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Der Atomvorhang

(Originaltitel: THE ATOM CURTAIN)

TERRA-EXTRA - SF Bestseller in Neuauflage


Band 53

von Nick Boddie Williams


3 TERRA EXTRA

JESCO VON PUTTKAMER, dessen SF-Romane die Leserschaft unserer Reihen TERRA, TERRA-
Sonderband und TERRA-EXTRA begeisterten, ist seit längerer Zeit in Huntsville, Alabama, dem amerika-
nischen Raketenzentrum, tätig. Von dort aus übersandte er uns den nachstehenden Bericht für die Leser von
TERRA-EXTRA:

Die Stadt, in der der Weltraum beginnt


(4. Teil)

Die Nachzügler von Huntsville

Das Schema des Einlebens ist stereotyp: Zunächst ihr hohes Einkommen und die amerikanische Hypo-
wird das lebensnotwendige Auto gekauft. Man ver- thekenregelung etwa zu Anfang ihres zweiten Jahres
steht zwar Englisch, jedoch nicht den „southern in Huntsville möglich machen, sich ein Grundstück
drawl“, den schleppenden, weichen südlichen Dialekt, und ein modernes Haus zu kaufen, während nach dem
und so verläßt man den Gebrauchtwagenhändler im dritten Jahr der Zweitwagen ein unbedingtes „Muß“
ersten eigenen Straßenkreuzer mit dem bohrenden Ge- ist, wissen indessen, daß es nicht immer so leicht war.
fühl, daß man von ihm gründlich übers Ohr gehauen Ihre Vorgesetzten, die „alten Peenemünder“, kamen
worden ist — was zumeist zutrifft. auf steinigem Pfad nach Huntsville — ein Pfad, der
Dann die Wohnungssuche: Das Lesen von Zei- heute gepflastert und frei von Ungewißheit und Demü-
tungsinseraten, die Empfehlungen von Bekannten, tigungen ist. Zwar hatten sie nichts mehr zu verlieren,
das Studieren des Stadtplanes, das Herumfahren von als das Leben, als sie im Sonderzug und in Autos vom
Stadtteil zu Stadtteil, die unschlüssige Begutachtung zertrümmerten Peenemünde zu den Amerikanern nach
der Drei-Zimmer-Wohnung, das Erschrecken vor den Bayern flohen. Zwar konnte sie Deutschland nicht be-
hohen Preisen. Ob möbliert oder unmöbliert: Koch- schäftigen, und die Russen suchten nach ihnen, als
herd, Kühlschrank, Klimaanlage und Geschirrspülma- sie im Rahmen des „Unternehmens Briefklammer“ in-
schine sind Standardausrüstung der meisten Mietwoh- terniert und dann von der Armee (die Luftwaffe hat-
nungen. te kein Interesse an ihnen gezeigt) nach Amerika ge-
bracht wurden.
Schließlich der Führerschein: Eine Komödie, bei
der es hauptsächlich darum geht, den Humor zu be- Indessen, sie waren Gefangene, die in Texas hinter
wahren. Jeder Huntsviller Deutsche weiß ein Lied Stacheldraht lebten. Sie hatten keine Rechte, keine Ar-
von jenem griesgrämigen Polizisten mit dem Bürsten- beit, kaum Hoffnung, nichts, außer einem einmaligen
haarschnitt und dem baumelnden Colt am Gürtel zu Schatz an Erfahrungen und dem — heute legendären
singen, der bei der praktischen Fahrprüfung dreier- — Ruf, jene Männer zu sein, die die V-2 entwickelten,
lei Typen grundsätzlich einmal, lieber jedoch zweimal die Stammutter der heutigen Raketengeneration „SA-
durchfallen läßt: Junge Männer (es sei denn, sie tre- TURN“. Die inzwischen vergangenen Jahre und der
ten sehr demütig und kleinlaut auf), jeden Bewerber, wachsende Berg an neuem Wissen lassen die Bedeu-
der durchblicken läßt, a) daß er bereits gut autofahren tung ihrer damaligen Arbeit immer deutlicher erken-
könne, und b) daß es auf der Erde Städte gebe, in de- nen: Im grundlegenden Funktionsprinzip der moder-
nen das Autofahren schwieriger als in Huntsville sei, nen Superraketen, die die ersten Menschen zum Mond
und schließlich alle Fremden, besonders jene mit dem tragen werden, hat sich seit der V-2 nicht viel geän-
gutturalen deutschen Akzent und Yankees. dert, außer den Dimensionen und der Zuverlässigkeit.
Und endlich das Kennenlernen der Stadt Hunts- Als sie schließlich 1951 von Fort Bliss in Texas nach
ville selbst: Eine Stadt ohne Tradition im europäischen Huntsville kamen, waren sie keine Gefangenen mehr,
Sinn, die mehr einer riesenhaften Siedlung gleicht. Die aber sie konnten auf Jahre des sinnlosen Wartens zu-
jungen Deutschen der „zweiten Generation“, denen es rückblicken. Es hatte lange gedauert, bis sie wieder
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mit ihren Familien vereint waren, die man erst später Flugkarte ausgehändigt, dann weiß er, daß seine fach-
aus Deutschland nachschickte. liche Eignung überdurehschnittlich, seine politische
Doch nun war die Zeit des Wartens vorüber. Der Vergangenheit fleckenlos und sein Charakter und sei-
Koreakrieg veranlaßte die Armee, die Raketenexper- ne Gesundheit einwandfrei sind.
ten erstmalig voll zu beschäftigen. Die verlassenen,
verstaubten Hallen des Redstone-Arsenals in Hunts- Manch einer der Neuankömmlinge in Huntsville
ville, im Zweiten Weltkrieg gebaut, wurden von neu- weiß zu berichten, daß ihm vor seiner Abreise von
em Leben erfüllt, als Dr. von Braun und seine Mann- Kollegen und Vorgesetzten bedeutet worden sei, sein
schaft an die Arbeit gingen. Aber nicht nur Raketen Handeln wäre ein „Verrat am Vaterland“. Jeder dieser
entstanden hier. Einer der „Alten“ weiß von jener Ta- auswandernden deutschen Spezialisten hat sich über
geszeitung in Chattanooga in Tennessee zu berichten, diese Frage Rechenschaft abgelegt. Jeder von ihnen
deren Schlagzeile Anfang der fünfziger Jahre meldete: hat seine eigene begründete Rechtfertigung. Doch hat
sich aus der Vielzahl der Beweggründe eine einfache
DEUTSCHE BRINGEN WISSEN UND
Tatsache isoliert, die allen gerecht wird: Auswande-
PUMPERNICKEL NACH HUNTSVILLE!
rer sind im Grunde Unzufriedene — Menschen also,
Bereits in jenen Tagen vor über zehn Jahren schlu- die auf die glücklichen Momente ihrer heimatlichen
gen auch jene. amerikanischen Stimmen in Wohlge- Umgebung verzichten, um einem stärkeren Trieb zu
fallen um, die bis dahin den „Nazi-Wissenschaftlern“ folgen.
skeptisch oder gar feindselig gegenübergestanden hat-
ten. Und dann, im Jahre 1960, übernahm die zivi- Was es im Speziellen auch sein mag, was den jun-
le Raumfahrtbehörde die Deutschen und ihre ameri- gen Wissenschaftler heute zur Auswanderung treibt:
kanischen Kollegen und Gefolgschaften, und inmit- eine erfüllende Arbeitsaufgabe, die faszinierende Her-
ten des Redstone-Arsenals entstand das George C. ausforderung der Weltraumforschung, ein höherer Le-
Marshall-Raumflugzentrum, genannt nach dem Urhe- bensstandard, größere Ellbogenfreiheit oder einfach
ber des Marshall-Planes, Vater des deutschen Wirt- die frischere, ungezwungenere und um so vieles
schaftswunders und dem einzigen Berufssoldaten, der freundlichere Lebensart der Neuen Welt. Er ist im
den Friedensnobelpreis erhalten hat. Grunde nicht anders, als der Bauerssohn der 30er Jah-
Der junge deutsche Ingenieur, der heute als „zwei- re, der nach Amerika ging, um „sein Glück zu ma-
te Generation“ mit oder ohne Frau und Möbel nach chen“. Ob ihm dies gelingt, das hängt indessen weni-
Huntsville kommt, ist kein Gefangener mehr, und er ger von der Neuen Welt und ihrer Lebensart ab, son-
findet hier „Wissen und Pumpernickel“ bereits vor, dern letzten Endes ganz allein von ihm persönlich.
ohne es mitbringen zu müssen. Er hat sich von sei- (Jesco von Puttkamers Bericht über Huntsville, „Die
ner Studierstube aus bei der amerikanischen Regie- Stadt, in der der Weltraum beginnt“, ist hiermit abge-
rung um eine Arbeitsstelle beworben und ist gründ- schlossen, und bei Erscheinen des nächsten TERRA-
lich geprüft worden. Hat man ihn nach etwa einjäh- EXTRA-Bandes wird wieder KURT MAHR das Wort
riger minutiöser Untersuchung angenommen und die ergreifen.)
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1. genauen Text des Reports zu erlangen — und aus mei-


ner eigenen Initiative heraus habe ich mich nach Kräf-
Ich muß endlich Anklage erheben und der Wahrheit ten bemüht, diesen Auftrag erfolgreich durchzufüh-
zum Sieg verhelfen. ren. In Croydon stieß ich nur auf abweisende Gesich-
ter — aber dadurch ließ ich mich keineswegs entmu-
Ich bin mir vollkommen klar über die Gefahren,
tigen. Erst als ich auf meinem Weg nach Genf in Pa-
die damit für uns heraufbeschworen werden. Ich weiß,
ris anlangte, wurde es mir klar, wie weit diese zwölf
daß das Risiko den Männern, die wir zu unseren Füh-
alten Männer gehen würden, um mich zum Schwei-
rern erwählt haben, schwer zu schaffen macht — und
gen zu bringen. Die Warnung wurde mir von einem
ich erhebe die Anklage nur, weil es mir bekannt ist,
kleinen, glattrasierten Mann überbracht, der mich be-
daß der Schreck ihnen in die Glieder gefahren ist und
reits in meinem Hotelzimmer erwartete. Er versicherte
sie gelähmt hat.
mir lächelnd, daß er nicht das geringste Interesse an
Aber es ist ein Risiko, das wir eingehen müssen. mir hätte — ein Blick auf meine aufgebrochenen und
Und zwar muß es sogleich sein, während die Zeit noch durchwühlten Koffer bewies mir das ganze Gegenteil
reif ist — wenn wir nicht unsere heutige Welt — Euro- —, und im nächsten Atemzug fügte er kalt hinzu, daß
pa, Asien und Afrika — für alle Zeiten zur Hungersnot meine Chancen, Paris zu verlassen, um meinen Weg
und zum Siechtum verurteilen wollen, wie sie heutzu- nach Genf fortzusetzen, gleich Null wären.
tage herrschen. Und jetzt weiß ich, daß das nicht zu Dieser kleine Mann machte einen gewissen Ein-
sein braucht. druck auf mich. Folglich fuhr ich von Paris nach Triest
Zwischen dem auf dem Spiel stehenden Verlust und und hielt mich dort drei Wochen auf, um die Rolle ei-
dem etwaigen Gewinn gibt es einen Mittelweg, der uns nes Vergnügungsreisenden zu spielen. Dann begab ich
die Freiheit erhält und auch die Möglichkeit der Hun- mich eines Nachts an Bord eines Fischkutters und se-
gersnot und des Siechtums ausschließt. Wir haben nur gelte nach Saloniki.
unsere eigene Gier zu fürchten. Wenn wir bescheiden Dort verschaffte mir ein Bekannter ein kleines
werden und uns auch über die uns auferlegte Verant- Sportflugzeug, mit dem ich die Präfektur der Türkei
wortung klar sind, dann können wir den Verlauf un- erreichen sollte. Dieses Flugzeug wurde bereits zwei
serer Geschichte günstig beeinflussen. Die Tatsachen, Minuten nach dem Start abgeschossen — aber an Bord
wie sie mir bekannt sind, haben nicht nur mich allein befanden sich nur meine Gepäckstücke. Es bereitete
überzeugt, sondern auch Menschen mit kühl abwägen- mir viel Vergnügen, zwei Tage später bei meiner An-
dem Verstand und nüchternem Realitätssinn — mit kunft in Istambul in den Zeitungen einen Bericht über
Ausnahme der Führer der Weltregierung, also jener den Flugzeugabsturz und über meinen Tod zu lesen.
zwölf alten Männer in Genf. Es ist jetzt unsere Auf-
gabe, auch sie davon zu überzeugen — und wenn das Jetzt hatte ich die Gewißheit, daß ich weiterhin
nicht gelingt, dann müssen wir eben darauf dringen, nicht verfolgt wurde — und sogleich machte ich mich
daß sie ihrer Posten enthoben werden. wieder auf den Weg nach Genf. Am Morgen meiner
geplanten Abreise ereignete sich jedoch ein weiterer
Ich trete vor die Schranken der Öffentlichkeit und Zwischenfall: ich saß meinem freundlichen Gastgeber
erhebe Anklage gegen die zwölf alten Männer der am Frühstückstisch gegenüber, als dieser plötzlich die
Weltregierung. Es war ausschließlich ihr Werk, daß Kaffeetasse aus der Hand stellte und tot auf seinem
der sensationelle O’Hara-Report in die Archive der In- Sessel zusammenbrach.
ternational Patrol in Genf versenkt wurde, so daß nicht
Sofort wurde ich unter Mordanklage gestellt, und
einmal das leiseste Gerücht davon an die Öffentlich-
zweifellos wäre mir auch ein solches Verbrechen
keit drang. Jene wenigen Menschen, denen dieser Re-
durch fingierte Beweise nachgewiesen worden, wenn
port auf dem Flugplatz von Croydon in London be-
ich nicht inzwischen den Staub des türkischen Bodens
kannt wurde, und die ihn sogleich versiegelt und nach
von meinen Füßen geschüttelt hätte.
Genf geschickt haben, sind unmittelbar darauf einzeln
zu Dienststellen versetzt worden, die an den entlegen- Ich habe keineswegs die Absicht, der Welt meinen
sten Stellen unserer Erde untergebracht sind. Nur den augenblicklichen Aufenthaltsort bekanntzugeben, be-
wenigsten Regierungsmitgliedern ist dieser Report be- vor ich nicht alles gesagt habe, was mir am Herzen
kannt geworden, und gerade diese sind es, die alles liegt.
daran setzen werden, den Report für immer vor der Aber all das sind persönliche Abenteuer, die nur für
Öffenentlichkeit zu verbergen. Es ist die größte Ver- mich von Interesse sind und vielleicht für meine näch-
tuschung eines Dokumentes, die es je in unserer Ge- sten Freunde. Meine Reise war jedenfalls ein ausge-
schichte gegeben hat. sprochener Fehlschlag: ich habe den Originaltext des
Und mir, Arthur Blair, ist es in Croydon gelun- O’Hara-Reports nicht beschaffen können. Das liegt
gen, einen genauen Überblick über diesen Report zu einzig und allein an dem Verhalten der zwölf alten
bekommen. Aus Gründen, die im weiteren Verlauf Männer!
meiner Aufzeichnungen ersichtlich werden, erhielt ich Ja, sie haben sich eine unvorstellbare Verantwor-
von meiner Zeitung, dem Observer, den Auftrag, den tung auf die Schulter geladen. Es ist ausschließlich ihr
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Fehler, wenn die künftigen Generationen unserer Er- die nächsten beiden Stunden hindurch mit Chefredak-
de zu einem Dasein zurückkehren müssen, das ganz teur Edgar Soames konferierte. Er erklärte mir, daß er
und gar menschenunwürdig ist. Ihrem Entschluß ist den Bericht nur dann bringen könnte, wenn wir den
es zu verdanken, daß jetzt im Jahre 2230, zweihun- genauen Wortlaut des Reports aufzutreiben vermoch-
dertfünfundachzig Jahre nach der Atomspaltung, die ten — denn der Observer galt als ein Blatt, das nur
Sahara noch immer ein unwirtschaftliches Wüstenge- authentisches Material veröffentlichte.
lände ist, während gerade dieses Gebiet bei Bewirt- Gegen elf Uhr kehrte ich zu O’Haras Wohnung in
schaftung nach den modernen Erkenntnissen der Wis- Bloomsbury zurück. Weder von ihm selbst, noch von
senschaften vielen Menschen Nahrung und Brot lie- seiner Frau und seinem Gepäck war die, geringste
fern könnte. Und es ist auch ihrer Entscheidung zu Spur zu entdecken. Der Hausverwalter erklärte mir
verdanken, daß die Wüsten von Australien, Arabien, nachdrücklich, daß die Wohnung seit drei Jahren voll-
China und die Tundra von Sibirien heute noch genauso kommen unbewohnt wäre, und daß ich sicher in einem
leblos und unfruchtbar sind, wie sie vor dem Wunder Irrtum befangen wäre — O’Hara? Er hatte noch nie et-
von Los Alamos waren. Den zwölf alten Männern von was von einem Emmet O’Hara gehört!
Genf ist es zuzuschreiben, wenn die westliche Hemi-
Nein, der Verwalter hatte nie etwas von O’Hara
sphäre, die seinerzeit dazu auserkoren schien, unsere
gehört — und auch alle anderen Menschen nicht,
Erde von aller Not zu befreien, für weitere Jahrhun-
die ich befragte. Anscheinend existierte O’Hara über-
derte ein Geheimnis bleiben wird, das hinter dem ge-
haupt nur in meinen Vorstellungen.
waltigen Schirm des Atomvorhangs schlummert.
Irgend jemand hatte hier überaus schnell gehandelt
Warum tun sie uns das an? Warum waren sie dar-
— allerdings vermochte ich nicht festzustellen, ob es
auf aus, mich unbedingt zum Schweigen zu bringen?
nun O’Hara selbst gewesen war oder die Sicherheits-
Können sie denn herzlos zusehen, wie eine Vielzahl
abteilung. In unser aller Interesse will ich annehmen,
unserer Menschen leiden? Nein, so einfach sind die
daß ihm die Flucht gelungen ist, obwohl er die Grenze
Antworten nicht. Nur zögernd tasten sie sich durch das
des Glücks bereits zweimal überschritten hatte.
Zwielicht des Zweifels und der
„Zweimal habe ich die Grenze des Glücks über-
Furcht vor, nur langsam dringt die Erkenntnis der
schritten“, hatte er selbst gesagt, und dann hatte ich
Tatsache dieses Reports auf sie ein.
das herzliche Auflachen vernommen, das mir noch aus
Dennoch bestehe ich darauf, daß die Menschen ein der Schulzeit in Erinnerung war.
Recht haben, diese Tatsachen zu erfahren. Sie müs-
sen die Wahrheit hören, genau wie ich sie von Em- „Zweimal?“ hatte ich gefragt. „Ich würde eher sa-
met O’Hara selbst gehört habe. Ja, von ihm selbst — gen, mehr als tausendmal.“
kurz nachdem er seinen Report in Croydon abgelie- „Oh, ich meine nicht den Report, von dem ich dir
fert hat. Sie können sich einfach nicht zu der Ober- eben erzählt habe“, sagte O’Hara, während ein lei-
zeugung durchringen, daß O’Hara nicht nur in unse- ses Lächeln um seine Mundwinkel zuckte. „Immerhin
rem Interesse handelt, sondern auch im Interesse der lauert auch hier gewissermaßen eine versteckte Todes-
westlichen Hemisphäre, die hinter dem undurchdring- gefahr. Möchtest du mich bitte ins Nebenzimmer be-
lichen Atomvorhang liegt — und sie werden das An- gleiten? Ich möchte dir nämlich Nedra vorstellen.“
gebot, das O’Hara uns gebracht hat, niemals anneh- „Nedra?“
men. „Ja, Nedra. Du hast doch wohl nicht angenommen,
Dieses Angebot wird uns während der nächsten Ta- daß ich sie dort gelassen hätte?“
ge noch einmal in ganz offizieller Form wiederholt Ich starrte ihn an.
werden — und wenn wir dann darauf eingehen, dann
beginnt für unsere Welt ein neues Leben. „Steht das in deinem Report?“
Ich wünschte, ich könnte hier in allen Einzelheiten „Natürlich nicht, es ist doch eine reine Privatange-
aufzeichnen, was aus O’Hara geworden ist — und aus legenheit. Aber die Boys in Croydon haben sie gese-
jenem wundervollen Geschöpf, das er als seine Frau hen, als wir dort gelandet sind. Ich entsinne mich ihrer
bezeichnete. Aber diese beiden Menschen sind nach Überraschung. Wahrscheinlich hat sie dieser Anblick
ihrem Besuch bei mir verschwunden. noch weitaus mehr überrascht als meine Nachricht von
der Rückkehr. Also, willst du mich begleiten?“
Am zweiten Weihnachtsfeiertag nachmittags um
vier Uhr gab O’Hara seinen Report ab. Dann begab er „Ja.“
sich in seine alte Wohnung in Bloomsbury, rief mich „Dann stell dich hinter mich“, flüsterte er warnend.
in der Redaktion des Observer an, und um sechs Uhr „Und reich mir den Knüppel.“
trafen wir uns zum Abendessen. Um acht Uhr war ich Es war ein etwa meterlanger Holzknüppel, der mit
mit den wesentlichen Einzelheiten seines Reports ver- reichen Schnitzereien versehen und schon recht abge-
traut — und dann traf ich seine Frau. griffen war. O’Hara ergriff ihn, wirbelte ihn hoch in
Um acht Uhr fünfzehn verließ ich die beiden und die Luft und fing ihn geschickt wieder auf. Das mußte
begab mich sofort zur Redaktion des Observer, wo ich er sehr oft trainiert haben.
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„Sehr nützlich“, murmelte er dabei, „wenn man das hatte Emmet O’Hara gefragt, während ich angespannt
Leben für wichtig hält, obwohl ich nicht so recht da- den Atem anhielt.
von überzeugt bin. Wir leben zu lange, und wir wün- Aber sein Vater hatte gewissenhaft über diese Fra-
schen uns ein immer leichteres Leben, ohne je daran ge nachgedacht — wie über alles, was Emmet ihn je
zu denken, daß es eines Tages zu leicht werden könn- befragte.
te.“
„Gewiß, das stimmt“, hatte er schließlich entgegnet.
„Aber du hast es doch in letzter Zeit wirklich nicht
„Ich habe es selbst nie verstehen können, weshalb un-
leicht gehabt, O’Hara?“
sere Vorfahren das eigentlich getan haben. Als ich in
„Nun, bis zu meiner Landung in Croydon nicht“, er- deinem Alter war, habe ich meinen Vater mit den glei-
widerte O’Hara. „Aber das ist ja bereits vier Stunden chen Fragen bestürmt. Irgendwie sträubte ich mich ge-
her, und nun wird es langweilig.“ Er umklammerte den gen den Gedanken, daß unsere Vorfahren ohne einen
Knüppel mit einem“ festen Griff. „Und jetzt wollen zwingenden Grund ihre vielversprechende Welt ver-
wir die Tür öffnen.“ lassen haben, um hier als Flüchtlinge ein neues Da-
Er hat sich also gelangweilt! Innerhalb von drei sein aufzubauen. Aber auch dein Großvater konnte mir
Stunden waren O’Hara und Nedra spurlos verschwun- auf diese Fragen keine erschöpfende Auskunft geben,
den, als hätten sie niemals existiert. Eigentlich hätte denn er selbst hatte ja auch nur davon gehört, wie sei-
ich mir gleich denken können, daß es mit dem Arti- ne Eltern allen Besitz im Stich lassen mußten, um hier
kel im Observer nichts werden würde. Nun, vielleicht herzukommen. Jedenfalls sind sie einem bestimmten
hatte ich dadurch die Fassung verloren, daß O’Hara Ideal gefolgt.“
so überraschend aufgetaucht war, nachdem ich ihn
„Aber welchem Ideal?“
längst verschollen geglaubt hatte. Und sein Bericht
hatte meine Sinne allen Realitäten des Lebens gegen- „Die Erde sollte eine Einheit darstellen, die nicht
über stumpf gemacht. Ich hatte nur noch Gedanken für durch die Errichtung eines Atomvorhangs in zwei Tei-
diesen Artikel! le gespalten wurde. Wenn es von der Vorsehung be-
In unzertrennlicher Freundschaft waren wir zusam- stimmt war, eine getrennte Erde zu haben, dann hätte
men aufgewachsen, bis er sich schließlich den aben- die Vorsehung das auch erreicht.“
teuerlichen und gefahrvollen Beruf als Pilot in der In- „Dann war es ein falsches Ideal“, versetzte Emmet
ternational Patrol erwählte. O’Hara. „Wenn es in der Absicht der Vorsehung läge,
Er flog die festgelegte Route am äußeren Rande des eine Einheit der Erde zu haben, dann wäre sie doch
riesigen radioaktiven Schirms, der die westliche He- heute da.“
misphäre wie eine gigantische, gläserne Kuppel her- Sein Vater lächelte.
metisch von der Außenwelt abschloß — der Atomvor-
hang! „Genug davon, mein junger Philosoph — es wird
jetzt Zeit für dich, zu Bett zu gehen.“
Unsere Familien waren zusammen nach England
gekommen — damals im Verlauf der riesigen Emi- Wir gingen also zu Bett — aber an Einschlafen war
gration von Nordamerika aus, die kurz vor der Errich- kein Gedanke, denn durch das vorausgegangene Ge-
tung des Atomvorhangs erfolgte. Ich erinnere mich, spräch waren wir viel zu sehr aufgewühlt. Emmet re-
wie O’Hara, der damals knapp achtzehn Jahre alt war, dete noch stundenlang über dieses Thema, während
seinen Vater eines Abends in meiner Anwesenheit be- ich von einer tiefen Müdigkeit ergriffen wurde.
fragte. Ich bewunderte ihn schon damals, weil er von „So ist es schon immer gewesen“, sagte er nach-
Natur aus viel kräftiger und robuster war als ich — und denklich. „In all den zahllosen Jahrhunderten der
viel kühner im Vorgehen. Ich hätte es niemals gewagt, Menschheitsentwicklung — wann immer ein Volk
derartige Fragen zu stellen. einen verhängnisvollen Fehler begangen hat, dann ha-
„Warum haben unsere Vorfahren Amerika verlas- ben sie späterhin als Motiv den Gehorsam und die
sen?“ fragte er. „Es war doch ihr Land, nicht wahr?“ Treue zu einem Ideal angegeben. Erinnerst du dich
„Ja, es war ihr Land“, erwiderte sein Vater ernst. noch an die amerikanische Geschichte?“
„Aber sie haben es verlassen, weil sie das, was Ame- „Wie könnte ich mich daran erinnern?“ fragte ich
rika damals tat, nicht für richtig hielten.“ erstaunt. „Sie wird doch gar nicht mehr gelehrt.“
„Entschuldige, wenn ich das mit anderen Augen an- „Aber früher wurde sie gelehrt — und in Oxford
sehe“, versetzte O’Hara. „Wenn die Yankees sich von gibt es noch immer Bücher darüber. Große, entschei-
der anderen Welt absondern wollten, dann war das dende Geschehnisse: die Revolution, der Bürgerkrieg
doch ihre persönliche Angelegenheit, nicht wahr?“ und die drei Weltkriege. Es würde dich überraschen
„Es tut mir leid, Emmet — aber du bist noch zu zu sehen, wie oft dieses Grundthema zurückkehrt: Ge-
unreif, um das verstehen zu können“, hatte sein Vater horsam und Treue zu einem Ideal. O ja, ich kann mir
geantwortet. schon vorstellen, daß unsere Vorfahren das gleiche
„Und ist das nicht genau die Antwort, die ein Mann Motiv anführten, als sie die westliche Hemispäre ver-
über einen Punkt abgibt, den er selbst nicht versteht?“ ließen, ehe der Atomvorhang errichtet wurde. Und ich
Der Atomvorhang 8

halte jede Wette, daß jene Menschen, die dort verblie- O’Hara betrachtete mich stirnrunzelnd. „Wovor
ben sind, ebenfalls von ihren Motiven und Idealen ge- denn? Vielleicht vor sich selbst und vor ihrer eigenen
leitet wurden: Friede, Freiheit, Befreiung von aller Not Macht, aber gewiß vor nichts anderem. Mit Leichtig-
und Angst.“ keit hätten sie die anderen Nationen der Erde vernich-
Irgendwo im Haus schlug eine Glocke an ten können, und diese rechneten auch jeden Augen-
— eine Uhr. Unwillkürlich lief mir ein eiskalter blick damit, daß urplötzlich eine gigantische Luftflot-
Schauer über den Rücken, ohne daß ich mir erklären te durch den Vorhang dringen und ihre tödliche Last
konnte, warum. bringen würde. Im Grunde genommen sind wir auch
„Und ob sich diese Ideale wohl verwirklicht ha- heute noch von dieser Furcht besessen, denn sonst
ben?“ fragte Emmet O’Hara nachdenklich. „Was ist würden wir nicht nach wie vor diesen Vorhang durch
aus den Amerikanern geworden, seit sie vor nun zwei- die International Patrol kontrollieren. An sich ist das
hundertsechzig Jahren den Atomvorhang errichtet ha- ein vollkommener Wahnwitz, denn schließlich gibt
ben? Und was wäre wohl aus uns geworden — aus es ja gar keine Verteidigungsmöglichkeit gegen einen
Europa, Asien und Afrika — wenn sie ihn nicht er- derartigen Angriff, und alles, was mit dem Atomvor-
richtet hätten? Denn die Amerikaner waren doch ein hang zusammenhängt, ist ein Mysterium für uns, das
Volk, in dem es viele hervorragende Wissenschaftler wir einfach nicht enträtseln können.“
auf allen Gebieten gab. Die Atombombe von Los Ala- „Und wogegen wir auch nicht angehen können“, be-
mos, die Wasserstoffbombe von Bikini und die Versu- merkte ich. Aber O’Hara war so in seine Gedanken
che auf den Yucca Fiats eröffneten der Wissenschaft vertieft, daß er mich gar nicht hörte.
völlig neue Wege, die in eine glorreiche Zukunft zu „Das ist es!“ rief er. „Das Mysterium! Die größte al-
führen schienen, bis...“ ler Mächte, und vollkommen unbekannt und gewisser-
„Das ist mir alles bekannt“, unterbrach ich ihn. „Bis maßen eine Terra incognita. Es ist ein Wunder, daß wir
der dritte Weltkrieg ausbrach.“ sie nicht verehren, denn Unwissen, Furcht und Myste-
Ein seltsames Lächeln huschte um Emmets Lippen. rium sind die Erfordernisse von Göttern. Eine Rasse
„Dann hast du also doch ein bißchen darüber gele- von Göttern!“
sen?“ „Das mag alles sein“, murmelte ich schlaftrunken.
„Eine ganze Menge sogar“, erwiderte ich. „Aber „Mir gefällt der Gedanke, daß ich einem Geschlecht
mehr oder weniger zeitgemäße Bücher von Göttern entstamme. Das hebt das Selbstbewußt-
— und nicht die längst vergessene Geschichte von sein ein bißchen, und so etwas kann man immer ge-
Amerika.“ brauchen. Dürfte ich jetzt wohl einschlafen?“
„Und du weißt auch, was den dritten Weltkrieg be- „Nicht einmal ein Geschlecht von Göttern kann
endet hat, nicht wahr?“ dich daran hindern“, brummte Emmet O’Hara, wäh-
rend er die Nachttischlampe ausschaltete.
„O ja — Thorium.“
„Thorium“, flüsterte er. „Ja, das war es — Thorium. Mit seinen Worten hatte er den Kernpunkt der Si-
Die größte aller Errungenschaften! Als die Formel für tuation erfaßt, wie ich später feststellen sollte. Die bei-
das Thorium einmal entdeckt war, da waren auch im den verlorenen Kontinente stellten genau wie die Rin-
gleichen Augenblick alle Schwierigkeiten und Hinder- ge des Saturn ein Phänomen dar, das im Grunde ge-
nisse überwunden. Sie konnten nach eigenem Willen nommen den Kaufpreis der Eier nicht zu beeinflussen
und Ermessen den Frieden diktieren, und sie konnten vermochte. Es war uns natürlich bekannt, daß die Pilo-
jegliche Experimente mit dem Stoff verbieten. Nur in ten der International Patrol laufend den Atomvorhang
Amerika war es den Wissenschaftlern gestattet, ihre überwachten und sich ihm näherten, soweit es irgend
Versuche fortzuführen, und wenn es eine Nation ge- ging, aber das war ein Problem, das nur die zwölf alten
wagt hätte, trotz des ausdrücklichen Befehls irgend- Männer von Genf betraf.
welche Experimente durchzuführen, dann hätten sie es Wir waren mit der Kenntnis über das Vorhandensein
sofort in Washington am Ausschlag der Geiger-Zähler dieses gigantischen Vorhangs aufgewachsen, und der
bemerkt, und die erbarmungslose Vernichtung der be- Gedanke daran war zu phantastisch, um unser Leben
treffenden Nation wäre erfolgt. in irgendeiner Form zu beeinflussen. Wer kümmerte
Das war in Wirklichkeit die Eroberung der Erde. sich schon groß um diesen Vorhang — mit Ausnahme
Statt jedoch die Herrschaft über die Erde anzutreten, der Piloten der International Patrol, deren Aufgabe es
beschränkten sie sich darauf, in ihrer eigenen Hemi- nun einmal war?
sphäre zu bleiben und diese durch den gigantischen Immerhin faszinierten mich O’Haras Briefe, die ich
Atomvorhang von der Welt abzutrennen. Dadurch wa- von seinem Standort bei der International Patrol emp-
ren die beiden Kontinente von Nord- und Südamerika fing. Der erste dieser Briefe erreichte mich, als ich ge-
so vollkommen vom anderen Teil der Erde abgeschnit- rade einen Monat bei der Redaktion des Observer be-
ten, als wären sie im Meer versunken.“ schäftigt war.
„Selbst mit dem Besitz der Formel für Thorium „Am Horizont treffen der schwarze Himmel und
müssen sie noch Angst gehabt haben“, meinte ich. das schwarze Meer zusammen, aber man darf sich
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durch die Farben nicht täuschen lassen, denn dort hin- Es sei denn, man läßt seine Phantasie spielen und
ten hängt in einer Entfernung von etwa zehn Meilen sagt sich, es wäre durch den Atomvorhang gekom-
die unsichtbare Todeswand. men! Dieser Gedanke ist natürlich vollkommen ab-
Bei meiner ungeheuren Geschwindigkeit kann be- surd. Ich würde von Herzen gern auf meine näch-
reits der Bruchteil einer Sekunde zum Verhängnis wer- ste Beförderung verzichten, wenn ich mich dafür an
den. In einem Augenblick frierst du bis ins Mark hin- Bord dieses Bootes begeben könnte! Aber noch bin
ein, und im nächsten wirst du wie in einem Höllen- ich nicht bereit, mein Leben aufzugeben — und zwei-
feuer gebraten. Wie dick mag diese Wand sein? Die fellos würde mich ein solches Unterfangen das Leben
Wissenschaftler schätzen sie auf eine Breite von et- kosten. In zehn Jahren vielleicht, wenn die akute An-
wa zwölf Meilen — also eine Entfernung, die ich im steckungsgefahr der Radioaktivität abgenommen hat,
Bruchteil einer Sekunde durcheilen könnte; allein die dann könnte man dieses Wrack einmal in Augenschein
Fliehkraft meines Flugzeuges würde ausreichen, um nehmen!
die Wand zu durchstoßen. Aber zweifellos müßte ich Zwei Jahre später kam O’Hara nach London; er war
bei einem solchen Wagnis den Tod erleiden, und was unterwegs nach Stockholm, und ich besuchte ihn in
hätte ich damit erreicht? seiner Wohnung in Bloomsbury. Er trug bereits die
goldenen Offiziersabzeichen an seiner dunkelblauen
Im Laufe der vergangenen Woche führte ich aber- Uniform, und er war wirklich eine ausnehmend statt-
mals einen dieser Routineflüge entlang des Vorhangs liche Erscheinung.
durch. Ich startete von unserem Stützpunkt auf den
„Nun?“ fragte ich ihn. „Was macht denn die atoma-
Falkland-Inseln.
re Krankheit?“
Ich raste etwa dreißig Meter über dem Meeres- O’Hara ließ sich Zeit bei der Beantwortung meiner
spiegel dahin, als ich plötzlich am Horizont einen Frage.
dunklen Punkt bemerkte, der auf der Wasseroberfläche „Das hatte ich schon ganz und gar vergessen“, sagte
zu schwimmen schien. Sofort lenkte ich das Flugzeug er schließlich. „So etwas überwindet man im Laufe der
darauf zu, aber als ich die absolute Maximalgrenze der Zeit, und ich glaube, der Körper stellt sich auch mehr
Radioaktivität erreicht hatte, da war ich noch immer oder weniger darauf ein. Im ersten Jahr ist es natürlich
zehn Meilen von dem dunklen Gegenstand entfernt. besonders schlimm, und unsere Kadetten erkennt man
In diesem Augenblick muß ich mich in unmittelba- schon von weitem an ihrer ungesunden Gesichtsfar-
rer Nähe des Atomvorhangs befunden haben, falls ich be und den rotgeränderten Augen. Dabei überschrei-
ihn nicht gar schon berührte! Und das war überhaupt ten sie niemals die Grenze von 165 Milliröntgen auf
der erste Gegenstand, den ich je in diesen Bezirken dem Zählgerät. Und dann hat man es ganz plötzlich
gesehen hatte. Ich war zur Umkehr gezwungen. Und überwunden und kann sogar einen Durchschnitt von
schon hatte ich diesen Gegenstand aus den Augen ver- 225 Milliröntgen vertragen, wenn auch nur für einen
loren. Da ich zum Glück genug Treibstoff an Bord hat- kurzen Zeitabschnitt. Natürlich muß man streng dar-
te, beschrieb ich einen weiten Bogen und näherte mich auf achten, daß man nicht unvermittelt in den Bereich
abermals dieser Stelle. Und schon tauchte er wieder des Vorhangs gerät, denn dann wäre man in einem ein-
auf — noch immer kam er auf mich zugetrieben. zigen Augenblick verkohlt.“
Während der folgenden zehn Minuten flog ich aus „Verliert ihr viele von euren Kadetten?“
allen Richtungen immer wieder auf dieses dunkle Et- „Drei von zehn. Das sind diejenigen, die einfach
was zu, um es so genau wie nur möglich zu inspizie- nicht einsehen wollen, daß die ganze Sache festliegt
ren. Schließlich jedoch mußte ich mich wohl oder übel und einwandfrei berechnet worden ist, so daß ein Irr-
auf den Rückflug machen, denn mein Treibstoff ging tum vollkommen ausgeschlossen ist. Der Vorhang ist
langsam zur Neige. fest und unbeweglich, und auch die Route deines Flug-
zeuges muß fest und unbeweglich bleiben. Wird man
Einige Tage später wurde dieser seltsame, dunkle aber einmal durch schlechte Wetterbedingungen oder
Gegenstand abermals von einer Streife gesichtet — durch einen Sturm auf den Vorhang zugetrieben, dann
und zwar in der Nähe von South Orkney Island. So- bleibt nur noch der Ausweg, die Maschine sofort nach
fort ließen wir durch Teleobjektive einige Aufnahmen Süden herumzureißen. Im vergangenen Sommer hat-
herstellen, und dabei stellte sich heraus, daß es sich bei ten wir jedoch einen neuen Mann...“
diesem Gegenstand um eine Art primitives Boot han-
Er hielt inne, seine Schultern sanken ein wenig
delte, auf dem die total verkohlten Leichen von drei
vornüber, und seine Augen schienen in die Weiten der
Männern lagen.
Antarktis gerichtet.
Drei Männer an Bord eines primitiven Bootes — „Ja?“ fragte ich.
von woher? O’Hara zuckte zusammen.
Möglicherweise von den Sandwich Islands — das „Entschuldige, bitte“, sagte er, und dabei huschte
wäre zwar eine außerordentlich lange Reise für ein ein verlegenes Lächeln um seine Mundwinkel. „Ich
derartiges Wasserfahrzeug — aber woher sonst sollte war einen Augenblick abwesend. Wir haben uns nie-
es gekommen sein? mals recht vorstellen können, was es gewesen sein
Der Atomvorhang 10

