreiben.
den war, über hundert Groß-Schlachtschiffe und drei- „Der Riesenkasten reagiert wie ein kleines Schiff“,
hundertsechsundzwanzig schwere und leichte Raum- meinte Ezequil Snuff
kreuzer sowie über zahlreiche Raumboote für Auf- tief befriedigt. „Die Neutralisierung der Gravitation
klärungszwecke. Ich brauche Besatzungen, Wen-Gal! ist eine feine Sache.“
Wie weit bist du mit der Umschulung gekommen?“ Mit geringer Fahrt glitt das Super-Schlachtschiff
„Für die neuen Schlachtschiffe, Herr, stehen dir über das Gelände des Raumhafens hinweg, bis weit
achtzigtausend vorzüglich vorbereitete Weganer zur am Horizont die gewaltigen Anlagen des Atomkraft-
Verfügung. Die Besatzungen der anderen Flottenein- werkes auftauchten, in dem Professor Delouis resi-
heiten werden in unermüdlicher Arbeit auf deine For- dierte. Es war eine Riesenstadt für sich, und in ihr wur-
derungen vorbereitet.“ den Energien frei gemacht, die ausgereicht hätten, um
Stephan nickte zufrieden. Weit schweifte sein Blick zehn Planeten von der Größe einer Erde zu erwärmen.
durch die gigantische Halle mit dem Gebilde des Su- Leicht wie eine Feder senkte sich das Schlachtschiff
per Schlachtschiffes. auf den Boden nieder, der unter der Hitze seiner Bo-
denstrahler aufkochte. Die Kraftstation eins lief aus,
Stephan schritt an dem riesigen Schiff entlang und
und schlagartig geriet das Schiff wieder in die Gewalt
stellte tausend Fragen. Die Techniker der Weganer ga-
der Gravitation.
ben prompte und genaue Antworten. Es war an al-
les gedacht worden. Sogar Verpflegung für die Erden- Stephan wollte sich eben aus seinem Sitz erheben,
menschen war an Bord. als der Bildschirm der Sicht-Sprechanlage aufflamm-
te. Auf ihm erschien die Zentrale eines Raumkreu-
„Sind die Super-Pronzit-Geschosse fertig gewor-
zers, der als eines der Wachschiffe unablässig Wega
den?“ fragte Stephan.
II umkreiste. Durch den dichten Energieschirm, der
„Sind fertig. Zwanzig Meter lang, Photonenantrieb über dem ganzen Planeten lag, war eine Raumüber-
und verbesserte selbststeuernde Robot-Gehirne.“ wachung vom Boden aus unmöglich geworden. Die
Als Stephan, das Rollband zur Hauptschleuse hin- Aufgabe erfüllten die leichten Raumkreuzer, über die
aufglitt, war es, als würde eine riesige Bergwand vor die Weganer schon lange verfügt hatten, ehe die drei
ihm aufwachsen. Solche Riesenschiffe waren noch Erdenmenschen ankamen.
nicht einmal auf der Erde erbaut worden, ehe die Stephan zuckte zusammen, als er das erregte Ge-
Biologen und Wissenschaftler nach Wega II kamen. sicht des Kreuzerkommandanten sah.