könnte — höchstwahrscheinlich ist ihm ein Fehler un- meinem Eintreffen bei der International Patrol ge-
terlaufen. Möglicherweise war er ein wenig verwirrt, schrieben habe. Nun, ich weiß es nicht, es gibt, wie
so etwas kommt bei unerfahrenen Leuten immer wie- gesagt, keinen Anhaltspunkt. Immerhin neige ich zu
der vor. Nun, das sind eben die dreißig Prozent, von der Ansicht, daß er den Vorhang nicht durchdringen
denen ich vorhin gesprochen habe. Wenn ein Kandidat könnte — sein Flugzeug würde dabei vernichtet wer-
die Aufnahmeprüfung besteht, dann wird er angenom- den. Nun, was immer es auch gewesen sein mag, fest
men, dabei sollte man jedoch auch Teste über seine steht, daß er sich in sicherer Entfernung vom Vorhang
Empfindungen und sein Gefühlsleben anstellen.“ befand. Seine Durchgabe der Milliröntgenzahl beweist
„Aber das wird doch sicher gemacht?“ das einwandfrei. Er hat seine Instrumente falsch abge-
„Ja, bis zu einem gewissen Grad, aber doch immer lesen, und das hat ihn umgebracht. Irgendwie hat es
noch ungenügend. Wenigstens war es so in Anstrut- ihn umgebracht, und es kommt ja auch gar nicht so
hers Fall.“ genau darauf an, wie es sich im einzelnen abgespielt
hat.“
„War das der neue Mann, den du vorhin erwähn-
test?“ Ein Jahr später schrieb mir Emmet O’Hara, daß er
zum Captain befördert worden war. Er lag jetzt auf
„Ja, er war meiner Gruppe zugeteilt, als wir auf den
Wrangell Island bei der Beringstraße, wo der Vorhang
Falklands lagen. Ein hübscher Bursche mit blondem
den nördlichsten Zipfel Sibiriens erreicht.
Haar und blauen Augen. Mir gefiel dieser Junge. Er
war überaus einsatzfreudig und hatte seine eigenen „Hier hat das Zeitelement jegliche Bedeutung ver-
Vorstellungen. Auf seinem letzten Flug fing ich unver- loren“, schrieb er mir. „In einem Tag kann ich den
mittelt seinen Funkspruch ab — das war über South Anadyr-Golf erreichen, von wo aus unsere Vorfah-
Shetland, und er hatte diese Route schon zwölfmal ren im dritten Weltkrieg die Festung Wladiwostok
geflogen. Ich weiß, ich hatte irgendein unbestimm- bombardierten— und über das Franz-Josef-Land und
bares Gefühl, das mir sagte, ich hätte diesem Jungen die Eisfjorde Spitzbergens und einem direkten Kurs
die Starterlaubnis entziehen seilen, aber so etwas kann über Stockholm kann ich zum Dinner bei Swalls in
man nicht tun, denn schließlich war er von den Ärz- London sein. Was also hat das Zeitelement noch zu
ten für tauglich befunden worden. Ich fing also seinen bedeuten?
Funkspruch auf, als er sich in unmittelbarer Nähe des Aber nach Überschreiten des Längengrades von
Atomvorhangs befand. Er hielt sich in sicherer Entfer- Wrangell schwingt der Vorhang viel näher an den
nung vom Vorhang, und er hatte auch schon die Hö- amerikanischen Kontinent heran. Und an diesen Stel-
he des Kaps erreicht, an dem der Vorhang endet. Und len können wir nicht parallel zum Vorhang fliegen,
urplötzlich war dann Anstruthers Stimme verschwun- sondern müssen uns ihm bis zu einem bestimmten
den. Punkt nähern, um dann wieder umzukehren und das
So etwas kann natürlich passieren. Dennoch emp- gleiche Manöver an einer anderen Stelle zu wiederho-
fand ich diese plötzliche Stille wie einen Schlag ins len.
Gesicht. Vier Sekunden dauerte diese Stille, dann kam In den vergangenen zwölf Monaten habe ich mehr
Anstruthers Stimme wieder. Er schrie. von Nordeuropa und Sibirien gesehen als die großen
Aber es war kein Schrei des Schreckens. Es war wie Expeditionen der Zaren in tausend Jahren. Die letzten
ein aufgeregter Jubelschrei, wie ein Siegesschrei für Zeugen ihrer Kulturepoche liegen noch immer über
seine Kameraden: „Er ist weg — er ist weg! Die Skala dieses eurasische Landmassiv verteilt, und auch die
zeigt nichts mehr an — er ist weg, ich kann ihn nicht Wunden sind noch zu sehen, die diesem Land im Ver-
mehr finden — der Vorhang...“ lauf des dritten Weltkrieges zugefügt worden sind. Das
alles liegt unter uns auf unseren Flügen — und wir
„Und dann nichts mehr, nicht ein einziges Wort.
bei der International Patrol fühlen uns als die Bewa-
Weder von ihm noch von seinem Flugzeug jemals die
cher der Vergangenheit. Und wenn es eine Zukunft
geringste Spur!“
gibt — was ja immer einen Wechsel bedeutet — dann
„Und du glaubst...?“ liegt sie jenseits des Vorhanges bei dem Volk der west-
„Nein“, erwiderte O’Hara hart. „Wir können na- lichen Hemisphäre, das jenen gigantischen Vorhang
türlich die verschiedenartigsten Vermutungen anstel- zu errichten vermochte. Vorhang des Todes — oder
len, aber wir haben keinen Anhaltspunkt. Wir wissen Vorhang das Lebens? Was wissen wir denn, was sich
nichts, gar nichts. Bei einer Geschwindigkeit von über dort auf den beiden verlorenen Kontinenten abspielt?
tausend Meilen pro Stunde kann alles Mögliche ein- Welche Wunder haben sie dort in den vergangenen
getreten sein, nachdem er einmal auf diese Art die Jahrhunderten der vollkommenen Isolation erschaf-
Beherrschung verloren hatte. Vielleicht der Meeres- fen? Und welches größere Abenteuer können, wir uns
grund.“ vorstellen, als die Durchdringung dieses Atomvorhan-
„Oder er ist gegen den Vorhang gestoßen, wie?“ ges?
„Ja, auch das wäre eine Möglichkeit.“ „Und durch Nun, ich glaube, meine Zeit bei der International
den Vorhang hindurch?“ „Du denkst wohl an einen je- Patrol dürfte wohl bald abgelaufen sein, und dann
ner verrückten Briefe, die ich dir damals kurz nach kommt die Pension. Bald werde ich für immer nach
11 TERRA EXTRA

London zurückkehren. Bereite schon alles auf einen Am 10. März traf Colonel Tournant in London ein,
festlichen Empfang vor!“ und der Observer schickte mich in seine Wohnung, um
Aber Emmet O’Hara sollte nicht so bald nach Lon- ein Interview durchzuführen.
don kommen, wie er es vorausgesagt hatte. Ich habe Als ich bei ihm eintraf und ihm die Hand schüttelte,
seine Briefe hier auszugsweise angeführt, um damit da bot er mir einen Sessel an und deutete lächelnd auf
einen Beweis für seine Ansichten zu erbringen. Mein eine gut gefüllte Hausbar.
Ziel ist die Wahrheit und die Veröffentlichung die-
„Dort dürften Sie wohl etwas finden, das Ihrem Ge-
ser Wahrheit, wie ich sie von Emmet O’Hara gehört
schmack entspricht“, sagte er. „Sie kannten Captain
habe— das war an jenem Abend seiner sensationellen
O’Hara?“
Rückkehr, nachdem er etwa ein Jahr zuvor von einem
Streifenflug nicht heimgekehrt war. „Seit unserer Kindheit“, erwiderte ich. „Mein bester
Am 23. Dezember 2228 erfuhr ich, daß O’Hara ver- und vielleicht mein einziger Freund.“
schwunden war. Als sein Vater das Telegramm mit der Ein leises Lächeln spielte für einen Augenblick um
traurigen Mitteilung erhielt, da rief er mich im Ob- Colonel Tournants Lippen.
server an und fragte mich, ob ich ihm nicht nähere „Ja, das will ich gern glauben“, versicherte er.
Einzelheiten über die Umstände dieses Verschwindens „O’Hara machte diesen Eindruck auf alle Menschen.
beschaffen könnte. Es gelang mir tatsächlich, ein paar Aber Ihrem Dialekt entnehme ich, daß sie ebenfalls
Einzelheiten in Erfahrung zu bringen, aber alles in al- einer Emigrantenfamilie entstammen, nicht wahr? Ge-
lem genommen war das nicht sehr viel. hörten Ihre Vorfahren auch zu jenen Yankees, von de-
Am 20. Dezember um 12.15 Uhr war Emmet nen O’Hara so gern zu sprechen pflegte? Sie benutzen
O’Hara auf dem Flugplatz der International Patrol nicht nur seine Worte, sondern Sie haben auch ein we-
auf dem Wrangell Islands zu einem langen Routine- nig von seiner Art an sich. Er war auch mein bester
flug am Atomvorhang entlang aufgestiegen. Der vor- Freund, obgleich wir keine gemeinsamen Kindheitser-
geschriebene Kurs führte ihn direkt zum siebzigsten innerungen hatten. Wie alt schätzen Sie mich eigent-
Breitengrad und dann auf diesem entlang. Dabei er- lich?“
reichte er ein Maximum von 250 Milliröntgen, was
Diese Frage überraschte mich ein wenig, denn ich
sogar für einen erfahrenen Piloten die Maximalgrenze
konnte keinen Zusammenhang erkennen.
bedeutete. Der Kurs sollte ihn weiterhin am Atomvor-
hang entlangführen, und nach einer Strecke von drei- „Fünfundvierzig“, gab ich zurück. Er fuhr sich mit
hundert Meilen sollte er umkehren, um gegen 13.00 einer kurzen Bewegung durchs Haar.
Uhr wieder auf dem Flugplatz einzutreffen. Er hatte „Grau genug wäre ich ja dafür“, sagte er. „Aber ich
einen reichlichen Treibstoffvorrat an Bord, denn sein bin jetzt zweiunddreißig Jahre alt, also sechs Jahre äl-
Rang als Captain erlaubte ihm eigenmächtige Kursän- ter, als Emmet O’Hara. Und London ist nun meine
derungen, sofern er sie für notwendig erachtete. Endstation. Ich bin restlos verbraucht.“
O’Hara erreichte den siebzigsten Längengrad und „Verbraucht! Aber wir dachten doch...“ „Ich weiß“,
den Außenbezirk des Atomvorhangs. Alle drei Minu- knurrte er. „Sie haben angenommen, bei diesem Inter-
ten setzte er sich über das Funksprechgerät mit der view dem zukünftigen Kommandanten der Internatio-
Bodenstelle in Verbindung und machte seine Routine- nal Patrol gegenüber zu sitzen. Die Wahrheit ist, daß
Durchsagen. Colonel Alfred Tournant, der Komman- ich erledigt bin — mit zweiunddreißig Jahren erle-
dant des Flugplatzes von Wrangell Island, berichtete digt.“
mir, daß O’Hara unvermittelt von einem elektroma-
gnetischen Sturmfeld sprach, in das er gelangt war „Das ist ja eine geradezu sensationelle Nachricht“,
— und um 12.34 Uhr gab O’Hara folgende Meldung sagte ich. „Darf ich das veröffentlichen?“
durch: „Warum nicht? Es ist doch keine Schande.“ Er
„O’Hara, Maschine Nummer zwölf — Breitengrad zuckte die Schultern. „Ich habe selbst meine Entlas-
74, Längengrad 163, Milliröntgen.255 — ein bißchen sung eingereicht. Ich kann einfach nicht mehr. Wenn
hoch, wie? Geschwindigkeit 897 Meilen — vor mir schon O’Hara dran glauben mußte, dann weiß ich ge-
ist ein gigantisches elektromagnetisches Gewitterfeld nau, daß ich für diesen Job zu alt bin. Wenn es jemals
und ich... Tournant? Hören Sie mich noch? Mir will einen Piloten gab, den ich für unüberwindlich hielt,
das gar nicht recht gefallen — die zuckenden Blitze dann war es Emmet O’Hara. Er besaß all die Eigen-
sind schon viel zu nah — Tournant? Ich muß sofort schaften, die einen guten Piloten auszeichnen: eiskal-
eine Kursänderung vornehmen! Milliröntgen 268 — te Entschlossenheit, kühl abwägender Verstand — und
ich habe jetzt Richtung zum Pol eingeschlagen. Ge- nicht die geringste Furcht. Dennoch hat ihn der Atom-
schwindigkeit 1004 Meilen pro Stunde — aber ich vorhang erwischt.“
komme nicht hinweg— einfach nicht hinweg.“ „Der Vorhang? Entschuldigen Sie, Colonel, aber ich
Ein ungeheures Krachen ertönte in der Hörmuschel dachte immer, es wäre jenes elektromagnetische Ge-
der Funksprechanlage. witter gewesen. In seiner letzten Meldung sagte er
Und das war alles. doch, daß er nicht wegkommen könnte.“
Der Atomvorhang 12

„Seien Sie doch kein Narr“, brummte Tournant un- du herkommst. Ich habe dir schon ein Glas einge-
gehalten. „O’Hara kannte die Wetterbedingungen. Au- schenkt.“
ßerdem bin ich selbst über hundert Stunden durch je- „O’Hara, bist du es wirklich?“
nes Gebiet geflogen, aus dem seine letzte Meldung
„Kannst du es bis sechs schaffen?“
kam. Und ich habe dieses Gebiet von vier Geschwa-
dern durchkämmen lassen. Wir hätten die Feder einer „Aber das ist doch...“
Möwe gefunden, wenn sie dort auf dem Wasser ge- „Ich weiß, es ist ganz unmöglich. Aber kannst du es
trieben wäre. Zum Kuckuck mit dem elektromagneti- bis dahin schaffen?“
schen Gewitter! Der Vorhang hat Emmet O’Hara er- Als ich klingelte, öffnete er mir selbst die Tür. Er
wischt! Erinnern Sie sich noch an die Durchgabe sei- empfing mich mit seinem altvertrauten, immer ein
ner Skala?.255 Milliröntgen, und dann wenige Sekun- wenig lässigen Lächeln. Der Kragen seiner strahlend
den später.268. Sehen Sie das plötzliche Hochschnel- blauen Uniform war offen, und seine Rangabzeichen
len? Denken Sie daran — innerhalb von wenigen Se- fehlten. Das rabenschwarze Haar hing ihm ein wenig
kunden! Und in diesen Sekunden dachte er, er hätte wirr und verwegen in die Stirn.
die Richtung zum Pol eingeschlagen, um sich vom
„Nun, komm schon herein“, sagte er, während er
Vorhang zu entfernen. Möchten Sie wissen, was in
mich am Ellbogen ergriff und über die Schwelle zog.
Wirklichkeit passiert ist? Sein Verstand hat versagt
„Ich habe schon ein paar Vorbereitungen getroffen.
— O’Hara hatte einen ausgezeichneten und scharf ge-
Hier, trink das mal zuerst.“
schliffenen Verstand — aber auch der beste Verstand
muß dieser dauernden Anspannung einmal erliegen.“ „Emmet O’Hara!“ rief ich.
Tournant hielt inne und starrte mich an. „Sehen Sie, Er lachte.
mein Freund, und genauso ergeht es mir, und das ist „Ich freue mich auch, dich wiederzusehen.“ Er leg-
das Ende für einen Piloten. Nein, danke, ich habe ge- te mir die Hand auf die Schulter und drückte mir ein
nug davon. Ich werde Rosen züchten — gelbe Teero- Glas in die Hand. „Da, versuche es mal, das wird dir
sen. Möchten Sie noch einen Drink?“ munden.“
Ich schaute schweigend auf mein leeres Glas. „Aber wo...?“ Colonel Tournant sagte mir doch...“
„Ja“, erwiderte ich dann. „Zu einem Toast auf Em- „Hier hast du einen anderen Drink, und wenn du
met O’Hara.“ willst, kannst du ihn langsamer und mit etwas mehr
Schweigend tranken wir. Genuß zu dir nehmen“, sagte O’Hara. „Mit dem
Und dann kam der 26. Dezember 2229. Abendbrot können wir noch etwas warten. Also Co-
An diesem Nachmittag saß ich an meinem Schreib- lonel Tournant hat dir alles berichtet wie? Aber willst
tisch in der Redaktion des Observer und schrieb gera- du dich denn gar nicht hinsetzen?“
de an einem Artikel, als das Telefon auf dem Schreib- „Erst wenn du mir sagst, wo du gewesen bist!“
tisch schrillte. Ich hob den Hörer ab und meldete mich. „Nun, es ist trotzdem besser, wenn du dich hinsetzt,
„Sitzt du schon wieder über irgendeinem Gedicht?“ denn ich werde es dir ohnehin gleich erzählen. Ich will
drang die Stimme aus der Hörmuschel an mein Ohr. dich zu jenem Augenblick zurückführen, der sich vor
„Was geht das Sie an?“ knurrte ich verärgert. genau einem Jahr und vier Tagen auf dem 74. Breiten-
„Nun, ich denke doch, daß es mich etwas angeht.“ grad und dem 163. Längengrad abspielte.“
„Ja. Und wer, zum Teufel, sind Sie denn über- Er hob sein Glas. Als er es abstellte, war es leer.
haupt?“ „Wenn du mit Tournant gesprochen hast, dann
„Mein Name lautet O’Hara — Emmet O’Hara.“ weißt du das ja alles. Aber ich glaube kaum, das er dir
„Das ist ein fauler Witz.“ das berichten konnte, was ich dort gefunden habe.“
„Ja, nicht wahr? Aber ich möchte dich sprechen. Ich „Das elektromagnetische Kraftfeld?“ fragte ich.
habe einen viertägigen Flug von Kairo hinter mir und „Das plötzliche Gewitter...“
bin gerade hier in London gelandet. Nedra trinkt nicht Im Nebenraum klang ein Schrei auf — ein seltsam
— und allein schmeckt es mir nicht so recht. Ich bin trauriger und sehnsuchtsvoller Schrei.
jetzt wieder in meiner alten Wohnung in Bloomsbury. Ich sprang aus meinem Sessel und starrte O’Hara
Wann könntest du bei mir eintreffen?“ an.
Ich schlug die Hände vors Gesicht, dann nahm ich „Eine akustische Täuschung“, versetzte er gelas-
den Hörer wieder auf und lauschte abermals auf die sen. „Man könnte meinen, es wäre der Aufschrei ei-
Stimme. nes Menschen mit einem gebrochenen Herzen, nicht
„O’Hara?“ fragte ich. wahr? Aber ich versichere dir, daß es ganz und gar
„Sieht du denn nicht ein, daß du eine Menge Zeit nicht so ist. Auch dazu werde ich im Verlauf mei-
vergeudest — und ich habe nicht allzu viel Zeit — ner Erzählung kommen, aber nur, wenn du mich nicht
schon gar keine zum Vergeuden“, erwiderte er. „Ich dauernd unterbrichst. Ja, ich meine dieses plötzliche
möchte dich sprechen. Und jetzt mach endlich, daß Gewitter...“
13 TERRA EXTRA

Ich zwang mich zur vollen Aufmerksamkeit, denn lag konstant bei 1125 Meilen pro Stunde. Meine Ska-
O’Hara sprach sehr schnell, und ich wollte mir nicht la wies auf.320 Milliröntgen — und das ist bereits eine
ein Wort dieser Erzählung entgehen lassen. gefährliche Höhe. Zu allem Unglück hatte meine Ma-
„Du erinnerst dich wohl an meinen Brief, in dem schine wieder Kurs nach Süden eingeschlagen! Ich riß
ich dir schrieb, daß Wrangell Island unmittelbar an sie herum und steuerte abermals auf den Pol zu.
der Nahtstelle von Asien und Nordamerika liegt — Hierbei hätte die Skala fallen müssen, aber weni-
dort oben, an der Beringstraße. Es bilden sich dort ge Sekunden später zeigte sie auf.325 und dann sogar
häufig gewaltige Stürme und Unwetter, die aber kaum auf.350. Ich flog also auf den Atomvorhang zu, ob-
je einen nennenswerten Schaden anrichten.“ Er lehnte wohl ich die Richtung auf den Nordpol eingeschlagen
sich etwas in seinem Sessel vor. „An jenem Tag hat- hatte!
te ich keinerlei Befürchtungen, denn ich hatte schon Ich wandte mich nach Süden — und sofort fiel die
ganz andere Gewitterstürme gemeistert. Ich folgte Skala. Das gab einfach keinen Sinn, und das war auch
meinem vorgeschriebenen Kurs und achtete darauf, ganz und gar unmöglich, denn als ich das Bewußt-
daß der Zähler nicht über.250 Milliröntgen hinauf- sein verlor, da befand ich mich an einer Stelle zwi-
stieg. Das ist keineswegs zu viel für einen alten Ha- schen dem Pol und dem Vorhang. Sogleich machte ich
sen, und auch die Entfernung zum Vorhang ist durch- mich an eine automatische Positionsfeststellung. Brei-
aus noch erträglich.“ tengrad 73 — somit war ich also während meiner Be-
Er hielt inne, um sein Glas nachzufüllen. Dann warf wußtlosigkeit weit vom Kurs abgetrieben worden —
er einen kurzen Blick auf die Verbindungstür zum Ne- und Längengrad 136. Ich wiederholte meine Berech-
benzimmer und schaute wieder auf mich. nungen, und dabei mußte ich feststellen, daß ich mich
wirklich auf Längengrad 136 befand.“
„Du weißt ja, daß ich mich niemals auf irgendwel-
che Chancen eingelassen hätte, soweit es den Atom- O’Hara wußte natürlich ganz genau, wo sich die-
vorhang betraf. Ich habe seine Wirkung gesehen, und se angegebene Position befand. Dennoch tat er genau
im Grunde genommen habe ich Anstruthers Verlust das, was an seiner Stelle jeder Wissenschaftler getan
nie ganz überwinden können. Ich will damit sagen, hätte: er wiederholte seine Berechnungen wieder und
daß ich mich auf keinerlei Chancen einließ, sondern wieder, um zu sehen, ob er nicht irgendeinen Fehler
immer die sichere Entfernung zum Vorhang einhielt, begangen hätte. Aber all das hätte er sich sparen kön-
als ich dort entlang flog. Bis um 12.30 ereignete sich nen — denn er wußte bereits zuvor, daß er den Atom-
nichts Besonderes, und dann geriet ich plötzlich in die- vorhang durchdrungen hatte!
sen elektromagnetischen Gewittersturm. Überall um Irgendwie war es ihm gelungen, diese Wand des To-
mich herum zuckten grelle Blitze auf, und zwei Mi- des zu durchstoßen, die die westliche Hemisphäre un-
nuten später hatte ich den Kernpunkt dieses Gewitters serer Erde seit mehr als zwei Jahrhunderten herme-
erreicht. tisch abgeschlossen hatte. Er wußte, daß er die riesi-
gen Eisfelder überflog, die im Norden des nordameri-
Mir blieb gerade noch Zeit zu einem letzten Blick
kanischen Kontinents liegen.
auf meine Instrumente. Dann drangen von allen Sei-
ten aus den schwarzen Wolken heraus die züngelnden Er warf einen Blick auf seinen Treibstoffmesser,
und zuckenden Flammen. und dann schaltete er die Höchstgeschwindigkeit ein
und nahm Kurs nach Süden. Wenn er innerhalb der
Ein Blick auf die Skala zeigte mir, daß ich.268 Mil- westlichen Hemisphäre gefangen war — in der Ter-
liröntgen hatte. Das bedeutete, daß ich in direktem ra incognita, die ihn schon als Junge fasziniert hatte,
Kurs auf den Vorhang zuflog. Ich riß die Maschine dann mußte er so rasch wie irgend möglich nach Sü-
herum und schlug die Richtung zum Pol ein. Dabei be- den gelangen. Und dann...
trug meine Geschwindigkeit über tausend Meilen pro
„Und dann werden wir weitersehen“, sagte sich
Stunde. Aber das Gewitter schien mich von allen Sei-
O’Hara selbst. „Ja, wir werden weitersehen — end-
ten eingekreist zu haben, und ich konnte ihm einfach
lich.“
nicht schnell genug entkommen. Ich wußte, daß ich
im nächsten Augenblick von den gierig züngelnden 2.
Flammen erreicht werden mußte — und dann explo-
dierte alles vor meinen Augen. Als Emmet O’Hara sich davon überzeugt hatte, daß
An diese Explosion kann ich mich noch genau erin- es ihm tatsächlich gelungen war, den Atomvorhang zu
nern, und dann war alles schwarz vor meinen Augen. durchdringen, wurde er von einer wilden Freude er-
Vermutlich waren kaum ein paar Sekunden vergan- füllt.
gen, als ich die Augen wieder aufschlug, aber es koste- „Ich habe es geschafft!“ rief er immer wieder vor
te mich eine gewaltige Kraftanstrengung. Mein Flug- sich hin. „Ich habe es tatsächlich geschafft, und ich
zeug befand sich gut hundert Meter über dem Eis. bin der erste Mensch, der diesen Vorhang durchstoßen
Und nirgends war auch nur die geringste Spur von hat. Und jetzt werden wir sehen!“
dem elektromagnetischen Gewitter zu entdecken. Der O’Hara behielt jetzt eine Reisegeschwindigkeit von
Wind war recht lebhaft, und meine Geschwindigkeit zweitausend Meilen pro Stunde bei. Seine Höhe hielt
Der Atomvorhang 14

er konstant, und ein Blick auf den Treibstoffmesser Angenommen, er befand sich hier in einer Art lee-
zeigte ihm, daß er noch etwa dreitausend Meilen zu- rer Schale; angenommen, dieser Kontinent seiner Vor-
rücklegen konnte. Sein Flugzeug war routinemäßig fahren enthielt keinerlei Leben? War es nicht möglich,
ausgerüstet: ein kleines Rettungsboot aus imprägnier- daß die Errichtung des Atomvorhangs gleichzeitig das
tem Segeltuch, eine Signalpistole, ein Revolver, Kali- Ende jeglichen Lebens hinter diesem Vorhang bedeu-
ber.38 mit sechs Ersatzmagazinen, ein Kanister Trink- tet hatte? Der Selbstmord einer ganzen Rasse?
wasser, eiserne Ration — all das war nur dazu gedacht, Er spielte mit dem Gedanken, sogleich wieder nach
ihn für einige Stunden über Wasser zu halten, bis die Norden zu fliegen, um den Vorhang abermals zu
Rettungsmannschaft eintreffen würde. Aber hier, hin- durchdringen. Aber er erkannte das Unsinnige eines
ter dem Atomvorhang, konnte er nicht mit dem Ein- solchen Vorhabens, denn er konnte sich nicht auf eine
treffen einer Rettungsmannschaft rechnen, und somit Wiederholung des Wunders verlassen, das ihn einmal
hing sein Leben davon ab, daß er die Eiswüste der durch diesen Vorhang geführt hatte. Er befand sich
Arktis verließ. jetzt in der westlichen Hemisphäre, und es gab für ihn
An all diese Dinge dachte O’Hara rein automatisch keine Möglichkeit, diese wieder zu verlassen.
und im Unterbewußtsein, während sich sein Verstand
Immerhin sagte er sich, daß es da, wo Waldungen
noch immer nicht mit dem Problem abfinden konnte,
vorhanden waren, auch anderes Leben geben mußte
wie er den Atomvorhang hatte durchdringen können.
— wenn auch vielleicht keine Menschen.
Er wußte natürlich nicht, wie das überhaupt vor sich
gegangen war, denn es mußte in dem Zeitraum passiert Unvermittelt bemerkte O’Hara einen grellen Licht-
sein, als er bewußtlos am Steuerknüppel gekauert hat- schein zu seiner Rechten. Er war in den vergangenen
te. Er konnte sich nur vorstellen, daß das Flugzeug in neunzig Minuten seit Durchdringen des Vorhangs un-
südlicher Richtung durch den Vorhang gejagt war. Er unterbrochen in südlicher Richtung geflogen, und als
wußte auch nicht, wie die Skala auf den Vorhang rea- dieser Lichtstrahl aufblitzte, da näherte er sich in wei-
giert hatte. Irgendwie sagte er sich, daß er jetzt eigent- ten Spirallinien dem Boden. Ein weites Plateau lag un-
lich eine ebenso verkohlte Leiche hätte sein müssen, ter ihm.
wie es jene Männer auf dem primitiven Boot gewesen Jetzt sah er, daß der Lichtstrahl von einem Gegen-
waren. stand zurückgespiegelt würde, der aussah wie ein rie-
Er erreichte ein gefrorenes Flußbett, das in südli- siges, achteckiges Juwel, und der an der obersten Kup-
cher Richtung verlief, und im Westen bemerkte er die pel eines hohen Steinturmes befestigt war. Das Ober-
dunklen Silhouetten einiger Gebirgszüge. O’Hara er- geschoß dieses Turmes enthielt eine Reihe von großen
innerte sich an die Landkarten, die er schon als Jun- Öffnungen, die es “den Beobachtern gestatteten, stän-
ge studiert hatte. Dort drüben im Westen, das mußte dig dem Lauf der Sonne zu folgen.
Alaska sein, während es sich bei dem Fluß wohl um O’Hara war überzeugt, daß das Gebäude mit dem
den Hudson handelte, der von hier aus zunächst den Turm verlassen war. Metall und Steine starrten tot vor
Großen Bärensee und dann den Großen Sklavensee sich hin — längst vergessen und aufgegeben. Auch die
erreichte. Und dahinter mußte dann die Hudson-Bay Straßen der in der Nähe liegenden Stadt waren ohne
kommen. Leben.
Aber die ganze Landschaft hatte den gleichen Cha- Der Turm und die tote Stadt hatten seine Aufmerk-
rakter wie die endlosen Tundren Sibiriens — somit samkeit voll in Anspruch genommen. Und jetzt wur-
hatte er seit dem Durchdringen des Vorhangs noch de er plötzlich durch das rasende Ticken des Zählge-
nichts Neues zu sehen bekommen. Irgendwie spürte rätes aus seinen Gedanken gerissen. Die Skala stand
er sich von der Entdeckung des verlorenen Kontinents auf.400 Milliröntgen — und damit war die Maximal-
enttäuscht. grenze weit überschritten!
Aber dann fiel sein Blick auf die Skala: sie zeig-
„Die Toten griffen nach mir“, sagte O’Hara. „Sie
te.350 Milliröntgen, und das war entschieden zu hoch.
wollten mich in ihre Tiefen hinabziehen. Ich spürte
Noch immer folgte er dem Lauf des Mackenzies nach
ihre Feindseligkeit; die Radioaktivität war geradezu
Süden, und bald hatte er die nördlichen Ausläufer der
mörderisch.“
Rocky Mountains erreicht. Die Skala zeigte jetzt an-
nähernd konstant auf.285 Milliröntgen. Jeden Augenblick rechnete er damit, die ersten An-
zeichen der tödlichen. Verseuchung an seinem Körper
Etwa dreißig Minuten, nachdem er den Atomvor-
zu bemerken, und er spürte ein Schwindelgefühl. Aber
hang durchstoßen hatte, bemerkte er am Horizont die
das ging rasch vorüber, und er konnte keinerlei Wir-
Küstenlinie des Pazifiks, und auch das Landschafts-
kung an sich feststellen.
bild war völlig verändert: große Waldungen und grüne
Wiesen erstreckten sich unter ihm, so weit der Blick Bald hatte er das Mississippigebiet von Louisiana
reichte. erreicht, und er erinnerte sich an das Netz der Städte,
Und dann durchzuckte ihn unvermittelt ein Gedan- die nach der Landkarte hier liegen mußten.
ke, der ihm einen eiskalten Schauer über den Rücken Seit annähernd zwei Stunden schwebte er nun in
jagte. diesen verbotenen Höhen dahin — und dennoch war
15 TERRA EXTRA

er keinerlei Streife begegnet. Sofern überhaupt irgend- nung vor ihm auf und verschwand genauso plötzlich,
eine Zivilisation in diesen beiden verlorenen Konti- wie er aufgetaucht war.
nenten existierte, so mußte sie sich weiter nach Sü- Als O’Hara wieder erwachte, stand die Sonne be-
den abgesetzt haben. Immerhin waren ihm während reits hoch am Himmel. Er aß ein wenig von seiner ei-
der letzten Minuten einige geometrische Liniensyste- sernen Ration, und dann kletterte er abermals zur Ka-
me aufgefallen, die etwa an ein Labyrinth erinnerten. binentür hinaus. „Worauf warte ich eigentlich?“ fragte
Langsam bediente er das Höhensteuer und drückte die er sich.
Maschine herunter, ohne dabei jedoch das Zählgerät Dennoch wollte er die nähere Umgebung seines
aus den Augen zu lassen. Flugzeuges nicht verlassen. Endlich jedoch raffte er
Er ging auf fünfzehnhundert Meter hinunter, und sich auf, schob den Revolver in die Tasche und tarn-
die Regelmäßigkeit dieses Liniensystems zeigte ihm, te das Flugzeug mit einem Schneewall. Dann wandte
daß es sich um Anlagen handelte, die von Menschen- er sich um und stapfte auf den Waldrand am Ende der
hand geschaffen waren. Es waren zahllose Linien, die Wiese zu.
parallel zueinander verliefen, so daß sie an große Röh- Als er die ersten Bäume erreichte, blieb er unvermit-
ren erinnerten. Und diese Röhrensysteme fand er fast telt stehen: die tiefen Spuren im Schnee sahen aus, als
in jedem einzelnen Tal vor. Mitunter waren die Röhren hätte hier während der Nacht ein Rugbyspiel stattge-
unter hohen Schneewehen verborgen, und an anderen funden, und er entdeckte auch eine Art Fackel, die ver-
Stellen glitzerten sie im strahlenden Sonnenschein. kohlt und ausgebrannt war. O’Hara berührte die ver-
O’Hara war nun hundertdreißig Minuten ununter- kohlte Stelle mit dem Finger und spürte einen dünnen
brochen in südlicher Richtung geflogen, und plötzlich Ölfilm.
setzten seine Motoren aus. Der Treibstoff war ver- Öl! Das bedeutete neue Lebenskraft für die Moto-
braucht! ren seines Flugzeuges! Irgendwo in der Nähe mußte
Und dann mußte er seine Sinne zusammennehmen, es Öl geben.
um das Flugzeug auf einer schneebedeckten Wiese zu Die Spuren führten immer tiefer in den Wald hin-
landen, auf der es zum Glück keine hindernden Bäume ein, und O’Hara folgte ihnen. Er hielt die Jacke offen,
gab. um jederzeit an den Revolver heranzukommen, und
Die Maschine wurde bei der Landung nicht beschä- in der Hand trug er das kleine Beil, das er sich aus
digt und hätte nur aufgetankt zu werden brauchen, um der Kabine mitgenommen hatte. Langsam verschwand
wieder starten zu können. Er verließ die Kabine, um das dichte Unterholz des Waldes, die Bäume wurden
sich ein wenig mit der Gegend vertraut zu machen, als höher, und bald gelangte er an eine Lichtung.
ihm plötzlich ein Gedanke kam und er ein paar saftige „Unvermittelt verhielt ich den Schritt. Vor mir auf
Flüche ausstieß. Er hatte sein Funksprechgerät verges- dem Weg kauerte sprungbereit eine Riesenkatze. In
sen! Unmittelbar nach dem Durchdringen des Atom- den blaßgelben Augen loderte ein mordgieriges Feuer,
vorhangs hätte er sich mit dem Flughafen von Wran- und die beiden Fangzähne schimmerten gelblich und
gell Island in Verbindung setzen müssen, um ihnen die waren von einem gigantischen Ausmaß. Wenn die-
Nachricht zu übermitteln, daß der Vorhang zu durch- ses Tier mich angesprungen hätte, dann wäre mir ge-
stoßen war — auch wenn eine solche Möglichkeit ver- wiß keine Verteidigungsmöglichkeit geblieben. Aber
schwindend gering sein mußte. im Bruchteil einer Sekunde hatte ich den Revolver in
Während der nächsten halben Stunde versuchte der Hand und feuerte blindlings drauflos — die Ku-
O’Hara fieberhaft, eine Funkverbindung mit seinem gel zerschmetterte eines der beiden Höllenaugen und
Heimatflugplatz herzustellen, aber es war alles verge- drang in den Kopf.“
bens! Er war zu weit geflogen, und sie konnten ihn O’Hara warf einen letzten Blick auf das tote Tier.
nicht mehr hören. Dann setzte er den Weg fort. Er wagte es nicht, den Re-
„Damit war ich von der Liste der International Pa- volver wieder einzustecken, sondern hielt ihn schuß-
trol gestrichen und, genau wie Anstruther, einfach bereit in der Hand. Vorsichtig, Schritt für Schritt, ging
spurlos verschwunden. Auch ich hatte nur ein paar er weiter.
letzte, hysterische Worte hervorgestoßen, die der Wis- Hinter ihm donnerte unvermittelt eine Steinlawine
senschaft genauso nutzlos waren wie die hellen Sterne von einem Abhang herunter und schlug krachend auf.
am sommerlichen Abendhimmel.“ Als O’Hara schnell aufschaute, meinte er, einen Kopf
Der Einbruch der Nacht verschlechterte seine Stim- hinter dem Gebüsch der Anhöhe verschwinden zu se-
mung noch mehr. Er schloß sich in seine Kabine ein hen. Während er weiterging, kam wieder und wieder
und legte den Revolver auf seinen Schoß. Er kam sich eine Lawine von losem Geröll, die jeweils unmittelbar
grenzenlos einsam vor. hinter ihm aufschlug. Es war, als sollte er auf diesem
Mitten in der Nacht klang unvermittelt ein schauri- Weg vorangetrieben werden.
ges Heulen auf und riß ihn von seinem Sitz. Er um- Der Weg mündete schließlich in die offene Arena
klammerte den Revolver und starrte in die Nacht hin- eines großen Freilichttheaters, dessen Ränge ringsher-
aus. Ein glühendroter Feuerball stieg in einer Entfer- um in die Höhe ragten.
Der Atomvorhang 16

„Ich war gefangen“, sagte O’Hara. „Sie hatten mich Der Schlag traf ihn an der Schulter. Er warf sich her-
hier hineingetrieben, wie man das auf der Jagd mit ei- um, entging um Haaresbreite einem zweiten Schlag
nem Hasen zu tun pflegt.“ und sprang seinen Gegner an, um ihm den Knüppel
Als er sich hastig umwandte, um die Arena auf dem zu entreißen. Er hob den Knüppel und brachte einen
gleichen Weg zu verlassen, auf dem er hereingekom- scharfen Schlag gegen den Kopf seines Gegners an.
men war, da schlug wieder eine Steinlawine auf, und Dieser fiel zu Boden und blieb reglos liegen.
diesmal lag der Aufschlag nicht mehr hinter ihm, son- „Ich kam mir vor wie eine jener Heldengestalten aus
dern unmittelbar vor seinen Füßen. dem mythischen Mittelalter“,
„Vielleicht wäre es mir dennoch gelungen, auszu- sagte O’Hara. „Aber mir blieb keine Zeit zum tri-
brechen“, sagte O’Hara. „Möglicherweise hätten sie umphieren, denn schon kamen die Fackeln auf mich
mich mit diesen Lawinen nicht getroffen, aber ich zog zu. In einer drohenden Gebärde hielt ich ihnen den er-
es vor, auf der Stelle zu verharren und den Revolver hobenen Knüppel entgegen. Da spürte ich eine Bewe-
schußbereit in der Hand zu halten.“ gung zu meinen Füßen.“
Sie ließen ihn bis zum Einbruch der Dunkelheit Sein Gegner war durch den Schnee auf ihn zugekro-
warten. Dann kam eine leuchtende Fackel auf ihn zu- chen — die Felle waren von den Schultern geglitten,
gesaust. Anscheinend wollten sie sehen, wie er sich und jetzt sah O’Hara, daß es eine Frau war.
dazu verhalten würde. Er blieb einfach stehen und un-
„Sie hielt meine Knie umschlungen und schaute zu
ternahm gar nichts.
mir auf, das volle, rötlich schimmernde Haar reichte
Weitere Fackeln wurden entzündet. bis zu den Hüften hinunter. Und sie war schön.
Jetzt kam ein wilder Schrei aus der Höhe der Rän- Jetzt sprang sie schnell auf, warf mir die Arme um
ge, und aus der Dunkelheit kam eine einzelne Gestalt den Nacken und zog mich fest an sich. Sie war eine
auf ihn zu; langsam und mit gravitätischen Schritten Amazone, die nur rein körperliche Kraft verehrte. Und
näherte sich diese Gestalt/und in ihrer Hand bemerk- ich war froh, diese Kraft zu besitzen, denn schon dran-
te O’Hara einen kräftigen Holzknüppel. Die Kleidung gen von allen Seiten die Männer auf mich ein, in deren
bestand aus Fellen und Lederriemen, und die Haltung Händen die Fackeln ruhten. Sie waren insgesamt annä-
der Gestalt war so stolz und überlegen, daß O’Hara der hernd zwei Meter groß — kräftige Gestalten, die über
Revolver in seiner eigenen Hand geradezu lächerlich enorme Kraft verfügten. Ich hielt den Knüppel in der
vorkam. Hand, und in meiner Jacke steckte der Revolver, aber
„Unsportlich“, sagte er. „Man schießt nicht auf ich wußte, daß ich mich mit diesen beiden Waffen kei-
einen Menschen, der nur mit einem Holzknüppel be- neswegs gegen solche Männer verteidigen konnte.“
waffnet ist, besonders, wenn man weiß, daß Hunderte
Aber die Männer formten zwei lange Reihen; die
seiner Kameraden jede einzelne Bewegung genau be-
Amazone gab O’Hara das Zeichen, ihr zu folgen, und
obachten. Ich schob also den Revolver in die Jacke.
dann setzte sich die lange Prozession in Bewegung.
Du weißt ja, daß ich früher mal ein recht guter Ringer
Die erhobenen Fackeln beleuchteten den Weg, wäh-
war, und ein abschätzender Blick auf meinen Gegner
rend O’Hara und die schöne Frau den Zug wie ein
zeigte mir, daß ich ihn wohl überwältigen könnte, so-
Brautpaar anführten.
fern ihm seine Kameraden nicht zu Hilfe eilten.“
So marschierten sie durch die dunkle Nacht — stun-
Als sie sich im Halbdunkel gegenüberstanden, ge-
denlang.
wahrte O’Hara, daß sich die brennenden Fackeln nä-
herschoben, und er konnte bereits einige der Köpfe der Endlich hatten sie das Gebiet der Berge und An-
Zuschauer ausmachen. Offensichtlich näherte sich das höhen verlassen und erreichten einen offenen Platz,
Spiel seinem Höhepunkt. auf dem mehrere Lagerfeuer brannten. Die Prozessi-
Und schon sprang sein Gegner auf ihn zu und hob on wurde von Frauen und Kindern erwartet. Duftende
den Knüppel zu einem Schlag, aber blitzschnell duck- Braten wurden auf den Feuern geröstet und den Män-
te O’Hara sich, packte den Arm seines Gegners und nern dargereicht. Die Frau an O’Haras Seite gab den
schleuderte ihn rücklings zu Boden. Männern ein kurzes Zeichen. Sie löschten die Fackeln
und hockten sich neben die Lagerfeuer.
O’Hara hob den Knüppel auf. Sein Gegner erholte
sich sehr rasch und kam abermals auf ihn zu. O’Hara Alles war recht primitiv: die schweigenden, riesen-
überlegte schnell, und dann ließ er, einem raschen Im- haft gebauten Männer, die Frauen mit dem langen
puls folgend, den Knüppel zu Boden gleiten. Im näch- Haar, die einzelnen Höhlen und die im Sand spielen-
sten Augenblick wurde er durch die Wucht seines an- den Kinder — das war der Stamm, ihre ganze Welt!
greifenden Gegners von den Füßen gerissen, aber noch Irgend jemand begann zu singen. Es war der älteste
im Fallen schlang er die Arme um den Hals seines der Männer, der diesen Gesang anstimmte. Die ein-
Gegners, um diesen mit sich zu ziehen. Diesmal je- zelnen Worte entstammten einer Sprache, die O’Hara
doch war sein Griff nicht so erfolgreich wie zuvor: irgendwie bekannt vorkam. Die Männer sangen in tie-
sein Gegner entwand sich ihm, und O’Hara sah den fen Stimmlagen, während bald darauf auch die hellen
erhobenen Knüppel auf sich zukommen. Sopranstimmen der Frauen einfielen.
17 TERRA EXTRA

O’Haras Frau erhob sich und ergriff ihn bei der Als sie endlich am dritten Tag aus der Höhle kamen,
Hand. Mit langsamen, feierlichen Schritten führte sie da kannte sich O’Hara bereits ein wenig in der Spra-
ihn unter dem Gesang auf eine der Höhlen zu. che aus, und er hielt sich fortan beständig in der Nähe
Der dunkle Hintergrund der Höhle wurde von ei- des alten Mannes auf, der in der Hochzeitsnacht den
nem kleinen Feuer erleuchtet, dessen zuckende Flam- Gesang angestimmt hatte und eine Art Führer zu sein
men über die Wände huschten. Die Frau wandte sich schien. Sein Name lautete einfach Eider — hier gab es
um und schaute ihn an. Sie gab seine Hand frei. keine Vor- oder Familiennamen, sondern jeder Mann
Und im nächsten Augenblick sprang sie ihn unver- wurde nach dem benannt, was er eben tat.
mittelt an. Ihre Hände waren wie Krallen ausgestreckt, Eines Tages, als sie sich ein wenig von den Höhlen
als sie versuchte, ihn zum Höhleneingang zurückzu- entfernt hatten, begegneten sie an den Ausläufern der
treiben. Es war eine Wiederholung des Kampfes aus Berge einem riesigen Bären.
der Arena — wild und leidenschaftlich, und O’Hara Die Kinder der Gruppe blieben vor Angst wie er-
wußte, daß er jetzt abermals diesen Kampf meistern starrt stehen. Aber ehe O’Hara noch seinen Revolver
mußte, um nicht den sicheren Tod zu erleiden. Er ziehen konnte, trat Eider einen Schritt vor, streckte die
schwang den Knüppel. Hand aus und gab einen Schuß ab. Dann trat er uner-
„Sie fiel“, sagte er. „Und das war alles. Hältst du schrocken auf das riesige Tier zu und feuerte ihm eine
das für brutal? Mag sein, ich will es nicht bestreiten. weitere Reihe von Schüssen in den Wanst, bis es zu
Jedenfalls schien Nedra es nicht mit diesen Augen an- Boden sank.
zusehen. Das war ihr Name — Nedra. Ich erfuhr ihn in O’Hara war maßlos überrascht.
den nächsten Tagen, wie ich überhaupt in dieser Zeit
viel zu lernen hatte.“ „Ich hatte keine Ahnung, daß ihr solche Waffen
habt“, sagte er, und Eider lächelte. Es war ein Revol-
Zunächst jedoch mußte er sich an ihre Sprache ge-
ver vom Kaliber.45, und der Knauf war durch den Ge-
wöhnen. Sie hatte unverkennbar englischen Ursprung,
brauch von zahllosen Generationen abgenützt.
aber alle abstrakten Begriffe waren abgeschafft, und es
war die einfache Sprache eines einfachen Bergvolkes. „Waffe?“ fragte Eider. „Es ist ein Colt, keine Waffe.
Mit drei Silben vermochten sie soviel auszudrücken, Wir haben diese Colts schon seit jeher gehabt. Unser
wie man es in der Schule mit zehn oder mehr Worten Volk brachte sie mit, als es in diese Berge kam.“
tat. Nachdem sich O’Hara mit der Grundlage dieser „Dann seid ihr nicht immer hier gewesen?“
einfachen Sprache vertraut gemacht hatte, fiel es ihm Eiders Gesicht spiegelte eine tiefe Überraschung.
nicht länger schwer, den einzelnen Worten zu folgen
„Immer? Nein, meine Vorfahren sind hergekom-
und ihre Bedeutung zu erkennen.
men, um der Seuche zu entgehen. Aber das war vor
Nedra war seine Lehrerin. Dem Ritus des Stammes langer, langer Zeit.“
entsprechend, durfte O’Hara die Höhle während der
„Seuche?“
ersten beiden Tage und Nächte nicht verlassen. Ne-
dra selbst ging nur zwischendurch auf wenige Minu- „Du bist einer von uns, von unserem Volk“, sagte
ten hinaus, um neue Nahrungsmittel zu holen — und Eider. „Wir wissen, daß du auch mit Pulver schießt,
dann kehrte sie jeweils mit der Wildheit dieses Stam- denn wir haben ja zugesehen, wie du die Wildkatze
mes zurück. getötet hast. Wenn du einen Atomrevolver gehabt hät-
„Gewalttätigkeit“, sagte O’Hara, „aber nicht die test, dann wären wir vor dir geflohen, denn ein Colt
korrupte Gewalttätigkeit unserer europäischen Sitten kann nicht gegen einen Atomrevolver an. Aber da du
und Gebräuche — nicht Trauring oder Brautschleier, einer von uns bist, mußt du das alles ja wissen.“
sondern Gewalt — die Unterwerfung vor der Kraft des „Nein, ich weiß es nicht“, erwiderte O’Hara. „Ich
starken Geschlechts. Nedra hatte natürlich zugesehen, bin von der anderen Seite des Vorhangs gekommen.“
wie ich die Wildkatze getötet hatte — und offen hatte „Was ist das, der Vorhang?“
sie den Männern des Stammes zu verstehen gegeben, „Der Atomvorhang, der diesen Kontinent von der
daß sie mich für sich wünschte. Und in der Arena hatte Erde abteilt. Dahinter liegt die östliche Hemisphäre:
ich den Beweis erbracht, daß ich sie zu meistern ver- Europa, Asien, Afrika.“
mochte. So einfach war das.
„Diese Worte haben keinerlei Bedeutung für uns.
Aber zu Leidenschaft, Treue und Respekt kam nie-
Europa, Asien, Afrika, sind das vielleicht Berge, die
mals die Zärtlichkeit hinzu. Das war eine Lektion, die
sich in der Nähe der Küste befinden? Dort sind wir
ich auf der Stelle zu lernen hatte. Nedra war keine Frau
noch nie gewesen. Der Weg ist zu weit, und die Ge-
für einen Schwächling — sie verachtete die Schwä-
fahren sind zu groß.“
che. Ich mußte ständig auf der Hut sein, und den Holz-
knüppel, das Symbol meiner Macht durfte ich niemals „Ihr habt diese Berge noch nie verlassen?“
aus der Hand legen. Aber nachdem sich diese Um- „Keiner von uns. Es würde entweder den Tod durch
stellung einmal in mir vollzogen hatte, da erbrachte die Seuche für uns bedeuten oder ein schlimmeres
ich den Beweis, daß ich sehr wohl der Herr in meiner Schicksal, wenn wir gefangen werden würden. Außer-
Höhle sein konnte.“ halb dieser Berge ist jedes Gebiet für uns tabu. Wollte
Der Atomvorhang 18

ich gehen, dann würde einer der Männer meines Stam- Eider erwiderte, daß es zu gefährlich sei, die Ber-
mes den Colt auf mich abfeuern. Das ist unser Ge- ge zu verlassen, da die Verunstalteten dauernd auf der
setz.“ Jagd nach ihnen durch die Täler schweiften
„Aber ihr gestattet den Angehörigen anderer Volks- „Diese Verunstalteten arbeiten niemals. Sie brau-
stämme, zu euch zu kommen?“ chen kein Holz für ihr Feuer, keine Tiere zur Nahrung
„Das ist gestattet, aber es ist noch nie geschehen, bis und kein Kupfer für ihr Werkzeug. Sie brauchen ihr
du plötzlich eingetroffen bist. Wir haben dich schon Leben nicht aufs Spiel zu setzen, es sei denn, daß sie
gesehen, als du mit dem fliegenden Ding über unse- die Gefahren auf sich nehmen, uns zu jagen. Sie wol-
ren Köpfen am Himmel geschwebt hast. So ein Ding len uns nicht vernichten. Sie brauchen uns zur Auffri-
haben wir noch nie gesehen, aber unsere Vorfahren ha- schung ihres Blutes, um der Seuche Einhalt zu gebie-
ben davon gesprochen, daß der Mensch wie ein Kon- ten. Wir ziehen jedoch den Tod vor, denn sie sind wie
dor am Himmel schweben könnte, wenn er ein solches die Tiere.
Ding hat. Bist du von einem anderen Berg gekom- Es gab einmal eine Zeit, da waren sie wie wir. Das
men, der weit hinter den Regionen der Verunstalteten haben wir von den Vätern unserer Väter gehört — sie
liegt?“ waren einmal so wie wir, als wir alle gemeinsam in
den Niederungen lebten. Aber das war in den ersten
„Ich bin aus dem Norden gekommen“, antwortete
Jahren.“
O’Hara. „Aus einem Gebiet, das hinter dem ewigen
Eis und dem Atomvorhang liegt. Aber wer sind diese „Was meinst du damit?“
Verunstalteten?“ Eider dachte eine Weile nach, ehe er den Versuch
unternahm, diese Frage zu beantworten.
„Das Atomvolk. Es lebt in den Niederungen des
„Es war eine Zeit großer Geschehnisse und Trium-
Landes.“
phe. Niemand brauchte Hunger zu leiden und auf die
„Eine andere Rasse?“ Suche nach Nahrungsmitteln zu gehen. Hast du aus
Eider musterte ihn mit einem ungläubigen Blick. der Luft die glitzernden Gegenstände in den Tälern be-
„Das alles mußt du doch wissen. Es ist unmöglich, merkt? Das alles stammt noch aus jener Zeit. Damals
diese Dinge nicht zu wissen.“ lebten die Menschen in Steinhaufen, und die Sonne
„Aber ich weiß wirklich nichts darüber“, versetzte schenkte ihnen alles, was sie nur zum Leben benötig-
O’Hara. „Wir hinter dem Vorhang wissen gar nichts. ten. Aber das war vor langer, langer Zeit. Jetzt hat das
Wer ist dieses Atomvolk, und inwiefern unterscheiden alles keine Bedeutung mehr — oder wenn es eine hat,
sich diese Menschen von euch? Und was hat es mit dann wissen wir jedenfalls nichts darüber. Irgend et-
der Seuche auf sich, die du vorhin erwähnt hast? Er- was geschah, das diese schreckliche Seuche heraufbe-
zähl mir davon.“ schwor, und unser Volk mußte in diese Berge flüch-
ten. Ich habe vor dreißig Jahren, als ich noch ein klei-
Aber das ging natürlich nicht, alles auf einmal; Ei-
ner Junge war, gehört, wie die alten Männer unseres
der hatte jetzt alle Hände voll zu tun, um den Kindern
Stammes unseren Vätern zu erklären versuchten, was
die erforderlichen Anweisungen zu geben, den toten
sich damals abgespielt hat, aber es ist ihnen nicht ge-
Bären zu zerteilen und ihn ins Lager zu transportieren.
lungen.“
Diese Kinder gehörten nicht ihren Eltern, sondern dem
ganzen Stamm, denn eine Familie im strengen Sinn „Vor dreißig Jahren... und da warst du noch ein
gab es nicht. Der Führer des Stammes war Eider. Kind?“
„Ja, vor dreißig Jahren. Und dreißig Jahre sind ein
Zu den kostbarsten Schätzen Eiders gehörte eine al-
Alter, das die meisten nicht erreichen.“
te Glasretorte als Teil einer Art technischen Labors,
„Und wie alt ist Nedra?“ fragte O’Hara.
das jetzt jedoch in Trümmern lag und jegliche Bedeu-
tung verloren hatte. „Sie hat neun Winter erlebt und geht jetzt in den
zehnten.“
„Unsere Vorväter, die aus den Niederungen in die-
Es war, als hätte der Boden unter O’Haras Füßen
se Berge kamen, kannten sich in diesen Dingen aus“,
plötzlich nachgegeben. Nedra zehn Jahre alt! Im er-
sagte er. „Vielleicht war es eine Art Zaubermittel, das
sten Augenblick dachte er daran, daß die Menschen
sie vor der Seuche bewahrte. Aber wir haben diese Ge-
hier eine andere Zeiteinteilung hatten, aber nein, Ei-
genstände nicht gebraucht, und nun wissen wir nicht
der hatte ja ausdrücklich betont, daß sie neun Winter
mehr, wozu wir sie verwenden sollten. Die Zeremoni-
erlebt hätte!
en sind uns unbekannt.“
Als O’Hara später in seine Höhle zurückkehrte, fiel
„Ist dieser Stamm der einzige, dem die Flucht aus sein Blick auf den am Boden liegenden Holzknüppel,
den Niederungen gelungen ist?“ und in Nedras Augen lag jener Ausdruck der Anbe-
„Nein, es gibt noch andere Stämme, aber sie haben tung, von dem er jetzt wußte, daß er einem kindhaften
sich über die Berge verteilt. Viele sind aus den Niede- Gemüt entsprang. Aber sie war kein Kind mehr. Ganz
rungen geflohen, aber noch mehr sind dort geblieben, im Gegenteil, sie war eine in jeder Beziehung voll ent-
um ihr Schicksal zu erleiden.“ wickelte Frau, und sie wußte genau, was sie wollte —
„Habt ihr diese anderen Stämme gesehen?“ ohne viel Worte darüber zu verlieren.
19 TERRA EXTRA

„Ich warte schon auf dich, O’Hara.“ „Wir wissen es nicht genau, denn wir haben das nie
„Ja, ich sehe, daß du auf mich wartest. Aber denkt mit unseren Augen gesehen. All das wurde damals
nicht länger an den Knüppel. Wir werden auch ohne errichtet, als unsere Vorfahren ihre Flucht begannen.
ihn auskommen.“ Aber wir haben von unseren Vorvätern erfahren, daß
es unterirdische Bahnen gibt, die zu jedem beliebigen
„Aber wie denn?“ fragte sie einfach, denn sie konn-
Ort führen, und irgendwo im Mittelpunkt dieser Bah-
te sieh so etwas nicht vorstellen. Aber auf diese Frage
nen gibt es eine gewaltige Sonne, die ihnen Licht und
konnte auch O’Hara ihr keine Antwort geben.
Kraft verschafft — und noch etwas, das ihnen Schutz
Was Eider mit den ersten Jahren gemeint hatte, gewährt gegen ein großes Übel...“
konnte O’Hara nie recht erkennen. Sehr wahrschein- „Der Atomvorhang!“
lich bezog sich das auf die ersten Jahre, die der Er-
„Du kennst dieses Übel?“
richtung des Atomvorhangs folgten — ein Meilenstein
in der Geschichte, dessen Bedeutung dieses einfache „Mag sein. Ich werde schon noch mehr darüber er-
Bergvolk nicht mehr begreifen konnte. Immerhin war fahren: Aber sag mir noch das eine: Warum ist euer
Eider über die in den Niederungen herrschende Seu- Volk vor dieser Seuche geflohen?“
che besser orientiert, denn diese war noch immer ge- Eider musterte ihn mit einem ungehaltenen Blick.
genwärtig, und von ihr ging die große Gefahr für die „Aber das habe ich dir doch bereits gesagt: um den
Bergleute aus. Verunstaltungen zu entgehen. Es ist doch viel besser,
„Sie leben in den großen Röhrensystemen der Nie- für seinen Lebensunterhalt zu kämpfen. Die Menschen
derungen, und wenn du sie aus deinem fliegenden sind nun mal nicht dazu geschaffen worden, um wie
Ding nicht gesehen hast, dann will ich dich an einen ein Wurm unter einem Stein sein Dasein zu fristen.“
verborgenen Abhang führen, der dir einen verstohle- Und diese Worte waren der ganze religiöse Glaube,
nen Ausblick gestattet. Sie tun alles einzig und allein den O’Hara je bei diesem Bergvolk vorfinden sollte.
durch Atomkraft.“ Die Sicherheit eines satten Lebens wurde als ein Übel
betrachtet.
„Und wer vermittelt ihnen diese Atomkraft?“
O’Hara dachte über das Gehörte nach. Jener Volks-
„Es ist alles fest eingestellt und bedarf keiner War- stamm, die Vorfahren des heutigen Bergvolkes, hat-
tung.“ ten der Sicherheit der Niederungen den Rücken zuge-
„Ist es denn automatisch?“ wandt, weil sie dadurch nicht nur den größten Wun-
„Diesen Begriff kennen wir nicht, aber für das dern und Errungenschaften der Wissenschaft entflie-
Atomvolk braucht niemand etwas zu tun. Alles wird hen wollten, sondern auch dem größten Fehler, der je
für sie von selbst getan. Und alles ist dort verseucht der Wissenschaft unterlaufen war. Sie mußten geahnt
von Atom-Abfällen. Auch ihre Städte.“ haben, daß sie diesem verhängnisvollen Fehler erlie-
„Wie steht es mit diesen Städten?“ gen würden.
„Niemand von uns hat sie je gesehen, aber wir wis- Und O’Hara wußte es ebenfalls.
sen, daß sie existieren. Unsere Vorfahren haben uns Die Radioaktivität hatte die Menschen mit ihren
davon berichtet. Diese Städte wurden aus Stein und Fängen ergriffen.
Metall gebaut, es waren große Berge, in denen viele Sie hatte die Vorzeichen der Evolution umgekehrt.
Höhlen existierten. Aber unsere Vorfahren sind bereits Somit kehrten die Menschen der Niederungen, das
in den ersten Jahren aus diesen Niederungen geflüch- Atomvolk, zu jener Entwicklungsstufe zurück, die
tet. Die Seuche hat sie vertrieben.“ sich dem Affendasein näherte.
„Auf welche Art macht sich die Seuche bemerk- Eider hatte das Atomvolk als halbe Tiere beschrie-
bar?“ ben, und O’Hara konnte sich nicht vorstellen, daß ein
„Sie ist ganz einfach in ihnen vorhanden, und mit solches Volk die atomaren Errungenschaften erzeugt
jeder Generation nähern sie sich mehr und mehr dem und den Atomvorhang selbst errichtet haben konnte.
tierischen Aussehen. Ja, zweifellos sehen sie wie Tiere Sicher gab es dort noch irgendein anderes Volk von
aus, und dennoch waren sie einmal genauso wie wir. hoher Intelligenz. Aber davon wußte Eider nichts.
Jetzt haben sie viel längere Arme als wir, ihre Beine „Es gibt nur die Stämme, die wie wir in den Bergen
und Füße sind anders geformt, leben“, betonte er nachdrücklich, „und die Verunstal-
teten. Ein anderes Volk kann es gar nicht geben, denn
auch ihre Schädel sind anders: die Stirn flieht weit
sonst hätte es ebenfalls unter der Seuche zu leiden.“
hinter den Augenbrauen zurück.“
O’Hara konnte nicht daran glauben. Dennoch war
„Du sagst, die Seuche käme aus ihrer Nahrung und es im Grunde genommen kein größerer Widerspruch
aus ihrem Leben in den Städten?“ als die Tatsache, daß diese Höhlenbewohner mit
„Ja, aus der ganzen Art, wie sie ihr Leben führen. Handfeuerwaffen umzugehen verstanden und sich
Die unterirdischen Bahnen, die Sonne im Innern der auch die Ölvorkommen zunutze machten.
Erde...“ Dieses Öl blieb auch weiterhin O’Haras Ziel. Eider
„Was ist denn das nun wieder?“ gab ihm darüber nur ausweichende Antworten, und
Der Atomvorhang 20