Ein stolzes Gefühl ergriff Stephan, als er diese starke „Ortung fremder Körper im Raum Wega IV“, klang
Kriegsmaschine betrat. die Stimme des Weganers aus den Lautsprechern. „Ei-
Stephan krampfte sich das Herz zusammen, wenn er ne plastische Wiedergabe ist nicht möglich, Herr, da
an die Erde dachte. Was mochte aus ihr geworden sein die ausgemachten Raumschiffe unter dem Schutz ihrer
in dieser langen Zeit? War sie noch immer radioaktiv Strahlschirme reisen. Die Schiffe erscheinen punktför-
verseucht und von Menschen entvölkert? mig auf dem Reflektor des Raumtasters.“
Trotz seiner geistigen Umstellung war Stephan der Mehr sagte der Kreuzerkommandant nicht, doch für
geblieben, der er immer war. Auch seine Kommando- Stephan genügte es. Er hatte in Sekunden einen weit-
sprache war geblieben, und seine Anweisungen kamen tragenden Entschluß gefaßt. Dicht trat er vor das
39 TERRA EXTRA

Mikrophon der Sicht-Sprechverbindung. Auf der früher kam. Ihr Schiff wird zuerst ausgerüstet. Ich
Bildfläche war noch immer die Raumschiffzentrale habe die entsprechenden Anweisungen gegeben. Die
mit dem gespannt wartenden Kreuzerkommandanten kampfstarke Besatzung befindet sich hier. Sie können
zu sehen. „Log-Ter — wieviel fremde Schiffe kannst in wenigen Stunden starten, wenn es erforderlich ist.“
du erkennen?“ Über Wega II jagten die Botschaften hinweg. Über-
„Es sind etwa einhundertachtzig bis zweihundert all auf dem Planeten wußte man, daß der längst er-
Punkte, Herr“, erklärte der Weganer. „Sie fliegen in wartete Angriff gekommen war. Offensichtlich woll-
einer geschlossenen Formation und haben ihre Fahrt ten die Telaner im System der Sonne Wega zuerst auf
bereits auf halbe Lichtgeschwindigkeit gedrosselt. Ih- einem kleineren und nahezu unbewohnten Planeten
re Entfernung von Wega IV beträgt noch etwa zwei Fuß fassen, um von dort aus operieren zu können. Ihr
Milliarden Kilometer. Welche Befehle hast du, Herr?“ Anflugweg über 78 Lichtjahre hinweg war trotz fünf-
Da wußte Stephan endgültig, daß die milchstraßen- hundertfacher Lichtgeschwindigkeit zeitraubend und
fremde Rasse der Telaner zu einem entscheidenden ermöglichte keine schlagkräftigen Aktionen. Stephan
Schlag ausholte. hatte damit gerechnet, daß sie versuchen würden, erst
„Log-Ter, sende sofort eine Mikrokern- einmal auf einem Planeten der Wega Fuß zu fassen.
Lichtbotschaft an den Kommandanten der zehn auf Während die nach und nach aus allen Teilen des
Wega IV stationierten Raumkreuzer. Wortlaut des Planeten eintreffenden Superschlachtschiffe Munition
Befehls: ,Wachstumsstation in größtmöglichster Eile für die verschiedenartigen Waffen erhielten und die
räumen. Sämtliche Weganer haben sich in die Kreu- Besatzungen an Bord gingen, starteten auf den Raum-
zer zu begeben und mit denen in den Raum zu star- flughäfen die schweren und leichten Kreuzer der alten
ten. Kampfhandlungen sind unter allen Umständen Weganer-Flotte.
zu vermeiden. Kurs der zehn Kreuzer einrichten auf Es erfolgte keine Feindberührung. Die georteten
die Grenzen des Sonnensystems. Fünfzig Lichtminu- Telanerschiffe waren bis auf wenige verschwunden.
ten in den interstellaren Raum vorstoßen, dann unter Durch die Strahlschutzschirme war eine bildliche Dar-
Umkreisung des gesamten Systems Wega II anfliegen. stellung der Oberfläche von Wega IV nicht möglich,
Die Wachstumsstation ist von dem zuletzt startenden obgleich die zwischen Wega II und IV bestehende Ent-
Raumkreuzer durch Energiestrahlbeschuß restlos zu fernung von rund sechs Milliarden Kilometern für die
zerstören. Sofort durchgeben und Bestätigung anfor- fünfhundertmal überlichtschnellen Tastwellen der pla-
dern.“ stischen Fernbildwiedergabe kein Problem war.