Nedra, die ihm alles sagte, was sie nur wußte, betrach- „Ich verstehe etwas von diesem schwarzen Wasser“,
tete es als eine Art Geheimnis, das sie herzlich wenig versetzte O’Hara, der sich diese günstige Gelegenheit
interessierte. natürlich nicht entgehen ließ. „Denn dieses schwarze
„Warum sollten wir davon sprechen?“ fragte sie. Wasser ist es ja auch, das mein fliegendes Ding wie
„Doch, Nedra, aber ich möchte wissen...“ einen Vogel durch die Lüfte trägt.“
„Bist du wirklich einer von uns, O’Hara? Du stellst „Das schwärze Wasser macht das?“
Fragen, die doch nur einen Mann von dreißig Jahren „Ja, wenn es ein wenig verarbeitet ist. Möchtest du
interessieren können, und dennoch kannst du kaum äl- das nicht einmal sehen?“
ter als zwölf sein. Du bist ruhelos und unglücklich mit
mir. Ich bin dir nicht schön genug.“ Eider richtete sich auf und warf den Kopf in den
Nacken, um einen Blick auf den Himmel zu werfen.
„Keine Frau könnte schöner sein als du.“
„Aber du möchtest irgend etwas. Sind es Kinder, „Ich möchte sehen, wie sich das fliegende Ding in
O’Hara? Wir werden sie bald haben.“ die Luft erhebt.“
„Vermutlich für den Stamm?“ „Dazu muß ich das schwarze Wasser haben.“
„Natürlich für den Stamm. Möchtest du sie mit- „Wir werden morgen hingehen.“
nehmen, den Stamm verlassen und auf einen anderen
„Und wir müssen es kochen. Wir müssen eine Ma-
Berg ziehen? Aber die Verunstalteten könnten uns da-
schine bauen, etwa in der Art, wie ihr sie zum Kupfer-
bei überraschen. Möchtest du, daß sich deine Söhne
schmelzen habt. Komm mit mir in die Höhle, ich wer-
und Töchter mit den Verunstalteten mischen? Nein,
de dir die geheimen Teile dieser Maschine aufzeich-
wir müssen beim Stamm bleiben, und unsere Kinder
nen.“
gehören dem Stamm.
In dem Ort, aus dem du in dem fliegenden Ding ge- „Können wir eine solche Maschine bauen?“
kommen bist“, fragte sie, „sind die Menschen dort ge- „Es wird wohl einige Zeit dauern, aber wenn ihr
nauso wie ich?“ Munition für eure Colts herstellen könnt, dann könnt
„Nicht wie du, Nedra, aber sie würden dich bewun- ihr auch diese Maschine bauen. Wir werden es ge-
dern. — meinsam tun.“
Nedra, ich muß etwas über die Fackeln erfahren.“ O’Hara fertigte einige Zeichnungen an und erklärte
„Eider kennt sich in solchen Dingen aus. Frag ihn Eider die einzelnen Teile einer Raffiniermaschine für
doch.“ das Öl.
„Woher hat er das Öl?“ „Wenn wir das Wasser durch diese Maschine getrie-
„Das ist ein geheimes Wort. Ich weiß es nicht.“ ben haben, dann wird es die schwarze Farbe verlieren,
„Das Öl, in welches die Fackeln getaucht werden — und dann wird es das fliegende Ding in die Luft tra-
das schwarze Wasser.“ gen. Aber dazu brauchen wir zunächst das schwarze
„Warum mußt du unbedingt etwas über das schwar- Wasser.“
ze Wasser erfahren?“ „Wir werden es morgen früh holen“, versicherte Ei-
„Für mein fliegendes Ding.“ der. „Wir brauchen zwei Tage, um den See zu errei-
„Willst du denn wieder wegfliegen?“ chen, in dem es vorhanden ist.“
„Ich möchte wieder fliegen — wenn auch vielleicht Gegen Einbruch der Morgendämmerung stellte Ei-
nicht weit.“ der die Karawane für die Reise zum See zusammen, in
„Du möchtest über die Niederungen der Verunstal- dem sich das schwarze Wasser befand. Nedra ging als
teten fliegen?“ einzige Frau mit.
„Vielleicht.“ Eider gab das Zeichen, und der Marsch begann. Ei-
„Dann werde ich dich umbringen. Ich...“ nige der jüngeren Männer des Stammes bildeten die
„Laß den Knüppel ruhig liegen!“ rief O’Hara la- Vorhut und betätigten sich als Späher. Nedra hielt sich
chend. „Ich werde lieber nicht mehr von den Fackeln sehr tapfer, und gegen Mittag erreichten sie in der Tal-
sprechen.“ sohle einen vereisten Fluß, den sie überqueren muß-
Aber bei Eider hatte er schließlich mehr Erfolg. Und ten.
das lag an seiner Vorliebe für den Colt. Stundenlang Da fielen plötzlich unmittelbar hintereinander zwei
konnte er vor dem Höhleneingang im Sand sitzen und Schüsse, und zwei seltsame Rauchwolken stiegen vor
die einzelnen Teile der Waffe und des Mechanismus ihnen auf.
aufzeichnen, um zwischendurch auch von den Helden-
Nedra zog O’Hara am Arm.
taten zu berichten, die er, schon mit dem Colt voll-
bracht hatte. „Leg dich flach auf den Boden!“ flüsterte sie. „Dann
Und weißt du auch, wodurch der wirkliche Wert werden sie uns vielleicht nicht entdecken, denn sie se-
des Colts erzielt wird?“ fragte er O’Hara. „Es ist das hen nicht sehr gut.“
schwarze Wasser unserer Fackeln.“ „Sie?“
21 TERRA EXTRA

O’Hara nahm seinen Revolver zur Hand und kniete O’Hara, „du bist für das Leben der Frau verantwort-
neben ihr im Gras. lich. Denk immer daran: Wenn sie durch den Revol-
„Nedra“, flüsterte er, „stammen diese Rauchwolken ver, den du da trägst, den Tod erleidet, dann ist dein
von den Atomwaffen?“ Schicksal sogleich besiegelt. Und jetzt los!“
Sie gab keine Antwort, sondern starrte nur nach Während der folgenden beiden Stunden marschier-
vorn. O’Hara folgte ihren Blicken. ten sie durch das Gelände.
„Dort vorn sind die Verunstalteten!“ „Du hast mich vorhin als den bezeichnet, der fliegt“,
wandte sich O’Hara schließlich an den Sohn. „Woher
Und da stand einer von ihnen: ein mausgrauer Mann
weißt du das?“
mit unendlich langen Armen, weit zurückfliegender
Stirn, schwachen, blinzelnden Augen — vollkommen „Du bist beobachtet worden“, erwiderte der Sohn.
nackt. In seiner Hand lag ein Strahlenrevolver. „Der Vater hat es sogleich gewußt, als du durch den
Vorhang kamst. Der Vater weiß überhaupt alles, was
„Schieß jetzt, O’Hara!“ flüsterte Nedra. „Denn dann geschieht.“ „Und du bringst uns zu ihm?“ „Ja, nach
werden sie uns vernichten. Sie haben uns bereits von Washington.“ „Weiß er denn, daß du uns eingefangen
allen Seiten umzingelt. Sieht du, dort ist einer, und hast?“
dort und dort...“
Ein paar tiefe Falten bildeten sich auf der Stirn des
„Nedra, wenn ich schieße, mußt du fliehen.“ Sohnes. Er wußte nicht recht, wie er diese Frage beant-
„Es ist zu spät. Töte mich, O’Hara!“ worten sollte, aber dann hellte sich sein Gesicht auf.
„Nein, Nedra“, erwiderte er. „Wir können jederzeit „Der Vater weiß alles“, sagte er, als wäre er
sterben, und wenn sie versuchen sollten, uns ausein- überzeugt, daß dieser Glaubenskatechismus jeglichen
anderzubringen, dann will ich es tun. Aber sie haben Zweifel beseitigen mußte. „Er denkt auch an alles. Er
es in erster Linie auf dich abgegesehen, und wenn sie hat uns in diese Berge geschickt, um euch zu holen.“
merken, daß ich bereit bin, dich zu töten, dann wer- „Angenommen“, sagte O’Hara, „wir wären heute
den sie uns vielleicht verschonen. Kannst du ihm das nicht in dieses Tal gekommen? Wie hättet ihr uns denn
beibringen?“ fangen können?“
„Sie braucht es mir nicht beizubringen“, sagte der „Es wäre irgendwie geschafft worden.“
Verunstaltete. „Sie wird leben, solange du lebst. Und „Aha, der Vater hätte euch einen anderen Plan über-
jetzt kommt, der Vater erwartet euch in Washington.“ mittelt, wie?“
„Ja.“
3.
„Aber welchen Plan?“
„Jedenfalls einen, der es uns ermöglicht hätte. Wenn
„Nedra und ich — unsere Blicke sind auf einen
es dem Willen des Vaters entspräche, dann könnte er
Mann gerichtet, der diese eigenartige Urform der eng-
auch diese Berge vernichten — allesamt.“
lischen Sprache spricht, die ich dir beschrieben habe
— und er spricht sie wie jemand, der es gewohnt ist, „Und warum tut er es nicht? Das Bergvolk ist doch
zu kommandieren. In seiner verunstalteten Hand liegt euer Feind.“
jene Waffe die einen Gegner vernichten kann, ohne „O nein, wir haben keine Feinde. Das Bergvolk ist
auch nur die geringste Spur von ihm übrigzulassen: eine Medizin für uns. Der Vater hat viele Retorten, in
der Atomstrahler. denen er Medizin züchtet.“
Du erinnerst dich, wie ich den Mann beschrieben „Und er läßt es nicht nur zu, sondern er fördert ihre
habe: affenartig, aber ohne Haare, von mausgrauer Existenz sogar“, versetzte der Sohn. „Er fördert sie.“ -
Farbe — alles in allem eine überaus häßliche Erschei- „Inwiefern?“
nung. Am meisten überraschte mich die Art seiner „Er schickt uns aus, um mit ihnen zu kämpfen.“
Sprache, denn sie schien einem geschulten Verstand „Aber dadurch werden sie doch vernichtet.“
zu entspringen. Und ich sollte bald feststellen, daß die „Nur wenige von ihnen, und dadurch vernichtet er
anderen Mitglieder dieser Horde, die uns umzingelte, jene Schwächlinge, die ohnehin nicht zur Fortpflan-
die Gabe nicht besaßen. Sie gehörten zu der bedeu- zung geeignet sind.“
tungslosen Masse, und sie bezeichneten diesen einen „Eine bewunderungswürdige Maßnahme“, sagte
ehrerbietig mit dem Namen ,Sohn’!“ O’Hara. „Der Vater denkt, wie du sagst, an alles.
Nedra schmiegte sich zitternd an ihren Mann, wäh- Langsam beginne ich mich darauf zu freuen, ihm ge-
rend sie den Sohn mit einem Blick streifte, der ihre genüber zu treten.“
offene Verachtung und Verabscheuung erkennen ließ. „Dazu wirst du bald Gelegenheit haben“, erwiderte
Der Sohn wies mit der Hand in die Richtung, die sie der Sohn.
nun einzuschlagen hatten. Sie erreichten einen weiten Platz, an dem die Viel-
„Wir müssen uns sogleich auf den Weg machen“, zahl der Rohre mündete, die O’Hara bereits aus der
sagte er. „Denn bald wird die kalte Nacht einbrechen. Luft gesehen hatte. Jedes einzelne Rohr hatte einen
Du, der du fliegst“, wandte er sich unmittelbar an Durchmesser von etwa eineinhalb Meter, und als
Der Atomvorhang 22

O’Hara die Hand gegen die Außenwand legte, stell- Tür hinter ihnen, und die Plattform verschwand wie-
te er fest, daß die Temperatur etwa um dreißig Grad der nach oben. Jetzt befanden sie sich in den unterir-
liegen mußte. dischen Straßen und Gängen von Emporia.
„Ihr müßt über diese Rohre hinwegklettern“, sagte „Wohin bringst du uns?“ fragte O’Hara den Sohn.
der Sohn. „Zur Gilde“, erwiderte er. „Dort erreichen wir die
„Was haben sie denn zu bedeuten?“ Verbindung nach Washington, und dort ist auch der
Treffpunkt aller Söhne, um der Vernichtungswelle zu
„Es sind Photosynthetrone für den westlichen Teil
entgehen.“
von Kansas — die Sonnenstrahlung dieser Region ist
„Die Söhne entgehen der Vernichtung?“
für den Reifevorgang günstiger.“
„Die Söhne und all jene Kinder, die die Vorausset-
Aus einem der Rohre kam jetzt eine weitere Horde zungen haben, einmal Söhne zu werden. Wir sammeln
dieser seltsamen, affenartigen Wesen. Auch sie wur- sie ein, nachdem sie den Intelligenztest bestanden ha-
den von einem Sohn angetrieben, der jene Atomwaffe ben. Unmittelbar nach der Geburt messen wir die Wel-
in der Hand hielt, die das Symbol seiner Macht dar- lenlänge ihres Gehirns und stellen dadurch fest, wel-
stellte. che von ihnen geeignet sind.“
„Das sind Emporianer“, erklärte der Sohn an „Mittels einer Maschine?“
O’Haras Seite. „Es ist eine alte Stadt, und da sie be- „Wie denn sonst?“
reits wieder stark übervölkert ist, wird wohl bald wie-
„Und die Mütter erheben keine Einwendungen?“
der eine neue Vernichtungswelle kommen. Du wirst
„Was sollten sie wohl einwenden? Nach der Geburt
jetzt dem anderen Sohn übergeben“.
haben sie ihre Aufgabe erfüllt, und dann ist es die Auf-
„Dem anderen Sohn?“ gabe von uns Söhnen, die Kinder einzusammeln und
„O ja, der Vater hat keinen Mangel an Söhnen. Ich nach Washington zu schicken, wo sie ihre Ausbildung
muß dich jetzt verlassen, denn mein Bereich ist das erhalten. Und es ist auch unsere Aufgabe, für die Fort-
Gebiet der Berge.“ pflanzung zu sorgen.“
„Siehst du?“ flüsterte Nedra. „Du hättest mich doch „Nur die Söhne?“
gleich töten sollen, während wir noch in den Bergen „Die Männer der Masse sind steril, und somit ist es
weilten. So geht es, wenn man diesen Verunstalteten unsere Aufgabe.“
einmal in die Hände gefallen ist: Man wird immer „Es muß eine Menge Söhne geben“, bemerkte
tiefer in das Labyrinth ihrer Verdammung gerissen, O’Hara.
und wenn wir erst einmal in Emporia sind, wie willst „Leider nicht. Die Rate der Söhne nimmt ständig
du dann noch fliehen, O’Hara?“ ab, so daß wir heutzutage zu künstlichen Mitteln grei-
Darin lag natürlich ein Körnchen Wahrheit, aber fen müssen. Aber jetzt sind wir bei der Gilde.“ Dabei
O’Hara konnte nicht recht einsehen, inwiefern sie jetzt deutete der Sohn auf eine Tür.
schlechter dran sein sollten als zuvor. Sie gelangten in einen Raum, in dem viele Tunnels
„Ich will dir mal ein altes Sprichwort sagen, Ne- mündeten. Durch sinnvoll angelegte Stufen und Trep-
dra“, murmelte er. „Solange wir leben, dürfen wir hof- pen erreichte man die einzelnen Plattformen der un-
fen, und wir können schließlich nur einmal sterben.“ terirdischen Bahnen. Eine Anzahl der Söhne war da-
mit beschäftigt, Babies in einer der Bahnen zu verla-
„Das ist eine der schlimmsten Lügen“, versetzte
den. Kurz darauf setzte sich die Bahn in Bewegung
Nedra und warf den Kopf in den Nacken. „Man kann
und verschwand durch den Tunnel.
tausendmal sterben, und jedesmal ist es noch ein we-
nig schlimmer als zuvor. Hast du Angst vor dem Tod, Unvermittelt klang eine laute Stimme auf. Sämtli-
O’Hara?“ che Söhne wandten sich wie auf ein Kommando einem
großen Metallspiegel im Mittelpunkt des Raumes zu,
„Nein, keine Angst, aber ein gewisses Widerstre- dessen Oberfläche von einem strahlenden Licht erfüllt
ben.“ war.
Der andere Sohn kam jetzt auf sie zu. „Sind die Kinder abgefahren?“ fragte die Stimme.
„Wir müssen uns sofort nach Emporia begeben“, „Sie sind abgefahren, Vater“, antworteten die Söhne
sagte er. „Die Vernichtungswelle wird bald einsetzen, im Chor.
und bis dahin müßt ihr die Sicherheit der Röhrenbahn „Ist der Mann, der fliegt, ebenfalls abgefahren?“
erreicht haben, denn es ist der Wunsch des Vaters, daß „Er ist soeben eingetroffen, Vater.“ „Schickt ihn zu
ihr unbehelligt zu ihm kommt.“ mir. Die Stunde der Vernichtungswelle ist angebro-
O’Hara schlang den Arm um Nedras Hüfte und be- chen.“
gann der Horde zu folgen, die auf eines der Röhrenen- Der Sohn neben O’Hara und Nedra gab ihnen ein
de zustrebte. Zeichen, ihm an eine Bahn zu folgen, die an einem
Auf einer Art Plattform fuhren sie etwa sechshun- anderen Tunneleingang stand.
dert Meter tief in den Boden, und nachdem sie den „Du mußt sofort einsteigen!“ befahl er. „Aber du al-
Boden des Schachtes erreicht hatten, schloß sich die lein, nicht die rothaarige Frau aus den Bergen.“
23 TERRA EXTRA

Nedra schmiegte sich an O’Hara.“ „Ja, ich habe es Er schob den Revolver in die Tasche, wirbelte her-
dir versprochen.“ Er warf einen kurzen Seitenblick um, ergriff Nedras Hand und zog sie in das kleine Ge-
auf den Atomstrahler des Sohnes und dachte unwill- fährt. Sofort sprangen die Söhne herbei und verschlos-
kürlich an die kleinen Rauchwolken, die er bei ihrer sen die Tür.
Gefangennahme im Tal bemerkt hatte. Es mußte alles Mit einem gewaltigen Ruck setzte sich die kleine
schnell und schmerzlos vonstatten gehen. Und jetzt, Bahn in Bewegung. O’Hara und Nedra wurden rück-
da er das Ende erreicht hatte, spürte er weder Furcht lings auf den weichen Schaumgummibelag geschleu-
noch Ungewißheit. „Bist du bereit, Nedra?“ dert, der den Boden bildete. Keinerlei Bewegung war
„Ja“, flüsterte sie und schlang die Arme um seinen hier zu spüren, kein Zittern und Stampfen, und den-
Hals. „Jetzt.“ noch mußte die Bahn, mit großer Geschwindigkeit
durch den Tunnel jagen, denn wenige Sekunden später
Wieder klang die mächtige Stimme auf: „O’Hara,
wurde sie schon wieder abgebremst.
warte!“
Die Tür wurde geöffnet, und das Gesicht eines Soh-
Im gleichen Augenblick zogen die Söhne die Köpfe
nes erschien.
ein und duckten sich.
„Ihr seid in Washington“, verkündete er. „Der Vater
„Schickt sie beide zu mir!“ befahl die Stimme, und erwartet euch.“
das strahlende Licht des Metallspiegels wurde so grell, Wenige Sekunden waren vergangen, seit sich die
daß es in die Augen stach. „Schickt sie beide“, wie- Tür hinter ihnen geschlossen hatte, und in diesen we-
derholte die Stimme. „Willst du deine Waffe jetzt ein- nigen Sekunden hatten sie die Entfernung vom westli-
stecken, O’Hara?“ chen Teil Kansas nach Washington zurückgelegt. Die
O’Hara wandte sich dem Spiegel zu. Geschwindigkeit überstieg jegliches Begriffsvermö-
„Nur, wenn wir zusammen gehen können.“ gen!
„Ihr sollt zusammen in die Bahn steigen, die Söhne Nedra erhob sich vom Boden.
werden euch nicht hindern.“ Sie stand da mit halbgeschlossenen Augen, hängen-
den Schultern, bewegungslosen Armen, vollkommen
„Beobachtest du uns, Vater? Weißt du, daß ich einen
apathisch.
Revolver bei mir habe?“
„Nedra?“ rief er sie an, und sie gab keine Antwort.
„Ja, ich weiß es, und ich beobachte alles. Ich weiß
O’Hara riß sie bei den Schultern herum und starrte
auch alles. Die Uniform, die du da trägst, gehört zur
ihr in die Augen. Anscheinend sah sie ihn gar nicht,
International Patrol. Dein Heimatflugplatz liegt auf
denn ihre Augen waren glasig. „Nedra!“ rief er, indem
Wrangell Island im Norden der sibirischen Küste. Da-
er sie abermals bei den Schultern schüttelte, „Nedra,
vor warst du auf den Falklands stationiert, und deine
was ist denn? Hörst du mich?“
Streifenflüge führten dich in die Antarktis. Du bist in
„Ja“, erwiderte sie. „Ich höre dich.“
England geboren, aber deine Vorfahren waren Ameri-
kaner, sie kamen aus diesem Kontinent, kurz bevor der Der Sohn an der Tür machte eine kurze Bewegung.
Vorhang errichtet wurde. Siehst du, O’Hara, daß ich „Der Vater erwartet euch, ihr müßt sofort kommen.“
alles weiß?“ Das grelle Licht des Spiegels strahlte jetzt In der kraftlosen Stimme des Sohnes vermeinte
wie eine Sonne, und O’Hara erinnerte sich plötzlich an O’Hara ein Echo von dem Klang zu vernehmen, der
Eiders Worte. „Hast du Angst vor mir, O’Hara?“ frag- auch in Nedras Stimme gelegen hatte, der gleiche mo-
te die Stimme. „Angst vor dem Wissen?“ notone Klang. War es möglich, daß die enorme Radio-
„Ich habe keine Angst vor dem Wissen?“ aktivität dieses Atomzentrums sie bereits langsam so
stark beeinflußte, daß sie sich zu einem dieser affenar-
„Dann wirst du kommen, du und deine Frau. Sofort, tigen Wesen entwickelte?
ich brauche euch hier.“
Dieser Gedanke trieb ihn an den Rand der Verzweif-
Die Macht dieser gewaltigen Stimme und das blen- lung. In einer heftigen Aufwallung versetzte er ihr mit
dende Licht des Metallspiegels zwang die Söhne in der flachen Hand einen Schlag ins Gesicht.
die Knie, dennoch kam es O’Hara vor, als hätte da Sie schien diesen Schlag gar nicht zu spüren, mit
ein beschwörender Klang in dieser Stimme gelegen, blicklos starren Augen stand sie vor ihm.
als hätte der Vater selbst Angst, und als befürchtete er,
„Das war ganz und gar unverzeihlich von mir“, sag-
daß O’Hara die Frau an seiner Seite und sich selbst
te O’Hara, und plötzlich wußte er mit aller Deutlich-
vernichten würde. Warum sonst hätte er diese Vorgän-
keit, daß er dieses Geschöpf aus ganzem Herzen lieb-
ge angeführt, die sich hinter dem Atomvorhang abge-
te: Jetzt war sie seine Frau!
spielt hatten? Und dann dieser letzte Satz: „Ich brau-
Er hob sie auf und trug sie durch die Tür auf die
che euch hier.“
Plattform hinaus. Der Sohn führte den Weg durch
Der Vater brauchte ihn. Im Grunde genommen wuß- einen weiteren Tunnel, dessen Wände mit Magnesium
te er wohl, daß O’Hara kommen würde. Und Nedra bedeckt waren. Dieser Sohn war der erste, der keinen
spürte es ebenfalls. Atomstrahler trug. Und hier in Washington, der Stadt
„O’Hara, nein!“ des Vaters, gab es keine Massen.
Der Atomvorhang 24

O’Haras’ Schritte hallten durch den leeren Korridor, können, der sie wirklich zu begreifen und zu würdi-
während er mit Nedras schlaffer Gestalt in den Armen gen versteht. Mitunter habe ich gedacht, dieser Mann,
dem Sohn folgte. Unvermittelt blieb der Sohn vor ei- ein wahrhafter Sohn, wäre zu mir gekommen, O’Hara,
ner Wand stehen, und diese öffnete sich vor ihnen, um denn du bist nicht der erste Mensch, der den Atom-
den Eingang zu einer großen Halle freizugeben. vorhang durchstoßen hat. Aber diese anderen haben
Der Sohn führte sie an einen Schacht und blieb ste- nichts getaugt, sie haben mich enttäuscht. Vielleicht
hen. Eine Tür des Schachtes öffnete sich, und der Sohn hat das auch ein wenig an mir gelegen, vielleicht hat-
deutete auf die Öffnung. te ich meine Erwartungen zu hoch gespannt. Und jetzt
„Nach dir“, sagte O’Hara. bist du hier, O’Hara. Kannst du mich sehen?“
„Ich kann nicht weiter gehen“, erwiderte der Sohn. Das grelle, blendende Licht war verschwunden, an
„Es ist verboten.“ seine Stelle war undurchdringliche Dunkelheit getre-
ten.
„Der Vater verbietet dir, weiterzugehen?“
„Ich kann überhaupt nichts sehen. Diese Tricks mit
„Ja.“
dem blendenden Licht und der folgenden Dunkelheit
„Und was würde geschehen, wenn du dennoch wei- sind doch recht dumm, Vater. Falls du mir dadurch
ter gingest?“ Furcht einflößen willst...“
„Ich weiß es nicht.“ „Es ist nur auf die Beschaffenheit deiner Pupillen
„Hast du Angst?“ zurückzuführen“, sagte der Vater. „Sie werden sich
„Ich habe keine Angst. Der Vater beobachtet mich.“ bald darauf einstellen. Ich habe dich keineswegs her-
„Er beobachtet dich in diesem Augenblick?“ kommen lassen, um dir Furcht einzuflößen. Kannst du
„Der Vater beobachtet immer. Ihr müßt jetzt gehen.“ noch nicht sehen?“
„Aber du wirst auf unsere Rückkehr warten?“ „Ich kann nicht, halt, da erkenne ich eine Wand.“
„Ihr werdet nicht zurückkehren. Es ist noch nie je- „Du befindest dich am Boden eines Schachtes, ich
mand zurückgekehrt, der in diesen Schacht gegangen kann meinen Besuchern nicht uneingeschränktes Ver-
ist.“ trauen entgegenbringen.“
O’Hara zögerte. Aber er wußte bereits, daß ihm „Über mir, etwa sieben Meter, auf einem hohen
der Rückweg nach Emporia und zu den Bergen ab- Podest, ein alter, zerbrechlicher Mann wie einer der
geschnitten war. Der einzige Weg, der ihm blieb, war zwölf alten Männer von Genf.“
der zum Vater. „Ja, ich bin alt. Kannst du mich jetzt sehen?“
Er trug Nedra in den Schacht, und sofort wurden sie „Ich sehe dich jetzt“, erwiderte O’Hara. „Ganz
emporgetragen. Als sich die Tür wieder öffnete und schwach kann ich dich sehen. Bist du der, den sie den
sie den Schacht verließen, traten sie in das strahlende Vater nennen?“
Licht der Sonne. „Es war klug von mir, auf diesem Namen zu be-
O’Hara wußte nicht, wie lange er dort gestanden stehen, aber du brauchst ihn nicht anzuwenden. Mein
hatte, seine schmerzenden Augen versagten ihm den Name ist Bryce, Stephen Bryce, Stephen Bryce, wie
Dienst. seltsam das klingt! Ich habe meinen Namen seit mehr
„Wenn ich sehen könnte!“ rief er bebend. „Wenn als einem Jahrhundert nicht mehr aussprechen hören.
ich nur sehen könnte.“ Sprich ihn einmal.“
„Du wirst sehen können“, erwiderte die Stimme. „Stephen Bryce.“
„Und es freut mich, daß du es vorgezogen hast, zu mir „Nett von dir, O’Hara, ich danke dir. Aber du sollst
zu kommen.“ sogleich zu mir heraufkommen. Nein, bitte, keine
Die Stimme wurde immer leiser, und auch das Bewegung. Du mußt dich daran gewöhnen, daß der
strahlende Licht verblaßte, so daß die Dinge ihre nor- menschliche Körper die beste und größte aller Ma-
male Gestalt annahmen. schinen ist, und du mußt sparsam mit der Kraft um-
„Und wenn du wieder sehen kannst“, fuhr die Stim- gehen. Siehst du, du wirst bereits auf mich zugetra-
me fort, „dann wirst du deinen Entschluß nicht bereu- gen. Wir leben in dem glorreichen Zeitalter, in dem
en, und auch du wirst dich freuen. Denk’ doch einmal man nur einen Knopf zu bedienen braucht, um alles
daran, O’Hara, dein ganzes Leben lang hast du dich zu vollbringen, was man sich wünscht, mit Ausnahme
danach gesehnt, einmal zu sehen, was hinter diesem der Dinge, auf die es wirklich ankommt.“
t Atomvorhang liegt, der die beiden verlorenen Konti- Langsam kamen sie auf das Podest zu, auf dem die
nente seit zweihundertsechzig Jahren von der Erde ab- schlanke Gestalt des alten Mannes stand. Er trug ein
teilt. Und jetzt bist du hier in der Metropole der Verei- glänzendes, langes Gewand und hatte langes, gelblich-
nigten Staaten, im Capitol von Washington. Jetzt wirst weißes Haar. Es war das Gesicht eines alten, zahnlo-
du alles sehen, und ich werde dir alles zeigen. Die gan- sen Propheten, und in diesem alten, zerfurchten Ge-
zen Jahre hindurch habe ich. mich danach gesehnt, al- sicht steckten ein paar überraschend blaue Augen von
le diese Wunder einmal einem Menschen zeigen zu einem intensiven Feuer.
25 TERRA EXTRA

„Willkommen, O’Hara“, sagte der Vater. „Du und „Aber du bringst den Willen nicht auf, das ist es,
die Frau aus den Bergen, seid willkommen. Aber ihr O’Hara. Dein unbezähmbarer Wissensdurst hat die
seid müde.“ Oberhand gewonnen, du willst immer abwarten, was
„Ja, Vater“, begann O’Hara, und dann verbesserte er noch kommt. Und was könnte jetzt wohl noch kom-
sich schnell: „Ja, Stephen Bryce, und wenn es gestattet men, nach dem du den Vater gesehen hast? Es gibt
ist, daß wir uns ein wenig ausruhen...“ keine weiteren Wunder! Warum wartest du noch im-
mer? Ich will es dir sagen, O’Hara.“
„Dies“, sagte der Vater mit einer großartigen Ge-
ste, „ist der Dom, eine Halle, die sich als sehr nütz- „Nedra, du hast nur den Willen zum Sterben. Liegt
lich erwies, als damals noch viele Besucher zu mir denn nicht auch eine Kraft im Ausharren und Durch-
kamen. So wie ihr heute zu mir gekommen seid. Die halten?“
große Höhe dieser gewölbten Decke ist wie geschaf- „Durchhalten, zu welchem Zweck? O ja, wenn es
fen, um in dem Besucher einen tiefen Respekt zu noch einen Sinn hätte; aber wir haben keinerlei Mög-
erwecken. Es ist ein Meisterstück der Illusion. Und lichkeit zur Flucht, und wir sinken immer tiefer und
dort drüben, durch den Torbogen gelangt ihr in einen tiefer in diesen Wirrwarr hinein.“
Raum der euch zeigen wird, daß unsere Architekten „Du beginnst langsam zu denken, Nedra, und ich
doch noch menschliche Gefühle hatten. Dort werdet weiß nicht recht, ob das wohl ein Vorzug ist. Trotzdem
ihr alles vorfinden, was das Herz nur begehren kann. habe ich noch vor einer halben Stunde gefürchtet, daß
In diesem Raum sollt ihr euch ausruhen und wieder du niemals mehr in der Lage sein würdest, zu denken.
zu euch selbst zurückfinden. Und denk immer dran, Was ist es denn eigentlich, das ein Mann will?“
O’Hara: Wenn ich dich nicht gebraucht hätte, dann „Ich weiß, was du willst: reden!“
wärest du nicht nach Washington gekommen. Ich ver- „Ja“, stimmte er zu.
traue euch“, schloß er, „und dennoch muß ich gewis- Das schimmernde Licht verblaßte, und die leise
se Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. Tretet zurück, die Musik war kaum noch zu vernehmen.
Tür!“ „Reden“, fuhr O’Hara fort, „und schlafen, um dann
Unvermittelt wurde der Torbogen verschlossen. wieder aufzuwachen. Ja, Nedra, wenn wir sicher sein
O’Hara und Nedra waren allein im Raum. könnten, daß wir wieder aufwachen. Ewiges Leben!
Es war ein wundervolles Zimmer von achteckiger Ich will es dir später einmal erklären.“
Form. Der Boden war mit weicher Plastik belegt, und Als O’Hara später erwachte, war die Decke wie-
die Marmorwände waren mit schönen Mustern ver- der in jenes strahlende Licht getaucht, das hier den
ziert. Nachdem sich die Tür hinter ihnen geschlos- Tag symbolisierte. Denn in dieser Stadt des Vaters, in
sen hatte, gab es keinen Ausgang. Der Mittelpunkt der der Metropole der verlorenen Kontinente hinter dem
leicht gewölbten Decke erstrahlte in einem hellblau- Atomvorhang, hier gab es weder Tag noch Nacht.
en Licht, das sich den Seiten zu in ein tiefes Dunkel- Zwar gab es vierzehn Stunden hindurch das seltsame
blau verwandelte. An der hinteren Wand standen zwei synthetische Licht, das dann von zehn Stunden der ab-
geräumige Doppelbetten, und auf den dunkelpolierten soluten Dunkelheit abgelöst wurde, aber es war kein
Metalltischen stand eine Vielzahl von Schüsseln mit richtiger Tag und auch keine Nacht.
photosynthetronischer Nahrung. O’Hara überzeugte sich mit einem schnellen Seiten-
O’Hara trug Nedra an eines der breiten Betten, und blick, daß Nedra noch schlief. Er blieb ebenfalls liegen
als er sie aus den ermüdeten Armen gleiten ließ, klang und starrte auf die Decke. Dabei fielen ihm Nedras an-
plötzlich eine seltsame, leise Musik auf, die den ge- klagende und vorwurfsvolle Worte ein: „Wir sinken
samten Raum anfüllte. immer tiefer und tiefer in diesen Wirrwarr hinein!“
Endlich begann Nedra sich zu regen. Aber selbst, wenn sie hier in diesem Raum für al-
le Zeiten Gefangene bleiben sollten, wäre das denn
Während sie die strahlenden Augen aufschlug und
so unerträglich? Wenn ihnen das Leben in ihrer Berg-
die Lippen bewegte, beugte sich O’Hara über sie.
höhle gefallen hat, warum war es dann hier weniger
„Das hättest du nicht zulassen dürfen, O’Hara“, flü- schön? Angenommen, diese Tür dort würde sich nie
sterte sie. „Ich hätte sie dazu zwingen können, mich zu wieder öffnen?
vernichten. Aber du hast dich geweigert, du warst zu Nie wieder?
schwach. Und dabei bist du der Vater meines Kindes.“
Der Gedanke war erstickend. O’Hara spürte, wie
Er setzte sich neben sie auf das Bett. ihm der kalte Schweiß aus allen Poren brach. Er ballte
„Nein, Nedra, du täuscht dich, es ist keine Schwä- die Fäuste.
che. Wir haben überhaupt nichts verloren, und unser „Vater! Vater!“
Leben liegt nach wie vor in unserer Hand.“ Sogleich klang eine ruhige Stimme durch den
„Glaubst du das wirklich, O’Hara?“ Raum:
„Ich bin davon überzeugt. Dies hier ist unser letzter „Bist du hier unglücklich, O’Hara?“
Ausweg!“ Dabei schlug er sich auf die Tasche, in der Die Tür war verschlossen. Die Stimme des Vaters
der Revolver steckte. fuhr fort:
Der Atomvorhang 26

„Ich will dich nicht beleidigen, O’Hara, und ich du selbst, O’Hara. Ohne meine Ausbildung wären die-
führe dir auch keine Wunder vor. Es ist eine ganz ein- se Söhne heute nicht mehr von den Massen zu unter-
fache Anlage, wie ihr sie zweifellos auch habt, in eurer scheiden. Aber keine Macht der Welt, selbst die größte
Welt hinter dem Atomvorhang: elektronische Platten und ausdauernde Geduld nicht, könnte sie wieder zum
in der Decke des Raumes. Ich kann dich sehen und Denken bringen. Wir brauchen ein neues Element in
deine Stimme hören, obgleich ich mich hier in mei- unserer Ausbildung. Ich habe schon viel zuviel Zeit
nem eigenem Zimmer aufhalte. Ich bin gerade im Be- mit meinen Plänen verloren, und jetzt muß ich mich
griff gewesen, zu dir zu kommen, als deine Stimme an die Schöpfung machen. Und du sollst mir helfen,
erklang. Bist du unglücklich?“ O’Hara, eine neue Rasse zu schöpfen.“
„Nicht unglücklich, Vater, wie soll ich es nennen, „Die nach einer gewissen Zeit wieder den Weg der
ruhelos, eingesperrt!“ Verunstalteten einschlagen wird, Vater?“
„Ich verstehe, dir fehlt die Illusion der Freiheit. In „Ja, nach einer gewissen Zeit. Das Gesetz der Re-
diesem Raum bist du weitaus besser dran als in der progression ist unbarmherzig und endgültig. In zwei
Kabine deines Flugzeuges über der Arktis. Zugege- Generationen...“
ben, eine Illusion. Aber auch dafür habe ich ein Mittel, Die Stimme des Vaters brach unvermittelt ab, aber
mit der Zeit wirst du dich schon mit Geduld wapp- nur, um im nächsten Augenblick in ungewohnter
nen. Und dann habe ich Arbeit für dich. Während du Schärfe aufzuklingen. O’Hara erkannte hieran, daß er
geschlafen hast, habe in einen neuen Plan für Ameri- zu einer anderen Person sprach.
ka entworfen, sehr interessant! Die erste wahre Ent-
„Warum bist du hier? Du wirst sofort an deine Ar-
wicklung seit einem Jahrhundert, und dabei ist es so
beit mit den Söhnen zurückkehren !“
einfach, daß es mir unverständlich bleibt, weshalb ich
diesen Plan nicht schon viel früher gefaßt habe. Ist dir Eine hysterisch klingende Stimme antwortete:
aufgefallen, was aus meinem Volk geworden ist?“ „Nein, Vater, nein! Ich werde nicht zu den Söhnen
„Die Verunstalteten?“ fragte O’Hara. „Und die Söh- zurückkehren! Ich habe ihn auf dem Bildschirm gese-
ne?“ hen und ich weiß, daß er hier ist. Ich werde ihn war-
„Ob es wohl hinter dem Atomvorhang keine Men- nen, Vater. Er soll sich dir nicht ausliefern, dir und dei-
schen gibt, die sofort bereit wären, mit jenen zu tau- nen blutgierigen, mörderischen Machenschaften...“
schen, die du als die Verunstalteten bezeichnest?“ „Ich rufe die Söhne!“ drohte der Vater.
fragte der Vater leise. „Gibt es in deiner Welt keine „Ruf sie doch und sei verdammt! Diese alten,
unglücklichen Menschen, auf die diese Bezeichnung schwächlichen Arme, Vater. Ich kann sie mit zwei Fin-
zuträfe?“ gern zerbrechen. Siehst du es? Spürst du es? Schmerz,
„Es tut mir leid, Vater, ich habe diese Bezeich- Schmerz, du hattest längst vergessen, was es heißt,
nung von einem Angehörigen des Bergvolkes über- Schmerzen zu erleiden, nicht wahr? Laß doch die Söh-
nommen.“ ne kommen!“
„Und es liegt auch ein Körnchen Wahrheit darin. „Sie kommen bereits“, sagte der Vater. „Und die
Die physiologischen Faktoren sind augenscheinlich. Wahl liegt jetzt bei dir. Kehre mit den Söhnen an deine
Deshalb bin ich ja so verzweifelt über meine Söhne, Arbeit zurück, und das Versprechen, das ich dir gege-
sie sind so gut ausgebildet, daß vermutlich sogar du ben habe.“
annehmen mußt, sie wären den Massen an Intelligenz „Ein leeres Versprechen, an das ich nicht länger
überlegen.“ glaube.“
„Ich habe gehört, wie sie bereits als Babies ausge- „Die Wahl liegt bei dir“, versetzte der Vater. „Wenn
wählt werden.“ ich mein Versprechen nicht halte, dann weißt du ja,
„Und ausgebildet! Das ist die maßgebliche Tatsa- welches Schicksal dich erwartet. Aber du wirst es
che. Gibt es eigentlich in eurer Welt hinter dem Vor- wohl vorziehen, mir auch weiterhin zu vertrauen, nicht
hang noch Hunde?“ wahr, Anstruther?“
„Ja, Vater. Unsere Welt ist vollkommen unverän- Die schrille, hysterische Stimme wurde noch lauter.
dert.“ „Ich möchte dir glauben, ich muß dir glauben, Va-
„Früher hatten wir auch Hunde. Und da war es uns ter.“
möglich, sie auszubilden und ihnen vielerlei Tricks „Dann kehre sofort zurück!“
beizubringen. Natürlich konnten wir ihnen nicht das
O’Hara vernahm ein tiefes Schluchzen.
Sprechen beibringen, denn dazu sind sie nun mal von
Natur aus nicht geschaffen, aber wir vermochten ih- Und dann ertönte wieder die Stimme des Vaters.
re angeborenen Instinkte zu erweitern. Und die Söh- „Ich bin verletzt worden, O’Hara, ich kann heute
ne, die ja die Kinder der Frauen aus der Masse sind, nicht länger mit dir sprechen. Dieser Dummkopf, der
haben genau wie alle anderen Verunstalteten den Ge- den Vorhang vor dir durchdrungen hat, Anstruther. Er
brauch der Sprache verlernt. Und dennoch waren ihre hat dich gekannt, als ihr beide bei der International Pa-
Vorfahren sprechende und denkende Menschen — wie trol wart, es tut mir leid. Du mußt Geduld haben. Die
27 TERRA EXTRA

Zeit hat keinerlei Bedeutung für dich, genausowenig finstere Katakombe wurde, aus allen Ecken klangen
wie für mich. Denken, O’Hara, und warten.“ Stimmen auf, und ein Mann, der überall zugegen war
Die Zeit hat keinerlei Bedeutung. Denken und war- und doch nirgends, beobachtete mich unablässig, Ne-
ten! dra und mich! Ein Aquarium! Unter ständiger Beob-
Das war ein Schlagwort, das ebensogut von den achtung dieses alten, ausgemergelten Skeletts mit dem
zwölf alten Männern in Genf hätte kommen können. scharfen, durchdringenden Verstand, Stephen Bryce,
„Das“, sagte O’Hara, „haben diese Alten auf bei- der Vater.
den Seiten des Atomvorhangs gemein, immer am Al- Und dennoch erschien mir dieser Gedanke nicht un-
ten verharren, denn jeder Wechsel bedeutet eine Ge- erträglich.
fahr. Wir in Europa, Asien und Afrika haben uns mit Aber wie viele Monate würde ich das durchhalten?
den Dingen abgefunden und leiden noch immer an den Denken und warten! In diesem Augenblick wußte ich
Auswirkungen des dritten Weltkrieges, während sie, ja noch nicht, daß uns der Vater mit seinen letzten
die Menschen der westlichen Hemisphäre, inmitten Worten auf eine Zeitdauer von acht Monaten in un-
ihrer wundervollen Neuerung dem Untergang zusteu- serem Zimmer versiegelt hatte.
ern. Und alles wegen der Errichtung dieses Vorhangs. Acht Monate, die aus einer endlosen Reihe von Ta-
Beide Seiten haben die Aussicht auf die Zukunft ver- gen bestanden, jeder einzelne dieser Tage verlief ge-
loren.“ nau wie der vorhergehende, nur daß Nedras Figur mit
Durch das offene Fenster der Wohnung in Blooms- jedem Tag ein wenig stärker wurde. Und ich glaube,
bury drang der Lärm der Londoner Straßen herein. es war dieses kleine Wesen, das da unter ihrem Her-
O’Haras Stimme nahm plötzlich einen neuen Klang zen heranreifte, das uns letzten Endes rettete. Unser
an. Kind, das schon vor seiner Geburt einem ständigen
„Was ist besser?“ fragte er. „In Bengalien zu ver- Einfluß dieser radioaktiven Quellen und Strömungen
hungern oder zu den Massen zu gehören, die die unter- ausgesetzt war, würde es sich wohl auch zu einem
irdischen Straßen von Emporia bevölkern? Eine harte dieser grauenhaften, affenartigen Wesen entwickeln?
Wahl, wie? Ich möchte sagen, es ist überhaupt keine Ich glaube, in diesen Monaten reifte in Nedra der Ent-
Wahl, wenn man nur zwischen diesen beiden Mög- schluß heran, das Kind auf der Stelle umzubringen,
lichkeiten zu wählen hat. Und wenn es so wäre, dann falls es in irgendeiner Form deformiert war, denn Ne-
bliebe überhaupt keine Hoffnung für die Menschheit. dra hatte ja im Tod schon den letzten Ausweg gesehen.
Ich wünschte, ich könnte dir sagen, daß der Vater, Verstehst du nun, wie ich meine, wenn ich sage, daß
Stephen Bryce, in jenem Augenblick weniger Furcht uns das Kind gerettet hat?
spürte als unsere ängstlichen zwölf alten Männer von Und dann war Nedra eines Morgens verschwun-
Genf. Aber ich glaube kaum, daß dies in jenem Au- den!“
genblick zutraf.
Dieser Morgen war die reinste Hölle, und O’Hara
Philosophie, mein alter Freund, aber eine recht bil-
kam sich vor wie am Grund eines tiefen Schachtes.
lige. Ich bin weder ein Sokrates noch ein Kant, besten-
Stundenlang schlug er sich die Fäuste an den kalten
falls bin ich, oder besser gesagt, war ich ein Pilot der
Marmorwänden blutig, ununterbrochen schrie er den
International Patrol, ein Beobachter, und nichts weiter.
Namen des Vaters vor sich hin.
Es wäre doch absurd von mir gewesen, mich in irgend-
welche Spekulationen über das Schicksal der Mensch- „Schick sie sofort zu mir zurück! Stephen Bryce!
heit einzulassen, wo ich nicht einmal die geringste Ah- Du kannst von mir verlangen, was immer du willst,
nung hatte, welchen Verlauf mein eigenes Schicksal in aber schick sie zu mir zurück!“
diesem schönen Raum in Washington nehmen würde. Als alles nichts half, begann er, wilde Drohungen
Aber die Tatsache, daß Anstruther am Leben war, und hervorzustoßen.
der hysterische Klang seiner Stimme, das Bewußtsein, Keine Antwort! Nicht das leiseste Flüstern drang
daß er sich ebenfalls in dieser Terra incognita auf- in den Raum. Der Vater wußte nur zu gut, daß sich
hielt, und zwar ganz in meiner unmittelbaren Nähe, O’Hara nicht das Leben nehmen würde, solange er
das schnürte mir den Hals zusammen. Und ich glaube, auch nur den geringsten Hoffnungsschimmer hatte,
du kannst dieses Gefühl wohl ermessen, nicht wahr, daß Nedra zu ihm zurückkehren würde.
Arthur? Darf ich dein Glas nachfüllen?“ Aber möglicherweise sollte das alles gar keine Qual
Er war vor einiger Zeit aus seinem Sessel auf- für ihn bedeuten. Gewiß, dieser letzte und neunte Mo-
gesprungen und wanderte nun mit ruhelosen Schrit- nat war der schlimmste, immerhin durfte er nicht ver-
ten durch den Raum. Während ich uns einen neuen gessen, daß der Vater selbst verwundet worden war,
Drink einschenkte, ergriff er den geschnitzten Knüp- und diese Tatsache mußte unter allen Umständen ver-
pel, starrte einen Augenblick nachdenklich vor sich borgen bleiben. O’Hara sollte bald erfahren, daß sich
hin und fuhr dann in seiner Erzählung fort. der Vater ebenfalls hinter der versiegelten Tür sei-
„Anstruther auch! Und er hatte in so heller Em- nes Privatraumes vergraben hatte, um von hier aus
pörung geschrien, daß diese Stadt, die ich für voll- durch seine Systeme der elektromagnetischen Anord-
kommen verlassen gewähnt hatte, nun plötzlich eine nungen die westliche Hemisphäre zu dirigieren. Er
Der Atomvorhang 28

hörte O’Haras ständige Wutausbrüche und wußte ge- befanden sich in einem Metalltunnel, der anscheinend
nau, wie es um ihn stand, aber das Wissen der Herr- unendlich war. Schritt für Schritt drangen sie vor, und
scher ist mitunter genauso hart wie ihr Wille. O’Hara hielt den Revolver schußbereit in der Hand.
Denken — warten! „Jetzt müßt ihr euch nach rechts wenden!“ befahl
Zehn Monate, und in den letzten beiden hatte sich der Vater, und im gleichen Augenblick öffnete sich an
eine derartige Spannung in O’Haras Raum gebildet, der rechten Tunnelwand eine verborgene Tür. „Kommt
daß er oftmals meinte, sie müßte sich in einem unge- herein, und nun kannst du deinen Revolver wieder ein-
heuren elektrischen Blitz entladen. stecken, O’Hara. Die Gefahr hat nur im Korridor be-
Und eines Morgens war alles vorüber: Er erwachte standen.“
von einem unterdrückten Schrei, der unmittelbar ne- „Was war das für eine Gefahr, Vater?“ Geräuschlos
ben seinem Ohr erklang. Er riß den Kopf herum, und schloß sich die Tür hinter ihnen. Sie befanden sich in
da lag Nedra neben ihm. In den Armen hielt sie das einer großen Halle mit einer hohen, gewölbten Decke,
Kind. die ein azurfarbenes Licht verbreitete. Im Hintergrund
Im Leben eines jeden Mannes gibt es einen Augen- dieser gigantischen Halle stand eine Empore, die ein
blick, an den er sich später nur noch schemenhaft erin- weites Himmelbett trug.
nern kann; denn das Gefühl, das ihn in diesem Augen- „Dies ist mein Raum, O’Hara, in dem ich schlafe
blick durchzuckt, ist zu groß, um es in der gleichen In- und arbeite, und in dem du in Zukunft mit deiner Frau
tensität zweimal zu erleben. Endlich hat er den Grund und deinem Kind wohnen wirst; hier haben wir genü-
seines Daseins erkannt: für O’Hara war es Nedra — gend Bewegungsfreiheit. Gefahr, fragst du? Eine klei-
und das Kind. ne Störung unter den jüngeren Söhnen — Anstruthers
Er schluchzte. Gruppe. Aber das werde ich schon im Laufe der Zeit in
Als er sich endlich ein wenig gefaßt hatte, berühr- Ordnung bringen. Kommt doch näher heran, auf die-
te er das kleine, zerbrechliche Wesen, und er sah, daß se Empore.“ Langsam, Schritt für Schritt, näherte sich
es ein hübsches Kind war. Auf seinen rosigen Wan- O’Hara der Empore, neben ihm Nedra, in deren Ar-
gen lag ein frischer Hauch, und aus den großen, blauen men das schlafende Baby ruhte. Ehrfurcht, Unterwür-
Augen schaute es in die Welt. figkeit und ein tiefer Schrecken, das war es, was sie
beherrschte, Dennoch wußte O’Hara, daß es die Stim-
„Er kennt dich, O’Hara.“
me von Stephen Bryce war, die Stimme eines kraftlo-
„Ja, und warum sollte er seinen Vater nicht kennen, sen Greises.
Nedra?“
„Komm noch näher heran, O’Hara, denn ich kann
„Nicht jetzt.“ Sie legte ihm den Finger auf die Lip- mich nicht erheben!“
pen. „Ein wenig später.“
Damit war der Bann gebrochen: Der Vater war hilf-
Und dann klang unvermittelt jene Stimme auf, die los. Der Vater, dessen Wille diese beiden Kontinente
sie seit langen Monaten nicht mehr vernommen hat- leitete und der die einzige wahrhafte Intelligenz in die-
ten. ser Hemisphäre darstellte, lag wie ein Krüppel in dem
„Guten Tag, O’Hara, jetzt wirst du mir wohl ver- weiten Himmelbett dieser gigantischen Halle.
geben, nicht wahr?“ Leise fuhr die Stimme fort: „Es „Siehst du, O’Hara?“ drang die Stimme aus allen
ist für dich überaus schwer gewesen, aber es gab kei- Richtungen der großen Halle, obwohl O’Hara bereits
ne andere Möglichkeit. Ohne meine Führung hättest unmittelbar vor dem Bett stand. „In diesem Augen-
du dich selbst vernichtet — dich, deine Frau und das blick liegt es in deiner Macht, etwas zu tun, was noch
Kind. Und nicht mit deinem Revolver. Du mußt so- nie ein Mensch vollbringen konnte: die absolute Ver-
gleich zu mir kommen!“ nichtung von zwei Kontinenten. Denn wenn ich sterbe,
„Mit Nedra und meinem Sohn.“ dann ist es um sie geschehen.“
„Sie befinden sich in absoluter Sicherheit.“. „Es ist Die schweren Augenlider senkten sich über die
dein Wort gegen meines, Vater. Entweder sie kommen großen Pupillen, und jetzt wirkte dieser Schädel wie
mit...“ ein Totenkopf. Eine blaugeräderte Hand ruhte auf der
„Bring’ sie mit, O’Hara, aber halte deine Waffe be- weißen Bettdecke, neben einem Schaltbrett, auf dem
reit.“ sich vielerlei Reihen von Knöpfen, Tasten und Schal-
Unvermittelt öffnete sich die Tür, die nun seit lan- tern befanden.
gen Monaten versiegelt gewesen war, und sie schauten „Du verzichtest auf dieses Vorrecht?“ fragte der Va-
in den leeren Korridor. ter mit leiser Ironie.
„Kommt in den Gang und wendet euch dann nach „Ich habe die Vernichtungswelle von Emporia bis
links“, sagte der Vater. „Nur meine Stimme wird euch zu deiner Ankunft zurückgestellt. Aber diese zusätzli-
führen, ihr braucht nichts weiter zu tun, als ihr zu fol- chen zehn Monate, um die ich das Leben der Massen
gen. Und halte deine Waffe bereit!“ verlängert habe, erzeugt keinerlei Dankbarkeit oder
Nedra schritt an O’Haras Seite; das Kind schlief in Überraschung in ihnen. Mein Volk kann nämlich we-
ihren Armen. Die Tür schloß sich hinter ihnen. Sie der Dankbarkeit noch Überraschung empfinden, und
29 TERRA EXTRA

damit sind auch meine Empfindungen begrenzt, denn tion zu verhindern. Unweigerlich fällt jede Generation
sonst würde ich mir wie ein Gott vorkommen. Und ein Stück weiter zurück als die vorhergehende. Das ist
wie du siehst, bin ich in der Tat keineswegs ein Gott, das genaue Gesetz, und daran gibt es nichts zu ändern.
ich möchte sogar sagen, daß ich ein recht schwacher Wenn aber nun plötzlich eine ganz neue Rasse in diese
Mensch bin. Aber das ist hier hinter dem Vorhang nur Hemisphäre dringen würde, die seit der Errichtung des
sehr wenigen bekannt.“ Atomvorhanges soviel Boden verloren hat, um diesen
Langsam hob er die Hand. „Ich habe dir einige Din- zurückzugewinnen...“
ge zu zeigen, O’Hara, an denen eine Frau wohl wenig „Auch dann müßtest du die Experimente fortsetzen,
Gefallen finden dürfte. Und ich habe dir Dinge zu er- Vater“.
zählen, die nicht für die Ohren eines Kindes bestimmt „Aber diese Möglichkeit ist nicht ohne weiteres von
sind, ganz gleich, ob es sie nun schon begreift oder der Hand zu weisen. Zum Glück existiert auf der an-
nicht. Schick sie also weg, auf jene Wand dort drü- deren Seite des Vorhangs ein annähernd unerschöpfli-
ben zu, hinter der bereits alles für ihren Empfang ge- cher Vorrat von Menschenmaterial.“
rüstet ist. Du kannst dich zu jeder beliebigen Zeit mit
„Und wie willst du die Menschen hierherbringen?“
ihnen in Verbindung setzen, und du kannst sie auch
zurückrufen, wann immer du willst; denn mit diesem „Das ist deine Aufgabe.“
Schaltbrett kannst du wahre Wunder vollbringen.“ Die „Meine Aufgabe? Aber ich kann mich doch nicht
großen, strahlenden Augen schlossen sich, und die darauf verlassen, daß es mir abermals ein elektroni-
Hände lagen schlaff auf der weißen Bettdecke. Es war, sches Gewitter gestattet, den Vorhang zu durchbre-
als wäre der Vater bereits gestorben. chen.“
O’Hara warf ihm einen letzten Blick zu, dann ver- „Man darf sich niemals auf die Vorsehung oder auf
ließ er die Empore und geleitete Nedra mit dem Kind den Zufall verlassen, wenn man die Zukunft einer gan-
an die Verbindungstür, die sich vor ihnen öffnete. zen Hemisphäre ins Auge faßt, und das ist auch noch
Dann kehrte er wieder auf die Empore zurück. nie getan worden. Es ist natürlich wahr, daß du es ge-
„Danke sehr, O’Hara. Dein Verhalten ist besser, als wissermaßen einem Zufall zu verdanken hast, wenn es
ich den ganzen Umständen und Verhältnissen nach dir gelungen ist, den Atomvorhang zu durchbrechen.
erwarten durfte“, sagte der Vater, indem er wieder Der gleiche Zufall, der dies auch Anstruther gestattet
die Augen öffnete. Seine Mundwinkel zuckten ein hat und einigen anderen Piloten, die inzwischen nicht
wenig. „Eine neue Rasse, O’Hara“, fuhr er flüsternd mehr am Leben sind. Aber ,das war keine Vorsehung.
fort. „Das ist es, was wir hier brauchen. Erinnerst du Jeder einzelne Pilot, der in der gleichen Richtung und
dich noch, wie ich damals darüber mit dir sprach? in der gleichen Sekunde wie du auf den Vorhang zuge-
Du brauchst mich nicht so vorwurfsvoll anzuschau- flogen wäre, hätte ihn durchdringen können, und zwar
en, ich bin kein schlechter Mathematiker und weiß nicht nur an dieser, sondern an jeder beliebigen Stel-
daher, daß du eine neue Rasse nicht mit einer einzi- le.“
gen Frau beginnen kannst, auch nicht mit jener Hand- „Ich glaube, ich verstehe das nicht recht. An jedem
voll Frauen, die meine Söhne aus den Bergen holen beliebigen Punkt des Vorhangs und zur gleichen Se-
könnten. Kennst du dich in Genetik aus? Dort drüben, kunde?“
hinter dieser verborgenen Tür befindet sich eine ge- „Ja, genau während einer Zeitspanne von zehn Se-
räumige Bibliothek, die eine Menge Bücher enthält, kunden. Hunderte von Piloten der International Patrol
und in der ich selbst früher einmal studiert habe. Un- fliegen in jedem Jahrzehnt gegen den Vorhang und er-
ter diesen gibt es eine ganze Reihe, die noch aus der leiden dabei den Tod, aber wenn sie alle zu diesem be-
Zeit stammen, bevor der Vorhang errichtet wurde, und stimmten Zeitpunkt und in der bestimmten Richtung
dort wirst du alles Wissenswerte erfahren. Wir haben und Geschwindigkeit auf den Vorhang zufliegen wür-
hier keine Tiere mehr, unsere einzigen Tiere“, und da- den, dann könnten sie ihn alle durchdringen. Und der
bei huschte ein müdes Lächeln um die blutleeren Lip- Zufall wollte es, daß all diese Voraussetzungen bei dir
pen, „sind, wie du weißt, die Massenmänner, O’Hara. zugetroffen sind. Einmal im Jahr setzt unser Reaktor
Die Massen von Washington, Emporia, New York und in Carolina für die Dauer von zehn Sekunden aus, und
Chicago, in all unseren anderen Städten: Und die Män- nach Ablauf dieser Zeitspanne wird das Kraftfeld des
ner dieser Massen...“ atomaren Vorhangs von den Reaktoren der Westküste
„Ich weiß“, fiel O’Hara ihm ins Wort. „Die Männer erzeugt. Dieser Vorgang wiederholt sich jährlich seit
sind steril, einer der Söhne hat es mir erklärt.“ zweihundertsechzig Jahren, das liegt an der automa-
„Ich habe diese Erklärung ebenfalls vernommen, tischen Einstellung der einzelnen Reaktoren. Und in
O’Hara. Unvermittelt hat sich das Gesetz der Evolu- dieser Zeitspanne von zehn Sekunden, während der
tion umgekehrt. Der Kiel ist noch immer unter und Reaktor von Carolina aussetzt und die Reaktoren der
der Mast oben, aber das Schiff sinkt. Und somit hat Westküste die Arbeit übernehmen, in diesen zehn Se-
die Natur den Menschen abermals überflügelt. All die kunden existiert der Vorhang überhaupt nicht!“
endlosen Jahre hindurch habe ich mit diesen Proble- O’Hara schloß die Augen, er schluckte schwer, und
men experimentiert, um diese Umkehrung der Evolu- sein Herz hämmerte mit einer ungewohnten Wucht. In
Der Atomvorhang 30

diesem einen Satz lag die Lösung zu dem größten Ge- sagte der Vater. „Und jetzt drücke ich auf diesen
heimnis, das es auf den beiden voneinander geteilten Knopf.“
Hälften der Erdkugel gab: „In der Zeitspanne von zehn Über den Straßen und Gängen Emporias öffneten
Sekunden existiert der Vorhang überhaupt nicht!“ sich lange Schächte, aus denen sich eine dünne, gasar-
„Und diese Zeitspanne liegt unveränderlich fest“, tige gelbe Flüssigkeit über die Massen ergoß. Die ein-
fuhr der Vater fort. „Und das ist die Antwort auf die zelnen Gestalten verschwanden in dieser Flüssigkeit,
Frage, wie du deine Aufgabe durchführen könntest. aber sie ertranken nicht und wurden nicht überspült,
Der Faktor der Zeitrechnung ist dir bekannt, und dort sondern sie verschwanden ganz einfach, als hätten sie
drüben, in den Rocky Mountains, liegt dein Flugzeug. nie existiert.
Man könnte es nach Washington schaffen lassen, da- „Aufgelöst“, stellte der Vater sachlich fest. „Die-
mit es dort nachgebildet wird, denn wenn man den se Vernichtungswelle wird Emporia von allem über-
Söhnen ein wenig Anleitung gibt, dann sind sie keine flüssigen Leben und von allem Schmutz reinigen, mit
schlechten Handwerker. Zeit und Methode sind Pro- Ausnahme der Söhne, die sich im Raum der Gilde
bleme, die wir in jedem Fall lösen können, und es aufhalten. Jetzt bediene ich einen weiteren Knopf,
bleibt somit nur die Frage offen, ob du auf deiner Seite und nun siehst du, wie die Flüssigkeit in den unteren
des Vorhangs auf Bereitwilligkeit stößt.“ Schächten der Straßen und Gänge aufgefangen wird
„Bereitwilligkeit? Glaubst du denn wirklich, daß und dort versickert. Sie wird von den Schächten in
Männer — und ich meine die Männer, wie ich sie aus Yellowstone angesaugt, dort filtriert und steht dann
meiner Welt kenne und nicht deine Söhne und Massen, wiederum zur Verfügung. Im Augenblick verschwin-
bereit wären, auf deinen Vorschlag einzugehen?“ den auf diese Art etwa dreihunderttausend Gestalten.“
„Nein, Vater!“ rief O’Hara. „Nein, Stephen Bryce,
„Glaubst du, daß sie es nicht tun würden? Für einen
nicht mehr!“
vollen Magen, für ein Leben ohne Anstrengung und
„Mitleid, O’Hara?“
Sorgen, wirklich, O’Hara, ich habe keineswegs ver-
gessen, wie deine Welt ausgesehen hat.“ „Ekel, Verachtung!“
„Für mich, das kann ich verstehen. Als ich noch jün-
„Wen man ihnen irgendwelche Sorgen abnimmt,
ger war, habe ich oftmals ebenso gefühlt. Aber auf
dann werden sich sofort wieder neue bilden. So wer-
welche andere Art sollte ich wohl das Problem der
den diese Männer zum Beispiel dagegen rebellieren,
Übervölkerung lösen, O’Hara? Ich habe jetzt annä-
daß sie zu deinen Automatengeschöpfen werden.“
hernd dreihundert Jahre gelebt. Ich bin noch vor der
„Das sehe ich vollkommen ein, und im Augenblick Errichtung des Atomvorhangs geboren worden und
beschäftige ich mich mit Anstruther in dieser Bezie- kann mich an die Grausamkeiten erinnern, die der
hung. Aber ich denke, daß ich wenigstens dieses Pro- mörderische Krieg über unsere Städte und über un-
blem lösen kann. Ich will dir zeigen, wie ich mit mei- ser Land gebracht hat. Mein Vater, meine Mutter und
nem Volk verfahre, O’Hara, in der Stadt, in der du sie mein kleiner Bruder sind dabei ums Leben gekom-
zum erstenmal gesehen hast, in Emporia. Siehst du men, und ich lebe lange genug, um mich an die Un-
dort an der Wand den großen Metallspiegel von der geheuer deiner Hemisphäre erinnern zu können. Und
gleichen Form und Beschaffenheit, wie du sie in den ich kenne auch die festliegenden Tatsachen einer voll
unterirdischen Straßen von Emporia gesehen hast? Er- mechanisierten Welt, und dabei habe ich wohl meine
innerst du dich an die verfallenen Städte, die du aus Skrupel verloren. Und dennoch sehne ich mich nach
der Luft gesehen hast? Nun, wir haben diese aufge- einem Menschen, dem ich all diese Verantwortung
geben, sobald unsere unterirdischen Städte bewohnbar aufbürden kann, der die physische Stärke hat, über die
waren. Und in jeder einzelnen Stadt dieser Hemisphä- ich nicht länger verfüge, nach einem Menschen, der so
re befinden sich die gleichen Metallspiegel, so daß ich ist wie du, O’Hara.“
sie zu jeder beliebigen Zeit überwachen kann. In der „Ich weise dich zurück, Stephen Bryce, denn trotz
Erinnerung an die furchtbaren Zerstörungen des drit- all deiner Ausreden und Entschuldigungen bleibst du
ten Weltkrieges wollten wir nie wieder ein Risiko ein- ein Ungeheuer, dem der Wert des Lebens verlorenge-
gehen, und da haben Wir uns unter die Erde zurückge- gangen ist.“
zogen. Und wenn ich diesen Knopf hier bediene, dann „Ich werde noch lange genug leben, um meine Ziele
siehst du auf dem Metallschirm, was sich in diesem mit dir zu verwirklichen.“
Augenblick auf der anderen Seite unseres Kontinents
„Falls ich dich nicht auf der Stelle vernichte.“
in Emporia abspielt.“
„Vernichten — einen Krüppel? Das kannst du ja
Die Metallscheibe begann aufzuleuchten, und gar nicht. Möchtest du denn mein ganzes Volk in
O’Hara warf einen Blick auf die Gänge außerhalb der dieser Hemisphäre vernichten? Du nennst mich ein
Halle, in der sich die Gilde der Söhne aufhielt. Die Ungeheuer, O’Hara? Sage mir, ist das die Moral,
Zehntausende von nackten Gestalten trotteten so ziel- die ihr heutzutage hinter dem Atomvorhang pflegt?
los durch die Gänge und Straßen Emporias, wie er das Schreckt ihr vor irgendwelchen Grausamkeiten zu-
zuvor schon gesehen hatte. rück, die im Grunde genommen doch nur dazu dienen,
„Die Söhne halten sich im Raum der Gilde auf“, weit schlimmere Grausamkeiten zu verhüten?“
31 TERRA EXTRA