„Ich habe verstanden, Herr“, erklärte der Kreuzer- Zweihundert Millionen Wesen, die einen mecha-
kommandant. nischen Körper und ein menschliches Gehirn hatten,
Stephan schaltete um, und der zentrale Regierungs- warteten auf die Befehle eines Erdenmenschen, von
rat von Wega II erschien auf dem Schirm. dessen Tatkraft und Kampferfahrung sie sich alles ver-
Diese hundert Weganer hatten den Alarmruf auch sprachen.
empfangen und warteten nun auf Stephans Maßnah- Stephan hatte eben einige Raumkreuzer tief in den
men. „Sofort Großalarm für Wega II“, sagte Stephan Raum vorstoßen lassen, als Professor Delouis den Saal
kurz. „Die Aufgabe der Wachstumsstation ist erforder- betrat. Schweigend sah der Kernphysiker einige Minu-
lich, da wir den massierten Angriff doch nicht mehr ten auf die Bildschirme, auf denen die Wachschiffe zu
abwehren können. Durch die Räumung des vierten sehen waren.
Planeten wird dessen Vernichtung verhindert, so daß
wir später dort wieder eine Wachstumsstation einrich- 11.
ten können. Alarm für die gesamte Raumflotte. Al-
le Werften von Wega II haben die fertigen Raum- Mit flammenden Reflexions-Lampen rasten die Gi-
Schlachtschiffe zur Bewaffnung nach Ausrüstungs- ganten der Flotte durch die letzten Schichten der At-
werk Tantropolis zu schicken. Die Raumkreuzer der mosphäre und stießen mit einer atemberaubenden Be-
alten Flotte starten sofort und verstärken die Linie der schleunigung in den Raum vor.
Wachschiffe in allen vier Kreisbahnen.“ „In knapp sechs Stunden haben wir den Plane-
„Wir sind einverstanden“, erklärte der Sprecher des ten erreicht“, murmelte Ezequil Snuff und zeigte das
Rates. „Du hast die Verteidigung unserer Welt über- trübsinnigste Gesicht, das er überhaupt hervorbringen
nommen, Herr. Wir richten uns nach deinen Anwei- konnte. „Wenn ich nicht wüßte, daß
sungen.“ ich das selbst erlebe, dann würde ich mich für einen
Stephan schaltete ab und eilte dann über die För- Irrenhausinsassen halten und anfangen, meine einge-
derbänder zur Schleuse, wo er bereits von Professor bildeten Erlebnisse niederzuschreiben.“
Delouis erwartet wurde. Die 100 Schlachtschiffe rasten weit auseinanderge-
Die dunklen Augen des Wissenschaftlers brannten, zogen durch den Raum, wobei sie in vier Ketten flo-
als er Stephans Hand drückte. „Ich habe mitgehört“, gen. Der Abstand zwischen den. einzelnen Schiffen
erklärte er kurz. „Nur gut, daß dieser Angriff nicht wurde genau nach Stephans Anweisungen mit einer
Verweht im Weltraum 40

halben Million Kilometer eingehalten. Die vollende- Snuffy handelte blitzschnell. Auf dem Rücken des
ten Steuerautomaten sorgten dafür, daß keiner der Rie- Giganten drehte sich die langgestreckte Kuppel, aus
sen aus dem Kurs wich. der die scharfe Spitze des 20 Meter langen Geschosses
Die Bildfläche der überlichtschnellen Sicht- hervorragte. Dort oben befand sich niemand. Sämtli-
Sprechverbindung flammte auf. Auf ihr wurde eine che Richtbewegungen erfolgten durch Fernsteuerung
ganz ähnliche Raumschiffzentrale und der Weganer- von den einzelnen Zentralen aus,
Kommandant des Schiffes sichtbar. Snuffy schaltete, und das vollendete Robotgehirn
„Hier ,S-75’, Herr. Ortung von etwa zweihun- der Lichtrakete begann zu arbeiten. Seine fünfhundert-
dert Raumschiffen in Peilung Wega, Planwürfel elf- mal überlichtschnellen Impulse erfaßten das Ziel und
drei-fünfundneunzig. Die georteten Schiffe reisen mit ließen es nicht mehr los. Vollautomatisch gab das Ro-
fünffacher Lichtgeschwindigkeit. Meßergebnisse über botgehirn die Meldung von der Zielerfassung an die
Mikrokern-Licht-Taster ergeben eine Entfernung von Kommandozentrale weiter, zu deren Bereich Kampf-
9,234 Lichtminuten. Bildliche Wiedergabe noch nicht kuppel 22 gehörte.