„Das ist eine Sache der Auffassung.“ Jetzt glaubte ich, einen Ausweg gefunden zu haben.
Weißt du denn nicht, daß die Bevölkerung die- Ich brauchte dazu lediglich vom Vater zu erfahren, wie
ser beiden Kontinente von mir abhängig ist? Und du das Schaltbrett zu bedienen war, und mit Anstruther
selbst? Und deine Frau, O’Hara? Und dein Kind? Du Frieden zu schließen. Sicher kannte er sich bereits in
wirst genau das tun, was ich dir auftrage, zumindest diesem unterirdischen System von Mauern und Gän-
solange, bis du weißt, wie dieses Schaltbrett zu bedie- gen aus, und außerdem hatte ja der Vater selbst gesagt,
nen ist. Richtig?“ daß Anstruther einen Teil der Söhne um sich versam-
O’Hara starrte einen Moment in die strahlenden Au- melt hätte. Ja, damit mußte der Weg für mich frei wer-
gen, dann schloß er seine Augen. den und für Nedra mit dem Kind.
„Ja, Vater, es ist richtig so.“ So geht das mit der Hoffnung. Das Unmögliche
Ein leises Lächeln huschte um die verkniffenen wird unvermittelt zu einer ganz selbstverständlichen
Mundwinkel des Vaters. Sache. Ich brauchte nur dies zu tun und das vorzu-
bereiten. Jetzt fragte ich mich auch, wie es dem Va-
„Ich heiße dich abermals willkommen. Und jetzt
ter überhaupt gelungen war, hier zweihundertundsech-
darfst du zu deiner Frau und zu deinem Kind ge-
zig Jahre seit der Errichtung des Atomvorhangs an der
hen, denn ich muß schlafen. Diese Unterhaltung ist
Macht zu bleiben. In Wahrheit ließ ich mich nicht von
für mich ungewohnt und hat mich erschöpft. Später
meinen Gedanken leiten, sondern von der Hoffnung,
werden wir gemeinsam beraten, wie wir das Problem
und das ist das gerade Gegenteil des rationellen Den-
Anstruthers mit den jüngeren Söhnen lösen können.
kens. Und die Hoffnung blendete mich; denn ich war
Ich glaube, dazu werde ich wohl deinen Verstand brau-
allzulange ohne Hoffnung gewesen.“
chen.“
Als O’Hara die Empore verließ, war er sich über die
4. einzuschlagende Richtung vollkommen klar gewesen.
Er hatte gesehen, wie Nedra mit dem Kind im Neben-
O’Hara stellte das leere Glas aus der Hand. raum verschwunden war, und er hatte sich gedacht,
„Ich habe genug davon“, brummte er und sprang ru- daß er nur der gleichen Richtung zu folgen brauch-
helos auf. Es war, als spürte er auch hier in London te, um zu ihnen zu gelangen. Er war zu tief in seine
die tiefe Verachtung für Stephen Bryce, der die Mil- Gedanken versunken, um sich über seine Umgebung
lionen der westlichen Hemisphäre leitete, und als hät- klarzuwerden, und ganz plötzlich stand er in einem
te er selbst ein paar Tropfen jener Flüssigkeit in den eingeschlossenen Gang.
Adern, die die Bevölkerung von Emporia vor seinen „Ich sollte erfahren, daß es in dieser City von Wa-
Augen vernichtet hatte. shington keine Wände von der Art gab, wie wir sie
„Siehst du?“ fragte er stürmisch und öffnete die kennen. Zwar waren es der Stärke und Beschaffenheit
Knöpfe seiner blauen Uniformjacke der International nach regelrechte Wände, aber der Vater, dessen Blicke
Patrol, denn die Drinks, die Eile seiner Erzählung und unablässig auf die vielen Metallschirme seiner Gerä-
vor allen Dingen die unendliche Spannung, die sich te gerichtet waren, brauchte nur auf einen Knopf zu
immer steigerte, hatten ihn ins Schwitzen gebracht. drücken, um diese Wände nach seinem Willen zu ver-
„Siehst du, ich bin mit meinen Kräften am Ende. Als setzen und zu verschieben. Die einzigen Ausnahmen
ich diese Empore in der gigantischen Halle von Ste- bildeten die unterirdischen Bahnanlagen, denn diese
phen Bryce verließ, da haßte und verachtete ich ihn, waren fest und konstant.
aber zur gleichen Zeit fürchtete ich ihn auch, mehr als Als ich stocksteif in diesem engen Gang stand, da
jene Gefahr dort draußen auf dem Gang, von der er war es mir, als wäre mein Verstand genauso leer wie
gesprochen hätte. dieser Gang, und als hätte ich alle Begriffsfähigkeit
Mit Anstruther konnte ich es jederzeit aufnehmen, verloren.“
ganz gleich, ob er nun verrückt war oder nicht. Er O’Hara erkannte die tiefe Furcht, die von ihm Be-
war ja schon immer ein schwächlicher Junge mit aller- sitz ergriff.
lei romantischen Vorstellungen gewesen, und von ihm
„Nedra!“ schrie er verzweifelt. Und dann: „Oh, Va-
hatte ich wohl kaum etwas zu befürchten. Während
ter, Vater, hilf mir! Hilf mir!“
ich die Halle des Vaters verließ, um Nedra mit dem
Kind aufzusuchen, schossen mir allerlei Pläne durch Da kam die leise, behutsame Stimme:
den Kopf. „Siehst du, O’Hara? Bist du nun in Wirklichkeit
Ich will dir die ganze Situation klar vor Augen füh- dem Kind so überlegen, daß das Feuer, an dem es sich
ren. Die ganze Zeit über hatte ich keinerlei Hoffnung verbrannt hat, auch noch verehrt? Du rufst mich jetzt
gehabt. Es schien mir unmöglich, mit Nedra zu flie- an, als wäre ich tatsächlich ein Gott, und nur, weil du
hen, diesem Labyrinth der unterirdischen Gänge zu meinst, ich hätte dir ein Unrecht zugefügt.“
entkommen, um durch die tote Stadt Emporia jene „Vater, du machst dich über mich lustig, und du
Berge zu erreichen, in denen Nedras Stamm lebte. Die hältst mich zum Narren!“
absolute Hoffnungslosigkeit meiner Lage war es, die „Ja, O’Hara, aber ich tue es nur, um deiner Vernunft
mich zum Vater getrieben hatte. ein wenig nachzuhelfen. Du sollst verstehen, daß ein
Der Atomvorhang 32

Mann, dessen langes Leben immer aus Autorität be- „Deine endgültige Aufgabe besteht, wie ich es dir
standen hat, sich in den jämmerlichen Reaktionen aus- bereits beschrieben habe, darin, die Verbindung der
kennt, die die Menschen beherrschen, sobald sie mal beiden Hemisphären herzustellen, um den zukünfti-
in eine besonders gefährliche Situation geraten. Als gen Generationen Amerikas eine gesicherte Zukunft
du mich verlassen hast, da wußte ich, daß du dir eine zu gewährleisten. Zunächst jedoch, bis dieses Ziel in
Verschwörung gegen mich ausdenken würdest. Zwar greifbare Nähe rückt, sollst du Anstruther für mich ret-
kann ich nicht deine Gedanken lesen, aber ich wuß- ten.
te genau, welche Reaktion ich von einem Manne wie „Aber du hast doch selbst gesagt, Vater, daß An-
dir zu erwarten hatte. Es hängt mehr oder weniger von struther den Verstand verloren hat.“
den Equationen ab, genauso wie ich ja auch die ein- „Sein Verstand ist momentan zerrüttet. Aber er
zelnen Komponenten der Städte ganz nach meinem kann, er muß sogar gerettet werden, denn wenn dir auf
Belieben verändern kann. Die genaue Feinarbeit wird deinem Rückflug in die östliche Hemisphäre etwas zu-
mir dabei von meinen Integrokalkulatoren abgenom- stößt, dann bleibt mir wenigstens Anstruther.“
men. Das alles sollte dir an sich begreiflich sein, denn „Du würdest also das Risiko auf dich nehmen, mei-
die Wurzeln dieser kleinen mechanischen Wunder rei- ne Aufgabe einem Verrückten anzuvertrauen?“
chen ja in jenen Zeitabschnitt vor der Errichtung des
„Nur wen mir keine andere Wahl bleibt. Ich will
Atomvorhangs zurück, und zweifellos existieren diese
dieses Risiko keineswegs unterschätzen, aber, was das
Wunder heutzutage auch hinter dem Vorhang. Equa-
anbelangt, wieweit kann ich mich denn auf dich ver-
tionen des Verstandes, das Fundament dieser Erfin-
lassen? Wenn du erst einmal die andere Seite des Vor-
dung wurde im letzten Jahre vor dem Ausbruch des
hangs wieder erreicht hast, wer garantiert mir, daß
dritten Weltkrieges gelegt. Und auch das Verschieben
du wiederkommst, wenn nicht die Frau deiner Liebe?
der einzelnen Wände sollte dir kein allzugroßes Rätsel
Und dieses Motiv erscheint mir ein wenig zu schwach,
aufgeben; denn im Grunde genommen liegt es doch in
um mich hundertprozentig darauf zu verlassen. Du
erster Linie an unserer Einbildungskraft, nicht wahr?
mußt Anstruther für mich überzeugen und ihn zu mir
Und dann die Kraft der Erinnerung, O’Hara. Mein bringen.“
Gedächtnis für die Wirkung, die von jeder einzelnen
„Ich soll also sein Judas sein, wie?“
Taste meines Schaltbrettes ausgeht, alles andere lei-
sten die Integrokalkulatoren für mich. Somit traue ich Die Stimme des Vaters schwoll an.
mir zu, die Equation deines bisherigen Lebens zu er- „Deine Einwendungen gehen mir gegen den Strich.
mitteln. Allerdings darf ich dabei den einen Faktor Wir reden nicht über Moral, sondern über deine Auf-
nicht außer acht lassen, der von den Poeten eurer Welt gabe. Hast du denn all diese Monate der Einsamkeit
als Liebe bezeichnet wird. Ja, Liebe, O’Hara, eine so schnell vergessen? Und Nedra und dein Kind?“
zweifellos unendlich komplexe Sache, weitaus mysti- „Du wirst es nicht wagen, ihnen auch nur ein Här-
scher als die Liebkosung einer weichen Frauenhand chen zu krümmen, denn sie sind der einzige Halt, den
oder der leise Atemzug eines kleinen Babys, sie um- du über mich hast!“
schließt die ganze Seele des Menschen. Deine Frau „Unterschätze mich nicht, O’Hara, und auch nicht
aus den Bergen, Nedra, hat einen ganz anderen Be- meinen Wagemut. Wenn es sein muß, werde ich auch
griff von der Liebe, und ihr fehlt die Zärtlichkeit, somit mit schlechterem Werkzeug arbeiten. Um aber deine
kannst du sie nicht immer recht verstehen, nicht wahr, Skrupel zu beseitigen, will ich dir nur sagen, daß ich
O’Hara? Die Seele — möchtest du mit mir darüber Anstruther längst hätte vernichten können, wenn mir
diskutieren? Und gehen wir noch einen Schritt hin- etwas daran gelegen wäre. Und ich brauchte auch in
ter Nedras Entwicklung zurück, zu den Massen die- diesem Augenblick nur meinen kleinen Finger zu rüh-
ser Hemisphäre. Was haben sie denn im Grunde ge- ren, um das herbeizuführen. Nein, du wirst ihn nicht
nommen verloren? Ja, du weißt es genau! Ihre See- vernichten, wenn du ihn mir bringst, ganz im Gegen-
len — ihre Fähigkeit zum Lieben. Wenn sie diese Fä- teil, dadurch würdest du es mir ersparen, ihm das Le-
higkeit noch hätten, dann bestünde eine gewisse Hoff- ben zu nehmen.“
nung für sie — aber sie haben sie nicht. O ja, O’Hara, „Du bist mir in deinen logischen Argumenten über-
ich könnte dir diese Equation genau aufzeichnen: phy- legen, Vater. Dennoch weigere ich mich.“
sisch, geistig und die Fähigkeit zum Lieben, die Seele „Wirklich?“ fragte der Vater. „Nun, dann muß ich
— das sind die algebraischen Faktoren des Menschen. dir etwas zeigen: Spürst du, wie die Wände plötzlich
Langeweile ich dich?“ vor dir zurückweichen, O’Hara?“
„Meine Frau und mein Kind, Vater?“ Unvermittelt lösten sich die Wände vor seinen Au-
„Sie sind in absoluter Sicherheit. Was du über alles gen auf; er wurde von einem heftigen Schwindelge-
auf der Welt liebst, bleibt dir erhalten, sofern du mir fühl ergriffen und stürzte zu Boden. Alles um ihn ver-
treu bleibst. Soll ich sagen, daß ich sie als Geiseln be- sank in Dunkelheit.
trachte? Ja, sie werden hier auf dich warten, bis du die Als er die Augen aufschlug, vernahm er einen selt-
Aufgabe erfüllt hast, die ich dir Stelle.“ sam gurgelnden Hilfeschrei. Er preßte die Faust ge-
„Die Aufgabe?“ gen den Boden, richtete sich ein wenig auf, und da
33 TERRA EXTRA

erblickte er Nedra: Hinter einer durchsichtigen Glas- „Ganz bestimmt! Ganz gleich, was immer man dir
wand kämpfte sie gegen eine Wasserflut an, die bereits erzählen wird, glaube es nicht.“
ihren Hals erreicht hatte. Mit einer verzweifelten Ge- „Nein, O’Hara.“
ste hielt sie ihr Kind hoch über ihren Kopf und ver- Die Verbindung war unterbrochen. O’Hara wußte,
suchte, sich durch Schwimmen zu retten. daß der Vater auf dem Schaltbrett in seiner giganti-
Die Wassermassen drohten, über ihr zusammenzu- schen Halle einen Knopf gedrückt hatte, um die Ver-
schlagen. Sie riß den Kopf herum, warf O’Hara einen bindung zu unterbrechen. Und jetzt klang seine Stim-
letzten, verzweifelten Blick zu und tauchte unter. Aber me wieder auf.
noch immer hielt sie ihr Kind mit ausgestreckten Ar- „Ich habe es wirklich sehr bedauert, so etwas tun
men über die Wasserfläche hinaus. Er sah, wie sie den zu müssen, O’Hara. Aber wenn alle Gefühle des Be-
Mund öffnete, als wollte sie ihm einen Hilfeschrei zu- dauerns, die ich in meinem Leben empfunden habe,
senden. Er sah, wie sie sich mit einer letzten Kraftan- plötzlich zurückkehren würden, dann müßte ich in ih-
strengung gegen den Boden stieß, wuchtig rammte er nen genauso untergehen, wie Nedra vor wenigen Mi-
seine Schulter gegen die Glaswand, als wollte er sie nuten in den Wassermassen. Nedras Leben und das des
durchbrechen. Babys liegen in deiner Hand, an deiner Treue zu mir.
Aber die Wand wich vor ihm zurück, nur wenige Wie du siehst, verschwinden die Wände abermals.“
Zentimeter trennten seine Hand von Nedra, und den- Und wieder versank O’Hara in einem rätselhaft
noch konnte er sie nicht erreichen. Er konnte sie nicht dunklen Chaos, und wie im Traum wurde er von der
aus dieser aussichtslosen Lage befreien. stets gegenwärtigen Stimme geleitet.
Noch einmal stieß sie sich vom Boden ab und er- „Du mußt jetzt aufstehen, O’Hara“, sagte diese
reichte die Oberfläche. Und jetzt konnte O’Hara auch Stimme. „In diesem Augenblick kommt Anstruther
ihre Stimme vernehmen. „Ich kann nicht mehr“, schrie auf dich zu. Er sucht aber nicht dich, sondern mich.
sie erstickt. „O’Hara, ich kann nicht mehr.“ Er, mit seinem Gefolge der jüngeren Söhne. Er weiß
Wieder schlugen die Wassermassen über ihrem ja nicht, daß ich ihn im Handumdrehen zwanzig Mei-
Kopf zusammen. Alle Kraft in ihr schien erschöpft, len entfernen kann, wenn ich es nur will, denn er kennt
und jetzt erlahmten auch ihre Arme, so daß auch das nicht das Geheimnis meiner Integrokalkulatoren, und
Baby in den Fluten versank. er wird es auch nie kennenlernen, selbst wenn du
versagen solltest. Aber wenn du nicht versagst, dann
„Vater!” rief er angstbebend. „Stephen Bryce.“
sollst du das Geheimnis der Integrokalkulatoren ken-
„Ja, O’Hara“, ertönte die ruhige Stimme, die aus nenlernen, O’Hara. Mit meinen Fingern werde ich dei-
dem leeren Raum zu kommen schien. „Ja, ich verste- nen Pulsschlag überwachen, und jetzt steh auf!“
he. Sieht du, ich habe bereits für einen Abfluß gesorgt,
O’Hara sprang auf. Er befand sich am Ende eines
und das Wasser sinkt.“
jener unendlich erscheinenden Gänge, und als er einen
O’Hara war keines Wortes mächtig. Er ließ sich auf Blick gegen die Decke warf, war es ihm, als sähe er ein
die Knie fallen und sah durch die Glaswand, wie das Stück des blauen Himmels.
Wasser abnahm und versickerte. Nedra lag bewußtlos „Hörst du mich, Stephen Bryce?“ „Was gibt es,
am Boden, das Kind gegen ihre Brust gepreßt; aus ih- O’Hara?“ „Diese Decke?“
rem vollen Haar sickerte ein kleiner Bach.
„Ein Symbol, das nur du in dieser Hemisphäre ver-
„Sie brauchen mich jetzt, O’Hara“, sagte der Vater stehen kannst.“
leise. „Und du mußt mit deinem Auftrag beginnen, ich „Ich verstehe es ganz und gar nicht.“
werde stets bei dir sein und dich im Auge halten. Wenn
„Nach allem, was du bisher in unserer Welt kennen-
ich es für richtig halte, werde ich auch zu dir sprechen.
gelernt hast, mußt du doch unweigerlich zu der An-
Aber denk daran, wann immer ich will, kann ich dich
sicht kommen, daß du es bei mir mit einem göttlichen
an eine solche Glaswand führen, und dann wirst du
Wesen zu tun hast, wie?“
hilflos zusehen müssen, wie Nedra mit deinem Kind
in den Armen vor deinen Augen in den Wasserfluten „Das Gefühl ist mehr als nur eine Ansicht, Vater.
versinkt.“ Wen du, wie du selbst gesagt hast, seit über drei Jahr-
hunderten lebst und die Geschicke in dieser Hemi-
„Sie braucht deine Hilfe sofort, Vater.“ „Und sie sphäre leitest, was ich nach allem nicht mehr bezwei-
braucht den Klang deiner Stimme, um das innere feln kann, dann fällt es einem schwer, in dir ein sterb-
Gleichgewicht wiederzufinden. Sprich zu ihr!“ liches Wesen zu sehen.“
„Nedra“, flüsterte er zärtlich, denn er glaubte nicht „Siehst du? Und gerade deswegen habe ich dir den
recht daran, daß sie den Klang seiner Stimme verneh- Anblick des blauen Himmels geschenkt. Denn du, und
men könnte. Aber sofort öffnete sie die Augen. „Ne- nur du allein, sollst begreifen, daß ich weder ein Gott
dra“, fuhr er flüsternd fort, „wenn ich zu dir zurück- noch unsterblich bin, und daß ich den Gesetzen der
kehren kann.“ Natur auf die Dauer nicht widerstehen kann.
Ihre Lippen begannen sich zu bewegen. Der Anblick dieses blauen Himmels über dir soll
„Du wirst zu mir zurückkehren, O’Hara.“ dir deine Kraft zurückgeben. Du darfst dich nicht so
Der Atomvorhang 34

sehr in die Rolle des Erwählten Sohnes’ versteigen, du gewarnt hatte. Sie wurden angeführt von einem Mann,
mußt dich an die Realitäten klammern: an das kleine der ebenfalls vollkommen nackt war und dessen blon-
Stück des blauen Himmels über dir, an den Schrei dei- der Vollbart ihm bis auf die Brust reichte; in seinen
nes Babys, und an die unvergängliche Erinnerung dei- kurzsichtig blinzelnden Augen loderte der Ausdruck
ner Welt hinter dem Atomvorhang. An all diese Din- einer unbeirrbaren Energie.
ge sollst du denken, und sie mögen dir Kraft verlei- „Gib mir deine Hand“, sagte Anstruther, und
hen; denn schon kommt Anstruther auf dich zu.“ An- O’Hara spürte den festen Druck dieser Hand.
struther kam tatsächlich auf ihn zu, aber O’Hara war „jetzt bist du einer von uns“, fuhr Anstruther fort,
nicht auf die Art vorbereitet, wie er bei ihm erschien: und dann wandte er sich an die Söhne. „Dieser Mann
Ein greller Blitz zuckte auf, stach ihm schmerzhaft in ist mein Kamerad, mein Bruder, er ist auch euer Bru-
die Augen, und dann vernahm er einen jubelnden Auf- der. Auch er ist von einer unerklärlichen Macht in die-
schrei. se Welt geführt worden, und er wird sich mit uns verei-
„O’Hara! O’Hara! Gott sei Dank, daß wir zur rech- nen, um Stephen Bryce zu überwältigen, der sich Vater
ten Zeit gekommen sind!“ nennt.“
Es war Anstruthers Stimme; O’Hara wurde von ei- Mit einer reflexartigen Bewegung ließ sich der ne-
ner tiefen Freude ergriffen. Er wußte, daß Anstruther ben O’Hara stehende Sohn auf die Knie fallen und flü-
sein Freund war, ja, mehr als das, er war genau wie er sterte ergeben: „Der Vater.“
selbst ein Mensch aus seiner eigenen Welt hinter dem Anstruther nahm gar keine Notiz davon.
Atomvorhang. Er streckte seine Hände aus. „Anstrut- „Die Welle der Vernichtung hat bereits in Empo-
her, ich kann dich nicht sehen.“ „Der Blitz“, erklärte ria eingesetzt“, fuhr er fort. „Die Hunderttausende,
Anstruther kurz, und O’Hara fühlte sich plötzlich von die dort gewohnt und gelebt haben, sind nicht mehr.
starken Armen emporgehoben. „Dafür haben wir eine Stephen Bryce hat sie vernichtet. Und Stephen Bryce
gute Medizin. Sei unbesorgt, O’Hara, du bist jetzt in wird auch euch vernichten, sobald er euer nicht mehr
Sicherheit und vollkommen frei. Wir, die wir gezwun- bedarf. Er hätte auch mich längst vernichtet, wenn er
gen waren, mit Stephen Bryce zu leben, wir wissen, es gewagt hätte. Versteht ihr das?“
was das zu bedeuten hat. Alle Sklaven sind blind.“
„Wir verstehen“, erwiderte der Sohn, der neben
„Aber hat den meine Blindheit nichts mit dir zu O’Hara stand. „Stephen Bryce, der Vater.“
tun?“ fragte O’Hara.
„Der sich Vater nennt!“
„Gewiß, aber es gibt eine Blindheit, die nichts mit
„Der sich Vater nennt, hat in Emporia die Vernich-
den Augen zu schaffen hat.“
tungswelle ausgelöst, und er wird auch uns vernich-
„Meine stammt von den Augen.“ ten.“
Anstruther lachte leise auf. „Falls wir ihn nicht zuvor vernichten.”
„Der Mann der physischen Aspekte, das warst du „Falls wir ihn nicht zuvor vernichten“, plauderte der
schon immer, O’Hara: Stets hast du dir um die Ge- Sohn ihm nach, und die anderen wiederholten es wie
sundheit deiner Kameraden und Untergebenen Sorgen eine Art Litanei: „Falls wir ihn nicht zuvor vernich-
gemacht. Vergiß die Kleinigkeit mit deinen Augen.“ ten.“
Während O’Hara spürte, wie er von starken Armen „Wir werden nicht eher frei sein, bis Stephen Bryce
ergriffen und auf ein weiches Bett gelegt wurde, fuhr tot ist“, sagte Anstruther.
Anstruther fort: „Wir haben nicht erwartet, dich hin-
„Wir werden nicht eher frei sein, bis Stephen Bryce
ter dieser letzten Wand zu finden, O’Hara, wir haben
tot ist“, wiederholten die Söhne in singendem Tonfall.
gehofft, hier auf den Vater zu stoßen. Stephen Bryce!“
fügte er hart hinzu. „Und wenn wir ihn wirklich hier „Wir sind bereit zu sterben.“
gefunden hätten, dann wäre für dich kaum Zeit geblie- „Wir sind bereit zu sterben.“
ben. Und jetzt werden wir deine Augen behandeln. Es „Um unsere Nachkommen zu befreien.“
wird zwar ein bißchen brennen. Du mußt die Fäuste „Um unsere Nachkommen zu befreien“, wiederhol-
ballen.“ ten die Söhne.
Wieder zuckten grelle Blitze in O’Haras Kopf auf, Anstruther klatschte in die Hände. Sofort sanken die
und ihm war, als hätte ihm jemand glühende Kohlen Söhne zu Boden, legten den Kopf
ins Gehirn geschoben. Unvermittelt setzte eine küh- auf die langen Arme und waren augenblicklich ein-
lende Linderung der Schmerzen ein, und er atmete auf. geschlafen. Es war ein groteskes Bild: vierzig die-
„Kannst du jetzt sehen?“ ser leblosen Gestalten, die in einem bunt zusammen-
O’Hara öffnete die Augen. Um ihn herum stan- gewürfelten Haufen am Boden lagen. In ihrer Mitte
den die nackten affenartigen Gestalten der Söhne; je- stand Anstruther, dessen Blick nun auf O’Hara gerich-
der einzelne von ihnen trug jenen Atomstrahler, den tet war.
O’Hara zum erstenmal in Emporia gesehen hatte, be- „Sie sind wie neugeborene Kinder“, sagte er end-
waffnete Söhne, in dieser leeren Metropole von Wa- lich, und in seiner Stimme schwang eine seltsam er-
shington, das war die Gefahr, vor der der Vater ihn greifende Zärtlichkeit. „Sie versinken sofort in einen
35 TERRA EXTRA

tiefen Schlaf, O’Hara, und dabei vergessen sie die „Und wenn es so wäre“, fügte Anstruther hinzu,
durchgemachten Schrecken und die Gefahr ihrer au- „dann könnte ich ihnen gewiß nichts Schlimmeres zu-
genblicklichen Lage. Weißt du, wie lange wir arbeiten fügen, als es Stephen Bryce bislang getan hat. Aber
mußten, um diesen Gang zu erreichen?“ ich werde niemals der Vater werden, hat Stephen Bry-
„Sie wissen ja nicht, in welcher Gefahr sie schwe- ce dir das nicht gesagt?“
ben“, erwiderte O’Hara. „Aber du weißt es, Anstrut- „Er hört deine Worte“, versetzte O’Hara warnend.
her.“ „Gewiß, er hört jedes einzelne Wort, und vielleicht
„Sechs Tage und sechs Nächte ohne die kleinste kennt er auch jeden einzelnen meiner Gedanken, seit-
Pause, sofern man sich in diesem Labyrinth überhaupt dem ich den Atomvorhang durchdrungen habe. Des-
einen Begriff von der Zeit machen kann“, fuhr An- halb wagt er es ja nicht, mich zu seinem Werkzeug
struther unbeirrt fort. „Ununterbrochen waren wir auf zu machen. Aber noch aus einem weit zwingenderen
der Suche nach Stephen Bryce, und wenn sie dann Grund könnte ich niemals die Rolle des Vaters an-
einsehen mußten, daß ich sie wieder einmal auf einen streben: Die Ärzte haben auf wissenschaftlicher Ba-
falschen Weg geführt habe, dann sanken sie einfach zu sis festgestellt, daß ich nur noch zwei Jahre zu leben
Boden und schliefen ein. Sie schenken mir ihr ganzes habe, der in meinem Gehirn wuchernde Tumor wird
Vertrauen, O’Hara, daß ich sie schließlich doch zum mich zu diesem Zeitpunkt mit der gleichen Sicherheit
Sieg führen werde.“ dahinraffen, wie es Stephen Bryces Vernichtungswelle
„Anstruther, du bist ja übergeschnappt.“ zu tun pflegt. Meinst du wirklich, daß ein Mann, des-
Der junge Mann schloß die Augen. sen Schicksal vorausbestimmt ist, noch irgendwelche
ehrgeizigen Pläne verfolgen könnte?“
„Bin ich übergeschnappt, wenn ich mich gegen die
größte Tyrannei auflehne, die es je auf der Erde gege- „Wir müssen alle eines Tages sterben.“
ben hat? Nun, dann magst du recht haben.“ „Das ist zweifellos richtig, aber die meisten Men-
„Aber du kannst ja gar nicht gewinnen, Anstruther, schen kennen den Zeitpunkt ihres Todes nicht. Wie
du kannst den Vater nicht überwinden. Wenn er es nur lange bist du schon in Washington, O’Hara?“
wollte, dann könnte er dich in diesem Augenblick ge- „Seit elf Monaten.“
nauso vernichten, wie er es mit den Massen Emporias „Und ist dir diese Zeitspanne lang vorgekommen?“
getan hat. Und diese armen, irregeführten Söhne wür- „Unglaublich lang und zur gleichen Zeit auch un-
den nie mehr aus ihrem Schlaf erwachen.“ glaublich kurz, wie ein dem Erwachen vorausgehen-
„Nicht der Verlust der Söhne hält ihn davon zurück, der Alptraum.“
O’Hara.“ „Wie einen Alptraum bezeichnest du es, und dabei
„Er würde auch nicht davor zurückschrecken, dich habe ich doch nur noch die doppelte Zeitspanne zu le-
oder mich zu vernichten, falls wir wirklich eine Ge- ben, O’Hara! Dadurch sollte sich doch der Gedanke an
fahr für ihn bedeuten. Er beobachtet dich auch in die- irgendwelche ehrgeizigen Pläne von selbst erübrigen,
sem Augenblick, er hört jedes Wort, das du sprichst, nicht wahr?“
und wenn er glaubt...“ O’Hara richtete einen langen, forschenden Blick auf
„Ich weiß das alles, O’Hara“, versetzte Anstruther ihn. Er wußte selbst nicht recht, was er eigentlich
müde. „Ich kenne Stephen Bryce und seine Macht. in diesem Gesicht suchte. Arroganz? Das flackernde
Ja, er könnte mich auf der Stelle vernichten, wenn er Feuer des Irrsinns? Schwäche? Nichts davon! Anstrut-
glaubte, daß ich eine Gefahr für ihn bedeute. Aber her, der lächelnde und liebenswürdige Junge, hatte
eben daran glaubt er nicht. Sein Vertrauen in seine sich zu einem ernsthaften Mann entwickelt. Ihm lag,
Macht ist genauso groß wie mein Abscheu vor ihm genau wie Stephen Bryce, einzig die Zukunft dieser
über alles, was er diesem Volk angetan hat. Schau sie Hemisphäre am Herzen. Es gab nicht den geringsten
dir doch nur an, O’Hara, das sind Menschen! Oder we- Zweifel an der Sauberkeit seiner Motive, vielleicht an
nigstens waren es Menschen wie ihre Väter, bevor ih- den Methoden selbst, aber gewiß nicht an den Moti-
nen Stephen Bryce die Seele geraubt hat. Und sie kön- ven!
nen wieder zu Menschen werden.“ Und das gleiche traf auf den Vater zu. O’Hara
„Wenn du sie weiterhin anführst?“ mochte ihre Handlungsweise verachten, aber die Auf-
„Ja, ich, oder irgend jemand, der an sie glaubt.“ richtigkeit ihres Strebens mußte er respektieren. Es
„Ist das der Grund deiner Revolte gegen den Vater?“ war eine komische Ironie, daß diese beiden Männer,
die von Natur aus instinktiv Feinde waren, das glei-
„Könnte es wohl einen anderen Grund geben?“
che Ziel anstrebten. Stephen Bryce sah dieses Ziel in
O’Hara nickte langsam. der Gründung einer neuen Rasse, während Anstruther
„Du könntest mit dem Gedanken spielen, dich auf glaubte, daß die Rettung dieses Kontinentes in der Be-
den Thron des Vaters zu setzen.“ seitigung des Vaters zu suchen war.
„Und wenn ich...“ O’Hara vermochte nicht, zwischen der kalten Wis-
„Siehst du, du hast diesen Gedanken bereits erwo- senschaft des Vaters und dem gefühlsbetonten Streben
gen!“ Anstruthers zu wählen, aber noch immer wurde er von
Der Atomvorhang 36