möglich. Das soeben fertig gewordene Rechenergeb- „Lichtrakete ist klar“, meldete Snuffy heiser.
nis des Elektronengehirns besagt, daß die georteten „Schön“, sagte Stephan gleichmütig, obgleich er
Schiffe mit einer Gegenbeschleunigung von sechstau- auf seinen Bildschirmen deutlich erkannte, wie aus ei-
send km/sek bremsen.“ ner der turmartigen Eckkanten des Gegners ein blaß-
Stephan umkrampfte die Armlehnen seines Kon- rotes Strahlenbündel hervorzuckte und mit Lichtge-
trollsessels und stierte auf die Bildfläche. Die „S-75“ schwindigkeit auf sie zuschoß. Nach knapp drei Se-
war das Schlußschiff. Demnach mußte sich der so kunden war der Energiestrahl angelangt. Mit unheim-
plötzlich aufgetauchte Gegner von hinten nähern. licher Wucht prallte er auf den höchstverdichteten
„Zweihundert Feindschiffe“, keuchte Stephan. Schutzschirm des Schlachtschiffes, an dem sich die
„Irrst du dich auch nicht? Sind das die zweihundert Hitzeenergie des Strahlschusses derart brach, daß ei-
Schiffe, die vor Stunden auf Wega IV landeten? Wie- ne weißglühende Glutwand an dem gesamten Schiff
so sind die nicht geortet worden, wenn die wieder entlangzuckte. Stephan hörte das helle Kreischen, das
gestartet sind, um uns abzuwehren?“ mit dem Auftreffen der Schußenergie verbunden war.
„Das können nicht diese Schiffe sein, Herr. Sie lie- Das Riesenschiff wurde ruckartig aus dem Kurs ge-
gen nach wie vor auf dem vierten Planeten. Die neu rissen, doch die vollautomatischen Stabilisatoren fin-
aufgetauchten gen es so rasch wieder auf, daß die Bewegung kaum
spürbar war.
Fahrzeuge schössen hinter der Sonne hervor, wes-
halb wir sie nicht früher ausmachen konnten.“ Stephan hatte sich nach vorn gebeugt und starrte
auf das Telanerschiff, das soeben zu einer Ausweich-
Mit einem Griff schaltete er die Flottenrufanlage
bewegung ansetzte, was aus den in die Schwärze des
ein. Mit fünfhundertfacher Lichtgeschwindigkeit ra-
Alls zuckenden Lichtstrahlen erkennbar war. Die Tela-
sten die Impulse aus den Antennen, und fast im glei-
ner wollten ausweichen, so wie sie es von den Strahl-
chen Augenblick wurden seine Befehle in allen Schif-
schüssen her gewöhnt waren.
fen vernommen. „An alle Kommandanten: Schiffe
klar zum Gefecht. Schotten schließen. Alle Weganer Das Schiff kam auch in Sekundenbruchteilen aus
Druckhelme anlegen und auf Sauerstoffatmung um- dem alten Kurs, doch das konnte das Robotgehirn der
schalten. Kampfkuppeln ausfahren. Werfer laden mit Lichtrakete nicht beirren.
Lichtraketen nach Anweisung drei. Feuerbereitschaft Mit aufleuchtenden Steuerlampen glich das Ge-
der Strahlkanonen herstellen. Alle verfügbare Energie schoß vollautomatisch die Richtungsänderung aus,
der Kraftwerke auf die Strahlschutzschirme umleiten. und im nächsten Sekundenbruchteil raste es mit Licht-
Zentrale Robot-Steuerautomaten auf die Steuerimpul- geschwindigkeit los.
se des Führerschiffes umstellen.“ „Getroffen“, schrie Snuff außer sich. „Da — sie
Stephan wartete noch einige Minuten, bis das vor- hat den Schutzschirm tatsächlich durchbrochen.“ Ste-
derste der Würfelschiffe auf eine knappe Million Ki- phan sah auf seinen Bildflächen einen gelbroten Feu-
lometer herangekommen war. Der Raumer hatte eine erpilz aus dem Telaner schießen. Gewaltige Bruch-
Kantenlänge von zumindest 400 Metern, doch trotz stücke wurden in den leeren Raum gewirbelt, und es
dieser gewaltigen Maße kam er nicht an das Schlacht- war deutlich erkennbar, daß dieses Schiff aus dem
schiff heran, das nun mit plötzlich aufflammenden Kurs gerissen wurde.
Lichtreflektoren aus dem Kurs wich und auf den Geg- „Jetzt die Super-Kobalt-Lichtrakete“, schrie Ste-
ner zuraste. phan in die Befehlsübermittlungsanlage: „Feuer
„Jetzt will ich sehen, wie sie kombinierte Pronzit- frei...!“
und Super-Kobalt-Licht-raketen verdauen“, sagte, Das Kobaltgeschoß raste davon und hatte nach
Stephan in die Rundrufanlage. „Ziel erfassen! Kampf- knapp drei Sekunden den Gegner erreicht. Nur wenige
zentrale zweiundzwanzig klar bei Pronzitgeschoß! Meter vor der Bordwand zündete das Robotgehirn die
Robotgehirn einpeilen!“ Ladung, und es lief ein spontaner Kernprozeß ab.
41 TERRA EXTRA

Auf den Bildflächen blitzte es grell auf. Stöhnend Je 100 Strahlkanonen waren auf sie gerichtet gewe-
schlug Stephan die Hände vor die Augen und riß mit sen, und dieser Energie vermochten die Schutzschirme
einer blitzschnellen Schaltbewegung sein Schiff aus nicht standzuhalten.
dem Zielkurs. Es gab zwei gigantische Explosionen, als die Atom-
Hinter dem davonrasenden Giganten tobten sich die geschosse hochgingen. Über dem vereisten Planeten
entfesselten Gewalten aus. Ein gigantischer Glutball schien flüssiges Feuer zu stehen, das sich fast über ein
stand plötzlich im Raum. Er leuchtete so hell, daß die Drittel seiner gesamten Oberfläche ausdehnte.
Wega dagegen verblaßte. Fiebernd verfolgte Stephan die Vorgänge auf den
Die Telaner hatten die Gefahr noch nicht recht er- Heckschirmen. Von dem vierten Planeten sah er nichts
faßt, wußten noch nicht, über welche vernichtenden mehr, da die von seinem Standpunkt aus sichtbare
Waffen die bisher so harmlosen Wega-Bewohner ver- Oberfläche blauweiß glühte.
fügten, als Stephan seine gesamte Flotte herumwarf „An alle!“ schrie Stephan in die Rundrufanlage,
und in breiter Formation gegen den ungeordnet flie- „volle Bremsbeschleunigung auf die Bugreflektoren.
genden Feind zuraste. Einschwenken zu einer Kreisbahn, die zumindest eine
Unaufhörlich zuckten die Pronzit-Raketen aus den Million Kilometer entfernt sein muß.“
Kampfkuppeln, und nur zwei Sekunden später folgten Hellgelbe Lichtstrahlen schössen aus den Bug-
schon die Super-Kobalt-Lichtgeschosse auf das glei- Reflektoren und bremsten die Fahrt der Schiffe wieder
che Ziel. ab, die während ihrer Flucht schon wieder die halbe
Stephan leitete die Raumschlacht, und die Weganer Lichtgeschwindigkeit erreicht hatten.
erfuhren erstmalig, was ein Erdenmensch unter dem In langer Linie schwenkten die 98 Giganten zu der
Wörtchen „Kampf“ verstand. befohlenen Kreisbahn ein, die sie um den Planeten
In panikartiger Flucht rasten die zehn letzten Wür- herumführen mußte.