dem Schrecken über die Vernichtung der Bevölkerung Laufe der vergangenen Jahrhunderte gestorben, und
Emporias beherrscht. jetzt existiert nur noch der letzte von ihnen: Stephen
Er streckte dem Freund die Hand hin. Bryce, der Vater! Nein, ich habe die gigantische Hal-
„Ich glaube dir, Anstruther.“ le des Vaters noch nie gesehen, er hat mich nicht aus
dem Schacht gehoben.“
„Du meinst, daß du mir glauben willst, nicht wahr?“
„Ich erinnere mich an diesen Schacht“, murmelte
„Ganz richtig“, antwortete O’Hara einfach. „Das
O’Hara.
meine ich, ich will dir glauben.“
„Ja, dich hat er auf seine Empore kommen lassen,
„Gut! Der Glaube selbst könnte zerschlagen wer-
denn einmal mußte er sich schließlich auf dieses Ri-
den, niemals aber das Streben nach dem Glauben.“ Er
siko einlassen und sein Leben in deine Hand legen,
schüttelte O’Haras Hand, und dann stand er auf. „Mor-
O’Hara. Möglicherweise kennt er dich besser, als du
gen, oder wann immer wir wieder aufwachen, werden
dich selbst kennst. Und das dürfte auch bei mir der
wir unsere Suche fortsetzen. Da du sicher erst vor kur-
Fall gewesen sein; denn als ich dort am Boden des
zer Zeit von Stephen Bryce gekommen bist, wirst du
Schachtes stand, da empfand ich keine Feindschaft für
mir wohl auch sagen können, aus welcher Richtung
ihn. Dennoch kannte er den Weg, den ich einschlagen
und in welcher Entfernung das war. Bist du durch die-
würde, indem ich mich auf die Seite der Söhne schlug.
sen Gang gekommen?“
Nein, er hat mich nicht in seine Halle kommen lassen.
„Ich kann es dir nicht sagen, Anstruther.“ Aber er selbst kann ganz nach Belieben an irgendei-
„Aber du bist doch in diesen Gang gekommen.“ ner Stelle auftauchen, und wie er das macht, das über-
„Ohne Bewußtsein“, entgegnete O’Hara wahrheits- steigt mein Begriffsvermögen. Ich war im Raum der
gemäß. Er wagte es nicht, das Schaltbrett mit den Gilde der Söhne, als ich dich zum erstenmal auf dem
Integrokalkulatoren zu erwähnen. Der Weg, der ihn Metallschirm erblickte, dich und deine Frau Nedra.“
durch diesen Wirrwarr führen sollte, lag dunkel und „Ja?“
verschleiert vor ihm, sein Gefühl riet ihm, Anstruther „Und da wußte ich, daß ich mit deiner Hilfe die-
und diesen schlafenden Söhnen zu folgen, und den- se Tyrannei beseitigen könnte. Kurz darauf versuchte
noch konnte er den Plan des Vaters nicht offenbaren. ich dich zu erreichen, aber der Vater blockierte meinen
Er wußte, daß er im Gedanken an Nedra und das Kind Weg. Das Weitere weißt du.
weder den Vater verraten durfte noch Anstruther, oder Er stieß mich von sich, aber zur gleichen Zeit ver-
gar sich selbst. sprach er mir, daß ich meine Arbeit mit den Söhnen
Der Mittelweg, sagte er sich selbst, der goldene Mit- fortsetzen könnte. Das war die Aufgabe, die er mir zu-
telweg, der von beiden Seiten stets verachtet wurde! teilte, als ich nach Washington kam: die Söhne zu un-
„Ja, ich war bewußtlos“, wiederholte er. terrichten und zu versuchen, aus ihnen Menschen zu
„Dann haben wir wieder einmal verloren“, murmel- machen, so, wie er und du und ich uns an Menschen
te Anstruther niedergeschlagen. Aber schon im näch- erinnern. Ich versuche, diese Aufgabe durchzuführen,
sten Augenblick erhellte sich sein Gesicht wieder. „Es und ich sehe, daß Stephen Bryce jetzt gegen mich ar-
spielt keine große Rolle. Ganz gleich, wie lange es beitet.“ Anstruther wandte sich einem der Betten zu
dauern mag, wir werden den Weg zu ihm schon fin- und ließ sich darauf nieder. „Dennoch werde ich mei-
den!“ ne Aufgabe durchführen. Mit deiner Hilfe, O’Hara“,
„Warst du auch bewußtlos, als du die Halle des Va- fügte er ruhig hinzu. „Ehe ich diese westliche Hemi-
ters verlassen hast, Anstruther?“ fragte O’Hara. sphäre verlasse, werde ich meine Aufgabe durchfüh-
ren.“
„Dort bin ich noch niemals gewesen. Nachdem ich
in Patagonien notlanden mußte, wurde ich von den Im nächsten Augenblick war er bereits in tiefen
Söhnen an die unterirdische Bahn gebracht, die von Schlaf gesunken.
Yucatan unter dem Golf von Mexiko hindurchführt O’Hara spürte abermals nagende Zweifel in sich
und in Washington endet. Es gibt nur zwei große aufsteigen. Der Vater, der doch gewiß jedes einzel-
Bahnlinien, die gewissermaßen die Arterien dieser ne Wort dieser Unterhaltung vernommen hatte, muß-
beiden Kontinente bilden. Und außerdem gibt es, wie te nun wissen, daß Anstruther ihm verloren war. Die
du weißt, eine Vielzahl von kleineren Seitenlinien.“ von ihm selbst angeführten Equationen mußten es ihm
„Ich weiß nur sehr wenig, Anstruther, und ich sollte verraten. Irgendwo mußte hinter diesem Wirrwarr der
viel mehr darüber wissen.“ Zweifel ein tiefes, klares Ziel liegen.
„Diese beiden Linien, die Transkontinentale und die „O’Hara?“
Nord-Südlinie, münden in Washington“, erklärte An- „Ja, Vater?“
struther. „Auf diesen Kontinenten sind alle Werke be- „O’Hara, du darfst nicht an mir zweifeln, und
reits durchgeführt worden, und alles ist endgültig, bis du darfst nicht glauben, daß du mich herausfordern
auf die Menschen oder das, was einmal Menschen kannst. Du wankst schon wieder, O’Hara, trotz aller
waren. Und so ist das seit der Errichtung des Atom- Beweise meiner Macht. Du läßt dich von einem auf-
vorhangs. Die ursprünglichen Wissenschaftler sind im wallenden Gefühl beherrschen, und dennoch weißt du
37 TERRA EXTRA

im Grunde genommen, daß du zu mir halten wirst. es zumindest einer von ihnen wagen, mit dir durch den
Und jetzt mußt du diesen Raum verlassen. Geh auf den Vorhang zurückzukehren, nur um zu erfahren, wie ich
Gang hinaus!“. das angestellt habe. Und dabei ist es im Grunde ge-
O’Hara sprang auf. nommen so einfach. Ich nehme kleine Pillen, O’Hara,
„Du führst mich fort von Anstruther?“ von einer Beschaffenheit, wie sie jeder Chemiker dei-
ner Welt herstellen könnte. Ich bin erschöpft und mü-
„Ja“, erwiderte der Vater, und seine Stimme klang
de, O’Hara.
sehr geduldig. „Ich muß dich auf einige Zeit von ihm
fortführen, denn du hast viel zu lernen. Geh sogleich Ich will dir etwas sagen, O’Hara: Wenn ich dieses
auf den Gang hinaus, denn ich werde diesen Raum mit Schaltbrett beiseite schieben und die Massen verges-
einem leichten Betäubungsmittel füllen, so, wie ich sen wollte, von denen du annimmst, daß ich sie ty-
es damals mit dir getan habe, als Nedra das Kind ge- rannisiere, dann würde etwas eintreten, das tausend-
bar. Und geh immer weiter und weiter, O’Hara; aber mal schlimmer ist als die Vernichtungswelle, die du
schließe die Augen, denn es wird alles sehr schnell ge- in Emporia gesehen hast. Denn gerade diese Vernich-
hen.“ tungswelle verhindert den Ausbruch von Seuchen wie
Pest und Hungersnot.
O’Hara ballte die Fäuste, vergebens bemühte er
Wen macht ihr in eurer Welt für den Ausbruch der-
sich, gegen das Schwindelgefühl anzukämpfen, das
artiger Seuchen verantwortlich? In Wahrheit haltet ihr
von ihm Besitz ergriff, als er sich in diesem uferlosen,
sie doch für unvermeidlich, nicht wahr? Und dennoch
dunklen Nichts befand.
kann ich sie gerade durch die Vernichtungswelle hier
„Jetzt komm auf mein Bett zu“, flüsterte der Vater. verhindern. Ja, ich bewahre das Leben in diesem Geist
Und wieder stand O’Hara in der gigantischen Hal- auch jetzt noch, lange, nachdem ich die Freude am Le-
le des Vaters, unterhalb der Empore, die das Bett trug. ben verloren habe, und dadurch erhalte ich die beiden
Der Vater machte eine kleine Bewegung mit der Hand. Kontinente in genau dem gleichen Zustand, in dem ich
„Nur so weit darfst du herankommen, O’Hara, ach- sie einst übernommen habe.
te auf meine Hand, die auf diesen Tasten liegt. Glau- Anstruther nennt das Tyrannei, und ich erachte es
be nicht, daß du Nedra und das Kind retten könn- als meine Pflicht. Aber vielleicht teilst du Anstruthers
test, indem du meine Hand von diesen Tasten entf- Meinung. Vielleicht sollte ich ihn herrufen, um ihm
ernst. Ich will dir nicht drohen, O’Hara, aber du hast die Anwendung der Integrokalkulatoren mittels dieser
dich durch Anstruthers Einflüsterungen beeinflussen Tasten zu erklären. Dann könnte er mich vernichten
lassen. Glaubst du denn wirklich, daß ich so schlecht und meine Aufgabe übernehmen. Und in den letzten
und verworfen bin, wie er mich hinstellt?“ beiden Jahren seines Lebens könnte er versuchen, die
„Ich habe gesehen, wie die Massen von Emporia toten Hirne seiner Söhne zum Leben zu erwecken.
von der Vernichtungswelle hinweggefegt worden sind, Glaubst du, daß er dabei einen Erfolg erzielen wür-
und ich habe gesehen, wie Nedra mit dem Kind hinter de? Wenn alle atomaren Ausstrahlungen dieser Hemi-
der Glaswand in der Wasserflut versank.“ sphäre plötzlich beendet wären, dann könnte er hier
„Grausamkeit ist ein dehnbarer Begriff, O’Hara, mit den Söhnen und den Frauen der Massen eine neue
und sie hat nicht immer etwas mit unseren persönli- Rasse gründen, im Laufe der Zeit könnte er das tun.
chen Empfindungen zu schaffen. Glaubst du, daß ich Wenn er fünfhunderttausend Jahre leben könnte, dann
diese Hemisphäre allein geformt hätte und daß ich al- würde er das vollbringen. Aber er hat ja nur noch zwei
lein für alles Übel in dieser Hemisphäre verantwort- Jahre.
lich wäre? Du mußt in die Bibliothek gehen, die sich Nehmen wir einmal an, diese fünfhunderttausend
hinter dieser Empore befindet, O’Hara, und mußt da- Jahre stünden ihm zur Verfügung. Was, glaubst du
von lesen, wie sich diese Dinge in Wirklichkeit zuge- wohl, würde in dieser Zeitspanne aus dem stürmisch
tragen haben. Ich habe den Vorhang nicht allein er- drängenden Jungen werden, wenn ich selbst mich in
richtet, und ich habe auch nicht die Reaktoren ge- den bescheidenen drei Jahrhunderten schon zu einem
baut, die einen solchen Vorhang überhaupt erst ermög- Tyrannen entwickelt habe?
lichen. Nicht ich habe die endgültige Wahl getroffen. Jetzt mußt du in die Bibliothek gehen, O’Hara; spä-
Das alles wurde nach dem dritten Weltkrieg von Men- ter werde ich dir zeigen, wie diese Integrokalkulato-
schen geschaffen, die damals in der Blütezeit ihrer ren für dich denken — und noch später wirst du New
Kraft standen, während ich noch ein Kind war. Ich York sehen, die in allen Einzelheiten wiedererstande-
habe das Erbe der Führung dieser beiden Kontinen- ne Weltstadt, die in den Jahren des dritten Weltkrie-
te angetreten, als sie sich genau in dem Zustand be- ges völlig dem Erdboden gleichgemacht wurde. Und
fanden, wie du sie kennengelernt hast. Ich habe nichts dann glaube ich, wirst du aus diesen weiten Aspekten
gebaut und nichts vollbracht, abgesehen von der Tat- heraus wohl anders über meine Tyrannei denken. Viel-
sache, daß ich mich am Leben erhalten habe, während leicht wirst du dann erkennen, daß aus dem Schlechten
all meine anderen Zeitgenossen dahingerafft wurden. mitunter auch ein wenig Gutes kommen kann.
Dreihundert Jahre lang! Das würde die Ärzte deiner Ich will gern zugeben, daß der Atomvorhang ein
Welt gewiß mit Erstaunen erfüllen, und sicher würde Übel ist. Gewiß, er hat uns die Sicherheit gebracht, die
Der Atomvorhang 38

wir gesucht haben, Sicherheit vor der Aggression und Sind das die Gedanken eines machtsüchtigen Tyran-
vor der Not, aber was dann hier geschehen ist, war viel nen?“
schlimmer als jeder Krieg. Zugegeben, der Vorhang ist „Tyrannei ist nur ein Wort und ein Begriff“, versetz-
ein Übel. Aber was gewährleistet wohl den Frieden für te O’Hara. „Aber Emporia war eine Tatsache, Vater.“
Europa, Asien und Afrika? Was vereinigt diese Erdtei- Die zerbrechliche Hand des Vaters sank kraftlos auf
le, O’Hara? Es ist die Furcht vor dem, was hier hinter die Brust. Seine Augenlider zuckten und die Atemzü-
dem Vorhang existiert. Und wenn sie morgen zu der ge seiner Brust blieben aus. Die blassen Lippen öffne-
Ansicht kämen, daß sie diesen Vorhang durchdringen ten sich, und die andere Hand drohte, von der Tastatur
könnten; was, glaubst du wohl, würde aus der Sicher- zu rutschen.
heit und dem Frieden werden? Und wenn diese He-
misphäre dann hilflos wäre, was würde wohl aus uns O’Hara sprang auf ihn zu und versuchte, diese Hand
werden? zu halten, blitzartig dachte er daran, daß Nedra und das
Kind sterben mußten, sobald der Druck dieser Hand
Wenigstens von diesem Standpunkt betrachtet, ist auf die Tasten nachließ.
der Atomvorhang kein Übel; denn für alle Menschen,
die er in dieser Hemisphäre vernichtet hat, hat er die Aber unvermittelt strafften sich die Glieder des Va-
gleiche Anzahl von Menschen auf eurer Seite gerettet. ters, und seine Lippen begannen sich wieder zu bewe-
gen.
Und wenn du einen Blick auf die Tasten dieser In-
tegrokalkulatoren wirfst, dann wirst du sogleich fest- „Noch nicht! Noch nicht! Ich bin nicht tot!“
stellen, daß wir in Wirklichkeit gar nicht hilflos sind. O’Hara wich zurück. Der Schrecken von Emporia
Noch immer kann ich die Fortdauer des Friedens er- verblaßte vor diesem neuen Schrecken. Das Leben von
zwingen. Wenn ich diese kleine Taste drücke, dann ja- unzähligen Millionen hing in diesen Sekunden vom
gen im gleichen Augenblick Geschosse, in eure Welt, Leben des Vaters ab.
die an Wirksamkeit alles übertreffen, was je zuvor „Ich bin nicht gestorben!“ Das war ein Jubelschrei
existiert hat. Wenn du in deine Welt zurückkehrst, des Triumphes aus der alten Kehle. „Ich bin nicht ge-
O’Hara, und ihnen sagst, daß der Atomvorhang tat- storben! Aber kannst du dir wohl vorstellen, wie na-
sächlich zu durchdrängen ist, dann mußt du ihnen vor he ich daran gewesen bin, fast meinte ich, ins Jenseits
Augen führen, daß er von beiden und nach beiden Sei- blicken zu können. Und jetzt bin ich bereit!“ Er öffnete
ten zu durchdringen ist, und daß diese Hemisphäre die Augen. „Dieses Problem muß unverzüglich gelöst
nicht zu erobern ist — der hier seit Jahrhunderten herr- werden. Wahrend ich mich damit beschäftige, kannst
schende Friede ist nicht zu brechen. Und der Blick auf du dich in die Bibliothek begeben. Dort wirst du mehr
die Tasten meiner Schalttafel zeigt dir weiterhin, daß finden als nur Bücher, um dich zu unterhalten.“
die örtliche Begrenzung nach Längen- und Breitengra- O’Hara wandte sich zögernd ab. Er fürchtete noch
den lediglich von diesen Tasten, reguliert wird. Und immer, daß sich die Hand des Vaters in einem neuerli-
wenn ich diese Taste drücke, diese hier, dann brei- chen Schwächeanfall von den Tasten heben könnte.
tet sich der Vorhang sofort nach allen Seiten aus und Aber der Vater flüsterte:
überströmt euer Land, um es restlos zu vernichten.
Erinnere dich daran, O’Hara, wenn du dich mit dei- „Geh schnell, O’Hara!“
nen Kameraden der International Patrol darüber unter- „Aber, Vater, wenn du nun stirbst, während ich nicht
hältst. Mit dem kleinsten Druck meines Fingers könn- da bin?“
te ich ihre Flugzeuge aus der Luft fegen! „Dann wirst du dich im gleichen Augenblick bei
Du siehst weiterhin, O’Hara, daß die Zählaggre- deiner Frau und Bei deinem Sohn befinden und kannst
gate von Washington noch immer einwandfrei arbei- mit ihnen den Rückweg zu den Bergen einschlagen.
ten. Sollten die Wissenschaftler deiner Hemisphäre ir- Ich habe meinen Integrokalkulatoren die erforderli-
gendwo einen Atomreaktor aufstellen, so würde ich chen Impulse gegeben. Wenn du zu mir hältst, kann
das sofort am Ausschlag des Zählgerätes erkennen. dir also gar nichts passieren. Ich werde nicht sterben.
Und darin würde ich sogleich meine Waffen einsetzen Und jetzt geh!“
und den Vorhang nach allen Seiten ausbreiten. In we- O’Hara verließ die Empore und gelangte durch eine
nigen Minuten könnte ich das Leben auf euren Kon- Tür in eine große Halle, die mit hohen Regalen an-
tinenten auslöschen, so, wie ich mir mit dieser alters- gefüllt war. An der hinteren Wand prangte eine große
schwachen Hand einen Schweißtropfen von der Stirn Metallscheibe, wie er sie in Emporia und überall in
wische. den Gängen der unterirdischen Städte bemerkt hatte.
Das ist die tatsächliche Macht dieser Tasten und In- Diese Scheibe flammte bei seinem Eintritt auf, und
tegrokalkulatoren. Anstruther hält mich für den Ty- sein Blick fiel auf Nedra, die das Kind in den Armen
rannen einer geschändeten Rasse, einer von mir ge- hielt.
schändeten Rasse. Wenn ich es wollte, dann könnte ich Bei seinem heiseren Aufschrei schaute Nedra sich
mich in jedem beliebigen Augenblick zum Herrn der um, als erwartete sie, ihn in ihrem Raum zu erblicken,
Welt einsetzen. Aber mir liegt nichts daran, O’Hara. dann hob sie den Blick und sah ihn in dem Metallspie-
Die mir aufgebürdete Last reicht mir vollkommen aus. gel.
39 TERRA EXTRA

„Nedra!“ rief er. „Kannst du meine Stimme hören?“ „Nedra, verlaß mich nicht!“
„O ja“, erwiderte sie ruhig, „und ich sehe dich in „Aber ich verlasse dich ja nicht. Solange es der Va-
diesem Spiegel. Es ist, als würdest du hier neben mir ter will, werde ich hier sein und dich immer sehen und
stehen.“ mit dir sprechen können, ganz so, als wärest du hier
„Weißt du, wo du bist?“ bei mir.“
„Aber sicher hast du diesen Raum doch erkannt, „Aber das ist ja schlimmer als eine Todesqual!“
O’Hara.“ Der Metallschirm war jetzt dunkel. Noch einmal
Es war der gleiche Raum, in dem sie die langen Mo- kam Nedras schläfrige Stimme.
nate der Einsamkeit verbracht hatten. „Bist du ganz sicher? Weißt du denn, ob der Tod
„Ja, ich erkenne den Raum“, versetzte O’Hara bit- sich nicht auch auf diese Art nähern wird?“
ter. Es gab nichts, das er mit Sicherheit sagen konnte,
O’Hara fuhr sich mit der Hand über die Stirn. alles war hier unwirklich.
„Wie lange bin ich schon fort von dir?“ Tage vergingen, mitunter flammte der Metallspie-
gel auf, um ihm das Bild von Nedra mit dem Kind zu
„Ich weiß es nicht, O’Hara, vielleicht zwei Tage
zeigen. Manchmal tönte nur die Stimme in der Dun-
oder auch zwei Monate. Man weiß es nicht in diesen
kelheit auf.
Städten der Verunstalteten. Es gibt weder die Sonne
noch den Mond, und die Zeit wird nur an dem gemes- „Nedra, Nedra!!“
sen, was man vollbringt; hier wird nichts vollbracht, „Ja, O’Hara?“
hier existiert man nur.“ „Wo bist du in dieser Dunkelheit? Laß mich deine
Das Kind richtete sich am Boden auf und gähnte. Stimme hören. Sprich zu mir, Nedra!“
„Er muß jetzt schlafen“, sagte Nedra. Sie hob ihn „Ich bin hier.“
auf. „Wir dürfen ihn nicht länger stören.“ „Ja, du bist dort, wo immer das sein mag, und ich
„Nedra, das ist doch gar nicht möglich. Wir spre- bin hier, in dieser riesenhaften Bibliothek, in der die
chen, als wären wir beisammen in dem kleinen, hüb- Bücher aus vielen Jahrhunderten aufgestapelt sind. Du
schen Zimmer, und doch ist es erst kurze Zeit her, daß kannst es nicht sehen, aber jetzt strecke ich meine
ich durch diese durchsichtige Wand mitansehen muß- Hände aus und berühre doch nur das kalte Metall des
te, wie du um ein Haar mit dem Kind ertrunken wä- Spiegels. Nedra!“
rest.“ „Ja, O’Hara.“
„Was bereitet dir Sorgen, O’Hara?“ „Macht es dir denn gar nichts aus, daß wir so von-
einander getrennt sind?“
„Die Zeit und die Unsicherheit von allem, was in
dieser Zeit geschieht. Und du machst mir Sorgen. Ne- „Aber du hast mich doch von dir fortgeschickt,
dra! Es paßt doch so gar nicht zu deiner Art, daß du O’Hara.“
dich mit meinem Bild im Spiegel zufriedengibst.“ „Und das wirst du mir niemals vergeben.“
„Ah, siehst du, O’Hara!“ Sie lächelte. „Das ist der „O doch, ich vergebe es dir, O’Hara. Aber das Mit-
Prozeß des langsamen Sterbens, vor dem ich dich ge- leid, das du von mir zu erwarten scheinst, das kann
warnt habe, so geht es in den Städten der Verunstalte- ich nicht aufbringen. Ich habe es nicht vergessen, daß
ten. Dein Verstand ist von Wolken umnebelt, und bald du mich fortgeschickt hast, um dich mit dem Vater
wirst du gar nicht mehr wissen, was du tust, und es über irgendwelche philosophischen Probleme zu un-
wird auch für dich keine Rolle mehr spielen. Das ist terhalten. Und du würdest es immer wieder tun; denn
schlimmer als der Tod, den wir uns in den Bergen hät- das liegt nun mal in der Natur des Mannes. Nur in ei-
ten geben können. Erinnerst du dich daran? Weißt du ner Nacht wie dieser springt die Sehnsucht nach mir
noch, wie du mir gesagt hast, wir könnten jederzeit auf, und dann bedeutet dir unsere Trennung eine Qual.
sterben?“ Warum liest du die Bücher nicht?“
„Ja, Nedra, ich erinnere mich.“ Hilflos hämmerte er mit den Fäusten gegen den Me-
„Jetzt können wir es nicht mehr tun.“ tallschirm.
Aber es gab auch Nächte, in denen O’Hara wirk-
„Ich könnte in diesem Augenblick sterben, ich brau-
lich las. Der Staub der Jahrhunderte hatte sich auf die-
che nur von einem dieser hohen Regale zu springen.“
se Werke gelegt. Im letzten Regal entdeckte O’Hara
„Aber ich kann nicht sterben, und du würdest mich ein dickes Tagebuch. Die letzte Eintragung stammte
niemals allein lassen.“ aus dem Jahr 2124 und trug die Unterschrift: Stephen
O’Hara senkte den Kopf. Bryce.
„Das Kind ist müde, O’Hara, und ich möchte auch „Es ist ein tragischer Fehler gewesen“, stand dort
schlafen.“ in festen, geraden Schriftzügen. „Wir haben uns auf
Sie legte sich auf die breite Couch, schlang die Ar- das Spiel eingelassen, und wir haben verloren. Maria
me um das Baby und lächelte schläfrig in den Schirm, ist in der vergangenen Woche gestorben, und als ich
der langsam verlosch. Wilson heute früh aufwecken wollte, da fand ich ihn:
Der Atomvorhang 40

seine Hände umklammerten im letzten Griff das Kru- Abermals drang ein eiskalter Hauch auf O’Hara ein,
zifix, als wollte er um Vergebung unserer Sünden bit- und wieder versank er in einer grenzenlosen Dunkel-
ten. Nun bin ich der letzte von uns, es sei denn, daß heit.
sich in den weniger radioaktiven Gebieten der Berge Als er wieder zu sich kam, kniete er am Boden der
noch einige von uns am Leben erhalten haben. Ja, auch Bibliothek, als wäre er in ein tiefes Gebet versunken.
Wilson hat es vorgezogen, zu sterben. Und ich möchte Langsam hob er die Augen.
ebenfalls sterben. Aber was soll aus diesen Kreaturen „Es ist nicht geschehen.“
werden, die sich durch unsere Maßnahmen auf die- „Was ist nicht geschehen?“ fragte Nedra, die in
sen beiden Kontinenten entwickelt haben? Habe ich dem aufleuchtenden Metallspiegel zu sehen war. „Und
nicht die Verpflichtung, das zu erhalten, was aus un- wo bist du die ganzen Wochen hindurch gewesen,
serer Rasse geworden ist? Steht es mir frei, zwischen O’Hara? Wo warst du in den langen Nächten, als ich
Leben und Tod zu wählen? Ich glaube nicht. Ich muß vergebens nach dir gerufen habe?“ Ein unverkennba-
mein Leben fortsetzen; denn für jedes Problem gibt es rer Vorwurf lag jetzt in ihrer Stimme. „Langsam tau-
eine Lösung. Und ich werde diese Lösung finden!“ chen die Zweifel in mir auf, O’Hara, du hast mir doch
Es folgte eine Reihe von mathematischen Formeln gesagt, daß du von der anderen Seite des Vorhangs ge-
und Berechnungen, dann kamen weitere Eintragun- kommen wärest. Und dennoch scheinst du dich hier
gen: unter den Verunstalteten recht heimisch zu fühlen.
„Wir haben zuviel verlangt, und wir haben zuviel Und, abgesehen vom Altersunterschied, beginnst du
erhalten. Wenn ich jetzt vielleicht den Atomvorhang dem Vater mehr und mehr zu ähneln. Bist du nicht in
auflösen würde — aber ich wage es nicht! Ich kann Wirklichkeit aus Washington gekommen, als du mit
Europa, Asien und Afrika nicht mehr trauen. Ich muß deinem fliegenden Ding in den Bergen eintrafst?“
meine Aufgabe allein durchführen.“ Und dann, als wä- „Hast du dich wirklich nach mir gesehnt, Nedra?“
re es ein nachträglicher Gedanke: „Einen Ausweg be- „Aber natürlich.“
deutet der erste Band im Regal an der linken Wand.“ „Natürlich.“ Seufzend wandte er sich den Bücher-
O’Hara fand diesen Band. Er ergriff ihn und stellte regalen zu.
fest, daß sich zwischen den Einbänden lediglich eine Aber seine Zeit in der Bibliothek war abgelaufen,
Metallplatte befand. und er hatte eine Fahrt mit der unterirdischen Bahn
Da erklang die Stimme des Vaters in der Bibliothek. nach New York durchzuführen. Hier bot sich ihm das
gleiche Bild der drängenden und ziellos schiebenden
„Jetzt hast du es, O’Hara. Steck den Band in die Ta-
Massen wie in Emporia, und der Sohn in seiner Be-
sche, denn noch brauchst du ihn nicht. Erinnere dich
gleitung meinte, daß auch hier die Vernichtungswelle
an mein Versprechen: Sobald mir etwas zustößt wirst
bald einsetzen würde.
du dich im gleichen Augenblick bei Nedra und dei-
nem Kind befinden. Jetzt werde ich dich zu den Inte- „Nur der Vater weiß, zu welcher Stunde“, sagte der
grokalkulatoren schicken. Du mußt wieder den Atem Sohn. „Er behält die Massen im Auge, und wenn die
anhalten und den Mund öffnen, es wird alles unheim- Bevölkerungszahl zu hoch wird, dann schickt er die
lich schnell gehen.“ Ein eiskalter Luftzug fegte durch erbarmungsvolle Welle.“
die Bibliothek, und O’Hara wurde von undurchdring- Mit der Bahn fuhren O’Hara und sein Begleiter un-
licher Dunkelheit umfangen. ter dem Fluß hindurch zu einem Schacht, der an die
Oberfläche führte. Zum erstenmal seit seinem Eintref-
Als er die Augen wieder aufschlug, stand er in ei-
fen in Emporia gelangte O’Hara wieder an die Ober-
nem nach allen Seiten abgeschlossenen Glasgehäuse
fläche. in gierigen Zügen sog er die Luft ein und ließ
vor einer langen Apparatur. Das Glasgehäuse selbst
die Augen über die Landschaft schweifen. Über ihm
schien in einer uferlosen, nebelhaften Flüssigkeit zu
wölbte sich der hohe Himmel als ein Symbol der Frei-
schwimmen.
heit für die Menschen.
„Du mußt dir alles recht schnell anschauen, „Flößt dir dieser Anblick Schrecken ein?“ fragte der
O’Hara“, erklang die flüsternde Stimme des Vaters. Sohn.
„Denn die von dir ausstrahlende Körperwärme beginnt
„Er weckt mich auf.“
bereits, die Apparatur zu beeinflussen. Du bist der er-
„Hast du denn geschlafen?“
ste Mensch, der je hier eingedrungen ist, und du mußt
auch der letzte bleiben. Du bestehst jetzt nur noch aus „Geträumt.“
deinen Bestandteilen an Mesonen und Neutronen, und „Ich verstehe Träume“, versetzte der Sohn mitfüh-
was du für Fleisch und Blut deines Körpers hältst, lend.
wird in Wirklichkeit nur durch die Wellenlänge dei- „Träumst du auch?“ fragte O’Hara.
nes Verstandes zusammengehalten. Du bist nur noch „O ja, alle von uns träumen zuweilen, sogar die
das, was du denkst, und du mußt denken! Nimm alles Massen. Wir träumen von alten Städten, die noch über
in dir auf; denn das ist der Schlüssel, O’Hara! Mein der Erde erbaut waren, von der Nahrungsknappheit
Schaltbrett hier ist nur das Werkzeug und der Mittler. und von den Kämpfen, die wir gegeneinander ausfüh-
Und jetzt mußt du zurückkehren.“ ren mußten. Aber das alles ist in Wirklichkeit schon
41 TERRA EXTRA

vor langer Zeit geschehen, als aus der Stadt diese Rui- einen verstohlenen Blick auf den großen Metallspie-
nen wurden, die du hier vor uns siehst. An dieser Stel- gel.
le“, fügte der Sohn hinzu, „hat ein Turm gestanden, „Wirst du den Vater sehen“, fragte er flüsternd.
davon sind nur noch ein paar Stein- und Metallsplitter „Ja, ich werde den Vater sehen“, erwiderte O’Hara.
zu erkennen. Unsere Vorfahren haben in solchen Tür- „Wenn es sein Wunsch ist.“
men gelebt.“ „Ich habe immer nur seine Stimme aus dem Spiegel
„Ich weiß“, versetzte O’Hara. „Ich habe die Bilder kommen hören. Ich habe ihn noch nie gesehen. Ein
davon in der Bibliothek von Washington gesehen.“ gleißendes, unerträgliches Licht blitzt im Spiegel auf,
„Nach der Vernichtungswelle des Krieges ist es ei- und das ist alles.“
nigen unserer Vorfahren gelungen, nach Westen zu „Du möchtest wissen, wie er aussieht?“
fliehen, während der Großteil der Bevölkerung mit Der Sohn richtete seinen häßlichen Körper zur vol-
dem Aufbau unserer unterirdischen Städte begann. Je- len Höhe auf, in diesem Augenblick schimmerte ein
ne vom Westen sind groß und stark wie du, mit kurzen Anflug von Menschlichkeit in ihm.
Armen und geraden Rücken. Aber du darfst daran kei- „Ich möchte wissen, wie er aussieht“, flüsterte er.
nen Anstoß nehmen; da du aus Washington gekom- „Er sieht so aus wie du.“
men bist, haben wir gar nichts gegen dich. Ich habe Die Gesichtszüge des Sohnes spannten sich, und
sagen hören“, fügte er flüsternd hinzu, „daß auch der seine Nasenflügel bebten.
Vater nicht so ist wie wir.
„Er ist nicht so groß und so stark wie du, und auch
In dieser alten Stadt haben vor Ausbruch des dritten nicht so zufrieden“, fuhr O’Hara fort, „aber er ist
Weltkrieges etwa zehn Millionen Menschen gewohnt. weitaus gerissener und ohne jegliche Spur von Mitleid
Und jetzt wollen wir zu dem Monument gehen, das ist oder Erbarmen.“
die genaue Wiederherstellung der Stadt in allen Ein- „Halt! Er hört zu!“
zelheiten.“
„Und er möchte den Mann vernichten, der dir hel-
Vier Tage lang wanderte O’Hara durch das leere fen könnte, die ruhmreiche Vergangenheit wiederer-
Monument. stehen zu lassen, der dich zu einem Menschen macht
Am fünften Tag stand er vor dem riesigen Metall- und nicht zu einem seelen- und willenlosen Tier. Nur
spiegel in der Halle der Gilde und lauschte auf die ein Mann kann dir helfen: Anstruther.“ „Halt! Sprich
Stimme des Vaters. nicht weiter!“ „Du hast also schon von ihm gehört?
„Hast du es gesehen, O’Hara?“ Das Wort dringt immer weiter. Und wenn es erst mal
„Ich bin dort gewesen, Vater.“ auf allen Lippen jener ist...“
„Lügner, Verräter!” Die Stimme des Vaters klang
„Möchtest du noch etwas sehen?“
auf: „Genug, O’Hara, du brauchst ihm nicht weiter zu
„Nichts mehr.“ predigen. Unser Problem ist gelöst. Fahr sogleich ab!“
„Was hältst du davon?“ Die Tür fiel ins Schloß, und wieder wurde O’Hara
„Unwillkürlich hat sich mir ein Gedanke aufge- von der Gewalt der einsetzenden Bewegung auf die
drängt, daß eine solche Stadt niemals hinter deinem Schaumgummikissen geschleudert. Aber schon wie-
Atomvorhang erstehen könnte. Sie enthält zuviel von der wurde die Tür geöffnet.
der Größe und Vergänglichkeit der menschlichen See- „Der Vater wartet“, verkündete ein Sohn. Kaum hat-
le, alles in allem genommen, drückt sie weitaus mehr te O’Hara die Bahn verlassen, als wiederum die Stim-
aus als all die glitzernden Gänge und Straßen deines me des Vaters ertönte: „Ich werde dich sogleich zu
unterirdischen Reiches in seiner geometrischen Anla- Anstruther führen. Wenn du ihn aufweckst, brauchst
ge.“ du ihm nur zu sagen, daß du dich jetzt wieder an den
In der Stimme des Vaters klang eine tiefe Melan- Weg erinnerst, der zu mir führt. Er und seine Söhne
cholie mit. werden dir bereitwillig folgen. Aber diesmal werde
„Du hast recht, O’Hara, vollkommen recht. Den- ich dich nicht durch den Klang meiner Stimme lei-
noch konnte nur mein Vorhang diese Stadt retten. Ge- ten. Geh durch die geöffnete Tür, steige die Stufen der
rade das ist ja jenes Paradoxon, mit dem ich die ganzen Treppe hinauf, öffne eine weitere Tür, und du wirst vor
Jahre hindurch nicht fertig zu werden vermochte. Aber meiner Empore stehen.“
jetzt mußt du zu mir zurückkehren; ich habe mein Di- „So nahe ist Anstruther dir gewesen?“ fragte
lemma gelöst, und möglicherweise kann ich auch das O’Hara verblüfft.
deine lösen.“ „Anstruther war stets in meiner unmittelbaren Nä-
he, aber Menschen, die sich von ihren Gefühlen leiten
5. lassen, werden niemals ihr Ziel erreichen. Er fühlt, und
ich denke. Das ist der Unterschied zwischen uns.“
O’Hara bestieg die unterirdische Bahn an der End- „Ah, Vater, es muß doch mehr dahinterstecken.“
station von New York. Der Sohn, der ihn bisher be- „Das glaubst du, O’Hara. Gefühle sind ansteckend,
gleitet hatte, legte die Hand auf den Türgriff und warf und du hast ein wenig von dem Fieber eingefangen,
Der Atomvorhang 42