felraumer davon, doch sie konnten den lichtschnellen Sie konnten nicht sehen, daß die Landungsflotte der
Geschossen nicht mehr entkommen, da die vierzigmal Telaner in den Raum gerissen worden war. Sie konn-
höher beschleunigt wurden. ten auch noch nicht sehen, daß der vierte Planet auf
Mehr als ein Schlachtschiff aus Stephans Flotte ge- seiner ganzen Oberfläche bereits grellrot glühte. Der
riet in die größte Gefahr, wenn es an einem eben ent- ungewollt angefachte Atombrand griff mit unheimli-
standenen Glutball so dicht vorbeiraste, daß die Kraft- cher Schnelligkeit auf die gesamte Materie über.
station der Strahlschutzschirme in unsinniger Energie- Stephan nahm seine Schiffe noch weiter zurück, als
entfaltung aufheulte. der Himmelskörper schlagartig in unzählige Stücke
Es dauerte zwei Stunden, bis sich die über viele zerbarst, die unter den Gewalten einer riesigen Explo-
Millionen Kilometer verstreute Flotte wieder gesam- sion in den Raum hinausrasten.
melt hatte. Stephans Kehle war rauh von den hastig Wega IV war nicht mehr.
hervorgebrüllten Befehlen, die von den Besatzungen
Mit Lichtgeschwindigkeit raste die Flotte davon.
blitzschnell ausgeführt worden waren. Erschöpft saß
Grauengeschüttelt blickten die friedliebenden Wega-
er in seinem Kontrollsitz, als die Flotte endlich wieder
ner auf den Mann, der mit erstarrtem Gesicht auf das
auf den vierten Planeten der Wega zustieß.
Werk der Zerstörung sah.
Hell schimmerte der total vereiste Himmelskörper
Der wandte sich zu Snuff um und sagte leise:
auf den Bildschirmen. In nur einer knappen Stunde
hatten sie Wega IV erreicht; Stephan dirigierte seine „So weit hatte es die irdische Menschheit also
Super-Schlachtschiffe in drei verschiedene Kreisbah- schon vor 30 000 Jahren gebracht! Die Super-Kobalt-
nen und suchte mit den empfindlichen Fernsehgeräten Bomben gab
die gesamte Oberfläche ab. es schon zu einer Zeit, als wir noch in unseren Eis-
Es dauerte nur Minuten, bis der Gegner seine Po- särgen durch den Raum trieben. Was werden wir wohl
sition selbst verriet. Mehr als zweihundert blaßrot auf der Erde vorfinden?“
leuchtende Strahlfiguren schössen urplötzlich in die „Du — du willst hin?“ fragte Snuff schweratmend.
Schwärze des Alls hinaus. Stephan nickte kurz. „Ja, sie ist unsere Heimat. Die
Stephans Warnruf kam zu spät. Zwei seiner Telaner sind im Begriff, die Milchstraße zu unterjo-
Schlachtschiffe, die sich auf der Suche bis auf nur chen. Wahrscheinlich haben sie erstmalig von uns eine
100 Kilometer der Oberfläche genähert hatten, glüh- böse Lehre bekommen. Unsere Aufgabe ist noch nicht
ten unter den Gewalten der vielen Strahlenschüsse auf. beendet, Snuffy!“

ENDE
Verweht im Weltraum 42

Als TERRA-EXTRA Band 43 erscheint:


Stern der Gewalt
von K. H. Scheer

Zwei Weltraumoffiziere und ein genialer Wissenschaftler der Erde sind nach jahrtausendelangem Eisschlaf
wieder erwacht — und diese drei Männer treten das große Erbe der Menschheitsgenerationen an, die 50 000
Jahre nach ihnen existierten und doch wieder 30 000 Jahre vor ihrem Erwachen wieder vergingen... Grandioser
Höhepunkt und Abschluß des zweibändigen Telaner-Zyklus von K. H. Scheer!
In wenigen Tagen überall im Zeitschriftenlhandel erbältlich. 70 Pfg.