aber nur wenigen Menschen ist es vergönnt, das Feuer daß der Vater von eurer Annäherung weiß. Er hat mich
des Denkens einzufangen. Dir wird es gelingen! Zu- gebeten, euch zu führen.“
nächst jedoch muß ich dir diese Illusion rauben, denn „Ja, führe uns weiter!“
bis dahin bist du wertlos für mich. „Das werde ich nicht tun, Anstruther. Trotz seines
Wenn du Anstruther herbringst, dann werden wir Versprechens und seiner logischen Argumente werde
sehen, wie selbstlos ein Tyrann sein kann, dessen ich euch nicht in eine Lage bringen, die ganz nach ei-
Grundlage der Gedanke ist, und wie sinnlos und un- ner Falle aussieht.“
konstruktiv das reine Gefühl bleibt.“ „Welchen Weg müssen wir einschlagen?“ fragte
„Ich werde Anstruther nicht an dich verraten.“ Anstruther ungeduldig.
„Hast du deine Frau und dein Kind vergessen?“ „Aber was hofft ihr denn zu vollbringen?“
„Ich werde ihn nicht verraten. Tu, was immer du „Alles, was ein Mensch nur vollbringen kann: das
willst, aber tue es schnell, Vater, und hab wenigstens Übel zu treffen und zu bekämpfen.“
bei dieser letzten Grausamkeit ein wenig Erbarmen.“ „Ganz gleich, ob der Vater nun ein Übel darstellt
„Meine Hand liegt auf dem Schalter, O’Hara. Soll oder nicht, ihr könnt ihn nicht bekämpfen. Eure einzi-
ich?“ ge Chance auf Erfolg liegt darin, zu warten, bis sich
„Schnell!“ die Söhne und die Massen an allen Orten gemeinsam
„Ich beuge mich vor deinem Entschluß“, versetzte gegen ihn erheben.“
der Vater ruhig. „Ich verspreche dir, daß ich Anstrut- „Aber wenn ich ihn nicht treffe, werden sie sich nie-
her nicht vernichten werde, er kann sich sein Schicksal mals erheben.“
selbst erwählen. Genügt dir das?“ „Du willst dich also opfern?“
„Du versprichst es?“ Unwillkürlich hatten sie einen Flüsterton ange-
„Du kannst mich zum Einhalten dieses Verspre- schlagen, und jetzt wurde die tiefe Stille nur von den
chens zwingen; denn ich kann durch dich nur das tun, tiefen Atemzügen der Söhne unterbrochen.
war du selbst willst.“ Die Stimme des Vaters verebbte „Ja, ich werde mich opfern.“
zu einem fast unhörbaren Flüstern, „Öffne die Augen; O’Hara wußte jetzt, daß er Anstruther nicht zurück-
du befindest dich jetzt am Ende dieser endlos langen halten konnte. Aber noch immer weigerte er sich, An-
Gänge des unterirdischen Washington. Anstruther und struther zum Vater zu führen. Anstruther schob ihn un-
die Söhne schlafen noch. Wecke sie auf und tue, was willig beiseite, drückte die Metalltür auf und stürmte
ich dir aufgetragen habe.“ über die Schwelle. Aus der tiefen Dunkelheit gelang-
O’Hara öffnete die Augen und richtete den Blick te er in das strahlende Licht einer gleißenden Sonne.
auf die schlafenden Gestalten. Unwillkürlich berühr- Erst als alle Söhne die Schwelle überschritten hatten,
te seine Hand das Buch mit der Metallplatte in seiner folgte O’Hara.
Brusttasche — sein letzter Ausweg! Aber er brauchte In aufregender und trotziger Haltung stand Anstrut-
ihn noch nicht. Langsam schob er das Buch wieder ein her auf den Stufen der Empore, rings um ihn waren die
und beugte sich über den schlafenden Anstruther. War Söhne in die Knie gesunken. Vor dem Himmelbett, in
es Verrat, wenn er ihn jetzt aufweckte und zum Vater dem Stephen Bryce ruhte, stand Nedra mit dem Kind
führte? Aber dann erinnerte er sich an das Versprechen in den Armen. : Unter allen in der gigantischen Halle
des Vaters. Versammelten schien Nedra die einzige zu sein, von
„Anstruther!“ flüsterte er. der eine tiefe Ruhe ausströmte. Sie wußte, wie alle
Anstruther sprang auf, und seine Augen blitzten. Frauen, daß ihre Zeit erst kommen würde, wenn das
Blut vergossen war.
„Ja!“ rief er. „Die Stunde ist gekommen!“
O’Hara überflog die Situation mit einem kurzen
Die Söhne richteten sich auf, ihre Hände umklam- Blick und rechnete sich seine Chancen aus. Mögli-
merten die schimmernden Strahlenrevolver. cherweise konnte er Nedra erreichen, ehe die Atom-
„Ich kann dich zum Vater führen“, sagte O’Hara. waffen ihr vernichtendes Feuer zu speien begannen,
„Ja, ich weiß.“ aber er würde dadurch nur erreichen, daß sie mitein-
„Aber du setzt dein Leben aufs Spiel. Der Vater ander in den Tod gingen.
kann dich vernichten.“ „Bleib dort stehen!“ rief der Vater O’Hara scharf zu.
„Ja.“ Ein Sohn ergriff ihn beim Ellbogen.
„Die Wahl liegt bei dir.“ O’Hara wirbelte herum und schlug zu.
„Ich habe keine Wahl, ich suche ihn.“ „Halt, O’Hara! Nedra wird nicht sterben, und du
„Dann folge mir!“ befahl O’Hara, während er auf auch nicht, wenn du es nicht selbst willst. Du hast
die Tür zutrat. Als sie den oberen Treppenabsatz er- doch einen Verstand, wende ihn jetzt an.“
reichten, wandte sich O’Hara wieder um. „Ihr habt „Warte, O’Hara!“ rief Nedra.
eure Atomwaffen und könnt euch damit den Rückweg „Ja!“ rief auch Anstruther, „warte! Dies ist meine
erkämpfen. Ich muß euch darauf aufmerksam machen, Stunde!“
43 TERRA EXTRA

Einer der Söhne preßte seinen Strahlenrevolver in Die Söhne waren jetzt ohne Führer wie eine willen-
O’Haras Rücken, und sein Blick huschte verängstigt lose Herde, und wie aufgeschreckte und verängstig-
von Anstruther zu der auf dem Bett ruhenden Gestalt, te Tier drangen sie plötzlich auf Anstruther ein und
Die Söhne waren von dem Wunder dieser gigantischen streckten ihre langen Arme nach ihm aus.
Halle beeindruckt. Die Stimme des Vaters, die auf der „Nein!“ schrie Anstruther, indem er ihnen zu ent-
Empore das Flüstern ersterbender Lippen war, hallte weichen versuchte. „Nein, nicht, ich habe es doch für
wie ein Donnerklang durch die Halle. euch getan!“
„Es ist wirklich Anstruthers Stunde“, sagte Stephen Aber er konnte ihnen keinen Einhalt mehr gebie-
Bryce, und die Söhne drangen auf die Empore ein. ten, sie rasten wie eine wilde Horde. Er schrie auf, als
Anstruther senkte die erhobene Hand. er von den langen, erbarmungslosen Armen ergriffen
„Endlich hast du mich hergeführt. Stephen Bryce“, wurde. Seine Faust hieb in die Tasten des Schaltbret-
sagte er, „in diese Halle, die das Symbol deiner Macht tes. Dann war es um ihn geschehen.
darstellt und von der sie ausgegangen ist. Für dieses „O’Hara! O’Hara!“
Zusammentreffen wurde ich durch den Atomvorhang Das war die Stimme des Vaters. Von fern drang ein
nach Patagonien geführt, damit ich dir den Schlüssel gewaltiges Getöse in diese gigantische Halle und über-
und die Kontrolle über die Integrokalkulatoren abneh- tönte das Gewimmer der Söhne. Die Hand des Vaters
men und diese Wesen wieder auf den Weg zurückbrin- hob sich, und dann fiel sie kraftlos auf die Kissen zu-
gen kann, der sie zu Menschen macht.“ rück.
„Hörst du das, O’Hara?“ fragte der Vater. „Nichts O’Hara sprang an das Bett.
von alledem entspringt Anstruthers eigenem Willen.
„Das war die Lösung des Problems: Tod für beide,
Das ist die klassische Haltung eines Messias. Ver-
O’Hara, der Tod, der nur ein wenig früher gekommen
meide diese Haltung und glaube nie an etwas, das
ist. Und jetzt legen wir beide, Anstruther und ich, das
nicht deinen eigenen Gedanken und deinem Willen
Schicksal dieser Kontinente in deine Hand. Hörst du ;
entspringt.“
mich und verstehst du mich?“
Jetzt klang Anstruthers Stimme wieder auf:
„Ja, Vater, ich höre.“
„Gib mir das Schaltbrett der Integrokalkulatoren.
Die Waffen der von dir entrechteten Söhne sind auf „Du mußt den Vorhang durchdringen und ihnen sa-
dich gerichtet.“ gen, daß unser Geschick sie vor ihren wahren Feinden
beschützen kann: Hunger und Seuchen. Davon mußt
„Siehst du, O’Hara, er will die Gewalttätigkeit nicht
du sie überzeugen, O’Hara, denn ich glaube, es ist so-
ausführen. Er hat die Söhne zur Revolte angestiftet,
wohl für sie als auch für uns die letzte Chance. Sag ih-
und auf dem Höhepunkt schreckt er vor dem zurück,
nen, daß sie in dieser Hemisphäre eine neue Rasse be-
was er angerichtet hat. Er schiebt alles den Söhnen in
gründen sollen, wir brauchen neues und frisches Blut.
die Schuhe oder einer Macht, die keiner von uns ver-
Und dann kehre recht bald zurück, denn es ist deine
steht. Und damit spricht er sich von aller Verantwor-
Aufgabe, mein Werk fortzusetzen und die Fehler zu
tung frei; denn er weiß natürlich, daß dies für uns alle
verhindern, die ich begangen habe. Du wirst diese He-
die letzte Stunde ist, wenn ich es so bestimme. Das ist
misphäre von allen radioaktiven Einflüssen befreien.“
der Weg des Gefühls, O’Hara, der Weg des. Schwäch-
lings.“ „Aber der Atomvorhang, Väter?“
„Antworte mir, Stephen Bryce!“ schrie Anstruther. „Du wirst ihn durchdringen. Das Schaltbrett —
„Antworte oder stirb. Gib mir den Schlüssel!“ schnell! Es ist ein Mittel der Konzentration, um den
Die Stimme des Vaters klang kalt in der plötzlichen Gedanken in die Tat umzusetzen. Denke, und die In-
Stille. tegrokalkulatoren werden deine Gedanken ausführen.
Aber denke rasch, nimm deine Frau und dein Kind in
„Nein, mein Sohn, es tut mir leid, aber der Schlüssel
die Arme und konzentriere dich.“
ist nicht für dich bestimmt. Ich kann dich auch nicht
länger vor dem Schicksal bewahren, das du dir selbst „Und du, Vater?“
erwählt hast.“ „In die Schächte von Yellowstone. Siehst du...?“
„Gib mir den Schlüssel!“ Anstruthers hysterische Das donnernde Geräusch übertönte die ersterbende
Stimme überschlug sich. „Oder ich werde mit meinen Stimme des Vaters, und seine Augen schlossen sich
eigenen Händen...“ zum letzten Mal. Während sich die Söhne endlich auf-
„Anstruther, halt!“ rief O’Hara. richteten und vor der Empore in tiefe Andacht versan-
Die knienden Söhne sprangen auf und drängten auf ken, öffneten sich an der Decke der gigantischen Hal-
die Empore zu. In diesem Augenblick der höchsten le die verborgenen Schächte, und die gelblich schim-
Verwirrung hob Anstruther die Faust und ließ sie auf mernde Flüssigkeit der Vernichtungswelle kam herab-
den Schädel des Vaters herabsausen. Anstruther fuhr geschossen.
zurück, als hätte er selbst diesen Schlag erlitten, und „Die Bahn!“ schrie O’Hara. „Die Bahn! Die Bahn!“
dann griff er mit zitternden Armen nach dem Schalt- Er wurde von tiefer Dunkelheit umfangen, und ein
brett. eiskalter Hauch drang auf ihn ein.
Der Atomvorhang 44

Nach einer endlos langen Zeit öffnete er die Augen, O’Hara schleuderte das Glas gegen die Wand. Dann
und sah, daß er sich in der Bahn befand. Nedra lag wandte er sich mir zu, und um seine Mundwinkel
am Boden, ihre Arme waren schützend um das Kind zuckte jenes Lächeln, das ich so gut an ihm kannte.
geschlungen. „Nun, Stephen Bryce ist abgetreten, er und seine
Im Augenblick des Todes hatte ihnen der Vater das Söhne, die sich zum Schluß gegen ihren eigenen An-
letzte Geheimnis preisgegeben: die Macht der Gedan- führer wandten, Anstruther. Aber ich will ihn nicht
ken, und nur dadurch hatten sie dem Schicksal ent- kritisieren, er war mehr als ein Mann: eine Macht und
fliehen können. Die Integrokalkulatoren waren in ei- ein Geist. Er hat ihnen ein Wort zurückgebracht, das
ner letzten Anstrengung des Vaters auf seine Gedan- sie längst vergessen hatten: Menschen. Ja, noch im
ken abgestimmt worden. Tode triumphiert Anstruther über all jene Meisterwer-
Als die Bahn hielt, kroch O’Hara auf Nedra zu. ke, die ihm das Leben zur Hölle gemacht haben. Und
ich...“
„Nedra!“ rief er.
Ein unterdrückter Schrei kam aus dem Nebenzim-
Ihre Lippen zuckten ein wenig, und er sah, daß sie
mer. O’Hara wirbelte herum, ein wildes Feuer loder-
von der gleichen Apathie ergriffen war wie bei ihrer
te in seinen Augen. Seine Hände ballten sich zu Fäu-
Ankunft in Washington.
sten, und dann öffnete er sie wieder, als bereitete ihm
„Nedra“, sagte er, „mag sein, daß ich mich zuvor das einen Schmerz. Er warf einen letzten Blick auf die
getäuscht habe, aber diesmal habe ich recht! Wir sind Verbindungstür, dann fuhr er fort:
auf dem Rückweg, Nedra, und jetzt mußt du mir hel- „Es bleibt nicht mehr viel zu berichten. Also, ich be-
fen! Hörst du mich, Nedra?“ fand mich allein mit Nedra und dem Kind im Innern
„Ich höre dich, O’Hara“, murmelte sie mit schmerz- der Bahn, und diesmal kam kein Sohn, um uns die Tür
verzerrten Lippen. zu öffnen. Sie War von außen versperrt, um uns im Va-
„Unsere Flucht ist gelungen“, rief er. „Trotz unserer kuum Schutz zu bieten. Da fiel mir der Revolver ein,
Befürchtungen haben wir Washington verlassen kön- den ich seit Monaten in meiner Tasche trug. Zweimal
nen. Und du selbst hast dich diesmal gegen den Tod feuerte ich auf das Schloß, dann sprang es auf.
gestellt.“ Wir verließen die Bahn und erreichten die lange
„Niemand entflieht, O’Hara.“ Halle. Aber es gab niemanden mehr, der durch Ver-
„Aber das ist die schlimmste aller Illusionen, denn schieben der Wände unseren Weg abkürzte. Noch im-
wir sind bereits geflohen. Wir haben Washington ver- mer waren wir Gefangene und hatten einen endlos
lassen, und wenn wir das zu tun vermochten, dann weiten Weg vor uns.
werden wir auch weiterkommen.“ Schließlich erreichten wir die Halle der Söhne. Sie
lagen auf den Knien vor dem Metallspiegel mit dem
„Wohin sollten wir denn gehen?“
gleißenden Licht. Als wir eintraten, erhoben sie sich,
„Zu deinem Stamm in den Bergen. Und danach...“ und dann erklang die Stimme:
„Das ist noch nie geschehen.“ „Jetzt werden sie zu euch kommen, der dunkelbär-
„So haben sie es dir immer gesagt“, versetzte er tige Mann mit der roothaarigen Frau und das Kind auf
grimmig. „Das ist ein wesentlicher Bestandteil der ihren Armen. Ihr müßt sie an die Oberfläche Emporias
Philosophie deines Volkes, Nedra, sie hatten immer geleiten und dem Sohn übergeben, der für das Bergge-
Angst, daß es eines Tages doch geschehen könnte. biet verantwortlich ist. Er soll sie in die Berge geleiten
Nichts ist dem Menschen unmöglich, wenn er nur den und dort verlassen. Das ist eure Aufgabe.
Wagemut besitzt, die Ausdauer, und vor allen Dingen, Die Söhne erhoben sich und gaben uns ein Zeichen,
wenn er zu denken versteht!“ ihnen zu folgen.“
„Es kann nicht geschehen, O’Hara.“ Sie marschierten durch die Straßen Emporias, die
„Es wird geschehen!“ meinte er. jetzt vollkommen leer waren.
„Hier ist der Schacht“, sagte der Sohn.
* O’Hara und Nedra mit dem Kind auf den Armen
kehrten an die Oberfläche zurück und wandten sich
In der kleinen Wohnung von Bloomsbury unter- den Bergen zu, deren Silhouetten sich am Horizont ab-
brach O’Hara sein ruheloses Wandern und ergriff das zeichneten. Der Sohn blieb stehen.
volle Glas, das seit einer Stunde unberührt auf dem „Lebe wohl!“ rief O’Hara ihm zu.
Tisch stand. Er riß seine Gedanken in die Gegenwart Der Sohn schwieg; er kniff die Augen zusammen,
zurück, jetzt war er wieder in jener Welt der Sorgen und dann schüttelte er den Kopf.
und Nöte, die er schon als Junge kennengelernt hat-
„Ihr werdet zurückkehren“, sagte er. „Der Vater hat
te. Langsam hob er das Glas und starrte in die helle
euch zu einem Zweck freigegeben, der nur ihm allein
Flüssigkeit.
bekannt ist. Und wenn ihr diesen erfüllt habt, dann
„Auf Stephen Bryce, den Vater!“ flüsterte er. wird uns der Vater ausschicken, um euch zurückzu-
„Auf Stephen Bryce!“ wiederholte ich. bringen.“
45 TERRA EXTRA

Während der nächsten fünf Tage marschierten sie fliegen!“ Der Gedanke erdrückte ihn fast. Er sprang
durch die Berge. Und sie wurden von der Schönheit auf und lief in seine Höhle.
aller Dinge ergriffen: der weiche Grasboden unter ih- „Nedra!“ Als sie auf ihn zukam, fügte er jubelnd
ren Füßen, die bunten Vögel, die bei ihrer Annähe- hinzu: „Ich werde wieder fliegen!“
rung in die Lüfte stiegen, die Insekten, die um sie her- Sie bückte sich und legte ein Scheit aufs Feuer.
umschwirrten, der kühle Wind, der ihnen ins Gesicht
„Wohin willst du fliegen?“ fragte sie endlich.
blies, das murmelnde Geräusch der Bäche, und die
„Spielt das eine Rolle, Nedra?“
Hitze der Sonne über ihnen, all das erweckte sie zu
neuem Leben! „Ja.“
„Ich habe Hunger“, verkündete Nedra. „Also gut, ich will so hoch aufsteigen, wie mich die
Motoren tragen, und dann werde ich meine Bahnen
„Dann werde ich etwas jagen.“
wie ein Kondor am Himmel ziehen, wie ein König der
„Das hast du längst vergessen.“ Lüfte...“
„Ein leerer Magen ist der beste Lehrmeister.“ „Ich werde dich begleiten.“
Es gelang ihm, einen Bergwolf zu schießen. Nedra Dieser Gedanke ernüchterte ihn. Er ergriff ihre Hän-
fertigte sich aus der Haut einen Umhang an, um sich de.
gegen die einsetzende Kälte zu schützen.
„Aber es besteht immer die Gefahr, daß das fliegen-
Als sie am sechsten Tag eine Bergmulde erreichten, de Ding abstürzen könnte. Und das Baby, Nedra, dein
trat plötzlich die hochaufgerichtete Figur Eiders in ih- Kind — unser Kind?“
ren Weg. Drohend richtete er den Colt auf O’Haras „Das Baby gehört dem Stamm. Aber ich, O’Hara,
Brust. ich gehöre dir!“
„Ist das etwa euer Willkommensgruß?“ rief Nedra. „Aber, Nedra, wenn ich nun nicht zu diesen Bergen
„Wo sind die anderen des Stammes?“ zurückkehre?“
Langsam kamen die anderen Mitglieder des Stam- „Ah!“ Sie lächelte. „Das wußte ich doch!“ Und da-
mes aus den Dickichten hervor. Schweigend wandte bei ergriff sie den zeremoniellen Knüppel und kam auf
sich Eider um und führte sie ins Lager. ihn zu.
Am folgenden Tag berichtete O’Hara Eider von sei- Bei Einbruch der Morgendämmerung machten sie
nen Erlebnissen in den Niederungen des Landes. sich auf den Weg und erreichten bald die Wiese, auf
„Es ist eine Zeit seltsamer Vorgänge“, sagte Eider der das Flugzeug und die Benzinkrüge standen. Un-
vorsichtig. „Ich habe ebenfalls merkwürdige Dinge ter O’Haras Anleitung räumten sie die Hindernisse aus
gesehen und gehört, seit du uns verlassen hast. Erin- der Startbahn, und endlich kletterte er in die Kabine,
nerst du dich noch an jenen Tag, als du im Tal ver- wo er bereits von Nedra erwartet wurde. Er schaltete
schwandest? Alle, die von uns den Verunstalteten ent- die Motoren ein und spürte das Zittern, das durch den
gingen, setzten den Weg zu dem See fort, in dem das Rumpf des Flugzeuges bebte. Die Motoren erstarben.
schwarze Wasser fließt. Wir ließen es durch die Kes- Wieder startete O’Hara, und diesmal heulten die Mo-
sel laufen, die du für uns aufgezeichnet hast. Und wir toren auf.
wollten das Ding auch in deiner Abwesenheit in die Eider warf sich der Länge nach in den Schnee, und
Luft steigen lassen. Wir nahmen das farblose Was- die anderen Mitglieder des Stammes liefen schnell aus
ser, füllten es in Krüge, stellten es vor das fliegende dem Weg. O’Hara winkte ihnen zu.
Ding und warteten. Und da hörten wir plötzlich eine
Das Flugzeug raste auf die Baumgruppe zu und
Stimme, die genauso sprach wie du bei deinem Ein-
schoß dann in die Luft. Die Zählskala stand auf 285
treffen. Wieder und wieder klang diese Stimme auf,
Milliröntgen.
wie die Stimme einer Wölfin die ihr verlorenes Jun-
ge sucht: ,O’Hara — O’Hara — melde dich! Hier O’Hara sah, daß Nedra zitterte. Er nahm die Jacke
spricht Tournant auf Wrangell. Kannst du dich mel- von den Schultern und reichte sie ihr. Dabei fiel der
den, O’Hara?’“ Metallband auf seine Knie, den er aus der Bibliothek
in Washington mitgenommen hatte. Er schloß die Au-
„Tournant?“
gen, dann öffnete er sie wieder und schlug den Band
„Ja, das sagte die Stimme immer wieder. Und den- auf. Das Magnesiumblatt enthielt nur die kurze Mit-
noch war niemand in dem fliegenden Ding, der diese teilung:
Worte zu dir sprechen konnte.“ „Am 20. Dezember, um 12.35.01 und in den näch-
„Natürlich, natürlich! Eine Stimme, die über das sten zehn Sekunden kannst du es vollbringen.“
Funkgerät aus dreitausend Meilen Entfernung kam, Nedra rief ihn an, aber er hörte es nicht. Sein Ver-
durch den Atomvorhang.“ stand arbeitete mit der Genauigkeit einer gut einge-
„Ist das nicht merkwürdig, O’Hara?“ spielten Maschine. Er stellte eine genaue Zeitmessung
O’Hara umklammerte seinen Arm. an.
„Die Stimme! Das Flugzeug! Und ihr habt den „O’Hara, O’Hara! Unsere Berge sind verschwun-
Treibstoff hingebracht? Dann, dann kann ich ja wieder den...“
Der Atomvorhang 46

Am 20. Dezember, um 12.35.01 und in den folgen- „Meinen Sohn, und den Sohn, der sich daran erin-
den zehn Sekunden! nerte, wie sich die Mutter gegen den Raub ihres Kin-
Sein Körper war wie in Schweiß gebadet, es gab des sträubte, den Sohn, der dafür sterben mußte, weil
keine Sicherheit! Aber gab es auf dieser Seite des er das für schön hielt, und all die anderen Millionen,
Atomvorhangs überhaupt eine Sicherheit? Der Tag, ja! die ziellos durch die unterirdischen Gänge und Straßen
Auch die Stunde und vielleicht die Minute, aber nie- wandern, zwar mit einem vollen Magen und ohne jeg-
mals die Sekunde! Ganz langsam und allmählich muß- liches Bedürfnis, aber doch mit dem Funken einer Lie-
te er sich an den Vorhang herantasten, um beim gering- be im Herzen. Stephen Bryce hat mir erklärt, daß die
sten Ausschlag des Zählers wiederumzukehren. Und Tyrannei im Grunde genommen nicht durch das Vor-
sein Treibstoff würde niemals ausreichen, um ihn vom handensein eines Tyrannen besteht, sondern durch den
Vorhang wieder zu Nedras Bergen zurückzubringen. Verlust des Geistes der Untergebenen. Natürlich wer-
Es war ein tolles Risiko. „O’Hara, sag mir doch...“ de ich zu ihnen zurückkehren. Könntest du dir denn
„Wir fliegen durch den Vorhang, Nedra.“ Sie nickte eine größere Aufgabe für mich vorstellen?“
nur. „Auch wir haben hier unsere Aufgaben“, gab ich
O’Hara erreichte eine Höhe von zwanzigtausend ihm zu bedenken. „Betrachte nur mal die riesigen Wü-
Metern, und während er mit einer Geschwindigkeit stengebiete von China und Afrika, den Hunger der
von über zweitausend Meilen auf den Vorhang zujag- Milliarden. Unter deinem Wissen und deiner Führung
te, stellte er wieder und wieder seine Zeitberechnun- könnte darunter endgültig der Schlußstrich gezogen
gen an. Genau um 12.35.01 mußte er sich in Ellipsen- werden.“
form seiner Flugbahn dem Vorhang nähern, um dann „Willst du mich davon überzeugen?“ fragte er lä-
im rechten Augenblick hindurchzustoßen. chelnd, und dann ergriff er meine Hand. „Hör ge-
In den zehn Sekunden, in denen der Atomvorhang nau zu, Arthur Blair: Heute noch kehre ich durch den
nicht bestand und in denen die Kraftfelder der Reak- Vorhang zurück. Frag mich nicht, wie ich das an-
toren umgeschaltet wurden, mußte er hindurch. Und stellen will, denk an die Schrift der Magnesiumplat-
diesmal würde er bei vollem Bewußtsein sein, ohne te und an die Worte des sterbenden Vaters. Ich gehe
die Wirkung eines elektromagnetischen Gewitters. zurück! Trotz allem, was die zwölf alten Männer in
Genf auch anstellen mögen. Morgen werde ich bereits
Das war sein Plan — und er gelang! In einer phanta- wieder in Washington sein. Dort wartet eine Menge
stischen Geschwindigkeit schoß er durch den in diesen Arbeit auf mich, und in den nächsten drei Monaten
Augenblicken nicht bestehenden Vorhang und erreich- wirst du nichts von mir hören. Aber nach Ablauf dieser
te die Hemisphäre, die von den zwölf alten Männern drei Monate wirst du den Klang meiner Stimme ver-
in Genf beherrscht wurde. nehmen, nicht auf einem Metallschirm, der ein glei-
„Dazu braucht man eine gehörige Portion Glück“, ßendes Licht ausstrahlt, sondern aus einem Funkgerät.
schloß O’Hara auflachend. „Das Glück eines Kolum- Dann werde ich sprechen — zu dir, und zu der ganzen
bus!“ östlichen Hemisphäre. Denn ihr braucht uns, und im
Noch immer lachend drückte er den Korken auf die gleichen Maß brauchen wir auch euch. Meine Stim-
Flasche. Wir hatten das letzte Glas in einer kleinen me wird durch den Atomvorhang kommen, und wenn
Wohnung von Bloomsbury geleert. meine Ansprache beendet ist, dann wird es diesen Vor-
„Aber es gehörte noch mehr als Glück dazu“, fuhr hang nicht mehr geben, denn ich werde ihn für alle
er fort. „Noch hatte ich die schwerste aller Künste zu Zeiten beseitigen.
lernen: Das Denken! Der Vater hatte mich gelehrt, wie Wir können unsere beiden Welten retten, Arthur,
ich es anzupacken hatte. Neunundneunzig Hundert- aber es wird keine einfache Aufgabe sein. Die zwölf
stel des besten Motors, den wir haben, liegen brach, alten Männer von Genf, die Wächter einer überliefer-
und das ist unser Verstand. Vielleicht habe ich es in ten Vergangenheit, werden gegen dich vorgehen. Da-
Washington gelernt, ein weiteres Hundertstel anzu- gegen mußt du gewappnet sein, und wenn es sein muß,
wenden. Wenigstens hatte ich gelernt, wie man das dann sollst du zurückschlagen. Setze die Völker in
Denken lernt, und wenn man diesen Weg einmal be- Kenntnis, informiere sie über alle Tatsachen, am mei-
schritten hat, dann gibt es keine unlösbaren Probleme sten jedoch über die Gefahren. Erwecke keine falschen
mehr.“ Hoffnungen, denn ohne Schweiß gibt es nun mal kei-
„Das könnten fast die Worte des Vaters sein“, sagte nen Preis. Ja, Arthur, deine Aufgabe liegt ganz klar vor
ich. dir, und nur du kannst sie durchführen!“
Er gab meine Hand frei und bückte sich. Als er sich
„Ganz richtig. Und wenn du dich an die Worte erin-
wieder aufrichtete, hielt er den zeremoniellen Knüppel
nerst, die noch auf diesem Magnesiumblatt standen...“
in der Hand.
„... kannst du es vollbringen!“ rief ich.
„Jetzt werde ich diese Tür öffnen“, sagte er, „ und
„Ja, und nun weißt du auch, weshalb ich heute hier für einen kurzen Augenblick wirst du die herrlichste
bin. Meinst du, ich könnte sie im Stich lassen?“ Frau dieser Welt sehen. Aber dann mußt du gehen, al-
„Wen, O’Hara?“ ter Freund, dann heißt es für dich: Hinaus!“
47 TERRA EXTRA

ENDE
Aus dem Amerikanischen übertragen von Heinz F. Kliem

Als TERRA-EXTRA Band 54 erscheint:

Die geheimnisvolle Formel


von Kurt Brand

Physiker Torre Brack begegnet der Weltgeschichte, als er mit seinem Wagen nach Washington
fährt. Er erhält die Chance, dem Schicksal in den Arm zu fallen - doch er nutzt diese Chance nicht,
weil er sie nicht erkennt!
Und so werden Menschen zu Robotern . . .
Ein utopisch-phantastischer Roman aus der Feder des bekannten TERRA- und PERRY-RHODAN-
Autors.
In wenigen Tagen überall im Zeitschriftenhandel für 70 Pfg. erhältlich.